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Die Reise des Wortes


Das Wort. Geformt durch unsere Gedanken, verlässt es uns durch den Mund und sucht sich ein Ohr. Wer das Wort und die Sprache erfunden hat, weiß heute keiner mehr so genau. Gesehen hat es noch niemand, es entzieht sich dem menschlichen Auge. Es will  gehört werden. 1


Im Laufe der Zeit wurde das Wort schließlich eingefangen. Es war nun sichtbar. Die Zeichen, über die es mit uns spricht, werden von Händen in aller Welt geschaffen. So verwundert es nicht, dass die Gestalt des Wortes überall eine andere ist. 2


Die Geschichten, von denen das geschriebene Wort erzählt, wurden gesammelt und weitergereicht. Sein Antlitz veränderte sich über die Zeit; auf Steintafeln folgten Buchrollen, auf Buchrollen Bücher. Reiche gingen unter – doch die Schriftstücke überdauerten die Zeit. 3


Das Wort war schon immer in Besitz derer, die am meisten Macht hatten. Kรถnige und Geistliche bestimmten, ob das Wort richtig oder falsch war und verfolgten diejenigen, die anders dachten. Sie wussten allesamt seine Macht zu nutzen, doch dem Wort ist das egal. Es will nur gelesen werden. 4


Seitdem das geschriebene Wort in der Welt war, wurde vieles einfacher. Es half den Menschen, altes Wissen f端r die Nachwelt zu erhalten und neues Wissen entstehen zu lassen. 5


Mensch und Maschine sorgten daf端r, dass das Wort bald mehr Verbreitung denn je finden sollte. Der Zugang zu den Geschichen war geschaffen. Sein innigster Wunsch, gelesen zu werden, konnte jedoch nicht von jedem erf端llt werden. 6


Auf seiner langen Reise veränderte sich das Wort zusammen mit den Menschen. Die Macht über das Wort sollte nicht länger Kirche und König vorbehalten sein und so erzählte es bald auch von großen Romanen, wissenschaftlichen Berichten bis hin zu Kochrezepten und Klamauk. Kurz gesagt: alles, was die Leute interessierte und anderen Geld einbrachte. 7


Der Mensch verbesserte seine Maschinen, er lernte Lesen und Schreiben und half so dem Wort, bis in die entferntesten Winkel der Erde vorzudringen. 8


Täglich erzählt das Wort Geschichten vom Guten und Bösen in der Welt, von Wichtigem und Unwichtigem, Klatsch und Tratsch. Stadt und Land interessiert sich dafür, der Mensch will schließlich informiert bleiben! 9


Von Anfang an nutzten die Menschen das Wort nicht nur um Erkenntnisse oder Geschichten festzuhalten,

sondern auch zur Konversation untereinander. Über Kilometer und Ländergrenzen hinweg werden Unterhaltungen geführt – ob per Brief oder Telefon. 10


Bei seinem letzten Reisestopp verlässt das Wort das Papier und begrüßt uns am elektronischen Bildschirm. Es lässt uns miteinander kommunizieren und zu einer großen Gemeinschaft anwachsen. Es erzählt uns immer noch die gleichen alten Geschichten und auch ein paar neue. Ende.


ÂťDie Reise des WortesÂŤ, entstanden im Sommersemester 2011, Illustrationen, Text & Satz von Markus Stumpf. 3


Die Reise des Wortes