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K.WEST 10/2013 | A

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

KLASSIKSPECIAL HERBST

»BUH« – LEANDER HAUSSMANN BLICKT ZURÜCK CANDIDA HÖFER UND ALEXANDER CALDER IN DÜSSELDORF MAN RAY IN BRÜHL DIE NEUEN CHEFS AM AALTO IN ESSEN K.WEST ISSN 1613-4273 NO.10 OKTOBER 2013 4.50 ¤


Die größte Innenraumskulptur der Welt im Gasometer Oberhausen 16.3. – 30.12.2013

CHRISTO BIG AIR PACKAGE


10 Hein Mulders ist neuer Intendant am Aalto

34 Candida Höfers Düsseldorf in Düsseldorf BÜHNE

10 13

KUNST

38 Geheimnisse der Maler in Köln

KUNST

04 »ICH WAR IMMER EXTREM 42 TROTZDEM 24 DAS MUSEUM MACHT MOBIL Alexander Calders ERWACHSEN WERDEN AUTONOM – WIE JOHN WAYNE« schwerelose Mobiles machen Der Mülheimer Hendrik Leander Haußmann hat sein auch Töne – beweist eine Dorgathen zeichnet, Erinnerungsbuch geschrieben: große Ausstellung in animiert, schreibt. Comics? »Buh«. Ein Treffen mit dem Düsseldorf. Unter anderem. Ein Besuch. Bochumer Ex-Intendanten und Filmemacher in Berlin. 44 EMPFEHLUNGEN DER 28 WIDER DIE WIRKLICHKEIT 10 »ES GIBT NICHTS Der Fotograf des Surrealismus REDAKTION Man Ray in Brühl Das Ausstellungsprogramm MEHR ZU SPAREN« der Museen im Oktober Hein Mulders und Tomas 30 IM UNHEIMLICHEN TAL Netopil treten in Essen 46 KUNSTVEREIN DES MONATS Die Biennale-Künstler als Intendant und GeneralEd Atkins und Frances Stark Der Kölnische Kunstverein musikdirektor neu an. in einer Ausstellung der zeigt Ceal Floyer. 14 TERTIUM DATUR Julia Stoschek Collection 47 KLASSIK-SPECIAL HERBST Düsseldorf. »ID-Clash« – eine neue Produktion der Kölner Wie widmen sich die 32 WESTÖSTLICHER DIVAN Performancekünstler Angie Das KünstleraustauschproKonzerthäuser dem NachHiesl und Roland Kaiser gramm »Transfer« vernetzt wuchs? Welche Konzerte sind 15 PREMIERE! sich mit Korea: Ausstellungen in den kommenden Monaten in drei NRW-Museen. ein Muss? Welche neuen Neues auf Bühnen in CDs sind den Kauf wert? Düsseldorf, Dortmund, Moers, 34 DIE STADT ZWISCHEN DEN Mülheim und Oberhausen MUSIK ANFÜHRUNGSSTRICHEN 20 EMPFEHLUNGEN DER Candida Höfer begann in 71 LANGER NACHHALL Düsseldorf. Spuren der Stadt REDAKTION in ihrem Werk im Museum Das Denovali Swingfest in Sehenswertes in Oper, Kunst Palast Essen gehört zu den Schauspiel, Tanz ungewöhnlichsten KonzertKULTURGESCHICHTE reihen in Deutschland. 38 MEHR LICHT IN DER ROSENLAUBE 22 »MACH VÒRAN!« 72 DAS BESTE VOM LANDE Das Kölner Wallraf-RichartzMuseum hat mit neuesten Beim New Fall Festival in Opel schließt. Das SchauspielMethoden seine mittelalterDüsseldorf spielen Pop-Bands haus Bochum kontert mit dem lichen Bilder durchleuchtet. in klassischen Sinfoniesälen. »Detroit-Projekt«. Zum Auftakt Und präsentiert nun die Neu dabei: das Japan-Hotel ein Gespräch mit Ulrich überraschenden Ergebnisse. Nikko. Borsdorf zur Lage im Revier. 74 EMPFEHLUNGEN DER REDAKTION Was kommt in den Konzertsälen und Musikhallen in NRW


Roman

Marion Poschmann Die Sonnenposition Suhrkamp

80 Der NRW-Beitrag zur Frankfurter Buchmesse

42 Porträt des Mülheimer Comic-Zeichners Hendrik Dorgathen DESIGN 78 DAS DING – DESIGN IM ALLTAG Das 4711-Flakon LITERATUR 80 HINEINGELESEN Die NRW-Landesvertretung auf der Frankfurter Buchmesse: Martin Krumbholz, Hannah Dübgen und Martin Schönherr; David Schraven, Selim Özdogan, Jochen Rausch und Marion Poschmann.

90 »Liberace« ist der Film des Monats.

FILM 88 ZEIT-KINO – KINO-ZEIT Das 15. Filmfestival Münster – eine Auswahl aus dem Programm 90 FILM DES MONATS Steven Soderberghs Biografie des Entertainers »Liberace« mit Michael Douglas 91 KINO IM OKTOBER Edgar Reitz’ Fortsetzung seiner »Heimat«-Chronik sowie neue Filme u.a. über einen schwarzen »Butler« im Weißen Haus, nach Agota Kristófs Roman »Das große Heft« und »Finsterworld« Deutschland.

LETZTENS 94 HIMMEL & ERDE Dies und das, Tipps und Trends im Oktober 96 NACHRUF Die Glosse für den verjagten Monat September 85 DIE KOOPERATIONSPARTNER VON K.WEST 96 IMPRESSUM


VISIT Artist in Residence Programm der RWE Stiftung

Mit VISIT fördert die RWE Stiftung junge Künstler. Auf Einladung des Unternehmens entwickeln sie in rund sechs Monaten ihr Projekt. Je nach Thema geschieht dies an den deutschen oder auch internationalen Standorten des Unternehmens. Ein Bezug der entstehenden künstlerischen Arbeiten zum Themenfeld Energie und seiner gesellschaftlichen Relevanz ist dabei ausdrücklich gewünscht. Die Künstler erhalten dazu ein Stipendium in Höhe von 1.000 € pro Monat zuzüglich der Produktionskosten sowie eine Ausstellung mit Katalog. Eine Jury sichtet die eingegangenen Bewerbungen und wählt zwei Stipendiaten pro Jahr aus. Sie bestand 2013 aus Prof. Tobia Bezzola (Museum Folkwang, Essen), Prof. Mischa Kuball (Kunsthochschule für Medien, Köln) sowie zwei Unternehmensvertretern. Bewerbungsschluss ist der 1. März 2014. www.rwestiftung.com/visit & www.facebook.com/rwestiftung


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»Ich habe darauf geachtet, dass ich selbst schlecht wegkomme und nicht die anderen«: Leander Haußmann. Foto: Charlotte Goltermann


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»ICH WAR IMMER EXTREM AUTONOM –– WIE JOHN WAYNE« TEXT: ANDREAS WILINK Leander Haußmann hat sein Erinnerungsbuch geschrieben – ein trotziges »Buh«. Er erzählt von Trauer, seiner Paranoia, der DDR und von seinem ewigen Aufstand gegen die Langeweile. Ein Treffen mit dem Theaterregisseur, Bochumer Ex-Intendanten und Filmemacher in Berlin: ein Mann im Gesprächsrausch, der ganz schön wütend sein kann.

»Peymann (aus dem dunklen Zuschauerraum brüllend): ›Hau bloß ab, du feige Sau! Haußmann (über die Bühne zum Bühnenausgang eilend): ›Leck mich am Arsch, du blöder Idiot.‹« Trennungsszenen, die ein Wiedersehen vorsehen, enden gewöhnlich anders. Aber wir sind am Theater, wo das Drama nicht bei den Dichterworten aufhört, die Zeremonie der Übertreibung herrscht, die Egos groß sind, Zunge und Colt locker sitzen und das Leben auf Probe den meisten anderen Seins-Möglichkeiten vorzuziehen ist. Leander Haußmann arbeitet wieder am Berliner Ensemble, wo das Dialog-Geschimpfe stattfand und sich bezog auf den Schiffbruch, den er dort mit Shakespeares »Sturm« erlitt. »Ein Desaster, ein Weltuntergang«, schreibt er in seinem Buch. Es heißt »Buh«, obwohl es auch »Bravo« hätte heißen können, nimmt man alles zusammen und legt es auf die Waage. Das würde dann der Titel des zweiten Teils und beide zusammen kämen in den Schuber, frotzelt er. »Abhängigkeit von Lob darf man nicht zulassen. Und Erfolge sind nicht so komisch wie Niederlagen. Ich habe darauf geachtet, dass ich selbst schlecht wegkomme und nicht die anderen.« Denn was sind schon vier Einladungen zum Berliner Theatertreffen gegen Flops und Verrisse. Oder gegen die Panik, dass man ihm eines Tages »draufkommt«. Worauf? Darauf, dass der Regisseur in des Kaisers neuen Kleidern steckt. Den Begriff »Marktwertschaden«, den er verursacht habe, setzt er im Buch kursiv. »Nehmt nur mein Leben hin in Bausch und Bogen wie ich’s führe. Andere verschlafen ihren Rausch, meiner steht auf dem Papiere«, reimt Goethe. Von Räuschen weiß Haußmann viel und gerät im Reden darüber in einen »Gesprächsrausch«. Sie stehen nicht nur auf den 272 Seiten von »Buh«, sondern dem 54-Jährigen auch ins Gesicht geschrieben. Man denkt an Tschechows »Drei Schwestern«, die er an der Wiener Burg inszeniert hat. Darin sagt Mascha zu

Werschinin: »Oh, wie alt Sie geworden sind!« Sagt es unter Tränen und wiederholt es noch einmal. Der Antrieb von »Buh«, sagt Haußmann, sei »Trauer« gewesen. Und die eigenen Ängste. Hat der Prinz vielleicht doch nicht das Königreich geerbt? Alt-Werden. Erwachsen-Werden. Den Tod des Vaters verkraften. Alles Antriebe – und nun auch noch und gerade jetzt »Hamlet«. Wir sitzen in der Kantine des BE am Schiffbauerdamm. Leander Haußmann hat viel Zeit, weil er bis zur Abendprobe ohnehin ein paar Stunden überbrücken muss. Außerdem ist er in »Vortragslaune«, woran drei Grappas mitwirken. Er doziert mit Furor, Emphase, Leidenschaft und meistens ziemlich ernsthaft. Die Haare sind –  »entschlossen, mein Alt-Hippietum aufzugeben« – sehr kurz, der Bart stoppelt. Viel besser als die flusige Mähne. Haußmann, der auf der Bühne verzaubern, hoch emotional und bildbesoffen sein kann, bereitet das Drama des begabten Kindes vor. Hamlet, beinahe ein anderer Peter Pan? Oder was? Der Däne ist für ihn »Moralist unter Psychopathen, der sich selbst psychopathische Eigenschaften aneignen und seine Empathie ablegen muss«. Das sei das Tragische. Hamlet mutiert zum »klassischen Amokläufer«. Haußmann war ein Heros der Heiterkeit, der schönste Theatermacher der untergegangenen DDR (Eigeneinschätzung: »langes, volles Haar, prächtige Nase, schlaksig und laut«) und jüngste Hoffnung des gesamtdeutschen Theaters, seit seinem Weimarer »Sommernachtstraum« 1992 und der Münchner »Romeo und Julia«-Inszenierung 1993. Arrogant, anarchisch, lässig und sehr Rock’n’Roll. »Die Leckt-mich-am-Arsch-Haltung«, sagt er nun, »kann man nur haben, wenn man jung ist.« Bei einem Narziss, der immer geliebt werden will, bleiben Kränkungen nicht aus. Die erste: Leander wurde nicht in Berlin geboren, sondern in Quedlinburg. Gegen Pfeil’ und Schleudern des wütenden Geschicks muss man sich


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»Dantons Tod« von Georg Büchner mit Wolfram Koch, inszeniert von Leander Haußmann in Bochum. Foto: Wilfried Böing

wappnen. Also sagt er: »Ich will gekränkt werden, damit ich wieder kränken kann. Ich war immer extrem autonom – wie John Wayne. So sehe ich mich gern. Ich kann auch ganz gut reiten und mit Waffen umgehen.« Sechs Jahre nach der Wende und mit 36 war der OstCowboy Intendant des Schauspielhauses Bochum, dem Shakespeare-Theater von Zadek, Peymann und Steckel, zu einer Zeit, da »das Bergarbeitertum schon folkloristisch« geworden sei und das Publikum mit »ein paar Gammlern« klar kommen musste, wie er rückblickend feststellt. Mit dem brennenden Herzen als Signet und dem Slogan »Viel Spaß« starteten er und seine Sportsfreunde Dimiter Gotscheff und Jürgen Kruse. Das Etikett vom Spaßtheater sollte an ihm kleben bleiben, obwohl es für Bochum nie stimmte. Höchstens stimmungsmäßig. Bochum hatte damals ein tolles Ensemble mit schönen Frauen wie Anne Tismer und Judith Rosmair und mit schönen Männern und Jungs wie Wolfram Koch und Andreas Pietschmann. Bochum war sexy, und wenn es nach Haußmann gegangen wäre, hätte es ums Haus an der Königsallee herum eine drogenfreie (soll heißen: Drogen frei) Zone gegeben. Bochum kommt in »Buh« mit seinen 44 Kapiteln erstmals auf Seite 149 vor. Mit einer Niederlage: Haußmanns verkorkstem Besuch beim Dramatiker Edward Bond in England und seiner zähen Uraufführungs-Inszenierung von dessen »Verbrechen des 21. Jahrhunderts« mit dem »Textgeschwitze«, wie Margit Carstensen es nannte. Noch falle es

ihm schwer, sich an Bochum zu erinnern, und er gebe sich auch keine Mühe. Die Zeit dafür sei noch nicht reif. Es ist sympathisch, eine höhere Form der Eitelkeit oder beides zusammen, dass »Buh« mehr vom Scheitern (wie dem Münchner »Fledermaus«-Absturz) erzählt. Und zwar so, dass einem mit dem dazu passenden Untertitel »Mein Weg zu Reichtum, Schönheit und Glück« gleich eine Haußmann-Kinokomödie zwischen Sonnenallee und Müggelsee vor Augen steht. Und ein Buddy-Movie: »Crazy«-Ost. Die Kumpel Uwe Dag Berlin und Steffen Schult sind früh seine Lebensmenschen – und dann auch in Bochum mit dabei. Haußmann springt mit seiner Biografie nur so um und schneidet Erinnerungs-Sequenzen von vorn nach hinten und zurück, wie ein wilder Experimentalfilmer, der der Lubitsch-Preisträger nun beileibe nicht ist. Erzählen kann er. »Ich ziehe Erlebnisse an –  ich fahre auch nicht Auto, sondern Straßenbahn oder S-Bahn – und tue Dinge, die Chaos auslösen.« Das Buch hat einen Sound und eine zarte Poesie; es verplempert sich nicht an Anekdoten. Oder nur kaum. Die etwa über Ignaz Kirchner und den Salzburger All-Star-»Sommernachtstraum« liest sich lustig. Oder der Besuch von Botho Strauß bei ihm zuhause in Friedrichshagen. Vielsagend nicht so sehr, weil es um Texttreue geht und die Unsterblichkeit Brechts, sondern weil der Dramatiker der alten BRD im Jahr 1990 halb im Ernst noch von »Beatmusik« spricht.


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Herzstück ist der Rückblick des staatlich aktenkundigen Ernst-Busch-Schülers, gelernten Druckers, Schauspielers mit Debüt in Gera und Regisseurs mit Debüt in der Provinz (»Parchim war der Gulag«) auf die eigene und überhaupt die DDR-Geschichte. Sein »Buh« könnte man auch auf die sozialistische Republik beziehen: »Die Haußmanns und die DDR – das war von Anfang an keine sehr glückliche Beziehung«, schreibt er. Die Stasi-Herren stufen ihn als »Kantinenbegabung und labilen Gewohnheitslügner« ein. Sarkastisch knapp rückt er die selbsternannten Protagonisten der friedlichen Revolution an ihren Platz und wertet das Interesse an ihnen als Fixierung der Öffentlichkeit aufs Spektakuläre. In einer Szene mit der Schauspieler-Freundin Steffi Kühnert verwerfen beide das eitle Filmmelodram »Das Leben der Anderen« mit seinen Klischees einer verdrucksten, flüsternden DDR. Es sei verquatscht und verschwatzt gewesen. Wie immer in kleinen engen Welten. Wie verhielt man sich denn bei offener Ermittlung und Beschattung? »Laut – die konnten mit lauten Leuten nix anfangen.« Luc Bondy kommt in die Kantine. Auch er probt gerade am Peymann-Theater. Leander Haußmann geht für einen Moment zu ihm rüber – einen gewissen Respekt in der Figur. Die DDR und ihre Erinnerungsreste: Manches will Haußmann lieber nicht sagen, bestimmte Namen nicht nennen:

»Man ist sich zu fein dazu«. Zumal er nicht moderat bleibt, wenn er erst mal loslegt. Nicht dem Konsens gehorcht. »Trotzig« – ja; wehleidig – nein. Er sei keiner der »eingeschnappten DDR-Leute«, gleichwohl »Teil eines kollektiven Traumas«. Vieles sei ihm suspekt und lasse ihn wütend sein »bis zum Durchdrehen«. Er unterstellt »Dünkel, bildungsbürgerliche Hochnäsigkeit und Ahnungslosigkeit« des Westens. »Sonnenallee« war eine Antwort auf die »West-Konstrukte« und ein Statement: »Auch wir waren cool. Auch wir hörten die Stones.« Wie Billy Wilders »Eins, Zwei, Drei« ist es ein Film ohne den Anspruch, historisch korrekt zu sein: »Die Realität der DDR ist wie die Realität in einem Western. Wie eine Metapher, mit bestimmten Typen, Figuren und Situationen«. Passagenweise setzt sich Haußmann, den die Eigen-Demontage nicht kratzt, obwohl er eher von »Selbstüberprüfung und Selbstauslieferung« spricht, in die reale Rolle des Trinker-Patienten in der stationären Suchttherapie. In Sitzungen mit dem Arzt betreibt er Selbstanalyse. Er sei verfolgt von der Langeweile, glaube, das Unglück anzuziehen, habe Bestrafungs-Fantasien, reagiere mit Spott auf das ihm Peinliche der Anderen und der Dinge, wie sie sind und wofür sie gehalten werden. Die Vorstellung, dass er damit »Druckabbau« schaffe oder gar der Menschheitsbefreiung diene, erinnert irgendwie an Christoph Schlingensief, mit

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Haußmann und Detlev Buck beim Dreh von »Sonnenallee«. Foto: Verleih

dem er sich gut verstanden hat. Beiden hockt die Paranoia auf den Schultern wie ein nicht ganz zahmes Haustier. Sein Querulantentum, das er sich attestiert, das Neurotische und daraus folgende Unbotmäßige wird Haußmann nie los. Was nicht unangenehm ist. Im Gegenteil. »Man hasst mich«, schießt es aus ihm heraus. »Ich bin zwar übersensibilisiert, aber es ist auch was dran.« Seine Monologe – eine Erregung. Allein, wie ihn in Rage versetzt, dass seine historische Elf-Millionen-Komödie »Hotel Lux« boykottiert und ignoriert worden sei, vom Feuilleton und von der Filmakademie. Keine einzige Nominierung, nicht für die Musik, nicht für Bully Herbig habe es gegeben...! Leander Haußmann, Vater dreier Kinder und Familienmensch (bei den Vorfahren gab es Beziehungen zu Hermann Hesse, Meret Oppenheim und den Wenger-Messer-Erfinder),

erlebte im Vakuum der DDR enorme »familiäre und freundschaftliche Dichte«. Innig schreibt er über seinen Vater Ezard und dessen Sterben. Auch über die Vaterfigur, den Produzenten Günter Rohrbach, und den Wahl-Bruder Bernd Eichinger. Und natürlich über Heiner Müller, dessen »Germania 3« er in Bochum uraufführte, Müllers Wunsch beherzigend: »Mach es leicht«. Das ist sein Bemühen. Aber da in ihm das Alien des Destruktiven nistet – »Ich baue etwas auf und reiße es mit dem Arsch wieder ein« –, gelingt es nicht immer. Es ist wie mit dem speziellen Verhältnis von Pathos und Ironie bei ihm. Nicht nur anwendbar, wenn er Shakespeare und Ibsen inszeniert, sondern auch auf Haußmann selbst. »Wege offen halten aus der eindeutigen Emotion. Etwas deckeln, damit es nicht ausartet und übergriffig wird«, danach sucht er. Das habe »Charme«. Den hat er.

INFO

Leander Haußmann: »Buh. Mein Weg zur Reichtum, Schönheit und Glück«; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, geb. 272 S., 16,99 Euro Erscheinungsdatum: 2. Oktober 2013.


KUNSTHALLE DÜSSELDORF

OSTHAUS MUSEUM H AG E N

A LT E R N AT I V E S PAC E L O O P

A R KO A RT C E N T E R , SEOUL

1 8.1 0. 2 013 ——— 0 9.0 2 . 2 0 1 4

1 9.1 0. 2 0 1 3 ——— 05.01.2014

20.10. 2013 ——— 12.01.2014

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jung, seung car II, 2008 car, cable tie, 420 × 160 × 100 cm photo courtesy: jung, seung

jung, seung car II, 2008 car, cable tie, 420 × 160 × 100 cm photo courtesy: jung, seung

KUNSTMUSEUM BONN

N AT I O N A L MUSEUM OF MODERN AND CONTEMPORARY A R T, K O R E A (MMCA)

DA S 9. I NTE R N ATI O N A LE KÜ N STLE R U N D KU N STAU STAU S C H P R O G R A M M 제9회 국제예술교류프로그램

JAN ALBERS LUKA FINEISEN MANUEL GRAF KYUNGAH HAM ERIKA HOCK JUNG, SEUNG YEONDOO JUNG KIRA KIM S E B KO B E R S TÄ D T NA, HYUN SASCHA POHLE J U E R G E N S TA AC K WON, SEOUNG WON YEESOOKYUNG

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KUL KULTUR.KINO .RUHR.

Europa gestalten.


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Hein Mulders. Foto: Hamza Saad

Tomáš Netopil. Foto: Philharmonie


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»ES GIBT NICHTS MEHR ZU SPAREN« INTERVIEW: MICHAEL STRUCK-SCHLOEN

Ära-Wechsel in Essen: Hein Mulders und Tomáš Netopil treten als Intendant und Generalmusikdirektor neu an.

Das Chefbüro im Aalto-Musiktheater hat sich verändert. Wo vor nicht langer Zeit der Intendant und Generalmusikdirektor Stefan Soltesz im abgewetzten Sofa hing und sich eine Zigarette nach der anderen ansteckte, herrschen jetzt Reinheit und geschäftliche Sachlichkeit. Sofort wird klar: Der Künstlerintendant hat das Haus verlassen, ein Manager ist eingezogen. Hein Mulders, gebürtiger Niederländer, 52 Jahre alt, scheint extrem entspannt. Seit dieser Spielzeit ist Mulders Intendant von Oper und Philharmonie in Essen. Ein schweres Erbe nach 16 Jahren Soltesz, der die Essener Philharmoniker in ein Spitzenorchester verwandelt und die Stadt in finanziell schwierigen Zeiten verlassen hat. Das Dirigieren überlasst Mulders dem hochbegabten Tschechen Tomáš Netopil, der in seiner ersten Spielzeit als GMD in Essen mit Verdi und Janáček debütiert. Ein Gespräch über Mozart, italienisches Parfüm, tschechische Musik, Programmatik, Ensemble- und Geld-Politik und den Repertoire-Betrieb. K.WEST: Wie lange kennen Sie sich? MULDERS: Eigentlich nicht sehr lange … NETOPIL: Ich habe einige Male in Essen dirigiert, also das Orchester kennt mich schon. Aber engeren Kontakt mit Hein gibt es erst seit meiner Ernennung zum Chefdirigenten. K.WEST: Hatte das Orchester ein Mitspracherecht? MULDERS: Nicht direkt, wir entscheiden. Aber es ist natürlich wichtig zu wissen, ob es mit dem Orchester funkt. Der Funke ist übergesprungen, und so kamen wir zusammen. K.WEST: Gibt es denn einen gemeinsamen Musikgeschmack, gemeinsame Interessen? NETOPIL: Doch, sehr, was die Planung der kommenden Spielzeiten sehr vereinfacht hat. Wir ha-

ben ähnliche Ideen, wie sich Oper und Konzert programmatisch verbinden lassen. MULDERS: Zum Beispiel haben wir uns sehr schnell bei unserer Liebe zu Mozart gefunden. Bisher lag hier der Schwerpunkt eher bei Strauss und Wagner. Tomáš hat in Prag viel Mozart dirigiert, und als Landsmann von Dvořák und Smetana liebt er das slawische Repertoire. Natürlich muss ein GMD ein breites Repertoire haben, deshalb starten wir mit Verdis »Macbeth« und halten auch sonst die stilistische Bandbreite groß. Aber Mozart und slawische Stücke werden in Zukunft mit einen roten Faden bilden. Tomáš dirigiert zwei von fünf Neuproduktionen; in der übrigen Zeit kann er seine internationale Karriere verfolgen. NETOPIL: Neu für Essen ist, dass wir mehr Gastdirigenten eine Chance geben wollen. Ich beginne mit Verdi, dirigiere die Wiederaufnahme von Wagners »Holländer« und die Premiere von Janáčeks »Jenůfa«. MULDERS. … und »Don Giovanni«! NETOPIL: Stimmt, dazu kommen die Konzerte – das ergibt ungefähr viereinhalb Monate Anwesenheit in Essen. K.WEST: Wie verstehen Sie die Rolle des Chefdirigenten zwischen Zuchtmeister und Familienvater? NETOPIL: Wesentliche Erfahrungen habe ich gerade als Musikdirektor des Nationaltheaters in Prag gemacht; aber an der Moldau ist das Orchester doppelt so groß wie hier und muss zwei Häuser bespielen. In Essen sehe ich mehr Möglichkeiten, die Qualität des Orchesters zu beeinflussen, weil wir zusammen in der Oper und auf dem Konzertpodium arbeiten, was ich als großen Luxus empfinde. Wir spielen also


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Musik von Mozart bis hin zu Musik des 20. Jahrhunderts – und eben Oper. Sehr verlockend. K.WEST: Stefan Soltesz hat die Qualität der Philharmoniker gestärkt, aber vor allem im romantischen Repertoire. Welche Klangvorstellungen haben Sie? NETOPIL: Im Moment kümmern wir uns um Verdi: Da spielen sie sehr schön, aber ich brauche mehr italienisches Parfüm. Außerdem würde ich gern den klassischen Stil intensivieren und dem Publikum die tschechische Musik nahebringen – keinen Mainstream, sondern Meister wie Vořišek, Josef Suk oder Karel Husa, die hier kaum einer kennt. MULDERS: Wir werden in Zukunft das Opernund Konzertprogramm viel stärker miteinander verknüpfen. Parallel zur Premiere des »Macbeth« gibt es in der Philharmonie zu Verdis 200. Geburtstag das Requiem; das Schauspiel bietet in seiner Eröffnungspremiere den Vergleich mit dem Original von Shakespeare. Ähnlich wollen wir bei den übrigen vier Neuproduktionen die Programme der Oper und der übrigen Häuser abzustimmen. K.WEST: Herr Mulders, als Intendant sind Sie Debütant. Wie sind Sie überhaupt zur Oper gekommen? MULDERS: Ich habe Kunstgeschichte studiert, aber schon als Kind die Musik und das Klavier geliebt. Das Klavierstudium dauerte allerdings nur ein Jahr – dann wurde mir klar, dass man das monoman machen muss, um über den Durchschnitt hinauszuwachsen. Immerhin: es hat mein Herz geöffnet für die Musik. Und dann kam die Leidenschaft für Oper. In meinen Jahren als Betriebsdirektor an der Flämischen Oper in Antwerpen und in Amsterdam haben die Leute schon gesagt: Du wirst bestimmt Intendant. Ich habe mich auf der zweiten Position eigentlich ganz wohl gefühlt, aber nach 18 Jahren Oper kommt man doch an den Punkt: Jetzt wäre es schön, auch selbst mal was zu machen. Dann kam ein Anruf aus Essen, und alles ging ganz schnell. K.WEST: Als Intendant haben Sie zuerst das Essener Solistenensemble ausgetauscht … MULDERS: Nur zum Teil. Wir haben zehn Sänger übernommen und neun frisch engagiert. Andere Solisten wie die wunderbare Sopranistin Simona Šaturová haben wir als ständige Gäste ans Haus gebunden. Überhaupt ist unser Konzept, die Sänger nicht allzu lange zu halten. Ich will Ausnahmetalente, die am Anfang ihrer Weltkarriere stehen – aber von denen wir wissen, dass sie das Haus in zwei,

drei Jahren wieder verlassen werden. Danach können wir hier wieder frisches Blut injizieren. Das ist mir lieber, als wenn die Sänger im Ensemble über-wintern, ohne wirklich gefordert zu werden. K.WEST: Herr Netopil, wie verlief Ihre bisherige Dirigentenkarriere? NETOPIL: Ich komme aus Mähren, aus einer kleinen Stadt nahe Brünn, und habe Geige am Konservatorium studiert. Dirigieren musste ich eher heimlich lernen, denn mein Geigenlehrer war Konzertmeister im Orchester und hasste alle Dirigenten. Ich wohne heute immer noch in Mähren. Danach habe ich fünf Jahre lang in Prag Dirigieren studiert, später in Schweden und den USA. K.WEST: Liegt Ihnen das deutsche Repertoiretheater? NETOPIL: Ich kenne es ganz gut aus Prag. Da lagen zwischen den Vorstellungen eines, sagen wir, »Don Giovanni« oft Wochen und Monate, während in der übrigen Zeit viele andere Stücke gespielt wurden. Das kann sich ohne Qualitätsverluste nur ein sehr gutes Haus leisten. K.WEST: Herr Mulders, sind das die Gründe, weshalb Sie das deutsche Repertoiresystem ablehnen und lieber einen En-suite-Spielplan sähen? MULDERS: Es heißt immer, dass jetzt der Stagione-Mann kommt, aber das stimmt nicht. Das System funktioniert hier bestens, warum sollte ich etwas daran ändern? Meine Abneigung gegen das Repertoiresystem richtet sich nur gegen schlechte, ungeprobte Vorstellungen, in denen irgendwelche Gastsänger auf die Bühne geworfen wurden. Aber das ist hier nicht der Fall. NETOPIL: Für Essen wäre das Stagione-System ohnehin nicht geeignet, weil es kein touristisches Zentrum ist wie Paris, Amsterdam oder Prag. Was wir ändern wollen, ist eher die Verknüpfung von Oper, Konzert und Schauspiel. K.WEST: Sie sind aus Antwerpen und Amsterdam eine eher internationale Klientel gewohnt. Für wen spielen Sie am Aalto? MULDERS: Natürlich für das Essener Publikum und knüpfen dabei an eine Tradition an, die schon vorhanden ist. Wir müssen hier das Rad nicht neu erfinden. Das Feuilleton will halt immer neue Produktionen sehen, aber wir bringen nicht nur Neuproduktionen, sondern mit »Jenůfa« auch einen Klassiker von Robert Carsen, einem international gefeierten Regisseur. Ich finde es wichtig, dass man dem Essener Publi-kum mal eine Carsen-Produktion anbie-


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ten kann. Ihn selbst herzubekommen, ist unrealistisch. Wir können ihn nicht bezahlen, und bis 2018 ist er ohnehin ausgebucht. Von Christof Loy, der aus Essen stammt, aber auch auf Jahre ausgebucht ist, bekommen wir Bellinis »Straniera« als Koproduktion mit Zürich und Wien. Allein könnten wir uns das nicht leisten. K.WEST: Essen hatte fast 20 Jahre lang eine eigenwillige Doppelspitze: Intendant und Chefdirigent in einer Person. Jetzt gibt es wieder eine Doppelspitze, wobei der Opernintendant Mulders auch Chef der Philharmonie-Konzerte und Intendant der Essener Philharmoniker ist. Warum ist man nicht beim Typ des Künstler-Intendanten geblieben? MULDERS: Künstler und Organisator, das ist eine starke Belastung, die kein Künstler wirklich tragen will. (Zu Netopil:) Und ich glaube, Du findest es auch gut, wenn Deine künstlerische Arbeit ohne den alltäglichen Organisationskram auskommt. Außerdem hat man als Manager etwas mehr Abstand, so dass man

nicht in jede Entscheidung seine eigenen künstlerischen Interessen hineinmischen muss. Spürbar ist jetzt schon, dass es mit dem Konzerthaus logistisch viel besser läuft. K.WEST: Aber Sie haben mehr zu tun als in Antwerpen oder Amsterdam? MULDERS: Wahnsinnig viel mehr. Aber ich war selbst 18 Jahre der zweite Mann – ich weiß also, wie wichtig es ist, ein gutes Team zu haben. Ich muss lernen zu delegieren, das ist klar. Andererseits möchte ich die künstlerische Seite auch in Zukunft nicht missen. Ich werde mich sicher immer in künstlerische Fragen einmischen – aber das war bei Soltesz ebenso. K.WEST: Bei Ihrem Engagement ging Ihnen der Ruf eines Sparintendanten voraus. Wo wollen Sie denn noch knapsen? MULDERS: Es gibt nichts mehr zu sparen, und wir müssen sehr aufpassen, dass es damit endlich aufhört. Wir haben in der Verwaltung gespart, haben Presse und Marketing zentralisiert, vieles mehr. Für mich ist der Punkt erreicht, wo es nicht mehr weitergeht.

Alle für Eine

Benef im eBe iz rtBad

14.10.2 013 2

Ein Abend für Christiane Weber

0 Uhr

Mit Hennes Bender, Jochen Malmsheimer, Kai Magnus Sting, Marcus Kötter und Fili, Martin Praetorius, Moses W., Piet Klocke und Timm Beckmann Moderation Matthias Reuter Der Erlös des Abends kommt der Gründung einer Stiftung zugute, die sich der Förderung von Kindermusik widmet.

Ebertplatz 4 · 46045 Oberhausen · Tel. 0208 /20 54 024 · Fax 0208 /20 54 027

www.ebertbad.de


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TERTIUM DATUR TEXT: NICOLE STRECKER

»ID-Clash« – eine neue Produktion der Kölner Performancekünstler Angie Hiesl und Roland Kaiser

Der Körper – er kann ein Unort sein. Eine Art Transitraum zwischen zwei Erfüllungen: entweder ganz Mann oder ganz Frau zu sein. Wie für die Kubanerin Melissa. Mehr als 20 Jahre lebte sie im männlichen ›Unort‹, sie, die in ihrem Denken und Fühlen immer weiblich war. Ein »ID-Clash« – so haben die beiden Kölner Künstler Angie Hiesl und Roland Kaiser diesen Zusammenprall genannt, diese Diskrepanz zwischen Physis einerseits und Psyche und Intellekt andererseits. Wenige Wochen vor der Premiere des so benannten Stückes liegt Melissa nun in einem Krefelder Krankenhaus. Es werde, verrät Hiesl, gerade die »zweite geschlechtsangleichende Operation« durchgeführt. Wenn sie dann, befreit von den Attributen des Mannes, zu den Proben dazu stößt, werden Angie Hiesl und Roland Kaiser diesen versehrt-veränderten Körper in ein kleines Glashaus setzen. Als kostbares Schauobjekt. Als Exempel für kultivierte Natur. »Was heißt das: in einem falschen Körper, ver-unortet in sich selber zu sein?«, so lautet die Ausgangsfrage für Hiesls/Kaisers neues Projekt. Wie immer in den seit 1997 gemeinsam realisierten Performances geht das Künstlerpaar vom Leib aus, und wie immer inszenieren sie am theaterfernen Ort. In der Vergangenheit haben die beiden schon aus dem schmuddeligen Kölner Rotlichtmilieu am Hauptbahnhof ein schön-schauriges Chinatown mit roten Lampions und brutal-autoritärer Überwachung gemacht. Oder sie verwandelten eine Industriebrache in eine archäologische Zone, in der der Zuschauer unverhofft auf rostige Relikte seiner gegenwärtigen Zivilisation stieß. Situationsspezifische Aktionen mit Kunst als Störung, als sinnenöffnende Unterbrechung im – meist hässlichen – Alltag. Diesmal ist es eine städtische Gärtnerei in Köln-Poll. Gigantische Gewächshäuser auf großem Areal. Ein Ort, an dem die Natur gezüchtet, beschnitten, umgetopft wird. Hier werden neben der Kubanerin Melissa vier weitere transidente Frauen Biografisches preisgeben. Sie werden Gefühlslagen in Bilder verwandeln, ihre Körper inszenieren – chirurgisch, hormonell geformte Körper. Und sie werden ihren sozialen Status in ihrer jeweiligen Heimat reflektieren – etwa die Kultur der Hijras. Für unser Tertium non datur-Menschenbild fremd, gibt es in Südasien eine jahrtausendealte Transgender-Tradition. Schon Texte in Sanskrit erzählen vom Dritten Geschlecht – bis die Briten kamen und aus der östlichen Dreiheit einen westlichen Dualismus machten, aus Hijras amtliche Männer. Heute leben diese Transgender-Frauen am Rande der Gesellschaft, oftmals als Prostituierte, sind geächtet – und werden doch zu Festen eingeladen, um Segnungen auszusprechen. Zwei Hijrahs haben Hiesl/Kaiser bei einem Workshop in Bangladesch ›gecastet‹. In ihrer Heimat sind sie Choreografinnen für folkloristischen Tanz und Polit-Aktivistinnen für die Sache der Hijras. In einem der Gewächshäuser tänzeln sie nun mit schnörkeligen Armbewegungen um silbern-glitzernde Wasserkrüge herum, singen, lächeln immerzu, klatschen mit abgespreizten Fingern in die Hände. Anmutig, empfindsam, devot – weiblich?

INFO

Hijra, ein in Indien und Pakistan amtlich anerkanntes drittes Geschlecht. Die Montage zeigt Katha, eine der Performerinnen. Foto/Montage: Roland Kaiser

ID-Clash, Vorstellungen vom 10. bis 12. und 17. bis 19. Oktober 2013 um 18 Uhr in der Kölner Stadtgärtnerei, Am Grauen Stein 26, Köln www.angiehiesl.de


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Klamotten, aber keine Klamotte: Petra von der Beek und Steffen Reuber. Foto: Andreas Köhring

DIE VERWEIGERUNG DER KLAMOTTE

Roberto Ciulli entdeckt in Mülheim Georges Feydeau völlig neu.

Anwalt Duchotels Gattin Léontine und sein Freund Dr. Moricet sitzen gemeinsam am Tischchen und besprechen in Ruhe ihren Seitensprung. Moricet (Steffen Reuber) dringt auf Erfüllung, Léontine (Petra von der Beek) findet immer noch Gründe dagegen, vor allem solche der Moral und Konvention. Hin und wieder kommt auch der Ehemann selbst (Albert Bork) auf ein paar Worte herein, auch er sachlich fast bis zur Schroffheit, mit den Gedanken woanders – strebt er doch wie sonst regelmäßig zur Jagd. Das Duchotel’sche Wohn-Ambiente in seiner Nüchternheit spiegelt die emotionale Abstinenz des Personals, Plexiglasmöbel und -geschirr bekunden soziale Transparenz (Bühne Gralf-Edzard Habben). Ein einziges Mal entfährt Moricet ein Aufschrei der Enttäuschung, gleich wird er zurückgenommen. Léontine steht als kostbares Porzellan fest in der Vitrine ihres Gattinnenlebens. Draußen hinter der Glasfensterfront rinnt unablässig der Regen herab, das Geräusch dazu aber erinnert an Wellenrauschen – ist die unbewegte Madame Léontine vielleicht doch die Frau vom Meer, in sich die Sehnsucht nach dem ewig Verlorenen? Roberto Ciullis Inszenierung von »Monsieur Chasse« (dt. »Wie man Hasen jagt«), der Belle Epoque-Komödie des hierzulande nicht häufig gespielten Georges Feydeau (1862-1921), geht im Theater an der Ruhr einen bemerkenswerten Weg: Sie bremst die schnurrende Mechanik von Ehebruch, Verwicklung und Verwechslung, Verkleidung und Vertauschung, situativer Komik und schneller Rede, die Feydeaus Komödien bis zum Irrsinn antreibt, radikal herunter. Zwar wird lange nicht klar, wer wen betrügt; zwar werden Menschen verwechselt und Hosen getauscht. Doch da die Zahnräder von Schwank und Schnurre stille stehen und sich zwischen den Pointen Pausen von fast Fosse’schen Ausmaßen dehnen, tritt tatsächlich so etwas wie eine Ibsen-artige Gefühlswelt zutage, eine verborgene, leidende, auch hier am Ende nicht befreite. Aber Gefühlswelt. Man betrügt einander, um sich jenseits der Konventionen leben zu spüren. Man belügt einander, weil jenseits der Konventionen kein Leben denkbar ist. Ibsens »Frau vom Meer« kam 1889 heraus, Feydeaus »Monsieur Chasse« nur drei Jahre später; Ciulli kluge und überaus genau gearbeitete Interpretation beweist, dass das Eine im Andern steckt. Ein Beweis, der nicht gelänge ohne vor allem diese Zwei: Petra von der Beek und Steffen Reuber – zwei Seelen, die sich gegen die Komik sperren. Zwei Schauspieler auf ihrem Höhepunkt. | UDE

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Wir lehren euch was – aber was? Foto: Thomas Aurin

Gut gepudert: Desdemona. Foto: Sascha Schürmann.

HEITERER LEHRLAUF

UNTEER WEISSEN

»1913« nach Florian Illies in Oberhausen

Shakespeares »Othello« in Moers

»Es ist ein völlig überdrehtes Jahr«, schreibt Florian Illies in seinem Buch »1913« über 1913, dessen zufälliges, anekdotisches oder illustres, dessen viel- und nichtssagendes Dies und Das er dort wiederauferstehen und kalendarisch sortiert zusammentreffen lässt. Überdreht wirkt freilich jedes Jahr, sobald man seine Ereignisse auf dem Haufen betrachtet. 1913 gewinnt seine Brisanz allein dadurch, dass es das letzte Jahr vor dem großen Krieg war. Was keiner der damals Lebenden wusste – was der Kniff des Buches ist. Also herrscht Alltag: Ist Oskar Kokoschka Alma Mahler verfallen, Else Lasker-Schüler Gottfried Benn. Ärgert sich Thomas Mann täglich über Alfred Kerr, fliegt ein russischer Pilot den ersten Looping, dichtet Gerlinde Stein »Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose«, schreitet Thronfolger Franz Ferdinand zur Audienz bei Kaiser Franz Joseph betr. Balkan, schreibt Rainer Maria Rilke einen elegischen Brief nach dem andern. »1913« ist ein Bestseller (wie es schon Illies’ »Generation Golf« war), denn es holt Geschichte anekdotisch auf den Schoß. Weil es mit sanfter Ironie parliert, ist es angenehm zu lesen. In Oberhausen auf die Bühne gezogen aber wird die Leichtigkeit zur strammen Heiterkeit, weicht das Parlando einem Partyton, der unablässig Novitäten anpreist. Denn man hat die Form der Revue gewählt, mit Hartmut Stanke als Conférencier. Die weiteren ein Dutzend Schauspieler geben mal einen Erzähler, mal diese, mal jene Figur – das Ensemble ist äußerst gut beieinander und prima aufgelegt. Aber ach! Die Spielideen des Regisseurs Vlad Massaci sind bloß Bebilderungseinfälle. Erzählt einer: »Thomas Mann setzt sich in die erste Reihe« des Deutschen Theaters in Berlin, um der Premiere seines (einzigen) Stücks »Fiorenza« beizuwohnen, wird flugs dem Schauspieler, der für ein paar Momente TM gibt, ein Stuhl hingestellt, dass er dort Platz nehme. Informiert ein anderer uns vom Schreibbeginn der Kafka’schen »Verwandlung«, plumpst gleich jemand auf den Rücken und zuckt mit Arm und Bein. Hitler und Stalin sind im selben Januar in Wien und könnten sich im Schönbrunner Schlosspark begegnet sein (so Illies im Buch). Sie begegnen sich wirklich und spielen Schnick-Schnack-Schnuck (so Massaci auf der Bühne). Unbarmherzig wird Szene an Szene gestrickt, 1913 das endloseste Jahr des Jahrhunderts. Bis man sich wünscht, es käme wirklich ein Krieg – auf diesen Brettern. | UDE

In vino veritas. Es ist der Alkohol, der die Wahrheit ans Licht bringt, die Dämme der Zivilisation brechen lässt und den Trunkenen die Masken entreißt. Eigentlich wollte der Intrigant Jago (Frank Wickermann) seinen ärgsten Konkurrenten, Leutnant Cassio (Matthias Heße), nur in Streit verwickeln. Aber der Schnaps macht den sonst zurückhaltenden Mann gesprächig. Jetzt kann er nicht mehr mit dem Reden aufhören, und fast jedes Wort beleidigt seinen General Othello. Auch Cassio, der Othellos Gunst alles verdankt, erweist sich als echter Venezianer. Und das meint in Ulrich Grebs Inszenierung: als Heuchler und Rassist. Othello weiß genau, wer er ist. Für den Feldherrn (Werner Strenger) spielt seine Hautfarbe keine Rolle. Er ist auch nicht fremd in Europa, sondern nur ein Soldat, Krieger und Mann der Tat, der nicht auf die Idee kommt, die Welt oder seine Identität in Frage zu stellen. So tritt er zu Beginn, als ihn Desdemonas Vater als Verführer und Schwarzmagier anklagt, mit einem Selbstvertrauen auf, dem das versammelte Venedig nichts entgegenzusetzen hat. Die Vertreter der Gesellschaft sind auf der Moerser Bühne, deren Ausstattung (Birgit Angele) sich auf ein paar Schulstühle und eine Mini-Guckkastenbühne in Form eines weißen Würfels beschränkt, die wahren Fremden. Sie weißen sich mit Unmengen von Puder ständig die Gesichter und definieren sich allein über ihre Hautfarbe. Weiß ist ihr Wesen: eine aggressive Leere, die der Doge (Magdalene Artelt) ebenso ausstrahlt wie der unnütze Tor Rodrigo (Patrick Dollas). Selbst Jago ist seinen Ränken zum Trotz einer in der eigenschaftslosen Masse, die Desdemona (Marieke Kregel) sehnsuchtsvoll und sich nach Taten und Selbstvertrauen verzehrend erst in Othellos Arme treibt. So wird Shakespeares Tragödie zur bösen Farce eines herausragenden Mannes, der von Neidern und Ahnungslosen auf ihr Niveau heruntergezogen wird. Die Eifersucht macht Othello kleinlich und klein, bis er zusammengesunken da sitzt und nicht mehr weiß, wer er denn ist. Er muss sich nicht mehr selbst richten. Es gibt ihn gar nicht mehr. | SAW


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Adam und Eva im Paradies. Foto: Birgit Hupfeld

IM HAMSTERRAD Kay Voges’ »Das goldene Zeitalter« in Dortmund Alles wiederholt sich: die Wege, die Menschen im Laufe des Lebens gehen, genauso wie die Tagesschau, Streitigkeiten eines Ehepaars, Klagen der Philosophen, die Joghurt-Werbung und Sisyphos’ Arbeit. Also schicken Regisseur Kay Voges und sein Dramaturg Alexander Kerlin in »Das goldene Zeitalter – 100 Wege dem Schicksal die Show zu stehlen« sechs Schauspieler in eine Welt, in der sich alles fortwährend im Kreis dreht und von Neuem geschieht. Das wäre nichts Besonderes. Auch auf der Bühne wiederholt man sich von Vorstellung zu Vorstellung. Doch damit brechen die Theatermacher. Der aus Loops und Endlosschleifen komponierte Abend, in dessen Verlauf sich das Ensemble verzweifelt müht, aus der Tretmühle der Existenz zu entkommen, wird jedes Mal ein anderer sein. Szenen und Spielmaterial für etwa acht Stunden wurden entwickelt. Was davon jeweils zu sehen ist, entscheidet der Regisseur, der mitten im Publikum sitzt, während des Ablaufs. Mit kurzen Anweisungen und Zurufen dirigiert er das Ensemble, erlöst einzelne für einen Moment aus dem »Rad des Seins« und schickt sie in andere Wiederholungsschleifen. So wird jede Vorstellung gewissermaßen zur Premiere: für Darsteller und Regisseur, für den Videokünstler Daniel Hengst, der das Geschehen auf und hinter der Bühne mit neun Kameras aufzeichnet, die Bilder live bearbeitet und auf eine Leinwand projiziert, und den Musiker Tommy Finke, der den Soundtrack improvisiert. Die Ereignisse verdoppeln und vervierfachen sich. Was einmalig schien, erweist sich als Kopie; zugleich behauptet jede Kopie ihre Originalität. Das kann während der pausenlosen mal drei, vielleicht auch mal vier Stunden enervierend sein. Doch entwickeln einzelne Szenen, etwa der Streit von Adam und Eva (Caroline Hanke und Eva Verena Müller in liebevoll gestalteten Ganzkörperkostümen) im Paradies oder Björn Gabriels immer wieder ansetzende Nietzsche-Monolog ihre Sogkraft. | SAW

KUNST AUF DEM WELTERBE ZOLLVEREIN

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KORRIDORE DER MACHT Auftakt am Düsseldorfer Schauspielhaus mit »Jalta« und Schillers »Parasit« Der Frieden ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Im Februar 1945 treffen sich auf der Krim die siegermächtigen Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin. Der britische Gast schätzt Champagner, der Mann im Rollstuhl sieht gern Filme, der Gastgeber im Marschallrang erweist sich u.a. als spezieller Hundefreund und Mann von herber Polit-Poesie. Man kartet in Jalta die neue Weltordnung aus, markiert Einflusssphären, summiert Schadensersatzansprüche, plant die Teilung bis hin zur Zerstückelung Deutschlands. Wesentliches betrifft die Zukunft Polens – westliche Demokratie oder Satellit Moskaus –, das gegen Interessen auf dem Balkan und im Mittelmeer verrechnet wird. Im Auftrag des Düsseldorfer Schauspielhauses hat der Schwede Lucas Svensson für seinen Landsmann Staffan Holm, basierend auf Protokollen, aber frei fantasierend, den sehr langen Polit-Poker geschrieben: zwei Akte, die außer Façon geraten. Bei der Lektüre des Stücks fallen Selbstgefallen und Schwatzhaftigkeit auf, bei einigen ironischen Schärfen und sarkastischen Schleifen. Wobei das Bühnen-Trio – drei fröhliche Zecher – weniger zur Dürrenmatt-Groteske neigt, als zu anglo-realistischer Präsenz. In einem einschüchternd hohen, steingrauen Saal (Bente Lykke Møller) ist bei Holm das Männerding Krieg – oder das, was davon als papierraschelnde Materialschlacht bleibt – eine weibliche Angelegenheit. Wodurch die historische Aufstellung sich erst recht zur theatralischen Aktion und Fiktion erklärt. Imogen Kogge, Karin Pfammatter und Stina Ekblad verleugnen nicht ihr Geschlecht. In grauen Kostümen, mit hochgestecktem Haar und ohne Maske sind sie: drei Große Diktatorinnen, die aber mit der wie ein Requisit von Chaplins Hinkel daliegenden Erdkugel kaum spielen. Wie bei jedem richtigen Herrn in einer Komödie stehen Knechte zur Verfügung. Einer heißt Smith, der andere Harry, der dritte Lavrentij, was für unsere Ohren nicht nach Hans oder Otto klingt, aber von der Funktion her Ähnliches bedeutet. Auch die Stichwortgeber und Laufburschen der Big Three haben eine Menge zu reden, ebenfalls über Polens Schicksal oder über die Sexgewohnheiten der englischen Frau und gehören in der Uraufführung ebenfalls dem schwachen Geschlecht an. Churchill, eine dramatische Persönlichkeit, spricht flüssig von Demokratie, was mit seinem Alkoholkonsum zu tun haben mag. Sekretär Smith hört kaum zu, aber attestiert Britanniens Leader »vernichtend konsequent« zu

Champagnerlaune und Bombenstimmung: Stalin, Roosevelt und Churchill (von links: Stina Ekblad,

sein. Imogen Kogge – stabil, etwas plustrig und die Backen blasend – lässt als hüftbetonte Matrone am ehesten das Vorbild durchscheinen, spielt munter drauf los und steht kräftig unter Dampf, als hätte sie Thomas Bernhards Figurenklang in ihrem Resonanzraum archiviert. Roosevelt, schon des Todes gewärtig, vertraut auf »die Dynamik des Augenblicks«, bleibt allgemein und scheint selten bei der Sache, mit Ausnahme seiner Vision von den Vereinten Nationen. Ein Zivilist eben, anders als sein bombiger Adlatus, aber listig und mit den Schwächen der Krankheit operierend. Karin Pfammatter, ein bisschen Dame Kobold, mischt ihm eine zarte, aber irgendwie auch zähe Substanz unter. Stalin, bei durchschimmernder Paranoia und Lust an der Psychofolter, ist Herr des Geschehens, erhält ideologische Nachhilfe von Sekretär Lavrentij, den er arg kujoniert, wird hofiert von Roosevelt und lässt Churchill jovial auflaufen. Stina Ekblads unergründliches Sphinx- und Pharaonen-Antlitz erfüllt sich schönstens im Flirt mit einem Totenkopf. Die Regie folgt treu und brav der Vorlage – mehr lässt sich nicht sagen. Wohl aber fragen: Was sollen der Kleider- und Geschlechtertausch? Außer, dass die drei Kessen es können: Kanzler können bzw. Premierminister, Präsident, Sowjetführer – und Hauptrolle. Frau taugt zur Machtpolitik ebenso maskulin, professionell, heuchlerisch und skrupellos. Mehr Gender-Theorie steht nicht zur Debatte. Im großen Mantel der Geschichte, dessen Muster zu Recht den gerechten Krieg darstellt, gibt es Falten mit unsauberen Stellen. Die Sieger gehen noch kurz vor der deutschen Kapitulation bedenkenlos über Leichen, kalkulieren Millionen Opfer, Flüchtlinge, Kriegs- und zivile Bombardement-Tote. Bei Svensson hat Joseph Goebbels das letzte Wort, bei Staffan Holm bekommt es Marlene Dietrich, deren »Lili Marleen« der US-Adjutant anstimmt, bevor der englische Smith sich ebenfalls mit Pathos, Sentimentalität und abgesoffenen Idealen aus der Welt schafft und aus der Geschichte verabschiedet. Moralsatter Applaus. Der Sündenfall bei diesem Stück, das Friedrich Schiller nach der französischen Sittenkomödie des Louis-Benoît Picard von 1803 bearbeitete, besteht darin, Rabatz zu machen, auf den Putz zu hauen und gefallsüchtig mit Kunststückchen zu jonglieren, anstatt zu sezieren und zu analysieren. Wenn man nicht aufpasst, erscheint das Theater als opportunistische Anstalt – mindestens so sehr wie die Gesellschaft um die Herren Narbonne, Selicour, La Roche


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JUBILÄUM?

, Karin Pfammatter, Imogen Kogge). Foto: Sebastian Hoppe

und Firmin. »Der Parasit« Selicour hat sich ins Vertrauen des neuen Ministers Narbonne geschlichen, scharwenzelt, redet nach oben hin schön und tritt nach unten, wo es nicht drauf ankommt, kann nichts und leistet wenig, hat weder Talent noch Tugend, verbirgt dies aber mit Geschick, so dass er unentbehrlich scheint. Ein Mémoire von anderer Hand gibt er als seines aus, eine Vers-Romanze für des Ministers Tochter Charlotte behauptet er, geschrieben zu haben. Und weil Erfolg in den Chefetagen oft über das Boudoir der Damen geht, spannt er Madame Belmont, Mutter des Ministers, für seine Zwecke ein. Der Heuchler und Schmeichler Selicour ist bei Erpulat, der die Saison des Düsseldorfer Schauspiels im Kleinen Haus eröffnete, wiederum Düsseldorfer, zumindest der Ausstattung und des Konsumverhaltens nach. Andererseits, eine zur Schau gestellte Prada-Tüte zettelt noch keine Wertedebatte an. Gut drauf im Disco-Rhythmus zur Klassik-Light-Musik, hält Selicour wendig und windig seine Extremitäten elastisch. Und wie ein echter Guttenberg ist er heimlicher Rock’n’Roller. Der Parasit und seine Gastorganismen sind Aktentaschen-, Steppjacken- und beigefarbige BeinkleidTräger, die Mobbing vermutlich schon aus der Stellenausschreibung kennen und vertraut sind mit der Generation Praktikum. Nur Narbonne (Moritz Führmann) bringt Farbe ins Spiel als Freizeit-Attrappe, bunt ausstaffiert wie für ein Ferien-Weekend in Westerland. Die versammelte Angestelltenkultur gerät außer Atem, ohne gleich in existentiellen Schluckauf zu verfallen. Carl Schmitts »Korridore der Macht«, die Florian Jahr als Selicour beflissen wie in Paranthese zitiert, sehen auf Kathrin Froschs Bühne arg behelfsmäßig aus: gezimmert aus Pressspan, möbliert in Rank Xerox- und Blattpflanzen-Dekor und ästhetisch unterhalb ministeriellen Formats. Mit dem Boulevard-Realismus, der sich gelegentlich eine schräge Geste leistet und stumme erotische Zwischenspiele zur bürgerlichen Demontage nach Dienstschluss einbaut, ist wenig Staatstheater und noch weniger Anarchie zu machen. Aber quietsch-fröhliche Laune. Eine Gefälligkeit für das Haus am Gründgens-Platz in intimer Nähe zur Kö, das einen Intendanten und mehr denn je seine Identität sucht. Die adrette Form des »socialising«, für die Selicour steht, auch wenn er auffliegt, taumelt und am Ende nahezu hingerichtet am Boden liegt, gefällt von der Spielbox-Kulisse wie von der Guillotine, passt auch auf die Aufführung. Zweimal erfolgt: moralsatter Applaus. | AWI

10 JAHRE KUNST, BÜHNE, MUSIK, DESIGN, FILM, LITERATUR

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OPER, SCHAUSPIEL, TANZ 2. OKTOBER  ALBAN BERGS »WOZZECK«  in Köln Regisseur Ingo Kerkhof ist der Versuchung, den »Wozzeck« aktualisierend im Hartz IV-Milieu anzusiedeln, aus dem Weg gegangen. Er setzt mit Konsequenz auf Reduktion. Gisbert Jäkel hat in der ehemaligen Industriehalle eine ungewöhnlich tiefe, dunkle Bühne gebaut. Bläuliches Licht erhellt die karge Szene: zwei Brecht-Vorhänge, ein Festzelt für die Wirtshausszene und wenige Requisiten. Auch die Regie folgt der Kunst des Weglassens und konzentriert sich auf Wozzecks Innenleben, ohne die surrealen Bilder in seinem Kopf zu illustrieren. Im Palladium ist in der Wiederaufnahme-Serie die fulminante Premieren-Besetzung zu erleben: Florian Boesch als Wozzeck, der Klischees der Figur meidet und auch sängerisch Kraftzentrum des Abends ist; Asmik Grigorian ist eine Marie mit dunkel timbriertem Sopran, den sie mit expressiver Vehemenz einsetzt. Am Pult des Gürzenich-Orchesters: GMD Markus Stenz. Auff.: 6., 9., 12. Oktober 2013, Palladium. 3. OKTOBER  »DIE NIBELUNGEN«  in Bochum  Mit Hebbels »Nibelungen« schließt Roger Vontobel direkt an »Die Labdakiden« und »Richard der Dritte« in Bochum an. Auf die antike und britische Politsaga folgt die deutsche Variante. Ein weiteres Mal vermengen sich rationales Kalkül und monströses Begehren zum zerstörerischen Gemisch. In der von Kalkül regierten Welt des schwächlichen Burgunden Gunther und des skrupellosen Machtmenschen Hagen ist der Drachentöter Siegfried von Anfang an verloren. Siegfried wird ermordet, seine Witwe Kriemhild nimmt am Hof des Hunnen Etzel Rache. Jana Schulz, mit der Vontobel eng zusammenarbeitet, spielt die Liebes-Furie und wird elektrisierend die Welt in Brand setzen. Auff.: 19. & 20. Oktober 2013, Schauspielhaus. 3. OKTOBER  »HEDGE KNIGHTS«  in Dortmund und Düsseldorf  Es ist ein Sprung ins kalte Wasser, der die Teilnehmer an dem interaktiven Theater-Spiel der Hildesheimer Gruppe machina eX erwartet. Kaum haben sie mit der Börsenanalystin Denise das Büro des Hedgefonds-Managers August Mohr betreten, gibt es ein Bewerbungsgespräch und schon beginnt das Jonglieren mit Leerverkäufen und Warentermingeschäften. Zeit sich einzufinden, bleibt keine. Schließlich gilt es, Werte zu

schaffen und andere zu vernichten, Millionen zu verdienen und Menschen zu ruinieren. Jede Entscheidung, die getroffen wird, ist nicht nur Teil des Spiels, sondern wird selbst zum abstrakten Spiel. Das von Computerspielen inspirierte Theater-Adventure-Game zerreißt die Verbindungen zwischen Ursache und Wirkung und kommt damit dem Wesen des Finanzmarkts nahe. Termine in Dortmund, zum New Industries Festival des HMKV: 3. bis 5. Oktober, ehem. AOK Gebäude, Königswall 25; Düsseldorf: 15. bis 19. Oktober 2013, FFT Juta 3. OKTOBER  »HAMLET«  in Münster Zwanzig alte Männer scharen sich um einen frisch bekränzten Grabhügel auf der Vorderbühne. Jeder von ihnen war einst König von Dänemark und ist es noch, zumindest in den Visionen Hamlets. Der rachsüchtige, sich an seine frühere Macht klammernde Geist des Vaters bedrängt den verstörten, unsicheren Prinzen als furchteinflößende Masse. In Frank Behnkes Sicht auf Shakespeares Tragödie haben die Geister der Vergangenheit das Sagen. Umringt von den Wiedergängern des Vaters steht Florian Steffens’ Hamlet auf verlorenem Posten. Auch wenn der Chor der alten Ordnung nicht auf der Bühne ist, bleibt er präsent, in des Prinzen gehetztem Blick und Ziellosigkeit. Die Zeit ist hier aus den Fugen, die Verantwortung dafür trägt die Generation der Väter. Auff.: 6., 8., 9., 12., 18., 20., 24. Oktober 2013, Großes Haus. 4. OKTOBER Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:  Projekt: Kooperierte Projekte   DANTONS DILEMMA (UA)  in Dortmund Vier faule Vögel, beiderlei Geschlechts, gefangen im Brachland einer zivilisatorischen Ordnung, die längst keine Orientierung mehr bietet. Also machen sie sich in der Textcollage von Sir Gabriel Dellmann auf die Socken (diejenigen der guten alten Erkenntnis-Gewinnerei); es entwickelt sich ein wilder Trip durch Lichtinstallationen und Beat. Sie rauschen durch die sagenumwobenen Sümpfe der Pseudodemokratie, passieren das Spukschloss der Feingeisterei, finden Unterschlupf in einer Höhle des Lustgebirges und robben ihre trägen Leiber über den Gipfel der Unterhaltung bis ins Einmachglas der Sinnstiftung. Unterwegs

Empfehlungen

der Redaktion

ziehen sie Altmeister zu Rate, von denen sich einer ihnen anschließt: George Danton, Experte für angewandte Revolutionswissenschaften auf Lehramt. Theater im Depot. Aufführung auch: 5., 6., 25., 26. Oktober; am 11. und 12. Oktober im Rottstr 5 Theater Bochum; www.nrw-kultur.de/kooperierteprojekte 8. OKTOBER  »LA TRAVIATA«  in Duisburg Im Verdi-Jubiläumsjahr kommt an der Rheinoper in Duisburg mit »La Traviata« unter Andreas Homokis Regie eine Inszenierung heraus, die bereits in Leipzig und zuletzt in Bonn für volle Häuser sorgte. Zürichs Opernintendant zeigt in Frank Philipp Schlößmanns kühl stilisierten Bühnenbildern auf spiegelglattem Boden das Schicksal der geläuterten, schwindsüchtigen Kurtisane Violetta Valery als reduziertes Kammerspiel. Die Titelrolle übernimmt die rumänische Sopranistin Brigitta Kele, der junge finnische Tenor Jussi Myllys ist als Alfredo Germont zu erleben, Laimonas Pautienius als sein Vater Giorgio Germont. Es spielen die Duisburger Philharmoniker unter Leitung von Lukas Beikircher. Auff.: 15., 18., 25. & 30. Oktober 2013, Rheinoper Duisburg, Stadttheater. 10. OKTOBER »NORA« von Ibsen & Jelinek  in Düsseldorf Sie hat auch schon mal geschossen, als sie das Haus verließ. Nora wurde zur Frau mit der Waffe, um von Helmer, ihrem Mann, loszukommen. Regisseure lassen sich gern etwas einfallen, wenn sie Ibsens Befreiungsdrama inszenieren. Nora Helmer, in ihrer Ehe verniedlicht und verhätschelt, aber durchaus in der Lage, selbstbewusst zu handeln und für das Wohl ihres Gatten, des anständigen und selbstgerechten Bankiers, eine unmoralische Entscheidung zu treffen, gibt das falsche bürgerliche Ideal auf. Regisseur Dušan David Pařízek kombiniert Ibsens Schauspiel mit zwei Texten von Elfriede Jelinek. Das erste Theaterstück der Österreicherin, »Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte«, betrachtet sarkastisch Noras neues Leben außerhalb vom Puppenhaus. Hinzu kommt der neueste Text der Nobelpreisträgerin, den sie für Düsseldorf verfasst hat: Im Epilog »Nach Nora« wurde die Textilfabrik, in der ihre Post-Ibsen-Nora damals Zuflucht such-


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te, abgewickelt. Heutzutage wird in der Fremde produziert, wo Näherinnen nichts zum Leben haben, aber zu Tode kommen. Es ist auch Jelineks Rückkehr an den Gründgens-Platz, wo sie in der Badora-Ära präsent war, damals betreut von einer in Wien gestählten Dramaturgin: Rita Thiele. Diese Rolle übernimmt nun der in Linz geborene Roland Koberg. Auff.: 12., 13., 17., 19., 27., 30. Oktober 2013, Schauspielhaus. 11. Oktober  »KIPPENBERGER! – EIN EXZESS«  in Köln Er wurde in Dortmund geboren und starb in Wien, studierte in Hamburg und zog u.a. nach Berlin, Paris und Spanien. Was aber ist mit Köln? 1983 lebte Martin Kippenberger dort. Die Wilden Achtziger: Galeristen und Künstler zieht es her, darunter Werner Büttner, Albert und Markus Oehlen, Georg Herold, Günther Förg, Hubert Kiecol – und Kippenberger, der die Stadt als Bühne für sich entdeckt, sie zum Ort seiner Kunst macht und die Kunst zum Ort des Lebens. Im Hotel Chelsea zahlt er mit Kunst für Kost und Logis; in Cafés hält er Hof, er produziert und provoziert, zelebriert sich selbst und terrorisiert die Anderen. Etwas von diesem Kippenberger wirke bis heute nach im Lebensgefühl von Köln, sagt das Schauspiel Köln. Regisseurin Angela Richter arbeitet im Grenzbereich von Theater, Bildender Kunst und sozialer Recherche. Ihr »Exzess« lässt Freunde von damals zu Worte kommen, Galeristen, Menschen, die unter Kippenberger litten oder ihm einiges dankten, und erzählt von Kunst, Leben, Stadt, Wahrheit, Arbeit. Oder wie Kippenberger sagt: »Wahrheit ist Arbeit.« Und auch: »Jeder Künstler ist ein Mensch.« Auff.: 13., 17., 21., 22. 27. Oktober 2013, Depot 2. 12. Oktober Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:  Projekt: Kindertheater des Monats   »KANNST DU PFEIFEN, JOHANNA?«  in Hagen Der kleine Berra hat keinen Großvater und das findet er gemein. Sein mit einem Opa gesegneter Freund Uffe bringt ihn schließlich auf die Idee: Hast du keinen, such dir einen! Die beiden Jungs gehen los und finden den alten Nils im Altersheim. Der ist etwas erstaunt: Wie schnell man doch zu einem Enkel kommt… Und es beginnt eine besondere Freundschaft. So vergnüglich wie berührend erzählt das Weite

Theater für Puppen und Menschen aus Berlin nach dem preisgekrönten Buch von Ulf Stark vom Leben, von Freundschaft, Alter und Verlust, und das mit einfachen Mitteln, die genügend Raum für die Fantasie der Zuschauer lassen. Schauspielhaus, (Theater unten); www.nrw-kultur.de/kindertheaterdesmonats 13. OKTOBER  »JESUS CHRIST SUPERSTAR«  in Bonn Der neue Bonner Generalintendant Bernhard Helmich wagt starke Kontraste: Nachdem er seinen Einstand mit der schrägen AvantgardeOper »Written on skin« gab, folgt ein MusicalHit: Andrew Lloyd Webbers »Jesus Christ Superstar«. Das von Webber selbst als Rock-Oper bezeichnete Spektakel schildert die letzten sieben Tage des Jesus Christus, berichtet aus Sicht seines Jüngers Judas Ischariot. Allein in der Uraufführungs-Inszenierung erlebte das Stück 720 Aufführungen und wurde sogar von Radio Vatikan gesendet. Regie führt in der kassenträchtigen Produktion ein Profi des Genres. Gil Mehmert hat in NRW schon zahlreiche Musical herausgebracht sowie den Festakt zur Eröffnung der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 wie auch deren spektakuläres Finale verantwortet. Auff.: 18., 19., 27. Oktober 2013, Opernhaus. 18. OKTOBER  »NEBENSCHAUPLÄTZE Nr. 1:   Das 20. Jahrhundert«  in Essen Als »Re-Enactment flüchtiger Erscheinungen« bezeichnet das Kölner Performance- und Regie-Duo Hofmann & Lindholm sein Spiel mit kollektiven Erinnerungen. Das 20. Jahrhundert als Projektionsfläche. Dafür hat man aus drei Wänden, auf die Bilder und Formen projiziert werden können, einen schwarzen Raum erschaffen. Geschickt entsteht der Eindruck und Effekt von Dreidimensionalität. Es ziehen Schattenrisse durch das Licht und lassen zentrale Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts lebendig werden, allerdings aus abseitiger Perspektive. So erfährt der Betrachter, dass Hitler, nachdem er Eisensteins »Panzerkreuzer Potemkin« sah, beschlossen habe, Russland nicht auf dem Seeweg anzugreifen. Alternative Wahrheiten fügen sich zu einer Schatten-Geschichte zusammen und provozieren neue Erinnerungen. Auff.: 19. Oktober 2013, PACT Zollverein.

20. OKTOBER  »EUGEN ONEGIN«  in Köln Es war Dietrich Hilsdorfs erste Opernregie 1981: »Eugen Onegin« am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen. Nun stellt Hilsdorf sich in Köln erneut Tschaikowskys tragischer Oper, die er mit »lyrische Szenen« untertitelte. Auf einem Stoff von Puschkin basierend, wird die Geschichte des weltgewandten Titelhelden erzählt, der die Liebe der introvertierten, verträumten Tatjana kühl ablehnt. Jahre später trifft Onegin, der seither ein ruheloses Leben geführt hat, in St. Petersburg wieder auf Tatjana, die ihn nie vergessen hat, aber mit Fürst Gremin verheiratet ist. Doch als Onegin ihr nun seine plötzlich erwachte Liebe offenbart, weist Tatjana ihn ab. In der Oper am Dom übernimmt Olesya Golovneva, noch gut in Erinnerung von ihren fulminanten Auftritten in »Krieg und Frieden« und »Anna Bolena«, die Partie der Tatjana. Auff.: 23., 25., 27., 30. Oktober 2013; Oper am Dom. 24. OKTOBER  AKRAM KHAN  in Düsseldorf Jetzt hat Akram Khan also auch einen. Der in Großbritannien lebende, aus Bangladesch kommende Starchoreograf hat nun einen »Sacre« in seinem Œuvre – wie so ziemlich jeder Tanzkünstler, der auf sich hält und sich gern in der Nachfolge einer der tragischsten Ikonen der Ballettgeschichte, dem vielgeschmähten Uraufführungs-Choreografen Vaslav Nijinsky, sehen will. Zum 100-jährigen »Frühlingsopfer« geht Akram Khan offenbar davon aus, dass jeder Zuschauer Strawinskys famose und eben auch: famos populäre Komposition im Kopf hat, so dass man bereit ist, sich »iTMOi (in the mind of igor)« zu begeben und sich von den Phantasmen, die zu so einer Komposition angeregt haben mögen, berauschen zu lassen. Kein Strawinsky-Sound also, dafür Variationen des Opfermotivs mit einem gehörntem Biest, einer amazonenhaften Braut, einem gefesselten Hünen, und vor allem: dem für Khan typischen furiosen Tanzstil. Verstörende Gewalteruptionen für ein Centennium Sacre-Spektakel. Auff.: 25. Oktober 201, Tanzhaus NRW.


22 | KULTURGESCHICHTE

»MACH VÒRAN!« INTERVIEW: ULRICH DEUTER Ende 2014 fährt in Bochum der letzte Opel vom Band. Weil sich das im industrieverlassenen Ruhrgebiet wie eine Schandtat anfühlt, kontert das Schauspielhaus Bochum mit Kreativität. Das (gemeinsam mit Urbane Künste Ruhr) für ein volles Jahr geplante Stadt- und Kunstfestival »Detroit-Projekt« will Solidarität beweisen, aber auch – Krise ist Chance – neue Formen demokratischer Teilhabe entwickeln. Dazu kommen Künstler, Architekten, Stadtplaner und Wissenschaftler aus den europäischen GM-Standorten Deutschland, Polen, Spanien und Großbritannien an die Ruhr. K.WEST begleitet »Das Detroit-Projekt« von Anfang an berichtend und beratend. Und spricht zum Auftakt mit dem Historiker und ersten Direktor des Ruhr Museums auf Zollverein, Ulrich Borsdorf, über Opel, Montan und die Stehaufmentalität im Revier.

Stolz und Ausweis des neuen Ruhrgebiets: der Opel Kadett, der ab 1962 in Bochum gebaut wurde. Foto: Tutto62/pixelio.de

K.WEST: Opel fährt davon – geht damit eine Ära zu Ende und wenn ja, welche? Oder ist diese Ära längst vorbei? BORSDORF: Opel ist ein Lehrstück über eine nicht nachhaltig gelungene Art des Strukturwandels. Als sich Ende der 1950er Jahre zum ersten Mal die Krise der Montanindustrie abzeichnete, ging man sofort auf die Suche nach einer ähnlichen Großstruktur, die die schrumpfende Kohlewirtschaft ersetzen könnte. Die fand man in Bochum in einem Nachbarsektor des Montanbereichs, der Autoindustrie. Aber nur dieses eine Mal. Erst viel später hat man begriffen, dass man den Strukturwandel offenbar nur klein und schrittweise vollziehen kann. Insofern ist die Opel-Schließung der allerletzte Akt dieser Phase des Strukturwandels, der großflächig und großvolumig dachte.

K.WEST: Kann es sein, dass alle maßgeblichen Akteure viel zu lange übersehen haben, dass Kohle und Stahl eine historische Einmaligkeit darstellten, die man nicht einfach ausdehnen kann? Ohnehin dauerte diese Phase in Deutschland aufgrund von Krieg und Wiederaufbau länger als anderswo, etwa in den USA. BORSDORF: In diesem Irrtum waren aber beinah alle befangen. Das rührt aus der althergebrachten Vorstellung her, dass die Montanindustrie eine Schlüsselindustrie sei. Dabei waren schon im Zweiten Weltkrieg deren marode Strukturen im Ruhrgebiet zu erkennen gewesen, schon damals waren die intelligenteren Industrien längst woanders. Hier wurden Stahlplatten produziert, die »Software« in München, zum Beispiel. Der Krieg bildete ein retardierendes Moment für den Niedergang


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der Montanindustrie, ein weiteres der Koreakrieg. 1958 fing es an zu kriseln, aber da setzte man auf die üblichen Anpassungs- und Erneuerungsmaßnahmen. Dass da ein Zeitalter zu Ende ging, hat niemand begriffen, erst in den 70er Jahren wurde es den ersten bewusst. Und dann ging es los mit der Organisierung des Abschiedsschmerzes bei jeder Zechenschließung: der letzte Kohlenwagen, die letzte Fahrt! K.WEST: Das wurde tatsächlich wie ein Abschied von den Eltern zelebriert. Aber statt nun zu sagen: Ich bin selbst erwachsen, hat sich das Ruhrgebiet ganz schnell nach neuen Eltern umgesehen. Opel zum Beispiel. Und jetzt haben die uns ebenfalls verlassen! Das hat auch etwas Unreifes. BORSDORF: Was passiert jetzt eigentlich mit dem riesigen Gelände von Opel, 1,6 Millionen Quadratmeter? Wem gehört dieser Teil der Erdoberfläche? In den 1960er Jahren hat die Stadt Bochum mehrere Millionen DM investieren müssen, um das Gelände herzurichten und es den Alteigentümern, einer Zeche, abzukaufen. An General Motors wurde es dann zu einem Bruchteil weiterverkauft. Juristisch gehört es sicherlich GM, politisch, moralisch, historisch aber müsste es in die Allmende des Gemeinwesens zurück fallen. K.WEST: Damit was damit passiert? BORSDORF: Es kann und darf ja nicht sein, dass jetzt aus allen möglichen Ecken jemand herbei rennt und dies und das dort hinmachen will, das größte Autohaus der Welt zum Beispiel. Gut wäre eine raumordnungspolitische Instanz, stark genug, um einen Prozess des Nachdenkens und Planens in Gang zu setzen, meinetwegen mit Hilfe des Landes und des Bundes. Auch da könnten IBA Emscherpark und Stiftung Industriedenkmalpflege Vorbild sein: Das heißt, erst mal den Komplex übernehmen und ihn dem Verwertungsdruck entziehen, um der Gesellschaft Zeit zu geben nachzudenken, fünf bis zehn Jahre Zeit. Ich träume von einem demokratischen Prozess, an dem wie in Isohypsen der Betroffenheit das ganze Ruhrgebiet teilnimmt. Als eine Lehre aus Stuttgart 21 und angelehnt an die Arbeitsplattform »Bochum Perspektive 2022«, die sich mit dem Opel-Standort befasst, könnte man das Ganze doch »Bochum 22« taufen und in diesen acht Jahren herausfinden, was man mit dem Gelände machen will, wie die ökologischen und ökonomischen Ansprüche der Menschen berücksichtig werden usw. K.WEST: Strukturwandel, Stuttgart 21, Opelschließung als Chance, ganz neue Formen der demokratischen Teilhabe zu finden? BORSDORF: Man sollte – zeitgleich mit den anderen Planungsprozessen – ausgewählten, am Gemeinwohl orientierten Gruppen, die vielleicht durch einen Wettbewerb legitimiert wurden, Geld in die Hand geben und sie es selbst verwalten lassen für ein Projekt, das mit der Neunutzung des Geländes zusammenhängt. Ich weiß von einem Nachbarschaftsideen fördernden Wettbewerb der Montag Stiftung, wie bedacht und klug Menschen in Sachen Asyl, Ökologie, gemeinsame Produktion usw. denken und planen können. Wenn man sie lässt. K.WEST: Die Mentalität der Menschen im Ruhrgebiet ist stark geprägt von der Industrie und der Arbeit dort, positiv wie negativ. Droht eigentlich – noch einmal verstärkt durch die Opel-Schließung – ein Mentalitätsbruch, ein Identitätsverlust mit allen sozialen Folgen? BORSDORF: Die Werksschließung ist sicherlich ein schwerer Schlag für die Bochumer Identität. Aber wohl nicht für das ganze Ruhrgebiet. In dem demokratischen Planungsprozess, den ich fantasiert habe, müsste diese Frage der identitären Klammer eine Rolle spielen. Auch wenn man jetzt nicht jedes Identitätsbegehren mit der Gründung eines Museums beantworten kann. (Lacht.) K.WEST: Die berühmte Mentalität der Ruhris, ist sie erschüttert, wankt sie gar?

BORSDORF: Ich glaube auch, dass es diese Mentalität gibt, selbst wenn Vieles daran schönes Vorurteil ist. Und es gibt ihre Schattenseite, wo es üblich war zu sagen: Der Betriebsrat oder Knappschaftsälteste richtet das, und wir helfen ihm dabei. Passiver Paternalismus. Aber das Positive, die Direktheit, der Pragmatismus, das Zupackenkönnen, die selbstverständliche Solidarität, das lässt sich, davon bin ich überzeugt, zu einer modernen Partizipationsfähigkeit umbauen. Die Chance dazu ist mental da, denn das Ruhrgebiet besitzt heute dank der Gründung der fünf Unis ein breites Ausbildungsbürgertum – Ausbildungsbürgertum, weil es kein gewachsenes Bildungsbürgertum ist. Das gehört übrigens historisch zusammen: die Ansiedlung von Opel und die Gründung der Ruhr Universität, keine zwei Kilometer daneben. Das sind zwei Versuche der Neuorientierung in den 1960er Jahren. Die eine ist mittelfristig gescheitert, die andere hat eine nachhaltige Wirkung gehabt. Die RUB muss unbedingt an der NachOpel-Planung beteiligt werden. K.WEST: Wie? BORSDORF: Die RUB hat mich gefragt, ob ich ihr zum 50-jährigen Jubiläum 2015 eine Ausstellung ausrichte. Das finde ich aber nicht so spannend, dagegen ist meine etwas spinnerte Idee die, ein Montageband von Opel als Ausstellungsparcour einzusetzen. Das wäre etwas, was ich schon immer mal wollte: Das Publikum steht oder sitzt, und die Objekte kommen vorbeigefahren. Voraussetzung wäre natürlich, es gibt diese Bänder dann noch und die RUB könnte Opel dafür gewinnen. K.WEST: Tolle Idee. BORSDORF: Die könnte dem Schauspiel Bochum doch auch gefallen. K.WEST: Bestimmt. Ich würde auch eine Art Fest gut finden, ein Trotzfest nach dem Motto: Jetzt erst recht! Und für Opel den Stinkefinger. BORSDORF: »Mach vòran!« wäre eine schöne Parole. Mit der reviertypischen Betonung auf dem vor. Also: Vor der Hacke ist es duster, aber man hackt eben doch. Und so ein Fest, oder ein festlicher ziviler Aufstand zur Schließung des Opelwerks könnte auch ein gutes Mentalitätsthermometer sein. Vielleicht müssen die Stadtplaner und Wirtschaftsförderer jetzt ganz schnell Dinge tun, die sie nachher bereuen. Aber für die Wissenschaftler und Künstler lautet das Geschäft doch: Produktive Skepsis und optimistischer Zweifel!

Das Motto des Festivals

INFO

Auftakt des Detroit-Projekts mit Fest und Symposium 10. bis 12. Oktober 2013. www.schauspielhausbochum.de


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DAS MUSEUM MACHT MOBIL TEXT: ALEXANDRA WACH

Dieser Bildhauer bezieht sich für die Wirkung seiner Kunst auch auf Klang. Denn was wären Alexander Calders berühmte schwerelose Hängearbeiten ohne die tonerzeugenden Luftschwingungen? Die Kunstsammlung K20 in Düsseldorf zeigt jetzt mit »Avantgarde in Bewegung« die erste Museumsschau des Amerikaners in Deutschland seit 20 Jahren.

»Die verschiedenen Objekte des Universums mögen zeitweise konstant sein, aber ihre wechselseitigen Beziehungen sind ständigen Veränderungen unterworfen«, schrieb Alexander Calder 1932 in dem Text »Was sich bewegt – Über bewegliche Skulpturen«. Im Fall seiner frei schwebenden Objekte ging es dem 1898 in Pennsylvania geborenen US-Amerikaner darum, ihre »Bewegungen zu harmonisieren und so eine neue Schönheit zu ermöglichen«. Eine paradoxe Sinnlichkeit geht diesen »seltsamen Wesen, halb Materie, halb Leben«, wie sie Sartre beschrieb, tatsächlich bis heute nicht ab, trotz der inflationären Vermarktung, die sie spätestens in der Nachkriegszeit als unverwechselbarer Wohnzimmerdekor oder Ohrschmuck einer Peggy Guggenheim erfahren haben.

Bereits 1931, fünf Jahre nach seiner Ankunft an der Seine, verbuchte der studierte Ingenieur und Miterfinder der kinetischen Kunst mit der ersten Einzelausstellung in der Pariser Galerie Percier einen beachtlichen Erfolg. Da zählte er neben seinem Landsmann Man Ray bereits zum festen Inventar der hauptstädtischen Bohème. Mit Arno Breker, dem späteren Lieblingsbildhauer von Hitler, teilte er sich ein Atelier. Picasso erbat noch vor der Eröffnung eine Privatführung beim Künstler persönlich. Dessen abstrakt biomorphe Werke fanden auf Anhieb Anklang bei den Sammlern und machten Calder zu einem der wenigen Avantgardisten, die vom Markt und den Zeitschriften hofiert wurden und nicht jahrelang auf den finanziellen Erfolg warten mussten. Eine Neuerwerbung aus dieser


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Installationsansicht. Foto: Achim Kukulies, © Calder Foundation, New York / Artists' Rights Society (ARS), New York © Kunstsammlung NRW

Zeit brachte auch das Sammlungsteam des K20 in Bewegung. Denn bei der Überprüfung des 1936 von Calder geschaffenen Klang-Objekts stellte sich heraus, dass es sich um ein »NoiseMobile« handelt – neben den Stabiles eine weitere Unterkategorie der berühmten Mobiles, die längst als buntes Spielzeug Einzug in jedes zweite Kinderzimmer gehalten haben. Dieses eher unbekannte Werk, eine an einem Draht hängende Kugel, die beim Pendeln einen Klang erzeugt, und der selten untersuchte akustische Aspekt in Calders Arbeit gaben für Museumsdirektorin Marion Ackermann und ihre Kuratorin Susanne Meyer-Büser den Ausschlag zur publikumswirksamen Werkschau. Über 70 Werke Calders versammelt die Kunstsammlung NRW, die nebenbei auch aufschluss-

reiche Querverweise zu Calders avantgardistischen Zeitgenossen erlauben – Piet Mondrian etwa, Joan Miró oder Hans Arp. Ihre Beiträge, die eine frappierende geistige Verwandtschaft ausstrahlen, stammen aus dem Bestand der hauseigenen Sammlung. Ein in die Höhe gebauter Steg lädt zur Vogelbeobachtung der anderen Art ein: Von oben erscheinen die geometrisch spitz geformten Metallfedern der Hänge-Mobiles weniger bedrohlich als zum Spielen einladend. Die New Yorker Calder Foundation, die vom Künstler-Enkel Alexander S.C. Rower geleitet wird, lieh allein 25 Arbeiten aus. Der zeitliche Schwerpunkt liegt auf den 1930er und 1940er Jahren, als sich Calder, Sohn eines Bildhauers und einer Malerin, seiner produktivsten Phase erfreute, ausgelöst durch

einen legendären Atelierbesuch bei Mondrian in der Pariser Rue de Départ. Das schwarz-weiß strukturierte Arbeitsrefugium des holländischen Konstruktivisten verpasste ihm mehr als nur einen Denkanstoß. Es stellte sein ganzes bisheriges Schaffen zur Disposition, weg von den populär figurativen Miniaturfiguren, die er in regelrechten Bühnenaufführungen samt musikalischer Untermalung zu akrobatischen Tänzen animierte. Die Zeit des Koffer-Zirkus war für immer passé. In seiner Autobiografie gab Calder 30 Jahre später zu Protokoll: »Es war ein sehr aufregender Raum. Licht fiel von links und rechts herein und an der massiven Wand zwischen den Fenstern waren als experimentelle Schaustücke farbige Rechtecke aus Karton befestigt. Sogar der ursprünglich erdfarbene Fonograf der Marke Victrola war rot angestrichen. Ich machte Mondrian den Vorschlag, diese Rechtecke schwingen zu lassen, was vielleicht lustig sein könnte. Und er antwortete mit sehr ernsthafter Miene: ›Nein, das ist nicht nötig, meine Malerei ist schon sehr schnell.‹ Dieser eine Besuch versetzte mir einen Schock, der die Dinge ins Rollen brachte.« Ein Schlüsselerlebnis, nach dem nichts mehr so war wie zuvor. Drei Wochen lang fertigte der Erleuchtete ausschließlich abstrakte Gemälde an, um danach mit ungegenständlichen Drahtkonstruktionen und beweglichen Skulpturen fortzufahren. Sein Freund Marcel Duchamp taufte sie begeistert auf den Namen »Mobile«, während Mondrian, in dessen Künstlergruppe »Abstraction-Création« Calder kurz zuvor aufgenommen worden war, seine Erfindung als Fehlentwicklung brandmarkte. Die mitunter motorisierten Skulpturen waren ihm schlicht nicht schnell genug. Der Gescholtene reagierte auf die Kritik so konstruktiv wie ungerührt mit einer Weiterentwicklung hin zum luftbewegten Mobile. Parallel dazu entstanden die von Hans Arp als »Stabile« bezeichneten unbeweglichen Konstruktionen aus Stahlblech. Das Farbspektrum blieb fortan trotz aller Meinungsverschiedenheiten als Hommage an Mondrian auf Rot, Blau, Gelb sowie Schwarz und Weiß reduziert. 1933 zog es Calder gemeinsam mit seiner Frau Louisa James zurück in die Heimat. Großformatige Wandfotografien zeigen sein mit allerlei Objekten, Werkzeugen und Drahtvorräten voll gestelltes Atelier in Roxbury (Connecticut). Der Blick durch das Fenster entführte in eine stille Wiesenlandschaft, in die er 1934 das erste Mobile für den Außenraum stellte. Die Rolle des Unruhestifters übernahm im Innern die Arbeit »The Gong«. Sartre schrieb über seine Eindrücke bei einem Besuch: »In seinem Atelier sah ich


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einen Klöppel und einen Gong, die freischwebend aufgehängt waren; beim geringsten Luftzug verfolgte der Klöppel den Gong, der sich um sich selbst drehte; er holte aus, schlug zu und traf ins Leere wie eine ungeschickte Hand, und dann, wenn man am wenigsten darauf gefasst war, traf er den Gong mit schrecklichem Lärm genau in der Mitte.« Entlang von »Small Sphere And Heavy Sphere«, einem Prototyp des hängenden Mobiles von 1932/33, lässt sich in der Klee-Halle schmunzelnd nachvollziehen, wie alles eher holprig begann: Zwei rote Kugeln an einer Stange müssen mit Schwung durch den Raum gewirbelt werden, damit das unberechenbare Kunstwerk sein Geheimnis preisgibt – ein Klanggebilde aus am Boden angestoßenen leeren Flaschen, scheppernden Blechdosen und Holzkisten, die den zufälligen Flugbahnen im Weg stehen und der offenen Form der Musik von Calders Komponistenfreunden John Cage und Edgar Varèse huldigen. Zum Beweis lassen sich Kostproben ihrer atonalen Kompositionen unter sogenannten »Klangduschen« nachhören – eine vergleichende Orchesteraufführung in Echtzeit, in die der Betrachter durch das Anstupsen der Kugel ursprünglich einbezogen werden sollte. Weitere Klangskulpturen, von denen bisher knapp vier Dutzend in dem gewaltigen Œuvre identifiziert wurden, lassen sich auf Video in Aktion studieren. Leider dürfen die Besucher die fragilen Gebilde nicht selbst in Gang setzen. Dafür bieten Cage und Varèse ihre Dienste in stimulierender Endlosschleife an. Von den ersten Gehversuchen, darunter Drahtporträts und surrealistisches Holzspielzeug, reicht der Bogen des Frühwerks bis zu abstrakten Skulpturen, die mit Hilfe einer Kurbel oder eines Motors zum Laufen gebracht werden müssen. Parallel zu den schweigenden Maschinen erzählen an die Wand projizierte Experimentalfilmklassiker eines Man Ray oder Fernand Léger von der Faszination, die bewegliche Kunst seit den Dadaisten und Futuristen auslöste. Nicht nur die Experimente seiner Freunde mit bewegten Gegenständen und Strukturen beeinflussten Calder in seiner Wahrnehmung. Die allgegenwärtige Beschleunigung des Alltags durch motorisierte Fortbewegungsmittel und rationalisierte Arbeitsabläufe in den Fabriken hinterließ ebenfalls nachhaltige Spuren in seinem modernistisch geprägten Ansatz, der längerfristig auf die Verwischung von Grenzen und scheinbar unverrückbaren Kategorien setzte. Die

Chronologie setzt sich in der Grabbehalle mit unerwarteten Figurationen fort – zum Beispiel einer in alle Richtungen strebenden Schlange aus Bronze. An der Wand befestigt, möchte sie beides zugleich sein: schwebend und erdgebunden. Das Schicksal der 2.300 Kilogramm schweren Außenskulptur »Le Tamanoir« (Ameisenbär) von 1963 steht dagegen fest. Das Stabile fand den Weg an den Rhein aus einem Park in Rotterdam. Statt auf dem Platz vor dem Museum stellt man es aus Angst vor Vandalismus lieber im Schutz der Museumsmauern aus, immerhin direkt vor dem großen Panoramafenster. Hier darf es einen Kontrapunkt zu dem farbenfrohen Defilee gut gelaunter Luftgeister setzen. Ein der Schwerkraft gänzlich ausgeliefertes schwarzes Ungetüm, das eifersüchtige Blicke zu den leichtgewichtigen Verwandten wirft. Eine Antwort des Vaters auf das gefällige Amüsierklischee, zu dem seine dünnhäutigen Drahtkinder im Laufe der Zeit geschrumpft sind? Calder interessierte nie der heilige Augenblick, sondern das, was passiert, wenn man länger hinschaut und sich als Teil der theatralischen Inszenierung zu empfinden beginnt. In dieser wunderbar einfühlsamen Schau ist man seinem Anspruch näher denn je.

Alexander Calder: Little Spider, ca. 1940, Blech, Draht, Farbe, 111,1 x 127 x 139,7 cm, National Gallery of Art, Washington, Gift of Mr. and Mrs. Klaus G. Perls, © 2013 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York Foto: Image courtesy of the National Gallery of Art, Washington. Foto: © 2013 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York Foto: Image courtesy of the National Gallery of Art, Washington © Kunstsammlung NRW

INFO

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20 Grabbeplat bis 12. Januar 2014 Tel.: 0211/8381 204 www.kunstsammlung.de


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Alexander Calder: Quatre systèmes rouges (mobile), 1960, Eisen, Stahl, Farbe, 155 x 200 x 200 cm, Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, Dänemark, Donation: The New Carlsberg Foundation. Foto: © 2013 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York Foto: Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, Dänemark © Kunstsammlung NRW


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WIDER DIE WIRKLICHKEIT TEXT: STEFANIE STADEL Fotografie – ihr Anspruch lag zuerst in der Dokumentation. Anders bei Man Ray. Mit seinen Aufnahmen der 1920er und 1930er Jahre wollte er der alten »Banalität« entfliehen. Dabei war ihm jedes Mittel der hintergründigen Inszenierung und zufälligen Verfremdung recht. Rund 150 Beispiele seiner surrealistischen Fotografie vereint nun eine Ausstellung des Max Ernst-Museums in Brühl.

Man Ray: Érotique-voilée, 1933. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Sammlung Scharf-Gerstenberg. © Man Ray Trust, Paris / VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Der Blick schweift gelassen in die Ferne. Von dunkler Kontur umfangen wirkt das volle, weiße Haar fast strahlend. Man Ray war fasziniert von der Physiognomie des Kollegen. Wieder und wieder nahm er Max Ernst ins Visier seiner Kamera. Mit den hellen Augen und der dünnen, schnabelartigen Nase erinnere Max Ernst ihn an einen Vogel – »einen Raubvogel«, wie Man Ray bemerkte. In jenem Abzug von 1934 begnügt sich der US-Künstler und Fotograf allerdings nicht mit dem eindrucksvollen Abbild. Zur Steigerung des Ausdrucks kommen bei Man Ray immer wieder Verfremdungsmomente ins Spiel. Diesmal heißt das Zauberwort »Solarisation«: Durch die Überbelichtung beim Entwickeln bringt sie jene charakteristischen Umrisslinien ins Bild und gibt dem Porträtierten damit etwas Würdevolles, irgendwie Magisches. Vor allem den Bildnissen von guten Freunden, Gleichgesinnten, Mitstreitern verlieh Man Ray durch den Dreh in der Dunkelkammer jene geheimnisvolle Note. Zu dem ausgesuchten Kreis zählte selbstverständlich auch Max Ernst. Denn man stand sich nahe: »Wir trafen uns oft«, so Man Ray, »manchmal in kritischen Lebenslagen – und waren einander behilflich«. Das Max Ernst-Museum in Brühl frischt nun die alte Künstler-Freundschaft auf, holt sich dazu Man Ray ins Haus. Mit vielen seiner altbekannten, aber auch einigen selten gesehenen Fotoarbeiten aus der langen Zeit, die der Künstler in Paris verbrachte. Insgesamt kommen rund 150 Aufnahmen zusammen – viele Aktfotos seiner wechselnden Geliebten, Stillleben-Fotogramme und natürlich Porträts. Darunter auch jenes »solarisierte«, das Max Ernst beinahe ins Übernatürliche abheben lässt. Neben dem Dada-Pionier aus Brühl erkennt man in den mehr oder weniger entrückten Bildnissen der Ausstellung etliche Größen wieder: Pablo Picasso mit kritischer Miene, André Breton geisterhaft vor einem Gemälde von Giorgio de Chirico lagernd, Jean Cocteau wie er verträumt durch einen Bilderrahmen schaut, den er sich selbst vors Gesicht hält – vielleicht ein Hinweis auf seine Vorliebe für die Selbststilisierung. Und natürlich die nackte Meret Oppenheim, gleichsam als lebender Druckstock in Szene gesetzt: Man Ray lässt die damals gerademal 20-Jährige am großen Rad einer Druckerpresse posieren. In sinnlicher Selbstversunkenheit hat sie den bereits reichlich mit Druckerschwärze beschmierten Arm theatralisch zur Stirn geführt. Ein wunderbarer Beleg für den surrealistischen Hang zum Skandal. Wie all die anderen kreativen Zeitgenossen – Maler, Bildhauer, Musiker, Dichter – tummelten sich Man Ray und auch Max Ernst während der 1920er und 30er Jahre in der französischen Kunstmetropole. Gemeinsam gingen die Surrealisten dem Traumhaften, Übernatürlichen, Unbewussten nach – man wollte der Wirklichkeit weitere Dimensionen erschließen. Max Ernst versuchte es in Gemälden, Grafiken, Skulpturen. Man Ray vor allem mit Fotos – zunächst wohl notgedrungen. Denn bevor er 1921 von New York an die Seine gewechselt war, hatte der damals 31-Jährige das Fotografieren eher als Nebensache betrachtet und betrieben. Gemeinsam mit Marcel Duchamp unternahm Man Ray seinerzeit das ein oder andere fotografische Abenteuer, doch eigentlich diente der Apparat ihm zunächst in erster Linie dazu, eigene Gemälde oder Objekte abzulichten. Erst die ernüchternden Erfahrungen auf dem Pariser Kunstmarkt brachten den Maler und Objektkünstler dazu, aufs Fotografieren umzuschwenken. Versprach das neue Medium doch größeren kommerziellen Erfolg. »Meine ganze Aufmerksamkeit richtete ich jetzt darauf, mich als Berufs-


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fotograf zu etablieren...« Man Ray bringt es auf den Punkt: »Ich wollte Geld verdienen – nicht länger auf eine Anerkennung warten, die sich vielleicht nie einstellen würde.« Es funktionierte besser als erwartet. Und so konnte Man Ray schon bald verkünden, dass er sich vom »klebrigen Medium der Farbe« gelöst habe. Dass er künftig mit Licht arbeite, das genauso geschmeidig sei wie der Pinsel. Man Ray machte Geld mit Auftragsarbeiten, nahm sich daneben aber immer reichlich Zeit für Experimente. Er wusste, wie man werblichen Ansprüchen gerecht wird, genoss es aber offenkundig auch, sich frei zu machen von solchen Zwängen. Gekonnt wechselte er zwischen konventionellen und unkonventionellen Darstellungsweisen, wobei sich die Übergänge zuweilen durchaus fließend darstellten. Der Künstler selbst unterschied »weniger esoterische Werke« auf der einen Seite und auf der anderen »eher schöpferische Produktionen«, für die er sich mehr Anerkennung erhoffte – »die gleiche Achtung, die man einem Kunstwerk, einem Gemälde oder einer Zeichnung, entgegenbringt«. Ein ziemlich fortschrittliches Ansinnen – wird sich die Fotografie doch erst viele Jahrzehnte später als künstlerisches Medium etablieren können. Dass ihr diese Wertschätzung freilich schon bei Man Ray gebührt hätte, beweist der Blick auf die Bilder in Brühl. Man begegnet kunstvollen und zuweilen überaus hintergründigen Inszenierungen. Und daneben Arbeiten, in denen Man Ray immer wieder dem Zufall das Feld überlässt, wenn es darum geht, die Fotografie von der dokumentarischen Schiene zu holen, ihr neue, künstlerische Qualitäten abzugewinnen. Dazu zählt auch besagte »Solarisation«, die Man Ray dank eines »Dunkelkammerunfalls« für sich entdeckte. Seine Geliebte, Lee Miller, hatte versehentlich das Licht eingeschaltet, während in den Entwicklerschalen Negative eines Akts vor dunklem Hintergrund lagen. Einem weiteren Zufallsfund aus Pariser Tagen gab Man Ray den Namen »Rayografie«. Es war zu Beginn des Jahres 1922, und der Künstler fertigte gerade Abzüge für den Modeschöpfer Paul Poiret, als ihm ein unbelichtetes Blatt Fotopapier zwischen die belichteten in die Entwicklerwanne geriet. Später legte er ohne Absicht Glastrichter, Messbecher, Thermometer dazu, schaltete das Licht an und sah, wie sich auf dem Papier ein Bild abzeichnete. Begeistert von der Entdeckung, griff Ray sodann alles, was ihm unterkam – Schlüssel, Taschentuch, Stifte, Pinsel, Kerze, Bindfaden … – und wiederholte den Vorgang. Die Schau zeigt vielfältige Ergebnisse solch fotografischer Versuche ohne Kamera. Auch Man Rays berühmtes Bildnis der Marquise Casati entspringt einer glücklichen Fügung – diesmal war es eine durchgebrannte Sicherung. Weil keine Lampe mehr funktionierte, musste der Künstler mit Tageslicht und langen Belichtungszeiten arbeiten. Sie waren schuld daran, dass sich auf einem der Fotos drei Augenpaare im Gesicht der Adeligen abzeichneten. »Man hätte es für eine surrealistische Version der Medusa halten können«, gesteht der Künstler. Doch gerade dieses Bild entzückte Casati und zog in der Folge jede Menge Neukunden in Man Rays Pariser Studio. Durch solche gewollten oder ungewollten Verfremdungseffekte gelingt es dem Künstler immer wieder, der Realität zu entkommen. Ganz im Sinne des Surrealismus und seiner Fotografie, der es niemals darum geht, die Welt nur anders abzubilden. Vielmehr legt sie es darauf an, durch den spielerischen Umgang mit dem Medium, durch Störungen, Experimente, Zufälle Vorstellungsbilder hervorzubringen – vorbildlose Fotografien zu schaffen. Denn es gibt, wie der surrealistische Dichter Paul Éluard erkannte, »kein Vorbild für den, der sucht, was er nie gesehen hat«.

Man Ray: Les Larmes, 1930–1932. The J. Paul Getty Museum, Los Angeles. © Man Ray Trust, Paris / VG Bild-Kunst, Bonn 2013

INFO

Bis 8. Dezember 2013; Max Ernst Museum, Brühl; Tel.: 02234/9921555 www.maxernstmuseum.lvr.de

SKU LPTU R E N OBJEKTE NEUE MEDIEN

Skulpturenmuseum Glaskasten Marl

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Marler Medienpreise 2013 Eröffnung der Ausstellung Sonntag, 20. Oktober 2013 um 12.00 Uhr Freundeskreis Habakuk zur Förderung des Skulpturenmuseums Glaskasten Marl

Rathaus, Creiler Platz 45768 Marl

Tel. 0 23 65 / 99 22 57 Fax 0 23 65 / 99 26 03

Geöffnet: Di -- So 10 --18 Uhr Eintritt frei

www.marl.de/skulpturenmuseum skulpturenmuseum@marl.de


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Ed Atkins, Warm, Warm, Warm Spring Mouths, 2013, Courtesy of the artist and Cabinet Gallery, London

IM UNHEIMLICHEN TAL TEXT: INGO JUKNAT Spiegeln Computersimulationen und HD-Aufnahmen die Realität? Nein, sagen Ed Atkins und Frances Stark. Die beiden Biennale-Künstler stehen im Zentrum von »Number Seven«, der neuen Ausstellung in der Düsseldorfer Julia Stoschek Collection. Atkins’ und Starks Werke loten die Grenzen der Darstellbarkeit aus. Mit ähnlichen Mitteln – und ziemlich unterschiedlichen Ergebnissen.

»Willst du mein bestes Stück sehen?«, fragt das Playmobil-Männchen mit dem Feigenblatt und dem italienischen Akzent. Das Angebot ist ernst gemeint. Es stammt aus einer »Skype«-Unterhaltung im Internet. Tagelang hat die Künstlerin Frances Stark mit einem italienischen Regisseur gechattet. Es ist eine Zufallsbegegnung. Mal tippen sie bloß, mal schalten sie die Kameras ein. Am Anfang geht es um Sex, später entwickelt sich eine intelligente, oft lustige Unterhaltung über Film, Politik und Geschichte. Das Gespräch ist inzwischen zur Kunst geworden. Stark hat den Dialog protokolliert und auf Video gebannt. »My Best Thing« heißt die Arbeit, mit der Stark unter anderem bei der Biennale in Venedig vertreten war. Die Komik entsteht vor allem durch die Visualisierung. Die Männchen stammen aus einem digitalen Werkzeugkasten namens »Xtranormal«. Damit lassen sich einfache 3D-Filme zusammenstellen. Man kann die Figuren individualisieren, ihnen Make-up und Kleidung verpassen. Oder eben ein Feigenblatt. Computergenierte Stimmern stehen ebenfalls zur Auswahl, Akzent inklusive.

»My Best Thing« stellt die Frage, inwieweit moderne Kommunikationskanäle wie Skype Anonymität und Nähe gleichermaßen zulassen. Die kindliche Anmutung der Playmobil-Männchen bildet außerdem einen humorvollen Kontrast zum erwachsenen Sex-Talk der beiden Protagonisten. Die Arbeit der Kalifornierin gehört zu den Hauptexponaten von »Number Seven«. Die neue Ausstellung in der Julia Stoschek Collection ist ausnahmsweise nur zwei Künstlern gewidmet: Frances Stark und Ed Atkins, einem jungen britischen Künstler, der auch schon zur Biennale eingeladen war. Anders als seine amerikanische Kollegin, für die Filme nur ein Medium von vielen sind, arbeitet Atkins primär im Videobereich. Trotzdem ergeben sich interessante Parallelen und Unterschiede, wenn man die Werke der beiden Künstler nacheinander betrachtet. Wer sich die niedlichen Figuren in Starks »My Best Thing« anschaut und dann zu Atkins’ Video »Warm, Warm, Warm Spring Mouths« wechselt, versteht z.B., was Wissenschaftler mit dem uncanny valley


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meinen. Das »unheimliche Tal« ist ein Effekt, der beim Betrachten menschenähnlicher Figuren entsteht. Das Phänomen tritt bei realistischen Puppen auf und besonders bei digitalen Modellen. Es beschreibt eine nachweisbare, scheinbar paradoxe Reaktion. Zeigt man Probanden eine Reihe immer realistischer werdender Gesichtsmodelle, fällt die Akzeptanz an einem bestimmten Punkt abrupt ab. Die Betrachter nehmen die Simulation als unheimlich wahr. Die verbliebenen Unterschiede zum Original werden plötzlich nicht als Kleinigkeiten, sondern als besonders (ver-)störend wahrgenommen. Diese Erkenntnis hat sich bis nach Hollywood herumgesprochen. So verzichten die Oscar-gekrönten Animateure von Disney trotz HighTech-Software bewusst auf realistisch gezeichnete Menschen. Atkins’ »Warm, Warm, Warm Spring Mouths« ist archetypisches uncanny valley. Das Video von 2013 zeigt einen hyperrealistisch modellierten Menschen, der in einem Aquarium schwimmt. Währenddessen zitiert er mehrfach »The Morning Roundup«, ein Gedicht des amerikanischen Schriftstellers und Poeten Gilbert Sorrentino, das den Tod von Freunden beklagt. Die Verbindung von Text und Video bleibt bestenfalls assoziativ. Interessanter ist Atkins’ Beschäftigung mit dem Medium selbst. Seit ein paar Jahren dreht er nur noch Videos in HD-Auflösung. Viele davon kreisen um die Unzulänglichkeit des Körpers, aber auch um die der Medien, die ihn abbilden sollen. Ein gutes Beispiel ist das in der Stoschek Collection gezeigte »A Primer for Cadavers« (»Eine Fibel für Kadaver«). Der Clip zeigt nichts anderes als die Haare auf einem menschlichen Hinterkopf. Diese werden mit verschiedenen Linsen verfremdet, als wollte Atkins die hochauflösenden Bilder brechen und ihre Künstlichkeit entlarven. Eine gewisse Faszination für Haare kann man dem Briten ohnehin nicht absprechen. Zwei weitere Werke in der Ausstellung drehen sich um dieses Thema. Vermutlich auch deshalb, weil menschliche Haare digital besonders schwer nachzubilden sind. Anders als bei Atkins, geht es bei Frances Stark deutlich weniger abstrakt und ernst zu. Dass ein humorvoller Ansatz – anderslautenden Klischees zum Trotz – nicht auf Kosten der Komplexität gehen muss, sieht man an Starks Arbeit »Osservate, leggete con me« (»Betrachtet, lest mit mir«). Der Titel zitiert eine Zeile aus Mozarts »Don Giovanni«. In der betreffenden Szene zählt der Diener Leporello alle Frauen auf, mit denen der Don geschlafen hat. Stark transportiert diesen Inhalt in die Gegenwart, indem sie Mozarts Musik über einen weiteren Chat-Dialog legt. Anders als bei »My Best Thing« kommt »Osservate« nur mit Text aus. Starks Beitrag zum Gespräch wird rechts eingeblendet, ihre männlichen Gesprächspartner kommen auf der linken Seite der Leinwand zu Wort. Mozarts Arie wird mehrfach wiederholt, Rhythmus und Drastik passen sich dem Inhalt des Chats an. Oder umgekehrt, je nach Sichtweise. So entsteht eine Fülle von Referenzen zwischen dem Thema der Oper, ihrer Musik und dem Text auf der Leinwand. Derart eingerahmt, wirkt der oft derbe Chat plötzlich beinahe poetisch. Die Stoschek Collection zeigt auch »statische« Arbeiten von Frances Stark. Da ist, zum Beispiel, »Detumescence and/or its Opposite« (»Erschlaffung und/oder ihr Gegenteil«). Das Wandbild im Eingangsbereich zeigt eine abstrakt gezeichnete Frau, die sich erschöpft nach vorne lehnt, um sich dann Bild für Bild aufzurichten wie in

einem Daumenkino. Sie hält einen Hörer in der Hand, der mit einem altmodischen Wählscheibentelefon verbunden ist. Es taucht noch zwei Mal in der Ausstellung auf: als Ganzkörperkostüm und in der Collage »Backside of the Performance«. Letztere zeigt Starks Auftritt bei der Performa 11 in New York im Jahr 2011. Dort trug sie jenes Telefonkostüm, das nun Teil von »Number Seven« bildet. Bei der Performance trat auch Skerrit Bwoy auf, ein für seinen sexuell expliziten Tanzstil bekannter Künstler und DJ aus New York. Starks Motiv der erotisch aufgeladenen Kommunikation zieht sich somit durch alle in der Schau gezeigten Arbeiten.

INFO

Number Seven, Julia Stoschek Collection, Düsseldorf, bis Februar 2014 Tel. 0211/5 85 88 40 www.julia-stoschek-collection.net

VON DER HEYDT

KUNSTHALLE WUPPERTAL-BARMEN 8.9.2013 - 26.1.2014

SVEN DRÜHL Werke 2001-2013

www.von-der-heydt-kunsthalle.de Ermöglicht durch:

Sven Drühl, S.D.N.N.J.M., 2012, Sammlung Blumenberg, Köln © VG Bild-Kunst Bonn, 2013


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WESTÖSTLICHER DIVAN TEXT: ULRICH DEUTER »Transfer« heißt das Programm, mit dem das NRW Kultursekretariat Künstler aus dem Ausland zu Residenzen nach Nordrhein-Westfalen einlädt und im Gegenzug solche von hier in das jeweilige Gastland übersetzt. Zurzeit ist Korea das andere Ufer, ab Oktober zeigen drei NRW-Museen Kunst von dort und hier.

Der Begriff Weltliteratur stammt bekanntlich von Goethe; mehr jedoch als in der an Sprachgrenzen gebundenen ist es der von Klang oder Bild lebenden Kunst seitdem gelungen, die Sehnsucht nach einem alles Nationale transzendierenden Denken und Schaffen zu erfüllen. Während der Weltmusik nach wie vor der Makel des Zusammengerührten anhaftet, existiert Weltkunst, bildende Kunst also, mit globalen Standards auf hohem Niveau. Und wo bleiben die lieben Unterschiede? Die Sorge um diese findet sich in jedem Nachdenken über alle Formen der Globalisierung; so wie umgekehrt die Angst davor, den Anschluss ans »Weltniveau« nicht zu verpassen. Das, als Folge eines zirkulären Prozesses, irgendwann das kleinste allgemeine Niveau sein könnte. »Nur wiederholen wir, daß nicht die Rede sein könne, die Nationen sollen überein denken, sondern sie sollen nur einander gewahr werden, sich begreifen und, wenn sie sich wechselseitig nicht lieben mögen, sich einander wenigstens dulden lernen«, befand der Weimarer Kosmopolit und benannte damit 1828 alle Chancen und Gefahren, die in der seitdem ungebremst galoppierenden Grenzüberschreitung angelegt sind. Regionale oder nationale Kunst findet man inzwischen nur noch dort, wo genau so gedacht wird; das nennt man gewöhnlich Laienkunst oder Folklore. Macht es also noch Sinn, zum Zwecke gegenseitigen Kennenlernens Kunst und Künstler international auszutauschen – jenseits der Bildung, die jedes Reisen schenkt? Seit über 20 Jahren lädt unter dem

Projektnamen »Transfer« das NRW Kultursekretariat Künstler aus einem anderen Land nach Nordrhein-Westfalen und schickt im Gegenzug solche von hier nach dort: 1990 hieß das Ausland noch DDR, dann Belgien, Italien, Polen, später Israel und die Türkei. Und jetzt Korea. Warum dieses? Wohl weil, meint Jung Me, Projektleiterin des neunten, des aktuellen »Transfer«, wenn es um Kunst aus Asien geht, derzeit alle Welt auf Japan und vor allem China starrt. Weil die Kuratoren des Projekts (die Chefs des Kunstmuseums Bonn, der Kunsthalle Düsseldorf, des Osthaus Museums Hagen, des Kultursekretariats) sich ungern in diesen Mainstream einreihen wollten und in Korea – Süd-Korea selbstverständlich – eine überaus rege, ästhetisch attraktive aber eben noch nicht so ausgeleuchtete Kunstszene vorfanden. Dabei hat die Moderne in Korea überhaupt erst nach dem Ende des Krieges zwischen Nord und Süd 1953 begonnen; vorher, sagt Jung Me, gab es Idee und Praxis einer Kunst der Jetztzeit, die sich von einer früheren unterscheiden müsse, gar nicht. Jung Me, mit vollem Namen Chai, Jung Me, 1966 in Seoul geboren, ist selbst Video-, Foto-, InstallationsKünstlerin; sie studierte Ende der 1990er in der Düsseldorfer Akademie bei Fritz Schwegler, danach in Amsterdam; seitdem lebt und arbeitet sie in Deutschland, auch als Kuratorin. Jemand wie Nam June Paik (1932–2006), der Vater der Videokunst und lange Zeit einziger koreanischer Künstler von Weltrang, beflügelte die Entwicklung einer zeitge-

Kira Kim: A weight of ideology-expected negotiation; HD Video 16 min, 2012; Installation im Total Museum of Art, Seoul. © Kira Kim. Zu sehen in der Kunsthalle Düsseldorf.


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Won, Seoung Won: The Ark of Obsession; 2013, Fotocollage, C-print; 125 x 195cm / Image Size 105 x 175cm. © Won, Seoung Won. Zu sehen im Osthaus Museum Hagen.

nössischen Kunstszene in dem politisch und wirtschaftlich rasant zum »Westen« aufschließenden ostasiatischen Tigerstaat. Wie selbstverständlich orientierte man sich ästhetisch zunächst an Amerika; später auch nach Europa, speziell Deutschland. Wo seitdem nicht nur immer neue Scharen von koreanischen Musikstudenten die Konservatorien bevölkern, sondern auch koreanische Kunststudenten die Akademien. Gibt es denn keine vergleichbare Ausbildung in Ihrer Heimat, Jung Me? »Sogar viel zu viel«, lautet die überraschende Antwort, zahlreiche zu allermeist private Universitäten böten das Fach an. Allerdings werde Kunst oft nur belegt, weil, Kunst studiert zu haben, »attraktiv klingt. So kann man vielleicht gut heiraten.« Und Jung Me lächelt spöttisch. Zum Studium nach Deutschland kommen Koreaner gern, »weil ihnen die Kunstszene in Deutschland freier und vielfältiger erscheint.« Die wenigsten bleiben. Zurück in Korea, ist der Weg zum Erfolg genauso steinig wie hier, obwohl der koreanische Staat seit einigen Jahren mit Fördermaßnahmen diverser Art die Karriere stützt. »Es gibt vier, fünf führende Galerien in Korea, die den Kunstmarkt beherrschen und auch gut davon leben. Kleinere und jüngere Galerien gibt es auch. Aber zu wenige, die sich mit experimenteller Kunst auseinandersetzen, junge Künstler fördern und mit ihnen wachsen. So wie das damals Konrad Fischer in Düsseldorf getan hat.« Ein Stück weit kompensiert wird dieser Mangel offenbar durch die Existenz einiger privater Museen in der Hand großer Firmen oder Mäzene wie etwa das Leeum, Samsung Museum of Art oder das Total Museum of Contemporary Art. Da es darüber hinaus auch staatliche und städtische Museen gibt, stünde die koreanische Kunstszene nicht schlecht da, wäre da nicht das Problem der Kuratoren. Deren Horizont ist meist auf das eigene Land beschränkt, klagt Jung Me, in Venedig oder Kassel findet man sie nicht. Die Museumsdirektoren sind, anders als hier üblich, meistens Manager, die Verträge ihrer Ausstellungsmacher kurzfristig. Oft verschwinden mit einem Kurator auch dessen Pläne, die Profile der Museen blieben aus diesem Grund unscharf bis beliebig. Also hat »Transfer« es sich angelegen sein lassen, neben dem Künstler- auch den Kuratoren-Austausch zu befördern. Zur Erinnerung: Ein »Transfer«-Zyklus erstreckt sich über drei Jahre. Zunächst wählt eine Jury NRW- sowie ausländische Künstler aus, danach folgen zweimonatige Künstleraufenthalte im Partnerland, wo jeweils ortsansässige Künstler und Kulturschaffende die Stipendiaten betreuen. Der Austausch mir Korea fand 2012 statt, jetzt, im dritten Jahr, werden in eigenständigen, doch aufeinander abgestimmten Ausstellungen die Werke der »Transfer«-Künstler in je drei deutschen (den oben genannten) sowie koreanischen Museen gezeigt. Schon allein die zeitliche Gewichtung zeigt: Es geht um den Austausch, nicht ums Produkt. Das Produkt – die Kunst. Die Frage nach der »Weltliteratur«. Jan Albers; Luka Fineisen; Manuel Graf; Kyungah Ham; Erika Hock; Jung, Seung;

Yeondoo Jung; Kira Kim; Seb Koberstädt; Na, Hyun; Sascha Pohle; Juergen Staack; Won, Seoung Won; Yeesookyung heißen die ausgewählten, ausgetauschten, an den Ausstellungen teilnehmenden Künstler. Die deutschen kennt man, fünf der sieben sind bereits in K.WEST porträtiert worden. Die koreanischen kennt man noch nicht; bis auf Yeesookyung haben sie alle im Westen studiert. Jung Me, Wanderin zwischen beiden Welten: Gibt es überhaupt erkennbare Unterschiede, solche, die in der verschiedenen kulturellen Herkunft begründet liegen könnten? Jung Me umkreist den heißen Brei der Antwort mehrmals, betont, dass Künstler überall auf der Welt ähnlich denken, kann am Ende mit sich selbst einig werden, dass grosso modo koreanische Künstler sich immer noch mehr am Handwerk orientieren als europäische. Es ist ihnen wichtig, dass eine Arbeit auch technisch stimmt. Körperliche Mühe muss investiert werden, viele Kunstwerke seien »Fleißarbeiten«. Diesen Unterschied könne man auch bei den »Transfer«-Künstlern erkennen. Und, ja, auch das: Man findet in Korea sicher mehr Künstler als in Deutschland, die an politischen Themen interessiert sind, nach dem Ende der Park-Diktatur Ende der 1980er Jahre gebe es zwar keine so heftigen politischen Auseinandersetzungen mehr, aber beständig Kämpfe gegen Entlassungen und andere wirtschaftliche Probleme; das widerspiegele sich in der Kunst, etwa der von Kim Kira. Außerdem, tja, sei da ja noch der Fall Nordkorea. Auch in Südkorea ist die Kunst frei. Sie darf alles – machen, vielleicht nicht alles zeigen, meint Jung Me: »Gewalt ist okay, Sex nicht so.« Sie grinst wieder spöttisch. So habe sie vor ein paar Jahren eine Ausstellung in Seoul kuratiert, in der in einem Film von Harun Farocki das Bild einer nackten Frau zu sehen war. Das konnte nur in einer Koje gezeigt werden, vor der ein Wärter das Alter der Besucher kontrollierte. INFO

18. Oktober 2013 bis 9. Februar 2014, Kunstmuseum Bonn 19. Oktober 2013 bis 5. Januar 2014, Kunsthalle Düsseldorf 20. Oktober 2013 bis 12. Januar 2014, Osthaus-Museum Hagen www.transfer-korea-nrw.com

14. Juli - 25. August 2013


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DIE STADT ZWISCHEN DEN ANFÜHRUNGSSTRICHEN TEXT: ANDREJ KLAHN Fenster Düsseldorf I 1974, 47 x 61,1 cm, C-Print, © Candida Höfer, VG Bild-Kunst Bonn 2013


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In Düsseldorf hat alles begonnen. Dort studierte Candida Höfer in der heute legendären Becher-Klasse an der Kunstakademie. Im Museum Kunstpalast ist nun zu sehen, welche Spuren die Stadt über vier Jahrzehnte im Werk der Fotografin hinterlassen hat.

Hinter den Schaufenstern: die leer geräumten Bühnen der Warenwelt. Türkis bezogene Regale ohne Auslagen, arbeitslose Holzständer, eine rotweißkarierte Decke, auf der nichts mehr feilgeboten wird. Aufgenommen irgendwann Anfang der 1970er Jahre, als Bettwarengeschäfte Leopardenfellbezüge verkauften, der Damen-und-Herren-Modeladen um die Ecke noch den Nachnamen seines Inhabers trug und die verkaufsfördernden Sätze auf den handschriftlich ausgeschwungenen Hinweisschildern linealgerade rot unterstrichen wurden. Tief blicken lassen diese Bilder nicht. Die Scheiben schützen den Raum hinter dem Glas. Wie Spiegel, auf denen deutlich Candida Höfer zu erkennen ist: mit wuscheliger Schafswoll-Jacke, eine kleine Tasche über die Schulter gehängt, linke Hand am Auslöser, rechte am Objektiv. Und wäre das nicht der Fall, man könnte kaum glauben, dass Candida Höfer diese Aufnahmen vor vier Jahrzehnten gefertigt hat. Denn nichts weist in diesen Schau-

sk-kultur.de

Deutsches Tanzarchiv Köln Stadt Köln

SK Stiftung Kultur

Die Klassik des Tanzes von 1713 – 1913

AussTellung im TAnzmuseum

28.09.2013  –  10.08.2014 

Im Mediapark 7 I ww.sk-kultur.de/tanz


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Malkasten Düsseldorf I 2011, 180 x 195 cm, C-Print, © Candida Höfer, Köln / VG Bild-Kunst Bonn 2013

fenster-Selbstporträts auf die nüchtern austarierte, großformatige Opulenz, die die meist menschenleeren Raumanordnungen Candida Höfers später so unverwechselbar machen wird. Düsseldorf, so heißt die rund 70 Arbeiten umfassende Ausstellung, die das Museum Kunstpalast der 1944 in Eberswalde geborenen, in Köln lebenden Fotografin ausrichtet. Sie selbst habe den Titel für sich in Anführungsstriche gesetzt, schreibt Candida Höfer im Katalog. Das klinge weniger nach Reiseführer. Aber es gebe noch einen anderen Grund dafür: Düsseldorf stehe nicht nur für einen Ort, sondern auch für eine bestimmte Zeit, die Jahre ihrer Formation und Anfänge. Denn nachdem Candida Höfer auf Anraten Otto Steinerts zunächst in Köln das Handwerk der Fotografie in einem Foto-Studio gelernt, danach eine Ausbildung an der Kölner Werkschule abgebrochen und zwei Jahre lang in Hamburg mit der Kamera Fuß zu fassen versucht hatte, schrieb sie sich 1973 zum Studium an der Düsseldorfer Akademie ein – zunächst

für Film; die heute berühmte Fotoklasse Bernd Bechers sollte erst drei Jahre später ins Leben gerufen werden. Aus dieser frühen Akademiezeit datiert ein gut vierminütiger 16 mmFilm, den Candida Höfer 1975 zusammen mit Tony Morgan gedreht hat, benannt nach dem Ort, an dem er spielt: dem Eiscafé »da forno«. Nacheinander setzen sich die beiden angehenden Filmemacher an ein marmornes Bistro-Tischchen, um vor einer halluzinogen-geblümten Motiv-Tapete einen Cappuccino zu trinken. Sie zuckert, er löffelt ausgiebig herum. Und obwohl Candida Höfer dieser Auftritt ganz offensichtlich Spaß gemacht hat, lässt er doch ahnen, dass sie sich schon damals lieber hinter als vor der Kamera gesehen hat. Die Menschen aber sollten erst später aus ihren Bildern verschwinden. Über mehrere Jahre arbeitet Candida Höfer in den 1970er Jahren an ihrer Serie »Türken in Deutschland«. Sie fotografiert in der Manier einer Fotoreporterin türkische Männer auf öffentlichen Plätzen, bei der


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Arbeit oder auf dem heimischen Sofa sitzend, schlafende Frauen, Familien im Park und Mädchen im Wohnzimmer. Den durch die Arbeitsmigration gewandelten Alltag in der bundesrepublikanischen Gesellschaft wollte sie in Farbe und in Schwarzweiß festhalten. Mit einer Diaprojektion der Serie bewirbt sie sich dann für den Klassenwechsel innerhalb der Akademie und nimmt 1976 zusammen mit Axel Hütte und Thomas Struth das Studium beim frisch berufenen Foto-Professor Bernd Becher auf, der sie zunächst vergeblich von der Plattenkamera zu überzeugen versucht. Teils noch nie öffentlich gezeigte Bilder aus frühen Serien finden sich zahlreich in der Ausstellung. Nicht chronologisch gehängt, sondern von Höfer selbst mit Aufnahmen jüngeren Datums zu Projektionen und Bildgruppen angeordnet. Da begegnet eine Kirmes-Szene schnappschussartig anmutenden Aufnahmen von der Galopprennbahn, gefolgt von der Außenansicht eines Imbisses und dem Innenraum eines Waschsalons. Auch in den Konzerten von Lou Reed und Roxy Music hatte sie die Kamera dabei, um eigenwillig unscharfe Bilder von Sängern und Scheinwerfern zu machen. Dann wieder Schwarzweiß-Aufnahmen, die Anfang der 1980er Jahre im ehemaligen Wartsaal des Düsseldorfer Hauptbahnhofs entstanden sind, und die genauso wie die Bilder aus dem Eingangsbereich der Deutschen Oper am Rhein ahnen lassen, dass der Raum als solcher zunehmend wichtiger werden wird für Candida Höfer. Wenngleich hier die Menschen noch geduldet werden, als Aufbrechende und Ankommende, als vorübergehende Gäste. Aus den später gefertigten, meist gemäldegroß abgezogenen Aufnahmen symmetrisch ausbalancierter öffentlicher Räume werden sie dann

verschwinden: aus dem samtuös rot eingerichteten Zuschauersaal der Rheinoper genauso wie aus dem holzhöhlenartig verkleideten Parkett des Schauspielhauses. Obwohl konzeptuell weniger streng als ihre Lehrer, wirkt der dokumentarische Impuls Bernd und Hilla Bechers unter den Absolventen der Foto-Klasse im Werk Candida Höfers vielleicht am stärksten nach. Bernd Becher bezeichnete seine Archivierung der zu anonymen Skulpturen erklärten industriellen Funktionsbauten gerne als archäologisches Projekt. Ob Candida Höfers Aufnahmen bürgerlicher Kulturtempel irgendwann einmal eine vergleichbare Funktion haben werden, ist eine offene Frage. Doch auch ein vollends leeres Parkett kann ein prachtvoller Anblick sein – wenn Candida Höfer es fotografiert.

INFO

Candida Höfer: Düsseldorf Bis zum 9. Februar 2014 im Museum Kunstpalast, Düsseldorf www.smkp.de


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MEHR LICHT IN DER ROSENLAUBE TEXT: STEFANIE STADEL Mit Röntgenstrahlen, Infrarotkameras und Megamikroskopen wurden die Tafeln durchleuchtet. Im Kölner Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud zeigt sich, was dabei herauskommt, wenn Naturund Geisteswissenschaft sich gemeinsam über mittelalterliche Malerei hermachen. Die Schau »Köln im Mittelalter. Geheimnisse der Maler« präsentiert nun die Ergebnisse des mehrjährigen Forschungsprojekts. Erstaunliche Neuigkeiten traten zu Tage.

Stefan Lochner: Weltgericht, um 1435. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, © RBA Köln

Keine Stadt in Europa könne sich messen mit Köln, was Pracht und Großartigkeit angehe – so schwärmte im 15. Jahrhundert der spätere Papst Pius II. Es zeichne sich aus durch seine Kirchen und Wohnhäuser, seinen Reichtum, seine tüchtigen Bürger. Mit rund 40.000 Einwohnern war Köln damals die größte und bedeutendste Stadt in Deutschland. Beim Blick auf die imposante Silhouette verschlug es den vielen Reisenden, Wallfahrern, Kaufleuten oft die Sprache, wenn sie sich zu Fuß, mit Pferd und Wagen oder per Schiff auf dem Rhein näherten. Auch heute kommen ständig Besucher her, die meisten zieht es in die Innenstadt. In dem dortigen Gedränge mag es manch einem allerdings bald nach Flucht zu Mute sein. Ganz nahe


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Stefan Lochner: Weltgericht, um 1435. Diese Infrarotaufnahme macht Lochners künstlerisch herausragende Unterzeichnung sichtbar. © Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud

liegt da der Weg in den Keller des Wallraf-Richartz-Museums, wo man in der Schau »Geheimnisse der Maler« jetzt tief abtauchen kann ins gute alte Kölner Mittelalter. Doch selbst vor diesem hehren Ort macht das schnöde Hier und Jetzt nicht Halt. In Gestalt einer Fototapete haben sich die Allerwelts-Ladenzeilen von oben nach unten ins Ausstellungsentree geschlichen. Als Einstimmung sozusagen. Denn ausgerechnet dort, wo sich heute die Plastiktütenträger tummeln, hausten vor 600 Jahren die hervorragenden Maler der Stadt. Daher der Name Schildergasse für die Kölner Einkaufsmeile, auch wenn die einstigen Anrainer mit ihren Pinseln natürlich bei weitem nicht nur Schilde verzierten.

Die Bemalung von Fahnen und Vorhängen, Türen, Kästchen und Truhen fiel in ihr Ressort, ebenso wie Buchmalereien. Das alles schafften die Maler neben den vielen Tafelbildern für Kirchen, Klöster oder die Andacht daheim. Das älteste Kölner Museum bewahrt gewichtige Beispiele aus dieser Sparte, die nun auch im Zentrum der aktuellen Ausstellung stehen. Weit in die Tiefe lässt die Schau einen dringen. Denn es geht nicht nur darum, jene wunderbaren Bild-Beispiele vorzuzeigen. Das ganze Drumherum wird aufgerollt. Wo, wie, unter welchen Bedingungen und mit welchen Hintergedanken sind die Kölner Maler in ihrer Blütezeit zwischen 1380 und 1450 ans Werk gegangen? Wer hat was gemalt? Allein oder im


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Team? Und wodurch zeichnet sich die Arbeit des einen oder anderen überhaupt aus? Lauter Fragen, denen die Kunsthistoriker und Kunsttechnologen aus Köln und München in ihrem vom Bundesforschungsministerium unterstützen Projekt seit 2009 nachgegangen sind. Mit Röntgenstrahl, Infrarot und Mikroskop drangen sie weit vor in die Materie und förderten erstaunliche und überraschend viele Neuigkeiten zu Tage – rund um Datierung und Autorschaft, die Anlage manch einer Tafel und die Arbeitstechniken der Maler. Der Schau nun gelingt es, die zum Teil komplexen und kleinteiligen Untersuchungen und Folgerungen anschaulich und durchaus breitentauglich aufzubereiten. Man beginnt mit einem Blick in die mittelalterliche Malerstube: Wie hat man sich die Arbeit dort vorzustellen? In Zimmern, die wahrscheinlich oftmals noch nicht einmal verglaste Fenster besaßen? Auch ein Ofen war keine Selbstverständlichkeit. Wenn überhaupt geheizt wurde, dann häufiger mit offenem Feuer. Man hatte also mit Staub und Ruß zu rechnen. Mit mangelndem Licht und vielleicht auch mit Durchzug. Trotzdem zeigt sich unter dem Mikroskop kaum ein Ruß- oder Staubkorn, das die Farben trüben würde. Stattdessen saubere und überaus feine Pinselarbeit, wie sie bei trübem Licht nur schwer denkbar ist. Noch mehr Akribie verlangte gewiss die oft großflächige Vergoldung – wie ein Hauch mussten die überaus feinen Blättchen auf die Leinwand gelegt werden, wobei jede Luftbewegung fatal gewirkt hätte. Bei all den Widrigkeiten wundert einen die Perfektion. Rätsel gibt auch die Autorschaft auf, denn die Kölner Maler des Spätmittelalters signierten ihre Arbeiten grundsätzlich nicht – weil sie sich weniger als Künstlerpersönlichkeiten, denn als Handwerker sahen. Und vielleicht, so mutmaßt Roland Krischel, Leiter der Mittelalterabteilung am Wallraf, weil sie sich »als Medien der göttlichen Inspiration« fühlten und als Einzelne hinter das Kollektiv zurücktraten. Selbst von dem bis heute berühmtesten Malerstar des Mittelalters, Stefan Lochner, ist kein einziges signiertes Werk überliefert. Erschwert wird die Spurensuche dadurch, dass in der verschworenen Kölner Malergemeinschaft die Spezialisierung erstaunlich weit fortgeschritten war und man sich oft zusammen an ein und demselben Werk zu schaffen machte. So erkannten die Forscher beispielsweise in der nach 1418 datierten »Muttergottes mit der Wickenblüte« allein drei Hände, die wohl gleichzeitig an der Punzierung des Goldgrundes gearbeitet haben – das Grundmuster ist dasselbe, doch jeder der drei führte es in der eigenen Handschrift aus. Auch in den Figuren auf den drei Tafeln des Triptychons wurden unterschiedliche Malweisen ausgemacht – was darauf schließen lässt, dass womöglich insgesamt fünf Meister ihre Finger im Spiel hatten. Um ein paar Ecken verglichen konnten die Außenseiten des Triptychons dem »Meister von St. Laurenz« und das Bild der Muttergottes auf der Mitteltafel dem »Meister der heiligen Veronika« zugeschrieben werden. Diese Identifizierung wiederum bot Anlass für die neue These, dass dieser recht bedeuten-

Stefan Lochner: Weltgericht, um 1435. Detailaufnahme des Teufels, der in seiner vielgestaltigen Oberfläche und farbenprächtigen, detailreichen Ausführung nahezu einzigartig ist. © Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud

Meister der Heiligen Veronika: Muttergottes mit der Wickenblüte, 1410/15. Das Detail zeigt Maria mit dem Jesuskind (Detail), auffällig sind die fein vermalten Farbaufträge in den Gesichtern. © Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud


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de Meister zwar nach dem Bild der heiligen Veronika benannt ist, dieses aber wohl gar nicht geschaffen hat. Nur ein Beispiel für die oft ziemlich verzwickte Zuschreibungsproblematik. Nicht einfacher wird die Sache durch die seinerzeit verbreiteten Musterbücher. Denn dieselben Gesichter oder Gesten in unterschiedlichen Bildern sind durchaus kein Beleg dafür, dass ein und derselbe verantwortlich zeichnet. Es können auch ganz unterschiedliche gewesen sein, die bloß das gleiche Buch benutzt haben. Offensichtlich wird dies in Köln beim Vergleich einer gemalten »Anbetung der Könige«, deren Figuren beinahe identisch sind mit jenen auf einer Glasmalerei. Wie hielt es Stefan Lochner mit dem Malen allein und im Team? Die Schau widmet dem »Meister ohnegleichen« ein eigenes Kapitel, wo außer den altbekannten Werken ein paar aufschlussreiche Zugaben geboten werden. Neben dem fantastischen »Weltengericht« hängt da etwa die jüngst gemachte Aufnahme einer hochmodernen Infrarot-Kamera. Deutlicher als je zuvor ist darauf die unter der Farbe verborgene Vorzeichnung zu bewundern: Alle Formen und Details scheinen dort haarklein vorgegeben. Und nicht nur das. Auch Licht und Schatten sind mit parallelen oder kreuzweisen Schraffuren so exakt modelliert, dass schon in der Zeichnung ein plastischer Eindruck entsteht. Lauter Eigenheiten, die kaum einen Zweifel lassen – hier war ausschließlich der Meister selbst aktiv. Auch die malerische Ausführung übernahm Lochner diesmal wohl größtenteils selbst. Nur einige Gesichter zeigen erstaunliche Abweichungen in Malweise, Modellierung und Ausführung der Augenpartie. Vielleicht hat er hier bewusst einem Mitarbeiter den Pinsel übergeben, um die Vielfalt der Formen noch zu steigern. Und noch eine Überlegung drängt sich mit Blick auf die neusten Untersuchungen auf. So darf man neuerdings vermuten, dass dieses frühe Werk als Mitteltafel eines Triptychons mit Flügeln versehen war, die es zeitweise verhüllten. Vorstellbar wäre auch ein Vorhang, hinter dem es von Zeit zu Zeit verborgen werden konnte. Denn – wie sich zeigte – waren zu Lochners Zeiten Tafeln mit Goldgrund in der Regel nicht permanent sichtbar. Ihr Glanz durfte nur zu bestimmten Gelegenheiten Eindruck machen auf die Gläubigen. So machten die technologischen Durchleuchtungen an etlichen der alten Tafeln Spuren von Dübeln und Scharnieren sichtbar – Hinweise auf verhüllende Vorrichtungen, die im Zuge der Säkularisation seit dem 19. Jahrhundert demontiert worden sind und sich nun erstmals wieder mit einiger Sicherheit rekonstruieren lassen. Zum Beispielfür den »Kalvarienberg der Familie Wasservass«. Erst in der Röntgenaufnahme des Zierrahmens wurden Löcher und die Reste zwei großer Scharniere erkennbar. Auch Lochners berühmte »Madonna in der Rosenlaube« zeigte sich wohl nur dann und wann. Den Rest der Zeit ruhte sie hinter einem zweiten Flügel, der heute verloren ist. In der Kölner Schau glänzt sie selbstverständlich unverhüllt. Doch offenbart sich selbst aus nächster Nähe und mit scharfen Augen betrachtet schwerlich ihre malerische Feinheit in all ihrer Fülle.

In Köln helfen extrem vergrößerte Detailaufnahmen, die uns Lochners Kunst ganz nahe bringen: Marias ungemein genau erfasste Brosche, deren Perlen fast greifbar erscheinen. Die zarten, hellen Pünktchen und Häkchen auf den Blättern. Jene rote Blüte, die wohl mit Hilfe eines spitzen Holzstäbchens modelliert wurde. Das Fell der Teufel im »Weltengericht«: mal weich verwischt, mal borstig wie aus der nassen Farbe gekratzt. Doch trotz all der neuesten technischen Möglichkeiten, die in Köln zum Einsatz kamen, bleibt manch ein Fragezeichen stehen. So ganz werden diese Werke ihr Geheimnis wohl nie preisgeben.

INFO

Bis 9. Februar 2014. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud Tel.: 0221/221 21119. www.museenkoeln.de

EinE H a n dvo l l E r d E au s d E m

Pa r a d i E s m ag i s c H E BildEr und oBjEktE au s d E m

musEum m o r s B r o i cH

29.September 2013 – 12.Januar 2014 m us E um m o r s B ro i cH, l E vE r k us En

Ermöglicht durch:


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TROTZDEM ERWACHSEN WERDEN TEXT: VOLKER K. BELGHAUS Trash, Superhelden, unendliche Weiten: Hendrik Dorgathen zeichnet, animiert, unterrichtet, schreibt. Comics? Unter anderem. Ein Besuch in seinem Mülheimer Atelier.

Kommt da noch was, abgesehen von ein paar vereinzelten Rentnern mit Einkaufstaschen? Die Frage stellt sich zwangsläufig, wenn man sich in der Mülheimer Innenstadt ein paar Schritte abseits der Hauptverkehrsstraße in einem ziemlich stillen Wohnviertel wiederfindet. Doch, da kommt noch was. Eine umgebaute ehemalige Lederfabrik mit großen Fensterflächen, grün umrankt – hier lebt und arbeitet der Zeichner Hendrik Dorgathen. Das Atelier, eine Mischung aus Werkstatt und Büro, wirkt wie ein raumund realitätgewordenes Skizzenbuch Dorgathens. An der Wand gesammelte Werke wie eine alte Unterrichtskarte aus der Schule, ein von ihm selbst angefertigtes Masken-Objekt aus Kunststofffolie und eine raumhohe Figur aus brauner Pappe im etwas archaischen, typisch kantig-futuristischen Dorgathen-Stil. Neben Flachbildschirmen und Grafik-Pad stapeln sich Bücher (Benn, Lichtenberg, Talebs »Anti-Fragilität«); in Mauernischen stehen kleine Spielzeugfiguren und Spiderman in Absprungpose. Dorgathen, 1957 in Mülheim an der Ruhr geboren, kurze graue Haare, rollt einen abgewetzten Schreibtischstuhl heran – und wird bei der Nachfrage nach eben jenen Superhelden, nach Science-Fiction und Pop in seinen Arbeiten, sympathisch grundsätzlich: »Ich komme ja eigentlich als Kind aus dem Trash, ich bin mit all dem aufgewachsen, was die Hochkultur hartnäckig seit meiner Kindheit ignoriert hat. Solange das Feuilleton noch eine Macht hatte, war das ein No-Go.« In Dorgathens zuletzt erschienenen Buch »Holodeck« sind sie dann auch zu finden, die Superhelden, Trickfilmfiguren, Aliens, Knochenmänner, Kampfroboter, Albtraumgestalten. Gezeichnet in verschiedenen Techniken auf verschiedenen Papieren; einmal muss sogar eine rosafarbene »Hello Kitty-Loops«-Packung als Zeichenblock herhalten. »Holodeck« erschien 2012 als ungewöhnlicher Katalog für Dorgathens Ausstellung »Serious Pop« im Kunstmuseum Mülheim und ist eigentlich ein Skizzenbuch. Keine Hochglanzabbildungen der Ausstellung, keine Zeittafeln oder überlang-schlaue Vorworte von Kunsthistorikern, sondern ein sehr offener Blick über einen Zeitraum von 45 Jahren in Herz und Hirn des Zeichners. »Dieses Buch wollte ich seit zehn Jahren machen. Natürlich wollte das kein Verlag haben, weil Skizzenbücher sich wie Blei verkaufen«, sagt Dorgathen. »Für mich ist das jetzt mein Lieblingsbuch.« Die erste Abbildung zeigt eine Kinderzeichnung vom 6. Februar 1967; eine krakelige, science-fictionartige Figur mit großen Augen, aus deren Helmantennen Blitze schlagen. Blättert man weiter, erkennt man, dass in diesen ersten Zeichnungen interessanterweise schon alles vorhanden ist, was

»Bubbles« (Acrylbilder/Animation) Bilder: Hendrik Dorgathen

das spätere Werk beeinflusst und geprägt hat. »Erschreckend, was«, lacht Dorgathen. »Aber auch ein großes Glück, dass ich das als Kind für mich entdeckt habe, und dass ich auf dem Stiefel durchgekommen bin. Wenn ich mein Vater gewesen wäre, hätte ich gedacht, was soll aus diesem Spinner werden? Der ist doch nur am Kritzeln und zeichnet dieses komische Zeugs.« Jenes komische Zeugs war von Anfang an da, auch während seines Studiums der Pädagogik und Evangelischen Theologie, das er während der Examenszeit hingeschmissen hat, um dann in Essen Kommunikationsdesign zu studieren. Einer, der ihn mit am meisten geprägt habe, ist der amerikanische Illustrator und Comic-Künstler Robert Crumb. »Crumb war derjenige, bei dem ich zum ersten Mal gemerkt habe, dass man möglicherweise in diesem Medium bleiben und trotzdem erwachsen werden kann. Ich war hier in Mülheim als Dreizehnjähriger bei einem Open-AirKonzert, wo Leute Raubdrucke aus den USA verkauft haben – da habe ich meinen ersten Crumb-Comic gesehen: ›Bigfoot‹, eine unglaubliche Geschichte! Ich meine, ich hatte Kniestrümpfe an, das war mein erstes Rockkonzert und das erste Mal, das ich mehr als zwei Hippies auf einmal sah! Von da an habe ich völlig anders gezeichnet.« Als weitere wichtige Einflüsse nennt Dorgathen die UndergroundComics, die Ende der 70er aus Amerika und Frankreich kamen, und den


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Zeichner Art Spiegelman (»Maus«), den er während seiner Studienzeit einige Male besucht hat, um mit ihm über die eigene Arbeit zu sprechen. Zu Dorgathens bekanntesten Comics zählt »Space Dog« von 1993 – die Geschichte eines kleinen, roten Hundes mit eckigem Kopf, den es vom engen Bauernhof in die unendlichen Weiten des Weltalls verschlägt. Ein Comic ohne große Worte; statt Buchstaben finden sich Icons in den Sprechblasen. Für den Rowohlt-Verlag illustrierte er u.a. die Cover der Bücher von Paul Auster, und auch in Magazinen wie GEO, in der Zeit, in der FAZ und in der New York Times waren seine Arbeiten zu finden. Seit 2003 ist er Professor für Illustration und Comic an der Kunsthochschule in Kassel und gibt, gemeinsam mit Kai Pfeiffer, regelmäßig das Magazin Triebwerk mit Arbeiten seiner Studenten heraus. Er zeichnet weiterhin, häufig nicht mehr auf Papier, arbeitet an Installationen und Objekten und animiert seine Skizzen und Comics am Computer. So entsteht Raum für Experimente: Dorgathen öffnet einige Dateien und zeigt Ausschnitte des Musikvideos für »Talking in the box« der Mülheimer Band Almost Three. Auch wenn Dorgathen eigentlich vom Techno und der elektronischen Musik kommt – dieses Stück mag er. Lautstarker Blues-Rock ballert los, auf dem Monitor sieht man ein Comic-Raster, das hier aber wie ein Fensterrahmen wirkt, hinter dem sich alles abspielt. Abstrakte Figuren und Sprechblasen, die mit Strichen und Linien gefüllt sind, bewegen sich dahinter im Rhythmus. »Eigentlich sind das ja Acrylbilder, »Bubbles«, die auch in meiner Ausstellung zu sehen waren. Dass man die auch animieren könnte – da hab’ ich beim Malen noch nicht drüber nachgedacht.« Dorgathen stellt die Musik aus und öffnet eine weitere Datei: »Ich schreibe jetzt seit zwei Jahren an einer längeren Graphic-Novel; eine Science-Fiction-Geschichte.« Auf dem Monitor erscheint das Cover zu »Pretty Deep

»Cave«

Space«, er klickt sich durch skizzenartige Comicseiten und ganzseitige, kolorierte Weltraum-Dioramen. Manche der Motive aus »Holodeck« finden sich hier wieder, wie die Stadt, deren Wolkenkratzer eigentlich riesige Roboter sind. Für Dorgathen ist der jetzige Zustand immer noch ein grobes Storyboard. »Ich bin jetzt dabei, das letzte Drittel der Geschichte zu schreiben. Das ist eher ein Knochengerüst, das zeigt, wie Text und Bild verteilt werden sollen. Ob das hinterher genauso aussieht, ist höchst fraglich.« Sieht nach viel Arbeit aus. Und ist es auch – »das wird mich auch noch mal zwei bis drei Jahre kosten. Es ist mit Abstand das dickste Ding, an dem ich je gearbeitet habe!« Dorgathen zündet sich eine Zigarette an, lehnt sich zurück. »Aber in zehn Jahren will ich das nicht mehr machen. In zehn Jahren bin ich in Kassel pensioniert, und wenn ich dann noch lebe, werde ich andere, schöne Dinge machen.«

INFO

www.dorgathen.org www.illuklasse.de Die Bücher »Holodeck«, »Space Dog« und »Slow« sind im Verlag »Edition Moderne«, Zürich, erschienen.


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AUSSTELLUNGEN  AACHEN   LUDWIG FORUM FÜR INTERNATIONALE KUNST  Nancy Graves Project & Special Guests (13.10. – 16.2.14); Die anderen Amerikaner (bis auf weiteres); Bea Otto: out here (bis 29.9.13) Jülicher Straße 97–109 Tel.: 0241/18 07 104 www.ludwigforum.de SUERMONDT-LUDWIG-MUSEUM  Aufbrüche – Bilder aus Deutschland. Fotografien aus der Sammlung Fricke (bis 6.11.13) Wilhelmstraße 18 Tel.: 0241/47 98 00 www.suermondt-ludwig-museum.de

 AHLEN 

KUNSTMUSEUM  Ruhestörung. Streifzüge durch die Welten der Collage (bis 26.1.14, zusammen mit Marta Herford) Museumsplatz 1 Tel.: 02382/91 83 - 0 www.kunstmuseum-ahlen.de

 BEDBURG-HAU 

MUSEUM SCHLOSS MOYLAND  Katharina Sieverding: Weltlinie 1968 – 2013 (bis 24.11.13); Kunst. Bewegt. (bis März 14) Am Schloss 4 Tel.: 02824/95 10 60 www.moyland.de

 BIELEFELD  

KUNSTHALLE Auf Zeit. Wandbilder, Bildwände (bis 20.10.13) Artur-Ladebeck-Str. 5 Tel.: 0521/32 99 95 00 www.kunsthalle-bielefeld.de

KUNST UND AUSSTELLUNGSHALLE DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND  Kleopatra. Die ewige Diva (bis 6.10.13); Kleopatra – der orientalische Garten auf dem Dach der Bundeskunsthalle (bis 6.10.13); Das irokesische Langhaus (bis Ende Oktober 13); John Bock. Im Modder der Summenmutation (3.10. – 12.1.14) Museumsmeile Bonn Friedrich-Ebert-Allee 4 Tel.: 0228/91 710 www.kah-bonn.de KUNSTMUSEUM  Marcel Odenbach (19.9. – 5.1.14); Transfer Korea – NRW (18.10. – 9.2.14) Museumsmeile Friedrich-Ebert-Allee 2 Tel.: 0228/77 62 60 www.kunstmuseum-bonn.de KUNSTVEREIN  Anna Virnich (bis 24.11.13); Timur Si-Qin (bis 10.11.13) Hochstadenring 22 Tel.: 0228/693936 www.bonner-kunstverein.de LVR-LANDESMUSEUM   Die Krim – Goldene Insel im Schwarzen Meer. Griechen – Skythen – Goten (bis 19.1.14); 1914 – Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg (bis 23.3.14) Colmantstr. 14 – 16 Tel.: 0228/2070–0 www.landesmuseum-bonn.lvr.de

 BOTTROP  

KUNSTVEREIN  Museum off Museum (bis 26.1.13) Welle 61 Tel.: 0521/178806 www.bielefelder-kunstverein.de

JOSEF ALBERS MUSEUM / QUADRAT   Robert Adams: The Place We Live. Eine Retrospektive seines Gesamtwerkes 1964 bis 2009 (bis 10.11.13) Im Stadtgarten 20 Tel.: 02041/29716 www.quadrat-bottrop.de

 BOCHUM  

 BRÜHL 

KUNSTMUSEUM BOCHUM  Concrete Poetry. Bridges – Die Sammlung des Fotoprojektes Emscher Zukunft (bis 27.10.13) Kortumstr. 147 Tel.: 0234/9104230 www.kunstmuseumbochum.de LWL-INDUSTRIEMUSEUM ZECHE HANNOVER  Glück auf! 25 Jahre Förderverein Zeche Hannover – 157 Jahre Zeche Hannover – 40 Jahre Stilllegung (bis 3.11.13) Kortumstr. 147 Tel.: 0234/51 60 030 www.lwl.org

 BONN   AUGUST-MACKE-HAUS  »Es ist fast zu schön hier«. August Macke und die Schweiz (11.10. – 19.1.14) Bornheimer Str. 96 Tel.: 0228/65 55 31 www.august-macke-haus.de HAUS DER GESCHICHTE DER  BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND  The American Way. Die USA in Deutschland (bis 2.2.14); Wir sind wir – Deutsch in Ost und West. Fotografien von Stefan Moses (bis Juni 14) Museumsmeile Willy-Brandt-Allee 14 Tel.: 0228/91 650 www.hdg.de

MAX ERNST MUSEUM  Man Ray – Fotograf im Paris der Surrealisten (bis 8.12.13); Das 20. Jahrhundert. Werke von Max Ernst aus der Schneppenheim-Stiftung (bis 24.11.13); Max Ernst – Im Garten der Nymphe Ascolie (bis 23.2.14) Comesstraße 42 / Max Ernst Allee 1 Tel.: 01805/743465 www.maxernstmuseum.lvr.de

 DORTMUND 

Dortmunder U – Zentrum für Kunst und Kreativität HMKV Industrial (Research) (bis 26.1.14); Axel Braun: Zugunsten einer Gesellschaft von morgen, für die wir heute schon bauen (bis 26.1.14); Requiem für eine Bank (bis 26.1.14) MUSEUM OSTWALL  Sammlung in Bewegung (bis 8.2.15); Klangkunstprogramm (bis 31.10.13) Leonie-Reygers-Terrasse Tel.: 0231/50 23247 www.dortmunder-u.de KUNSTVEREIN  Andreas Golinski: Die Lücke, die der Kasten lässt (bis 23.11.13) Hansastr. 2-4 Tel.: 0231/57 87 36 www.dortmunder-kunstverein.de MUSEUM FÜR KUNST UND KULTURGESCHICHTE  Rechtsextreme Gewalt in Deutschland 1990 – 2013 (bis 27.10.13); DEW Kunstpreis 2013 (bis 3.11.13) Hansastr. 3 Tel.: 0231/50 25522 www.dortmund.de

 DÜREN 

LEOPOLD-HOESCH-MUSEUM Von Lucas Cranach bis Wilhelm Trübner. Meisterwerke der Anhaltinischen Gemäldegalerie Dessau (bis 24.11.13); cOmeclOse Jan Albers. Dahlmann Preisträger 2013 (bis 24.11.13) Hoeschplatz 1 Tel.: 02421/25-2559 www.leopoldhoeschmuseum.de

 DÜSSELDORF 

Hetjens Museum In Meissener Manier. Berliner Porzellan der Manufaktur Wegely (bis 8.9.13); Kähler Keramik. Jugendstil und Art déco in Dänemark (26.9. – 9.2.14) Schulstr. 4 Tel.: 0211/89-94210 www.duesseldorf.de/hetjens/ K20 KUNSTSAMMLUNG Alexander Calder – Avantgarde in Bewegung (7.9. – 12.1.14); Zilvinas Kempinas (bis 12.1.14); Alfred Flechtheim.com – Kunsthändler der Avantgarde (8.10. – 12.1.14) Grabbeplatz 5 Tel.: 0211/83 81 - 130 www.kunstsammlung.de K21 KUNSTSAMMLUNG  Tomás Saraceno – in orbit (bis Herbst 14) Ständehausstr. 1 Tel.: 0211/83 81 600 www.kunstsammlung.de KAI 10  Collagierte Skulpturen (11.10. – 22.2.13) Kaistraße 10 Tel.: 0211/99 434 130 www.kaistrasse10.de KUNSTHALLE  André Thomkins. Eternal Network (19.10. – 5.1.14); Transfer Korea – NRW (19.10. – 5.1.14); Stille Wahrnehmung (bis 3.11.13) Grabbeplatz 4 40213 Düsseldorf Tel.: 0211/89 96 243 www.kunsthalle-duesseldorf.de www.kunst-im-tunnel.de KUNSTVEREIN FÜR DIE  RHEINLANDE UND WESTFALEN  Das Beste vom Besten. Vom riskanten Geschäft mit Kunst (19.10. – 5.1.14) Grabbeplatz 4 Tel.: 0211/32 70 23 www.kunstverein-duesseldorf.de MUSEUM KUNSTPALAST  50 Jahre Manufactum (bis 27.10.13); Candida Höfer (bis 9.2.14); Farbenfroh. Graphik aus der Sammlung Kemp (bis 27.10.13); Hommage à Gotthard Graubner (bis 19.1.13) Ehrenhof 4–5 Tel.: 0211/89 96 260 www.museum-kunstpalast.de

LEHMBRUCK MUSEUM  Moving Sculptures – Bewegte Skulpturen (bis 26.1.14); Frauen – Liebe Leben. Sammlung Klöcker (bis 20.10.13) Friedrich-Wilhelm-Str. 40 Tel.: 0203/283 26 30 www.lehmbruckmuseum.de

 ESSEN 

MUSEUM FOLKWANG  Thomas Schütte: Frauen (bis 12.1.14); Nowhere and Everywhere. Corporate Design. Der Logopionier Wilhelm Deffke (1887 – 1950) (bis 26.1.14); Ausstellen. 30 Jahre Künstlerförderung der Krupp-Stiftung (bis – 26.1.14) Museumsplatz 1 Tel.: 0201/8845444 www.museum-folkwang.de RUHRMUSEUM Kohle Global (bis 30.3.13) Zollverein A 14 (Schacht XII, Kohlenwäsche) Gelsenkirchener Str. 181 Tel.: 0201/88 45 200 www.ruhrmuseum.de VILLA HÜGEL Faszination Industrie – Krupp und der Maler Heinrich Kley (bis 30.11.13) Haraldstraße Tel.: 0201/61 62 9 0 www.villahuegel.de

 GELSENKIRCHEN   KUNSTMUSEUM  Marita G. Weiden: Farbe des Lichts (bis 6.10.13); Gereon Krebber: Hat da nicht gerade was gezuckt? (bis 27.10.13) Horster Str. 5-7 Tel.: 0209/169-4361  GOCH 

MUSEUM GOCH  Peter Reichenberger: Serielle Farbräume (bis 3.11.13) Kastellstr. 9 Tel.: 02823/97 08 11 www.museum-goch.de

 HAGEN 

EMIL SCHUMACHER MUSEUM  Emil Schumacher – Sommerfreuden (bis 24.11.13) Museumsplatz 1 Tel.: 02331/3060 066 www.kunstquartier-hagen.de OSTHAUS MUSEUM  Transfer Korea – NRW (20.10. – 12.1.14); Hagener Künstlerinnen und Künstler (bis 6.10.13); Hans Kotter: Light Flow (bis 12.1.14); Natur und Kunst (bis 27.10.13) Museumsplatz 3 Tel.: 02331/207 3129 www.kunstquartier-hagen.de

 HAMM 

NRW–FORUM KULTUR UND WIRTSCHAFT  Foto A-Z (28.9. – 5.1.13) Ehrenhof 2 Tel.: 0211/89 266 90 www.nrw-forum.de

GUSTAV-LÜBCKE-MUSEUM  Teilbereiche wg. Sanierung geschlossen Neue Bahnhofstraße 9 Tel.: 02381/17 57 14 www.hamm.de/gustav-luebcke-museum

 DUISBURG  

 HERFORD  

MUSEUM DKM  Richard Long: Rhine Driftwood Line (bis 6.1.14) Güntherstr. 13 - 15 Tel.: 0203/9355547-0 www.stiftung-dkm.de MUSEUM KÜPPERSMÜHLE MUSEUM FÜR MODERNE KUNST  Eberhard Havekost – Akademos (bis 20.10.13) Philosophenweg 57 Tel.: 0203/30 19 48 11 www.museum-kueppersmuehle.de

MARTA  6. Recycling Designpreis (bis 10.11.13); RuheStörung. Streifzüge durch die Welten der Collage (bis 26.1.14) Goebenstr. 4 – 10 Tel.: 0 52 21/99 44 30–0 www.marta-herford.de


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 KLEVE 

MUSEUM KURHAUS  Michael Reisch, Matthias Hoch, Astrid Nippoldt (bis 24.11.13) Tiergartenstr. 41 Tel.: 02821/75 010 www.museumkurhaus.de

 KÖLN 

FORUM FÜR FOTOGRAFIE  Robin Maddock: Our kids are going to hell (bis 3.11.13) Schönhauser Str. 8 Tel.: 0221/3401830 www.forum-fotografie.info KÄTHE KOLLWITZ MUSEUM Berliner Impressionismus. Werke der Berliner Secession aus der Nationalgalerie Berlin (10.10. – 26.1.14) Neumarkt 18 - 24 Tel.: 0221/227-2899 www.kollwitz.de KOELNISCHER KUNSTVEREIN  Ceal Floyer (bis 20.10.13) Hahnenstr. 6 Tel.: 0221/217021 www.koelnischerkunstverein.de KOLUMBA  Zeigen verhüllen verbergen. Schrein – Eine Ausstellung zur Ästhetik des Unsichtbaren (bis 31.8.14) Kolumbastr. 4 Tel.:0221/933193-0 www.kolumba.de MUSEUM FÜR ANGEWANDTE KUNST  Ein Museum im Glück: Meisterwerke Angewandter Kunst aus der Sammlung Overstolzengesellschaft (bis 8.12.13); Boys get skulls, girls get butterflies. Schmuck im MAKK (bis 15.12.13); Herzkammer. Die Grafische Sammlung des MAKK (26.10. – 16.2.14) An der Rechtschule Tel.: 0221/221-26735 www.museenkoeln.de/museum-fuerangewandte-kunst

SK STIFTUNG KULTUR  Bernd und Hilla Becher, Hochofenwerke (bis 26.1.14); Die Verzauberung der Welt. Die Klassik des Tanzes von 1713 – 1913 (bis 10.8.14) Im Mediapark 7 Tel.: 0221/888 95 100 www.sk-kultur.de WALLRAF-RICHARTZ-MUSEUM / FONDATION CORBOUD  Die Klecksographie – Zwischen Fingerübung und Seelenschau (bis 13.10.13); Geheimnisse der Maler. Köln im Mittelalter (bis 9.2.14); Sarah Westphal. Timpano (bis 2.2.14) Martinstraße 39 Tel.: 0221/221–211 19 www.museenkoeln.de/wallraf-richartzmuseum

 KREFELD 

MUSEUM HAUS ESTERS  Alicja Kwade. Grad der Gewissheit (bis 16.2.14) Wilhelmshofallee 91–97 Tel.: 02151/97 55 80 www.kunstmuseenkrefeld.de MUSEUM HAUS LANGE  Die Sammlung der Freunde der Kunstmuseen (bis 16.2.14) Wilhelmshofallee 91–97 Tel.: 02151/97 55 80 www.kunstmuseenkrefeld.de

 LEVERKUSEN 

MUSEUM MORSBROICH  Eine Handvoll Erde aus dem Paradies. Magische Bilder und Objekte aus dem Museum Morsbroich (bis 12.1.14) Gustav-Heinemann-Str. 80 Tel.: 0214/85 55 60 www.museum-morsbroich.de

 OBERHAUSEN 

 SOLINGEN   MUSEUM SOLINGEN  Paul Kleinschmidt (bis 17.11.13) Wuppertaler Str. 160 Tel.: 0212/258140 www.kunstmuseum-solingen.de

GASOMETER  Christo – Big Air Package (bis 30.12.13) Arenastr. 11 Tel.: 0208.850 37 30 www.gasometer.de LUDWIG GALERIE  SCHLOSS OBERHAUSEN  Christo – Big Air Package. Die originalen Entwürfe (bis 30.12.13); Hair! Das Haar in der Kunst (bis 12.1.14); Frohlocken. Der Arbeitskreis Oberhausener Künstler zu Gast in der Ludwiggalerie (13.10. – 12.1.14) Konrad-Adenauer-Allee 46 Tel.: 0208/4124928 www.ludwiggalerie.de

 PADERBORN 

DIÖZESANMUSEUM  Credo. Christianisierung Europas im Mittelalter (bis 3.11.13, auch im Museum in der Kaiserpfalz und in der Städtischen Galerie Am Abdinghof) Ikenberg 2 Tel.: 05251/88-2002 www.credo-ausstellung.de

 RECKLINGHAUSEN  

STÄDTISCHE KUNSTHALLE  Michael Sailstorfer. Young West (bis 29.9.13) Grosse-Perdekamp-Str. 25–27 Tel.: 02361/50 19 35 www.kunst-in-recklinghausen.de

MUSEUM FÜR GEGENWARTSKUNST  Fiona Tan. Ausgangspunkt (bis 27.10.13) Unteres Schloss 1 Tel.: 0271/40 57 70 www.mgk-siegen.de

 UNNA 

ZENTRUM FÜR INTERNATIONALE LICHTKUNST  Word’s Don’t Come Easily ... (bis 16.3.14) Lindenplatz 1 Tel.: 02303/103770 www.lichtkunst-unna.de

 WUPPERTAL 

SKULPTURENPARK WALDFRIEDEN  Harald Klingelhöller – Skulpturen (19.10. – 12.1.14) Hirschstraße 12 Tel.: 0202/551350 www.skulpturenpark-waldfrieden.de VON DER HEYDT MUSEUM  Sven Drühl. Werke 2001-2013 (bis 26.1., von der Heydt-Kunsthalle); Sammlung Gigoux. Von Cranach bis Géricault (15.10 – 32.2.14) Turmhof 8 Tel.: 0202/563 62 31 www.von-der-heydt-museum.de

SKULPTURENMUSEUM GLASKASTEN Marler Medienpreise 2013 (20.10. – 12.1.14) Creiler Platz Tel.: 02365/99 22 57 www.marl.de/skulpturenmuseum

 MÖNCHENGLADBACH 

MUSEUM LUDWIG  Louise Lawler. Adjusted (11.10. – 26.1.14); Not yet titled. Neu und für immer im Museum Ludwig (11.10. – 26.1.14) Bischofsgartenstr. 1 Tel.: 0221/221 26 165 www.museenkoeln.de/museum-ludwig/

KUNSTMUSEUM IN DER ALTEN POST  Max Beckmann: Von Europa nach Amerika. Zeichnungen aus dem Nachlass von Mathilde Q. Beckmann (bis 24.11.13); Otto Pankok zum 120. Geburtstag, Kohlebilder und Grafiken aus der Sammlung (bis 12.1.14); Arthur Kaufmann: Exil – Ein zweites Leben (bis 17.11.13) Viktoriaplatz 1 Tel.: 0208/4 55 41 38 www.kunstmuseum-mh.de

RÖMISCH-GERMANISCHES MUSEUM  Lyra, Tibiae, Cymbala. Musik im römischen Köln (bis 3.11.13) Roncalliplatz 4 Tel.: 0221/2212 44 38 www.museenkoeln.de/roemisch-germanisches-museum

 SIEGEN 

 MARL  

MUSEUM FÜR OSTASIATISCHE KUNST  Von Istanbul bis Yokohama: Die Reise der Kamera nach Osten 1839 – 1900 Universitätsstraße 100 Tel.: 0221/221-28608 www.museenkoeln.de/museum-fuerostasiatische-kunst

RAUTENSTRAUCH-JOEST-MUSEUM   Made in Oceania. Tapa – Kunst und Lebenswelten (12.10. – 27.4.14) Cäcilienstr. 29-33 Tel.: 0221/221 313 56 www.museenkoeln.de/rautenstrauch-joestmuseum

 NEUSS 

LANGEN-FOUNDATION  Manfred Kuttner. Werkschau (bis 6.10.13); Jorinde Voigt. Ludwig van Beethoven Sonate 1-32 (bis 2.2.14) Raketenstation Hombroich 1 Tel.: 02182/57 010 www.langenfoundation.de

MUSEUM  ABTEIBERG  Textiles: Open Letter (bis 10.11.13) Abteistr. 27 Tel.: 02161/25 26 31 www.museum-abteiberg.de

 MÜLHEIM AN DER RUHR 

 MÜNSTER 

KUNSTMUSEUM  PABLO PICASSO  Camille Pissarro – Mit den Augen eines Impressionisten (bis 17.11.13); Was ich Picasso schon immer sagen wollte (bis 17.11.13) Picassoplatz 1 Tel.: 0251/41 44 710 www.kunstmuseum-picasso-muenster.de LWL-LANDESMUSEUM FÜR KUNSTUND KULTURGESCHICHTE  Wg. Renovierung bis Herbst 2014 geschlossen Domplatz 10 Tel.: 0251/5907-01 http://www.lwl.org/LWL/Kultur/LWL-Landesmuseum-Muenster/

Große MittelalterAusstellung in Paderborn 26. Juli bis 3. November 2013 Diözesanmuseum · Kaiserpfalz · Städtische Galerie www.credo-ausstellung.de


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kunstverein

DER KÖLNISCHE KUNSTVEREIN

DES MONATS

TEXT: STEFANIE STADEL

… MIT CEAL FLOYER

Ceal Floyer: Ausstellungsansicht Kölnischer Kunstverein, 2013. Courtesy: Ceal Floyer / Esther Schipper, Berlin / Lisson Gallery, London / 303 Gallery, New York. Foto: Amelie Proché, © Kölnischer Kunstverein, 2013.

Sie ist große Bühnen gewöhnt. 2007 ergatterte Ceal Floyer den Preis der Berliner Nationalgalerie für junge Kunst, zwei Jahre darauf projizierte sie auf der Venedig-Biennale einen Bonsai-Baum in Übergröße an die Wand. Und jüngst stand die schlanke blonde Frau im Blitzgewitter der Documenta 13: Zur Eröffnung kaute sich Floyer dort vor laut verstärkendem Mikro minutenlang ungeniert die Fingernägel ab. »Nail-Biting«, der Titel der Performance, bedeutet im Englischen auch »nervenzerreißend« und sollte wohl auf die Stimmung vor der Eröffnungsrede anspielen. Nicht umsonst ist Floyer bekannt für ihren treffenden Humor, den Scharfsinn, die auf den ersten Blick so wunderbar leicht zugänglichen Botschaften. Ihre schlichten, ironischen, ungezwungenen Konzeptkunststücke in der Tradition eines René Magritte oder eines Marcel Duchamp funktionieren auch in kleinerem Rahmen. Zur Zeit kann sich der Kölnische Kunstverein mit einem Arrangement aus älteren und neuen Arbeiten schmücken, das die 1968 in Pakistan geborene, seit Jahren in Berlin lebende Britin eigens für diesen Anlass konzipierten hat. Das zentrale Werk ist zwar schon über zehn Jahre alt, doch scheint es wie gemacht für die große Ausstellungshalle mit ihren bodentiefen Fensterfronten. Floyer ließ sie auf ganzer Fläche verkleben – durch hunderte dunkler Vögel, wie man sie von den verglasten Fassaden öffentlicher Gebäude kennt. Während die schattenhaften Silhouetten dort allerdings nur vereinzelt die Flügel aufspannen, verstellen sie im Kölnischen Kunstverein nun dicht an dicht die Aussicht. Man mag an Hitchcocks HorrorVögel denken und hinter dem Titel des Werks ein gewitztes Wortspiel erahnen. »Warning Birds« warnt nicht den Vogel vor dem verhängnisvollen Flug gegen die Scheibe, sondern eher wohl uns vor der Bedrohung der schwarzen Schwärme. Mit ähnlicher Leichtigkeit begegnet die Künstlerin den Sanierungsarbeiten am Dach des Kunstvereins. Pünktlich zur Eröffnung ihrer Kölner

Ausstellung wurden dafür einige der großen Fenster in der Galerie verhängt. Statt sich zu ärgern, holte Floyer einen großen schwarzen Plastikeimer aus ihrem Fundus. Es hört sich ganz so an, als sei er eigens in die Ecke gestellt worden, um dicke Wassertropfen aufzufangen, die durchs kaputte Dach zu Boden fallen. Darauf zumindest lässt jenes laute Ploppen schließen, das aus dem Eimer dringt. Doch mit Blick nach oben ist kein Leck auszumachen, und statt des erwarteten Wassers erblickt man im Eimer einen laufenden CD-Player samt Lautsprecher. Floyers kleine, feine Spielereien geben im Kölnischen Kunstverein sozusagen einen Vorgeschmack. Es ist die Antrittsvorstellung des neuen Direktors Moritz Wesseler, der erst im Juli die Nachfolge des vorzeitig nach Basel abgewanderten Søren Grammel übernommen hat. Wesseler konnte die Britin nach der Absage einer eingeplanten Ausstellung kurzfristig ins Haus holen und damit einen Volltreffer landen – in der großen Halle, im schwarzen Wassereimer und ebenso im Kinosaal des Kunstvereins. Leise Klänge unbekannter Filmmusik locken dort ins Dunkel. Doch kommen wir immer zu spät: Die Vorstellung scheint am Ende, in Endlosschleife läuft der total unscharfe, absolut unleserliche Abspann von unten nach oben über die Leinwand. Vielleicht waren es ja Hitchcocks »Vögel« INFO

Bis 20. Oktober 2013 Kölnischer Kunstverein Tel.: 0221/217021 www.koelnischerkunstverein.de


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DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

KLASSIK-SPECIAL HERBST KINDER UND KLASSIK: DIE KONZERTHÄUSER UND DAS JÜNGSTE PUBLIKUM HERAUSRAGENDE KONZERTE, GASTSPIELSTARS, CD-EMPFEHLUNGEN


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60 Vorschau auf die wichtigsten Konzerte im Herbst

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SONDERAUSGABE K.WEST KLASSIK SPECIAL K.WEST erscheint monatlich im Verlag K-West GmbH Heßlerstraße 37 45329 Essen Tel.: 0201/86 206-33 Fax: 0201/86 206-22 REDAKTION V.i.S.d.P.: U. Deuter A. Wilink

LAYOUT Herweg/Michalakopoulos/ Pecher ANZEIGEN & MARKETING MaschMedia, Oberhausen DRUCK WAZ Druck, Duisburg TITELFOTO Kind und Instrument in der Düsseldorfer Tonhalle. Foto: Susanne Diesner

50 DIE GESELLSCHAFT WILL SPIELEN Wie widmen sich die Konzerthäuser dem Nachwuchs und lassen Musik sinnlich erfühlen? Antworten aus Dortmund, Düsseldorf und Köln. 54 MIT PFIFF Die Düsseldorfer »SingPause«: Ein musikalisches Förderprojekt mit Modellcharakter

56 AUF HERMES’ SPUR Leonidas Kavakos und Enrico Pace gastieren in der Philharmonie Essen. 58 HINGEHÖRT Neue CD-Aufnahmen mit NRW-Beteiligung 60 KLASSIK IM HERBST Herausragende Konzerte, Gastspielstars, CD-Tipps

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DIE GESELLSCHAFT WILL SPIELEN TEXT: CHRISTOPH VRATZ

Staunen nach Noten bei den Veedelkonzerten in Köln. Foto: Volker Strüh


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…gerade auch ihr jüngster Teil. Wie widmen sich die Konzerthäuser dem Nachwuchs und lassen Musik sinnlich erfühlen? Antworten am Beispiel Dortmund, Düsseldorf und Köln.

Ob komplizierte Barockfugen oder gewagte Dissonanzen in der Neuen Musik: Kleinkindern ist ziemlich egal, was man ihnen vorsetzt, ihre Aufmerksamkeit scheint garantiert. Basierend auf amerikanischen Studien, wonach Mozart & Co. selbst auf Kleinste positive Wirkung ausüben, haben sich hierzulande etliche Modelle entwickelt, um Begeisterung für Musik schon bei den Jüngsten zu wecken. In NRW gibt es eine Fülle von Angeboten für ein Nachwuchs-Publikum. In Köln treffen sie sich auch außerhalb des philharmonischen Raumes, in den Veedeln (Vierteln), etwa im Bürgerzentrum Engelshof. Kinderwagen schiebende Mütter, die sich nicht zur Gymnastik oder Krabbelgruppe einfinden, sondern zum Babykonzert. Der Raum füllt sich schnell. Sofort werden die mitgebrachten Ausrüstungen ausgebreitet: Bananen, Digitalkameras, Stifte und Flaschen in allen Größen. Vorn liegen Krabbelmatten. Auf der Bühne wird, je nach Besetzung, gefiedelt, getrommelt, geblasen. Stücke von unterschiedlicher Länge und Form, maximal eine Stunde lang. Schon seit mehreren Jahren gibt es diese Konzerte für die Kleinsten. Was anfangs einem Experiment glich, hat sich bewährt. »Uns kommt es darauf an, den Bereich Musikvermittlung als lückenloses Angebot zu formen«, betont Othmar Gimpel von der Kölner Philharmonie: »An die Babykonzerte schließen wir mit den Mini-Konzerten an für Kinder zwischen eins und vier Jahren. Es folgen die Familienkonzerte im Veedel und für Kinder ab circa acht bis zehn Jahren die Konzerte in der Philharmonie.« Was noch in den 90er Jahren unter dem Sammelbegriff Familienkonzert als Einheitsformat verpackt wurde, hat sich in eine Fülle von Varianten ausdifferenziert. Aus dem mo-

natlichen Pflichtauftritt der kommunalen Sinfonieorchester mit leicht verdaulichen Programmen entspann sich ein dichtes Netz aus Sparten-Angeboten, oft entwickelt von eigens engagierten Konzertpädagogen. Wie in Bonn, wo Thomas Honickel nun seinen Abschied feierte, nachdem er in fünfjähriger Arbeit fast 100.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in neu etablierten Reihen in der Beethovenhalle und im Opernhaus zusammengeführt hat. Für zwei seiner Produktionen, aufgeführt mit dem Beethoven Orchester, gab es einen ECHO-Preis: für die Weltersteinspielung von John Rutters Kinderoper »The Piper of Hamelin« und die auf Dvořáks Neunter basierende Produktion »Komm! Wir fahren nach Amerika«. Wohlklang, Restschall und Nachhall – bundesweit wird an Konzepten und Ideen für den Nachwuchs gefeilt, versuchen Veranstalter und Agenten, das Publikum von morgen zu generieren. Oder ist das etwa nicht das eigentliche Ziel? »Es gibt nicht das ›Publikum von morgen‹«, behauptet Tonhalle-Intendant Michael Becker in Düsseldorf. »Wir versuchen nicht, Kinder vorzubereiten auf das erste ›richtige‹ Konzert, denn jedes Konzert ist ein richtiges Konzert. Kinder bewegen sich in unserem Angebot genauso wie die Erwachsenen.« Auch in der Landeshauptstadt sind die Offerten mittlerweile vielfältig, Konzerte für Ungeborene inklusive. Bei so viel Möglichem könnte man fürchten, dass sich die Signale gegenseitig übertönen und es sich insgesamt um eine Mode handelt, die in ein paar Jahren mit Pauken und Trompeten wieder verklungen sein wird. Doch Becker widerspricht. Die Gesellschaft habe sich verändert: »Früher

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Dienstag | 26. November 2013 | 20 Uhr | Konzerthaus Dortmund Igor Strawinsky | Petruschka Hector Berlioz | Römischer Karneval Ouvertüre op. 9 Ottorino Respighi | Pini di Roma Sinfonieorchester Orchesterzentrum|NRW Dirigentin | Karen Kamensek •

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Kinder an die Macht in der Düsseldorfer Tonhalle. Foto: Susanne Diesner

fand die Vermittlung in der Familie und der Schule statt. Bei mir und meinen Schulfreunden hat der Frontalunterricht viel an Musikbegeisterung und -verständnis abgezogen. Heute ist diese ex cathedra-Haltung dem spielerischen Ansatz gewichen, der sich in einem Konzerthaus sinnvoller umsetzen lässt. Die Gesellschaft will spielen. Das kommt der Musikvermittlung sehr entgegen.« Daher ist Nachhaltigkeit überall zentrales Anliegen. Sorge mit Blick auf einen Verpuffungseffekt gibt’s nicht, auch nicht in Köln. »Wenn die ersten Erlebnisse positiv sind, motiviert das zur Fortsetzung. Deswegen setzen wir, schon bei den Kleinsten, auf höchstes Niveau. Nur wenn ein Angebot von solcher Qualität ist, kann es dauerhaft Erfolg haben«, so Othmar Gimpel. Das NachhaltigkeitsKonzept umfasst daher auch engen Kontakt mit Schulen. »Unser Angebot ist inzwischen integraler Bestandteil des Unterrichts geworden.« Und das nicht nur in dem Sinne, dass zwei Musiker ihre Instrumente einpacken und mit schwerem Blech goldenen Glanz verbreiten oder neutönende Saiten aufziehen. Vielleicht sind die Berührungsängste mit dem hehren Gut Klassik auch gar nicht (mehr) so groß, wie gemeinhin angenommen. Für die Kölner jedenfalls war es eine wichtige Erfahrung, dass das Interesse von Schülern auch an klassischem Musik-Konsum groß ist. »Die Musik zu ihnen zu bringen, war dabei weniger interessant. Viel wichtiger ist für Schulklassen, direkt in die Philharmonie zu kommen.« Daher hat man die Schulkonzerte der Reihe »PhilharmonieVeedel« abgeschafft

und neuen Raum geschaffen für die Mini-Konzerte, speziell für eine Altersgruppe, für die es wenig bis gar keine musikalischen Angebote dieser Art gibt. Alternativ ist die aktive Einbindung der jungen Konzertbesucher, wie sie in Düsseldorf betrieben wird: »Unsere Reihe ›3-2-1-Ignition‹ wird musikalisch und ästhetisch von Jugendlichen mitgestaltet«, sagt Michael Becker. »Zum Teil von allen Besuchern, zum Teil von Projektgruppen. Wichtig ist: Die Jugendlichen werden ernst genommen und wir rekrutieren nicht über Schulen.« Oft entziehen sich die Kinder- und Jugendprogramme geschickt jeder Schematisierung: Klassik, Jazz, Weltmusik, Pop – Schubladendenken ist passé, wie in Dortmund der Erfolg des einzigen deutschen Pop-Abos zeigt, das zum Dauerläufer wurde. »Im Pop-Abo zeigt das Publikum ein hohes Maß an Treue, was sich teilweise in der blinden Abo-Verlängerung äußert, noch bevor die Acts der nächsten Saison veröffentlicht sind«, erläutert Jan Boecker vom Konzerthaus. Gewiss spekuliert man darauf, dass der eine oder andere, der beim Pop-Abo heimisch wurde, auch einen Seitensprung zur Klassik wagt. Die Art der Vermittlung läuft nicht nur über altersspezifische Differenzierung, sondern auch über die Art der Wahrnehmung: Musik zum Begreifen, das war gestern. Musik zum Hören, das versteht sich von selbst. Immer wichtiger wird jedoch: Musik zum Fühlen! »Wir Erwachsenen nehmen uns damit oft zurück«, stellt Becker fest. »Doch wir versuchen, das Fühlen, die Empfindsamkeit in diesen Kon-


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Ob im kreativen Bereich, in der direkten Begegnung mit Musikern, ob in der Förderung junger Talente, der Zusammenarbeit mit Schulen und anderen Institutionen oder ob in der Einbindung von Kindern und Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten – die Vernetzung der Nachwuchsförderung erhält immer höheren Stellenwert. Subventionsabbau, Überalterung des Publikums, ein verkrustetes Repertoire, sterile Abläufe – all die düsteren Aussichten und Gewitterwolken, die über dem Konzert-Alltag gesichtet werden, scheinen bei der Vielfalt heutiger Früh-Programme wie weggeblasen.

INFO

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zerten zu bewahren. Daher unser Claim ›Einfach fühlen‹. Die jüngsten Besucher haben uns in der Beziehung viel voraus. Wir möchten das beim Älterwerden erhalten.« Auch in Köln wertet man diesen Ansatz als wesentliche Vermittlungsform: »Das sinnliche Wahrnehmen ist ähnlich wie das spielerische Wahrnehmen eine zentrale pädagogische Maßnahme, um die Musik nicht allein mit dem Wort zu erklären, zumal Musik eben ein sinnliches Produkt ist«, so Othmar Gimpel. »Wenn ich durch den Wald gehe und Vogelstimmen bewusst höre, kann ich mir die Idee eines Olivier Messiaen viel besser erklären, als wenn ich drei Biografien über ihn lese. Letztlich müsste es eigentlich heißen – mit allen Sinnen«. Irgendwie scheinen das auch die Kleinsten zu spüren. Ein Blick in die Babykonzerte zeigt: Oft herrscht plötzlich, mit dem ersten Ton, eine andere Stimmung im Raum, der polyphone Summchor der Babystimmen verstummt, die Aufmerksamkeit gilt den Klängen vorn auf der Bühne. Natürlich bleibt es dann nicht eine Stunde lang ehrfürchtig still, im Gegenteil, es darf und soll auch mitgesungen oder mitgetanzt werden; und nicht selten sind es die Eltern, die verblüfft feststellen: »Mein Kind reagiert auf Musik…«

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54 | KLASSIK SPECIAL

MIT PFIFF TEXT: REGINE MÜLLER Die Düsseldorfer »SingPause«: Ein musikalisches Förderprojekt mit Modellcharakter.

Mit dem Singen verhält es sich wie mit dem Kochen: Im Fernsehen erzielen Sängerwettstreite wie »Deutschland sucht den Superstar« und Koch-Shows Traumquoten, doch im Alltagsleben wird Fastfood gegessen und kaum noch gesungen. Nicht einmal in den Schulen, wo Musiklehrer Mangelware sind. Rühmliche Ausnahme dieser nicht zuletzt auch institutionellen Verstummung bietet Düsseldorf. Dort wurde bereits 2006 aus privater Initiative mit kommunaler Unterstützung ein Förderprojekt gestartet, das Kinder schon im Grundschulalter systematisch ans Singen heranführt. »SingPause« lautet der einprägsame Name des Projektes, das mit fünf Pilot-Schulen begann und mittlerweile an 58 Grundschulen mit überwältigendem Erfolg läuft. Der alteingesessene, traditionreiche Konzertchor »Musikverein zu Düsseldorf«, der schon von Schumann und Mendelssohn geleitet wurde, fand die zündende Idee, entwickelt von der Chorleiterin Marieddy Rossetto und dem Vorsitzenden des Laienchors, Manfred Hill. Mit 12.000 Schülern ist nunmehr die Hälfte der Düsseldorfer Grundschüler in das Projekt eingebunden. Und es werden immer mehr, etliche Schulen stehen auf der Warteliste. Die Grundschule an der Rolandstraße in Golz-

heim war eine der glücklichen Pilot-Adressen. Zweimal in der Woche heißt es für die Kinder dort: SingPause! Dafür geben die Lehrer gern jeweils 20 Minuten des regulären Pensums an die Sängerinnen und Sänger ab, die von Klasse zu Klasse wandern. Unterrichtet werden die Kinder von Profis mit abgeschlossenem Gesangsstudium. Annette Müller ist eine Frau der ersten Stunde und seit Beginn mit dabei: »Es gibt immer wieder Kinder, die sich anfangs nicht trauen oder einfach falsch singen, und man stößt auch mal an Grenzen des Machbaren. Aber viel öfter kommt es vor, dass Stimmen sich plötzlich öffnen und die Kinder wirklich große Erfolgserlebnisse haben. Es gibt keinen Schüler, der überhaupt nichts hat von der SingPause.« Wie alle Singleiter hat auch Annette Müller eine Ausbildung in der »Ward-Methode« absolviert, die so anschaulich wie leicht praktizierbar ist. Stimmübungen, Musik, Bewegung und Improvisation sind die variablen Bausteine dieser ganzheitlich orientierten musikalischen Erziehung. Als Hilfe bei der Entwicklung des tonalen Vorstellungsvermögens verwendet man Handzeichen. Jeder Ton wird einer bestimmten Körperstelle zugeordnet. Finanziert wird die Organisation der »SingPause« und die Arbeit der Singleiter zu je einem Drittel vom Kulturamt der Stadt, dem Schulverwaltungsamt und privaten Sponsoren. Manfred Hill ist davon überzeugt, dass die Idee sich weiterhin ausbreiten und womöglich bundesweit Schule machen wird: »Der Pfiff ist wirklich, dass es leicht zu realisieren ist und dass keine riesigen Programme geschrieben und jahrelang verhandelt werden. Es ist ein Macherprogramm.« Verglichen mit dem teuren, aufwändigen JEKIProjekt (»Jedem Kind ein Instrument«) ist die »SingPause« eine verblüffend effiziente, schlank organisierte Sache. Allerdings immer noch finanziell nicht dauerhaft gesichert, überregional politisch ignoriert und stark auf Sponsoren angewiesen. Manfred Hill sorgt sich: »Spender, die ein so großes Projekt derart lange vermeintlich problemlos laufen sehen, erlahmen in ihrer Unterstützungsbereitschaft.«


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Das Feuilleton für NRW Madonna: Die Künstlerin als Geschäftsfrau // Expertenkommission: Die große Flurbereinigung in der Kultur // RuhrTriennale: Bondy / Kamerun / van Hove // Stadtplan: Köln baut um // Kulturgeschichte: Rom endet in Bonn // Termine und Tipps

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K.WEST ISSN 1613-4273 NO.07 JULI/AUGUST 2012 5.80 ¤

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.07 JULI/AUGUST 2011 5.80 ¤

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Warum Gott keine Knollennase hat: Ralf Königs ComicGenesis // Warum eine Moschee anders aussehen muss: Planung in Köln, Vollendung in Duisburg // Warum Herbert Fritsch in Oberhausen inszeniert // Warum Stefan Soltesz gern Brünnhilde wäre // Termine und Tipps

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

© Art Spiegelman

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

KLASSIKSPECIAL

DÜSSELDORFS NEUE SCHAUSPIEL-ÄRA: PORTRÄT CHRISTOPH LUSER / INTERVIEW STAFFAN VALDEMAR HOLM KRIEGSFOTOGRAFIE DURCHS MAGNUM-OBJEKTIV IM NRW FORUM 50 JAHRE ANWERBEABKOMMEN TÜRKEI

ART SPIEGELMANS »CO-MIX« IN KÖLN ANDREAS GURSKYS WELTTHEATER IN DÜSSELDORF CHRISTOPH SCHLINGENSIEFS NACHLASS KULTURMINISTERIN UTE SCHÄFERS PLÄNE

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.10 OKTOBER 2012 4.50 ¤ K.WEST ISSN 1613-4273 NO.10 OKTOBER 2011 4.50 ¤

4,50 EURO

K.WEST

ISSN 1613-4273

NO.11

NOVEMBER 2009

4,50 EURO

Das Feuilleton für NRW Karrierestart: Alexander Esters // Werkschauen: Alex Katz und Claude Monet // Festivals: Filmwoche Duisburg und Impulse // Besuch bei der Piratenpartei // 40 Jahre ReformUni Bielefeld // Tanzmisere in Köln und Bonn // Termine und Tipps

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KLANG-FUSION: PHILIPPE JAROUSSKY UND CONCERTO KÖLN THEATER-ANFÄNGE: BOCHUM, DORTMUND, ESSEN NEUERÖFFNUNG: KÖLNS KULTURZENTRUM AM NEUMARKT HORIZONTE: DUISBURGER FILMWOCHE EINDRÜCKE AUS CHINA UND ISTANBUL

NUTELLA UND PENATENCREME: THOMAS RENTMEISTER IN BONN DIE KUNDENUNIVERSITÄT: STUDENT 2.0 NEUES MOYLAND, ALTER ZANK KÖLNS KUNST IM MITTELALTER

FECHTEN, HAUEN, FALLEN: DER KAMPF-CHOREOGRAF KLAUS FIGGE GEMA CONTRA CLUBS DAS KULTURVERSTÄNDNIS DER PIRATENPARTEI DAVID HOCKNEY IN KÖLN, RUBENS IN WUPPERTAL

0 K.WEST ISSN 1613-4273 NO.11 NOVEMBER 2011 4.50 ¤

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.11 NOVEMBER 2010 4.50 ¤

NO.12

DEZEMBER 2008

4,50 EURO

Geburtstagskinder: Mechthild Großmann / Heine und Heino // Künstlerpaare: Felix und Irmel Droese nebst anderen // Ist Ruhr.2010 machbar?: KulturhauptstadtDirektor KarlHeinz Petzinka // Ist die Wirtschaft zu retten?: Die Alanus Hochschule // Termine und Tipps

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ISSN 1613-4273

NO.12/01

DEZEMBER 2009/JANUAR 2010

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Das Feuilleton für NRW Sensationell neu: Museum Folkwang und Ruhr Museum in Essen // Museum des Jahres: Schloss Morsbroich in Leverkusen // David Lynch als Maler // Hommage an den BauschTänzer Lutz Förster // Termine und Tipps

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.11 NOVEMBER 2012 4.50 ¤

TOM TYKWER ERZÄHLT VON DER LIEBE VOR ORT: WO ÜBERALL BEUYS WAR AMERIKAS BILDER: MITCH EPSTEIN IN BONN STADTPLANUNG AN RHEIN UND RUHR K.WEST ISSN 1613-4273 NO.12/01 DEZEMBER 2010/JANUAR 2011 5.80 ¤

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40 SEITEN VORSCHAU 2013

30 SEITEN VORSCHAU 2012

30 SEITEN VORSCHAU 2011

Mit

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KulturWegweiser 2010

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Das Feuilleton für NRW

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Zu winzig? Andreas Gurskys Miniaturfotografie in Krefeld // Zu wenig? Das Programm der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 // Gerühmt: Gerhard Richter, Tilman Rammstedt, Dimiter Gotscheff, Christof Loy // Termine und Tipps

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Das Feuilleton für NRW

PETER WEISS-PREIS: FATIH AKIN IM GESPRÄCH VOM ENDE DES TANZTHEATERS CHRISTOPH MARTHALER INSZENIERT AM SCHAUSPIEL, FÜNF COUNTERTENÖRE SINGEN AN DER OPER KÖLN NRW-STAATSPREISTRÄGERIN MONIKA HAUSER ERZÄHLT

ALS WÄR’S EIN STÜCK VON OCCUPY: SCHORSCH KAMERUN INSZENIERT IN KÖLN INTERVIEWS MIT ANDREA BRETH + HEINER GOEBBELS DEM KUNSTMARKT AUF DER SPUR WEIHNACHTSMÄRCHEN, WEIHNACHTSMÄRKTE

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10 JAHRE KUNST, BÜHNE, MUSIK, DESIGN, FILM, LITERATUR

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56 | KLASSIK SPECIAL

AUF HERMES’ SPUR TEXT: ANKE DEMIRSOY

Leonidas Kavakos und Enrico Pace gastieren in der Philharmonie Essen.

Das einst volle Gesicht ist schmal geworden, der Schnauzer einem Dreitagebart gewichen, das unförmige gläserne Kassengestell auf der Nase durch eine moderne Hornbrille ersetzt. Durch sie blickt ein dunkles Augenpaar, ernst und konzentriert. Auch wenn Äußerlichkeiten nichts über die Qualität eines Musikers aussagen, erzählen sie zuweilen von einer künstlerischen Entwicklung, spiegeln die Ausprägung einer Persönlichkeit. Leonidas Kavakos ist dafür ein gutes Beispiel. Aus dem griechischen Violinvirtuosen, geboren 1967 in Athen, wurde ein Musiker, der weltweit konzertiert und in globalen Zusammenhängen denkt und der inzwischen auch als Dirigent und Lehrer nach Ausdruck sucht. Dabei geht er analytisch vor, zuweilen akribisch. Doch entstehen seine Interpretationen aus einem zutiefst humanen Geist. Inspiration geht vor Perfektion, an die Kavakos ohnehin nicht glaubt. Lieber spricht er von Vollendung, vor allem im Zusammenhang mit seinem kostbaren Instrument, der »Abergavenny-Stradivari« von 1724. Benannt wurde die Geige nach einer walisischen Ortschaft, deren Domherr zu ihren Vorbesitzern zählte. Seit drei Jahren lebt und arbeitet Kavakos mit dieser Violine. Auf ihr hat er die Gesamtaufnahme von Beethovens Violinsonaten eingespielt, für die er in diesen Tagen in Berlin den ECHO-Klassik als Instrumentalist des Jahres entgegen nimmt. Die kongeniale Leistung seines Klavierpartners Enrico Pace wird durch diese Kategorie freilich schmählich übergangen. Dabei musiziert der Italiener auf absolut ebenbürtigem Niveau: intelligent, furios, detailbesessen. Im Sommer erst war das im Fernsehen zu sehen, als der Beethoven-Zyklus beider Künstler von den Salzburger Festspielen aufgezeichnet und ausgestrahlt wurde. Live ist das Duo nun in der Philharmonie Essen zu erleben. Beethoven erklingt aber nur zu Beginn: Seiner Sonate Nr. 7 in c-Moll folgen Claude Debussys farbenreiche Sonate g-Moll und die träumerische »Sonate posthume« von Maurice Ravel. Den Abschluss bildet eine Rarität des Violinrepertoires, die Sonate h-Moll von Ottorino Respighi. Es wird der einzige Auftritt in Deutschland bleiben. Kavakos tourt bis Ende des Jahres vorwiegend als Solist. Und auch als Dirigent – im Frühjahr 2014 zum Beispiel mit dem Gürzenich Orchester in der Kölner Philharmonie. Für eine Reihe von Aufführungen der Violinsonaten von Johannes Brahms tut er sich mit der chinesischen Pianistin Yuja Wang zusammen.

Leonidas Kavakos. Foto: Decca / Daniel Regan

So sehr Kavakos im internationalen Musikleben zu Hause ist, so wenig Wert legt er auf glamouröse Kampagnen. Fotoreportagen, Hochglanzbilder, Starkult – für derlei hat er nicht viel übrig. Nicht einmal eine eigene Homepage findet sich im Internet. Wo sich Musik mit Industrie verbindet, wo Klassik zum Business wird, reagiert Kavakos ablehnend. Musik zur Selbstprofilierung zu betreiben, das bedeute doch, sie zu missbrauchen, sagt er. Den Erfolg eines David Garrett verglich er mit dem von Coca Cola: »eine Marke, die man konsumiert. Erkenntnis gewinnt man dadurch nicht«. Kavakos liebt das griechische Wort Ermenia, das übersetzt Interpretation bedeutet. Weil sein Ursprung auf Hermes verweist, den Götterboten mit den Flügelschuhen. Kavakos’ Violin-Ton ist schlank und elegant, zugleich intensiv fokussiert. Intellekt paart sich mit Instinkt und Tiefgründigkeit. Das spiegelt sich in seinem wie dunkel geränderten Blick, der kaum je an Wärme verliert. Nicht einmal dann, wenn er herbe Kritik übt: an seinem Heimatland, an gesellschaftlichen Entwicklungen oder am Zustand der Welt. Kavakos igelt sich nicht ein in der Kunst. Griechenlands Misere treibt ihn ebenso um wie das mannigfache Elend hinter schönen Fassaden. »Die heutige Welt funktioniert doch auf eine völlig unmenschliche und unkulturelle Art und Weise«, sagt der Geiger. Die Kunst sei eine stete Suche nach der Wahrheit: »Deshalb wird sie auch heute so sehr gebraucht. Mehr denn je.«

INFO

16. Oktober 2013, Philharmonie Essen www.philharmonie-essen.de


Stummfilmgala Aida

Deutschland 1913; 16 Min.

Richard Wagner

Deutschland 1913; 76 Min.

Es spielen Solisten der Essener Philharmoniker unter der Leitung von Helmut Imig

Sonntag, 20. Oktober 19.00 Uhr

Eintritt: Loge: 24,- | Balkon, Rang, Parkett: 20,- | erm. 15,- Euro Vorverkauf an der Kasse der Lichtburg (werktags ab 12.00 Uhr, sonntags ab 15.00 Uhr) Lichtburg Essen • Kettwiger Str. 36 • 45127 Essen • Tel. 0201 / 23 10 23 • www.lichtburg-essen.de


58 | KLASSIK SPECIAL

HINGEHÖRT

Neue CD-Aufnahmen mit NRW-Beteiligung

TEXT: Guido fischer  WEISE VON LIEBE UND TOD  Von Arnold Schönberg wurde Viktor Ullmann in Wien unterrichtet und von Alexander von Zemlinsky gefördert. Bis in die 1930er Jahre hinein sorgte der Österreicher mit seinen polytonalen Werken für Aufsehen. Im Gegensatz zu seinem alten Lehrer aber, der sich noch rechtzeitig in die USA retten konnte, wurde Ullmann nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet. Zu seinen letzten Stücken, die er im Lager schrieb, gehört die Vertonung der Erzählung »Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke« von Rainer Maria Rilke. In der vom ehemaligen Düsseldorfer Kirchenmusikdirektor Martin Schmeding eingerichteten Fassung für Orgel und Sprecher (Torsten Meyer) herrscht beklemmende Fin de siècle-Stimmung. Gerade die Mischung aus melodramatischer Rezitation der Geschichte eines im Krieg gefallenen Helden und fiebrig-expressionistischer Klangsprache erinnert stark an Schönbergs »Pierrot lunaire«. Zudem spielt Schmeding an der Eule-Orgel der Duisburger Mercatorhalle Schönbergs äußerst übersichtliches Orgelschaffen. Entgegen seiner eher abschätzigen Meinung, die er von dem Instrument hatte, zeigte er sich 1941 durchaus von ihr inspiriert. Martin Schmeding, Torsten Meyer: Schönberg »Orgelwerk, Ullmann »Die Weise von Liebe und Tod…« (ARS / Note 1 ARS 38117)

  ALL THAT JAZZ  Seit Peter Herbolzheimer vor 25 Jahren das in Bonn beheimatete Bundesjazzorchester ins Leben rief, wurde das offizielle Jugendjazzorchester der Bundesrepublik zur Edelschmiede für namhafte Musiker. Ob Till Brönner, Roger Cicero, Nils Wogram oder Julia Hülsmann – alle haben beim BuJazzO klassische Bigband-Luft inhaliert. Das Jubiläum feiert man zusammen mit den künstlerischen Leitern Jiggs Whigham und Niels Klein mit einer mehr als nur repräsentativen Doppel-CD. Für die mit »At The Jazz

Band Ball« betitelte CD hat Whigham Standards von Duke Ellington bis George Gershwin arrangieren lassen, um sie von den jungen Jazztalenten auch unter swingenden Starkstrom zu setzen. Zwar gibt es auch auf der von Niels Klein kuratierten zweiten CD »Next Generation« manch eine Reverenzen an die Tradition etwa eines Charlie Parker. Zwischendurch können sich die Musiker experimentell quirlig in Szene setzen, wie in Matthias Schriefls Klanggabe »Ameisen in Stockholm«. Bundesjazzorchester »25« (Double Moon / New Arts Int. 71124)

  BUNTER STRAUSS  Wenn »Don Quixotte« am Ende von Richard Strauss’ Orchesterwerk das Zeitliche segnet, hat man all die Glanztaten im Ohr, die Markus Stenz mit dem Gürzenich-Orchester Köln und Cellist Alban Gerhardt dieser geistvoll-illustrativen Musik abgewinnt. Burlesk blökt das Orchester in der mit ihren berühmten Dissonanzen gefüllten Schafsszene. Mit sattem, aber transparentem Sound schwingt man sich in die Lüfte. Wenn der Ritter seine Dulcinea anschmachtet, tut sich mit den Harfen und Gerhardts wundervoll elegischem Spiel bildhaft der Himmel auf. Bei diesem Team stimmt alles: plastische Durchformung, musikantisches Temperament, Spaß und Atem. Wenn tragische Tiefe gefragt ist, widersteht man gekonnt dem grundsätzlich bei Strauss oft zu hörenden, zuckersüß gerinnenden Espressivo. Dass diese Musik einem dennoch unter die Haut geht, zeigt Gerhardt in seiner Abschiedsarie ohne Worte. Bei »Till Eulenspiegels lustigen Streichen« schaltet Stenz dann einen Gang höher, um orchestrale Brillanz zu erreichen. Im turbulenten 1. Streich mit seinen rotierenden Ratschen scheint er seinen Lieblings-Komponisten Mahler durchs Hinterfenster einsteigen zu lassen. Markus Stenz, Gürzenich-Orchester Köln, Alban Gerhardt: Strauss »Don Quixote, Till Eulenspiegels lustige Streiche« (Hyperion / New Arts Int. CDA67960)

 GÄRTNER-FREUDE  Zumindest den Operntitel »La finta giardiniera« kennt man und weiß, dass das Werk von Mozart stammt. Doch auf das Libretto eines anonymen Dichters hatte er keine Exklusivrechte, als er es 1775 vertonte. Schon ein Jahr zuvor wurde eine »Gärtnerin aus Liebe« erst in Rom bejubelt, um eine erfolgreiche Tournee durch Europa zu starten. Der Opernschlager stammt aus der Feder des italienischen Vielschreibers Pasquale Anfossi (1727-1797). Heute ist er vergessen. Zu Lebzeiten aber wurden seine rund 90 Opern landauf, landab gespielt. Nun hat das in Leverkusen residierende Alte Musik-Ensemble l’arte del mondo unter Leitung von Werner Ehrhardt Anfossis »La finta giardiniera« erstmals eingespielt. Eine Sensation ist diese Wiederentdeckung zwar nicht, aber eben auch keine der zahllosen Leichtgewichte aus dem 18. Jahrhundert. Denn Anfossi besaß genügend Fantasie und Italianità, um die brave Verwechslungsstory mit schnittigem Brio, unterhaltsamen Melodie-Girlanden und reizvollen Klangpointen auszuschmücken. Den Musikern macht es hörbar keine Mühe, sie effektvoll zu zünden. Für die Titelpartie hat man mit der katalanischen Sopranistin Nuria Rial das große Los gezogen. Werner Ehrhardt, l’arte del mondo, Nuria Rial, Krystian Adam u.a.: Anfossi »La finta giardiniera« (DHM / Sony 88697911392)


K.WEST 10/2013 | 59

 ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT  Die in Australien geborene Komponistin Liza Lim beschäftigt sich mit dem Erbe uralter Kulturen. Ruft etwa in ihren u.a. für das Pariser Ensemble intercontemporain geschriebenen Stücken die Geister ihrer chinesischen Vorfahren an. Oder setzt sich, wie in der Auftragskomposition für die von André de Ridder geleiteten musikFabrik, mit arabischer Mystik auseinander. 2011 wurde ihr Werk »Tongue of the Invisible« für einen improvisierenden Pianisten, Bariton und 16 Musiker uraufgeführt, für das sie Texte des im 14. Jahrhundert lebenden Sufi-Poeten Hafez vertonte. Dass Liza Lim nicht jener Moderne zuzurechnen ist, die auf eingängigem Weg den Schulterschluss zwischen Orient und Okzident herstellen will, wird schnell deutlich. Fern von Multi-Kulti-

Gesäusel sorgen vielmehr sich wild windende Klangfäden, heftig oszillierende Farben und explosive Eruptionen in der Gesangsstimme für ein gespenstisches Erinnerungsritual. Dass man mit gespitzten Ohren lauscht, ist einmal mehr der unermüdlich nach neuen Klangräumen suchenden musikFabrik zu verdanken. André de Ridder, Ensemble musikFabrik, Uri Caine u.a.: Liza Lim »Tongue of the Invisible« (Wergo / Note 1 WER 6859 2)

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Programm 2013/2014  UNRUHESTAND  Unlängst hat Peter Brötzmann in einem Interview mächtig über den deutschen Jazznachwuchs abgezogen. Doch beklagte er sich nicht darüber, dass er nicht unbedingt zu den geförderten Musikern gehört. »Von der Gesellschaft, gegen die man sogar künstlerisch angeht, kann man doch nicht verlangen, dass sie einem den Lebensabend bezahlt!« So geht dieser nicht korrumpierbare Veteran des Free-Jazz mit seinem Saxofon weiter auf Konfrontationskurs. Ganz am Rand steht der in Remscheid geborene, in Wuppertal beheimatete Brachial-Jazzer dennoch nicht. 2011 wurde er, zum 70., für sein Lebenswerk mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet. Das eigentliche Geburtstagsständchen fand im November 2011 im österreichischen Wels statt. Vier Tage lange trafen sich alte und junge Brötzmann-Kombattanten wie Bassist Bill Laswell, Schlagzeuger Hamid Drake und Saxofonist Ken Vandermark, um in wechselnden Formationen mit dem Jubilar lärmend bis zum Free-Rock den Urboden des Jazz zu bestellen. Ausgewählte Live-Mitschnitte sind auf einem spektakulären 5 CD-Set erschienen, von dessen Verkaufserlös Brötzmann wohl nicht viel auf die hohe Kante legen kann. Musikalisch ist er von einem gemütlichen Lebensabend weiterhin ziemlich weit entfernt. Peter Brötzmann: »Long Story Short« (Trost / Cargo TR 112)

09.10. Till Fellner 06.11 . Stefan Temmingh und Ensemble 1 5 . 1 1 . Jungmeisterkonzert 2 6 .1 1 . Dietrich Henschel / Florian Uhlig 1 7. 1 2 . Quatuor Ebène / Nicolas Altstaedt / Antoine Tamestit 23.01. Berlin Counterpoint 05.02. Joseph Moog 1 7.02. Modigliani Quartett 1 1 .03 . Harriet Krijgh / Magda Amara 28.03. Jerusalem Chamber Music Festival

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BAGGENDESIGN

 EIFEL-TÖNE  Fernab der Mainstream-Festivals tut sich im Eifel-Städtchen Heimbach seit 1998 Wundersames. Sobald Pianist Lars Vogt das Programm für seine »Spannungen« veröffentlicht, sind die Konzerte im Nu ausverkauft. Nicht weil Maurizio Pollini und Gidon Kremer gastieren. Für jeden Jahrgang gewinnt Vogt ausschließlich namhafte Musikerfreunde, die sich Zeit und Muße für kammermusikalische Dialoge nehmen. Glücklicherweise laufen die Aufnahmemaschinen mit, um die exklusiven Begegnungen festzuhalten. So wie bei den »Spannungen 2012«, die in Ausschnitten auf zwei Einzel-CDs dokumentiert sind. Es wurden, hier und da vom Klavier flankiert, nur Streicherwerke ausgewählt. Angefangen bei Schuberts »Rosamunde«-Quartett über ein Klaviertrio Clara Schumanns bis zu Duos und Trios der klassischen Moderne. Da begegnet man in den Werken der französischen Schwestern Lili & Nadia Boulanger süffiger Intimität und delikater Kantabilität. Geheimnisvoll spröde gibt sich Paul Hindemiths 2. Streichtrio. Von Debussy erklang ein frühes, kaum bekanntes Cello-Scherzo. Etwa mit Christian Tetzlaff und Antje Weithaas an den Violinen sowie Gustav Rivinius (Cello) bot Lars Vogt so erneut kammermusikalische Entdeckungsreisen, für die der Ausflug lohnt. »Spannungen«-Festival: Werke von C. Schumann, Schubert, Debussy, Boulanger u.a. (AviMusic / Harmonia Mundi 8553294 & 8553295)

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60 | KLASSIK SPECIAL

KLASSIK IM HERBST TEXT: GUIDO FISCHER Konzerte, Gastspielstars, CD-Tipps

 DANIEL HOPE  Seine Muttersprache ist Englisch. Auf der Violine aber ist Daniel Hope vielsprachig. Er spielt mit indischen SitarVirtuosen und dem Jazz-Pianisten Uri Caine oder trifft sich mit Klaus Maria Brandauer zu musikliterarischen Programmen. Für das Projekt »Vivaldi Recomposed«, das er mit dem englischen Komponisten Max Richter erarbeitet hat, wurde er jüngst mit einem ECHO-Klassik ausgezeichnet. So erstaunlich wie Hopes Offenheit ist sein Qualitätsstandard, auf den früh sein künstlerischer Ziehvater Yehudi Menuhin aufmerksam wurde. Mit welch einer Ernsthaftigkeit und Detailbesessenheit Hope auch in der großen Violinliteratur zu Werke geht, unterstreicht er mit Pianist Sebastian Knauer bei den drei Violinsonaten von Johannes Brahms. 1.10. Rudolf-Oetker-Halle Bielefeld 3.10. Hörsaal H1 der Universität Münster Aktuelle CD: »Spheres« – Werke von Glass, Nyman, Einaudi, Bach u.a., Deutsches Kammerorchester Berlin, Simon Halsey u.a. (DG / Universal 479 0571). Bei jedem anderen Geiger wäre bei dieser Mischung aus minimalistischen, meditativen und melancholischen Stücken aus vier Jahrhunderten MarmeladenMusik herausgekommen. Daniel Hope aber gelingt das Kunststück, den eingängigen Miniaturen Magie einzuhauchen, die extrem gelassen und schon mal leicht jazzy daherkommt.

Daniel Hope, Foto: Harald Hofmann/DG

 CHRISTIAN TETZLAFF  Ein Schönspieler war Christian Tetzlaff nie. Selbst bei Repertoire-Klassikern von Mozart bis Alban Berg widersteht er jeder effektvollen Verlockung. Wer so gegen den Mainstream spielt und stattdessen auf jene geheimnisvolle Kraft hinter den Noten setzt, der zählt zu den ganz Großen seines Metiers. Für das Abschlusskonzert des Bonner Beethovenfests hat Tetzlaff sich Tschaikowskys KonzertEvergreen ausgesucht. Zur Seite steht ihm Dirigent Daniel Harding, einer seiner Lieblingspartner. Überhaupt ist das Konzertprogramm vollkommen russisch eingefärbt. Eröffnet wird es mit Mussorgskys Orchesterdichtung »Eine Nacht auf dem kahlen Berge«; zum Finale lässt Harding das London Symphony Orchestra mit Strawinskys »Feuervogel« fliegen. 5.10. Beethovenhalle Bonn Aktuelle CD: Jörg Widmann, Violinkonzert u.a., Schwedisches Radio-Symphonieorchester, Daniel Harding (Ondine / Naxos 1215-2). Nur ganze 15 Sekunden kann sich Christian Tetzlaff eine Auszeit nehmen in Jörg Widmanns geigerischem Riesenlamento. Ansonsten misst er nonstop diese unablässig sich dehnende und zusammenziehende Klangwelt aus: mit nie verblassenem Ausdruck und spieltechnischer Perfektion.  IGOR LEVIT  Normalerweise gelingt es Plattenfirmen im Handumdrehen, vielversprechende Talente unter Vertrag zu nehmen. Beim russischen Wahl-Hannoveraner Igor Levit hingegen musste man sich lange gedulden. Der mit Superlativen überhäufte Pianist hatte sämtliche Angebote abgewehrt. Nun ist die Debüt-Aufnahme des 26-Jährigen erschienen, für die er einen Gipfel der KlavierLiteratur erobert. Es sind die fünf späten Klaviersonaten Beethovens, für die sich andere Pianisten erst im mittleren Alter reif fühlen. Doch Levit ist schon jetzt intellektuell bewundernswert auf der Höhe. Beethoven taucht ebenfalls bei seinen NRW-Gastspielen auf. In Essen präsentiert er als Kammermusiker, zusammen mit Ning Feng (Violine) und Cellist Sebastian Klinger, etwa Beethovens »Geistertrio«. Bei den Solo-Recitals folgen dann auf die späten Beethoven-Bagatellen op. 126 Liszt-Transkriptionen sowie die 2. Klaviersonate von Schostakowitsch. 6.10. Philharmonie Essen; 4.11. Hörsaal H1 der Universität Münster; 5.11. Rudolf-Oetker-Halle Bielefeld 13.12. Philharmonie Köln Aktuelle CD: Beethoven Klaviersonaten Nr. 28 – 32 (Sony Classical 88883703872).


K.WEST 10/2013 | 61

 PHILIPPE JAROUSSKY  Kastrierte Opernstars sind seit mehr als zwei Jahrhunderten passé. Doch ihr Erbe lebt mehr denn je in den naturbegabten Hochtönern weiter. Obwohl der Countertenor-Boom sich auch im Repertoire niederschlägt, sind die bekannten Arien weiterhin nur die Spitze eines weiten Territoriums. So hat Philippe Jaroussky selbst bei dem vielfach porträtierten Farinelli noch unentdeckte Seiten aufspüren können und daraus ein Album gemacht, mit dem er in Dortmund gastiert. Allesamt Arien, die Farinellis Lehrer Nicola Porpora ihm für seine Wahnsinns-Stimmbänder schrieb. Die Kompositionen, so Jaroussky, seien »im klassischen neapolitanischen Stil gehalten und von einem Charme geprägt, der das Publikum sofort ansprach. Außerdem hatte er eben ein Ass im Ärmel: Farinelli«. Mit dem Venice Baroque Orchestra unter Andreas Marcon spielt Jaroussky jetzt stellvertretend diese Trümpfe aus. Im Dezember gastiert er dagegen mit dem Ensemble Orfeo 55 mit Arien von Händel und Scarlatti. 10.10. Konzerthaus Dortmund 18.12. Philharmonie Köln Aktuelle CD: Farinelli – Porpora Arias, Venice Baroque Orchestra, Andrea Marcon (Erato / Warner 509999341302 2)

 CAMPINO, KURT WEILL und »Die ENTARTETE MUSIK«  Bis zu seinem Tod 1978 lief er stramm der alten Zeit hinterher. So ließ Hans Severius Ziegler als pensionierter Internatslehrer weiterhin Hetz- und Hasstiraden auf die zeitgenössische Literatur und Kunst los und verdammte sie als »entartet«. Damit knüpfte er an jenes Jahr an, in dem er ein schwarzes Kapitel in der Musikgeschichte geschrieben hatte. Mit der Düsseldorfer Ausstellung »Entartete Musik«, die im Mai 1938 während der Reichsmusiktage gezeigt wurde, stellte der Kurator Ziegler »undeutsche« Komponisten wie Arnold Schönberg und Kurt Weill, die »jüdische Operette« und den »Niggerjazz« an den Pranger. Genau ein halbes Jahrhundert später wurde die Ausstellung in der Düsseldorfer Tonhalle rekonstruiert und fachlich vom Musikwissenschaftler Albrecht Dümling kommentiert. Nun erinnert man in der Tonhalle an die Propaganda-Schau vor 75 Jahren auf musikalisch exklusive Weise. Das Sinfonieorchester der Robert Schumann Hochschule wird gemeinsam mit den Toten Hosen auf einer Bühne stehen. Unter dem Titel »Willkommen in Deutschland« singt Frontsänger Campino Songs von Kurt Weill und übernimmt zudem die Sprecherrolle in Schönbergs Kantate »Ein Überlebender in

PREMIEREN BIS DEZEMBER 2013

L’ITALIANA IN ALGERI

(DIE ITALIENERIN IN ALGIER) Oper von Gioacchino Rossini ab 28. September 2013

SCHWANENSEE

Ballett von Bridget Breiner Musik von Peter I. Tschaikowski ab 9. November 2013

DON QUICHOTTE

Oper von Jules Massenet Inszenierung: Elisabeth Stöppler ab 7. Dezember 2013

WEITERE TERMINE

2., 5., 13., 18., 27., 31. Oktober 2013 17., 22. November 2013 25. Dezember 2013

WWW.MUSIKTHEATER-IM-REVIER.DE KARTENTELEFON 0209.4097-200


62 | KLASSIK KUNST SPECIAL

Rebecca Saunders und Architekten den idealen Klangraum von morgen diskutieren. 25. Oktober bis 17. Nov. 2013, diverse Orte in Essen www.philharmonie-essen.de 

Warschau«. Die Idee zu dem Projekt hatte Thomas Leander von der Hochschule, der den idealer Partner für ein Gedenkkonzert zur »Entarteten Musik« fand: »Die Düsseldorfer Band hat sich immer konsequent gegen Rechts engagiert«. 19. bis 21. Oktober Tonhalle Düsseldorf

musikFabrik, Foto: Klaus Rudolph

 NOW!-FESTIVAL  »Es gibt kein Argument dafür, dass der Klang nur aus einer Richtung kommen sollte. Der normale Konzertbetrieb, bei dem die Musik nur von vorn kommt, ist nur eine Möglichkeit unter vielen.« Iannis Xenakis gehörte zu den experimentierfreudigen Neutönern, die sich regelmäßig mit dreidimensionalen Raumklängen beschäftigten. Er schlug Xenakis wie seine Kollegen Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono riesige Klangbögen von einem Ende des Aufführungsraums zum anderen. Oder man ließ Musik über die im Raum oder gar mitten im Publikum verteilten Ensemblegruppen hin- und herwandern. »Klang und Raum« – mit diesem Phänomen haben sich seit dem 16. Jahrhundert Komponisten immer wieder beschäftigt. Doch erst im 20. Jahrhundert konnte man über die elektronische Musik endgültig neue Klangarchitekturen entwerfen. So sind beim Essener Festival NOW!, das sich dem Surround-Klang widmet, auch Meilensteine wie Stockhausens »Gesang der Jünglinge« zu erleben. Überhaupt stehen viele aufwendige und daher selten zu hörende Klassiker auf dem Programm. Dazu gehören etwa Xenakis’ Orchesterwerke »Terretektorh« und »Nomos Gamma« sowie Pierre Boulez’ »Rituel« für acht Orchestergruppen, aufgeführt u.a. vom SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, von der musikFabrik und den Bochumer Symphonikern. Abheben in ferne Sphären lässt sich auch mit Brian Enos »Music for Airports«, mit dem das New Yorker Bang on a Can-Kollektiv gastiert. Im multimedialen Projekt »Lux Aeterna« bricht der Komponist und Videokünstler Dietrich Hahne frei nach Kubrick zur Odyssee in den Weltraum auf. Abgerundet wird das Festival von einem Symposium, bei dem Komponistinnen wie

 BO SKOVHUS  Der dänische Bariton Bo Skovhus ist ein Hüne und allein deshalb auf den internationalen Opernbühnen schon nicht zu übersehen. Zugleich besitzt er ein extrem nuanciertes Ausdrucksspektrum, mit dem er jeden Saal ausfüllen kann. Neben seinen Opernrollen, die ihn oft an die Kölner Oper geführt haben, pflegt der Liedsänger Skovhus vor allem seine Liebe zu Gustav Mahler. Ganz auf den traditionsbewussten Visionär ausgerichtet ist das Recital, das Skovhus mit seinem alten Freund Stefan Vladar (Klavier) gibt. Es sei wirklich ein Vergnügen mit ihm zu arbeiten, »weil alles, was er tut, mir vollkommen natürlich erscheint«, so Vladar über Skovhus. Sie müssten nie lange diskutieren. Mit diesem blinden Verständnis dringen sie in Mahlers Lied-Kosmos an – mit den RückertLiedern sowie Ausschnitten aus »Das Lied von der Erde«. 27.10. Theater am Marientor Duisburg Aktuelle CD: Hans Sommer »Orchesterlieder«, Bamberger Symphoniker, Sebastian Weigle (Tudor /Naxos 7178)  MARTIN STADTFELD  »Die Musik Bachs beginnt in meinen Augen dort, wo vieles andere von großem Wert und tiefgreifender Emotionalität endet«, sagt Martin Stadtfeld. Die innige Beziehung zum Thomaskantor pflegt er seit seiner Einspielung der Goldberg-Variationen, die 2004 ganz groß akklamiert wurden. Bach blieb auch in den Nachfolgeeinspielungen des Koblenzers allgegenwärtig, wenn er sich etwa der deutschen Romantik widmete. Schließlich löste Mendelssohn Bartholdy 1829 die Bach-Renaissance mit der Aufführung der Matthäus-Passion aus. Und Robert Schumann studierte eifrig den Kontrapunktiker Bach. Werke von ihnen (u.a. Mendelssohns »Variations sérieuses«) kombiniert Stadtfeld mit handverlesenen Bach-Präludien. Zwischendurch begibt sich Stadtfeld auf die virtuose Tastenpiste mit einigen Etüden von Frédéric Chopin. 31.10. Eurogress Aachen Aktuelle CD: Bach, Englische Suiten Nr. 1-3 u.a. (VÖ 18.10.; Sony Classical 88883772812). Mit den ersten drei Englischen Suiten eröffnet Stadtfeld die Gesamteinspielung dieses Klavierzyklus und bewegt sich in den Tanzsätzen mit erlesener Leichtigkeit.  CAROLIN WIDMANN  Wer selbst bei Klassikern des Violin-Repertoires bislang ungehörte Schichten und Nervenbahnen freilegt, darf zu Recht als Ausnahmemusiker gelten. Die gebürtige Münchnerin Carolin Widmann ist so jemand. Ganz auf die Kammermusikerin Widmann ist das ihr gewidmete, dreiteilige Konzertporträt abgestellt. Dabei schlägt sie mit Musikerfreunden wie Pianist Alexander Lonquich und Klarinettistin Sharon Kam einen Bogen von Schumann über Bartók und Messiaen bis zu Bernd Alois Zimmermann und Maurico Kagel. Zudem lernt man sie als Jazzmusikerin kennen. Der Klarinettist Michael Riessler hat für sie ein Trio geschrieben; bei der Bear-


Foto aus König Lear

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AUFFÜHRUNGEN

TAGE

Premieren 2013-2014 ///////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////// Bo Skovhus, Foto: Roland Unger

beitung von Gershwins »Rhapsody in Blue« steigt dann als Jazzpianist Jacky Terrasson ein. 2., 15., 20. 11. Philharmonie Köln Aktuelle CD: Morton Feldman »Violinkonzert«, hr-Sinfonieorchester, Emilio Pomàrico (ECM New Series / Universal 476 4929). 1979 komponierte der Amerikaner Morton Feldmann ein Violinkonzert, das ein einziger Slow MotionOrganismus ist. In den 50 Minuten hält Carolin Widmann selbst da noch die ungeheure Spannung hoch, wenn die Musik im Nichts zu verschwinden droht.  CLAUDIO ABBADO  Lange stand es gesundheitlich nicht gut um Claudio Abbado. Doch nach einer langen Phase der Genesung ist der italienische Maestro wieder da und gibt Konzerte allüberall. Gerade hat Abbado seinen 80. Geburtstag gefeiert. In diesem Alter feiert er noch ein Debüt! Zum ersten Mal gastiert Abbado im Dortmunder Konzerthaus und dirigiert eines seiner vielen von ihm gegründeten Orchester: das Mahler Chamber Orchestra, das aus dem von ihm 1986 ins Leben gerufenen Gustav Mahler Jugendorchester entstand. Ganz im Zeichen Ludwig van Beethovens steht das mit Spannung erwartete Abbado-Ereignis. Der Solo-Part des Violinkonzerts liegt bei der unvergleichlichen Isabelle Faust. In der zweiten Konzerthälfte erklingt Beethovens Pastorale, die Abbado bereits mit seinen ehemaligen Berliner Philharmonikern von Klischees befreit hat. Um an die wahre Tiefe jeden einzelnen Tons zu gelangen, verwandelt sich Abbado in einen Quellenforscher, der akribisch Autografen und Erstdrucke studiert hat. 8.11. Konzerthaus Dortmund Aktuelle CD: Schumann Symphonie Nr. 2, Orchestra Mozart (DG / Universal 479 1061). Mit dem 2004 von ihm gegründeten, in Bologna ansässigen Orchestra Mozart hat Abbado Schumans Zweite in kammermusikalischer Transparenz von allem romantischen Pathos entschlackt.

MUSIKTHEATER

Giuseppe Verdi Stiffelio ab 28.9.2013 Otto Nicolai Die lustigen Weiber von Windsor ab 13.10.2013 Richard Wagner Rienzi ab 20.10.2013 Frederick Loewe My Fair Lady ab 17.11.2013 Johann Strauß Die Fledermaus ab 30.11.2013 Pjotr I. Tschaikowsky Mazeppa ab 19.1.2014 Jules Massenet Manon ab 1.3.2014 Franz Lehár Das Land des Lächelns ab 13.4.2014 Wolfgang Amadeus Mozart Don Giovanni ab 10.5.2014

SCHAUSPIEL

Wajdi Mouawad Verbrennungen ab 20.9.2013 Erik Gedeon Ewig jung ab 27.9.2013 William Shakespeare König Lear ab 13.10.2013 Molière Der Menschenfeind ab 27.10.2013 Anton Čechov Der Kirschgarten ab 9.11.2013 Carl Laufs und Wilhelm Jacoby Pension Schöller ab 7.12.2013 Friedrich Dürrenmatt Der Besuch der alten Dame ab 1.2.2014 Robert Wilson und Tom Waits Black Rider ab 2.2.2014 William Shakespeare Romeo und Julia ab 5.4.2014

BALLETT

North / Benstead Carmen ab 5.10.2013 North / Parfenov /Copland Verlorene Kinder (UA) / Bilder aus der Neuen Welt ab 9.2.2014 North / Chopin/ Schubert Lachen und Weinen ab 12.4.2014 North / Orff Carmina Burana ab 13.6.2014

… und noch vieles mehr! Karten unter: Theater Krefeld 02151/805-125 Theater Mönchengladbach 02166/61 51 100 www.theater-kr-mg.de

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64 | KLASSIK KUNST SPECIAL

beim Klavierkonzert von Edvard Grieg zu begleiten. 9.11. Philharmonie Essen 19.11. Tonhalle Düsseldorf 20.11. Philharmonie Köln Aktuelle CD: Mendelssohn Bartholdy Symphonie Nr. 2 B-Dur op. 52, Tonkünstler-Orchester, Christiane Oelze, Ian Bostridge u.a. (Preiser Records / Naxos PR 90796). Mit dieser Aufnahme erweist Orozco-Estrada seinem Herzenskomponisten Mendelssohn, den er erstmals mit einem Jugendorchester in Bogotá gespielt hatte, in Referenz-Qualität die Ehre.

Andris Nelsons, Foto: Marco Borggreve

 ANDRIS NELSONS  2016 wird der Lette auf den Bayreuther Wagner-Tempel zurückkehren und den »Parsifal« dirigieren – in einer geplanten Neuinszenierung des umstrittenen Künstlers Jonathan Meese. Bis dahin hat Andris Nelsons noch alle Hände voll zu tun. Mal als Operndirigent an der New York MET, mal als Gastdirigent bei den Wiener und Berliner Philharmonikern. Doch bei diesem künstlerischen Jet-Set-Leben kommt selbstverständlich das City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) nie zu kurz, das Nelsons seit 2008 hauptamtlich leitet. Und mit den englischen Edelmusikanten gastiert der 34-Jährige gleich zweimal mit einem reinen, identischen Brahms-Programm. Das 1. Klavierkonzert wird aber von zwei unterschiedlichen Könnern zu hören sein. In Dortmund ist der Kroate Dejan Lazić zu erleben. Einen Tag zuvor gibt sich Hélène Grimaud nicht ganz zufällig die Ehre. Denn erst gerade hat sie mit Nelsons die beiden Klavierkonzerte von Brahms neu eingespielt. 9.11. Tonhalle Düsseldorf 10.11. Konzerthaus Dortmund Aktuelle CD: Brahms Klavierkonzerte Nr. 1 & 2, Hélène Grimaud, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Wiener Philharmoniker (DG / Universal 479 1058)  ANDRÉS OROZCO-ESTRADA  Überall, wo Andrés Orozco-Estrada dirigiert, sorgt der gebürtige Kolumbianer für Jubelstürme, so bei den Wiener und den Münchner Philharmonikern. Der 35-Jährige ist ein heißer Kandidat, wenn ein Chefposten frei wird. Auch das Gürzenich-Orchester war an ihm dran, führte ein halbes Jahr mit ihm Gespräche, um ihn als Nachfolger von GMD Markus Stenz zu gewinnen. Im Januar gab Orozco-Estrada den Kölnern einen Korb und sagte kurz darauf beim hr-Sinfonieorchester Frankfurt zu. Bevor er 2014 dort den Posten antreten wird, ist er als Gastdirigent unterwegs. In Essen sorgt er mit dem Tenor Vittorio Grigolo und der Filarmonica della Scala für italienisches Opern-Powerplay. Anschließend kehrt er zweimal mit dem London Philharmonic Orchestra zurück, um vor Antonín Dvořáks 7. Symphonie Rudolf Buchbinder

 C3 FESTIVAL  Das C3 Festival ist ein internationales Soundlabor, in dem mit klassischer Musik experimentiert wird. Häufig kommen elektronische Klänge, Loops und Samples hinzu. Im Falle von Piano Interrupted klingt das Ergebnis wie entschleunigte Clubmusik. Andere Künstler, wie das Wiener Duo Rotterdam, nutzen traditionelle Instrumente (u.a. Cello, Flöte, Tuba), um Techno unplugged nachzuspielen. Das New Yorker Ensemble Bang on a Can hat sich wiederum ein modernes Vorbild ausgesucht, das mit klassischen Instrumenten aufgemöbelt wird: Brian Enos wegweisendes Ambient-Stück »Music for Airports« aus dem Jahr 1978. Eines der Highlights auf der Zeche Zollverein dürfte der Auftritt von Matthew Herbert sein. Der englische DJ und Produzent stellt Teile seines KonzeptkunstAlbums »The End of Silence« vor. Die Musik basiert auf gesampleten Gefechtsgeräuschen aus dem letzten Libyen-Krieg, die auf verschiedene Art verfremdet werden.  8.-10. November 2013, Essen, Zeche Zollverein.  FOLKWANG KAMMERORCHESTER  Seit der Gründung vor 55 Jahren erweist sich das Folkwang Kammerorchester Essen als exzellente Talentschmiede und Durchgangsstation für potenzielle Profiorchestermusiker. Bislang fanden über 500 ehemalige Mitglieder im In- und Ausland Festanstellung. Aktuell besteht das Kammerorchester aus 16 Absolventen bzw. Studenten an den Musikhochschulen von NRW. Ihre Berufschancen dürften dank einer neuen künstlerischen Doppelspitze noch wachsen. Während der frisch gewählte Chefdirigent und künstlerische Leiter Johannes Klumpp sein vielseitiges Konzert- und Opernhändchen bereits in Dresden, Berlin und Düsseldorf bewegt hat, konnte als Erster Gastdirigent Reinhard Goebel gewonnen werden. Als absoluter Fachmann für die gutinformierte historische Aufführungspraxis will er den jungen, auf modernen Instrumenten spielenden Musikern eine neue »Hörbrille« im Barock-Segment aufsetzen. Bei der ersten Zusammenarbeit besuchen sie die italienischen Musikmetropolen Rom und Venedig – mit Concerti grossi von Arcangelo Corelli sowie Vivaldis »Vier Jahreszeiten«. Solistin ist Mirijam Contzen. 8. & 9. November 2013, Villa Hügel Essen.  ALEXANDER KRICHEL  Alexander Krichel hat bei der Mathematik-Olympiade ebenso Preise gewonnen wie beim Bundeswettbewerb »Fremdsprachen« und in der Kategorie Biologie beim Wettbewerb »Schüler experimentieren«. Mit seiner künstlerischen Intelligenz ist der junge Hamburger ebenfalls bisher


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nicht schlecht gefahren. Gleich mehrere erste Preise bei internationalen und nationalen Ausscheidungskämpfen gab es. Nun ist Krichel seit der laufenden Saison in dem auf drei Jahre angelegten Förderprogramm »stART« von Bayer Kultur, das ihm zahlreiche Konzerte ermöglicht. Jüngst wurde bekannt, dass er für seine Debüt-CD »Frühlingsnacht« mit einem ECHO-Klassik als Nachwuchskünstler des Jahres ausgezeichnet wird. Bei seinen Solo-Recitals spielt der 1989 geborene Krichel neben Rachmaninow und einer Liszt’schen Wagner-Transkription eine selten zu hörende Klaviersonate des Rumänen George Enescu. 12.11. Bayer Kulturhaus Leverkusen 13.11. Historische Stadthalle Wuppertal Aktuelle CD: »Frühlingsnacht« – Werke von Felix & Fanny Mendelssohn Bartholdy, Liszt u.a. (Sony Classical 88725462262). Bei seiner Beschäftigung mit der deutschen Romantik verblüfft Krichel mit fein-sensorischer Empfindsamkeit und zugreifender Brillanz.  FRANZ WELSER-MÖST  Das Cleveland Orchestra gehört seit mehr als einem halben Jahrhundert zu den Big Five der amerikanischen Spitzenorchester. Prägend für den europäischen Luxussound waren dabei Dirigenten wie Erich Leinsdorf, George Szell, Pierre Boulez und Christoph von Dohnányi. An diese Tradition seiner Vorgänger hat der Österreicher Franz Welser-Möst angeknüpft. Seit 2002 hat er das Amt des Chefdirigenten inne.

Obwohl er seit 2010 auch noch einen zweiten Fulltime-Job als Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper ausfüllt, scheint er das immense Niveau des US-Orchesters noch um Nuancen zu steigern. Für das Gastspiel am Rhein wurden zwei eher selten zu hörende Symphonien ausgewählt, wenngleich sie von Beethoven bzw. Schostakowitsch stammen. Auf die klassizistische Vierte von Beethoven folgt die noch während des 2. Weltkrieges komponierte tragische wie groteske Achte des Russen. 17.11. Philharmonie Köln Aktuelle CD: Neujahrskonzert 2013, Wiener Philharmoniker (Sony Classical 88765413552). Franz Welser-Möst läutet mit den Wiener Philharmonikern das Jahr 2013 standesgemäß und äußerst beschwingt mit »An der schönen blauen Donau« und dem Radetzky-Marsch ein. Exquisit waren auch die musikalischen Glückwünsche für die Jubilare Wagner und Verdi.  EMMANUEL PAHUD  Wie der Kollege Albrecht Mayer hat Emmanuel Pahud als Mitglied der Berliner Philharmoniker gut zu tun. Doch wie der Oboist verfolgt auch der Schweizer mit seiner Flöte eine zweite solistische Karriere, um vor allem kammermusikalisch auf Entdeckungsreise zu gehen. Zusammen mit dem französischen Gitarristen Christian Rivet bricht Pahud in unterschiedlichste Epochen und Regionen auf. Es führt der Weg von einer Bach-Sonate ins ferne Japan, zu Toru Takemitsu. Einen Zwischenstopp legt das Duo in Argentinien ein, beim Tango-König Astor Piazzolla. Bevor Pahud die

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künstlerische Bewegungsfreiheit in rumänischen Volkstänzen von Béla Bartók auskostet, verbeugt er sich mit einem Raga vor dem kürzlich verstorbenen Sitar-Guru Ravi Shankar. 18.12. Kulturforum Franziskanerkloster Kempen Aktuelle CD: »Flötenkönig«, Kammerakademie Potsdam, Trevor Pinnock (EMI Classics 50999 0842202 6). Ob galant, gedankenverloren innig oder virtuos brillant – Emmanuel Pahud verwandelt bei seiner Hommage an den Flötisten und Komponisten Friedrich den Großen selbst musikalische Leichtgewichte in kostbare Schmuckstücke.  RENÉ JACOBS  »Wenn mir vor einigen Jahren jemand gesagt hätte, dass ich Mozarts Opern dirigieren würde, ich hätte ihn wohl für verrückt erklärt.« Den erstaunlichen Satz gab René Jacobs einmal zu Protokoll. Denn wer mit seinen Aufnahmen der MozartOpern in Kontakt kommt, mag nicht glauben, dass Jacobs ein Mozart-Spätberufener sein soll. Der gelernte Countertenor und Barock-Spezialist am Dirigentenpult trifft ins Zentrum. Allein seine Einspielungen der drei Da Ponte-Opern haben Interpretations-Maßstäbe gesetzt und wurden mit Preisen überhäuft. Die konzertanten Aufführungen von »Don Giovanni« & Co. in der Kölner Philharmonie gelten als legendär. Da Jacobs von Mozart nicht mehr loskommt, gibt es eine weitere »Le Nozze di Figaro«. Stand ihm 2005 dabei Concerto Köln zur Seite, sorgt er jetzt live mit dem Freiburger Barockorchester sowie u.a. mit den Sopranistinnen Rosemary Joshua und Sophie Karthäuser für elektrisierendes Mozart-Musiktheater. 1.12. Philharmonie Köln Aktuelle CD: G. B. Pergolesi »Septem verba a Christo«, Aka-

Daniel Barenboim, Foto: Agentur

demie für Alte Musik Berlin, Sophie Karthäuser, Christophe Dumaux u.a. (Harmonia Mundi 902155). Ob das Oratorium über »Die sieben Worte Christi am Kreuz« wirklich von Giovanni Battista Pergolesi stammt, ist noch nicht exakt geklärt. Doch René Jacobs entlockt dem vermutlich zwischen 1730 und 1736 geschriebenen Werk eine Sanftmut und ariose Lyrik, bei der alle musikwissenschaftlichen Fragen obsolet werden.  JUAN DIEGO FLÓREZ  Noch heute erinnern sich die Ohrenzeugen an seinen Überflieger-Auftritt im italienischen Pesaro. Als der blutjunge Juan Diego Flórez 1996 beim örtlichen Rossini-Festival kurzerhand die Hauptrolle in »Matilde di Shabran« übernahm und auf einen Schlag als neuer Stern am Belcanto-Himmel gefeiert wurde. Seitdem läuft die Karriere von Flórez so auf Hochtouren, wie seine Stimme an Virtuosität und Ausdruck weiterhin zunimmt. Und daher beherrscht der Mann aus Peru inzwischen alles: die Psychologie Verdis und die Akrobatik Rossinis, die Zartheit Bellinis und die Intensität Donizettis. »Belcantenorissimo« kann es daher auch nur bei einem seiner seltenen Recitals lauten. Begleitet von Pianist Vincenzo Scalera, brilliert Flórez mit Meyerbeer im Grand Opéra-Fach. Bei Verdi stellt er seine faszinierende Höhensicherheit unter Beweis. Und fürs Gemüt sorgen so manche neapolitanische Evergreens von Francesco Paolo Tosti. 28.11. Philharmonie Essen Aktuelle CD. »Santo« – Werke von Schubert, Rossini, Franck u.a., Orchestra e coro del del Teatro Comunale di Bologna, Michele Mariotti (Decca / Universal 478 2254). Auch wenn Juan Diego Flórez’ letzte CD-Einspielung vor nunmehr drei Jahren veröffentlicht wurde, die Sammlung ausgewählter geistlicher Werke von Händel über Rossini bis zum »Ave Maria« verdient das Prädikat »zeitlos betörend schön«. DANIEL BARENBOIM  Dass Daniel Barenboim mit seinen 70 Jahren noch lange nicht ans Aufhören denkt, verdeutlicht sein unglaubliches Arbeitspensum. Er ist Musikdirektor der Berliner Staatsoper unter den Linden und der Mailänder Scala. Dann gibt es den Orchestergründer, der mit seinem WestEastern Divan Orchestra den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu entschärfen versucht. Und wenn er nicht gerade rund um den Globus unterwegs ist, um die Spitzenorchester von Chicago bis Berlin zu leiten, pflegt er seine jahrzehntelange Karriere als Profi-Pianist. Momentan beschäftigt er sich intensiv mit dem Klavierschaffen von Franz Schubert, das er in einem mehrjährigen Zyklus komplett spielen will. Und auch wenn jetzt noch nicht feststeht, welche Schubert-Werke er bei seinen Solo-Recitals spielen wird – Barenboim wird sich einmal mehr vom Arbeitstier in einen großen Künstler verwandeln. 10.12. Tonhalle Düsseldorf 17.12. Philharmonie Köln Aktuelle CD: Verdi Messa da Requiem, Orchestra e Coro del Teatro alla Scala, Anja Harteros, Elīna Garanča, Jonas Kaufmann, René Pape (Decca / Universal 478 5245). Bei dieser Live-Aufnahme aus der Mailänder Scala vom Jahr 2012 dirigierte Barenboim ein bis ins feinste Pianissimo superb


LISA BATIASHVILI  Als die georgische Geigerin Lisa Batiashvili mit 15 Jahren ihre Heimat verließ, um in München zu studieren, ahnte sie wohl kaum, dass sie bereits ein Jahr später den Durchbruch erzielen würde. Als jüngste Teilnehmerin beim renommierten Sibelius-Wettbewerb schaffte sie es in die Endrunde und zum Sieg. Seitdem kamen weitere wichtige Auszeichnungen wie der Bonner »Beethoven-Ring« hinzu. Batiashvili kann sich die Einladungen von Weltklasse-Orchestern wie der New York Philharmonic aussuchen. Dass sie gleichermaßen eine passionierte Kammermusikerin ist, unterstreicht sie bei ihrem Duo-Recital mit dem englischen Pianisten Paul Lewis. Ausgewählt wurden Violinsonaten von Beethoven und Schubert, aber auch Solistisches von Liszt und Telemann. 6.12. Hörsaal H1 der Universität Münster Aktuelle CD: Brahms, C. Schumann Violinkonzert, Drei Romanzen, Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann, Alice Sara Ott (DG / Universal 479 0086). Für die Aufnahme des Violinkonzerts von Brahms hat sich Lisa Batiashvili die Stradivari ausgeliehen, die einst Brahms-Freund Joseph Joachim gespielt hat. Auf dem edlen Instrument weiß sie dank ihres wohldosierten Vibratos bewundernswert zwischen echtem Sentiment und falscher Sentimentalität zu unterscheiden.

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Foto: Gert Weigelt / Gestaltung: Markwald Neusitzer Identity

aufgestelltes Vokal-Ensemble. Barenboim ließ es beim Requiem derart krachen, als sei ihm Maestro Arturo Toscanini leibhaftig erschienen.

AFTERNOON OF A FAUN JEROME ROBBINS WITHOUT WORDS HANS VAN MANEN NACHT UMSTELLT MARTIN SCHL ÄPFER

b.16 OPERNHAUS DÜSSELDORF WIEDERAUFNAHME: SO 29.09.2013 THEATER DUISBURG PREMIERE: DO 21.11.2013 INFOS UND KARTEN 0211. 89 25-211 0203. 940 77 77 www.ballettamrhein.de

„Nacht umstellt“ wird gefördert im Rahmen des Fonds Neues Musiktheater 2013

WOLFGANG AMADEUS MOZART

DIE ZAUBERFLÖTE

Lisa Batiashvili, Foto: Anja Frers / DG INFOS UND KARTEN 0211. 89 25-211 0203. 940 77 77 www.operamrhein.de

Anke Krabbe (Pamina), Jussi Myllys (Tamino); Filmforum, Duisburg. Foto: Hans Jörg Michel

THEATER DUISBURG, FR 13.12.2013 P R E M I E R E


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 LORIN MAAZEL  Lorin Maazel übernahm ab der Saison 2012/13 wieder eine Festanstellung in München. Schon von 1993 bis 2002 hatte der Amerikaner das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks geleitet. Im September 2012 gab Maazel sein umjubeltes Einstandskonzert mit der 3. Symphonie von Anton Bruckner. Seitdem sind Zweifel verflogen, ob der schon über 80-jährige Stardirigent dem von Celibidache und Thielemann geprägten Orchester Neues abverlangen könne. Mit zwei Gastspielen feiert man jetzt den 150. Geburtstag von Richard Strauss vor, der doch erst 2014 ansteht. Im ersten Konzert besteigen Maazel und die 110 Orchestermusiker mit dem großen Sohn der Stadt München und dessen »Alpensymphonie« höchste Höhen. Am Tag darauf porträtieren sie mit »Don Quixotte« und »Till Eulenspiegels lustige Streiche« den humorvollen Komponisten Strauss. 30.11. & 1.12. Konzerthaus Dortmund Aktuelle CD: Bruckner 3. Symphonie, Münchner Philharmoniker (Sony Classical 88883709292). Beeindruckendes Live-Dokument von Maazels Amtsantrittskonzert bei den Top- Philharmonikern von der Isar.

schokoladenmuseum.de

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Jahre

 CHRISTOPH PRÉGARDIEN  Der Tenor Christoph Prégardien hat einen ähnlich musikenzyklopädischen Radius wie ehemals Dietrich Fischer-Dieskau. Ob Bach-Kantaten, sämtliche Schubert-Zyklen, gewichtige Opernpartien und nicht zuletzt die Neue Musik – auf allen Gebieten hat sich der gebürtige Limburger zu einer herausragenden Sängerpersönlichkeit entwickelt. Der lyrische Tenor gastiert weltweit in den großen Häusern und arbeitet mit der Crème der Dirigentenzunft zusammen. Jetzt aber gibt er einen Liederabend in der musikhistorisch nicht unbedeutenden Provinz. Der Romantiker Max Bruch hatte sich nach Bergisch Gladbach zurückgezogen, um in Abgeschiedenheit den Großteil seines Werkes zu komponieren. In diesem Jahr feiert man hier Bruchs 175. Geburtstag mit einem ganzjährigen Festival. Als ein Höhepunkt darf Prégardiens Recital gelten. Gemeinsam mit Pianist Christoph Schnackerts gratuliert er nicht nur dem Liedkomponisten Bruch, sondern auch Benjamin Britten, der 2013 seinen 100. Geburtstag hätte feiern können. 1.12. Bürgerhaus Bergischer Löwe Bergisch Gladbach Aktuelle CD: Schubert »Winterreise« Michael Gees (Challenge Classics / New Arts Int. 72596)  IVÁN FISCHER  Drei Jahre war Budapest für Gustav Mahler der Mittelpunkt seines Wirkens und er von 1888 bis 1891 dort Operndirektor. Zudem leitete er 1889 die Uraufführung seiner 1. Symphonie. Ein Jahrhundert später ist Mahler in Budapest allgegenwärtig, dank Dirigent Iván Fischer, der mit einer Enkelin des Komponisten die ungarische Mahler-Gesellschaft gegründet und ein alljährliches Mahler-Fest ins Leben gerufen hat. Zudem gibt Fischer in diesem Rahmen beeindruckende Konzerte mit seinem Budapest Festival Orchestra. Was für ein überragendes Gespür sie für Mahlers Lebenszweifel und Todessehnsüchte besitzen, haben sie auf zahlreichen Einspielungen sowie auf Auslandstourneen unter Beweis gestellt. Nun gastieren die Budapester mit Mahlers letzter vollendeter Symphonie. Für Alban Berg war die Neunte überhaupt »das herrlichste Werk, das Mahler geschrieben hat«. 8.12. Philharmonie Essen Aktuelle CD: Wagner Siegfried-Idyll, Ausschnitte aus »Götterdämmerung«, Budapest Festival Orchestra (Channel Classics / New Arts Int. 32713)

Lorin Maazel, Foto: Chris Lee


1314 Don Carlo

Oper von Giuseppe Verdi Inszenierung: Jens-Daniel Herzog Premiere: 29.09.2013

Anatevka (Fiddler on the Roof)

Musical von Jerry Bock Inszenierung: Johannes Schmid Premiere: 19.10.2013

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg Große romantische Oper von Richard Wagner Inszenierung: Kay Voges Premiere: 01.12.2013

Internationale Ballettgala XVIII und XIX

Termine: 05. | 06.10.2013, 28. | 29.06.2014

Drei Farben: Tanz

Dreiteiliger Ballettabend mit Choreographien von Forsythe, Ekman und Lee Premiere: 09.11.2013

Geschichten aus dem Wiener Wald Ballett von Xin Peng Wang Musik von Johann Strauß (Sohn) und Alban Berg Uraufführung: 22.02.2014

Carmen

Opéra-comique von Georges Bizet Inszenierung: Katharina Thoma Premiere: 01.02.2014

Aschenputtel oder Der Triumph der Güte

fremde_heimat_klänge. Drei Begriffe, viele Möglichkeiten. Von großformatigen Werken, wie der Alpensinfonie bis hin zur Kammermusik.

Wiener Klassik Neujahrskonzert Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens

Die Jahreszeiten

Kammerkonzerte

Die Entführung aus dem Serail

sowie:

Kaffeehauskonzerte, Babykonzerte, Kinderkonzerte, Konzerte für junge Leute, Familienkonzerte

Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart Inszenierung: Jens-Daniel Herzog Premiere: 17.05.2014

„Die ganze Welt ist himmelblau“

Festliche Operetten-Gala Termine: 13.12.2013, 02.02.2014

Der unglaubliche Spotz

Kein Märchen, eine Oper für alle ab 6 Jahren von Mike Svoboda Inszenierung: Ronny Jakubaschk Premiere: 27.10.2013

Das Geheimnis der schwarzen Spinne

Kinderoper von Judith Weir Inszenierung: Alexander Becker Premiere: 02.07.2014

Der Elefantenmensch

Erste Stunde

von Bernard Pomerance Inszenierung: Jörg Buttgereit Premiere: 29.11.2013

Verbrennungen

von Wajdi Mouawad Inszenierung: Liesbeth Coltof Premiere: 30.11.2013

Inszenierung: Claudia Bauer Uraufführung: 15.02.2014

Dramma giocoso von Gioacchino Rossini Inszenierung: Erik Petersen Premiere: 22.03.2014

Szenisches Oratorium von Joseph Haydn Inszenierung: Jens-Daniel Herzog Premiere: 27.04.2014

Ein Lust-Spiel von Klaus Schumacher Inszenierung: Antje Siebers Premiere: 27.09.2013

Ein Märchenmassaker mit Live-Musik

Philharmonische Konzerte

Scharf!

Inszenierung: Andreas Beck Uraufführung: 06.10.2013

REPUBLIK DER WÖLFE

Der Graf von Luxemburg Operette von Franz Lehár Inszenierung: Thomas Enzinger Premiere: 11.01.2014

DRAMA QUEENS

Neue Songs aus der Kantine

Radikal ICH

Jugendclub-Projekt „Theaterpartisanen 16+“ Inszenierung: Sarah Jasinszczak Uraufführung: 15.03.2014

Kassandra

nach Christa Wolf Inszenierung: Lena Biresch Premiere: 04.04.2014

Der nackte Wahnsinn Komödie von Michael Frayn Inszenierung: Peter Jordan, Leonhard Koppelmann Premiere: 05.04.2014

STADT DER ANGST

Ein Lichtraum und sechs Trips ans Ende der Leistungsgesellschaft Inszenierung: M. Lobbes, K. Voges, F. Tiefenbacher, P. Wallfisch u.a. Premieren: 03., 04., 16.05.2014

Klassenzimmerstück von Jörg Menke-Peitzmeyer Inszenierung: Johanna Weißert Premiere: 03.10.2013

Pinocchio

Weihnachtsmärchen von Andreas Gruhn nach Carlo Collodi Inszenierung: Andreas Gruhn Uraufführung: 14.11.2013

First Person Shooter

von Paul Jenkins Inszenierung: Johanna Weißert Deutschsprachige Erstaufführung: 28.02.2014

Feiert, Facebooked, Folgt!

Stück von Holger Schober Jugendclub-Produktion Inszenierung: Isabel Stahl / Christine Köck Premiere: 07.03.2014

Außer Kontrolle: Carmen

Ein Musik-Theaterprojekt mit der Jungen Oper Inszenierung: Brigitta Gillessen Premiere: 28.03.2014

Ein Freund für Löwe Boltan von Erik Schäffler und Uwe Schade Inszenierung: Peter Kirschke Premiere: 09.05.2014

Frau Müller muss weg Stück von Lutz Hübner Inszenierung: Andreas Gruhn Premiere: 30.05.2014

WANDERSCHAFTEN.

roma, rebellen&szenen des urbanen

DAS GOLDENE ZEITALTER

Ein partizipatives Stadtteil-Projekt Inszenierung: Jörg Lukas Matthaei Uraufführungen: ab Frühjahr 2014

von Alexander Kerlin und Kay Voges Inszenierung: Kay Voges Uraufführung: 13.09.2013

Die Hamletmaschine

100 Wege dem Schicksal die Show zu stehlen

Männerhort

Komödie von Kristof Magnusson Inszenierung: Jens Kerbel, Jennifer Whigham Premiere: 21.09.2013

Peer Gynt

von Henrik Ibsen Inszenierung: Kay Voges Premiere: 28.09.2013

Intendant der Oper: Schauspieldirektor: Ballettdirektor: Leiter KJT: Generalmusikdirektor:

Jens-Daniel Herzog Kay Voges Xin Peng Wang Andreas Gruhn Gabriel Feltz

von Heiner Müller Inszenierung: Uwe Schmieder Eingerichtet für den Dortmunder Sprechchor Premiere: 18.05.2014

Karten & Infos 0231 / 50 27 222 Abos & Gruppen 0231 / 50 22 442 www.theaterdo.de


Foto: Künstleragentur

New Sounds of Iran

Ivo Neame p Petter Eldh b Anton Eger dr

Marius Neset

Ein Musikfestival mit Mohammad Reza Mortazavi, Ajam, Pedram Derakhshani, Mamak Khadem, dem Shanbehzadeh Ensemble, Shahrokh Moshkin Ghalam & Barbad Project und den Bands Nioosh und Pallett

Birds

Kölner Philharmonie, Stadtgarten und Filmforum Infos/Tickets 0221 280 280 koelner-philharmonie.de

KölnMusik gemeinsam mit DIWAN e. V., Akademie der Künste der Welt und Elbphilharmonie Konzerte Hamburg

Sonntag 24.11.2013 20:00

Gefördert durch

René Jacobs

Neujahr ganz neu:

Mozart Le nozze di Figaro

Freiburger Barockorchester Camerata Vocale Freiburg Pietro Spagnoli, Rosemary Joshua, Sophie Karthäuser u. a.

koelner-philharmonie.de 0221 280 280

Sonntag 01.12.2013 18:00

17:00 Einführung in das Konzert durch Oliver Binder

Foto: Matthias Muff

Black Widow

Erika Stucky & Band Foto: Nici Jost

Konzept und Design: Mehmet Alatur/ Breeder Design

11. – 13. Oktober 2013

Mittwoch 01.01.2014 18:00


K.WEST 10/2013 | 71

LANGER NACHHALL Das Denovali Swingfest in Essen gehört zu den ungewöhnlichsten Konzertreihen in Deutschland. Postrock-Bands, neo-klassische Pianisten und elektronische Musiker kommen in der Weststadthalle zusammen und schaffen eine ganz eigene Atmosphäre.

Es gibt Worte, die Konzert-Promoter nicht gerne benutzen. Ganz oben auf der Verbotsliste steht: »experimentell«. Mit experimenteller Musik hausieren zu gehen, ist ein wenig so, als bezeichnete man das Essen bei der Schwiegermutter als »interessant«. Es ist ein Code für: schwer genießbar. Insofern muss man den Mut des Denovali Swingfests bewundern, die eigene Veranstaltung als »Festival für experimentelle Musik« zu verkaufen. Aber es geht wohl nicht anders. Eine Klammer, die sämtliche Künstler im Programm zusammenhielte, gibt es einfach nicht. Drei Tage dauert die Veranstaltung in der Essener Weststadthalle, in dieser Zeit hören aufgeschlossene Gäste so ziemlich alles von dröhnenden Industrial-Sounds bis zu dahingetupften Piano-Melodien. Manche Musiker sehen aus wie finstere norwegische Death-Metaller – und sind es wahrscheinlich auch. Andere erinnern an fragile Feingeister aus dem Konservatorium. Schon alleine wegen dieser Mischung muss man das Denovali Swingfest mögen. Fast alle Festivals behaupten, ihrem Publikum etwas Besonderes zu bieten. Diese Konzertreihe tut es wirklich. Manche der in Essen auftretenden Künstler spielen in diesem Jahr nirgendwo anders in Deutschland. Zur Beruhigung: Mit kopflastigem Geklöppel von Kunststudenten hat das Denovali bei allem Willen zum Experiment wenig zu tun. Ein Großteil der Musik ist sogar ziemlich eingängig. Das gilt besonders für die Klavierstücke. Die Pianisten bilden einen Schwerpunkt des Festivals. Manche, wie der Münchner Carlos Cipa, spielen das Instrument auf klassische Art. Andere, wie das britische Duo Piano Interrupted, kreuzen Klavierklänge mit elektronischer Musik. Und dann ist da noch die zierliche Engländerin Poppy Ackroyd. Sie präpariert nicht nur das Klavier, sondern auch die Violine, ihr zweites Hauptinstrument. Heraus kommen melancholische Instrumentalstücke, die immer ein wenig nach dem Soundtrack zu einem Jane-Campion-Film klingen (wer die idealen Bilder zu Ackroyds Musik sucht, sollte sich Campions neue Serie »Top of the Lake« anschauen).

Eines der Highlights: der Auftritt von Tomáš Dvořák, alias Floex, Foto: Tomáš Jakubec

Zu den Highlights des Festivals zählt der Auftritt des tschechischen Multiinstrumentalisten Tomáš Dvořák. Unter dem Pseudonym Floex spielt er atmosphärisch dichte Stücke, die irgendwo zwischen Elektronik, Nu-Jazz und Kammermusik angesiedelt sind. Dvořáks Hauptinstrument ist die Klarinette. Seit neustem begleitet ihn eine komplette Band, inklusive Sängerin. Wahrscheinlich gibt es kaum einen Act, der das genreübergreifende Konzept der Veranstaltung so sehr verkörpert wie Floex. Das Denovali Swingfest ist auch ein Ort der Gitarrenwände, Echos und Ambientklänge. Exemplarisch für diesen Sound ist die Musik des Kanadiers Tim Hecker. Für langen Nachhall sorgen auch Bands wie Barn Owl, Field Rotation oder Witxes. Wem diese Künstler ein bisschen zu schwermütig sind, der sollte sich den Auftritt von Emika vormerken. Die britische Sängerin ist der Überraschungsgast beim diesjährigen Swingfest. Ihre Synthie-Hits sind fast schon poppig. Zumindest im Kontext dieses erstklassigen Festivals. | JUK

INFO

K.WEST präsentiert: Denovali Swingfest, 3.-6. Oktober 2013, Essen, Weststadthalle, www.denovali.com/swingfest


72 | MUSIK

DAS BESTE VOM LANDE TEXT: INGO JUKNAT

Konzert im Robert-Schumann-Saal. Foto: Thomas Spallek

Beim New Fall Festival in Düsseldorf spielen Pop-Bands in klassischen Sinfoniesälen; neben internationalen Stars stellen sich auch Künstler aus der Region vor. Der neue NRW-Showcase im Hotel Nikko gehört zu den Highlights.


t h e R oya l B a l l e t

Und ewig winkt die Katze. Zumindest hier, in Düsseldorfs Little Tokyo, auf der Immermannstraße. In jedem zweiten Schaufenster steht Maneki-Neko, die Plastikkatze, und begrüßt die Gäste mit erhobener Pfote. Auch die japanischen Geschäftsreisenden, die im Hotel Nikko einchecken. Ausgerechnet hier zieht im Herbst der Pop ein. Genauer gesagt, das New Fall Festival. Im Ballsaal des Edelhotels finden spezielle »Late Night Shows« statt. Sie ergänzen das Festivalprogramm am Wochenende. Alle anderen Konzerte finden, wie in den vergangenen Jahren, in der Tonhalle und im Robert-Schumann-Saal statt. Besondere Künstler an besonderen Orten – am Grundkonzept der Veranstaltung hat sich nichts geändert. Das New Fall Festival will Bands und ihr Publikum aus der Mehrzweckhalle befreien. Damit ist die Veranstaltung Teil eines größeren Trends, Pop-Konzerte zu individualisieren und besondere Erlebnisse zu bieten. Das ist auch nötig. Nie tourten Bands inflationärer als heute, nie gab es mehr Festivals. Wer sich nichts einfallen lässt, gerät schnell unter die Räder, wie das Beispiel des jüngst eingestampften »Area 4«-Festivals in Lüdinghausen zeigt. Das New Fall Festival versucht, sich gleich mehrfach hervorzuheben. Da sind zunächst die Konzerthäuser: die elegante Tonhalle am Rhein, der holzvertäfelte Robert-Schumann-Saal sowie die neue JapanKulisse. Noch wichtiger sind natürlich die Künstler. Eine Mischung aus internationalen Stars und Geheimtipps steht auf dem Programm. Dass ›besondere‹ Künstler nicht unbedingt ›selten gesehene‹ bedeutet, kann man am Line-up 2013 nachvollziehen. Nicht alle Auftritte sind Raritäten. Bands wie Tocotronic oder Friska Viljor stehen für intelligenten Pop, touren aber auch ausgiebig. Da wirken andere Programmpunkte origineller. Allen voran der Auftritt des französischen Musikers und Regisseurs Woodkid, der in der Tonhalle gemeinsam mit dem Düsseldorfer Jugendsinfonieorchester spielt, eine einmalige Kombination. Selten gesehen ist auch die gerade mal 17-jährige Birdy aus London, die sich im RobertSchumann-Saal hinter den Flügel setzt. Dass man für ungewöhnliche Acts nicht immer nach England linsen muss, zeigt der NRW-Showcase im Hotel Nikko. Hier präsentieren sich drei der aktuell besten Bands des Landes. Roosevelt ist das SoloProjekt von Beat!Beat!Beat!-Sänger Marius Lauber. Sein tanzbarer Elektropop hat internationales Format und landete jüngst – nicht zufällig – auf Pitchfork und nme.com, zwei der renommiertesten Musikseiten im Netz. Auch die Kölner Kollegen von Vimes haben internationale Erfahrung. Dieses Jahr spielten sie unter anderem auf dem SXSW-Festival in Texas und auf der Canadian Music Week in Toronto. Bleiben noch die Grandbrothers, ein Köln-Düsseldorfer Duo, das sich auf experimentelle Klavierkünstler wie Steve Reich oder Terry Riley bezieht. Ein ziemlich hoher Anspruch, dem die Grandbrothers im Hotel Nikko gerecht werden wollen.

eINe NeUe INsZeNIeRUNG VON CARLOs ACOsTA BAsILIO

CARLOs ACOsTA | kITRI MARIANeLA NUÑeZ

Don QUICHoTTE MUsIk

LUDWIG MINkUs | DIRIGeNT MARTIN YATes

CHOReOGRAFIe

CARLOs ACOsTA

NACH

MARIUs PeTIPA

www.roh.org.uk/cinema

Die Neuproduktion des Ballettklassikers live auf der großen Kinoleinwand Am 16. Oktober um 20.15 Uhr aus dem Royal Opera House London

INFO

New Fall Festival, Düsseldorf, 30. Oktober bis 3. November 2013. www.new-fall-festival.de K.WEST präsentiert: NRW-Showcase mit Roosevelt, Vimes und Grandbrothers, 2. November, Hotel Nikko

KINOWELT Mehr Infos und Tickets unter

www.UCI-KINOWELT.de oder über die UCI App.


74 | MUSIK

 JAZZ, POP

Empfehlungen

der Redaktion

1. OKTOBER   Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:   TRIO HEWAR/MORGENLAND ALL STAR BAND   in Mülheim an der Ruhr Projekt: Das 3. Ohr/Klanglandschaften Das syrische Trio Hewar verbindet traditionelle arabische Musik mit Jazz, Scat und klassischer Musik, bricht traditionelle Genregrenzen auf und vereint Elemente unterschiedlicher Musikkulturen zu einem einzigartigen und unverwechselbaren Klang. Hewar ist das arabische Wort für Dialog, und seit Jahren pflegen die drei Musiker diesen nicht nur untereinander, sondern auch mit wechselnden Gästen. So verbindet sich Hewar im zweiten Teil des Konzerts mit Musikern aus dem Libanon, aus Aserbaidschan, der Türkei und China zur Morgenland All Star Band und präsentiert – initiiert vom Osnabrücker Morgenland Festival – ein östliches Geflecht voller Spannungen, Gegensätze und Überraschungen. Stadthalle www.nrw-kultur.de/dasdritteohr.de

4. OKTOBER  VIVE LE JAZZ   am Rhein In die sechste Runde geht das »Vive Le Jazz«Festival, bei dem sich deutsche und französische Jazzmusiker bis zum 18. Oktober zu Sessions entlang der Rheinschiene Düsseldorf, Köln und Bonn treffen. Gleich beim Eröffnungskonzert in der Landeshauptstadt kommt es zum überfälligen Wiederhören mit dem aktuell vielleicht innovativsten Jazz-Violinisten Frankreichs, Dominique Pifarély, der sich besonders in den gemäßigten Avantgarde-Jazzprojekten seiner Landsleute Louis Sclavis und Marc Ducret ausgezeichnet hat. Das deutsche »tria lingvo« hat ihn zu einem grenzübergreifenden JazzDialog eingeladen. Hinter dem Bandnamen »tria lingvo« (Esperanto für »Dritte Sprache«) stecken mit Johannes Lemke (Sopransaxofon), André Nendza (Bass) und Christoph Hillmann (Drums) drei der aktuell besten Jazzmusiker Deutschlands, die sich abenteuerlustig im Grenzbereich zwischen ethnischer Inspiration und improvisierter Musik aufhalten. Jazzschmiede, Düsseldorf

Ab 2. OKTOBER   Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:   STREIFENJUNKO in Köln Projekt: Soundtrips NRW Die Musik von Streifenjunko ist außergewöhnlich, ruhig und extrem fokussiert, auf eigene Art schön, fast möchte man sagen: charismatisch. Das liegt nicht nur an der seltenen Kombination der Instrumente Trompete und Tenorsaxofon. Vielmehr haben Espen Reinertsen (Saxofon) und Eivind Lønning (Trompete) über Jahre ihre Musik in engster Zusammenarbeit gemeinsam »erkomponiert«. Dabei haben sie im Laufe der Zeit eine ganz unverwechselbare Klangsprache entwickelt und diese weltweit in über 100 Konzerten präsentiert. Gerne konzertiert das Duo auch im Verbund mit anderen Musikern, wie erst kürzlich mit dem Christian Wallumrød Ensemble für ein ECM-Projekt oder im Improvisationsquintett Koboku Senju, zusammen mit dem Tubisten Martin Taxt, dem Gitarristen Tetuzi Akiyama und Toshimaru Nakamura. Atelier Dürrenfeld/Geitel; am 3. Oktober im Ort, Wuppertal, am 4. Oktober im Kunstmuseum Bochum, am 5. Oktober im Alten Kurhaus, Aachen, am 6. Oktober im Black Box im Cuba, Münster, am 7. Oktober im Goethebunker, Essen. www.soundtrips-nrw.de

5. OKTOBER  TROMBONE SHORTY   in Köln und Dortmund Geboren wurde er vor 27 Jahren in New Orleans als Troy Andrews. Seit ein paar Jahren macht Andrews als »Trombone Shorty« nicht nur in Jazz-Clubs von sich reden. Selbst Lenny Kravitz, U2 und Barack Obama zählen zu den Fans des Muskelpakets an der Posaune. Denn Shorty spielt mit seiner Band »New Orleans« nicht traditionsbewussten Jazz, sondern einen explosiven Stilmix aus Funk, Rock, Rhythm’n’Blues, Jazz und HipHop. Gerade ist Shortys neuestes Album »Say That To Say This« erschienen, auf dem auch Funk-König James Brown Reverenz erwiesen wird. Trombone Shorty blüht live erst so richtig auf! Live Music Hall, Köln; am 12. Oktober im FZW, Dortmund 6. OKTOBER  GODARD / NIGGLI / BIONDINI   beim Münsterlandfestival Jedes Mitglied dieses Trios ist an seinem Instrument ein akustischer Starkstrommusiker. Der Franzose Michel Godard beweist an der Tuba, dass man diesem – von Jazzmusikern etwas schräg angesehenen Blechblasungetüm – groovende Beine machen und anmutige

mediterane Melodien entlocken kann. Der Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli kennt vom Rock- bis zum Free-Jazz überhaupt keine Grenzen. Und der Italiener Luciano Biondini improvisiert auf dem Akkordeon nach Herzenslust oder widmet sich der Folkore Imaginaire. Die Herren kennen sich schon lange und haben sich Bach genauso wie Coltrane, dem Tango und der Tarantella gewidmet. Weitgreifende musikalische Wanderungen sind also beim Auftritt dieses Ausnahmetrios beim Münsterland Festival zu erwarten. Haus Siekmann, Sendenhorst 12. OKTOBER  WDR Big Band  in Düsseldorf und Köln Von zwei amerikanischen Top-Saxofonisten lässt sich die WDR Big Band an die Hand nehmen, um aus den Tiefen der Jazzgeschichte in die Gegenwart vorzudringen. Zunächst mit Chris Potter, der jede Gangart von Hardbop bis zur freien Rhythmik beherrscht und dafür von den Allergrößten wie Pat Metheny bewundert wird. Für den Abend »Modern Minds« hat Potter nicht nur eigene Kompositionen für die Big Band neu arrangiert. Als Special Guest hat er das Pablo Held Trio eingeladen. Knapp eine Woche später dann können die Kölner bei ihrem Heimspiel mit Jimmy Heath einen der letzten Vertreter einer goldenen Jazzepoche begrüßen! Heath, der mit John Coltrane, Chet Baker und Miles Davies zusammengearbeitet hat, geht stramm auf die 90 (!) zu und hat mit dem Saxofon entsprechend viel zu erzählen. Wie der Titel des Abends vermuten lässt: »The Jimmy Heath Story«. 12. Oktober, Robert-Schumann-Saal, Düsseldorf; am 18. Oktober im Stadtgarten, Köln 13. OKTOBER  ARVE HENRIKSEN QUARTETT   in Dortmund Die Musiker des norwegischen Quartetts um Trompeter Arve Henriksen sind absolute Spezialisten für auratisch geheimnisvolle Klangplastiken. Und besonders Ensemblegründer Henriksen ließ sich dafür von der traditionellen japanischen Musik inspirieren. Seine Trompete singt schon mal ätherisch zart wie eine Shakuhachi-Flöte, während durch die Gitarrensaiten von Helge Sten sanfte Geräuschwinde zu wehen scheinen. Hinter diesem, von Ambient und


K.WEST 10/2013 | 75

Electronica gespeisten Hyper-Minimalismus verbirgt sich eine geheimnisvoll telepathische Unruhe, die bisweilen robust explodieren kann. Immerhin sitzen mit Audun Kleive und Helge Norbakken gleich zwei kraftvolle Polyrhythmiker am Schlagzeug. Dieser Jazz Made in Norwegen ist so stimmungsvoll wie unberechenbar. Domicil 18. OKTOBER  ELINA DUNI QUARTETT   in Ahlen Die Jazz-Sängerin Elina Duni stammt aus Albanien. Dass sie perfekt in das auf Frankreich und die Schweiz fokussierte Programm des Münsterland Festivals passt, verdankt sie ihrer Sozialisation im Alpenstaat. Nach ihrer Übersiedlung studierte sie zunächst in Genf klassisches Klavier, bevor sie sich dann in Bern auf den Jazzgesang konzentrierte. Vor zehn Jahren gründete sie zudem ihr eigenes Quartett, bei dem mit dem Pianisten Colin Vallon und dem Schlagzeuger Norbert Pfammatter noch zwei Musiker der Urbesetzung dabei sind. »Ich wollte nie nur eine Sängerin mit einem BackingTrio sein«, so Elina Duni. »Von Anfang an habe

ich den Musikern viel Raum zum Improvisieren gegeben und viel mit meiner Stimme experimentiert. Sie ist ein weiteres Instrument.« Zeche Westfalen 23. OKTOBER  CHVRCHES   in Köln Einen radikaleren Stilwechsel als den von Iain Cook kann man sich kaum vorstellen. Früher war er Gitarrist in der schottischen Band Aerogramme. Dort spielte er traurig-schöne Postrock-Stücke, die freilich so groovy waren wie Zwölftonmusik. Dann lernte er die 13 Jahre jüngere Lauren Mayberry kennen und tauschte Gitarren gegen Synthies. Unter dem Namen Chvrches (mit »v«, leichter zu googlen) schreiben die beiden – gemeinsam mit Martin Doherty – nun erstklassige Tanzmusik. Das Hitpotenzial der neuen Band hat sich schnell rumgesprochen. Auf dem Eurosonic Festival im Januar gehörten Chvrches zu den großen Gewinnern, jüngst traten sie beim wichtigsten Newcomer-Festival weltweit, dem »SXSW« in Texas, auf. Gloria

WAZ-DRUCK

26. OKTOBER  JAN GARBAREK GROUP   in Essen Die Jan Garbarek Group gehört zu den langlebigsten Formationen in der Jazzszene. Auch nach über 30 Jahren haben sich die beiden Gründungsmitglieder, der norwegische Saxofonist Jan Garbarek und der deutsche Klavierpoet Rainer Brüninghaus, noch immer viel zu erzählen. Im Mittelpunkt steht stets die Synthese aus Jazzrockigem und Weltmusik. Zur aktuellen Besetzung gehören zwei Musiker, die den Sound und den Atem dieses Quartetts gleichfalls mitgeprägt haben. 2007 hat der brasilianische Bassist Yuri Daniel den Job von Eberhard Weber übernommen, der bis dahin das Bass-Rückgrat der Group gebildet hatte. Und an der Perkussion sitzt die indische Rhythmusmaschine Trilok Gurtu, mit dem Garbarek in den letzten 30 Jahren schon zahllose, musikalisch inspirierende Gespräche geführt hat. Zeche Zollverein


76 | Die enge Verbindung zu den katholischen Herrschern bescherte Coxcie weitere Arbeit, als nach protestantischen Bilderstürmereien während der Gegenreformation viele Kirchen in den Niederlanden neu zu schmücken waren. Für Auftraggeber in Brüssel, Antwerpen und Mechelen entwarf Coxcie zahlreiche Altarbilder, Kirchenfenster und Wandteppiche. Noch heute finden sich große Arbeiten in den Kathedralen St. Rumbold (Mechelen) und St. Michael und Gundula (Brüssel), außerdem in den Museen von Brüssel, Antwerpen und mehreren europäischen Städten.

inspiRAtion füR ZEitGEnossEn unD nAChfoLGER

Mit der ersten Überblicksausstellung zu seinem Werk will das Museum Leuven nun zeigen, dass Michiel Coxcie lange unterschätzt wurde und zu Unrecht in Vergessenheit geriet. Die Ausstellungsmacher betonen, dass sein Stil zur damaligen Zeit eine wirkliche, umwälzende Neuerung in den Niederlanden war, dass er viele Zeitgenossen und Nachgeborene inspirierte – bis hin zu Peter Paul Rubens. Coxcie, so die Kuratoren, verkörpere den Übergang von der flämischen Malerschule (der „flämischen Primitiven“) zur Kunst des Barock. Um die Vielseitigkeit des Künstlers zu zeigen, vereint die Ausstellung bedeutende Werke aus

Jan Gossaert und Michiel Coxcie, Der Evangelist Johannes (Altarbild, Detail) ©Nationalgalerie Prag

Der flämische Raffael

Er war einer der vielseitigsten und einflussreichsten flämischen Maler des 16. Jahrhunderts, dennoch ist er ein wenig in Vergessenheit geraten: Michiel Coxcie. Eine große Ausstellung in Leuven bietet Gelegenheit, ihn neu zu entdecken.

BotsChAftER DER itALiEnisChEn REnAissAnCE

Geboren wurde der „flämische Raffael“ 1499, vermutlich in Mechelen – wie Leuven nur wenige Kilometer von Brüssel entfernt. Sein Leben umspannte fast das ganze 16. Jahrhundert: Coxcie starb hochbetagt 1592 in seiner Geburtsstadt. Schon als junger Mann hatte er Mechelen allerdings verlassen, um in der Brüsseler Werkstatt Bernard van Orleys das Malen zu erlernen. Wie sein Lehrmeister – und wahrscheinlich auf dessen Rat hin – ging Michiel Coxie dann für sieben Jahre nach Rom, studierte dort die Kunst der Antike und der Renaissance. Nach der Rückkehr

in die Niederlande war Coxcie entscheidend daran beteiligt, die Stilelemente der italienischen Renaissance in seiner Heimat bekannt zu machen und zu etablieren.

ERfoLG ALs hofMALER DER hABsBuRGER

Als sein nur wenig älterer Lehrer van Orley 1541 starb, übernahm Coxcie dessen Amt als Hofmaler Marias von Ungarn, seit 1530 Statthalterin der habsburgischen Niederlande. Auch ihr in Gent geborener Bruder Karl, König von Spanien und römischer Kaiser, zählte Coxcie zu seinen Lieblingsmalern. Bei Karls Sohn, als Philipp II. spanischer König mit weiterhin engen Beziehungen zu den Niederlanden, war Coxcie wiederum Hofmaler. Diese prominenten Positionen brachten ihm natürlich Aufträge ein, so war er an der Ausstattung von Marias prächtigem Schloss im wallonischen Binche beteiligt; in Philipps Auftrag lieferte Coxcie Gemälde sowie Entwürfe für Wandteppiche und Glasmalereien. Alte und moderne Architektur vereint das M – Museum Leuven. Foto: Karel Rondou

Glasfenster nach einem Entwurf Michiel Coxcies in der Brüsseler Kathedrale St. Michael und St. Gudula. Foto: KIK-IRPA.


K.WEST 10/2013 | 77 eigenem Besitz mit Leihgaben großer Museen wie Prado, Madrid, British Museum, London, Staatliche Museen, Berlin und Rijksmuseum, Amsterdam.

M – Ein MoDERnEs MusEuM Mit tRADition

Eine Entdeckung ist für viele Besucher sicher auch das Museum „M“ in der Leuvener Innenstadt. Seit etwa 1900 residierte es als Städtisches Museum im ehemaligen Wohnpalast eines Bürgermeisters und bezog seinen recht umständlichen Namen von dessen Familie: „Museum Vander Kelen-Mertens“. Die radikale und besonders für auswärtige Besucher hilfreiche Verkürzung auf den Namen „M“ ging einher mit einer bedeutsamen Erweiterung. Nach Plänen des bekannten belgischen Architekten Stéphane Beel entstand bis 2009nein moderner Baukomplex in sechs Ebenen, der das alte Bürgermeisterhaus und ein Akademiegebäude integrierte. Seither kann das Museum seine kontinuierlich gewachsene Sammlung angemessen unterbringen und präsentieren; außerdem gibt es genügend Raum für Wechselausstellungen. Die ständige Sammlung ist auf regionale Kunst aus Leuven und Brabant fokussiert – vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Wechselausstellungen decken darüber hinaus ein breites Spektrum ab: Malerei, Skulptur, Fotografie, Video- und Filmkunst, Architektur und Design. Das Museum befindet sich mitten in der historischen und sehenswerten Leuvener Altstadt.

info M – Museum Leuven Leopold Vanderkelenstraat 28, B - 3000 Leuven tel. : +32 (0)16 27 29 29 E-mail : m@leuven.be www.coxcie.be Öffnungszeiten: 11–18 uhr, Donnerstag 11–22 uhr Mittwochs geschlossen

MIt DER BAHN NACH LEUVEN

Die Bahn bietet eine ganz entspannte Art, zur Coxcie-Ausstellung zu reisen: von deutschen Bahnhöfen nach Leuven und zurück, innerhalb von 3 tagen, mit „Europa-Spezial Kultur“ ab 59 (2.Klasse) und ab 99 EUR (1. Klasse) pro Person – im ICE, EC oder IC. Auf bestimmten grenznahen Verbindungen wird es sogar noch günstiger. Eigene Kinder reisen kostenlos mit, wenn sie nicht älter als 14 Jahre sind. Das ticket muss spätestens drei tage vor Reisedatum gekauft werden und ist an die vorausgebuchten Züge gebunden. Es ist erhältlich in allen DB Reisezentren und DB Agenturen – bei gleichzeitigem Kauf oder bei Vorlage einer Eintrittskarte zur Coxcie-Ausstellung. Das Angebot gilt, solange der Vorrat reicht. Weitere Informationen unter www. bahn.de/kultur

Lebendiges Leuven

Leuven oder Löwen liegt mit seinen knapp 100.000 Einwohnern nur 20 Kilometer von Brüssel entfernt – und hat doch seinen ganz eigenen Charme, mit allen Zutaten, die man von einer typisch flämischen stadt mit langer Geschichte erwartet.

DAs GotisChE RAthAus unD AnDERE sChätZE

Zu diesen sehenswerten Merkmalen zählen, unter anderem: Der „Grote Markt“ mit dem berühmten gotischen Rathaus von 1468 und weiteren prächtigen Häusern. Unter mehreren Kirchen gilt Sint Pieter als eines der Hauptwerke brabantischer Gotik. Der „Kriudtuin“ oder Hortus Botanicus Lovaniensis von 1738 ist der älteste Botanische Garten Belgiens. Der Große Beginenhof wiederum ist einer der größten erhaltenen Beginenhöfe Flanders und zählt seit 2000 zum UNESCO-Welterbe. Schließlich ist Leuven Sitz der ältesten Universität Belgiens; unter den ehrwürdigen die Gebäuden der Katolieke Universiteit Leuven sticht die prächtige Bibliothek hervor, die man auf den ersten Blick für ein Rathaus halten möchte. Diese Bibliothek ist allerdings auch Symbol dafür, dass Leuven seine heutige Schönheit vielfacher Zerstörung abgetrotzt hat. 1914 setzten deutsche Soldaten die Stadt in Brand, dabei gingen auch die Schätze der Bibliothek verloren. Ähnliche Verluste brachte der Zweite Weltkrieg. Der Wiederaufbau dauerte lange. Dass Leuven nicht einfach im Schatten der großen Nachbarstadt Brüssel steht, hat viel mit der Universität zu tun; das studentische Flair trägt sehr zur Lebendigkeit der Stadt bei.

GutEs EssEn unD BELGisChEs BiER

Das prächtige Stadhuis (Rathaus) am Großen Markt. Foto: Designskills

Für den Besucher ist Leuven, wie andere belgische Städte, auch wegen seiner Restaurants und Kneipen interessant. Die Belgier verstehen etwas vom guten Essen – und erst recht natürlich vom Bier. Leuven gilt sogar als eine Welthauptstadt des Bieres, weil es Sitz des globalen Brauriesen „AB-Inbev“ ist. In Leuven wird indes nicht nur das bekannte „Stella Artois“ gebraut. Für Belgienliebhaber noch interessanter sind sicher Hausbrauereien wie „Domus“; schon die Namen der drei Domus-Biersorten versprechen himmlische Genüsse. Schließlich ist für Besucher auch die Nähe zu Brüssel ein großer Vorteil: In weniger als einer halben Stunde kommt man mit dem Zug in die belgische Hauptstadt – zum Beispiel, um dort Michiel Coxcies Kirchenfenster zu sehen, als Ergänzung zur Ausstellung im M Museum

Leuven. Das sei hier erwähnt, ohne dass die große Nachbarstadt das letzte Wort haben soll: Leuven ist auch für sich allein so interessant, dass ein langes Wochenende kaum ausreicht, alles kennen zu lernen.

Der Kruidtuin ist Belgiens ältester Botanischer Garten. Foto: ToersimeLeuven

Das Gebäude der Universitätsbibliothek steht nach mehrfacher Zerstörung heute wieder prächtig da. Foto: ToerismeLeuven

info www.visitleuven.be Viele Leuvener hotels bieten spezielle Arrangements für Besucher der Michiel Coxcie-Ausstellung. Auch um das thema „Bier und Brauen“ herum gibt es interessante Komplett-pakete.


78 | DESIGN

4711 – EAU DE COLOGNE

das Ding

Design im Alltag

Foto: 4711 / Mäurer & Wirtz

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

INFO

www.4711.com


K.WEST 10/2013 | 79

Kindheitserinnerungen: Die Flasche in Omas Badezimmerschrank. Oder eine Design-Ikone. Die auf dem Etikett abgebildeten Medaillen zeigen in der Handtasche in Form der gefürchteten Erfrischungstücher zum eine Auswahl der Auszeichnungen, die die Firma in ihrer Geschichte auf Abwischen schmutziger Enkelwangen. Der Schulausflug nach Köln, wo diversen Weltausstellungen erworben hat. Das französische »No.« und die das »4711«-Logo bis heute übergroß am Hauptbahnhof leuchtet, mit kleine Glocke, die die Zahl »4711« einrahmen, verweisen nochmals auf _Kulturmarke Abstecher in die Glockengasse. Und natürlich die Geschichte, dass es die die Kölner Adresse. _Trendmarke Truppen Napoleons waren, die dem Haus, und somit auch der Marke, die Eine wesentliche Design-Änderung erfuhr »4711« mit dem Duft _Stadtmarke Nummer 4711 verpassten. »Nouveau Cologne«, der passenderweise am 4. 7. 11 eingeführt wurDas »Echt Kölnisch Wasser« – oder etwas eleganter »Eau de Cologne« de. Ergänzend _Kulturinvestor zur Traditionsmarke »4711« gestaltete der Verpackungs– gehört neben dem Kölsch zu den berühmtesten und bekanntesten designer Peter_Kulturmanager Schmidt eine aufgeräumte Version des bisherigen Eti_Förderverein Flüssigkeiten der Domstadt; und das schon sehr lange: Der Legende nach ketts mit hohem Weißanteil und einer zurückgenommenen Spielart des des Jahres erhielt der junge Kaufmann Walter Muelhens 1792 zu seiner Hochzeit Bremer Blau; auch der Schriftzug »4711« wurde modernisiert. Herausvon einem Mönch die Geheimrezeptur für ein »Aqua mirabilis«, ein gekommen ist eine Wellness-Variante mit »Feel-Good Fragrance« für Bewerbungsunterlagen & Infos: Wunderwasser für die innere und äußere Anwendung. Schnell eröffnete die jüngere Zielgruppe; ein etwas bemühter Versuch, das leidige Omawww.kulturmarken.de er in der Glockengasse eine kleine Manufaktur, die 1797, im Zuge der Image loszuwerden. städtischen Neuordnung durch die französischen Besatzungstruppen, die Dabei war die Marke in den 1920er Jahren dermaßen mondän, elegant Hausnummer »4711« erhielt. Als Napoleon 1810 die Offenlegung aller und erotisch-flirrend, dass der damalige Kölner Erzbischof »4711«-Wermedizinischen Rezepturen verlangte, deklarierte Muelhens sein Wunder- beplakate wegen zu viel nackter Haut abhängen ließ. 1933 zierten dann wässerchen sicherheitshalber als »äußerlich anwendbaren Duft« um. zwei brave, pausbäckige Kinder mit Weihnachtsbaum, Geschenken und 1820 entwickelte der Destillateur Peter Heinrich Molanus die bis heu- übergroßer Parfümflasche die Plakate – »Da freut sich Mutti«. Auch auf te bekannte, »Molanusflasche« mit dem charakteristischen den Plakaten der Wirtschaftswunderzeit gab man sich zeitgeistig-bieder. F i l m a n sechseckige schauen! Der Wettbewerb für Kulturmanagement, Etikett in Gold und Bremer Blau. Sie löste die bisherigen, 1967 war »4711« immerhin auf der Höhe der Technik und produzierte -marketing und schmalen -investments im transportiert deutschsprachigen »4711«-Flaschen ab, die nur liegend werden konnten und Raum. den ersten farbigen TV-Werbefilm Deutschlands. Ein kleiner Kostümnicht stapelbar waren. Die neuen Flaschen boten zudem mehr Platz für film, der noch einmal die Vergangenheit rekapitulierte und einen franzöVeranstalter: Förderer: sischen Soldaten zeigte, der schwungvoll die »4711« auf eine Hauswand das Etikett, das nicht nur als erstes farbiges seiner Art in die Geschichte einging, sondern die kostbare Flüssigkeit zudem vor Sonnenlicht schütz- pinselte. In der Uniform steckte aber kein Schauspieler, sondern der date. Seine opulente Ornamentik und Farbgebung wurde zwar immer wie- malige Werbeleiter, da nur er als einziger in der Lage war, den Schriftzug der leicht verändert und angepasst – dennoch ist die Flasche bis heute schnell und in einem Zug auf die Kulisse zu malen.

Bis 15.8. bewerben!

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kultur20 invest13 kongress Film anschauen!

Veranstalter:

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24./25.Oktober

im Verlagsgebäude des Tagesspiegel in Berlin Anmeldung: www.kulturinvest.de

Der Branchentreff für Kulturanbieter und Kulturinvestoren im deutschsprachigen Raum.

Presentingpartner:

Premiumpartner:


80 | LITERATUR

HINEINGELESEN Die NRW-Landesvertretung auf der Frankfurter Buchmesse: Debüts von Martin Krumbholz, Hannah Dübgen und Martin Schönherr; David Schraven reist nach Afghanistan, Selim Özdogan in die Drogenzone; Jochen Rausch schickt einen Geografielehrer in den Wald und Marion Poschmann erkundet in ihrem für den Buchpreis nominierten Roman »Die Sonnenposition«.


K.WEST 10/2013 | 81

SPRACHLEUCHTEN Marion Poschmann lotet die »Sonnenposition aus. Wenn seine Patienten ihre Familiensituation als Obstkorbstillleben nachstellen sollen, hält Altfried Janich sich selbst am liebsten für eine Pomeranze. »Perfekt gerundet und relativ stoßfest, von einer in sich ruhenden Fülle«, womit Gemüt und Leibeskonstitution des Rheinländers treffend zur Anschauung kommen. Wichtiger aber noch ist, dass die Bitterorange aus China, »dem Land der aufgehenden Sonne«, stammt. Denn der eigenbrödlerische Psychiater reklamiert als Ich-Erzähler gleich eingangs von Marion Poschmanns neuem, für den Buchpreis nominierten Roman »Die Sonnenposition« für sich, von der »Sonnenwarte« aus zu erzählen, mit dem »allsehenden Auge des Arztes«. Janich praktiziert in einem maroden, zur Heilanstalt umfunktionierten Barockschloss in Ostdeutschland, wo vornehmlich Wendeverlierer therapiert werden, Menschen, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs am Verlust von Solidarität und Sinn leiden. Ihre Tage versucht Janich, der sich manchmal selbst für einen seiner Patienten hält, aufzuhellen, in ihre Psyche hineinzuleuchten. Dabei weiß er nur zu gut – als Psychiater wie als Erzähler –, dass unter der ausgeleuchteten Oberfläche so manches verborgen bleibt. Und das klingt auch in seinem altertümlichen Namen an: Denn Altfried bedeutet nicht nur Friedensbringer, sondern auch Elfenfürst, was auf Alberich anspielt, den Hüter des Ni-

belungenhorts, der sich mit einer Tarnkappe unsichtbar macht. Was Marion Poschmann in unsere Gegenwart übersetzt: Altfried geht in seiner Freizeit mit der Kamera »Erlkönige« jagen, Automodelle, die kurz vor ihrer Markteinführung stehen und unter realen Bedingungen unkenntlich gemacht auf abgelegenen Strecken getestet werden. Vordergründig ist Marion Poschmanns dritter Roman arm an Ereignissen. Dünn ist das Handlungsgerüst, oder besser: filigran. Es entfaltet sich in Rückblicken um das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen Altfried, seiner Schwester Mila und dem verstorbenen Jugendfreund Odilo, dem Biologen und Experten für selbstleuchtende Lebewesen. Bruchstückhaft wird die Familiengeschichte der Geschwister erzählt, die Ermordung der Großeltern in Polen, die Flucht des Vaters. Der Erzähler referiert, stark komprimiert, zehn psychopathologische Fälle. Das klingt nach mehr Stoff, als es sich liest. Doch was sich in diesem Roman ereignet, ist die Sprache. Die 1969 in Essen geborene Marion Poschmann ist auch und vor allem eine Lyrikerin von hohen Graden. In ihren Gedichten hat sie die Sprache zu einem sensitiven Wahrnehmungsinstrument raffiniert, das ihrer Prosa eine präzise Eigenwilligkeit verleiht. Feiner ziselierte, abgründigere Charaktere dürften derzeit in nicht allzu vielen deutschsprachigen Romanen anzutreffen sein, durchdringendere Alltagsbeobachtungen auch nicht. | ANK

INFO

Marion Poschmann: »Die Sonnenpostion«; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2013, 340 S., 19,95 Euro Lesung am 5. November 2013 im Eulenspiegel Buchladen, Bielefeld


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DIRTY HARRY IM ALPENLAND Jochen schickt einen Lehrer in den »Krieg« Ein Waldhaus in Österreich, ein Hütte an der Baumgrenze. Hier lebt Arnold Steins: Nach dem Tod seines Sohnes in Afghanistan und dem Suizid seiner Frau hat sich der frühere Geografielehrer ans Ende des Wegenetzes verkrochen, des öffentlichen wie seines biografischen. Steins versteinert. Und lebt – wenn man dies so nennen kann – erst wieder und als ein anderer auf, als ihm durch den Angriff eines ihm bis zuletzt Unbekannten auf seine Hütte, seinen Hund und ihn selbst ein Feind erwächst. Der Entschluss, diesen zu vernichten, beschert Arnold eine innere Klarheit, so groß, wie der austriakische Himmel blau ist: »Jetzt ist es anders. Jetzt ist er im Krieg.« Carl Schmitt lässt grüßen. Jochen Rausch, 1956 geborener Wuppertaler, Wellenchef von 1Live, ist 2011 mit dem Erzählband »Trieb« hervorgetreten, in dem er kurz und lakonisch schreckliche Nachtseiten normaler Menschen servierte. Derselbe Teig zur Romanlänge ausgewalzt aber wird dünn und schmeckt fad. (Behauptetes) Kernproblem von »Krieg« ist die Angst, die Arnold und seine Frau lähmte und die der Sohn nie hatte. Angst allerdings ist etwas im Inneren des Menschen. Und

eine solche Ebene kennt dieser Roman nicht. Sein Protagonist bleibt ein unvollständiger Umriss, seine Sprache will ohne Bilder auskommen. Die parataktische Lakonie aber verdeckt nichts Ungesagtes, weil es Ungesagtes hier nicht gibt. Knapp unter der Oberfläche lassen sich die Konstruktionsprinzipien erkennen; unterläuft eine Metapher, ist sie abgegriffen – da ist der »Himmel ein tiefschwarzes Tuch«, liegt ein See wie ein Smaragd, »zersägt« ein Telefon »die Stille«. Die Wandlung vom kleinbürgerlichen Beamten aus dem Taunus zum wortlosen Vollstrecker à la Clint Eastwood bleibt behauptet. Der Roman hält eine gewisse Spannung auf der Makroebene, weil der Leser lange nicht weiß, wer in diesem Zweikampf mit Feuer- und Bolzenschussattacken obsiegt. Doch wenn ein Mann rot sieht, trifft er auch, weiß Autor Rausch. So kann der völlig schießungeübte Arnold in tiefschwarzer Nacht seinen Feind vom Hochstand aus mit einem Gewehr, das er praktischerweise in der Hütte versteckt fand, erledigen: »Der Stärkere besiegt den Schwächeren. So geht es im Krieg.« Und kann am Schluss mit einer Anne, die ihm zu- und ein wenig nachgelaufen ist, in den Sonnenuntergang reiten. Will sagen, mit dem Pick up ans Meer und mit der Fähre hinaus fahren. In den Frieden vor dem nächsten Krieg. | UDE

INFO

Jochen Rausch: »Krieg«; Berlin Verlag, Berlin 2013, 256 S., 18,99 Euro Lesungen: 6. Oktober 2013, Alldie, Velbert; am 15. Oktober 2013 im Pantheon, Bonn

ZUSAMMEN ALLEIN Debüt I: Hannah Dübgens »Strom« Dünne, farbige Linien, die parallel zueinander verlaufen und aus der Ferne betrachtet doch eine Einheit, ein flirrendes Miteinander bilden – Hannah Dübgen hat für den Umschlag ihres ersten Romans »Strom« nicht ohne Hintergedanken ein Bild aus Gerhard Richters Serie »Strips« gewählt. In Richters Linien sieht sie die »Lebenslinien« ihrer vier Protagonisten veranschaulicht – Ada, die mit ihrer Freundin Judith eine Dokumentation über den Gazastreifen dreht; die junge japanische Pianistin Makiko, die nach Paris gezogen ist, um in Europa Konzerte zu geben. Der brasilianische Zoologe Luiz, der mit seiner jüdischen Frau und zwei Kindern in Tel Aviv lebt, und der amerikanische Investmentmanager Jason, der in Tokio die Übernahme eines japanischen Traditionsunternehmens organisieren soll. »Nah oder fern gibt es nicht mehr, nur noch nah oder fremd.« Keiner dieser vier Menschen scheint am richtigen Platz zu sein, in allen Bindungen und Beziehungen bleiben sie meist Fremde – sich selbst und dem Land gegenüber. Was sie eint, ist der Himmel; immer wieder werden Blicke ins Blaue

gerichtet und Makiko erinnert sich in dem Moment, an dem sie sich von allen verlassen fühlt, an ihren Großvater, der ihr einst erklärt hatte, »was der Trick des Horizonts war, warum er sich in genau dem Maße, in dem wir auf ihn zugingen, von uns entfernte.« Dübgen, 1977 in Düsseldorf geboren und aufgewachsen, lässt diese »Lebenslinien« autark verlaufen; jedenfalls am Anfang des Romans, wenn sie kapitelweise zwischen den einzelnen Personen hin- und herwechselt. Später sind es die Nebenfiguren, die die Erzählstränge immer mehr miteinander verknoten und die Leben von Ada, Makiko, Luiz und Jason quer über den Globus verbinden. Erst ganz am Ende, in einem atemlosen Kapitel, finden sich alle in Israel wieder, »einem Ort, der seit Jahrtausenden Durchgangsstation für Menschen und Vögel gewesen ist«. Es ist letztlich die Musik Makikos, die die losen Seelen, die wie Zugvögel um den Globus gleiten, verbindet. Hannah Dübgen wurde für ihr Debüt der Förderpreis Literatur der Landeshauptstadt Düsseldorf 2013 zugesprochen. | VKB

INFO

Hannah Dübgen: »Strom«; dtv premium, München 2013, 272 S., 14,90 Euro


K.WEST 10/2013 | 83

EIN TAG REIST IN DIE NACHT Debüt iI: Martin Krumbholz’ »Eine kleine Passion« Ein warmer Julitag 2011. Christof Rubart ist Kustos in einem Düsseldorfer Museum. Am folgenden Tag beginnt die Ausstellung »Deutsche Malkunst«; Rubart wird hier die Selbstporträts Dürers denen seines Lieblingsmalers Martin Kippenberger gegenüberstellen. Mit den letzten Vorbereitungen der Vernissage beginnt sein Tag, der Tag, von dem das Buch erzählt. Rubart hat während dieser Zeit unzählige Begegnungen mit Menschen – nicht nur aus dem Künstlermilieu Düsseldorfs. Er besucht seinen 101-jährigen Vater im Seniorenheim, geht zum Frisör, macht Mittag mit Freunden, trifft seine Tochter Stella und ist doch vor allem mit einem beschäftigt: der Liebe. Seiner Liebe zu Frauen, die in der Kindheit mit der 13-jährigen Meike begann und nun bei Sophie angelangt ist, seiner aktuellen Beziehung. Beim Besuch des Vaters, eines ehemaligen Shakespeare-Forschers, zitiert dieser einen Satz aus Hamlet: »Was wir ersinnen, ist des Zufalls Spiel«. Die Kontingenz des Zufallenden, dies könnte das Lebensmotto Rubarts sein, das der Düsseldorfer Theaterkritiker und -autor Krumbholz in seinem Debütroman exemplarisch anhand der Geschichte eines – bis tief in die Nacht währenden – Tages entfaltet. Dabei wird der Leser Zeuge eines Lebens im Zeitraffer, eines Lebens, durch das Rubart gleitet, das der Müßiggang prägt – Sophie wie Ruth,

Stellas Mutter, die er wegen Sophie verlassen hat, sind so etwas wie teilhabende Zeuginnen dessen; in Rückblenden fließen diese Liebesverwirrungen ein. Rubart sucht zwar nach einer Struktur für diese Lieben, weiß aber: »Das Leben (ist) eine Kette von Verliebtheiten, nur kurz abgerissen, jedes einzelne Glied anders geformt, kaum dass du von einer einzigen Episode sagen könntest, wie du hinein- und wieder hinausgeraten bist.« Anspielungsreich verschafft der Roman diesen Geschichten der Liebe christologische (Passionsgeschichte) sowie philosophische und literarische Bezüge – Überhöhungen, die dem Erzählten nicht immer gut tun. Nicht nur die Tatsache, dass der Roman an einem Tag spielt, erinnert an »Ulysses«, auch die Begegnungen Rubarts spielen auf James Joyce an. Etwa die mit der Prostituierten Lisette oder mit einem Fremden auf einer Party, der ihm seinen Charakter diagnostiziert. Der Held ergibt sich diesen zufälligen Begegnungen, ohne sich ihnen hinzugeben. Das ist befremdend und spannend zugleich zu lesen und doch weit weg von der literarischen Inspirationsquelle. So lässt sich sagen, Martin Krumbholz hat mit »Eine kleine Passion« einen Roman geschrieben, der auch von seiner eigenen Passion zu »Ulysses« erzählt. | TEA

INFO

Martin Krumbholz: »Eine kleine Passion«; Ch. Schrœr Verlag, Lindlar 2013, 207 S., 17,99 Euro Lesung am 14. Oktober im Theater die Wohngemeinschaft, Köln

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84 | LITERATUR

PILZE IM MUND Ab in die Drogenzone: Selim Özdogans »DZ« Nicht wenige Schriftsteller haben den Hintereingang zum Paradies in der Apotheke gesucht. Thomas De Quincey half der Einbildungskraft mit Halluzinogenen auf die Sprünge, Ernst Jünger ließ sich vom LSD-Erfinder Albert Hofmann persönlich auf bewusstseinserweiternde Reisen schicken – in der Hoffnung, die Trips würden sich positiv auf die literarische Produktivität auswirken. Um das künstliche Glück verdauen zu können, müsse man zunächst den Mut haben, es zu schlucken, schrieb Charles Baudelaires in seinem Rausch-Essay. Gut 150 Jahre später hat der 1971 geborene Kölner Schriftsteller Selim Özdogan in seinem neuen Science-Fiction-Roman »DZ« zumindest die rechtlichen Hürden dafür aus dem Weg geräumt. »DZ«, das steht für Drogenzone, die irgendwo in Südasien liegt und mit grenzenlosem und legalem Drogen-Zugang für sich wirbt, dabei aber durchaus totalitäre Züge trägt – während in Europa die restriktivste Drogengesetzgebung aller Zeiten in Kraft getreten ist. DZ kürzt aber auch die Namen der ungleichen Brüder Damian und Ziggy ab, aus deren Perspektive der Roman über weite Strecken erzählt wird. Vor Jahren haben sie sich aus den Augen verloren und seitdem nichts mehr voneinander gehört: Damian hat der Freiheitsdrang in die DZ geführt, von wo aus er Drogen in alle Welt verkauft; der auf

Traumforschung spezialisierte Neurologe Ziggy führt mit seiner Familie diesseits der Grenze zum künstlichen Paradies ein gutbürgerliches, ihn zutiefst unbefriedigendes Leben. Ihrer krebskranken Mutter bleiben noch ein paar Monate, um zwei letzte Wünsche erfüllt zu bekommen: eine ordentliche Portion LSD und ein Wiedersehen mit Damian. Also macht Ziggy sich auf die Suche. Soweit die Ausgangslage dieses Romans, der durch Drogen-Internetforen und Chatrooms führt, in dem das ABC der Rauschmittel detailversessen von Alpha-Methyltryptamin über Cimbi-36, Metocyn, Psilocybin bis hin zu Yohimbe durchbuchstabiert und ein ganz neuer, das menschliche Bewusstsein vollends entgrenzender Stoff namens »wmk« erfunden wird. Der lässt Wörter miteinander »kopulieren«, auch Körper vereinen sich nach Leibeskräften in diesem Roman, dem es an Einfallsreichtum nicht mangelt. Özdogan handelt von der menschlichen Willensfreiheit, vom Überwachungsstaat, der Durchkommerzialisierung jedweder Utopie und dem sinnerfüllten Leben. All das wird angerissen, nicht entwickelt, und bleibt als bunt gemischte, ayurvedisch inspirierte (»Ihre Doshas schienen weitgehend ausgeglichen zu sein, mit einer leichten Betonung auf Pitta«) Themensammlung ohne länger anhaltende Nachwirkungen – einmal abgesehen von der schweren Verdaulichkeit. | ANK

INFO Selim Özdogan: »DZ«; Haymon, Innsbruck 2013, 384 S., 22,90 Euro Lesung am 25. Oktober 2013 im 1Live Haus, Köln

AUGENTRUG Debüt III: David Schönherrs »Der Widerschein« In seiner Rezension von Michael Frayns Kunstwerk-Roman »Das verschollene Bild«, in dessen Zentrum ein Gemälde Pieter Bruegels aus dem Jahreszeiten-Zyklus steht, fasst Schriftstellerkollege Hanns-Josef Ortheil sein Urteil so zusammen: »Am Ende erweist sich die Romanidee als zu stark und die Erzählkunst des Autors zu schwach.«. Ähnliches lässt sich über David Schönherrs »Der Widerschein« sagen. In den Niederlanden ist das Goldene Zeitalter, jene legendäre Epoche der Blüte von Wissenschaft, Künsten und Handel, von Religionsfreiheit, Urbanisierung und Kultivierung, vorüber; die Vereinigten Provinzen fallen in Stagnation. Der Kunstmarkt, der im 17. Jahrhundert wohl an die 70.000 Bilder verdaut hatte, liegt übersättigt danieder. Wer wollte mit Rembrandt, Hals und Vermeer konkurrieren? Ferdinand Meerten aber – Findelkind, Wunderknabe, Sonderling, Genie und Monstrum – kann zeichnen, dass niemand das Resultat im Kopf aus-

hält. Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheim gegeben – oder seinem sanfteren Bruder, dem Schlaf. Ferdinand wächst bei einem Pfarrer auf, geht in die Lehre beim Konventions-Maler Bros, gerät in die Fremde, an eine Kräuterhexe, an fahrendes Volk, schließlich ins Irrenhaus. Der Kontakt mit dem Jungen, der seinen jeweiligen Bezugspersonen zunächst Glück und Gelingen zu bringen scheint, und seiner manisch produzierten, suggestiven Kunst führt zur Besessenheit. In Meertens Rätsel- und Wimmelbildern lauert unter der Oberfläche eine gefährliche zweite Wirklichkeit, die jeden infiziert, ihm zur Selbstbegegnung wird und Phantomschmerz auslöst. Wünsche und Ängste materialisieren sich in ihnen. Und der Mensch wird gänzlich entleert durch die Fülle des Augentrugs. Man denkt sofort an Patrick Süskind und seinen Roman »Parfum« über den Mörder Jean-Baptiste Grenouille, der in Paris 1738 zur Welt kam, ex-

quisiten Geruchssinn besitzt und es in der Destillation von Düften zur Vollendung bringt. Der Dunstkreis wird mit allen Finessen sinnlicher Lust erfüllt. Eine Qualität, die dem 1980 am Niederrhein geborenen, als Theatermacher in Leipzig lebenden Schönherr für seine Stoffverarbeitung fehlt. In ihrem plakativen Verlauf verfügt die ungeheure Geschichte dramaturgisch eher über die intellektuelle Potenz von Indiana Jones. Schönherrs trockener Stil lässt zu wenig Überschwang spüren, er verzahnt die historische Zeit kaum mit dem Schicksal seiner Figuren und bleibt den Charakter seines einsamen, stillen Helden schuldig. Schade, dass der Sog der Meerten-Bilder sich nicht auf Schönherrs Sprache überträgt. | AWI


K.WEST 10/2013 | 85

UNSERE PARTNER IM OKTOBER 2013

Vom Krieg gezeichnet David Schraven und Vincent Burmeister erkunden »Kriegszeiten« Was Auszeichnungen angeht, ist »Kriegszeiten« schon jetzt in der falschen Schublade. David Schravens und Vincent Burmeisters Comic über den Afghanistan-Konflikt ist für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert. Das ist einerseits erfreulich, andererseits beinahe ärgerlich. Warum? Weil »Kriegzeiten« eine Reportage ist, die sich nicht an Jugendliche richtet. Zumindest nicht primär. Comics scheinen hierzulande immer noch am Micky-Maus-Ruf zu leiden. Andere Länder sind da weiter. Siehe Amerika, wo Alan Moores »Watchmen« jüngst in die Time Magazine Top 100 der besten englischsprachigen Romane aufgenommen wurde. Ein Comic. O tempora o mores. Um ein »Jugendbuch« zu schreiben, hat der Bottroper Journalist David Schraven eine Menge Aufwand betrieben. Er hat Tausende von Wochenberichten der Bundeswehr gesichtet. Diese Dokumente sind dazu da, den Bundestag über die Lage in Afghanistan zu informieren. Außerdem hat er Veteranen interviewt, einige von ihnen waren vor Ort an Gefechten beteiligt. Schraven, Jahrgang 1970, war selbst mehrfach am Hindukusch, zuletzt als »embedded journalist« bei einer Bundeswehr-Einheit in Masar-i-Sharif. Stoff genug für eine detaillierte Reportage. Diesen Stoff hat der Hamburger

Comic-Zeichner Vincent Burmeister in Bilder verwandelt, deren monochrome Kargheit ausgesprochen passend wirkt. Die Grundthese der Reportage fasst Schraven am Ende des Buches in einem Satz zusammen: Der Krieg ist verloren. Wieso, das erfährt man auf den 120 Seiten zuvor. Afghanistan erscheint darin kaum als Land. Eher als eine Ansammlung von Stammesgebieten mit wenig oder gar keinen Gemeinsamkeiten. Wer auf diesem Flickenteppich bestehen will, ist auf die Unterstützung lokaler Warlords angewiesen. Für viele dieser Provinzfürsten ist die Beschreibung »zwielichtig« noch sehr freundlich. Sie erhalten Millionen Euro »Entwicklungshilfe«. Im Gegenzug sorgen sie kurzfristig für Ruhe in der Provinz. Zumindest, solange Drogenhändler oder Taliban nicht mehr Geld bieten. Das andere Hauptproblem sieht Schraven in der Etikettierung des Krieges. Der Bundestag verkauft den Einsatz als Friedensmission, die Soldaten als Brunnen- und Straßenbauer. »Niemand (sagt) klar und deutlich, dass deutsche Soldaten in Afghanistan kämpfen müssen ... Mit Gewehren, mit Bomben und Toten«. So schwankt die Bundeswehr vor Ort zwischen widersprüchlichen Rollen hin und her. Die Tragik liegt am Ende darin, dass man in Afghanistan nicht bleiben kann. Man kann aber auch nicht gehen. | JUK

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David Schönherr: »Der Widerschein«; Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a.M. 2013, 254 S., 19,90 Euro. Lesung am 1. November 2013 im 1Live Haus, Köln

David Schraven/Vincent Burmeister: »Kriegszeiten«, Carlsen Verlag, Hamburg 2013, 120 S., 16,90 Euro www.visitleuven.be


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88 | FILM

ZEIT-KINO – KINO-ZEIT Das 15. Filmfestival Münster

Die Zeit, die ist ein sonderbar’ Ding... Acht europäische Spielfilme starten im Wettbewerb des Filmfestivals Münster, das in seiner 15. Ausgabe Beiträge zum Thema »Zeit«, ihrem subjektiven Verlauf, dem Warten und der Erwartung, dem falschen Moment, dem Verlust von Festigkeit in der Zeit, ihrer sozialen Bedingtheit und vielen Aspekten mehr versammelt hat. Und dabei glückliche Hand beweist. Eine Auswahl.

152.000 Dollar sollen sie zahlen, wenn die wohlhabenden Eltern Edelman ihre Tochter Dafna zurück haben wollen, die ein Brüderpaar von der Straße weg gekidnappt und in den Keller des eigenen Hauses gesperrt hat und die sie mit roher Gewalt behandeln. Es geht ums »Business«. Aber was heißt das? Yaki und Shaul (David und Eitan Cunio), der ältere Soldat und der jüngere noch Schüler, brauchen das Geld, damit die Familie nicht ihre Wohnung verliert. Ein Statement zur sozialen Lage: Arbeitsplatz-Verlust, steigende Mieten, Verelendung des Mittelstands, Depression, Neid, Verzweiflung. Die Entführung misslingt, weil die Erpressungs-Botschaft nicht bei ihren Opfern ankommt – am Shabbat. Vielleicht haben die Beiden zu viele Action-Filme gesehen oder zu viel Nachrichtensendungen über innere Spannungen im einst Gelobten Land. Yaki und Shaul, die sehr vertraut miteinander sind und familiär stark und gut eingebunden, tun das Schlimmste mit den besten Absichten.

Tom Shoval aus Petach Tikva, geboren 1981 und Lehrer an der Filmhochschule in Jerusalem, setzt mit »Youth«, einer israelischdeutschen Koproduktion, ein Ausrufezeichen. Die Jugend endet mit 18 Jahren. Jungens und Mädchen lernen als Soldaten den Dienst an der Waffe, müssen vielleicht töten und spüren eine Macht, der sie nicht gewachsen sind. Von Schule und Freizeit ins Extrem. »Youth« hat auf den ersten Blick nichts zu tun mit dem, was im Nahen Osten passiert: Krieg, Konferenzen, Konflikte seit mehr als sechs Jahrzehnten. Der Film besitzt wuchtige Direktheit und stumme Traurigkeit, die Extremismus und Sprengkraft spüren lassen, die nichts mit Bomben und Dynamit zu tun haben. Die Kamera lässt am Ende die vaterlosen Brüder zurück. Zwischen Mann und Frau, Lust und Liebe, Berlin draußen und Bettwärme drinnen, Stadt und Natur erzählt Tom Lass seine Geschichte: »Kaptn Oskar« schippert ziellos durch den Lebensalltag eines eher Leichtmatrose zu nennenden, verschlafen wirkenden, dezent regressiven Titelhelden (Lass selbst) und seiner zwei Frauen, der wilden Halb-und-Halb-Ex Alex, und der sanfteren Masha, die viel mit älteren Männern schläft und mit der Oskar – laut Abmachung – zunächst eine Kuschel-Beziehung unterhält. Ihre größte Gemeinsamkeit scheint die Zigarette davor, danach oder dazwischen zu sein. Ambulante Verhältnisse. Lauter Vorläufigkeiten. Verlängerung der Kindheit. Außer Atem gerät man dabei nicht.


K.WEST 10/2013 | 89

INFO

»Youth« und »Love Eternal«. Fotos: Festival

Ein Kind erlebt den Tod des Vaters, mitten aus einem Spiel heraus. Nur einen filmischen Moment und lange erzählte Zeit später plant Ian Harding, nun ein Mann (Robert de Hoog), seinen Selbstmord im Auto mit Abgasen und Gift. Und erinnert sich: dass er mit 16 ein Mädchen erhängt am Baum im Wald fand, dass auch seine Mutter stirbt und ihm einen Abschiedsbrief mit auf den Weg gibt, dass er aus der Welt fällt und sich wieder fängt. Der Tod wird zum Begleiter und zu seiner Passion. »Love Eternal« des Iren Brendan Muldowney nach einem Roman von Kei Oishi ist ein filmischer Trip, bildstark, kunstvoll, von melancholischer Schönheit, von schrägem Humor wie einst »Harold and Maude«, surreal und suggestiv. Der pathologische Charakter Ian verfällt dem Morbiden und wird in seiner Sympathie mit dem Abgrund selbst zum Todesengel und Totengräber lebensmüder Frauen. Das Dorf in »The Fifth Season« (Belgien) sieht aus wie auf Gemälden flämischer Meister – das Korn geht nicht auf und bleibt taub, die Kühe geben keine Milch, Fische verenden, die Bienen im Stock sind tot, Kinder sterben. Die Bauern verzweifeln, die Menschen rücken aneinander, werden irre oder zur Meute und ziehen in Bergman’scher Prozession am Horizont entlang. Der Untergang – aber in Schönheit und in Bildern, deren stehende Kraft an Tarkowskys elegische Opfergänge erinnert. Es ist, als habe der belgische Regisseur Peter Brosens sich von mittelalterlichen Legenden und Chroniken inspirieren lassen und sie in eine prosaische Gegenwart übertragen, die ihren Schrecken kaum fassen kann. Zeitenwechsel. | AWI

9. bis 13. Oktober 2013; zum Programm gehört auch neben dem regulären Kurzfilmwettbewerb u. a. der Extra-Kurzfilmwettbewerb »Filmreif – Kurze für Teens« für Jugendliche ab 13 Jahren; www.filmfestival-muenster.de

Über 1000 kreative Zeitgenossen stellen aus, laden ein oder lassen sich über die Schultern gucken. Tolles Restaurant mittendrin und Feiern mitten im Künstlerdorf. 6,50€ Eintritt inkl. beliebig viel Tee, Milchkaffee, Limo, Cola, Espresso,...

City Essen, rechts vor dem Einkaufszentrum.


90 | FILM

FRANKENSTEINS QUEEN DES MONATS

REZENSIONEN: ANDREAS WILINK

Bühnenreif: Michael Douglas. Unter der Maske: Matt Damon. Fotos: DCM

Steven Soderberghs Biopic »Liberace« mit Michael Douglas in der Rolle des Glamour-Entertainers am Flügel und mit Matt Damon als seinem Liebhaber. Gegen ihn war Marlene Dietrich ein Aschenbrödel. Sie trug weißen Nerz und Pailletten auf dem körpereng genähten Kleid. Er bevorzugte Chinchilla oder Weißfuchs, verlängert um eine Fünf-Meter-Schleppe, die Robe war mit Strass für 100.000 Dollar geschmückt. An den Händen und um den Hals glänzten haufenweise Ringe und Ketten aus Gold. Eine schwarzglänzende Perücke verdeckte die Glatze. In Las Vegas war Liberace neben dem späten Elvis Presley die kurioseste Gestalt des Showbusiness. Neben dem King die Queen und Drag Queen. Ein Mann, »wie gemacht, um berühmt zu sein«. Als schnellster Pianist mit 6000 Noten in zwei Minuten brachte er den Pop in die klassische Musik, versüßte Chopin, hatte seit den 50ern eine eigene Fernsehshow, tourte enorm viel und verdiente einen Haufen Geld. Er besaß Villen, die den Vergleich mit seinem Kostümgeschmack in nichts nachstanden, Dutzende von Schoßhunden, einige Adoptivsöhne, einen Wagenpark. Er hinterließ 100 Millionen Dollar, als er 1987 mit 67 Jahren an Aids starb. Dass er schwul war, hat er immer verneint und gegen das Gerücht in eidesstattlichen Erklärungen und mit Klagen vor Gericht gestritten. Das »L« stand für Liberace, für Luxus und für Ludwig II. von Bayern, seinem Vorbild, dem er im Bau seiner vulgär prunkenden Häuser nacheiferte. Eine amerikanische Karriere des Hypertrophen. Steven Soderbergh hat Liberaces Leben an der Seite von Scott Thorson, einem jungen kalifornischen Tierpfleger mit blonder Föhn-Mähne, der nie ein richtiges Elternhaus hatte und bei Pflegeltern aufwuchs, für den Sender HBO gedreht, der auch »The Wire« und »Die Sopranos« produzierte. Nach der Einladung zum Festival nach Cannes und dem an der Croisette fulminanten Erfolg bekommt der zweistündige TV-Film eine Kino-Auswertung. Zu recht. Er ist ein Triumph für Michael Douglas, der mit Habicht-Profil, Tunten-Gestus, geiler Gier, Kitsch-Pathos, lüsternen Verführungs-Floskeln und zwanghaften Hausfrau-Allüren dem Urbild ganz nahe kommt, und für Matt Damon, der als Scott seine muskulöse

Haut zu Markte trägt. Soderbergh schenkt zudem ein Wiedersehen mit Debbie Reynolds als Mutter Liberace, deren Bindung an ihren Sohn das klassische Psycho-Motiv bildet, sowie mit Dan Aykroyd als Liberaces Agent und mit dem einstmaligen New Hollywood-Beau Rob Lowe, der als Schönheits-Chirurg und Pillendoktor selbst maskiert scheint wie ein Double von Michael Jackson. Giftiger als in »Behind the Candelabra« (Originaltitel) wurde kaum je das Entertainment-Milieu und seine brutalen nackten Wahrheiten und schillernden Lügen dargestellt. Scott macht mit Liberace Bekanntschaft durch einen gemeinsamen Freund. Der Star findet sogleich Gefallen am schmucken »Baby Boy«, macht ihn zu seinem Chauffeur, staffiert und hält ihn aus, sperrt ihn in den Goldenen Käfig, nötigt ihm – wie auch sich selbst – ein Lifting und eine kosmetische Korrektur auf, die das Gesicht des Jüngeren seiner eigenen, verfallenden Physiognomie anpasst – was Soderbergh in blutigen Details unterm Skalpell makaber inszeniert wie einen Frankenstein-Film. Der wahnhafte Wunsch, sich selbst im Anderen zu konservieren, ist als narzisstischer Trieb nicht zu steigern. Wir haben es tatsächlich mit einem Horror- und Monster-Film zu tun, wenngleich im verschmust weich wiegenden Rhythmus und Takt eines Schlagers. Während Liberace bald genug hat von der Monogamie und exzessiv die schwule Subkultur in ihren Spielarten genießt, konsumiert Scott zusehends frustriert Drogen, schnieft Koks, klinkt aus, verfettet und driftet ab. Irgendwann steht der Nachfolger Cary, jung und blond wie damals Scott, in den Kulissen. Scott muss gehen – und versucht sein Recht zu    erstreiten. Die Pathétique als Posse. INFO »Liberace«; Regie: Steven Soderbergh; Darsteller: Michael Douglas, Matt Damon, Dan Aykroyd, Debbie Reynolds, Rob Lowe, Boyd Holbrook, Scott Bakula; USA 2013, 118 Min., Start: 2. Oktober 2013.


K.WEST 10/2013 | 91

BRUDER, ZUR SONNE, ZUR FREIHEIT

Die Brüder: Gustav und Jakob (Maximilian Scheidt, Jan Dieter Schneider). Foto: Concorde

Edgar Reitz’ groSSer Film »Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht« Es liegt kein Segen auf dem Land. Schabbachs Erde ist taub und leer von Frucht, aber sie füllt sich mit Toten. Der Hunsrück sei, heißt es unter seinen Bewohnern, die »Höll’« – Mitte des 19. Jahrhunderts. Anders als in der ersten »Heimat« von 1984 wird uns in dieser »Chronik einer Sehnsucht« kein heimeliges Empfinden geschenkt, wie gewärmt von der Bauernstube. Betrübnis und Trauer, Todesnot und ungestilltes Hoffen beherrschen die vier Stunden, grandios und in aller Ruhe erzählt von Edgar Reitz und exquisit fotografiert von Gernot Roll. Wir spüren den Atem der Zeit, wir erkennen wieder: Schabbach als geistige Lebensform. Das Dorf, die Schmiede, die Wohnküche der Familie Simon, das Tempo der Pferdestärken oder des menschlichen Laufschritts. Und auch das plötzliche Glimmen von Farbe im malerischen Schwarzweiß: den mürben Schimmer einer verputzten Hauswand, das Grün des Hochzeitskranzes, das Rot von Kirschen und wogende Blau von Kornblumen auf dem Feld, das Gold eines Talers, die bunten Schlieren eines Achatsteins und das Glühen eines Hufeisens im Feuer der Esse. »Die andere Heimat« erfüllt sich als Chronik der Gesten und Gegenstände, als Pastorale der Unruhe, als Lehrjahre des Gefühls und weiß davon zu berichten, dass das bessere Vaterland das Mutterland oder aber die Fremde ist. Am Horizont entlang ziehen die hoch aufgepackten Leiterwagen mit dem Hab und Gut der Auswanderer. Flämische Werber versprechen Land und Zukunft in Brasilien. Missernten, Kindstod, Diphterie und Schwindsucht, Hunger und Knechtschaft treiben die Menschen zum Aufbruch. In diesem anti-idyllischen Biedermeier der Jahre 1841 bis 1844 herrschen Vaterwille, gottgegebene Obrigkeit, Adelsprivilegien, preußische und protestantische Zucht, gegen die ein Aufruhr auf der Kerb mit dem Ruf nach »Liberté« als »heiligem Recht in uns« nur den Vorschein der Revolution zeitigt. Gustav Simon (Maximilian Scheidt), der ältere Bruder, kommt aus seinem Soldatendienst nach Schabbach heim, der jüngere Jakob hofft, nun

nicht mehr dem Vater (Rüdiger Kriese) zur Hand gehen zu müssen. Jakob ist anders: in den Augen von Johann Simon ein Taugenichts, Luftikus und »Flabbes«, ein Träumer und ein Leser von Forscher- und Entdeckergeschichten, heimlich vom alten Onkel und der Mutter (Marita Breuer) unterstützt. Es ist, als schaue die Kamera durch die tiefen dunklen Augen von Jan Dieter Schneider hinein in sein Innerstes. So, wie sie auch die kargen Räume und Alltagsdinge betrachtet und in Besitz nimmt. Jakob – wie einer seiner späteren Nachfahren, der nach Amerika gehen wird – möchte hinaus in die neue Welt, ins Freie, der Sonne entgegen, wie sein Freund Franz (Christoph Luser), ein verarmter Edelsteinschleifer, mit dem er in Festungshaft saß. Er schreibt Tagebuch, lernt Sprachen, betreibt ethnologische Studien, versteht sich auf südamerikanische Dialekte und Riten der Indianer und korrespondiert darüber mit Alexander von Humboldt (Werner Herzog), der ihn einmal besucht und ihn als wissenschaftlichen Gesprächspartner schätzt. Worauf Jakob mit Furcht und flüchtendem Schrecken reagiert. Von biblischem Sinn und Kraft, handelt »Die andere Heimat« auch vom Bruderkampf. Gustav heiratet das Mädchen, Jettchen (Antonia Bill), das doch Jakob liebt – so wie er sie; sie schaffen es nach Brasilien. Jakob bleibt und nimmt Jettes Freundin Florinchen (Philine Lembeck) zur Frau. Ein Büchermensch und Abenteurer des Geistes: Welt im Kopf und die Tropen    im Herzen. Ewig jung ist nur die Fantasie.

INFO »Die andere Heimat«; Regie: Edgar Reitz; Darsteller: Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Marita Breuer, Rüdiger Kriese, Philine Lembeck; Deutschland 2013; 230 Minuten; Start: 3. Oktober 2013.


92 | FILM

ZWEI WELTEN

»Der Butler« und seine Frau. Foto: Prokino

EINÜBUNG IN DEN SCHMERZ

Die Zwillinge. Foto: Piffl Medien

»Der Butler« von Lee Daniels

»Das groSSe Heft« nach Agota Kristóf

Eine Geschichts-Revue, die, je länger sie dauert und je kürzer die »Nummern« werden, desto entbehrlicher erscheint. Die erste Hälfte von Lee Daniels’ »Der Butler« ist große Oper, der zweite Teil Operette. Neben der US-Flagge hängen zwei Leichen am Galgen: Farbige, deren Leben und Sterben vom weißen Mann abhängt. Cecil wächst auf einer Baumwollplantage des Südens auf und sieht, wie seine Mutter vom Besitzer vergewaltigt und sein Vater erschossen wird. Ihn selbst holt man von den Feldern, um ihn zum »Hausneger« auszubilden. Früh lernt er die wichtigste Regel, die ihm auch für seinen künftigen Beruf nützt: »nicht die Fassung zu verlieren«. Anfangs in Hotels tätig, stellt ihn 1957 das Weiße Haus unter der Voraussetzung ein, dass er sich nicht für Politik interessiere. 30 Jahre lang dient er sieben Präsidenten von Eisenhower bis Reagan. Weniger als Hintertreppen-Film konzipiert, in dem sich die Klassen ineinander nebeneinander spiegeln, vollzieht sich ein Emanzipationsdrama. Es findet innerhalb der Familie von Cecil Gaines (Forest Whitaker) und seiner Frau Gloria (Oprah Winfrey) statt sowie innerhalb der schwarzen Community. Während Cecil den bürgerlich assimilierten »Neger« repräsentiert, den »Onkel Tom«, wie ihm Sohn Louis fälschlich vorwirft, entwickelt der sich zum Bürgerrechtler und militanten Black Panther. Die Dramaturgie des gediegenen, pamphlethaft emotionalen, durch seine prominente Darsteller-Liste einschüchternden Films arbeitet perfekt nach der Schnitt-Gegenschnitt-Methode: hier ein Gala-Dinner im White House, dort der gewaltlose Widerstand gegen die Rassentrennung in einem Diner, den eine Meute blutig niederknüppelt. Nicht nur als Dienstboten sind die Farbigen unsichtbar für die Weißen und gleichzeitig unübersehbar Stachel im Fleisch der Herrenrasse: Leerstelle und Projektionsfläche für Angst und Hass. Mississippi brennt, auch Alabama und Arkansas, JFK stirbt und Jackie trägt das blutige Chanel-Kostüm, Schüsse auf Martin Luther King, Bürgerkrieg, Vietnam, Disco-Time, Johnsons Texas-Look, Nixons Lügen, Reagans Jovialität usw. Irgendwann ist der das nur noch Dekor, bis Cecil Gaines seinen Triumph erlebt: einen Präsidenten seiner Hautfarbe im Weißen    Haus. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt.

Es könnte ein Märchen sein: von Zweien, die auszogen, den Schmerz zu ertragen und das Mitgefühl zu verlernen. Die Geschichte, die Agota Kristóf in ihrem grandiosen Roman von 1986 erzählt, ist die eindringliche Parabel auf das, was Gewalt, Lieblosigkeit und Trägheit der Herzen mit dem Menschen machen. Und ihn verwandeln. Wie im Märchen bleiben die Dinge archetypisch und sind nicht individuell: der Krieg, die Soldaten, die Befreier, die Zwillinge, die Eltern, die Großmutter – Chiffren. Gültig für alle Zeit. »Das große Heft« spielt 30 Jahre nach Michael Hanekes »Das weiße Band« und könnte dessen Dorfchronik am Vorabend des Ersten Weltkriegs beeinflusst haben. Zwei Jungen müssen fort von zuhause. Der Vater zieht in den Krieg und gibt ihnen zum Abschied das leere »Große Heft«, das sie mit ihren Gedanken und dem Erlebten füllen sollen. Die Mutter bringt sie aufs Land zu ihrer eigenen Mutter, die sie zwei Jahrzehnte lang nicht gesehen hat, nachdem sie im Bösen voneinander geschieden sind. Die alte Frau (Piroska Molnár) nennt die Enkel »Hundesöhne«, lässt sie hart arbeiten und darben, schlägt sie und kennt kein gutes Wort. Die Neunjährigen, wachsam und klug, reagieren darauf, indem sie sich dagegen panzern. In Wort und Tat. Sie wenden die schlimmsten Schimpfnamen auf sich an und stählen sich. So werden sie zu Herren der Fliegen, Käfer, Frösche, die sie quälen. Sie töten in sich selbst das Gefühl ab, machen die Seele unverwundbar, unterziehen sich strengen Übungen, verbrennen Reste von Erinnerung an ihr früheres Leben. Sie passen sich an. Lernen zu lügen, zu erpressen, zu morden. Die Welt um sie her lehrt sie das Übrige: ein Soldat erfriert, Juden werden abtransportiert, die Deutschen errichten ein Lager, Männer und Frauen haben Lust auf sie; später kommen die Befreier mit dem Roten Stern, vergewaltigen und töten ebenfalls. Die kühle Präzision des Buches und seine Wucht behält János Százs’ Verfilmung bei, deren Bilder immer mehr sind, als Bebilderung des Geschehens. Und die manchmal den Ausweg aus realistischer Schilderung in comichafte Zeichnungen und Motive des Daumenkinos suchen, wie sie im »Großen Heft« stehen könnten. Der Film schmälert die Handlung um wesentliche Episoden, verdeutlicht und konkretisiert manches mehr als die Vorlage. Aber hält sich an den Geist der Erzählung über den Prozess der De-Zivilisation. Um die Zwillinge (beeindruckend gut: András und Laszlo Gyemant) herum grassiert der Tod. Hält Ernte auch in der eigenen Familie. Irgendwann taucht ihr Vater (Ulrich Matthes) auf. Sie schicken ihn in den Tod: als ihre »letzte Übung« – die der Trennung, auch die der Unzertrennlichen voneinander. Sind sie nun Meister des Schick   sals? Überlebenstechniker jedenfalls. Unberührbar.

INFO

INFO

»Der Butler«; Regie: Lee Daniels; Darsteller: Forest Whitaker, Oprah Winfrey, Robin Williams, John Cusack, Alan Rickman, Jane Fonda, Vanessa Redgrave; USA 2013; 130 Min.; Start: 10. Oktober 2013.

»Das große Heft«; Regie: János Szász; Darsteller: András und Laszlo Gyemant, Piroska Molnár, Ulrich Matthes, Ulrich Thomsen; Ungarn 2013; 110 Min.; Start: 17. Oktober 2013.


FALSCHE BEWEGUNGEN

AUSSERDEM »DER SCHAUM DER TAGE«

Schülerspiele in Finsterworld. Foto: Alamode

»Finsterworld« nach dem Drehbuch von Christian Kracht Dies ist ein Film über unser Deutschland, dem – seinem Drehbuchautor zufolge – »Faserland«. Es erzählt von einem Polizisten (Roland Zehrfeld), der seine Uniform lieber mit einem GanzkörperTeddybärkostüm tauscht, um endlich ein Kuschelgefühl zu haben, das seine Freundin (Sandra Hüller), die verbiesterte und bourgeoise Dokufilmerin, nicht erübrigt; von einer einsamen Frau (Margit Carstensen) im Altenheim und ihrem neurotischen Fußpfleger (Michael Maertens), von ihrem erwachsenen Sohn (Bernhard Schütz), dessen Frau (Corinna Harfouch) und Enkelsohn Maximilian – blasierten Leuten, die die ästhetische Existenz über die ethische stellen; einem Lehrer und seinen Schülern bei der Klassenfahrt in eine KZ-Gedenkstätte; und von einem Einsiedler und seinem Raben. Deutschland begegnet uns als pädagogische Provinz, als Sozial- und Therapiestation, als Geschichtswerkstatt, als Land mit Hygienebewusstsein, als Liebeswüste mit Menschen von gutem Geschmack, gesundem Selbsthass und kranker Seelenlage. Frauke Finsterwalder (die Regisseurin scheint tatsächlich so zu heißen) und Christian Kracht haben einen Neo-Realismus im Sinn, den subversiv zu nennen ebenso richtig oder falsch wäre, wie von Ironie zu sprechen. Die Schärfe und Porentiefe von David Lynchs »Blue Velvet« lässt sich jedoch schwerlich auf bundesrepublikanische Alltags-Monstrositäten anwenden, und auch Ulrich Seidels Austro-Analysen passen nur bedingt. Nach einer Stunde fühlt man sich von all dem Bizarren angeödet, dann erwacht das Interesse an den vielen falschen Bewegungen der Figuren, die zu fürchterlichen oder fürchterlich verkehrten Richtungs-Wechseln und folgenreichen -Entscheidungen führen. Plötzlich sind da ein schneidender Schmerz, ein abruptes Erschrecken, eine große Leere, die das Urteil »Film als Glosse und als FAS-Kolumne« für einige Zeit    aufheben.

INFO »Finsterworld«; Regie: Frauke Finsterwalder; Darsteller: Christoph Bach, Margit Carstensen, Jakub Gierzat, Corinna Harfouch, Sandra Hüller, Carla Juri, Johannes Krisch, Michael Maertens, Bernhard Schütz, Roland Zehrfeld; Deutschland 2013; 90 Min.; Start: 3. Oktober 2013.

Das heiter bis wolkig gestimmte Paris als mirakulöses Abenteuer, die Liebe als Angelegenheit unschuldiger Herzen, der Mann als ewiges Kind und die Frau als bezaubernd schutzbedürftiges Wesen – so sieht es aus in der nicht nur visuell schaumschlagenden Verfilmung von Boris Vians Roman. Um etliche Schrauben gelockert ist die lustige Welt von Colin (Romain Duris), der mit schwarzem Koch und einer Speedy-Maus lebt und dessen vollautomatisch aufgerüsteter Haushalt ausschaut wie bei Jacques Tati. Als Colin die zarte Chloé (Audrey Tautou) trifft, ist es um beide geschehen. Sie gehen buchstäblich in die Luft, heiraten und lassen Blütenträume ranken, bis es finster und eng wird. Die Metapher, dass der sterbenskranken Chloé eine Seerose aus der Lunge wächst, ist unüberbietbar. Aber das hilft nichts. Michel Gondrys »Der Schaum der Tage« in seinem Erregungs- und Erheiterungszustand, seinen schillernden Fantastereien und surrealen Dehnungsübungen nervt, weil es   immerzu wimmelt, krabbelt, tänzelt, plinkert, grinst und seufzt. Start: 3. Oktober 2013.

»SILVI« Gitte Haenning gibt den Ton an. »So schön kann doch kein Mann sein«, singt sie und einiges mehr. Hymnen und Elegien der Veränderung für die Frau ab 40. Silvi ist 47 und der Ehemann ihr abhanden gekommen. Er hatte Ehe, Alltag, Haus und Familie satt. Silvi fühlt sich »abgestellt« und weiß mit dem Neuanfang zunächst nichts anzufangen. Sie färbt sich die Haare, trinkt Rotwein aus der Tasse, schaut mit ungestillter Sehnsucht, wie ihr Sohn und seine Freundin sich küssen und gibt eine Kontaktanzeige auf. Silvi ist eine tolle Frau und ihre Darstellerin Lina Wendel ebenfalls. Aber an was für komische Drehbuch-Kerle sie gerät! Der erste, ein Busfahrer in Berlin, labert rum (»Ein guter Ficker wird nicht dicker«) und will bloß die schnelle Nummer; der zweite kokst, holt die Lederrequisiten raus und steht auf Rollenspiele; der dritte hat ein Eigenheim und zwei Kinder, lässt sich in den Schrank sperren und will in die Fesseln. Silvi bleibt nur, der Kamera ihre Seele zu öffnen. Ist es Pathos oder Ironie, mit deren Besteck Nico Sommer nicht ganz griffsicher hantiert? Sein Debütfilm, auf der Berlinale gefeiert, orientiert sich eher am guten alten DefaStil, als an der neuen Berliner Schule. Zuzeiten hatte John Cassavetes solche    Geschichten erzählt. Was ist seither nur mit den Männern passiert? Start: 3. Oktober 2013.

»ALPHABET« Konkurrenz- und Leistungswettbewerbe sind ungesund. Das Prüfungssystem tötet Selbständigkeit, Originalität und Kreativität ab, produziert Maschinenwesen und Funktionsträger und lässt unkonventionelles Denken verkümmern. Erziehungskonzepte seien wie Drachen in die Luft steigen lassen: Wir möchten, dass sie hoch fliegen, aber halten sie an der Kandare. Sagt selbstkritisch ein Pädagoge aus Peking. Ein müder, trauriger Junge, nationaler Sieger der Mathematik-Olympiade, schaut uns herzerweichend an. Die Diagnose lautet: Die menschlichen Ressourcen sind in der Krise, so der britische Erziehungswissenschaftler Sir Ken Robinson. Ähnliches geben ein Neurobiologe und der Telekom-Personalvorstand zu Protokoll. Der Dokumentarist Erwin Wagenhofer hat sich umgeschaut in China, Deutschland, Frankreich, England und die pädagogische Provinz des Menschen bereist. Gegenmodelle zur Management-Schulung bei McKinsey, zum Alltag eines Ein-Euro-Jobbers in Dortmund und dem einer frustrierten Hamburger Gymnasiastin sind etwa der »Malort« von Arno Stern in Paris, wo Kinder tanzen, musizieren, malen und sonst in Ruhe gelassen werden. Der Film beginnt und endet im amerikanischen Death Valley, wo nach einem ungewöhnlichen Regen-Jahr im Frühling der Boden aufsprang und Blumen    blühten. Der Samen ruhte unter der Oberfläche. Start: 3. Oktober 2013.


94 | HIMMEL & ERDE

HIMMEL & ERDE DER UNVERSTANDENE

Marion Poschmann, Hendrik Jackson und Jörg Albrecht © GWK

Magus Tage in Münster Goethe nannte ihn einen der hellsten Köpfe seiner Zeit, doch als Kritiker der Aufklärung führte Johann Georg Hamann im 18. Jahrhundert ein Leben abseits des intellektuellen Mainstreams. Seine Familie finanzierte er zeitweise als Übersetzer und Packhofverwalter am internationalen Königsberger Hafen. Der philosophische Antipode und Freund Immanuel Kant hatte ihm diese Stelle verschafft, die Hamann ausreichend Zeit für die Lektüre ließ. Die finanzielle Unterstützung zweier westfälischer Gönner befreite Hamann in seinen letzten Jahren von den ärgsten Sorgen. Doch auf einer Reise zu ihnen nach Münster verstarb Hamann 1788. Für die Stadt ist das Grund genug, dem »Magus in Norden« Referenz zu erweisen.

Unter dem Motto »ach so verstehen wir« erinnern die von der Gesellschaft zur Förderung der westfälischen Kulturarbeit veranstalteten Magus Tage Münster vom 16. bis 20. Oktober an Hamann und beschäftigen sich insbesondere mit dem Verstehen – auf lebendige und interdisziplinäre Weise: Marion Poschmann, Hendrik Jackson und Jörg Albrecht sind im Frühjahr nach Kaliningrad, ins ehemalige Königsberg, gereist, wo Hamann lange wirkte. Nach Münster bringen die drei Schriftsteller literarische Texte, Fotos und Töne mit, in denen sie ihre Eindrücke reflektieren. Verliehen wird auch der Hamann-Forschungspreis, der 2013 an den Berliner Philosophen Wilhelm Schmidt-Biggemann geht. Die Psychologin Olga Klimecki nähert sich dem Verstehen

aus der Sicht der Neurowissenschaftlerin, der Kriminalkommissar Axel Petermann versucht sich an einer Hermeneutik des Bösen, während die Psychiaterin Nahlah Saimeh sich Gedanken über die forensische Psychiatrie als »verstehende Disziplin« macht. Es geht um das Selbstverständnis in der Autobiografik, um philosophische Sinnsuche oder um die Frage, welche Bedeutung Empathie für die Arbeit des Schauspielers auf der Bühne hat. INFO

www.magus-tage.de

SCHÖN LECKER Das Kölner Schokoladenmuseum feiert Geburtstag Erfunden wurde die Schokolade vermutlich vor mehr als 3500 Jahren in der südlichen Region des Golfs von Mexiko. Museumsreife hat sie erst spät erlangt, zumindest in Köln. Vor 20 Jahren wurde dort das im Rheinauhafen zu findende Schokoladenmuseum aus der Taufe gehoben. Auf 4000 Quadratmetern können Besucher dort durch die Kulturgeschichte der Schokolade reisen – und sie selbstverständlich auch probieren. Aus Anlass des Jubiläums hat das Haus im

Schokoladenmuseum

Oktober ein besonderes Programm aufgelegt. Es reicht von einer Einführungen in die Schokoladenherstellung für Erwachsene (6.10.) über die Verfertigung stärkender und aphrodisierender Schokolade (20.10.) bis zur Produktion von Kosmetik aus Kakao (27.10.). Denn: Schokolade macht schön. Und essen kann man sie auch.

INFO

www.schokoladenmuseum.de


K.WEST 10/2013 | 95

DIE GRÖSSTE LEINWAND DER WELT Kanjo Také, Mikado, 2013. Foto: Carola Loeser

»lichtsicht 4« – die ProjektionsBiennale in Bad Rothenfelde Frischer Wind herrscht sowieso meist in Bad Rothenfelde. Das salzhaltige Wasser, das an den verkrusteten Gradierwänden der Salinen herunterläuft, sorgt für freie Atemwege der Kurgäste. Im Rahmen der Projektions-Biennale »lichtsicht 4« werden diese Wände nach Einbruch der Dunkelheit zur Projektionsfläche für internationale Lichtkunst. Insgesamt werden 11.000 Quadratmeter mit 50 Hochleistungs-Beamern bespielt – im Mittelpunkt steht das »Neue Gradierwerk«, das mit einer Länge von 415 Metern und 10 Metern Höhe nicht nur das mächtigste freistehende Werk seiner Art in Westeuropa ist, sondern bis zum

5. Januar 2014 auch zur größten Leinwand der Welt wird. Der künstlerische Leiter Manfred Schneckenburger, der bereits zweimal die »documenta« kuratiert hat, sieht in der ungewöhnlichen Projektionswand eine besondere Herausforderung an die Künstler: »Dieser spezielle Hintergrund, die Synthese mit den gegebenen Strukturen der Gradierwand und natürliche Konstellationen wie Wind und Wasser machen die Besonderheit der Projektionen aus«. Die 16 international anerkannten Künstler wie Daniel Askill, Mihai Grecu, Geoffrey Hendricks oder »Urbanscreen« kommen aus Australien, den USA, Südkorea, Rumänien oder Japan. Während sich die vorangegangenen Biennalen

mit der Mikrowelt des Salzes beschäftigten, soll »lichtsicht 4« gegenwartsbezogener, kritischer, streitbarer und vielfältiger als bisher werden. Themen aus Politik, Finanzwelt und Umwelt stehen auf dem Programm, außerdem soll der Blick auf die jüngsten Entwicklungen der Medientechnologie und auf künstlerische Analysen gelenkt werden. Der Eintritt zu »lichtsicht 4« ist frei.

»Eiszeit – Kunstzeit. Die Anfänge der Kunst vor 40.000 Jahren« in der Städtischen Galerie Iserlohn

Tage inspirieren lassen. Die Städtische Galerie Iserlohn zeigt noch bis zum 13. Oktober 2013 Nachbildungen von mehr als 70 plastischen Darstellungen, Gravuren auf Schieferplatten und zahlreiche Statuetten aus ganz Europa. Wissenschaftliche Deutung steht bei der Ausstellung nicht im Vordergrund. Stattdessen geht man andere Wege und stellt den Kunstcharakter in den Fokus der Betrachter. Dieser Ansatz wird durch die großformatigen Gemälde von Katja Oelmann unterstützt. Die Iserlohner Künstlerin reflektiert mit ihren Werken die eiszeitliche Bilderwelt, indem sie deren Motive aufgreift und zu neuen Kompositionen zusammensetzt.

INFO www.lichtsicht-biennale.de

DAMALS IN EUROPA

40.000 Jahre sind erdgeschichtlich nicht mehr als ein kleiner Augenblick – und doch passiert in dieser Zeit Weltbewegendes: Der Mensch verlässt Afrika und dringt in die eiszeitlichen Steppenlandschaften Europas vor. Die ersten Kunstwerke der Menschheit entstehen, aus Mammut-Elfenbein geschnitzte Tierplastiken etwa, Frauenstatuetten und Höhlenmalereien. Diese Objekte und Malereien bestimmen die Kulturen der Jäger und Sammler über einen Zeitraum von 30.000 Jahren; zu finden waren sie in ganz Eurasien von Portugal bis nach Sibirien. Erst als sich vor 10.000 Jahren das Klima und die Landschaft verändern, verschwindet die Kunst der »Wildbeuterkulturen«. Aus heutiger Perspektive erinnern manche der Objekte durch ihre abstrakte Darstellung an moderne Kunst – auch Pablo Picasso hat sich für seine Skulpturen von den Frauenstatuetten jener

INFO

www.iserlohn.de/kultur/staedtische-galerie.html


96 | GLOSSE KUNST

IMPRESSUM

NACHRUF

REDAKTION

EINE GLOSSE VON ULRICH DEUTER Ein neuer Monat, wie schön! Leicht vergisst man jedoch, dass dafür ein alter Monat weichen musste. Damit etwas bleibt, klebt K.WEST den vertriebenen letzten Wochen eine Seite ins Album. Blättern wir uns also für ein paar Minuten in den September zurück!

K.WEST erscheint monatlich im Verlag K-West GmbH Heßlerstraße 37 45329 Essen Tel.: 0201/86 206-33 Fax: 0201/86 206-22 ISSN 1613-4273

»Nordrhein-Westfalen / Muss dringend sparen« – das reimt sich nur knirschend. Weswegen das beleibte Doppel-Land und der fastenpredigende Imperativ anhaltend miteinander fremdeln. Doch die Backen der Schuldenbremse, sie nähern sich unaufhaltsam der Landesscheibe, 2020 packen sie sie. Dann muss der Haushalt ausgeglichen sein. Dessen Anteil für Kultur beträgt 0,2 Prozent, der für Personal geringfügig mehr, 43. Daher haben Hannelore Kraft und ihr Finanz-Walter jüngst erste Überlegungen angestellt, ob nicht auch dieses, das Beamtengold also, unter Umständen wenigstens im einstelligen Promillebereich beschnitten werden könnte. Seitdem sieht man völlig verarmte Ministerialräte auf der Bolkerstraße in Düsseldorfs Altstadt mittags die ausgespienen Wurstzipfel von den Papptellern der Imbissstuben klauben, denn die Regierung Kraft hat ihnen die letzte Salärerhöhung verwehrt. Der Kasten aber kennt noch grausamere Instrumente: Entlassungen. MASSENENTLASSUNGEN! Im September hat Kraft ohne Vorwarnung damit begonnen. Entsetzenerregend, dass der erste Hieb sofort die Schwächste traf: die Migrantin. Eiskalt sprach Kraft gegen Integrationsstaatssekretärin Zülfiye Kaykin die betrugsbedingte Kündigung aus. Freund – Feind – Parteifreundin! Beide Damen sind Mitglied (sagt man so?) der SPD. Und die nächste Entlassungswelle rollt: In aller Heimlichkeit bereitet ein An-Institut der Landesregierung bei der TU Dortmund den Rauswurf eines weiteren Staatssekretärs vor: des für Medien, Marc Jan Eumann. Erst muss dessen Doktor weg, dann er selbst. Oder umgekehrt. Jedenfalls, das sind dann schon zwei resp. drei. Wie viele Negerlein bleiben noch? Ein verschüchterter Rest von gerade mal 250.000 NRW-Staatsdienern. Der Fisch stinkt vom Kopfe, heißt es. Daher wird er auch von dort beginnend filetiert. Wir als Presse sind zur Objektivität verpflichtet, daher müssen auch die Gründe genannt sein, die für eine Selbstauflösung der Regie-

rung sprechen. Es sind alle. SPD wie Grüne sind unsentimentale Parteien, ihr Fahrplan ist energisch: Zunächst, nach der soeben erfolgreich verlorenen Bundestagswahl, wird Hannelore Kraft – eine Schamfrist einhaltend – nach Berlin wechseln. Um dort als Kontermutti die festgefressene Kanzlerin östrogenal zu lockern. Ist man Kraft los, wird daheim der Abbau der Landesregierung zügig voranschreiten. Denn humaner als die Entlassung ist die Selbstentlassung. Polizei und Feuerwehr machen es vor. Schon seit Monaten pochen beide darauf, dass ihre Arbeit im Grunde überflüssig ist. Mit kleinen Unfällen, Ruhestörung oder häuslicher Gewalt, mit gefährdeten Kleintieren oder Ölspuren auf Straßen wollen sie nichts mehr zu tun haben. Auch die Auseinandersetzung mit Betrügern und Gewalttätern, hört man aus immer mehr Präsidien, ist für Schutzleute nicht mehr zumutbar. Ebenso wenig die mit überfluteten Kellern und in Brand geraten Dachstühlen für die Wehr. Drei Tage lang hatte sich die Polizei sogar von ihrer hoheitlichen Hauptaufgabe zurückgezogen: dem spieltäglichen Einsatz bei Schalke 04. Das hätte sehr viel Geld gespart. Und wer nur still in seinem Büro sitzt, hilft das Übel in der Welt vermindern, sagt Pascal. Vielleicht wird es beim nächsten Versuch was. Darum müssen jetzt die Grundschullehrer vor und es ablehnen, sich weiterhin mit herumzappelnden Analphabeten abzuplagen. Bleiben noch die Pensionen. Aber auch hier hat Hannelore vorgekocht. Ihr Rezept: Deren Bezahlung erfolgt künftig nach dem Muster der Denkmalförderung: per monatlichem Darlehen an die Ruheständler zum Zinssatz von nur einem Prozent. Zum Schluss die Frage, die schon die ganze Zeit wie Zugluft durch diese Glosse weht: Warum hier zum wiederholten Male auf Politiker und Beamte eingedroschen wird. Ganz einfach: Weil auf Neger, Schwule, Blondinen, Behinderte und Muselmanen einzuhacken kolossalen Ärger bringt. Und am neuen Papst findet man einfach kein schlechtes Haar.

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K.WEST Oktober 2013