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DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

SPECIAL KUNST AKTUELL

SALOMON BAUSCH ÜBER DAS ERBE SEINER MUTTER PINA SCHAUSPIEL KÖLN: STEFAN BACHMANNS START RUHRTRIENNALE: HELMUT LACHENMANN ÜBER SEINE MUSIK IN BILDERN NACH BERTHOLD BEITZ’ TOD NACH DEM ENDE DER DENKMALFÖRDERUNG

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.09 SEPTEMBER 2013 4.50 ¤

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www.kulturwest.de

K.WEST 09/2013 | A


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10 Die Denkmalpflege in NRW wird ausgehungert

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KULTURGESCHICHTE + KULTURPOLITIK 04 NACH DEM ENDE DER MONARCHIE Berthold Beitz ist tot. Ohne ihn wird sich vor allem die Rolle der mächtigen und spendablen »Krupp-Stiftung« drastisch verändern.

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38 Ausstellungen: Robert Wilson »Kapitalistischer inszeniert Helmut Realismus« in Lachenmann bei Düsseldorf und Neuss der Ruhrtriennale

BÜHNE 24 »DIE WEITERGABE AN ANDERE KOMPANIEN IST ALTERNATIVLOS« In diesem Jahr feiert das Tanztheater Wuppertal 40-jähriges Jubiläum. Ein Gespräch mit Salomon Bausch über das, was vom Werk seiner Mutter bleibt.

ARCHITEKTUR 44 DIE VERMESSUNG DES RAUMES In Krefeld ist das 1:1-Modell eines Clubhaus-Entwurfs von Mies van der Rohe zu sehen – ein Rausch von Raum. 47 SOMMER SPECIAL KUNST

Erweiterung des Wuppertaler 08 »WAS DIE KÜNSTE FÜR DIE Skulpturenparks »Waldfrieden« / Porträts der Künstler GESELLSCHAFT LEISTEN KÖNNEN« 30 SIE SIND SO FREI Das FFT zeigt in Düsseldorf Katharina Sieverding und MarZweite Kulturkonferenz Ruhr: mit »Public Bodies« Dramacel Odenbach anlässlich ihrer Die Kulturwissenschaftlerin turgien der Entblößung. Ausstellungen auf Moyland Birgit Mandel erklärt im und in Bonn / »Welt in Farbe« Interview ihr »Interkulturelles mit früher Color-Fotografie / 32 EMPFEHLUNGEN DER REDAKTION Audience Development«. Sehenswertes in Oper, Auszug aus der Biografie 10 WIE MAN EIN SELBSTTRAGENDES Schauspiel, Tanz des Kunsthändlers Helge Achenbach SYSTEM ZERSTÖRT KUNST Die Landesregierung kürzt die DESIGN Mittel für die Denkmalpflege und setzt künftig auf Darlehen. 36 BENUTZEN STATT BETRACHTEN 79 DAS DING – DESIGN IM ALLTAG Realität und Reproduktion – Genial oder brutal? Eberhard Havekost Die Computer-Maus Eine Erforschung der Folgen im Duisburger Museum BÜHNE 80 DIE STRIPPENZIEHER Küppersmühle Das Dortmunder Designbüro 14 BACHMANNS BIO-MASSE »Stückwerk« spannt bei seinen 38 GUT LEBEN MIT POP Zwei Ausstellungen in DüsMöbel-Entwürfen Seile. Ein Besuch beim neuen Kölner seldorf und Neuss wecken den Schauspiel-Intendanten Stefan MUSIK »Kapitalistischen Realismus« Bachmann und ein Gespräch wieder auf: mit Gerhard über seine Blütenträume. Richter, Sigmar Polke, Konrad 82 KUNDRY-KLÄNGE 22 »ZUHÖREN REICHT NICHT« Lueg und Manfred Kuttner. Die Saxofonistin Angelika Niescier tritt beim Bonner Ruhrtriennale: Helmut 42 EMPFEHLUNGEN DER REDAKTION Beethovenfest auf. Für deren Lachenmann über sein Das Ausstellungsprogramm Intendantin Ilona Schmiel ist »Mädchen mit den Schwefelder Museen im September es nach zehn Jahren das letzte. hölzern« und seine Musik in Bildern


86 Kulturplüsch: Die Kölner Bar »King Georg«

44 Raum-Rausch: Mies’ Clubhaus-Modell in Krefeld

MUSIK 84 IM WANDEL LIEGT DIE KRAFT Die Bochumer Symphoniker spielen bei der Ruhrtriennale Werke von Gavin Bryars. 86 HEUTE EIN KÖNIG Die Bar »King Georg« am Ebertplatz hat sich zur Kölner Nightlife- und Kulturinstitution entwickelt.

LITERATUR 96 WIR BEFINDEN UNS IM JAHRE 2013 N. CHR. Unabhängige Verlage in NRW (3): CH.SCHRŒR im kleinen Dorf Lindlar 98 »MAN MUSSTE SOLCHES WAGEN« Hans Pleschinski verfolgt in seinem in Düsseldorf spielenden Thomas-MannRoman »Königsallee« die Spur einer großen Liebe.

88 EMPFEHLUNGEN DER REDAKTION Was kommt in den Konzertsälen und 100 BUCH DES MONATS Musikhallen in NRW Clemens Meyers neuer FILM Roman »Im Stein« ist ein dunkel wirbelnder 92 FILM DES MONATS Nachtgesang. »The Congress« von Ari 101 EMPFEHLUNGEN Folman ist eine grandiose Peter Hennings Mischung aus Spiel- und Gladbeck-Roman »Ein Animationsfilm. deutscher Sommer« 93 KINO IM SEPTEMBER Neue Filme über deutschdeutsche Geschichte und die Altlasten der DDR, einen französischen Michael Kohlhaas, ein Mädchen aus Saudi-Arabien und Roland Emmerichs Attacke auf das Weiße Haus.

LETZTENS 103 HIMMEL & ERDE Dies und das, Tipps und Trends im September 104 NACHRUF Die Glosse für den verjagten Monat August 99 DIE KOOPERATIONSPARTNER VON K.WEST 104 IMPRESSUM

92 »The Congress« ist der Film des Monats.


De Keersmaeker / Grisey Vortex Temporum Tanzperformance ab 3. Oktober 2013 Jahrhunderthalle Bochum www.ruhrtriennale.de

Foto Š Anne Van Aerschot


4 | KULTURGESCHICHTE

Der Souver채n: Berthold Beitz (1913-2013). Foto: Ullstein-Bild / Mehner


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NACH DEM ENDE DER MONARCHIE TEXT: MARTIN KUHNA

Ein sehr alter Mann ist gestorben – deshalb soll nun rund um ein Industrieunternehmen wie Thyssen-Krupp alles anders werden? Ja, das ist wohl so. Ohne Berthold Beitz wird vor allem die Rolle der unter ihm so mächtigen und spendablen »Krupp-Stiftung« sich drastisch verändern. Essen und das Ruhrgebiet müssen jetzt tapfer sein.

Vernissage einer Kunstausstellung in Essen, vor einigen Jahren. Keine Hobbykunst, aber auch keine großen Namen. »Local Heroes« stellen aus. Unter die üblichen Verdächtigen hat sich ein betagtes Paar gemischt. Vor allem der Mann zieht Blicke auf sich: kräftiges Haar, buschige Augenbrauen, eleganter Anzug. Man tuschelt: »Ist das nicht …?« Berthold Beitz? Weiß Gott, das wär’s: Sollte ›BB‹ sich aus irgendeinem Grund begeistern am Werk eines der Künstler – dessen Auskommen und Reputation wären gesichert. Er war es nicht. Doch die kurz aufblitzende Hoffnung war für Essener Verhältnisse nicht ganz abwegig. Etwa zur gleichen Zeit gab es in Essen einen Eklat um die neue Philharmonie und ihre Finanzen, um das Sponsoring durch die Wirtschaft. Der neue Intendant Johannes Bultmann schaffte die Wende. Vor kurzem erinnerte er sich: »Es gab ein entscheidendes Gespräch mit Berthold Beitz.« So ging das in Essen. Zwei Jahre zuvor hatte Beitz die klamme Stadt aus einer noch viel größeren Verlegenheit erlöst: Das Folkwang Museum brauchte ein neues Haus. Beitz entschied, dass die Krupp-Stiftung allein den Bau bezahlen werde: 55 Millionen Euro. Das war eine Sensation, aber nur wegen der Größe des Geschenks. Dass der alte Mann überhaupt helfen würde, darauf hatte Essen verzweifelt fest gebaut: »Wie immer bei großen Kulturprojekten«, sagte neulich Ex-Museumschef Hartwig Fischer, »richteten sich die Hoffnungen auf den Hügel, auf die Krupp-Stiftung, auf Berthold Beitz.« Auf einen Greis 30 Jahre jenseits der Pensionsgrenze. Wie war das möglich? Im Herbst 1953 kam Beitz nach Essen, 40 Jahre alt, gutaussehend, extrovertiert, schon mit allen Allüren eines StarManagers. Er kam zu jenem Unternehmen, das damals noch einem einzigen Mann gehörte: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. Der schwermütige Konzernchef hatte Beitz zufällig kennengelernt, ihn schüchtern umworben und über-

raschend zu seinem »Generalbevollmächtigten« gemacht, der den Konzern fortan gründlich aufmischte – aber stets in geradezu symbiotischer Abstimmung mit dem Alleininhaber. 1967 starb Alfried Krupp. Zuvor hatte er sein Haus bestellt und sein Vermögen im Todesfall auf eine neu gegründete Stiftung übertragen. So sollten die Firma beisammen, Familie und Banken draußen gehalten werden, sollte nach kruppscher Tradition Geld zur Förderung des Allgemeinwohls bereitgestellt werden. Zum Testamentsvollstrecker und Chef der Stiftung bestimmte Krupp – Berthold Beitz. Das schien nicht sehr viel zu bedeuten. Kurz zuvor hatte Krupp mangels Eigenkapital Exportaufträge nicht vorfinanzieren können. Banken und Bundesregierung machten einen Skandal daraus und ließen sich ihre Unterstützung teuer bezahlen: Das »Einzelunternehmen« Krupp wurde zur GmbH, bekam Vorstand und Aufsichtsrat, musste Einblick in die Geschäfte geben. Berthold Beitz wurde weder Vorstand noch Vorsitzender des Aufsichtsrates. Seine »Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung« erhielt nur eine bescheidene Dividende. Doch schon 1970 manövrierte Beitz sich zurück an die Konzernspitze als mächtiger Aufsichtsratsvorsitzender, der seinen oft wechselnden Vorständen energisch dreinredete. Erst 1987 gab er das Amt ab und schien die Zügel mit 74 Jahren endlich lockerer zu lassen. Tatsächlich aber änderte sich wenig. Ohne Berthold Beitz wurde im Konzern auch während der folgenden 25 Jahre nichts Wichtiges entschieden. Seiner Stiftung verschaffte er in guten wie in schlechten Jahren respektable Dividenden. Was mit dem Geld gefördert wurde, entschied Beitz als Doppel-Vorstand (Stiftung und Kuratorium) de facto souverän. Als ein Kuratoriumsmitglied mal widersprach und hinzufügte: »Das wird man doch noch sagen dürfen«, soll Mitkurator Johannes Rau gespöttelt haben: »Jetzt gehen Sie aber sehr weit …«


6 | KULTURGESCHICHTE

Das Vorgestern, das bis gestern galt: Krupp-Villa Hügel. Foto: Suedwester93

Das Heute, das schon morgen wanken könnte: Thyssen-Krupp Hauptverwaltung in Essen. Foto: Tuxyso

Beitz’ Stärken waren Zielstrebigkeit, Charme und Chuzpe sowie seine nicht zu erschütternde Überzeugung, dass er im Sinne Alfried Krupps handele und dessen Vermächtnis bis zum letzten Atemzug zu hüten habe. Zuletzt haben Beitz’ biblisches Alter und seine erst spät bekannt gewordene Vergangenheit als Retter todgeweihter Juden ihn noch weniger angreifbar gemacht. Es liegt indes auf der Hand, dass sein autokratisches Regime gravierende Nachteile haben musste. Wer mit der Stiftung zu tun hatte, mit dem »Alfried Krupp Krankenhaus«, mit der Villa Hügel und mit Krupps Geschichte, der erlebte: Selbst Kleinigkeiten gingen nicht ohne Beitz. Fatal, wenn er Nein sagte oder Mitarbeiter dies vorauseilend beflissen annahmen. Man ahnt, dass im Konzern solche Furcht vor dem alten Herrn beigetragen hat zur unguten Mischung aus Selbstherrlichkeit, Intrige und Byzantinismus. Andererseits: Ohne Berthold Beitz als letzten Repräsentanten Kruppscher Werksfürsorge wäre die Firma vielleicht längst radikal »verschlankt« worden, wäre sie aus dem traditionell-identitätsstiftenden, aber volatilen Stahlgeschäft ausgestiegen oder Teil irgendeiner global agierenden ›Group‹ geworden. Ganz sicher wäre ohne ihn die Stiftung viel kürzer gehalten worden, hätte nicht über 625 Millionen Euro mäzenatisch für Kunst, Kultur, Bildung, Soziales und Sport ausgeben können. Zu schweigen von der einsamen Entscheidung, Essen ein ganzes Museum zu schenken. Das wird anders werden, ganz anders. Seit Beitz 25,01 Prozent der wieder mal um Geld verlegenen Firma 1978 an Iran verkauft hat, ist die Stiftung nicht mehr alleinige Eigentümerin. Nach der feindlichen Übernahme des Dortmunder Konkurrenten Hoesch besaß die Stiftung noch 51 Prozent an der neuen AG, nach der Fusion mit Thyssen 1999 nur noch 17,36 Prozent: erstmals keine Sperrminorität mehr. Und die Konzernzentrale war nun in Düsseldorf. Diesen Trend hat Beitz mit über 90 Jahren in einem Kraftakt noch einmal umgekehrt: Er ließ die Stiftung für viel Geld ihren Firmenanteil wieder auf 25,3 Prozent erhöhen. Setzte den Bau der neuen Konzernzentrale in Essen durch, schenkte der Stadt das Folkwang-Museum. So viel Krupp war dort lange nicht gewesen. Aber jetzt braucht Thyssen-Krupp nach katastrophalen Managementfehlern wieder mal dringend Geld. Ob nach

einer voraussichtlichen Kapitalerhöhung die Stiftung ihre Sperrminorität (mit Hilfe der RAG Stiftung?) behalten kann oder nicht, ob man sich von der Stahltradition trennt, das spielt ohne Beitz und seine Bindung an Alfried Krupp vermutlich eine geringere Rolle. Vorstand und Aufsichtsrat können endlich ohne Furcht vorm Übergroßvater agieren. Dass die Stiftung dabei eher mageren Zeiten entgegengeht, ist nahezu sicher. Dass ihre neue Führung mit dem Vorhandenen weniger freigebig umgehen wird, ebenfalls. Von Verwerfungen bei Thyssen-Krupp hat womöglich das gebeutelte Duisburg am meisten zu fürchten: Dass die Firma sich von den Stahlwerken dort trennen könnte, wird schon seit Längerem gemunkelt. Wenn die Stiftung knauserig wird, trifft das aber besonders Essen: Fast die Hälfte der Fördermittel gingen während der vergangenen 30 Jahre in die Krupp-Stadt und die nähere Umgebung. Hier, wo er einst »nicht tot überm Zaun« hatte hängen wollen, ist Berthold Beitz nun begraben. Ganz nah neben den Krupp/von Bohlen und Halbach, was deren Familie mit Stirnrunzeln bemerkt haben wird. Die Geburtstagsfeier zu seinem Hundertsten am 26. September wird nun eine Trauerfeier sein, wenn auch mit dem ursprünglich geplanten öffentlichen Jazzkonzert in der Philharmonie. Die Nachkriegsgeschichte der Firma Krupp wird in absehbarer Zeit neu geschrieben werden, da ›BB‹ nicht mehr über den Quellen wacht und die letzte Deutungshoheit für sich beansprucht. Sein Anteil an den immer wiederkehrenden Krupp-Krisen wird kritischer beleuchtet werden. Das wird seinem schon zu Lebzeiten legendären Ruf als Mensch und Wohltäter kaum Abbruch tun. Dass er die Rolle eines strengen, doch gerechten und mildtätigen, vom Volk innig verehrten Alleinherrschers strukturell längst nicht mehr hätte spielen dürfen, trifft als Vorwurf weniger den alten Mann als jene, die ihm letztlich nicht gewachsen waren. Aus Berthold Beitz’ Sicht war der Anachronismus nicht zu ändern, ehe mit seinem langen Leben endlich auch die Geschichte der alten Firma Krupp zu Ende ging. »Nach Beitz wird es keinen Beitz mehr geben«, hat er gesagt. Das ist auch gut so – nur nicht für jene, die ihre Hoffnungen stets in den guten alten Mann auf dem Hügel setzten. Der Mäzen ist tot, es lebe das Förderungsantragsformular.


Die größte Innenraumskulptur der Welt im Gasometer Oberhausen 16.3. – 30.12.2013

CHRISTO BIG AIR PACKAGE


8 | KULTURPOLITIK

Sanierungsbedürftige Bühnen Köln: Im Container wird über die Baumaßnahmen informiert. Foto: © Raimond Spekking / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

» Schauen, WAS DIE KÜNSTE FÜR DIE GESELL- SCHAFT LEISTEN KÖNNEN« INTERVIEW: ANDREJ KLAHN

Zu den Versuchen, die durch die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 beförderte Diskussion über den kulturellen Wandel und das Selbstverständnis des Ruhrgebiets fortzuführen, zählt die 2012 erstmals veranstaltete »Kulturkonferenz Ruhr«. Thema der zweiten Ausgabe am 20. September 2013 ist die »Zukunft der Interkultur«. Birgit Mandel lehrt als Professorin für Kulturmanagement und Kulturvermittlung in Hildesheim am Institut für Kulturpolitik. Im Auftrag der Zukunftsakademie NRW hat sie sieben interkulturelle Modellprojekte von nordrheinwestfälischen Kultureinrichtungen wissenschaftlich begleitet. Auf der Konferenz wird sie Ansätze des »Interkulturellen Audience Development« vorstellen.

K.WEST: Soll interkulturelles Audience Development den Markt kulturfähig machen oder die Kultur marktfähig? MANDEL: Zentral ist die Frage, wie wir unser öffentlich finanziertes Kulturleben umgestalten können angesichts einer sich stark verändernden, sich diversifizierenden Gesellschaft. Naheliegend wäre tatsächlich die Marketingperspektive, also: Wie gelingt es Kultureinrichtungen, neues und anderes Publikum zu gewinnen, da die Stammklientel, das klassische Bildungsbürgertum, schwindet. Was dazu führen könnte, dass die hohen öffentlichen Ausgaben für Kultur, allen voran Theater und Opern, zukünftig schwerer zu legitimieren sind. Aber ein solcher Ansatz greift zu kurz. Viel wichtiger ist, die Veränderungen in der Gesellschaft zu nutzen, um Formate und Programme, ja: den Kulturbetrieb insgesamt zu verändern. K.WEST: In welche Richtung müssten diese Veränderungen gehen? MANDEL: Wir müssen uns von unserem starren Kulturkanon und zum Teil z.B. vom Repertoirebetrieb verabschieden. Man wird Theater und Opernhäuser künftig möglicherweise auf ganz andere Weise nutzen, vielleicht als interdisziplinäre Kulturzentren. Dort könnten partizipative Projekte mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen entwickelt werden, statt das man traditionelle Format bedient. K.WEST: Aber das Kulturangebot in Deutschland ist im weltweiten Vergleich dank der vergleichsweise guten finanziellen Förderung so vielfältig wie kaum ein anderes ist. Ist da nicht schon jetzt für jeden etwas dabei? MANDEL: Dass wir einen großen kulturellen Reichtum und eine große Vielfalt haben, ist unbestritten. Doch die Förderung von Einrichtungen, die sich jenseits des Hochkulturbetriebs positionieren, macht nur einen geringen Teil des Gesamtbudgets für öffentliche Kultur aus. Und hinzu kommt, dass dieses Angebot nur etwa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung erreicht. Der kulturelle Sektor ist in den letzten 30 Jahren stark expandiert. Der Prozentsatz derer, die diese Angebote nutzen, hingegen nicht. Also: Wenige Menschen nutzen immer mehr kulturelle Angebote. Öffentliche Einrichtungen müssen darüber nachdenken, wie sie das ändern und die Nachfrage auf eine breitere Basis stellen können. K.WEST: Nicht-Nutzer-Befragungen haben gezeigt, dass der Ruf hochkultureller Einrichtungen konservativer und elitärer ist als ihr Angebot. Das lässt vermuten, dass Kultur vor allem ein Problem hat: ihr Image. MANDEL: Im Rahmen der Studie ist mir noch mal bewusst geworden, dass gerade jene Kultureinrichtungen, die man für besonders konservativ hält, sich in den letzten Jahren stark verändert und geöffnet haben. Das Image des elitären und langweiligen Hochkulturtempel entspricht nicht dem Angebot. Aber diese Images haben eine starke Kraft. Was übrigens nicht nur negativ ist. Viele Menschen gehen davon aus, dass in den Musiktheatern und Schauspielhäusern Wertvolles stattfindet. Obwohl sie selbst dort nicht hingehen, weil sie der Meinung sind, dass das, was dort stattfindet, mit


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ihrem Leben nichts zu tun hat – und das ist dann tatsächlich ein Marketingproblem. K.WEST: Welche Rolle spielen ethnische Unterschiede beim interkulturellen Audience Development? MANDEL: Eine der wichtigen Erkenntnisse unserer NRW-Studie war, dass die Grenzlinien zwischen sozialen Milieus und nicht zwischen ethnischer Zugehörigkeit verlaufen. Kein Mensch hat heute allein eine ethnisch geprägte Identität. Wir haben kulturelle Mehrfachidentitäten, in die verschiedenste kulturelle Muster einfließen. Bei der jüngeren Generation sind solche Fragen schon längst kein Thema mehr. Kunst und Kultur müssen soziale Grenzen überwinden. K.WEST: Sie haben sich unterschiedliche interkulturelle Projekte im Ruhrgebiet angeschaut. Welche haben funktioniert? MANDEL: Sehr beeindruckt hat mich das Projekt »Crashtest Nordstadt« des Schauspielhauses Dortmund. Das Theater ist für mehrere Monate mit einem großen Team in die Nordstadt gezogen, um dort mit Menschen sehr unterschiedlicher, häufig bildungsschwacher Milieus gemeinsam ein interaktives Spiel zu entwickeln. Der Clou war, dass die Menschen aus der Nordstadt das Spiel bestimmt haben und das bildungsbürgerliche Publikum dann rausgefahren ist, um mitzuspielen. Rollen und Machtverhältnisse wurden also umgekehrt, und das traditionelle Kulturpublikum wurde mit seinen Klischeevorstellungen und Ängsten konfrontiert. Die Teilnehmer aus der Nordstadt haben sehr euphorisch von diesem Bildungserlebnis berichtet. Sie haben es als sehr bereichernd empfunden. K.WEST: Auffällig ist, dass die von Ihnen untersuchten Projekte alle stark partizipativ angelegt waren. Werden die öffentlich geförderten Kultureinrichtungen also mittelfristig zu Orten der Laienkultur umgebaut werden müssen? MANDEL: Partizipation ist der erste Schritt, um auf Menschen zuzugehen, die sich für das Angebot nicht interessieren. Das heißt aber selbstverständlich nicht, dass wir unsere Kultureinrichtungen in Laienbühnen umwandeln sollten. Aber die Frage ist spannend, ob man an Profil und künstlerischer Qualität verliert, wenn man sich laienkulturellen Einflüssen stärker öffnet. K.WEST: Und wie lautet Ihre Antwort? MANDEL: Wir haben beteiligte Künstler und Dramaturgen interviewt, und die haben uns überwiegend gesagt, dass die Einflüsse und Impulse durch die Begegnung mit Laien dazu führen, dass man als Profi künstlerisch noch mal anders herausgefordert wird und dass das durchaus der Qualität zugute komme. Aber es geht wirklich nicht darum, die Häuser zu Laienbuden umzubauen, sondern um neue inhaltliche und ästhetische Impulse. Zurzeit stimmt das Verhältnis noch nicht, weil partizipative Projekte Ausnahmen sind, die aus Sondermitteln finanziert werden. K.WEST: Sind solche Projekte denn für das nicht-beteiligte Publikum von Interesse, oder sitzen in den Vorstellungen dann nur Freude und Verwandte? MANDEL: Meine Analyse zeigt, dass Präsentationen von interkulturellen Projekten in der Regel Publikumsrenner sind. Das heißt, dass sich nicht nur die Community der Beteiligten interessiert, sondern auch das bildungsbürgerliche Stammpublikum kommt. Wenn das Thema für die Stadt relevant ist, kann man mit solchen Projekten mehrere Bevölkerungsgruppen zusammenbringen. K.WEST: Laufen diese Bemühungen auf eine Neubewertung des Verhältnisses von Hoch-, Pop-, Sub- und Was-auch-immer-für-Kultur hinaus, oder auf eine alternative Arbeit am klassischen Kanon? MANDEL: Ein großer Schritt wäre, wenn die immer durchlässigere Grenze zwischen E- und U-Kultur endgültig fallen würde. Das ist die einzige Chance, wenn wir eine breitere Bevölkerungsbeteiligung am öffentlichen Kulturleben möchten. Denn diese sehr deutsche Trennung hat dazu geführt, dass ein Großteil der Bevölkerung das Gefühl hat, dass das öffentlich geförderte Kulturleben nicht relevant ist für das eigene Leben.

K.WEST: Würden sich die öffentlichen Kultureinrichtungen durch diese Hinwendung zur leichteren Konsumierbarkeit nicht in Konkurrenz zu privaten Anbietern begeben – und auf Dauer ein Legitimationsproblem bekommen? MANDEL: Die stehen doch schon in dieser Konkurrenz. Stadttheater haben mittlerweile eigene Musical-Sparten. Der Legitimationsdruck ist groß. Selbstverständlich dürfen und müssen öffentlich geförderte Häuser populäre Formate aufgreifen; Events, in den Stadtraum gehen, Prominenz einbinden. Aber wir dürfen dabei nicht aus dem Blick verlieren, warum diese Häuser gefördert werden. K.WEST: Es soll also aussehen wie ein Musical, aber mehr bieten. Was genau ist dieses Mehr, wenn die Ästhetik auf leichtere Konsumierbarkeit setzt? MANDEL: Eine Aufgabe könnte darin bestehen, die unterschiedlichen Gruppen einer Stadtgesellschaft zusammenzubringen. Fragen aufzuwerfen und Anstöße zu geben, die das Publikum dazu anregen, den eigenen Alltag unter einer erweiterten Perspektive zu betrachten oder kulturelle Differenzerfahrungen zu machen. Dem würden sich kommerzielle Unternehmen nicht stellen. Die interessieren sich nur für die Auslastung. K.WEST: Länger schon ist die Tendenz zu beobachten, dass sich Kultur immer stärker über Transferleistungen legitimiert. So zielte eines der von Ihnen untersuchten Projekte auch auf die Förderung des Spracherwerbs. Dann muss sich die Kunst aber auch die Frage gefallen lassen, ob derartige Erfolge nicht effizienter erzielt werden können. In diesem Fall: durch Investitionen ins Bildungssystem. MANDEL: Kunst und Kultur können bestimmte Bildungsaufgaben auf eine ganz eigene Weise realisieren. Das formale Bildungssystem ist sehr stark auf kognitive Lerninhalte ausgerichtet. In der Kultur geht es um sinnliches, ganzheitliches Lernen, frei von Leistungsmessung. Kunst ist nicht sinn-, aber zweckfrei. So schafft sie den spielerischen Raum, in dem alles möglich ist. K.WEST: Aber steht diese Zweckfreiheit nicht infrage, wenn Transferleistungen eingefordert werden? MANDEL: Bislang hat der Kunst und Kultursektor in Deutschland sehr stark auf seine Autonomie gepocht. Das hat dazu geführt, dass wir ein bisschen aus dem Blick verloren haben, welch produktives Potenzial für die Gesellschaft in Kunst und Kultur stecken kann. Es ist an der Zeit, das Augenmerk darauf zu richten, was die Künste für die Gesellschaft leisten können, ohne ihren Eigensinn aufgeben zu müssen.

Birgit Mandel, Foto: privat

INFO

Kulturkonferenz Ruhr, 20. September 2013, Ruhrfestspielhaus Recklinghausen


10 | KULTURPOLITIK

Warten auf die Förderung: Haasenmühle in Solingen. Foto: C. Notarius/LVR-Amt für Denkmalpflege

WIE MAN EIN SELBSTTRAGENDES SYSTEM ZERSTÖRT TEXT UND INTERVIEWS: ULRICH DEUTER In der Baudenkmalpflege war Nordrhein-Westfalen einst beispielhaft. Ohne Visionäre mit Geschichtsbewusstsein in Verwaltung und Politik stünde die Zeche Zollverein heute nicht mehr, wäre auch das letzte Fachwerkhaus abgerissen. Das soll nach dem Willen der Landesregierung nun anders werden. Vor allem den kleinen Denkmälern geht es künftig an den Kragen.


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Der Siegener Architekt Michael Arns entwirft gern zeitgenössische, luftigkubische Wohnhäuser; aber er ist auch Spezialist für die alten Fachwerkbauten seiner Heimat Sieger- und Sauerland, von denen er zahlreiche renoviert und bewahrt hat, darunter das Elternhaus des aus Siegen stammenden Bernd Becher. Von den »Fachwerkhäusern des Siegener Industriegebietes«, die Bernd und Hilla Becher in den 1960er und 70er Jahren in Serie fotografierten und mit denen sie ihren Stil begründeten, aber seien heute kaum noch welche in dem Zustand »wie die Bechers das fotografieren konnten«, klagt Arns im Gespräch. Denkmalpflege, und zwar nicht nur die von Domen und Schlössern, sondern auch von Alltagsarchitektur, hat herausragende Bedeutung in einem Bundesland, das zum einen sehr tiefe historische Wurzeln sowie große Siedlungsdichte und regionale Buntheit besitzt, zum andern durch Industrialisierung und Krieg viel von seinem Baudenkmalbestand verloren hat. 86.800 unter Schutz gestellte Bau- und Bodendenkmäler verzeichnete 2012 die Liste in NRW, knapp ein Drittel mehr als 1992. Im gleichen Zeitraum sank die Summe, die das Land für den Erhalt dieser identitätsstiftenden Geschichtszeugnisse zur Verfügung stellte, von 35,4 auf 11,4 Millionen Euro, um 60 Prozent. Im Haushaltsjahr 2013 ist dieser Betrag noch einmal um zwei Millionen gekürzt worden, in 2014, so verkündete Bauminister Michael Groschek (SPD) Mitte Juli, wird erneut gestrichen, dann beträgt der Zuschuss noch ganze 4,1 Millionen Euro, die aber ausschließlich für die Instandhaltung »herausragender Sakralbauwerke« (Dome in Aachen, Köln, Xanten) sowie die Bodendenkmalpflege eingesetzt werden sollen. Dafür legt die NRW.Bank ein Kreditprogramm von 60 Millionen Euro auf (40 Mio. für gemeinnützige, gewerbliche und kirchliche Bauvorhaben, 20 Mio. für private), zu geringsten Zinsen und mit langen Laufzeiten. Michael Arns hat Anfang Juni 2013 im Düsseldorfer Landtag in seiner Eigenschaft als Vize-Präsident der Architektenkammer NRW bei der Anhörung zur Novelle des Denkmalschutzgesetzes auch zur damals schon in Gerüchten bekannten neuerlichen Zuschusskürzung Stellung bezogen und den Ausschussmitgliedern mitgegeben, er halte es für unmoralisch, wenn der Staat einerseits privaten Eigentümern einen Teil ihrer Verfügungsgewalt über ihr Gebäude wegnehme, indem er es unter Denkmalschutz stelle, mit all den daran geknüpften Auflagen. Er auf der anderen Seite aber nicht – nicht mehr – bereit sei, die Eigentümer bei den Mehraufwendungen, die mit einem Denkmal verbunden seien, finanziell zu unterstützen. Naturgemäß preist die Landesregierung ihre Kürzungen als finanzdisziplinär geboten und das Darlehensprogramm als Lösung der Zukunft. Aber das Schuldenbremsargument erledigt sich von selbst, wenn man den Denkmalförderzuschuss ins Verhältnis zum Gesamtlandesetat 2013 von 60 Milliarden (2014 von 62,5 Mrd.) und zum NRW-Gesamtschuldenstand von 220 Milliarden Euro setzt. Bleibt die Darlehens-Idee – ein probates Mittel im Denkmalschutz? Fragen wir die Fachleute: Prof. Dr. Heinz Günter Horn ist Archäologe, war Leiter der Bodendenkmalpflege Rheinland, danach (bis 2005) Ministerialrat im Ministerium für Stadtentwicklung und Verkehr, lehrte an der Universität Köln, ist Stellv. Vorsitzender des 1906 gegründeten Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz.

Deutschordenskommende Siersdorf: Die Kombination aus Landes- und Bundesförderung stemmt den Erhalt des Renaissance-Baus – ein Auslaufmodell. Foto: S.-M. Wolf/LVR-Amt für Denkmalpflege

K.WEST: Herr Horn, statt Zuschüsse Darlehen für den Denkmalschutz – was halten Sie davon? HORN: Das wird nicht greifen, vor allem in der privaten, kommunalen und der kirchlichen Denkmalpflege nicht. Entscheidend sind hierbei ja nicht Objekte wie der Kölner Dom oder Schloss Brühl. Die stellen nämlich nicht das Gros. Zu 95 Prozent werden kleine Denkmaleigentümer betroffen sein, die sehr viel Einsatz und Kapital in ihr privates Häuschen stecken, und die, da es vom Staat zum Denkmal erklärt ist, der Allgemeinheit auch eine gewisse Last abnehmen. Um diesen Erhaltungsaufwand wenigstens ein wenig zu honorieren, hat es bisher immer die sogenannte kleine Denkmalförderung gegeben, das waren Beträge bis zu 3.000 und 4.000 Euro. Die machten auf keinen Fall eine ganze Baumaßnahme möglich, aber sie bewirkten eine Initialzündung. Und die wurde dann durch private Ausgaben um ein Vielfaches vermehrt. K.WEST: Und ein billiges Darlehen kann kein Anreiz sein? HORN: Für einige wenige Große sicherlich. Künftig soll es ja so sein, dass alles, was mit dem Umbau eines denkmalwerten Gebäudes zu tun hat, per Darlehen gefördert und von der Steuer abgesetzt werden kann; früher betraf dies immer nur die denkmalbedingten Mehrkosten. Es werden sicher einige Objekte davon einen Nutzen haben, die sonst verfallen würden. Hier kann ein großer Investor einsteigen, sich preisgünstige Darlehen beschaffen und anschließend das Ganze zum Beispiel vermieten. Das ist nicht schlecht, ist aber nicht die Denkmalpflege, die dem kleinen Mann hilft. Nehmen wir Schloss Gymnich, das ehemalige Domizil der Kelly Family. Das ist versteigert worden, nun gibt es einen Investor, der da


12 | KULTURPOLITIK KUNST die Sanierung des Ensembles, das nicht ihnen, sondern der Stadt gehört. Die stimmte dem Erhalt zu, nachdem das Land aus Denkmalschutzmitteln 310.000 DM bereitgestellt hatte – 1,5 Millionen DM kostete die Sanierung, die ein nun tagtäglich von Schülern, Anwohnern, Amateursportlern »genutztes Denkmal« am Leben erhalten hat. Seit 1994 steht das Gesamtstadion unter Denkmalschutz – und erhält, jüngste Genugtuung für den Förderverein, den Deutschen Denkmalschutzpreis 2013. Wenn es den Verein nicht gegeben hätte, ist Vorsitzender Guido Rohn, zusammen mit Klaus Lorenz Mann der ersten Stunde, sich sicher, »dann stünden hier Einfamilienhäuser«. Glückliche Zeiten. Es scheint, die jetzige Landesregierung besitzt kein Gespür dafür, dass es in einer Gesellschaft symbolische Bereiche gibt, die man nicht so einfach beschädigt, zumal wenn der finanzielle Vorteil minimal ist. Der damalige NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück gab 2004 die Linie vor, als er in der ihm eigenen herunterputzenden Art beschied, Kunst und Kultur gebühre keine Sonderstellung, es sei nicht gleich »das Abendland in Gefahr, wenn ein gewisser Prozentsatz an Landesförderung eingespart« werde. Seiner Nachfolgerin Hannelore Kraft wird nachgesagt, sie halte Denkmalschutz für elitär. Der Architekt Michael Arns ist derzeit mit der Instandsetzung und dem Umbau eines Fachwerkhofs in einem Dorf im Sauerland befasst, eines sächsischen Hallenhauses von 1770, das allmählich verfiel und nun endlich jemanden gefunden hatte, der bereit war, sein Kapital in das Gebäude zu investieren, um darin zu wohnen. Fachwerksanierung und innere Umbauten erzeugen Kosten von ca. 550.000 Euro; nach bisheriger Regelung hätte die Denkmalförderung, sagt Arns, 100.000 bis 125.000 Euro beigesteuert. Arns: »Die sind jetzt weg. Jetzt muss ich mich rechtfertigen gegenüber dem Bauherrn, dem ich doch geraten hatte, all diese Baumaßnahmen unter dem Aspekt der Förderungserwartung vorzunehmen. Und der mich nun fragt, was ich ihm angetan habe. Zukunft eines Denkmals? Deutschordenskommende Siersdorf. Foto: S.-M. Wolf/LVR-Amt für Denkmalpflege

Hotellerie hineinbringen will. Der wird dann seine gesamten Umbaukosten geltend machen können, gleichsam von der Steckdose bis zum Firmenschild. Ich habe gar nichts dagegen, dass Denkmäler kommerziell genutzt werden. Ich will auch nicht sagen, dass diese Darlehensförderung an sich unsinnig ist. Sie kann aber auch zukünftig nur eine Facette der staatlichen Denkmalförderung sein. K.WEST: In einem Offenen Brief, den der Rheinische Verein an die Ministerpräsidentin gerichtet hat, schildern Sie die Folgen der Landesdenkmalpolitik sehr düster: Die unterschiedlichen Regionen Nordrhein-Westfalens würden ihr charakteristisches Gesicht verlieren. Ist das nicht ein bisschen arg schwarz gemalt? HORN: Nein. Das ist es nicht. Wie gesagt, von den Kürzungen wird das absolute Gros der Denkmäler erfasst. Das fängt beim Wegekreuz an und hört beim Vierkanthof auf. Und dazwischen gibt es eine ganze Bandbreite von ganz charakteristischen Gebäuden, die unsere Städte, Dörfer und Landschaften unverwechselbar prägen. Wenn die nicht gepflegt sind, dann geht das Bild kaputt. Nicht heute und morgen, aber spätestens in zehn Jahren. Was jetzt nicht mehr möglich ist, hat Langzeitfolgen. Ende des letzten Jahrhunderts drohte der 1928 eingeweihten »Jahnkampfbahn« in Solingen mit ihrem wunderschönen expressionistisch angehauchten Tor-Ensemble der Verfall. Bürger engagierten sich mit einem Förderverein gegen den Verlust des traditionsreichen Stadions, in dem schon Vogts, Rahn, Netzer, Seeler, Assauer, Weisweiler gespielt hatten. Sie leisteten Arbeit und sammelten 50.000 Mark als Anschubfinanzierung für

Die beiden Landschaftsverbände – Rheinland (LVR) und Westfalen-Lippe (LWL) – sind über ihre Fachämter für Denkmalpflege qua Gesetz zuständig für die Beratung bei allen Fragen des Denkmalerhalts, also wenn es um Unterschutzstellung oder die Erlaubnis von Maßnahmen an Denkmälern geht. Hier existiert seit Jahrzehnten eine Aufgabenteilung: Die LVs statten die Ämter aus, das Land gibt Fördergeld für die Maßnahmen Dritter. »Wenn sich jetzt einer dieser Partner aus diesem System zurückzieht«, sagt Dr. Andrea Pufke, Leiterin des Amtes für Denkmalpflege im Rheinland, »dann kommt ein Ungleichgewicht zustande.« K.WEST: Frau Pufke, was bedeuten die fortgesetzten Kürzungen des Landesetats Denkmalschutz für die Arbeit des LVR? PUFKE: Es wird uns wohl immer weniger gelingen, größere Projekte auf den Weg zu bringen, z.B. gefährdete Denkmäler zu erhalten, die einer umfangreichen Instandsetzung bedürfen. In der Vergangenheit ist uns dies deswegen gelungen, weil wir mit Zuschussmitteln des Landes auch einem Privateigentümer helfen konnten, die Erhaltung eines solchen Denkmals im öffentlichen Interesse – um das es ja immer geht – auf sich zu nehmen. Bislang hatten wir bei der Denkmalförderung zwei große Fördermöglichkeiten: Es gab die Zuschussförderung, die sich in den letzten Jahren im fünfstelligen Bereich bewegte, und 20.000 bis 30.000 Euro sind bei einer Gesamtmaßnahme von 200.000 bis 400.000 Euro eher wenig, dafür aber hilfreich. Denn mit Hilfe dieser Landeszuschüsse war es dann möglich, weitere Förderer zu gewinnen, wie die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Diese Kofinanzierungsmodelle werden uns nun möglicherweise wegbrechen. Wir haben jetzt schon eine erste Absage von Bundesfördermitteln aus dem Programm »National wertvolle Kulturdenkmäler«, weil die erforderliche Kofinanzierung des Landes fehlt. Das ist Geld, das NRW verlorengeht! Ein weiterer wesentlicher Förderzweig waren die Pauschalzuweisungen. Diese Fördermittel, die vom Land für den Denkmalschutz an


K.WEST 09/2013 | 13 die Kommunen gingen, waren segensreicher, als man denkt. Hier haben sogar Beträge von vielleicht 1.000 Euro für kleine Instandsetzungs- und Reparaturmaßnahmen oft ein Vielfaches an privaten Leistungen generiert. Außerdem haben die Eigentümer dies als eine Form der Wertschätzung empfunden. K.WEST: Als Kompensation soll es zinsgünstige Darlehen geben. Eine gute Idee? PUFKE: Der normale Denkmaleigentümer, der sein geerbtes oder gekauftes Denkmal zur eigenen Nutzung in Stand setzen will, hat wenig von dem Darlehensmodell. Vielleicht wird er schon durch die Bonitätsprüfung fallen. Hier sorgten die Landeszuschüsse vielfach auch erst für die Kreditwürdigkeit von Denkmaleigentümern. Außerdem ist für ihn im Darlehensprogramm eine Maximal-Förderhöhe von 80.000 Euro festgelegt, so dass er bei einer Gesamtmaßnahme von vielleicht 400.000 Euro oder mehr ohnehin einen Zusatzkredit braucht. Oder nehmen Sie einen Heimatverein, der durch Manpower und Bares sehr viel investiert hat in ein Objekt, das ihm nicht gehört – warum sollte der einen Kredit aufnehmen und wie zurückzahlen? Der Bereich der privaten Förderung scheint mir nicht wirklich durchdacht zu sein. Interessant ist das Modell eher für Investoren! K.WEST: Wenn es weniger Denkmal-Instandhaltung gibt, wird dann auch das Bauhandwerk leiden? PUFKE: Erhebungen besagen, dass ein Euro Förderung im Denkmalschutz bis zu zehn Euro Investitionen auslösen kann. Oder übertragen auf die steuerliche Abschreibung von Denkmalmaßnahmen, dass ein Euro Steuermindereinnahme bis zu 15 Euro Steuermehreinnahme durch Gewerbesteuer, Umsatzsteuer usw. auslöst. Außerdem hat es Jahre gebraucht, um Handwerker zu qualifizieren mit Ausbildungszentren wie der Akademie des Handwerks auf Schloss Raesfeld. Man wird sehen, ob diese spezialisierten Firmen auf Dauer mit verminderter Auftragslage überleben können. Vor diesem Hintergrund verstehe ich nicht, warum man ein in sich funktionierendes, im Grunde sich selbst finanzierendes System nicht fortsetzt. Daran hängen ja auch Ausbildungsplätze! Der Architekt Arns bestätigt die Sorgen der Fachleute, dass ein ausbalanciertes System demnächst zum Erliegen kommen könnte. In seinem Wohnort Freudenberg gab es immer eine »Schiefergeldkasse«, erzählt er, Mittel aus den Pauschalzuweisungen des Landes an Kommunen. Bei einem Fachwerkhaus, sagt Arns, sei nämlich der Unterhaltungsaufwand hoch: »Da müssen alle sechs Jahre die Gefache und die Hölzer gestrichen werden, das sind Kosten von 15- bis 20.000 Euro.« Arns ist überzeugt, dass so mancher dies ohne eine kleine Anschubfinanzierung aus diesem demnächst leeren Topf nun unterlässt. Mit Folgen. Auch Guido Rohn sagt: »Einen Kredit in der Höhe der damaligen Förderung hätten wir nie aufnehmen können.« Ironie der Geschichte: Am 8. September feiert der Tag des Offenen Denkmals sein 20-jähriges Jubiläum. Motto: »Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?«

Eine der Wohltaten kleiner Denkmalförderung: restaurierter Blutturm in Neuss aus dem 13. Jahrhundert. Foto: Käthe & Bernd Limburg

Über 1000 kreative Zeitgenossen stellen aus, laden ein oder lassen sich über die Schultern gucken. Tolles Restaurant mittendrin und Feiern mitten im Künstlerdorf. 6,50€ Eintritt inkl. beliebig viel Tee, Milchkaffee, Limo, Cola, Espresso,...

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Grün ist die Hoffnung: Stefan Bachmann und sein Referent Daniel Veldhoen pflanzen Schößlinge. Foto: Sandra Then

BACHMANNS BIO-MASSE INTERVIEW: ANDREAS WILINK

Die eine Sonnenblume auf dem Fensterbrett tut not in dem trostlosen Büroraum auf Kölns Gürzenich-Straße inmitten der Fußgängerzone; dazu ein historisches Plakat vom Carlswerk, dem ehemaligen Industriegelände in KölnMülheim, wohin das Schauspiel während der Sanierung des Stammhauses am Offenplatz zieht; auf Stefan Bachmanns Schreibtisch liegt seine derzeitige »Bibel«, in Weiß gebunden:

»Der Streik«, Roman von Any Rand. Als wir uns treffen, steht das Team kurz vor dem Umzug in das von der City entfernte, räumlich großzügig gestaltete »Depot« mit zwei separaten Spielstätten. Draußen vor der Tür dient die Anlage eines Offenen Gartens der Begrünung und pflanzt programmatisch einen Sämling für bürgerschaftliches Wachstum im urbanen melting pot Mülheim.


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K.WEST: Herr Bachmann, haben Sie einen grünen Daumen? BACHMANN: Ich weiß nicht, ob ich einen habe, meine Frau hat einen, auf jeden Fall. Bei dem Garten-Projekt arbeiten wir mit den »Prinzessinnen-Gärten« in Berlin zusammen, europaweit das Vorzeige-Urban-GardeningProjekt, die uns einiges an Know-how zur Verfügung gestellt haben. Es geht ja nicht nur um das Pflanzen an sich, sondern um eine soziale Komponente. Die erblassen vor Neid, wie gut uns das gleich anfangs gelungen ist. Aus der Mülheimer Nachbarschaft bildeten sich sehr schnell Kerntruppen, die mithelfen. K.WEST: Leisten Sie damit dem Stadtteil indirekt Aufbauhilfe? BACHMANN: Das wäre zu kolonialistisch formuliert. Lieber würde ich behutsamer sagen: Es ist ein Angebot zur zwanglosen Begegnung. Indem wir als Schauspiel eine Art Satellit in einem Bezirk bilden, der entfernt liegt vom Theater, räumlich wie vom Interesse her, haben wir die Chance, etwas zu verändern. Mit dem Garten schaffen wir eine Plattform und kommen mit der direkten, extrem multikulturellen Nachbarschaft zusammen. Mein Frau, Melanie Kretschmann, die das Projekt leitet, und Thomas Laue als Dramaturg hatten sich beispielsweise früh mit den sogenannten Stadtteilmüttern getroffen, 35 teils sehr akademisch gebildete Frauen mit Wurzeln in der ganzen Welt, die ihr Zentrum an der Keupstraße in Mülheim haben und unterschiedliche Communities repräsentieren. Der Garten stieß auf Begeisterung. Daraus abgeleitet, haben wir den Arbeitstitel »Alles Bio« gefunden, was nichts mit biologischem Anbau zu tun hat, das ist sowieso klar, sondern mit Biografie. Nicht nur Menschen, auch Pflanzen haben eine Biografie. Bei der Aktion, uns Keimlinge für den Garten zu bringen, kam ein pensionierter, aus Anatolien eingewanderter Arbeiter aus dem Carlswerk, das Kabel gefertigt hat, die u.a. ermöglichten, die Europa und Asien verbindende Brücke über den Bosporus zu bauen. Er brachte auch einen Weinstock mit, den er bei uns eingepflanzt hat. Das hat doch eine ungemeine Poesie. K.WEST: Im Carlswerk, das jetzt das »Depot« des Kölner Schauspiels beherbergt, wurden einst Kabel für Amerika gefertigt. BACHMANN: Dort wurde das erste Telekommunikationskabel produziert, das Mitte des letzten Jahrhunderts unterseeisch zwischen Deutschland und Nordamerika verlegt worden ist. Wir werden uns in einem Projekt mit der Geschichte vom Carlswerk beschäftigen. K.WEST: Auch Ihr Spielplan bewegt sich gewissermaßen zwischen Köln und Amerika, mit Kafka etwa und mit Ihrer Adaption des Romans von Any Rands »Der Streik«. BACHMANN: Wir streifen mit Andrej Tarkowski auch Russland; aber klar, es ist schon so, dass wir den Spielplan intensiv entwickelten, als wir wussten, an welcher Spielstätte wir sein würden. Das heißt: Wir folgen mit unserer Fantasie dem Kabel, das wie ein Netzwerk um die Welt gespannt wurde.

25 J a h r e a a lto -t h e at e r

S p i e l z e i t 2 0 1 3 | 2 0 14 premieren oper Macbeth Verdi, 19.10.2013 Werther Massenet, 30.11.2013 La Straniera Bellini, 2.3.2014 Ariodante Händel, 19.4.2014 Jenůfa Janáček, 24.5.2014 premieren Ballett Cinderella Celis, 2.11.2013 Giselle Dawson, 29.3.2014 W i e d e r au f n a h m e n o p e r Tristan und Isolde | La Bohème Die Zauberflöte | Fidelio | La Traviata L’elisir d’amore (Der Liebestrank) Der fliegende Holländer | Eugen Onegin Ariadne auf Naxos | Le nozze di Figaro (Figaros Hochzeit) | Carmen | Don Giovanni | Madama Butterfly W i e d e r au f n a h m e n B a l l e t t Ein Sommernachtstraum | Tanzhommage an Queen | La vie en rose | Max und Moritz Intendant Hein Mulders Generalmusikdirektor Tomáš Netopil Ballettintendant Ben Van Cauwenbergh

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»Leise, kühn und abenteuerlustig«: Stefan Bachmann. Foto: Sandra Then

K.WEST: Um beim Garten als Metapher zu bleiben, was für Blütenträume hegen Sie? Oder weniger floral gesagt: Wie soll sich Ihr Kölner Schauspielhaus nach zwei Jahren positioniert haben? BACHMANN: Wesentlich für mich war, Verbindlichkeit herzustellen. Es wäre leicht gewesen, die großen Namen zu versammeln. Wichtiger war mir, Leute zu finden, die sich eine größere Kontinuität vorstellen konnten. Angefangen beim Ensemble. Es ist nicht mehr so üblich, Schauspieler unter Vertrag zu nehmen – ohne Sonderkonditionen. Das Gastieren an mehreren Orten führt dazu, dass sich Häuser einer bestimmten Kategorie ähneln. Stadttheater muss tiefer – Garten-Metaphorik! – verwurzelt sein, als es mittlerweile Usus ist. Es sollte ein sehr spezifisches Profil entstehen. Im nächsten Schritt hieß das, wir möchten auch Regisseure gewinnen, die sich dezidiert zu diesem Ort bekennen. Wir ziehen mit vier Haus-Regisseuren ins Rennen, von denen zwei in der Spielzeit jeweils drei Inszenierungen machen, die anderen beiden je zwei. Zusammen nahezu die Hälfte der 21 Premieren. Sie wohnen hier, prägen stilistisch das Haus und sind drum herum auch zu haben, etwa um parallel Veranstaltungen zu bestreiten. Das Gewächs Schauspiel Köln soll eine eigene Züchtung werden. K.WEST: Ich frage nach zwei speziellen Züchtungen: Gregor Schneider macht in der Halle Kalk eine Installation. Wie das? BACHMANN: Er ist ein Mitbringsel von meiner Weltreise. Ich habe »haus ur« in Los Angeles gesehen. Und ihn getroffen, als er zufällig in seiner Ausstellung einen Vor-

trag hielt. So entstand ein Kontakt, der nie mehr abriss. Da lag die Möglichkeit einer Zusammenarbeit nahe. Zudem macht er eine sehr theatrale Kunst. K.WEST: Peter Kern gestaltet mittwochs bis samstags eine Show, die ich mir wie eine Performance von Schlingensief vorstelle. BACHMANN: Peter Kern ist für mich in seiner rigorosen künstlerischen Positionierung jemand, den wir in unserem Bedürfnis, Einigkeit herzustellen, vermissen würden. Einer, der produktiv stänkert. Die gute alte Fassbinder-Schule, Streit zu suchen, zu brauchen, zu provozieren. Jemand, der das Leben zur Kunst und die Kunst zum Leben erklärt. Ein Zeuge aus einer anderen Zeit, ein Gesamtkunstwerk in seinem unermüdlichen Produktions-Drang. Kern markiert eine Farbe, die ich toll finde, ohne vorhersehen zu können, was wirklich an seinen Abenden passieren wird. K.WEST: Ich komme auf die Regisseure zurück. Der Regie-Tourismus hat doch zwei Seiten. Man wird missmutig, wenn man an mehreren führenden Theatern die stets gleichen Namen liest und sieht. Andererseits gibt es gute Gründe dafür. Diese Theatermacher-Stars stehen für – wenn auch nicht immer – künstlerische Qualität und ästhetische Originalität. Diesen Unmut haben Sie mit ihren Regisseuren mehr oder weniger ganz vermieden. Fehlt da nicht etwas im Angebot? BACHMANN: Darüber unterhalten wir uns in zwei Jahren. Man kann nicht im Voraus sagen, dass etwas fehlt. Wir sind prima aufgestellt. Nicht immer ist das Bekannteste das Beste. Ich wollte nicht auf das Bewährte zurück-


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greifen, sondern Eigenes kreieren. Das mag mit Risiko verbunden sind. Ist aber auch mein Auftrag. Ich bin guten Mutes. Die Who-is-Who-Liste abzutelefonieren, wäre ein Leichtes gewesen. Ich habe nichts gegen diejenigen, die diese Liste anführen, gewiss auch großenteils berechtigt. Es sind Regisseure, die bei mir in Basel gewesen sind, in ihren Anfängen: Stemann, Pucher, Nübling, Thalheimer, Kriegenburg, Barbara Frey. Und ich habe noch ein paar Wichtige vergessen. Sie haben das Klima in Basel als besonders produktiv und kreativ erlebt. Jetzt schwirren sie umher und sind Stars mit entsprechenden Ansprüchen und der dazu gehörenden Unverbindlichkeit. K.WEST: Ihre Saison bietet 21 Premieren. Können Sie sich das leisten? Sie müssen gut verhandelt haben. BACHMANN: Ja. Ich habe gut verhandelt. Ich habe nicht bessere Bedingungen als Karin Beier ausgehandelt, vielmehr dieselben, wobei bereits offen war, ob das überhaupt gehen würde. In meinem Vertrag ist sehr klar definiert, wie hoch mein Zuschuss ist. Das war sehr wichtig angesichts der Situation zwischen Schauspiel und Oper und dem intern Chaotischen der Bühnen Köln. Ein Gutteil meiner Arbeit in den letzten zwei Jahren war, eine Konsolidierung hinzukriegen zusammen mit meinen Partnern. Im Moment wächst das Vertrauen wieder. Das macht vieles möglich. Vor einem Jahr sah das noch höchst unübersichtlich

aus. Insofern ein Etappenerfolg. Aber der Prozess ist nie abgeschlossen. Ich habe jedenfalls ein ganz gutes Gefühl. K.WEST: Was verbindet Sie mit Köln? BACHMANN: Erst mal wenig. Familiär und auch sonst. Irgendwo gab es eine Großtante, die aus Köln stammt; und eine Oma roch nach Kölnisch Wasser. Ich kannte Köln vom Bahnhof aus, mal ein Besuch im Museum Ludwig und den Dom besichtigen. Das war’s schon. Aber ich spreche von Vergangenem. Ich bin jetzt seit zwei Jahren hier zugange. Seit März wohnen wir hier fest. K.WEST: Ein ketzerischer Gedanke: Wären Sie für das Düsseldorfer Schauspielhaus womöglich der bessere Kandidat gewesen, wenn die Position des Intendanten frühzeitig frei geworden wäre? Basel ähnelt in seiner bequemen Bürgerlichkeit Düsseldorf eher als Köln. BACHMANN: Ich habe dreimal in Düsseldorf gearbeitet. Ich sehe das komplett konträr. Ich hätte Düsseldorf um keinen Preis gemacht. Es ist eine Todesfalle. Das weiß man auch, in vielerlei Hinsicht ließe sich das genauer erörtern. Aber ich möchte nicht bashen. Ich hätte sogar ein Konzept für Düsseldorf. Aber ein Konzept, bei dem ich mich komplett verbiegen müsste. Das wäre ein zynischer Ansatz. Punkt. Von der Lebendigkeit und vom Klima her, von dem, was Theater auslösen kann, ist Köln unvergleichlich spannender. Die Alternative wäre nicht in Frage ge-

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kommen. Die Bürgerlichkeit ist nicht das Signifikante für mich. Klar, ich komme aus der behüteten Schweiz, habe mich aber auch bald mit meinem Leben von der Schweiz entfernt. Wenn wir das Programm von Basel in Köln gemacht hätten, hätten wir es vor Ort einfacher gehabt. Ich wüsste keine Stadt, wo ich es lieber machen würde, als in Köln. K.WEST: Gibt es einen Bachmann-Stil, so wie man Stemann, Thalheimer, seit ihrer Kölner Zeit auch Karin Beier erkennt? Wenn ich mir Jelineks »Winterreise« in Wien, Ihren »Parasit« in Mannheim, die »Maria Stuart« in Düsseldorf oder »Die Genesis« in Zürich anschaue, finde ich keinen Nukleus. BACHMANN: Das schmeichelt mir. So war mein Bestreben von Anfang an. Mein Konzept ist, keines zu haben. Das entspricht meiner Grund-Lust und Grund-Neugier, sich neu zu erfinden, einzutauchen in Stoffe und aus Stücken heraus eine Form zu entwickeln. Wobei die Arbeitsweise gar nicht so unterschiedlich ist. Nur die Gestalt kann sich sehr unterscheiden. Unbescheiden gesagt: Vielleicht gibt es die Hybris in mir, alles können zu wollen. K.WEST: Im Vorwort zum Programmbuch schreiben Sie über den Intendanten, also über sich, er sei »leise, kühn und abenteuerlustig«. BACHMANN: Ich habe nicht »Ich« geschrieben, sondern »Er« – in der dritten Person. K.WEST: Aber dieser »Er« unterhält Beziehungen zu Stefan Bachmann. BACHMANN: Es ist eine Figur. Aber mit Ähnlichkeiten. Vorworte kommen oft dröge daher, da wollte ich mit einer Fiktionalisierung arbeiten. Natürlich bin ich das.

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K.WEST: Zum Abenteuerlichen gehört auch die von Ihnen genommene Auszeit, als Sie en famille durch die Welt reisten. Was hat Sie dazu motiviert, was haben Sie davon mitgebracht? Der Aufbruch bot beinahe eine Parallele zu Paul Claudels »Der Seidene Schuh«, den Sie in Basel und für Mortiers Ruhr-Triennale inszeniert haben. BACHMANN: Das war eine schöne Koinzidenz. Damals dachte ich, dass für mich alles sehr schnell gegangen ist. Mit Anfang dreißig jüngster Schauspieldirektor im deutschsprachigen Raum und sehr erfolgreich. Ich habe das als ungemein auszehrend erlebt, war dem zu der Zeit noch viel unmittelbarer ausgesetzt. Ich konnte bei den Regie-Papas beobachten, die Mitte vierzig waren – wie jetzt ich, dass sie etwas Abgebrühtes, Zynisches, Lustloses, Erstarrtes hatten. So ein toller Beruf, und dann geht es nur noch um Status, Macht, Eitelkeit. So wollte ich nicht werden. Der Wunschgedanke war, eine Pause einzulegen. Der wesentliche Faktor war meine Frau Melanie Kretschmann, die ich in Basel kennengelernt hatte, die von einer ähnlichen oder noch größeren Abenteuerlust durchdrungen war. Mit ihr ließ sich diese Fantasie verwirklichen. Dazu kam dann noch ein Kind, was meine Frau überhaupt nicht hinderte. Sie war da total optimistisch. Das Ganze war nicht befristet. Nichts war geplant. Die Stationen haben sich auf dem Weg ergeben, auch die Dauer war nicht festgelegt. Es hätte womöglich noch länger gedauert, wenn sich nicht Zwillinge angekündigt hätten. Die Biografie sollte noch mal auf den Prüfstand gestellt werden.

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K:WEST: Und nach der Rückkehr …? BACHMANN: Man könnte sagen, die Erfahrungen, die so vielfältig und nicht auf einen Begriff zu bringen sind, haben sich in den Zellen eingelagert. Ich bin nicht mit der einen leuchtenden Idee zurückgekommen. Im Gegenteil. Ich wusste überhaupt nicht mehr, wie es geht. Das hat mich Jahre gekostet. Ich bin durch Schmerzhaftes hindurchgegangen. Übrigens auch als Gastregisseur, der wieder tingelte. Das waren noch einmal Lehrjahre. Die Konsequenz ist, dass mir seit etwa vier Jahren die Theaterarbeit so viel Spaß macht wie nie zuvor. K:WEST: Ich vermute, dass »Der Streik« eines der Bücher ist, die Sie auf der Weltreise gelesen haben. BACHMANN: Ja. Ich bin durch den Film »Der Mann mit dem Dynamit« mit Gary Cooper darauf gestoßen, einem Film noir-Melodram über Architekten, in dem das Mittelmäßige gegen das Geniale antritt. Die Story fand ich strange. Es ist das erste Buch von Any Rand, einer vor dem Stalinismus geflohenen russischen Jüdin. Ihr Hauptwerk ist »Der Streik« von 1957 – das hat mich in seiner Unerbittlichkeit nicht mehr losgelassen. In den USA ist der Roman Schullektüre, jeder kennt ihn, aber er wird dort viel weniger ideologisch rezipiert, von der Tea-Party bis WikiLeaks und Silicon Valley. Die Rechte waren lange nicht erhältlich, und an den Theatern hat man meinen Vorschlag weggelächelt. »Der Streik« sollte mit Brad Pitt und Angelina Jolie verfilmt werden. Jetzt ist ein TV-Mehrteiler entstanden – sehr schlecht übrigens. Das Buch sehe ich im Zusammenhang meiner Beschäftigung mit Utopien. Es hat etwas ähnlich Abwegiges wie Claudels katholisches Uni-

versum, wenngleich auf anderem literarischen Niveau. Es geht um Utopie und Freiheit unter radikalsten Prämissen, die diametral unseren Überzeugungen entgegenstehen. K.WEST: Rigorismus des kapitalistischen Systems: also Ungebundenheit, individuelle Freiheit contra staatlichen Eingriff. BACHMANN: Es ist das große Plädoyer für den freiest möglichen Kapitalismus, anknüpfend an den GründungsMythos – ich mag ja sehr populäre Mythen – und gespeist von der McCarthy-Paranoia gegen die Kommunisten. Eine Vision, die jetzt von den Rechtsaußen in den USA okkupiert wurde. Das ist aber nicht allein richtig, Natürlich ist es ein Buch aus dem Giftschrank. Aber doch eine unglaublich interessante Auseinandersetzung mit Lebenshaltungen. K.WEST: Wenn es nur negativ wäre, würde es Sie vermutlich auch nicht anpacken. BACHMANN: Ich könnte es dann nicht machen. Ich habe große Lust, diesem ungewohnten Denken affirmativ zu begegnen, mich da rein zu fühlen, mit dem Stoff spielerisch ein ungewohntes Gedankengebäude zu erkunden. Außerdem ist das Buch gerade wieder hochaktuell. Der krakenartige Staat, der sich bis in die intimsten Bereiche seiner Bürger hineinwindet. Ist das nun Schutz oder Übergriff? Und das Konzept des Egoismus berührt, auch wenn viele schreien werden. Die Doktrin des Buches behauptet: Altruismus ist des Teufels, weil er fatale Abhängigkeiten schafft, im Gegenteil, mein Handeln muss selbstbezogen sein, ich muss etwas davon haben, sonst gibt es keine Motivation, etwas zu tun. Das wird nicht nur ökonomisch durchgespielt, sondern gilt auch für die Liebe.

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Einer, der produktiv stänkert: Peter Kern. Foto: Oliver Abraham

K.WEST: Ihr Programm würde mit dem Überbegriff »soziale Exkursionen« zu kurz greifen, es betrifft noch andere existentielle Bereiche, dabei im Radius von Welt und Köln. Ein Drittel behandelt Kölner Affären. BACHMANN: Das wurde uns sozusagen vom Ort diktiert. Wobei wir nicht ankommen und den Bewohnern ihre Stadt erklären wollten. Das wäre eine arrogante Attitüde. Wir betreiben Recherche: Wo sind wir hier gelandet? Das kann auch für die interessant sein, die ihre Stadt kennen oder zu kennen glauben. Das reicht von Kippenberger und dem Thema, wie positioniert sich Köln als Kunststadt und verhält sich dazu, diesen Status auch verloren zu haben, bis hin zu dem Attentat an der Keupstraße, das fast nur türkische Einwohner traf und mit feinem Unterschied Attentat an der Keupstraße heißt und nicht Attentat in Köln. Wäre das am Offenbachplatz passiert, hätte es vermutlich anders geheißen. Wie sieht es also wirklich aus mit der Eingemeindung, auch wenn in Köln Integration weitgehend gut funktioniert? Die Städte werden multikultureller sein, es wird studierte, gebildete, kulturell interessierte Menschen geben, die man sozusagen im kulturellen Angebot eingemeinden muss, auch ins Theater. Man kann nicht mehr auf dem

reinen Weimarer Stadttheater-Gedanken aufbauen. Wir fragen, welche Bedürfnisse bestehen, wie können wir dem Rechnung tragen? Ohne dass ich mir einbilde, dass wir das unbedingt gewuppt bekommen in der ersten Spielzeit als Erfolgsmeldung. Wir können anfangen – und weitermachen damit.

INFO

Die Eröffnungs-Premieren 2013 im Depot: 27. Sept.: »Der nackte Wahnsinn« von Michael Frayn (Rafael Sanchez) 28. Sept.: Brechts »Der gute Mensch von Sezuan« (Moritz Sostmann) 11. Okt.: »Kippenberger!« (Angela Richter) 12. Okt.: »Der Streik« nach Ayn Rand (Stefan Bachmann) www.schauspiel.koeln.de


1314 Don Carlo

Oper von Giuseppe Verdi Inszenierung: Jens-Daniel Herzog Premiere: 29.09.2013

Anatevka (Fiddler on the Roof)

Musical von Jerry Bock Inszenierung: Johannes Schmid Premiere: 19.10.2013

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg Große romantische Oper von Richard Wagner Inszenierung: Kay Voges Premiere: 01.12.2013

Internationale Ballettgala XVIII und XIX

Termine: 05. | 06.10.2013, 28. | 29.06.2014

Drei Farben: Tanz

Dreiteiliger Ballettabend mit Choreographien von Forsythe, Ekman und Lee Premiere: 09.11.2013

Geschichten aus dem Wiener Wald Ballett von Xin Peng Wang Musik von Johann Strauß (Sohn) und Alban Berg Uraufführung: 22.02.2014

Carmen

Opéra-comique von Georges Bizet Inszenierung: Katharina Thoma Premiere: 01.02.2014

Aschenputtel oder Der Triumph der Güte

fremde_heimat_klänge. Drei Begriffe, viele Möglichkeiten. Von großformatigen Werken, wie der Alpensinfonie bis hin zur Kammermusik.

Wiener Klassik Neujahrskonzert Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens

Die Jahreszeiten

Kammerkonzerte

Die Entführung aus dem Serail

sowie:

Kaffeehauskonzerte, Babykonzerte, Kinderkonzerte, Konzerte für junge Leute, Familienkonzerte

Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart Inszenierung: Jens-Daniel Herzog Premiere: 17.05.2014

„Die ganze Welt ist himmelblau“

Festliche Operetten-Gala Termine: 13.12.2013, 02.02.2014

Der unglaubliche Spotz

Kein Märchen, eine Oper für alle ab 6 Jahren von Mike Svoboda Inszenierung: Ronny Jakubaschk Premiere: 27.10.2013

Das Geheimnis der schwarzen Spinne

Kinderoper von Judith Weir Inszenierung: Alexander Becker Premiere: 02.07.2014

Der Elefantenmensch

Erste Stunde

von Bernard Pomerance Inszenierung: Jörg Buttgereit Premiere: 29.11.2013

Verbrennungen

von Wajdi Mouawad Inszenierung: Liesbeth Coltof Premiere: 30.11.2013

Inszenierung: Claudia Bauer Uraufführung: 15.02.2014

Dramma giocoso von Gioacchino Rossini Inszenierung: Erik Petersen Premiere: 22.03.2014

Szenisches Oratorium von Joseph Haydn Inszenierung: Jens-Daniel Herzog Premiere: 27.04.2014

Ein Lust-Spiel von Klaus Schumacher Inszenierung: Antje Siebers Premiere: 27.09.2013

Ein Märchenmassaker mit Live-Musik

Philharmonische Konzerte

Scharf!

Inszenierung: Andreas Beck Uraufführung: 06.10.2013

REPUBLIK DER WÖLFE

Der Graf von Luxemburg Operette von Franz Lehár Inszenierung: Thomas Enzinger Premiere: 11.01.2014

DRAMA QUEENS

Neue Songs aus der Kantine

Radikal ICH

Jugendclub-Projekt „Theaterpartisanen 16+“ Inszenierung: Sarah Jasinszczak Uraufführung: 15.03.2014

Kassandra

nach Christa Wolf Inszenierung: Lena Biresch Premiere: 04.04.2014

Der nackte Wahnsinn Komödie von Michael Frayn Inszenierung: Peter Jordan, Leonhard Koppelmann Premiere: 05.04.2014

STADT DER ANGST

Ein Lichtraum und sechs Trips ans Ende der Leistungsgesellschaft Inszenierung: M. Lobbes, K. Voges, F. Tiefenbacher, P. Wallfisch u.a. Premieren: 03., 04., 16.05.2014

Klassenzimmerstück von Jörg Menke-Peitzmeyer Inszenierung: Johanna Weißert Premiere: 03.10.2013

Pinocchio

Weihnachtsmärchen von Andreas Gruhn nach Carlo Collodi Inszenierung: Andreas Gruhn Uraufführung: 14.11.2013

First Person Shooter

von Paul Jenkins Inszenierung: Johanna Weißert Deutschsprachige Erstaufführung: 28.02.2014

Feiert, Facebooked, Folgt!

Stück von Holger Schober Jugendclub-Produktion Inszenierung: Isabel Stahl / Christine Köck Premiere: 07.03.2014

Außer Kontrolle: Carmen

Ein Musik-Theaterprojekt mit der Jungen Oper Inszenierung: Brigitta Gillessen Premiere: 28.03.2014

Ein Freund für Löwe Boltan von Erik Schäffler und Uwe Schade Inszenierung: Peter Kirschke Premiere: 09.05.2014

Frau Müller muss weg Stück von Lutz Hübner Inszenierung: Andreas Gruhn Premiere: 30.05.2014

WANDERSCHAFTEN.

roma, rebellen&szenen des urbanen

DAS GOLDENE ZEITALTER

Ein partizipatives Stadtteil-Projekt Inszenierung: Jörg Lukas Matthaei Uraufführungen: ab Frühjahr 2014

von Alexander Kerlin und Kay Voges Inszenierung: Kay Voges Uraufführung: 13.09.2013

Die Hamletmaschine

100 Wege dem Schicksal die Show zu stehlen

Männerhort

Komödie von Kristof Magnusson Inszenierung: Jens Kerbel, Jennifer Whigham Premiere: 21.09.2013

Peer Gynt

von Henrik Ibsen Inszenierung: Kay Voges Premiere: 28.09.2013

Intendant der Oper: Schauspieldirektor: Ballettdirektor: Leiter KJT: Generalmusikdirektor:

Jens-Daniel Herzog Kay Voges Xin Peng Wang Andreas Gruhn Gabriel Feltz

von Heiner Müller Inszenierung: Uwe Schmieder Eingerichtet für den Dortmunder Sprechchor Premiere: 18.05.2014

Karten & Infos 0231 / 50 27 222 Abos & Gruppen 0231 / 50 22 442 www.theaterdo.de


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» ZUHÖREN REICHT NICHT« INTERVIEW: REGINE MÜLLER Ruhrtriennale: Helmut Lachenmann über sein »Mädchen mit den Schwefelhölzern« und Musik mit bewegten Bildern, die Robert Wilson inszeniert.

Autograf von Robert Wilson: Skizze mit Figurine zum »Mädchen mit den Schwefelhölzern«. © Robert Wilson

Eines der drei Musiktheater-Großereignisse der Ruhrtriennale ist die Neuproduktion von Helmut Lachenmanns »Das Mädchen mit den Schwefelhölzern« in der Regie von Bob Wilson. Lachenmanns bisher einzige Oper nach Texten von Hans Christian Andersen, Gudrun Ensslin und Leonardo da Vinci gilt als exemplarisch für die radikale, komplexe Geräusch-Klangsprache des Komponisten wie auch für seine sich bewusst abgrenzende Position vom gut eingespielten Neue-Musik-Betrieb. Das 1997 uraufgeführte Werk wurde bislang nicht häufig nachgespielt, auch wegen der besetzungstechnischen Anforderungen. In der Bochumer Jahrhunderthalle lässt sich ein Raum-Bühnen- und Lichtkonzept erwarten, das Lachenmanns ursprüngliche Idee, Publikum und Ausführende in einem vollständigen Ring einzuschließen, womöglich erstmals konsequent verwirklicht. Ein Gespräch mit dem 1935 geborenen Helmut Lachenmann über ästhetische Gewissheiten und Spielräume. K.WEST: Sie kommen eben von einer Orchesterprobe. Wie bringen Sie sich in die Einstudierung mit ein? LACHENMANN: Es gibt in meiner Musik Spieltechniken, die vielen Musikern nicht vertraut, manchen gar unheimlich sind. Die kann ich am besten selber erklären und – etwa bei Streichern – am Instrument demonstrieren. Das ist meistens die schnellste Art, weiter zu kommen.

K.WEST: Bei der letzten Aufführung des »Mädchens mit den Schwefelhölzern« an der Deutschen Oper Berlin 2012 hörte man von sagenhaften Probenstunden für das Orchester. Sind die Spieltechniken so diffizil? LACHENMANN: Diese Spieltechniken, einmal verstanden, sind im Grunde gar nicht so schwer. Schwer sind allerdings die Wechsel zwischen ihnen, all das zügig hintereinander und genau im Rhythmus auszuführen! Das ist ein Problem genau vorbereiteter Choreografie. K.WEST: Man hat den Eindruck, Sie werden zwangsweise mit diesen Spieltechniken in Zusammenhang gebracht. Dabei waren Sie beileibe nicht der erste Komponist, der von klassischen Spieltechniken abwich … LACHENMANN: Natürlich nicht, es gab schon ungewohnte Spieltechniken u. a. bei Cage oder Kagel, oft sogar wilder und aggressiver. Bei mir ist das fast schon wieder abgeklärtes, unaufdringlich genutztes, gleichsam standardisiertes Repertoire.  K.WEST: Der Untertitel Ihrer Oper lautet: »Musik mit Bildern«. Das evoziert Statisches, von wenig Aktion Belebtes? LACHENMANN: Ich dachte beim Schreiben eher an eine Art von akustisch artikuliertem, quasi meteorologischem  Zustand, dessen Statik ja auch permanenter Verwandlungsdynamik unterworfen ist. Es schneit und der Abend dämmert, später stehen die Sterne am klaren Nachthimmel, die klirrende Kälte wird unerträglich, erzwingt den verbotenen Ver-


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brauch der Schwefelhölzchen usw. Bilder, durchsetzt von Verwandlungen. Ich unterscheide gerne zwischen Musik als Text – wie etwa eine Bach-Fuge eher ein Text ist – und Musik als Situation, etwa der Anfang von Wagners »Rheingold«. Letztere Vorstellung steht meiner kompositorischen Praxis näher: Musik als eine Art zu begehender oder zu beobachtender oder zu entdeckender Landschaft, die sich auf verschiedenen Ebenen wandelt, durch sich verändernde Beleuchtung im Ablauf des Tages oder durch die Jahreszeit. Hören wird zum Beobachten bzw. zu einer Art Abtastprozess eines sich transformierenden Zustands. Das hat auch einen statischen Aspekt, aber nicht nur. Es passiert ja auch etwas – das Anzünden eines Streichholzes oder die vom Mädchen glücklich erlebten Halluzinationen. Vielleicht hätte ich es nennen sollen: »Musik mit bewegten Bildern«. K.WEST: Worin sehen Sie die Aufgabe des Regisseurs? LACHENMANN: Fast alle Regisseure haben zu mir gesagt: Du hast doch schon alles in Deiner Musik komponiert, was bleibt da noch zu tun? Eine gute Frage, denn da fängt die Aufgabe des Regisseurs tatsächlich an. Ich frage mich zum Beispiel, ob die Hauptperson vielleicht gar nicht das kleine Mädchen ist, sondern vielmehr die Hauswand, an der das Mädchen die Schwefelhölzer entzündet, die dabei »durchsichtig wird wie ein Flor«. Aber es gibt viele andere Möglichkeiten, meine Partitur gibt dazu keine bindenden Richtlinien. Und ich lasse mich überraschen.  K.WEST: In die Märchenvorlage haben Sie Texte von Gudrun Ensslin und Leonardo einmontiert. Das muss man allerdings wissen, denn das akustische Verstehen fällt nicht eben leicht. LACHENMANN: Es gibt immer wieder diesen Einwand: Kein Mensch kann den Leonardo-Text verstehen. Beim ersten Mal vielleicht nicht. Aber wer will schon beim ersten »Tristan«-Erlebnis den Text verstanden haben? Der Leonardo-Text wird in Bochum von Angela Winkler gesprochen und zwar in der 2003 revidierten Fassung: Er wird sehr einfach flankiert von fünf breiten Orchesterfermaten, von klingend gefärbter Stille sozusagen. Auch da habe ich die Verstehbarkeit insofern verkompliziert, als nicht einfach ausdrucksvoll deklamiert, sondern der Text zugleich als phonetische Klangwelt begriffen werden soll. So wird aus »Ich« ein gleichsam rhythmisiertes  »I – CH«. Der Hörer erfährt den Text als Folge akustischer Signale, die im Gedächtnis behalten und addiert werden. Oft muss man einige Sekunden warten, bis ein relativ sinnloser Laut sich zu einem sinnvollen Wort ergänzt. Die Stimme wird zum Phoneme gestaltenden Musik-Instrument. Und das Hören zum Entziffern. Zuhören reicht nicht. Das gilt generell für all meine bisher geschriebene Musik,  wie für jede Musik, in der es etwas zu entdecken gibt. Vielleicht ist solcher Versuch einer radikalen Sensibilisierung die eigentliche Botschaft meiner Oper. K.WEST: Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit Robert Wilson aus?   LACHENMANN: Im Gespräch versuche ich möglichst klar zu artikulieren, welche Art von Wahrnehmungs-Situation ich mir vorstelle und – gerade auf dem Weg über eine mich berührende außermusikalische Handlung – wie wichtig mir dabei die darauf reagierende Struktur der Musik ist. Mein Märchen mitsamt seiner gesellschaftspolitischen Dimension soll als Anklage menschlicher Gleichgültigkeit, als Kehrseite bürgerlicher Geborgenheit, als eine Art musikalischer Vor-Wand auf dem Umweg über die Herausforderung unseres Wahrnehmungsvermögens den Betrachter an seine immer wieder neu zu sensibilisierende Geistfähigkeit erinnern. Es gibt für mich keine andere Rechtfertigung für einen kompositorischen, das heißt ästhetisierenden Zugriff auf eine so tief ergreifende Geschichte. K.WEST: Auch die in das Märchen montierten Texte behandeln existentielle Grenzsituationen. Die Musik aber ist von schwebender Zartheit,

sinnlicher Schönheit. Der Kosmos subtilster Geräusche summiert sich zu einer naturhaften Dichte. Einer zweite Natur sozusagen. LACHENMANN: Ich habe die Komposition verstanden als eine Art heiterer, quasi tänzerisch zu musizierender Musik. Vergleichbar dem, wenn Richard Strauss seine »Salome« ein Scherzo mit tödlichem Ausgang nannte. Heiterkeit, weit entfernt von Lustigkeit, als tiefere, nicht wehleidige Form von wie auch immer bewältigter Trauer, Angst, Resignation, Verzweiflung. Dem wachsam Hörenden werden die Gigue, das Siciliano, die Valse, die Polka, die Sarabande, nicht entgehen. K.WEST: In Berlin hat Regisseur David Hermann auf der Bühne konkrete Assoziationsangebote geliefert. Von Bob Wilson weiß man, dass er die Abstraktion, die ritualisierte Geste vorzieht. Was kommt Ihnen mehr entgegen? LACHENMANN: Ich mag nicht das eine gegen das andere ausspielen. Es gibt eine Dialektik, in der beide sehr schematischen Begriffe ineinander aufgehen. Als strukturelle Erfahrung wird alles Konkrete abstrakt – und alles Abstrakte konkret. K.WEST: Sie gelten als streitbar und ihre ästhetische Position polarisiert nach wie vor. LACHENMANN: Meine nicht ganz unleichtfertige Definition aus den 1980er Jahren von Schönheit als Verweigerung von Gewohnheit wird mir heute noch nachgetragen. Man hat das geflissentlich falsch interpretiert als Verweigerung von Genuss, man unterstellt mir eine negative, grundsätzlich verweigernde Grundhaltung. Ich bin aber nicht gegen Schönheit, im Gegenteil! Schönheit als emphatische Erfahrung von Kunst ist für mich untrennbar verknüpft mit dem Abenteuer der Entdeckung und befreienden Erweiterung des eigenen ästhetischen Horizontes und unverzichtbar als Erinnerung daran, dass wir geistfähige Kreaturen sind. Es ist eine Glücks-Erfahrung wie bei einer Bergbesteigung.

Helmut Lachenmann. Foto: Betty Freeman

INFO

»Das Mädchen mit den Schwefelhölzern« Premiere: 14. September 2013; Auff.: 18. bis 22. September 2013; Jahrhunderthalle Bochum www.ruhrtriennale.de


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» Wenn die Stücke erhalten bleiben sollen, ist die Weitergabe an andere Kompanien alternativlos« INTERVIEW: BETTINA TROUWBORST

Pina Bausch: »Nelken«, © Oliver Look


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Er hat ihre saphirblauen Augen – und ihre Künstlerhände. Als Projektleiter baut Salomon Bausch, Sohn der berühmten, vor vier Jahren verstorbenen Choreografin Pina Bausch, ein digitales Archiv für ihr Werk auf. Und er hütet als Vorstand der »Pina Bausch Foundation« ihr künstlerisches Erbe. In diesem Jahr feiert das Tanztheater Wuppertal sein 40-jähriges Jubiläum. Gemeinsam mit dem Land NRW, den Städten Wuppertal und Düsseldorf hat die Kompanie dafür ein Jubiläumsprogramm aufgelegt, das an Pina Bausch erinnern soll: mit Wiederaufnahmen ihrer Stücke, Ausstellungen, Filmen, Konzerten und Workshops. Ein Gespräch mit Salomon Bausch über das, was bleibt von Pina Bausch.

PROGRAMM BIS DEZEMBER 2013 (eine Auswahl)

AUGUST im rahmen der ruhrtriennale

BRUNO BELTRÃO & GRUPO DE RUA SEPTEMBER eine veranstaltung der ruhrtriennale

LA RIBOT im rahmen der ruhrtriennale

MEG STUART / PHILIPP GEHMACHER / VLADIMIR MILLER DAMAGED GOODS & MUMBLING FISH OKTOBER IMPACT13 während impact13

WALID RAAD während impact13

A TWO DOGS COMPANY / KRIS VERDONCK, ALIX EYNAUDI uraufführung während impact13

K.WEST: Waren Sie in Ihrer Kindheit und Jugend viel im Tanztheater? BAUSCH: Ja, natürlich. Klar. K.WEST: Wie groß war das Interesse? BAUSCH: Mit Interesse hatte das erst mal nicht viel zu tun. Das Tanztheater war einfach Teil meines Lebens. Bevor ich in die Schule kam, bin ich häufig mit der Kompanie gereist. K.WEST: Sie haben in Bochum Jura studiert – nüchterne Paragrafen statt schöner Künste. Warum Rechtswissenschaften? BAUSCH: Mein Ziel war, mich im Ausländer- und Asylrecht als Rechtsanwalt zu engagieren. Ich wollte auf diese Weise helfen, etwas gegen diverse Missstände zu unternehmen. K.WEST: Als Ihre Mutter im Juni 2009 starb, hatten Sie gerade mit einer Promotion in öffentlichem Recht an der Universität Bielefeld begonnen. Sie haben Ihre Lebensplanung umgeworfen und im August 2009 die »Pina Bausch Foundation« gegründet. Sie sind der Vorstand. War das eine schwere Entscheidung? BAUSCH: Meine Mutter hatte schon einige Jahre intensiv über die Gründung einer Stiftung nachgedacht. Es lag ihr sehr am Herzen, dass es etwas gibt, das über ihr Leben bzw. über ihre aktive Arbeitsphase hinaus ihr Werk lebendig hält. Darüber hatten wir schon gesprochen, aber es ist leider nicht zur Umsetzung gekommen. Nach ihrem Tod war es für mich eine klare und einfache Entscheidung, die Stiftung zu gründen. Und ich hatte das Gefühl, etwas dazu beitragen zu können, die Stiftung richtig aufzustellen.

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Pina Bausch: »Palermo, Palermo«, © Jochen Viehoff

K.WEST: Auf Ihren Schultern ruhen ein großes Kapitel deutscher Tanzgeschichte und die Zukunft des Tanztheaters Wuppertal. Wie fühlt sich das an? BAUSCH: Zunächst ist es ein großes Glück, wenn man von einem Menschen, der nicht mehr da ist, noch so viel spüren kann. Das ist nicht vielen vergönnt. Deshalb ist es ein Genuss, die Stücke – mit diesen Tänzern – weiterhin auf der Bühne zu sehen. K.WEST: Aber ist es nicht auch eine Herausforderung: das Archiv, die Zukunft des Ensembles ... BAUSCH: Das Tanztheater trifft seine eigenen Entscheidungen, das ist nicht die Aufgabe der Stiftung. Das Interesse der Stiftung ist immer dann berührt, wenn es um die Stücke meiner Mutter geht oder um ihren Namen. K.WEST: Hauptanliegen bleibt das Archiv, Sie sind der Projektleiter von »Pina lädt ein. Ein Archiv als Zukunftswerkstatt«. Eine Herkulesaufgabe. BAUSCH: Das Archiv ist Mittel zum Zweck. Hauptanliegen ist, dass die Arbeit meiner Mutter noch möglichst lange erfahrbar bleibt. Das geschieht am besten auf der Bühne. Die Stücke sollen möglichst lange überleben können. Aber in 20, 30 Jahren wird das auf diese Weise mit diesen Leuten natürlich nicht mehr möglich sein. Deshalb überlegen wir, wie wir alle Informationen zu den Stücken zusammentragen können. Wir digitalisieren 7500 Videos aus 40 Jahren Tanztheater und aus der Zeit davor; Fotos, Presse, Programmhefte, Poster. Wir fotografieren Kostüme und dokumentieren Bühnenbilder und vieles mehr.

K.WEST: Wie gehen Sie vor? BAUSCH: Das Gute ist, dass es das Archiv eigentlich schon gibt. Meine Mutter hat es in den vergangenen 40 Jahren selbst angelegt. Sonst hätten die ganzen Stücke gar nicht wieder aufgenommen werden können. Dieses enorme Repertoire ist sehr ungewöhnlich und unterscheidet das Tanztheater Wuppertal von den meisten anderen Kompanien. Wir haben behutsam geguckt, was da ist, wie es sortiert ist und wie es sich beschreiben lässt. Um dann zu sehen, was fehlt noch, was steckt nur in den Köpfen und Körpern der Beteiligten. K.WEST: Wie überführt man so etwas in ein Archiv? BAUSCH: Das ist sehr viel detaillierte Arbeit, und wir sind noch lange nicht am Ende. Gerade was das Wissen und die Erfahrung der Tänzer angeht, ist da noch viel zu tun. Das hat mit der Dokumentation von Probenprozessen zu tun, mit »Oral History«-Projekten, also mit Interviews über die Stücke usw. K.WEST: Ist das Archiv als Forschungsprojekt anerkannt? BAUSCH: Formal läuft nur ein Teil als Forschungsprojekt, nämlich die Kooperation mit der Hochschule Darmstadt und ihrem sehr breit angelegten, interdisziplinären Fachbereich Media. Dort gibt es etwa Informatiker, Designer, Spiele-Entwickler und Journalisten. Gemeinsam entwickeln wir eine Technologie für eine digitale Datenbasis, in der wir unsere umfangreichen Materialien beschreiben, bewerten und verlinken können. K.WEST: Ein Beispiel? BAUSCH: Sehr verkürzt: Ein Stück wird mit dazugehörigen Aufführungen, Regiebüchern, Kostümen etc. verknüpft. Die


K.WEST 09/2013 | 27 Aufführungen werden dann mit Programmheften, Videos, Fotos oder etwa Tänzern verlinkt. Und so weiter. Dann werden die Sachen inhaltlich beschrieben, vor allem die Videos bewertet. Dafür ist die enge Zusammenarbeit mit dem Tanztheater Wuppertal enorm wichtig. K.WEST: Gibt es schon Erfolgserlebnisse? BAUSCH: Es ist schön zu sehen, wie Informationen zusammenfließen und alles doch nicht so verwirrend ist, wie man manchmal glaubt. Voraussichtlich wird das digitale Pina-Bausch-Archiv einmal 20 Millionen Daten-Verbindungen enthalten. Einen Test mit einer entsprechenden Anzahl simulierter Daten hat die Datenbasis schon erfolgreich bestanden. K.WEST: 2015 steht ein Tabubruch an: Andere Tanzkompanien sollen weltweit Werke Ihrer Mutter einstudieren dürfen. Ist da angesichts der zu erwartenden Nachfrage nicht eine Bausch-Inflation zu befürchten? BAUSCH: Ich weiß nicht, warum Sie das als einen Tabubruch ansehen. Das ist etwas, was meine Mutter auch schon gemacht hat. K.WEST: Aber doch nur in Ausnahmefällen. BAUSCH: Ja, aber auch, weil sie sehr wenig Zeit gehabt hat. So etwas funktioniert auch nicht mit jeder Kompanie und vielleicht auch nicht mit jedem Stück. Die Partner müssen gut passen. Meine Mutter hat zwei Stücke an das Ballett der Pariser Oper gegeben, »Orpheus und Eurydike« und »Le Sacre du Printemps«, die bis heute gespielt werden. Ich glaube, es gibt keine Alternative zur Weitergabe an andere Kompanien, wenn man will, dass die Stücke langfristig erhalten bleiben. K.WEST: Die Produktionen könnten doch weiter in Wuppertal zu sehen sein. BAUSCH: Ja, klar. Es spricht ja auch überhaupt nichts dagegen. Nur: Die Stiftung hat nicht in der Hand, wie lange das Tanztheater Wuppertal – und in welcher Form – noch existiert. Zurzeit steht es außer Frage. Aber ich weiß nicht, was in 20 Jahren ist. Wenn die beteiligten Personen, auch die Theaterleitung, andere sind, gibt es vielleicht andere Schwerpunkte. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass es immer so weiter läuft – auch nicht in dieser Qualität. K.WEST: In der bevorstehenden Jubiläumsspielzeit zum 40-jährigen Bestehen des Tanztheaters Wuppertal sind 120 Veranstaltungen geplant. Dabei fällt die Rekonstruktion des Frühwerks »Wind von West« von 1975 auf – eine internationale Kooperation mit Studenten der Juilliard School in New York, Studierenden der Folkwang Universität und des Folkwang Tanzstudios Essen. Warum New York? BAUSCH: Es sind die beiden Ausbildungsstationen meiner Mutter. Deshalb ist es sehr schön, diese so unterschiedlichen Schulen einmal zusammenzubringen. Das gab es noch nie. K.WEST: Die Tänzer stehen alle gemeinsam auf der Bühne? BAUSCH: Die Studenten werden »Wind von West« unabhängig voneinander in Essen und New York einstudieren. Danach wird es zwei kombinierte Aufführungen geben und in Wuppertal und Essen jeweils eine Vorstellung ausschließlich mit Folkwang-Tänzern. In New York genauso:

P R E M I E R E N 2 0 13 | 2 0 1 4 Macbeth Shakespeare, 28.9.2013 Die Opferung von Gorge Mastromas Kelly, 29.9.2013 Der Prozess Kafka, 18.10.2013 Die neuen Abenteuer des Don Quijote (UA) Ali, 1.11.2013 Anton, das Mäusemusical Pigor / Pigor / Fritsch, 16.11.2013 Tschick Herrndorf, 15.12.2013 Misery Moore / King, 20.12.2013 Der Geizige Molière, 29.12.2013 Die Leiden des jungen Werther Goethe, 23.2.2014 Ein Schaf fürs Leben Matter / Putz, 27.2.2014 Medea Euripides, 28.2.2014 Eine Blume als Gegenwehr (UA) Wachter, 25.4.2014 Manderlay von Trier, 27.4.2014 Anna Karenina Tolstoi / Petras, 20.6.2014 Lucky Happiness Golden Express Haidle, 22.6.2014 Stück auf! Autorentage vom 25. bis 26. April 2014

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Pina Bausch: »Sweet Mambo«, © Oliver Look

Dort gibt es zwei kombinierte Vorstellungen und danach drei, die nur Juilliard tanzt. Eine wichtige Erfahrung für die Studenten und eine schöne Bereicherung für das Stück. K.WEST: Warum eigentlich dieses Stück? BAUSCH: Es ist eines der wenigen, die das Tanztheater nicht im aktiven Repertoire hat, und es schien uns mit den Beteiligten sehr gut machbar zu sein. Damit ist der dreiteilige Strawinsky-Abend »Frühlingsopfer« – bestehend aus »Wind von West«, »Der Zweite Frühling« und »Le Sacre du Printemps« – erstmals seit den 70er Jahren wieder als Ganzes zu erleben. Wenn wir jetzt nicht die Rekonstruktion angegangen wären, hätten wir viele wichtige Informationen, die nur die Beteiligten von damals hatten, unwiederbringlich verloren. Ich denke, dass war ein wichtiger Aspekt für die Förderung durch den Tanzfonds Erbe. K.WEST: Haben Sie »Wind von West« schon einmal gesehen? BAUSCH: Nein, es ist 1979 zum letzten Mal aufgeführt worden. Da gab es mich ja noch nicht – ich bin 1981 geboren. K.WEST: Haben Sie jemals daran gedacht, selber zu tanzen? BAUSCH: Nein, das stand nie im Raum.

Salomon Bausch, Foto: Uwe Schinkel

INFO

PINA 40, vom 5. September 2013 bis 25. Mai 2014 in Wuppertal und Essen. www.pina40.de


H ö H e p u n kte 201 3 | 201 4 Do | 5. September 2013

Sa | 8. März 2014

Mariss Jansons & Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Operngala Anja Harteros So | 16. März 2014

Fr | 8. November 2013

Jazz: Wayne Shorter Quartet So | 10. November 2013

Valery Gergiev & London Symphony Orchestra

Sol Gabetta & Rotterdam Philharmonic Orchestra Sa | 29. März 2014

Juan Diego Flórez

Anne-Sophie Mutter & City of Birmingham Symphony Orchestra

Do | 16. Januar 2014

Sa | 24. Mai 2014

Riccardo Muti & Chicago Symphony Orchestra

Lorin Maazel & Münchner Philharmoniker

Do | 28. November 2013

Tickets T 02 01 81 22-200 www.philharmonie-essen.de

Sol Gabetta


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SIE SIND SO FREI »Designed Desires«, Foto: Claudia Bosse

TEXT: MELANIE SUCHY Das Forum Freies Theater zeigt in Düsseldorf mit seiner Reihe »Public Bodies« Dramaturgien der Entblößung. Entkleidete Menschen auf Theaterbühnen sind ja nichts Neues. Doch viele Zuschauer empfinden die Nackigen immer noch als Provokation, vermuten pseudomodernes Grenzüberschreitungsgehabe oder die Unfähigkeit, Entblößung mit anderen Mitteln darzustellen. Doch kein Regisseur oder Choreograf sagt heutzutage, er wolle mit freigelegten Geschlechtsteilen provozieren. Dafür sind die Herren und Damen Künstler zu gebildet. Sie haben komplexere Gründe und hüllen sich erklärend in die schicken Pelze der Theorien, gesellschaftskritischen und kunsthistorischen Diskurse. Wenn der Diskurs nicht gleich wie ein Mäntelchen mitgeliefert wird, ist ihre Kunst auf der Bühne im doppelten Sinne nackt. Das sichtlich Reduzierte spricht selbst. Immer geht es dabei auch um den Blick des Zuschauers aufs Präsentierte, aufs Präsentieren, Repräsentieren; auf das, was ein Körper als Körper sein kann, soll, will, darf; um Erwartungen, Erfahrungen und Vorbildungen. Die Aufführungsreihe »Public Bodies« im Forum Freies Theater in Düsseldorf widmet sich solchen Fragen und umfasst Werke dreier Künstlerinnen. Im Juni zeigte Keren Levi bereits ihr »Dry Piece«, das hübsche nackte Frauen zu Ornamenten formt, die von einer Live-Kamera aufgenommen und projiziert an alte Busby-Berkeley-Filme erinnern – nur ohne Wasser. Die schöne Ordnung löst sich auf in Fragmente, Splitterbilder, Körperteile. Florentina Holzinger spielt von vornherein mit dem Unperfekten. Ihr Stück »Wellness« kommt im November im FFT heraus. Der Titel deutet schon an, dass etwas nicht gut genug ist. Die 1986 geborene Wienerin hat in Amsterdam Choreografie studiert, gewann bei ImpulsTanz in Wien 2012 einen Preis und tourt schon viel. »Kein Applaus für Scheiße«, das sie zusammen mit ihrem Bühnenpartner Vincent Riebeek entwickelt hat, gastierte im Mai im FFT. Ihnen geht es ums Wohlsein, ums Gut-sein-Wollen. In ihrem Stück »Spirit« waren gebatikte Hippiegewänder und Posen wie von Fotos des frühen, frohen, freien Ausdruckstanzes zu sehen. Und ab und an gab der hochgerutschte Rocksaum rot oder blau gefärbte Schamhaare frei.

»We are just here to please the audience«, plauderte Holzinger in »Kein Applaus« von ihrem Akrobatiktuch herab. Also ist alles Show. Sie vermengen Ernst, Unsinn, Ironie bis zur Unkenntlichkeit. Bedienen sich aus der Kulturgeschichte, entnehmen Gemälden dekadente Posen mit Träubchen, heutiger Sexreklame das Räkeln (der Mann gibt hier die Frau). Zirkus, plumper Tanz, plumpe Dialoge, inbrünstig mitgesungene Popsongs, dazu Masken, Perücken. Ob echt, eigen, authentisch oder zitiert, ist gar nicht das Thema. Sie fressen alles, wie den roten Faden, den sie andächtig kauen und den Florentina Holzinger aus ihrer Vagina zieht wie die Performancekünstlerin Carolee Schneemann 1975 ein Bändel mit Text und feministischem Anspruch. Alles schon mal dagewesen. Nur diese Körper nicht. Viel wuchtiger gehen im September die Mittvierzigerin Claudia Bosse und ihr theatercombinat aus Wien das Körper-Thema an in »Designed Desires«. Zwölf Darsteller lungern und wüten in mehreren Räumen, demonstrieren für Nichts mit weißen Schildern, erzählen von sich, ihren Körpern, und sprechen philosophische Sätze von Plato bis Christoph Menke. Ihre Stimmen tönen zuweilen getrennt von ihnen aus Lautsprechern. Verlust des Privaten: Hier schwingt Kritik an Macht, Markt und Manipulation noch mit. Ein letztes Aufbäumen?

INFO

»Designed Desires« von »theatercombinat« am 27. und 28. September 2013 im Venus & Apoll, Düsseldorf »Wellness« von Florentina Holzinger und Vincent Riebeek am 22. und 23. November 2013 im FFT Juta. www.forum-freies-theater.de


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OPER UND SCHAUSPIEL 1. SEPTEMBER  Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:   Projekt: Kindertheater des Monats   Wackelpeter: Das Kinderkulturfest in Bielefeld Toben – Machen – Lachen! Zum 12. Mal bezaubern Akrobaten, Musiker, Jongleure und internationale Künstler Klein und Groß. Das traditionsreiche Auftrittsnetzwerk »Kindertheater des Monats« des NRW KULTURsekretariats bringt gleich vier Produktionen aus seinem aktuellen Programm auf die Bühnen des außergewöhnlichen Kinderkulturfestivals in Bielefeld: »Punkpanda Peter … und andere harte Kerle!« von Randale, »Schneewittchen« von Mensch, Puppe!, »Der furiose Küchenzirkus« vom Kindertheater Coq Au Vin und »Hänsel und Gretel« vom Lille-Kartofler-Figurentheater. Zum Ende der Sommerferien ist noch mal für alle was dabei – Wackelpeter ist Familientag pur. Ravensberger Park; www.nrw-kultur.de/kindertheaterdemonats. 12. SEPTEMBER  »MONSIEUR CHASSE oder Wie man Hasen jagt«  in Mülheim Nur Lug und Trug. Seiner Frau gegenüber behauptet Monsieur Duchotel, dass er seinen Freund Cassagne auf dem Land besucht, um dort zu jagen. Nur wer bringt schon von der Jagd Pasteten und Sülze mit? So wird Leontine misstrauisch und beschließt, es ihrem Mann heimzuzahlen. Schließlich umwirbt sie dessen bester Freund, der Arzt Moricet, hartnäckig. Nun erklärt sie sich zu einem Treffen in dessen Appartement in der Rue d’Athènes Nr. 40 bereit. Dort trifft auch Duchotel seine Geliebte. Damit nicht genug. Auch Cassagne zieht es an die Adresse. Er vermutet dort seine Gattin, die er der Untreue überführen will. So entwickelt sich der Abend der Seitensprünge und Schäferstündchen zur wilden Hatz, bei der alle ihrem Vergnügen hinterherjagen und vor ihren Lügen ausreißen. Nachdem Roberto Ciulli zuletzt Luigi Pirandello wiederentdeckt hat, wendet er sich nun Georges Feydeau, einem fast Vergessenen des frühen 20. Jahrhunderts, zu. Die doppelbödige Farce ist mehr als eine Posse. Hier offenbaren sich schon Abgründe des Bürgertums, seiner Heuchelei und Doppelmoral. Auff.: 13. & 21. September 2013, Theater an der Ruhr. 12. SEPTEMBER  »OTHELLO«  in Moers »All inclusive«, verkündet das Spielzeit-Motto am Schlosstheater Moers ironisch. Alles und alle sind eingeschlossen, so will es auch die 2006 in einer UN-Konvention formulierte Idee der Inklusion. Doch welchen Preis verlangt eine Gesellschaft dafür, dass sie den einzelnen Anderen, Fremden in ihre Reihen aufnimmt, und wann verstößt sie ihn wieder? Um diese Fragen kreist Ulrich Grebs Annäherung an Shakespeares »Othello«. Die große Eifersuchtstragödie bildet nur die Oberfläche. Unter ihr rumort das bittere wie erbitterte Trauerspiel eines Außenseiters, des schwarzen Mannes, der in den Augen der Gesellschaft zu weit gegangen ist. Als Feldherr hat es Othello zu Ruhm und Ansehen in Venedig gebracht. Die Republik braucht ihn und seine militärischen Fähigkeiten, um sich vor ihren Feinden zu schützen. Doch die heimliche Eheschließung mit Desdemona, Tochter eines einflussreichen Bürgers der Stadt, bringt verdrängte und überspielte Ressentiments ans Licht. Auff.: 15., 19. & 21. September 2013, Schloss.

BÜHNEN-EMPFEHLUNGEN ZUM SAISONAUFTAKT

13. SEPTEMBER  »DAS GOLDENE ZEITALTER«  in Dortmund Kay Voges bleibt seiner Passion treu, verfolgt weiter den Sog der Daten-, Bilder- und Warenströme und schärft das Bewusstsein für Konsumverhalten und den medialen Animationsbetrieb, den er mit dessen eigenen Methoden konfrontiert. »Das Goldene Zeitalter« nimmt das Endlos-Entertainment unseres noch jungen Jahrhunderts ins Visier. Acht Menschen suchen das Glück und finden sich doch nur in den modischen Fesseln der Gegenwart. Eine Frage der Uraufführung lautet: »Ist es unser Schicksal, keine Alternative zu haben? Oder leben wir die Alternative längst und bemerken es nicht?« Die Stückentwicklung, die dem Ensemble die Gelegenheit gibt, die Fließbandunterhaltung darzustellen und ihr gleichzeitig kritisch zu begegnen, verantwortet Schauspieldirektor Kay Voges, unterstützt von seinem Co-Autor, dem Dramaturgen Alexander Kerlin. Auff.: 21. September 2013, Theater. 13. SEPTEMBER  »DER PARASIT«  in Düsseldorf Louis-Benoît Picard schrieb 1797, wenige Jahre nach der Französischen Revolution, das Stück eines Karrieristen und Opportunisten im Dienst eines neu ernannten Ministers. Dieser Selicour windet, häutet sich und charmiert, dass es eine Lust ist. Eine Paraderolle, die sich Michael Maertens aneignete, als Matthias Hartmann den von Schiller übersetzten »Parasit« zu Begin seiner Intendanz in Bochum zeigte, während jüngst Stefan Bachmann für Mannheim/Dresden sein Augenmerk besonders auf die Figur des Selicour-Gegenspielers La Roche richtete, an den sich Torsten Ranft als rosaverfärbter Giftikus verausgabte. In Düsseldorf spielt die Titelfigur Florian Jahr, der bislang kaum durch besondere Geschmeidigkeit und aasiges Wesen aufgefallen wäre. Regie führt Nurkan Erpulat, von dem man erwarten darf, dass er die 200 Jahre alte kostümierte Kabale-Komödie den Problemen der Gegenwart anpasst. Auff.: 15., 17., 20., 27. September 2013, Kleines Haus. 15. SEPTEMBER  »FIDELIO«  in Aachen Ludwig van Beethovens einzige Oper mit ihrer diffizilen Dramaturgie ist nicht leicht zu inszenieren. Leonore, Ehefrau eines politischen Gefangenen, schleicht sich unter dem Namen Fidelio, als Mann verkleidet, in die Familie seines Kerkermeisters ein. Nach dramatischen und auch komischen Verwirrungen gelingt ihr das Unmögliche: Sie befreit den Gatten. Freiheitspathos mit heroischer Musik reibt sich an Passagen leichter Spieloper; die gesprochenen Dialogstrecken können leicht zu Stolperfallen werden. In Aachen macht sich der junge Wiener Regisseur Alexander Charim an die Aufgabe. Er sammelte am Wiener Burgtheater und an der Staatsoper Erfahrungen als Assistent prominenter Regisseure wie Luc Bondy, bevor er seit 2007 selbst frei arbeitet, anfangs vorzugsweise an OffBühnen, inzwischen auch an großen Häusern. Wobei er gerne genreübergreifend zu Werke geht. Das Aachener Sinfonieorchester dirigiert GMD Kazem Abdullah. Auff.: 21. und 28. September 2013, Stadttheater.


Foto aus König Lear

20. SEPTEMBER  »1913«  in Oberhausen Es ist ein Jahr der Umwälzungen und Unsicherheiten, der überwältigenden Liebesgeschichten und absurden Trennungen. Franz Kafka schreibt unzählige Briefe an Felice Bauer. Oskar Kokoschka malt »Die Windsbraut« für Alma Mahler. Strawinskys »Sacre« löst bei der Uraufführung in Paris Tumulte aus. Musil leidet wie Kafka an Neurasthenie, dem Burn Out-Syndrom jener Jahre. Else Lasker Schüler und Gottfried Benn ringen ihrer stürmischen Affäre einige der wundervollsten deutschen Liebesgedichte ab. Die Liste der kulturellen und gesellschaftlichen Ereignisse, die das Jahr 1913 brachte, ließe sich lange fortsetzen. Das verrät schon ein flüchtiger Blick in Florian Illies’ Chronik »1913«. Der rumänische Theatermacher Vlad Massaci adoptiert diese in ironischem Plauderton erzählte Kulturgeschichte als literarisch-musikalische Revue für die Bühne. Ein ziemlich absurdes Unterfangen, doch damit vielleicht genau auf der Höhe jenes unwahrscheinlichen Jahres, kurz vor dem Abgrund. Auff.: 21. & 27. September 2013, Großes Haus. 21. SEPTEMBER  »Die NIBELUNGEN«  in Neuss Friedrich Hebbels »Nibelungen« sind Herausforderung und Wagnis für jedes Theater. Man muss sich dem enormen Ausmaß des überlebensgroßen Trauerspiels stellen und eine Haltung zu dem deutschen Mythos zu finden, den sich die Nationalsozialisten zu eigen machten. Mit der Ankunft Siegfrieds beim Burgunden-König Gunter ist das Schicksal des Drachentöters besiegelt. Er geht in den Intrigen und Machtkämpfen unter. Auf die klassische Tragödie von Liebe, Verrat und Mord folgt das maßlose Untergangsspiel. Am Hofe des Hunnen Etzel nimmt Kriemhild, der nach dem Mord an Siegfried Gerechtigkeit verwehrt blieb, grausige Rache und lässt die Welt in Blut untergehen. Das Rheinische Landestheater folgt Hebbels ursprünglicher Idee, das Trauerspiel in drei Abteilungen an zwei Abenden aufzuführen, und trennt »Siegfried« von »Kriemhilds Rache«. Den ersten Teil inszeniert Esther Hattenbach, den zweiten die Hausherrin Bettina Jahnke. Doppelpremiere am 21. September 2013 im Schauspielhaus; 24., 28. & 30. September 2013 nur »Nibelungen I: Siegfried«.

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AUFFÜHRUNGEN

TAGE

Premieren 2013-2014 ////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////

21. /22. SEPTEMBER  »HAMLET«  in Münster und Aachen In der vergangenen Spielzeit hatte Frank Behnke für seine Schiller»Räuber« Studenten aus Münster als Statisten auf die Bühne geholt. Die aktuelle Welle des Protests gegen Bankenrettungen und Kulturabbau wurde Teil der Inszenierung und die Bande um Karl Moor Teil der Occupy-Bewegung. Nun folgt mit Shakespeares »Hamlet« eine weitere Tragödie der Jugend. Von Schillers stürmenden und drängenden Männern könnte der dänische Prinz kaum weiter entfernt sein. Er reagiert auf die Umwälzungen der Zeit, den Tod seines Vaters und die fixe Hochzeit seiner Mutter mit dem Schwager mit Wut und Furcht. Nicht wissend, was er machen soll. Ein Zerrissener, der verzweifelt versucht, sich einen Reim auf Vergangenheit und Zukunft zu machen, und dem darüber die Gegenwart abhanden kommt. Der weiche, nervös wirkende Florian Steffens, der schon dem von (Selbst)Hass getriebenen Franz Moor manische Intensität verlieh, wird auch den Zauderer und Paranoiker nahe an unsere Wirklichkeit heranholen: Bruder Hamlet. Auch in Aachen beginnt man mit Shakespeares »Amoklauf« verstörter Jugend. Regisseurin ist Christina Rast, den Titelhelden spielt Felix Strüven. Auff.: 27. & 29. September, Münster, Großes Haus. 27. September 2013, Aachen, Theater.

MUSIKTHEATER

Giuseppe Verdi Stiffelio ab 28.9.2013 Otto Nicolai Die lustigen Weiber von Windsor ab 13.10.2013 Richard Wagner Rienzi ab 20.10.2013 Frederick Loewe My Fair Lady ab 17.11.2013 Johann Strauß Die Fledermaus ab 30.11.2013 Pjotr I. Tschaikowsky Mazeppa ab 19.1.2014 Jules Massenet Manon ab 1.3.2014 Franz Lehár Das Land des Lächelns ab 13.4.2014 Wolfgang Amadeus Mozart Don Giovanni ab 10.5.2014

SCHAUSPIEL

Wajdi Mouawad Verbrennungen ab 20.9.2013 Erik Gedeon Ewig jung ab 27.9.2013 William Shakespeare König Lear ab 13.10.2013 Molière Der Menschenfeind ab 27.10.2013 Anton Čechov Der Kirschgarten ab 9.11.2013 Carl Laufs und Wilhelm Jacoby Pension Schöller ab 7.12.2013 Friedrich Dürrenmatt Der Besuch der alten Dame ab 1.2.2014 Robert Wilson und Tom Waits Black Rider ab 2.2.2014 William Shakespeare Romeo und Julia ab 5.4.2014

BALLETT

North / Benstead Carmen ab 5.10.2013 North / Parfenov /Copland Verlorene Kinder (UA) / Bilder aus der Neuen Welt ab 9.2.2014 North / Chopin/ Schubert Lachen und Weinen ab 12.4.2014 North / Orff Carmina Burana ab 13.6.2014

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21. SEPTEMBER  »JALTA«  in Düsseldorf Im Auftrag des Schauspielhauses hat der Schwede Lucas Svensson für seinen Landsmann Staffan Holm einen historischen Polit-Poker geschrieben. Im Februar 1945 treffen sich auf der Krim die baldigen Siegermächtigen Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin. Man kartet in Jalta die künftige Weltordnung aus, markiert Einflusszonen, bespricht die Teilung Deutschlands. Ob das Trio mehr zu Dürrenmatt neigt oder zu anglo-realistischer Dramen-Präsenz, wird sich zeigen. Für ersteres spricht die Besetzung der Großen Drei durch die Ensemble- und Gast-Damen Imogen Kogge, Karin Pfammatter und Stina Ekblad. Auff.: 26., 27., 29. September 2013, Großes Haus. 22. SEPTEMBER  Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:   Projekt: Kindertheater des Monats   »WENN MEIN DACKEL FLÜGEL HÄTTE«  in Recklinghausen Der Autor und Kabarettist, Liedermacher und Geräuscheerfinder, Nonsens-Dichter und Sprachkünstler Erwin Grosche wurde durch seine Geschichten und Lieder für »Die Sendung mit der Maus« bekannt. Er ist der Poet unter den Kinderbuchschriftstellern. Ein Kinderkonzert mit ihm wird zu einem besonderen Erlebnis: Er erzählt vom Badewannenkapitän und von verliebten Zahnbürsten, von Träumen und Tigerstühlen. Er spielt, liest, singt und überrascht Kinder ab sechs Jahren ebenso wie Erwachsene mit Laut- und Leise-Gedichten. Alles ist bunt und rhythmisch. Es wird geklatscht und mitgesungen, geraten und gestaunt … Ruhrfestspielhaus; www.nrw-kultur.de/kindertheaterdesmonats

28. SEPTEMBER  »L’ITALIANA IN ALGERI«  in Gelsenkirchen Gioacchino Rossinis »L’Italiana in Algeri« ist eine der späten Varianten der zumal in der Mozart-Zeit ungemein beliebten, sogenannten Türkenopern: Die schöne Italienerin Isabella steht im Zentrum: Lindoro, ihr Gebieter, ist in Gefangenschaft des Bey Mustafa geraten und muss ihm als Sklave dienen. Die listige Isabella macht sich auf, um den Geliebten zu suchen und schließlich auf emanzipierte Art zu befreien. Die selbstbewusste Italienierin, die der knurrige Mustafa allzu gern gegen die eigene Gattin austauschen würde, bringt Unruhe in den langweiligen Haremsalltag. Mit dem Clash der Kulturen und spielerischem Reiben an Klischees, befeuert von Rossinis quirliger Musik, setzt sich der junge, vielgefragte Regisseur David Hermann auseinander, der bereits an großen Bühnen arbeitete und bald nach der Gelsenkirchener Premiere die neue Ära am Essener Aalto-Theater mit Verdis »Macbeth« beginnen wird. Am Pult steht der erste Kapellmeister Valtteri Rauhalammi. Musiktheater im Revier. 28. SEPTEMBER  »MACBETH«  in Essen Geboren 1943 in Cottbus, geboren 1943 in Schwerin: Jürgen Gosch und Wolfgang Engel sind der gleiche Jahrgang, wurden beide ostdeutsch sozialisiert und haben dem System auf ihre Weise getrotzt: Gosch verließ die DDR und wurde mit seinen immer befreiteren Aufführungen der vielleicht wichtigste Regisseur der 2000er Jahre bis zu seinem Tod 2009. Engel blieb und machte als Intendant gutes Theater in Dresden und wei-

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ter nach der Wende u.a. in Wien, Zürich, Frankfurt am Main – und als Intendant in Leipzig von 1995 bis 2008. Goschs Düsseldorfer »Macbeth« von 2005 war ein epochales Ereignis: sieben nackte Männer im Matsch in einem lustvollen, brutalen, seiner selbst bewussten, virtuos reflektieren Todes-Spiel. Engel inszeniert Shakespeares Drama um den Königsmörder und seine ihn antreibende Frau, die ihrem Macht- und Blutwahn verfallen, nun in Essen. Das schlimme Paar spielen Jens Winterstein und Silvia Weiskopf. Grillo-Theater. 29. SEPTEMBER  VERDIS »DON CARLO«  in Dortmund Es ist Verdis längste und traurigste Oper: »Don Carlo« nach Schillers Trauerspiel. Unlängst dehnte Regie-Titan Peter Stein bei den Salzburger Festspielen das Werk in der ursprünglichen, fünfaktigen Fassung unter Hinzuziehen später gestrichener Passagen auf monströse fünfeinhalb Stunden. Das steht in Dortmund nicht zu befürchten, es wird zum Jubiläum die vieraktige italienische Fassung gegeben, immerhin auch noch mehr als drei Stunden lang. Damit hat das Revier neben dem Gelsenkirchener Musiktheater seinen zweiten »Don Carlo« im Verdi-Jahr. Dort verlegte Regisseur Stephan Märki das Drama in eine zeitlose Gegenwart. Auch vom Dortmunder Intendanten Jens Daniel Herzog ist kaum eine Kostümschlacht à la Stein zu erwarten, um die Geschichte zwischen Staatsräson und Herzensregung, Pflicht und Neigung, Politik, Freundschaft und Liebe zu erzählen. Am Pult steht der neue Generalmusikdirektor Gabriel Feltz. Opernhaus. 29. SEPTEMBER  »WRITTEN ON SKIN«  in Bonn Nach zehn Jahren ging die Ära Klaus Weise am Bonner Theater zu Ende; in einem furiosen Schlussspurt glänzte besonders die Opernsparte noch einmal mit traumhaften Auslastungszahlen und bekam viel Lob. Keine leichte Hypothek für Weises Nachfolger Bernhard Helmich, der auch mit weniger Geld auskommen muss. Doch Helmich geht offensiv – in Koproduktion mit dem Beethovenfest – mit einer fast taufrischen Oper ins Rennen: »Written on Skin« von George Benjamin. Das Werk wurde beim Festival von Aix-en-Provence 2012 uraufgeführt und seither in Amsterdam, Toulouse, Florenz, London und zuletzt in München gezeigt – und erhielt überall hymnische Kritiken. Ungewöhnlich für eine Neue-Musik-Oper, wo doch die meisten Werke meist schnell im Archiv verschwinden. Hoffnungsvolles Signal für Bonn, zumal vermutlich die verdienstvolle Reihe »bonn chance!«, gewidmet dem neuen Musiktheater, nicht fortgeführt werden kann. Hendrik Vestmann dirigiert das Beethovenorchester; die Regie teilen sich Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka; die Sopran-Partie übernimmt die für ihre Norma umjubelte Miriam Clark. Opernhaus.

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Eberhard Havekost: Fast Food 1, B13, 2013. Courtesy Eberhard Havekost und Galerie Gebr. Lehmann Dresden/Berlin. Foto: Werner Lieberknecht

BENUTZEN STATT BETRACHTEN TEXT: STEFANIE STADEL

Ende der 90er kam er groß heraus – als alle Welt auf die neue Malerei aus dem Osten schaute. Der Dresdner Eberhard Havekost hat sich bis heute auf der Höhe halten konnten. Seit drei Jahren lehrt der Shootingstar von einst an der Düsseldorfer Akademie. Die alten Erfolgsrezepte hat er mittlerweile hinter sich gelassen. Das beweist nun auch seine Ausstellung im Museum Küppersmühle in Duisburg.


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Ein rätselhaftes Arrangement: Hier zieht der Pinsel in gestischen Schwüngen durch dicke Farbe, daneben fällt der Blick ins haarscharf gesehene Auge eines Reptils. Gleich doppelt vertreten ist die blonde Locke vor gelbem Grund – vielleicht ein Ausschnitt aus der ShampooWerbung? Noch schwerer zu durchschauen sind drei völlig diffuse Impressionen: Man denkt an ferne Lichter im dichten Nebel, ahnt einen Sonnenuntergang, versucht, im rot-weiß-verschwommenen Gewölk einen Blütenbusch auszumachen. Eberhard Havekost selbst war es, der die zehn Gemälde an der Wand im Museum Küppersmühle gleichsam zusammenstoßen ließ. Zu Ziel und Zweck des Crashs machen allerdings weder Maler noch Museumsleute griffige Aussagen. Man muss sich seinen eigenen Reim auf das widersprüchliche Ensemble dichten – das gilt auch für den Rest der Schau mit rund 100 Arbeiten des 1967 in Dresden geborenen Künstlers, der seit drei Jahren eine Malereiprofessur an der Düsseldorfer Akademie inne hat. Havekost ist nun schon der achte Professor, dem die Küppersmühle in ihrer Reihe »Akademos« eine Bühne bereitet. Und seine selbst durchgeplante Schau gehört sicher zu den schwierigsten, auch zu den überraschendsten. Zumindest für alle, die Havekost aus früheren Jahren kennen. Denn groß heraus kam der gelernte Steinmetz und studierte Künstler Ende der 90er – als die neue Malerei aus dem Osten boomte – mit akribisch gemalten Ausschnitten der Realität: Von der tristen Plattenbaufassade über den vorbei eilenden IC bis zur spiegelnden Sonnenbrille im glatten Frauengesicht. Alles ganz realistisch und natürlich klar zu erkennen. Jene gern gekauften, auf Sammlungen in aller Welt verteilten Werke lässt Havekost in Duisburg aber außen vor. Die hier versammelten Gemälde stammen alle aus den vergangenen fünf, sechs Jahren, in denen sich sein Werk »extrem erweitert« habe, wie er selbst betont. An die Stelle des zweifelsfreien Gegenstands treten vermehrt Rätsel: verschwommene Ausschnitte, verwischte Zitate, wilde Pinselschwünge, bis hin zur reinen Abstraktion. Die Richtung ist schwer auszumachen, doch was Methoden und Ziele angeht, bleibt der Maler sich durchaus treu. Immer wieder ging und geht es ihm darum, wo und wie wir heute Dinge visuell wahrnehmen. Wesentliches Medium der Vermittlung ist inzwischen fraglos der vom Künstler wiederholt gemalte, auch in der Duisburger Schau großformatig vertretene Monitor. In Havekosts Werk hat der Apparat seinen festen Platz. Als Bildgegenstand – und noch vielmehr als Arbeitsinstrument. Denn wie einst die Balkone, Fassaden, Schnellzüge, so nehmen auch seine aktuellen Gemälde ihren Weg über das flimmernde Ding: Havekost scannt selbstgemachte oder vorgefundene Fotos ein, die er am Bildschirm bearbeitet, ausdruckt und schließlich malerisch umsetzt – ganz herkömmlich aus der Hand mit Pinsel und Ölfarbe auf Leinwand. Das braune Bein aus der H & M-Werbung, ein dicker Brocken Mondgestein, die Innenseite der Autotür, ein Stück Würfelzucker – alle haben sie den doch recht langwierigen Prozess durchlaufen. Auch der bis zur Unkenntlichkeit vernebelte Sonnenuntergang und jene Baumstämme, die aus nächster Nähe, wie durch ein Wasserglas gesehen und grell verfremdet, kaum mehr zu identifizieren sind. Seit wenigen Jahren erst testet Havekost die gesamte Skala der Wiedererkennbarkeit aus, treibt seine digitale »Entschlackung«, Verdichtung, Montage und die anschließende malerische Interpretation dabei über die Grenzen der Abstraktion hinaus. Ein Begriff, den der Maler selbst wahrscheinlich kaum mehr in den Mund nimmt – zumindest, wenn es um seine eigene Arbeit geht. Denn der für das 20. Jahrhundert noch wesentliche, allgegenwärtige Gegensatz zwischen Figuration und Ge-

Eberhard Havekost: Flatscreen, B12, 2012. Courtesy Eberhard Havekost, White Cube, London und Galerie Gebr. Lehmann Dresden/Berlin. Foto: Werner Lieberknecht

genstandlosigkeit, bei Havekost scheint er verschwunden, oder besser, überwunden. Was den Maler vielmehr interessiert, ist das Spannungsfeld zwischen Realität und Reproduktion. Havekost malt Bilder nach Bildern nach Bildern, die am Ende vor allem eines bezeugen: Dass die Wirklichkeit visuell nur schwer fassbar und noch schwerer darstellbar ist. Das wird wohl auch der Grund dafür sein, dass er seine Bilder gerne »Benutzeroberflächen« nennt – sie geben nicht die Wahrheit wieder. Im Gegenteil: Mit jedem weiteren Abbild vom Abbild rücken die Tatsachen in zunehmende Ferne, so Havekosts Botschaft. In seinem Duisburger Auftritt bringt er sie lauter denn je vor. Zuweilen provokant und manchmal auch ironisch. Etwa, wenn er sich unter dem Titel »Schöner Wohnen« Gerhard Richters Farbfeldabstraktionen aneignet, sie vernebelt oder durch graue Ränder bereichert. Vor allem mit dem Blick auf das Werk der letzten Jahre wird klar: Havekost malt keine Beine, keine Bäume, keine blonden Locken und auch keine Lichter im Nebel. Er malt immer nur eines: Bilder. Bilder, die vom Sehen handeln, von der Wahrnehmung in Zeiten digitaler Allmacht. Auch von der Verführungskraft von Bildern – egal, ob sie fotografiert, gefilmt oder gemalt sind.

INFO

Museum Küppersmühle, Duisburg Bis 20. Oktober 2013 Tel.: 0203/301948 10 www.museum-kueppersmuehle.de


38 | KUNST

Manfred Kuttner vor dem verschollenen Werk Weibermühle, 1963. Nachlass Manfred Kuttner

GUT LEBEN MIT POP TEXT: STEFANIE STADEL

Unter dem Label »Kapitalistischer Realismus« gingen sie in den frühen 60ern an den Start: Gerhard Richter, Sigmar Polke, Konrad Lueg und Manfred Kuttner. Letzterer geriet bald in Vergessenheit. Jetzt blicken gleich zwei Ausstellungen in NRW zurück auf jene bewegten frühen Jahre. Die Kunsthalle Düsseldorf macht sich an eine gründliche Aufarbeitung. Und die Langen Foundation ruft zu Kuttners Wiederentdeckung.


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Dichter Verkehr und reichlich Baustellen. Schaufenster, Hochhäuser, eine Zigarettenreklame. Das Bild vom Papst und Nummernschilder in Nahaufnahme. Zwischendurch treten die Künstlerkumpels Gerhard Richter und Sigmar Polke ins Bild. Eigentlich hatte seine Ehefrau ihm die Kamera für Familienfilme geschenkt, Manfred Kuttner aber nutzte sie lieber für jenes furiose, flimmernde, flackernde, kaum fassbare Stadtporträt: Düsseldorf 1963, im Wirtschaftswunderrausch. Über Jahrzehnte hatte man das bemerkenswerte Experiment fast vergessen, jetzt kommt es gleich doppelt zu Ehren: In der Kunsthalle Düsseldorf läuft der Film namens »A–Z« als Inkunabel des »Kapitalistischen Realismus«, und die Langen Foundation in Neuss präsentiert das Dreieinhalb-MinutenWerk, weil es eine wesentliche Arbeit Kuttners ist. Es trifft sich gut, dass beide Häuser in diesen Wochen gemeinsam – wenn auch von unterschiedlichen Seiten – Blicke auf Phänomene der Düsseldorfer Kunstszene in den frühen 60ern werfen: Während Neuss, erstmals überhaupt im Rheinland, mit Kuttners Kunst bekannt macht, nimmt die Kunsthalle Düsseldorf sich in aller dokumentarischen Gründlichkeit des Phänomens »Kapitalistischer Realismus« an – oder besser jener Vierer-Clique, die sich vor ziemlich genau 50 Jahren aufmachte, ihr Künstlerglück selbst in die Hand zu nehmen. Über eines waren sich Kuttner und die anderen dabei völlig einig: Die Kunstproduktion der Zeitgenossen tauge nichts. Richter, der sich damals noch Gerd nannte, brachte es auf den Punkt: »Alles Quatsch um uns herum.« Die Kunstwelt sah das offenbar anders – noch. Keiner wollte die Werke der vier ausstellen, geschweige denn kaufen. Darum machten sich Richter, Kuttner, Polke und Lueg im Frühjahr 1963 selbst auf die Suche nach passenden Ausstellungsräumen. An Bord eines alten Peugeot kurvten die Studenten durch Düsseldorf und fanden schließlich in der Kaiserstraße 31A, was sie suchten: Die ehemalige Metzgerei stand kurz vor dem Abriss und war billig zu mieten. Zwischen eilig gekalkten Wänden und mit reichlich Schaumwein in den Gläsern wurde am 11. Mai Eröffnung gefeiert. Ein Ereignis, das Kunstgeschichte geschrieben hat. Nicht zuletzt, weil Richter & Co. dabei erstmals das selbst erfundene Label »Kapitalistischer Realismus« für die eigene Kunst in Umlauf brachten. Im Hinterkopf hatten sie dabei sicher die ironische Abgrenzung vom »Sozialistischen Realismus« des Ostblocks. Daneben waren Einflüsse der Fluxus-Bewegung wichtig und ganz bestimmt auch Verbindungen zur britischen wie amerikanischen Pop Art. Aufmerksamkeit verdient dieses Ereignis aber auch, weil hier vier Newcomer ihren Einstand gaben, von denen sich in der Folge zumindest drei als Superstars auf dem internationalen Kunstparkett platzierten. Polke und Richter als Großkünstler und Lueg, unter seinem wahren Namen Konrad Fischer, als führender Avantgarde-Galerist.

Die Kunsthalle Düsseldorf lässt das denkwürdige MetzgereiDebüt nun in Bildern, Briefen, Dokumenten noch einmal lebendig werden. Nicht zuletzt wohl dank Richters wirkungsvoller Öffentlichkeitsarbeit konnte das Quartett am Eröffnungsabend Joseph Beuys und Günther Uecker begrüßen. Außerdem gehörten Heinz Mack und Gotthard Graubner zu den Zeugen der damals sicher gewöhnungsbedürftigen Darbietung, die schon im Schaufenster klar machte, worum es ihr ging. Kuttner hatte dort einen neon-pink gestrichenen Stuhl platziert mit dem provokanten Namen: »Der Heilige Stuhl«. Darauf postierte Lueg ein OMO-Waschmittelpaket, das er durch eine gewitzte Buchstaben-Drehung als OWO-Packung ausgab. Neben Kuttners Stuhl hingen kopfüber zwei Puppen, von Richter in einen Rahmen gefasst. Polke schließlich ließ vom Fenstersturz an einer Schnur ein Bündel bunter Illustrierter herabbaumeln – »Massenmedien«, so der Titel. Der legendären Schau folgten noch ein paar ähnlich originelle Aktionen, die sich jetzt in der Düsseldorfer Kunsthalle ebenfalls akribisch aufgearbeitet und mit zum Teil wandfüllenden Fotos vergegenwärtigt finden: Der Auftritt im verschneiten Garten des Wuppertaler Avantgarde-Galeristen Rolf Jährling etwa oder das unter dem Titel »Leben mit Pop« berühmt gewordene Happening im Möbelgeschäft. Richter und Lueg präsentierten sich dort selbst als lebende Kunstwerke auf der Couch vor dem Fernseh-Apparat und führten das Publikum anschließend durch den Laden, wo sie überall eigene Kunstwerke zwischen die Möbel geschmuggelt hatten. Kunst oder Ware oder beides? Das war die Frage, die hier hintergründig unters Volk gebracht wurde. Und es ist schon erstaunlich, wie aktuell sie noch immer ist. Beinahe aberwitzig scheint dabei, dass die Requisiten jener ironischen Spielerei auf dem Kunstmarkt heute Millionen bringen dürften. Die enormen Preise – und damit auch Versicherungssummen – für Richters und Polkes Arbeiten dürften auch ein wesentlicher Grund dafür sein, dass die Düsseldorfer Ausstellung in ihrer »Reproduktion des Kapitalistischen Realismus« auf originale Kunstwerke verzichtet, stattdessen um die 50 Reproduktionen auffährt. Was den ohnehin eher trockenen, stark wissenschaftlich-dokumentarischen Grundton der Schau noch verstärkt. Wer jedoch Originale sehen will, muss nicht weit fahren – nach Neuss, wo die Langen Foundation das Schaffen des 2007 verstorbenen Kuttner überblickt. Während die anderen Karriere machten, hatte er sich bald nach dem hoffnungsvollen Start 1963 zurückgezogen und als Familienvater mit Mitte zwanzig bereits die sicherere Zukunft des Werbegrafikers gewählt. Sein künstlerisches Vermächtnis landete damals im Keller. Erst in jüngerer Zeit kommen Kuttners grelle Bilder und Objekte wieder ans Tageslicht. Zuerst 2005 in der Berliner Galerie Johann König, wo ihre Frische auch jüngere Kollegen verblüffen konnte. Es ist natürlich kein großes, kein reiches


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Reiner Ruthenbeck: Leben mit Pop - Eine Demonstration für den kapitalistischen Realismus, 1963. © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Werk, das er hinterlassen hat. Aber eines, das trotz der langen Zeit im Untergrund nicht eingestaubt wirkt. Dies zeigt sich nun auch in Neuss, wo das schmale, im Laufe weniger Jahre entstandene Œuvre beinahe komplett versammelt ist. Kuttners informelle Anfänge in der Klasse von Gerhard Hoehme an der Düsseldorfer Akademie ebenso wie die vielen flirrenden Muster in fluoreszierenden Farben – entstanden 1962 und 1963 nach Kuttners Wechsel zu K.O. Goetz, wo er gemeinsam mit Polke, Richter und Lueg das Studium fortsetzte. Wie kam er auf die Leuchtfarbe? »Zufall. Faszination«, so gab der Künstler selbst zu Protokoll. »Weil sie so intensiv ist. Fluoreszierende Leuchtfarbe neben normalem Rot – dann empfindet man dieses als schmutziges Braun. Dresdner Schinken haben mich abgestoßen …« Die 1962 neu auf den Markt gebrachten Plaka-Tagesleuchtfarben werden zum Markenzeichen des Künstlers. Er malt reihenweise verzerrte Muster, gestapelt, vergittert oder wirbelnd, Linien und Formen, die vor unseren Augen in Bewegung geraten. Man denkt an die irritierenden Effekte der Op Art – zumindest, wenn man aus der Ferne auf die abstrakten FlimmerMuster schaut. Doch bei näherem Hinsehen fallen sehr schnell wesentliche Unterschiede zu den präzisen Formulierungen dieser Stilströmung ins Auge: Kuttner geht viel malerischer an die Sache heran als die haarscharf arbeitenden Kollegen. Überall entdeckt man Farben, die in Tropfen die Leinwand hinunterlaufen, auch Pinselstriche werden ab-lesbar und offenbar gezielte Ungenauigkeiten, mit denen Kuttner die Symmetrie stört.

Eng verwandt mit diesen Bildern sind seine Objekte: Der Künstler greift nach alltäglichen Gegenständen – ein Sprungrahmen, ein Fahrradsattel, das Innenleben einer Schreibmaschine – und streicht sie in den bekannten Leuchtfarben an. In der Langen Foundation zu sehen ist auch jener neon-pinke Stuhl, der 1963 beim ersten Auftritt der vier Kunstkumpane das Metzgerei-Schaufenster schmückte. Warum scherte Kuttner aus? Was veranlasste ihn zum Rückzug aus der Gruppe? Neben seiner jungen Familie und wirtschaftlichen Überlegungen dürfte wohl auch seine vermeintliche Außenseiterposition eine Rolle gespielt haben. Kuttners Malerei habe nicht mehr zur Arbeit der anderen gepasst, stellte Richter rückblickend fest. Deshalb hätten sie ihn »ausgebootet«. Eine Feststellung, der man nach dem Besuch in Neuss und Düsseldorfs nur bedingt zustimmen möchte. Denn es gibt durchaus Verbindendes. Wie die drei einstigen Mitstreiter macht auch Kuttner den zeitgenössischen Alltag zum Gegenstand seiner Kunst. Nicht in der gewiss leichter erkennbaren Form von »Massenmedien« oder Waschmittelkartons. Sondern durch das Material: industriell gefertigte Knallfarben, die sich hervorragend in die Welt der Werbung fügen würden. Ebenso durch Muster, die mit ihren Flimmereffekten dem ruhelosen Takt des »modernen Lebens« Ausdruck verleihen. Und vor allem durch sein filmisches Experiment mit der Familienkamera, jener hektischen Hetze durch die Wirtschaftswunder-Stadt. Nirgends wohl kommt der Geist des »Kapitalistischen Realismus« klarer zum Ausdruck. Mit allem was dazugehört – von »A – Z«.


K.WEST 09/2013 | 41

Gerhard Richter: Party, 1963. © Atelier Gerhard Richter

Rolf Jährling: Vorgartenausstellung. Galerie Parnass, Villa Jährling, Moltkestraße 67, Wuppertal, Februar 1964. Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels ZADIK

FRANKREICH – S C H W E I Z 2 0 . S E P T – 19. OKT 2013

ÜBER 50 VERANSTALTUNGEN IM GESAMTEN MÜNSTERLAND (UND IN DEN NIEDERLANDEN)

SOPHIE HUNGER | VINCENT PEIRANI »THRILL BOX« & GUESTS | HILDEGARD LERNT FLIEGEN | L | ELIANA BURKI & IALPINISTI | LESCOP | MÉLISSA LAVEAUX | CHINA MOSES & RAPHAËL LEMONNIER | TRIO BONACINA, BENITA, SIMCOCK | ELINA DUNI QUARTET | FRANÇOIZ BREUT … UND VIELE ANDERE PROGRAMMHEF T KOSTENFREI BESTELLEN: 0800 93 92 919

Bis 29. September 2013. Kunsthalle Düsseldorf Tel.: 0211/8996240 www.kunsthalle-duesseldorf.de Bis 6. Oktober 2013. Langen Foundation, Neuss Tel.: 02182/570115 www.langenfoundation.de

part

INFO

7

Musik Kunst Dialoge

J A Z Z IK

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L LUNGEN AUSSTE OP S W O R K SH


42 | KUNST

AUSSTELLUNGEN  AACHEN 

LUDWIG FORUM FÜR INTERNATIONALE KUNST  Ilka Helmig: Phénotype (bis 1.9.13); Die anderen Amerikaner (bis auf weiteres); Bea Otto: out here (bis 29.9.13) Jülicher Straße 97–109 Tel.: 0241/18 07 104 www.ludwigforum.de

KUNSTMUSEUM  Marcel Odenbach (19.9. – 5.1.14); Ein expressionistischer Sommer – Bonn 1913 (bis 29.9.13); Mary, Blinky, Yay! (bis 29.9.13) Museumsmeile Friedrich-Ebert-Allee 2 Tel.: 0228/77 62 60 www.kunstmuseum-bonn.de

SUERMONDT-LUDWIG-MUSEUM  Aufbrüche – Bilder aus Deutschland. Fotografien aus der Sammlung Fricke (bis 6.10.13) Wilhelmstraße 18 Tel.: 0241/47 98 00 www.suermondt-ludwig-museum.de

KUNSTVEREIN  Anna Virnich (bis 24.11.13); Timur Si-Qin (10.9. – 10.11.13) Hochstadenring 22 Tel.: 0228/693936 www.bonner-kunstverein.de

 AHLEN 

LVR-LANDESMUSEUM   Die Krim – Goldene Insel im Schwarzen Meer. Griechen – Skythen – Goten (bis 19.1.14); 1914 – Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg (24.9. – 23.3.14) Colmantstr. 14 – 16 Tel.: 0228/2070–0 www.landesmuseum-bonn.lvr.de

KUNSTMUSEUM  Intermezzo 2013 – Von der Fläche in den Raum (bis 8.9.13); Ruhestörung. Streifzüge durch die Welten der Collage (28.9. – 26.1.14, zusammen mit Marta Herford) Museumsplatz 1 Tel.: 02382/91 83 - 0 www.kunstmuseum-ahlen.de

 BEDBURG-HAU 

MUSEUM SCHLOSS MOYLAND  Katharina Sieverding: Weltlinie 1968 – 2013 (bis 24.11.13); Kunst. Bewegt. 03: Achtung Kunst! (bis September 13) Am Schloss 4 Tel.: 02824/95 10 60 www.moyland.de

 BIELEFELD 

KUNSTHALLE Auf Zeit. Wandbilder, Bildwände (bis 20.10.13) Artur-Ladebeck-Str. 5 Tel.: 0521/32 99 95 00 www.kunsthalle-bielefeld.de KUNSTVEREIN  Museum off Museum (7.9. – 26.1.13) Welle 61 Tel.: 0521/178806 www.bielefelder-kunstverein.de

BOCHUM 

KUNSTMUSEUM BOCHUM  Concrete Poetry. Bridges – Die Sammlung des Fotoprojektes Emscher Zukunft (bis 27.10.13) Kortumstr. 147 Tel.: 0234/9104230 www.kunstmuseumbochum.de LWL-INDUSTRIEMUSEUM ZECHE HANNOVER  Zum Wohl! Getränke zwischen Kultur und Konsum (bis 1.9.13) Kortumstr. 147 Tel.: 0234/51 60 030 www.lwl.org

BONN 

AUGUST-MACKE-HAUS  Schätze aus der Sammlung des August Macke Hauses (bis 29.9.13) Bornheimer Str. 96 Tel.: 0228/65 55 31 www.august-macke-haus.de HAUS DER GESCHICHTE DER  BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND  The American Way. Die USA in Deutschland (bis 2.2.14); Wir sind wir – Deutsch in Ost und West. Fotografien von Stefan Moses (bis Juni 14) Museumsmeile Willy-Brandt-Allee 14 Tel.: 0228/91 650 www.hdg.de KUNST UND AUSSTELLUNGSHALLE DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND  Kleopatra. Die ewige Diva (bis 6.10.13); Kleopatra – der orientalische Garten auf dem Dach der Bundeskunsthalle (bis 6.10.13); Das irokesische Langhaus (bis Ende Oktober 13) Museumsmeile Bonn Friedrich-Ebert-Allee 4 Tel.: 0228/91 710 www.kah-bonn.de

 BOTTROP 

JOSEF ALBERS MUSEUM/QUADRAT   Robert Adams: The Place We Live. Eine Retrospektive seines Gesamtwerkes 1964 bis 2009 (bis 29.9.13) Im Stadtgarten 20 Tel.: 02041/29716 www.quadrat-bottrop.de

 BRÜHL 

MAX ERNST MUSEUM  Man Ray – Fotograf im Paris der Surrealisten (15.9. – 8.12.13); Das 20. Jahrhundert. Werke von Max Ernst aus der SchneppenheimStiftung (bis 24.11.13); Max Ernst – Im Garten der Nymphe Ascolie (bis 23.2.14) Comesstraße 42 / Max Ernst Allee 1 Tel.: 01805/743465 www.maxernstmuseum.lvr.de

 DORTMUND 

Dortmunder U – Zentrum für Kunst und Kreativität HMKV Industrial (Research) (14.9. – 26.1.14); Axel Braun: Zugunsten einer Gesellschaft von morgen, für die wir heute schon bauen (14.9.  26.1.14); Requiem für eine Bank (14.9. – 26.1.14) MUSEUM OSTWALL  MO Schaufenster #8: Peter Piller (bis 8.9.13) Leonie-Reygers-Terrasse Tel.: 0231/50 23247 www.dortmunder-u.de

 DÜSSELDORF 

Hetjens Museum In Meissener Manier. Berliner Porzellan der Manufaktur Wegely (bis 8.9.13); Kähler Keramik. Jugendstil und Art déco in Dänemark (26.9. – 23.2.14) Schulstr. 4 Tel.: 0211/89-94210 www.duesseldorf.de/hetjens/ K20 KUNSTSAMMLUNG Alexander Calder – Avantgarde in Bewegung (7.9. – 12.1.14); Zilvinas Kempinas (5.9. – 12.1.14) Grabbeplatz 5 Tel.: 0211/83 81 - 130 www.kunstsammlung.de K21 KUNSTSAMMLUNG  Wolfgang Tillmans (bis 8.9.13); Das Kind, die Stadt und die Kunst – Aldo van Eyck, Nils Norman, Yto Barrada (bis 15.9.13 im Schmela Haus); Tomás Saraceno – in orbit (bis Herbst 14) Ständehausstr. 1 Tel.: 0211/83 81 600 www.kunstsammlung.de KAI 10  Collagierte Skulpturen (11.10. – 22.2.13) Kaistraße 10 Tel.: 0211/99 434 130 www.kaistrasse10.de KUNSTHALLE  Leben mit Pop – Eine Reproduktion des kapitalistischen Realismus (bis 29.9.13); Avante Brasil (bis 8.9.13, KIT Kunst im Tunnel), Stille Wahrnehmung (21.9. – 3.11.13) Grabbeplatz 4 40213 Düsseldorf Tel.: 0211/89 96 243 www.kunsthalle-duesseldorf.de www.kunst-im-tunnel.de KUNSTVEREIN FÜR DIE  RHEINLANDE UND WESTFALEN  Brenna Murphy (bis 29.9.13) Grabbeplatz 4 Tel.: 0211/32 70 23 www.kunstverein-duesseldorf.de MUSEUM KUNST PALAST  50 Jahre Manufactum (bis 27.10.13); Candida Höfer (14.9. – 9.2.14); Farbenfroh. Graphik aus der Sammlung Kemp (bis 27.10.13); Hommage à Gotthard Graubner (27.9. – 19.1.13) Ehrenhof 4–5 Tel.: 0211/89 96 260 www.museum-kunstpalast.de

KUNSTVEREIN  Andreas Golinski: Die Lücke, die der Kasten lässt (20.9. – 23.11.13) Hansastr. 2-4 Tel.: 0231/57 87 36 www.dortmunder-kunstverein.de

NRW–FORUM KULTUR UND WIRTSCHAFT  Alaia. Azzedine Alaia im 21. Jahrhundert (bis 8.9.13); Foto A-Z (28.9. – 5.1.13) Ehrenhof 2 Tel.: 0211/89 266 90 www.nrw-forum.de

MUSEUM FÜR KUNST UND  KULTURGESCHICHTE  Manu factum (bis 8.9.13); Rechtsextreme Gewalt in Deutschland 1990 – 2013 (7.9. – 27.10.13) Hansastr. 3 Tel.: 0231/50 25522 www.museendortmund.de/mkk/

 DUISBURG 

 DÜREN 

LEOPOLD-HOESCH-MUSEUM Von Lucas Cranach bis Wilhelm Trübner. Meisterwerke der Anhaltinischen Gemäldegalerie Dessau (8.9. – 24.11.13) Hoeschplatz 1 Tel.: 02421/25-2559 www.leopoldhoeschmuseum.de

MUSEUM DKM  Richard Long: Rhine Driftwood Line (bis 6.1.14) Güntherstr. 13 - 15 Tel.: 0203/9355547-0 www.stiftung-dkm.de MUSEUM KÜPPERSMÜHLE MUSEUM FÜR MODERNE KUNST  Eberhard Havekost – Akademos (bis 20.10.13) Philosophenweg 57 Tel.: 0203/30 19 48 11 www.museum-kueppersmuehle.de LEHMBRUCK MUSEUM  Moving Sculptures – Bewegte Skulpturen (bis 26.1.14); Frauen – Liebe Leben. Sammlung Klöcker (bis 20.10.13) Friedrich-Wilhelm-Str. 40 Tel.: 0203/283 26 30 www.lehmbruckmuseum.de

 ESSEN 

MUSEUM FOLKWANG  Thomas Schütte: Frauen (21.9. – 12.1.14); Nowhere and Everywhere. William Forsythe (24.8. – 8.9.13); Corporate Design. Der Logopionier Wilhelm Deffke (1887 – 1950) (28.9. – 26.1.14); Ausstellen. 30 Jahre Künstlerförderung der Krupp-Stiftung (28.9. – 26.1.14 Museumsplatz 1 Tel.: 0201/8845444 www.museum-folkwang.de RUHRMUSEUM Von A bis Z. Die Fotografische Sammlung des Ruhr Museums Teil 2 (bis 8.9.13); Kohle, Global (bis 24.11.13) Zollverein A 14 (Schacht XII, Kohlenwäsche) Gelsenkirchener Str. 181 Tel.: 0201/88 45 200 www.ruhrmuseum.de VILLA HÜGEL Faszination Industrie – Krupp und der Maler Heinrich Kley (bis 30.11.13) Haraldstraße Tel.: 0201/61 62 9 0 www.villahuegel.de

 GELSENKIRCHEN 

KUNSTMUSEUM  Marita G. Weiden: Farbe des Lichts (bis 6.10.13); Gereon Krebber: Hat da nicht gerade was gezuckt? (8.9. – 27.10.13) Horster Str. 5-7 Tel.: 0209/169-4361

 GOCH 

MUSEUM GOCH  Peter Reichenberger: Serielle Farbräume (8.9. – 3.11.13) Kastellstr. 9 Tel.: 02823/97 08 11 www.museum-goch.de

 HAGEN 

EMIL SCHUMACHER MUSEUM  Young-Jae Lee – Emil Schumacher (bis 8.9.13); Emil Schumacher – Sommerfreunden (bis 24.11.13) Museumsplatz 1 Tel.: 02331/3060 066 www.kunstquartier-hagen.de OSTHAUS MUSEUM  Walter Eisler – Krasnaja Snamija (bis 1.9.13); Hagener Künstlerinnen und Künstler (bis 6.10.13); Hans Kotter: Light Flow (20.9. – 12.1.14) Museumsplatz 3 Tel.: 02331/207 3129 www.kunstquartier-hagen.de

 HAMM 

GUSTAV-LÜBCKE-MUSEUM  Teilbereiche wg. Sanierung geschlossen Neue Bahnhofstraße 9 Tel.: 02381/17 57 14 www.hamm.de/gustav-luebcke-museum

 HERFORD 

MARTA  Visionen. Atmosphären der Veränderung (bis 8.9.13); 6. Recycling Designpreis (8.9. – 10.11.13); Ruhe-Störung. Streifzüge durch die Welten der Collage (28.9. – 26.1.14) Goebenstr. 4 – 10 Tel.: 0 52 21/99 44 30–0 www.marta-herford.de

 KLEVE 

MUSEUM KURHAUS  The Present Order ist the Disorder of the Future (bis 15.9.13); Michael Reisch, Matthias Hoch, Astrid Nippoldt (29.9. – 24.11.13) Tiergartenstr. 41 Tel.: 02821/75 010 www.museumkurhaus.de


K.WEST 09/2013 | 43

 KÖLN 

 KREFELD 

MUSEUM HAUS ESTERS  Alicja Kwade. Grad der Gewissheit (29.9. – 16.2.14) Wilhelmshofallee 91–97 Tel.: 02151/97 55 80 www.kunstmuseenkrefeld.de

 SOLINGEN 

KÄTHE KOLLWITZ MUSEUM Die Künstlerin wählt selbst. Die beiden großen Mappenwerke von Käthe Kollwitz aus den 20er Jahren in ihrem Kontext (bis 29.9.13) Neumarkt 18 - 24 Tel.: 0221/227-2899 www.kollwitz.de

LUDWIG GALERIE  SCHLOSS OBERHAUSEN  Christo – Big Air Package. Die originalen Entwürfe (bis 30.12.13); Weegee – The Famous. Fotografie (bis 8.9.13); Hair! Das Haar in der Kunst (22.9. – 12.1.14) Konrad-Adenauer-Allee 46 Tel.: 0208/4124928 www.ludwiggalerie.de

MUSEUM HAUS LANGE  Die Sammlung der Freunde der Kunstmuseen (29.9. – 16.2.14); Eine Handvoll Erde aus dem Paradies. Magische Bilder und Objekte aus dem Museum Morsbroich (29.9. – 12.1.14) Wilhelmshofallee 91–97 Tel.: 02151/97 55 80 www.kunstmuseenkrefeld.de

LVR INDUSTRIEMUSEUM Stadt der Guten Hoffnung. Bilder aus Oberhausen (bis 29.9.13) Hansastr. 20 Tel.: 0208/412 49 28 www.industriemuseum.lvr.de

ZENTRUM FÜR INTERNATIONALE LICHTKUNST  Lindenplatz 1 Tel.: 02303/103770 www.lichtkunst-unna.de

 PADERBORN 

LWL-INDUSTRIEMUSEUM ZECHE NACHTIGALL Albert Renger-Patzsch. Industriefotografien für Schott (bis 29.9.13) Nachtigallstr. 35 Tel.: 02302/93664-0 www.lwl.org

KOELNISCHER KUNSTVEREIN  Stefan Müller. Allerliebste Tante Polly (bis 30.6.13) Hahnenstr. 6 Tel.: 0221/217021 www.koelnischerkunstverein.de KOLUMBA  Zeigen verhüllen verbergen. Schrein – Eine Ausstellung zur Ästhetik des Unsichtbaren (15.9. – 31.8.14) Kolumbastr. 4 Tel.:0221/933193-0 www.kolumba.de MUSEUM FÜR ANGEWANDTE KUNST  Ein Museum im Glück: Meisterwerke Angewandter Kunst aus der Sammlung Overstolzengesellschaft (bis 8.12.13); Der schöne Schein – Deutsche Fayencekunst (bis 29.9.13); Boys get skulls, girls get buterflies. Schmuck im MAKK (21.9. – 15.1213) An der Rechtschule Tel.: 0221/221-26735 www.museenkoeln.de/museum-fuerangewandte-kunst MUSEUM LUDWIG  Gerhard Richter. Elbe, November u.a. (bis 8.9.13); Louise Lawler. Adjusted (11.10. – 26.1.14); Not yet titled. Neu und für immer im Museum Ludwig (11.10. – 26.1.14) Bischofsgartenstr. 1 Tel.: 0221/221 26 165 www.museenkoeln.de/museum-ludwig/

 LEVERKUSEN 

MUSEUM MORSBROICH  Thomas Grünfeld – homey. Werke von 1981 bis 2013 (bis 8.9.13); ); Eine Handvoll Erde aus dem Paradies. Magische Bilder und Objekte aus dem Museum Morsbroich (29.9. – 12.1.14) Gustav-Heinemann-Str. 80 Tel.: 0214/85 55 60 www.museum-morsbroich.de

 MÖNCHENGLADBACH 

MUSEUM  ABTEIBERG  Ein ahnungsloser Traum vom Park 2012-2014. Phase 2: Eine Ausstellung im öffentlichen Raum des Abteibergs (bis 1.9.13); Textiles: Open Letter (bis 10.11.13) Abteistr. 27 Tel.: 02161/25 26 31 www.museum-abteiberg.de

 MÜLHEIM AN DER RUHR 

KUNSTMUSEUM IN DER ALTEN POST  Max Beckmann: Von Europa nach Amerika. Zeichnungen aus dem Nachlass von Mathilde Q. Beckmann (1.9. – 24.11.13); Otto Pankok zum 120. Geburtstag, Kohlebilder und Grafiken aus der Sammlung (15.9. – 12.1.14); Arthur Kaufmann: Exil – Ein zweites Leben (20.9. – 17.11.13) Viktoriaplatz 1 Tel.: 0208/4 55 41 38 www.kunstmuseum-mh.de

 MÜNSTER 

RAUTENSTRAUCH-JOEST-MUSEUM   Made in Oceania. Tapa – Kunst und Lebenswelten (12.10. – 27.4.14) Cäcilienstr. 29-33 Tel.: 0221/221 313 56 www.museenkoeln.de/rautenstrauch-joestmuseum

KUNSTMUSEUM  PABLO PICASSO  Willy Ronis. Eine Retrospektive (bis 1.9.13). Was ich Picasso schon immer sagen wollte. (bis 1.9.13); Camille Pissarro – Mit den Augen eines Impressionisten (7.9. – 17.11.13) Picassoplatz 1 Tel.: 0251/41 44 710 www.kunstmuseum-picasso-muenster.de

RÖMISCH-GERMANISCHES MUSEUM  Lyra, Tibiae, Cymbala. Musik im römischen Köln (bis 3.11.13) Roncalliplatz 4 Tel.: 0221/2212 44 38 www.museenkoeln.de/roemisch-germanisches-museum

LWL-LANDESMUSEUM FÜR KUNSTUND KULTURGESCHICHTE  Wg. Renovierung bis Herbst 2014 geschlossen Domplatz 10 Tel.: 0251/5907-01 http://www.lwl.org/LWL/Kultur/LWL-Landesmuseum-Muenster/

SK STIFTUNG KULTUR  Bernd und Hilla Becher, Hochofenwerke (20.9. – 26.1.14); Die Verzauberung der Welt. Die Klassik des Tanzes von 1713 – 1913 (28.9. – 10.8.14) Im Mediapark 7 Tel.: 0221/888 95 100 www.sk-kultur.de WALLRAF-RICHARTZ-MUSEUM/ FONDATION CORBOUD  Der Diplomat von Venedig. Tintorettos Bildnis des Paolo Tieopolo (bis 15.9.13); Die Klecksographie – Zwischen Fingerübung und Seelenschau (bis 13.10.13); Geheimnisse der Maler. Köln im Mittelalter (20.9. – 9.2.14) Martinstraße 39 Tel.: 0221/221–211 19 www.museenkoeln.de/wallraf-richartzmuseum

 NEUSS 

CLEMENS-SELS-MUSEUM  Niederrheinische ALTernativen – Als das Altbier noch jung war (bis 15.9.13) Am Obertor Tel.: 02131/90 41 41 www.clemens-sels-museum.de

MUSEUM SOLINGEN  67. Bergische Kunstausstellung (bis 8.9.13); Paul Kleinschmidt (17.9. – 9.11.13) Wuppertaler Str. 160 Tel.: 0212/258140 www.kunstmuseum-solingen.de

 UNNA 

 WITTEN 

DIÖZESANMUSEUM  Credo. Christianisierung Europas im Mittelalter (bis 3.11.13, auch im Museum in der Kaiserpfalz und in der Städtischen Galerie Am Abdinghof) Ikenberg 2 Tel.: 05251/88-2002 www.credo-ausstellung.de

 WUPPERTAL 

SKULPTURENPARK WALDFRIEDEN  William Tucker – Skulpturen (bis 1.9.13); Harald Klingelhöller – Skulpturen (19.10. – 12.1.14) Hirschstraße 12 Tel.: 0202/551350 www.skulpturenpark-waldfrieden.de

 RECKLINGHAUSEN 

STÄDTISCHE KUNSTHALLE  Michael Sailstorfer. Young West (bis 29.9.13) Grosse-Perdekamp-Str. 25–27 Tel.: 02361/50 19 35 www.kunst-in-recklinghausen.de

VON DER HEYDT MUSEUM  Sven Drühl. Werke 2001-2013 (8.9. – 26.1., von der Heydt-Kunsthalle); Sammlung Gigoux. Von Cranach bis Géricault (15.10 – 32.2.14) Turmhof 8 Tel.: 0202/563 62 31 www.von-der-heydt-museum.de

 SIEGEN  

MUSEUM FÜR GEGENWARTSKUNST  Fiona Tan. Ausgangspunkt (bis 27.10.13) Unteres Schloss 1 Tel.: 0271/40 57 70 www.mgk-siegen.de

BR I D GE S

Fotoprojekt Em scher Zukunft

CONCRETE POETRY Die Sammlung des Fotoprojekts Emscher Zukunft

18. AUGUST – 27. OKTOBER 2013

KUNSTMUSEUM BOCHUM Kortumstraße 147 44787 Bochum

INFOS UNTER:

www.bridges-projects.com

LANGEN-FOUNDATION  Manfred Kuttner. Werkschau (bis 6.10.13); Jorinde Voigt. Ludwig van Beethoven Sonate 1-32 (1.9. – 2.2.14) Raketenstation Hombroich 1 Tel.: 02182/57 010 www.langenfoundation.de

 OBERHAUSEN 

GASOMETER  Christo – Big Air Package (bis 30.12.13) Arenastr. 11 Tel.: 0208.850 37 30 www.gasometer.de

KUNST- UND MUSEUMSGESELLSCHAFT BOCHUM e.V.

Foto: Stefan Bayer

FORUM FÜR FOTOGRAFIE  Robin Maddock: Our kids are going to hell (8.9. – 3.11.13) Schönhauser Str. 8 Tel.: 0221/3401830 www.forum-fotografie.info


44 | ARCHITEKTUR

DIE VERMESSUNG DES RAUMES TEXT: ULRICH DEUTER

Auf dem Krefelder Egelsberg steht eine begehbare Skizze: das Eins-zu-eins-Modell eines ClubhausEntwurfs von Ludwig Mies van der Rohe. Realisiert wurde der atemberaubende Bau nie – doch, jetzt, für wenige Wochen! Die einzigartige Open-AirAusstellung versetzt in einen Rausch von Raum.

Im Herbst 1960 empfing der kürzlich verstorbene Berthold Beitz, Generalbevollmächtigter des damals noch lebenden Alleininhabers Alfried Krupp, Ludwig Mies van der Rohe in Essen. Beitz hatte den Jahrhundertarchitekten auserkoren, für die Stahlfirma ein neues Verwaltungsgebäude zu bauen, oberhalb der Villa Hügel. Mies sagte zu, im Februar darauf sandte er seine Entwürfe: ein Stahlskelettbau von 140 Metern Länge und 64 Metern Breite mit zwei Innenhöfen sollte es werden, ein mit grauem


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Terrasse (vorn) und Saal. Foto: Michael Dannenmann

Spiegelglas verkleidetes Gebäude von »versnobter Unauffälligkeit«, wie der Spiegel damals schrieb. Die Realisierung gelang jedoch nicht, unter anderem weil der Plan, nur die oberen 400 der Krupp-Verwaltung aufzunehmen, sich mit der paternalistischen Wir-Ideologie der Firma nicht vertrug. So kam die mit Architektur-Juwelen der Moderne nicht eben reich gesegnete Rhein-Ruhr-Region um eine Kostbarkeit. Genau 30 Jahre zuvor war bereits ein anderes, wahrscheinlich noch weitaus großartigeres Konzept Mies van der Rohes nicht verwirklicht worden, das Clubhaus für eine Krefelder Golf-Gesellschaft. Doch anders als an der Ruhr ist hier am Rhein der kategoriale Sprung von der Möglichkeit in die Wirklichkeit, vom Hätte zum Ist nun für ein paar Wochen geglückt: Im Stadtteil Traar steht, lagert, dehnt sich, schwebt auf einem Hügel über Feldern eine Realfiktion: das nach den Entwurfszeichnungen des BauMeisters akribisch errichtete Eins-zu-eins-Modell des »Golf Club Project«. Das Gebilde ist eine Sensation – unterhalb von Superlativen kann man hier nicht formulieren. Im Grundriss beschreibt es in etwa ein an der Schnittstelle verdicktes, asymmetrisches Kreuz von 2.500 Quadratmetern Fläche und 91 auf 84 Metern Flügellänge – genau nach der Windrose aus-

gerichtet. Und eben zu allen Himmelsrichtungen hin müsse die Anlage sich unbedingt öffnen, hatte Mies in seiner Erläuterung zum Entwurf gefordert, den er im Rahmen eines beschränkten Wettbewerbs am 30. September 1930 an den Golfclub sandte. Nicht ganz zu allen Himmelsrichtungen: Gegenüber den kalten Ostwinden sollten Saal und Terrasse verschlossen sein. Beide bilden das Herzstück des, im westlichen und nördlichen KreuzViertel situierten, gesellschaftlichen Teils der eingeschossigen, vier Meter hohen Anlage: Hier sollte gespeist, gefeiert, Bridge gespielt werden. Der dem Sport vorbehaltene Komplex mit Umkleidekabinen und Trainerräumen formt den südlichen Flügel. Von noch schlankerer Ausdehnung als dieser und nur einem einzigen Zweck dienend der Ostflügel, eine 50 Meter lange, überdachte Vorfahrt, getragen, nein, zum Schweben gebracht von sieben mittigen Stützen – eine kühn und elegant in Himmel und Landschaft hinausfliegende Raum-Station. Überhaupt die Stützen! Mies hat nur wenige Details seines Entwurfs ausformuliert, diese Stützen aber schon. Sie sollten filigran, von kreuzförmigem Grundriss und verchromt sein, derart durch Form und Spiegelung ihrer statischen Funktion optisch enthoben werden. Was – von den Mo-


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Blick aus dem Saal auf die Rückwand des Umkleidetrakts. Foto: Michael Dannenmann

Unten links die Vorfahrt, oben links der Sport-Bereich mit Umkleide (deckenlos). Foto: Werthebach

INFO

»Mies 1:1. Das Golfclub Projekt«, bis 27. Oktober 2013, Mi bis So. www.projektMIK.com

dellbauern umgesetzt – wunderbar gelingt. Denn das ist die Grundmelodie dieses Hauses: Herstellung und Auflösung von Raum, Verschmelzung von Außen und Innen. Der »freie Grundriss« einer Stahlskelettkonstruktion macht dies perfekt möglich: Weil die Außenwände keine tragende Aufgabe mehr haben, konnte der Architekt sie vollflächig verglasen (und die Fenster vermutlich versenkbar sein lassen). Konnte mit fast zeichenhaften Mitteln – sozusagen das gotische Prinzip – Raum erschaffen, ihn in die umgebende Natur hineinschwingen und diese in ihn zurückfluten lassen. Steht man etwa im hinteren Teil des »Saals« und blickt durch die wie ein Triptychon gegliederten Fenster in zwei Richtungen hinaus, erscheint die dort an und für sich recht banale Gruppierung von Feld, Wiese, Wäldchen majestätisch, bedeutungsvoll, inszeniert – gerahmte Landschaft. Der Krefelder Golfclub KGC war ein Trendsportverein der ortsansässigen Seidenindustriekapitäne. Gegenüber dem Zeitgeist und der Mode aufgeschlossen, waren diese Männer Mitglieder im Deutschen Werkbund, wo sie mit dem gebürtigen Aachener Ludwig Mies zusammentrafen. Der baute 1927 für den (in Krefeld ansässigen) Branchenverband das Messe»Café Samt und Seide« in Berlin, zwei Jahre später für die Weltausstellung in Barcelona den Repräsentationsstand »Deutsche Seide« sowie 1930 für die Vereinigten Seidenwebereien in Krefeld sein einziges Fabrikgebäude. Berühmt und bekannt, weil heute Krefelder Kunstmuseen, sind zudem seine beiden Wohnhäuser für die Fabrikanten Josef Esters und Hermann Lange. Dessen Urenkelin, die Kunsthistorikerin Christiane Lange, hat nun mit dem 2010 gegründeten Verein »Mies van der Rohe in Krefeld« die temporäre Realisation des Clubhauses ermöglicht und dafür 650.000 Euro aufgebracht; umgesetzt wurde sie von den Genter Architekten Robbrecht en Daem. Die wählten einen Standort 300 Meter östlich des ursprünglich vorgesehen (auf dem jetzt Wald wächst), verkleideten ein Stahlskelett mit Holzpaneelen und verlegten auf dem Boden ein mal ein Meter große Betonplatten, ein Maß, das Mies als Modul diente. Da, wo der Entwurf keine Aussagen trifft, wurde auf dem Boden Kies ausgeschüttet oder auch die Decke weggelassen – dies macht etwa den Umkleide- und den Küchenbereich skizzenhaft unanschaulich, dient aber der historischen Treue. »Saal«, »Terrasse«, »Halle« mit ihren kolossalen Raumwirkungen aber entschädigen vollauf; nach längerem Umherwandern (man möchte immer wieder und wieder hierhin und dorthin gehen, den vielen Blickrichtungswechseln nachspüren, die der Bau vorschlägt) imaginiert man sogar die Verglasung, auf die das Modell verständlicherweise verzichtet, und zögert beim Durchqueren einer Fensterfront. Aus welchem Material die wenigen Mauern errichtet worden wären, lässt sich nur vermuten, im dem dem Golfclub architektonisch verwandten »Barcelona-Pavillon« (Pavillon des Deutschen Reiches auf der Weltausstellung in Spanien) verbaute Mies innen Serpentinit, Travertin und Onyxmarmor und wird dies wohl auch hier (etwa im Eingangsbereich) im Sinn gehabt haben; außen ist verputztes Mauerwerk zu vermuten, das die weiß geschlämmten Holzflächen des Modells ganz gut umschreiben. Das Projekt wäre einer der großartigsten Bauten geworden, die Mies je entworfen hat – verwirklicht wurde es, wie angedeutet, nie. Nicht etwa, weil Mies’ Mitbewerber August Biebricher, ein Traditionalist, den Zuschlag erhalten hätte, sondern weil der Golfclub Finanzprobleme bekam. Er erbat noch von den Wettbewerbern kleinere Entwürfe, Mies für seinen Teil sagte dies auch zu, lieferte aber nicht. 1930 feierte der KGC die Eröffnung seines Platzes in einer Baracke statt in einer Ikone des »International Style«. Allerdings gibt es noch eine schrecklichere Vorstellung als das Wissen um die Nichtrealisation: 1938 enteignete die Wehrmacht den Golfclub und wandelte das Terrain, einen eiszeitlicher Sander, dessen Schotter und Sand sich gut zum Panzerfahren eigneten, in einen Truppenübungsplatz um, der dort bis in die 1990er Jahre blieb. Wahrscheinlich hätte das Mies’sche Baukunstwerk diese Aktion nicht überlebt.


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DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

SPECIAL KUNST AKTUELL KUNSTHÄNDLER HELGE ACHENBACH ÜBER DEN »WILDEN MANN« IMMENDORFF PORTRÄTS KATHARINA SIEVERDING + MARCEL ODENBACH FRÜHE FARBFOTOGRAFIE IN BONN

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56 Katharina  Sieverding zeigt auf Moyland eine Großinstallation ihres bisherigen Schaffens.

IMPRESSUM SONDERAUSGABE K.WEST SPECIAL KUNST AKTUELL K.WEST erscheint monatlich im Verlag K-West GmbH Heßlerstraße 37 45329 Essen Tel.: 0201/86 206-33 Fax: 0201/86 206-22 REDAKTION V.i.S.d.P.: U. Deuter, A. Wilink

66 Der Videopionier Marcel Odenbach ist in Bonn mit Papierarbeiten zu sehen.

K.west SPECIAL KUNST AKTUELL LAYOUT Herweg/Michalakopoulos/ Pecher ANZEIGEN & MARKETING MaschMedia, Oberhausen

50 WENN DIE PARKBANK ZWEIMAL KLINGELT Der Wuppertaler Skulpturenpark »Waldfrieden« ist fünf Jahre alt – und wird beträchtlich erweitert.

DRUCK WAZ Druck, Duisburg

54 UMSCHLAGPLÄTZE Kunstmessen im Herbst

TITELFOTO Albert Kahn, Les archives de la planète: Stéphane Passet, Griechenland, am Berg Athos, Zwei Soldaten mit Gefangenem, 10. September 1913 © Musée Albert Kahn, Département des Hauts-de-Seine (Ausstellung im LVR LandesMuseum Bonn)

56 SONNE SATT Katharina Sieverdings neue Ausstellung auf Schloss Moyland sammelt Erinnerungen aus 40 Schaffensjahren. Und ist doch keine Retrospektive. 60 KUNST-RÄUME Das Programm der Galerien, u.a. auf der DC Open

62 TEMPERAMENT UND ZUCHTLOSIGKEIT Der Düsseldorfer Kunsthändler Helge Achenbach schreibt in seiner Autobiografie auch über den »wilden Mann« Jörg Immendorff. 66 AUF PAPIERNEN BEINEN Das Kunstmuseum Bonn zeigt die Papierarbeiten des Videopioniers Marcel Odenbach. Ein Besuch in dessen Atelier. 70 DIE INVENTARISIERUNG DER WELT IN FARBE Das LVR Landesmuseum in Bonn präsentiert das frühe Farbfotoprojekt des Mäzens Albert Kahn. 72 SIEH AN! Die wichtigsten Ausstellungen im Herbst 2013

KUNSTgeragogik – Kulturelle Bildung mit Älteren Berufsbegleitende Qualifizierung mit Zertifikatsabschluss in Kooperation mit Partnern aus Forschung und Lehre I Die einjährige Weiterbildung vermittelt ein fundiertes theoretisches und praktisches Wissen wie Sie künstlerisch praktisch mit älteren Menschen arbeiten können entweder in Bildender Kunst oder Tanz/Bewegung. Und das an unterschiedlichen Orten und in verschiedenen Zusammenhängen, wie z.B. in kulturellen Institutionen, Stadtteilzentren, soziokulturellen Zentren, Altentageszentren, Altenheimen, im offenen Atelier sowie in ihren bisherigen beruflichen Zusammenhängen. Die Weiterbildung richtet sich an Künstler_innen aus den Bereichen Bildende Kunst oder Tanz, Kunstvermittler_innen, Kulturpädagogen_innen, Theaterpädagogen_innen, Kunstpädagogen_innen, Tanzpädagogen_innen, Kunsttherapeuten_innen, Sozialpädagogen_innen und Praktiker_innen angrenzender Berufsfelder. I Mehr Informationen erhalten Sie unter: www.bundesakademie.de/programm/bildende-kunst/do/veranstaltung_details/bk28-13/ Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel I www.bundesakademie.de post@bundesakademie.de I Folgen Sie uns auf facebook und bei twitter

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WENN DIE PARKBANK ZWEIMAL KLINGELT TEXT: ALEXANDRA WACH

Tony Cragg: Three Columns, 2007 © Cragg Foundation

Vor fünf Jahren eröffnete der Bildhauer Tony Cragg in Wuppertal seinen Skulpturenpark »Waldfrieden«. Das verfallene Anwesen eines Lackfabrikanten verwandelte sich unter seiner Regie in eine Kunstoase in der Stadt. Ein Lebensprojekt, das stetig wächst und zum Jubiläum mit neuen Werken und einer Erweiterung des Areals aufwartet.

Der Aufstieg zum Locus amoenus führt über steile Serpentinen, die einem toskanischen Bergstädtchen à la Montepulciano Konkurrenz machen könnten. Genug Zeit, um den Autolärm des unansehnlich zerdehnten Wuppertaler Stadtzentrums hinter sich zu lassen und die ersten Plastiken, die wie wachende Riesen am Wegesrand platziert sind, in Augenschein zu nehmen. Die biomorphe Formensprache ihres Erschaffers fügt sich nahtlos ins Naturumfeld. Der


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erste Kontakt mit Bronze und Stahl erweist sich als unaufdringlich und einladend. Ist der Toreingang einmal durchschritten, stimmt das ehemalige Gärtnerhaus mit kulinarischen Verschnaufpausen auf den »Waldfrieden« ein. Ein Name ganz nach dem Geschmack des britischen Bildhauers Tony Cragg, der wegen seiner deutschen Frau, einer Wuppertalerin, 1977 nach Deutschland gezogen war und zuletzt als Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie Bewegung in die unter Markus Lüpertz einseitig der Malerei huldigende Institution brachte. 2006 kaufte der vom Markt mit sechsstelligen Summen umworbene Turner-Preisträger und mehrfacher documenta-Teilnehmer das 15 Hektar große Waldgrundstück, das sich nur wenige Kilometer von seinem Atelier und Wohnhaus befand. Zwei Jahre später übergab er es seiner Bestimmung eines Begegnungsrefugiums zwischen Natur und Kunst. »Es ist überall Wald, aber es ist etwas hier, das von den Energien lebt«, stellte Cragg einmal in einem Interview fest. »Man merkt, dass die Stadt nicht weit weg ist. Man kommt aus einer urbanen Situation, und plötzlich ist da eine Stille und natürliche Qualität.« Wem beim Anblick des weitläufigen Areals nicht nur Meditation, sondern auch Wagners Villa Wahnfried einfällt, liegt nur bedingt falsch. Den Aufgang zum Anwesen säumt

eine Stützmauer, die man auch für einen kriegerischen Wall halten könnte. Das seit 1992 denkmalgeschützte Haus, das sich der frühere Besitzer Kurt Herberts zwischen 1946 und 1949 erbauen ließ, schöpft wiederum reichlich aus dem Fundus esoterischer Weltverbesserungsentwürfe. Dem Lackfabrikanten und Kunstmäzen, der in der Nazi-Zeit verfolgten Künstlern wie Oskar Schlemmer oder Willi Baumeister ein Auskommen in seiner Fabrik sicherte, schwebte ein Musterexemplar der anthroposophischen Bauweise vor. Und tatsächlich, die Wände, die der Architekt Franz Krause aufstellte, fließen ineinander über wie bei Antoni Gaudí, rechte Winkel und eckige Kanten sind unerwünscht. Die rund 30 Räume auf drei Geschossen scheinen sich den Bewegungen der Bewohner anzupassen und das Gebäude selbst ähnelt von außen eher einem extraterrestrischen Organismus als einer Wohnmaschine – zum Trotz der überraschend funktionalen Ausstattung mit Klimaanlage, versenkbaren Panoramafenstern und indirekter Beleuchtung. Eigentlich ein unheimliches Heim, das den Besucher einzusaugen scheint, weswegen Regisseur Oskar Roehler es vor einigen Jahren wohl auch als Schauplatz seiner Familiendystopie »Agnes und seine Brüder« wählte.


52 | SPECIAL KUNST KUNST

Bogomir Ecker: Odolop 2012 Vers 2. Skulptur in der Erweiterung des Parks © Cragg Foundation

1989 starb der spirituell zum Höheren berufene Hausherr. Der zerstrittenen Familie fiel nichts anderes ein, als das Erbe verfallen zu lassen. Es vergingen Jahre, die Zäune bekamen Risse, die Wände fingen Wasser und die alten Buchen wucherten märchenhaft, bis die gemeinnützige Tony Cragg Foundation das Grundstück gerade noch rechtzeitig erwarb und die kuriose Ruine wieder in Stand setzte – samt der eingebauten Möbel und der Stahlbehälter, die an jeder Parksitzbank befestigt sind. Herberts, der als Geschäftsmann überall erreichbar sein wollte, verließ sich nicht auf unsichtbare Schwingungen. Er verlegte ein privates Netz aus Kabeln durchs Gestrüpp und stattete die Kästen mit wetterfesten Telefonapparaten aus. Kaum vorstellbar das surreale Schauspiel, wenn das Klingeln nachts zwischen den Laternen und Baumwipfeln erklang. Das riesige Schwimmbad hatte weniger Glück. Auf seinen Fundamenten errichtete Cragg einen lichtdurchfluteten Glaspavillon, der auch ohne Wechselausstellungen mit seiner freien Sicht auf den Mischwald beeindruckt. Neben Kammerkonzerten und Lesungen bespielte mit Mario Merz 2008 zum ersten Mal ein Kollege den großen Saal. Es folgten Chillida, Dubuffet, Carl Andre oder Richard Long. Der letzte Gast in der Reihe war der Brite William Tucker mit seinen naturnahen Steinsformationen. Die Grünanlage selbst animiert zur Ostereisuche. Vom magischen Pfad abkommen muss der Flaneur deshalb keineswegs. Die meisten Skulpturen gehen auf das Konto des Meisters. Sie stammen aus unterschiedlichen Schaffensphasen und umfassen mehr als zwei Dutzend Werke. Auf einer großen Lichtung kommunizieren drei mächtige Bronzesäulen miteinander. Verdrehte Hohlkörper wechseln sich ab mit hochgetürmten Sandstein-Säulen oder lochsiebartig zerstochenen Membranen. Wenn sie nicht nah

am Parkweg Position bezogen haben, bleiben seine »Mixed Feelings«, »Distant Cousins« und »Wild Relatives« stets im Blickfeld klug ausgewählter Sichtachsen. Dazwischen sorgen Dauerleihgaben befreundeter Bildhauer für Abwechslung. Nicht, dass Craggs tonnenschweres Spektrum überschaubar wäre. Die Formen und Materialien swingen schwerelos, Polyester trifft auf Holz und Bronze, Geschichtetes auf organisch Gewachsenes. Dennoch möchte man den an eine karibische Riesenmuschel erinnernden »Trashstone« von Wilhelm Mundt, oder den die Villa Waldfrieden bedrängenden »Vater Staat« von Thomas Schütte nicht missen. Genauso wenig wie Jaume Plensas hypnotisch die Besucher anziehenden Frauenmarmorkopf »Mariana W’s World«, der es, den unzähligen Handyknipsereien nach zu urteilen, bald zum begehrtesten Postkartenmotiv der Anlage bringen könnte. Ein Neuzugang auf dem Parcours ist auch Bogomir Eckers »Odolop«, eine wacklige Konstruktion aus roten Eimerzylindern, die sich dem Turmbau zu Babel gleich dem Himmel entgegenstreckt. Pünktlich zum Jubiläum ist der Park um acht Hektar gewachsen. 30.000 Besucher empfängt er inzwischen pro Jahr. Höchste Zeit also, für mehr Auslauf zu sorgen. Cragg tauschte den südlichen Teil des Geländes gegen ein östlich angrenzendes städtisches Waldstück. Der bisher eingrenzende Zaun ist an zwei engen Durchgängen geöffnet. Die vielen Gruppen drücken sich abenteuerlustig durch und halten Ausschau nach dem nächsten verwunschenen Sockel. Manch eine Skulptur, etwa Craggs atelierfrisches, 6,5 Tonnen schweres Urzeitgestein »Caldera«, schüchtert mit seinen Dimensionen regelrecht ein. Ein Blick in das mit Menschenameisen wimmelnde Tal und der besänftigende Bergwind schaffen Abhilfe. Der dazu gewonnene Raum auf einem mächtigen Waldhügel erfreut durch veritable Wanderwege und schattige Plätzchen. Die neue Präsentationsfläche dürfte schnell wieder ausgeschöpft sein, zumal Cragg nach Beendigung seines Akademie-Rektorats jetzt erst richtig mit der Planung seiner Privatsammlung durchstarten kann. Die Eröffnung einer weiteren Ausstellungshalle für Grafiken und Maquetten ist bereits für den 20. September an der Buschstraße angekündigt, unterhalb des Cafés am äußersten Rand des Parks. Es werden Werke von Richard Long, John McCracken, Ian McKeever und Andreas Schmitten zu sehen sein. Die dritte Halle soll bis 2015 im oberen neuen Parkteil auf einer Plattform angesiedelt werden. Ein Kunsttempel mit Aussicht auf Elberfeld. Nur ein Fernglas sollte man zum Einzug selbst mitbringen.

INFO

Skulpturenpark Waldfrieden Tel.: 0202/47898120 www.skulpturenpark-waldfrieden.de


w w w.kulturmetropole.com


54 | SPECIAL KUNST

Bei der C.A.R. verharrt die Kunst nicht in den Hallen, auch draußen findet sie Platz. 2009 etwa diese Textinstallation von Heiko Beck. Foto: Matthias Duschner, Stiftung Zollverein

UMSCHLAGPLÄTZE Kunstmessen im Herbst

20.11. bis 24.11.  Die Cologne Fine Art & Antique in Köln  Möbel und Kunsthandwerk aus Vergangenheit und Gegenwart. Altes Silber und Porzellan, außereuropäische Kunst und aktuelles Design. Gemälde natürlich, besonders aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Außerdem Arbeiten auf Papier – von altmeisterlich bis zeitgenössisch –, für die 2011 eine eigene Sektion eingerichtet wurde. Die Cologne Fine Art & Antique hat vieles zu bieten. Und sie konnte sich damit in den letzten paar Jahren zu einem Kleinod in der Messelandschaft herausputzen: elegant, offen, abwechslungsreich und bei aller Vielfalt nicht ausufernd mit ihren rund 100 Ausstellern. Für die kommende Ausgabe kündigt sich noch einmal eine Neuigkeit an: Ein eigenes Förderprogramm namens »Young Dealers« will dem Kunsthändler-Nachwuchs den Einstieg erleichtern und nebenbei sicher auch ein bisschen frischen Wind in die Köln-Deutzer Messehalle holen. Nach dem Vorbild der »New Contemporaries« bei der »Art Cologne« werden die Jungen auch hier – unterstützt vom Bundesverband Deutscher Galerien – mit Vergünstigungen gelockt. Zu den Neulingen auf gediegenem Parkett zählt etwa Maria Galen, die erst vor knapp drei Jahren ihre Galerie in Greven eröffnete. Auf die Kölner Messe will die junge Frau mit dem heute sicher eher ungewöhnlichen Faible für Alte Meister vor allem niederländische und flämische Malerei des 17. Jahrhunderts mitbringen.

31.10. bis 3.11.  Die Art.Fair in Köln  Sie bietet für jeden etwas – und fährt ziemlich gut mit diesem Mix aus jungen und etablierten Galerien. Hinzu kommt ein üppiges Rahmenprogramm, das dem Event-Bedürfnis des Publikums entgegenkommt – samt »Vernissage Party« und »Fashion Show«. Dafür belohnt wird die Art.Fair mit beachtlichen, immer noch wachsenden Besucherzahlen. Bei der Jubiläumsausgabe im Herbst 2012 zählte man immerhin 34.000 Gäste. Dieses Jahr geht die Art.Fair bereits in die elfte Runde. Gestartet war sie 2003 mit dem klaren Vorsatz, Einsteiger anzusprechen und sich damit auch von der großen Art Cologne abzusetzen. Längst jedoch hat sie sich von solchen Maßgaben verabschiedet. Zwar ist man weiter bemüht um den weniger vermögenden Käufer-Nachwuchs, doch können auch Großsammler fündig werden. Die junge Sparte wird in diesem Jahre etwa von der Galerie »Die Kunstagentin« bedient – unter anderem mit Arbeiten des seit den 90ern aktiven Schweizer Graffiti-Malers Smash 137. Der etwas älteren, doch jung gebliebenen Generation könnten die weitgereisten Müllmänner von HA Schult im Angebot der Galerie Schrade aus Karlsruhe gefallen. Und wer etwas mehr anlegen möchte, findet am Stand der Kunsthandlung Osper das Passende – zum Beispiel eines von Gerhard Richters »Abstrakten Bildern«. Sie alle sind in diesem Jahr ein letztes Mal im Staatenhaus am Kölner Rheinpark zu sehen. 2014 wird die Art.Fair dann in die Messe Köln einziehen.


K.WEST 09/2013 | 55 1.11. bis 3.11.  Die Contemporary Art Ruhr (C. A. R.) in Essen  Warum immer nach Köln oder Düsseldorf schauen? Warum nicht mal etwas Eigenes versuchen in der Ruhrregion mit ihren fünf Millionen Einwohnern? Einen ruhrgebietseigenen Kunstmarkt zum Beispiel. Die Contemporary Art Ruhr, kurz C. A. R., hat es gewagt. Und sie kann einigen Erfolg verbuchen mit ihren beiden jährlich stattfindenden Messen – der Medienkunstmesse im Sommer und der Messe für zeitgenössische Kunst aller Bereiche im Herbst. Seit 2006 behauptet sich das Duett in Essen, trotz der nahen Konkurrenz der nordrhein-westfälischen Kunstmarktmetropolen. Dabei profitiert die C. A. R. sicher nicht zu knapp vom außerordentlichen Ambiente im Weltkulturerbe Zeche Zollverein – so etwas haben weder Köln noch Düsseldorf zu bieten. Anfang November empfängt die Messe ihre Besucher dort wieder in den Räumen des Red Dot Design Museums. Auf die üblichen Messe-Kojen wird hier verzichtet – abgesehen von einzelnen Stellwänden zum Hängen der Bilder gibt es keine räumlichen Begrenzungen in den Hallen. Wie im vergangenen Jahr setzt die C. A. R. auch diesmal wieder einen Asien-Schwerpunkt mit Galerien aus Südkorea. Zum ersten Mal wird White Birch aus der südkoreanischen Hauptstadt Seoul anreisen – mitbringen will die Galerie eine bunte Mischung koreanischer Zeitgenossen. Daneben kümmert sich die C.A.R. auch um den hiesigen Nachwuchs und kooperiert dazu mit Kunsthochschulen. 2013 werden sich ausgewählte Studenten von der Essener Folkwang Universität und der Kunsthochschule Burg Giebenstein aus Halle auf Zeche Zollverein präsentieren. 7./8.10. und 14./15.10.  Kunstpunkte 2013 – offene Ateliers in Düsseldorf  Wie auf einer Landkarte oder wie am gestirnten Himmel streuen sich die »Kunstpunkte« und verbinden sich zu 271 Atelierstandorten: vorsortiert nach Buchstaben wie B (Bühnenbild), C (Collage), F (Fotografie), M (Malerei), MK (Medienkunst), P (Performance), S (Skulptur) und Z (Zeichnung) und verteilt in eine südliche (1. Wochenende, 7./8. Sept.) Hemisphäre bis Reisholz und nördliche Hemisphäre (2. Wochenende, 14./15. Sept.) u. a. mit Flingern. Mach mal ’nen Punkt, scheint das Kulturamt Düsseldorf zu sagen, wenn es das Koordinatennetz über die Stadt legt. Zum 17. Mal findet die Initiative statt. 500 Kunstschaffende, auch Gäste aus Israel, Finnland und Moskau, sind dabei. Jeder ist willkommen, um aktuelle Arbeiten zu betrachten, teils in Privatwohnungen. Man kann die Kunst übrigens auch kaufen! Häufig verlängern sich die Besuche – aus dem Kunstpunkt kann dann ein Gedankenstrich werden. Auch die Off-Szene beteiligt sich, die am jeweils vorangehenden Freitag an 32 Orte einlädt. Ein Flyer teilt Namen, Adressen und Öffnungszeiten mit; ein Shuttle-Service erleichtert das Finden der Ziele; Führungen, erstmals auch auf Englisch werden angeboten.

INFO

www.colognefineart.de www.art-fair.de www.contemporaryartruhr.de www.kunstpunkte.de

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SONNE SATT TEXT: STEFANIE STADEL

Drei Jahre Arbeit und 100.000 Bilder stecken in Katharina Sieverdings neuestem Werk. Um die faszinierende Filmprojektion herum vereint ihre Ausstellung auf Schloss Moyland Erinnerungen aus über 40 Schaffensjahren. Wer eine übliche Retrospektive erwartet, liegt falsch. Viel eher funktioniert die Schau als Groß-Installation, die das Werk als Ganzes begreift.

Katharina Sieverding: Looking at the Sun at Midnight, SDO / NASA, 2011, Testcuts II, 2010. © Katharina Sieverding/VG Bild-Kunst, Bonn 2013, © Fotos: Klaus Mettig/VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Eine »märchenhafte Stimmung«: die Fahrt über die Felder im Nebel, dann das verwunschene Wasserschloss. Es war ein kühler Montag im Januar, als Katharina Sieverding zum Ortstermin nach Moyland kam. Noch immer nicht sicher, ob sie die Anregung der Museumsleitung tatsächlich aufnehmen sollte. Ob sie wirklich mit einer Einzel-Ausstellung hier einziehen wollte. War ihr das Schloss doch noch immer suspekt. Vor allem, weil Joseph Beuys – oder besser die weltweit größte Sammlung seiner Arbeiten – hier zu Hause ist. Sieverding hatte einst in Düsseldorf bei der Künstlerlegende studiert und weiß, wie hartnäckig sich ein solch prominenter Lehrer in der eigenen Vita festsetzen kann. Die Schau in Beuys’ Hauptquartier könnte dem eigenen Schüler-Image leicht Vorschub leisten, so ihre Befürchtung. Als weiterer Grund für Sieverdings langes Zögern kommt so etwas wie Ehrfurcht vor dem Künstler, Lehrer, Menschen hinzu – es bedürfe schon einiger Anstrengungen, dem »Beuys-Fort-Knox« gerecht zu werden. Doch nach dem Besuch im Winter wollte die Künstlerin es wagen. Wenig später begab sie sich ans multimediale Werk mit dem erklärten Vorsatz, das Solo zu einem »Glanzpunkt« auf Schloss Moyland werden zu lassen. Die Arbeit ist nun getan, der Nebel hat sich längst gelichtet. Stattdessen sengende Sommer-Sonne – zuerst in Bedburg-Hau, wo Sieverdings Schau inzwischen angelaufen ist. Und anschließend in Düsseldorf, wo die Künstlerin seit Jahrzehnten lebt. Auf dem Rückweg vom Ausstellungsbesuch am Niederrhein trifft man sie dort im Hinterhaus-Loft, der

»Factory«. Ganz in schwarz, das rote Haar streng nach hinten frisiert und zum Zopf gebunden – eben so, wie sie bekannt ist aus unzähligen Selbstbildnissen. Zwischen etlichen Festplatten, großen Monitoren, imposanten Druckmaschinen spricht die bald 70-Jährige über ihr Werk im Allgemeinen und über die Schau im Besonderen. »Weltlinie 1968 – 2013« – der Ausstellungstitel klingt nach Retrospektive. Auch das Faltblatt kündigt die »große Überblicksschau« an. Ist das in Sieverdings Sinne? Sie holt tief Luft und dreht die Augen gen Himmel – nein, offenbar ganz und gar nicht. Vielmehr empfinde sie ihren Auftritt als Groß-Installation. Und so mutet das dichte, ausgetüftelte Arrangement auch an. Indem es auf alte Arbeiten zurückgreift, sie in neue Formate oder Medien überführt und mit ganz neuen zusammenbringt, sagt es sehr viel über Sieverdings Werk. So einiges kommt darin zusammen: Foto, Film, Installation. Selbstfotografierte und vorgefundene Bilder. Reflexionen über das Individuum und den Kosmos, politische und gesellschaftliche Fragestellungen, Bilder aus den Massenmedien, Aufnahmen, die dem medizinischen und naturwissenschaftlichen Kontext entstammen. Und natürlich immer wieder fotografische Selbstporträts als Projektionsfläche, auf vielfältige Weise verfremdet, oft schwankend zwischen Gesicht und Maske. Nichts davon fehlt auf Schloss Moyland, und alles kreist – wie so oft bei Sieverding – um die Sonne. Diesmal gibt sie sich allerdings nicht auf den


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Katharina Sieverding: Weltlinie 1968-2013, Museum Schloss Moyland, Raumansicht. Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland / Maurice Dorren

ersten Blick zu erkennen. Kein gleißendes Licht, kein loderndes Rot. In Sieverdings jüngster, erst kurz vor der Schau vollendeter Arbeit zeigt sich das Gestirn stattdessen in erfrischendem Blau. Drei Jahre lang habe sie tagtäglich Daten aus dem Internet geladen, Bilder einer Weltraummission der NASA, die Strahlungs- und Oberflächenphänomene der Sonne untersucht. Am Ende waren es über 100.000 Aufnahmen, aus denen die Künstlerin ihren faszinierenden Film zusammengesetzt hat. Die vier mal vier Meter große Projektion an der Stirnwand des zentralen Ausstellungssaals ist Kern und Höhepunkt ihrer Ausstellung. Hätte man die Muße, so könnte man der blauen Sonne über zwei Stunden beim Kreisen zusehen, würde immer wieder leuchtende Eruptionen erkennen und dabei den rein wissenschaftlichen Hintergrund des ästhetisch überaus einnehmenden Schauspiels wahrscheinlich schnell vergessen. Der paradoxe Titel des Werks, »Die Sonne um Mitternacht schauen«, führt weit zurück: Bereits in den frühen 70ern hatte Sieverding eine Fotoserie mit riesigen, verfremdeten Selbstporträts so genannt und dabei ein ganz konkretes Erlebnis vor Augen. »Damals habe ich oft nachts gearbeitet, weil man da die meiste Ruhe hat. Es gab immer wieder überraschende Erlebnisse in der Dunkelkammer, wenn sich auf dem Fotopapier plötzlich das Bild offenbarte.« Daneben schwingen, laut Sieverding, auch antike Sonnenmysterien im Titel mit. Eingeweihte hätten die Sonne durch die Erde hindurch imaginiert. »Die-

Über 1000 kreative Zeitgenossen stellen aus, laden ein oder lassen sich über die Schultern gucken. Tolles Restaurant mittendrin und Feiern mitten im Künstlerdorf. 6,50€ Eintritt inkl. beliebig viel Tee, Milchkaffee, Limo, Cola, Espresso,...

City Essen, rechts vor dem Einkaufszentrum.


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Katharina Sieverding: Weltlinie 1968-2013, Museum Schloss Moyland, Raumansicht. Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland / Maurice Dorren

se Übung finde ich großartig – weg von dem ganzen Sonnenkult, wie wir ihn betreiben«. Im zentralen Saal gruppieren sich vier weitere Großprojektionen um das Gestirn, gespeist durch Arbeiten aus den vergangenen vier Jahrzehnten. Vor allem Papierarbeiten, die Sieverding eingescannt hat, um sie nun schwerelos und in Großformat an den Wänden gleichsam zum Schweben zu bringen. In unterschiedlichem Takt wechseln die Bilder und lassen, wie im Zeitraffer, Bekanntes vorüberrauschen – so sieht gekonntes Recycling aus. Man wird erinnert an jenen frühen Film »Live-Death«, in dem die Künstlerin mit einem leuchtend roten Mantel hantiert, dann an die Fotoserie »Transformer«, wo sie 1973 das eigene Porträt mit dem ihres Partners Klaus Mettig verschmelzen lässt. Oder auch an »die Sonne um Mitternacht schauen« in der ersten Fassung mit dem ikonisch vergoldeten Konterfei der Künstlerin. Immer wieder einmal griff Sieverding für ihre Werke nach medizinischem Bildmaterial – es liegt auch nicht ganz fern. Als Arzttochter hatte sie es 1963 selbst mit dem Studium der Medizin versucht, sich aber gleichzeitig an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg eingeschrieben, wo es ihr allerdings bald langweilig wurde. Spannender fand Sieverding den Malersaal des Hamburger Schauspielhauses. Zunächst wählte sie deshalb das Theater als Schule, wechselte dann nach Düsseldorf in die Klasse des Bühnenbildners Teo Otto, wo Beuys auf sie aufmerksam wurde und die junge Frau in den eigenen Bannkreis zog. Ganz spurlos scheint die Theater-Phase nicht an ihr vorübergegangen zu sein. Durchaus möglich, dass aus dieser Zeit ihr Hang zur wirkungsvollen Inszenierung herrührt, der nun auch auf Schloss Moyland beeindruckt. Alles hängt zusammen: Die Sonne als Dreh- und Angelpunkt, dazu der konzentrierte Blick übers Schaffen der vergangenen Jahrzehnte. Und schließlich die Präsentation in den seitlichen Korridoren der Ausstellungshalle: Hier zeigt Sieverding aktuelle Arbeiten, die ihre »Weltlinie 1968 – 2013« ergänzen und vervollständigen – das

im Zentrum konzentrierte künstlerische Werk »historisch oder massenmedial verorten«, wie sie sagt. Für ihren persönlichen Rückblick auf ausgewählte Ereignisse und Persönlichkeiten seit den 70ern greift die Künstlerin vor allem auf Druckerzeugnisse aus dem eigenen, reichen Archiv zurück. Für den Auftritt in Bedburg-Hau hat sie die Kisten erstmals geöffnet und abgelichtet. Man schaut mit Sieverdings Kamera in Kartons voller Einladungskarten und auf Spiegel-Ausgaben aus vier Jahrzehnten, die Stapel so geordnet, dass obenauf immer zwei in Inhalt und Kombination prägnante Cover zum Liegen kommen. Während etwa links »E.T. Das kleine Monster aus dem All« posiert, drängt sich rechts die Frage nach den »Flick-Millionen« in den Vordergrund. Oder während auf der einen Seite unter der Schlagzeile »Kommunismus heute« Hammer und Meißel rosten und brechen, geht es auf der anderen um den »Aufruhr in China«. Klar ist Sieverding das ewige Beuys-Schüler-Dasein leid, doch an ihrer Verbundenheit zum alten Lehrer ändert das nichts. Auch die Gemeinsamkeiten bleiben: Es ist jene eigenartige Verquickung von Kunst und Politik, von Individuum und Gesellschaft, Mystik und Tagesgeschehen, die, bei Beuys angelegt, sich nun auch auf Sieverdings Moylander »Weltlinie« klar abzeichnet. Zu Recht schaut die Künstlerin zufrieden auf die Ergebnisse ihrer Anstrengungen der letzten Wochen und Monate. »Für mich war dieses Projekt eine große Herausforderung«, so ihr Resümee. Doch abschließend könne sie wohl sagen, dass die Gesamtinstallation in dieser Form an diesem Ort optimal gelungen ist. Und noch etwas: Zwar habe sie mit Beuys nie über »die Sonne um Mitternacht« gesprochen. Doch Sieverding ist sich ganz sicher: »Er hätte sofort kapiert, was dieser Satz bedeutet«.

INFO

Museum Schloss Moyland, Bedburg-Hau Bis 24. November 2013 Tel.: 02824/951027 www.moyland.de


JUBILÄUM? NO.01

JANUAR 2007

4,50 EURO

K.WEST

ISSN 1613-4273

NO.01

JANUAR 2008

4,50 EURO

Das Feuilleton für NRW

Das Lächeln von Angkor // Tatort Attentat // Picassos Wunsch nach Ewigkeit // Kein Tag ohne Linie: Paul Klee // Christoph Peters’ Sammellust // Termine und Tipps

K.WEST

ISSN 1613-4273

NO.01

JANUAR 2009

4,50 EURO



 











K.WEST

Das Feuilleton für NRW

Aufsteigend: Patrycia Ziolkowska // Bedenkenswert: Museum der Migration // Angstmachend: WDR 3-Reform // Design: »Passagen« in Köln / Der Architekt als »Room Doctor« / Möbel, die zu Herzen gehen // Pop am Rhein: die Legende vom »Creamcheese« // Termine und Tipps



ISSN 1613-4273

NO.03

MÄRZ 2009

4,50 EURO

K.WEST

Das Feuilleton für NRW

Zukunftsmusik: Martin Stadtfeld und Hans Werner Henze // Porträt: Sarah Viktoria Frick // Projekt Kunst: Joseph Beuys // Monty PythonMusical in Köln // DesignTalente auf der Möbelmesse // Termine und Tipps

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ISSN 1613-4273

ISSN 1613-4273

NO.04

APRIL 2009

4,50 EURO

Das Feuilleton für NRW Art Cologne und junge Künstler: Florian Meisenberg und Anna K.E. // Junges Design aus Bochum: Katter // Deanna Templeton und Modigliani // Herbert Fritsch trifft Roberto Ciulli // Christoph Peters kocht japanisch // Porträt: Christine Schäfer // Termine und Tipps

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Alt ist jung: Charles Darwin. Alt ist alt: Die PiusBrüder // Lit.Cologne: Johanna Adorján // Kunst: Maria Lassnig, Oda Jaune, Klimaphantasien // Musik: David Pountney, Arcadi Volodos // Tanz: Heinz Spoerli // Termine und Tipps

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K.WEST

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DAS SCHÖNSTE MUSEUM DER WELT HOMMAGE AN DIE BECHERS, BOULEZ UND UECKER NENA WIRD FÜNFZIG!

 

  

 







       





   

 











            



 

 





 

 

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K.WEST ISSN 1613-4273 NO.03 OKTOBER 2010 4.50 €€¤

20.12.2006 16:49:44 Uhr

ISSN 1613-4273

NO.02

FEBRUAR 2009

K.WEST

4,50 EURO

ISSN 1613-4273

NO.02

FEBRUAR 2010

4,50 EURO

Das Feuilleton für NRW

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Nackt und andere Wahrheiten: Robert Mapplethorpe in Düsseldorf // Obsessionen der Reduktion: Die Bechers in Bottrop + Giacometti in Duisburg // End und Zwischenwelten: Die Odyssee beginnt an der Ruhr // Termine und Tipps

Deutsche Köpfe: Jim Rakete und seine Prominentenporträts // Stadt unter: Das Theater der klammen Kommunen // Bauen mit Bekenntnis: Gottfried Böhms JahrhundertArchitektur // Literatur: Norbert Gstrein erzählt Geschichte // Termine und Tipps

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kwest01-2007.indb 1

      





    



        

 





      

     

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

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ELEKTRISCHER SCHOCK: WIM WENDERS ÜBER PINA BAUSCH FOTOGRAFIE ALS ZEITGEISTJÄGER: AUSSTELLUNGEN IN DÜSSELDORF UND KÖLN TANZLAND NRW: SIEGAL/FABRE/PRIOVILLE BESUCH IM KOPTEN-KLOSTER HÖXTER

IM SCHATTEN JUNGER KÜNSTLERBLÜTE: RUNDGANG AN DER AKADEMIE DÜSSELDORF SCHAUSPIEL KÖLN: FÜNFMAL WITTENBORN KASPER KÖNIGS VERMÄCHTNIS MARINA WEISBAND: INTERVIEW MIT DER PIRATIN

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K.WEST ISSN 1613-4273 NO.02 FEBRUAR 2012 4.50 ¤

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K.WEST ISSN 1613-4273 NO.02 FEBRUAR 2011 4.50 ¤

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

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SZENE DÜSSELDORF SPECIAL

SPECIAL

SZENE KÖLN

GRIMME-PREIS FÜR HANNELORE HOGER: EINE NAHAUFNAHME LIT.COLOGNE: KRACHT, BOVENSCHEN + DEBÜTANTEN FARBE + FORM: CORNELIUS VÖLKER + EDUARDO CHILLIDA

THAT’S ME: KÜNSTLERSELBSTBILDNISSE WOLF WONDRATSCHEK ÜBER VATERGEFÜHLE PORTRÄT BRIGITTE KRONAUER HEINZ MACK WIRD 80 / DIE MAUS 40 DIE FILMSTIFTUNG NRW 20 JAHRE ALT

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.03 MÄRZ 2012 4.50 ¤

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K.WEST ISSN 1613-4273 NO.03 MÄRZ 2011 4.50 ¤

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS





   



 

 





JUNGE GALERISTEN AUF DER ART COLOGNE LIEBERMANN IN BONN / FRAUENFILMFESTIVAL IN DORTMUND MOSCHEE MARXLOH: MODELL GESCHEITERT? JOACHIM RADKAU: RISIKO ATOM

JUNGE KÜNSTLER AUF DER ART COLOGNE MICHAEL SCHMIDTS »LEBENSMITTEL« HERWARTH WALDENS »STURM« KURZFILMTAGE OBERHAUSEN KRUPP IM RUHRMUSEUM WAS FACEBOOK VON UNS WEISS

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K.WEST ISSN 1613-4273 NO.04 APRIL 2012 4.50 ¤

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SPECIAL

KLASSIKSZENE NRW

KLASSIK

RUHRFESTSPIELE: OSTERMAIER ÜBT DEN »AUFSTAND« MÜLHEIMER »STÜCKE«: »VERRÜCKTES BLUT« TIERFILME IN OBERHAUSEN / LAWRENCE VON ARABIEN IN KÖLN STREIT UM WERKAUSGABE BÖLL 

 

 











 



















   



 







 





 

 





ROMY SCHNEIDER IN DER BUNDESKUNSTHALLE FEHLFARBEN UND DAS NEUE ALBUM »XENOPHOBIE« RUHRFESTSPIELE: RUSSISCHE REISE MÜLHEIMER »STÜCKE«: PORTRÄT ANNE LEPPER EL GRECO UND DIE MODERNE IN DÜSSELDORF



   





K.WEST ISSN 1613-4273 NO.05 MAI 2012 4.50 ¤

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.05 MAI 2011 4.50 ¤

ISSN 1613-4273

NO.06

JUNI 2009

4,50 EURO

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K.WEST

Das Feuilleton für NRW HA Schult wird 70 // Drei Ausstellungen zur Varusschlacht // Klimawandel in NRW // Der Countertenor Philippe Jaroussky und die Schriftstellerin Judith Hermann im Interview // Das Mahler Chamber Orchestra im Porträt // Termine und Tipps

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

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SOMMER

SPECIAL

2011

SOMMERSPECIAL 2012

THEATERSPORT SCHAUSPIEL: DIE VIER BECKMANN-GESCHWISTER TOLLES GELD: DEN BÜHNEN FEHLEN MILLIONEN TANZ-KUNST: YVONNE RAINER + SILKE Z. IN KÖLN SOFORTBILD: »POLAROIDS« IM NRW-FORUM

20 JAHRE ALT: DAS FESTIVAL IMPULSE FAST 200 JAHRE ALT: DAS FOTO-ARCHIV KRUPP CLEMENS MEYER ÜBER TATTOOS RÄTSELHAFT GUT: DER SCHAUSPIELER JAN-PETER KAMPWIRTH

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K.WEST ISSN 1613-4273 NO.06 JUNI 2012 4.50 ¤

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K.WEST ISSN 1613-4273 NO.06 JUNI 2011 4.50 ¤

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Ê DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

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SPECIAL

RUHRTRIENNALE

2011

STADTTEILVERWANDLUNG: GESCHICHTEN AUS DÜSSELDORF CY TWOMBLY UND JOEL STERNFELD LITERARISCHE REISE-EMPFEHLUNGEN FÜR DAHEIMBLEIBER

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SPECIAL RUHRTRIENNALE 2012

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DOCUMENTA: ZWEI KÜNSTLER AUS NRW ANSELM KIEFER GROSS IN BONN FAULES IM SYSTEM KUNSTMARKT GIFT IM SCHRANK DER BUNDESMEDIENPRÜFER

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SEPTEMBER 2005

K.WEST

3,90 EURO

ISSN 1613-4273

NO.09

SEPTEMBER 2008

4,50 EURO

www.www.kulturwest.de

Das Feuilleton für NRW Madonna: Die Künstlerin als Geschäftsfrau // Expertenkommission: Die große Flurbereinigung in der Kultur // RuhrTriennale: Bondy / Kamerun / van Hove // Stadtplan: Köln baut um // Kulturgeschichte: Rom endet in Bonn // Termine und Tipps

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NO. 9

09

ISSN 1613-4273

4 196376 504504

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

Spiel macher ISSN 1613-4273

NO.11

NOVEMBER 2008

4,50 EURO







 













SPECIAL KUNST AKTUELL

  

 



 



RUHRTRIENNALE: EINE JURY AUS KINDERN, EIN »PROMETHEUS« AUS SAMOA BESCHNEIDUNGSDEBATTE: RELIGION VS. SELBSTBESTIMMUNG SONDERBUND-AUSSTELLUNG IN KÖLN, BEUYS-ATELIER IN KLEVE GEGEN MARKTKONFORME DEMOKRATIE: INTERVIEW MIT INGO SCHULZE

 



09

MIT FERIDUN ZAIMOGLU DURCH DUISBURG HERBERT FRITSCH VON A BIS Z DIE BUNTE WELT DES ANIME / DIE DUNKLE WELT DES GEORGE GROSZ RUHRTRIENNALE: PORTRÄT LUK PERCEVAL

 



 





 

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K.WEST ISSN 1613-4273 NO.09 SEPTEMBER 2012 4.50 ¤ K.WEST ISSN 1613-4273 NO.09 SEPTEMBER 2011 4.50 ¤

K.WEST

ISSN 1613-4273

NO.10

OKTOBER 2008

4,50 EURO

Das Feuilleton für NRW

Zu winzig? Andreas Gurskys Miniaturfotografie in Krefeld // Zu wenig? Das Programm der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 // Gerühmt: Gerhard Richter, Tilman Rammstedt, Dimiter Gotscheff, Christof Loy // Termine und Tipps

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K.WEST

Das Feuilleton für NRW

 

4 196376 504504

HANS-HEINRICH GROSSE-BROCKHOFF FÖRDERT WERTE WERNER MÜLLER KULTIVIERT KOHLE YVES EIGENRAUCH VERTEIDIGT FUSSBALLERTUGENDEN RINKE UND SCHIMMELPFENNIG SUCHEN DIE ARBEIT RUHRTRIENNALE MAX ERNST MUSEUM NRW WOHIN – TERMINE UND TIPPS



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Das Feuilleton für NRW

K.WEST

09

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.07 JULI/AUGUST 2012 5.80 ¤

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.07 JULI/AUGUST 2011 5.80 ¤

4 196376 504504

 

Warum Gott keine Knollennase hat: Ralf Königs ComicGenesis // Warum eine Moschee anders aussehen muss: Planung in Köln, Vollendung in Duisburg // Warum Herbert Fritsch in Oberhausen inszeniert // Warum Stefan Soltesz gern Brünnhilde wäre // Termine und Tipps

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

© Art Spiegelman

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

KLASSIKSPECIAL

DÜSSELDORFS NEUE SCHAUSPIEL-ÄRA: PORTRÄT CHRISTOPH LUSER / INTERVIEW STAFFAN VALDEMAR HOLM KRIEGSFOTOGRAFIE DURCHS MAGNUM-OBJEKTIV IM NRW FORUM 50 JAHRE ANWERBEABKOMMEN TÜRKEI

ART SPIEGELMANS »CO-MIX« IN KÖLN ANDREAS GURSKYS WELTTHEATER IN DÜSSELDORF CHRISTOPH SCHLINGENSIEFS NACHLASS KULTURMINISTERIN UTE SCHÄFERS PLÄNE

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.10 OKTOBER 2012 4.50 ¤ K.WEST ISSN 1613-4273 NO.10 OKTOBER 2011 4.50 ¤

4,50 EURO

K.WEST

ISSN 1613-4273

NO.11

NOVEMBER 2009

4,50 EURO

Das Feuilleton für NRW Karrierestart: Alexander Esters // Werkschauen: Alex Katz und Claude Monet // Festivals: Filmwoche Duisburg und Impulse // Besuch bei der Piratenpartei // 40 Jahre ReformUni Bielefeld // Tanzmisere in Köln und Bonn // Termine und Tipps

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

KLANG-FUSION: PHILIPPE JAROUSSKY UND CONCERTO KÖLN THEATER-ANFÄNGE: BOCHUM, DORTMUND, ESSEN NEUERÖFFNUNG: KÖLNS KULTURZENTRUM AM NEUMARKT HORIZONTE: DUISBURGER FILMWOCHE EINDRÜCKE AUS CHINA UND ISTANBUL

NUTELLA UND PENATENCREME: THOMAS RENTMEISTER IN BONN DIE KUNDENUNIVERSITÄT: STUDENT 2.0 NEUES MOYLAND, ALTER ZANK KÖLNS KUNST IM MITTELALTER

FECHTEN, HAUEN, FALLEN: DER KAMPF-CHOREOGRAF KLAUS FIGGE GEMA CONTRA CLUBS DAS KULTURVERSTÄNDNIS DER PIRATENPARTEI DAVID HOCKNEY IN KÖLN, RUBENS IN WUPPERTAL

0 K.WEST ISSN 1613-4273 NO.11 NOVEMBER 2011 4.50 ¤

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.11 NOVEMBER 2010 4.50 ¤

NO.12

DEZEMBER 2008

4,50 EURO

Geburtstagskinder: Mechthild Großmann / Heine und Heino // Künstlerpaare: Felix und Irmel Droese nebst anderen // Ist Ruhr.2010 machbar?: KulturhauptstadtDirektor KarlHeinz Petzinka // Ist die Wirtschaft zu retten?: Die Alanus Hochschule // Termine und Tipps

K.WEST

ISSN 1613-4273

NO.12/01

DEZEMBER 2009/JANUAR 2010

Sensationell neu: Museum Folkwang und Ruhr Museum in Essen // Museum des Jahres: Schloss Morsbroich in Leverkusen // David Lynch als Maler // Hommage an den BauschTänzer Lutz Förster // Termine und Tipps

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.11 NOVEMBER 2012 4.50 ¤

40 SEITEN VORSCHAU 2013

30 SEITEN VORSCHAU 2012

30 SEITEN VORSCHAU 2011

TOM TYKWER ERZÄHLT VON DER LIEBE VOR ORT: WO ÜBERALL BEUYS WAR AMERIKAS BILDER: MITCH EPSTEIN IN BONN STADTPLANUNG AN RHEIN UND RUHR K.WEST ISSN 1613-4273 NO.12/01 DEZEMBER 2010/JANUAR 2011 5.80 ¤

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

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DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

Mit

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Das Feuilleton für NRW

KulturWegweiser 2010

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Das Feuilleton für NRW

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NOVEMBER 2008

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NO.11

Zu winzig? Andreas Gurskys Miniaturfotografie in Krefeld // Zu wenig? Das Programm der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 // Gerühmt: Gerhard Richter, Tilman Rammstedt, Dimiter Gotscheff, Christof Loy // Termine und Tipps

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ISSN 1613-4273

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Das Feuilleton für NRW

PETER WEISS-PREIS: FATIH AKIN IM GESPRÄCH VOM ENDE DES TANZTHEATERS CHRISTOPH MARTHALER INSZENIERT AM SCHAUSPIEL, FÜNF COUNTERTENÖRE SINGEN AN DER OPER KÖLN NRW-STAATSPREISTRÄGERIN MONIKA HAUSER ERZÄHLT

ALS WÄR’S EIN STÜCK VON OCCUPY: SCHORSCH KAMERUN INSZENIERT IN KÖLN INTERVIEWS MIT ANDREA BRETH + HEINER GOEBBELS DEM KUNSTMARKT AUF DER SPUR WEIHNACHTSMÄRCHEN, WEIHNACHTSMÄRKTE

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.12/01 DEZEMBER 2011/JANUAR 2012 5.80 ¤

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K.WEST ISSN 1613-4273 NO.12/01 DEZEMBER 2012/JANUAR 2013 5.80 ¤

10 JAHRE KUNST, BÜHNE, MUSIK, DESIGN, FILM, LITERATUR

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60 | SPECIAL KUNST KUNST

KUNST–RÄUME David Reed: #637, 2003-2013. Galerie Schmidt Maczollek, Köln.

Der Urlaub geht zu Ende, und die NRW-Galerien legen los. Viele starten bereits am ersten September-Wochenende unter dem gemeinsamen Label »DC Open« in die neue Saison. K.WEST hat Tipps für den Spaziergang durch die herbstliche Galerien-Landschaft zusammengestellt.

 DÜSSELDORF  KONRAD FISCHER Thomas Ruff – New Works (6.9. bis 2.11.) Regelmäßig überrascht er mit neuen Ideen, Motiven, fotografischen Verfahren. In seiner jüngsten, ab September bei Konrad Fischer präsentierten Werkgruppe allerdings greift Thomas Ruff dabei auf Altes zurück. Genauer auf die Technik des Fotogramms, bei der Gegenstände auf lichtempfindliches Papier gelegt werden und dort Spuren hinterlassen. Seit den 1920er Jahren wurde diese »Fotografie ohne Kamera« gern praktiziert von Größen wie Man Ray oder László Moholy-Nagy. Der 1958 geborene Ruff nun entwickelt sie weiter – überführt sie ins Digitale. Die Dunkelkammer verlegt er dabei sozusagen in den Computer. Und es sind nicht reale, sondern erfundene Formen oder Objekte, die er dort – im virtuellen Raum – platziert und aus verschiedenen Winkeln belichtet. Mit Blick auf die Ergebnisse denkt man an Wellen, Kristalle, Spiralen, fühlt sich aber nur noch entfernt erinnert an die Klassiker des Fotogramms. www.konradfischergalerie.de RUPERT PFAB Lucile Desamory – Der Drall (6.9. bis 2.11.) Skulpturen oder Collagen, gebastelt aus Pappe und Stoff. Nostalgisch bestickte Vorhänge. Kleine Papiermodelle, die zur Bühne werden für eigens inszenierte Miniatur-Schauspiele. Das Werk von Lucile Desamory ist vielfältig. Auch Filme dreht die in Berlin lebende Belgierin. Und egal, was die 36-Jährige tut, immer wieder begibt sie sich dabei auf die Suche nach dem Unheimlichen, Unerklärlichen. »Das wichtigste für mich ist die Möglichkeit, unsicher zu sein«, so die Künstlerin. »Die Lücke zwischen dem, was man als wahr annimmt, und dem was man als unwahr annimmt...«. Im Rahmen der »DC Open« gibt Desamory nun ihr Debüt bei Rupert Pfab. www.galerie-pfab.com  DUISBURG  GALERIE JETZT AM DELLPLATZ Kai Borsutzky – Was übrig bleibt (14.9. bis 13.10.) Der Ausstellungstitel ist Programm. In der Galerie Jetzt am Dellplatz zeigt der 1987 in Essen geborene Künstler Arbeiten aus Fundstücken. Aus Dingen, die übrig geblieben sind – in Wohnhausruinen oder bei Haushaltsauflösungen. So fand Kai Borsutzky in einem jener verlassenen Häuser vier Fotoalben, die er zur Quelle neuer Bilder werden ließ. Eine andere Werk-

gruppe rekonstruiert aus alten Dias das Leben einer ihm unbekannten Frau, Irmtraud B. Wie ein Puzzle setzt Borsutzky hier die Fragmente des zurückgelassenen Lebens neu zusammen. jetzt-am-dellplatz.de  KÖLN  GALERIE SCHMIDT MACZOLLEK David Reed (6.9. bis 2.11.) Metallic-pinke Pinselschwünge, teils verborgen hinter Streifen in deckenden Blautönen. Und über allem tobt ein wildes Liniengespinst. Kräftige Farben, heftige Gesten. Es sieht ziemlich künstlich, vielleicht gar technoid aus, was David Reed da auf die Polyester-Leinwand bringt. Auch in seinen neuesten Arbeiten, die der 1946 geborene Künstler jetzt bei Schmidt Maczollek zeigt, scheint seine immer abstrakte, oft sehr farbintensive Handschrift unverkennbar. Immer wieder sind es jene Schlaufen, Schwünge, Wellen, Striche. Mit dünner Farbe in breiten Bahnen aufgebracht, überlagern oder durchdringen sie sich gegenseitig und vermitteln dabei die Illusion von Raum, von Tiefe. www.schmidtmaczollek.com GALERIE CHRISTIAN LETHERT Daniel Lergon (6.9. bis 19.10.) Er hat schon allerlei ausprobiert – ganz eigene Wirkungen erzielt. Zum Beispiel, wenn er mit Metallpigmenten auf Papier zeichnete oder transparente Lacke auf besonders lichtempfindliche Gewebe aufbrachte. Sehr spezielle Effekte entwickelt der 1978 in Bonn geborene Daniel Lergon auch in seinen neueren, nun bei Christian Lethert gezeigten Arbeiten. Diesmal benutzt der Künstler pulverisiertes Metall, trägt es auf die Leinwand auf und malt anschließend mit leicht angesäuertem Wasser darauf – erst die allmähliche Oxidation lässt abstrakte Farben und Formen erscheinen. www.christianlethert.com PAMME-VOGELSANG GALERIE Wang Fu – der Quadratische Himmel (6.9. bis 3.11.) Vor 27 Jahren hat er seine Heimat verlassen. Doch China spielt weiterhin eine tragende Rolle in Wang Fus Schaffen. Seine neuesten Werke – nun zu sehen bei Pamme-Vogelsang – nehmen Bezug auf die »Verbotene Stadt«. Es sind quadratische Gemälde, die allesamt 99,5 mal 99,5 Zentimeter messen und den Himmel zeigen. Mal ist er makellos blau,


K.WEST 09/2013 | 61

JOHN BOCK Im Modder der Summenmutation

ein andermal von zarten Schleiern durchzogen. Dann wieder türmen sich bedrohlich dunkle Wolkengebilde auf – als würde demnächst ein Donnerwetter losbrechen. Auf den ersten Blick mögen diese Gemälde fotorealistisch anmuten, vielleicht auch an Gerhard Richters »Wolkenbilder« erinnern. Doch wird schnell klar, dass Wang Fu (Jg. 1960) das geläufige Motiv von seiner eigenen Warte aus wahrnimmt: Er stiftet Verwirrung, schaut aus dem Himmel in den Himmel und verleiht seinen Bildern so einen ganz eigenen Reiz. www.pamme-vogelsang.de

3. Oktober 2013 – 12. Januar 2014 in Bonn

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Museumsmeile Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn T +49 228 9171-200, www.bundeskunsthalle.de

Tickets im Vorverkauf inklusive VRS-Fahrausweis über www.bonnticket.de, Ticket-Hotline +49 228 502010 und an allen bekannten Vorverkaufsstellen.

MICHAEL WERNER KUNSTHANDEL Jeff Cowen – Photography (6.9. bis 26.10.) Das Dokumentarische ist eine Stärke der Fotografie. Nicht so bei Jeff Cowen. Er fotografiert zwar – Porträts, Akte, Stillleben... –, doch entscheidender für die Bilder des 1966 in New York geborenen Künstlers ist das, was anschließend geschieht. Wie der Maler die Farbe, so nutzt Cowen die Chemikalien in seiner Dunkelkammer. Er entwickelt die Kompositionen, lässt aber auch teils unkontrollierbaren Prozessen ihren Lauf, zuweilen zerschneidet und collagiert er sogar das Fotopapier. Die Bildfindung kann mitunter Wochen oder Monate dauern, und das Ergebnis bleibt immer offen. Manchmal bewegt es sich ganz nah am fotografischen Gegenstand, doch kann es ebenso gut völlig abstrakt ausfallen. Spannende Beispiele bietet jetzt die Ausstellung bei Michael Werner in Köln. www.michaelwernerkunsthandel.de FUHRWERKSWAAGE Hans Diernberger (10.11. bis 24.11.) Seit 35 Jahren gehen junge Künstler hier ein und aus. Doch kennt den nichtkommerziellen Kunstraum Fuhrwerkswaage längst nicht jeder in Köln. Der Künstler, Kurator und Initiator der 2008 gestarteten »new talents-biennale cologne«, Jochen Heufelder, hat ihn bereits 1978 im ehemaligen Umspannwerk neben dem Sürther Bahnhof weit im Kölner Süden eingerichtet. Die über sechs Meter hohen Wände des historischen Backsteinbaus schaffen eine fast sakrale Atmosphäre – und noch dazu ideale Ausstellungsbedingungen. Ab November wird der 1983 geborene Hans Diernberger – Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln und Stipendiat an der Villa Aurora – hier mit einer multimedialen Installation gastieren. www.fuhrwerkswaage.de

VON DER HEYDT

KUNSTHALLE WUPPERTAL-BARMEN 8.9.2013 - 26.1.2014

SVEN DRÜHL Werke 2001-2013

www.von-der-heydt-kunsthalle.de Ermöglicht durch:

Sven Drühl, S.D.N.N.J.M., 2012, Sammlung Blumenberg, Köln © VG Bild-Kunst Bonn, 2013


62 | SPECIAL KUNST

TEMPERAMENT UND ZUCHTLOSIGKEIT von helge achenbach Der Düsseldorfer Kunsthändler Helge Achenbach über den Maler und »wilden Mann« Jörg Immendorff. Der Text stammt aus der in diesem Monat erscheinenden Autobiografie des »Sammlers und Jägers« Achenbach.

Jörg Immendorff, 2004. Foto: ullstein bild – JOKER /Marcus


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Das Motto »Geben ist seliger denn nehmen« war nicht gerade die Leitlinie im Leben von Jörg Immendorff. Der war ein Kämpfer, ein Genussmensch und immer maßlos in allem, was er tat. Aber was so viele andere abstieß – seine extravagante Persönlichkeit, seine lauten politischen Reden, seine aufgebrachten Kunststatements –, hat mich immer angezogen. In seiner Kunst zeigte sich seine Maßlosigkeit früh in den berüchtigten antiimperialistischen LIDL-Kunstaktionen und in seinem unermüdlichen Einsatz für die deutsch-deutsche Frage in den Café Deutschland-Bildern. Und selbst später, während seiner unheilbaren Nervenkrankheit, hatte er die Kraft, sich und seine Malerei noch einmal neu zu erfinden. Nicht einmal seine körperliche Lähmung hielt ihn davon ab, vom Rollstuhl aus seine Assistenten strengstens bei der Ausführung seiner Entwürfe zu kontrollieren. Privat war er ebenso maßlos und drängend in seiner Sexualität und dem Drogenkonsum, selbst nachdem er seine junge Frau Oda Jaune geheiratet hatte und noch einmal Vater wurde. Immendorff war eine Kerze, die an beiden Enden brannte. Diese Unmäßigkeit machte ihn verletzbar. Er brauchte wirkliche Freunde. Mir hat er vertraut. Ich habe ihn das erste Mal im Weißen Bären, seiner Stammkneipe, gesehen. Damals kannte jeder in Düsseldorf diesen gut aussehenden, ungestümen Mann mit Lederjacke und Goldkettchen. Und wie immer war Jörg von einer Menge superschöner Mädels umschwärmt. Die Kneipe war so etwas wie seine Zentrale; von da aus wollte er die Welt mit seiner Kunst, aber auch mit seinen Reden verändern. Direkt angesprochen habe ich ihn das erste Mal 1984, als es um die Frage ging, welcher Künstler den Platz der Deutschen Einheit vor der Düsseldorfer Landeszentralbank gestalten sollte. Ein tolles Projekt. Ich hatte mit der Landeszentralbank einen Etat ausgehandelt, um diesem Ort im Zentrum der Stadt ein prominentes Gesicht zu geben. Dann bin ich zu Jörg ins Atelier gefahren. Es lag im Stadtteil Bilk, direkt hinter dem Bahndamm. Ich habe ihn gefragt, ob er sich vorstellen könne, einen Entwurf zu machen. Er überlegte nicht lange, denn im Grunde genommen war die ideale Skulptur schon fertig. Es war die Bronzeplastik, die als Naht Brandenburger Tor – Weltfrage in die Kunstgeschichte eingegangen ist. 1982/83 hatte er das riesige Werk,

KÜNSTLER FALLEN NICHT VOM HIMMEL.

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das sich an die Architektur des Brandenburger Tors in Berlin anlehnt, an den Sammler Peter Ludwig verkauft. Seitdem steht es im Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen. Immendorff wollte das Tor für Düsseldorf neu aufleben lassen und an die Gegebenheiten des Platzes anpassen, was bedeutete, es noch größer zu machen, als es ohnehin schon war. Doch das Projekt kam nicht zustande, weil es mir nicht gelang, die konservativen Vorstandsvorsitzenden der Landeszentralbank von der Qualität des Immendorffschen Werkes zu überzeugen. Für sie war er ein rotes Tuch, im wahrsten Sinne des Wortes. Immendorff, der überzeugte Maoist, durfte einfach keine Arbeit für das kapitalistische Bürgertum machen. Diese Gleichung war damals – vor der Öffnung der Mauer – noch sehr einfach. Aber schlimmer noch als die Banker waren die Düsseldorfer Politiker. Denen ging es weniger um Politik als vielmehr um Dekoration. Sie wollten etwas Gefälliges für ihre Modestadt, und Heinz Mack war ihr idealer Kandidat. Dessen Kunst hatte – nach seiner ZERO-Zeit – an Bedeutung verloren, aber da sie so »schön« war, fand sie Abnehmer. Wahrscheinlich hingen auch in den Wohnzimmern vieler Unternehmer und Politiker Mack-Werke. Außer Immendorff hatte ich für das Projekt auch Joseph Beuys angesprochen. Der wollte eigens eine Arbeit mit dem Titel Platz der Deutschen Einheit machen. Beuys brauchte immer Geld für sein Projekt der Free International University, kurz FIU genannt. Doch wie schon bei Immendorff bekam der Oberstadtdirektor allein bei der Nennung des Namens Beuys kalte Füße. Das könne man Düsseldorf nicht zumuten, entschied er. Eine falsche Entscheidung, wie man übrigens damals schon wissen konnte. Heute würde ich selbstbewusster argumentieren, als ich es damals getan habe. Ich war einfach zu respektvoll. Ich habe gar nicht gemerkt, dass die Entscheider im Grunde genommen unsicher waren und einem entschiedenen Urteil möglicherweise gefolgt wären. So verloren wir die historische Chance, in Düsseldorf eine Außenskulptur von Beuys zu bekommen. Immendorff und ich, wir haben uns danach erst einmal aus den Augen verloren. Ehrlich gesagt, blieb es schwierig, in konservativen Unternehmen so komplexe Werke wie die Café Deutschland-Bilder zu

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präsentieren. Und dass Immendorff in der Kunstszene einen guten Ruf hatte, änderte daran gar nichts. Schließlich hatte er 1984 auch an der Ausstellung Von hier aus – Zwei Monate neue deutsche Kunst in Düsseldorf, die Kasper König kuratiert hatte, teilgenommen. In dieser Ausstellung vertreten zu sein, galt damals als Ritterschlag. Aber ich biss trotzdem jedes Mal, wenn ich den Versuch unternahm, Immendorff in einem Projekt unterzubringen, auf Granit. Der Kontakt zwischen Jörg und mir intensivierte sich erst in Frankfurt. Er hatte dort eine Professur, und ich hatte einen großen Galerieraum eröffnet. Als er mich eines Tages fragte, ob ich etwas für ihn tun könne, ergaben sich erste vorsichtige Schritte einer Zusammenarbeit. Zudem hatte sich in der Zwischenzeit sein Stil verändert. Seine Arbeiten waren unpolitischer und damit auch eher verkäuflich geworden. Er hatte sich aus dem Themenfeld seiner Café Deutschland-Bilder etwas befreit. In jenen Jahren nahm allerdings auch sein Drogenkonsum zu, und das hatte fatale Folgen. Nicht nur für seine Gesundheit, sondern jetzt brauchte er auch ständig Geld. Weil er sich von seinem Kölner Galeristen Michael Werner im Stich gelassen fühlte, wandte er sich nun immer an mich, wenn er knapp bei Kasse war. Es wird zwar oft behauptet, Jörg habe in den Neunzigerjahren nicht gut verkauft, aber das stimmt nicht. Ich denke, er hat einfach über seine Verhältnisse gelebt. Sein Drogenkonsum und seine auf- wendigen Feiern mit Prostituierten waren ja nicht gerade billig. Übrigens war auch Immendorff irgendwann mit Fortuna Düsseldorf im Bunde: Ein Jahr bevor ich Präsident des Fußballvereins wurde, hieß es, die Mannschaft brauche ein neues Maskottchen. Ich wurde gebeten, eine Art Jury für den Wettbewerb zusammenzustellen. Hunderte Fans hatten ihre Vorschläge eingeschickt. Ich erinnere mich noch an so liebevoll entworfene Objekte wie »Draguna, den Drachen«, »Rudi, die Giraffe« oder »Fortunello, den Ball«. Ich beschloss, Jörg solle das allein entscheiden. Also spazierte der Juror Immendorff an den Maskottchen vorbei und musste eine Wahl treffen. »Seine Majestät, Professor Immendorff, mag zwar viel von hoher Kunst verstehen, aber vom wahren Fußballleben hat er keine Ahnung«, unkten damals die Fans auf ihrer Super-Fortuna- Seite. Unbeeindruckt kürte Immendorff einen kleinen schwarzen Vogel zum neuen Maskottchen, genannt »Forty, der Starke«. Doch schon das erste Spiel mit Forty ging verloren, und so wurde aus dem Glücksbringer ein Pechvogel. Damit war Fortys Ende besiegelt. Immendorff und ich aber waren Freunde geworden, und das blieb auch so. Seitdem habe ich ihn immer wieder in Projekte eingebunden. Die Zusammenarbeit mit dem wilden Mann lief problemlos. 1992 suchte Jörg ein Atelier im Düsseldorfer Hafen. Die Stadt hatte ihm den Standort, der gerade zu einem neuen und architektonisch anspruchsvollen Viertel entwickelt wurde, schmackhaft gemacht. Er fragte mich, ob ich ihm nicht ein Atelier bauen wolle. Den Architekten hatte er sich schon ausgesucht. Es sollte der Amerikaner Peter Eisenman sein, der später in Deutschland mit dem Denkmal der ermordeten Juden Europas in Berlin bekannt werden sollte. Eisenman lieferte einen sehr komplizierten Entwurf. Ich schlug vor, lieber David Chipperfield zu beauftragen, der auch den 2010 eröffneten Neubau des Essener Folkwang Museums geschaffen hat. Wir konnten uns auf den englischen Architekten einigen. 1997 wurde das Gebäude fertiggestellt, doch Immendorff zog nicht ein. Ein Jahr nachdem er eine Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie angenommen hatte,

hätte er zwar gut ein neues Atelier gebrauchen können, aber er zog es vor, in seinen alten Räumen in der Stephanienstraße zu bleiben. Vielleicht wollte er keine Veränderung, weil in diesem Jahr seine schreckliche Krankheit diagnostiziert wurde. Er hat mir nicht gleich erzählt, dass er von der unheilbaren Nervenkrankheit ALS befallen war. In jenem Jahr haben wir die Ausstellung Wie geht es der Malerhand? in meinen Räumen im Düsseldorfer Hafen realisiert. Ich verstand den Titel zunächst überhaupt nicht. Als ich Jörg danach fragte, erklärte er mir, dass seine Krankheit bereits seine linke Hand, die Hand, mit der er malte, befallen habe. Oder wie er es formulierte: »Scheiße, meine Hand funktioniert nicht mehr so gut. Irgendein Blödmann an der Uni hat mir gesagt, ich habe eine tödliche Krankheit!« Jörg wollte das nicht wahrhaben und versuchte, seine Krankheit nach Kräften zu verdrängen. Je kränker er wurde, desto enger wurde unsere Freundschaft, aber auch unsere berufliche Verbindung. Fasziniert war Jörg seit jeher vom Thema Affe. Für ihn war dieses Tier so etwas wie sein Alter Ego, aber wohl auch eine Art selbstironischer Kommentar auf die Zunft der Maler. 2001 zeigte er mir Gipsentwürfe von 17 Affen. Er wollte die Arbeiten, die noch gegossen werden mussten, in China ausstellen. Sein Galerist Michael Werner hatte kein Interesse an der Serie. Er fand sie schlicht grauenhaft. Also habe ich mich um die Finanzierung gekümmert. Wir haben die Affen dann tatsächlich in Peking gezeigt. Die Chinesen sind mit dem Symbol des Affen gut vertraut. Er ist das neunte Tier im chinesischen Tierkreis und steht für Temperament und Zuchtlosigkeit. Das passte. Immendorff-Affen in China: Diese Chance motivierte Jörg so stark, dass er von da an ständig neue Motive entwarf. Und irgendwann erkannte auch Michael Werner, welche Bedeutung dieses Thema im Œuvre von Immendorff einnehmen würde, und entschied sich, die Affen in seiner Kölner Galerie auszustellen. Immendorffs Gesundheitszustand verschlechterte sich rasend schnell. Schon ab dem Jahr 2000 musste er betreut werden. Jetzt brauchte er auch viel Geld für die Versuche, gesund zu werden. Wenn er sich am Telefon mit einem »Hör mal, Chef« meldete, wusste ich gleich, es geht um Geld. Anfang 2000 erzählte mir Jörg von einer russischen Ärztin, die eine besondere Therapie durchführen sollte. Für jede Behandlung, eine Art Blutwäsche, verlangte sie 25.000 Euro in bar. Rund zwanzig Behandlungen seien notwendig, erklärte mir Jörg, damit eine Besserung eintrete. Ich gab ihm die Summe. Kurz danach, meine Familie und ich waren in Italien, bekam ich einen Anruf von einem Redakteur der Rheinischen Post. Er sagte, jetzt habe er die perfekte Sommerlochgeschichte. Ich traute meinen Ohren nicht, als er erzählte, dass die Polizei Immendorff im Düsseldorfer Steigenberger Parkhotel mit mehr als 21 Gramm Kokain und neun Prostituierten erwischt hatte. Ich rief Jörg sofort an und schlug ihm vor, zu uns zu kommen und mit uns ein paar Tage auf dem Boot zu verbringen, bis die Medien sich beruhigt hatten. Doch Jörg wollte das durchstehen. Er gab nicht klein bei, sondern sprach mit allen Journalisten, die ihn anriefen – und das waren nicht wenige. Und er redete sich um Kopf und Kragen. Das ging so weit, dass sich einige Muslime entrüsteten, weil er argumentierte, ein Künstler müsse seinen »Orientalismus« aus- leben dürfen. Als der Prozess dann in Düsseldorf begann, habe ich in den ersten Tagen jeden Morgen mindestens eine Stunde im Gerichtssaal geses-


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sen. Ich wollte, dass Jörg das Gefühl hatte, er sei nicht allein. Er tat mir unendlich leid. Er saß auf der Bank, als sei er nicht richtig anwesend. Dieser Prozess war für ihn eine große Demütigung. Als die Anklagevertretung die Daten vorlas, an denen die Partys stattgefunden hatten, traf mich der Schlag. Die Termine deckten sich mit jenen, an denen er angeblich von seiner russischen Ärztin behandelt wurde. Mir dämmerte, dass Jörg das Geld gar nicht für das russische Spezialprogramm gebraucht hatte, sondern für seine »orientalischen« Nächte. Um es auf einen simplen Nenner zu bringen: Ich habe seine Drogen- und Sexparties finanziert. Mir war nicht klar, dass er so extrem drogenabhängig war. Der Prozess hat auch Gerhard Schröder Probleme bereitet. Denn der damalige Bundeskanzler hatte Immendorff gebeten, sein Bildnis für die Porträtgalerie im Kanzleramt zu malen. Die beiden kannten sich von einer Reise nach Georgien, bei der Immendorff den Kanzler begleitet hatte. Damals, im März 2000, hätten die beiden das Porträt verabredet, erzählte Jörg. Und nun kam der Skandal, von dem sich auch der Kanzler distanzieren musste. Ein Künstler, der Drogen nimmt und Prostituierte engagiert, durfte nicht der Hofmaler des Kanzlers werden. Darin waren sich die Medien einig. Doch im Laufe des Verfahrens änderte sich die öffentliche Meinung zugunsten Immendorffs. Wie und warum das passierte, kann ich mir bis heute nicht erklären. Nun konnte Jörg doch den Kanzler malen. 2007 war das Gemälde fertig. Normalerweise bewegen sich die Künstler zur Enthüllung ihres Werkes zum Sitz der Regierung, aber bei Jörg Immendorff war das anders. Der schwer kranke Mann konnte nicht mehr reisen, also kam Gerhard Schröder nach Düsseldorf.

Helge Achenbach. Foto: Carsten Sander

INFO

Helge Achenbach, »Der Kunstanstifter.
 Vom Sammeln und Jagen«, ca. 200 S., ca. 130 Abb., herausgegeben von Christiane Hoffmans, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 29,80 Euro; Erscheinungstermin: September 2013. Der Vorabdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

lichtsicht

die v i e r t e projektions-biennale bad rothenfelde 27. september 2013 – 5. januar 2014


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AUF PAPIERNEN BEINEN TEXT: ALEXANDRA WACH

20. März 2003, 2005; Collage, Fotokopie und Pappe auf Papier, Tinte, Bleistift, 240 x 150 cm. Private Collection, Courtesy BFAS Blondeau Fine Art Services; Courtesy Anton Kern Gallery, New York; Foto: Vesko Gösel

In seinen Zeichnungen und Collagen versteckt der Kölner Videopionier Marcel Odenbach seit 35 Jahren ganze Gesellschaftspanoramen und stellt Fragen nach der politischen Verantwortung für Machtmissbrauch und Gewalt. Das Kunstmuseum Bonn holt jetzt mit einer großen Überblicksausstellung seine Papierarbeiten aus dem Schatten des Videowerks. Ein Atelierbesuch.

Die Grünflächen sind noch nicht reif zum Betreten. Das Grünzeug ist scheibchenweise zerhackt und wuchert wild auf den Tischen. Die Konturen eines blauen Wäschegestells haben bereits Position auf dem abgezirkelten Terrain eingenommen. Fotokopien von unzähligen, aus Zeitungen und Büchern ausgeschnittenen Männerköpfen sind mit Wasserfarbe grün koloriert. Die Politiker, Soldaten, Befreiungskämpfer und Kriegsopfer verwandeln sich mit jedem Scherenschnitt in Blattwerk. Ihnen fehlt eigentlich nur noch ein Platz im Gebüsch. Und wie Lemuren aus einer Totenwelt blickt einem eine nichts Gutes versprechende Ahnenreihe entgegen. Bis zu vier Monate dauert das Schnipsen und Kleben. Zwei Assistenten hocken am Boden und beraten den nächsten Schritt. Archivschachteln beherbergen, nach Stichworten wie USA, Russland, Nazis oder Nahost geordnet, das akribisch gesammelte Bildmaterial. In einem Schubladenschrank lagern die bereits geklebten Vorlagen. Sie reihen die Gesichter von Auschwitz-Opfern aneinander, markante Schauspielersilhouetten oder eine Galerie von Massenmördern. Der erste Eindruck im Atelier des weltbekannten Videokunst-Pioniers Marcel Odenbach ist befremdlich, befindet man sich doch inmitten eines Panoptikums zwischenmenschlicher Entgleisungen. Ein bisschen erinnert der weiß gestrichene Raum mit den großen Altbaufenstern an eine Tapisseriewerkstatt. Stück für Stück müssen die Einzelteile zu einem großen Tableau gewebt werden, nur dass die fertigen Motive nicht gerade den Ruhm der Dargestellten steigern. »Wir sitzen hier gerade an einer neuen Serie«, erzählt der Hobbygärtner gut gelaunt, »es geht um Grünflächen, deren Symbolik nicht sofort erkennbar ist. Ich habe mich schon im Studium mit den englischen Gartenlandschaften beschäftigt, mit Ruinen und all den Metaphern des Vergänglichen. Die Idee des Gedenkens habe ich in meinem Werk mehrfach aufgegriffen. In dem Video ›Im Kreise drehen‹ etwa über das Mahnmal im


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Konzentrationslager Majdanek in Polen, oder in der Collage ›You can’t see the forest in the trees‹, die sich im Besitz des Museum of Modern Art befindet. Ein Birkenwald, der ebenso Assoziationen an das KZ Birkenau hervorruft als auch an die kilometerlangen Wälder in Russland, in denen die deutschen Soldaten die Orientierung verloren. Die Geschichten hinter den Grünflächen sind nicht so leicht zu identifizieren. Es geht etwa um die Brandanschläge in Solingen, die jetzt genau 20 Jahre her sind. Oder um den Aldi-Gründer Theo Albrecht, eine mysteriöse Figur der alten BRD, mit einem weltumspannenden Geschäftsimperium und einem anonymen und billigen Grab, das partout kein Mausoleum sein möchte«. Seit 1986 teilt sich Odenbach mit anderen Künstlern das städtische Atelierhaus V6 in Riehl. Über seinem Arbeitstisch hängen unzählige Inspirationsquellen. Postkarten von muskelbepackten US-Rappern in der Pose eines Pin-up-Boys, Angela Merkel in einem Flugzeug der Bundeswehr, die türkische Flagge, ein Porträt von Peter Ludwig und dem Jazz-Genie John Coltrane. »Auf dem Gelände kann man gut alt werden«, erzählt der 60-Jährige selbstironisch, um von den mitunter privaten Bildern abzulenken, »ein Seniorenzentrum und ein Kindergarten sind schon da«.

Die Kindheit lässt ihn ohnehin nicht los. An einer Wand hängt die großformatige Collage »Der letzte Tag«. Sie zeigt das Fremdenzimmer im Haus seiner Großeltern, in dem er als Junge oft geschlafen hat. Ein mit bunten Vogelbildern und alten Schriftseiten beklebter Vorhang drängt sich in den Vordergrund des »Vögelchenzimmers«. Ob da ein dunkles Geheimnis lauert? Hört man den im wohlhabenden Kölner Stadtteil Marienburg aufgewachsenen Odenbach von seiner Familie erzählen, ist sofort der Stolz auf die fünf Architektengenerationen spürbar, die entfernte Tante, die Klavierlehrerin am Wiener Hof war, den Professorenonkel, der für den Kaiser Kirchenfenster baute, den Großvater, der in Konstantinopel gelebt hat, die Mutter, die Kunst studiert hatte. »Es gab keine Soldaten drunter«, betont er entschieden. Ein Teil hatte jüdische Wurzeln, von den belgischen Verwandten bekam er Postkarten aus dem Kongo. Wenn man ihn damals gefragt hat, was er werden wollte, sagte er: Afrikaforscher. Das ist er auch geworden, wenn auch nicht im klassischen Sinne. »Unser Nachbar war der damalige WDR-Intendant Klaus von Bismarck. In seinem Wohnzimmer sah ich eine riesige Karte unabhängiger afrikanischer Staaten. Das

hat mich tief getroffen. Sie hatte nichts mit den gängigen, idealisierten Klischees und Projektionen über den Kontinent zu tun. Sie wagte sich auf Augenhöhe mit den Kolonialbesatzern«. Bevor der angehende Künstler mit Udo Kier und Michael Buthe Anfang der 80er eine Kolonie in einem Alten Kraftwerk in Ostheim gründete, hat er Architektur, Semiotik und Kunstgeschichte in Aachen studiert und über »Das Reise- und Expeditionsbild im 18. und 19. Jahrhundert« promoviert. Politisch geprägt von der 68er-Generation, ging er der Frage nach, inwiefern Reiseberichte westliche Klischeebilder, Vorurteile und Rassismus prägen. Er reiste durch Afrika und begann, dabei gewonnene Eindrücke in seine Arbeiten zu integrieren. In Ruanda drehte er ohne Genehmigung über den Genozid und übernahm später Gastprofessuren in Ghana. Inzwischen besitzt er dort auch gemeinsam mit dem Installationskünstler Carsten Höller ein Haus am Meer. »Die Beweggründe sind immer persönlich, warum ich mich mit einem Thema beschäftige. Meistens haben sie mich schon als Kind geprägt«, konstatiert der heutige Professor für Film und Video an der Düsseldorfer Kunstakademie fast erstaunt. »Es geht mir eigentlich immer um die


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Sitzfleisch, 2012; Collage, Fotokopie und Pappe auf Papier, Tinte, Bleistift, 242 x 152 cm. Sammlung Philara, Düsseldorf, Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln. Foto: Vesko Gösel

Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte, die natürlich großartig ist, weil sie so exemplarisch ist. Heute bedaure ich es, dass ich mich früher als Jugendlicher nie gefragt habe, warum ein Teil meiner Familie in Kongo war. Jetzt sind sie alle tot und jetzt frage ich mich das erst. Zum Glück gibt es das Internet. Ich habe in einer Doktorarbeit den Namen eines Vetters meiner Großmutter gefunden. Er war der Pflichtverteidiger von Lumumba. Das hat mich frappiert, und ich habe das Thema in einer Arbeit aufgegriffen.«

Die Ausstellung im Bonner Kunstmuseum, die sich jetzt ausschließlich den Papierarbeiten widmet, lässt Odenbachs identischen Umgang mit verschiedenen Medien nachvollziehen. Verschmelzen in seinen Videoarbeiten Ausschnitte aus Wochenschauen, Alltagsszenen, Schrift und eine aufwendige Tonspur zu narrativ aufgeladenen Assoziationsfeldern, sorgen in den Collagen gezeichnete, geschriebene und fotokopierte Elemente für kontrastreiche Irritationen.

Die aus über drei Schaffensjahrzehnten getroffene Auswahl ist reich an Werken, die in die Geschichte Afrikas eintauchen, etwa die fotografisch genaue Porträtcollage von Joseph Kabila, des derzeitigen Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo. »Der Kabila-Clan ist schon lange an der Macht«, erzählt Odenbach. »Sein Vater hat den Präsidenten Mobutu gestürzt, einen Diktator, der 30 Jahre lang das Land in den Abgrund gewirtschaftet hatte. Joseph Kabila ist jemand, der den Moloch noch am Leben hält und ihn auch einigermaßen in Griff hat.« Eine Collage von 1977 trägt den sarkastischen Titel »Sich selbst bei Laune halten«. Das Konzept für die gleichnamige Videoarbeit erweist sich erst beim genauen Hinsehen als ein aufwühlendes Zeitdokument. Unter dem Eindruck des Deutschen Herbstes entstanden, versammelt sie Medienbilder von den Anschlagstatorten der RAF, Polizei-Beamte während ihrer Jagd auf die Terroristen und die Aufnahmen von Peter Lorenz und Hanns Martin Schleyer als Geiseln. Dazwischen tauchen bunte Zeichnungen von Geduldspielen auf. Die RAF, ein Haufen von ungezogenen Spielverderbern, die sich an die Regeln nicht halten wollten? Klingt fast schon autobiografisch. Während die Republik auf ihren papiernen Beinen die Selbstsicherheit verlor, gründete der Student mit seinen Kommilitonen Ulrike Rosenbach und Klaus von Bruch ihr eigenes Fernsehen, das zwar in einem bescheidenen Umkreis von nur ein paar hundert Metern ausgestrahlt wurde, aber dafür einen revolutionären Namen trug. »Es gab damals drei staatliche Kanäle«, erinnert sich Odenbach. »Und wir hatten die Vorstellung gehabt, einen Kanal zu schaffen, der einerseits stark darauf aufbaut, was man sieht, und andererseits einen subversiven Charakter hätte. Unser Projekt hieß erst ›Alternative Television‹ und dann waren wir die ›Videorebellen‹. Unser Vorbild war ein frühes Bürgerfernsehen in Bologna, das den Kanal zur Sanierung eines Stadtviertels nutzte. Der Umgang mit dem Medium Video hat sich inzwischen sehr verändert. Jeder kann sein eigenes Programm gestalten. Das ist schon eine Traumvorstellung von mir und vielen anderen gewesen. Mein Wunsch war aber auch, ein viel politischeres Fernsehen zu machen. An die Finanzierung haben wir gar nicht gedacht. Das kommerzielle Privatfernsehen und das Internet, das von vielen heute ausschließlich zur Selbstbespiegelung benutzt wird, gänzlich unexperimentell, war nicht unser Ziel.« Dass sich eine ganze Schau seinen Papierarbeiten widmet, wäre für den jungen Kunstbegriffzertrümmerer dieser Aufbruchjahre eigentlich ähnlich undenkbar gewesen. Kunst durfte alles,


bloß keine Ware sein, die als dekorativer Wandschmuck an einer Wand dahin dämmert. »Ja, ich habe mich verändert«, gesteht er altersmilde. »Vielleicht bin ich weniger radikal geworden. Die Papierarbeiten haben am Anfang nur als Entwürfe für die Videos gedient. Dann haben sie sich völlig verselbstständigt. Wenn man sich aber beide Stränge, Video und Papier, anschaut, gibt es auffällige Parallelen, allen voran die Idee des Collagierens. Video ist ja irgendwann sehr kommerziell geworden, was mich auch desillusioniert hat. Isaac Julien etwa hat als politischer Experimentalfilmer angefangen. Produktionen unter einer Million Pfund fasst er heute erst gar nicht an. Das ist mir zuwider. Deswegen habe ich auch nie Film machen wollen. Ich möchte unabhängig sein, mein eigener Produzent, Schauspieler, Kameramann in einem. Ich hoffe, dass in zehn Jahren wieder eine Generation kommt, die diese Form von Unterhaltungsvideo ablehnt. Je älter ich werde, desto weniger möchte ich ohnehin produzieren. Ich empfinde es auch als eine gewisse Art von Umweltverschmutzung, so viel Kunst in die Welt zu setzen. Mit Video lasse ich mir jetzt erstmal Zeit.«

Nancy Graves /

13. 10. 20 13 …

16. 02. 20 14 .

& Special Guests

www.ludwigforum.de

gefördert durch:

Project

NaNcy Graves FouNdatioN, iNc., New york

Medienpartner:

Marcel Odenbach, 2012. Foto: Albrecht Fuchs

Das Haar in der Kunst

D. Gnoli, Hair Partition, 1968 © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Hair !

INFO Meisterwerke aus der Sammlung Ludwig von der antike bis Warhol von Tilman riemenschneider bis Cindy Sherman

19. September 2013 bis 5. Januar 2014, Kunstmuseum Bonn; Tel.: 0228/776260

22. 9. 2013 – 12. 1. 2014

www.kunstmuseum-bonn.de www.ludwiggalerie. de | Tel. 0208 41249 28


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DIE INVENTARISIERUNG DER WELT IN FARBE TEXT: KATJA BEHRENS

Als große Friedensmission hatte Albert Kahn sein ambitioniertes Fotoprojekt gestartet. In seinem Auftrag reiste ein gutes Dutzend Fotografen um die Welt. Denn Kahn war überzeugt, dass die Kenntnis des kulturell Fremden das Verständnis unter den Völkern befördern würde. Die Ausbeute: 72.000 Bilder. Eine Auswahl zeigt jetzt das LVR Landesmuseum in Bonn.

Stéphane Passet: Pakistan, lahore, Brahman und Sadhu vor einem Hindutempel, 10. bis 15. Januar 1914

Bilder können ein machtvolles Propagandainstrument sein. Albert Kahns Absichten waren aber eigentlich ganz andere. Und so steht das riesige Farbbildarchiv des französischen Bankiers und Philanthropen in eher ungewollter Nähe zu einer Praxis, die wissenschaftliche Beschreibung und Klassifizierung fremder Kulturen in den Dienst imperialer Politik stellt. Das Landesmuseum in Bonn blättert jetzt in jenem Bilderschatz. Die Ausstellung »1914 – Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg« macht bekannt mit Kahns ungewöhnlicher Idee: Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wollte er den gesamten Planeten fotografisch erfassen – und verfolgte dabei kaum ethnografische Ziele. Vielmehr kann man das Projekt als ambitionierte Friedensmission verstehen. Fotografisch auf der Höhe der Zeit. Die problematischen Aspekte aber schwingen auch hier mit. Die Schau bildet den Auftakt zum großen Verbundprojekt des Landschaftsverbands Rheinland. Unter dem gemeinsamen Motto »1914 – Mitten in Europa« soll es mit Ausstellungen, Exkursionen, einem Kongress und Forschungsprojekte an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erinnern. Das Gedenken an die vom amerikanischen Historiker George F. Kennan so genannte »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« also wird eingeleitet durch die Dokumentation einer friedensbewegten Mission. Denn Albert Kahn war überzeugt, dass die Kenntnis des kulturell Fremden das Verständnis unter den Völkern befördern würde. In seinem Auftrag reiste ab 1909 ein gutes Dutzend Fotografen in alle Winkel der Welt, um Bilder von unbekannten Völkern und ihren Bräuchen in die Heimat zu bringen. So kamen bis 1931 gut 72.000 Farbdiapositive und 180.000 Meter – das sind etwa 100 Stunden – Film zusammen. Taj Mahal, Eiffelturm und Chinesische Mauer. Der Brotverkäufer in Sarajevo, ein Waschplatz in Brest, der mongolische Reiter und ein Brunnen in Córdoba. 1914 muss die Welt nicht mehr schwarz-weiß sein. Ein selbstbewusster Chinese in blauer Jacke vor dem Tempel in Qufu und vier skeptische Geflügelverkäuferinnen im bunten Treiben auf dem Markt im serbischen Krusevac. Hinter all dem steckten viel Geld und ein Mann von Welt: Abraham Kahn, am 3.März 1860 in Marmoutier im Elsass geboren, geht mit neunzehn Jahren nach Paris, nennt sich Albert und findet schnell eine Anstellung in einer Bank. Nebenbei studiert er Geistes- und Naturwissenschaften und macht 1885 auch ein Staatsexamen in Jura. Er freundet sich mit dem Philosophen Henri Bergson an, schließt Freundschaft mit Künstlern wie Auguste Rodin, Anatole France, Paul Valéry und Raymond Barrès. Souverän bewegt Kahn sich in den intellektuellen Zirkeln und ebenso in der Welt der Hochfinanz. Mit Spekulationen macht er ein Vermögen. Albert Einstein, Austen Chamberlain und Thomas Mann gehören zu den regelmäßigen Gästen auf seinem 1893 erworbenen Besitz in Boulogne-Billancourt, dem heutigen Musée Albert-Kahn. Dort initiiert der Gastgeber Gesprächskreise, umgibt sich mit der intellektuellen Elite seiner Zeit und gehört bald zu den reichsten Männern der Welt. Er gründet Stiftungen, sieht sich selbst als Botschafter des Friedens unter


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den Kulturen, ist beseelt von seiner Mission von sozialer Harmonie und Weltfrieden. Das ist der Beginn des »Archivs des Planeten«. Nicht in schwarzweiß, sondern in bunt legt er es an. Die Voraussetzungen liefert der deutsche Chemiker Adolf Miethe, Erfinder einer panchromatischen Filmbeschichtung. Schon 1903 hatte er eine Wechselschlittenkamera entwickelt, mit der man drei Aufnahmen hintereinander machen konnte, für Rot, Grün und Blau. Mit dem Dreifarbdruck hielt die Farbe Einzug in das noch junge Medium Fotografie. Die Autochromglasplatten der Gebrüder Lumière, 1904 patentiert, wurden seit 1907 dann für den großen Markt produziert, was freilich nicht bedeutete, dass sich die Massen das aufwendige Fotografieren damals tatsächlich leisten konnten. Kahn aber konnte. Die Bilder von pittoresken Marktplätzen und verwinkelten Gassen, von monumentalen Bauten und traditioneller Tracht, von Bauern, Handwerkern, Opiumrauchern, Hühnerzüchtern und kleinteilig verbauten Städten erzählen von fernen Orten und der Pluralität menschlicher Lebensformen, die es zu bewahren gilt. Gleichzeitig – auch damit ist Kahn ein Kind seiner Zeit – glaubt er an den Nutzen des technischen Fortschritts und die Vorrangstellung der westlichen Zivilisation. In den Bildern aus den ehemaligen Kolonien, die bis 1914 entstehen, bleiben denn auch die Schattenseiten des Lebens unter der fremden Herrschaft so gut wie ausgeklammert. Die antikolonialen Unruhen und deren Niederschlagung, der die Fotografen durchaus begegnen, hinterlassen in den Bildern so gut wie keine Spuren – anders als die später vornehmlich in Frankreich und Europa entstehenden Aufnahmen, in denen der Krieg und seine Zerstörungen allgegenwärtig sind. Im Übrigen helfen Kahn seine guten Beziehungen und Kontakte zur Kolonialadministration, auf deren Unterstützung und Einfluss vor Ort man oft genug angewiesen ist. Für seine illustren Gäste daheim hält Kahn Vorträge mit Film- und Diaprojektionen. Seine begeisterte und fast naive Hoffnung, mit den farbigen Bildern aus aller Welt die Menschen daheim zu bewegen, für ein harmonisches Miteinander der Kulturen einzutreten, sollte sich freilich nicht erfüllen. Der Krieg kam trotzdem. Geblieben ist ein unschätzbarer Fundus an Dokumenten und fotokünstlerischen Bildern, die nicht nur die Geschichte damaliger Kulturen, ihrer Architekturen, ihrer Rituale, Werkzeuge, Kleidung und Gebräuche erzählen, sondern gleichzeitig auch die Geschichte der frühen Farbfotografie und ihre Verwendung reich bebildern. 1929, infolge der Börsen- und Weltwirtschaftskrise, verlor Kahn sein gesamtes Vermögen. Er starb 1940 völlig verarmt.

INFO

24. September 2013 bis 23. März 2014 LVR Landesmuseum Bonn Tel.: 0228/20700 www.rlmb.lvr.de Das umfangreiche Programm zu »1914 – Mitten in Europa« findet sich unter: www.lvr.de

KUNST AUF DEM WELTERBE ZOLLVEREIN

PLAY / FOTOGRAFIEN VON ELLEN BORNKESSEL 14. SEPTEMBER 2013 BIS 18. JANUAR 2014 1 Fotografin / 20 Fotografien im Rundeindicker I

täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, 24., 25. und 31.12. geschlossen www.zollverein.de, Fon +49 201 2 4 6 8 10 Regionalverband Ruhr

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SIEH AN!

Die wichtigsten Ausstellungen im Herbst 2013

SEPTEMBER  BOCHUM  SITUATION KUNST Claude Viallat – der Stoff der Malerei (7.9. bis 19.1.) Erste Einzelausstellung des 1936 geborenen Franzosen in Deutschland. Bekannt ist der Maler für seine unüblichen Formen und Materialien. Oft benutzt er Schablonen, und als Bildträger kommen alle erdenklichen Stoffe zum Einsatz: Bettlaken, Tischdecken, Jutesäcke, Kleider, Vorhänge, Sonnenschirme...

DUISBURG  CUBUS KUNSTHALLE Johann Georg Müller (1913 – 1986) – zum 100. Geburtstag. Hingabe an die Schönheit dieser Welt (24.8. bis 22.9.) Die Ausstellung vereint gut 60 Arbeiten aus allen Schaffensphasen. Im Mittelpunkt stehen dabei die für Johann Georg Müller charakteristischen Motive. Seine Pflanzenbilder etwa – entstanden nach einem längeren Kreta-Aufenthalt 1960. Ebenfalls typisch: Masken und nahezu abstrakte Maschinenbilder. Hinzu kommen malerisch überarbeitete Fotografien aus den 1970er Jahren, die erst kürzlich wiederentdeckt worden sind.  DÜSSELDORF  K20 KUNSTSTAMMLUNG NORDRHEIN-WESTFALEN Alexander Calder – Avantgarde in Bewegung (7.9. bis 12.1.) Umfassende Ausstellung zum Werk des bedeutenden amerikanischen Bildhauers. Ein Schwerpunkt der Werkauswahl liegt in den 1930er und 40er Jahren, als Alexander Calder (1898–1976) mit unterschiedlichen künstlerischen Richtungen experimentierte und seine berühmten Mobiles entwickelte.

Claude Viallat: Ohne Titel (n° 15), 2011, gemalt auf einem Sonnenschirm.

 DORTMUND  HMKV – HARTWARE MEDIEN KUNST VEREIN New Industries Festival (14.9. bis 2.3.) In verschiedenen Formaten – Ausstellungen, Installationen, Konferenzen, Workshops, Filmprogrammen, Performances – beschäftigt sich das internationale Festival auf dem Gelände des Dortmunder U und im angrenzenden Stadtraum mit Vergangenheit und Zukunft der Industrie.  BRÜHL  MAX ERNST MUSEUM Man Ray – Fotograf im Paris der Surrealisten (15.9. bis 8.12.) Er sah sich zuerst als Maler, Objektkünstler, Filmemacher, doch gilt Man Ray (1890 – 1976) heute auch als einer der wichtigsten Fotokünstler des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung zeigt rund 150 fotografische Werke des Surrealisten – vor allem solche, in denen er versucht, die Fotografie in das Surreal-Fantastische zu erweitern.

MUSEUM KUNSTPALAST Candida Höfer – Düsseldorf (14.9. bis 9.2.) Sie gehört mit Andreas Gursky, Thomas Ruff, Thomas Struth zur ersten Generation von Bernd Bechers Fotoklasse an der Düsseldorf Kunstakademie. Seit ihrer Studienzeit findet Candida Höfer (Jg. 1944) immer wieder Motive in der Stadt. Die Schau konzentriert sich auf Werke, die während der vergangenen vier Jahrzehnte in Düsseldorf entstanden sind. Unter den 70 Fotografien sind auch ganz neue, die eigens für diesen Anlass entstanden sind. NRW-FORUM KULTUR UND WIRTSCHAFT Foto A-Z, Fotografen, die wir gezeigt haben und die, die wir immer schon gerne gezeigt hätten (28.9. bis 5.1.) 15 Jahre NRW-Forum gehen zu Ende: Die Ausstellung nimmt sich vor, ein Resümee zu ziehen. Die Liste der vertretenen Fotografen spannt sich von A wie Araki, über Goldin, Höfer oder Wall bis hin zu Z wie Zeitschriften. Damit beendet das NRW-Forum sein Programm – schade!  DÜREN  LEOPOLD HÖSCH MUSEUM Von Lucas Cranach bis Wilhelm Trübner – Meisterwerke der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau (8.9. bis 24.11.) Die Schau präsentiert rund 100 Beispiele der deutschen und niederländischen Malerei des 15. bis 19. Jahrhunderts von Meistern wie Lucas Cranach, Pieter Breughel d.J., Salomon van Ruysdael, Jacob P. Hackert oder Johann H. Tischbein. Allesamt aus der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau.


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Das Wallraf in Köln präsentiert in den kommenden Monaten Ergebnisse seiner Forschungen zur kölnischen Malerei des späten Mittelalters. Hier ein Detail aus dem »Weltgericht« von Stefan Lochner, gemalt um 1435.

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 KÖLN  WALLRAF-RICHARTZ-MUSEUM & FONDATION CORBOUD Geheimnisse der Maler. Köln im Mittelalter (20.9. bis 9.2.) Stefan Lochners »Muttergottes in der Rosenlaube« im Wallraf ist weltberühmt. Doch wie genau ist dieses fein gemalte Wunderwerk entstanden – zu einer Zeit ohne elektrisches Licht und ohne Farben aus der Tube? Diesen und weiteren Rätseln der Kölner Malerei des späten Mittelalters ging ein Team von Wissenschaftlern nach. Ihre Erkenntnisse will diese Ausstellung vorstellen.  BAD ROTHENFELDE  SALINEN Lichtsicht 4 – Projektions-Biennale (27.9. bis 5.1.) Jeden Abend, eine halbe Stunde nach Einbruch der Dunkelheit, schalten sich die 50 Hochleistungs-Beamer ein. Und 16 internationale Künstler machen die Salinen von Bad Rothenfelde zur Leinwand für ihre Projektionskunst. Hauptschauplatz des Spektakels ist das »Neue Gradierwerk«. Die unterschiedlich starken Eisen-, Gips- und Kalkablagerungen auf den geschichteten Zweigen und der leichte Salzwassernebel vor der Wand sorgen dort für faszinierende Effekte.

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74 | SPECIAL KUNST

BONN  LVR- LANDESMUSEUM 1914 – Welt in Farbe – Farbfotografie vor dem Krieg (24.9. bis 23.3.) Im Rahmen des Themenjahrs 2014 zeigt die Schau fast vergessene Farbfotografien und Filme aus der Sammlung von Albert Kahn. In einer Zeit, als die Nationalstaaten Europas bereits ideologisch zum großen Weltkrieg rüsteten, beauftragte der französische Bankier Fotografen, mit Bildern aus aller Welt ein planetarisches Bildarchiv aufzubauen. KUNSTMUSEUM Marcel Odenbach. Papierarbeiten 1975 – 2013 (19.9. bis 5.1.) Bekannt ist der 1953 geborene Kölner als Pionier und Protagonist der Videokunst. Erstmals in Europa stellt das Kunstmuseum Bonn Odenbach nun als Zeichner und Collagisten vor.  ESSEN  MUSEUM FOLKWANG Thomas Schütte – »Frauen« 21.9. bis 12.1. Manche der liegenden, hockenden, stehenden Figuren erinnern an klassische Frauenakte, andere sind derart entstellt, dass man weibliche Formen kaum mehr ausmachen kann. Thomas Schüttes Schau im Museum Folkwang rückt die Werkgruppe der »Frauen« ins Zentrum – 18 große in Bronze, Stahl und Aluminium ausgeführte Plastiken, die der Künstler (Jahrgang 1954) zwischen 1999 und 2009 geschaffen hat.  OBERHAUSEN  LUDWIG GALERIE Hair! Das Haar in der Kunst von der Antike bis Warhol – von Tilman Riemenschneider bis Cindy Sherman (22.9. bis 12.1.) Sitz der Seele, Symbol für Lebenskraft, Träger erotischer Botschaften? Dem Haar werden allerlei Bedeutungen zugesprochen. Mit »Hair!« geht die Ludwig Galerie erstmals ein Thema an, das bisher noch nie in einer Ausstellung behandelt worden ist. Ausgehend von den reichen Beständen der Sammlung Ludwig will sie zeigen, wie Künstler den besonderen Kopfschmuck durch die Jahrhunderte hindurch interpretiert haben.

Ahlen und Herford widmen sich gemeinsam dem Thema Collage – es geht um die Geschichte der Technik und um ihre Bedeutung in der zeitgenössischen Kunst. Hier ein jüngeres Beispiel von Eli Cortiñas: »No Place Like Home«, 2006. Courtesy Soy Capitán, Berlin. Foto: Achim Kukulies.

 AHLEN / HERFORD  KUNSTMUSEUM / MUSEUM MARTA Ruhe-Störung. Streifzüge durch die Welten der Collage (28.9. bis 26.1.) Zwei Museen, eine Ausstellung: Gemeinsam vereinen die Häuser in Ahlen und Herford über 400 Exponate. Das Projekt will die Technik des 20. Jahrhunderts neu bewerten und auf ihre zeitgenössischen Potenziale untersuchen. Dazu unternimmt es einen Streifzug durch die Geschichte der Collage von den Anfängen in den 1910er Jahren bis zur zeitgenössischen Neubelebung.

OKTOBER  BONN  BUNDESUNSTHALLE John Bock – Im Modder der Summenmutation (3.10. bis 12.1.) Vorgeführt werden sollen die wichtigsten Stränge im Schaffen des 1965 geborenen Künstlers: Aktionen, Lectures, Filme. Im Zentrum steht dabei ein Filmset, in dem Bocks neuste Produktion gedreht wird.  KÖLN  MUSEUM LUDWIG Not Yet Titled. Neu und für immer im Museum Ludwig (11.10. bis 26.1.) Ein Jahr nach seinem Amtsantritt wirft der Direktor Philipp Kaiser einen neuen Blick auf die Sammlung des Museums. Werke wurden aus dem Depot geholt, andere verschwanden oder finden sich in neuer Nachbarschaft wieder. Erstmals gezeigte Neuankäufe weisen in die Zukunft.


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MUSEUM LUDWIG Louise Lawler. Adjusted (11.10. bis 26.1.) Seit 30 Jahren reflektiert sie das Kunstsystem – manchmal ironisch, oft entlarvend. Diese erste große Retrospektive der 1947 geborenen Konzeptkünstlerin in Deutschland besetzt das gesamte Haus: Die Übersicht ihrer wichtigsten Werke wird ergänzt durch neue Arbeiten, mit denen Louise Lawler die Museums-Sammlung reflektiert.  AACHEN  LUDWIG FORUM Nancy Graves Project (13.10. bis 16.2.) Diese europaweit erste umfassende Werkschau der Amerikanerin seit über 40 Jahren präsentiert etwa 70 Installationen, Zeichnungen, Gemälde, Filme, Skulpturen – darunter auch die berühmten hyperrealen Kamele. Ziel ist eine Neubewertung der kunsthistorischen Bedeutung von Nancy Graves (1939–1995). Abb.: Wang Fu, Der quadratische Himmel. 99,95 x 99,95 cm, 2013

 DÜSSELDORF  KUNSTHALLE André Thomkins. Eternal Network (19.10. bis 5.1.) Große Retrospektive auf das Gesamtwerk von André Thomkins (1930–1985), der als Professor in Essen und an der Düsseldorfer Akademie lehrte. Erstaunlich ist die experimentelle Vielfalt im Werk des Schweizers: Neben Zeichnungen und Aquarellen zeigt die Schau Objekte aus Alltagsgegenständen, Keramik, Gummi sowie Wortbilder und Eat-Art-Objekte.

WANG FU DER QUADRATISCHE HIMMEL. 99,95 X 99,95 CM Ausstellungsdauer bis 3. November 2013

Hahnenstraße 33 · D-50667 Köln · (barrierefrei) T.: +49 - (0)221 - 80 15 87 63 info@pamme-vogelsang.de · www.pamme-vogelsang.de Öffnungszeiten: Di.-Fr. 12-18 Uhr, Sa. 11-15 Uhr, u.n.V.

SKULPTURENPARK WALDFRIEDEN in WUPPERTAL

Harald Klingelhöller 19.10.13 bis 12.01.2014 Peter Pabst 18.01. bis 09.03.2014 skulpturenpark-waldfrieden.de

Das Düsseldorfer NRW-Forum blickt zurück auf vergangene Ausstellungen. Mit dabei: Albert Watson und seine Arbeit »1940s Prisoner‘s Hand-Carved Wooden Gun, New York City» von 1998. © Albert Watson

Hirschstraße 12 · 42285 Wuppertal · 0202 47898120


76 | SPECIAL KUNST

»Alltagsmenschen 2«

Diese » Allegorie der Göttlichen Komödie« hat Domenico di Michelino 1465 geschaffen. Opera di Santa Maria del Fiore, Florenz. © Opera di Santa Maria del Fiore – Archivio storico e fototeca, Firenze.

Christel Lechner

Ausstellung im Maxipark bis zum 3. November 2013 NOVEMBER

Durchführung: Gubener Plastinate GmbH, Heidelberg / EVENTSTIFTER GmbH, Ludwigsburg

 BONN  BUNDESKUNSTHALLE 1914 – Die Avantgarden im Kampf (8.11. bis 23.2.) Der Erste Weltkrieg gilt als »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts«. Die Jahre von 1914 bis 1918 waren Endpunkt und Neubeginn zugleich. Die Ausstellung präsentiert die künstlerischen Aktivitäten dieser dramatischen Zeit mit Werken von Künstlern wie Beckmann, Dix, Kandinsky, Kirchner, Klee, Lehmbruck, Macke, Malewitsch, Marc, Picasso, Schiele. BUNDESKUNSTHALLE Florenz! (22.11. bis 9.3.) Florenz – hier wirkten Dante und Boccaccio, Donatello und Michelangelo. Die Schau will ein Porträt der Stadt zeichnen. Über eine Zeitspanne von fast 700 Jahren: von der Wirtschaftsmacht des Mittelalters über die Wiege der Renaissance bis zur Bedeutung als intellektuelles und kosmopolitisches Zentrum im 19. Jahrhundert.

BOCHUM Tickets:

Hermannshöhe 42 NÄHE HBF

noch bis 19.1.2014 www.koerperwelten.de

 SIEGEN  MUSEUM FÜR GEGENWARTSKUNST At Work – Atelier und Produktion als Thema der Kunst heute (17.11. bis 23.2.) In der Geschichte der Kunst war das Atelier der traditionelle Werkstattort. Heute wird überall gearbeitet. Interessanterweise gerät in der aktuellen Krise des Ateliers das kunsthistorische Genre des Atelierbildes in das Blickfeld der Künstler – davon handelt die Ausstellung. Unter den rund 20 vertretenen Künstlern sind Pawel Althamer, Tacita Dean, Katharina Grosse, Bruno Jakob, Christian Jankowski, Rita McBride.


© Yun Lee, Düsseldorf

Mischa Kuball / Konzeptkünstler

Kennen

wir uns? www.kulturkenner.de


Quadriennale Düsseldorf: Über das morgen hinaus, 05. April – 10. August 2014; von links nach rechts: Museum Kunstpalast / Candida Höfer: Julia Stoschek Collection Düsseldorf IV 2008, 85 x 84,5 cm Silbergelatine-Print, © Candida Höfer, Köln / VG Bild-Kunst Bonn 2013; Museum Kunstpalast / Peter Paul Rubens (1577–1640), Die Himmelfahrt Mariae, um 1616–1618, Öl auf Eichenholz, 429 x 284 cm, Stiftung Museum Kunstpalast Düsseldorf, Dauerleihgabe der Kunstakademie Düsseldorf; Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen / Brenna Murphy: exosensr, 2013, detail, sculptural installation at American Medium, NYC; Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K21 Ständehaus / Paul Klee, Kamel in rythmischer Baumlandschaft, 1920, Öl und Feder auf kreidegrundierter Gaze, 48 x 42 cm; Kunsthalle Düsseldorf / Manfred Kuttner: Behang, 1962, Tempera auf Jute, 136 x 120 cm; Akademie-Galerie – Die Neue Sammlung / Ausstellungsansicht, Foto: Katja Illner;


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das Ding

Design im Alltag

Foto: Wikicommons /Qurren

DIE COMPUTER-MAUS TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Eine Computer-Maus war das noch nicht, was der Computertechniker Douglas C. Engelbart 1969 der Öffentlichkeit präsentierte. Sein »X-Y Positionsindikator für ein Bildschirmsystem« war ein Prototyp und sah auch so aus. Ein rustikal-abgeschabtes Holzkästchen, dessen Ursprung man eher in einem Hobbykeller als in einem Entwicklungslabor vermutete. Auf seiner Oberseite befand sich ein roter Plastik-Drehknopf, ein langes Kabel verband das Stück Holz mit einem Computer, und wenn an der Unterseite des Geräts nicht zwei Räder herausgeragt hätten, wäre das ganze als etwas verunglückter Steuer-Trafo für eine Modelleisenbahn durchgegangen. Die Besucher dieser ersten Präsentation waren anfangs wahrscheinlich nur mäßig begeistert – bis Engelbart seine Hand auf diesen Kasten legte und begann, ihn auf dem Tisch zu bewegen, während auf dem Computerbildschirm ein schwarzer Punkt auftauchte, der synchron der menschlichen Hand folgte. Engelbart hatte in diesem Moment die Technikgeschichte geschrieben. Es brauchte aber noch mehr als ein Jahrzehnt, bis die Maus ihren Weg auf die Schreibtische fand – 1981 wurde sie mit dem Computersystem »Xerox Alto« erstmals ausgeliefert, damals noch mit drei Tasten. Schleichend revolutionierte sie die Art der Computersteuerung. Flimmerten in den 80er Jahren noch grünlichmonochrome Programmierzeilen über die Monitore, in denen man umständlich einfachste Befehle eingeben musste, wurde das Navigieren mit der Maus auf den Desktops der ersten Home-Computer richtig lässig – egal, ob man sich nun für den Apfel oder die Fenster entschieden hatte. Von der Formensprache her blieb das Steuerungsgerät mit den zwei Tasten lange eine graue Maus – passend zu den vorherrschenden Farbtönen der damaligen Computer. Die Evolution war indes nicht aufzuhalten; schnell wuchs der Maus ein Scrollrad, mit dem man noch

schneller durch die Dokumente flitzen konnte. Aus den Rädern des Prototyps wurde eine schwere Kugel, die die Position auf der Arbeitsplatte an den Computer weitergab und zudem als hervorragender Staubfänger fungierte. Mit schöner Regelmäßigkeit fing der Mauszeiger an zu holpern – ein sicheres Zeichen, um die Kugel herauszunehmen und mit einer Pinzette kleine Staubwürmer aus dem Inneren zu operieren. Aber auch das gehört der Vergangenheit an, längst bevölkern kabellose, optische Funkmäuse die Arbeitswelt. Es gab immer wieder Versuche, die Maus ergonomisch zu optimieren; Ergebnis waren oft organisch gerundete Plastikungetüme, die von metallicfarbenen Trackballs zur Navigation geschmückt waren – der aerodynamische Designer und große Weichmacher Luigi Colani hat bestimmt seine Freude daran gehabt. Apple hingegen ging 1998 kurzzeitig den umgekehrten Weg. Die Maus, die dem quietschbunten »iMac G3« beilag, war klein und rund, was zu einer unbequemen Krallen-Haltung der Finger führte. Die Maus, wie wir sie kennen, wird bald überholt sein. »Aus die Maus!« heißt es spätestens dann, wenn die Gesten- und Sprachsteuerung zum Standard wird. Wie das aussehen könnte, wenn man die Maus als antikes Stück Technologie begreift, zeigt Chefingenieur »Scotty« in »Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart«. Während einer Zeitreise zurück ins Jahr 1986, soll dieser einen der »Apple Macintosh«-Kästen bedienen und spricht ihn gewohnheitsbedingt und energisch mit »Computer!« an. Als das Gerät nicht reagiert, weist man ihn auf die Maus hin, die er daraufhin wie ein Mikrofon vor den Mund hält und den Sprachbefehl vergeblich wiederholt. Letztlich ist »Scotty« von dem Teil dermaßen genervt, dass er stattdessen zu einem noch älteren Stück Technik greift – zur Tastatur.


80 | DESIGN

DIE STRIPPENZIEHER TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Immer nur schrauben ist auch langweilig: René Struttmann und Johannes Laue vom Dortmunder Designbüro »Stückwerk« arbeiten in ihren Möbel-Entwürfen stattdessen mit Seilen. Meistens jedenfalls.

»plug(n)ply I«, Foto: Frank Miller


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Der Werkzeugkasten und der Akkuschrauber können getrost im Keller bleiben – genauso wie der Beutel mit der Inbusschlüssel-Sammlung vom Möbelskandinavier im Gewerbegebiet, die man schon längst entsorgt haben wollte. Für den Aufbau des Tisches »plug(n)ply I« sind derlei Hilfsmittel nicht nötig. Die vier einzelnen Elemente, die als Unterkonstruktion dienen, und die Tischplatte werden werkzeuglos und rasch zusammengesteckt; zwei straff gespannte, farbige Seile stabilisieren das Ganze. Alles ganz einfach – bisher haben sich lediglich zwei leicht überforderte Kunden bei »Stückwerk« zurückgemeldet, die mit der Konstruktion beim ersten Versuch nicht zurechtkamen. Die Grundidee hinter »plug(n)ply I« entstammt einer Semesterarbeit der beiden Tischler und Designstudenten René Struttmann und Johannes Laue von der FH Dortmund. Aufgabe war die Entwicklung eines Tischgestells, die Struttmann und Laue mit der einfachen und doch ungewöhnlichen Seilkonstruktion lösten. Ihre Dozentin erkannte das Potenzial der Idee und bestärkte die beiden, mit ihrem Proto-Typ an die Öffentlichkeit zu gehen und ihn zu vermarkten. Sie meldeten mit »Stückwerk« ein Gewerbe an, das sich aber nicht als Tischlerei, sondern als Designbüro versteht und präsentierten »plug(n)ply I« im Frühjahr auf der »Designers Fair«-Messe während der Kölner »Passagen«. Die Indie-Möbelmesse spülte ihnen genau die richtige, design- und trendaffine Zielgruppe vor den Tisch – erste Kontakte wurden geknüpft, u.a. zur Online-Designplattform »Monoqi«, die nun auch die Möbel von »Stückwerk« vertreibt. »plug(n)ply I« wird aus schichtverleimtem Birkenholz gefertigt. Interessenten können sich den Tisch aus verschiedenen Komponenten zusammenstellen – so gibt es die Tischplatte in geölter Birke-Natur, aber auch in einer weiß beschichteten Ausführung. Auch die Seilschaft unter der Platte ist in verschiedenen Farben erhältlich, wie dem momentan schwer angesagten, blassen Mintgrün. Neben »plug(n)ply II«, einer kleineren Tischvariante mit ähnlichem Stecksystem, haben Struttmann und Laue mit »work(n)travel I« einen Schreibtisch entworfen, der zwar von der typischen Linienführung, den bogenförmigen Kanten und markant nach außen gestellten Tischbeinen, perfekt in die »Stückwerk«-Kollektion passt, aber einen gewaltigen Unterschied aufweist. Die Tischbeine stecken in vergleichsweise grobschlächtigen, pulverbeschichteten Verbindungselementen aus Stahlblech und sind darin mit dicken Schrauben fixiert. Was wie ein inkonsequenter Stilbruch wirkt, soll ein gestalterisches Statement sein: »Wir wollten damit bewusst einen Kontrast zu den bisherigen Entwürfen schaffen«, sagt René Struttmann. Zudem lässt sich bei »work(n)travel I« ein kleiner Teil der Schreibtischplatte herauslösen und als durchdachte Kabeldurchführung nutzen.

Für ihr aktuelles Objekt haben Struttmann und Laue aber erneut begonnen, Strippen zu ziehen. Man sollte als Designer halt nichts ausschließen. Diesmal ist es ein Stuhl, bei dem zwar nichts mehr gesteckt, aber alle Bauteile raffiniert zusammengeschnürt werden – eine mutige Technik, die zu erstaunlicher Stabilität führt. Auf ihrer Webseite ist das Sitzmöbel momentan noch als Entwurf gelistet, hat mittlerweile aber Marktreife erlangt und wird, genau wie der Tisch »plug(n)ply II«, von der »WfB-Werkstatt für Behinderte Lippstadt« hergestellt.

INFO

www.stueckwerk-design.com

EISZEIT - KUNSTZEIT DIE ANFÄNGE DER KUNST VOR 40.000 JAHREN

31.08.-13.10.2013 Städtische Galerie Theodor-Heuss-Ring 24 58636 Iserlohn Öffnungszeiten Mi-Fr 15.00-19.00 Uhr Sa 11.00-15.00 Uhr So 11.00-17.00 Uhr


82 | MUSIK KUNST

Angelika Niescier und German Women’s Jazz Orchestra. Foto: Beethovenfest

KUNDRY-KLÄNGE TEXT: GUIDO FISCHER

»Verwandlungen«: Nach zehn Jahren als Intendantin des Bonner Beethovenfests verabschiedet sich Ilona Schmiel, um nach Zürich zu wechseln. Ihre Nachfolgerin wird Nike Wagner. Das Festival 2013 wartet auch mit einem WagnerJazz-Projekt der Saxofonistin Angelika Niescier auf. Das Ende jeder Partitur beschließen zwei gefettete Doppelstriche. Hermetisch wie eine Wand stehen sie da und behaupten, dass alles gesagt worden ist. Was für ein Irrtum, findet zumindest Wolfgang Rihm! Denn für den zeitgenössischen Vielschreiber gibt es kein »Fertigkomponiert«. Vielmehr ist für ihn die vermeintlich allerletzte Note bereits das Samenkorn, aus dem Künftiges erwachsen wird. Weshalb Rihm korrigierend feststellt, dass die Doppelstriche nur in die Länge gezogene Doppelpunkte seien. So denkt er scheinbar Beendetes, Abgelegtes immer weiter. Ob nun seine eigenen Werke, die er neu belichtet und fortschreibt, oder Stücke von Schubert oder Brahms. Wer sich wie Rihm kompositorisch im ständigen Fluss befindet, darf keinesfalls im Programm des aktuellen Bonner Beethovenfestes fehlen. Sein Schaffen belegt exemplarisch das Festival-Motto »Verwandlungen«. Um musikalische Metamorphosen und Variationen, Assoziationen und Annäherungen geht es in dem von der scheidenden Intendantin Ilona Schmiel konzipierten, vierwöchigen Konzertmarathon. Wie in ihrer Debüt-Saison 2004, mit der sie das damals leicht verschlafene

Beethovenfest auf der internationalen Festivallandkarte etablierte, schlägt sie dafür den Repertoire-Bogen bis weit in die Gegenwart hinein. Neben einem vom Ensemble Modern präsentierten Soundtrack von Rihm zum Filmklassiker »Un chien andalou« spielen die Kollegen von der musikFabrik das Work in progress »Chroma« der englischen RihmSchülerin Rebecca Saunders. Das spanische Cuarteto Casals konzentriert sich auf den Einfluss des Streichquartett-Komponisten Béla Bartók auf seine ungarischen Landsmänner György Kurtág und György Ligeti. Der französische Meistercellist Jean-Guihen Queyras deckt in CelloSuiten von Benjamin Britten die Spuren auf, die darin Johann Sebastian Bach mit seinen Solo-Cello-Manifesten hinterlassen hat. Unter den aufgeführten Jubilaren finden sich nicht nur Britten (100. Geburtstag) und der Pole Krzysztof Penderecki (80. Geburtstag), der sein Klavierkonzert von 2002 dirigiert. Der 200. von Richard Wagner bildet einen kleinen Programmschwerpunkt. In zwei Konzerten schlüpft mit der Mezzosopranistin Dagmar Pecková eine der derzeit besten WagnerSängerinnen zweifach in die Rolle der Kundry. Unter Leitung von Chris-


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tian Lindberg ist sie zusammen mit dem Beethoven Orchester Bonn klassisch in der Arie »Ich sah ein Kind« aus dem »Parsifal« zu hören. Zwei Wochen später steht Pecková im Zentrum eines jazzigen KundryPorträts. Zu Bigband-Klängen verwandelt sie sich von der Femme fatale und Erotomanin Kundry zur Büßerin und Heiligen. Nun sind im Laufe des runden Wagner-Jahres schon manche Jazz-Musiker unterschiedlichst auf Tuchfühlung mit seinen Opern gegangen. Der Schlagzeuger Eric Schaefer etwa lockte auf seiner CD »Who is afraid of Richard W.?« den Gefeierten mit Reggae- und Fusion-Beats auf die Tanzfläche. Der Bassist Dieter Ilg verlegte das Bühnenweihfestspiel »Parsifal« komplett in eine schicke Jazz-Lounge. Auf solche kunterbunt arrangierten Wagner-Appetitanreger hat die Saxofonistin Angelika Niescier bei ihrer Kundry-Reflexion für Mezzosopran und Bigband völlig verzichtet. Stattdessen lässt Niescier einem gleich zu Beginn ein hysterisches, gar irre wirkendes Lachen in die Glieder fahren. Es ist Kundry, die damit im 2. Aufzug des »Parsifal« noch einmal ihre Schuld herausschleudert, einst den gekreuzigten Heiland verhöhnt zu haben. Im Laufe des einstündigen Psychogramms kommt es immer wieder zu gezischten, gespenstisch wirkenden Mahnungen, mit denen die Musikerinnen das schlechte Gewissen Kundrys nicht zur Ruhe kommen lassen. »Verführung«, heißt es da. Oder auch »Disziplin«. Wie manch andere Text-Passagen kommen auch diese beiden Begriffe nicht in Wagners Libretti vor. Dafür hat Niescier für die Gesangsstimme ausschließlich auf originale Klang-Zitate aus »Parsifal« zurückgegriffen und sie mit eigens im Modern Jazz-Stil komponierten Leitmotiven verzahnt. Dass die Kölner Jazz-Saxofonistin und Komponistin sich für ihre erste musikalische Auseinandersetzung mit der Oper das deutsche Schwerstgewicht auswählte, geht auf einen Kompositionsauftrag der Deutschen Welle zurück. Unter dem Titel »Wagner in America« wurde Niesciers KundryAnnäherung im Sommer in Washington uraufgeführt. Jetzt kommt sie im Rahmen des Beethovenfests zur Deutschen Erstaufführung. Natürlich hatte Niescier im Vorfeld eine Auswahl an Wagner-Figuren, die sie ins Zentrum ihres Jazz-Projekts hätte stellen können. Doch Parsifal habe sie zuerst als Oper angesprochen, so die Musikerin: »Ich fand die Musik nicht so bombastisch. Der Klang war nicht so heavy wie in fast allen anderen Opern. Ich fand ihn eher leicht, intim.« Nachdem sie sich intensiv mit dem »Parsifal«-Personal beschäftigt hatte, wusste sie, dass ihr Augenmerk auf Kundry zu richten sein würde. Schon Thomas Mann sah in ihr eine »der stärksten, dichterisch kühnsten« Bühnengestalten Wagners. Auch Niescier war von den Doppelrollen und vielen Gesichtern fasziniert, die Kundry in dem gut vierstündigen Werk zeigt. Beginnend bei der männerverschlingenden Wilden über die Weise und Wissende bis hin zur reuigen Wanderin. Um das Konfliktpotenzial dieser mythischen Gestalt noch zu schärfen, hat Niescier ihrer Solistin zudem Ausschnitte der Partien von Parsifal, Amfortas und Gurnemanz geschrieben. Mit beeindruckender Detailkenntnis des Werks bewältigt die gebürtige Polin das musikalische Wagnis. Dabei half ihr die vielseitige Arbeit als Komponistin etwa für Theater, Ballett und Sinfonieorchester. Was indes die Bigband-Kommentare angeht, befestigt Niescier da im Umgang mit der großen Tradition ihren Ruf als eine der einfallsreichsten Jazz-Musikerinnen Deutschlands. Legt sie den Dirigentenstab zur Seite, um am Saxofon ins elfstimmige Spiel des German Women’s Jazz Orchestra einzusteigen, wird der Einfluss ihres absoluten Helden John Coltrane allgegenwärtig. Trotzdem ist ihre Lust an rhythmisch komplexen Gebilden und eingängigen Melodieerfindungen unüberhörbar. Der Fantasie-Reichtum der heute 43-Jährigen wurde früh erkannt und mit Preisen ausgezeichnet. 1998 bekam sie den Düsseldorfer Förderpreis für Musik. Seitdem sie 2008

beim Moerser Jazzfest zum »Improviser in Residence« ernannt worden war, geht es für sie steil hoch. Zwei Jahre darauf erhielt sie für eine Aufnahme mit ihrem Quartett »sublim« einen ECHO-Jazz-Preis. Auf all diese Erfahrungen konnte Angelika Niescier für ihre WagnerAnnäherung zurückgreifen. Wie sie betont, ist sie auch an ihn nicht mit größerem Respekt herangegangen als bei anderen Arbeiten. »Ich habe nicht vorgehabt, etwas zu zerstören oder zu zerbomben. Ich sehe das Projekt eher wie eine Art Entfesselung, die Befreiung dieser Figur, indem ich ihr einen Ton gegeben habe, den sie in der Oper nicht hat.« Solche Inspirationskräfte besitzen eben nur Meisterwerke, die statt mit Doppelstrichen insgeheim mit Doppelpunkten enden.

INFO Angelika Niescier »Kundry« 28. September 2013, Rhein-Sieg-Halle, Siegburg. Beethovenfest: 5. September bis 5. Oktober 2013, Bonn. www.beethovenfest.de

TAGE ALTER MUSIK IN HERNE //13

14. bis 17. november KLANGLANDSCHAFTEN OSTEUROPAS 10 konzerte des westdeutschen rundfunks köln Pratum Integrum & Anna Gorbachyova & Olga Martynova Musica Aeterna • Ensemble Pavle Aksentijevic´ Russischer Patriarchatschor Moskau • Musica Profana Wrocławska Orkiestra Barokowa & Zbigniew Pilch Collegium 1704 • Janusz Olejniczak & Ellenai Quartet Cantores Rigensis • Balász Szokolay Dongó & Mátyás Bolya und das Kulturpolitische Forum WDR 3

blas- und saiteninstrumente Musikinstrumenten-Messe der Stadt Herne und ein Werkstattkonzert von Studierenden des Instituts für Alte Musik der Hochschule für Musik und Tanz Köln Information: Stadt Herne – Fachbereich Kultur – Thomas Schröder Willi-Pohlmann-Platz 1 – 44623 Herne fon (02323) 16-2839 – fax (02323) 16-1233 9228 thomas.schroeder@herne.de – www.tage-alter-musik.de


84 | MUSIK

Gavin Bryars. Foto: Caroline Forbes

IM WANDEL LIEGT DIE KRAFT

Die Bochumer Symphoniker spielen bei der Ruhrtriennale Werke von Gavin Bryars.

1998 hat Gavin Bryars es doch noch einmal getan. Plötzlich war alles wieder wie damals, wie in seinem ersten wilden Musikerleben. Für einige Konzerte in Köln und London kam es zur Reunion des Joseph Holbrooke Trios, das in den zwei Jahren seines Bestehens Geschichte im improvisierten Jazz geschrieben hatte. Nach über 30 Jahren standen Gitarrist Derek Bailey, Schlagzeuger Tony Oxley und Kontrabassist Gavin Bryars nun erstmals wieder gemeinsam auf einer Bühne. Bryars ging an seinem mannshohen Vier-Saiter neuerlich bis ans Limit und setzte wie in den 60er Jahren unkalkulierbare Reibungsenergien frei. Wenngleich diese Konzerte sein bis heute letzter Trip in die Jazz-Vergangenheit bleiben sollten, so waren auch sie Ausdruck eines Musikers, der sich wie kaum ein Zweiter in Sekundenschnelle in eine völlig neue Künstlerpersönlichkeit verwandeln kann. Mal komponiert er Orchesterwerke, in denen soghafte Rhythmusschleifen


t h e R oya l o P e R a

und sanft dahinmäandernde Melodiewellen für raffinierte Wohlfühl-Sounds sorgen. Dann wieder beschwört er in seiner Kammermusik das Barockerbe etwa seines englischen Landsmannes Henry Purcell. Oder Bryars erforscht das Action-Playing auf Fluxus-Art. So setzte er etwa für seine surreale Collage »1, 2, 1-2-3-4« sechs Musikern Kopfhörer auf und ließ sie gleichzeitig Songs von den Beatles nachspielen. Dass sich der inzwischen 70-Jährige zum musikalischen Chamäleon entwickelte, ist der Begegnung mit John Cage zu verdanken. In jenem Jahr 1966, als sich das Joseph Holbrooke Trio auflöste, war er von einem Cage-Abend in London derart fasziniert, dass er umgehend Kontakt zu dem amerikanischen Freigeist aufnahm. Bei einem mehrjährigen Aufenthalt in den USA lernte Bryrars dessen intellektuelle Generosität schätzen. »Cage gab dir die Erlaubnis, als Musiker du selbst zu sein«, sagt er. Damit besaß er Carte blanche, um sich wie selbstverständlich in musikalisch unterschiedlichsten Gewässern zu bewegen, ohne dabei auch auf die von ihm als »Stalinisten« bezeichneten Neue Musik-Ideologen Rücksicht zu nehmen. Seitdem hat er Ballett-Stücke für die Merce Cunningham Company komponiert, auch Solo-Konzerte sowie vier Opern u.a. über Johannes Gutenberg und Marilyn Monroe. Nach Projekten mit Robert Wilson sowie dem Rock- und Pop-Sänger Elvis Costello tourte der Workaholic 2012 anlässlich des 100. Jahrestages des Untergangs der »Titanic« mit seinem allerersten Erfolgsstück durch Europa. Schon 1969 war sein elektro-akustisches Orchesterszenario »The Sinking of the Titanic« entstanden, für das Bryars einen Choral minimalistisch variierte, der laut eines Zeitzeugen knapp vor der Katastrophe von der Bordkapelle gespielt wurde. Mit diesem Stück sollte Bryars endgültig seine Wandlung vom experimentierfreudigen Jazz-Heißsporn zu einem Komponisten besiegeln, der fortan auch mit meditativen Slow-Motion-Gebilden arbeitet. Beim Konzert der Bochumer Symphoniker, das die estnische Dirigentin Anu Tali während der Ruhrtriennale dirigiert, steht neben »The Sinking of the Titanic« noch Bryars zweiter Orchester-Hit »Jesus’ Blood Never Failed Me Yet« auf dem Programm. Grundlage für das minimalistische Orchesterstück von 1971 bildet die historische Aufnahme eines Londoner Stadtstreichers, der mit leicht brüchiger Stimme herzzerreißend diesen Hymnus singt. Bryars lässt die in einer Endlosschleife erklingende historische Aufnahme von Streichern zart umarmen und weitertragen. Selbst wem das kompositorisch dann doch zu wenig avanciert vorkommen mag – entziehen kann man sich seinem anrührenden Potenzial keinesfalls. | GUFI

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86 | MUSIK

HEUTE EIN KÖNIG TEXT: INGO JUKNAT

Zwischen 1968 und 2008 regierte im Kölner »King Georg« die Halbwelt. Seit dem Betreiberwechsel vor fünf Jahren hat sich die Bar am Ebertplatz zur Nightlifeund Kulturinstitution entwickelt, die sogar mit dem Museum Ludwig kooperiert. Ein engagiertes Team aus Nicht-Gastronomen macht’s möglich.

Wer in andere Zeitzonen reisen will, könnte sich im »King Georg« vorbereiten. Fensterlos und höhlenartig, lässt Kölns beste Bar jeden Sonnenstrahl an der Tür abblitzen. So auch heute. Während der Spätsommer selbst den tristen Ebertplatz erleuchtet, ist der »King« so schummrig, als wäre es nicht zwölf Uhr mittags, sondern nachts. Aber was hat dieser Laden auch mit dem Tag zu tun? Seit 1968 ist er ausschließlich dem Nightlife verpflichtet. Optisch hat sich seitdem fast nichts verändert. Holzvertäfelung, Kronleuchter, Messingstangen und Leder-Separees stammen aus einer Zeit, als hier noch Gäste mit Kugelschreiber-Tattoos hinter Whiskey-Flaschen mit ihrem eigenen Namen saßen. Damals regierte im King Georg die Halbwelt. Genaueres weiß niemand. Die Privatsphäre seiner Klientel wusste der Laden zu schützen. Standen die falschen Gäste vor der Tür (oder solche mit Mütze und Uniform), ging im Keller das Rotlicht an. Zeit, den Hinterausgang zu nehmen. Der »Cop-Alarm« gehört zu den wenigen Originaldetails, die heute nicht mehr existieren. Ansonsten hat sich das neue Team an die Auflage des langjährigen und milieugerecht benannten Vorbesitzers »Manni« gehalten: nichts verändern. Alles andere wäre auch ziemlich dumm gewesen. Das Rotlichtambiente ist für viele Gäste einer der Hauptgründe, hier einzukehren. Auch, und erst recht, heute. »Nach diesem Laden haben sich viele Gastronomen in Köln die Finger geleckt«, bestätigt Jan Vater, einer der aktuellen King Georg-Betreiber.

Umso kurioser, dass der Club nun von einem Team geführt wird, das aus lauter Nicht-Gastronomen besteht. Vater selbst hat lange für die Deutsche Forschungsgemeinschaft gearbeitet, Kollege Jan Lankisch ist Art Director in einer Werbeagentur, Besitzer André Sauer ist Kulturschaffender im weitesten Sinne. Hinzu kommen Wolfgang Frömberg, ExRedakteur bei der Spex, sowie Soziologe Peter Scheiffele. Heute ist Jan Vater solo. Eigentlich will er nicht allein über seinen Laden sprechen, aber der Rest des Kollektivs hat gestern gefeiert und liegt noch im Bett. Das hört sich nach Nightlife-Klischee an, aber wer meint, die Bar sei vor allem Spaßvehikel für die Chefs, täuscht sich. In Wirklichkeit erfordert sie endlose Geduld und ständiges Nachjustieren. Das fängt bei der kaputten Glühbirne an und endet bei der Band, die eine Stunde vor dem Auftritt im Stau steht. »Im Grunde kann man im Clubbetrieb gar nichts richtig machen«, sagt Vater, »nur vieles falsch.« Die Rahmenbedingungen sind auch nicht gerade einfacher geworden. Die viel kritisierte GEMA-Reform betrifft King Georg zwar nicht so wie andere Clubs, dafür ist die Quadratmeterzahl zu gering. Und die Auswirkungen des Rauchverbots wird man wohl erst im Winter richtig abschätzen können. Folgenlos dürfte der Nikotinstopp nicht bleiben. Es wurde viel gequalmt im King Georg. Nach 45 Jahren im Nebel wirkt die freie Sicht fast schon unnatürlich. Dennoch: Das Rauchverbot ist nicht das Hauptproblem. Der wahre Stress kommt aus einer anderen Ecke.


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Mit Halbwelt-Ambiente: Der Club. © King Georg

Vor kurzem wurde die Wohnung über der benachbarten Trattoria frei. Drei Studenten leben nun dort. Zwei davon sind Stammgäste im King Georg, der dritte hat den Anwalt eingeschaltet. Zu laut sei es nebenan. Es ist die erste Beschwerde in vier Jahren, aber sie hat Gewicht. Sollte der Nachbar Recht bekommen, steht eine erneute Schalldämmung an. Wie das gehen soll mit all der Originaldeko, weiß niemand so genau. Wo die fünfstellige Summe für den Umbau herkommen soll, erst recht nicht. Für die Bar könnte das Projekt ruinös sein. Deshalb haben Vater & Co. nun Spielortförderung vom Bund beantragt. Dafür muss nachgewiesen werden, dass King Georg ein relevantes Kulturprogramm vorzuweisen hat. Das fällt nicht schwer. Tatsächlich würde man wohl kaum einem Club in Köln die Förderung mehr gönnen. Neben Konzerten finden hier regelmäßig Lesungen statt. Die Autoren sind nicht selten prominent. John Jeremiah Sullivan hat in der alten Milieukulisse von christlichen Rockkonzerten in den USA erzählt, Simon Reynolds die »Retromanie« der Popkultur beklagt. Manchmal geht es auch mal um abseitigere Themen wie »Haiti – Voodoo, Musik und Widerstand«. Kulturelle Anerkennung kommt inzwischen von höchster Stelle. Seit letztem Jahr kooperiert King Georg mit dem Museum Ludwig. Für eine Reihe ausgewählter Bands stellte die Kunsthalle ihre Dachterrasse zur Verfügung. Das Ergebnis waren Sommerkonzerte mit seltenen Gästen. Kim Gordon von Sonic Youth ließ sich vom Dom-Blick ebenso beeindrucken wie Chris Frantz und Tina Weymouth von den Talking Heads. Matias Aguayo, Eigengewächs des Kölner Kompakt-Labels, schaute gleich zweimal vorbei. Beide Konzerte waren ausverkauft. Dass die Zusammenarbeit vom damaligen Museumschef Kasper König angestoßen wurde, sagt einiges über das Renommee der kleinen Bar am Ebertplatz.

Auch am Stammsitz ist das Booking nicht von der Stange. Manch verschollen geglaubte Kultfigur wie Kim Fowley tauchte an der Messingstange des King Georg wieder auf. Ansonsten bietet das Programm so ziemlich alles von der Hamburger-Schule-Band bis dreiköpfigen Girl-Punk-Formation aus Japan. Dass die obskureren Acts manchmal vor zehn Gästen spielen, liegt in der Natur der Sache. Die Konzerte sind ohnehin ein Zuschussgeschäft, das sich nur durch den brummenden Barbetrieb am Wochenende finanzieren lässt. Und durch die eigenen Apartments über der Bar, in denen King Georg seine Künstler (und normale Urlauber) unterbringt. Der »Pensionsbetrieb« ist relativ neu. Dafür kaufte Mitbetreiber André Sauer kurzerhand das ganze Gebäude. Der Vorbesitzer war nicht schwer zu überzeugen. Sieben bis acht Mietparteien waren Alkoholiker oder Junkies. Sauer kümmerte sich um neue Quartiere für die alten Mieter und besorgte in zwei Fällen sogar Therapieplätze. Seitdem verfügt King Georg über vier renovierte Apartments im Stile der 70er und 80er Jahre. Barbetrieb, Konzerte, Lesungen, Apartmentvermietung, das alles funktioniere nur im Kollektiv, sagt Jan Vater. Wäre es da nicht einfacher, wenn man sich ganz auf King Georg konzentrieren könnte – ohne Zweitjobs? Vater denkt nach, dann schüttelt er den Kopf. »Dass alle noch was anderes machen, ist ganz gut so, glaube ich. Sonst wird man ja auch irre.« INFO

www.kinggeorg.de


88 | MUSIK

Klassik, Jazz, Pop

Empfehlungen

der Redaktion

2. SEPTEMBER  CHRISTIAN THIELEMANN & THOMAS HAMPSON in Köln  in Köln Tradition ist, dass Christian Thielemann mit seinen jeweiligen Orchestern und einer Bruckner-Sinfonie im Gepäck die Kölner Konzertsaison eröffnet. Das hat er mit den Münchner Philharmonikern so gemacht und 2012 auch mit seiner Dresdner Staatskapelle. Nun bringt man Bruckners, von ihm als »kontrapunktisches Meisterwerk« bezeichnete, Fünfte mit an den Rhein. Die Programmüberraschung ist vorher zu hören. Denn wer hätte vermutet, dass der eher konservativ ausgerichtete Thielemann sich einmal für den kritischen Kommunisten Hanns Eisler erwärmen könnte. Tut er aber jetzt! Mit dem amerikanischen Star-Bariton Thomas Hampson präsentiert er dessen »Ernste Gesänge«. Darin hatte der DDR-Bürger kurz vor seinem Tod nicht nur seinen Schrecken über den stalinistischen Terror zum Ausdruck gebracht. Zugleich übersetzte Eisler hier auch mit Mahler-Zungen seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Musik. Philharmonie 5. SEPTEMBER  MARISS JANSONS  in Essen Vor zehn Jahren trat Mariss Jansons die Nachfolge von Lorin Maazel als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks an. Obwohl sein Vorgänger keine schlechte Arbeit abgeliefert hatte, erwies sich der Lette bald als das übergroße Los. Denn Jansons entdeckte beim Radio-Orchester ungeahnte Reserven. Was Intensität bei gleichzeitig höchstmöglicher Präzision angeht, spielen die Münchner seitdem in der Weltklasse. Für sein Essener Debüt-Konzert hat sich dieses Dreamteam zwei Orchesterkonzert-Klassiker ausgesucht. Das 1944 in Boston uraufgeführte »Konzert für Orchester« ist eines von Béla Bartóks eindringlichsten und effektvollsten Orchesterwerken. Zehn Jahre später wurde in Warschau Witold Lutosławskis Konzert für Orchester uraufgeführt, das wegen der neo-klassizistischen Rückbezüge zu den beliebtesten Orchesterwerken des polnischen Großmeisters zählt. Philharmonie 7. SEPTEMBER  YUJA WANG  in Düsseldorf und Bonn Kaum war 1895 das Pittsburgh Symphony Orchestra gegründet worden, kamen aus Good Old Europe bald die ersten prominenten Gäste, um es zu dirigieren. Dazu zählte Edward Elgar, aber auch Richard Strauss. Bei den beiden NRW-Gastspielen des amerikanischen Spitzenorchesters, das seit 2009 von Manfred Honeck hauptamtlich geleitet wird, schließt sich jetzt der Kreis. Strauss’ berühmte Tondichtung »Ein Heldenleben« steht auf dem Programm. Vor der Pause aber gibt es Oktaven-Gewitter vom Feinsten! Am Flügel nimmt die chinesische Wahl-New Yorkerin Yuja Wang Platz, um sich mit ihrer sagenhaften, für den San Francisco Chronicle geradezu »übermenschlichen« Technik in Peter Tschaikowskys 1. Klavierkonzert zu stürzen. 7. September, Tonhalle 20 Düsseldorf; am 14. September in der Beethovenhalle Bonn

12. SEPTEMBER  Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:   Projekt: Das 3. Ohr/Musikkulturen  WELTMUSIKDIALOG: KARIBUNI – @ADDIS ABEBA  in Münster Die in Münster lebenden Musiker Pit Budde und Josephine Kronfli haben sich mit ihrem Ensemble Karibuni in der Weltmusikszene längst einen Namen gemacht. Im September laden sie im Rahmen des Förderprojekts »Musikkulturen« NRW-Weltmusiker und Künstler aus Äthiopien zu einem mehrtägigen musikalischen Dialog. Das Ziel: die respektvolle und behutsame Annäherung an die Kultur des jeweils anderen. Dabei spielen die traditionelle äthiopische Musik mit ihren archaischen Instrumenten und überlieferten Skalen sowie der aus dieser Musik entstandene Ethio-Jazz eine wichtige Rolle. Abschließend in vier Konzerten in NRW präsentieren die äthiopischen Musiker Temesgen Zeleke und Menasi Hailu mit ihren NRW-Partnern Josephine Kronfli, Carlos Mampuya, Pit Budde, Klaus Jochmann und Fara Diouf ein Bühnenprogramm mit Kompositionen aus Äthiopien, Angola, dem Kongo und Deutschland. Stadtteilhaus Lorenz-Süd, am 14. September im Katakomben-Theater in Essen, am 15. erneut in Münster, am 22. im Bochumer Kulturrat. www.nrw-kultur.de/dasdritteohr.de 13. SEPTEMBER  FESTIVAL ALTE MUSIK  in Knechtsteden Mitten in der dicht besiedelten Gegend zwischen Köln und Düsseldorf bildet die fast 1000 Jahre alte Klosteranlage von Knechtsteden eine Oase der Spiritualität. Seit 1992 ist die romanische Basilika zentraler Aufführungsort des Festivals der Alten Musik Knechtsteden, das musikalische Trouvaillen und Spitzeninterpreten der historischen Aufführungspraxis präsentiert. In diesem Jahr widmet sich Festivalgründer Hermann Max mit seiner Rheinischen Kantorei und dem Ensemble Das Kleine Konzert dem Thema »Toleranz«. So schlägt Max musikalische Brücken zwischen Bach und Marc-Antoine Charpentier. Beim Abend »Kassandra und Waterloo« sind Werke von der Bach-Familie, von Mauricio Kagel und eine Uraufführung von Thomas Blomenkamp zu hören. Auf dem Programm des Festivals stehen zudem der Meisterbassist Harry van der Kamp, Solisten der Neuen Hofkapelle Graz sowie das auf die Musik des Mittelalters spezialisierte Quartett Ala Aurea um Sängerin Maria Jonas. 13. bis 28. September, div. Orte und Zeiten, Knechtsteden Info: www.knechtsteden-altemusik.de 14. SEPTEMBER  KÖLNER MUSIKNACHT  Zum neunten Mal verwandelt sich die Domstadt bis nach Mitternacht in einen großen Konzertsaal. Denn bei der Kölner Musiknacht bespielt die unglaublich facettenreiche, heimische Musikszene in 100 Konzerten 25 verschiedene Spielstätten. Diesmal steht das von Klassik über Jazz bis zur Weltmusik reichende Programm unter dem Motto »Eine Stadt: Paradies und Hölle«. Mit dabei sind auch Solisten und Ensembles, die längst über die Stadt-Grenzen hinaus für Aufsehen sorgen. Dazu zählen das mit


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Preisen ausgezeichnete Signum Saxophonquartett, das Ars Choralis Vokal-Ensemble um Maria Jonas sowie Jazzpiano-Shooting-Star Pablo Held. Darüber hinaus taucht auch das Sprachkunst-Trio »sprechbohrer« wieder u.a. mit Kurt Schwitters »Ur-Sonate« in höllische Vokalschlunde ab. Ab 18 Uhr, div. Orte und Zeiten; Info: www.koelner-musiknacht.de 20. SEPTEMBER  VINCENT PEIRANI & GUESTS  beim Münsterlandfestival »Bienvenue und Härzlech Willkomme« – so werden in diesem Jahr die Besucher des Münsterland Festivals begrüßt. Denn vom 20. September bis zum 19. Oktober liegt der Schwerpunkt auf den Musiknationen Frankreich und Schweiz. Gleich das Eröffnungskonzert hat es in sich. Zur Schweiz gehört das Alphorn, und dieses 3,70 Meter lange Blasrohr beherrscht Eliana Burki atemberaubend. Mit ihrer Band iAlpinisti spielt sie sich von Tango über Folklore bis hin zum Jazz über Stock und Stein. Aus dem Akkordeon, das bei keiner französischen Musette-Einlage fehlen darf, macht Vincent Peirani ein wahre »Thrill Box«. So lautet das aktuelle Album des aus Nizza stammenden Akkordeon-Virtuosen, das er mit Kontrabassist Michel Benita und Pianist Michael Wollny aufgenommen hat. Wie im Studio, haben auch live zwei Franzosen einen Gastauftritt, die zum Besten gehören: der Saxofonist Emile Parisien sowie an der Klarinette Michel Portal! Kulturzentrum Greven 20. SEPTEMBER  ENRICO RAVA  in Essen Nach seiner etwas gewagten Hommage an Michael Jackson ist der italienische Meistertrompeter Enrico Rava endlich wieder zu jenem Kerngeschäft zurückgekehrt, bei dem er seinen lyrischen und ungemein wärmenden Ton aufblühen lassen kann. Um die pure Schönheit des Jazz neu zu entdecken, hat er vier Landsleute um sich versammelt. Neben dem Posaunisten Gianluca Petrella, mit dem er seit 1997 zusammenspielt, sind das die drei jüngeren Kollegen Giovanni Guidi (Piano), Gabriele Evangelista (Bass) und Fabrizio Sferra (Drums), mit denen Rava hochpoetische Melodien umspielt. Das gemeinsame Projekt »Tribe« erinnert einmal mehr an Ravas Brüder im Geiste, an Miles Davis und Chet Baker. (20.9. Philharmonie 20 Uhr Essen) 23. SEPTEMBER RICHARD GALLIANO in Düsseldorf An seinem Akkordeon hat Richard Galliano schon zahllose Sternstunden erlebt. Er hat mit Jazztrompeten-Ikonen wie Chet Baker und Wynton Marsalis gejammt und mit der gesamten Pariser Chanson-Szene um Juliette Gréco und Charles Aznavour zusammengearbeitet. Seine vielleicht einflussreichste Begegnung hatte er mit Astor Piazzolla. Der Tango Nuevo-Halbgott infizierte Galliano regelrecht mit der südamerikanischen Poesie. Dafür bedankt sich der aus Cannes stammende Akkordeonist regelmäßig mit besonderen Projekten bei Piazzolla. So feiert beim »Düsseldorf Festival« Gallianos »8 Seasons«-Programm Deutschlandpremiere, bei dem Antonio Vivaldis »Vier Jahreszeiten« auf Piazzollas Vivaldi-Hommage »Cuatro estaciones porteñas« treffen. Theaterzelt 28. – 30. September  Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:   Projekt: Kooperierte Projekte   FRISCHZELLE FESTIVAL 2013  in Köln Aktuelle Tendenzen und Entwicklungen intermedialer Performance an der Schnittstelle von Medienkunst und Musik: Das zeigt das Frisch-

zelle Festival Ende September 2013 in der Kunsthochschule für Medien Köln. Seit 2004 jährlich von Zeitkunst e. V. veranstaltet, hat sich das Festival längst als überregional bedeutendes Schaufenster einer neuen Kunstform etabliert, in der Videobilder und Musik zu einer homogenen Einheit verschmelzen. Das diesjährige Programm präsentiert prominente internationale Gäste wie Sofia Jernberg & Lene Grenager, Mazen Kerbaj, Sharif Sehnaoui, Raed Yassin, Nanoschlaf oder das JazzWerkstatt New Ensemble. Am 1. Oktober auch zu erleben im Bunker Ulmenwall Bielefeld. Kunsthochschule für Medien Köln Info: www.nrw-kultur.de/kooperierteprojekte 28. SEPTEMBER  CELINE BONACINA  in Schöppingen »In dieser jungen Frau stecken der Wille und der Drang, Grenzen zu durchbrechen und sich von der Masse abzuheben.« Mit diesen Worten erteilte 2010 der französisch-vietnamesische Gitarrist Nguyên Lê der Baritonsaxofonistin Céline Bonacina den Ritterschlag. Kaum war dieses Lob verklungen, bewies Bonacina beim Berliner Jazzfest, was man mit dem Baritonsaxofon so alles machen kann. Mal singt sie zart drauf, dann wieder pumpt sie wild bis lässig durch Jazz und Rock. Im Rahmen des Münsterland Festivals gibt Madame 100.000 Volt Kostproben ihres Könnens. Zur Seite stehen ihr dabei mit Michel Benita (Kontrabass) und Gwilym Simcock (Klavier) nicht die schlechtesten Jazzmusiker. Altes Rathaus 29. SEPTEMBER  Kate Nash  in Köln Schwer zu sagen, was in Kate Nash gefahren ist. Eine größere ZickzackKarriere hat man in letzter Zeit selten gesehen. Wir erinnern uns an Album Nr. 1, erschienen 2007. »Made of Brick« war ein sympathisch vor sich hinrumpelnder Eiswagen, voll mit knallbunten, unwiderstehlichen Schweinereien. Sie trugen Titel wie »Foundations« oder »Mouthwash« und machten die gerade mal 20-Jährige zum Star. Platte Nr. 2, »My Best Friend Is You« war musikalisch ambitionierter, abwechslungsreicher, aber auch weniger hitlastig. Inzwischen ist das dritte Album draußen. Auf »Girl Talk« ist Nash feministischer geworden und nähert sich klassischen Girl-Punk-Bands wie den Slits an. Das klingt mal mitreißend – in der bewussten Abkehr vom alten Sound aber auch (manchmal) ein wenig aufgesetzt. Dennoch bleibt Nash eine der interessantesten Künstlerinnen ihrer Generation – gerade wegen ihrer Fähigkeit, feministische und politische Statements in den buntesten Süßigkeiten zu verstecken. Gebäude 9 30. SEPTEMBER  Shout Out Louds   in Düsseldorf Einen Hang zur Niedlichkeit kann man schwedischen Bands kaum absprechen – angefangen bei ABBA, den Cardigans bis hin zu Peter, Björn and John und den Shout Out Louds. Deren Sänger, Adam Olenius, guckt in die Welt wie Michel Lönneberga durch eine Scheibe mit Eisblumen. Das passt zur Musik der Shout Out Louds, die immer ein Gefühl von melancholischem Staunen vermittelt. Beim Refrain wechseln sich Olenius und Keyboarderin Bebban Stenborg ab – manchmal sehen sie aus wie ein Teenager-Pärchen, das sich verstohlene Blicke zuwirft. Zum Glück wird es bei Konzerten auch mal lauter, so dass dort niemand mürbe gekuschelt wird. Am Ende sind die Shout Out Louds eben doch eine Indie-Band und kein Streichelzoo. Zakk


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92 | FILM

FOREVER YOUNG ODER THE LAST PERFORMANCE DES MONATS

REZENSIONEN: ANDREAS WILINK »The Congress« von Ari Folman: Der israelische Regisseur, dem mit »Waltz with Bashir« ein Welterfolg gelungen ist, setzt nach einer Geschichte von Stanislaw Lem neuerlich seine Methode von Animations- und Spielfilm grandios fort. Anzuzeigen ist ein großer Film über das Filmemachen vom Range eines Billy Wilder (»Sunset Boulevard«), Vincente Minnelli (»The Bad and the Beautiful«) oder Robert Aldrichs »Legende der Lylah Clare« – süffiger, geschmeidiger, auch hemmungslos entertainender als die Selbstbespiegelungen des Godard, Fassbinder, Wenders, Truffaut. »The Congress« kleidet sich in die Hülle eines intelligenten Melodrams, um die Dämonen zu entfesseln und eine Reflexion über Wahrheit und Lüge des Kinos und seine Zukunft, eine Studie über Manipulation und tief pessimistische Fantasie zu entwerfen, gemäß dem Autor der Vorlage, Stanislaw Lem. Sie ist blond, groß, schön, intelligent, eine zweite Grace Kelly: die Schauspielerin Robin Wright, die in »The Congress« die Schauspielerin Robin Wright spielt – mit ähnlicher Biografie (geboren 1966 in Texas) und Filmografie. Die Film-Robin Wright lebt mit ihrem kranken Sohn Aaron, der zu erblinden und sein Gehör zu verlieren droht, während sein Beautiful Mind innere Welten kreiert und seine Imagination die Realität stimuliert, und Tochter Sarah an einem seltsamen Platz: in einem ehemaligen Hangar neben einem Flugfeld, wo der Junge seinen roten Drachen im Wind der Landebahnen steigen lässt und die Flugpläne auswendig kennt. Nomen es Omen: Wright. Sie bekommt eine letzte Chance. Ihr alerter Produzent (Danny Huston) macht ihr eine Offerte; ihr knorriger Agent Al (unübertrefflich: Harvey Keitel) redet ihr zu und beeinflusst sie, indem er ihr Geschichten aus einer Jugend in der Bronx erzählt und seine Fähigkeit erläutert, bei anderen (auch bei ihr) Defekte und Ängste zu erspüren und aus diesem Instinkt Kapital zu schlagen. Das Studio heißt Miramount (es könnte auch Paramount heißen). Ein Vertrag also, ein allerletzter. Miramount will Robin Wright scannen – ihren Körper am Computer regenerieren, ihre Emotionen speichern, sie besitzen für alle Ewigkeit. Zunächst weigert sie sich. Sie will nicht digital existieren. Aber ist ein Schauspieler, fragt Al, nicht immer Objekt des Studios? Hatte sie jeeine Wahl, wurde sie nicht zu Rollen gezwungen, zur Marionette degradiert, besonders, als ihre Karriere einknickte, sie Kassengift wurde, Fehler machte, Flops produzierte? Hollywood Babylon. Ebenfalls bestärkt sie Steve, Anwalt für Scanner-Verträge, zu dessen Klienten Keanu Reeves und Michelle Williams gehören. Robin Wright stimmt schließlich dem Kontrakt zu und lässt geschehen, dass ein berühmter Ex-Kameramann – dahin also ist es mit dem Kino gekommen! – ihre Mimik, ihr Lachen, ihr Leiden speichert. Doch bittet sie sich aus, dass ihr künstliches Alter Ego weder Porno noch Sci-Fi spielen soll. Auch das wird sich erledigen. Es folgt ein Zeitsprung um 20 Jahre – und bei Ari Folman der Wechsel vom »menschlichen« konventionellen Film in die explodierenden Rauschzustände des Animationsfilms. Die echte Robin Wright, gut gealtert, fährt mit ihrem silberfarbenen Porsche zum Futurologischen Kongress ins Miramount Hotel, schnieft eine Ampulle – und ist in der Trickfilm-Zone: einer knalligen pop-bunten Welt mit Over the Rainbow-Straßen, Fabeltieren, Killerbienen,

Einmal real, einmal als Comic, aber immer fiktiv: Robin Wright. Foto: Pandora

Fantasialand-Dekor und John Wayne- und Marilyn-Klonen, während sie als Kino-Ikone und martialische Agentin Robin die Leinwände füllt. Aber die Technologie sieht noch mehr vor: die Entwicklung einer Substanz und chemischen Formel, mit der sich jeder in den oder das verwandeln kann, was ihm als Ideal vorschwebt. Menschliches Mittelmaß, der menschliche Makel ist ausgeräumt, die scheinbar absolute Freiheit der Wahl, ob als Kleopatra, Venus von Milo oder kubistischer Picasso herumzulaufen, schafft Massen-Koller und -Suggestion und die totale Unfreiheit, kontrolliert und konstruiert von einem Medien-Großkonzern, gegen den Rebellen (darunter Robin Wrights Tochter Sarah) aufbegehren. Robin selbst wird durch eine Halluzinogen-Droge vergiftet, wird eingefroren, aufgetaut, träumt sich durch die 80er mit Grace Jones und Ronald Reagan und wird ihren verlorenen Sohn Aaron suchen. Ari Folman bewältigt den komplexen, mehrfach gespiegelten Stoff grandios und erschafft eine witzige, gruselige, krasse, visuell schockende, von ihm heroisch gestemmte Negativ-Utopie, die mit Kubricks Dr. Seltsam, Barbarella, Walt Disney und vielem mehr auch ein Streifzug durch die Kulturgeschichte    des Kinos und unsere Zivilisation ist – ihren Traum und Albtraum. INFO »The Congress«; Regie: Ari Folman; Darsteller: Robin Wright, Harvey Keitel, Kodi Smit-McPhee, Jon Hamm, Danny Huston, Paul Giamatti; Israel 2013; 117 Min.; Start: 12. September 2013.


K.WEST 09/2013 | 93

DRAUSSEN VOR DER TÜR

Wadja und ihr Traum vom Fahrrad. Foto: Koch Media

UNFORGIVEN

Mads Mikkelsen als Kohlhaas. Foto: Polyband / 24 Bilder

»Das Mädchen Wadjda« von Haifaa Al Mansour

Kleists »Michael Kohlhaas« ist jetzt Franzose

Innerhalb weniger Wochen öffnet das Weltkino den Blick auf zwei geschlossen Systeme. Sie habe, erzählt die in Tel Aviv lebende, chassidische Regisseurin Rama Burshtein, die Romane von Jane Austen vor Augen gehabt, als sie ihr Drehbuch geschrieben und »Fill the Void« (»An ihrer Stelle«) inszeniert habe: die Geschichte einer strenggläubigen Familie, beheimatet ebenfalls im säkularen Tel Aviv. Es geht um Liebe, Ehe, Glück, Herzensdinge, soziale Einbindung – unter spezifischen Bedingungen. Der für den Auslands-Oscar nominierte »Fill the Void«, der hier und da noch in Programmkinos läuft, ist ein erstaunlicher Film, weil er aus einer Grundakzeptanz heraus die Gesellschaft betrachtet. Es gibt Traditionen, Werte, Überzeugungen, Hierarchien (repräsentiert durch Rabbi, Vater, Mutter, Tante ...), die bedrücken und bedrängen könnten, aber als gegeben und lebenswert gezeigt werden. Ihre saudi-arabische Kollegin Haifaa Al Mansour macht es ähnlich – im ersten überhaupt in dem islamischen Land gedrehten Spielfilm. »Das Mädchen Wadjda« lebt mit seiner Mutter, einer Lehrerin, in Riad; der Vater, auf Montage unterwegs, kommt gelegentlich zu Besuch. Und hält Distanz zu Frau und Tochter – er will einen Sohn und wird sich eine neue Frau nehmen. So ist das Gesetz. Freiheit des Mannes, Unfreiheit der Frau: Aktiva und Passiva. Man wohnt schön – hinter hohen Mauern und Türen. Mittelstand. Die zehnjährige Wadjda (Waad Mahammed) ist aufgeweckt, eigensinnig, unangepasst, sehr zum Unwillen ihrer religiös sittenstrengen Schule, wo Verschleierung, dezente Kleidung und Identifikation mit der weiblichen Rolle gefordert sind. Wadjda möchte ein Fahrrad, das ihren Wunsch repräsentiert, Geschlechter-Grenzen zu umkurven. Sie spart darauf und nimmt deshalb am Koran-Wettbewerb teil, den sie – die Zweiflerin – sogar gewinnt. Die Preissumme aber soll sie Palästina spenden, nachdem sie beherzt verkündet, wofür sie das Geld auszugeben gedenkt. Das feinfühlige Porträt des Mädchens in seiner Beziehung zu sich selbst, den Eltern und den Leuten draußen vor der Tür reflektiert immer auch den Kontrast zwischen Außenwelt und Innenansichten und die Gegenwart eines Staates, in dem Steinzeit und Moderne, Shopping Malls, Designermode und Videospiele neben rigider Islam-Polizei und der Lehre des Propheten parallel existieren. In einer Szene malt Wadjda den Familien-Stammbaum aus, der nur männliche Triebe wachsen lässt, und pfropft ihm ihren Namen auf. Das Hohelied einer Emanzipation im    Kleinen ist authentisch, schlicht, bescheiden – und explosiv.

Mads Mikkelsen ist für Europa, was Ryan Gosling für Amerika zu werden verspricht: männlich, markant, von eigenwillig herber erotischer Ausstrahlung. Ein Star, auf den man eine Geschichte gründen kann, die selbst dann noch glatt aufgeht, wenn es ihr an eigener Kraft fehlt – wie »Only God forgives« mit Gosling jüngst gezeigt hat. Hier nun ist es fast umgekehrt: Der Film funktioniert eher trotz als wegen eines umdüsterten Mikkelsen. Kleists Novelle über den Rebellen »Michael Kohlhaas« von 1810, der ein ihm angetanes Unrecht vergilt und dabei zum Mordbuben wird, taugt wenig zum martialischen, lodernden Historiendrama und zur Pferdeoper. Kohlhaas ist kein Clint Eastwood aus »Unforgiven«, auch wenn dem Regisseur ein solcher Typus zunächst vor Augen stand. Hinter Faust und Schwert steht der juristische Konflikt. Er betrifft das Rechtssystem des 16. Jahrhunderts und seine Kodifizierung. Der Pferdehändler Kohlhaas, der gegen einen Baron vor Gericht seinen Anspruch nicht gelten machen kann, weil der Beklagte mit den parteiischen Richtern auf gutem Fuße steht, erklärt Fehde, zieht gegen den Adligen zu Felde und wütet bald gegen das gesamte Herrschaftssystem. Koste es, was es wolle: »Fiat iustitia, et pereat mundus» (Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe die Welt darüber zugrunde). Ab und an blitzt gar etwas von Don Quichotterie auf, eingedenk Ernst Blochs, der den Kohlhaas als »Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität« einstufte. Der Franzose Arnaud des Pallières bleibt der Zeit treu, auch wenn er sprachlich einiges modernisiert und das Dekor abstrahiert, reduziert die Gewalttaten aufs Notwendige und delegiert sie an die Tonspur, kühlt das Blut herunter und ernüchtert den Plot fast essayistisch intellektuell. Kohlhaas situiert er in Frankreich, in die südliche Region der Cévennes – mithin in eine Epoche des Umbruchs, in dem die von Bauernaufständen untergrabene Feudalstruktur sich zum absolutistischen und in Folge zum aufgeklärten Staat wandelt und sich unter dem guten König Henri Quatre um Ausgleich zwischen Katholiken und Protestanten bemüht. Mildernd greift Bruno Ganz als Gouverneur der Königin von Navarra ein, der aus Freundesneigung Kohlhaas zur Besinnung zu bringen sucht. Interessant ist das Konzept, wie sich hier die Reformation und ihre Obrigkeitstreue (die wir von Luther kennen, der den Bauernkrieg und die Bundschuh-Bewegung verwarf) in Gestalt eines Predigers (Denis Lavant) ins Spiel bringt und eine urchristliche Position vertritt, die den dritten Stand nicht mir nichts, dir nichts zum Abschuss freigibt. Ein Kritiker fand nach der Premiere in Cannes eine Parallele zu Robert Bresson und meinte vermutlich vor allem dessen klassisch schlichte, ganz unroman   tische Jeanne d’Arc und seinen »Lancelot«. Da ist was dran.

INFO »Das Mädchen Wajdja«; Regie: Haifaa Al Mansour; Darsteller: Reem Abdullah, Waad Mohammed, Sultan Al Assaf, Ahd, Abdulrahman Al Gohani; Saudi-Arabien / D 2012; 97 Min.; Start: 5. September 2013.

»Michael Kohlhaas«; Regie: Arnaud de Pallières; Darsteller: Mads Mikkelsen, Denis Lavant, Bruno Ganz, Sergi López; Frankreich 2013; 122 Min.; Start: 12. September 2012.


94 | FILM

AUF DER SONNENWIESE

Liv Ullmann, Juliane Köhler und Familie. Foto: Farbfilm

DER TEUFEL, MÖGLICHERWEISE

Freund und Feind: Waschke und Groth. Foto: X Verleih

»Zwei Leben« von Georg Maas

Deutscher film noir: »Zum Geburtstag«

Deutschland 1990, das Ende der DDR. Nachrichten-Stimmen aus dem Off setzen im Vorspann den historischen Rahmen. Dann sehen wir eine Frau, die sich ihr blondes Haar unter einer schwarzen Perücke versteckt, unterwegs mit Flugzeug, Zug und Taxi. Sie kommt an im Gemäuer einer sächsischen Stadt – einem ehemaligen Kinderheim mit dem euphemistischen Namen »Sonnenwiese«. Die Frau sucht ein Archiv auf und entfernt heimlich den Namen »Hiltrud Schlömer, Schwester« aus einer Liste. So könnte ein Hitchcock beginnen – mit »Marnie« verlief es nicht viel anders. Und auch in »Zwei Leben« teilt sich der zerrissene Vorhang. Nach diesem Prolog wird ein normales Leben sichtbar: ein Familienleben in Norwegen als Ehefrau, Mutter, Großmutter und Tochter. Katrine Myrdal (Juliane Köhler) war scheinbar Opfer des Nazi-Lebensborn-Projekts: Kind eines deutschen Vaters, der an der Ostfront fiel, und einer norwegischen Mutter, Ase Evensen, die nach dem Krieg für ihre Liebe geächtet wurde. Die Tochter war ins Dritte Reich zwangsadoptiert worden. Ein deutscher Anwalt (Ken Duken) will dieses Unrechts-Kapitel aufarbeiten und Klage am Europäischen Gerichtshof führen. Er stößt auf die Myrdals / Evensens und auf eine Spur, zurück in die DDR und zu Machenschaften der Staatssicherheit, die vorgebliche Lebensborn-Kinder als Agenten nach Norwegen schleuste. Auch Katrine war Stasi-Mitarbeiterin, angeworben und nun unter Druck gesetzt vom Geheimdienst-Offizier (der unergründliche Rainer Bock, der schon Petzolds »Barbara« überwachte). Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert handelt von gefälschter Identität, gestohlener Biografie, Schicksalsbrüchen, Verbrechen, Schuld (die »echte« Katrine wurde aus dem Weg geschafft) und Sühne. Georg Maas neigt dazu, die ohnehin vertrackte Story durch elliptisches Erzählen zu verkomplizieren, didaktisch lehrbuchhaft zu inszenieren und mit schneeigen Rückblende-Bildern wie aus dem Fernseher gewissermaßen authentisch zu dekorieren. Mit der Schauspiel-Legende Liv Ullmann (als Mutter Evensen) weiß er nichts anzufangen; sie bleibt Statistin mit staunendem Gesichtsausdruck. Die Frage hinter allem heißt: Was ist die Wahrheit eines Lebens? Kann etwas richtig sein, das so falsch war wie das der vermeintlichen Katrine? Noch einmal soll sie lügen – ihre Familie verraten, um nach Kuba zu flüchten und das Staatsgeheimnis zu wahren. Sie entscheidet sich, aufrichtig zu sein. Am Ende steht ein Trümmerbild und ein Brandopfer. Übrigens gab es diese von der DDR nach Norwegen    eingeschleusten Spione tatsächlich.

Wenn man ernst nehmen könnte, was hier dramaturgisch ein Franzose über Heranwachsende in der späten DDR und über wiedervereinigte, erwachsen gewordene Wohlstandsbürger erzählt, könnte das Stichund Schlagwort lauten: der Mensch als Verfügungsmasse. Es wird gefälscht, getrickst, gelogen, betrogen, verraten, manipuliert, entführt und getötet. Das Leben der Anderen fällt auf die eigene Existenz zurück – und wird sie vernichten. Prolog: Der Schüler Paul liebt Anna, die seinen Freund Georg liebt. Paul fälscht Annas Handschrift und gibt Georg einen angeblichen Brief Annas, in dem sie Schluss macht mit ihm, was der ohne mit der Wimper zu zucken zur Kenntnis nimmt. Statt seiner solle doch Paul Anna (bis auf weiteres) übernehmen und ihm zudem Ersatz beschaffen. Zufällig zeigt Paul auf Yvonne, Georg muss nur noch deren Punk-Freund Daniel ausschalten, was dem Sohn eines Hauptmanns der Volkspolizei keine Mühe bereitet. So waren die Verhältnisse. Das Ganze passierte an Pauls Geburtstag. 30 Jahre später ist Paul erfolgreicher Investment-Banker, Anna (Marie Bäumer) seine Frau und Professorin für Mikro-Biologie, sie haben zwei Kinder, Tochter Emilie gleicht der Anna von damals. Georg wird Pauls neuer Chef und ist – methodisch, emotionslos und kalt bis ans Herz – der Teufel, möglicherweise. Will Georg, der immer noch mit der damaligen Yvonne in zynischer, strategischer Gemeinschaft liiert ist, Anna zurück, will er Paul ruinieren oder etwas bzw. jemand anderes? Währenddessen wird die Rache von dritter Seite vorbereitet und exekutiert. Denis Dercourt wollte wohl einen Film noir, ein unbehagliches Beziehungsdrama in politischer Absicht und eine Parabel à la Jean Renoir über das deutsche unglückliche Bewusstsein drehen. Wie er dabei für seine Zwecke mal eben mit links Weltkrisenherde und Weltfinanzmärkte einspannt, wie er seine Figuren wie Roboter reden, in Maskenhaftigkeit erstarren und aus toten Augen blicken lässt, um die Kälte des bürgerlichen Subjekts anschaulich zu machen, wobei doch nur versteiftes Spiel herauskommt, bleibt so abstrus wie rätselhaft. Es gehört schon viel dazu, Sophie Rois als sarkastisch vergiftete Yvonne blöd aussehen zu lassen. Indes müssen Mark Waschke (Paul) und Sylvester Groth (Georg) achtgeben, sich nicht von ihrer Fernseh-Routine neutralisieren zu lassen. Im Vergleich mit den »Großen« sind die Darsteller ihrer früheren Ichs so frisch, frei und unvoreingenommen sich selbst gegenüber, dass man sich gewünscht hätte, der Prolog wäre die Hauptsache    – und die Geschichte käme nie an ihr abruptes Finale.

INFO »Zwei Leben«; Regie: Georg Maas; Darsteller: Juliane Köhler, Liv Ullmann, Ken Duken, Sven Nordin, Rainer Bock; Deutschland 2013, 100 Min.; Start: 19. September 2013.

»Zum Geburtstag«; Regie: Denis Dercourt; Darsteller: Mark Waschke, Marie Bäumer, Sylvester Groth, Sophie Rois, Johannes Zeiler, Saskia Rosendahl; D 2013; 86 Min.; Start: 19. September 2013.


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AUSSERDEM »WHITE HOUSE DOWN« Fakt ist: Die USA haben einen farbigen Präsidenten. Auch in Roland Emmerichs Untergangs- und Auferstehungs-Fantasie, die so amerikanisch, patriotisch und national strotzend (nichtsdestoweniger spannend) ist, dass der Deutsche sich als der bessere Amerikaner erweist, einschließlich John Ford. Präsident Sawyer (Jamie Foxx) legt einen Friedenspan für den gesamten Mittleren Osten vor, der die derzeit realen Verhandlungen über einen Nahost-Frieden in den Schatten stellt. Sehr zum Unwillen der Waffen-Lobby. Emmerich geht aufs Ganze: Ein Vater, John Cale (Channing Tatum), der Security beim FBI werden will, und seine elfjährige Tochter sind gerade im Weißen Haus auf Bewerbungs- und Besichtigungs-Tour, als die Kuppel des Kapitol in die Luft fliegt und Bewaffnete das Machtzentrum stürmen, Geiseln nehmen und des Präsidenten habhaft werden wollen. Dessen Sicherheitschef (der große James Woods) hat die Attacke aus persönlichen Motiven – sein Sohn starb als Marine bei einem Einsatz – geplant. Die mit allen Schikanen ausgerüstete Truppe besteht nicht etwa aus islamistischen Terroristen, sondern aus Rechtsradikalen und Insidern, darunter einem Super-Hacker-Freak, der Beethovens Fünfte hört und virtuos die militärischen Codes knackt. Emmerich schießt in seinem Krieg ums Weiße Haus aus allen Rohren, wobei das emotionale Kaliber (trotz einiger alberner Komik-Querschläger) das der Geschütze überbietet. Nebenbei erfahren wir von einem Tunnel unterm White House, der einst für    Marilyn auf dem Weg zu FJK gegraben worden sei. Start: 5. September 2013.

„Nach ‘Waltz with Bashir’ tanzt Ari Folman Walzer mit Stanley Kubrick, George Orwell und Aldous Huxley” LE MONDE

„Futurama auf Drogen” MOVIEPILOT.DE

»DER FALL WILHELM REICH« mit Brandauer Klaus Maria Brandauer spielt den Psychoanalytiker Wilhelm Reich, der sich von Freud abspaltete, den die Kommunisten, denen er beitrat, aussortierten, dessen Theorie Einstein physikalisch für Unfug erklärte, der als »Sex-Guru« und »Scharlatan« verfolgt und als das Staatswesen gefährdendes Individuum verurteilt wurde. Spielt ihn, als habe er sich von Klaus-Jürgen Wussows mild professoralem Klinikchef-Brinkmann-Charisma inspirieren lassen. Vom Prolog 1925 in Wien, wo Reichs Vortrag über Libido und Orgasmus auf wissenschaftliches Kopfschütteln stößt, bis zum Prozess 1956 in den USA, wo er nach seiner Verurteilung in der Haft 1957 stirbt, wird recht apologetisch seine Suche nach Erkenntnis und sein ganzheitliches esoterisches Denken, das Geist und Materie zusammenführen will, und sein sogar für Krebserkrankungen von ihm angewandtes Therapie-Modell der Orgon-Akkumulatoren vorgeführt. Erinnernd    an einen der Kulturfilme aus der Bundeszentrale für politische Bildung.. Start: 5. September 2013.

»DER FREMDE AM SEE« Plötzlich zieht eine dunkle Wolke auf, der Himmel verdüstert sich, es scheint Nacht zu werden. Am nächsten Tag liegen noch das Badetuch, eine Mütze und die Turnschuhe an der selben Stelle. Ein junger Mann wurde ermordet an einem bei Schwulen beliebten FKK-Strand in Südfrankreich. Franck (Pierre Deladonchamps), dessen schwarzer Renault Tag für Tag unter den Bäumen an dem Cruising Platz steht, hat die Tat beobachtet – und sich verguckt in Michel, den Mörder. Der dickliche melancholische Henri, der immer allein am Ufer hockt und schaut und mit dem sich Franck etwas anfreundet, scheint auch mehr zu wissen. Die Kamera verlässt den Schauplatz nie, fängt Wellenbewegungen, die Sonne im Geäst ein und das Ritual schwuler Begegnungen. Bald nach dem ersten Mord taucht ein eigenartig ungelenker Polizeiinspektor auf. Liebe und Tod, Gewalt und Leidenschaft und Angstlust werden von Alain Guiraudie zelebriert, als sei ihm die Rezeption von Lautréamont, Jean Genet    und Patrice Chéreau schlecht bekommen. Start: 19. September 2013.

www.congress.pandorafilm.de

AB 12. SEPTEMBER IM KINO


96 | LITERATUR

Christopher Schroer, Foto: Joachim Gies

WIR BEFINDEN UNS IM JAHRE 2013 N. CHR. TEXT: ANDREJ KLAHN

Unabhängige Verlage in NRW (3): CH.SCHRŒR, ansässig im kleinen gallischen Dorf Lindlar, von wo aus der unbeugsame Christopher Schroer in diesem Jahr den Aufstand gegen das Imperium Amazon geprobt hat. Bekannt gemacht hat Christopher Schroer die Entscheidung, seine Bücher künftig nicht mehr zu verkaufen. Zumindest nicht mehr unter den Bedingungen, die der Online-Buchhändler Amazon Verlagen wie dem Seinen abfordert. Im Februar setzte der in Lindlar ansässige Gründer von CH. SCHRŒR und »Die neue Sachlichkeit« ein Schreiben an Jeff Bezos auf, um den Vorstand des weltgrößten und weltmarktdominanten Internetkaufhauses davon in Kenntnis zu setzen, dass er sein Kunden-Konto »mit sofortiger Wirkung« kündigen wolle. »Ohne Wenn und Aber und mit allen Konsequenzen«. Ein Brief zur rechten Zeit, denn die ARD hatte gerade über die miserablen Arbeitsbedingungen bei Amazon berichtet. Das Ansehen des für seine hohe Kundenzufriedenheit bekannten Unternehmens war schwer angekratzt. Ein idealer Zeitpunkt also, um darauf hinzuweisen, dass bei Amazon die Kunden wie Könige behandelt werden, die Leiharbeiter und Verleger hingegen wie Bettler. Schroer machte mit der Kündigung die hohen Rabattforderungen des Unternehmens

öffentlich, er klagte über beschädigte und somit unverkäufliche Remittenden, das Umgehen der Buchpreisbindung auf der Amazon-Plattform Marketplace und verwies kritisch auf die Steuervermeidungsstrategie. »Eigentlich sind wir froh darüber, einen so schwierigen Geschäftspartner los zu sein«, so beschloss er den Brief. Danach hatte Schroer ordentlich damit zu tun, Interviews zu geben. Mit seiner Amazon-Kritik brachte Christopher Schroer die Stimmung in vielen kleineren und mittleren Verlagen auf den Punkt. Drei Tage später beendete auch der Mainzer Verleger André Thiele die Geschäftsbeziehung mit Amazon. Ökonomisch dürfte der Schaden für Jeff Bezos überschaubar gewesen sein, der Image-Verlust aber war beträchtlich. »Ich fühle mich in der hinteren Reihe ganz wohl,« sagt Christopher Schroer, angesprochen auf die mediale Wirksamkeit seines Schreibens. »Ich wollte einen Impuls in die Buchbranche hinein setzen. Dass die Geschichte dann so hohe Wellen geschlagen hat, hat mich überrascht.«


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Den Absatz seiner Bücher hat die Aufmerksamkeit hingegen kaum befördert. Vor vier Jahren hat Schroer zunächst den Verlag »Die neue Sachlichkeit« gegründet – ohne großes Anfangskapital. Und anders als bei vielen seiner Kollegen, war es nicht die Leidenschaft für Texte, die ihn motivierte. »Mich interessiert die Gestaltung von Büchern«, sagt Schroer. Kunstbücher wollte er herausbringen. Da hatte der gebürtige Kölner als Mediengestalter bereits Erfahrungen in Werbeagenturen und als freier Mitarbeiter der Verlagsbuchhandlung Walther König gesammelt. Und obwohl Schroer im letzten Jahr mit CH.SCHRŒR einen Literatur-Verlag gegründet hat, kümmert sich der Verleger bei den meisten seiner Titel noch immer persönlich um Grafik und Typografie. Acht Titel bringt Schroer im Jahr heraus. Über die Aufnahme ins Programm entscheidet das Bauchgefühl. Gut war es bei der Lektüre des Manuskriptes des Kölner Schriftstellers Adrian Kasnitz, dessen erster Roman »Wodka und Oliven« im letzten Jahr bei CH. SCHRŒR erschienen ist. Genauso wie bei Martin Krumbholz’ Roman »Eine kleine Passion«, in dem der Düsseldorfer Autor und Literaturkritiker einen einzigen Tag im Leben des Mittvierzigers Christof Rubart als Variation der biblischen Passionsgeschichte erzählt. In Köln beheimatet ist auch die exilchinesische Autorin Xu Pei, die in »Der weite Weg des Mädchens Hong« die Konversion einer überzeugten Kommunistin zur Regimekritikerin nachzeichnet – eine Geschichte, die auch, aber nicht nur auf ihrer eigenen Biografie basiert. Die drei Romane sind in der Reihe »neudeutsch« erschienen, in der Schroer Debüts herausbringt, im Herbst werden es bereits sechs sein. Dass viele der Autoren in der Region ansässig sind, ist weniger einer Programmatik als der Tatsache geschuldet, dass es häufig befreundete Künstler sind, die Schroer auf Manuskripte aufmerksam machen. »Wichtig ist auch, dass der Autor den Erfolg seines Buchs wirklich will«, sagt Schroer. »Er darf sich nicht zu fein für die Selbstvermarktung sein. Denn ohne die geht es heute einfach nicht.« Wer den Weg ins Programm von CH. SCHRŒR findet, arbeitet mit einem wachen Beobachter des sich digital strukturwandelnden Buchmarktes zusammen. »Wir müssen aufpassen, dass wir nicht die gleichen Fehler machen wie die Musikindustrie«, sagt Schroer und zielt dabei vor allem auf den Umgang mit E-Books, die von den großen deutschen Publikumsverlagen zurzeit im Schnitt 20 Prozent günstiger als Hardcover angeboten werden. Nicht nur viele Leser halten das für zu teuer. Doch dahinter steht die Befürchtung, dass die Preise der gebundenen Bücher unter Druck geraten könnten, wenn ihre digitale Variante deutlich günstiger ist. Kritiker dieser Preispolitik befürchten, dass sie die Raubkopiererei befördere. »Ökonomisch sind die hohen Preise nicht zu rechtfertigen. Die Herstellungskosten für E-Books sind viel geringer«, sagt Schroer. »Alle anderen Überlegungen lassen sich dem Kunden nicht vermitteln.« Deshalb kosten elektronische Bücher bei CH. SCHRŒR deutlich weniger als die Hardcover-Ausgaben. Wer sich hingegen für ein »Z-Book« entscheidet, bekommt ohne Aufpreis beide Varianten. »Z«, das steht für »zweisam, zusammen, Zwitter« – vielleicht ja auch für Zukunft. Viele Verlage bieten derlei Pakete noch nicht an.

»Man kann die Digitalisierung auch als Chance begreifen«, sagt Schroer, der davon überzeugt ist, dass das gebundene Buch auf absehbare Zeit nicht verschwinden wird. Und er setzt auf die Zusammenarbeit mit kleinen, engagierten Buchhandlungen. »Wir haben während der Amazon-Diskussion alle davon gesprochen, wie wichtig gerade diese Läden für unabhängige Verlage sind«, sagt Schroer. »Ich frage mich, warum die Verlage die Buchhändler dann nicht auch stärker unterstützen und ihnen bessere Konditionen einräumen?« Wer über die Website von CH.SCHRŒR ein Buch bestellt, hat die Wahl zwischen verschiedenen Versandarten. Der Leser kann sich das Päckchen direkt ins Haus kommen lassen. Am günstigsten, nämlich kostenlos, ist, wenn er sich das Buch an die Buchhandlung seiner Wahl expedieren lässt. Ein bisschen Amazon-Servicegefühl darf schon sein, wenn es der Buchhandlung um die Ecke zugute kommt. Manchmal braucht es eben neue Wege, um alte Orte neu zu entdecken.

DER VERLEGER EMPFIEHLT: ... den Debütroman von Xu Pei, denn ich halte das Buch und seine Botschaft für sehr wichtig. »Der weite Weg des Mädchens Hong« zeichnet den Weg einer jungen, privilegierten Chinesin nach, die dank ihrer regimetreuen Eltern ein sorgenfreies Leben führt. Nach und nach, und spätestens mit dem Aufenthalt in Europa, erkennt die Protagonistin das wahre Gesicht ihrer Heimat. Zerrissen zwischen dem traditionellen China, dem Propagandastaat und der erschreckenden Erkenntnis reift das Mädchen Hong zu einer Regimekritikerin heran. Das Buch erinnert uns aus der Binnenperspektive daran, dass China trotz aller Wirtschaftsbeziehungen, Fortschrittlichkeit und vermeintlicher Offenheit ein totalitärer Staat ist.

INFO

Am 7. Und 8. September 2013 ist der Verlag CH.SCHRŒR auf der neu begründeten Buchmesse »text & talk« im Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde vertreten. Dort präsentieren sich literarische Kleinverlage aus NRW, ergänzt um ein Programm mit Diskussionsrunden und Lesungen.


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» MAN MUSSTE SOLCHES WAGEN« TEXT: ANDREAS WILINK Hans Pleschinski verfolgt in seinem in Düsseldorf spielenden Thomas-MannRoman »Königsallee« die Spur einer großen Liebe.

Thomas Mann 1937 in den USA. Foto © Library of Congress, Prints and Photographs Division, Van Vechten Collection

Ein wichtiger Satz für ihn, sagt Hans Pleschinski, sei Gottfried Benns: »Alles bleibt offen«. Ins Offene schwinden am Ende von »Königsallee« Thomas Mann und Klaus Heuser. Den Weg ins Freie wählt der Autor selbst, indem er historisch Verbürgtes um eigene Zutaten anreichert, Wirklichkeit ins Poetische überführt sowie umgekehrt und ein Stück deutscher Kultur- und Mentalitätsgeschichte schreibt. Auch für sein Buch gilt die Prägeformel: »Es ist buchenswert«, mit der Thomas Manns Allotria treibender Goethe-Roman über »Lotte in Weimar« endet. Schauplatz ist der Breidenbacher Hof in Düsseldorf, die Zeit 1954. Thomas Mann reist für eine Lesung in Begleitung von Frau Katia und Tochter Erika an. Parallel nimmt Klaus Heuser, der als Kaufmann in den 30er Jahren nach Indonesien auswanderte, mit seinem Lebensgefährten Anwar Quartier im Hotel an der Kö: der »Herzensschatz«, den TM 1927 auf Sylt kennengelernt hatte. Der junge Düsseldorfer, Sohn von Mira und Werner Heuser, dem Künstler und Akademie-Präsidenten, war um einiges jünger als die Mann-Kinder Klaus und Erika. Der Dichter des »Tod in Venedig« fand Gefallen an dem Jüngling und lud ihn nach München in seine Villa ein. So trat er ein ins Werk: verwandelt in den biblischen Götter-Liebling Joseph und anteilig in den Rheinländer Felix Krull. Die Episode wird TM 1942 im Tagebuch resümieren: »Es war da, auch ich hatte es, ich werde es mir sagen können, wenn ich sterbe.« Pleschinski, in jungen Jahren »entzündet« von Manns Sprachkunst, um ihn dann lange beiseite zu legen, bevor er dessen Tagebücher zur Hand nahm, in denen er auf Eintragungen über Heuser stieß, fragte sich: »Wo ist der geblieben?« Recherchen führten ihn zur Nichte Heusers. Die »treffliche Oberkasselerin« gab ihm bislang unbekannte Dokumente, Fotos und Briefe des Onkels, aus denen sich lesen ließ, dass TM und Heuser nach ihrer Begegnung noch korrespondiert hatten. »Ein ziemlicher Hammer«, fand Pleschinski, der den »messbaren inhaltlichen Ertrag« gegen »die Intensität des Gefühls« abwägt. Als Fährtenleser und Netzwerker bewährt sich Pleschinski ausgezeichnet. Während es gelegentlich schwächelt, wo das Klima der Wirtschaftswunderjahre weht, Düsseldorfer Lokalkolorit aufgetragen wird und der rheinische Typus sein Fett abkriegt, macht die literarische Auf- und Erfindung Spaß, sich steigernd mit der Kenntnis des Mann-Œuvres. Aber man könne und dürfe sein Buch auch »blank« lesen. Pleschinski verwebt die Fäden zum Familienteppich, wobei er einige Knoten zu viel knüpft, und bedient sich musterhaft des »Lotte«-Buchs. Es gab für ihn »kein Zögern«, sich den Gesprächs-Roman »Lotte« als idealtypisches Konstrukt zu nehmen. »Cultur ist Parodie«, legt Thomas Mann darin Goethe in den Mund. Den Begriff der Parodie schätze er nicht so sehr, sagt Pleschinski. Lieber spricht er vom »Burlesken«. Das Ironisch Gebrochene als Form der Künstlichkeit, die wiederum größere Welterfassung erlaube, sei für ihn »Steilvorlage« gewesen. »Königsallee« lässt einige Personen Revue passieren, die dem aufnahmelustigen Klaus Heuser ihre Aufwartung machen und TM betreffende Wünsche an ihn richten: zunächst die stolze, herrische, Deutschland


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gegenüber unversöhnliche Garçonne Erika; Golo Mann in seiner eckig-ungelenken, ungeliebten Seinsart; sodann der »braun« gewordene und darüber verstoßene einstige Freund und Ratgeber Ernst Bertram. Sublim stellt sich der heikle Gefühlshaushalt des hohen Paares dar. Anteile von Eifersucht und Duldung, Kupplerschaft und Freundesdienst, praktischem Sinn und emotionaler Trübung werfen wechselndes Licht auf die Pringsheim-Tochter Katia. Die von Leistungs-Ethos und Leidens-Pathos durchdrungene Primelhaftigkeit des Nobelpreisträgers pariert den Angriff der Triebkräfte auf die Ordnung und weiß diese zu transformieren. Für Pleschinski setzt in unserem »Zeitalter des Sexismus« der Spätbürger TM in seinem »Maß der Enthaltsamkeit« damit ein Gegenmodell. Schöne Färbung erhält Heuser selbst und sein indonesischer »Prinz« Anwar, die uns als Paar begegnen wie aus einem Roman des E.M. Forster oder Somerset Maugham. »Man musste solches wagen«. So beginnt Pleschinski das zentrale »Siebente Kapitel« von »Königsallee« und krönt den Gesamtaufbau gemäß der »Lotte«-Architektur. Wo dort Goethes Erwachen aus umgeistigter Fülle in die Forderung des Tages mündet, wird hier TM’s Loslösung von Schlafes Bruder sprachlich erfasst. Noch etwas glückt: das Finale in Schloss Benrath zu morgendlicher Frühe, fast ein Spuk und kleiner Sommernachtstraum. Für den greisen TM und Klaus Heuser wird der Ausflug zum melancholischen Epilog. Da spürt man Pleschinskis Impuls: »Bei allem Scherz ist mir das Geschriebene tiefer Ernst.« Insofern meint der Buchtitel nicht nur den Boulevard in Düsseldorf, sondern auch Thomas Manns Weg durch die Zeit und den Königsweg der Liebe ins Verheißungsvoll-Ungeheuere.

UNSERE PARTNER IM SEPTEMBER 2013

www.BUNDESKUNSTHALLE.de

www.cREDO-AUSSTELLUNG.DE

www.kulturkenner.de

www.muensterland-festival.de

INFO www.nrw-kultur.de

Hans Pleschinski, »Königsallee«; C.H. Beck, München 2013, geb., 393 S., 19,95 Euro. Lesungen: 10. Sept., Düsseldorf, Literaturhandlung im Heine Haus; 11. Sept., Meerbusch, Buchhandlung Mrs. Books; 12. Sept., Bonn, Buchhandlung Böttger; 22. Okt., Bielefeld, Buchhandlung Thalia.

www.rheinland1914.lvr.de

www.ruhrTRIENNALE.de


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WIE IST DIE WELT SO STILLE des Monats TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Clemens Meyers Nachtgedanken – »Im Stein« Die Leichen liegen nicht besonders tief am Rande der Stadt. Ein Moor wird trockengelegt, zwei Tote mit Betonteilen am Körper kommen ans Tageslicht und ein Kommissar wühlt im Dreck. Könnte seine Lebensaufgabe sein, das Stochern in den Sedimentschichten der Gesellschaft; aufreibend, fingerbeschmutzend. Hat schon einiges gesehen, dieser alt gewordene Polizist, in den nächtlichen Rotlichtvierteln, Hinterzimmern, Bahnhofshotels, Bordellen, Eros-Centern und Boxclubs der Stadt. »Ein ostdeutsches Metropolis« nennt Clemens Meyer seine Version einer Großstadt, »ein Hybrid aus Leipzig und Halle an der Saale«; eine namenlose, düstere Metropole, ein dunkler Kristall, funkelnd und lichtbrechend. Die Menschen, von denen Meyer erzählt, sind »alle gefangen zwischen den Mauern der Stadt« – Prostituierte, Kriminelle, Freier, Zuhälter, Drogendealer, Geschäftemacher, Polizisten,

INFO

Clemens Meyer: »Im Stein« S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2013, 560 Seiten, 22,99 Euro Lesung am 19. September 2013 in der Bundeskunsthalle, Bonn, und am 19. Oktober 2013 im Rahmen von »Titel on Tour« in Bielefeld (www.nrw-kultur.de)

Nachtgestalten. Beschädigte Leben. Ein Ladyboy erinnert sich an Dirty Dancing und Audrey Hepburn, eine Hure will endlich mal am Tagesende »wie die Feierabendfahrer nach Hause fahren« und »AK 47« liegt sterbend auf der Straße. Der »Pferdemann«, ein ehemaliger Jockey, sucht seine Tochter und reitet nachts am verwaisten Hauptbahnhof durch seine Erinnerungen. Die Zukunft findet allenfalls in Querverweisen – Stanisław Lems »Solaris« oder Zager & Evans’ Hippie-Dystopie »In the Year 2525« – statt, ansonsten herrscht anhaltende Gegenwart. Oder man blickt zurück in die Jahre des Aufbruchs nach der Wende, als die Geld- und Glücksucher nach Osten strömten, um Territorien abzustecken und Einfluss zu gewinnen. Korruption, feindliche Übernahmen, Ex-Stasioffiziere, Waffenhandel. Immobilien und Puffs, am besten beides. Auch schon lange vorbei. Clemens Meyers Sätze bauen Gedankengänge, verschachtelt, assoziativ, nicht linear, abschweifend. Er kompiliert Nächte, Jahre, Menschen zu einem großen Textfluss, der alles mitreißt. Lässt den Bordellbesitzer, der seinen Club am liebsten mit Gustav Mahler beschallen würde, Banalitäten über Tatort-Kommissare erörtern und mischt das Hardcore-Porno-Geschwätz des Sexradiomoderators Ecky mit dem Hohelied Salomos – »Wenn der Tag verweht und die Schatten wachsen«. In der Tat – die Nacht kommt früh in Clemens Meyers zweitem Roman und birgt bei aller Härte und Aussichtslosigkeit immer auch eine sachliche Romantik: das leise Summen der Neonröhren, Wetterleuchten am Horizont. Als Hoffen auf den Morgen, auf das erste Rosa zwischen den Häusern. »Wie ist die Welt so stille« – eine Prostituierte steht am Fenster, wartet auf den Anruf eines Freiers, blickt in eine kalte Januarnacht und denkt an Matthias Claudius’ »Abendlied«, den Mond und an den weißen Nebel, der aus den Wiesen steigt. Bereits Anfang 2008, kurz bevor seine Shortstorys »Die Nacht, die Lichter« erschienen, hat Clemens Meyer die ersten Sätze dieses monumentalen Gesellschaftsromans geschrieben. Auslöser war ein damals zehn Jahre alter Zeitungsartikel über die Schüsse auf einen »Vermieterkönig« im Rotlichtmilieu. Diese ersten Zeilen sind von ihm überarbeitet worden und bilden nun das letzte Kapitel von »Im Stein« – O-Töne einer Prostituierten, die routiniert mit einem unerfahrenen Jungen schläft, den sie aber zehn Minuten später schon wieder vergessen hat. Stattdessen lobt sie die praktischen Zewa-Küchenrollen, erzählt von bizarren Kundenwünschen und betont, dass sie nicht küsst. Aus dieser traurigen Gegenwart scheint es kein Entkommen zu geben. Oder doch? Meyer hat dieses erste, letzte Kapitel wie folgt überschrieben: »Ich möchte ein Pferd, irgendwann mal.«


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HEISSE TAGE Peter Hennings Roman »Ein deutscher Sommer« Dieser »deutsche Sommer« dauert 54 Stunden, vom 16. bis zum 18. August 1988. Tage, in denen Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner eine Bank in Gladbeck überfallen und über Bremen zurück nach Köln bis nach Bad Honnef flüchten; in denen sie mehrere Geiseln nehmen und zwei davon getötet werden; in denen die Bankräuber zwischendurch Klamotten kaufen gehen und vor laufenden Kameras Journalisten Interviews geben, in denen ein Polizist umkommt und ein sensationslüsterner Reporter in das Fluchtfahrzeug steigt – Tage also, die als Gladbecker Geiseldrama ins kollektive Gedächtnis der Republik eingegangen sind, weil die Polizei hilflos und die Medien skrupellos agierten. Der in Köln lebende Schriftsteller Peter Henning hat das Gladbecker Geiseldrama pünktlich zum 25. Jahrestag als Roman verdichtet, der weit mehr bietet als spannende Doku-Fiktionalisierung einer schrecklich realen Geschichte. Denn Henning perspektiviert das Geschehen sehr gekonnt durch sieben Figuren. Einige sind sehr nah an ihren realen Vorbildern entlang erzählt, andere hat Henning erfunden, um Distanz zum Geschehen zu schaffen und dem Roman so eine reflexive Ebene einzuziehen. Zu Statisten aber wird keine dieser Figuren degradiert. Henning nimmt sich 600 Seiten Zeit, um sein Personal zu entwickeln, Schicksale miteinander zu verknüpfen und gegeneinander zu spiegeln.

In sehr weiten Schleifen rollt er dramaturgisch versiert den roten Faden ab, der die Episoden zur deutschen Geschichte vernäht. Doch der Leser ahnt ja von Anfang an, auf welches Ende der spannende Roman immer temporeicher zusteuert. Und obwohl oder gerade weil der Ausgang des Dramas bekannt ist, entfaltet »Ein deutscher Sommer« einen beträchtlichen Sog – und die mutmaßlich vermeidbare Tragödie erscheint uns in ihrer fatalen Zwangsläufigkeit. | ANK

INFO Peter Henning: »Ein deutscher Sommer« Aufbau Verlag, Berlin 2013, 608 Seiten, 22,99 Euro Lesung am 16. September 2013 im Belgischen Haus (Cäcilienstr. 46), Köln

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102 | HIMMEL & ERDE

himmel und erde WASSERTURM

SPAZIERGÄNGER

»rAndom International« bauen auf der Zeche Zollverein

»Alltagsmenschen« wieder im Maxipark Hamm

Auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein wird ein neuer Turm gebaut. Zur Beruhigung aller Denkmalschützer: Er ist aus Wasser. Das Londoner Künstlerkollektiv rAndom International hat für die Urbanen Künste Ruhr auf Schacht XII erstmals überhaupt eine Arbeit im Außenraum realisiert; eine Skulptur, deren Wände aus Wassertropfen am Kokskohlenbunker herabperlen: »Tower / Instant Structure for Schacht XII«. Die Besucher haben während der Ruhrtriennale-Spielzeit täglich von 10 Uhr bis 1 Uhr nachts Gelegenheit, ihn von nah und fern zu erkunden. Badekappen braucht es dafür nicht. »Tower / Instant Structure for Schacht XII« ist die zweite Arbeit, die die Urbanen Künste Ruhr für die Ruhrtriennale entwickelt haben. Im letzten Jahr flimmerte hinter der Jahrhunderthalle Rafael Lozano-Hemmers »Pulse Park«, eine raumgreifende Lichtinstallation, deren Gestalt mit dem Pulsschlag seiner Betrachter wechselte.

Der Name des Ortes passt zu den Arbeiten, die Christel Lechner zeigt. Maxipark (eigentlich Maximilianpark auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Maximilian in Hamm, 1984 anlässlich der Landesgartenschau entstanden) scheint das Format für die Skulpturen vorzugeben, die die Künstlerin schuf. Ihre »Alltagsmenschen«, etwa 60 an der Zahl, sind zwischen 1.70 und 2.50 Meter groß. Sie verteilen sich – zumeist in Gruppen, darunter das Ensemble »Reise nach Jerusalem« – Open-Air in der Anlage. Und das schon zum zweiten Mal, nachdem im vergangenen Jahr die Begegnung mit ihnen auf Beifall stieß. Das Material der teils neu kreierten »Alltagsmenschen« ist Beton, mit dem die anfängliche Kunststoff-Form beschichtet wird. Das macht sie gewichtig, sowieso tragen sie eine Leibesfülle zur Schau, die sie mit den massiv voluminösen Gestalten des großen Botero in Beziehung bringt. Christel Lechner ist eine genaue, auch humoristisch gesonnene Beobachterin der menschlichen Spezies, ihrer Schwächen, Besonderheiten und Absonderlichkeiten. Bis 3. November 2013, www.maximilianpark.de

rAndom International, Rain Room, Barbican Centre London 2012, Foto: © Dev Joshi / rAndom International

WAS STEHT DA? Neue App »Baukunst NRW« Die Internetseite www.baukunst-nrw.de bietet schon seit längerem Zugang zu einer Datenbank von ca. 1.500 Bauwerken in NRW. Weil aber immer mehr Menschen die Welt durch das Auge eines Smartphones sehen, offeriert die Architektenkammer NordrheinWestfalen nun ihre Bauwerk-Sammlung für Apple- sowie Android-Handys. Die kostenlose App heißt »baukunst« und kann, sofern die Ortungsfunktion des Smartphones aktiviert ist, dem Benutzer den Namen des Gebäudes nennen, vor dem er gerade steht. Zumindest aber zehn Vorschläge machen von »Objekten in der Nähe«. Dabei zeigt das Programm ganz alte und ganz neue Bauten, solche ersten aber auch geringeren Ranges, was besonders reizvoll ist, weil man diese oft nicht kennt. Der Benutzer

kann nach Städten aber auch nach Objekten (Einfamilienhäusern, Sakralbauten, Tragwerken usw.) suchen, nach Architekten (Alfred Fischer, Dominikus Böhm, Wilhelm Kreis) wie nach Epochen (Barock, Gegenwart, 1950–70er Jahre, Postmoderne, Römische Antike). So findet man etwa »Bürogebäude nach 2000« in Münster, aber natürlich auch Schlösser im Münsterland. Da erfährt man dann beispielsweise vom Erbdrostenhof, wann und von wem er gebaut wurde und erhält eine kurze Baubeschreibung. Die App schlägt Routen vor (»Gotik in Aachen«, »Zechensiedlungen im Ruhrgebiet«) und bittet um erweiternde Vorschläge. Hier ist einer: Der Architekt Bernhard Pfau fehlt genauso wie die Region Bergisches Land.


K.WEST 09/2013 | 103

SINGT Die »chor.com 2013« vom 12. bis 15. September in Dortmund Im September wird es voll in Dortmund – und laut. Dann treffen sich auf der »chor.com 2013« internationale Chöre, Dirigenten, Sängerinnen und Sänger, Musiklehrer, Kantoren und Konzertveranstalter. Die »chor.com« versteht sich als Mischung aus Festival, Chorleiterfortbildung und Verlagsmesse und bietet alle zwei Jahre eine Plattform für den Austausch aller Akteure der Chorszene. Die Festival-Konzerte finden im ganzen Dortmunder Stadtgebiet statt – den Auftakt macht das Dastan Ensemble mit dem WDR Rundfunkchor Köln am 12. September im Dortmunder U mit »A rose is a rose is a rose: Rosenklänge, Rosentexte«. Auf dem Programm stehen zeitgenössische Musik und Gedichte rund um die Königin der Blumen; als Erzähler kommt Christian Brückner, die deutsche Stimme von Robert De Niro, zu Wort. Anschließend singt der Dresdner Kammerchor die »Musikalischen Exequien« von Heinrich Schütz in der Kirche St. Marien.

Foto: Alexander Zuckrow

Am 12. und 13. September ist die A-cappella-Band Slixs mit ihrem szenischen Konzert »Vocal Virus«, einem Mix aus Jazz, Kehlgesang, Pop und Klassik, im Jazzclub domicil zu hören. In der Kirche St. Reinoldi erklingt mit »SingBach!« ein Projektchor aus mehr als 230 Dortmunder Grundschülern – dort ist am 13. September auch Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe zu hören. Einen Tag später

ist die ganze Vielfalt der Chormusik bei der langen Konzertnacht »chor.com-Nachtklang« zu erleben; an fünf Spielstätten in der Dortmunder Innenstadt treten bis nach Mitternacht deutsche und internationale Chöre auf, darunter Maybebop, amarcord, Slixs, Cantemus Chamber Choir Wales und der Landesjugendchor NRW. www.chor.com

CRÈME DE LA CRÈME »Oscar Troplowitz – Der Nivea-Schöpfer als Unternehmer und Kunstmäzen« im Oberschlesischen Landesmuseum Ratingen

Foto: Museum

Oscar Troplowitz – dieser Name wird den meisten Menschen nicht geläufig sein, dabei bestimmen seine Erfindungen und Produkte bis heute unseren Alltag. 1890 kaufte der Apotheker, Unternehmer und Kunstmäzen Troplowitz (1863–1918) das Labor von Paul Carl Beiersdorf in Altona und machte aus der kleinen Firma mit elf Angestellten binnen weniger Jahre ein internationales Unternehmen. Das schnell verdiente Geld investierte er in neuartige Methoden der Produktentwicklung und Vermarktung, zudem verbesserte er die Arbeitsbedingungen der Belegschaft. Produkte wie das Leukoplast-Pflaster, der Labello-Lippenpflegestift und Tesa-Film gehören bis heute zu den Welt-Marken der Firma Beiersdorf. Oscar Troplowitz war jüdischer Herkunft und stammte aus dem oberschlesischen Gleiwitz. Den größten Erfolg brachte ihm die Entwicklung

der Nivea-Creme: damals ein fast revolutionäres Produkt, da die Pflegeartikel der Zeit aus tierischen Fetten bestanden, die sich rasch zersetzten und ranzig wurden. 150 Jahre alt wäre Troplowitz in diesem Jahr geworden – aus diesem Anlass gibt das Oberschlesische Landesmuseum Ratingen vom 27. September 2013 bis zum 26. Januar 2014 Einblicke in das Leben und Wirken des Apothekers. Die Eröffnung findet am 27. September im Rahmen der Museumsnacht Neanderland des Kreises Mettmann statt – dann bietet das OSLM unter dem Motto »Von Napoleon bis Nivea – Geschichte geht unter die Haut« ein Programm für die ganze Familie, zudem gibt es einen »Parcours der Düfte« und weitere Aktivitäten. www.oslm.de


104 | GLOSSE KUNST

IMPRESSUM

REDAKTION

NACHRUF

K.WEST erscheint monatlich im Verlag K-West GmbH Heßlerstraße 37 45329 Essen Tel.: 0201/86 206-33 Fax: 0201/86 206-22

EINE GLOSSE VON ULRICH DEUTER Ein neuer Monat, wie schön! Leicht vergisst man jedoch, dass dafür ein alter Monat weichen musste. Damit etwas bleibt, klebt K.WEST den vertriebenen Wochen eine Seite ins Album. Blättern wir uns also für ein paar Minuten in den August zurück!

Dass nichts so ist, wie es scheint, ist die Brandungswelle, die den Schwimmer aus den klaren Wassern der Kindheit auf die Felsen des Erwachsenwerdens wirft. Das ist hübsch formuliert, aber eben auch wahr. Später im Leben wird uns die Skepsis gegenüber dem Apparenten zum verlässlichen Begleiter, so lange, bis besonders raffinierte oder besonders dreiste Scheinwirklichkeiten uns dessen Unzuverlässigkeit vor Augen führen. Brandungsfelsen der Enttäuschung prallen uns das Leben lang gegen die Knie, doch indem die Verletzungen sich vermehren, vermindert sich die Überraschung. Die daher kaum die Erregungsoberfläche kräuselt, wenn wir erfahren, dass ein Mensch nicht der ist, der er vorgibt zu sein, zum Beispiel Obama. Anders im Falle einer allseits geschätzten Persönlichkeit, der uns derzeit erschüttert: Dr. Norbert Lammert ist in Wahrheit ein anderer. Der freundlich-ironische Bundestagspräsident, der kulturinteressierte Abgeordnete aus Bochum, den man immer wieder aufmerksam in Premieren des dortigen Schauspielhauses sitzen sehen konnte, ist ein Phantom, eine potemkinsche Pappfigur, hinter der sich ein gewisser Hans-Jürgen Wilk aus Leverkusen verbirgt. Dies hat ein verhüllter Enthüller jüngst enthüllt. Nicht genug: Auch die Befähigung zum Zweiten Amt im Staate, das Zweite Staatsexamen eben, soll »Lammert« sich erschlichen haben, an einer nicht existierenden Universität. Warum tut jemand so etwas? Um diese Frage zu beantworten, muss sie gestellt werden, und zwar nach Möglichkeit dem Richtigen. Doch der entzieht sich gegenwärtig der Befragung durch Unauffindbarkeit, nur sein Avatar ist gelegentlich auf der politischen Bühne noch zu sehen. Stellen wir daher einstweilen die Frage, wer den Betrug bekannt gemacht hat: Es ist ein Whistleblower mit Namen Robert Schmidt, von dem wir wissen, dass er seinerseits ein

Pseudonym darstellt. Wer verbirgt sich wiederum dahinter? Ist es der angebliche NRWMedienstaatssekretär Dr. Marc Jan Eumann, dem seinerseits vorgeworfen wird, in wesentlichen Punkten, seine Person betreffend, falsche Angaben gemacht zu haben, so zum Beispiel über seine Körpergröße und seine Tee-KaffeePräferenz? Ein Fall für die Enthüllungsplattform Wikileaks. Diese Plattform ist schwer zu finden, Google Earth verzeichnet sie weder auf dem Wasser noch auf See, einem Reporter dieser Zeitschrift ist es dennoch gelungen, sie ausfindig zu machen und zu betreten. Nur so viel sei verraten: Er musste hierzu 104 Treppenstufen hoch steigen und die Aussicht von dort war überwältigend. Wikileaks hatte zu den Fällen »Lammert«, »Schmidt« und »Eumann« in der Tat sehr viel zu sagen, ebenso zu den angeblich ähnlich gelagerten Kasus »Wallraff« und »Krefeld«. Doch da in der Redaktion zwischenzeitlich Zweifel aufgekommen sind, ob Wikileaks nicht das schlecht gemachte Plagiat einer ganz anderen Plattform darstellt, müssen wir auf eine Wiedergabe der Wikileak’schen Enthüllungen verzichten. Wir können aber einigermaßen zuversichtlich der Frage nachgehen, warum Hans-Jürgen Wilk das Pseudonym »Lammert« wählte. Die Erklärung ist höchstwahrscheinlich folgende: Es sollte mit seiner Anspielung auf ein als harmlos geltendes Tier potenziellen Argwohn von vornherein dämpfen, zugleich war es wohl unbewusst eine Anspielung auf das, was sich in Schafspelzen gern verbirgt: Wilk ist das polnische Wort für Wolf. Wie geht es nun weiter? Wer einmal eine Zwiebel zu schälen versucht hat, weiß, dass er damit besser gar nicht angefangen hätte. Denn am Ende kommen einem vor lauter immer neu darunterliegenden Endgültigkeiten die Tränen. Glauben wir also einfach, dass wir selbst derjenige sind, der wir vorgeben zu sein.

ISSN 1613-4273 K.WEST Redaktionsanschrift Postfach 10 33 11 40024 Düsseldorf Ulrich Deuter: deuter@kulturwest.de Andreas Wilink: wilink@kulturwest.de Andrej Klahn: klahn@kulturwest.de V.i.S.d.P.: U. Deuter A. Wilink Ständige Mitarbeiter: Volker K. Belghaus, Ingo Juknat, Dr. Stefanie Stadel stadel@kulturwest.de TITELFOTO Salomon Bausch. Foto: Uwe Schinkel DRUCK WAZ-Druck, Duisburg KONZEPT Herweg/Hoffeins/Meyer/ Michalakopoulos LAYOUT Volker Pecher Antonienallee 25 45279 Essen volker-pecher@t-online.de ABOSERVICE/VERTRIEB Klartext Verlag Kerstin Begher Heßlerstr. 37 45329 Essen Tel.: 0201/86 206-33 Fax: 0201/86 206-22 vertrieb@k-west.net ANZEIGEN & MARKETING MaschMedia Marketing & PR Marcus Schütte (Head of Marketing & Sales) Anja Keienburg (leitend) Claudia Leo Denise Mohnke Linda Walther Zum Steigerhaus1 46117 Oberhausen Tel.: 0208/305858-6 Fax: 0208/305858-8 Mobil: 0163/3981711 anzeigen@kulturwest.de JAHRES-ABO 46,00 Euro INFORMATION UND TERMINE Tel.: 0211/82 80 279 info@kulturwest.de www.kulturwest.de


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