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Hanna Bohnensteffen

Singende B채ume Thriller

LESEPROBE

Casimir-Verlag 2


Hanna Bohnensteffen 1996 geboren und lebt mit ihrer Familie in Habichtswald - Ehlen. Seit sie Schreiben kann verfasst sie kleine Geschichten und Gedichte. Mit ihrem ersten Buch erf端llt sie sich einen Kindheitstraum.

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Hanna Bohnensteffen

Singende Bäume Kapitel 1 Es war Hochsommer. Die ganze Stadt schien zu schwitzen und zu triefen, die Wiesen und Straßen dampften. Ein kurzer Sommerregen hatte sich über die idyllische Landschaft, die steilen Felsgebilde und die dröhnende Groß­ stadt ergossen. Nun stieg das verdunstende Wasser wieder gen Himmel, der Schauer hatte nicht viel Abkühlung gebracht. Für die zahlrei­ chen Arbeiter, die an Straßen oder auf dem Bau arbeiteten, war es eine Qual. Jedes Arbeiter­ hemd war vom Staub verdreckt und der Schweiß klebte es an die Körper der schuften­ den Leute, die sich mit dem aufzubringenden Teer oder dem Aufstellen neuer Straßenschilder 4


quälen mussten. All diejenigen, denen eine Arbeit am Computer vergönnt war, konnten sich glücklich schätzen. Wer es konnte, hielt sein Haus kühl, erfrischte sich mit kalten Getränken und zog sich in seine Kammer zurück, um auf den Abend und damit auf Kühlung zu warten. Auch sie saß in ihrem Zimmer, auf einem alten Sofa. Der einzige Spiegel im Zimmer, ein Erb­ stück ihrer verstorbenen Großmutter, war von weißem Mehltau befallen. Sie hatte das grelle Sonnenlicht durch verstärkte Holzläden ausge­ sperrt, aber nur an der Sonnenseite des Hauses. Die Kälte in dem kleinen Raum passte sich ih­ rer Stimmung an. Tränen liefen ihr über das Ge­ sicht und ließen dunkle Streifen auf ihren Wan­ gen zurück, tropften zu Boden. Ihre Schultern bebten, sie zuckte, als ob sie krampfte. Sie hatte schon lange geweint, wie lange wusste sie nicht. Hier konnte sie endlich schwach sein, sie selbst, weit weg von verletzenden Worten. Was hatte sie nur getan? Sie konnte es ja selbst noch nicht recht fassen! Draußen rauschten die Blätter der alten Eiche. Vögel hatten sich in den Zweigen niedergelas­ sen und sangen eine unbefangene Melodie. Ein Gedanke durchhuschte sie: diese Vögel konn­ 5


ten ja nicht wissen, welche Schicksale diese Bäume schon gesehen hatten. Konnten Bäume Trauer spüren? Sie hatte einmal gehört, Blumen reagierten auf Musik – vielleicht konnten Bäume ja ähnliches? Und wenn – das würde an ihrer Lage wohl nichts verändern. Wieder tropfte eine salzige Träne auf die hölzernen Bohlen. Es war ihre Schuld gewesen, das redete sie sich zumindest ein. Auch andere hatten ihr das eingeredet, bis sie keine eigene Meinung mehr hatte und es dann getan hatte, aber ge­ wollt hatte sie es eigentlich nicht. Und nun schi­ en alles so aussichtslos, sie hatte nicht nur alle Trümpfe, sondern auch alle Karten verspielt. Nun könnte sie nichts mehr rückgängig ma­ chen. Und manchmal erschien es ihr, als sei sie doch nicht schuld gewesen. Sie wollte das alles doch gar nicht, sie wollte nur ihn, ihn allein. Wie konnte er sie nur so tief verletzen? Sie war so sehr in sich selbst versunken, dass sie den schwarzen Schatten nicht bemerkte, der leise die Hintertür öffnete. Die grelle Mittagssonne schickte einen Lichtstrahl auf den Gegenstand, den die Gestalt umklammerte. Eine funkelnde Klinge blitzte auf. * Er wusste genau: das, was er tat, war nicht 6


richtig. Natürlich war es nicht richtig, aber was blieb ihm übrig, wenn sie ihn nicht mehr sehen wollte? Gab es eigentlich ein Gesetz, gegen das er womöglich gerade verstieß? Hausfrieden, oder etwas in der Art? Und wenn schon, wer hielt sich in dieser Stadt denn noch an Gesetze, da selbst ein Großteil der Polizei korrupt war? Hausfrieden – das war ja geradezu lächerlich. Frieden – hier. Da würde er das kleine Rest­ chen, wenn es das gab, ja wohl nicht zerstören. „Ist das denn auch moralisch vertretbar?“ Die Stimme seines alten Geschichtslehrers – oder war es eine Lehrerin gewesen? – klingelte jetzt wieder in seinen Ohren, schon wieder. Er wischte den Gedanken über Recht und Unrecht fort und konzentrierte sich auf das Geschehen in dem kleinen Raum. Da sitzt sie und heult, selbst schuld. „Du bist ein mieser Spanner!“ – Sei still, Gewissen, sie ist ja selber schuld daran! War sie das? Wirklich? Hatte er eine Mitschuld, und war das gerecht, dass er sie nun so spot­ tend beobachtete? Halt! – Da war ja schon wie­ der dieser miese Gedanke; Recht, Unrecht, wen interessierte das denn schon? Ihn nicht, nicht im Moment. Sie hatte ihn ja selber betrogen, nachdem sie ihm so hoch und heilig verspro­ chen hatte, ihn für immer zu lieben. 7


Er erinnerte sich noch gut daran, vor ein paar Wochen war das gewesen, vielleicht zwei oder drei. * Da war es noch nicht so entsetzlich warm ge­ wesen, man hatte sich noch draußen aufhalten können, ohne Gefahr zu laufen, sich einen Son­ nenstich zu holen. Er war gerade damit fertig geworden, einen sehr wichtigen Artikel über die politische Lage in Tie Village zu verfassen. Hier in der Redakti­ on konnte er all die politischen Missstände be­ mängeln, soziale Projekte hervorheben, traum­ hafte Hochzeiten bekannt geben und sich zu­ sätzlich über alle Verbrechen wie Morde, Dieb­ stähle und Betrügereien informieren. Dieser Be­ ruf hatte in seinem Leben eine willkommene Abwechslung geschaffen, die Bezahlung war gut, die Arbeitszeiten angenehm. Doch gerade dieser Beruf hatte anscheinend einen Keil zwischen sie getrieben, obwohl er sich geschworen hatte, nichts könne sie ausein­ ander bringen. Plötzlich hatte Sally ihm vorge­ worfen, er würde sich aus ihrem Leben zurück­ ziehen, habe keine Zeit mehr für sie, verstünde sie nicht mehr und überhaupt – wahrscheinlich wolle er ja gar nichts mehr von ihr wissen. Er 8


hatte die Welt nicht mehr verstanden. So aufgebracht hatte er Sally noch nie erlebt, nicht einmal, als er ihren Geburtstag vergessen hatte, und er war sich nicht bewusst gewesen, er könnte sie irgendwie vernachlässigt haben. Warum hatte sie als Grund dafür seinen Job angeführt? Seine Arbeitszeiten waren doch gewesen wie immer! Erst neulich hatte er sie mit einem Strauß roter Rosen überrascht – denn sie liebte Rosen, das wusste er. Aber sie hatte ihn nur mit diesem schrecklichen Blick angesehen, hatte sich umgedreht und war gegangen. Als er an diesem Nachmittag mit seinem Be­ richt fertig gewesen war, hatte er ihn noch ein­ mal überflogen und ihn dann weiter zum Kor­ rekturlesen gegeben. Leise pfeifend hatte er sei­ ne Sachen zusammengepackt und war vorbei an seinen Kollegen, die nicht wie er früher frei bekommen hatten, in Richtung Cafeteria gegan­ gen, um sich noch einen Snack zu besorgen, denn er hasste Kochen. Sally hatte er schon fast vergessen. Er hatte ein Brötchen mit ein paar frischgefan­ genen Garnelen und Senf gewählt. Garnelen und Senf, niemand verstand, warum er genau diese Kombination so sehr liebte, aber 9


das Personal der Cafeteria wusste inzwischen Bescheid. Lächelnd hatte er das Redaktionsgebäude ver­ lassen, war kauend zur U-Bahnhaltestelle ge­ gangen – und hatte seinen Augen nicht getraut. Ein paar Meter von ihm entfernt hatte Sally ge­ standen, mit einem anderen Mann. Er hatte den Kerl nur von hinten gesehen, er war ein wenig kleiner als er selbst gewesen. Wie sie da standen war geradezu rührend gewesen. Sie hatten sich direkt in die Augen geschaut, sich an den Hüften umschlungen gehalten, aber das zarte Bild der beiden Menschen hatte auf ihn seine Wirkung verfehlt. In ihm war Wut aufgestiegen, Hass, Enttäuschung. Er hatte Luft geholt, auf sie zugehen wollen, in dem Moment war seine U-Bahn gekommen. Er wusste, nie würde er dieses schreckliche Bild vergessen können. Die ganze Bahnfahrt hatte er aus dem Fenster gestarrt und nicht gewusst, was er hatte denken sollte. Er hatte die schreienden Kinder nicht be­ merkt, auch nicht denn verwirrten, älteren Mann, der sich über die unhöfliche Jugend ge­ ärgert hatte. Fast hätte er seine Haltestelle ver­ passt. Als er zu Hause war und seine Wut eini­ germaßen verflogen war, packte ihn die Sehn­ 10


sucht. Er meinte sogar, ihre Stimme zu hören, die ihn zu ihr rief. Heute hatte er es nicht mehr ausgehalten, er musste zu ihr. Nun stand er vor ihrem Fenster und sah ihr zu, auch wenn er wegen der im Raum herrschenden Dunkelheit nicht allzu viel erkennen konnte. Er sah, dass sie weinte. Warum tat sie das? Sie müsste doch glücklich sein mit dem neuen Mann, sie war doch diejeni­ ge gewesen, die ihn enttäuscht und betrogen hatte, nicht er. Lächerlich. Nein, so eine Freun­ din brauchte er sicher nicht. Verbittert drehte er sich um und verließ das Grundstück. * Das war der Moment, auf den sie gewartet hatte. Wie lange wollte der denn auch noch dort stehen und durchs Fenster starren? Egal. Nun war es Zeit. Nun sollte Sühne kommen, endlich. Noch einmal polierte sie die Klinge. Leiden sollte sie, so wie sie jetzt litt. Nein, was sie antrieb, verstand niemand, es durfte auch niemand verstehen, aber nun war der Moment da. Sie hatte ihn so herbeigesehnt, schon mehr­ mals. Ihn sich Nacht für Nacht ausgemalt. Ja, ihre sorgsamen Pläne, die sie geschmiedet und in die Tat umzusetzen versucht hatte, waren al­ lesamt gescheitert. Und ihr Opfer hatte noch 11


nicht einmal eine Spur ihres Handelns gemerkt. Niemand hatte etwas gemerkt. Nein, eigentlich sollte sie ja gar nicht das Opfer sein, nur das Werkzeug, das Mittel, um ihren lodernden Hass zu löschen. Das Feuer, das so tief in ihr brannte und sie nachts zu zerfressen versuchte. Sie fühlte sich so getrieben von diesem Hass, dass sie das Gefühl hatte, Stillsitzen würde sie umbringen. Dieser eine Moment, diese eine simple Tatsache hatte ihr das Leben so urplötzlich zur Hölle gemacht. Sie würde wohl noch gründlicher sein müssen als zuvor, so gründlich, dass diese eine Welt, diese glückliche Welt, die sie so verabscheute, als Scherbenhaufen in sich zusammenbrach. Plötzlich hörte sie die Haustür ins Schloss fallen. Zu spät! Wütend stieß sie einen Fluch aus. Wäre dieser Widerling nicht da gewesen … dann eben ein nächstes Mal, so bald wie möglich … in ihrem Kopf keimte eine Idee, eine bittere, hässliche. Aber eine wirksame. Ihre Gedanken überschlugen sich. Schneller, schneller. Es geht um Sekunden! Ich muss mich beeilen, sonst ist es zu spät. Aber hinten ums Haus! Zu gefährlich sonst. Da, der Wagen. Niemand wird etwas ahnen, das ist meine Chance. Hat es geklappt? Ja. Ja, ich bin 12


schneller! Gott sei Dank. * Sally warf die Haustür ins Schloss und ver­ riegelte sie von außen. Nun brauchte sie erst einmal Abwechslung. Ihre Freundin Sue hatte schon am Telefon bemerkt, dass etwas mit ihr nicht stimmte. „Da muss ich wohl Seelenklempner spielen“, hatte sie gelacht, doch Sally hatte nur erwidert: „Bitte, Sue. Es ist diesmal wirklich ernst. Kön­ nen wir uns in fünfzehn Minuten vor dem Eis­ café „Louisiana“ treffen?“ und ihre Freundin hatte zugestimmt. Nun stieg die junge, nicht mehr ganz so ver­ zweifelte Frau in ihren neuen Wagen, einen kirschroten Mini. Schon als Dreizehnjährige hatte sie davon ge­ träumt, einen solchen Wagen zu besitzen. Wenn sie mit ihren Freundinnen an der Bushaltestelle gewartet hatte, hatte sah sie stets gebannt zur Fahrbahn geschaut und genau auf die Autos geachtet. War einer ihrer Lieblingswagen dabei, hatte sie begeistert gerufen: „Schaut mal, ein Mini!“ Doch die anderen Mädchen hatten nur die Au­ gen verdreht und gelacht. Wie konnte man sich 13


denn nur für Autos interessieren? Doch ein Junge in ihrer Klasse hatte ihre Mei­ nung geteilt: Es gab keine schöneren Fahrzeuge auf der Welt. In ihm hatte Sally einen guten Ge­ sprächspartner gefunden. Und nun, mit fünfundzwanzig Jahren, hatte sie sich endlich ihren Traum erfüllt. Sie hütete das Auto wie ihren Augapfel, polierte ihn wöchent­ lich und achtete sorgfältig darauf, dass man ihn nicht mit dreckigen Schuhen betrat. Sie war überhaupt ein wenig penibel, was Ordnung be­ traf. Das konnte ihre Freundin Sue gar nicht verste­ hen. Es war schließlich nur ein Auto – warum musste man solch ein Gehabe darum machen? Sonderlackierung oder nicht – ihre Benzinkut­ sche konnte sie dort hinbringen, wo sie hinwoll­ te, mehr brauchte ihr Auto nicht. Dabei war es ihr ganz gleich, dass der Wagen schon einige Schrammen und Beulen hatte und dass sie sich im Straßenverkehr benahm wie eine Verrückte. Außerdem konnte es ihr niemand übel nehmen, denn für Schüchterne gab es auf den Straßen von Tie Village kein Durchkommen. Sally startete den Motor und machte sich auf dem Weg zum Eiscafé. Auf der Fahrt geriet sie erneut ins Nachdenken. Eigentlich benahm 14


Mike sich ja wie immer. Er hatte sie zum Essen eingeladen, ihr wunderschöne Rosen mitge­ bracht. Doch sie ahnte, dass er es nicht aus Freundlichkeit tat. Er wollte ihr vorspielen, es sei alles in Ordnung, damit sie keinen Verdacht schöpfte. Ja, sie könnte wirklich auf ihn herein­ fallen, aber sie wusste ja Bescheid. Es wären wunderbare Liebesbeweise, wäre da nicht – plötzlich wurde sie aus ihren Gedanken geris­ sen. Ein grauer Kleinwagen schoss aus einer Einfahrt, die hinter Büschen verborgen war. Sal­ ly erkannte im Bruchteil von Sekunden ein ver­ drecktes und verschmiertes Nummernschild, dann spürte sie einen stechenden Schmerz am Kopf. Sie hatte das Gefühl zu fallen, wollte sich festhalten, doch ihre Hände gehorchten ihr nicht. Plötzlich war alles nur noch schwarz. * Melissa Roberts seufzte. Gelangweilt blätter­ te sie die brandneue Tageszeitung durch. „Skandal-Graf mit neuer Affäre?“ Wen interes­ sierte dieser Promi-Klatsch denn schon? Nächs­ te Seite. „Nie wieder Ehestress! Die 10 besten Tipps vom Fachmann“. Das hatte ihr ja gerade noch gefehlt. Ein plötzliches Kreischen riss sie aus ihren Gedanken. „Simon, nicht so laut! Wir sind nicht alleine hier!“ Der Kleine hatte in ei­ 15


nem Bilderbuch, mit dem das Praxisteam ver­ suchte, die jungen Patienten bei Laune zu hal­ ten, eine Honigbiene entdeckt. Simon liebte Bie­ nen. „Bssss“, rief er begeistert. Lächelnd nickte Me­ lissa ihm zu, strich ihm über die blonden Lo­ cken und widmete sich dann wieder der Zei­ tung. „Neuverschuldung – so können wir sie stop­ pen!“ Interessiert überflog die junge Frau die ersten Zeilen des Artikels. Sie hatte das Gefühl, der Autor müsse seelenverwandt mit ihr sein. So genau ging er auf die kritischen Themen ein, die ihr schon lange auf den Nägeln brannten. Wie hieß denn der Verfasser? Mike Shalter. Die­ ser Name kam ihr irgendwie sehr bekannt vor. Seltsam. Vielleicht hatte Sue ja von ihm erzählt, ihre flippige Freundin kannte alle möglichen Leute, aber Shalter hießen in Tie Village ja tau­ sende von Menschen. Beim nächsten Shopping mit ihr, wenn man sich draußen wieder bewe­ gen konnte, würde sie sie danach fragen. Plötzlich merkte sie, dass die Leute etwas ge­ nervt zu ihr herüber sahen und anfingen zu tu­ scheln. „Bsssssss!“ Jetzt begriff sie, was los war. Simon hatte neben einem älteren Herrn Platz genommen und angefangen, ihn mit dem Kin­ 16


derbuch zu nerven. „Entschuldigen sie bitte, ich …“, setzte sie an, doch in diesem Moment öffnete sich die Warte­ zimmertür und ein großer, schwarzhaariger Mann trat ein. „Na, wen haben wir denn da? Hallo, mein Klei­ ner!“ Lachend schwang er Simon in die Luft. Der Kleine lachte auch und zeigte ihm gleich ein Bild von einem Imker und einem großen Bie­ nenschwarm. „Ja schau mal – Bienen! Bsss- piks!“ Und er pikste dem Jungen in die Seite. Simon schüttelte sich vor Lachen. „Piks, piks!“ rief er begeistert. Melissa braucht einen Moment, bis sie reagie­ ren konnte. Sie wollte schon zu einem Donner­ wetter ansetzen, da sah sie die neugierigen Bli­ cke der anderen Patienten, die die junge Frau überaus interessiert beäugten. „Lass gefälligst mein Kind los, du elender Rumtreiber!“, zischte sie ihm ins Ohr und riss dem jungen Mann das Kind aus dem Arm, welches erschreckt über so viel Grobheit zu weinen anfing. „Na, na, warum werden sie denn gleich so ausfallend, dem Kind ist doch nichts passiert!“, wunderte sich eine ältere, etwas dickliche Dame. Dieses gutmütige Persönchen hatte wahrscheinlich die 17


Vorstellung, kleine Kinder seien Engel. Oder Porzellangeschirr, hauchzart. Bloß nicht zu sehr anfassen. In Gedanken sortierte Melissa die Frau in die Schublade ein, in der sich schon die Tante ihrer Freundin und die Oma von Simons Taufpaten befanden. Solche Damen, die über allen Klatsch und Tratsch Bescheid wussten und sich dauernd über etwas aufregen mussten. Melissa hasste diese Schublade von Mensch. Der große Mann wandte seinen Blick auf das aufgeschlagene Journal. „Ja, also ich finde auch, du solltest dich mehr um deinen Nachwuchs kümmern, bevor du dich zentralen Problemen wie der akuten Ver­ schuldung widmest!“ Melissa war durchaus nicht entgangen, wie viel Spott in dieser Bemerkung lag. Glücklicherwei­ se öffnete sich in diesem Moment die Tür des Behandlungszimmers und ein Mädchen mit blonden Zöpfen kam heraus. „Können wir gehen, Mama? Den Termin für nächstes Mal hat die Sekretärin schon gespei­ chert. Hier ist der Zettel fürs nächste Datum, wann wir wieder zum Zahnarzt müssen!“ Sie drückte Melissa eine orangefarbene Karte in die Hand und zog sie zum Ausgang. 18


„Ja Lilly, ist gut.“ Sie warf einen vernichtenden Blick durch den Warteraum. Zuerst zu der Dame, dann zu ihm. Zu dritt gingen sie das weiß gekachelte Treppenhaus hinunter, und als sie in die immer noch herrschende Hitze traten, fragte Lilly: „Du Mama, war das nicht gerade Daddy?“ „Ja“, antwortete Melissa trocken, „das war mal Daddy.“ * Mühsam öffnete Sally die Augen. Das matte Krankenhauslicht, das auf sie fiel, erschien ihr so hell, dass ihr Kopf gleich wieder anfing zu dröhnen. Schnell schloss sie die Augen wieder. „Sally? Hallo Sally! Ich bin’s, huhu!“ Und sofort erwiderte eine spitze Stimme: „Nicht so laut! Sie muss sich erst einmal erholen!“ Doch Sue ignorierte die Anweisung der Krankenschwes­ ter einfach und redete munter drauf los: „Ach was. Das Letzte was Miss Moose jetzt braucht, ist ein Trauerkloß, der neben ihr hängt und ihr in bedauerndem Ton mitteilt, was für ein armes Unfallopfer sie doch ist.“ Sue konnte manche Frauen nicht leiden, wenn sie versuchten, ihr vorzuschreiben, was sie zu tun hätte. Mühsam öffnete Sally die Augen. „Na sehen sie!“ Sue klatschte in die Hände, unterließ das jedoch, als Sally zusammenzuckte. „Nicht so 19


laut, bitte. Warum bin ein Verkehrsopfer?“ „Weißt du nicht mehr? Grandelstreet, wo die al­ ten Winterfords wohnen?“ „Und ein grauer Kleinwagen mit verschmiertem Kennzeichen!“, ergänzte Sally leise. „Wie bitte? Kleinwagen? Davon wusste ich ja gar nichts!“, meinte die Schwester verwundert. „Erzählen sie doch mal! Wie war das? Ach, Miss Scraggle? Sie können den Herrn Polizist jetzt rufen. Ja genau. Drei­ hundertzwölf. So, meine Dame. Ich muss Sie jetzt verlassen, aber erzählen Sie ruhig.“ Sie ließ ihre Absatzschuhe auf dem Boden aufklacken. „Viel gibt es da nicht zu erzählen. Ich fuhr mit meinem Mini … – wo ist mein Auto? Sue, geht es ihm gut?“ Sue musste ein Schmunzeln unter­ drücken. Ein Anderer hätte wohl gelacht, aber sie wusste, dass ihr der Wagen unglaublich wichtig war, ganz egal, ob sie mit einer Gehirn­ erschütterung im Krankenhaus lag. „Nun … dein Auto hat es schwer erwischt, du wirst wohl für einige Zeit mit der Bahn zur Arbeit fahren müssen. Ich bin aber sicher, dass die Versicherung das zahlt. Außerdem kannst du bestimmt morgen schon wieder nach Hause. Ach, da ist ja der Herr von der Polizei. Guten Abend, Mr. Doherthy. Miss Moose wollte uns gerade erzählen, wie es zu dem Unfall kam. Du 20


fuhrst also mit deinem Auto, und dann?“ Sue sah sie gespannt an. „Ich erinnere mich noch, dass es ein grauer Kleinwagen war und dass er mit hoher Ge­ schwindigkeit aus der letzten Einfahrt in der Grandelstreet kam. Das Nummernschild konn­ te ich nicht lesen, es war, wie schon gesagt, ziemlich schmutzig.“ Sie schmunzelte ein wenig ironisch. „Und dann hat der Wagen meinen Kleinen wohl getroffen.“ „Wen?“, warf der Polizist etwas verwirrt und mit hochgezogener Augenbraue ein. „Ihr Auto, sie hängt sehr daran.“ “Aber Miss“, Mr. Doherthy wandte sich an Sal­ ly. „Sie könnten sehr schwer verletzt sein! Außer­ dem gibt es bei der Sache ein paar Ungereimt­ heiten. Besonders unerfreulich ist zunächst ein­ mal natürlich die Fahrerflucht. Außerdem hatten die Winterfords extra einen Spiegel an dem Torpfosten befestigt, um eben solche Vorfälle zu vermeiden. Die Dame hat mehrfach beteuert, dass sie immer aufgepasst hat, wenn sie die Ausfahrt verließ. Und was noch hinzukommt: Weder das Ehepaar Winter­ ford, noch einer ihrer beiden erwachsenen Söh­ ne war zur Unfallzeit zu Hause, vorausgesetzt, 21


Ihre Angaben bezüglich der Zeit sind korrekt. Darüber habe ich mich schon informiert, bevor ich hier eintraf. Ihr Wagen befand sich ebenfalls nicht in der Einfahrt, sie hatten ihn zur Tatzeit verliehen. Auch hätte man ihr Kommen ja hören müssen, schließlich liegt die Grandelstreet ja am äußersten Stadtrand, wo nicht so viel Verkehr herrscht. Mr. Winterford erwähnte dies, als ich mit dem Ehepaar sprach. Sie seien extra wegen ihrer Kinder dort hingezogen, es liegt nahe am Wald, in der Idylle, aber trotzdem ist es nicht sehr weit von der City entfernt. Ideal für eine junge Familie. Nun, Das wird sich sicher alles noch klären. Können sie mir noch einmal ganz genau den Ablauf des Unfalls schildern.“ Doch die junge Frau wehrte etwas vorsichtig ab: „Bitte, Mr. Doherthy, ich möchte nicht unhöflich klingen, aber ich bin im Moment wirklich durcheinander. Dürfte ich mich später noch ein­ mal bei ihnen melden? Ich wäre ihnen wirklich sehr verbunden. Das Ganze hat mich doch et­ was mitgenommen. Ich wünsche mir ein wenig Ruhe, wenn das möglich wäre.“ Der Polizist nickte. „Selbstverständlich. Ich melde mich dann noch­ mal bei Ihnen. Alles Gute!“ 22


Eine Zeitlang lag Stille im Raum. Dann konnte Sallys Freundin ihre Frage nicht mehr zurück­ halten. „Glaubst du wirklich, es war bloß ein Unfall?“ „Ich weiß nicht. Doch, bestimmt war es nur ein Unfall. So etwas tut man doch nicht mit Ab­ sicht! Sie schloss kurz ihre Augen und Sue sah in diesem Wimpernschlag Sallys Verwirrtheit und auch ihre Sorge. „Soll ich Mike anrufen? Er nimmt sich be­ stimmt die Zeit und kommt sofort“ „Nein, das ist lieb, aber ich möchte ihn jetzt nicht sehen. Eine Bitte hätte ich aber: Wärst du so lieb und holst mir meine Sachen von Zuhau­ se? Ich sehne mich nach meinem eigenen Schlafanzug – diese Krankenhausklamotten sind ja eine Zumutung!“ Sue stimmte bereitwillig zu, doch ihr war auch anzusehen, dass es ihr nicht leicht fiel, ihre Freundin in einem solchen Moment allein zu lassen. Sie packte ihre Handtasche, umarmte Sally und lächelte noch einmal, als sie aus dem Zimmer ging. „Bis gleich! Ich beeile mich!“ Dann fiel die Tür ins Schloss. Die junge Frau atmete tief durch, und sofort wurde ihr wieder schwindelig. Nicht, dass sie 23


sich in der Anwesenheit ihrer quirligen Freun­ din nicht wohl fühlte, aber allein konnte sie ihre Gedanken besser ordnen. Wo hatte sie eigent­ lich hin gewollt? Ach ja, ins Eiscafé um mit Sue über die Sache mit Mike zu sprechen. Moment – das hieß ja, Sue wusste noch gar nichts von ihrer miesen Lage! Vielleicht wollte das Schick­ sal nicht, dass sie es erfuhr? Andererseits war Sue ihre beste Freundin, und sie vertraute sich niemandem so an wie ihr, bis jetzt war das auch immer gut und richtig gewesen. Na schön, sie würde mal abwarten, was sich ergab. Sie starrte eine Zeit lang gegen die Zimmerdecke. Was für ein dummer Unfall! Sie überlegte. Be­ stimmt hatte der andere einfach nicht auf die Straße geachtet, weil er mit irgendwas beschäf­ tigt gewesen war. Hätte es ihr nicht genauso ge­ hen können? Wäre sie nicht auch in Panik wei­ tergefahren? Bestimmt würde ihr Unfallgegner noch melden. Wo blieb Sue denn? Ach, was reg­ te sie sich denn so auf? So schnell konnte sie ja gar nicht wiederkommen. Sally griff nach ihrem Handy, das neben dem Krankenbett auf einem kleinen Schränkchen lag, allerdings nicht, um ihre Freundin anzuru­ fen. Als sie aufgelegt hatte, fiel ihr wieder ein, dass 24


die Winterfords gar nicht zu Hause gewesen waren, als der Unfall passiert war. Wer stellte sich denn einfach auf ein fremdes Grundstück? Eine Weile grübelte sie darüber nach, kam je­ doch zu keinem Ergebnis. Plötzlich klopfte es an der Tür. Ein gut ausse­ hender, schlanker Mann trat ein. In der Hand hielt er einen großen Rosenstrauß. Ein Strahlen zog auf Sallys Gesicht. „Du bist es, wie schön! Nett von dir, dass du gekommen bist. Komm doch herein!“ Lächelnd trat der Mann an sie heran.

Auszüge aus: 25


Hanna Bohnensteffen

Singende Bäume Thriller

Copyright: © 2014 by Hanna Bohnensteffen 1. Auflage: Mai 2014 Verlag: Casimir-Verlag, Carsten Krause, 34388 Trendelburg Alle Rechte, auch die des auszugsweisen und fotomechanischen Nachdrucks, vorbehalten. Kein Teil dieses Werkes darf ohne schriftliche Einwilligung des Verlages in irgendeiner Form (Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren), auch nicht für Zwecke der Unterrichtsge­ staltung, reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Umschlagabbildung: © Sarah M. Schemske Lektorat, Satz & Layout: Carsten Krause Printed in Germany 2014

ISBN 978-3-940877-23-9

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Frühjahrsneuerscheinung 2014 Singende Bäume Leseprobe von Hanna Bohnensteffen ISBN 978-3-940877-23-9  

Eine alte Villa mitten im Wald. Ein kleines Mädchen, das von Zuhause wegläuft. Ein geheimnisvoller Unbekannter, der eine junge Frau auf Schr...

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