Page 1

www.kulturwest.de

SPECIAL

1914 – DAS GEDENKJAHR

AUSFLUGSZIEL AKADEMIE-RUNDGANG: VIER JUNGE KÜNSTLER IM PORTRÄT GURLITT UND DIE FOLGEN: RAUBKUNST UND RESTITUTION IN NRW SCHAUSPIEL DÜSSELDORF IN DER DAUERKRISE

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.02 FEBRUAR 2014 4.50 ¤


401 CONTEMPORARY | 1301PE | A ARTE INVERNIZZI | AKINCI | HELGA DE ALVEAR | ANCIENT & MODERN | MIKAEL ANDERSEN | ANDERSEN‘S | ARCADE | CATHERINE BASTIDE | BAUDACH | BECK & EGGELING | JÜRGEN BECKER | KLAUS BENDEN | BISCHOFF PROJECTS | BO BJERGGAARD | BLANKET/NATALIA HUG | BOISSERÉE | BERNARD BOUCHE | THOMAS BRAMBILLA | JEAN BROLLY | BEN BROWN FINE ARTS | ELLEN DE BRUIJNE PROJECTS | DANIEL BUCHHOLZ | BUCHMANN | BUGDAHN UND KAIMER | CALLICOON FINE ARTS | LUIS CAMPANA | SHANE CAMPBELL | CANADA | GISELA CAPITAIN | CAPITAIN PETZEL | CARDI | CHOI&LAGER | CLAGES | HEZI COHEN | CONRADS | CONTEMPORARY FINE ARTS | CORBETT VS DEMPSEY | COSAR HMT | ALAN CRISTEA | DEWEER | DIERKING GALERIE AM PARADEPLATZ | DIRIMART | MARC DOMENECH | DREI | EIGEN + ART | ESPAIVISOR | FAHNEMANN | FIEBACH,MINNINGER | FIGGE VON ROSEN | KONRAD FISCHER | FISCHER KUNSTHANDEL & EDITION | FORSBLOM | KLAUS GERRIT FRIESE | GALLERY ON THE MOVE | GANDY | LAURENT GODIN | BÄRBEL GRÄSSLIN | KARSTEN GREVE | GRIEDER | BARBARA GROSS | HAAS | HÄUSLER CONTEMPORARY | HAMMELEHLE UND AHRENS | JACK HANLEY | REINHARD HAUFF | HAUSER & WIRTH | JOCHEN HEMPEL | MARIANNE HENNEMANN | HENZE & KETTERER | ERNST HILGER | HOFFMANN | HOLLYBUSH GARDENS | HEINZ HOLTMANN | AKIRA IKEDA | FRED JAHN | JGM | ANNELY JUDA FINE ART | KADEL WILLBORN | KALFAYAN | JAN KAPS | MIKE KARSTENS | KERLIN | KIMMERICH | PARISA KIND | KLEMM‘S | HELGA MARIA KLOSTERFELDE | KLÜSER | KM | SABINE KNUST | KOCH | DR. DOROTHEA VAN DER KOELEN | CHRISTINE KÖNIG | KOENIG & CLINTON | JOHANN KÖNIG | KONZETT | KOW | KRAUPA-TUSKANY ZEIDLER | KROBATH | KROME | BERND KUGLER | L.A. GALERIE - LOTHAR ALBRECHT | LAHUMIÈRE | LANGE + PULT | LE GUERN | GEBR. LEHMANN | TANYA LEIGHTON | CHRISTIAN LETHERT | LEVY | LÖHRL | LUDORFF | LINN LÜHN | LÜTTGENMEIJER | LULLIN + FERRARI | M29 RICHTER . BRÜCKNER | MAIOR | MARLBOROUGH CONTEMPORARY | MARUANI & MERCIER | MAULBERGER | HANS MAYER | MAX MAYER | MIRKO MAYER /M-PROJECTS | GRETA MEERT | VICTORIA MIRO | MIYAKE FINE ART | MODERNE | MOELLER FINE ART | VERA MUNRO | NÄCHST ST. STEPHAN | NAGEL DRAXLER | NANZUKA | NEON PARC | NEU | NEUE ALTE BRÜCKE | CAROLINA NITSCH | DAVID NOLAN | NOSBAUM & REDING | GEORG NOTHELFER | ALEXANDER OCHS | OFF VENDOME | ONRUST | OSAGE | PERES PROJECTS | RUPERT PFAB | TATJANA PIETERS | PRODUZENTENGALERIE | PSM | THOMAS REHBEIN | MICHEL REIN | REMMERT UND BARTH | REPETTO | RIEDER | PETRA RINCK | MARGARETE ROEDER | GABRIEL ROLT | THADDAEUS ROPAC | RUBERL | THOMAS SALIS ART & DESIGN | SALON 94 | SAMUELIS BAUMGARTE | MARION SCHARMANN | SCHEFFEL | AUREL SCHEIBLER | BRIGITTE SCHENK | ESTHER SCHIPPER | SCHLEICHER + LANGE | SCHLICHTENMAIER | SCHMIDT & HANDRUP | SCHMIDT MACZOLLEK | SCHÖNEWALD FINE ARTS | THOMAS SCHULTE | MICHAEL SCHULTZ | SCHWARZER | SFEIR-SEMLER | SIES + HÖKE | SIMONIS | SIMS REED | SLEWE | SOCIÉTÉ | SOMMER & KOHL | SOY CAPITÁN | HENRIK SPRINGMANN | SPRÜTH MAGERS | STAECK | STALKE | STIGTER VAN DOESBURG | WALTER STORMS | HANS STRELOW | FLORIAN SUNDHEIMER | SUPPORTICO LOPEZ | TAGUCHI FINE ART | TANIT - NAILA KUNIGK & WALTHER MOLLIER | SUZANNE TARASIÈVE | TEGENBOSCHVANVREDEN | THE HOLE | ELISABETH & KLAUS THOMAN | THOMAS | WILMA TOLKSDORF | TONELLI | UTERMANN | V1 | VAN HORN | VON VERTES | AXEL VERVOORDT | SUSANNE VIELMETTER | ANNE DE VILLEPOIX | WALDBURGER | WARHUS RITTERHAUS | MAXWEBERSIXFRIEDRICH | FONS WELTERS | WENTRUP | KATE WERBLE | MICHAEL WERNER | WETTERLING | SUSANNE ZANDER - DELMES + ZANDER | THOMAS ZANDER | ZINK | MARTIN VAN ZOMEREN | DAVID ZWIRNER

WWW.ARTCOLOGNE.COM

ART14_189,5x258_K.WEST.indd 1

21.01.14 08:35


10 Die Fotografinnen Model, Arbus, Henri in Bochum

02 14 KUNST 04 TRÄNEN, BOTOX UND FRÜHSTÜCK IN DER BADEWANNE Der »Rundgang« an der Düsseldorfer Akademie ist längst zum Event geworden. Aber auch zu einer Gelegenheit für Talent-Scouts. K.WEST hat vier vielversprechende junge Künstler getroffen. 10 JÄGERINNEN UND SAMMLERINNEN »Situation Kunst« in Bochum zeigt drei Generationen wegweisender Fotografinnen: Lisette Model, Diane Arbus, Florence Henri 13 GALERIE DES MONATS Das Photo Weekend in Düsseldorf

28 Unter aller Nase: Das Tempo-Taschentuch

14 EINMAL KÖLN–NEW YORK UND ZURÜCK »ZADIK« Köln: Caroline Nathusius’ lebensnahe Bilder der transatlantischen »Art Bridge« 16 DIE KUNST
DER KETTENREAKTION In Düsseldorf bereiten »Expeditions«-Teams die Quadriennale vor. 18 EMPFEHLUNGEN DER REDAKTION Das Ausstellungsprogramm der Museen im Februar

20 Gurlitt und kein Ende: restituierter Kirchner

KULTURGESCHICHTE 20 RAUBKUNST I. GURLITT SEI DANK Die Dinge werden besser – sagt Christoph Brockhaus, Ex-Direktor des Lehmbruck Museums Duisburg 24 RAUBKUNST II. »DIE VERANTWORTUNG LIEGT IN BERLIN« Gespräch mit dem Direktor des Von der Heydt Wuppertal über ein zwiefach belastetes Museum DESIGN 26 MEDIENKUNST, TANZ UND SCHMIERFETTE Das Dortmunder Designbüro »labor b« gestaltet das Erscheinungsbild des halben Ruhrgebiets. 28 DAS DING – DESIGN IM ALLTAG Das Tempo-Taschentuch 29 SPECIAL: GEDENKJAHR 1914 Mit mehr als einem Dutzend Ausstellungen und anderen Projekten kunsthistorischer, archäologischer, landeskundlicher, kulturgeschichtlicher und allgemein historischer Art gedenkt der Landschaftsverband Rheinland (LVR) der »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts«, des Ersten Weltkriegs. K.WEST stellt auf 24 Seiten die wichtigsten Ereignisse vor.


60 Was für ein Theater in Düsseldorf: ein Klimabericht

54 Anja Harteros residiert an der Essener Philharmonie

MUSIK 53 HAPPY NEW EARS Düsseldorfs etwas anderes Neue Musik-Festival »Schönes Wochenende«

BÜHNE 64 EINE TRAGÖDIE DURCH DIE ZEITEN Simon Stone inszeniert in Oberhausen eine halb-eigene »Orestie«.

54 DONNA STATT DIVA Im Porträt: Die Sopranistin Anja Harteros ist ResidenceKünstlerin der Essener Philharmonie.

65 PREMIERE! Neue Stücke an Bühnen in Bochum, Dortmund, Düsseldorf, Köln

56 ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT NRW feiert den 70. Geburtstag des Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös.

68 EMPFEHLUNGEN DER REDAKTION Sehenswertes in Oper, Schauspiel, Tanz

58 EMPFEHLUNGEN DER REDAKTION Was kommt in den Konzertsälen und Musikhallen in NRW.

72 DER LETZTE DANDY John Waters zu Gast am Schauspiel Köln

BÜHNE 60 DIE JAGD AUF DEN WEISSEN WAL Das Düsseldorfer Schauspielhaus in der Dauerkrise: ein Klimabericht – mit einer Aufhellung.

FILM 76 FILM DES MONATS »American Hustle« von David O. Russell, eine Gangster-Komödie aus den 70er Jahren 77 KINO IM FEBRUAR Neue Filme u.a. über eine junge Deutsche in Israel, Nelson Mandela, den Beat-Poeten Allen Ginsberg sowie Lars von Triers »Nymphomaniac«

LITERATUR

LETZTENS

80 JUNGER VERLAG DER ALTEN MÄNNER Unabhängige Verlage in NRW (4): der Wuppertaler Arco Verlag, der sich der Literatur Mitteleuropas verschrieben hat. 82 BUCH DES MONATS Angelika Klüssendorfs Adoleszenzroman »April«

84 HIMMEL & ERDE Dies und das, Tipps und Trends im Februar 88 NACHRUF Die Glosse für das verjagte Jahr 2013 81 DIE KOOPERATIONSPARTNER VON K.WEST 88 IMPRESSUM

83 REZENSIONEN Alice Munros »Liebes Leben« und Ilija Trojanows »Wo Orpheus begraben liegt«

76 »American Hustle« ist der Film des Monats und der große Oscar-Favorit.


4 | KUNST

TRÄNEN, BOTOX UND FRÜHSTÜCK IN DER BADEWANNE TEXT: STEFANIE STADEL FOTOS: MARKUS J. FEGER

Schon lange ist der Akademie-Rundgang keine Insiderveranstaltung mehr. Eher eine Kombination aus Ausflugsziel, Szene-Treff und Kunstbörse für Aufgeweckte. Um die 40.000 Besucher zählt man Jahr für Jahr an der Düsseldorfer Eiskellerstraße. Ins Getümmel mischen sich natürlich auch jede Menge Galeristen und Sammler. Angetrieben vom Ehrgeiz, Neues aufzuspüren, bevor es das Labor verlässt. Im Vorfeld des Spektakels hat K.WEST sich umgehört, umgeschaut und vier junge Künstler getroffen, deren Arbeiten man diesmal nicht links liegen lassen sollte.


K.WEST 02/2014 | 5

Thorsten Schoth (Klasse Katharina Fritsch) »Rundgang-Panik«, so nennt Thorsten Schoth, was sich alle Jahre wieder gegen Ende des Wintersemesters abspielt, wenn in den Klassen und auf den Fluren fieberhaft gewerkelt wird. Es gebe Studenten, die all die übrige Zeit ihre Beine hochlegten und erst im Januar durchstarteten, um vor großem Publikum eine gute Figur zu machen. Schoth zählt sich selbst nicht zu dieser Sorte. Und er wirkt auch eher beständig. Die Arbeitswoche verbringe er von relativ früh bis spät in der Akademie. Selbst zum Geldverdienen braucht er nicht mehr vor die Tür: Schoth jobbt dort in der Gipswerkstatt. Man trifft ihn mitten bei der Arbeit, in einer von oben bis unten weiß verschmierten Hose. Auf dem Fußboden kniend neben einer knapp überlebensgroßen Gips-Badewanne – und ohne jede Spur von Panik. Die braucht er auch nicht zu haben, denn die Wanne, das Kernstück seines Rundgang-Auftritts, ist beinahe fertig. Nur der Inhalt fehlt noch. Schoth denkt an milchiges Silikon und pastellfarbene Gipskringel. Auf dem Tisch liegen bereits ein paar Prototypen: täuschend echte Imitate der stark zuckerhaltigen Getreideringe in Zartlila. Auch ein mögliches Opfer der süßen Knabber-Orgie soll seinen Platz im Zuber bekommen – Schoth will zwei Beine

formen und über den Badewannenrand baumeln lassen. Die Pläne versprechen ein amüsantes Ergebnis, und sie lassen deutlich Schoths Vorbild anklingen: Katharina Fritsch mit ihren Figurationen zwischen Mystik und Ironie – den Riesenratten, den knatsch-gelben Madonnen, der müden Tischgesellschaft, dem Hahn in Ultramin auf dem vierten Sockel am Trafalgar Square. »Natürlich übt sie Einfluss auf mich aus«, gibt Schoth freimütig zu. Nicht umsonst hatte er sich bei Fritsch beworben, gleich als sie 2010 ihre Professur in Düsseldorf antrat. Seither formt der 1987 in Lüdinghausen bei Münster geborene Künstler hier in Gips, Polyester und Silikon seine eigenen Gestalten und Geschichten. Sie wirken persönlicher, weniger allgemeingültig und oft erzählerischer als jene seiner Lehrerin. Zum Rundgang will er neben der Wanne ein paar appetitliche Fledermäuse für Haribo-Freunde an die Wand hängen. Zwar sind sie viel größer als ihre Artgenossen aus Fruchtgummi, sehen aber sonst ganz echt aus. Als wären sie gerade eben weich, süß und saftig der Tüte entflogen. Die Enttäuschung käme wohl erst beim Versuch, hineinzubeißen in die knallharten Riesen aus Silikon. Der Genuss bleibt Sehnsucht.


6 | KUNST

Julie-Lisa Rüping (Klasse Georg Herold) Eine Etage höher machen sich Georg Herolds Schüler für den Rundgang bereit. Julie-Lisa Rüping ist eine von ihnen und sie hat nichts gemein mit dem verschmierten Kunstarbeitstier. Am sauberen Tisch offeriert sie frischen Fencheltee zum Gespräch über ihre minimalistischen Rauminstallationen, die ebenso aufgeräumt wirken wie die zierliche junge Frau (Jg. 1986) und ihr Arbeitsplatz. Rüping hatte zunächst zwei Jahre lang Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie studiert, bevor der »Drang selbst etwas zu machen« zu stark wurde und sie zum Wechsel an die Kunstakademie bewog. Ganz hat sie sich allerdings noch nicht getrennt von der Wissenschaft. Die Philosophie läuft seit elf Semestern nebenher, habe aber, so Rüping, nur mittelbar Einfluss auf ihr künstlerisches Werk, das sich verschiedener Techniken bedient, aber trotzdem homogen wirkt. Denn egal, ob in Fotografie, Malerei oder Collage, in Plastik oder Installation – immer ist die Sprache schlicht, geometrisch, ungegenständlich und durchgängig geprägt vom Verhältnis zwischen Fläche und Raum. Es scheint durch, wenn die Künstlerin architektonische Raumkanten fotografiert, und ebenso, wenn sie mit wenigen Aquarellstrichen räumliche Tiefe suggeriert.

Für den Rundgang hat Rüping eine installative Arbeit ausgesucht. Sie setzt sich zusammen aus einem schlichten, leichten, dunklen Metallobjekt und zwei in ihrer reduzierten Form und Farbigkeit korrespondierenden Wandarbeiten. Ein ruhiges ausgewogenes Miteinander, das zwischen Raum und Wand, Bild und Objekt, Körper und Fläche vermittelt. Mit dem Auftritt verabschiedet sie sich – für absehbare Zeit – aus Düsseldorf, um eine Stage an der berühmten Pariser Ecole nationale supérieure des beaux-arts einzuschieben.


K.WEST 02/2014 | 7

Canan Brüser (Klasse Georg Herold) Ein Klopfen an der Tür, kurz darauf steht Canan Brüser im Atelier der Herold-Klasse. Zur Zeit arbeitet sie meistens daheim in der Nähe von Siegen und ist zum Interview eigens angereist. Etwas früher als verabredet kommt die Künstlerin an, schwer bepackt mit einer Einkaufstasche voller Unterlagen und einem schützenden Metallköfferchen. Da steckt fast alles drin, was sie für den Rundgang braucht. Als erstes zieht sie das alte Schwarzweiß-Foto einer jungen Frau hervor, die sich adrett in Pose gebracht hat – mit weißer Bluse und einem Lächeln auf den Lippen. Brüser weiß, dass der heitere Schein trügt, denn sie kennt die Geschichte der Frau und auch das Foto. Es zeigt ihre Oma und hängt seit vielen Jahren bei der Mutter zu Hause im Wohnzimmer. Die Künstlerin erzählt vom harten Leben der porträtierten Kleinbäuerin, die neun Kinder zur Welt gebracht habe, aber arm und einsam gestorben sei. Deshalb wohl auch all die Tränen, die Brüser der Großmutter mit viel hellem Wachs ins Gesicht getropft hat. In Strömen treten sie aus den Augen, rinnen über die lachenden Wangen und den Busen hinab. Allerhand könnte da hineingedeutet werden – vielleicht geht es um Mutterschaft, um Trauer und Totenkult. Vielleicht spielt das Bild auch an auf die Muttergottes zwischen Maria lactans und Pietà. Doch trotz all der Gedankenschwere wirkt Brüser ganz unbeschwert – mit ihrem hintergründigen Grinsen, das eher auf Ironie denn auf tiefe Betroffenheit schließen lässt. Dazu passt der Werk-Titel, den sie ihrer Großmutter in den Mund legt: »Da unten im Tale, läuft's Wasser so trüb, und ich kann dir es nicht sagen, ich habe dich so lieb.« Beim Rundgang soll das Bild der Weinenden auf schwarzem Bühnensamt zur Geltung kommen und neben weiteren trüben Kreaturen Stimmung machen. Darunter ein junger Mann, der so unglücklich dreinschaut, dass man mitweinen möchte. »Das ist ganz sicher der traurigste Mensch der Welt«, wirft Brüser ein. Sie sei ihm zufällig in der S-Bahn begegnet und habe ihn gleich abgelichtet. Um die düstere Gemütsverfassung zu unterstreichen, versah die Künstlerin das Porträt mit Strass-Elementen in Tröpfchenform. Unüberhörbar wird der spöttische Unterton ihrer künstlerischen Trauerarbeit schließlich im »Selbstbetroffenheitsobjekt«: Das weiße Spitzentaschentuch ist getränkt mit selbst geweinten Tränen. Fragt sich nur, ob es tatsächlich Tränen der Trauer waren. Oder ob Brüser vor Lachen geweint hat – über ein Publikum, das nur dem rätselhaften, mystischen, melancholisch angehauchten Kunststück wirklichen Wert zuspricht.

GELD ODER LEBEN

INFO 0203-94000

3 5. A K Z E N T E 7.–2 3 . 2 0 14 MÄRZ DUISBURGER

W W W. D U I S B U R G E R - A K Z E N T E . D E

VE RANSTALT E R

PART NE R


8 | KUNST

Ruben Smulczynski (Klasse Katharina Grosse) Der Raum ist verschlossen, keiner drin. Alle sind nach unten zum Workshop gegangen. Geblieben ist aber der Geruch von viel frischer Farbe. In Katharina Grosses Klassenzimmer muss heftig gemalt worden sein. Mitten im farbverschmierten Drunter und Drüber nimmt man Platz auf zwei Hockern – Ruben Smulczynski legt sich sein Notebook auf den Schoß und beginnt zu blättern. Einen wesentlichen Teil seiner Arbeit für den Rundgang hat er im Netz zusammengesucht. Mit Malerei hatte das wenig zu tun. Allein der Anlass für das Werk geht auf ein Gemälde zurück. Nicht irgendeines, sondern Sandro Botticellis »Geburt der Venus« stand Pate. Zwar hat Smulczynski das Meisterwerk der Renaissance nie im Original gesehen, doch reichte ein Kunstdruck, ihn zu begeistern – für das bewegte Wasser, den Wind, das wehende Haar, den Faltenwurf des geblähten Mantels. Alles findet irgendwie Eingang in seine RundgangArbeit – der Künstler beschreibt sie recht treffend als räumliche Collage. In einer Ecke des Klassenzimmers soll ein leichtes halbtransparentes Tuch von der Decke hängen und per Ventilator in Bewegung gehalten werden. Es ist rot – in etwa wie der Umhang, mit dem bei Botticelli eine der Horen herbeieilt. Darauf will Smulczynski ein Video projizieren und an die Wand dahinter allerlei Bilder hängen. Auf die ideale Schönheit der Venus von Botticelli antwortet der Künstler mit aberwitzigen Zeugnissen zum zeitgenössischen Schönheitskult. Reich-

lich davon fand er beim Schmökern im Internet: Meg Ryan, Nicole Kidman, Donatella Versace. Glatt gezogene Fältchen und mit Botox aufgepumpte Oberlippen. Bis auf die Knochen abgemagerte Models sind auch dabei. Es hat schon was, wie der Künstler das Renaissance-Gemälde auseinandernimmt, es mit den technischen Mitteln des 21. Jahrhunderts in den Raum überführt und seine malerischen wie inhaltlichen Themen in die Jetztzeit transportiert. Für Smulczynski wird es wohl der letzte Auftritt in der Akademie sein. Zwar ist der Künstler erst 23, aber nach elf Semstern schon fertig mit dem Studium dort. Der Beitrag zum Rundgang ist gleichzeitig seine Abschlussarbeit. Und so mischt sich in die berüchtigte »Rundgang-Panik« diesmal noch ein bisschen Examens-Stress.

INFO

Kunstakademie Düsseldorf 12. bis 16. Februar 2014 Tel. 0211 / 13960 www.kunstakademie-duesseldorf.de


AGGRESSION UND AVANTGARDE DER VORABEND DES ERSTEN WELTKRIEGES

AB ENDE APRIL 2014 ÜBERALL IM BUCHHANDEL ERHÄLTLICH

THOMAS SCHLEPER (HG.)

AGGRESSION UND AVANTGARDE DER VORABEND DES ERSTEN WELTKRIEGES

www.klartext-verlag.de

International bekannte Autorinnen und Autoren wie Gertrude Cepl-Kaufmann, Laurie Cohen, Christoph Cornelißen, Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Oskar Negt, Thomas Weber oder Jay Winter sowie Fachleute der LVR-Kultureinrichtungen fragen nach der „rheinischen Mitte Europas“ am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Dabei werden die „harten“ Themen aus Wirtschaft, Politik und Militärwesen ebenso be-

handelt wie der sozialkulturelle Kontext. Exemplarische Biographien verdichten Zusammenhänge von Kreativität und Katastrophe in anschaulicher Weise. Und schließlich stellt sich die Frage nach den heute möglichen Formen des Erinnerns und Vergessens. ➜ ca. 500 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Festeinband, ca. 34,95 € ISBN: 978-3-8375-1173-4


10 | KUNST

JÄGERINNEN UND SAMMLERINNEN TEXT: ALEXANDRA WACH

Florence Henri: o.T. (Tullia Kaiser), um 1930; Silbergelatineabzug, Museum Folkwang, Essen. Fotograf: Thorsten Koch, © Galleria Martini & Ronchetti

In der Zwischenkriegszeit galt die handliche Kamera vielen Frauen als Inbegriff der Freiheit. Das Ausstellungshaus »Situation Kunst (für Max Imdahl)« in Bochum nimmt jetzt drei Generationen wegweisender Fotografinnen unter dem Aspekt ihrer »Menschenbilder« ins Visier. Florence Henri war Vorbild für Lisette Model und diese wiederum für Diane Arbus.


K.WEST 02/2014 | 11

Aus dem berühmten »Selbstporträt mit zwei Kugeln im Spiegel« von 1928 schaut ein selbstbewusstes, stark geschminktes Frauengesicht. Der schwarz gefärbte Bubikopf weist seine Trägerin als kosmopolitische Garçonne aus. Mehrere Räume öffnen sich scheinbar durch den Einsatz des hochrechteckigen Spiegels. Die Fotografin blickt aus der Leere in das Zimmer, in dem sich die Kamera befinden muss. Ihre Beine wirken wie abgeschnitten, dafür scheinen die Kugeln die Stelle der Brüste einzunehmen. Sie reflektiert das Wesen einer fotografischen Realität, die durch optische Tricks die Welt nach ihren Gusto zu konstruieren vermag. Heute gehört das Bild zu jenen Ikonen, die Kunstgeschichte geschrieben haben. Dabei kam seine Urheberin eigentlich von der abstrakten Malerei. Florence Henri, 1893 als Tochter einer deutschen Mutter und eines französischen Vaters in New York geboren, verschlug es früh nach Europa, wo sie zunächst in Rom eine Ausbildung zur Konzertpianistin begann. Mitte der 20er Jahre pilgerte die ausgebildete Malerin von Paris zum Bauhaus nach Dessau, ließ nach dem Gastsemester den Pinsel fallen und verschrieb sich unter dem Einfluss der »Hausfotografin« Lucia Moholy der konstruktivistischen Ästhetik des Neuen Sehens. Zurück an der Seine möblierte die wohlhabende Erbin erstmal ihre Wohnung im Bauhaus-Stil um und gründete ein eigenes Fotostudio mit Spezialisierung auf Mode, Werbung und Porträt. In ihren Stadtansichten regierten fortan geometrische Muster, die ihren eigenen Gesetzen gehorchten. Und auch die rigoros komponierten Porträts von Prominenten der Kunst- und Intellektuellenszene favorisierten ungewohnte Perspektiven, extreme Nahaufnahmen oder Hell-DunkelKontraste, als gelte es, den gesamten theoretischen Apparat des Bauhauses in die Praxis zu überführen. Noch in den 60ern wird der Maler Ernst Wilhelm Nay von ihrer Qualität schwärmen: »Florence Henri ist die einzige Fotografin, die jemals ein gutes Porträtfoto von mir gemacht hat, alle anderen haben es nicht geschafft«. Kein Wunder also, dass Schülerinnen die Tür der etablierten Avantgardistin belagerten, darunter Gisèle Freund, deren Talent Henri aber nicht erkannte: »Sie werden nie eine gute Fotografin«, soll sie der späteren Legende mitgeteilt haben, »bei mir verschwenden Sie nur ihr Geld«. Die Wienerin Lisette Model hatte bei ihrem Vorbild 1937 mehr Glück, auch wenn ihre Lehrzeit von kurzer Dauer war. Geboren als Elise Seybert in einer wohlhabenden jüdischen Familie, studierte sie zunächst Klavier bei Arnold Schönberg, der sie später zu der Feststellung inspirierte:

»Um das 20. Jahrhundert zu zeigen, bedarf es eines modernen Nervensystems. Das bedeutet, mit beiden Beinen auf dem Boden dieser Zeit zu stehen.« Im Ersten Weltkrieg der Einkünfte aus dem Grundbesitz beraubt, entschied sich Models Mutter, inzwischen verwitwet, in ihre Heimat Frankreich zurückzukehren. Nach Jahren des Ausprobierens als Sängerin begann Lisette erst 1933 unter dem Eindruck der politischen Verhältnisse zu fotografieren. Der Beruf der Fotografin schien überall einsetzbar. Andere Immigranten, mit denen sie in Kontakt stand, etwa die ungarische Fotografin Rogi André, die erste Frau von André Kertész, machten es ihr vor. Im Gegensatz zu Florence Henri war Model ein angestrengtes Durchkomponieren der Motive fremd. Sie zog die »Schnappschuss«-Ästhetik dem abstrakten visuellen Denken vor. In der Dunkelkammer verwandelte sie sich indes in eine sorgfältig den Ausschnitt des Negativs wählende Perfektionistin. Die technische Manipulation des Bildes stand für sie aber nicht an erster Stelle, sie war lediglich Teil des Herstellungsprozesses. Bekanntheit erlangte Model mit ihren wenig schmeichelhaften Aufnahmen von wohlbeleibten Müßiggängern an der Promenade des Anglais in Nizza. Ihre Modelle sind weder Anhänger der angesagten athletischen Freikörperkultur, noch wirken sie anmutig. Träge lungern sie in ihren Sesseln, Vertreter einer privilegierten oberen Mittelschicht, die den Siegeszug des Faschismus und den Kollaps ihrer Welt zu verschlafen drohen. Die Serie erschien in der linken Zeitschrift Regards, weswegen sie lange als politisch motivierte Sozialreportage rezipiert wurde. Da war Model längst mit ihrem russischstämmigen Mann nach New York ausgewandert. In kürzester Zeit gelang es ihr hier, ihre Arbeiten zu veröffentlichen, für den Familienunterhalt zu sorgen und mit neuen Serien zu beginnen. Sie interessierte sich für urbane Spiegelungen von Schaufenstern, eine Reverenz an ihre Lehrerin Florence Henri. Auch das hektische Geschehen knapp über dem Bordsteig hatte es ihr angetan, die vielen eilenden Beine, die sie zu Experimenten anregten. Die Stadt wurde ohnehin zu ihrem Jagdrevier. Sie gewährte ihr satirische Einblicke in Nachtclubs, Transvestiten-Bälle, Jazz-Keller, Hundeschauen, Wohltätigkeitsauktionen oder das Strandleben auf Coney Island. In diesem proletarisch angehauchten Mikrokosmos wählte sie nicht etwa grazile Badenixen aus, sondern eine kolossale Matrone, die sich, mit sich selbst zufrieden, den Wonnen der Brandung hingibt. Wenn diese


12 | KUNST

eigenwilligen, psychologisch vielschichtigen, fast obszön offenen Arbeiten nicht den Weg ins Museum of Modern Art fanden, druckte sie das Magazin Harper’s Bazaar, das der unorthodoxen Straßenfotografin mitunter als Haupteinnahmequelle diente. Auf die sich im Kalten Krieg häufenden Eingriffe des McCarthy-Apparats reagiert Model schließlich mit dem Rückzug ins Lehrfach. 1949 beginnt sie an der California School of Fine Arts in der von Ansel Adams eingerichteten Fotografieabteilung zu unterrichten. Zwei Jahre später gesellt sich die New School for Social Research dazu. Model verstand ihre Aufgabe darin, in die Philosophie der Kunst und des Lebens einzuführen, wozu auch Exkursionen nach draußen gehörten. »Fotografiere niemals etwas, was dich gleichgültig lässt«, gab sie von nun an ihren Studenten auf den Weg. Die Berühmteste von ihnen ist zweifellos Diane Arbus. Sie hat sich den Rat sichtlich zu Herzen genommen. Schon ihre Lehrerin hatte ein Faible für Übertreibungen. Das Selbstporträt Amerikas aber, das Arbus vorschwebte, ging weit über die Vorliebe für sonderliche Details hinaus. Die aus einer wohlhabenden Familie stammende New Yorkerin begann bereits mit 18 Jahren ohne Umwege in anderen Disziplinen als Werbefotografin zu arbeiten. Mitte der 50er fand sie nach Lehrjahren in der Modebranche bei Lisette Model die Ermutigung, nach der sie bisher vergeblich gesucht hatte. Sie begann fern eines kommerziellen Verwertungszusammenhangs ihre persönliche Sicht auf den Menschen zu entwickeln. Nicht gleichgültig ließen sie vor allem Existenzen, die sich an der Grenze des gesellschaftlich Akzeptablen bewegten, die mit ihren Abweichungen von der verordneten Norm für eine Vielfalt sorgten, von der sich manche bis heute provoziert fühlen: Transvestiten, Prostituierte, psychisch Kranke, Zwillinge, Nudisten, Kleinwüchsige und Riesen, vom Weltschmerz geplagte Jugendliche, lebensüberdrüssige Alte. Mit Sinn für kontroverse Zuspitzungen sezierte Arbus darüber hinaus auch die tragische Seite der vermeintlich Normalen, die sich hinter ostentativ gepflegten Masken mit ihren Widersprüchen herumplagten. Eine Elevin, die ihre Lektion des dokumentarischen Blicks geradezu bis zur Schmerzgrenze verinnerlicht hatte und auch unerbittlich in ihren wenigen Selbstporträts auf sich selbst anwendete. Nicht ohne Grund verglich Arbus bis zu ihrem Freitod im Jahr 1972 ihre Arbeit in den privaten Aufzeichnungen immer wieder mit der eines Schmetterlingssammlers. »Arbus’ Fotos bieten Gelegenheit zu beweisen, dass man den Schrecken des Lebens ohne Zimperlichkeit ins Gesicht sehen kann«, schrieb Susan Sontag ein Jahr später aus Anlass der Retrospektive ihres Werks im Museum of Modern Art. Es war nicht als Kompliment gemeint, und das von einer Frau, die selbst oft genug dem privaten und öffentlichen Albtraum standgehalten hat.

Lisette Model: Französischer Glücksspieler (Promenade des Anglais, Nizza), 1934: Silbergelatineabzug, Galerie Johannes Faber, Wien. Fotograf: Thorsten Koch, © The Estate of Lisette Model, Bruce Silverstein Gallery

Lisette Model: Reflexionen in einem Schaufenster auf der 5th Avenue (New York), 1945. Courtesy Galerie Johannes Faber, Wien

INFO

»Henri – Model – Arbus. Menschenbilder« Situation Kunst (für Max Imdahl) Bochum bis 20. April 2014 Tel.: 0234/2988901 www.situation-kunst.de


K.WEST 02/2014 | 13

galerie

DAS DUESSELDORF PHOTO WEEKEND

DES MONATS

TEXT: INGO JUKNAT Bescheiden ist er nicht. »Ich bin unglaublich neugierig«, sagt Duane Michals, »das unterscheidet mich von anderen Fotografen.« Das Zitat stammt aus »The Man Who Invented Himself«. Die Dokumentation feiert beim Duesseldorf Photo Weekend DeutschlandPremiere – zwei Dutzend Museen und Galerien stehen drei Tage lang im Zeichen der Fotografie. »The Man Who…« zeigt einen quirligen Mann Anfang 80, der auf ein langes und einflussreiches Fotografenleben zurückblickt. Michals gilt als enfant terrible seiner Zunft. In den 60er Jahren brach er viele Regeln der Fotografie, die bis dahin als selbstverständlich galten. Während Stars wie Richard Avedon oder Irving Penn berühmte Studioporträts anfertigten, fotografierte Michals Menschen in ihrer eigenen Umgebung. Auch von den Klassikern grenzte er sich ab – wenn es sein musste, mit großen Gesten. So übermalte er teure Originaldrucke von Ansel Adams oder Cartier-Bresson, als Protest gegen ihr vermeintlich naives Weltbild. »Wer die Realität fotografiert, fotografiert gar nichts«, lautet ein bekannter Satz von Michals. Ihm geht es eher um die Geschichten hinter den Bildern. Berühmt wurden seine Serienmotive, die wie entschleunigte Daumenkinos wirken. Die einzelnen Fotos sind häufig beschriftet, die Text-Bild-Kombination ist ein Markenzeichen des 82-jährigen. Zur Premiere seiner Dokumentation reist Michals nach Deutschland. Er kommt auch, um eine Retrospektive seiner Werke zu eröffnen. Die Ausstellung im NRWForum vereint Werke aus 60 Jahren. Sie wird im Rahmen des Duesseldorf Photo Weekends eröffnet. Der große Bilderreigen findet zum dritten Mal statt. Zwei Dutzend Museen und Galerien nehmen daran teil. Zentrum ist das NRW-Forum. Dort werden nicht nur die Bilder von Duane Michals gezeigt, sondern auch Werke aus der Sammlung der DZ Bank. Das Frankfurter Geldinstitut hat in den letzten Jahren eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Fotografien in Deutschland aufgebaut. In Düsseldorf ist ein Querschnitt zu sehen, der sich mit dem Thema Heimat befasst. Zu den Blockbustern am Photo Weekend zählt auch die (schon länger laufende) Werkschau von Candida Höfer im Museum Kunstpalast. Das Polnische Institut wiederum zeigt mit Jerzy Lewczyński

Peter Bialobrzeski: Heimat 24 (2004). Slg. DZ Bank, Frankfurt

einen anderen Fotografen, der zumindest in seiner Heimat den Rang eines Großmeisters hat. Um den Nachwuchs geht es beim sogenannten Portfolio Review im NRW-Forum. Dieser Wettbewerb bietet jungen Fotografen aus aller Welt die Gelegenheit, ihre Arbeiten einer professionellen Jury zu präsentieren. Was nicht heißt, dass alle anderen außen vor bleiben. Die Beratungen der Juroren sind öffentlich. Sämtliche Werke werden in einer fortlaufenden Beamer-Show präsentiert. Insgesamt nehmen 25 junge Künstler am Wettbewerb teil. Wer lieber mit Gedrucktem arbeitet, schaut im »Magazin Salon«, gleich nebenan, vorbei. Hier liegen hochwertige Fotografie-Magazine aus aller Welt aus. Passend zum jungen Publikum des Museums klingt der Tag des Portfolio Review mit einer großen Party aus. Ein Gefühl von »Titanic«-Ballsaal dürfte zurückbleiben. Für das NRW-Forum ist das Duesseldorf Photo Weekend ein vorerst letzter Höhepunkt. Das »frischste Museum Deutschlands« (Welt am Sonntag) schließt ab März. Weitere Nutzung: bis dato ungeklärt.

INFO

Duesseldorf Photo Weekend, 31. Januar bis 2. Februar 2014, www.duesseldorfphotoweekend.de


14 | KUNST

EINMAL KÖLN – NEW YORK UND WIEDER ZURÜCK TEXT: STEFANIE STADEL Caroline Nathusius erlebte die 90er zwischen zwei Kunstmarktzentren und zeichnete mit ihrer Kamera ein lebensnahes Bild der transatlantischen »Art Bridge«. Eigentlich waren die Bilder bloß fürs private Flip-Album bestimmt. Doch kürzlich übergab die Galeristin, Kuratorin, Verlegerin 4500 Fotos dem Kölner Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels, wo jetzt eine kleine Auswahl zu sehen ist.

Caroline Nathusius: Partygäste während der Ausstellungseröffnung »London Photo Race« im Friesenwall 120, Köln, 10.07.1993. ZADIK, Köln, Archiv Caroline Nathusius

Caroline Nathusius: Isa Genzken im Moulin Rouge, anlässlich des Konzertes von Wild Billy Childish, Köln, 31.05.1991. ZADIK, Köln, Archiv Caroline Nathusius

Galerienparty im »GLORIA«, Ausstellungseröffnung im Projektraum am »Friesenwall 120«, die erste »Unfair«-Kunstmesse in den Ehrenfelder »Balloni Hallen«, ein rauschender Rosenmontag 1993. So lang scheint das alles noch gar nicht her. Doch ist es längst Geschichte – eine legendäre sogar. Sie spielt im Köln der späten 80er und frühen 90er Jahre. Als Künstler wie Cosima von Bonin und Michael Krebber das Parkett betraten. Als Galeristen wie Daniel Buchholz und Christian Nagel Fuß fassten in Köln. Als Kontextkunst und Institutionskritik die Runde machten und die »Unfair« als Gegenmesse zur Art Cologne Erfolge feierte. Das alles wird wieder lebendig mit Blick auf die Fotos von Caroline Nathusius. Die Kuratorin, Galeristin, Sammlerin, Verlegerin von Editionen war fester Teil der Kölner, später der New Yorker Szene. Und sie war eine unermüdliche Chronistin. Ihre Kamera hatte Nathusius fast immer dabei – bei Eröffnungen, Partys, in Galerien und Kneipen. Um die 4.500 Bilder, die zwischen März 1991 und April 2004 entstanden sind, hatte sie 2012 dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels (ZADIK) vermacht. Das Archiv wandert derzeit ins Netz. Noch bevor die Bilder dort komplett zu sehen sein werden, gibt das Archiv nun in einer kleinen Ausstellung mit rund 300 Abzügen einen ersten Einblick in das Künstlertreiben des Jahrzehnts, gesehen durch Nathusius’ Objektiv. Die Situation war sicher eine ganz besondere: Ende der 80er noch galt Köln als die europäische Kunstmetropole, doch Anfang der 90er schon startete der Zug von Künstlern und Galerien euphorisch in die neue alte Hauptstadt: Nach dem Fall der Mauer schwang Berlin sich damals auf zum neuen Kunstzentrum. Die einen gingen, aber anderen kamen nach Köln, gaben dem Kunstgeschehen eine neue Richtung und hatten dabei nicht zuletzt den Wandel auf dem Kunstmarkt, die zunehmende Ökonomisierung der Ware Kunst im Auge. In Ausstellungen, Diskussionen, verschworenen Zirkeln und natürlich auch im künstlerischen Arbeiten kamen nun mit Nachdruck das eigene Tun als Künstler und die Mechanismen des Kunstbetriebs zur Sprache.


K.WEST 02/2014 | 15

Vom »Epochenwechsel« gar spricht ZADIK-Leiter, Günter Herzog. Und nennt als sichtbaren Markstein in Köln die Schließung der Galerie von Paul Maenz, der in den 80ern nicht zu knapp vom »Hunger nach Bildern« profitiert hatte – mit seiner erfolgreichen Vermarktung der rechtsrheinischen Mühlheimer Freiheit und ihrer wilden Malerei. Die letzte Ausstellung in Maenz’ Kölner Räumen war Anselm Kiefer gewidmet und trug den Titel »Engel der Geschichte«. In der neuen Geschichte, die nun für Köln begann, spielt Caroline Nathusius ab 1989 eine Rolle – als Direktorin im Kölner Ableger der Stuttgarter Galerie Kubinski, außerdem als Gründerin der Verlags »Pinguin Editionen«, der Multiples von Künstlern wie Rosemarie Trockel oder Imi Knoebel publizierte. Und natürlich als Chronistin mit der Kamera, die permanent das eigene soziale Umfeld ins Visier nahm. Sie selbst nennt es ein »sozial-demokratisches Projekt«. Denn, so Nathusius, jeder sollte dazu gehören, der das auch wollte. »Also fotografierte ich alle, gerne auch die, die ich vorher noch nie gesehen hatte.« Allerdings nur wenn die Atmosphäre stimmte. Fehlte die »positive Energie im Raum«, sei die Kamera in der Tasche geblieben, so die Fotografin. Man sieht es ihren entspannten Schnappschüssen an. Und man glaubt Nathusius, dass sie in erster Linie für sich selbst fotografiert hat – nicht selten zwei bis drei 36er Filme an einem Abend. Oft schon am nächsten Tag ließ sie ihre Ausbeute entwickeln und steckte die Abzüge in Flip-Alben. »Das gemeinsame Anschauen mit Freunden und Bekannten oder in der Kneipe hat natürlich Spaß gemacht und mir gezeigt, dass andere die Fotos auch mögen.« Noch immer lassen ihre Bilder durchblicken, was die Kölner Szene damals auszeichnete: Überschaubarkeit und enge Netzwerke. Cliquen, die gemeinsam feierten, Kunst machten, oder zumindest darüber redeten – bevorzugt abends beim Kölsch in der Kneipe. Nathusius verkehrte in Kreisen, die sich damals nicht unbedingt zum Establishment zählten. Mit dabei etwa Christian Nagel, der es eher als Auszeichnung empfand, dass die ehrwürdige Art Cologne seine Bewerbung ablehnte. Statt sich zu grämen, organisierte der Jung-Galerist gemeinsam mit Kollegen 1992 »Unfair – The Real Art Fair« mit 28 internationalen Avantgardegalerien. Die Art Cologne quittierte den spektakulären Erfolg des Unternehmens, indem sie sich bereits 1994 die Gegenveranstaltung kurzerhand einverleibte und den Abtrünnigen eine Sonderfläche herrichtete. Die »Unfair« wanderte in die Messehallen, und Caroline Nathusius begab sich auf den Weg in die Vereinigten Staaten – auf die andere Seite der damals stark frequentierten »Art Bridge«. Dort leitete sie das Atelier des amerikanischen Konzeptkünstlers Lawrence Weiner und eröffnete bald in einem alten Lagerhaus den Ausstellungsraum »New York Security Mini-Storage«. Dabei traf Nathusius viele deutsche Künstler wieder, die über Galerie-Kooperationen oder -Dependancen den Weg auf den US-Markt gefunden hatten – Kai Althoff etwa, von Bonin oder Krebber. Die Fotos legen Zeugnis davon ab. Auch von Begegnungen der am Rhein vertretenen Amerikaner wie Mark Dion, Andrea Fraser oder Louise Lawler. Als Nathusius 1999 ihr amerikanisches Zwischenspiel beendete und heimkehrte, sei das »soziale Koordinatensystem« in Köln nicht wiederzuerkennen gewesen, sagt sie. »Alle waren plötzlich nett zueinander.« Ihrem fotografischen Eifer tat das zunächst keinen Abbruch. Erst in letzten Jahren zückt sie seltener den Apparat. »Aber wenn die Voraussetzungen stimmen, dann genauso gern wie früher«, so Nathusius. »Ich bin wohl Fotografin und Chronistin in eigener Mission. Aber ich teile gerne.«

INFO

Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels, Köln Bis 21. März 2014 Tel. 0221 / 2019871 www.zadik.info

g g r rafi ak

27. deutsch-niederländische und deutsche Grafiker, Fotografen, Grafikbörse Niederländische Galeristen und Buchhändler stellen in dieser Verkaufsschau eine breite Angebotspalette vor

f i k

Freitag, 7. März 2014 16.00 — 19.30 Uhr 16.00 Uhr: Eröffnung der Grafikbörse

8. und 9. März 2014

[Holzschnitte, Radierungen, Kupferstiche, Lithografien, Linolschnitte, Siebdrucke] Fotos und Kunstbücher

Stadthalle Vennehof D-46325 Borken

borken

börse

Serielle Grafik in allen Techniken

11.00 — 18.00 Uhr

Eintritt frei Organisatoren: Stadt Borken, Tel. 02861/93 93 44 www.borken.de Kreis Borken, Tel. 02861/82 13 50 www.tourismus-kreis-borken.de


16 | KUNST

DIE KUNST DER KETTENREAKTION TEXT: STEFANIE STADEL

Quadriennale Düsseldorf 2014, Expeditionsmobil. Ein Projekt von Nils Kemmerling und Axel Naß. Foto: Axel Naß

Bis zur Eröffnung ist es noch einige Wochen hin. Doch schon zieht die Quadriennale ihre Kreise durch die Stadt. In Gestalt von Expeditions-Teams, die auf futuristisch hergerichteten Fahrrädern das Düsseldorfer Kunst-Terrain erkunden – und nebenbei für einiges Aufsehen sorgen.


K.WEST 02/2014 | 17

Quadriennale Düsseldorf 2014. Expeditionen. Ein Projekt von Nils Kemmerling und Axel Naß. Zweite Quadriennale-Expedition, Q20-Team, Fotos: Nils Kemmerling und Axel Naß

Gespannte Aufmerksamkeit: Alle Augen sind auf das Experiment gerichtet. Und noch dazu fünf Kameras, die das wirkungsvolle Geschehen im Dämmerlicht festhalten. Zuerst fragt jemand nach einem Feuerzeug, dann durchzieht das Knistern einer Riesen-Wunderkerze die Stille. Man sieht zu, wie sich ganz von selbst eine Kerze nach der anderen an den Funken entzündet, schreckt zusammen beim ersten ohrenbetäubenden Knall, der anschließend durch die Halle hallt – und gleich noch einmal beim zweiten. Noch ist es ein Testdurchlauf, an diesem Samstagabend in der kühlen weiten Lagerhalle östlich der Düsseldorfer Innenstadt. Doch funktioniert die von vier jugendlichen Expeditions-Teilnehmern und zwei erwachsenen Künstlern ausgetüftelte Kettenreaktion schon nahezu reibungslos: Der Silvesterkracher bringt eine Holzleiste fast zum Kippen, drei dicke Gummireifen setzen sich nacheinander in Bewegung und schubsen ein umgebautes Fahrrad an. Die kleine Erschütterung reicht, um die Schriftrolle unter dem Lenker zu lösen: Flugs breitet sich nun ein langes Schriftband auf dem Boden aus. So weit zur geglückten Generalprobe im Geheimen. Am folgenden Wochenende wollten die Tüftler mit der Erfindung an die Öffentlichkeit. Dann würden sie ihre silbernen Raumanzüge anlegen, den Bausatz aus Kerzen, Knallern, Latten, Autoreifen zusammenpacken, die Flotte eigens umgebauter Fahrräder besteigen und sich auf den Weg machen vielleicht zu Königsallee oder Schadowplatz. Nach der kurzen Performance würde das entrollte Schriftband mit Klebestreifen auf dem Boden fixiert werden. Als hoffentlich lang bleibendes Relikt, das zum Nachdenken anregt. »Wirst du dich an morgen erinnern?«, steht darauf. Das Expeditions-Quartett hat sich die gewichtige Frage selbst ausgedacht und in großen pink und lila Lettern auf die Alufolie geklebt. Passend zum Thema der Quadriennale, die unter dem Motto »Über das Morgen hinaus« um den weiten Begriff des Zukünftigen kreist und sich vorgenommen hat, stärker als bisher über den musealen Raum hinaus zu wirken. Dabei auch Leute mitzureißen, die sich sonst weniger um Kunst kümmern. Wochen vor ihrem offiziellen Start im April geht die Quadriennale darum auf die Straße – nicht nur mit ausgetüftelten Kettenreaktionen. Man unternimmt Erkundungstouren in der Stadt, schaut hinter die Kulissen des Kunstbetriebs, befragt Künstler, Direktoren. Macht außerhalb der hehren Museumshallen von sich reden. Auch im Netz, wo die Unternehmungen der Expeditions-Teilnehmer in Bild, Film oder Text dokumentiert sind. Nicht zuletzt geht es darum, das Kunstereignis im Alltag zu verankern, bevor es Einzug in die Museen hält. Ab April wird man dann auch in den Ausstellungshäusern neugierig aktiv werden. Nicht nur die vier jugendlichen Erfinder machen dabei mit. Für ihre vielfältigen Expeditionen wirbt die Quadriennale um Teilnehmer aus allen Altersklassen. Vom Grundschulkind im Q10-Team, über den Jugendlichen im Q20-Team und die Midlife-Clique, die unter dem Label Q40 den

Quadriennale-Themen auf den Grund geht, bis zu den gesetzteren Abenteurern – im Q60-Team haben sie unter Anleitung der beiden ExpeditionsInitiatoren Nils Kemmerling und Axel Naß erste Pläne geschmiedet. Vor allem wurden Interviewtechniken eingeübt, die bei Befragungen von Passanten in Düsseldorf zur Anwendung kommen sollen. Egal, was gerade ansteht – immer geben die elf Quadriennale-Begriffe die vage Richtung vor: »Aufbruch / Erde / Himmel / Licht / Fortschritt / Verwandlung / Utopie / Experiment / Feuer / Neugier / Rückzug«. Und bei jeder der Erkundungstouren kommen jene fantastischen Quadriennale-Mobile zum Einsatz – von Axel Naß eigens entworfen und zusammengebastelt aus gebrauchten Fahrrädern und allerlei artfremden Zutaten: Trichter, Schlauch und Hamsterkäfig, Lichterkette und Spielzeugrakete. Jedes Gefährt schaut anders aus, nur der spacige Metallic-Look ist allen gemein - »ein bisschen Future muss sein«, raunt Fahrraddesigner Axel Naß. Ganz konventionell hält er es aber mit dem Antrieb per Pedale. Angesichts von Energie-Problemen und CO2-Sorgen sei diese herkömmliche Methode schließlich ungeheuer zukunftsweisend, so Naß. Noch dazu sind seine Entwürfe ziemlich publikumswirksam. Zumal wenn die Teams sich im passenden Outfit aufs Rad schwingen: von Kopf bis Fuß in silbern-glänzende Raumanzüge gehüllt. »Das sind Astronauten auf Fahrrädern«, erklärte kürzlich eine Mutter ihrem erstaunten kleinen Jungen das merkwürdige Schauspiel. »Wirst du dich an morgen erinnern?« So lautete die Frage auf der per Kettenreaktion entrollten Alufolie. »Es kommt darauf an, was morgen passiert«, könnte die Antwort heißen. Sollten dabei Future-Gefährte und silbern-verhüllte Gestalten im Spiel sein, die mitten in der Stadt eigenartige Performances zum Besten geben – so werden sie zweifellos im Gedächtnis bleiben.

INFO

Die Quadriennale Düsseldorf findet vom 5. April bis 10. August 2014 unter dem Motto »Über das Morgen hinaus« statt. K.WEST ist Medienpartner. www.quadriennale-duesseldorf.de


18 | KUNST

AUSSTELLUNGEN  AACHEN 

LUDWIG FORUM FÜR INTERNATIONALE KUNST  Nancy Graves Project & Special Guests (bis 16. Februar) Jülicher Straße 97–109 Tel.: 0241/18 07 104 www.ludwigforum.de SUERMONDT-LUDWIG-MUSEUM  Sammlung in Bewegung (bis März 2014) Wilhelmstraße 18 Tel.: 0241/47 98 00 www.suermondt-ludwig-museum.de

 AHLEN 

KUNSTMUSEUM  Willi Sandforth - Dem inneren Kompass folgend (15. Februar - 27. April) Anerkannt. Verfemt. Wiederentdeckt: Herbert Ebersbach. Ein Expressionist der Zweiten Generation (16. Februar - 27. April) Museumsplatz 1 Tel.: 02382/91 83 - 0 www.kunstmuseum-ahlen.de

 BEDBURG-HAU 

MUSEUM SCHLOSS MOYLAND  Kunst. Bewegt. (bis März 14) Caroline Bachmann / Stefan Banz: Das Schweigen der Junggesellen (16. Februar bis 27. April) Am Schloss 4 Tel.: 02824/95 10 60 www.moyland.de

 BERGISCH-GLADBACH 

STÄDTISCHE GALERIE VILLA ZANDERS  Monika Grzymala – Rückbau (9. Februar – 1. Juni) Konrad-Adenauer-Platz 8 Tel.: 02202/142356 www.villa -zanders.de

 BIELEFELD 

KUNSTHALLE To Open Eyes. Kunst und Textil vom Bauhaus bis heute (bis 2. März) Artur-Ladebeck-Str. 5 Tel.: 0521/32 99 95 00 www.kunsthalle-bielefeld.de KUNSTVEREIN  Luise Schröder/Katarina Zdjelar (8. Februar – 27. April) Welle 61 Tel.: 0521/178806 www.bielefelder-kunstverein.de

 BOCHUM  

KUNSTMUSEUM BOCHUM  Imaginäre Räume – der Maler Hans Kaiser (16. Februar - 27. April) Kortumstr. 147 Tel.: 0234/9104230 www.kunstmuseumbochum.de

 BONN   AUGUST-MACKE-HAUS  Ernst Moritz Engert: Bohemien, Silhouettist und Schattenspieler (bis Mai) Bornheimer Str. 96 Tel.: 0228/65 55 31 www.august-macke-haus.de HAUS DER GESCHICHTE DER  BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND  The American Way. Die USA in Deutschland (bis 2. Februar); Wir sind wir – Deutsche in Ost und West. Fotografien von Stefan Moses (bis Juni) Museumsmeile Willy-Brandt-Allee 14 Tel.: 0228/91 650 www.hdg.de

KUNST UND AUSSTELLUNGSHALLE DER  BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND  1914 – Die Avantgarden im Kampf (bis 23. Februar); Missing Sons. Verlorene Söhne (bis 23.Februar); Florenz (bis 9. März) Museumsmeile Bonn Friedrich-Ebert-Allee 4 Tel.: 0228/91 710 www.kah-bonn.de Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt: 

KUNSTMUSEUM  Transfer Korea-NRW (18.10.13 - 9.2.14) Museumsmeile Friedrich-Ebert-Allee 2 Tel.: 0228/77 62 60 www.kunstmuseum-bonn.de KUNSTVEREIN  Claire Hooper / Alexandra Bachzetsis (22. Februar - 18. Mai) Hochstadenring 22 Tel.: 0228/693936 www.bonner-kunstverein.de LVR-LANDESMUSEUM   1914 – Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg (bis 23. März) Colmantstr. 14–16 Tel.: 0228/2070–0 www.landesmuseum-bonn.lvr.de

 BOTTROP  

JOSEF ALBERS MUSEUM/QUADRAT   Kunst als Erfahrung. Josef Albers als Lehrer – der Maler und seine Schüler (bis 30. März) Im Stadtgarten 20 Tel.: 02041/29716 www.quadrat-bottrop.de

 BRÜHL 

MAX ERNST MUSEUM  Das 20. Jahrhundert – Werke von Max Ernst aus der Schneppenheim-Stiftung (bis 13. April) »Seine Augen trinken alles«: Max Ernst – Kunst und Kultur am Vorabend des Ersten Weltkrieges (23. Februar – 29. Juni) Comesstraße 42 / Max Ernst Allee 1 Tel.: 01805/743465 www.maxernstmuseum.lvr.de

 DORTMUND 

Dortmunder U – Zentrum für Kunst und Kreativität MUSEUM OSTWALL  Sammlung in Bewegung (bis 8.2.15) Schaufenster #9: Matthias Beckmann (bis 27. April) U_Kulturelle Bildung  Moving Types – Lettern in Bewegung (bis 2. März) Leonie-Reygers-Terrasse Tel.: 0231/50 24723 www.dortmunder-u.de MUSEUM FÜR KUNST UND  KULTURGESCHICHTE  Alfred Flechtheim.com – Kunsthändler der Avantgarde (bis 30.3.13); Herlinde Koelbl – Kleider machen Leute (bis 2. März) Hansastr. 3 Tel.: 0231/50 25522 www.dortmund.de

 DÜSSELDORF 

Hetjens Museum Kähler Keramik. Jugendstil und Art déco in Dänemark (bis 9. Februar): Schöner trinken. Siegburger Steinzeug als Schmuck der Tafel (bis 2. März) Schulstr. 4 Tel.: 0211/89-94210 www.duesseldorf.de/hetjens/

K20 KUNSTSAMMLUNG Gerhard Richter – Die Kunst im Plural (ab 15. Februar) Grabbeplatz 5 Tel.: 0211/83 81 - 130 www.kunstsammlung.de K21 KUNSTSAMMLUNG  Tomás Saraceno – in orbit (bis Herbst 14); Susan Philipsz: The Missing String (bis 30.3.14) Ständehausstr. 1 Tel.: 0211/83 81 600 www.kunstsammlung.de KAI 10  Collagierte Skulpturen (bis 22. Februar) Kaistraße 10 Tel.: 0211/99 434 130 www.kaistrasse10.de KUNSTHALLE  Marijke van Warmerdam – Nahebei und fern; Klasse Schütz – How to respect the space (im KIT, ab 8. Februar) Grabbeplatz 4 40213 Düsseldorf Tel.: 0211/89 96 243 www.kunsthalle-duesseldorf.de www.kunst-im-tunnel.de KUNSTVEREIN FÜR DIE  RHEINLANDE UND WESTFALEN  Rosa Sijben – Things You Know (ab 15. Februar) Grabbeplatz 4 Tel.: 0211/32 70 23 www.kunstverein-duesseldorf.de MUSEUM KUNSTPALAST  Candida Höfer (bis 9.2.14); Große Kunstausstellung NRW (ab 16. Februar); Alfred Flechtheim.com – Kunsthändler der Avantgarde (bis 2. Februar); 5 Jahre Sammlung Stadtsparkasse im Museum Kunstpalast (bis 2. März) Ehrenhof 4–5 Tel.: 0211/89 96 260 www.museum-kunstpalast.de NRW–FORUM KULTUR UND WIRTSCHAFT  Duane Michals (bis 2. März) Heimat – Fotografien aus der Sammlung der DZ Bank (bis 5. März); Tel.: 0211/89 266 90 www.nrw-forum.de

 DUISBURG  

MUSEUM DKM  Linien stiller Schönheit Güntherstr. 13-15 Tel.: 0203/9355547-0 www.stiftung-dkm.de

 ESSEN 

MUSEUM FOLKWANG  Karl Lagerfeld: Parallele Gegensätze (ab 15. Februar); Taryn Simon: There Are Some Who Are in Darkness (bis 2.3.14); Douglas Gordon. Everything Is Nothing without Its Reflection – A Photographic Pantomime (bis 2.3.14); Bilder unter Freunden. Die Sammlung Ernst Scheidegger (bis 15.2.14) Museumsplatz 1 Tel.: 0201/8845444 www.museum-folkwang.de RUHRMUSEUM Kohle Global (bis 30. März); Ausgewählt. Vormoderne im Ruhr Museum (bis 27. April) Zollverein A 14 (Schacht XII, Kohlenwäsche) Gelsenkirchener Str. 181 Tel.: 0201/88 45 200 www.ruhrmuseum.de ZECHE ZOLLVEREIN Schacht XII, Kohlenwäsche Ellen Bornkessel: Play (bis 2. März) Gelsenkirchener Str. 181 Tel.: 0201/246810 www.zollverein.de

 GELSENKIRCHEN   KUNSTMUSEUM Der Weg der Zahl - Zahlenbilder von Egon Karl Nicolaus (ab 17. Februar) Horster Str. 5-7 Tel.: 0209/169-4361 www.gelsenkirchen.de/de/kultur/kunstmuseum   GLADBECK  

NEUE GALERIE GLADBECK Eberhard Havekost / Tatjana Doll (ab 7. Februar) Bottroper Str. 17 Tel.: 02043/3198371 www.neue-galerie-gladbeck.de 

 GOCH 

MUSEUM GOCH  Jon Moscow: Tranquilizer (bis 16. Februar) Kastellstr. 9 Tel.: 02823/97 08 11 www.museum-goch.de

 HAGEN 

EMIL SCHUMACHER MUSEUM  Norbert Kricke und Emil Schumacher. Positionen in Plastik und Malerei nach 1945 (bis 13. April); Emil Schumacher – Kreatur Pferd (bis 9. März) Museumsplatz 1 Tel.: 02331/3060 066 www.kunstquartier-hagen.de

MUSEUM KÜPPERSMÜHLE MUSEUM FÜR MODERNE KUNST  Fred Thieler – Malerei (bis 2. Februar) Jugend interpretiert Kunst (ab 12. Februar) Philosophenweg 57 Tel.: 0203/30 19 48 11 www.museum-kueppersmuehle.de

OSTHAUS MUSEUM  Christian Rohlfs – Das druckgraphische Werk (bis 4. April) Museumsplatz 3 Tel.: 02331/207 3129 www.kunstquartier-hagen.de

LEHMBRUCK MUSEUM  Bilder des Aufbruchs. Der Expressionismus und Lehmbruck (bis 9. Februar); Mischa Kuball – New Pott (ab 22. Februar) Friedrich-Wilhelm-Str. 40 Tel.: 0203/283 26 30 www.lehmbruckmuseum.de

GUSTAV-LÜBCKE-MUSEUM  Teilbereiche wg. Sanierung geschlossen Neue Bahnhofstraße 9 Tel.: 02381/17 57 14 www.hamm.de/gustav-luebcke-museum

 HAMM 

 HERFORD  

MARTA  52 Wochen, 52 Städte. Fotografien von Iwan Baan (bis 16. Februar); Booster: Kunst, Sound, Maschine (ab 15. februar) Goebenstr. 4–10 Tel.: 0 52 21/99 44 30–0 www.marta-herford.de


K.WEST 02/2014 | 19

 KLEVE 

MUSEUM KURHAUS  Llyn Foulkes (bis 2. März) Tiergartenstr. 41 Tel.: 02821/75 010 www.museumkurhaus.de

 KÖLN 

 KREFELD 

MUSEUM HAUS ESTERS  Alicja Kwade. Grad der Gewissheit (bis 16. Februar) Wilhelmshofallee 91–97 Tel.: 02151/97 55 80 www.kunstmuseenkrefeld.de

FORUM FÜR FOTOGRAFIE  Deutscher Fotobuchpreis (bis 2. Februar); Hans-Christian Schink: Tohoku (bis 6. April) Schönhauser Str. 8 Tel.: 0221/3401830 www.forum-fotografie.info

MUSEUM HAUS LANGE  Die Sammlung der Freunde der Kunstmuseen (bis 16. Februar) Wilhelmshofallee 91–97 Tel.: 02151/97 55 80 www.kunstmuseenkrefeld.de

KÄTHE KOLLWITZ MUSEUM Zwischen Japan und Amerika. Emil Orlik – Ein Künstler der Jahrhundertwende (bis 27. April) Neumarkt 18 - 24 Tel.: 0221/227-2899 www.kollwitz.de

 LEVERKUSEN 

KOELNISCHER KUNSTVEREIN  Pietro Roccasalva: F.E.S.T.A. (ab 7. Februar) Hahnenstr. 6 Tel.: 0221/217021 www.koelnischerkunstverein.de KOLUMBA  Zeigen verhüllen verbergen. Schrein – Eine Ausstellung zur Ästhetik des Unsichtbaren (bis 25. August); Bruno Jakob. The Visitors (bis 5. Mai) Kolumbastr. 4 Tel.:0221/933193-0 www.kolumba.de MUSEUM FÜR ANGEWANDTE KUNST  Herzkammer. Die Grafische Sammlung des MAKK (bis 16. Februar); Rolf Sachs »typisch deutsch?« – Eine Auseinandersetzung mit Eigenschaften und Klischees (bis 21. April) An der Rechtschule Tel.: 0221/221-26735 www.museenkoeln.de/museum-fuerangewandte-kunst MUSEUM LUDWIG  Oscar Tuazon: Alone in an empty room (ab 15. Februar) Bischofsgartenstr. 1 Tel.: 0221/221 26 165 www.museenkoeln.de/museum-ludwig/ RAUTENSTRAUCH-JOEST-MUSEUM   Made in Oceania. Tapa – Kunst und Lebenswelten (bis 27. April) Cäcilienstr. 29-33 Tel.: 0221/221 313 56 www.museenkoeln.de/rautenstrauch-joestmuseum RÖMISCH-GERMANISCHES MUSEUM  Alfred Seiland – Imperium Romanum (bis 30. März) Roncalliplatz 4 Tel.: 0221/2212 44 38 www.museenkoeln.de/roemisch-germanisches-museum SK STIFTUNG KULTUR  Die Verzauberung der Welt. Die Klassik des Tanzes von 1713 – 1913 (bis 10. August) Im Mediapark 7 Tel.: 0221/888 95 100 www.sk-kultur.de WALLRAF-RICHARTZ-MUSEUM/   FONDATION CORBOUD  Geheimnisse der Maler. Köln im Mittelalter (bis 9. Februar); Sarah Westphal. Timpano (bis 2. Februar) Martinstraße 39 Tel.: 0221/221–211 19 www.museenkoeln.de/wallraf-richartzmuseum

MUSEUM MORSBROICH  Propaganda für die Wirklichkeit (ab 2. Februar) Gustav-Heinemann-Str. 80 Tel.: 0214/85 55 60 www.museum-morsbroich.de

 MARL 

SKULPTURENMUSEUM GLASKASTEN Creiler Platz Tel.: 02365/99 22 57 www.marl.de/skulpturenmuseum

MÖNCHENGLADBACH 

MUSEUM  ABTEIBERG  In Order To Join – Politisch in einem historischen Moment. Rummana Hussain, Shelagh Keeley u.a., die weibliche Generation der 1980er und 1990er Jahre (bis 16. März) Abteistr. 27 Tel.: 02161/25 26 31 www.museum-abteiberg.de

LUDWIG GALERIE  SCHLOSS OBERHAUSEN  Andy Warhol. Pop Artist (bis 18. Mai) Konrad-Adenauer-Allee 46 Tel.: 0208/4124928 www.ludwiggalerie.de

 RECKLINGHAUSEN  

STÄDTISCHE KUNSTHALLE  Kunstpreis »junger westen« 2013 (bis 2. Februar); RESET: Malerei im digitalen Zeitalter (9. Februar – 13. April) Grosse-Perdekamp-Str. 25–27 Tel.: 02361/50 19 35 www.kunst-in-recklinghausen.de

  WUPPERTAL 

SKULPTURENPARK WALDFRIEDEN  Vorsichtshalber vorsichtig: Installationen von Peter Pabst (bis 1. Februar) Hirschstraße 12 Tel.: 0202/551350 www.skulpturenpark-waldfrieden.de VON DER HEYDT MUSEUM Sammlung Gigoux. Von Cranach bis Géricault (bis 23. Februar) Turmhof 8 Tel.: 0202/563 62 31 www.von-der-heydt-museum.de 

 SIEGEN 

MUSEUM FÜR GEGENWARTSKUNST  At Work. Atelier und Produktion als Thema der Kunst (bis 9. März) Unteres Schloss 1 Tel.: 0271/40 57 70 www.mgk-siegen.de

 UNNA 

ZENTRUM FÜR INTERNATIONALE LICHTKUNST  Words Don’t Come Easily ... (bis 16. März) Lindenplatz 1 Tel.: 02303/103770 www.lichtkunst-unna.de

 MÜLHEIM AN DER RUHR  

KUNSTMUSEUM IN DER ALTEN POST  Jahresausstellung Mülheimer Künstlerinnen und Künstler (bis 2. Februar); August Macke: Sehnsucht nach dem verlorerenen Paradies (2. Februar – 27 April) Viktoriaplatz 1 Tel.: 0208/4 55 41 38 www.kunstmuseum-mh.de

 MÜNSTER 

KUNSTMUSEUM  PABLO PICASSO  Henri Matisse: Figur und Ornament (bis 16. Februar) Picassoplatz 1 Tel.: 0251/41 44 710 www.kunstmuseum-picasso-muenster.de LWL-LANDESMUSEUM FÜR KUNSTUND KULTURGESCHICHTE  Wg. Renovierung bis Herbst 2014 geschlossen Domplatz 10 Tel.: 0251/5907-01 http://www.lwl.org/LWL/Kultur/LWL-Landesmuseum-Muenster/

 NEUSS 

LANGEN-FOUNDATION  Jorinde Voigt. Ludwig van Beethoven Sonate 1-32 (bis 2 Februar); Bernard Réquichot (1929 – 1961); Papiercollagen und Malerei (bis 23. März); Hat der Surrealismus heute noch eine Bedeutung für Sie? (bis 23.März) Raketenstation Hombroich 1 Tel.: 02182/57 010 www.langenfoundation.de

 OBERHAUSEN 

GASOMETER  Zurzeit keine Ausstellung Arenastr. 11 Tel.: 0208.850 37 30 www.gasometer.de

Klassische Moderne und Gegenwartskunst 13. – 16. März 2014 Messe Karlsruhe www.art-karlsruhe.de


20 | KULTURGESCHICHTE

GURLITT SEI DANK TEXT: MARTIN KUHNA

Abraham Mignon: Stillleben mit Fruchtkorb, Kürbis, Melone und Pfirsichen an einer Eiche, um 1670; Museum Kunstpalast, Düsseldorf. Die Stadt hat eingewilligt, dass die »Limbach-Kommission« empfiehlt, was mit dem 1935 erworbenen Gemälde Mignons geschehen soll, das die Erben des einstigen jüdisches Besitzers zurückfordern.


K.WEST 02/2014 | 21

Raubkunst, Provenienz, Restitution – der »Fall Gurlitt« hat solche Begriffe wieder mal durch die Medien gewirbelt. Man könnte meinen, seit dem letzten Skandal sei nichts zur Lösung der zugrundeliegenden Probleme geschehen. Falsch, sagt Christoph Brockhaus. Der frühere Direktor des Lehmbruck Museums befasst sich seit Jahren mit dem Thema.

Zu viel Aufregung in den Medien? »Über die Berichterstattung sage ich jetzt mal nichts«, antwortet Christoph Brockhaus. Als Mitglied des Beirates der Berliner »Arbeitsstelle für Provenienzforschung« möchte er stattdessen einige Fakten darstellen – woraus man indirekt schließen kann, dass er Fakten und Sachlichkeit in der öffentlichen Diskussion hier und da vermisst. Ein Gutes habe die Diskussion aber allemal, sagt Brockhaus: Zu lernen sei aus dem Fall Gurlitt, dass nicht nur öffentliche Institutionen wie Museen, Archive und Büchereien aufgefordert seien, ihre Bestände mit Blick auf zweifelhafte Herkunft zu prüfen, sondern auch private Besitzer. Und das, fügt Brockhaus hinzu, »schließt Händler mit ein«. Er sieht es als eine »gesamtgesellschaftliche Aufgabe«, die Folgen nationalsozialistischer Kunstpolitik und Raubzüge transparent aufzuarbeiten und »in absehbarer Zeit reinen Tisch zu machen«. Christoph Brockhaus räumt ein, dass er und Kollegen seines Alters die Ankaufspolitik deutscher Museen nach dem Krieg früher viel zu unkritisch als eine Art Wiedergut-

machung an zuvor verfemter Kunst akzeptiert hätten. Sie hätten »nicht nachgefragt, woher denn die Kunst auf dem Markt kam; da waren wir zu unsensibel«. Das Problem sei zwar im Prinzip bekannt gewesen, »aber es war nicht in unseren Köpfen«. Wer nicht schon früher durch eine Restitutionsforderung darauf gestoßen wurde, sei in der Regel erst 1998 durch die »Washingtoner Erklärung« über Rückgabe geraubter Kunst mit dem Thema konfrontiert worden. Es gebe da noch viel nachzuholen. Doch wenn jetzt im Zusammenhang mit »Gurlitt« zu lesen sei, dass Museen die Aufarbeitung blockierten, dass es für Provenienzforschung kaum Ressourcen gebe, sei das falsch. In Wahrheit habe sich seit 2008 viel getan. 2006 hatte es den letzten großen Skandal um »Raubkunst« gegeben, als renommierte Museen umstrittene Gemälde restituierten, die anschließend auf dem Kunstmarkt für Millionen versteigert wurden. Damals sagte Lehmbruck-Direktor Brockhaus im Gespräch mit K.WEST, die Bundesregierung habe ihn und seine Kollegen »hängen lassen«, weil die Politiker zwar die »Washingtoner Erklärung« unterzeichnet, den Museen aber kein Geld für Provenienzforschung und den Rückkauf restituierter Werke zur Verfügung gestellt hatten. Welche Mühe Provenienzforschung macht, hatte Brockhaus kurz zuvor erfahren, als das Lehmbruck Museum sich aufgefordert sah, Emil Noldes »Buchsbaumgarten« an die Erben des ursprünglichen Besitzers zurückzugeben. Dem Direk-


22 | KULTURGESCHICHTE

Paul Adolf Seehaus: Leuchtturm mit rotierenden Strahlen, 1913; Öl auf Leinwand, 49 × 55,5 cm. Foto: Kunstmuseum Bonn / Reni Hansen. Das Kunstmuseum Bonn zahlte eine Entschädigung für das Gemälde an die Erben des Vorbesitzers Alfred Flechtheim; so konnte das Bild in der Sammlung verbleiben.

Ernst Ludwig Kirchner:
Hirte mit zwei Kälbern,
um 1920;
Aquarell und Bleistift auf Karton
50,2 × 36,5 cm.
Privatsammlung Curt Glaser, Berlin. Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln/Sabrina Walz. Das Museum Ludwig restituiert derzeit zwei Gruppen von Zeichnungen an die Erben Alfred Flechtheims und Curt Glasers, darunter auch Kirchners »Hirten«. Beide Konvolute verbleiben nach der Restitution im Museum Ludwig.

tor ging der Fall so nahe, dass er sich selbst an die Recherche machte. Am Ende ergab sich, dass der ursprüngliche Besitzer, ein Jude, das Bild zwar zu NS-Zeiten verkauft hatte – aber wohl noch nicht unter nazistischem Zwang. Obendrein verkaufte er an einen anderen jüdischen Sammler, der sich erst später zur Emigration genötigt sah und das Bild mitnehmen konnte. Es gab auch keinen Hinweis darauf, dass damals ein Opfer der NS-Politik das andere übervorteilt hätte. Das Bild blieb in Duisburg, der Fall wurde abgeschlossen. Er hatte Brockhaus ein Jahr lang einen großen Teil seiner Zeit gekostet. Aber so müsse das heute eigentlich nicht mehr sein, sagt er. Denn, so Brockhaus: 13 fest angestellte Provenienzforscher gibt es inzwischen in Deutschland, dazu etwa 60 projektbezogene, befristete Stellen. An mehreren Universitäten und Institutionen wird über das Thema geforscht; es wurden und werden junge Wissenschaftler mit dem nötigen Fachwissen vertraut gemacht; es gibt zahlreiche Magisterarbeiten und Dissertationen zum Thema. Fachkräfte für die Provenienzforschung stehen in wachsender Zahl zur Verfügung. Seit 2008 wurden über die Berliner »Arbeitsstelle« 14,5 Mio. Euro für Provenienzforschung ausgegeben – 8 Mio. vom Bund, 1,36 von der Kulturstiftung der Länder, 5,1 von den Projektträgern. In Nordrhein-Westfalen addierten sich 500.000 Euro Förder- und 460.000 Euro Eigenmittel. In 130 öffentlich geförderten, kurz- und langfristigen Forschungsprojekten wurden über 90.000 Objekte in 67 Museen geprüft, außerdem 500.000 Druckwerke in 20 Bibliotheken. Die kurzfristigen Projekte, erklärt Brockhaus, ergeben sich meist aus konkreten Forderungen auf Rückgabe einzelner Werke. Langfristige Projekte laufen ein oder zwei, maximal drei Jahre lang und beziehen sich auf Teilbestände, die in den jeweiligen Häusern als verdächtig gelten. Auch in NordrheinWestfalen wurden Projekte beider Arten abgewickelt; beteiligt waren Häuser wie Museum Folkwang, LVR-Landesmuseum Bonn, Kunstsammlung NRW und Museum Kunstpalast Düsseldorf, Museum Ludwig in Köln. In vielen strittigen Fällen kam es nach der Überprüfung zu Restitutionen oder »fairen und gerechten Lösungen«. Die Formel bedeutet, dass sich zwischen Verlust und Behalten Kompromissmöglichkeiten für die betroffenen Häuser ergaben: Rückkauf nach Restitution, Verbleib der restituierten Werke im Museum nach Zahlung einer Entschädigung oder als Dauerleihgabe. Über solche Kompromisse »bin ich sehr froh«, sagt Brockhaus, denn sie zeigen: Dem Eingeständnis, dass ein Kunstwerk auf krummen Wegen ins Haus gelangte, muss nicht unausweichlich der Verlust dieser Arbeit folgen. Auch was Beratung und finanzielle Unterstützung angeht, möchte Brockhaus Hüter und Besitzer von Büchern und Kunst ermutigen, ungeklärte Fragen anzugehen. Das »gehört übrigens zu unseren Aufgaben«, sagt er an die Adresse seiner Kollegen, »Man muss sich damit beschäftigen«. Die Zeiten, da Museen mit diesen Problemen »hängen gelassen« wurden, seien vorbei. Mit der Berliner »Arbeitsstelle für Provenienzforschung« und der Magdeburger »Koordinierungsstelle Kulturgutdokumentation/Kulturgutverluste« stünden heute kompetente Berater bereit. Wer sich mit Fragen und begründeten Forschungswünschen an sie wende, »darf dort jedes Entgegenkommen erwarten«. Wichtig sei, dass länger-


fristige Forschungsprojekte sinnvoll zugeschnitten werden: »Größere Häuser können kaum ihre gesamte Sammlung durchforsten lassen.« Aber für Direktoren und Kuratoren sollte es leicht möglich sein, Teile der Sammlung nach Verdachtsmomenten für eine Untersuchung auszuwählen und dafür Fördergeld zu beantragen. Schließlich gelte es, die Arbeit zu delegieren, damit nicht leitende Mitarbeiter des Hauses über Monate ihre eigentlichen Aufgaben vernachlässigen müssen. Auf dem freien Markt gebe es heute genügend wissenschaftlichen Nachwuchs mit Interesse an und Kompetenz für die Provenienzforschung. Bislang, sagt Brockhaus, stünden beim Thema Raubkunst und Provenienz stets größere und bekannte Häuser im Mittelpunkt. »Aber es gibt allein in Deutschland 6.000 Museen – was passiert eigentlich in den kleinen Häusern, von denen man nie etwas hört oder liest in den Medien?« Auch dort gebe es zweifellos frag-würdige Bestände. Dass die kleinen Museen »nun wirklich nicht viel Geld« hätten, müsse kein Hinderungsgrund sein, denn auf den üblichen Eigenanteil könne bei der öffentlichen Förderung in begründeten Fällen verzichtet werden. Außerdem sei es sicher sinnvoll, wenn sich kleinere Häuser in Sachen Provenienzforschung zu gemeinsamen Projekten zusammenschließen. Wäre das, zum Beispiel, eine Aufgabe für jene 20 Häuser, die sich zum Netzwerk der »RuhrKunstMuseen« zusammengetan haben? Durchaus, sagt Brockhaus, »eine gute Idee«. Dass Museen sich den Medien gegenüber zuweilen »zugeknöpft« geben, wenn es um Raubkunst und Provenienz geht, müsse nicht verdächtig sein, meint Brockhaus. In der Recherche-Phase sei es sogar wichtig, mit Fällen unsicherer Provenienz »nicht voreilig an die Öffentlichkeit zu gehen; das muss ordentlich zu Ende gebracht werden können.« Gerade die »fairen und gerechten« Kompromisslösungen geraten leicht in Gefahr, wenn öffentlich darüber spekuliert wird. Nach Abschluss eines Projekts dagegen »erwartet die Arbeitsstelle für Provenienzforschung, dass der Vorgang öffentlich und transparent gemacht wird«. Diese Ergebnisse dann auch überregional zu kommunizieren, sei wiederum künftige Aufgabe der Berliner und Magdeburger Institutionen, die allerdings derzeit beide mit Arbeit am Fall Gurlitt »zugedeckt« seien. Die Betreuer öffentlicher Sammlungen sind qua Amt dazu verpflichtet, Bestände unklarer Herkunft darauf zu prüfen, ob sie irgendwann durch die Hände »ausmerzender« NSKulturbürokraten oder raffgieriger Bonzen und deren Greifkommandos gegangen sind. Bei einstigem Beutegut in privater Hand – Brockhaus vermutet da einen riesigen Bestand teils hoher Qualität – dürfte es in erster Linie eine Gewissensfrage sein, ob man einem Verdacht nachgeht oder nicht. Wer sich im Stillen an Raubgut oder Hehlerware freuen will, den wird man daran nicht hindern können. Sobald es aber um den Verkauf eines zweifelhaften Stückes geht, kommt ein pekuniärer Aspekt ins Spiel: »Käufer sind jetzt gewarnt«, sagt Brockhaus, »die wollen sicher sein, dass das Objekt nicht aus trüber Quelle stammt.« Auch ein Motiv, dass sich »der Handel selbst reinigt« und den »Kunstmarkt sauber hält«. Gurlitt sei Dank.

Logo Guide Das Logo Logofarben Logoschutzzone Logogrößen Don’ts

1

Logo Guide

Das Logo Logofarben Logoschutzzone Logogrößen Don’ts

1

Logo Guide


24 | KULTURGESCHICHTE

»DIE VERANTWORTUNG LIEGT IN BERLIN« INTERVIEW: ULRICH DEUTER

Der Fall Gurlitt hat ein Feuer angefacht, das seit langem schwelt: der Umgang mit »Raubkunst« aus der Nazi-Zeit. Beispielfall Von der Heydt-Museum Wuppertal: Das mit Werken der Moderne überreich ausgestattete Haus wurde durch die Aktion »Entartete Kunst« massiv bestohlen. Besaß (und besitzt vielleicht) indessen selbst Werke, die Juden entzogen wurden. Ein Gespräch mit Museums-Direktor Gerhard Finckh.

Otto Dix: Dienstmädchen im Sonntagskleid, 76 x 50 cm. Erworben 1925, beschlagnahmt 1937; ausgestellt in »Entartete Kunst« München 1937; Verbleib unbekannt.

Eintrag aus dem Verzeichnis der im Besitz des Barmer Kunstvereins befindlichen Gemälde und Bildwerke. Oben: der beschlagnahmte Dix.

K.WEST: Sie haben Ende November dem zuständigen Staatsanwalt in Augsburg eine Liste von Kunstwerken übermittelt, die 1937 im Zuge der Aktion »Entartete Kunst« im Vonder-Heydt-Museum beschlagnahmt worden waren. Was genau fordern Sie von der Strafverfolgungsbehörde? FINCKH: Das Von der Heydt-Museum basierte damals auf dem Barmer Kunstverein und dem Elberfelder Museumsverein, die später zum Kunst- und Museumsverein fusionierten. Die Nazis beschlagnahmten 1937 zirka 150 Gemälde und 350 Arbeiten auf Papier. Möglich


K.WEST 02/2014 | 25

ist, dass das eine oder andere in der Sammlung Gurlitt gelandet ist. Das wissen wir nicht, das war also eine rein vorsorgliche Maßnahme. Aber wenn etwas von dem Geraubten dort sein sollte, dann hätten wir es gern zurück. Inzwischen hat der Staatsanwalt unser Ersuchen an die Provenienzforscher weitergegeben, die die Herkunft der Gurlitt-Werke prüfen. Das wird eine Weile dauern. Dennoch bin ich voller Hoffnung, dass sich unser Anliegen klären lässt. Denn auch damals wurden Kunstwerke, die Museen gehörten, gestempelt oder mit einem Aufkleber versehen. Anhand solcher Merkmale könnte man leicht erkennen, woher was stammt. Zum andern hat jedes Werk eine Inventarnummer, die mit unserem Inventarbuch abzugleichen wäre. Und das Buch von damals besitzen wir noch. Darin sind alle Werke, die damals beschlagnahmt wurden, ausgestrichen. Das Inventarbuch zeigt Künstler, Thema, Preis und Datum des Ankaufs, und diese Zeile ist dann durchgestrichen und mit der Bemerkung versehen: Beschlagnahmt am soundsovielten 1937. Entsprechende Listen haben wir mit nach Augsburg geschickt. K.WEST: Das heißt, die Prüfung wäre relativ leicht und schnell zu leisten. FINCKH: Eigentlich ist das ganz einfach, ja. Deswegen hatten wir auch gedacht, dass die Provenienzforscher sich als erstes diese Nummern vornehmen und so rasch feststellen, welches Werk aus welchem Museum stammt. Bei Privatbesitz ist die Sache nicht so einfach, bei Museen schon. K.WEST: Bekanntlich ist das Einziehungsgesetz von 1938, das die Beschlagnahme von »entarteter Kunst« legalisierte, heute noch immer rechtsgültig. Insofern kann kein Museum, das damals Werke verlor, sie heute zurückfordern. Warum ist das im Fall Ihres Hauses anders? FINCKH: Weil die Bilder, auch wenn sie im Museum aufbewahrt wurden, unter Umständen den Vereinen gehört haben. Und diese Vereine waren eher privater Natur. Sicherlich ist die Rechtslage äußerst kompliziert, aber mein Ansatz und meine Pflicht war, die Hand zu heben und Ansprüche anzumelden. Dahinter steckt allerdings auch noch ein zweites Anliegen. Durch diese, sagen wir mal, plakative Aktion will ich auch darauf hinweisen, wie kompliziert Restitutionsfragen sind, sofern sie Privatbesitz betreffen, und wie schwer wir Museen uns damit tun, sie zu klären. Weil wir dafür weder Geld noch Personal haben. K.WEST: Sie forschen nach dem Verbleib der Ihrem Haus entzogenen Werke?

FINCKH: Das haben wir in der Vergangenheit getan. Derzeit geht es eher umgekehrt zu. Wir haben immer wieder Anfragen etwa von Rechtsanwälten, die jüdische Mandanten vertreten und Erkundigungen über Kunstwerke einholen, die diesen einmal gehört haben könnten. Dann fangen wir an zu recherchieren, und diese Recherchen sind, da es um Privateigentum geht, extrem aufwändig. In meinem Haus bearbeitet diese Fragen meine Stellvertreterin, die war in den letzten zwei Jahren mit fünf oder sechs Bildern befasst, so intensiv, dass sie nebenbei kaum mehr Ausstellungen hat machen können. K.WEST: Was hat sie herausgefunden? FINCKH: Der Kauf fast aller betroffenen Werke war von Seiten des Museums korrekt. In einem Fall aber stellte sich heraus, ein Bild von Caspar Netscher, das sich bei uns befindet und auf das die Erben eines jüdischen Sammlers Anspruch erheben, war von einem der offiziell von den Nazis beauftragten Händler der »entarteten Kunst« – also einem Kollegen von Hildebrand Gurlitt – in München aus der Pinakothek genommen worden. Netscher ist ein Maler des 17. Jahrhunderts, das hat mit »entarteter Kunst« überhaupt nichts zu tun. Sondern der Mann hat sich einfach etwas Schönes rausgesucht und es verscherbelt. An einen niederländischen Sammler. Und als dann die Wehrmacht in Holland einfiel, ist dieser Sammler enteignet worden. Dann kam das Bild, wie genau, wissen wir nicht, zurück nach Deutschland in eine Sammlung und anschließend in den Kunsthandel. Der Vorsitzende des Wuppertaler Kunstvereins hat dieses Bild, wahrscheinlich nichtsahnend, gekauft und dem Von der Heydt-Museum übereignet. Und jetzt sehen wir, es hat einmal ein jüdischer Sammler besessen. Aber ursprünglich hat es der Pinakothek in München gehört! K.WEST: Noch einmal zur eingangs erwähnten Liste: Selbst wenn sich in Cornelius Gurlitts Konvolut Werke aus Ihrem Haus befinden sollten, die Verjährung schützt den alten Herrn davor, Ihnen irgendetwas zurückgeben zu müssen. Die sogenannte Washingtoner Erklärung gilt schließlich nur für Institutionen. FINCKH: Das muss man dann sehen. Vielleicht würde man Herrn Gurlitt oder seine Verwandtschaft einmal treffen können, um die Sache freundlich und zivilisiert zu besprechen. Aber es wäre auch schon schön, wenn wir überhaupt wüssten, wo die Bilder sind. Denn nach Herrn Gurlitts möglichem Ableben geht das Erbe ja an andere, oder auf den Markt. Dann wüssten wir aber Bescheid und könnten eventuell

auf einer Auktion zurückkaufen. Andererseits, auch wenn ein Museum ein Ort des Sammelns ist – es geht nicht immer ums Besitzen. Sondern auch, für die Forschung zu wissen, wo welches Kunstwerk ist. So wissen wir von einem unserer Bilder, dass es – vermutlich durch Diebstahl eines Soldaten – im Louvre gelandet ist. Das fordere ich auch nicht zurück. K.WEST: Museen sind beraubt worden, Museen besitzen aber auch selbst Werke zweifelhafter Provenienz. Im Von der Heydt-Museum stellte sich schon einmal, 2003, heraus, dass das Haus »verfolgungsbedingt entzogene Werke« besaß, die es dann zurückgab. Damals wurde auch deutlich, dass weder das Von der Heydt noch irgend ein anderes namhaftes deutschen Museum seinen Bestand auf Raubkunst hin untersucht hatte. Ist dies mittlerweile in Ihrem Haus geschehen? FINCKH: Vor Jahren ist dies systematisch einmal gemacht worden, mit dem Ergebnis, es gebe nichts Weiteres zu restituieren. Allerdings stellt sich dabei die Frage, wie weit man zurückgehen will in der Provenienz eines Werks. Wenn man noch tiefer nachbohrt, stößt man unter Umständen auf andere Zusammenhänge. Wie im beschriebenen Fall. Mir liegt daran zu betonen, dass wir für Forschungen in diesem Umfang nicht ausgestattet sind. Vielleicht hilft uns die gegenwärtige Debatte, endlich einmal Grund in diese Geschichte zu kriegen. Nicht um einen Schlussstrich zu ziehen, sondern um voran zu kommen. K.WEST: Für Provenienzforschung gibt es für ein Museum keinerlei Unterstützung vom Land oder vom Bund? FINCKH: Der Bund hat in Berlin eine Stelle für Provenienzforschung eingerichtet, auf einen Antrag hin stellt diese Stelle Geld für Forschungsarbeit über eine bestimmte Zeit zur Verfügung. Vielleicht wird sogar gleich ein Forscher vermittelt, der sich auskennt. Denn dazu benötigt man Spezialisten. Gerade haben wir wieder einen neuen Fall zu betreuen; dafür haben wir in Berlin Unterstützung beantragt. Doch diese Hilfe ist ja nur punktuell. Es war der deutsche Staat, der die Bilder 1937 den Museen entzogen und verscherbelt hat, und es ist jetzt der deutsche Staat, der das Washingtoner Abkommen unterzeichnet hat, das die Museen verpflichtet, die Vorkriegseigentümer und Erben strittiger Werke ausfindig zu machen. Aber die Bundesregierung hat bislang nicht für die nötige Ausstattung eines solches Unterfangens gesorgt. Hier würde ich gern die Verantwortung in Berlin reklamieren, jedenfalls in finanzieller und personeller Hinsicht.


26 | DESIGN

Flyer aus dem Labor von »labor b«. Foto: labor b designbüro

MEDIENKUNST, TANZ UND SCHMIERFETTE TEXT: VOLKER K. BELGHAUS Im stetigen Wandel: Das Dortmunder Designbüro »labor b« gestaltet die visuellen Erscheinungsbilder für PACT Zollverein, das Dortmunder U und den HMKV. Und schreckt auch nicht vor dem Mittelstand und komplexen Aufgabenstellungen zurück. Vor kurzem feierte man das zehnjährige Jubiläum.

Schuber Dortmunder U. Foto: Jürgen Landes

Die schon wieder! Diesen Eindruck könnte man als Design- und Kulturinteressierter bekommen, wenn man im Ruhrgebiet auf überaus interessant gestaltete Druckwerke wie Flyer, Plakate, Bücher und Broschüren stößt und beim Blick auf das Kleingedruckte immer wieder »labor b« als gestaltendes Design-Büro liest. Dieser Eindruck trügt zwar nicht direkt, hat aber viel mit Masse und damit verbundener öffentlicher Wahrnehmung zu tun. »labor b« gestaltet für Kultur-Institutionen wie as Dortmunder U, den »Hartware MedienKunstverein« (HMKV) und PACT Zollverein die visuellen Erscheinungsbilder (Corporate Designs) – alles Häuser mit vielen Programmpunkten, die werbewirksam in Form von Flyern und Plakaten unters Volk gebracht werden müssen. Gerade PACT gibt, neben den Spielzeit-Heften, für seine Tanztermine alle paar Wochen gesonderte und eigens gestaltete Flyer heraus. Allerdings: »Wir arbeiten auch für Holifa, das ist ein mittelständisches Unternehmen aus Hagen, das Schmierfette herstellt – das kriegen bloß die wenigsten mit«, betont Simon Busse, Designer und einer von vier Laboranten der ersten Stunde. Vor mehr als zehn Jahren lernten sich die vier Gesellschafter des »labor b« – Simon Busse, Sebastian Gröne, Björn Rüther und Thomas Wucherpfennig – während des gemeinsamen Design-Studiums an der FH Dortmund kennen. Schnell fand man sich zusammen und realisierte neben dem Studium erste Designaufträge, darunter auch ein Plakat für den HMKV und dessen Ausstellung »games« (2003). Kurz darauf wurde in der Güntherstraße, abseits der Innenstadt, ein 30-Quadratmeter-Büro gemietet. Weil aber die Zahl der Mitarbeiter wuchs – 15 derzeit –, residiert das »labor b« seit 2009 auf der Reinoldistraße, im Brückstraßen-Viertel zwischen Konzerthaus, Billig-Jeansläden und Imbissbuden – im selben Block findet man auch einen Naildesign-Shop und eine butzenscheibige 24-StundenKneipe. Spricht man Simon Busse darauf an, dass sich andere Designbüros dieser Größe doch eigentlich repräsentativere Ecken aussuchen, erzählt er von Pitches, den Wettbewerben verschiedener Agenturen um Aufträge und Etats, wo die Konkurrenz aus Düsseldorf und Köln selbstbewusst und in Mannschaftsstärke auflief: »Wir sind da eher zurückhaltend aufgetreten. Wir können viel bieten, sind aber nicht die Typen, die zum Angeben neigen. Deswegen trifft’s die Umgebung hier auch irgendwie.«


K.WEST 02/2014 | 27 Diese bewusste Abgrenzung zur Werbeagentur-Welt setzt sich auch auf der Webseite des »labor b« fort. Dort zeigen die Laboranten, hübsch ironisch in einem Jubiläums-Spezial, nicht nur ihre Lieblingsplakate und Schriften, sondern auch Fotos – »food porn pics« –, die das tägliche gemeinsame Mittagessen, sprich die Nervennahrung aus Erdbeerkuchen, Salaten und Fischstäbchen, dokumentieren. Des Weiteren gibt es Ratschläge, wie man in der Medienbranche lange überleben kann – neben blendendem Aussehen und Professionalität solle man zusehen, dass keine kompromittierenden Fotos im Netz auftauchen. Was folgt, sind Schnappschüsse von wechselnden Frisuren, Mitarbeitern mit Tüten auf dem Kopf und ein Gruppenfoto der vier, etwas derangierten, Geschäftsführer beim nächtlichen Cocktailtrinken. Gearbeitet wird natürlich auch – gerade werden die ersten Plakate für die neue PACT-Spielzeit geklebt. Nach den hintergründigen und teils schwarzhumorigen Illustrationen des letzten Jahres setzt die Agentur auf die typografische Variante – von geschwungenen 50er Jahre-Buchstaben bis hin zur Western-Schrift. »Wir pflegen seit Jahren den stetigen Wandel; das ist zentraler Bestandteil der Kommunikation« sagt Busse. »Wir erfinden uns da jedes Jahr neu, zwei Spielzeiten lang bleibt das Design gleich, dann wird mit teils sehr großem Aufwand die Plakatserie für das Folgejahr erfunden.« Auch wenn dieses offene, narrative Konzept von PACT ausdrücklich unterstützt wird, steht »labor b« oft vor der Herausforderung, ins Blaue hinein gestalten zu müssen. Pro Spielzeit gibt es um die 20 bis 25 Veranstaltungen, darunter viele Uraufführungen – »viele Dinge sind zu dem Zeitpunkt, an dem wir das Erscheinungsbild erarbeiten, noch gar nicht bekannt. Es gibt oft noch keine Bilder, oder der Titel steht noch nicht fest. Da ist es natürlich schwierig, etwas zu machen, was wirklich hinterher auf den Inhalt aufsetzt. Die Typografie ist da dankbarer, weil sie ein bisschen abstrakter funktioniert und mehr Stimmungen transportieren kann.« Bei ihren Plakaten und Katalogen für den HMKV liegt die Sache anders – da müssen sie sich jedes Mal durch einen Wust von komplexen Informationen arbeiten. Die Ausstellung »The Oil Show«, die sich mit der Abhängigkeit vom Rohstoff Öl und den damit verbundenen ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen beschäftigte, war so ein Fall hochkomplexer Theorie. Keine unlösbare Aufgabe, wie der fertige Katalog beweist – nur eben viel mehr als das möglichst hübsche Anordnen von GemäldeFotos, Grußworten und Einleitungstexten. Zudem zeigt sich bei den Plaka-

ten für den HMKV die Lust an der zweiten Wahrnehmungs- und Erzählebene. Es sind oft die kleinen Details, die visuell die Ausstellung thematisieren; da wachsen aus dem plakativen, schwarzweißen Ölfleck für »The Oil Show« Statistikbalken und der rote Kreis für das »Japan Media Arts Festival« wird, aus der Nähe betrachtet, zu einem Wimmelbild aus Mangaund Godzillafiguren, kleinen Mikrofonen und Gamescontroller. Für das Corporate Design des Dortmunder U ging das »labor b« den umgekehrten Weg. Formal, dass es kracht. So ein Auftrag kann für Designer auch zum Albtraum werden – offensichtlicher geht es ja kaum, wenn das Logo schon übergroß auf dem Dach prangt. Zudem stand zum Zeitpunkt der Gestaltung noch nicht mal der Name des Kreativwirtschaftszentrums fest, und ebenso wenig, welche Institutionen zukünftig das Haus prägen sollten. Dennoch lief alles auf die modifizierte Dachmarke im Wortsinn, das U, hinaus. Ein Spagat zwischen Tradition und Moderne, schlicht-formal in gedämpfter Farbgebung, abgeleitet von der Architektur der ehemaligen Brauerei. Auf jedem Medium steht oben mit dem U die charakteristische Krone, unten findet sich ein reduzierter »Sockel« wieder, dazwischen spielt sich, wie auf imaginären Etagen, alles weitere ab. Schließlich muss diese Dachmarke so unterschiedliche Institutionen wie das Museum Ostwall, den HMKV und die TU Dortmund visuell unter einen Hut kriegen. Die schon wieder – wenn das so weitergeht, hat das »labor b« bald ganz Dortmund durchgestaltet. Beim U waren sie diejenigen, die nach einer aufwändigen Ausschreibung des RVR, an der 30 überregionale Agenturen teilnahmen, mit ihrem Konzept übrigblieben – Heimspiel. Das überrascht nicht wirklich für ein Designbüro, das auf seiner Webseite neben den gewonnenen Design-Awards sehr lässig die Meisterschale und den DFB-Pokal gestellt hat.

INFO

www.laborb.de

K.WEST_189,5 x 84 mm_Netzwerk_Layout 1 21.01.14 18:25 Seite 1

Sind Sie schon Fan? BESUCHEN SIE K.WEST IN DEN SOZIALEN NETZWERKEN!

facebook.com/kwestnrw

KUNST, BÜHNE, MUSIK, DESIGN, FILM, LITERATUR DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

twitter.com/kulturwest


28 | DESIGN

das Ding

Design im Alltag

DAS TEMPO-TASCHENTUCH Foto: Tempo

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Man kennt das aus den Romantic Comedys – irgendwann ist im Film die große Liebeskummerkrise angesagt, und die Herzgebrochene heult sich bei ihrer besten Freundin aus, natürlich bewaffnet mit einer schuhkartongroßen Maxi-Packung Taschentücher, die man aus einem Schlitz herauszupfen muss. Kann sein, dass es aus dramatischen Gründen im Kino unbedingt eine dieser Großpackungen sein muss, im bundesrepublikanischen Alltag hat sich indes die kleinere »Weichfolienpackung« durchgesetzt. In blau-weißer Farbgebung, mit dem typischen, geschwungenen Schriftzug und der roten Lasche zum Öffnen, sind die Tempo-Taschentücher zu einem Designklassiker der Jackentasche geworden. Tempo gehört längst zu den »generischen Markennamen«, die entstehen, wenn ein Produkt ohne Konkurrenz auf den Markt gebracht wird, schnell die Marktführerschaft übernimmt und die Konsumenten beginnen, ähnliche Nachfolgeprodukte mit dem selben Namen zu benennen. Die meisten Menschen fragen heute nach einem Tempo, nicht nach einem Taschentuch. Das Blau-Weiß der Packung gilt seit Jahrzehnten der Konkurrenz als Farbvorlage, wenn auch weniger kräftig als das Original, also eher in Richtung der Light-Produkte in helleren Blautönen. Die Unternehmen, die weltweit Tempo-Plagiate auf den Markt werfen, verwenden hingegen ungeniert den Dunkelblau-Ton des Originals oder mixen ein abenteuerliches Dunkellila zusammen. Auch der Markenname als solcher wird sprachlich äußerst kreativ verändert, so gibt es Tampe-, Tango- oder Tampu-Tücher. Eine Sammlung dieser Plagiate lässt sich im Solinger Museum »Plagiarius« bestaunen.

Dabei hat die berühmte Packung einen durchaus langen Entwicklungsweg hinter sich. 1929 wurde das Papiertaschentuch als Patent angemeldet, der Name Tempo stand für den pulsierenden Zeitgeist der 20er Jahre. Schnell setzte sich das Papiertaschentuch gegen die Textilvariante durch; der Hygiene-Aspekt und die entfallende Wasch- und Bügelarbeit überzeugte die Konsumenten. In den 50er Jahren entwickelte Tempo die »Knickpackung«, die man, ähnlich der quadratischpraktischguten Schokolade, in der Mitte aufbrach, um an den Inhalt zu gelangen. Zudem wurde in diesen Jahren der Schriftzug überarbeitet. Ab 1975 führte man die »Z-Faltung« ein, die dafür sorgte, dass sich die Taschentücher ohne langes Fummeln schnell auseinanderfalten ließen. 1978 wurden die bisherigen Packungen aus Pergamin durch die »Weichfolienpackung«, die bis heute im Einsatz ist, ersetzt. In den 80er Jahren folgte dann die wiederverschließbare Packung, außerdem wurde die Produktion nach Neuss verlegt. Später begann man, Sondereditionen zu produzieren. Farbig bedruckte Taschentücher mit Loriot-Motiven, als »Tempo Kids« mit »lustigen Tiermotiven« oder als »Retro Edition im Vintage-Look«, zudem haben Taschentücher mit Mona Lisa-Aufdruck haben längst die Museums-Shops erobert. Auch Schnupfennasen haben ein Recht auf Kitsch. Das passt zum Schlagersänger Andy Andress, der in seinem Video zu »Tausend Taschentücher« theatralisch und in feinstem Discofox seiner Verflossenen hinterherschmachtet und dabei mit großer Geste Taschentücher aus einer Bigbox herauszupft, um sich imaginäre Tränen abzuwischen: »Ich weine tausend Taschentücher / und alle wegen dir / und jede Träne hab ich gezählt / in meinem Taschentuchpapier«. Während wir uns noch über die biologische Besonderheit wundern, dass der Mann keine Tränen, sondern Wegwerfartikel weint, merken wir, dass wir auch ein Taschentuch brauchen. Ob aus Rührung oder Entsetzen ist noch nicht klar.

INFO

www.tempo.net


1914

1914 – MITTEN IN EUROPA IN EINEM GROSSEN VERBUNDPROJEKT ERINNERT DER LANDSCHAFTSVERBAND RHEINLAND (LVR) AN DEN BEGINN DES ERSTEN WELTKRIEGS Verlagsbeilage


Bundeskunsthalle

Domenico di Michelino, Dante und die Göttliche Komödie (Ausschnitt) 1465 © Opera di Santa Maria del Fiore - Archivio storico e fototeca, Firenze

Max Beckmann, Selbstbildnis als Krankenpfleger (Ausschnitt), 1915, Öl auf Leinwand © Von der Heydt-Museum Wuppertal

Ausstellung des Jahres Kritikerumfrage NRW 2013

Welt am Sonntag, 15.12.2013

1914

die avantgarden im kampF bis 23. Februar 2014 in Bonn

++ Picasso ++Dix ++ Klee ++ Macke ++ Beckmann ++ Kandinsky ++ Kirchner ++ Klee ++

Florenz!

kunst- und ausstellungshalle der Bundesrepublik deutschland Museumsmeile Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn T +49 228 9171-200, www.bundeskunsthalle.de

bis 9. März 2014 in Bonn


K.WEST 02/2014 | 31

1914

1914 UND WIR Editorial

100 Jahre ist es her, dass Europa sich dem Abgrund näherte: Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) erinnert 2013 bis 2015 in einem großen Verbundprojekt an den Ersten Weltkrieg. Erstmalig arbeiten die LVR-Museen und Kulturdienste mit zahlreichen Partnern der kommunalen Familie im Rheinland zusammen, um Voraussetzungen und Konsequenzen eines Ereignisses zu beleuchten, das die Geschichtsbücher als »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« vermerken. Der Jahrestag des Kriegsbeginns bietet die Chance, die ganze Spanne zwischen Alltags- und Hochkultur in eine gemeinsame Erzählung zu überführen. Die einzigartige Kooperation umfasst einen internationalen Kongress sowie zahlreiche Ausstellungen, Veranstaltungs- und Exkursionsangebote. Dabei steht das Rheinland als eine Region, die vor, im und nach dem Ersten Weltkrieg eine besondere Rolle einnahm, ganz im Mittelpunkt dieser Erzählung: Im Rheinland hat die Ambivalenz der wilhelminischen Epoche – ökonomischer Fortschritt und soziale Ungerechtigkeit, autoritäre Gesellschaftsstrukturen und kultureller Aufbruch, die vergleichsweise lange Friedensperiode und nationalistischer Militarismus – eine besondere Ausprägung erfahren. Hier lagen die Zentren der ökonomischen Macht um Kohle und Stahl, hier fassten die neuen Leitindustrien Maschinenbau, Elektroindustrie und Chemische Industrie allmählich Fuß. Und das Rheinland war Grenzland, Aufmarschgebiet und Projektionsfläche für die ideologische Aufrüstung eines Regimes, das laut und vernehmlich nach der Weltmacht strebte. Hier etablierte sich aber auch vor 1914 eine Kunstszene, die zwischen Berlin und Paris Spitzenpositionen einnahm. Mit »1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg« möchten wir Sie herzlich einladen, von September 2013 bis Mitte 2015 die zahlreichen Ausstellungen und Veranstaltungen des Landschaftsverbandes Rheinland und seiner Partner zu besuchen. www.rheinland1914.lvr.de

»Der Erste Weltkrieg ist der erste Krieg der europäischen Neuzeit, der sich lange Zeit nicht kommunizieren ließ. Was die Soldaten auf den Schlachtfeldern von Flandern erlebt hatten, überstieg alle bisherige Kriegserfahrung in einem Maße, das in Worten und Bildern kaum zu vermitteln war. Das verband die Kriegsteilnehmer diesseits und jenseits der Fronten. Dies bildet auch heute noch den Ausgangspunkt für eine gemeinsame europäische Erinnerung. Gleichwohl wird der Erste Weltkrieg in Europa ganz unterschiedlich erinnert. Vor allem für Briten, Franzosen und Belgier bleibt er allein schon aufgrund der überaus hohen Zahlen ihrer gefallenen, vermissten und verwundeten Soldaten, aber auch wegen des endlichen Sieges, stets der »Große Krieg«: The Great War, La Grande Guerre, De Groote Oorlog. In der Erinnerung der meisten Deutschen dagegen hat der Zweite Weltkrieg die Ereignisse des Ersten weithin überformt. Fast ein Jahrzehnt dauerte es nach Ende des Krieges, bis der Bann der kollektiven Erinnerung in den beteiligten Nationen gebrochen war, erste Darstellungen in Film und Roman erschienen, in denen sich die Weltkriegsgeneration wiedererkannte. Doch kaum artikuliert, wurden die Erlebnisse des Krieges in Süd-, Mittel- und Osteuropa auch schon wieder überlagert von neuen Gewalterfahrungen. Die Erinnerungen in Ost und West trennten sich: In Belgien, Frankreich und Großbritannien bewahrten sie für die jüngere Generation vielfach ihre sinnstiftende Bedeutung, in Deutschland nicht. Die Lehren, welche die ältere Generation aus dem Ersten Weltkrieg gezogen hatte, erwiesen sich hier nach 1945 als nicht mehr zukunftsfähig. So ging das Deutungspotential des Ersten Weltkriegs für die folgenden Katastrophen in Deutschland weithin verloren. Erst im Abstand mehrerer Generationen ergibt sich heute die Chance einer sicheren historischen Einschätzung. Deshalb kann der erste große Krieg des 20. Jahrhunderts nun auch in Deutschland wieder in die kollektive Erinnerung und die Erinnerungskultur im Sinne einer Völkerverständigung aufgenommen werden.«

Milena Karabaic M.A. LVR-Dezernentin Kultur und Umwelt

Aus dem Manifest des Wissenschaftlichen Beirates »1914 – Mitten in Europa«

PD Dr. Thomas Schleper Projektleiter


32 | SPECIAL 1914

CHAOS IM KOPF TEXT: STEFANIE STADEL

Max Ernst: Selbstporträt 1909, Max Ernst Museum Brühl des LVR, Stiftung Max Ernst. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Während der neun Semester an der Bonner Universität strömt allerhand Prägendes auf den jungen Max Ernst ein: Philosophie, Psychologie, Kunstgeschichte. Expressionismus, Futurismus, Kubismus. Der werdende Künstler sieht Werke von van Gogh und schließt Freundschaft mit August Macke. Die Inkubationszeit des Welttalents am Vorabend des Ersten Weltkriegs ist jetzt Thema einer großen Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl des LVR.

Nachdenklich schaut der junge Mann aus dem Bild heraus. Oder doch vielleicht eher in sich selbst hinein? Dazu passt seine klassische Denkerpose – das Kinn gewichtig in die stützende Hand gelegt. Der Maler trägt die Farben pastos auf und macht damit klar, dass er auch mit Methoden der frühen Moderne vertraut ist. Keine Selbstverständlichkeit, denn Max ist gerade mal 18 Jahre alt, als er sich 1909 so gedankenverloren in Szene setzt. »Ohne Schaden an seiner Seele« hat er nach eigenem Bekunden »die Wonnen und Gräuel der wilhelminischen Erziehungsmethoden in der Seminar-Übungsschule zu Brühl und im Städtischen Gymnasium« überstanden. Das Selbstporträt zeigt Max Ernst am Beginn eines neuen Lebensabschnitts: Hinaus aus der kleinen Heimatstadt Brühl führt er den jungen Mann zum geisteswissenschaftlichen Studium ins benachbarte Bonn. Während der neun Semester dort erfährt er prägende Einflüsse. Jene Jahre bis 1914 sind es, die jetzt im Max Ernst-Museum interessieren: Die Inkubationszeit des später weltberühmten Künstlers ist Thema der großen Ausstellung dort. Germanistik, Romanistik, Psychologie, Psychiatrie und vor allem Kunstgeschichte stehen auf dem Stundenplan. Aber das ist längst nicht alles. Nebenbei begibt der junge Student sich auf die Suche: Er sieht Kunst, alte und zeitgenössische; er lernt wegweisende Künstler kennen, schreibt Kunstkritiken. Und natürlich malt er weiter. Begonnen hatte Max Ernst damit bereits in Brühl. Das Selbstbildnis des 18-Jährigen zeugt von ersten hoffnungsvollen Schritten. »Mäßiges Einkommen viele Kinder, viele Sorgen«, so sein Resümee der Zeit im Elternhaus an der Schlossstraße. Den Umgang mit Pinsel und Farbe hatte er dort vom Vater erlernt: Philipp Ernst war Taubstummenlehrer, sammelte nebenbei Schmetterlinge und betätigte sich als technisch versierter Hobbykünstler. Anders als dem Vater, dies belegt die Schau, war dem Sohn schon damals nicht so sehr an einem möglichst getreuen Bild der äußeren Wirklichkeit gelegen. Sehr früh versuchte Max, die selbst empfundene Stimmung ins Bild zu bringen – offensichtlich in seiner »Studie aus dem Brühler Park« von 1909. In Bonn nun beschleunigt sich die Entwicklung: Max Ernst stellt seine Sinne auf Empfang. Dabei vermeidet er nach eigener Aussage »sorgfältig alle Studien die zum Broterwerb ausarten können. Er malt. Verschlingt wahllos alles was ihm an Literatur in die Hände fällt. Lässt sich von allem beeinflussen, lässt sich gehen, nimmt sich wieder zusammen usw. Resultat: Chaos im Kopf. Auch in der Malerei: Seine Augen trinken alles, was in den Sehkreis kommt«. Es waren wohl durchaus widerstrebende Eindrücke. Schien die Szene doch zum einen durchdrungen von der sehr konservativen, offiziellen Kunstauffassung spätwilhelminischer


K.WEST 02/2014 | 33

1914

Max Ernst: Kampf der Fische, 1917, Sammlung Dallas Ernst. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Zeit und zum anderen bestimmt durch die vielfältigen avantgardistischen Neuigkeiten der Klassischen Moderne. In der Ausstellung verweisen etwa Gipse aus der AbgussSammlung des kunsthistorischen Instituts auf die konservativen Lehrinhalte an der Bonner Universität. Viel wichtiger aber als solche alten Relikte werden für Max Ernst die Vorreiter der Moderne und wegweisende Zeitgenossen, die er persönlich kennenlernte oder deren Werke er in Ausstellungen damals bewundern konnte. Ganz besonders in der epochalen Kölner Sonderbundausstellung, die 1912 die europäische Moderne unters Volk bringen wollte. Mit rund 130 Bildern aller Schaffensphasen war Vincent van Gogh der Star im aufregenden Aufgebot dieser großen Schau und weckte offenbar besonderes Interesse beim jungen Max Ernst. Als Beleg seiner Begeisterung zeigt man in Brühl nun etwa die »Pingsdorfer Kirmes«, deren bewegter Malgestus deutlich an van Gogh erinnert. Oder auch die »Eisenbahnunterführung an der Comesstraße«: Diesmal zitiert Max Ernst ein Motiv, das er bei van Gogh sah, und wandelt es eigenständig ab. Durch eine fluchtende Mauer und diagonal kreuzende Telegrafenkabel bringt er mehr Dynamik ins Geschehen. Das alles unter einem Himmel, dessen wirbelnde Bewegtheit van Goghs späten Gemälden abgeschaut sein könnte. 1912 konnte Max Ernst sich auch ausgiebig mit den Werken der Futuristen vertraut machen. In der Kölner Galerie Otto Feldmann, wo mehr als 30 Beispiele dieser Stilströmung

zu sehen waren. Ihr Hauptthema: das moderne Leben – Straßen, Hochhäuser, Fabriken, motorisierte Gefährte. Die meisten dieser Zutaten begegnen uns in Max Ernsts »La ville« im Schein elektrischer Straßenbeleuchtung wieder. Unübersehbar ist der futuristische Einfluss auch im »Porträt« einer Dame, deren Gesicht sich inmitten kreisender Strudel einander durchdringender Formen zeigt. Neben Max Ernsts frühen Werken, die der Ausstellung als Basis dienen, ist einiges aus dem künstlerischen Umfeld zu sehen. Stücke, die Ernst sah, die ihm gefielen oder auch missfielen. Künstler, die ihn inspirierten – Gauguin, Delaunay, Klee, Kandinsky, Macke, Marc, Matisse. Was ihm das städtische Museum Villa Obernier bot, fand dagegen häufig weniger Zustimmung. Mitunter verlieh Max Ernst seinem Unmut als Kunstkritiker für den Bonner »Volksmund« Ausdruck. Etwa wenn er über den Spätimpressionismus eines Hans-Josef Becker-Leber herzieht mit seinen »faden, langweiligen Impressionen in mattlila, mattrosa, mattblau, mattgrün und ihren rosa parfümierten Blümchen«. Max Ernst erkannte, was gut war und wichtig werden wird. So hielt er sich lieber an den vier Jahre älteren, in der internationalen Avantgarde-Szene hervorragend vernetzten Macke. Dessen Malerei, so Max Ernst, »schöpfte ihre Kraft aus einer geradezu beängstigenden Ruhe, einer verborgenen Eleganz und unwiderstehlichen, musikalischen Anmut«. Was ihm selbst vage vorschwebte, sei allerdings Mackes Kunst total entgegengesetzt.


34 | SPECIAL 1914

Mag sein, trotzdem nimmt Max Ernst einiges an von dem Kollegen. Unmittelbar nachdem die beiden Künstler Freundschaft geschlossen hatten, finden etwa Mackes elegante Damen Eingang in das Werk des Jüngeren. Ebenso wie die für Mackes Figurenbild typischen schwungvollen Linien. Bei Macke zu Hause machte Max Ernst auch die folgenreiche Bekanntschaft mit Robert Delaunay. Der Franzose und seine Farbmalerei standen damals hoch im Kurs bei fortschrittlich gesinnten Zeitgenossen und ließen auch ihn nicht unberührt. Zu erahnen ist der Einfluss mit Blick auf die Farbigkeit – etwa in Max Ernsts »Kampf der Fische«. Oder auch im Aquarell »Von der Liebe in den Dingen«, das Delaunays kontrastreichem Farbklang mit den kubistischen Ideen eines Picasso zusammenbringt. Seine »Augen trinken alles« und geben sich besonders gierig, wenn es um avantgardistische Äußerungen geht. Max Ernst macht sich das Neue zu Eigen, aber nicht einfach so. Es wird abgewandelt, umgemünzt, neu interpretiert und zuweilen kühn kombiniert – auch mit Elementen, die den Künstler an außereuropäischen oder Jahrhunderte alten Objekten faszinieren. Eindrücklich in seiner »Kreuzigung« von 1913, die deutlich an den Manieristen El Greco

anknüpft, aber auch Einzelmotive des deutschen Renaissancemalers Matthias Grünewald aufgreift, um sie in eine kubo-futuristisch zergliederte Landschaft zu verpflanzen. Im Sommer 1914 endet für Ernst die inspirierende Studienzeit in Bonn: Der Künstler meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst. Mit den vielen Eindrücken im Kopf wird er danach eigene Wege beschreiten – von Dada zum Surrealismus. »Max Ernst stirbt am 1. August 1914«, so stellt er selbst rückblickend fest. »Er kehrte zum Leben zurück am 11. November 1918 als junger Mann, der ein Magier werden und den Mythos seiner Zeit finden wollte«.

INFO Max Ernst Museum Brühl des LVR 23. Februar bis 29. Juni 2014 www.maxernstmuseum.lvr.de

K.WEST_A5_BEUYS_Layout 1 22.01.14 12:24 Seite 1

BEUYS?

ANTWORTEN MONATLICH. KUNST, BÜHNE, MUSIK, DESIGN, FILM, LITERATUR DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS www.kulturwest.de oder Tel.: 0201 / 86206-33

ABO?

0201/

86206

-33


K.WEST 02/2014 | 35

REFORM UND REVISION

1914

Ausstellung im Heine-Institut: Die literarischen Rheinlande im Kaiserreich

THEATERUTOPIEN

Die weißen Blätter waren es nicht, jene literarisch engagierte Revue, die René Schickele ab 1914 herausgab und die sich den Pazifismus auf die Fahnen geschrieben hatte; vielmehr hatte die Zeitschrift Die Rheinlande ein breiteres Farbspektrum, teils deutsch-national koloriert und schwarz-weiß-rot gestreift wie die Reichsflagge. Schickele, der Elsässer, dessen deutsch-französische Biografie schicksalhaft bezeichnend wurde für Synthese und Krise der europäischen Nachbarn, schrieb in ihr. Mit ihm Kollegen wie Hasenclever, Kracauer, Else Lasker-Schüler, Lehmbruck, Robert Walser. Aber auch die eher konservative Fraktion mit Richard Dehmel, Clara Viebig, Detlev von Liliencron, Hodler, Hesse. Selbst ein Reaktionär wie der Wiener Esoteriker, völkische Okkultist und Neo-Germane Guido von List fand Platz. Diese Zeitschrift steht im Mittelpunkt einer Ausstellung über das literarische und kulturelle Klima im Rheinland während des Kaiserreichs, die das Rheinische Literaturarchiv im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut organisiert. Die Publikation, als Organ des »Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein« herausgegeben, spiegelt die Zeit selbst, in der Revolte und Restauration in der Luft lagen, in der Lebensreform, élan vital, Zukunfts- und Fortschrittsglaube sich an autoritären und aggressiven rückwärts gerichteten Anschauungen rieb, aus der die Menschheitsdämmerung des Ersten Weltkriegs entsprang. Sie bietet ein Arsenal, anhand dessen sich die Verästelungen der kulturellen Aktivitäten und Entwicklungen beobachten lassen. Dazu gehören die literarischen »Morgenfeiern« um den liebenswürdigen Protagonisten Herbert Eulenberg, die das Düsseldorfer Schauspielhaus unter Louise Dumont/Gustav Lindemann ausrichtete, die »Literarische Gesellschaft Bonn« oder der »Rheinische Frauenbund« sowie Kunstausstellungen in den Metropolen. Nicht weniger hat die Quellen und Archive wissenschaftlich befragende Schau ein soziologisch motiviertes Interesse, will die ökono-

Manches, was in der Aufbruchszeit vor dem Ersten Weltkrieg im Theater in Berlin nicht möglich war, fand offene Türen und Augen im Rheinland. So inszenierten Louise Dumont und Gustav Lindemann gemeinsam mit Bühnenarchitekten wie Eduard Sturm, Knut Ström und Adolf Uzarski seit 1905 das moderne Theater in Düsseldorf. Auch in der Theaterabteilung der Kölner Werkbundausstellung von 1914 fanden sich Ideen eines ganz neuen Verständnisses von Bühne und Schauspiel – Henry van de Velde schuf hierfür die Architektur. »Feste des Lebens und der Kunst« hatte Peter Behrens – von 1903 bis 1907 Direktor der Kunstgewerbeschule Düsseldorf – seine Überlegungen zum Theater als »höchstem Kultursymbol« betitelt. Zum Ende des Gedenkjahres 1914 zeigt das Institut »Moderne im Rheinland« an der Heinrich-Heine-Universität in den Räumen des ehem. NRW-Forums daher die Ausstellung »Orte der Utopie. Theater- und Raumkonzepte in Zeiten des Krieges« – zur Erinnerung an diese große Zeit der Erneuerung. | K.WEST

mische und kulturpolitische Infrastruktur im rheinischen Radius darstellen und die DiskursPartner und Akteure und ihre Absichten, will Zwecke und Ziele offenlegen. Es sei, so meinen die Macher, »noch wenig bekannt über literarische Interaktionsräume« mit all ihren Nischen, Winkeln und Geheimkabinetten. Man wird im Heine-Institut dafür sorgen, dass die Blätter nicht unbeschrieben bleiben. | AWI

Deckblatt einer »Rheinlande«-Ausgabe © HeinrichHeine-Institut

INFO »Wir ungereimten Rheinländer … – Zwischen Aufbruch und Beharrung. Die Rheinlande und das literarische Leben 1900-1914.« Heinrich-Heine-Institut: 14. September bis 23. November 2014; Düsseldorf, Bilker Straße 12-14; 10. Februar bis 19. April 2015, Ernst-Moritz-Arndt-Haus, Bonn.

INFO 16. Januar 2015 bis 3. Mai 2015 im NRW-Forum für Kultur und Wirtschaft Düsseldorf www.moderne-imrheinland.com www.duesseldorf.de/ theatermuseum


36 | SPECIAL 1914

WESHALB NITT FRÖHER? Ländliches Alltags- und Kriegserleben in der Eifel Auf dem Gelände des Freilichtmuseums Kommern betten sich 65 historische Gebäude zwischen Äcker, Bauerngärten und Obstwiese. Bauernhöfe, Wind- und Wassermühlen, Werkstätten, Gemeinschaftsbauten wie Schulund Backhaus, Tanzsaal und Kapelle aus der ehemaligen preußischen Rheinprovinz – die Idylle täuscht darüber hinweg, dass auch die ländliche Voreifel nicht verschont blieb vom »Großen Krieg«. Litt und mitmachte: Am Mobilmachungstag, dem 2. August 1914, notiert der »Eifelmaler« Anton Keldenich damals in sein Tagebuch: »Alle waren begeistert damit Einverstanden und eine laute Stimme schrie aus der Menge heraus: ›Weshalb nitt fröher!‹« Keldenich ist der Hauptzeuge der Ausstellung »Kriegs(er)leben im Rheinland zwischen Begeisterung und Verzweiflung« im Freilichtmuseum Kommern. 1874 in dem Dorf Wüschheim bei Euskirchen in kleine Verhältnisse hineingeboren – der Vater ist Gelegenheitsarbeiter –, macht er

eine Lehre als Kirchenmaler, begibt sich dann in guter alter Handwerkstradition auf die Walz nach Italien. Zurück in der Eifel, in in Großbüllesheim, führt er nicht nur ein angesehenes Malergeschäft, sondern auch die Dorfchronik. Nachdem er 1915 eingezogen wird, schildert er in Tagebüchern die Kriegsereignisse und ergänzt sie mit zahlreichen Skizzen und Zeichnungen – ein unschätzbar direkter Einblick in das Leben, Denken und Fühlen einfacher Leute rund um den sowie im Ersten Krieg. | UDE

INFO

LVR-Freilichtmuseum Kommern 29. Juni 2014 bis 18. Oktober 2015 www.kommern.lvr.de

Anton Keldenich: Gasalarm, 1918 © LVR-Freilichtmuseum Kommern


K.WEST 02/2014 | 37

RHEINISCHES KRIEGSGEMÜT

1914

Die Metropole Köln vor dem Ersten Krieg Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg sind unter andrem geprägt durch ein explosives, vielleicht aber auch fruchtbares Gegen- und Nebeneinander extrem moderner sowie stark konservativer Strömungen: Fortschrittsglaube und Kaisertreue, Urbanismus und Großstadtangst, Kubismus und Bratenrock. Das lässt sich auf besondere Weise am Beispiel einer großen und sich stets frei fühlenden Stadt wie Köln demonstrieren. Gegen Ende des Themenjahres »1914. Mitten in Europa« will daher die Verbundausstellung »Köln 1914 – Metropole im Westen« untersuchen, welche Stimmung und Lage vor den Augusttagen 1914 in der Domstadt herrschten, welche avantgardistischen, welche rückständigen Kräfte am Werk und welches die entscheidenden Faktoren waren, die Köln als Metropole des Westens ausmachten. Für diese Ausstellung werden das Kölnische Stadtmuseum (KSM), das Museum für Angewandte Kunst (MAKK) sowie die Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln ihre Kräfte bündeln; gezeigt wird die Schau im MAKK und im KSM. Ersteres wird sich den künstlerischen und kulturellen Strömungen der Zeit widmen, letzteres den wirtschaftlichen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen sowie dem Alltagsleben der Kölner im Jahr des Kriegsbeginns. Der erstickte recht rasch und für Jahre den eingangs erwähnten Wettkampf der Strömungen – exemplarisch hierfür die Kölner Werkbundausstellung. Sie war die erste Leistungsschau des Deutschen Werkbundes und wollte in Schaustücken der Kunst, der Architektur und des Kunstgewerbes das präsentieren, was man damals als Neue Zeit empfand. Henry van de Velde, Walter Gropius, Peter Behrens, Bruno Taut und andere Baumeister und Künstler der Reformbewegung waren dabei. Der Kriegsbeginn im August 1914 brachte jedoch das schnelle Ende der am 15. Mai eröffneten Werkbundausstellung; im Gegensatz zu den Theatern, die ab September wieder spielen durften, blieb es auch dabei, das Ausstellungsgelände wurde fortan militärisch genutzt, die Bauten verfielen oder wurden demontiert.

Anderes in Köln hingegen profitierte vom Krieg: Die neue Kettenhängebrücke etwa, die 1914 bereits im Bau war und die Altstadt mit dem rechtsrheinischen Deutz verbinden sollte, wurde unter dem Druck der Generäle schon im Dezember des Jahres ’14 und damit viel früher fertig als geplant – zumindest für den Fußgängerverkehr, was hieß, zur Überführung von Truppenteilen. Auch die Christbaumschmuckmanufakturen erkannten die neue Zeit: Sie bliesen neue Baumgehänge: mit Kaiser-Wilhelm-Bild und Eisernem Kreuz. Eine solche patriotische Weihnachts-Bijouterie etwa wird in der Doppelausstellung zu sehen sein, ebenso der letzte Bolzen der neuen Brücke, Schellackplatten zum 25-jährigen Regierungsjubiläum Wilhelms II., Prunkgerät des Kölner Rates, der Zünder einer Fliegerbombe, Gemälde, Plakate und Fotografien der Zeit und Objekte der Werkbundausstellung – sowie das kaum bekannte Kölner Kapellenauto No. 1 – ein für den Feldgottesdienst gedachtes fahrbares Kirchlein. Typisch Köln. | UDE

INFO

Kölnisches Stadtmuseum und Museum für Angewandte Kunst Köln – MAKK; 22. November 2014 bis 19. April 2015 www.makk.de + www.rwwa.de www.museenkoeln.de/koelnischesstadtmuseum

ESSEN, TRINKEN, VATERLAND Konsumgenossenschaften im Rheinland: Barmen

INFO

1899 gründeten sozialistische Barmer Arbeiter die Konsumgenossenschaft »Vorwärts« zur Versorgung der Arbeiterfamilien mit preiswerten und gesunden Lebensmitteln. Lagerhäuser, Werkstätten, eine Bäckerei wurden in dem späteren Stadtteil von Wuppertal errichtet, außerdem eine Genossenschaftszentrale mit unterirdischer Bahnanbindung. In der Versorgungskrise der Kriegsjahre wurde die fortschrittliche Organisationsstruktur des Bundes unentbehrlich, brachte obrigkeitliche Anerkennung, aber auch einen Bruch mit den internationalistischen konsumgenossenschaftlichen Idealen.

»Mit uns zieht die neue Zeit«. Die Konsumgenossenschaften im Rheinland am Beispiel der »Vorwärts« Barmen; 27. April bis 14. September 2014, Ehemalige Konsumgenossenschaft Vorwärts e.V., Münzstraße 53, Wuppertal www.vorwaerts-muenzstrasse.de


38 | SPECIAL 1914

Feldhaubitze, Fried. Krupp AG, 1913. © LVR-Industriemuseum

»DAS RHEIN-RUHR-GEBIET WAR EINE TÄTERREGION« INTERVIEW: ULRICH DEUTER

Gewissermaßen die Dicke Berta des Themenjahres Erster Weltkrieg ist die kulturhistorische Ausstellung »1914 – Mitten in Europa«. Sie ist gemeinsam kuratiert vom Ruhr Museum Essen und dem LVR-Industriemuseum, mit 2.500 Exponaten bestückt, zu sehen in der gewaltigen Mischanlage der Kokerei Zollverein. Jedoch wird hier nicht mit Hybridkanonen auf Erbfeinde geschossen, sondern mit den subtilen Werkzeugen moderner Ausstellungskunde nach den Fundamenten einer Zeit geforscht, in der wir heute noch leben. Über die Beschaffenheit dieser Grundsteine geben Auskunft Theodor Grütter, Direktor des Ruhr Museums, sowie Walter Hauser, Leiter des LVRIndustriemuseums.

K.WEST: Ihre Ausstellung beginnt und endet nicht mit dem Ersten Weltkrieg, sondern überspannt Jahrzehnte, von 1900 bis 1933. Inwieweit stellt dennoch 14/18 die Nabe dar, um die sich diese Dekaden drehen? HAUSER: Wir betrachten das Jahr 1914 gewissermaßen als Scharnier. Der Krieg zerstört oder bremst Vieles, was sich zuvor entwickelt hatte. Er wirkt als Zivilisationsbruch, stellt aber auch eine katalytische Verstärkung verschiedener Faktoren dar. 1918 Schluss zu machen, ergibt gerade in der Rhein-Ruhr-Region keinen Sinn, denn der Krieg verlängert sich hier bis 1923/25 – Ruhrkampf, Ruhrbesetzung usw. Erst wenn man den großen Bogen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die späte Nachkriegszeit sieht, ver-


K.WEST 02/2014 | 39

Lebensmittelmarke, Essen, 1914/18 © LVR-Industriemuseum

steht man, wofür 1914 symbolisch und emblematisch steht. Deshalb ist es am Ende eine Epochenausstellung geworden, ausgehend vom Jahr 1914. K.WEST: Stellt der August 1914 in dieser Konzeption nur einen Moment in einer einzigen kontinuierlichen historischen Bewegung dar, oder ist er mehr? Was bedeutet Scharnier? GRÜTTER: Zunächst einmal: Wir haben die ganze Region Rhein-Ruhr im Blick – von Köln bis Dortmund. Sie wird damals als viel zusammenhängender erlebt als heute. Und hier bedeutet 1914 nicht zuletzt den Einbruch von Gewalt. Hier hat sich seit Ende des 19. Jahrhunderts ein Wohlstandsniveau entwickelt, das erst in den 1950er, 60er Jahren wieder erreicht wird. Und da bricht der Erste Weltkrieg mit längst überwunden geglaubten, existenziellen Schrecknissen ein: Hunger, Verelendung, Leid. Und mit einer Gewaltbereitschaft, die atavistisch anmutet. In den Jahren nach 1918 werden Menschen auf der Straße einfach erschossen. Eine Verrohung ohnegleichen, die auch die Keimzelle für die Gewalt im Zweiten Weltkrieg darstellt. Und dem Hunger fallen im Ruhrgebiet mehr Menschen zum Opfer als den Bomben im Zweiten. HAUSER: Die Ausstellung durchzieht ein Leitmotiv, der Doppelklang von Avantgarde und Aggression. Gemeint ist die Ambivalenz, mit der die Moderne erlebt wird, latente Gewalttätigkeit steckt von Anfang darin. Der spüren wir, bezogen auf die Vorkriegszeit, ein Stück weit nach. 1914 bricht diese Gewalt aus, ist aber in dem, was vorher war, bereits enthalten. Die Zeit um die Jahrhundertwende kennt Utopien aber auch Dystopien. In den großartigen Vorstellungen und Visionen über die Zukunft, die damals kursieren, wird Gewalt auch schon imaginiert. Diese Ambivalenz ist von Anfang an da. In der Historie, in unserer Ausstellung. K.WEST: Die Ausstellung will den Blick weniger auf das Kriegsgeschehen an der Front als auf die gesellschaftlichen

Modernisierungsschübe in der Region an Rhein und Ruhr richten. Welche sind dies im Wesentlichen? GRÜTTER: Ganz wichtig sind alle Formen der Rationalisierung, die um die Jahrhundertwende beginnen, die dann durch den Krieg mit seinen Erfordernissen extremer Durchrationalisierung von Prozessen beschleunigt werden. Massenheere müssen geführt und versorgt, Gütermassen transportiert werden. Der wachsende Bedarf an Nachschub für die Front erfordert immer raffiniertere Produktionsmethoden. Sozialpolitisch ist der Beginn von so etwas wie Sozialpartnerschaft zu nennen: Der Burgfrieden zwischen Kapital und Gewerkschaften, die erste umfassende politische Partizipation der Arbeiterschaft entstand im Krieg. Nicht zuletzt: Der große Gleichmacher Krieg erleichtert es, die alte Feudalgesellschaft 1918 abzuschaffen und die sozialen Stufen abzuflachen. K.WEST: Das Rheinland sozusagen als Etappe hinter der Front? HAUSER: Als ein Schauplatz der Modernisierung. Sie ist eine Region, die von den Prozessen der Modernisierung und der rasanten Urbanisierung – mit sozialer Entwurzelung, dem Aufbau von großräumiger Infrastruktur – umgewälzt wurde wie keine. In den 20er Jahren entsteht hier so etwas wie ein Metropolengroßraum, ein städtisches, teils großstädtisches Leben. GRÜTTER: Der Westen stellt kein politisches, wohl aber das industrielle Zentrum jener Zeit. Die Waffenkammer. Mit nicht unwesentlichen wirtschaftlichen Interessen: 90 Prozent der deutschen Granaten, die auf Verdun niedergehen, werden bei Krupp produziert. Krupp erwirbt 1896 die Kieler Germania-Werft, um Schlachtschiffe zu bauen. Andererseits ist das Ruhrgebiet wie keine andere Region negativ vom Krieg betroffen: Nach 1918 kehrt der Krieg hierhin zurück, mit Hunger, mit der Ruhrbesetzung. Und die hohe demografische Dichte bedeutet natürlich auch einen hohen Blutzoll in den Schützengräben. Also: Der Rhein-Ruhr-Raum ist viel direkter in den Ersten Weltkrieg verstrickt als wir uns vorstellen. HAUSER: Diese Region schafft erhebliche Voraussetzungen dafür, dass dieser Krieg in dieser Form überhaupt geführt werden kann. Zum einen durch seine Industrie, zum andern durch seine Verkehrs- und Lazarettinfrastruktur, die auch deshalb so dicht ist, weil der Schlieffen-Plan den RuhrRhein-Raum als Aufmarschgebiet vorgesehen hatte. Was wir damit zeigen wollen ist, dass diese Region auch eine Täterregion war. Auch der Gaskrieg wurde hier entwickelt – Senfgas bei Bayer hergestellt, in der Wahner Heide getestet. Alles aus der Büchse der Industrialisierung. K.WEST: Sind die Voraussetzungen für den Materialkrieg im Krieg entstanden oder bereits vorher? GRÜTTER: Deutlich gesagt: bei Krupp seit 1890. Die Firma ist neben Rheinmetall eine der größten Profiteure der Kriegsvorbereitung und der ersten des Krieges selbst. Ab 1916 wird dann allerdings fast die gesamte Industrieproduktion auf Kriegsproduktion umgestellt. HAUSER: Natürlich entstanden diese Voraussetzungen vor dem Krieg. Die Hohenzollernbrücke in Köln wurde nicht umsonst so stark ausgebaut, dass sie täglich hunder-

1914


40 | SPECIAL 1914

Maschinengewehrposten Rote Ruhrarmee, 1920

Granatenlager der Gutehoffnungshütte, Oberhausen, um 1916 © LVR-Industriemuseum

te von Zügen verkraften konnte. Was nötig war, um den raschen Aufmarsch gen Westen zu gewährleisten. K.WEST: Das Konzept der Ausstellung benennt einige Gegensatzpaare, die prägend für die Jahre vor und nach dem Weltkrieg zu sein scheinen. Etwa das Mit- und Gegeneinander von repressiver Erziehung und Disziplinierung einerseits und unerhörten neuen Freiheiten andererseits. GRÜTTER: Gerade im Ruhrgebiet ist die Gesellschaft relativ autoritär. Industrie bedeutet straffe hierarchische Organisation, die Firmen sind paternalistisch organisiert. Dazu passt, dass die wirklich revolutionären künstlerischen Entwicklungen in den Industriestädten des Westens nicht zu finden sind. Der Begründer des deutschen Jugendherbergswesens, Richard Schirrmann, war allerdings Lehrer in Gelsenkirchen – soll heißen, die Aufbruchsstimmung jener Jahre findet sich durchaus und beißt sich mit der Kaisertreue, die nirgendwo in Deutschland so viele Kaiserund Bismarckdenkmäler aufstellt wie im Revier. K.WEST: Ein weiteres Gegensatzpaar ist das von der rasanten Urbanisierung einerseits, der Angst vor der großen Stadt andererseits. HAUSER: Die Städtelandschaft ist gedanklich und tatsächlich schon vor dem Krieg entstanden, zur Entfaltung kommt vieles erst nach dem Krieg. Insbesondere, wenn

man an den sozialen Wohnungsbau denkt. Wo für große Teile städtischer Bevölkerung Siedlungen entstehen. GRÜTTER: Die Gartenstädte Hellerau in Dresden und Margarethenhöhe in Essen entstehen im gleichen Jahr. Dennoch ist die Urbanisierung in der Montanregion eine verspätete, sie kommt nach der Industrie, während es etwa in Berlin genau andersherum vonstatten ging. Oberhausen, Gelsenkirchen entstehen als Stadt erst, als die Menschen schon da sind. Die urbane Schicht legt sich auf die bereits vorhandene industrielle. Das ist die Zeit um 1900. Und die Überformung geschieht schnell, innerhalb von zehn, 15 Jahren. K.WEST: Welche Rolle spielt der Krieg in diesem Prozess der Stadtwerdung? Beschleunigt er, bremst er? GRÜTTER: Das Jahrzehnt der Gewalt – 1914 bis 1925 – stoppt Vieles. Dann allerdings macht die Weimarer Republik Einiges möglich, was im Kaiserreich noch nicht möglich war, es gibt eine bis dato nicht vorhanden Freiheit des Planens und Bauens, die gesellschaftliche Teilhabe Vieler. Ich weiß nicht, ob Neues Bauen im Kaiserreich möglich gewesen wäre. Die planerischen Ideen dafür sind allerdings um 1910 bereits da, die Probleme und viele Lösungsansätze lagen vor. HAUSER: Auch sozialer Wohnungsbau kommt erst mit dem Entstehen des demokratischen Sozialstaats in den


K.WEST 02/2014 | 41

1914

© Ruhr Museum

Von der Deutschen Armee zerstörtes Dinant / Belgien, Postkarte,1914. Foto aus: Hamann, Brigitte: Der Erste Weltkrieg. Wahrheit und Lüge in Bildern und Dokumenten, München 2004

20er Jahren zum Durchbruch. Die Margarethenhöhe ist noch aus paternalistischem Denken entstanden. Und kein Beitrag zur Lösung der Wohnungsprobleme der Massen. K.WEST: Nun zur Ausstellung selbst: Was sind ihre Abteilungen? Was bekommt man zu sehen? GRÜTTER: Die Mischanlage der Kokerei Zollverein besitzt ja bekanntlich drei Etagen. Unsere Ausstellung folgt dieser Architektur und zeigt drei Ebenen, die sich ästhetisch, inhaltlich vollkommen unterscheiden. Man fährt mit der Standseilbahn hoch und gelangt oben hinein in die Abteilung »Utopien«, also die gesellschaftlichen Visionen um 1900 – »So viel Zukunft war nie«. HAUSER: Die vertikale Struktur der Mischanlage bildet die chronologischen Schichten der Ausstellung: Vorkriegszeit, Kriegszeit, Nachkriegszeit. Der dramaturgische Mittel- und Ankerpunkt der Ausstellung ist die mittlere Etage, die der Kriegszeit gewidmet ist. GRÜTTER: Diese Ebene ist die mit den monumentalen, klaustrophobisch wirkenden Bunkern. Der Krieg wird hier gezeigt als leere Mitte, analog zur Geschichte. Er war alles bestimmend, aber er fand ja weniger in Deutschland selbst statt, und unsere Ausstellung hat die Kampfhandlungen auch nicht zum Thema. Die Schlachten werden also nur medial vorhanden sein, als Projektionen in die Trichter.

Auch das eine Analogie, denn ab 1916 fand der Krieg gewissermaßen untertage statt, in den Schützengräben. Wir haben einen Raum, der nur gefüllt ist mit Waffenschrott. In Verdun holt man ja noch heute tonnenweise immer neue Waffenreste aus dem Boden. Das sind dann Granaten, die bei Krupp gedreht und in Verdun verschossen wurden und die nun zurückkommen.

INFO

Welterbe Zollverein, Kokerei (Areal C), Mischanlage. 30. April bis 26. Oktober 2014 www.1914-ausstellung.de


42 | SPECIAL KUNST 1914

LICHT DURCH KRIEG Elektrifizierung im Bergischen, zu sehen in Lindlar Nach der Dampfmaschine löste die zweite industrielle Revolution, die Elektrifizierung, nicht nur einen ungeheuren Schub in der technischen und ökonomischen Entwicklung in Deutschland aus, sondern wirkte diesmal auch hinein in den Alltag der Menschen. Der Weltkrieg war es, der diese Entwicklung beschleunigte. Dabei ist der Krieg selbst nicht Thema der Ausstellung »Krieg und Licht« im LVR-Freilichtmuseum Lindlar im Bergischen Land. Doch will ja das Themenjahr »1914 – Mitten in Europa« nicht nur an diesen ersten weltumspannenden Konflikt der Menschheitsgeschichte erinnern, sondern auch die zahlreichen Einflüsse der Moderne thematisieren, die den Alltag im Rheinland fundamental veränderten. Dazu gehört der elektrische Strom. Der kam vor 100 Jahren in Gestalt eines Trafoturms nach Hückeswagen, nachdem ein paar Jahre zuvor in Remscheid-Lennep ein Elektrizitätswerk entstanden war, das das Umland mit Strom versorgen sollte. Die Turmstation transportierte die Spannung weiter in die bergischen Landgemeinden zwischen Wuppertal und Waldbröl – jetzt hat sie ausgedient und wird ins Freilichtmuseum Lindlar versetzt. Als handfester Beleg einer Entwicklung, die wie kaum eine das Leben veränderte – die Ausstellung in Lindlar dokumentiert es und zeigt die vielfältigen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Facetten der ländlichen Elektrifizierung. Zwar betrachteten die Zeitgenossen die neue Energie aus der Steckdose zunächst skeptisch, konnte man sie doch weder hören noch riechen; obendrein war sie lebensgefährlich. Ausschlaggebend für die dennoch rasche Verbreitung des elektrischen Stroms in den Dörfern blieb jedoch trotz aller Einwände die Tatsache, dass die von ihm betriebenen Motoren als Retter der Landwirtschaft und des Kleingewerbes wirkten. Sie federten nicht nur die dramatischen Folgen der Landflucht ab, sondern verhalfen zudem beispielsweise der bergischen Steinindustrie zu einem ungeahnten Aufschwung. Der wäre aber langsamer vonstatten gegangen, hätte nicht die aufgrund der Erfordernisse der Materialschlachten enorm angefachte Kriegswirtschaft für massiven und flächendeckenden Ausbau der Elektrizitätsversorgung zwischen 1914 und 1918 gesorgt. Bereits Mitte der 20er Jahre war daher die Elektrifizierung auch des ländlichen Raums weitgehend abgeschlossen. | K.WEST

INFO Krieg und Licht. Zur Dynamik der ländlichen Elektrifizierung um 1914. LVR-Freilichtmuseum Lindlar, 28. März bis 14. Dezember 2014. www.bergisches-freilichtmuseum.lvr.de Bergische Trafostation; Abb. aus: Elektrizität in der Landwirtschaft, 1927


K.WEST 02/2014 | 43

WER WAR HIER WAHNSINNIG?

1914

Moderne, Krieg und Irrenhaus in Düren »Kriegszitterer« nannte man im Ersten Weltkrieg Soldaten, bei denen das Grauen der Schlachtfelder unkontrollierbare Gliederbewegungen, Angstpsychosen und andere schwere psychische Schäden hinterlassen hatte. Den weniger drastisch klingenden Begriff Posttraumatische Belastungsstörung kannte man damals noch nicht; wusste auch wenig über die Ursachen. Dabei standen gerade die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts im Zeichen einer weitgehenden Psychiatriereform; Fortschritte in der Diagnostik psychiatrischer Krankheitsbilder führten zu einer Differenzierung der Behandlungsmethoden, die wiederum bauliche Veränderungen der Irrenhäuser nach sich zogen: Das kollektive Wegsperren der Kranken wich ihrer Unterbringung in kleineren Häusern und Gruppen je nach Krankheitsform, Umfassungsmauern wurden eingerissen, Stationen geöffnet, Neubauten für neue Therapieformen wie die Arbeitstherapie errichtet. Dies alles und mehr ist in situ in der Doppelausstellung »Moderne. Weltkrieg. Irrenhaus. 1900–1930« zu erfahren, die im Leopold-Hoesch-Museum Düren sowie im Haus 5 der LVR-Klinik Düren zu sehen ist. Dies ist das »Bewahrungshaus« der Klinik, es wurde im Jahr 1900 bezogen – dem Erscheinungsjahr der »Traumdeutung« Sigmund Freuds –, bis 1986 wurden hier psychisch kranke Rechtsbrecher behandelt. Doch steht dieses mauerumstellte Gebäude gerade für die erwähnte Liberalisierung der Psychiatrie. Denn mit der Schaffung einer besonders gesicherten Einrichtung für die »gefährlichen Irren« war die Möglichkeit gegeben, auch in der Rheinprovinz eine offene Psychiatrie zu wagen. Freilich trat neben die Liberalisierung der Psychiatrie in jenen Jahren auch eine Rebarbarisierung durch den Krieg: Die Psychiater selbst waren es, die, verführt von nationalem Bellizismus, auf ihrem Kongress von 1916 die Neurosen der »Kriegszitterer« nicht den erlittenen Traumata in den Schützengräben, sondern der schlechten Konstitution und/oder dem »bösen Willen« des Erkrankten selbst zuschrieben. Ziel der Behandlung wurde es, die Soldaten so rasch wie möglich wieder an die Front zurückzuschicken; die »Therapie« bestand aus Zwangsexerzieren, Stromschläge u.a. brachialen Verfahren. Emanzipation der Pflege, Leben und Alltag in der Anstalt, Behandlung im Schatten des Krieges, Baugeschichte – das sind die Themen der Ausstellung. Hinzu kommt der Komplex Kunst und Psychiatrie. Ins Leopold-Hoesch-Museum kommen erstmals Arbeiten zurück, die Patienten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in der damaligen Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Düren schufen und die Teil der legendären Sammlung Prinzhorn in Heidelberg sind. Daneben sind – nun wieder in Haus 5 – Holzschnitte und Lithografien des Expressionisten (und Pazifisten) Conrad Felixmüller (1897–1977) zu sehen, in denen das Grauen von Krieg und Irrenhaus Ausdruck findet. | UDE

Conrad Felixmüller: Soldat im Irrenhaus II, 1918; Lithografie aus dem Bestand des Leopold-Hoesch-Museums Düren. © VG Bildkunst, Bonn 2014, Foto: Peter Hinschläger. © Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum Düren

INFO 1. Mai bis zum 6. August 2014; Haus 5 auf dem Gelände der LVRKlinik Düren sowie Leopold-Hoesch-Museum Düren www.rheinland1914.lvr.de; www.leopoldhoeschmuseum.de www.moderne-weltkrieg-irrenhaus.de

kir_Anzeige_KWest_92_75x127_Druck.indd 1

17.01.2014 15:40:5


44 | SPECIAL 1914

Führer des deutschen Sprengkommandos der Pipeline am Persischen Golf mit Kameraden, 1915 © Preußen-Museum Wesel

MORGENLANDFAHRER Die deutsche Orientpolitik vor dem und im Ersten Weltkrieg Kaiser Wilhelm II. liebte die orientalische Lebensart. Darin traf er sich mit vielen Bürgern seines Landes, deren Fantasie von der märchenhaften Pracht des Morgenlandes entzündet war. Dreimal, zuletzt 1917, besuchte Wilhelm das Osmanische Reich, das damals fast den gesamten Vorderen Orient umfasste. »Wie ein Traum« sei ihm sein Aufenthalt in Konstantinopel erschienen, schwärmte er 1889 Reichskanzler Bismarck vor, der den Kaiserreisen an den Bosporus eher skeptisch gegenüberstand. Die Beziehungen zwischen den Osmanen und den Deutschen waren eng, vor allem auf militärischem Gebiet, 1914 drängt das Reich den Großwesir zum Kriegseintritt. Gleichzeitig greift die deutsche Orientpolitik weiter: Im Spätherbst 1914 wird eine Expedition des Großen Generalstabes und des Auswärtigen Amtes aufgestellt, ihr Ziel: das von England kontrollierte Ölgebiet am Persischen Golf einzunehmen oder die britischen Ölleitungen zu sprengen! Und an dieser Stelle sind wir im Preußen-Museum in Wesel, das diese Expedition in den Mittelpunkt seiner Ausstellung »Playing Lawrence On The Other Side« stellt. Mitglied dieser Expedition war der Siegerländer Hauptmann Fritz Klein; als erste Europäer überhaupt werden im Januar 1915 er und seine Begleiter von der Geistlichkeit in Kerbela empfangen, es gelingt den Deutschen, bei den höchsten schiitischen Führern eine Fatwa für den »Heiligen Krieg« an der Seite Deutschlands zur Befreiung aus der »Sklaverei« der Entente zu erwirken. Spiegelverkehrt zum »Arabischen Aufstand« von T.E. Lawrence, tritt die Expedition ebenfalls für die arabische Freiheit ein – nun allerdings gegen den britischen Imperialismus und für den Erhalt des Osmanischen Reiches und seines Kalifats. Kleins jüdischer Adjutant Edgar Stern-Rubarth bringt das Unternehmen später im britischen Exil auf eine Formel, die dem Ausstellungs-Projekt seinen Namen gegeben hat: »Playing Lawrence On The Other Side.«

Kriegserfahrung und Horizonterweiterung im Orient aber lassen Klein noch im Ersten Weltkrieg zu einem prinzipiellen Kritiker von Kapitalismus und Imperialismus sowie der Siegfriedenspolitik der Dritten Obersten Heeresleitung werden, er tritt für eine Parlamentarisierung des Reiches ein. Stern-Rubarth spricht sich zur Zeit seiner Orientmission öffentlichkeitswirksam für die Souveränität der Türkei und ihrer islamischen Kultur aus. Klein verbrachte die Jahre nach dem Krieg als Philosoph, Stern-Rubarth machte Karriere als führender liberaler Journalist, wurde Chefredakteur des Ullstein-Verlags sowie enger Berater Gustav Stresemanns. Dieses abenteuerliche und nahezu unbekannte Kapitel des Ersten Weltkriegs wird in Wesel anhand von persönlichen Aufzeichnungen, Dokumenten, Fotos aus Privatbesitz und anderen Leihgaben anschaulich gemacht: Es entsteht ein Panorama der deutschen Orientpolitik von 1888 bis 1918. Besondere Berücksichtigung finden dabei das deutschosmanische Bündnis sowie die vielfältigen Erfahrungen der etwa 20.000 deutschen Soldaten auf den orientalischen Kriegsschauplätzen. | UDE

INFO »Playing Lawrence On The Other Side«. Die Expedition Klein und die deutsche Orientpolitik im Ersten Weltkrieg, Preußen-Museum Wesel, 26. Oktober 2014 bis 25. Januar 2015 www.preussenmuseum.de


K.WEST 02/2014 | 45

1914

Grabung auf dem Xantener Fürstenberg um 1910. Foto © LVR

VOM CÄSAR ZUM KAISER Das RömerMuseum in Xanten gräbt den wilhelminischen Antikenkult aus. Auf der kurzen Liste seiner Verdienste kann Wilhelm II. sein Engagement für die Archäologie verbuchen. Unter seiner Regentschaft blühte die Disziplin auf. Deutsche Forscher buddelten in Babylon, Pergamon, Ninive, Olympia und vielen anderen Orten, großzügig finanziert und technisch bestens ausgestattet. Doch auch zuhause wurden Spuren der Vergangenheit gesichert, wie die Ausstellung des LVR-RömerMuseums im Rahmen des Gedenkjahres »1914« zeigt. Sie beleuchtet »die Ausgrabungen im Xantener Legionslager am Vorabend des Ersten Weltkrieges«. Die römische Garnison, um die es geht, beherbergte zu ihrer Hochzeit etwa 10.000 Soldaten. Sie gehörte damit zu den größten Standlagern des ganzen Imperiums. Ab 1900 fanden auf deren ehemaligem Gelände umfangreiche Ausgrabungen statt. Wilhelm II. ließ sich davon persönlich berichten. Seine Leidenschaft für die Antike war bekannt. Schon als Prinz galt er als Scherben-Fan. Das wussten nicht zuletzt die Archäologen auf der Saalburg. Als der 19-jährige Thronfolger die Überreste des Römerkastells bei Bad Homburg besuchte, vergruben sie »Fundstücke« wie Ostereier. Der Trick sollte sich später auszahlen. Als Kaiser ließ Wilhelm das historische Kastell per Dekret wiederaufbauen. Die Förderung der Römer-Forschung hatte nicht nur historische Gründe. Sie sollte Verbindungen zur Gegenwart aufzeigen und Herrschaft legitimieren. Wilhelm II. sah sich in der Tradition der Cäsaren, oder zumindest der mittelalterlichen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, die sich ihrerseits auf das alte Imperium berufen hatten. Mit seiner Begeisterung für die Archäologie stand der Kaiser nicht al-

lein. Das wilhelminische Bürgertum war fasziniert von der Antike und verfolgte die Ausgrabungen im In- und Ausland aufmerksam, wie die Xantener Ausstellung dokumentiert. Sie konzentriert sich deshalb nicht nur auf Fundstücke – Bauteile, Waffen oder Keramik –, sondern auch auf die Menschen, die sie ausgruben. Und ihre Motive. Diese waren durchaus ambivalent. Einerseits bewunderten die Deutschen – wie ihr Kaiser – Disziplin und Kultur der Römer. Andererseits verehrten und verklärten sie die Germanen, die eben jenen Römern die Stirn geboten und damit einen Gründungsmythos der Deutschen geliefert hatten. Heraus kam eine paradoxe Doppelverneigung. Großausgrabungen wie die in Xanten bildeten den Gegenpol zum Germanen-Kult, wie er sich u.a. am Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald ausdrückte. Die schönste »Synthese« dieses Widerspruchs ist vermutlich die Walhalla bei Regensburg – ein Tempel nach antikem Vorbild, auf dessen Nordgiebel Hermann der Cherusker gegen die Römer kämpft … | JUK INFO An den Grenzen des Reiches. Die Ausgrabungen im Xantener Legionslager am Vorabend des Ersten Weltkrieges, LVR-RömerMuseum im Archäologischen Park Xanten, 16. Mai bis 7. September 2014 www.apx.lvr.de


46 | SPECIAL KUNST 1914

Albert Kahn: Les archives de la planète. Auguste Léon: Serbien, Krusevac, Geflügelverkäuferinnen auf dem Markt, 29. April 1913. © Musée Albert Kahn, Département des Hauts-de-Seine

FOTOGRAFISCHE FRIEDENSMISSION Frühe Farbdiapositive im LVR-LandesMuseum Bonn Können Bilder Frieden stiften? Ja, da war sich Albert Kahn ganz sicher. Seine Überzeugung stand am Anfang eines ebenso abenteuerlichen wie ungewöhnlichen Projekts: Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wollte der französische Bankier die gesamte Erde fotografisch erfassen. Über alle Grenzen hinweg sollten die Bilder den Menschen Fremdes vermitteln und so das gegenseitige Verständnis befördern. Um Bilder von unbekannten Völkern und ihren Bräuchen in die Heimat zu bringen, reiste ab 1909 in seinem Auftrag ein gutes Dutzend Fotografen in alle Winkel der Welt. In den folgenden gut 20 Jahren brachten sie rund 72.000 Farbdiapositive mit. Eine schöne Auswahl vereint das LVR Landesmuseum in Bonn in der Ausstellung »1914 – Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg«. Man sieht Taj Mahal, Eiffelturm und Chinesische Mauer. Den Brotverkäufer in Sarajevo, einen Waschplatz in Brest, den mongolischen Reiter. Und: Die Bilder zeigen all das tatsächlich nicht wie damals üblich schwarz-weiß, sondern bunt, was die Sache besonders reizvoll macht. Die Voraussetzungen dafür lieferte der deutsche Chemiker Adolf Miethe. Schon 1903 hatte er eine Wechselschlittenkamera entwickelt, mit der man drei Aufnahmen hintereinander anfertigen konnte, für Rot, Grün und Blau. Mit dem Dreifarbdruck hielt die Farbe Einzug in das noch junge Medium Fotografie. Die Autochrom-Glasplatten der Gebrüder Lumière, 1904 patentiert, wurden seit 1907 dann für den großen Markt produziert, was freilich nicht bedeutete, dass sich die Massen das aufwändige Fotografieren damals tatsächlich leisten konnten. Kahn aber konnte. Denn der Mann von Welt hatte das Geld. Am 3.März 1860 in Marmoutier im Elsass geboren, ging er mit 19 Jahren nach Paris. Dort fand er schnell

Arbeit in einer Bank, nahm nebenbei ein Studium der Geistes- und Naturwissenschaften auf und machte mit Spekulationen ein Vermögen. Bald schon zählte Kahn zu den reichsten Männern der damaligen Welt. Als Botschafter des Friedens unter den Kulturen sah er sich selbst mit seinem »Archiv des Planeten«. Die darin vereinten Bilder von pittoresken Marktplätzen und verwinkelten Gassen, von monumentalen Bauten und traditioneller Tracht, von Bauern, Handwerkern, Opiumrauchern, Hühnerzüchtern und kleinteilig verbauten Städten erzählen von fernen Orten und der Pluralität menschlicher Lebensformen, die es zu bewahren gilt. Kahns begeisterte, ja beinahe naive Hoffnung, mit den farbigen Bildern aus aller Welt die Menschen daheim zu bewegen, für ein harmonisches Miteinander der Kulturen einzutreten, sollte sich freilich nicht erfüllen. Geblieben ist ein unschätzbarer Fundus an Dokumenten und fotokünstlerischen Bildern, der von fremden wie vertrauten Kulturen erzählt. Und der zum anderen die Geschichte der frühen Farbfotografie reich bebildert. Ein echter Schatz. | KAB INFO LVR LandesMuseum Bonn. Bis 23. März 1914 www.rlmb.lvr.de


K.WEST 02/2014 | 47

1914

JENSEITS DER ENTFREMDUNG Ausstellung zu Mackes 100. in Bonn August Macke, 1887 in Meschede im Sauerland geboren, expressionistischer Maler von Gnaden, ein Sehnsüchtiger nach Licht, fand am 16. September 1914 das Paradies. Wie so viele hatte er sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet, er war einer der ersten, der fiel. Aus Anlass seines 100. Todestages richtet das August Macke Haus in Bonn die Ausstellung »Das (verlorene) Paradies« aus: »Expressionistische Visionen zwischen Tradition und Moderne«. Paradiese: Weit über die künstlerische Aneignung des Themas hinaus bietet dieser Begriff den Schlüssel zum Lebensgefühl der Moderne. Lebensreformerisch geprägt, zeugte das Thema vor dem Ersten Weltkrieg von der Erwartung an eine Welt, in der die entfremdenden Erfahrungen der abendländischen Zivilisation überwunden waren. Eine zukunftsfrohe Utopie, die sich mit der Hölle des Ersten Weltkrieges zu einem metaphysischen Ort wandelte. Ausgangspunkt der Ausstellung ist das 1912 im Atelier Mackes gemeinsam von Franz Marc und August Macke gemalte Wandbild, das stellvertretend für das Leitmotiv in beider Werk steht. Bei Macke war es die künstlerische Rückeroberung paradiesischer Gefilde, zuweilen mit Orientalischem/Exotischem verknüpft, für Marc, der eher franziskanisch gesinnt war, zeigte das Wesen der Tiere den unverdorbenen Urzustand. Beide Sehnsüchte lassen sich mit einer Vielzahl weiterer »Paradiese« renommierter Künstler aus der Zeit ergänzen: Ernst Ludwig Kirchner, Christian Rohlfs, Carlo Mense u.a. | K.WEST INFO August Macke Haus Bonn, 26. September 2014 bis 25. Januar 2015 www.august-macke-haus.de

August Macke / Franz Marc: Paradies, 1912; Ölfarbe auf Wandputz, 4 x 2 Meter, ehemals im Atelier von August Macke in Bonn, Bornheimer Str. 96 (August Macke Haus Bonn); seit 1981 im LWL-Landesmuseum Münster


48 | SPECIAL KUNST 1914

KEINE HELDEN Kunst vs. Krieg im Lehmbruck Museum Duisburg

Gil Shachar: o.T., 1997; Epoxyd, Stoff, Farbe © VG Bild-Kunst, Bonn. Foto: Jürgen Diemer

Ein Mann am Boden, strauchelnd, nackt, auf allen Vieren, in seiner Hand ein zerbrochenes Schwert. Wilhelm Lehmbrucks Skulptur »Gestürzter« war im Jahr 1915 eine steingewordene, radikale Reaktion auf den Ersten Weltkrieg und dessen vernichtende Grausamkeit. In einer Zeit, in der heroische Helden- und Kriegsdenkmäler das Stadtbild dominierten, war der »Gestürzte« das Gegenbild zum tapferen Kriegshelden; einer Figur, die sich seinerzeit oft in der Bildhauerkunst wiederfand und das damals noch ungebrochene Selbstbild der Deutschen widerspiegelte. Der »Gestürzte« steht, gemeinsam mit Lehmbrucks Skulpturen »Gefallener« (1915), »Stürmender (Getroffener)« (1914/1915) und dem »Sitzenden Jüngling« (1916/1917), im Zentrum der Ausstellung »Zeichen gegen den Krieg: Antikriegsplastik von Lehmbruck bis heute«, dem Beitrag des Duisburger Kunstmuseums zum Gedenkjahr »1914 – Mitten in Europa«. Bekanntlich war der Erste nicht der letzte Weltkrieg, schon gar nicht der letzte überhaupt – sich künstlerisch kritisch mit Krieg auseinanderzusetzen, ist ein Desiderat geblieben. Und so greift die Duisburger Schau über 14/18 hinaus ins Gestern und Heute, zeigt etwa Duane Hansons Bodenarbeit »Krieg« von 1967, ein naturalistisches Stück Schlachtfeld, oder Bruce Naumans Neoninstallation »RAW WAR / Roher Krieg« (1970), beides Reflexe auf den Vietnamkrieg. 25 Skulpturen sind zu sehen, hinzu kommen Installationen, Filme und Videoarbeiten internationaler Künstler und Künstlerinnen. Mit der Ausstellung soll aber nicht die Ikonografie des Krieges nachgestellt werden, es geht um die Präsentation und Diskussion unterschiedlicher Haltungen gegenüber Gewalt und politischen Entwicklungen, die in kriegerische Auseinandersetzungen münden. Wie äußert sich das Gefühl nationaler und kultureller Zugehörigkeit im Werk von Künstlerinnen und Künstlern, die in ihren Heimatländern Krieg am eigenen Leib erlebt haben? Wie reflektieren sie kriegerische Konflikte, die sie aus der geografischen Distanz durch Medien und soziale Netzwerke mitverfolgen? Keine leichte Kost, wenn man vor Duane Hansons Schlachtfeldstück steht, auf dem tote Soldaten verrenkt und realistisch im Sand liegen, während sich ein frisch Verwundeter mit der Hand seine Verletzung am Bauch zuhält. Die Ausstellung setzt zwar auf den Schock-Effekt, der in ganz unterschiedlicher Weise mit den gewohnten Rezeptionsmustern bricht, vermeidet aber brutale Gewaltästhetik. Manchmal reicht es schon, sich die Person mit dem Sack über den Kopf von Gil Shachar (»Untitled«) anzusehen, die 1994 entstanden ist, also lange bevor die Folterbilder aus dem Irak Einzug in die öffentliche Wahrnehmung hielten. Begleitend zur Ausstellung, und in Kooperation mit dem Filmforum Duisburg, wird ein umfassendes Filmprogramm zum Thema gezeigt. | VKB

INFO Lehmbruck Museum Duisburg 11. September – 7. Dezember 2014 www.lehmbruckmuseum.de


K.WEST K.WEST 02/2014 01/2014 | 49

1914

Wilhelm Lehmbruck: Der Gestürzte, 1915; Gipsguss (links). © Lehmbruck Museum, Duisburg

... weil Tradition verbindet. Seit 1836 sind wir im Rheinland zu Hause und seit Generationen in vielen Familien. Bis heute geben wir Schutz vor finanziellem Verlust – auch in schweren Zeiten. Über 175 Jahre Sicherheit im Rheinland


50 | SPECIAL KUNST 1914

DIE ERDE BRINGT’S AN DEN TAG Stätten des Krieges – archäologische Ausflüge

Reste der Pulvermühle in Windeck. © Wolfgang Wegener – LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland

REISEN IN DIE GESCHICHTE Exkursionen zu den Stätten von »1914« Das Gedenkjahr 2014 könnte das größte Erinnerungsjahr ganz Europas werden – die Aktivitäten auf dem hoffentlich endlich von Krieg befreiten Kontinent sind nicht zu zählen. Rollende Führung zumindest durchs Angebot des LVR und des Rheinlandes insgesamt bietet das Exkursionsprogramm der ThomasMorus-Akademie Bensberg (TMA), einer Einrichtung des Erzbistums Köln, die für die Organisation von Erkundungen zu bedeutenden Orten der Region bekannt ist. In Erinnerung an 1914 kann man daher mit der TMA zur Ausstellung »Die Avantgarden im Kampf« in der Bonner Bundekunsthalle reisen, zu Max Ernst nach Brühl, ja sogar in die Champagne, auf deren Friedhöfen hunderttausende Soldaten aller Länder ruhen und wo bereits im September 1914 der Bonner Expressionist und Kriegsfreiwillige August Macke fiel. Kürzere Fahrten führen etwa in die während des Ersten Weltkriegs bedeutende Rüstungsstadt Siegburg, zu militärgeschichtlichen Denkmälern in Troisdorf, in die Wahner Heide und nach Köln, zur LVR-Klink Düren und ins dortigen Leopold-Hoesch-Museum oder ins Dreiländereck von B, D, NL, wo der Krieg 1914 begann. Das umfangreiche Angebot ist kostenund anmeldepflichtig. Bildungs- und Erkundungsreisen ausschließlich in die Natur, die den Weltkrieg über sich

ergehen lassen musste, bietet hingegen der Fachbereich Umwelt des LVR an: Im Sommerhalbjahr 2014 lässt sich unter seiner Führung die Rureifel erleben, wie sie sich am Vorabend von 1914 zeigte. »Auf der Vennbahnstrecke durchs Monschauer Land« heißt einer der Ausflüge, gemeint ist die einstige wirtschaftliche und militärische Lebensader der Region, die heute ein idyllischer Radweg ist. Ein anderer Streifzug führt in die Drover Heide bei Düren, die 100 Jahre lang ein Truppenübungsplatz war. Ein noch aktives Militärgelände – der Belgier – liegt im Hohen Venn bei Elsenhorn: Eine Busexkursion bietet im Juni eine der seltenen Gelegenheiten für einen Einblick in die Closed Area. Auch diese Touren sind anmelde- und kostenpflichtig. | UDE

Die Landschaften in Verdun oder an der Somme tragen auch heute noch die Spuren der großen Schlachten. Sind zerfurcht von Granateinschlägen, gedüngt mit dem Blut der Toten. Auch wenn die Erde des deutschen Rheinlandes im Ersten Weltkrieg keine Kämpfe trug, so birgt doch auch sie Relikte des Großen Waffengangs: von Produktionsstätten wie Pulvermühlen und Dynamitfabriken, militärischen Anlagen wie Truppenübungsplätzen, Luftschiffhäfen und Eisenbahnlinien. Diese Kriegsrelikte – übrigens auch die des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Kriegs – werden vom LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland in Kooperation mit dem Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz erfasst und betreut. Im Verlauf des Gedenkjahres 1914 nun gibt es Gelegenheit, vier dieser archäologischen Zeugnisse kostenlos und unter kundiger Führung zu besichtigen: Ende März 2014 die einzige Landesbefestigung Deutschlands aus dem WK I in Emmerich-Elten (drei Linien Laufgräben, Betonbunker – jedoch zurückgebaut nach Maßgabe des Versailler Vertrags); im Mai die Relikte einer Schwarzpulverfabrik in Windeck; im Juli ein Teilstück der strategischen Eisenbahntrasse zwischen Ruhrgebiet und Ardennen in Grevenbroich; im September schließlich den ehemaligen Luftschiffhafen Düren, von zwischen 1915 und 1917 MilitärZeppeline zu Aufklärungsflügen und Luftangriffen aufstiegen. | UDE

INFO

INFO

Thomas-Morus-Akademie Bensberg www.tma-bensberg.de

LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland.

Fachbereich Umwelt des LVR www.kulturlandschaft.lvr.de

www.bodendenkmalpflege.lvr.de www.rheinland1914.lvr.de


K.WEST 02/2014 | 51

DAS IST NOCH NICHT ALLES … Stätten des Krieges – Projekte und Initiativen Verschiedene Projekte und Initiativen runden »1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg« ab. Dazu gehört auch »KuLaDig – Kulturlandschaft digital«. Das Ding mit dem gemütlichen Namen ist das LVR-Informationssystem über die Historische Kulturlandschaft und das landschaftliche Kulturelle Erbe im Rheinland. Auf www.kuladig. lvr.de werden Zeugnisse der Vergangenheit verortet und mit Querverweisen zu ihrer Geschichte und Herkunft zum Sprechen gebracht. Anlässlich des Projektes »1914« wird KuLaDig beständig weiter mit Objekten und Informationen zum Thema »Erster Weltkrieg« ergänzt und thematisch besonders hervorgehoben. Der Blick hinein also lohnt sich jedes Mal.

IMPRESSUM SONDERAUSGABE K.WEST »1914 – MITTEN IN EUROPA. DAS RHEINLAND UND DER ERSTE WELTKRIEG«, EIN THEMENJAHR, VERANSTALTET VOM LANDSCHAFTSVERBAND RHEINLAND SOWIE EXTERNEN PARTNERN

K.WEST erscheint monatlich im Verlag K-West GmbH Heßlerstraße 37 45329 Essen Tel.: 0201/86 206-33 Fax: 0201/86 206-22

REDAKTION V.i.S.d.P.: U. Deuter; A. Wilink LAYOUT: Herweg/Michalakopoulos/Pecher ANZEIGEN & MARKETING: MaschMedia, Oberhausen DRUCK WAZ: Druck, Duisburg TITEL: „Soldatenbild mit Familie“, Glasnegativ um 1914, Sammlung LVR-Industriemuseum


Wann ist ein Geldinstitut gut für Deutschland? Wenn sein Engagement für die Kultur so vielfältig ist, wie seine Regionen selbst.

Sparkassen fördern Kunst und Kultur im ganzen Land. Kunst und Kultur setzen schöpferische Kräfte frei, öffnen Geist und Sinne für Überliefertes und Ungewöhnliches. Mit jährlichen Zuwendungen von 42 Mio. Euro sind die Sparkassen in Nordrhein-Westfalen einer der größten Kulturförderer der Region. Das ist gut für den Einzelnen und gut für die Gesellschaft. www.gut-fuer-deutschland.de

Sparkassen. Gut für NRW.


K.WEST 02/2014 | 53

HAPPY NEW EARS

Mike Svoboda. Foto: Jens Klatt

Düsseldorfs etwas anderes Neue Musik-Festival »Schönes Wochenende« Wenn ein Musikfestival seine Feuertaufe mit 20 Uraufführungen bewirbt, werden selbst die bis nach Donaueschingen pilgernden Neue Musik-Touristen hellhörig. Tatsächlich: Beim Düsseldorfer Drei-Tage-Festival werden auch druckfrische Ensemble-Partituren von namhaftesten Zeitgenossen erstmals einem Praxistest unterzogen. Dazu zählen Gerhard Stäbler, Robert HP Platz und der verlässliche Vielschreiber Wolfgang Rihm. Doch nichts wäre langweiliger, als wenn man über altbekannte Neue Musik-Interpreten einfach eine Programmdramaturgie kopieren würde, die sich etwa bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik seit langem bewährt hat. Deshalb bietet das erstmals von der Tonhalle veranstaltete »Schöne Wochenende« nicht nur Musik von heute, sondern noch aus dem italienischen Frühbarock. Damit werden Zeit- und Stilbrücken geschlagen, um beispielsweise die visionäre Chromatik des Madrigalkomponisten Carlo Gesualdo im Vokalwerk des Luigi Nono wieder zu belichten. Bei einem Violin-Solo-Recital reicht dann der Bogen von Bach bis zu den finnischen Spitzenkräften Kaija Saariaho und Esa-Pekka Salonen. Während Steffen Schleiermacher anhand von Klavierwerken des amerikanischen Bad Boy of Music, George Antheil, den Flügel auch unter jazzigen Starkstrom setzt, präsentiert Moritz Eggert einige seiner surreal bunten »Hämmerklavier«Stücke. Bei den insgesamt zwölf (auch tagsüber stattfindenden) Konzerten kann man so ziemlich all das hören, was

laut Festival-Subline das »Moderne Hören« fördert. Dafür singt Posaunist Mike Svoboda sogar auf der Tuba und verwandelt sich über Live-Elektronik und Lautsprecher in einen großen Chor. Den wohl ausgefallensten Titel aller Werke trägt ein Satz aus der »Sonate für Tiere«. »Vom Hängebauchschwein, das vom Fliegen träumte« ist für Bassklarinette mit Akkordeon und Schlagzeug geschrieben und stammt von Kevin HunderConolly. Gerade mal zehn Jahre alt ist dieser Jung-Komponist, der die örtliche Clara-Schumann-Musikschule besucht und mit einigen Schulfreunden eingeladen wurde, über eine erste Talentprobe schon mal Festival- und Konzertsaal-Luft zu schnuppern. Wer weiß, vielleicht begegnet man hier den Wolfgang Rihms von morgen. | GUFI

INFO

31. Januar bis 2. Februar 2014, Tonhalle & Robert-Schumann-Saal, Düsseldorf www.tonhalle.de


54 | MUSIK

DONNA STATT DIVA Anja Harteros Foto: Markus Tedeskino

TEXT: GUIDO FISCHER Im Porträt: Die Sopranistin Anja Harteros ist Residence-Künstlerin der Essener Philharmonie.

Jüngst ist es ihr, an vertrauter Wirkungsstätte, wieder geglückt. An der Bayerischen Staatsoper gab Anja Harteros ihr Rollendebüt als Leonora in Verdis »Macht des Schicksals«. Wie schon im letzten Jahr, als sie in München die Namensschwester in Verdis »Troubadour« sang, stand sie mit Tenor Jonas Kaufmann auf der Bühne. Und versetzte die Kritik in einen Taumel zwischen seriöser Bewunderung und teeniehaftem Schwärmen. Man bestaunte die Makellosigkeit ihres lyrischen Soprans selbst in gefährlichsten Höhen. An der facettenreichen, leuchtend warmen oder dramatisch schillernden Mittellage der Sängerin konnte man sich so wenig satt hören wie an der Stimm-Schauspielerin satt sehen. Anja Harteros ist auch in diesem italienischen Opernfach mit die Beste, wenn nicht derzeit unerreichbar. An Superlative ist sie gewöhnt. Welche Partien sie auch weltweit während 20 Jahren gesungen hat, stets war man der Überzeugung, dass die Deutsch-Griechin eine Idealbesetzung sei. Ob als Alcina in Händels gleichnamiger Oper, ob als Elisabeth im »Tannhäuser« oder als Marschallin im »Rosenkavalier«: Sie »wachse an jeder Rolle«, so Harteros über ihr künstlerisches Vermögen: »Jeder Ton, den ich singe, ist wirklich ein Teil von mir.« Um diesen Ton präzise und mit ausdruckstärksten Atem zu treffen, braucht es mehr als Talent. Um ihre Höchstleistungen

planbar abrufen zu können, teilt sich die 42-Jährige ihre geistigen und körperlichen Kräfte gut ein. Mehr als 40 Auftritte pro Jahr mutet sie sich nicht zu. Selbst für die scheinbar karrierefördernden Mechanismen des Klassikbetriebs ist Harteros nicht zu haben. Im Gegensatz zu Netrebko & Co. sind Open-Air-Konzerte nichts für sie, obwohl sich da eine Menge Geld verdienen lässt. Mit den PR-Strategien der Tonträgerbranche mag sie sich nicht anfreunden. 2006 – da war sie 34 Jahre alt – veröffentlichte sie ihr erstes CD-Recital mit Arien von Haydn und Mozart. Doch trotz blendender Kritiken wurde der exklusive Schallplattenvertrag auch wegen künstlerisch unterschiedlicher Vorstellungen nach einer Strauss-Einspielung bald gelöst. So ist seither lediglich 2010 bei einem anderen Label eine dritte CD erschienen, auf der sich Harteros als glänzende Schubert-Interpretin präsentiert. Ihre hochexpressiven Verdi-Qualitäten immerhin sind in einer Aufnahme des Requiems mit Antonio Pappano am Pult dokumentiert. Die in München lebende Sopranistin beweist indes, dass man keine werbeträchtigen Glamourgeschichten und nicht mal eine internationale Künstleragentur braucht, um sich an der Weltspitze zu etablieren. Bei Harteros zählen von jeher ausschließlich Stimme, Ausstrahlung und Souveränität, mit der sie selbst schwierigste Rollen ohne Anflug von Ner-


STUART

SKELTON

vosität meistert. Harte Arbeit und strenge Lebensführung sorgen dafür, dass sie nie unter ihren eigenen Maßstäben bleibt. Zudem kann sie aus einem enormen Erfahrungsfundus schöpfen. Die im oberbergischen Bergneustadt geborene Tochter eines griechischen Vaters und einer deutschen Mutter sammelte erste Bühnenerfahrungen noch während ihres Studiums an der Kölner Musikhochschule. Sie war dann für einige Jahre festes Ensemblemitglied in Gelsenkirchen und ging danach an die Bonner Oper. 1999 dann die Wende, als sie in Cardiff den renommierten »Singer of the World«-Wettbewerb gewann und in aller Munde war. Zahllose Einladungen, auch für Wagner- und Verdi-Opern, folgten. Harteros aber überstürzte nichts, sondern reiste zum Vorsingen bei James Levine nach New York. Der amerikanische Maestro lud sie ein, an der Met die Gräfin im »Figaro« zu singen. Wieder zurück in Europa, debütierte sie unter Zubin Mehta an der Bayerischen Staatsoper als Agathe in Webers »Freischütz«. Seitdem ist sie an der Mailänder Scala, am Londoner Covent Garden und bei den Salzburger Festspielen aufgetreten. Als Konzertsängerin widmete sie sich mehrfach den »Vier letzten Liedern« von Richard Strauss, der zu ihren Herzenskomponisten zählt. Nach ihrer auch mit einem Schallplattenpreis ausgezeichneten Einspielung mit der Dresdner Staatskapelle rundet Harteros jetzt ihre auf vier Konzerte angelegte Residence in der Essener Philharmonie mit den delikat farbigen, herrlich gefühlssatten Strauss-Liedern ab. Begleitet wird sie beim Abschlusskonzert von den Münchner Philharmonikern unter Lorin Maazel. Auf den 150. Geburtstag des Münchners Strauss ausgerichtet sind zudem die Termine im März und April. Während Harteros mit den Essener Philharmonikern in einer Gala ausgewählte Arien aus Opern wie »Rosenkavalier« und »Arabella« singt, taucht sie danach mit Pianist Wolfram Rieger in intime Liederwelten ein. Beim Eröffnungskonzert wird sie sich von neuer RepertoireSeite zeigen. Bisher hat sich die Primadonna weder mit französischen Opern noch mit den Fin de siècle-Melodien eines Gabriel Fauré und Ernest Chausson beschäftigt. Von den Monsieurs bringt sie zwei Vokalwerke mit, die in der Besetzung ziemlich aus dem Rahmen fallen. Fauré und Chausson haben ihre Chanson-Reigen für Sopran, Streichquartett und Klavier komponiert. In deren Klangsprache kann sich Harteros durchaus heimisch fühlen und in dem französischen Klangfarbenspiel ihre verführerisch schönsten Legato-Künste ähnlich ausspielen wie bei Strauss.

ELZA

VAN DEN HEEVER

IAIN

PATERSON

FELICITY

PALMER

DAS KINODEBÜT DER

ENGLISH NATIONAL OPERA

BENJAMIN BRITTEN’S

PETER GRIMES Die Opernsensation aus London live auf der großen Kinoleinwand Am 23. Februar um 16 Uhr aus dem London Coliseum

INFO

Anja Harteros »In Residence«: »La Bonne Chanson« am 21. Februar 2014, Philharmonie Essen; weitere Termine: 8. März, 26. April, 24. Mai 2014; www.philharmonie-essen.de

KINOWELT Mehr Infos und Tickets unter

www.UCI-KINOWELT.de oder über die UCI App.


56 | MUSIK

Peter Eötvös. Foto: Klaus Rudolph

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT TEXT: GUIDO FISCHER NRW feiert den 70. Geburtstag des Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös.

Es sind diese Zufälle, die dem Leben die erhoffte Richtung geben. Als Peter Eötvös irgendwann 1966 durch die Flure der Kölner Musikhochschule schlenderte, fiel sein Blick auf einen kleinen Aushang. »Stockhausen sucht Kopisten«, stand da zu lesen. Wie Eötvös später gestand, sei er wie vom Donner gerührt gewesen. Schon in seiner ungarischen Heimat hatte er Karlheinz Stockhausen für sein elektronisches Klang-Ereignis »Gesang der Jünglinge« bewundert und davon geträumt, ihn kennenzulernen. Nun bot sich dem 22-Jährigen, der dank eines Stipendiums an den Rhein gekommen war, diese Chance. Eötvös ergriff sie. Nachdem er monatelang damit beschäftigt war, Stockhausens »Telemusik« abzuschreiben, gehörte er zum Inner Circle des exklusiven Stockhausen-Clans. Als Pianist, Schlagzeuger und Klangregisseur reiste er mit dem Neue Musik-Guru die nächsten Jahre mehrmals um die Welt. Von ihm bekam er wichtige Anregungen für sein eigenes kompositorisches Denken. Viel später dann – Eötvös war längst auch ein international gefragter Dirigent – leitete er in London und Mailand die Uraufführungen einiger Teilstücke aus Stockhausens Opern-Opus Magnum »Licht«. Bis zu dessen Tod 2007 blieb man sich freundschaftlich und künstlerisch eng verbunden. Im Rahmen einer kleinen Konzertreihe, mit der die Kölner Philharmonie Eötvös nachträglich zum 70. Geburtstag gratuliert, erinnert er sich auch an die prägenden Stockhausen-Jahre. So wird Eötvös im März dessen abendfüllende Chor-Orchester-Komposition »Momente« dirigieren. Dabei leitet er mit dem Pariser Ensemble intercontemporain jene Weltklassetruppe für Neue Musik, mit der er als Chefdirigent von 1978 bis 1991 Hunderte von Uraufführungen gestemmt hat. Überhaupt spiegelt jedes der Konzerte vom Programm her oder seitens der Interpreten wichtige Kapitel in dem ertragreichen, vielfach preisgekrönten Wirken von Eötvös wider. So hat er beispielsweise für das Konzert mit dem niederländischen Radio Filharmonisch Orkest Werke seiner beiden Landsleute Zoltán Kodály und Béla Bartók ausgesucht, denen er vielleicht seine eigentliche musikalische DNA verdankt. Am 2. Januar 1944 in Székelyudvarhely (Transsilvanien) geboren, ging Eötvös mit 14 Jahren an die Budapester Musikakademie, um bei Kodály Komposition zu studieren. Von ihm wie auch vom Werk Bartóks wurde seine Liebe zur Volksmusik geweckt. Darüber hinaus verdankt er der auf harmonischen Ganztonschritten basierenden Kompositionsmethode seines Lehrers, dass sich später seine musikalische Sprache nie ins allzu Abstrakte, Mikrotonale zerfasern sollte. Tatsächlich hat sich Eötvös bis heute eine Offenheit gegenüber musikalischen Materialien und ihrer Organisation bewahrt, die gerade in den Hochzeiten klangideologischer Kontroversen tabu waren. Dazu gehört nicht nur das Bekenntnis auch zur Tonalität. Bei ihm darf Komplexität durchaus virtuos anspringende Züge besitzen. Bei seinen stilpluralistisch verschachtelten und geschichteten Experimenten kommt es schon mal zu vibrierenden Kämpfen zwischen kompakten Geräuschen und Anleihen aus Jazz und Rock. Schließlich wünsche sich Eötvös, »als Komponist von der Pop-Jazz-Seite herzukommen und alle E-MusikGrenzen zu sprengen«. Wer sich sein Stück »Jet Stream« anhört, 2002 für Trompete und Orchester geschrieben, wird verstehen, warum Eötvös früh Miles Davis zu seinen musikalischen Helden zählte. Das burlesk dahingroovende »Paris – Dakar« für Posaune und Big Band könnte insgeheim eine Hommage an den ebenfalls bewunderten Frank Zappa sein. Bei den Kölner Eötvös-Festspielen gibt es jedenfalls mit dem Schlagzeugstück »Psalm 151« eine offensive Verbeugung vor dem amerikanischen Rock-Surrealisten. Sie wird von Martin Grubinger während einer Sonntagsmatinee gespielt, bei der Eötvös auch dem Publikum Rede


Klavier-Festival Ruhr Die Pianisten der Welt beflügeln Europas neue Metropole und Antwort steht. Ein zweites Mal begegnen sich der österreichische Schlagwerker und der komponierende Dirigent bzw. dirigierende Komponist dann in einem großen Orchesterkonzert. Wie bereits bei den vorausgegangenen Konzerten in Essen und Dortmund präsentiert Grubinger zusammen mit dem Mahler Chamber Orchestra die erst 2013 uraufgeführte Novität »Speaking Drums« von Eötvös. »Sieben Gedichte« lautet der Untertitel des Werks, bei dem sich Sprache in erzählerischen Klang verwandelt. Die von Grubinger rezitierten Gedichte u.a. des Ungarn Sándor Weöres lösen sich in einzelne Laute auf und werden auf dem Schlagzeug imitiert. Für Eötvös haben damit die Worte aber keinesfalls ihre konkrete Bedeutung verloren, vielmehr in der Musik nur einen anderen Zustand angenommen. In zahlreichen Instrumental-Kompositionen hat sich Eötvös mit der Musikalität von Sprache auseinandergesetzt, ob in Streichquartetten oder im furiosen Konversationsstück »Snatches«, bei dem ein Trompeter auf einen brabbelnden und nuschelnden Sprechersolisten trifft. Auch in der Oper stellte Eötvös sein Gespür für das Sprachmusikalische enorm erfolgreich unter Beweis. Seine Vertonung des Tschechow-Dramas »Drei Schwestern« entwickelte sich seit der Uraufführung 1998 zu einem vielfach inszenierten Repertoire-Werk im Neuen Musiktheater. Ähnlich bejubelt wurden seine nachfolgenden Fassungen von Jean Genets »Balkon«, »Angels in America« nach Tony Kushner und »Die Tragödie des Teufels«, die in Zusammenarbeit mit Albert Ostermaier entstand. Aktuell arbeitet Eötvös am Feinschliff seiner neuesten Oper »Der goldene Drache« nach Roland Schimmelpfennig (Uraufführung Ende Juli in der Frankfurter Oper). Doch im Grunde gibt sich der Musiktheater-Mann Eötvös schon jetzt, in den Konzertsälen, zu erkennen. Denn, so umkreist er den zentralen Aspekt seines Komponierens, sei es für ihn »eine wunderbare Vorstellung, dass wir Sichtbares hörbar oder Hörbares sichtbar machen«.

9. Mai – 12. Juli 2014 Info | Ticket: 01806 - 500 80 3* | www.klavierfestival.de *(0,20 €/Anruf aus dem dt. Festnetz, Mobil max. 0,60 €/Anruf)

Pierre-Laurent Aimard | Monty Alexander Trio | Nicholas Angelich | Martha Argerich & Lilya Zilberstein | Daniel Barenboim | Elena Bashkirova & Michael Barenboim | Markus Becker | Rafał Blechacz | Alfred Brendel (Lesung) | Till Brönner & His Piano Friends | Chick Corea | Leon Fleisher | Philip Glass, Maki Namekawa & Dennis Russell Davies | Chilly Gonzales | Marc-André Hamelin | Graham Johnson & Dame Felicity Lott | Evgeny Kissin | Elisabeth Leonskaja | Robert Levin & Ya-Fei Chuang | Igor Levit | Anne Sophie Mutter & Lambert Orkis | Gerhard Oppitz | Alice Sara Ott & Francesco Tristano | Maria João Pires | András Schiff | Herbert Schuch & Mirijam Contzen | Grigory Sokolov | Martin Stadtfeld | Jacky Terrasson | Chucho Valdes & The Afro-Cuban Messengers | Krystian Zimerman u.v.a.

INFO

Peter Eötvös, Mahler Chamber Orchestra und Martin Grubinger (Schlagzeug): 14. Februar 2014, Philharmonie Essen; 15. Februar, Konzerthaus Dortmund; 16. Februar, Philharmonie Köln; Peter Eötvös, Radio Filharmonisch Orkest & Midori (Violine): 20. Februar, Philharmonie Köln; Peter Eötvös, Ensemble intercontemporain, WDR Rundfunkchor Köln u.a.: 22. März, Philharmonie Köln; www.koelner-philharmonie.de Das kulturelle Leitprojekt des

Kulturpartner

Medienpartner

Kommunikationspartner

Medienpartner


58 | MUSIK

KLASSIK, JAZZ, POP 4. FEBRUAR CAPELLA ANDREA BARCA in Köln »Wenn ich von einem Komponisten aufgesogen werde, dann beginne ich zu fühlen wie er, körperlich und geistig.« So hat der ungarische Pianist András Schiff seine intensive Beschäftigung mit den ganz Großen der Musikgeschichte beschrieben. Und diese Seelenverwandtschaft spiegelte sich in seinen epochalen Klavierzyklen der Werke Bachs, Haydns, Mozarts, Beethovens, Schuberts und Schumanns wider. Seit 1999 ist Schiff darüber hinaus ein gleichermaßen erfolgreicher Orchestergründer. Auf »Cappella Andrea Barca« hat er sein Ensemble getauft – und damit seinen Namen humorvoll verewigt (Barca = Schiff). Mit den Musikern, die ansonsten renommierte Solisten und Kammermusiker sind, widmet er sich nun zwei Abende lang dem Klavierkonzert- und KammermusikKomponisten Mozart. Am 4. und 5. Februar in der Philharmonie 4. FEBRUAR ACADEMY OF ST MARTIN IN THE FIELDS  in Münster Wenn ein englisches Traditionsorchester wie die Academy of St Martin in the Fields auf Tournee ist, darf selbstverständlich heimisches Klanggut keinesfalls fehlen. Und so erklingt von Edward Elgar das Streichorchesterstück »Introduktion und Allegro«. Für das zweite Werk aus der English Connection holt man sich dann einen Franzosen mit ins Boot. Es ist Xavier de Maistre, der nach einer Harfenversion eines Mozart-Klavierkonzerts ein höllisch schweres Concertino für Harfe und Orchester lässig hinlegt. Geschrieben hat es der Engländer Elias Parish-Alvars, der nicht nur mit Felix Mendelssohn Bartholdy befreundet war. Hector Berlioz wiederum kürte ihn einmal zum »Liszt der Harfe«. Hörsaal H1 der Universität 7. FEBRUAR JULIA FISCHER  in Düsseldorf In diesem Jahr feiern die Düsseldorfer Symphoniker ihren 150. Geburtstag – mit einem besonderen Programmschwerpunkt. Gespielt werden zumeist Komponisten, die im »Dritten Reich« verboten und verfolgt wurden bzw. mit den Machthabern kooperierten. Bei diesem von GMD Andrey Boreyko geleiteten Abend sind Werke aus zwei Jahrhunderten zu hören. Zunächst spielt Julia Fischer die Violinkonzerte von Schumann und Mendelssohn Bartholdy, danach folgt die Symphonie »Mathis der Maler« von Paul Hindemith. Dem ersten der drei Kon-

zerte geht übrigens ein Festakt voraus, bei dem Bundestagspräsident Lammert eine Festrede hält – anlässlich der Umbenennung des großen Saals in »Mendelssohn Saal«. Am 7., 9. und 10. Februar in der Tonhalle 9. FEBRUAR AVISHAI COHEN in Dortmund Avishai Cohen hatte schon früh das Glück des Tüchtigen und Hochbegabten. Kaum verließ der Bassist seine israelische Heimat in Richtung New York, wurde er nicht nur schnell von Szene-Größen wie Joshua Redman, Wynton Marsalis und Herbie Hancock in Empfang genommen. Cohen spielte zudem viele Jahre in den Bands von Chick Corea. Seitdem ist er aber auch mit seinen eigenen, zwischen Jazz, Klassik und Weltmusik pendelden, Projekten enorm erfolgreich. Geprägt von den musikalischen Einflüssen seiner israelischen Heimat, bewegt er sich mit seinem aktuellen Trio traumwandlerisch zwischen Jazz, Blues, Latin, nahöstlicher und afrikanischer Musik. An diesem Abend mit dabei: Nitai Hershkovits am Klavier sowie Ofri Nehemya am Schlagzeug. Domicil 10. FEBRUAR KEITH BROWN  in Gelsenkirchen Der zweite Sohn von Großfamilienplaner Johann Sebastian war ein unglaublich brillanter Kopf. Als Theoretiker beeinflusste Carl Philipp Emanuel Bach mit seinem Traktat »Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen« eine ganze Epoche. Und seine Kompositionen gehören zu den absoluten Aushängeschildern des »Sturm und Drang«. 2014 feiert man Bachs 300. Geburtstag. Und auch die Neue Philharmonie Westfalen reiht sich in die Gratulantenschar mit einer seiner Sinfonien ein. Vor dem Finale mit Beethovens 8. Sinfonie steht aber gleich zweimal Robert Schumann auf dem Programm. Es sind die Konzertstücke »Introduktion und Allegro appassionato« und »Konzert-Allegro mit Introduktion«, die der ECHOKlassik-Preisträger Matthias Kirschnereit mit Brillanz und Schwung meistert. Am Pult steht der junge US-amerikanische Dirigent Brandon Keith Brown, dem man seit seinem Preis beim Sir-Georg-Solti-Dirigentenwettbewerb 2012 eine große Karriere prognostiziert. 10. und 11. Februar, Musiktheater im Revier; außerdem: 12. Februar, Konzertaula Kamen sowie 16. Februar, Ruhrfestspielhaus, Recklinghausen

Empfehlungen

der Redaktion

14. FEBRUAR NILS WOGRAM in Bonn An seiner Posaune kennt Nils Wogram bekanntermaßen keine stilistischen Scheuklappen. Ob Modern Jazz, Rock oder Experimental – der Mann verwandelt alles in preisverdächtige Soundereignisse. Seit 2012 ist eine neue Klangfarbe hinzugekommen. Es ist der urwüchsige Klang des Balkans, den er mit dem serbischen, in Paris lebenden, Jazz-Pianisten Bojan Z auslebt. Zum ersten Mal war man sich damals in Berlin begegnet. Und sofort stand fest, dass man dieser seltenen Jazz-DuoBesetzung Posaune/Klavier mehr Zeit geben muss. Über die Weiterentwicklung der beiden Musiker zeigt sich mittlerweile auch die Die Zeit ziemlich beeindruckt: »Sie gönnen sich den Raum zur Ausschweifung, brausen auf zu tonalen Orkanböen oder lehnen sich mit lässigem Parlando zurück; alle klanglichen Register ihrer Instrumente nutzen sie und setzen auch auf die Kraft der Stille.« Vor dem gemeinsamen Bonner Auftritt schaut Wogram übrigens in Köln vorbei (14.2., Loft), um sich mit seinem Nostalgia Trio in flippigen Psychodelic-Jazz fallen zu lassen. 15.2. Beethovenhaus 20. FEBRUAR WILLIAM FITZSIMMONS in Köln Als Kind blinder Eltern hat William Fitzsimmons früh die Bedeutung von Musik als Kommunikationsmittel kennengelernt. Zuhause stand eine ganze Instrumentensammlung zur Verfügung. William lernte, Klavier und Posaune zu spielen, später kam die Gitarre hinzu. Seine musikalische Karriere startete dagegen (vergleichsweise) spät. Nach dem Studium der Psychologie arbeitete der Amerikaner zunächst als Therapeut. Dass seine beinahe geflüsterten Folksongs oft von seelischen Verwerfungen handeln, überrascht vor dem Hintergrund nicht. Vielleicht ist das auch der Grund, dass Fitzsimmons-Songs auf dem Soundtrack mehrerer Klinikserien wie »Grey’s Anatomy« oder »General Hospital« zu hören sind. Gloria 20. FEBRUAR ANGELIKA KIRCHSCHLAGER in Bochum Aktuell ist die österreichische Star-Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager bei den Bochumer Symphonikern »Artist in Residence«. Und für ihren ersten Auftritt hat sie sich zusammen mit Bochums GMD Steven Sloane für Kurt Weills »Die sieben Todsünden« entschie-


K.WEST 02/2014 | 59

den. Dieses »Ballett mit Gesang« war die letzte Zusammenarbeit des Erfolgsduos Kurt Weill und Bertolt Brecht und wurde 1933 in Paris uraufgeführt. Es schildert die Odyssee von Anna, die von ihrer Familie in die weite Welt geschickt wird, um Karriere als Tänzerin zu machen und damit Geld zu verdienen für den Bau eines neuen Häuschens. Und auch diesen Song-Reigen hat Weill mit seinem unvergleichlichen Stil vergoldet und damit zu einem Evergreen gemacht. Komplettiert wird der Abend mit BroadwaySongs, bei denen das großartige Vokalensemble Amarcord einsteigt. 20. und 21. Februar am Schauspielhaus 21. FEBRUAR ANNE SCHWANEWILMS  in Bonn Von Gelsenkirchen in die große weite Welt der Oper und des Konzertgesangs – auf diesen einfachen Nenner kann man die Karriere von Anne Schwanewilms bringen. Doch die 2002 von dem Fachmagazin »Opernwelt« zur »Sängerin des Jahres« gekürte Sopranistin ist nicht nur eine Wagner-Fachfrau, die den Bayreuther Hügel schon oft erobert hat. Ihre zweite Domäne ist das Schaffen von Richard Strauss. So hob La Stampa nach einer »Rosenkavalier«-Aufführung an der Mailänder Scala ihren »äußerst feinsinnigen und köstlichen Gesang« hervor. Lobeshymnen wie diese gehen dem anstehenden Strauss-Abend voraus, den Schwanewilms zusammen mit dem Beethoven Orchester Bonn unter Leitung von Jun Märkl geben wird. Auf dem Programm stehen unter anderem die »Vier letzten Lieder«. Beethovenhalle 21. FEBRUAR  »HEIMATABEND«  in Neuss Der Quan họ Chor präsentiert Gesänge, wie sie seit Generationen in den Dörfern Nordvietnams gepflegt werden. Andalusische Volksmusik und rituelle Gnawa-Musik verbindet die Band La Caravane du Maghreb. Und die Spezialität von Klapa-Berlin ist die polyphone A cappella-Kunst Dalmatiens. Diese drei Formationen sind Teil eines ungewöhnlichen Liederabends. »Heimatabend« präsentiert musikalische Sprachen, die von der ersten und zweiten Einwanderer-Generation nach Deutschland mitgebracht wurden. Und demonstriert so, wie sich der Begriff »Heimat« auf musikalischer Ebene verändert. Nach der Premiere im Sommer 2013 in Berlin gastiert dieses Projekt nun erstmals in NRW. Mit dabei sind zudem fünf weitere Bands, die u.a. Fado und kubanische Volksmusik spielen. Rheinisches Landestheater

22. FEBRUAR  Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:  Projekt: Das 3. Ohr/Klanglandschaften BIROL TOPALOĞLU/YİĞİT SERTDEMİR in Mülheim Wie wohl kein anderer Musiker verkörpert Birol Topaloğlu mit seinen Kompositionen und der Vielzahl der von ihm meisterhaft beherrschten, traditionellen Instrumente seiner Heimat die Kosmologie und Poesie der türkischen Schwarzmeer-Region. Nach seinem sensationellen Mülheimer Konzert im Herbst 2011 entstand in Gesprächen mit der Leitung von Kumbaraci 50, dem Istanbuler Partnertheater des Theaters an der Ruhr, die Lust an einer Zusammenarbeit. Gemeinsam mit Topaloğlu erforschten der Autor und Regisseur Yiğit Sertdemir und der Choreograf und Performer Ilias Odman bei einem Aufenthalt in der Heimat des Musikers deren Mythen. Im Zentrum des Projektes steht »TSCH’ink’A«, eine sagenumwobene Figur mit dem bekanntesten schamanischen Namen der Schwarzmeer-Region. Den Spuren dieser und einer Reihe anderer, verlorener Figuren und Geschichten wird Birol Topaloğlu mit seinem Repertoire unglaublicher Klänge lebendigen Ausdruck verleihen. Theater an der Ruhr, www.nrw-kultur.de/dasdritteohr 23. FEBRUAR Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:  Projekt: Das 3. Ohr/Klanglandschaften UWAGA!  in Dortmund Achtung! Waghalsiger Spielwitz, schwindelerregende Tempi, todtraurige Melodien, unsachgemäße und an Dreistigkeit grenzende Handhabung von klassischem Instrumentarium und Kulturgut – wen all das beunruhigt, der sollte sich auf keinen Fall in ein Uwaga!Konzert begeben. Denn den Konzertbesucher erwartet ein irrwitzig-anarchischer und dabei höchst unterhaltsamer Streifzug durch die Musik: ohne mit der Wimper zu zucken, vermischt Uwaga! abendländische Hochkultur und Gipsy-Verve, paart swingende Leichtigkeit mit brachialer Punk-Attitüde und spielt ausgefeilte Arrangements mit allergrößter Ernsthaftigkeit, um sich sogleich in halsbrecherischen Improvisationen auszutoben: Acoustic crossover, furios und energiegeladen. Uwaga! zeigt, was Hemmungslosigkeit aus zwei Geigen, Akkordeon und Kontrabass herausholen kann. Domicil, www.nrw-kultur.de/musikkulturen 23. FEBRUAR DANIEL HOPE  in Kempen Bei Daniel Hopes jüngstem Coup war selbst die Zeit aus dem Häuschen. »Der Vivaldi fürs

21. Jahrhundert – ein idealer Begleiter durch das Jahr«, schrieb sie anlässlich einer aufgefrischten Version von Vivaldis »Vier Jahreszeiten«, die der englische Komponist Max Richter für den Allrounder unter den Stargeigern eingerichtet hatte. Und für »Vivaldi Recomposed« ist Hope auch gerade mit einem ECHO-Klassik ausgezeichnet worden. Mit diesem Erfolgsprojekt gastiert er jetzt beim Kammerorchester »l’arte del mondo« unter Werner Ehrhardt. Darüber hinaus gibt es italienische Barock-Klassiker u.a. vom Vivaldi-Zeitgenossen Evaristo Felice dall’Abaco. Kulturforum Franziskanerkloster 25. FEBRUAR THE NOTWIST  in Bielefeld Ab und zu blitzt die Vergangenheit von The Notwist noch auf. Dann merkt man, dass die Band aus Weilheim Anfang der 90er Jahre aus dem Noiserock-Bereich hervorgegangen ist. Die verzerrten Gitarren sind inzwischen selten geworden, mittlerweile überwiegt ein melancholischer Grundton. Aber man kann nie sicher sein, ob sich die Atmosphäre eines Stückes nicht doch in einem Gewitter entlädt. Das zeichnet The Notwist genauso aus wie die Tatsache, dass elektronische Sounds und »echte« Instrumente in dieser Band so klug zusammengeführt werden wie kaum irgendwo sonst. Dass sämtliche Bandmitglieder klassisch ausgebildet sind, ist unüberhörbar. 2014 steht gerüchteweise ein neues Album an (die Band veröffentlichte zuletzt im Sechsjahreszyklus). Die Chancen stehen gut, dass in Bielefeld erste Songs davon zu hören sind. Forum

Über 1000 kreative Zeitgenossen stellen aus, laden ein oder lassen sich über die Schultern gucken. Tolles Restaurant mittendrin und Feiern mitten im Künstlerdorf. 6,50€ Eintritt inkl. beliebig viel Tee, Milchkaffee, Limo, Cola, Espresso,...

City Essen, rechts vor dem Einkaufszentrum.


60 | BÜHNE

DIE JAGD AUF DEN WEISSEN WAL TEXT: ANDREAS WILINK

Das Düsseldorfer Schauspielhaus in der Dauerkrise: ein Klimabericht – mit einer Aufhellung.

Frontansicht des Düsseldorfer Schauspielhauses.

25. März 1990. Im Düsseldorfer Schauspielhaus öffnet sich der Vorhang: Ein schöner junger Mann schlägt nackt ein Rad. Später wird ein Vater seine Töchter begrabschen. Ein Königsdrama über den Trieb als Wille zur Macht im Renaissance-Rahmen, umspielt von Verdis Musik. Shakespeares »Lear«, inszeniert von Werner Schroeter, musste am Premierenabend fast abgebrochen werden. Das Publikum verließ türenschlagend das Theater. 21. Juni 1997. Der Eiserne Vorhang geht hoch – ein tableau vivant. Eine Gruppe alter Männer, gewandet in schwarzen Damenroben, und die handelnden Personen des Dramas füllen in gestalteter Ordnung die Bühne. 13 Minuten steht das Tableau. Dann schließt sich der Vorhang. Pause, bevor Einar Schleefs »Salome« mit den Jung-Diven Ursina Lardi und Bibiana Beglau auf steiler Rampe exekutiert wird. Das Premierenpublikum ist außer sich vor Wut. Das »Salome«-Ritual des genialen Querkopfs Schleef ist Lust und Liturgie, stiller Schrecken und schreiende Katastrophe, Innehalten und Ekstase, hammerharte Poesie und aufs Schlimmste aus. Düsseldorf bemerkt es zuletzt. 29. September 2005. Sieben nackte Männer sudeln im Modder und überschütten sich mit blutroter Farbe. Jürgen Gosch inszeniert »Macbeth« als spieltollen, freien Putsch gegen das Illusionstheater in einem vom Naturalismus fernen Kunstraum. Theater, das sich über seine Methoden selbst aufklärt. Das Publikum kann die Invasion der Barbaren nicht fassen, der Spiegel souffliert und polemisiert gegen das »Ekeltheater«. Am Ende des Tages ist dieser Abend das Ereignis des Jahres. Drei »Skandale«, in deren Anschluss der Boulevard von »Porno« sprach und aus kulturversiertem Munde Worte wie »Verstoß gegen die Menschenwürde«, »entartete Kunst« und »Sauerei« fielen. Drei Verschwörungen gegen den Apparat, die bloß als Affront wahrgenommen wurden. Wo Theater als Hort der


K.WEST 02/2014 | 61

»modern« sein wolle oder nicht: »Das Theater gilt hier nichts.« Ein halbes Stadttheater und ein halbes Staatstheater, aber kein Theater für die Stadt – ausweislich der betonverwüsteten Insellage – und kein Theater für Nordrhein-Westfalen, das die Ruhrtriennale als ihren theatralen Kürlauf betrachtet und sich von einer prominent besetzten Kultur-Weisen-Kommission schon die Frage stellen ließ, ob nicht etwa das Schauspielhaus Bochum den Titel eines Staatstheaters verdienen würde. Es fehlt eine Idee für das Schauspielhaus. So gestaltet sich die Intendantensuche regelmäßig als schwierig. Die A-Kategorie ziert sich, obgleich das Haus in seiner optimalen Ausstattung und mit drei Spielstätten (das aufwändige neue »Central« ist indes kaum noch in Betrieb) in diese Liga gehörte – neben Stuttgart, Frankfurt und Hamburg, wenn nicht Berlin und München. Nehmen wir als Vergleich die Münchner Kammerspiele, deren Publikum sich einer Schule des Sehens unterzog und nach Dieter Dorn und Frank Baumbauer den Weg bereit fand für Johan Simons und demnächst für Matthias Lilienthal. Weder Simons noch Lilienthal wären K-West FAV 14_Layout 1 15.01.14 16:03 Seite 1

FAV 14/Erkundigungen Eine Gesprächsreihe im Vorhinein

Illustration: Das Gespinst

Repräsentation genommen wird, ist es nicht leicht mit der ästhetischen Erziehung des Menschen – was mit pädagogischem Appeal nicht zu verwechseln ist. Dafür wären Schroeter, Schleef, Gosch die allerfalschesten gewesen. »Nichts Gefährliches und Riskantes darf uns fremd bleiben«, fordert Cioran. Das Gegenteil ist der Fall. Weshalb? Woher die Trägheit, der Mangel an Urteilskraft, Interesse an und Akzeptanz von künstlerischen Positionen? Eine schlüssige Antwort fehlt. Ursachenforschung fördert mehr Stimmungen zu Tage als harte Fakten. Freilich ein Empfinden mit Gründen, das hinter vorgehaltener Hand allgemein bestätigt wird. Von Michael Huthmann etwa, unter Volker Canaris Chefdramaturg und ein Geisteskopf, halb altrömischer Philosoph, halb deutscher Professor mit theologischem Impetus. Bei einem Treffen an seinem Wohnort Stuttgart spricht er in deftigem Luther-Deutsch von »des Fleisches Blödigkeit« mit Blick auf das Düsseldorfer Milieu. Kann indes auch akademisch formulieren: Dem Publikum fehle es an Gedächtnis und Sinn für die »Präsenz von Gegenwärtigkeit« auf der Bühne. Er spüre in Düsseldorf kein »Pneuma«, man sei »profan und seelenlos«. Anekdoten passen ins Bild. Als in den Siebzigern der Nachfolger für KarlHeinz Stroux gesucht und auch der linke Peter Palitzsch zum Kennenlernen geladen wurde, traf man sich im Breidenbacher Hof; anschließend hätten kommunale Kommissionäre Kuchenpakete aus dem Hotel mitgehen lassen und sich dann für (Uli) Brecht entschieden – denn was soll man den Schüler nehmen, wenn man den Meister haben könne, meinte man. Wenigstens dem Namen nach. Das ging schief. Die Stadt der Kunstrevolten, von Beuys, Nam June Paik und Immendorff, des Punk auf der Ratinger Straße und der Becher-Schule nimmt das Theater – den weich geschwungenen Pfau-Bau, gestrandet auf dem Pflaster wie ein Weißer Wal – nicht mehr als Ort für Diskurse an. Nebenan, in der Rheinoper, beim »Tannhäuer« wurde im Jahr 2013 unhinterfragt die Motivation für den psychischen Kollaps einiger Premierengäste nicht etwa bei Verdrängungs-Mechanismen gesucht, sondern nur bei der Zumutung auf der Bühne, die Bilder vom Holocaust mit Wagner kurzschloss. Das nur nebenbei. Huthmann spricht ausgesucht liebenswürdig von »Kleine-Leute-Mentalität«. Was ist los mit dem Schauspielhaus, mit Publikum und Freundeskreis, seiner Öffentlichkeit, den Trägern, ministeriellen und kulturpolitischen Sachwaltern? Verkennung auf breiter Front. Der aktuelle Renner im Großen Haus ist die Operette »Im weißen Rößl«. Keinem Intendanten, auch nicht erfolglosen wie Amélie Niermeyer und dem nach kurzer Zeit demissionierten Staffan Holm, kann der Versuch abgesprochen werden, den Panzer zu knacken. Und andere Szenen zu gewinnen – Universität, Kunstkreise, Akademie, die multinationale community. Vergebens. In dem Theater mischen sich keine Gesellschafts-Gruppen. Man spürt nicht den Stolz der Stadt aufs Theater wie in Bochum, keine Mobilisierung in der Krise, wie es in Köln unter Karin Beier geschah. Das Publikum will bei Laune gehalten werden. Ein ehemaliger Beamter aus der ministeriellen Kulturetage sieht als Problem das nicht eindeutige Selbstverständnis der Stadt, ob sie nun

Medienpartner:

www.favoriten2014.de favoriten2014.tumblr.com #FAV 14 Gefördert und veranstaltet von:


62 | BÜHNE

Dostojewskijs »Spieler« im Lebens-Roulette-Rad. Fotos: Sebastian Hoppe

für Düsseldorf vermittelbar – zu experimentell, salopp, offen für andere Formen und Sprachen, zu radikal im ästhetischen Zugriff, zu frei für klassischen Repertoire-Betrieb. München ist aber doch nicht naturgemäß aufgeschlossener als Düsseldorf. Seltsamerweise, trotz des kommoden Spielplans und der kuscheligen Begleitung durch die Stadt-Zeitung Rheinische Post, hat das Haus eine schlechte Auslastung, von »Momo« und dem »Rößl« geschönt. Das Schauspielhaus ist aus der Mode. Bloß eine Frage von Chic? Zur Klimafrage gehört ein technokratisches Verständnis von Kunst und Kunstbetrieb, Borniertheit und Verzagtheit, wenn sich der von den Gesellschaftern erwartete Erfolg (ohne ausformulierte, programmatisch durchdachte Basis) nicht gleich einstellt. Man hat, auch baulich, den Eindruck, als sei die Zeit stehen geblieben – in den Siebzigern und der Ära Stroux, der in seiner Person mit imperialem Gestus zeitkonform bundesdeutsche Wirklichkeit inszenierte. Danach punktete Günther Beelitz bis 1986, erreichte fast fünf Millionen Zuschauer und machte Düsseldorf 1983 zum »Theater des Jahres« mit einem für Mut zur Zeitgenossenschaft gerühmten Spielplan. Verdammt lang’ her. Volker Canaris (1986-1996) konnte dank seiner rhetorischen Überlegenheit meistens obsiegen und konzentrierte das Profil auf einige starke Regie-Handschriften (Gotscheff, Schroeter, Mouchtar-Samorai, Beier). Holm und sein Konzept der Internationalisierung, so falsch und mit den falschen Exponenten es besetzt gewesen war, hatte auch keine Chance, weil es nicht gestützt wurde. Für eine getroffene Entscheidung müssen die Entscheider auch eine längere Frist haften wollen! Die kommunale Kul-

turpolitik steht sich selbst im Weg und behindert sich im Dialog mit dem Land, so dass eher ein Disput daraus wird. Die Farbenlehre (schwarzes Düsseldorf / rot-grünes Land) und der Vorbehalt gegenüber der reichen Landeshauptstadt ätzen wie Gift. Bei der NRW-SPD existieren Planspiele des Finanzministeriums, das Land möge sich als Gesellschafter aus dem Schauspielhaus zurückziehen und es der Stadt alleinverantwortlich überlassen. Die künstlerische Misere begleiten Pleiten und Pannen. Die FindungsKommission für Holms Nachfolge, ohnehin kontraproduktiv besetzt, hatte ein Leck, durch das mögliche Kandidaten-Namen sickerten, die allerdings kaum zur Verfügung gestanden hätten oder es nun nicht mehr taten. Aus den Kulissen munkelt es, eine Frau würde Intendantin. Andrea Breth wohl nicht, obwohl die auf der Wunschliste stand. Auch der Name Sven-Eric Bechtolf kursierte bis zu dessen Absage. Als Schauspieler großartig, spielte der 56-Jährige u.a. am Thalia Theater und an der Wiener Burg, inszenierte an der Oper Zürich und leitet derzeit das Schauspiel der Salzburger Festspiele. Smart, Ego-stark, eher konservativ und als Regisseur konventionell gediegen. Für Düsseldorf wäre er der Richtige gewesen: Mit der Politik hätten sich seine Umfangsformen prima vertragen – mit der Society auch. Die Einzel- oder Geschwisterlösung Carp (Dramaturgin Stefanie und Intendant Peter) geistert noch durchs Foyer. Nichts gegen die Qualitäten Peter Carps, in Oberhausen das Bestmögliche zu machen trotz Widrigkeiten. Nichts gegen die widerborstige Kreativität Stefanie Carps. Aber nach Mainz (Badora) und Freiburg (Niermeyer) kann es doch nicht sein, dass die Provinz das einzige Reservoir bietet.


K.WEST 02/2014 | 63

Zu allem Überfluss klafft ein finanzielles Loch: ein Defizit von 5,4 Millionen Euro, entdeckt im Jahresabschluss 2011/2012. Bilanz-Kapriolen. Für die Kulturministerin und Aufsichtsratsvorsitzende Ute Schäfer wie für Oberbürgermeister Dirk Elbers sehr zu Unzeit, wo Konsolidierung ansteht. Eine Blamage. Schließlich sollte ein Aufsichtsrat prüfen können, was ihm an Zahlen vorgelegt wird. Interims-Intendant Manfred Weber, seit 2002 kaufmännischer Geschäftsführer und als Garant des Soliden von der Stadt favorisiert, fühlt sich von den Vorwürfen der Ministerin beschädigt und sieht sich nicht als hauptverantwortlich für das Minus. Wer oder was denn? Die Umstände? Die Verhältnisse? Eine aktuelle Bewertung durch Wirtschaftsprüfer lässt wenig Gutes für Weber ahnen. Klüger wäre gewesen, er hätte frühzeitiger kundgetan, nicht als künftiger Intendant zur Verfügung zu stehen. So aber ist seine Rolle zweideutig und interessegelenkt. Zerrieben von divergierenden Haltungen der Gesellschafter Stadt und Land, die kein stringentes gemeinsames Konzept haben, personifiziert Weber das gesamte Dilemma. Es Düsseldorf bequem zu machen, darf die Lösung nicht bleiben.

»DER SPIELER« ODER WIE MAN IN DIE RÖHRE SCHAUT Doch, siehe da, Mitte Januar eine Unbequemlichkeit: Dostojewskijs »Der Spieler« zeigt Theater, wie es sich für ein Haus wie Düsseldorf gehört und lange fehlte. Wobei Gast-Regisseur Martin Laberenz eher karikierend die interne Misere, scheinbar aus dem Stegreif, zur Sprache bringt: Michael Abendroth in der Rolle von Dostojewskijs Pleite-General spielt auf die verzockten 5,4 Millionen, das leer gefegte Parkett und die verantwortlichen Dilettanten an. Es läuft rund. Die Bühne: ein aufgeschnittener Trichter, der sich dreht wie ein Hamsterrad. Oder ein Roulette, denn wir sind in Roulettenburg, Dostojewskijs fiktiver deutscher Stadt, zusammengebaut aus Wiesbaden und Bad Homburg. Geld um jeden Preis: Spielen als potenzierte Metapher des ökonomischen Prinzips, in dem die paar Menschen um die Familie des klammen Generals Sagorjanskij gefangen sind, voran der Hauslehrer Alexej Iwanowitsch. Die Motorik des Edgar Eckert – Hände, Füße, Augen, Zunge, der ganze Körper – verrät den Suchtkranken

JANUAR / FEBRUAR deutschlandpremiere tanz

CULLBERG BALLETT ›Plateau Effect‹

durational performance

FORCED ENTERTAINMENT

›12am: Awake and Looking Down‹ lecture & plakatausstellung

TIM ETCHELLS

›Counting to 30‹ & ›Vacuum Days‹ (The Show Stoppers) performance

SANDRA ICHÉ ›Wagon Libres‹

PAC13_Anz_K-West_1402_04RZ.indd 1

und seine Selbstvergeudung Alles muss raus. Ist in Aufruhr. Überschlägt sich. Er gibt seinem enthemmten Schnell-Sprech mit kippender Stimme Form und Struktur, nicht nur unter Konditions-Aspekt eine Meisterleistung. Martin Laberenz hat Eckert und dessen Gegenmodell, den Schauspieler Sebastian Grünewald als stoischen Engländer Mister Astley, der gedankenvoll, undurchdringlich, in wacher Schläfrigkeit an der Rampe sitzt, während über ihm der Irrsinn abgeht, aus Leipzig nach Düsseldorf gebracht und dazu ein luxuriöses Team mit Bühnenbildner (Volker Hintermeier) und Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki, die verschwenderisch schöne Kleider entworfen hat. Dostojewskijs Roman macht sich locker: als lässige Fantasie, zerstörerisch, aber munter; als kokette, offensive Reflexion, dynamisch, aber voll ausgebremst; als Verständigungs-Verhinderungs-Drama bei Sprach-Beschleunigung; als Trieb-Geschehen und dessen arretierendem Gegenteil. Überspannung und Unterspannung wachsen aus einer Wurzel. Manchmal ist die Exaltation zwingender, als deren Herleitung. Aber wirkungsstark. Zum Beispiel bei Karin Pfammatter als hand- und charakterfester reicher Großtante, die total der Sucht verfällt, sich bis auf die bloße Haut auszieht, in Super-Manie steigert und einen Nackttanz aufführt, der aus Roulettenburg ein Neu-Babylon macht. Und bei Anna Blomeiers Polina, die Alexej liebt, der sie aber »verspielt« und die nach einem monologischen SeelenStrip vom Marquis des Grieux, ihrem Liebhaber, abgeschleckt wird in einem Akt äußerster Demütigung. Eigensinn, das Störrische und Übermütige sind in der Fassung größer, als die Verzweiflung, beides indes wird zur Sinnkrise und Symptom für Zweifel am Lebensentwurf. Allesamt sind es Anti-Rationalisten und Anti-Kapitalisten, die den Zufall vergötzen und zugleich nach Gewinn und Verlust rechnen. Gewiss hätte das straffer, hätten Roman-Schleifen gelöst sein dürfen, andererseits braucht es für die Stimmung, die Raum und Zeitgefühl rhythmisch herausfordert, das Vakuum mit Stillstand. Laberenz ist beherzt und leidenschaftlich im Zugriff, kreiert tolle Szenen, noch wenn er gelegentlich ins Leere greift und die unkonkrete Bühne ihm einige Mühe bereitet. Die fast dreieinhalb Stunden (zumal nach der Pause im stärkeren zweiten Teil) erinnern an die traurige Verschwendung des »Großen Gatsby«. Ein exzessiver, explosiver Putsch. Alexej endet als großer Scheiternder. Alle schauen in die Röhre. Die Investition aber hat sich gelohnt.

PROGRAMM JANUAR BIS JULI 2014 (EINE AUSWAHL)

PACT-ZOLLVEREIN.DE Choreographisches Zentrum NRW GmbH, Bullmannaue 20 a, 45327 Essen, Fon +49(0)201.289 47 00, info@pact-zollverein.de. Tickets: www.pact-zollverein.de, tickets @ theater-essen.de, Fon +49(0)201.812 22 00 und an der Abendkasse

MÄRZ

APRIL

MAI / JUNI / JULI

ATELIER & GUESTS

tanz

ATELIER

Die Plattform für neue Kunst und Choreographie mit einer Werkschau des HZT Berlin

Choreographisches Zentrum NRW GmbH wird gefördert vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW und der Stadt Essen. Tanzlandschaft Ruhr ist ein Projekt der Kultur Ruhr GmbH und wird gefördert vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW.

LAURENT CHÉTOUANE

›15 Variationen über das Offene‹

Die Plattform für neue Kunst und Choreographie

tanz/performance

tanz/performance

pact-spring festival performance

ZOO/ THOMAS HAUERT

›Rumours and Legends‹

tanz/performance

tanz

›Eifo Efi‹ & ›Pausing‹

Die Abschlussarbeiten der P.A.R.T.S.-Absolventen

PHIL HAYES performance

OBLIVIA ›Super B‹

EIN GANZER TAG MIT HÖRSTÜCKEN FÜR JEDES ALTER

›MONO‹

MAMAZA

im rahmen von pina40 – 40 jahre tanztheater wuppertal pina bausch

JAN LAUWERS & NEEDCOMPANY ›Isabella’s Room‹

MEG STUART

›Solo-Project‹ (Working Title)

ON RELEASE NOW! EDITION 2014

FELDSTÄRKE INTERNATIONAL

Mit Studierenden von Kunsthochschulen in NRW, Frankreich und Japan

06.12.13 12:10


64 | BÜHNE

EINE TRAGÖDIE DURCH DIE ZEITEN TEXT: SASCHA WESTPHAL Simon Stone inszeniert in Oberhausen eine »Orestie« nach Aischylos und Euripides

Simon Stone. Foto: K.WEST

Lautes Gelächter erfüllt die Probebühne 1 des Theaters Oberhausen. Der erste Gedanke beim Eintreten: Es muss gerade eine kleine Probenpause sein. Schließlich passt dieses freie, fast schon selbstvergessene Lachen überhaupt nicht zu den Erwartungen gegenüber einer antiken Tragödie. Doch der Eindruck täuscht. Der australische Theatermacher Simon Stone und die Oberhausener Schauspieler stecken mittendrin in der Arbeit an seiner Überschreibung der »Orestie«. Moritz Peschke, Sergej Lubic und Jürgen Sarkiss proben gerade eine Szene, in der sich Orest zusammen mit seinem Freund Pylades auf den Mord

an seiner Mutter Klytaimnestra und deren Geliebten Aigisthos vorbereitet. Nur treibt Jürgen Sarkiss die beiden mit seinen endlosen Ausführungen zu den Übeln der modernen Kommunikationstechnologien und dem Fluch des ständigen Erreichbarseins zur Weißglut. Die Situation entgleitet, ein Schuss fällt. Ein ebenso manischer wie pointierter Monolog über Mobiltelefone, ein Moment absurder Gewalt und das immer wieder aufbrandende ansteckende Lachen Simon Stones. Diese »Orestie« beschreitet einen anderen, unerwarteten Weg. Der große Mythos, die von Blut getränkte Geschichte der Atriden, ist noch allgegenwärtig. Die Situationen und ihre Protagonisten erkennt man sofort wieder. Doch ihre Sprache und ihre Welt sind die unseren. Das ist es, was den 1984 in Basel geborenen Simon Stone reizt: »Die Spannung zwischen einer der ältesten Geschichten, die jemals auf die Bühne gebracht wurden, und einer Sprache, die ganz heutig ist.« So entsteht eine Verbindung, die Jahrtausende überwölbt. Das Banale und Alltägliche, also Gespräche über Heutiges und Gewöhnliches, verleiht den Figuren etwas Reales. Moritz Peschkes ungeduldiger Orest und Torsten Bauers von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geplagter Agamemnon sind unsere Zeitgenossen, und doch stecken sie in einer griechischen Tragödie fest. Die Gegenwart ist für Simon Stone nichts als die ewige Wiederkehr des Immergleichen. Doch wie leicht ist es zu vergessen, dass »unter der Welt, die ganz neu wirkt und aussieht, eine alte Welt liegt, in der wir schon immer gelebt haben.« Diesem Vergessen stellt sich Stone entgegen. Im Gespräch springt der 29-Jährige wie selbstverständlich von Aischylos zu Montaigne, von Shakespeare zu Handke, von Goethe zu Platon. All diese Autoren sind uns in seiner Sicht nicht unerreichbar fern. Sondern Künstler, die sich in ihrer Zeit mit eben jenen »dunklen, tief vergrabenen Aspekten der menschlichen Psyche beschäftigt haben«, die uns immer noch umtreiben. Insofern ist es zwingend, dass Stone die alten Stoffe und Stücke nicht einfach nur bearbeitet, sondern gleich noch einmal neuschreibt. So hat er in Australien bereits Senecas »Thyestes« und Ibsens »Wildente« für die Welt des 21. Jahrhunderts adaptiert. »The Wild Duck«, seine extrem kompakte Ibsen-Variation, war es auch, mit der er in den vergangenen Jahren sowohl beim Internationalen Ibsen-Festival in Oslo wie auch bei den Wiener Festwochen sensationelle Erfolge feiern konnte. Bei der »Orestie« geht er nun noch einen Schritt weiter. Den letzten, den versöhnlichen und hoffnungsvollen Teil der Aischylos-Trilogie hat er gestrichen und sich stattdessen der Vorgeschichte dieser Rachetragödie, Euripides’ »Iphigenie in Aulis«, zugewandt. Bei den Proben zu seiner ersten europäischen Produktion verströmt Stone eine ungeheure Energie. Immer wieder springt er auf und geht ganz nah an die Schauspieler heran, auf die er seine Texte ganz individuell zuschneidet. Es ist fast so, als wollte er jedes Wort, jede Geste und jeden noch so kleinen Ausdruck aufsaugen. Aus dieser ungeheuren Aufmerksamkeit für jedes Detail erwächst, das lassen schon zwei, drei kurze Proben-Szenen erahnen, eine extreme emotionale und psychologische Intensität. Ein Vehikel, um die von Stone beschworene »Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit, von Banalem und Tragischen« offensichtlich werden zu lassen. INFO

»Die Orestie« von Simon Stone nach Aischylos, Premiere am 1. Februar 2014. Weitere Termine: 7., 8. und 12. Februar 2014 www.theater-oberhausen.de


K.WEST 02/2014 | 65

PREMIEREN

Tragen ihre Haut zu Markte: Schwinder und Neumann (Günter Alt, Matthias Kelle) in Bochum. Foto: Thomas Aurin

JEDERMANNS HEIMKEHR Uraufführung: Martin Heckmanns’ »Es wird einmal« in Bochum 

»Der bisweilen leere Raum« – so titelt der Prolog von Martin Heckmanns. Sein Vorruf hört hinein in den Echoraum der möglichen (oder nötigen) körperlichen und geistigen Gemeinschaft, die das Theater herstellt. Motive von Vergänglichkeit, Zeitlichkeit, Verausgabung werden angeschlagen, aber nicht so, wie ein Antiker oder der Deutsch-Hellene Hölderlin gedichtet hätten, auch wenn der ferne Klang der Götter Griechenlands herüber zu tönen scheint. Vielmehr gebrochen, ironisch, scherzhaft, nonchalant mokant. Vielleicht ist der erste Fehler von Anselm Webers Uraufführung in den Bochumer Kammerspielen der, den Prolog von der »Hospitantin« im Stück sprechen zu lassen und ihn an Ort und Stelle zu konkretisieren, dort, wo das Folgende stattfindet. Exterritoriales Gelände wäre besser. Ungreifbarer. »Ich nehme an, Sie haben sich in der Zeit vertan«, sagt in der ersten Szene der ältere Schwinder (ein sprechender Name wie der seines Rivalen, des Jungspunds Neumann). Heckmanns selbst wiederum hantiert hier bewusst virtuos mit historischen Formen des Dramas. Beide, Schwinder und Neumann – Günter Alt und Matthias Kelle im habituellen TheaterSchwarz – haben einen Termin für ein Vorsprechen, der von der Hierarchie des Systems geschürt wird zum Konkurrenzkampf auf der Bühne unter einem Baum (Beckett?). Ihr Spiel und das einer dritten Person, der vom Zufall heran getragenen Sophie Sikora (Therese Dörr), steht unterm Patronat derer, die gern den Vorhang lüpfen. Regie-Anweisungen lassen auf ein modernes, ordnungswidriges Mysterienspiel schließen, profanisiert von Aktualitäts-Partikeln. Schwinder und Neumann – als Jedermänner Kandidaten für diese Rolle im Welt- und Lebenstheater – warten auf einen dritten: Obermann (sprechend!), den Regisseur, der seit längerem mehr durch Abwesenheit als durch seine Arbeiten von sich reden macht. Er bleibt unsichtbar, indes ein Kind (Beckett!) ein Nachspiel bescheren wird. »Es wird einmal«, ein Futur mit Vergangenheit, verbreitert sich zur aktuellen Bestandaufnahme. Immer in Beweisführungspflicht und als Be-

währungsprobe für Schwinder und Neumann. Karl Joseph und Max heißt solch ein Duo bei Botho Strauß, Jay und Goldberg bei Tabori. Der Realismus des Altmeisters Schwinder trifft auf die unhistorische »Gegenwartsversessenheit« des Schnösels Neumann. Zur Kenntlichkeit entstellt begegnen uns in ihnen und ihren Darstellern Günter Alt (versonnen, argwöhnisch, zart, wie es die Dicken oft sind) und Matthias Kelle (von angestrengt williger Einsatzfreude) Ernst und Spiel, schöne Lüge und Expertise der Wirklichkeit, Hohe Schule mit Lebenskrise versus performativer Kunst, die sich versiert zeigt in Fiktionen und Simulationen. Die Figuren tasten sich vor im vorgeblichen oder tatsächlichen Raum der Freiheit (Hermann Feuchters Bühne bietet ein grau-weißes Abstraktum im Karree). Aber das einstige Planquadrat mit festen Regeln, Gewissheiten und Abläufen hat seine Grenzen längst verschoben. Nicht nur die vierte Wand wurde geschleift. Alles, was Heckmanns über den Theaterbetrieb weiß – offenbar eine ganze Menge –, fließt ein. Dora, die Assistentin des unsichtbaren RegieGottes (Minna Wündrich – tough wie Bettina Böttinger), treibt die drei Schauspieler durch Liebesszenen, philosophische Reflexionen, Camouflagen und Stationen. Der Zusammenhang verschwimmt: Schwamm drüber! Heutzutage flutet alles. Der 100-jährige Ur-Jedermann hatte nur allegorische Auftritte zu verkraften. Problembewusstsein, soziales und politisches Engagement der moralischen Anstalt, Diskurs-Theorien werden ebenso gestreift wie die schelmische Selbstbespiegelung des Autors aus dem Niederrheinischen und seines Alter Ego Neumann. Biografie – noch ein Spiel. Anselm Weber fällt einiges ein. Zu viel. Und dabei zu munter, zu fix, zu kess. Das Stück ist um einiges klüger, als seine Uraufführung. Mehr menschliche Komödie wäre drin gewesen, die im Idealfall Leben respiriert und reflektiert, weniger maskierte, mit Requisiten behangene Komik. Mehr Kunst. Mehr Leicht-Sinn. Mehr Einfachheit. Man muss nur das Kind vom Ende beim Wort nehmen: »Ich bin kein Zeichen. Ich bin einfach nur da.« Der Rest kommt fast von selbst. | AWI


66 | BÜHNE

Am Ende auch noch eingeseift: Ferdinand und Luise in Köln. Foto: David Baltzer

Wenn die Liebe wieder jung macht. Foto: Thomas Aurin

KABALE IN DER KISTE

VERGESST ROMEO UND JULIA

Köln: Wie man Schiller zur kritischen Masse macht 

David Bösch mit Shakespeares »Othello« in Bochum 

Es geht um alles. Also um nichts: um Machtmissbrauch und Korruption (Luise zieht die Pofalla- und Wulff-Karte), um Arbeiter-Ausbeutung in der ersten und dritten Welt, um Waffenhandel, Chemo-Folter, MedienMissbrauch, um Kriegsverbrechen in Russland, Prostitution, die Arabellion, Datenmissbrauch (Ferdinand ist allen Ernstes im »Snowden-Team«), natürlich um die Deutsche Bank, aber auch um das Ende der DDR und was jüngere Geschichte noch so an Unrecht im Angebot hat. Dafür wird Schiller geopfert: »Kabale und Liebe« und zum Finale sein »Don Carlos« im Verschnitt. Ist auch schon egal. Der Regisseur, dessen Name noch weniger zur Sache tut, als die in seiner Inszenierung tätigen Darsteller, situiert das bürgerliche Trauerspiel bei »Amazon« im Arbeitermilieu, das so pittoresk aussieht wie sonst nur bei Kaurismäki. Eine Lagerhalle, mal wieder im Depot 1 – was bleibt dem Kölner Schauspiel hier auch übrig. Munter hoppelt und hämmert die Musik; eine Hitler-Maske tanzt beim Techno-Beat mit, den später die Next-Top-Models hinzucken. Nach fünf Minuten hat sich die Aufführung erledigt, wenn Mutter Miller (der Vater wurde widersinnig gestrichen) und der Vorarbeiter-Kasper Wurm (vormals Sekretarius beim Präsidenten von Walter) von Billetten und Bouteillen reden, aber besser von Buletten sprächen. Erwartungsgemäß stimmt Ferdinand Popsongs auf dem Flügel an (»The power of love, cleaning my soul« – Schiller machte bessere Verse) und ist wild romantisch und sehr entgrenzt, ein Trockenschwimmer im Meer der Aktualitäten und Banalitäten und angeschmiert wie ein Mowgli als Occupy-Aktivist. Das alles ist himmelschreiend blöde und auf der nach oben hin weit offenen Skala der Dummheit und Dreistigkeit auf unserem Theater an exponierter Position. Gegenüber diesem Regisseur ist Chorführer Volker Lösch ein differenzierter Analytiker. Was aber die sozial, politisch und ästhetisch irrelevante Inszenierung zum Ärgernis, nein, viel schlimmer: zur Obszönität macht, ist der dekorative, modisch attitüdenhafte, effektversessene Clip-Stil, mit dem sie selbstgefällig ihre kritische Masse vorbringt. Die schreiende Unbedarftheit des Spiels, der Dilettantismus der Statisten und die eingeblendeten Videobilder von Tod und Vernichtung sind schlimmer als das, was man hier anzuprangern vorgibt. Eine schäbige Darbietung. Herr Intendant, Stefan Bachmann, schämen Sie sich! | AWI

Es beginnt wie im Kino. Ein kleiner, neckisch-verspielter Animationsfilm, projiziert auf den Vorhang: Lichter wie funkelnde Sterne, ein großes Taschentuch, zwei Liebende, die im Taumel der Gefühle tanzen, der Titel »Othello«, aus dem selbstverständlich »Othello & Desdemona« wird. Ein Vorspann wie bei großen HollywoodProduktionen der 50er und 60er Jahre. Pathos, Emotion und ein wenig Komik, im Stil der Titelsequenzen von James Bond und Pink Panther. David Bösch, der unverzagte Melodramatiker, geht wie bei seinem »Sommernachtstraum« aufs Ganze, auf die überlebensgroßen Gefühle und die ewig jugendliche Poesie des Pop. »Othello (& Desdemona)« als stürmische Tragödie einer nach den Sternen greifenden Liebe, von der Xenia Snagowski als Emilia zweimal ein hübsch improvisiert wirkendes Liedchen zur Ukulele singen darf: »Vergesst Romeo und Julia!« Liebe und Hass können jeden in einen Teenager rückverwandeln, gerade einen in Kriegsdingen so erfahrenen und in Herzensangelegenheit so unbedarften Feldherrn wie Othello. Einen düsteren Weltuntergangsraum hat Falko Herold auf die Bochumer Bühne gezaubert. Vielleicht eine alte, von der Zeit wie vom Krieg gezeichnete Fabrikhalle. Ort der zeitlosen Zerstörung, aber auch ein wundervoll romantischer Spielplatz für Frischverliebte. Wie Matthias Redlhammers Othello, ein müder Kämpfer, den der Sturm der Gefühle noch mal Fünfzehn sein lässt, und Friederike Bechts auf ihren Gefühlen gleichsam schwebende Desdemona von ihren ersten Begegnungen und vom Aufblühen ihrer Liebe erzählen, ist zauberhaft. Die Unschuld und Wahrhaftigkeit des Paars bringen den schwarzen Raum für Momente zum Leuchten und den unentwegten Zersetzer und Zerstörer Jago auf den Plan. Wie die Liebenden ist er, der nichts lieben kann, nicht einmal sich selbst, bei Bösch ein nie erwachsen gewordener Jugendlicher. Nur hat Jago, den Felix Rech in einen farb- wie leidenschaftslosen Nihilisten verwandelt, nicht Othellos und Desdemonas Flair. So schiebt sich ein Intrigenspiel, das eher an Schulhofränke als an eine finstere Teufelei erinnert, vor die Liebestragödie und dämpft ihre emotionale Wucht. | SAW


K.WEST 02/2014 | 67

Daniel Brenna als Tannhäuser und die Minne-Boy Group. Foto: Thomas M. Jauk

Hochzeit unter Bankern. Foto: Hans Jörg Michel

IMITATIO CHRISTI

RHEINISCHER KAPITALISMUS

Wagner I: »Tannhäuser« in Dortmund

Wagners II: »Lohengrin« an der Rheinoper 

Auf den letzten Metern des Jubiläumsjahres hatte das Dortmunder Opernhaus noch einen neuen »Tannhäuser« herausgebracht. Die Konstellation erinnert fatal an das Düsseldorfer Debakel vom Mai 2013, das als Skandal der Saison gelten kann. Denn sofort nach der Premiere wurde Burkhard C. Kosminskis plump mit Nazi-Motiven hantierende Inszenierung nach heftigem Protest umstandslos abgesetzt. Regisseur Kay Voges ist wie Kosminski Opernneuling, der vom Schauspiel kommt, auch er Theaterleiter – nebenan im Dortmunder Schauspiel. Damit hat es sich aber schon mit den Gemeinsamkeiten, sieht man davon ab, dass Voges (wie Kosminski) gewagte, sensible Aktualisierungsbezüge wählt. Doch tappt dieser Wagner-Novize nicht in die Nazi-Falle, sondern nennt den Roman »Die letzte Versuchung Christi« von Nicos Kazantzakis als Inspirationsquelle, um den Titelhelden als Spiegelung der Christusfigur zu begreifen. Tannhäuser trägt weißes Gewand und Dornenkrone, was ihn zunächst nicht daran hindert, im Venusberg (eine kleinbürgerliche Behausung der späten 50er Jahre) vor dem Fernseher Bierdosen zu öffnen und nur widerwillig seine Liebesgöttin auf dem Küchentisch zu beglücken. Später fließt das Blut in Strömen, und man mag kaum glauben, dass Tannhäuser jemals Mitglied der prollig gestylten Minnesänger-PopGruppe war, als welche sich seine alten Mitstreiter in Song-ContestManier aufblähen. Wichtigster Mann im Voges-Team ist Daniel Hengst, der eine betäubende Video-Flut öffnet, die nahezu pausenlos das Geschehen (alb)-traumartig überhöht, verkitscht, comichaft karikiert, inklusive einer Nam-June-Paikartigen Monitorkonstruktion in Form eines Kruzifix, das der Titelheld bisweilen erklimmt. Der Sturm der Assoziationen weht auch Plattitüden auf die Szene, aber kreist letztendlich erstaunlich genau den Kern des Konflikts zwischen sinnlichem Genuss (hier eher Bequemlichkeit) und spiritueller Mission ein. Bei der Personenregie gibt es wohl Durststrecken, aber insgesamt glückt eine packend intensive Deutung. Auch musikalisch prescht Dortmund nach vorn: Daniel Brenna als Tannhäuser singt ökonomisch und präsentiert trotz leicht aufgerauter HeldenSpuren einen höchst flexiblen Tenor, dem eine vom Wahnsinn durchbebte Rom-Erzählung gelingt, die man nicht vergisst. Christiane Kohl ist eine treffsichere, füllig aufblühende, hoch kultivierte Elisabeth; Gerardo Garciacano räumt mit seinem rhetorisch und stimmlich souveränen WolframBariton ab; Christian Sist ist ein imposanter, etwas übertouriger Landgraf, Hermine May eine sirenenhafte, höhensichere Venus. Der neue GMD Christian Feltz steuert die Philharmoniker sicher durch die Stürme der Partitur, legt rasche, fast nüchterne Tempi vor und achtet sorgsam auf Transparenz. | REM

In glorreichen Zeiten galt das Haus als »Bayreuth am Rhein«, es hatte nicht nur den kompletten »Ring«, sondern auch alle anderen großen Wagner-Opern mit bedeutenden Interpreten im Repertoire. Passé, obwohl noch Mitte der 80er Jahre der von Pet Halmen als opulentes Fantasy-Märchen inszenierte »Lohengrin« ein Ereignis war. Nun endlich ein neuer Schwanenritter, Sabine Hartmannshenn anvertraut, die bereits zweimal an der Rheinoper inszenierte. Sie hat sich den Schneid nicht abkaufen lassen und nicht auf kraftvollen Regie-Zugriff verzichtet. Die Handlung wird aber eher versachlicht, entschärft und um seine metaphysische Ebene gebracht. Dieter Richters Foyer-Raum mit runder Deckenöffnung zeigt Imitationen von grün gemasertem Marmor. An die still gelegte Zentrale des Gerling-Konzerns in Köln denkend, befindet man sich im Innern einer Investment-Bank, denn als Inspirationsquelle dient das Buch »Man muss dran glauben. Die Theologie der Märkte« des Literatur- und Medienwissenschaftlers Jochen Hörisch. In der Verbindung zwischen Ökonomie und Religion liege das eigentliche Thema von Lohengrin, meint die Regisseurin. König Heinrich wird zum Bankdirektor in der Finanz-Krise, Telramund sein hoher Mitarbeiter – und Lohengrin? Der schneit ohne Schwan im Sneaker-Jeans-Trench-Look herein als Konzern-Retter, smart wie Nicolas Berggruen. Der Schwertkampf ist gestrichen, Telramund kriegt die Papiere und einen Koffer mit Abfindung: Goldener Handschlag statt Gottesgericht. Es geht auch nicht um Krieg und die penetrant gestellten Fragen nach nationaler Identität. Die waffenrasselnden Chöre mit ihren »Heil!«-Rufen und die Hochzeits-Szenen werden bloß karnevalesk verkleidet. So egalisiert der rheinische Kapitalismus jede Form politisch-ideologischer Wallungen. Die seltsame Liebesgeschichte zwischen Elsa (zwischendurch lesbische Neigungen zu Ortrud offenbarend) und dem namenlosen Lohengrin erscheint als überspannte Psychokiste. Doch das Finanzkrisen-Konzept funktioniert nicht, selbst wenn dichte Einzelszenen gelingen und die kluge Chor-Regie positiv auffällt. Auch musikalisch enttäuscht der Abend. Axel Kober findet mit dem Orchester aus einem durchweg zu lauten Einheitstonfall kaum heraus, es mangelt an Farben und Delikatesse. Die Sänger operieren mit zu viel Druck: Manuela Uhls Elsa peilt die Töne meist von unten an; Roberto Saccà gibt einen italienisch timbrierten, achtbaren Lohengrin, der selbst in der Gralserzählung noch Reserven hat; ohne Fehl und Tadel Hans-Peter König als Heinrich; Simon Neal singt einen flammenden Telramund; Susan Macleans Ortrud startet ansprechend, baut rasch ab und klingt am Ende ruiniert. Kein Bayreuth am Rhein mehr. | REM


68 | BÜHNE

OPER UND SCHAUSPIEL

1. FEBRUAR BERNSTEINS »ON THE TOWN« in Gelsenkirchen In Gelsenkirchen gibt es eine glanzvolle Musical-Tradition – ein Alleinstellungsmerkmal. Andernorts geht man mit der Gattung eher sparsam um. Gilt doch das Musical als Kommerz verdächtige Schwester der schon anrüchigen Operette. Das MIR arbeitet nicht mit Gästen aus dem internationalen Musical-Business, sondern traditionell mit dem eigenen, klassisch ausgebildeten Sängerensemble und der Neuen Philharmonie Westfalen. Diesmal setzt Intendant Michael Schulz noch einen drauf und holt Ballettchefin Bridget Breiner mit ihrer Compagnie dazu für Leonard Bernsteins Musical-Erstling »On the town«, das davon erzählt, in 24 Stunden das große Glück zu finden, wenn drei Matrosen beim Landgang in das pralle Leben der 40er Jahre eintauchen. Bernsteins jazzige Rhythmen ergeben das swingend vibrierende Porträt der Weltstadt New York. Dem Tanz kommt eine besondere Rolle zu, da drängte sich spartenübergreifende Zusammenarbeit zwischen Breiner und dem MIR-Ensemble unter Regie von Carsten Kirchmeier auf. Auff.: 8., 9., 14., 16., 20., 23. Februar 2014, Musiktheater im Revier. 1. FEBRUAR AWAKE & LOOKING DOWN in Essen Mit dem weitgehenden sprachlosen, aber krachmusikalischen »The Last Adventures« bei der Ruhrtriennale 2013 ist die britische PerformanceGruppe Forced Entertainment auch dem gehobenem Stadttheaterpublikum bekannt geworden. Freilich blieb da die Gruppe unter ihren Möglichkeiten – jetzt gibt es die Gelegenheit, den damals gewonnenen Eindruck zu korrigieren: Zum 30-jährigen Jubiläum ist die Crew um Tim Etchells auf PACT Zollverein zu sehen. Mit »12 am: Awake & Looking Down« bieten die Begründer der Live Art eine schier endlose Performance. Sechs Stunden Bühnenpräsenz als diese und jene geisterhafte Gestalt (Elvis Presley z.B., der tote Sänger), als sich formende und gleich wieder vergehende Figur, als Imaginationskasper und Verwandlungsscheiternde, als Überwinder der Identitätsschwerkraft, als sie selbst. Bigger than life. Auff.: 2. Februar 2014, PACT Zollverein. 2. FEBRUAR »LE NOZZE DI FIGARO« in Düsseldorf Michael Hampe entschied sich für eine bewusst nicht aktualisierende Inszenierung von Mozarts »Le Nozze di Figaro«. 20 Jahre lang leitete Hampe mit großem Erfolg die Kölner Oper: als Regisseur ein Vertreter konservativer Haltung, die von groben Brechungen nichts wissen will. Unbeirrt ist Hampe auch hier ganz klassisch verfahren. Bühnenbildner German Droghetti stellt zunächst einen schlichten Salon des späten 18. Jahrhunderts auf die Bühne, der sich später festlich verändert, während der letzte Akt in einem üppig ausstaffierten Garten spielt, was man lange nicht mehr sah. Alle Requisiten vom Brautschleier bis zu Figaros Brennschere bietet man treu auf und konzentriert sich auf die subtile Personenregie. Hampe

Empfehlungen

der Redaktion

meidet oberflächlichen Klamauk und reißerische Situationskomik und setzt auf szenische Millimeterarbeit. Wie in Duisburg ist Anett Fritsch die Susanna, alle weiteren Rollen sind für Düsseldorf neu besetzt. Am Pult der Symphoniker steht Christoph Altstaedt. Auff.: 6., 9., 12., 15., 21. und 23. Februar 2014, Rheinoper. 6. FEBRUAR »EIN VOLKSFEIND« in Münster Eigentlich wollte der Badearzt Dr. Tomas Stockmann das Beste für seine kleine Heimatstadt. Doch nun gefährden seine Entdeckungen die Zukunft des Kurbades und den neuen Wohlstand. Also stellen sich alle gegen ihn. Aus dem Idealisten und Menschenfreund Stockmann wird ein wütender Aufrührer und »Volksfeind«, der in einer von Hass und Allmachts-Fantasie angetriebenen Rede seinen Ekel angesichts der Stumpfheit und Korrumpierbarkeit der Masse ausbreitet. Für Frank Behnkes Inszenierung von Ibsens Schauspiel hat Aurel Bereuter in der Titelrolle dessen Rede überarbeitet und durch Passagen zeitgenössischer Texte ergänzt. Sie wird zum verbalen Amoklauf und zum ersten Schritt auf dem Weg in die Gewalt. Bereuter und Behnke halten einer selbst in Situationen des Protestes noch hoffnungslos erstarrten, flatterhaften Gesellschaft den Spiegel vor. Kleines Haus. 6. FEBRUAR HEBBELS »JUDITH« in Köln Die biblische Judith ist die Frau mit der Waffe. Ein Außenseiter-Fall. Es sind aber zwei Sonder- und Extrem-Existenzen, die Hebräerin und der Assyrer im Dienst Babylons, Holofernes, die in Hebbels Drama aufeinander stoßen. Ein mächtiger Beton-Riegel liegt inmitten des Kölner Depots, gebettet in Wüstensand. Die Außenhaut des Massivs ist Projektionsfläche für Video-Liveaufnahmen, die die Gesichter der Handelnden ins Großartige steigern. Oben auf tanzt der Heide (grobklotzig: Robert Dölle), mit Glatze, Lederhose, bloßem Oberkörper und Goldketten behangen. Übermensch und Weltenbezwinger, sich selbst ein Gott, und deshalb hellhörig für andere Götter und ihre Exklusivitäten und überhaupt sehnsüchtig nach einem ebenbürtigen Gegner. Aus dem inneren Hohlraum purzeln die Kinder Israels, auch Judith und ihre Dienerin. Zwischen ihr und Holofernes, den sie töten wird, für ihr Volk und seine Rettung, aber vor allem aus innerer Notwendigkeit, um ihre Sinne zu beruhigen und ihr Liebes-Begehren in Hass umzuleiten, entbrennt ein Gefühlskrieg. Christina Paulhofers Inszenierung gelingt wie von ungefähr und eindrücklich, kommentierend Bilder des Männlichen und Weiblichen zu setzen. Wenn Judith über Holofernes räsoniert, lagert der Feldherr monströs als Filmbild hinter ihr. Wenn sie sich einkleidet für den Gang zu ihm, sieht man im Spalt des Riesenkastens nur ihre Beine, die sich goldene Stöckelschuhe anpassen, und den Saum ihres gewirkten Kleides. So werden Images und Idolisierungen produziert. 14. und 16. Februar 2014, Depot 1.


K.WEST 02/2014 | 69

7. FEBRUAR Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:  Projekt: Fonds Neues Musiktheater »DER UNIVERSUMS-STULP« in Wuppertal Der Wuppertaler Autor und Zeichner Eugen Egner gilt wegen seiner äußerst eigenwilligen Geschichten und Bilder als bedeutendster lebender Vertreter der Groteske im deutschsprachigen Raum. Mit einer so rasanten wie rasend komischen Handlung seines Romans »Der UniversumsStulp« fesselte er bereits 1993 seine Leser. Gemeinsam mit dem Berliner Komponisten Stephan Winkler hat er seinen Stoff nun im Auftrag der Wuppertaler Bühnen zur »musikalischen Bildgeschichte in drei Heften« adapiert. Mit einer neuartigen Integration von Comic, Theater und Gesang läuten Egner und Winkler das Zeitalter der Graphic Novel auf der Musiktheaterbühne ein. Die Verschränkung unterschiedlicher Medien und Bildebenen findet in Winklers Musik ihre Fortsetzung, in der Sänger und das Ensemble musikFabrik auf vielfache Weise mit live gespieltem und voraufgenommenem Material in Dialog treten. Auff.: 9., 13., 15., Februar 2014, Opernhaus; www.nrw-kultur.de/fnm 9. FEBRUAR »DER ELEFANTENMENSCH«  in Dortmund Lange musste sich John Merrick als der »Elefantenmensch« anstarren und ausbeuten lassen. Nur als bizarre Jahrmarktsattraktion, als Sinnbild für die grausame Laune der Natur, konnte der von einem seltenen Gebrechen gezeichnete Mann überleben. Erst als der wohlmeinende Arzt Dr. Treves auf ihn aufmerksam wird und im Krankenhaus aufnimmt, scheint sich dessen Leben zu ändern. Doch letztlich ist nur das Milieu ein anderes. Nun ist es nicht mehr die Unter-, sondern die Oberschicht, die bei ihm den Kitzel des Abnormen sucht. Alle sind Voyeure. Das gilt in Jörg Buttgereits Inszenierung von Bernard Pomerances Stück auch für das Publikum, das auf drei Seiten der offenen Spielfläche sitzt und sich so auch selbst beobachtet. So geht man auf Distanz zu David Lynchs elegischem Schwarzweißfilm. In seiner Annäherung an das Stück, das von Broadway-Melodramen wie von Brechts Moritaten geprägt ist, erweist sich Uwe Rohbeck in der Rolle des Merrick als unverfälschtes, unschuldiges Geschöpf. Wenn er den schweren Elefanten-Suit ablegt, ist das eine Offenbarung: Siehe, ein Mensch! Auff.: 26. Februar 2014, Studio. 15. FEBRUAR »REPUBLIK DER WÖLFE« in Dortmund Die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm sind nicht nur eine Sammlung alter Erzählungen. Sie lesen sich auch wie eine Enzyklopädie der menschlichen Abgründe. Jede erdenkliche Grausamkeit wird darin Wirklichkeit. Insofern sollte man sich nicht über ihren anhaltenden Welterfolg wundern. Mittlerweile lauern die Gefahren und Greuel zwar eher in den Straßen der Großstädte als im schwarzen Wald. Aber

das nimmt den Leidensgeschichten von Schneewittchen und Rotkäppchen, Hänsel und Gretel und Pechmarie nichts von ihrer archaischen Wucht. Also rufen die Regisseurin Claudia Bauer und der Musiker Paul Wallfisch gemeinsam die »Republik der Wölfe« aus. Begleitet wird das schaurige Geschehen von den schwarzromantischen Songs der neuen, extra für die Inszenierung gegründeten Band »The Ministry of Wolves«, der neben Wallfisch noch Mick Harvey, ein Weggefährte Nick Caves, Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten und Danielle de Picciotto angehören. Auff.: 16. Februar 2014, Schauspielhaus. 16. FEBRUAR »AIDA« in Bonn Eine halbe Ewigkeit hielt sich Dietrich Hilsdorfs Inszenierung der »Aida« am Aalto-Theater und war in ihrer effektsicheren Üppigkeit ein Publikumsmagnet. Hilsdorf selbst war mit seiner Arbeit eher unzufrieden und meinte, er habe die Flucht in die Effekte als Kapitulation begriffen. Das könnte der


70 | BÜHNE

Grund sein, dass er sich an Verdis reifer Oper nun ein zweites Mal versucht. Zumal er als großer Chor-Versteher hier viel zu tun hat. Bonns Intendant Bernhard Helmich hat Hilsdorf bereits in seiner Vorgängerstation Chemnitz viel beschäftigt; in Bonn ist er bei weitem kein Unbekannter. Unvergessen sind dort noch u.a. seine Händel-Adaptionen. Die musikalische Leitung des zwischen Kammerspiel und Riesentableau changierenden Werks teilen sich Will Humburg und Stefan Blunier. Auff.: 22. Februar 2014, Oper.

ki konzentriert sich auf die Titelfigur in einem psychologisch präzisen Kammerspiel, in dem der Chor in stilisierten Tableaus die Rolle einer feindseligen Gesellschaft spielt. Das verlangt starke, präsente Sänger, was in Duisburg nur mit Einschränkung glückte. In Düsseldorf darf man sich auf Olesya Golovneva als Traviata und Andrej Dunaev als Alfredo freuen. Die Düsseldorfer Symphoniker leitet der ehemalige Duisburger GMD Jonathan Darlington. Auff.: 28. Februar, Opernhaus.

20. FEBRUAR »AMSTERDAM« in Düsseldorf Die jungen Serben Bojan und Ljuba werden von der
Organisation »Offene Grenzen« als Reporter ins niederländische Altever geschickt: Superman wurde dort gesichtet. Die Burschen, aufgewachsen mit einem krass unhinterfragten Männerbild, freuen sich auf Drugs & Sex, aber treffen auf mieses Wetter, Landluft, Langeweile, Fahrräder, Gewächshäuser und typische Einheimische. Marijana Ćosić, geboren 1986 in Belgrad, gelingt mit »Amsterdam« eine scharf gestellte Komödie über Vorurteile und Klischees zwischen Ost und West. Den Kultur-Crash, der das Verrückte Blut steigen lässt, ist wie geschaffen für den Deutsch-Türken Nurkan Erpulat. (ab 16 Jahren) Auff.: 22., 24. Februar 2014, Junges Schauspielhaus.

23. FEBRUAR »ROBINSON CRUSOE« in Mülheim an der Ruhr Robinson Crusoe als Zeitgenosse. Selbst zu Beginn als kleine weiße Puppe im Ringel-T-Shirt ist er als Kind des 21. Jahrhunderts zu erkennen. So hat er mit uns allen vertrauten Problemen, etwa Eltern, die seinen Traum von der Schifffahrt und vom Meer nicht teilen wollen, zu kämpfen. Doch weder das Unverständnis noch die Forderungen der Erwachsenen halten ihn auf. Das Theaterkollektiv Subbotnik rückt Daniel Defoes Abenteuerroman nah an unseren Alltag heran. Dennoch gelingt es den Gründern der Gruppe, Kornelius Heidebrecht, Martin Kloepfer und Oleg Zhukov, und ihren Gästen, Urs Peter Halter und Jubril Sulaimon, die sehnsuchtsvolle Stimmung klassischer Abenteuererzählungen zu wahren. Mit einfachsten Mitteln erschaffen sie fremde Welten und märchenhafte Situationen. Dabei setzt man konsequent auf die Fantasie des Publikums. Kleine SchattenspielEinlagen, eine bizarre, vielleicht auch nur fantasierte Tanz-Choreografie und mehrsprachige Dialoge schaffen magische Atmosphäre, in der sich das Alltägliche, Exotische, Abenteuerliche und Absurde die Waage halten. Theater an der Ruhr.

20. FEBRUAR »DER KAUFMANN VON VENEDIG« in Köln Othello wäre auch noch möglich gewesen, wenn es um das Fremde und Vertraute, Heimat und Außenseitertum in der Gesellschaft geht. Passend zur gesamten Kölner Schauspiel-Spielzeit, die sich Parallelgesellschaften und sozialen Spannungen, Identitätsfragen und Fremdenfeindlichkeit widmet. Es ist aber Shakespeares »Kaufmann von Venedig«, das Drama vom Juden Shylock und Christen Antonio, von Demütigung, Verachtung, Entehrung und Feindschaft bis aufs Blut. Intendant Stefan Bachmann inszeniert. Nach einem verrutschten Auftakt muss er es jetzt zeigen. Auff.: 22. Februar 2014, Depot 1, Schauspiel Köln. 22. FEBRUAR »LA TRAVIATA« in Düsseldorf Bereits 1996/97 kam Andreas Homokis Verdi-Inszenierung in Leipzig heraus und wurde ein Repertoire-Klassiker. Nach Zwischenstationen u.a. in Bonn wurde die Produktion ins Duisburger Haus der Rheinoper übernommen und kommt nun – neu besetzt – in Düsseldorf zur Premiere. Die in strenger Schwarzweiß-Welt angesiedelte Inszenierung des nunmehr Zürcher Intendanten ist eine Art Gegenentwurf der opulenten Vorgänger-»Traviata« von Karl-Ernst und Ursel Herrmann. Homo-

23. FEBRUAR Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:  Projekt: Kindertheater des Monats »HERR MØLSK« in Münster Was ist der Unterschied zwischen einem heulenden Hund, heulendem Wind und einem heulenden Baby? Herr Mølsk hat keine Ahnung, darauf hat er noch nie geachtet. Nicht auf Menschen, nicht auf Tiere und vor allem nicht auf die Natur. Doch dann betritt er als Reinigungskraft das Museum der Klänge … Zum ersten Mal in seinem Leben benutzt Herr Mølsk seine Ohren und entdeckt eine Welt, von der er nicht wusste, dass es sie gibt. Geleitet von Tönen und Musik geht er auf eine wunderbare Reise. Mühelos verwandelt der niederländische Sänger, Komponist und Theatermacher Etienne Borgers in seiner Ode an die Fantasie Klänge in Gegenstände und schafft damit magische Wirklichkeit. Für Zuschauer ab 4 Jahren. Theater in der Meerwiese; www.nrw-kultur.de/kindertheaterdesmonats


VISIT Artist in Residence Programm der RWE Stiftung

Mit VISIT fördert die RWE Stiftung junge Künstler. Auf Einladung des Unternehmens entwickeln sie in rund sechs Monaten ihr Projekt. Je nach Thema geschieht dies an den deutschen oder auch internationalen Standorten des Unternehmens. Ein Bezug der entstehenden künstlerischen Arbeiten zum Themenfeld Energie und seiner gesellschaftlichen Relevanz ist dabei ausdrücklich gewünscht. Die Künstler erhalten dazu ein Stipendium in Höhe von 1.000 € pro Monat zuzüglich der Produktionskosten sowie eine Ausstellung mit Katalog. Eine Jury sichtet die eingegangenen Bewerbungen und wählt zwei Stipendiaten pro Jahr aus. Sie bestand 2013 aus Prof. Tobia Bezzola (Museum Folkwang, Essen), Prof. Mischa Kuball (Kunsthochschule für Medien, Köln) sowie zwei Unternehmensvertretern. Bewerbungsschluss ist der 1. März 2014. www.rwestiftung.com/visit & www.facebook.com/rwestiftung


72 | BÜHNE

DER LETZTE DANDY

John Waters. Foto: Greg Gorman

John Waters zu Gast am Schauspiel Köln. Es ist nicht so einfach, einen echt guten schlechten Geschmack zu haben. Und es reicht auch nicht aus, allein dem Schäbigen und Widerwärtigen, dem Hässlichen und Gemeinen zu huldigen, wie es in einer vor allem auf Schockeffekte bedachten Popkultur häufig geschieht. Wahrer schlechter Geschmack ist eine ganz eigene Kunst, die niemand so sehr perfektioniert hat wie der 1946 in Baltimore geborene John Waters. In den 1970er und frühen 1980er Jahren hat sich Waters mit seinen Filmen schamlos über die Grenzen der Schicklichkeit hinweggesetzt und fortwährend die US-Filmzensur herausgefordert. Unvergessen bleibt der Moment, in dem Divine während des Abspanns von »Pink Flamingos« einen frischen Haufen Hundekot isst. Ein Affront, der aber längst nicht nur Ekel und Entsetzen provoziert. In dieser finalen Übung in bad taste offenbaren sich eben auch Waters’ abgründiger Witz und seine bedingungslose Liebe zu allen Außenseitern, die sich um keinen Preis anpassen würden. Mit seinem dünnen schwarzen Schnurrbart, den er seit mehr als 40 Jahren trägt und der aussieht, wie mit einem Kajalstift gezogen, seiner ausschweifenden Gestik und ausgesuchten Höflichkeit ist der Filmemacher und Schriftsteller, Fotograf und Stand-Up-Komiker einer der letzten großen Dandys. Ein amerikanischer Oscar Wilde, der gerade im Fiesen und Kaputten, in Gewalt und Niedertracht eigene Schönheit und

Poesie erkennt. Die Morde, die Kathleen Turner als »Serial Mom« begeht, und die bizarren Obsessionen, denen sich eine von Tracey Ullman gespielte Vorstadt-Hausfrau in »A Dirty Shame« hingibt, sind vor allem Ausbruchs-Fantasien. Der Eintönigkeit und Verlogenheit repressiver Moralvorstellungen setzt Waters seine schillernden Tabubrüche entgegen. Wie schon in seinen Büchern »Shock Value«, »Crackpot« und »Role Models«, autobiografischen Streifzügen durch die Wunderwelt zelebrierter Geschmacklosigkeiten, wirft Waters auch in der One-Man-Show »This Filthy World« einen Blick zurück. Voller Liebe und äußerst geschmackvoll spricht er über die Filme und Bücher, über die Künstler und Outcasts, die seine Sicht der Welt geformt haben und sie noch bestimmen. Es ist ein so spöttischer wie subversiver Monolog und zugleich grandiose Lehrstunde in der Kunst des schlechten Geschmacks. | SAW INFO

»This Filthy World«: Schauspiel Köln (Depot 1) am 7. Februar 2014.


roland baisch & nito torres in

männerabend ein Stück von Baisch/Luding/Schiller in der Überarbeitung von Gerburg Jahnke (Extremkümmering) Termine: 24.02. und 24.03.2014 Einlass 19.00 Uhr, Beginn 20.00 Uhr

Foto: www.linnmarx.com | Gestaltung: www.bgp.de

Karten erhältlich unter www.ebertbad.de oder telefonisch unter 0208/205 40 24 Ebertbad, Ebertplatz 4, 46045 Oberhausen


10 MAL K.WEST FREI HAUS LESEN UND WUNSCHGESCHENK SICHERN! 1

2

NEU

Endlich ist es da, Ruhrgold – die Würze des Lebens und das erste offizielle Ruhrgebietscurry. Komponiert aus hochwertigen Rohgewürzen und fein abgestimmt. Das Rezept für die RuhrgoldSpezialsauce gibt's auch noch dazu.

Ausgesuchte Weine machen das Lesen schöner. Lassen Sie sich verwöhnen von unserem Weinpaket. Es besteht aus einer Flasche Colombelle (einem Weißwein aus der Gascogne) und einer Flasche La Croisade (einem Rotwein aus den Trauben Cabernet Sauvignon und Syrah).

3 KulturRe4 – Das Wissens-Quartett: Wer kennt sich aus im Rheinland und im Ruhrgebiet, in Westfalen sowie im Sauer- und Siegerland? KulturRe4 kann man wahlweise als klassisches Quartett oder als spannendes Quiz spielen – natü rlich auch unterwegs zu einem der vielen schönen Ausflugsziele. Inhalt: 120 Karten Alter: 9–99 Spieldauer: Offen Spielerzahl: Flexibel

K.WEST ist das Kulturmagazin für den Westen. Es informiert, rezensiert, kommentiert – und sortiert: Theater und Kunst, Oper und Tanz, Film, Architektur, Literatur und die Musik in all ihren Spielarten.

Tel. 0201/86206-33 | Fax: 0201/86206-22 | vertrieb@kulturwest.de | K.WEST Verlag GmbH, Heßlerstr. 37, 45329 Essen


4

NEU Coffee to go - der stilvolle Becher ist aus hochwertigem Porzellan, hat einen Silikonverschluss sowie einen Hitzeschutz im Griffbereich. Spülmaschinenfest, Größe: 12 x 9 cm (Höhe/Breite), Inhalt: 380 ml

5

6 Spätzle-Shaker: Messen, pressen und essen – selbstgemachte Spätzle in drei Minuten. Mit dem innovativen Küchenhelfer Spätzle-Shaker ist das jetzt möglich. Hergestellt in Deutschland aus transluzentem und transparentem Polypropylen plus zwei Mixkugeln aus rostfreiem V2A-Stahl.

Ein Geschenkgutschein über 10 Euro der Mayerschen Buchhandlung – da ist für jeden Geschmack etwas dabei.

JA, ICH MÖCHTE K.WEST LESEN ODER VERSCHENKEN! Ich bin damit einverstanden, dass der K.WEST Verlag GmbH mir per Post, Telefon und/oder E-Mail interessante Zeitschriftenangebote unterbreitet. Ich kann jederzeit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten zum Zwecke der Werbung beim Verlag widersprechen.

Anschrift des Bestellers (Bitte unbedingt ausfüllen)

Anschrift des Beschenkten (Ausfüllen, falls K.WEST verschenkt wird)

Name, Vorname

Name, Vorname

Straße, Hausnummer

Straße, Hausnummer

PLZ, Ort

PLZ, Ort

Sie können ein Probeheft auch telefonisch oder per Fax und E-Mail bestellen: Tel. 0201/86206-33, Fax: -22, vertrieb@kulturwest.de K.WEST Verlag GmbH, Vertrieb, Heßlerstr. 37, 45329 Essen, www.kulturwest.de

Telefon tagsüber (für eventuelle Rückfragen)

COUPON SENDEN AN: K.WEST Verlag GmbH Vertrieb Heßlerstr. 37 45329 Essen

Wunschprämie gratis (Bitte ankeuzen) E-Mail (für eventuelle Rückfragen)

1. Ruhrgebietscurry

Ich zahle per Rechnung das Jahresabo K.WEST zum Preis von € 46,00. Ich zahle per SEPA-Lastschrift das Jahresabo K.WEST zum Preis von € 46,00.

2. Weinpaket 3. KulturRe4 – Das Wissens-Quartett

BLZ

Konto-Nr.

IBAN

BIC

Geldinstitut, Ort

4. Coffee to go 5. Spätzle-Shaker 6. Geschenkgutschein Mayersche Buchhandlung

Datum, Unterschrift des neuen Abonnenten

Ich ermächtige den Klartext Verlag, Jakob Funke Medien Beteiligungs GmbH & Co. KG, Zahlungen von meinem Konto mittels SEPA-Basislastschrift einzuziehen und weise mein Kreditinstitut an, die Lastschriften einzulösen. Die Vorankündigungsfrist für den Einzug beträgt mindestens 4 Werktage. Hinweis: Ich kann innerhalb von 8 Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages gemäß den Bedingungen meines Kreditinstitutes verlangen


76 | FILM

ES WAR EINMAL IN AMERIKA DES MONATS

REZENSIONEN: ANDREAS WILINK

Das Toupet sitzt fest: Christian Bale, Bradley Cooper, Amy Adams (von links). Foto: Tobis

»American Hustle« von David O. Russell ist eine raffinierte und rasante Gauner-Komödie und Sittenbild der späten siebziger Jahre aus dem Land der Mafia und der Puritaner. Der Soundtrack verdient jedenfalls schon mal einen Oscar (mindestens so sehr wie die Ausstattung, die Darsteller und das Drehbuch). Wir werden eingeschäumt und aufgequirlt von Tom Jones, Donna Summer, der Wings007-Hymne »Live and let die«, Philadelphia Soul, den Bee Gees und vielem mehr, was die Siebziger hervorbrachten. Unter anderem auch Burt Reynolds als Pin-up-Ikone, Frauen, die Chinchilla und sehr viel eigenes Haar trugen, Männer mit Seidenhalstuch unterm Samtsakko, mit hohen Absätzen und, wenn nötig, mit tropfenförmigen getönten Brillen. Genial ist schon der Anfang von David O. Russells Film: Irving Rosenfeld, der Trickbetrüger, macht sich zurecht, um Carmine Polito (Jeremy Renner), Bürgermeister aus New Jersey, im Plaza Hotel von Manhattan zu treffen und ihn mit einem Koffer voll Dollars zu bestechen. Auf die kahle Stelle seiner hinteren Stirn klebt er ein filziges Haarteil, kämmt seine zuvor seitlich hoch toupierten Strähnen über die Attrappe und festigt die Frisur mit Spray. Rosenfeld (schmerbäuchig verfettet gespielt von Ex-»American-PsychoBateman« Christian Bale) und seine Komplizin, die falsche englische Lady Edith Greenly alias Sydney Prosser aus New Mexico (Amy Adams), wurden bei gemeinsamen Gaunereien mit geschönten Wertpapieren und getürkten Gemälden vom FBI-Agenten Richie DiMaso (Bradley Cooper) erwischt. Er zwingt sie, mit ihm zusammen die politische Klasse der Korruption und des Amtsmissbrauchs zu überführen. Dass sie dabei die Mandatsträger geradezu nötigen (to hustle = drängen), Schmiergelder anzunehmen und sich auf illegale Transaktionen zum Wohl von Staat und Bürgern einzulassen, ist die Moral von der Geschicht’ während der Präsidentschaft des guten Jimmy Carter. Geködert wird mit dem angeblichen Wiederaufbau von Atlantic City, der Stadt des Glücksspiels, mit Hilfe der Millionen eines Scheichs. »American Hustle« ist eine Mischung aus »Der Clou« und Sergio-LeoneDrama, Komödie und Thriller, Satire und Epochen-Chronik. Extrem lustig,

unterhaltsam, smart und sehr amerikanisch. Die späten siebziger Jahre: Der Watergate-Skandal ist ein paar Jahre vorbei, die USA wären gern wieder sauber. Wohin das führt, konnte man etwa bei Arthur Miller sehen, wenn in dessen Stück »Hexenjagd«, das wiederum als Parabel auf die McCarthyKommunisten-Jagd zu lesen war, die Puritaner fanatisch Anstand und Sitte exekutieren. Zum amerikanischen Traum und seiner Hybris (die hier der enthemmte, von seiner Cleverness kopflos werdende Detective verkörpert) gehört die Fantasie, »different« zu sein, ein anderer zu werden und zugleich man selbst sein zu wollen. Kollektiver Individualismus – ein irrer Zustand. Ob DiMaso, der daheim unterm Pantoffel seiner italienischen Mama steht, sein glattes Haar mit Lockenwicklern kraus erscheinen lässt; ob Rosenfeld sein Toupet aufsetzt; ob Edith/Sydney ihre falsche Identität kultiviert; Ehemann Rosenfeld seine Doppelmoral praktiziert, wenn er sich nicht von seiner neurotischen Frau Rosalyn (Jennifer Lawrence) trennt, aber Edith/Sydney liebt, die wiederum DiMaso heiß macht. Auch die Mafia erliegt der Selbsttäuschung, die von Florida und ihrem Boss Mayer Lansky aus ins Spiel kommt und Robert De Niro einen wunderbaren Gastauftritt erlaubt. Das Syndikat glaubt allen Ernstes, das wahre Amerika gegen Juden, Schwarze und Araber verteidigen zu müssen. Gerechtigkeit verwirbelt allenthalben zu Selbstgerechtigkeit. Die Lügen leben länger. Und alle flirten mit dem Desaster, um es mit einem    früheren Filmtitel von David O. Russell zu sagen.

INFO »American Hustle«; Regie: David O. Russell; Darsteller: Christian Bale, Bradley Cooper, Amy Adams, Jennifer Lawrence, Jeremy Renner, Robert De Niro; USA 2013, 138 Min.; Start: 13. Februar 2014.


K.WEST 02/2014 | 77

IN DER ZEITMASCHINE

Deutsch-jüdische Symbiose: Hanna und Itay. Foto: Zorrofilm

»Hannas Reise« nach Israel Hanna reist im Flugzeug, aber sie sitzt in der Zeitmaschine: Berlin – Tel Aviv. Beschleunigung im Rückwärtsgang. Die BWL-Studentin kurz vor dem Examen und einer schnittigen Karriere im Marketing braucht noch ein soziales Projekt für die perfekte Berufs-Biografie. Eigentlich will sie nur das Zeugnis und nicht die gute Tat selbst. Aber ihre Mutter (Suzanne von Borsody), Gründerin der »Aktion Friedensdienste«, die ihr den Schein ausstellen könnte, weigert sich und vermittelt sie für drei Monate aus dem deutschen SpätWinter ins Gelobte Sonnen-Land. »Was mit Juden kommt immer gut. Und behinderte Juden toppen das noch«, sagt Hanna flapsig zu ihrem Freund Alex, der mit ihr die Zukunft verplant und dafür schon eine schicke Wohnung einrichtet und selbst jede Beschäftigung mit der Vergangenheit (auch der eigenen vor der Wende in der DDR) bewusst in einer Gedächtnislücke versenkt. Die Gnade der späten Geburt als gnadenlos historische Ignoranz. Als Hanna (Karoline Schuch) in der Sozialeinrichtung ankommt, kontert Itay (Doron Amit), der Psychologe der Anstalt, mit der Replik: »Wo Euch die Holocaust-Überlebenden ausgehen, stürzt Ihr Euch nun auf die Behinderten.« Nein, korrekt ist das alles nicht. Die Geschichte von Julia von Heinz (Regie) und John Quester (Buch) hat viel vor, und das meiste schaffen die Filmemacher auch. Eine erst zu nehmende Beziehungs-Komödie auf vermintem Gelände, inklusive Familien-Geheimnis, das ins dritte Glied zurückreicht, als Hannas Großeltern sich durch Arisierung und Enteignung jüdischen Besitzes bereicherten, ihre Mutter sich deshalb von den Eltern lossagte und wiedergutzumachen suchte, was sie wiederum von ihrer ahnungslosen Tochter entfremdete. Die Bibel spricht von Erbsünde. Niemand schwingt hier die Moralkeule. Auch die Holocaust-Überlebende Gertraud Nussbaum im Altenheim hat Hanna auf ihrer to-do-Liste. Zwischen ihnen kehren sich die Rollen um. Die aufmerksam kluge, gelassene alte Dame legt Hanna gewissermaßen auf die Couch. Und öffnet ihr die Augen, zum Beispiel bei Gängen durch Tel Aviv, wo sie überall, auf Geschäftsschildern etwa, deutsche Namen anblicken. Hanna, die mit zwei weiteren deutschen FriedensdienstTätigen (einer verbohrten linken Lesbe und einem klampfenden Softie) in einer Schmuddel-WG wohnt, und Itay verlieben sich einander. Wider jede Vernunft. Denn auch auf Itays Familie lasten einige Päckchen, ebenfalls deponiert in Berlin. Hanna wird Zeit verstehen lernen, wird lernen, das eine zu lassen (nicht mehr eine ihrer Patientinnen an ihr eigenes Zeitmaß anpassen zu wollen) und das andere zu tun (sich für das, was war, zu interessieren). Am Ende scheinen in den Kamera-Einstellungen die beiden Städte ineinander zu wachsen und momentweise ununterscheidbar zu sein. So mag es    wohl sein mit Deutschen und Juden. INFO »Hannas Reise«; Regie: Julia von Heinz; Darsteller: Karoline Schuch, Doron Amit, Max Mauff, Lore Richter, Trystan Pütter, Suzanne von Borsody; D 2013; 100 Min.; soeben angelaufen.

DIE FAUST IM NACKEN, DIE FAUST ERHOBEN

Der junge Freiheitskämpfer (Idris Elba). Foto: Senator

Nach dem Tod von Mandela: »Der lange Weg zur Freiheit« Als junger Mann entwickelt er seinen eigenen Rassen-Test: Wenn ein Bleistift im Kraushaar stecken bleibt, ist die Person schwarz. Im Südafrika der Apartheid herrschen freilich andere Definitionen und Gesetze. Nelson Mandela wird nicht nur deren Absurdität benennen, sondern sie brechen. Wir lernen den 1918 geborenen Königssohn (»Der, der an Bäumen rüttelt«) als Geisterbeschwörer seiner Familie und Kindheit kennen, der in der Steppe der Transkei seine Initiation in die Männerwelt erlebt, als Kind ins Wasser taucht und als Jüngling wieder den Fluten entsteigt. Schon dieses Bild stilisiert ihn zum Propheten und Messias: zum neuen Moses. Der Anwalt, der in Johannesburg seine entrechteten Brüder und Schwestern gegen die weiße Vorherrschaft verteidigt und erlebt, wie die Justiz wegsieht, statt den Totschlag eines Farbigen durch die Polizei zu ahnden, tritt dem ANC bei und wird bald zum wortmächtigen, tatkräftigen Führer. »Allein bist Du schwach«, sagt ein Mitstreiter und ballt die Faust, in der kein Finger mehr leicht zu knacken ist. Die Bürgerrechtsbewegung plant Aktionen, Streiks, Besetzungen und das Verbrennen der Ausweise, denn das schwarze Südafrika fühlt sich nicht von diesem Staat repräsentiert. Ähnlich wie Gandhi, der seine Erfahrungen ebenfalls als Anwalt in Südafrika sammelte, vertritt Mandela zunächst die Politik gewaltlosen Widerstands. Parallel erzählt der Film von Mandela, dem Sohn, Vater und Ehemann, der sich von seiner ersten Frau trennt, um Winnie zur Frau zu nehmen, auf deren weiße Hochzeit die traditionell afrikanische erfolgt. Als die Gewalt in den 60er Jahren eskaliert und das Regime den Schießbefehl gibt, geht der ANC ins Exil oder in den Untergrund, bewaffnet sich und antwortet mit Sabotage: Terror für die Unterdrücker, Freiheitskampf für die Unterdrückten. 1963 werden Mandela und seine Leute verhaftet und zu Lebenslänglich verurteilt. Es folgen die 27 Jahre der Isolation, der Zwangsarbeit und Psychofolter, die Radikalisierung im Land, die höchst problematische Rolle Winnies in diesem Bürgerkrieg. Bei Mandela aber reift die Erkenntnis, dass nur friedliche Koexistenz eine Perspektive bietet: eine geistige Umkehr, die der des Paulus in nichts nachsteht. Er wird das Land in die Freiheit führen und 1994 der erste schwarze Präsident. All das erzählt Justin Chadwick eher in der gediegenen Nachfolge von Richard Attenborough, als im rüderen Stil eines Spike Lee: also satte Hollywood-Dramaturgie, wenngleich nicht so emotional und hochsymbolisch wie »Gandhi«, doch mit Idris Elba als fabelhaftem Hauptdarsteller in einer Reihe kaum bekannter Darsteller. Eine Chronik der poli   tischen Gefühle. INFO »Mandela«; Regie: Justin Chadwick; Darsteller: Idris Elba, Naomie Harris u.v.a.; USA 2013; 152 Min.; Start: 30. Januar 2014.


78 | FILM

DER CLUB DER LEBENDEN DICHTER

AUSSERDEM

Die rebellischen Darlings im Quartett. Foto: Koch Media

»Kill your Darlings« über Allen Ginsberg »Each man kills the thing he loves«, lautet ein Vers aus einem Gedicht des wegen »Sodomie« verurteilten Oscar Wilde; Jeanne Moreau singt es in Fassbinders Adaption des Genet-Romans »Querelle de Brest«. Damit hat man schon ein Gutteil des schwulen Kunst-Kosmos ausgeschritten: elitär, snobish, brillant und schwarz-romantisch eingefärbt, so dass sich L’Amour et la Mort im Todeskuss begegnen können. »Kill your Darlings«, heißt entsprechend ein Film über Allen Ginsberg, der zweite in Folge. Zuerst war da das Geheul: »Howl«, das Langgedicht von Ginsberg, stand 1957 in den USA vor Gericht. Nicht in Person des 30-jährigen Autors, sondern seines Verlegers Lawrence Ferlinghetti. Die Anklage lautete: Obszönität. Die Filmemacher Rob Epstein & Jeffrey Friedman drehten »Howl« 2010 und hoben genial ab, gaben eine linear narrative Struktur auf, inszenierten einen grell surrealen Comicstrip und entwickelten eine doku-fiktionale Mischform. Ginsberg war schwul – und das war für ihn erst mal nicht gut so, bis er Homosexualität als Glücksspender und Zustand zur Schärfung der eigenen und gesellschaftlichen Wahrnehmung akzeptierte. Einsam, gepeinigt von phallischen Phantasien und depriviert, steckt man ihn in die Psychiatrie, wo schon seine Mutter zu Tode kam. Ginsbergs Vor- und Frühgeschichte rollt »Kill your Darlings« auf. Das Debüt von John Krokidas – raffiniert rhythmisiert, mit jazzigen Akzenten und in schön gedimmtes Zwielicht getaucht –schaut auf die Jugend Ginsbergs während seiner akademischen Ausbildung und ist dabei mehr als Randnotiz und Fußnote. Ein CollegeDrama, wie Peter Weirs »Club der toten Dichter« oder Evelyn Waughs »Wiedersehen mit Brideshead« und von ähnlicher Stimmung. Spätestens in New York schnappt die Angstfalle zu, hat Allens anfängliche Ich-Ablehnung ihren Ursprung, sind die Abenteuer des Herzens düster grundiert, erfasst ihn der Schwindel der Selbstentdeckung. 1944 ist Allen (angenehm zurückgenommen, kantig wie Robin Williams und gekonnt ungelenk: Daniel Radcliffe) Student der Columbia University und trifft in dem smarten, reizvollen und provokanten Lucien Carr (Dane DeHaan) einen Kommilitonen – und blonden Rimbaud. Durch ihn begegnet er William Burroughs (Ben Foster) und Jack Kerouac (Jack Huston). Konformität im Leben und in der Literatur sowie deren Grenzgebieten lehnen sie ab und putschen gegen die konventionell verhaftete Zeit als Gründerväter der Beat-Bewegung. Männerliebe ist eines der Tabus. Als ein weiterer Satellit um den funkelnden Carr und unglücklich in diesen verliebt, David Kammerer (Michael C. Hall), tot aufgefunden wird, geraten die    werdenden Künstler unter Mordverdacht. Kunstpause. INFO »Kill your Darlings«; Regie: John Krokidas; Regie: Darsteller: Daniel Radcliffe, Michael C. Hall, Dane DeHaan, Ben Foster, Jack Huston, David Cross, Elizabeth Olsen, Jennifer Jason Leigh; USA 2013; 104 Min.; Start: 30. Januar 2014.

Suchtgefahr: Charlotte Gainsbourg bei Leibesübungen. Foto: Concorde

DIE SÜNDERIN »NYMPHOMANIAC« von Lars von Trier Nacht über der Welt. Ur-Anfang oder kosmisches Ende? Eine Frau liegt in einem schäbigen, dunklen, schneenassen Hof. Opfer, Sünderin? Die Sünderin? Ewige Eva, Lulu und Lilith? »Eine böse Frau«, wie sie von sich selbst sagt. Böse ist auch ihr Regisseur in der öffentlichen, vielleicht von ihm selbst gesteuerten Wahrnehmung. Lars von Trier ist der größte, der schlimmste Liebes-Regisseur unserer Tage. »Forget about love«, plakatiert sein neues Werk. Der Appetit darauf wurde häppchenweise angeregt. Werbe-Trailer und Kapitel-Vorspiele, dosiert skandalträchtig mit dem Schockeffekt des Pornografischen, Hässlichen und physisch Extremen, schaffen den Rumor für einen Film, der bei der Berlinale in seiner Langfassung uraufgeführt wird und dessen Regisseur seit seinem Auftritt bei den Festspielen in Cannes 2011 und Einlassungen zum Nazismus zumindest auf der Croisette als Unperson gilt. Lars von Trier erzählt – wie zuvor etwa in »Breaking the Waves« und »Dogville« – von der Begierde und dem Begehren, von Lust und Schaulust, vom Streben nach Erlösung und der Sehnsucht nach Auflösung. Und von der Sünde. Philosophie und Pathologie verschmelzen bei ihm zum deutsch-romantischen Komplex, amalgamiert mit krudem Naturalismus und pädagogischem Zerstörungs-Furor. In »Nymphomaniac« ist es bei dem Mädchen und dann der älter gewordenen Frau Joe die Sünde zu großer Erwartung –ihrer Erwartung an den totalen »Sonnenuntergang«, an den Menschen, die Körper und die Seele. Es ist der Wunsch nach dem Absoluten, nach Erkenntnis und nach Sinn. Es beginnt mit einer Wette zwischen Teenagern im Zug um SchokoDrops: Wer unterwegs mehr Männer zum Sex verführt, kriegt die Süßigkeit. Joe (Stacy Martin), die noch den Ekel fürchtet, wird durch diese Initiation zur Sexsüchtigen. Die erwachsene Frau (Charlotte


Film- und Kinokultur in Essen

Gainsbourg, die Heldin aus »Antichrist« und »Melancholia«, immer ähnlicher einem Porträt von Edvard Munch) nimmt sich, was sie braucht. Wir sehen es in allen genitalen Einzelheiten, Positionen und Variationen. Der Moment des Orgasmus als letzte Wahrheit, als äußerstes Außer-Sich-Sein und Bei-Sich-Sein – diese intime Schrecksekunde suggerieren auch die Plakate mit Großaufnahmen der Darsteller. In Lars von Triers Heimat Dänemark, wo der Film in vierstündiger und angeblich zensierter, vom Regisseur akzeptierter Kurz-Fassung (!) bereits läuft, scheint man ihn witzig zu finden und auf die leichte Schulter zu nehmen. Joe, die Freibeuterin der Liebeslust, der weibliche Don Juan, die unersättliche, zerstörerische Priesterin des Sexus, legt ihre Beichte dem allein lebenden, gut gesonnenen Büchermenschen Seligman (Stellan Skarsgård) ab, der sie im Dreck gefunden und zu sich genommen hat. Joe sucht Befreiung von ihrer Geschichte, indem sie darüber – rückblickend gegliedert in acht Kapitel – spricht. Besser als ihre frühere strenge Therapie-Runde sind diese Nachtgespräche in Fortsetzung. Selige Absolution aber gibt es nicht. Die märchenhafte und die religiöse Motivik klingen aus mit einer Zeile aus dem Jimi-Hendrix-Song »Hey Joe«: »Where you goin’ with that gun in your hand«. Eine obszö  ne Todesmelodie. »Nymphomaniac«; Regie: Lars von Trier; Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Uma Thurman, Willem Dafoe, Jean-Marc Barr, Udo Kier; Dänemark 2013; Start: erster Teil, 20. Februar 2014; zweiter Teil, 3. April 2014.

Galerie Cinema Lichtburg & Sabu Filmstudio Glückauf Astra Theater & Luna Eulenspiegel Filmtheater Rio Filmtheater – Mülheim

»MEINE SCHWESTERN« von Lars Kraume Sie hat den Tod vor Augen, nein, sie hat ihn hinter sich, von Anfang an. Und wir mit ihr. Wissend, dass Linda sterben wird, wenn sie mit ihren Schwestern Katharina und Clara noch die letzte Zeit verbracht haben wird, bevor sie zur Herzoperation ins Hamburger Klinikum geht. Geboren mit einer Herzschwäche, hat die 30-Jährige ihre Lebenserwartung schon weit übertroffen. Erinnerungstage zu dritt, ohne Eltern, ohne den Ehemann. Drei Schwestern – da klingt die Sehnsucht schon mit. Sie fahren an den Ort ihrer Kindheits-Ferien, in eine altmodische Hotelpension an der Nordsee, tanzen in der Stranddisco, reisen weiter nach Paris zu Tante (Angela Winkler) und Onkel (Ernst Stötzner), von dem sich Linda mit einem anderen Kuss als dem einer Nichte verabschiedet. Ungleiche Schwestern: Linda, die Sterbenskranke, die Erzählerin aus dem Jenseits, ist der ruhende Pol und bei Jördis Triebel ganz bei sich und geklärt; Nina Kunzendorf als verantwortungsbewusste Katharina streng mit sich und den anderen – die Last der Ältesten; Lisa Hagmeister als sich ausgeschlossen fühlende Dritte verquer und voller Zweifel an ihrem Wert für die Familie und den eigenen Fähigkeiten. In Paris wird Linda einem Todesengel, gespielt von Béatrice Dalle, hinauf nach Sacré Cœur folgen und auf den Treppenstufen zusammenbrechen. Ansonsten ist Lars Kaumes Regie behutsam, nicht symbolhaft und getragen von seinen drei beeindruckenden Darstellerinnen. Einmal hören die Drei Bach auf der Orgel einer Kirche: Wir setzen uns mit    Tränen nieder. Start: 6. Februar 2014.

Originalversion Fremdsprachige Filme mit und ohne Untertitel

Sonntags im Filmstudio Montags in der Lichtburg Dienstags im Eulenspiegel Mittwochs im Astra Theater

www.essener-filmkunsttheater.de www.lichtburg-essen.de


80 | LITERATUR

JUNGER VERLAG DER ALTEN MÄNNER TEXT: ANDREJ KLAHN

»Rubber-Table« Foto: Sascha Wett

Unabhängige Verlage in NRW (4): der Wuppertaler Arco Verlag, der in Wien eine Dependance unterhält und sich den literarischen Landschaften Mitteleuropas verschrieben hat. Das Verlagssignet verpflichtet: Die Konzentration des Mannes, der sich über sein Buch beugt, zwingt den Körper in die Krümmung. Als wollte der Leser sich mit dem Rücken gegen die Außenwelt abschirmen. »Er sucht deutlich Lösungen dringender Probleme im Buch. Goebbels hätte ihn wohl eine ›Intelligenzbestie‹ genannt.« So hat Bertolt Brecht Ernst Barlachs 1936 gefertigte Skulptur »Der Buchleser« rückblickend gedeutet. Ein Barlach-Buch mit Entwürfen dazu war folgerichtig im Nationalsozialismus verboten worden. Der Schattenriss von Barlachs Bronzefigur ziert die Bücher aus dem Arco Verlag. »Mir hat diese Betonung des Buches als Widerstandsgeste und Akt der Behauptung von Kunst und Literatur sehr gut gefallen«, erinnert sich Christoph Haacker. Als der studierte Germanist und Slawist 2002 daran ging, in Wuppertal den Arco Verlag zu gründen, wollte er der Exilliteratur aus der Zeit nach 1933 einen gewichtigen Platz einräumen. Doch begonnen hatte es nicht mit dem vagen, Germanisten in der Prüfungsphase beseelenden Wunsch, einen Verlag aus der Taufe zu heben, dessen Programm noch zu entwickeln wäre. Haacker hatte konkrete Wiederauflagen im Sinn und seinen ersten lebenden Autor mit Fritz Beer schon gefunden. Jetzt musste der Verlag her, um dessen Bücher herausbringen zu können. Bereits 1993 war der damals 21-jährige Haacker dem 1911 im mährischen Brünn geborenen Journalisten und Schriftsteller begegnet; auf einer von der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft in Wuppertal ausgerichteten Ehrung des 1933 vom späteren Arco-Autor Max Herrmann-Neiße

mitbegründeten PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. Beer führte damals den Vorsitz. Später sollte Haacker sich dann näher bekannt machen mit Fritz Beer: durch die Lektüre von dessen Büchern. Ihn habe die selbstkritische Offenheit Beers fasziniert, der Umgang mit den biografischen Brüchen, erinnert sich Haacker. Beer war 1928 der Kommunistischen Partei beigetreten, war 1939 vor den deutschen Besatzern nach Großbritannien geflohen und hatte nach dem Hitler-Stalin-Pakt endgültig mit dem Kommunismus gebrochen. »Kaddisch für meinen Vater«, ein Buch mit unveröffentlichten Essays, Erzählungen und Erinnerungen, sollte dann neben Walter Seidls Roman »Der Berg der Liebenden« von 1936 zu den ersten Arco-Büchern gehören. Das Programm des Verlags war zunächst vor allem von verfolgten und exilierten Autoren geprägt. Denn Haacker war sich bewusst, dass nicht mehr viel Zeit blieb, um mit der hochbetagten Generation der literarischen Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen. So erschien 2007 bei Arco mit »el do Ra Da(da)« etwa ein Querschnitt aus dem Werk Ludvík Kunderas. Der 1920 ebenfalls in Brünn geborene Kundera, der in den 1940er Jahren Zwangsarbeiter im bombardierten Berlin-Spandau war, zählt zu den bedeutendsten Autoren seiner Generation; was die tschechoslowakischen Machthaber nicht hinderte, ihn 1970 mit einem Publikationsverbot zu belegen. Kundera starb drei Jahre nach dem Erscheinen seines Buchs bei Arco. Auch ein Roman sowie ein Band Gedichte und Prosa des 1938 in die USA emigrierten Georg Kreisler kamen hier noch zu dessen Lebzeiten heraus. »Es ist ein Privileg, mit solchen Menschen


K.WEST 02/2014 | 81

zusammenarbeiten zu dürfen, und es ist eine Verpflichtung«, sagt Haacker. »Es hat mich sehr bewegt, dass Ludvík Kundera im hohen Alter und nach 17 Jahren Schreibverbot in der Tschechoslowakei zum ersten Mal eine angemessene Auswahl seines dichterischen Schaffens in einem deutschen Verlag erleben konnte. Ich durfte miterleben, was es für ihn bedeutet hat.« Bis heute widmet sich der Arco Verlag den literarischen Landschaften Mitteleuropas. Denn nicht nur das Verlagssignet, auch der Name verpflichtet. Das Prager Kaffeehaus Arco war Anfang des vorigen Jahrhunderts auf dem oft schwierigen Terrain deutsch-tschechisch-jüdischer Beziehungen ein Treffpunkt, der sich über nationale Grenzen hinwegsetzte und Gäste wie Franz Kafka, Franz Werfel und Max Brod anzog. Mit der »Bibliothek der Böhmischen Länder« hält der Arco Verlag das Mit- oder Nebeneinander der Sprachen und Ethnien in der kulturellen Grenzregion gegenwärtig. Seite an Seite finden sich deutschsprachige neben tschechischen Autoren, flankiert von einem wissenschaftlichen Programm, das sich beispielsweise in zwei Monografien der Elberfelder Dichterin Else Lasker-Schüler widmet. Kinder- und Jugendbücher wie der zweimal verfilmte böhmische Fußball-Roman »Klapperzahns Wunderelf« (1922) von Eduard Bass oder ein Exilroman von Erika Mann erscheinen unter dem Label »Arco Orca«; und die Reihe »Coll’Arco« versammelt kürzere Texte in markanter Gestaltung. Im letzten Herbst waren das Prosa und Gedichte Paul Zechs, in denen der Else Lasker-Schüler-Weggefährte, Lyriker und Lebenslauferfinder mit der Stadt an der Wupper abrechnet, die er »um eine Linsensuppe« verlassen hat. Verbittert und doch voller Anhänglichkeit ist Zechs bildmächtige Liebeserklärung an Wuppertal, das bis 1929 noch als Elberfeld und Barmen firmierte. »Es gibt auf der Welt keinen Fleck, wo der Boden so fruchtbar ist an eigenwilligen Kreaturen, aber nur den Kaufmann lässt die graue Luft hoch.« So schreibt Zech der verlassenen Stadt hinterher. Auch Christoph Haacker hat mehr als 30 Jahre in Wuppertal verbracht, bis er 2009 nach Wien umzog, wo der Arco Verlag seitdem eine Dependance unterhält. »Anfang des 20. Jahrhunderts gehörten Elberfeld und Barmen, das Wuppertal Paul Zechs, zu den reichsten Städten Deutschlands. Es schadet nicht, sich diesen historischen Rang und die ungeheure Modernität ins Gedächtnis zu rufen in einer Zeit, in der die Stadt es zugelassen hat, dass sie zu sehr mit einem Negativ-Image behaftet ist«, sagt Haacker, der Wuppertal noch immer seine Heimat nennt. Und überhaupt geht es dem Verleger, der seine Autoren auch schon mal ironisch den »Club der toten Dichter« oder Arco einmal »den jungen Verlag der alten Männer« nannte, nicht um gegenwartsvergessenes Bewahren. Bücher, die im Arco Verlag erscheinen, sollen – ganz im Gegenteil – zum Verständnis unserer Zeit beitragen, indem sie nicht zuletzt nach den Wurzeln heutigen Selbstverständnisses fragen.

DER VERLEGER EMPFIEHLT:

UNSERE PARTNER IM FEBRUAR 2014

www.kulturkenner.de

www.kunststiftungnrw.de

www.marta-herford.de

www.nrw-kultur.de

Ulrich Becher: »Kurz nach 4.« Roman. Arco Verlag, Wuppertal 2011, 200 Seiten, 20 Euro Bisher in der Reihe »Unabhängige Verlage in NRW« erschienen: Weidle Verlag (Mai 2013), Lilienfeld Verlag (Juni 2013), CH.SCHRŒR (September 2013) www.rheinland1914.lvr.de


82 | LITERATUR

EIN LEBEN ZIEHT VORBEI

des Monats

TEXT: ANDREJ KLAHN

Angelika Klüssendorf setzt mit »April« ihren Erfolgsroman »Das Mädchen« fort Mit dem Blick gen Himmel endete Angelika Klüssendorfs letzter, 2011 für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman »Das Mädchen«. Ein Schwarm Wildenten zieht dort gen Süden; und die namenlose 17-Jährige stellt sich vor, aufzusteigen und mit ihnen zu fliegen, um die Welt und sich selbst von oben zu betrachten, bis irgendwann auch sie verschwunden wäre. Davor schildert die 1958 in Ahrensburg geborene, in der DDR aufgewachsene Angelika Klüssendorf mit lakonischer Distanz fünf desaströse Jugendjahre in der DDR, das Aufwachsen in einem Trinkerhaushalt in den 1960er Jahren, in dem die Kinder zum Zeitvertreib mit dem Gürtel gezüchtigt werden; Ladendiebstähle, Ausreißversuche und Aufenthalt im Erziehungsheim. Dass die finale Fluchtfantasie dann Züge einer Selbstauslöschung trägt, ist angesichts der emotionalen Grausamkeit, der sich das Mädchen ausgesetzt sieht, nur konsequent. Angelika Klüssendorfs neuer Roman »April« schreibt diese Adoleszenzgeschichte ins Erwachsenenalter fort. Den Namen April hat sich das Mädchen selbst gegeben. Doch selbstbewusst ist sie nicht. Was sie am

INFO

Angelika Klüssendorf: »April« Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, 224 Seiten, 18,99 Euro. Das Buch erscheint am 13. Februar 2014; Lesung am 19. Februar im Literaturhaus Köln

Leben hält, ist ihr reflexhafter Behauptungswille. Ihre Freunde nennen sie noch immer »Rippchen«, weil sie nicht zunimmt, egal wie viel sie isst. April hat ein Zimmer in der dunklen Wohnung einer verbiesterten, zwangsgestörten Alten in Leipzig zugewiesen bekommen. Kein Ort, um sie heimisch zu fühlen. Aber es könnte ein Anfang sein. Immerhin hat sie die familiäre Hölle und das Erziehungsheim hinter sich gelassen. Doch über die Demütigungen und Zurückweisungen ihrer Kindheit ist auch das Gefühl für sich selbst auf der Strecke geblieben. Angelika Klüssendorf zeichnet in »April« mit protokollarischer Lakonie Szenen eines beschädigten, haltlosen Lebens nach. Dem Selbstmordversuch folgt die offene Psychiatrie. April lässt sich treiben, verkehrt in Künstlerkreisen, ohne wirklich dazu zu gehören. Mit den Männern, die sie nachts mit nach Hause nimmt, liefert sie sich auf dem Sofa Kämpfe, statt sie zu lieben. Sie will niemanden an sich heran lassen und hat doch Verlustängste. Ihr Arzt vermittelt April eine Anstellung im Völkerkundemuseum, wo sie arbeiten kann, so lange sie psychisch labil ist. Also simuliert die junge Frau exaltiertes Irresein. Dabei gleicht ihr Leben eher einer Implosion. Sie lernt Hans kennen, der sie wie ein Kind behandelt, ihr aber guttut. Die Schwangerschaft ist ungewollt, der Alltag mit Kind eine Überforderung. Erwachsensein, so heiß es an einer Stelle, strenge sie an. Irma, Susanne, Silvester oder August, so heißen die Freundinnen und Liebhaber, die für April von Bedeutung sind. Allerdings nur für kurze Zeit. Sie bleiben Episoden, weil sich in Aprils Leben kein Zusammenhang ergeben will. Selbst das zeitweise Abtauchen in den DDR-oppositionellen Untergrund und die Ausreise nach West-Berlin haben etwas Zufälliges. Die Distanz zum Regime ist weniger eine politische als eine existenzielle. Denn April entspricht nicht der Produktivitätserwartung des Arbeiter- und Bauernstaates, in dem es kein Schicksal gibt, sondern nur soziale »Verhältnisse«. Karg und episodenhaft richtet Angelika Klüssendorf Aprils Geschichte ein. Das Faszinierende aber an dieser schmucklosen Nüchternheit ist der gegenteilige Effekt, den der reduzierte Stil produziert: Er trägt zur Verundeutlichung des Bild bei, wirkt wie ein Filter, der sich narkotisierend und eintrübend vor Aprils Wahrnehmung schiebt. Wer als Kind lernen musste, die Hauptrolle in einer Familientragödie zu spielen, entwickelt Techniken der Selbstbetäubung, die Angelika Klüssendorf uns immer wieder schmerzhaft bewusst macht. Distanziert, fast analytisch ist ihr Blick auf die um sich selbst kämpfende April. Die aus sicherer Distanz betrachteten Schiffbrüche aber können bei den Zuschauern bekanntlich die stärksten Gefühle hervorrufen.


K.WEST 02/2014 | 83

AM RAND EUROPAS Ilija Trojanows und Christian Muhrbecks erkunden in »Wo Orpheus begraben liegt« Bulgarien. »Forget Your Past« hat jemand auf den Brückenpfeiler gepinselt, die Buchstaben sind durch den Nebel nur schwer lesbar. Wenn man eine Seite weiterblättert, sieht man Arbeiter auf einem Gerüst, die damit beschäftigt sind, eine riesige Coca Cola-Flasche auf eine Hausfassade zu malen. Erzählungen vom Rand Europas haben der Schriftsteller Ilija Trojanow und der Fotograf Christian Muhrbeck von ihren Reisen durch Bulgarien mitgebracht. Entstanden ist kein klassisches Reisetagebuch, sondern literarische und fotografische Momentaufnahmen werden über mehrere Ebenen miteinander verknüpft. Sie zeichnen das zwiespältige Bild eines Landes, das immer noch in den Resten seiner sozialistischen Vergangenheit lebt und trotzdem längst in der europäischen Gegenwart angekommen ist. Ein Schafhirte treibt seine Herde mitten durch eine Plattenbausiedlung, auf einem Grabstein ist ein junger Mann mit seinem BMW eingemeißelt und Lenin hängt gerahmt als Häkelbild an der Wand. Muhrbeck schaut mit ungewohntem Blick auf das Land, und der gebürtige Bulgare Trojanow stellt dessen Fotografien Erzählungen an die Seite, die zwischen Reportage und Poesie changieren. Trojanow skizziert persönliche und politische Veränderungen und nähert sich dem Land durch die Augen anderer: So schreibt er aus der Perspektive eines freigelassenen Häftlings, der im »Paprikaspätsommer« nach Sofia zu seinem Bruder zu-

rückgekehrt, sich auf dem Weg durch die duftende Stadt seinen Erinnerungen entgegenbewegt und sich das große Willkommen ausmalt, am Ende aber enttäuscht werden wird. Oder man liest vom Berg »Tepe«, der erst zur Mine und dann ausgeweidet, ausgehöhlt und abgetragen wird, bis schließlich das Wasser in den Bächen trüb wird und sich das Land komplett verändert. Die Menschen schwanken zwischen Ohnmacht und Gelassenheit; das Leben geht weiter, irgendwie. »Morgen ist auch noch ein Jahr«, heißt es an einer Stelle. Trojanow und Muhrbeck zeichnen ein differenziertes Bild Bulgariens; schonungslos und zärtlich zugleich. »Vergiss Deine Vergangenheit« – dieses Graffito wirkt trotzig bis verzweifelt in einem Land, wo so viel Geschichte im Weg herumsteht. | VKB

INFO Ilija Trojanow: »Wo Orpheus begraben liegt« Erzählungen, mit Fotografien von Christian Muhrbeck Carl Hanser Verlag, München 2013, 224 Seiten, 24,90 Euro

ROTE HERZEN IM SCHNEE Alice Munros Erzählungen »Liebes Leben« »Nicht leicht in Worte zu kleiden, vielleicht auch gar nicht«, schreibt Alice Munro gleich auf der ersten Seite ihres jüngsten Erzählungsbandes in der Geschichte »Japan erreichen«. Einer Liebesgeschichte. Was sonst! Sie aber versteht sich auf die Passform. Gäbe es eine Haute Couture der Literatur – von klassisch schlichter Vornehmheit, perfekt in Sitz und Schnitt, kein Zentimeter Stoff zu viel –, wäre Alice Munro Coco Chanel und Jil Sander in einer Person. 14 short stories, die längste knapp 50 Seiten, die meisten weit darunter – Wintergeschichten, deren Kälte unter die Haut kriecht, zeitlich aufwärts von den 40er Kriegsjahren über die 50er und 60er Jahre und jüngeren Datums. Wenn sie enden, könnte man fragen: Und, was nun? Denn nichts ist geklärt, gelöst, gesichert. Wenig tröstlich. Wie ein sanfter Todesstreich treffen einen die Wendungen und lassen das ohnehin heikle Gleichgewicht kippen. Szenen aus dem beschädigten Leben, zwischen Ankunft und Abschied, trügerischer Ruhe und jähem Erschrecken, gemildert nur vom Gleichmut und der Nachsicht der Autorin. Moderato cantabile. Munro kann mit einem ihrer lakonischen Sätze, gerade, wo sie vage bleiben, eine Existenz zum Einsturz bringen oder Zusammenbrüche erklären. Aber was sagt ein Begriff wie Missbrauch, was eine Diagnose wie impotent oder bindungsgestört? Von solcher Urteilsfindung ist Alice Munro weit weg. In »Amundsen«, spielend in einer Heilanstalt für lungenkranke Kinder, verliebt sich eine junge Lehrerin in den Klinikarzt.

Als er sagt, sie heiraten zu wollen, wirft er Kekse, geformt wie rote Herzen, in den Schnee. Am Tag der geplanten Eheschließung wird er ihr sagen, dass er es nicht könne. Munros Figuren sind nachdenkliche Menschen, die es sich nicht leicht machen mit ihrem Leben und dessen dunklen Erinnerungsresten, Schuldsprüchen und Leerstellen, die unsere Kindheit hinterlässt. Sie sind Zerreißproben ausgesetzt, geprägt von Sündenbewusstsein – ein ertrunkenes Kind, ein Verrat unter Schwestern, ein Liebesbetrug, religiöser Dünkel. Es sind Mängelwesen, einigen gelingt es, den Mangel (an Liebe) zu beheben, in Gedanken oder in Werken. Andre lernen, sich in Selbstbescheidung zu üben. Ich-Werdung unter Schmerzen. | AWI

INFO Alice Munro: »Liebes Leben« Erzählungen, aus dem Englischen von Heidi Zerning, S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, 367 Seiten, 21,99 Euro. Am 28. Januar 2014 liest Judith Hermann aus Munros Werk im Heine Haus, Düsseldorf; am 18. Februar 2014 in der Bundeskunsthalle, Bonn .


84 | HIMMEL & ERDE

HIMMEL & ERDE LICHT? KUNST!

»You&Me-isms / part 1« (2010) von Boris Petrovsky Foto: www.frankvinken.com

»Words Don’t Come Easily« im Zentrum für internationale Lichtkunst Unna Wer es immer schon einmal mit einer »Cyberpunk-Kommunikationsmaschine« zu tun haben wollte, der wird in den Gewölben der ehemaligen Lindenbrauerei in Unna fündig. »You&ME-isms / part 1« heißt die Installation von Boris Petrovsky, in der Hunderte von farbig glühenden Neon-Schriftzeichen zu einem vielschichtigen Teppich miteinander verwoben sind. Der Besucher kann als User über ein Terminal Textbotschaften in das interaktive System »einschreiben« und dem Gewirr aus Material, Linien und Zeichen eine Struktur geben. Die visuellen Parameter dieser »Kommunikationsmaschine« lassen sich aber nicht beeinflussen – über Zufallsgeneratoren werden die Buchstaben, deren Größe genauso wie der Rhythmus und Ort ihres Aufleuchtens gesteuert und variiert. Die Installation ist Teil der Ausstellung »Words Don’t Come Easily…«, die bis zum 16. März 2014 im Zentrum für internationale Lichtkunst Unna zu sehen ist. Ihr Fokus liegt auf »Wörtern als Kommunikationsform in all ihren Facet-

ten«. Die teilnehmenden Künstler nutzen die historischen Wände der drei 20 Meter langen Kellergewölbe als Schreibfläche und zeigen dabei ganz unterschiedliche Ansätze. Interaktiv, wie Petrovskys glimmende Neon-Installation »You&ME-isms / part 1« oder aber raumbildend wie »24 neons, various original drawings from Perfect World in a Mephisto Shoe Box cut in a half (working title)« des amerikanischen Installationskünstlers Jason Rhoades. Dessen Werke sind komplexe Erzählungen, die die Konfrontation mit gesellschaftlichen Tabus nicht scheuen. Rhoades überfrachtet seine ausladenden Räume mit Botschaften und Schilderungen, sodass diese zu begehbaren Geschichten werden. »24 neons …«, ein chaotisches Durcheinander von Neonwörtern, muss vom Betrachter regelrecht erobert werden. Noch eine Nummer größer ist die Arbeit »Revoltage« des Raqs Media Collective aus NeuDelhi. Die drei Medienkünstler Jeebesh Bagchi, Monica Narula und Shuddhabrata Sengupta präsentieren eine Installation, deren überdimensionale Buchstaben, geformt aus Glühbirnen, an historische Zirkus-Beschriftungen

erinnern und die so illuminiert werden, dass wechselweise die Worte »Revolt« und »Voltage« lesbar werden. Das Raqs Media Collective entwickelte diese Arbeit als Reaktion auf die Revolten in Nordafrika und die globalen Demonstrationen der Occupy-Bewegung. Zur Ausstellung findet ein Begleitprogramm statt, wie die Vortragsreihe »Die Sprache der Kunst«, jeweils am ersten Mittwoch des Monats. Am 5. Februar sind Peter Schütze, Thomas Eicher und Bastian Kopp »auf der Suche nach dem verlorenen Wort« – die beiden Rezitatoren und der Pianist führen mit Gedichten, Erzählungen und Liedern in die Welt der zerlegten Sprache und der fehlenden Worte. Am 5. März hinterfragt Jörg Heiser, Chefredakteur des Londoner Kunstmagazins Frieze, am Beispiel des Raqs Media Collective die Interaktion von Kunst und Politik. INFO

www.lichtkunst-unna.de


Vertrieb mit System.

... wir finden die Zielgruppe, die Sie suchen!

WER SUCHT, FINDET Theatererkundigen zu den Favoriten von »Favoriten« Neulich hat der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender – früher Dramaturg am Schauspiel Bochum –, in der Zeit gemeint, die Trennlinie »zwischen traditionellen Institutionen und freier Szene« gebe es nicht mehr. Viel fruchtbarer sei die Unterscheidung zwischen Interpretenund Produzententheater, also einem Theater der Kreation, das an die Hervorbringenden gebunden sei. D’accord. Doch inwieweit ist die Distinktionslinie zwischen jenen beiden künstlerischen Produktionsformen nach wie vor identisch mit der zwischen Stadt- und freiem Theater? Inwieweit schon nicht mehr? Das ist die Frage, und deren Antwort kann man ab Januar erkunden: In der Reihe »Erkundigungen«, mit der das Festival des freien Theaters »Favoriten« sich an seine Eröffnung am 25. Oktober 2014 heranarbeitet. K.WEST ist Medienpartner. An sechs Terminen besucht »FAV14 / Erkundigungen« freie Kulturstätten in NRW, auf der Suche nach »Grenzflächen ästhetischer und kulturpolitischer Bewegungen in der Region«. Prosaischer ausgedrückt: Das Team des Festivals besucht einmal pro Monat ein Freies Theaterhaus in Nordrhein-Westfalen, schaut sich eine Produktion an und diskutiert anschließend mit dem Publikum und geladenen Gästen über ein relevantes Theaterthema. Begonnen hat die Reise in Bielefeld, im Februar (am 20., 20 h) geht es nach Düsseldorf zu »damenundherren e.V.« in Oberbilk, wo in der Klang-Bild-Albtraum-Produktion »Das Haus« und danach Fragen der künstlerischen Eroberung von (Stadt-) Räumen untersucht werden sollen. Der März-Termin (am 20., 20 h) führt ins Maschinenhaus Essen.

INFO

www.favoriten2014.de

Unsere Kompetenzen sind Ihre Optionen: zielgruppenorientierte Distribution Ihrer Werbemittel | hervorgehobene Präsentation in Displays | wöchentlich aktuelle, transparente Vertriebsdokumentation | lokal, regional und bundesweit | Marketingkonzeption | Grafik | Produktionsabwicklung

www.publicity-werbung.de


86 | HIMMEL & ERDE

himmel und erde AUFBRUCH GEGEN ABBRUCH Neues vom Detroit-Projekt in Bochum Ende 2014 fährt in Bochum der letzte Opel vom Band. Dem Verlust begegnet das Schauspielhaus Bochum mit Kreativität. Das (gemeinsam mit Urbane Künste Ruhr) für ein volles Jahr geplante Stadt- und Kunstfestival »Detroit-Projekt« will Solidarität beweisen, aber auch – Krise ist Chance – neue Formen demokratischer Teilhabe entwickeln. K.WEST ist Medienpartner und empfiehlt für Februar einen Besuch im Container. Der steht bis Anfang Juli vor dem Schauspielhaus, damit in ihm was stattfindet. Und zwar als erstes das AntiSchluss-Projekt »Abbruch Aufbruch« des Bochumer Fotografen Martin Steffen. Mit der Kamera begab sich der mare- und stern-Mitarbeiter auf die Suche nach Orten in Bochum, die Wandel und Umbrüche in der Stadt offenlegen. Zweitens sollte, wer Grün liebt, am Gespräch über »Gemeinschaftsgärten und natürliche Ästhetik im urbanen Raum« teilnehmen. Klingt akademisch gespreizt? Ja. Ist aber auch ein cooler Trend, weltweit wird der urbane Raum als Garten und Ackerland wiederentdeckt, auch im menschenleeren Zentrum von Detroit bewirtschaften Urban Farmer seit einigen Jahren die gewaltigen Brachflächen. Ernähren kann man sich, jedenfalls in Deutschland, so nicht, aber Spaß haben und Avantgarde sein. Am 25. Februar um 19:30 Uhr wird im Tanas, das ist die Gastronomie in den Kammerspielen, die Gründung eines Bochumer Gemeinschaftsgartens vorgestellt. INFO

www.schauspielhausbochum.de »You&Me-isms / part 1« (2010) von Boris Petrovsky Foto: www.frankvinken.com

KÜNSTLER GESUCHT! Ausschreibung der »Public Residence« am Dortmunder Borsigplatz Im Kulturhauptstadtjahr Ruhr.2010 gehörte der Borsigplatz zu jenen »2-3 Straßen« in Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr, die der Konzeptkünstler Jochen Gerz zu einer Ausstellung machen wollte. Dabei ging es nicht um Street Art oder Kunst im öffentlichen Raum, sondern nicht zuletzt um einen sozialen Prozess. Die Veränderung des Viertels war das Ziel. Dafür lud Gerz Kreative ein, ein Jahr lang mietfrei in einer der sogenannten Straßen zu wohnen. Als Gegenleistung sollten sie sich einbringen, Projekte initiieren, die in das Quartier hineinwirken. Am Borsigplatz

gründete sich im Juni 2011 im Anschluss an Gerz’ Projekt der Verein Machbarschaft Borsig 11 e.V., der sich als »Labor für kulturelle, soziale und ökonomische Praktiken« versteht und weiter in und an einer der Dortmunder der »2-3 Straßen« arbeitet. In diesem Jahr knüpft nun das Projekt »Public Residence: die Chance« an die Ursprungsidee an: Vier Künstlerinnnen und Künstler aller Sparten werden ein Jahr vor Ort leben, arbeiten und partizipatorische Projekt realisieren. Dafür wird ihnen nicht nur eine Wohnung zur Verfügung gestellt, sie bekommen auch ein Grundgehalt. Für die Anbindung an das lokale Netzwerk sorgt das Team Borsig 11. So wollen die Initiatoren neue Formen des sozialen Miteinanders erproben und einen Austausch auf Augenhöhe ermöglichen. Welche Kunst-

projekte aber realisiert werden, dürfen die Anwohner entscheiden. Finanziert wird das Projekt von der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft, die sich der Förderung von Kunst verschrieben hat, die Gesellschaft verändern will und dabei vor allem benachteiligte Bevölkerungsgruppen einbezieht. Bis zum 28. Februar können sich Künstlerinnen und Künstler für die »Public Residence« bewerben. Mehr Informationen gibt es unter: INFO

www.public-residence.de


K.WEST 02/2014 | 87

K.WEST_258 x 127 mm_Vorschau Maerz_Layout 1 22.01.14 11:37 Seite 1

GUCKEN UND KAUFEN

Die Märzausgabe INKLUSIVE KLASSIK-SPECIAL AB ENDE FEBRUAR IM HANDEL

Kunstpreis der Künstler 2014 Beatrix Sassen Foto: Dejan Saric

»Grosse Kunstausstellung« im Museum Kunstpalast Drei Jahre nach dem großen örtlichen Fußballclub gründete sich 1898 in Düsseldorf der »Verein zur Veranstaltung von Kunstausstellungen«. Auch wenn der Name umständlich klingt, bringt er doch mustergültig das Ziel der in ihm Zusammengeschlossen auf den Punkt: Die Düsseldorfer Künstlerschaft wollte ihre Arbeiten zeigen und benötigte dafür einen repräsentativen Ausstellungsraum. Seit 1906 veranstaltet man im Museum Kunstpalast »Die Grosse Kunstausstellung NRW Düsseldorf«, die größte Schau von Künstlern für Künstler in Deutschland. Eine wechselnde Jury wählt aus, was gezeigt wird; auch der Nachwuchs kommt dabei zum Zuge. Zudem wird ein »Kunstpreis für Künstler« verliehen, in diesem Jahr an die Bildhauerin Beatrix Sassen, die bei Joseph Beuys und später bei Erwin Heerich an der Kunstakademie studierte. Wer Kunst nicht nur sehen, sondern auch kaufen will, hat im Rahmen der Ausstellung auch dazu Gelegenheit, unter Umgehung des Zwischenhändlers. Die Werke können ohne Galeriebeteiligung direkt vor Ort erworben werden – in diesem Jahr vom 16. Februar bis zum 9. März. INFO

KUNST, BÜHNE, MUSIK, DESIGN, FILM, LITERATUR DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

www.diegrosse.de

www.kulturwest.de oder Tel.: 0201 / 86206-33


88 | GLOSSE KUNST

IMPRESSUM

NACHRUF

REDAKTION

EINE GLOSSE VON ULRICH DEUTER Ein neues Jahr, wie schön! Leicht vergisst man jedoch, dass dafür ein altes weichen musste. Damit etwas bleibt, klebt K.WEST den vertriebenen Monaten eine Seite ins Album. Blättern wir uns also für ein paar Minuten nach 2013 zurück!

Als ein aus Viersen gebürtiger junger Mann in den 1980er Jahren sein Studium in Berlin begann, schämte er sich jedes Mal, wenn die Frage nach seiner Herkunft aufkam, die Wahrheit zu bekennen. Im Vorgriff auf eine angestrebte weltmännischere Zukunft gestattete er auch der Rückschau einen kartografisch größeren Maßstab und gab stets Düsseldorf als seine Heimatstadt an. Dabei war er froh, beim Umzug von Krähwinkel in die Weltstadt seinen alten Golf auf der Strecke gelassen zu haben, das unübersehbare VIE auf dessen Nummernschild hätte die falsche Vergoldung seiner Abkunft krachend abplatzen lassen. Es waren damals die letzten Jahre einer Epoche, in der man sich auch dafür schämte, seine Wäsche noch von der Mama waschen zu lassen und »Der Mann ohne Eigenschaften« nicht gelesen zu haben – allmählich wurde eine Generation tonangebend, die von Kindesbeinen an gewohnt war, jeden Konflikt als Exposition von etwas Komischem anzusehen und jede Komplexität als Kuriosum. Und dann, im Januar vor 30 Jahren, startete ja auch das Privatfernsehen, in Westdeutschland begann die ästhetische Diktatur des Proletariats. Während das historische von Marx und Bebel stolz gewesen war auf seine Klasse, aber nicht auf seine Ketten und fleißig studierte, was bürgerliche Bildung hergab, war das nun in der Bundesrepublik zu medialer Macht gelangende eingebildet auf das, was es eben nicht konnte. Was ihm abging. Was ungeschlacht an ihm herabhing. Was ihm zu sauber, diffizil, fremd oder elegant war. Unbildung, Niedertracht, Grobfühligkeit, Hohn wurden leitmedial geadelt und zum Knigge einer ganzen Gesellschaft. Mickrig wurde groß, simpel reizvoll, ignorant emanzipiert, prekär urwüchsig. Heute wäre es kein Anlass mehr für Scham, in einem Auto mit dem Nestnummernschild VIE durch Berlin zu paradieren, im Gegenteil. Ein Jahr Erfahrung mit der Wiedereinführung abgeschaffter Kleckerkennzeichen zeigt: Das groß Denkende, Großstädtische ist

völlig im Rückzug. Kein K, D, E, W mehr zu sehen, überall auf den Straßen nur noch WAT, CAS, MO, WAN, BOH, DIN, JÜL, LÜN, PRÜ, WIT und GLA. »›Ich bin ein Wicht – und das ist auch gut so!‹ Das patzige Motto ist Landesmaxime geworden. Statt reglos vor Scham unter einer Autobahnbrücke der A42 darauf zu warten, dass ihr Alt-BMW zu Ende verrostet, schrauben sich jetzt männliche Wanne-Eickeler ein frisch gepresstes Nummernschild ans Heck und verkünden qua Retrokürzel WAN ungenant, aus einem Ort zu stammen, wo Autos deshalb tiefergelegt sind, damit sie auch noch unter der niedrigsten Messlatte durchkommen. Geben Wattenscheider per WAT-Schild für jedermann sichtbar zu, kein Bürger des quirligen Bochum zu sein, sondern einer kommunalen Verlegenheitslösung anzugehören, die getroffen wurde, um das Straßenstück zwischen Essen und Bochum nicht so leer wirken zu lassen. Ähnlich Prüm in der Eifel. Dort ist nichts, der ganze Ort nur um einen Buchstaben ausgedehnter als die drei, die die geschätzt 20 in seinen Mauern (?) zugelassenen Fahrzeuge jetzt wieder vorn und hinten an die Stoßstange kleben dürfen. Trotzdem wird PRÜ lieber gewählt als das Kürzel des Kreises Bitburg. Am schlimmsten aber Bocholt. Hier zu leben war schon immer als außergewöhnliche Belastung steuerlich absetzbar. Um die Behinderung abzumildern, war den Bewohnern des mit dem Begriff Stadt zu Unrecht bezeichneten Durcheinanders von Hohlräumen im Kreis Borken die Pflicht zum Zeigen des diskriminierenden BOH am Fuhrwerk 1975 erlassen worden. Jetzt sind die drei Buchstaben wieder genehmigt, und siehe da, unzählige Bocholteraner präsentieren sie so hemmungslos wie Truthähne ihren roten Hautlappen!« Derart erregt sich unser Viersener Ex-Student. Was will er? In 30 Jahren hat er es nicht fertig gebracht, auch nur aus Berlin herauszukommen.

K.WEST erscheint monatlich im Verlag K-West GmbH Heßlerstraße 37 45329 Essen Tel.: 0201/86 206-33 Fax: 0201/86 206-22 ISSN 1613-4273 K.WEST Redaktionsanschrift Postfach 10 33 11 40024 Düsseldorf Ulrich Deuter: deuter@kulturwest.de Andreas Wilink: wilink@kulturwest.de Andrej Klahn: klahn@kulturwest.de V.i.S.d.P.: U. Deuter A. Wilink Ständige Mitarbeiter: Volker K. Belghaus, Ingo Juknat, Dr. Stefanie Stadel stadel@kulturwest.de TITELFOTO Ruben Smulczynski, Student der Kunstakademie Düsseldorf. Foto: Markus J. Feger DRUCK WAZ-Druck, Duisburg KONZEPT Herweg/Hoffeins/Meyer/ Michalakopoulos LAYOUT Volker Pecher Antonienallee 25 45279 Essen volker-pecher@t-online.de ABOSERVICE/VERTRIEB Klartext Verlag Kerstin Begher Heßlerstr. 37 45329 Essen Tel.: 0201/86 206-33 Fax: 0201/86 206-22 vertrieb@k-west.net ANZEIGEN & MARKETING MaschMedia Marketing & PR Marcus Schütte (Head of Marketing & Sales) Anja Keienburg (leitend) Claudia Leo Denise Mohnke Linda Walther Zum Steigerhaus1 46117 Oberhausen Tel.: 0208/305858-6 Fax: 0208/305858-8 Mobil: 0163/3981711 anzeigen@kulturwest.de JAHRES-ABO 46,00 Euro INFORMATION UND TERMINE Tel.: 0211/82 80 279 info@kulturwest.de www.kulturwest.de


LICHTBURG FILMPALAST

WWW.KURZFILMTAGE.DE


ZENTRUM FÜR INTERNATIONALE LICHTKUNST UNNA

WORDS Jason Rhoades US ◊ Raqs Media Collective IND Tsang Kin-Wah HK ◊ Boris Petrovsky DE

DON’T 14.09.2013 – 16.03.2014

COME Lindenplatz 1 ◊ 59423 Unna ◊ www.lichtkunst-unna.de

E A S I LY…

CENTRE FOR INTERNATIONAL LIGHT ART UNNA Die Ausstellung wird gefördert durch:

K.WEST Februar 2014  

Die Februar Ausgabe von K.WEST mit dem Special 1914 - Das Gedenkjahr

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you