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bauhaus — Ausgabe 2

Titelthema: Israel — Gemeinschaft

eine stadt für alle wie die linksintellektuelle bewegung ir lekulanu der gentrifizierung tel avivs einhalt gebieten will. ein gespräch mit dem gründer dov khenin

[ Hier und im Folgenden ] Zeltstädte auf den Straßen Tel Avivs: Der israelische Sommer in Bildern des Fotografen Eyal Dinar

2011 war das Jahr des Israelischen Sommers. Überall gingen in den großen Städten des Landes die Menschen auf die Straßen und demonstrierten gegen soziale Ungerechtigkeit, absurde Mieten und zunehmend untragbare Lebensbedingungen. Weniger bekannt ist, dass die Bewegung, die vor allem von jungen Menschen getragen wurde, bereits eine längere Vorgeschichte hat. Unter dem Namen Ir Lekulanu, Stadt für alle, trat bei der Bürgermeisterwahl 2008 eine linksintellektuelle Bewegung an, die sich den gleichen Zielen verschrieben hatte und Transparenz und soziale Ausgeglichenheit fördern wollte. An ihrer Spitze der Knesset-Abgeordnete Dov Khenin, der prompt einen phänomenalen Erfolg einfuhr. Der israelische Bestsellerautor Etgar Keret nennt ihn ‹unseren Barack Obama›. Mit ihm sprach Philipp Oswalt.


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In Europa haben wir in den vergangenen Monaten sehr viel über die Protestbewegung in Israel aus den Nachrichten erfahren. Wie aber hat die genau angefangen? Was waren die Ursprünge dieser recht beeindruckenden Entwicklung? D o v K h e n i n : Tatsächlich hat diese Bewegung ihren Ausgangspunkt in Tel Aviv, und das nicht von ungefähr. Der Hauptgrund liegt darin, dass Tel Aviv eine Stadt großer Widersprüche ist; eine sehr diversifizierte Stadt mit großen Potenzialen — als wirtschaftliches, gesellschaftliches und kulturelles Zentrum Israels. Und natürlich gab es hier jede ganze Menge schneller kapitalistischer Entwicklungsprojekte. In Israel heißt Tel Aviv die Stadt ohne Auszeit, denn dort brennen die Lichter wirklich 24 Stunden am Tag. Daher kann Tel Aviv durchaus ein sehr guter Ort zum Wohnen sein. Gleichzeitig wird es in Tel Aviv für viele Menschen zunehmend schwieriger zu leben. So sind etwa die Mietpreise in den vergangenen Jahren sehr stark gestiegen und viele junge Leute können sich die Stadt nicht mehr leisten. Das ist insofern ein echtes Problem, als Tel Aviv die einzige Stadt in Israel mit einer wirklich urbanen Kultur ist. Dieser ganze Themenkomplex — wo man leben möchte, die hohen Mietpreise und der knappe Wohnraum — war der Ausgangspunkt der Protestbewegung, die wir in Israel in diesem Sommer beobachten konnten. Alles begann mit dem Wohnungsbau. Schnell aber wurde daraus eine viel breitere Protestbewegung gegen die ganze Art und Weise, wie das gegenwärtige gesellschaftliche und wirtschaftliche System in Israel gehandhabt wird. O s w a l t : Aber die Ir-Lekulanu-Bewegung gibt es ja schon etwas länger, sie entstand nicht erst in den letzten Monaten. Sie waren bereits 2008 überraschend erfolgreich als unabhängiger Bürgermeisterkandidat in Tel Aviv. K h e n i n : Der sogenannte Israelische Sommer bildete sich über die vergangenen drei Monate heraus — bis zu einer halben Million Israelis demonstrierten schließlich auf den Straßen. Für israelische Verhältnisse ist das eine enorme Zahl, etwa vergleichbar mit sieben Millionen öffentlich demonstrierenden Deutschen. Aber natürlich hatte diese riesige Protestbewegung in Israel eine Vorgeschichte, die mit der radikalen rot-grünen Bewegung Stadt für alle zusammenhängt, deren Anfänge vor zweieinhalb Jahren bei den Kommunalwahlen lagen. Damals traten wir gegen einen amtierenden Oberbürgermeister an, der von allen Parteien des israelischen Establishments unterstützt wurde, von der linksliberalen Meretz bis hin zum rechten Flügel der Likud, und mittendrin noch die Arbeiterpartei, die Kadima, und die Grünen. Doch dessen ungeachtet gelang uns die Mobilisierung einer alternativen Bewegung für einen gesellschaftlichen und ökologischen Wandel in der Stadt. Und wir konnten 35 Prozent der Wähler auf uns vereinen, junge und alte, religiöse und säkulare — obwohl wir eine Kampagne völlig ohne Geld führten, getragen vom Enthusiasmus Tausender junger Freiwilliger aus allen Vierteln der Stadt. Augenscheinlich haben wir insbesondere unter Jungwählern eine starke Mehrheit gewonnen — und so kann man sagen Stadt für alle war tatsächlich der Prolog für die Protestbewegung 2011. O s w a l t : Der Prozess der Markenentwicklung von Tel Aviv als ‹Bauhausstadt› lief vor etwa zehn bis 15 Jahren ab, also genau zu jener Zeit, als die großflächige Gentrifizierung begann. Diese Markenbildung hat anscheinend ihrerseits die Gentrifizierung befruchtet, also den Wandel hin zu einer angesagten Kulturstadt — womit dann wieder die Immobilienpreise hochschnellten … K h e n i n : Hier muss man zunächst einmal die Wesensart von Tel Aviv verstehen. In der Stadt sind die verschiedensten Stile anzutreffen — das gilt nicht nur für Philipp Oswalt:

Dov Khenin , geboren 1958, ist Politikwissenschaftler, Anwalt und Mitglied der Knesset, wo er die linke Hadash-Partei vertritt. Khenin engagiert sich für gesellschaftliche Gleichberechtigung und ökologische Belange und trat 2008 als Kandidat bei der Oberbürgermeisterwahl in Tel Aviv an.

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Titelthema: Israel — Gemeinschaft

die Architektur, sondern auch für die Zusammensetzung der Einwohnerschaft und deren Gruppierungen. Wir reden hier nicht über eine monolithische Stadt, sondern (zumindest bis jetzt) eine mannigfaltige Stadt, einen Ort, an dem die unterschiedlichsten Gruppen der israelischen Gesellschaft aufeinandertreffen. Damit wächst ihr naturgemäß die Rolle eines Ortes zu, der neue Kräfte entstehen lässt und so zum gesellschaftlichen Wandel beiträgt. Hinzu kommt noch die Wortprägung Weiße Stadt für Tel Aviv, die wiederum sehr dazu beigetragen hat, die Stadt neu zu erfinden als vorwiegend für Reiche geeigneten Ort — eben als ‹cool›. O s w a l t : Mit dieser Markenbildung der Weißen Stadt oder der ‹Bauhausstadt› werden doch aber andere Lesarten der Stadt unterdrückt — wie zum Beispiel die arabische Geschichte, für die sich Sharon Rotbard stark gemacht hat. Und ein Blick auf die Architektur zeigt, dass es natürlich eine Ära vor diesem ‹Weißen Zeitalter› gab und in Zukunft eine andere. Versucht Tel Aviv, seine Geschichte mithilfe der Architektur schönzufärben, sie ‹weiß› zu waschen? K h e n i n : Ja, aber das betrifft nicht nur die Geschichte der arabischen Stadt Jaffa, die heute nur noch ein unbedeutender Vorort von Tel Aviv ist. Bei diesem ganzen ‹Weißmacher›-Prozess wird auch die große Gemeinschaft der Juden orientalischer Herkunft in Tel Aviv völlig ausgeblendet. Meist wird Tel Aviv doch als eine Ansiedlung westeuropäischer Juden dargestellt, wobei man die orientalischen Juden aus arabischen und islamischen Ländern völlig vergisst. Die sephardischen Juden werden von diesem Prozess also genauso verdrängt. O s w a l t : Lassen Sie uns wieder auf die Bewegung Stadt für alle zurückkommen — ich glaube, hier gibt es Gemeinsamkeiten mit der Geschichte von Moderne und Modernität. Sie kämpfen für erschwinglichen Wohnraum für alle — und wenn man auf die Zwanzigerjahre zurückschaut, dann gab es ähnliche Bestrebungen in Deutschland, Österreich und den Niederlanden. Denn diese Moderne war zutiefst mit sozialen, sozialistischen und sozialdemokratischen Ideen verbunden — und mit dem Wunsch, angemessene Wohnbedingungen für jedermann zu schaffen. Sehen Sie hier eine Beziehung, ein verbindendes Element zu dieser Geistes- und Ideengeschichte? K h e n i n : Vielleicht eher indirekt, denn es gab ja auch in Israel ähnliche Projekte. Beispielsweise die ‹Arbeiterviertel› der sozialistischen Bewegung, die zwar offiziell für alle erschwinglich sein sollten, doch letztendlich konnten sich das Wohnen dort nur die höheren Kasten der Mittelstandsbürokratie leisten. Diese Entwicklungsvorhaben wurden in den Zwanziger- und Dreißigerjahren als genossenschaftliche Projekte der Gewerkschaftsbewegung realisiert, und zwar nicht in den Vorstädten Tel Avivs, sondern mitten in der Stadt. Leider gab es aber im Ergebnis eben nicht den Wohnraum für alle. Im Gegensatz dazu kämpfen wir mit unserer Bewegung um einen neuen Ansatz für den wirklichen kommunalen Wohnungsbau. Und in den Genuss der niedrigeren Mieten sollen dann Anspruchsberechtigte kommen. Damit wollen wir so etwas wie eine soziale Wohnungswirtschaft schaffen, wie es sie in vielen europäischen Städten gibt. O s w a l t : Die Wohnprojekte in Europa in den Zwanzigerjahren hatten ja ähnliche Probleme, doch war das Ziel ihrer idealistischen Ursprünge und konzeptionellen Überlegungen immer der für jedermann erschwingliche Wohnraum. Man erinnere sich zum Beispiel nur an Hannes Meyers ‹Volksbedarf statt Luxusbedarf›, wo eben das Volk und nicht der Luxus im Mittelpunkt stand. Das war ein genuiner Versuch, etwas sozial Verträgliches für die breite Masse zu schaffen.


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Na ja, aber es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Stadt für alle und der europäischen Moderne. Letzterer ging es immer um Megaprojekte, bei denen ein ganzes Quartier in einer Stadt abgerissen und durch einen riesigen neuen Großbau ersetzt wurde. Heutzutage halten wir nichts mehr von solchen Mammutprojekten. Wir halten es da eher mit dem früheren Oberbürgermeister von Curitiba in Brasilien und dessen ‹urbaner Akupunktur›: minimal-invasive Eingriffe in die nachhaltige Stadtentwicklung durch eine Vielzahl lokaler und kleinteiliger Initiativen. O s w a l t : Wollte nicht der historische Kibbuz genau das erreichen? Die Selbstorganisation kleiner Gruppen, die selbst ihr Vorgehen bestimmten? K h e n i n : Die Kibbuzim waren ein Versuch zur Errichtung kommunistischer Inseln in einer kapitalistischen Gesellschaft. Natürlich war das ein sehr ehrgeiziges Vorhaben — schlussendlich mussten wir uns eingestehen, dass die Wellen irgendwann diese Inseln überspülen werden. In Tel Aviv sind die meisten Gebäude relativ kleine Häuser mit drei bis vier, manchmal auch fünf Stockwerken, in einigen Vierteln sind es auch nur zwei Etagen. Wenn wir nun dafür sorgen könnten, dass die Leute ein oder zwei zusätzliche Geschosse auf ihre Häuser draufsetzen, dann hätten wir Platz für sehr viel mehr Menschen in der Stadt. Natürlich müsste man die Stadtverwaltung hier mit einbinden, um entsprechende Anreize zu schaffen. Und das wäre auch eine echt kleinteilige Initiative — die Hausbesitzer könnten profitieren, die Kommune kann eine sehr aktive Rolle dabei spielen und wir könnten durch die Schaffung sehr vieler neuer Wohnungen in der Stadt in den Markt eingreifen. Dabei schwebt uns als Angebot seitens der Stadt etwa Folgendes vor: Wir gestatten euch eine Wohnflächenvergrößerung durch die Errichtung zusätzlicher Wohnung als Obergeschosse eurer Häuser, doch dürfen diese nur langfristig zu erschwinglichen Preisen vermietet werden. Ein Hauptgrund für das Entstehen unserer starken sozialen Protestbewegung war der schnelle und extreme Kapitalisierungsprozess der Gesellschaft. Dabei hat sich Israel sehr schnell von einer relativ gemäßigten kapitalistischen Gesellschaft in den Sechzigerjahren zu einer extrem kapitalistisch geprägten Gesellschaft 2010 entwickelt — und dabei ihre eigenen Widerstände geschaffen. Diese neue Bewegung hat eigentlich nicht sehr viele Verbindungen zur früheren israelischen Gesellschaft, sondern ist eher durch die gegenwärtigen extrem kapitalistischen Verhältnisse geprägt, unter denen die Jugend kaum Entwicklungsmöglichkeiten hat. O s w a l t : Offensichtlich spielen die neuen Medien eine wesentliche Rolle in Ihrem Israelischen Sommer, genau wie bei der kürzlich entstandenen OccupyWallstreet-Bewegung — und wir wissen ja, dass Israel medientechnisch sehr

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Khenin:

Eyal Dinar wurde 1976 im Kibbuz Sasa an der Grenze zum Libanon geboren. Ende der Neunzigerjahre ging er nach London, um mit der Architekturfotografin Hélène Binet zu arbeiten. Zum Fotografiestudium am Hadassah College in Jerusalem kehrte er nach Israel zurück. Seit zehn Jahren lebt Dinar jetzt in Tel Aviv und fotografiert für viele internationale Magazine.

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fortgeschritten ist, open source und cultural commons sind hier ganz selbstverständliche Konzepte. Deshalb hat vielleicht der Umgang mit den neuen Medien eine neue Haltung in Bezug auf gemeinsame und kollektive Aktivitäten befördert, die nun ihrerseits die physische Welt und die Einstellung der Protestbewegung beeinflusst. Hat dieser Einfluss eventuell auch die Abkehr von einem in den letzten 20 Jahren völlig überbewerteten Privateigentum unterstützt? K h e n i n : Die neuen Communities, die sich um die neuen Medien herum gebildet haben, haben mit Sicherheit wesentliche Auswirkungen auf die Stadt für alle und die israelische Bewegung in diesem Sommer gehabt, das steht außer Frage. Aber es gehörte natürlich noch viel mehr dazu. O s w a l t : Durch die Konzentration auf soziale Fragen ist es anscheinend in einem gewissen Maße gelungen, die ethnischen (um nicht zu sagen, rassistischen) und religiösen Konflikte zu verdrängen. Damit haben Sie aber eine neue, ganz grundlegende Argumentationslinie eröffnet. K h e n i n : In einem gewissen Umfang ja, da stimme ich Ihnen zu. Hier muss man jedoch bedenken, dass diese ganzen, sehr positiven Entwicklungen in Israel die nationalistischen Tendenzen in der israelischen Regierung zwar geschwächt, nicht aber völlig beseitigt haben. O s w a l t : Um einen letzten historischen Verweis zu geben, würde ich gerne auf die Lebensgeschichte von Selman Selmanagic´ eingehen [vgl. S. 68 in diesem Heft] . Nach seinem Studium am Bauhaus kam er durch Zufall als bosnischer Moslem Mitte der Dreißigerjahre nach Palästina und arbeitete zunächst für eine jüdische Stadtverwaltung und später für die muslimische Gemeinschaft. In einem Brief an einen anderen Bauhäusler, Hajo Rose, schrieb er über den damit verbundenen Identitätswechsel — erst habe er vorgegeben, Jude zu sein, sich dann aber als Moslem ausgegeben. Und schlussendlich konnte er — als überzeugter Kommunist — darüber eigentlich nur lachen. Er war sich ziemlich sicher, dass unter dem Strich all diese ethnischen, religiösen und nationalistischen Vorstellungen und Konflikte immer nur den Kapitalisten und der Oberschicht dienten und dass alle anderen Mitglieder der Gesellschaft darunter litten. Das heißt, in einem gewissen Sinn ging er in dieselbe Richtung wie Sie, soziale Fragen hatten für ihn einen höheren Stellenwert als alle anderen. Dazu fällt mir der Grundgedanke der Aufklärung ein, nämlich, dass jedermann gleich sein sollte, und es scheint so, als ob solche Ideen eine ziemlich lange Halbwertszeit hätten. K h e n i n : Das ist ganz klar etwas, auf das wir alle hoffen, denn nationale Themen und nationalistisches Gedankengut sind genau der Boden, auf dem rechtsgerichtete Tendenzen gedeihen. Es bleibt nur zu hoffen, dass die sozialen irgendwann die Oberhand über alle anderen Themen in der israelischen Gesellschaft gewinnen. Durch all diese Vorgänge, die Bewegung Stadt für alle sowie die gesellschaftlichen Proteste in diesem Israelischen Sommer sollten die Menschen verstehen, dass Israel zwar von außen durch die Konzentration auf den nationalen Konflikt oft als eher eindimensional wahrgenommen wird, während die israelische Gesellschaft in der Innenansicht viel komplexer und auch widersprüchlicher ist. Indem man den nationalen Konflikt benutzte, um die gleichermaßen dringend zu lösenden sozialen Konflikte zu übertünchen, wurden Letztere ja sogar noch verstärkt. Wir haben uns ihrer nur noch nicht angenommen. O s w a l t : Das ist ein Anliegen, das uns zutiefst sympathisch ist. Wir wünschen Ihnen dabei alles Gute und viel Erfolg!


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