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CARE DESIGN NEUE DESIGNHORIZONTE FÜR ( ZU ) PFLEGENDE MENSCHEN RAINER FUNKE , MARTIN STUMMBAUM ( HRSG .) FACHHOCHSCHULE POTSDAM 2012


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7 DIE WELT DER ­A LTEN  6 DESIGN-­A SPEKTE IN DER SOZIALEN ARBEIT UND ALTENHILFE /- PFLEGE  18 DESIGN ALS BEITRAG ZUR PFLEGE — EIN PROJEKT DER FORSCHUNGS­K OOPERATION DES LAFIM MIT DER ­F ACHHOCHSCHULE ­P OTSDAM  24 AUF EINEN HANDSCHLAG  38 HEIMAT — ZURÜCK NACH HAUSE ?   46 DER IRRGARTEN DER ALTEN  52 ENDSTATION ! BITTE NICHT AUSSTEIGEN !   64 HEIMWEG  76 ZUR ERINNERUNG  86 OHNE SPIELREGELN  96 SENTIO  106 DER RUHESTUHL  114 NEUE MEDIEN IM ALTER  124 PICCOLO UND ­L EBENSKUNDE  130 BESUCH IM ­B ASTELRAUM  138 DER WUNSCH NACH NÄHE UND SELBSTSTÄNDIGKEIT  148

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Rainer Funke

DIE WELT DER 足ALTEN


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— Michael Rosenlehner, FHP 2008.

Stellen Sie sich doch einmal vor, Sie stünden plötzlich allein in der Pariser oder Londoner Metro, in den Schächten eines großen Bahnhofs, in dem sich mehrere Linien kreuzen (vielleicht an der Station Place de la Republique oder Kings’s Cross). Sie sind der fremden Sprache nur wenig mächtig. Das reguläre Licht wäre ausgefallen, nur die Notbeleuchtung tauchte die Umgebung in einen dämmrigen Schimmer. Die Wegweiser wären so klein, dass Sie, um etwas zu erkennen, jeweils ganz dicht herantreten müssten. Da es aber so viele Linien gibt, verlören Sie aus dieser Entfernung gänzlich die Übersicht über das System der angezeigten Strecken. Stellen Sie sich vor, dass auf dem Fußboden allerlei Geröll verteilt läge, Sie aber bei ­diesem Licht den Boden nicht mehr richtig erkennen könnten. Die Treppenstufen hätten – aus welchen Gründen auch immer – die dreifache Höhe angenommen, so dass das

9 Erklimmen einer Stufe der Anstrengung nahe käme, auf einen Stuhl zu steigen. Auch hier bei den Treppen könnten Sie nur wenig ­erkennen. Sie könnten nicht so recht sehen, wo eine Stufe beginnt. Vielleicht hätten Sie Watte in den Ohren – jedenfalls könnten die vielen Geräusche des Bahnhofs-Durcheinanders nur sehr gedämpft bis zu Ihnen vordringen. ­Eigentlich fühlten Sie sich ziemlich zerschlagen, so dass jede Anstrengung schwerfiel. Außerdem könnte es Ihnen etwas schlecht zumute sein, alles drehte sich, und Sie müssten sich festhalten, um im Gleich­ gewicht zu bleiben. Zu allem Überfluss schließlich würde Sie in dieser misslichen Lage das dringende, kaum zu beherrschende Bedürfnis befallen, die überschüssigen Reste Ihres Verdauungsprozesses ganz schnell loszuwerden. Sie ahnten, dass es eine Toilette gibt, aber wo? Und wie kämen Sie schnell und sicher dahin?

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Der Verzweiflung nahe suchten Sie etwas Halt an der Wand. Und richtig, Ihre Finger ertaste­ ten einen waagerecht angebrachten Stab, ein Rundholz, auf das Sie sich aufstützen könnten. Sie verfolgten den Lauf des Holzes in einer Richtung. Doch halt! Der fließende Verlauf der glatten, schmeichelnden, fast zarten Oberfläche des Stabes würde jäh von einem außerordentlich rauen, widerstän­ digen kurzen Stück unterbrochen. Was ist das? Sie hielten kurz inne und tasteten sich sehr vorsichtig weiter. Und tatsächlich: etwa einen halben Meter nach dem rauen ­Signal – ein Treppenabsatz. Gut, dass Sie gewarnt worden waren! So gelänge es Ihnen, die Treppe hinabzusteigen, zum Glück könn­ ten Sie sich am Geländerstab festhalten. Unten angekommen würde der Lauf Ihrer Hand erneut unterbrochen. Diesmal wäre es eher die abrupt einsetzende Kälte des Materials, welche Sie aufmerken ließe. Doch da wäre mehr zu fühlen: ein Pfeil und dahin­ ter eine Figur, nein zwei. Zwei Menschen, ­stilisiert im Geländer eingelassen. Sollte das ein Wegweiser sein, sollte er vielleicht sogar zu den Toiletten weisen? Wie froh Sie jetzt doch wären, dieses Geländer in all dem Durcheinander gefunden zu haben!

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FREMDE WELT

So oder so ähnlich kann es vielen alten Menschen gehen. Dieses Beispiel zeigt: ­Mindestens für hoch betagte Alte und ganz besonders für Menschen, die fremder Hilfe bedürfen, ist unsere normale Umgebung teilweise mit erheblichen Barrieren versehen. Und es weist gleichzeitig die Richtung: ­Würden die Planer neuer öffentlicher Gebäu­ de, wie es z. B. Bahnhöfe sind, und die ­Gestalter von entsprechenden Kommunika­ tionssystemen (in der Öffentlichkeit oder z. B. auch zur Ausstattung von Senioren- und Pflegeheimen) die speziellen Ansprüche von alten Menschen beachten, könnten zahl­ reiche Probleme gelöst werden. In vielen

Fällen wären damit darüber hinaus auch für jüngere Menschen zahlreiche Abläufe einfacher, man nennt das neuerdings ­Universal Design. Aber auch in der direkten Wohnumgebung kann es, verglichen mit unserem Beispiel, zu ähnlich gravierenden oder noch mehr verunsichernden Problemen kommen. Wenn sich die kognitiven, sen­ sorischen und motorischen Fähigkeiten durch Krankheit (z. B. Demenz) oder aufgrund normaler Alterungsprozesse stark verändert haben, kann jeder kleinste Weg, jedes ba­ nalste Vorhaben zur Herausforderung ­werden.1 Sicher, die Veränderungen des Körpers und der Psyche im Alter sind natürliche Prozesse und lassen sich nur in Grenzen durch die Medizin oder durch gesunde Lebensweise kompensieren, hinauszögern, teilweise ­vielleicht sogar vermeiden. Aber muss es eine zwangsläufige Entwicklung sein, dass diese Veränderungen zu massiven Kollisionen der alten und pflegebedürftigen Menschen mit den Umständen und Dingen ihres all­ täglichen Lebens und damit zu immer mehr Einschränkungen führen? Oder ist es nicht eher eine Frage der gesellschaftlichen ­Leit­bilder von gut funktionierender und gut erlebbarer Alltagsumgebung, welche die Ansprüche der Alten und Kranken oft aus­ klammern? Für junge Menschen und solche mittleren Alters wird die zivilisierte Welt immer bequemer und angenehmer, voll­ gefüllt mit Angeboten für positive Erlebnisse. Warum soll das nicht auch für Alte und Kran­ ke gelten? Mit Sicherheit hat es in den letzten Jahrzehnten auch in Hinsicht auf deren spezielle Bedürfnisse zahlreiche Verbesserun­ gen bei der Gestaltung der Dinge des Alltags gegeben, vieles lässt sich durch insgesamt bessere Nutzungsformen erreichen. Eine grundsätzliche Ergänzung der Gestaltungs­ leitbilder um solche aus der Erlebniswelt der Alten steht allerdings noch aus.


Die vorliegende Studie untersucht die Erlebniswelten von pflegebedürftigen Menschen und unterbreitet Gestaltungsideen zur ­Verbesserung der alltagsgegenständlichen Umgebung. Insgesamt haben sich unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. ­Martin Stummbaum (Professor für Ökonomie, Organisation und Planung in der Sozialen Arbeit, Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Potsdam) und mir 13 Teams mit insgesamt 42 Designstudentinnen und -studenten in stationäre und teilstationäre Einrichtungen des Brandenburger ­Landesausschuss für Innere Mission begeben, um dort Vorortforschung zu betreiben. DER ALTE MENSCH — EIN ANDERER MENSCH

Die Veränderungen im Laufe des fort­ geschrittenen Alterungsprozesses sind weites­tgehend bekannt. Hier einige Beispiele für typische Veränderungen im Alter, die für gestalterische Entscheidungen Berück­ sich­tigung finden sollen: 2 Visuelles System

Die im Laufe des Lebens fortschreitende Vergilbung der Linse bewirkt eine Verschiebungen im Grün-Blau-Violett-Bereich der optischen Wahrnehmung, veränderte ­Kontrastsensibilität (einschl. höherer Blendungsempfindlichkeit) sowie gesteigerte Interferenzanfälligkeit bei Komplementärkontrasten. Ablagerungen und Vernarbungen der Linse führen zu Einschränkungen des Sichtfeldes und zu Fremdkörpersehen. Die Scharfeinstellung wird durch abnehmende Elastizität der Linse verzögert. Die Hell-­ Dunkel-Adaptation verlängert sich. Bei der Farbgebung von Produkten sollte man darauf achten, wenige Grün-Blau-Kontraste einzusetzen und insgesamt klare Kontrastierungen anzubieten. Ganz besonders wichtig ist die Beachtung der Veränderung des Se-

hens bei Schrift und Zeichen. Negativ-Kontraste (z. B. Weiß auf Schwarz) sollten eingeschränkt werden. Oft, insbesondere bei Bildschirmdarstellungen, sind serifenlose Schriften besser lesbar als Serifenschriften. In komplexeren Situationen wird die Orientierungsfähigkeit durch die Einschränkung des Blickfeldes behindert. Würde allein diese Tatsache für Informations- und Leitsysteme (z. B. auf Bahnhöfen) berücksichtigt, wäre viel geholfen. Extrem Senioren-unfreundlich ist beispielsweise die Positionierung der Übersichtspläne an der Decke der Wagons in den Zügen der Berliner U-Bahn. Aber auch bei der Gestaltung von Küchen oder Badezimmern führt die konsequente Beachtung der Sichtfeldeinschränkung zu einer deutlichen Konzentration und Kontrastierung von Funktionssegmenten. Was muss man z. B. beim Kuchenbacken alles gleichzeitig im Blick haben, um notwendige Abläufe zu kontrollieren? Die Antwort auf diese Frage führt zu unterschiedlichen Konfigurationen der Küche für junge oder alte Menschen.

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Auditives System

Mit zunehmendem Alter fällt die Loka­ lisierung von Geräuschquellen schwerer. Darüber hinaus reduziert sich das wahrnehmbare Spektrum hörbarer Frequenzen von 20–21000 Herz auf 20–5000 Herz. Der Idealwert der Hörbarkeit bewegt sich um 350 Herz. Dies zu beachten ist ganz besonders da wichtig, wo Töne Informationen vermitteln, welche unserer Orientierung und Sicherheit dienen, beispielsweise bei Automobilen, ­Computern und den meisten anderen technischen Geräten. Aber das spielt auch schon beim normalen Lichtschalter oder der Duschkabinentür eine Rolle. Wir wollen nicht nur sehen und fühlen, ob der Kontakt geschlossen oder getrennt, die Tür wirklich geschlossen oder noch einen Spalt offen ist, wir wol-

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len das auch hören. Zur Designqualität eines Lichtschalters oder einer Duschkabine zählt auch dessen/deren Klang, mehr als wir zunächst ahnen. Wenn dieser zu hoch ausfällt, nehmen wir ihn im Alter nicht mehr wahr. Motorik

Besonders Fixationsprobleme, abnehmende Fingerfertigkeit, Koordinations- und Gleichgewichtsprobleme, Veränderungen des Stützapparats, geringere Ausdauer und abnehmende Muskelkraft führen zu Veränderungen des Bewegungsverhaltens.

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Zahlreiche Bedienfunktionen sind hiervon betroffen. Ob es das Öffnen der Getränkeoder Arzneiverpackung, das Umgehen mit dem Mobiltelefon, das Regulieren der Wassertemperatur im Bad oder das Manipulieren mit der Maus am Computer betrifft: Immer sollten die motorischen Anforderungen so gestaltet werden, dass auch Senioren sicher hantieren können. Darüber hinaus kommt es darauf an, die Gesamtmotorik des Körpers zu beachten. Umdrehen, Beugen, Bücken, in die Knie gehen, Steigen, Laufen haben in unterschiedlichen Lebensaltern unterschiedliche Freiheitsgrade. Besonders problematisch kann es sein, wenn verschiedene wohl abgestimmte Bewegungen gleichzeitig abverlangt werden. Beispielsweise das Aussteigen aus der Badewanne ist ein solch komplexer Vorgang.

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Kognition

Veränderungen beim Lernen und des Gedächtnisses, veränderte Aufmerksamkeitsformen sowie veränderte Modi der Komplexitätserfassung und Orientierung unterscheiden ältere von jüngeren Menschen. Die Fähigkeit, sich neuen Situationen anzupassen und neuartige Probleme zu lösen lässt nach. Verzögerungen in der Decodierung und Verarbeitung von Informationen und in der Selektion einer Reaktion werden umso größer, je komplexer die Situation ist. Mit dem Alter wird es zunehmend schwieriger, zwei

Dinge schnell hintereinander oder gleichzeitig zu tun. Die Menge an Informationen, welche gleichzeitig aufgenommen und verarbeitet werden kann, nimmt ab – wie auch die Reaktionsgeschwindigkeit. Die Störempfindlichkeit bei Reizüberflutung, Ablenkungen und Irritationen steigt an. Verfügbare Gedächtnisstrategien können weniger schnell, effizient und spontan genutzt werden, insbesondere beim Kurzzeitgedächtnis. Um ein Beispiel herauszugreifen: Jeder wird zustimmen, dass Aufbau und Komplexität vieler Bedienungsanleitungen von technischen Geräten oder auch von Selbstmontagemöbeln die kognitiven Gewohnheiten der meisten Menschen verfehlen – erst recht die von Senioren. Schon die Bedienung eines Küchenherdes kann zum Problem werden, wenn die intuitive Zuordnung von Bedienfunktionen und Herdplatten nicht gegeben ist. Für Senioren wäre ein Küchenherd sinnvoll, der mehrmals darauf aufmerksam macht, wenn die Herdplatte noch eingeschaltet ist. Mit zunehmendem Alter wächst das Bedürfnis nach Redundanz, nach Wiederholung wichtiger Informationen. Wie angenehm ist es doch auf niederländischen Autobahnen, wenn die jeweils gültige Geschwindigkeitsbegrenzung nicht nur einmal am Beginn sondern in Abständen auf der Leitplanke immer wieder angezeigt wird. Demenz

Eine ganz besondere Herausforderung stellen dementielle Erkrankungen dar. Sowohl aufgrund ihrer weiten Verbreitung, als auch wegen ihrer unterschiedlichen Erscheinungsformen gilt es, die Erlebniswirklichkeit der Betroffenen sensibel zu erkunden und in gestalterische Ansätze zu überführen. Mehrere unserer Arbeitsgruppen haben sich intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Aufbauend auf die Erkenntnisse der Demenz-Forschung 3 fanden dabei vier Grundprin­zipien als Leitideen Beachtung:


das episodische, das emotional gestimmte, das biografische und das taktil-sensorische. Die größten Probleme resultieren aus dem fortschreitenden Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. Selbst für einfache Handlungsabläufe kann es notwendig sein, durch das gestaltete Umfeld die Handlungsfolgen episodisch aufrecht zu erhalten. Beispielsweise kommt es in Pflegeheimen immer wieder vor, dass Demente auf dem Weg von ihrem Zimmer über den Flur ihr Ziel vergessen, z. B. das Bad. Dem kann u. U. dadurch entgegen gewirkt werden, dass bildhafte Gestaltungselemente entlang des Flurs diese Episode des Aufsuchens des Badezimmers von Schritt zu Schritt erneut in Erinnerung bringen. Die Badtür und ihre nähere Umgebung können schon von außen aufgrund ihrer visuellen aber auch akustischen oder olfaktorischen Gestaltung (z. B. Kacheln, Wasserplätschern, Seifenduft) die Stimmung des Badezimmers vermitteln. Damit erhöht sich die Identifizierbarkeit signifikant. Gute Erfolge bei der Unterstützung der Orientierung lassen sich auch durch biografische Elemente erzielen. Hierbei kommt es auf die Prägnanz der Erscheinung an, z. B. für die komplexe Gestaltung der Zimmertüren von Bewohnern durch große bildhafte Kompo­ sitionen mit relevanten Motiven aus deren früherem Leben. Einen wichtigen Ansatz für die grundsätz­ liche Stimulation schwer dement Erkrankter verfolgen Produkte, mit denen gezielt taktilhaptische Reize vermittelt werden.

UNIVERSAL DESIGN

Wie vereinbar ist der spezielle Ansatz zur Gestaltung von Produkten und Kommunikationsmitteln für Pflegebedürftige mit dem Anspruch, gutes Design für möglichst viele Nutzer und zahlreiche Anwendungs­ zusammenhänge zu entwickeln? Das neuerdings vielbeschworene Prinzip des Universal Design 4 verfolgt vor allem die Idee, dass in vielen Fällen ein für Menschen mit ­Einschränkungen operational gut zugäng­ liches Produkt auch von Menschen ohne Einschränkungen gut oder besser als andere benutzbar ist. Zum Beispiel kann der für Behinderte notwendige Sitz in der Dusche auch für Nichtbehinderte das Duschen angenehmer machen. Ein Wasserhahn, welcher seine Regelungsfunktion sehr deutlich und intuitiv erfassbar auch für Blinde oder feinmotorisch Behinderte vermittelt, ist gegebenenfalls aufgrund seiner Einfachheit auch für Nichtblinde und Nichtbehinderte besser. Mit der so erzielten Gleichwertigkeit des Gebrauchs kann im besten Falle eine höhere Flexibilität der Nutzung einhergehen.

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Effektive Informationsgestaltung mit hohen Fehlertoleranzen für das Wahrnehmen, das Verstehen und das Bedienen kommt oft allen zugute, ebenso geringerer notwendiger physischer Aufwand (z. B. zum Bedienen einer Türklinke) oder größere Bewegungsfreiheit (z. B. bei rollstuhlgerechten Türen oder Durchgängen). Die operational höheren Anforderungen an die Gestaltung von barrierefreien Produkten können in bestimmten Fällen einen ähnlichen Optimierungsschub auf das Design von Produkten insgesamt bewirken wie die Forschung zu militärischen ­Zwecken für zahlreiche Produkte der zivilen Nutzung. Jedoch ist die Optimierung der Welt der Alten sowohl in der Komplexität der Angebote zur Bewältigung des Alltags, als auch vor allem der Erlebnisangebote längst nicht in dem Maße und in der differenzierten

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Qualität fortgeschritten wie für Jüngere. Um hier Fortschritte zu machen, bedarf es nicht der universellen Lösung, sondern vielmehr der sehr differenzierten Betrachtung. KORREKTUR DER PERSPEKTIVEN

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Zu oft wird der altersbedingt veränderte Zugang zur Welt a priori als weniger genussvoll und damit weniger interessant und weniger wertvoll betrachtet. Im Grunde stehen wir erst ganz am Anfang einer Entwicklung, welche die Gestaltung der Welt der Alten in gleicher Weise als differenzierte Design-Herausforderung versteht wie bislang die Gestaltung der Welt der Jüngeren. Das bedeutet auch, Design nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Lösung von prak­tischen Problemen (Barrierefreiheit) zu b ­ etreiben, sondern in seiner ganzen entfalteten Fülle. Auch für Alte und Hilfsbedürftige ist ihre gestaltete Umwelt nicht nur opera­tional von Bedeutung, sondern ebenso als Medium der Selbstreflektion, der Verortung der eigenen Persönlichkeit, des Ausdrucks von sozialen und ökonomischen Werten, der Kommunikation zahlreicher persönlicher und gesellschaftlicher Bezüge mit anderen Menschen, der Veranschau­lichung eigener Milieuzugehörigkeit und der Markierung entsprechender Milieugrenzen usw. Das impliziert für die Gestaltung die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der entsprechenden soziokulturellen Vielfalt und unter Umständen auch mit ganz indi­viduellen Sichtweisen, Wertesysteme und Biografien der Nutzer. Ein Zeichen dafür, wie wenig dies bisher Berücksichtigung findet, ist z. B. die erschreckende Homogenität des technokratisch bestimmten Interior Designs von Senioren- und Pflegeeinrichtungen. Es ist an der Zeit, die Welt der Alten in deren Erlebnisdimensionen ernst zu nehmen sowie in wirksamen Projekten umzusetzen. Vor welchen Herausforderungen damit Designer stehen, zeigt auch die vorliegende Studie.

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Denn es geht darum, einen adäquaten und vielschichtigen Perspektivwechsel zu voll­ ziehen. Vieles an den Vorschlägen der 13 studentischen Forschungsteams, die sich mit dem Design der Lebensumstände von Menschen in Pflegeheimen und Tagespflege-­ Einrichtungen auseinandergesetzt haben, ist von den Schwierigkeiten des Nachvollzugs der Perspektive der zu betreuenden Menschen gekennzeichnet. Doch es ist gelungen, in einer großen Vielfalt diese Perspektive zu erkunden und in Gestaltungsansätzen zu formulieren. Die Umsetzung der Wahrnehmungs- und Erlebnisperspektiven von Zielgruppen in der gestalteten Alltagswelt unserer Zivilisation weist natürlich nicht nur bei Senioren De­ fizite auf. Auch für andere Altersgruppen sind verschiedene Produkte in vielfältiger Weise nicht adäquat gestaltet. Nicht immer geht es um Hindernisse, manchmal ist der Zugang auch zu verlockend. Das zeigt sich ganz besonders deutlich am Beispiel Auto. Für viele Menschen, ganz besonders für junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren, ist die Gestaltung von Automobilen ebenso suboptimal wie beispielsweise die Gestaltung von Fahrkartenautomaten für Senioren. Dabei geht es nicht nur um konkrete Korrespondenzen zwischen Produktformen und einzelnen Handlungen. Hier stehen die Rhetorik der Produkte, ihre Ansprache an die Nutzer und das damit verbundene Erlebnisversprechen im Vordergrund. So, wie Autos heute gestaltet sind und im System Straßenverkehr angewendet werden können, üben sie eine hohe Verführungskraft auf ihre Fahrer aus. Sie verleiten dazu, sich dem Genuss der Poten­ zierung eigener Kraft und Geschwindigkeit in lebensgefährlichem Maße unkritisch hinzugeben, die rationale Kontrolle der Abläufe zugunsten des emotionalen Erlebnisses zu vernachlässigen. Auch hier scheint ein ver­festigtes gesellschaftliches Leitbild ein a ­ ngemesseneres Vorgehen bei der


­ estaltung der Automobile und des sie umgeG benden Regelsystems zu verhindern – ganz besonders stark in Deutschland. Aber dieses Beispiel weist auch auf einen wichtigen Unterschied in der Inadäquatheit des gestalteten Nachvollzugs von Nutzerperspektiven hin: Für Autos steht die Maximierung des Erlebnis­effekts im Vordergrund. Für die Einrichtung eines Pflegeheims ist es bislang eher die Optimierung der operationalen Abläufe. Es geht eigentlich nicht um Senioren-gerechtes Design, es geht viel mehr um Menschen-­gerechtes Design! Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens. Würden wir bei der Konstruktion unserer Produktwelt ein Menschenbild verinnerlichen, welches die Veränderungen von Körper und Geist im Laufe des Lebens als Normalität akzeptiert und nicht einem Menschenbild anhängen, das die Projektionen unserer Wünsche und Sehnsüchte in Idealbildern fixiert, wäre eine Produktumwelt für Senioren genauso verträglich wie für Kinder und jüngere Erwachsene. Doch so einfach ist das nicht. In verschiedenen S ­ tudien wurde deutlich, dass auch die Senioren selbst Produkte und vor allem Produkt­oberflächen ablehnen, welche sie als alt erscheinen lassen. Jeder will alt werden, niemand will alt sein, und erst recht will niemand als alt angesprochen werden. Aber jeder will Produkte, die auf seine speziellen Bedürfnisse eingehen. Das Design muss also den Spagat zwischen seniorengerechter F ­ unktionalität einerseits, sowie den Idealen von Schönheit, Jugend, Attraktivität, Leistungs- und Genussfähigkeit an­ dererseits meistern. Dass diese Ideale irgendwann einmal gesamtgesellschaftlich von anderen wie Altersweisheit, Altersgelassenheit, Erfahrung usw. abgelöst würden, ist auf den ersten Blick angesichts der Verknappung von Jugend eher unwahrscheinlich – Güter

gewinnen ja an Wert, je knapper sie werden. Daneben geht es aber auch um die Reflexion alterstypischer Lebensumstände. Die An­ sprüche sind hier durchaus widersprüchlich. Über die Produktgestaltung hinaus ist dies auch eine Herausforderung an die Produktund Markenkommunikation. In einer früheren, ausführlichen Untersuchung zur Entwicklung eines Senioren-­ Internet-Forums 5 äußerte die Testgruppe signifikant folgende primäre Ansprüche an die Gestaltung: 1. «Wir müssen uns zurechtfinden können.» 2. «Wir wollen nicht als ‹alt› angesprochen werden, wir wollen unsere jugendliche Kompetenz erleben.» 3. «Wir wollen uns selbst wiederfinden und lehnen die Ästhetik von Jugendlichen ab.» Jeweils mehr auf 2. oder 3. eingehend entwickelten wir unterschiedliche grafische Oberflächen. Im Ergebnis wurde dann die Grafik verwendet, die in der Testgruppe mehrheitlich ­Zuspruch fand, aber der zweiten Anforderung nicht gerecht wird. Offenbar bot eine leicht ironisierende Darstellung des Alters mit dem Fokus auf Aktivität und Gesundheit der Testgruppe mehr Identifikationsmöglich­ keiten als jugendlichere Formen: «Wir sind zwar alt aber trotzdem gesund, fit, leistungsund erlebnisfähig.» Die Möglichkeit, den Begriff «alt» ins Positive zu wenden erscheint als essentiell. Die Frage ist jedoch, ob dies auch dann noch gelingen kann, wenn es nicht so sehr darum geht, die Werte der Jugend ins Alter hinein zu dehnen, sondern gezielt die spezifischen Bedürfnisse Alter und Pflege­ bedürftiger (z. B. nach Ruhe, Kontemplation, Leben in der Erinnerung, Sinngebung durch soziale Integration oder auch Rückzug in die eigene Welt) positiv darzustellen und ge­stalterisch umzusetzen. Verschiedene ­Ansätze des hier vorgestellten Projekts versuchen dies.

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PARALLEL GESELLSCHAFTEN

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Nach Euklid schneiden oder berühren sich Parallelen nie, auch nicht in unendlicher Verlängerung. Wird in der Öffentlichkeit von «Parallelgesellschaften» gesprochen, wie dies in letzter Zeit häufig der Fall ist, sind vermutlich Gesellschaften gemeint, die im selben raumzeitlichen Zusammenhang existieren, sich aber nicht oder nicht hinläng­ lich berühren. Was Politiker und Journalisten dabei oft vernachlässigen ist, dass es durch­ aus nicht nur Gruppen von Immigranten sind, die in Parallelität zu einer unterstellten nationalen Gemeinschaft leben. In einer bestimmten Art nicht so sein zu wollen, wie andere, ist seit jeher ein starkes Sozialisa­ tionsmotiv. Die allgemeine Möglichkeit zu haben, in derselben Gesellschaft keine Berüh­ rungen zu Menschen anderer Milieus zu erleben, ist hingegen erst ein Ergebnis des Wohlstands. Mehr und mehr setzt sich die nationale Gemeinschaft aus Parallelgesell­ schaften zusammen. Wenn Eltern nicht mehr wissen, wie ihre Kinder leben, d. h. welche Werte, Normen, Rollenschemata oder Projek­ tionen für diese identitätsstiftend sind, wenn es quasi unüberwindbare Grenzen zwischen Menschen unterschiedlicher Bil­ dung, unterschiedlicher Alltagsmotivation oder in unterschiedlichen Sport- und FreizeitInszenierungen gibt, wenn die unterschied­ lichen Generationen generell in getrennten Welten, in Welten völlig unterschiedlichen Umgangs mit Zeichen und Codes leben, so ist der Mangel an gegenseitigen, gruppen­ übergreifenden Berührungen einerseits intern für die jeweiligen Gruppen stabilisie­ rend, andererseits mit Problemen für die Lebensfähigkeit größerer gesellschaftlicher Einheiten verbunden. Ganz besonders strikte Grenzen existieren zwischen Alten und Jungen. Das hat etwas mit dem biografischen Perspektivwechsel im Laufe der persönlichen Entwicklung zu tun, geht aber ganz besonders

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von der Unterschiedlichkeit der Typik der jeweiligen Erlebnishorizonte aus: einerseits in der Ausbildung und im Beruf, andererseits im Ruhestand. Demgegenüber gibt es eine zunehmende Schnittmenge derjenigen all­ tagskulturellen Zeichen, auf die Junge und Alte gleichermaßen zugreifen (z. B. Mode, Autos, Körpersprache). Jedoch ist in der Regel ein perspektivischer Unterschied festzu­ stellen. Während der Junge im Kontext von Ausbildung oder Beruf Jeans oder Sportwagen mit den jeweils aktuellen Details zur Darstel­ lung seiner realen Potenzen und von da ausgehend seiner Träume und Ziele benutzt, tut der Alte dasselbe mit Blick auf schwin­ dende Potenzen. Die Ideale sind zum großen Teil dieselben, nur die Perspektiven nicht. Man versteht sich, hat aber nichts miteinan­ der zu tun. Allerdings hat man auch keinen Grund, sich zu bekämpfen. Je höher und unüberwindbarer diese Grenzen zwischen den Parallelgesellschaften werden, umso größere Anstrengungen machen sich für die Gestalter erforderlich, den jeweils fremden Deutungsraum zu erschließen. Auch für die Teilnehmer unseres Projektes stellte es die größte Herausforderung dar, die Weltsicht der Menschen nachzuvollziehen, mit denen und für die Designansätze entwickelt wurden. POSTMODERNE ERLEBNIS ­GESELLSCHAFTEN 6

Für die meisten Menschen in den en­ twickelten industrialisierten Ländern ist nicht mehr so sehr das Überleben, sondern immer mehr die Sinnerfüllung des Erlebens das wichtigste Projekt ihres alltäglichen Lebens­ vollzugs. Gerhard Schulze nennt, sehr detaillierte und umfangreiche soziologische Untersuchungen zugrunde legend, dieses Stadium der Entwicklung des menschlichen Gemeinwesens «Erlebnisgesellschaft» – nicht zu verwechseln mit «Spaßgesellschaft».


Die Senioren betrifft das ganz und gar, da sie in der Regel als Rentner oder Pensionäre ihren gesamten Alltag auf Erlebnisziele ausrichten können und auch müssen. Nur die zwangsläufige Beschäftigung mit der Erhal­ tung der Gesundheit oder der Überwindung von altersbedingten Einschränkungen rela­ tiviert dies. Für viele stellt sich die Frage nach dem Sinn ihres Lebens mit dem Aus­ scheiden aus dem Berufsleben grundsätzlich neu. Gerade für die Alten wird ein Angebot an adäquaten Erlebnismöglichkeiten immer essentieller. Senioren haben in der Regel gegenüber jungen Menschen einen Vorteil: Sie verfügen über lange Jahre Erfahrung in der Optimierung ihrer Erlebnisstrategien. Allerdings kommt dieser Vorteil nur dann zum Tragen, wenn es gelingt, die Erlebnisan­ gebote auf die Seniorensituation einzustel­ len: keine Verantwortung im Beruf, keine Verantwortung für die Kinder, allemal ab und zu für die Enkel, Überlebensziele nur in Bezug auf die eigene Gesundheit. « ZEIT IST GELD » — ANSCHAUUNGS­F ORMEN VON ­E RLEBNISBÜRGERN

Jeder will alt werden, niemand will alt sein. Wieso eigentlich? Das war nicht immer so, und auch heute trifft das nicht auf alle Kulturen zu. Die Antwort auf diese Frage ist sehr komplex und berührt die Grundlagen menschlicher Weltanschauungen. Jugend ist in der Erlebnisgesellschaft wie ein volles Konto: eine unüberschaubare Masse möglicher Erlebnisse mit der Tendenz zur qualitativen Verbesserung. Ein Ende ist nicht abzusehen. In der Zeit zwischen dem 20.  und dem 40. Lebensjahr halbiert sich das Guthaben in Abhängigkeit von der Erlebnis­ fähigkeit, während es sich vom ersten bis zum 20. Lebensjahr durch die Aneignung eines differenzierten Bildes der Erlebnismög­ lichkeiten aufgebaut hat. Nach dem 40. ­

Lebens­jahr führt der Blick auf’s Konto zur Suche nach Techniken, um das Konto wieder aufzufüllen. Die Effizienz dieser Techniken wird nach dem 60. Lebensjahr langsam ­wieder in Frage gestellt. Der Basiswert des Guthabens ist Zeit, Zeit in einer Relation zu nahezu unendlich vielen unterschiedlichen Möglichkeiten von Erlebnissen oder auch Überlebensleistungen – ganz in Analogie zu einem Bankkonto mit seinem Basiswert Geld, welcher ebenso nur mit der Referenz zu Erlebnismöglichkeiten oder Überlebensmög­ lichkeiten (Gebrauchswerten im klassischen Sinne) seine Bedeutung erhält. Während aller­ dings das Geld auf dem Konto eine tatsäch­ lich fixierbare Größe ist, dessen Tauschkraft zwar auch von marktabhängigen und subjek­ tiven Faktoren ent- bzw. aufgewertet werden kann, gibt es keinen Auszug des Zeitkontos mit einer sicheren Zahl. Sie ist nur in Hinblick auf eine gewisse Wahrscheinlichkeit, die Lebenserwartung, einigermaßen abzuschät­ zen. So, wie ich Geld in einer abgezählten Menge hingebe, um Überlebens- oder Erle­ bensmittel zu bekommen, gebe ich Zeitein­ heiten hin, um Überlebens- oder Erlebenstä­ tigkeit zu vollziehen, also Überleben oder Erleben anzueignen. Man glaubt, am Ende die Frage stellen zu müssen: «War es ein gutes oder schlechtes Geschäft?» Die Antwort auf diese Frage hängt von der Intensität der Erlebnisse oder von der lebenserhaltenden Kraft der eingetauschten Ereignisse ab.

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Ein Weg der Optimierung besteht in der Beschleunigung von Abläufen. In der selben Zeit kann mehr erlebt werden, die Zeitaus­ beute wächst. Das allerdings nur in dem Maße, wie auch ein beschleunigtes Erleben möglich wird. Training und viel Energie sind vonnöten. Der Stress, den ein solches Training verursacht, erklärt schließlich un­ sere Sehnsucht nach gelegentlicher Ent­ schleunigung.

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Wer gemessen an seinen Erlebnisäquivalenten zu viel Zeit hat, verliert paradoxerweise Erlebnismöglichkeiten. Zeit-Inflation ist die Entwertung der Zeit in der Relation zu mög­lichen Erlebnissen. Entschleunigung führt also zu Entwertung. Darin besteht die grundlegende Crux des Alters in der Erlebnis­gesellschaft. UMWERTUNG

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Ein anderer Weg der Optimierung des Verhältnisses von Zeit und Erlebnissen besteht in der Umwertung von Werten. Dass das möglich ist, zeigt u. a. das Beispiel «Geiz ist geil» aus der Werbung. Innerhalb kurzer Zeit war es gelungen, den moralischen Wert «Geiz», welcher über Jahrhunderte der öffentlichen Moral widersprach, aus seinem Status des Unterschwelligen im Gewand einer Geste der Stärke in die Öffentlichkeit zu bringen. In dem Maße, wie das geschah, erodierte der Gegenwert «Großzügigkeit» in der Öffentlichkeit. Von nun an war es erlaubt, seinen Geiz ohne Reue auszuleben. Damit erschlossen sich zahlreiche neue Erlebnispotentiale.

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Da den Alten Zeit-Inflation droht, müssen sie umwerten. Und sie tun es, jeder und jede für sich und eher privat als öffentlich. Ruhe, Langsamkeit, Kontemplation, Besinnung, Gelassenheit, Erinnerungsperspektiven usw. lösen das frühere Bestreben nach Stimulation ab. Das Gegenmodell der Senioren zu dem an Jugendlichkeit ausgerichteten Wettlauf um die meisten und intensivsten Erlebnisse entsteht zunächst im Verborgenen. Aber so lange Umwertungsprozesse im Privaten stattfinden, bewirken sie keinen Wechsel der allgemeinen Normen. Dann allerdings, wenn Pflege notwendig wird, ist Öffentlichkeit in bestimmten Radien nicht mehr zu umgehen: die Pflegekraft zu Hause, die Pflegeeinrichtung, die Pflegekasse usw. Die Zahl der zu Pflegenden steigt stark an, damit verbreitet sich auch ihre Wahrnehmung in der

­ ffentlichkeit. Eine breite, öffentlich akzepÖ tierte Umwertung kann jedoch nur gelingen, wenn die hierfür notwendigen Mittel, d. h. vor allem Medien zur Verfügung stehen, um gesellschaftlich relevant in den Prozess des Definierens dessen, was ein Erlebnis ist, eingreifen zu können. Zum Beispiel eben in der Werbung oder in der Unterhaltungsindustrie (wozu auch Literatur, Filme und Spiele zu rechnen wären). Das ist genau das Zentrum der Frage nach dem Seniorenspezifischen Design: Was ist als a ­ nzustrebendes Erlebnis anerkannt? Welche Qualitäten hat ein sinnvolles Erlebnis? Für die Neuentwicklung von Produkten und Kommunikationsmitteln scheinen das überhaupt die wichtigsten Fragen zu sein. Die hier vorgestellte Studie vermittelt einen Eindruck davon, wie vielfältig und im Konkreten ­individuell die Antworten auf diese Fragen ausfallen können und müssen. Wenn sie zu relevanten Ergebnissen gekommen ist, dann vor allem aus dem Ansatz zur senioren­ gerechten Umwertung heraus, von dem natürlich nicht nur die Alten profitieren. Dr. Rainer Funke Professor für Designtheorie Fachhochschule Potsdam


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— Michael Rosenlehner, FHP 2008.

Eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich das Leben mit stärkeren altersbedingten Einschränkungen anfühlt, konnten die Teilnehmer unserer Studie mittels des Age Explorers des Meyer-Hentschel-Instituts Saarbrücken bekommen. Dabei handelt es sich um einen Anzug, der den Benutzer in eindrucksvoller Weise die Veränderungen zahlreicher Fähigkeiten im Alter erleben lässt: nachlassendes Hörvermögen, Alterssichtigkeit, Veränderungen des Farbensehens, nachlassende Kraft und Beweglichkeit. Gehördämpfer vermitteln den Eindruck von Altersschwerhörigkeit, ein Spezialvisier simuliert mögliche Veränderungen des Farbensehens und des Blickfeldes sowie nachlassende Sehschärfe im Nahbereich. Handschuhe verringern u. a. die Fingerfertigkeit und lassen die Kräfte in den Händen schwinden. Im Anzug

eingenähte Gewichte geben einen guten Eindruck nachlassender Ausdauer, Bandagen bzw. Schienen schränken die Beweglichkeit der Gelenke ein (siehe Abbildungen auf Seite 32–33). 2

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Vgl.: Winfried Saup, Petra Strehmel, Toni ­Faltermaier, Philipp ­Mayring: Grundriss der Psychologie/­ Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters. Stuttgart: Kohlhammer, 2001 Vgl: Jan Wojnar: Die Welt der ­Demenzkranken: Leben im A ­ ugenblick. Hannover: Vincentz, 2007; Sven Lind: Demenzkranke Menschen Pflegen. Grundlagen, Strategien und Konzepte. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Huber, 2003;

Hans Förstl (Hrsg.): Demenzen in Theorie und Praxis. New York/Berlin/Heidelberg: Springer, 2011 4

Vgl.: Peter Zec: Universal Design. Best Practice Volume 1. Ludwigsburg: avedition, 2010

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Rainer Funke (Hrsg.): Leben im Alter. Potsdam: ­Fachhochschule ­Potsdam, 2001

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Vgl.: Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft. ­Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt/Main, New York: Campus, 1992

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Martin Stummbaum

DESIGN-足ASPEKTE IN DER SOZIALEN ARBEIT UND ALTENHILFE /-PFLEGE


Der Umstand, dass die dieser Publikation vorangegangene Lehrveranstaltung Leben im Alter als interdisziplinäre Aufgabe von Design und Sozialer Arbeit ausschließlich von Studie­ renden des Bachelorstudiengangs Design besucht worden ist, kann als Bestätigung der Intention für diese Lehrveranstaltung gewer­ tet werden. Ausgangspunkt für diese Lehrver­ anstaltung waren die Arbeitserfahrungen und Ergebnisse zweier Modellforschungs­ projekte, in denen das Leben im Alter in städtischen bzw. ländlichen Regionen evalu­ iert worden ist. Als «Nebenprodukte» dieser beiden Modellforschungsvorhaben zeigte sich, dass zeitgemäße Konzepte der Altenhilfe und Altenpflege (in der Praxis) vielfach nur unzureichend ausbuchstabiert werden und insbesondere Fragestellungen der Archi­ tektur und des Design eines Lebens im Alter unberücksichtigt oder unterkomplex beantwortet bleiben. Die Konsequenzen sind ­mannigfaltig und reichen von einem (unnö­tigen) Mehr an Leistungen der Altenhilfe/-pflege, um architektonische und design­mäßige Defizite auszugleichen, über Einschränkungen der Lebensqualität von Senior/innen bis zum (unnötigen) Verlust von Lebensführungskompetenzen. Die nachfolgenden Praxissequenzen aus dem (teil-)stationären Bereich verdeutlichen die Folgen einer Altenhilfe/-pflege, die architek­ tonische und designgemäße Fragestellungen nicht entsprechend beachtet. Praxissequenz A: Wiederholt problematisie­ ren die Mitarbeiter/innen einer teilstatio­ nären Einrichtung im Teamgespräch, dass Senior/innen zunehmend passiv oder unruhig den Tag in der Einrichtung verbrin­ gen. Im Team herrscht Unverständnis, da für eine aktivierende Tagesgestaltung extra zwei Kaninchen und diverse neue Spiele angeschafft worden sind. Ein Blick in die Einrichtung zeigt, dass bei der Umsetzung dieser Neuerung designgemäße Aspekte

unberücksichtigt geblieben sind. Der Kanin­ chenkäfig wurde auf dem ca. eineinhalb Meter hohen Fernsehschrank aufgestellt und ist nur bedingt einsehbar. Die neu ange­ schafften Spiele sind von ergonomisch schlechter Qualität. Sie wurden im Spiele­ schrank eingesperrt und werden vom ­Personal nur auf Nachfrage herausgegeben. Praxissequenz B: Die 76-jährige Paula Mayer ist seit einigen Monaten im Altersheim. Obwohl ihre Tochter nur wenige Busstatio­ nen vom Altersheim entfernt wohnt, stellte Paula Mayer ihre Besuche nach kurzer Zeit ein. Auch mehrere Gespräche mit der Sozialarbeiterin können an der Situation nichts ändern. Ein Blick in die Einrichtung liefert eine mögliche Erklärung für das ­Verhalten von Frau Mayer. Das Zimmer von Frau Mayer liegt in der vierten Etage. Der Weg zum Ausgang der Einrichtung ist bautech­ nisch zwar barrierefrei gestaltet, allerdings führt er durch mehrere lang verlaufende Gänge, die aufgrund der wenigen Fenster und der in Beigetönen gehalten Böden und ­Wänden sowie den farblich angepassten Türen und Handläufen tunnelähnlich wirken. Über einen engen und verspiegelten Aufzug ist das Foyer zu erreichen. Vom Foyer, in dem keine Busfahrpläne aushängen, ist das Außengelände zu erreichen, von dem ein ca. 400 Meter langer Gehweg neben einer sechsspurigen, vielbefahrenen Ausfallstraße zur Bushaltestelle führt. Die dort aushängen­ den Busfahrpläne sind unübersichtlich ­gestaltet und vielfach stark verschmutzt.

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2 1


Praxissequenz C: In den Gängen eines Altenheims hängen noch die Speisepläne von vor zwei Wochen aus. Auf Nachfrage teilten Fachkräfte mit, dass dieses schon in Ordnung ist, da sich sonst einige Bewohner/innen den ganzen Tag aufregen würden, wenn es etwas zu essen geben würde, was sie nicht mögen. Und außerdem – fügen sie an – ­könnten die meisten Bewohner/innen die Speisepläne aufgrund der kleinen Schrift sowieso nicht lesen.

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Die drei Praxissequenzen exemplifizieren Negativfolgen, die entstehen können, wenn Altenhilfe/-pflege architektonische und designmäßige Aspekte ausblendet. Den geschilderten Schwierigkeiten liegt ein un­ zureichendes Verständnis von Barriere­ freiheit zugrunde, welches Barrieren nicht in ihrer Gesamtheit und interdisziplinären Verfasstheit wahrnimmt. Barrierefreiheit als ­grund­legendes Gestaltungsprinzip von ­Umwelt will nicht nur die Nutzbarkeit von ­Bau­werken, sondern u. a. auch von Gerä­ ten, ­Produkten, Dienstleitungen sowie von ­Informations-, Kommunikations- und Verkehrssystemen für alle Menschen er­ möglichen. Als barrierefrei gelten nach §4 BGG (Gesetz zur Gleichstellung behinderter ­Menschen) «bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchs­ gegenstände, Systeme der Informations­ verarbeitung, akustische und visuelle ­Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete ­Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und ­nutzbar sind».1

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In einem solchen Verständnishorizont zielt Barrierefreiheit auf das Empowerment und die Inklusion von Menschen. In diesen ­Zielsetzungen lassen sich konzeptionelle Anknüpfungspunkte zur Sozialen Arbeit im

Allgemeinen und zur Altenhilfe/-pflege im Besonderen identifizieren und die Notwendigkeit ableiten, die Professionalität von Sozialer Arbeit bzw. Altenhilfe/-pflege weiter zu entwickeln. Während beispielsweise die Bezugnahme von Altenhilfe/-pflege und Architektur in der Wohnberatung nicht nur entsprechende interdisziplinäre Wissensbestände entwickelt hat und sich in einem deutschlandweiten Angebot an Beratungsstellen zur Wohnungsanpassung institutionalisiert hat, ist die Bezugnahme von Altenhilfe/-pflege und Design im Vergleich rückständig.2 Theoretisch lässt sich eine solche Bezugnahme u. a. auf einer sozialräumlichen Folie und in einer Pädagogik der Dinge verorten. PÄDAGOGIK DER DINGE

Eine Pädagogik der Dinge kontextuiert Bildung, Erziehung, Lernen und Sozialisation «nicht nur in Interaktion mit anderen ­Menschen, sondern auch im Austausch mit Dingen» 3. Nohl 4 differenziert zwischen einer Pädagogik für, mit und durch Dinge. Eine Pädagogik für Dinge kann ihren Bezugspunkt in den Aneignungs- und Nutzungs­ prozessen der Räumlichkeiten, Geräte und Gegenstände beispielsweise von Einrichtungen der Altenhilfe/-pflege finden. Eine Pädagogik mit Dingen zielt auf die Nutzung von Räumlichkeiten, Geräten und Gegenständen im Rahmen von pädagogischen Prozessen bzw. Zielsetzungen. Im Zentrum steht also die Frage, wie Räumlichkeiten, Geräte und Gegenstände pädagogische Prozesse im positiven Fall unterstützen bzw. im negativen Fall behindern können. Eine Pädagogik durch Dinge bezieht sich auf den Einsatz von Räumlichkeiten, Geräten


und Gegenständen als pädagogisches ­Medium beispielsweise mittels der Verwendung eines Computerprogramms zur biographischen (Eigen-)Arbeit von Senior/innen. Als historisches Beispiel gilt der sogenannte Berliner Schlüssel. Beim «Berliner Schlüssel» handelt es sich um einen doppelbärtigen Schlüssel, der sich nach dem Aufsperren der Wohnungstüre nur dann abziehen lässt, wenn er durch das Schloss geschoben wird und die Türe dann von Innen abgeschlossen wird 5. Mit der zugrunde gelegten Design­ gestaltung wird die «erzieherische» Intention verfolgt, dass Wohnungstüren immer abgeschlossen werden. SOZIALRAUMORIENTIERUNG

Sozialraumorientierung basiert als Handlungsprinzip Sozialer Arbeit auf der sozialräumlichen Kontextuierung sozialer Handlungen. Sozialräume lassen sich als «(An-)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern an Orten» 6 definieren. Sozialräume sind gleichwohl als Ordnung vorgegeben als auch das Resultat von Anordnungspro­ zessen. «In der fortwährenden wechselsei­ tigen Konstitution von sozialem Handeln und sozialen Strukturen entstehen Räume als Ergebnis und Voraussetzung des Handlungsverlaufs» 7. Ein Designbezug Sozialer Arbeit eröffnet die Perspektive, materielle Raum­ objekte systematisch zu erfassen und professionell anzuordnen bzw. zu gestalten. In dieser Funktion liefert Design nicht nur eine weitere sozialräumliche Blickrichtung, ­sondern kann eine unmittelbare Unterstützung für die Soziale Arbeit bzw. Altenhilfe/ pflege bereitstellen. Diese Unterstützungsleistung resultiert aus dem Umstand, dass materielle Objekte keine passiven Raumbestandteile sind, sondern sozialräumliche Wirkungen entfalten 8.

DESIGN - PERSPEKTIVEN IN DER SOZIALEN ARBEIT UND ALTENHILFE /- PFLEGE

Eine Soziale Arbeit bzw. Altenhilfe/-pflege, die Design-Aspekte entsprechend berücksichtigt, kann die Qualität ihrer Angebote verbessern und Lebens- und Hilfesettings ihrer Adressat/innen adäquater (mit-)gestalten. Gerade im (teil-)stationären Bereich der Altenhilfe/-pflege kommt dem «Design-Aspekt» eine weitreichende Bedeutung zu. Der Eintritt bzw. Aufnahme in (teil-)stationäre Einrichtungen erfolgt gemeinhin vor dem Hintergrund des (drohenden) Verlustes von Handlungskompetenzen. Gefühle von Deplatziertheit, biographischer Verunsicherung und der Angst vor dem (vermeintlichen) Verlust von Selbstbestimmung lassen Barrieren leicht zu unüberwindbaren Hürden werden. Eine Design-basierte Altenhilfe/-pflege kann Senior/innen beim Übergang in (teil-)stationäre Einrichtungen unterstützen, indem die Gestaltung des vorgefundenen Sozialraums unter entsprechender Zugrundelegung von Design-Aspekten erfolgt ist. Eine Pädagogik der Dinge kann des Weiteren, in der Übergangsphase, Aneignungs- und Nutzungsprozesse der Infrastruktur und Ausstattung von (teil-)stationären Einrichtungen der Altenhilfe/-pflege systematisch unterstützen und Handlungsmöglichkeiten befördern. Handlungsmöglichkeiten, die Senior/innen zum einen in der funktionsgemäßen Nutzung und zum anderen in der aktiven Gestaltung der Infrastruktur und Ausstattung von (teil-)stationären Einrichtungen befähigen.

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In Rekurs auf Winkler 9 lässt sich konstatieren, dass «die materielle Organisation […] [von Settings der Altenhilfe/-pflege] selbst Gegenstand der Aktivität aller Beteiligten werden [muss]», damit (teil-)stationäre Einrichtungen zu Lebens- und Sozialräumen für Senior/innen werden können. Diese Anforderungsstellung realisiert beispielsweise der

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Konzeptentwurf einer Flurveranda, der in der hier vorgestellten Studie von einem studen­tischen Forscherteam erarbeitet worden ist, auf höchst innovative Art und Weise, indem er funktionale Verkehrswege in ­stationären Einrichtungen der Altenhilfe/pflege um einen individuell gestaltbaren Lebens- und Sozialraum erweitert. Im Zuge ­einer sozialräumlichen Öffnung von (teil-) stationären Einrichtungen der Altenhilfe/pflege in den Stadtteil oder die Region ­erlangen Design-Aspekte eine weitere Bedeutung, die darin liegt, (teil-)stationäre Organisationssettings so zu gestalten, dass sie sich als offen und einladend für die Bewohner/innen eines Stadtteils bzw. einer Region darstellen.

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4

Eine weitere sozialräumliche Perspektive eines Design-Bezugs von Sozialer Arbeit bzw. von Altenhilfe/-pflege liegt in der Virtualisierung bzw. Medialisierung von Sozialräumen 10. Die Virtualisierung bzw. Medialisierung von Sozialräumen erschließt zusätzliche Möglichkeiten der Teilhabe von Senior/innen in (teil-)stationären Einrichtungen, wie sie im Rahmen unserer Studie beispielhaft mit dem Konzeptentwurf eines Internet-­ Telefonie-Angebots für die Teilhabe von Senior/innen am Leben ihrer entfernt lebenden Verwandtschaft umgesetzt wird. ANSCHLUSSFÄHIGKEIT DER VORLIEGENDEN ­P ROJEKTERGEBNISSE

Alter hat sich von einem nachberuflichen Appendix zu einer mitunter auf mehrere Jahrzehnte ausgedehnte Lebensphase gewandelt, die sich nach Göckenjan 11 als «ein ­großer offener Raum» darstellt, in dem neben traditionellen Ruhestandstendenzen nunmehr auch mannigfaltige Entwicklungs- und Entfaltungsdynamiken ihren Platz finden müssen. Mit dem einhergehenden Verlust von Altersstereotypen erschließen sich

gleichsam Möglichkeiten und Notwendig­ keiten individueller Selbstbestimmung und Selbstentfaltung sowie neuer Formen der Vergesellschaftlichung von Alter. In diesem Perspektivenhorizont würde «das Streben nach biographischer Handlungsfähigkeit […] für viele nicht mehr nur durch die Fixierung auf die eigene lebenszeitliche Endlichkeit und die körperliche Gebrechlichkeit bestimmt sein müssen, sondern könnte durch eine gesellschaftliche Handlungs- und ­Sinnperspektive entlastet und biographisch neu besetzt werden»12. Eine Soziale Arbeit bzw. Altenhilfe/-pflege, die dinglich-materiale Aspekte nicht negiert oder unreflektiert lässt 13, sondern aus einer Design-Perspektive verarbeitet, erschließt sich grundlegende Voraussetzungen, um die zunehmende Verflechtung zwischen Gesellschaft und Technik 14 professionell bearbeiten zu können. Im Kontext eines selbstbestimmten Lebens im Alter konzeptioniert sich diese Verwobenheit insbesondere im Ansatz des Ambient Assisted Living 15. Dr. Martin Stummbaum Professor für Ökonomie, Organisation und Planung in der Sozialen Arbeit Fachhochschule Potsdam


1

Bundesgleichstellungsgesetz BGG § 4: Gesetz zur Gleich­ stellung behinderter Menschen

7

Martina Löw, Gabriele Sturm: vergleiche Anmerkung 6. S. 44

2

Martin Stummbaum, Margit Stein: Entwicklungsund Forschungsbedarf in der Wohnberatung und Wohnraumanpassung. In: Johann Behrens (Hrsg.): Pflege in der Gesundheitsgesellschaft. Langzeitbetreuung und Pflege im Spannungsfeld neuer Bewäl­ tigungsstrategien. Publikation zur 4. Tagung der Forschungs­ verbände Pflege und Gesundheit. Halle: Hallesche Beiträge zu den Gesundheits- und Pflegewissenschaften, 2009. (S. 566–578)

8

Martina Löw, ­Gabriele  Sturm: vergleiche Anmerkung 6.

9

Michael Winkler: Eine Theorie der Sozialpädagogik. Stuttgart: Verlag Klett-Cotta, 1988. S. 299. zitiert nach Ulrich Deinet: Zur Lage der Kinder- und Jugend­ arbeit in ländlichen Regionen. Internetressource: http://www. eundc.de/pdF/30008.pdf, 2004.

3

Arnd-Michael Nohl: Pädagogik der Dinge, Bad Heilbrunn: Klinkhardt Verlag, 2011. S. 8.

4

Arnd-Michael Nohl: vergleiche Anmerkung 3

5

Arnd-Michael Nohl: vergleiche Anmerkung 3

6

Martina Löw, Gabriele Sturm: Raumsoziologie. In: F­ abian ­Kessl, Christian Reutlinger, Susanne Maurer, Oliver Frey (Hrsg.): Handbuch Sozialraum. Wiesbaden: VS Verlag für ­Sozialwissenschaften, 2005. (S. 31–48), S. 42

10

Angela Tillmann: Medienwelt. In: Christian Reutlinger, Caroline Fritsche, Eva Lingg (Hrsg.): Raumwissenschaftliche Basics. Eine Einführung für die Soziale Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010 (S. 149-158)

11

Gerd Göckenjan: Altersbilder in der Geschichte. In: K ­ irsten Aner, Ute Karl (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Alter. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010. (S. 403–414), S. 412

12

Lothar Böhnisch: Alter, Altern und Soziale Arbeit – ein sozialisatorischer Bezugsrahmen. In: K ­ irsten Aner, Ute Karl (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Alter. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010. (S. 187-194), S. 189

13

Arnd-Michael Nohl: vergleiche Anmerkung 3

14

Bruno Latour, Gustav Roßler: Die Hoffnung der Pandora: Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 2000.

15

Martin Stummbaum, Margit Stein: Blended Help. Altersgerechte Assistenzsysteme in hybriden Unterstützungskontexten. In: Bundesministerium für Bildung und Forschung, Verband der ­Elektrotechnik VDE e.V. (Hrsg.): Demographischer ­Wandel. Assistenzsysteme aus Forschung in den Markt. Publikation zum 4. Deutschen AAL-Kongress 2011. Berlin: ­Bundesministerium für Bildung und Forschung, CD-ROM, 2011.

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Andreas M. Mende

DESIGN ALS BEITRAG ZUR PFLEGE — EIN PROJEKT DER FORSCHUNGS­ KOOPERATION DES LAFIM MIT DER ­FACHHOCHSCHULE ­POTSDAM


Der LAFIM (Landesausschuss für Innere Mission – Dienste für Menschen gemein­ nützige AG) ist der größte diakonische soziale Dienstleister im Land Brandenburg und hält eine vielfältige Angebotsdiversität für Menschen (fast) jeden Alters vor. Er ist ­bestrebt, Antworten auf die zukünftigen Herausforderungen zu finden, insbesondere auch im Bereich Leben im Alter, da hier ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt. Auch im Hinblick auf die demografische Entwicklung wird die Weiterentwicklung dieses Arbeits­ bereiches auch zukünftig immer wichtiger werden. Der LAFIM hat ein großes Interesse an der Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Instituten, Fachhochschulen und Universitä­ ten. Diese Zusammenarbeit soll einen ­Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis ermöglichen. Den Wissenstransfer will der LAFIM durch speziell konzipierte Fort- und Weiterbildungen für seine Mitarbei­ ter sichern. Dies dient auch der Verbesserung der Lebensqualität der Klienten in den ­Einrichtungen. Durch die Optimierung von Prozessen sollen Qualitätsverbesserungen erreicht werden. Diese fließen in die Weiter­ entwicklung des Qualitätsmanagement­ systems ein. Das Kooperationsprojekt mit der Fachhoch­ schule Potsdam: Leben im Alter als interdisziplinäre Aufgabe von sozialer Arbeit und ­Design ist für den LAFIM ein Baustein, die Herausforderungen an die zukünftigen Aufgaben in der Betreuung und Versorgung alt gewordener und hilfsbedürftiger Men­ schen mit konkret gewonnenen Erkenntnis­ sen zu begegnen und in verbesserte Rahmen­ bedingung einfließen zu lassen.

LAFIM — BETREIBER VON JUGEND -, ­B EHINDERTEN UND ­A LTENHILFE

Der Landesausschuss für Innere Mission (LAFIM) wurde im Jahr 1882 auf kaiserliche Order in Berlin gegründet. Mit über 3.200 Mitarbeitenden ist er heute als Träger von Einrichtungen und Diensten für Menschen im Alter, Menschen mit Behinderungen und junge Menschen einer der drei größten ­Arbeitgeber im Land Brandenburg. Zur LAFIM-Gruppe gehören die ­Geschäftsbereiche: ××

LAFIM – Dienste für Menschen mit Behinderung – Fliedners Wohnund Werkstätten.

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LAFIM – Dienste für junge Menschen . sowie die Töchter:

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LAFIM – Dienste für Menschen im

Alter gemeinnützige GmbH mit 27

Seniorenzentren in Brandenburg und Sachsen-Anhalt. ××

Die Lebenszentrum gemeinnützige GmbH mit ihrem ersten Standort Lebenszentrum Am Schloss in Finsterwalde als Trägerin von neuen Formen gemeinsamen Lebens.

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MEDIKUS gemeinnützige GmbH in Oranienburg mit mobilem Pflegedienst, Kurzzeitpflege und der Seniorenresidenz Wasserschloß.

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Die LAFIM-MOBIL gemeinnützige GmbH mit ihren vier Diakonie-Sozialstationen und sechs Tagespflegen.

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Diakonieverbund Eberswalde

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Diakonieverbund Niederlausitz

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WI-LAFIM GmbH, mit dem

gemeinnützige GmbH. gemeinnützige GmbH. Dienstleistungszentrum Hauswirtschaft und dem Hotel Haus Chorin.

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IS-Immobilienmanagement social GmbH. Geschäftsbeteiligung an der IBTG IT-Social GmbH.

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LAFIM — FACHBEREICH FÜR FORSCHUNG , ORGANISATION UND ENTWICKLUNG

Stellvertretend für den LAFIM stand der Fachbereichsleiter für Forschung, Organisation und Entwicklung (FOE) des Landesausschuss für Innere Mission in Brandenburg als Praxispartner für die Zusammenarbeit mit der Fachhochschule zur Verfügung. Zu den Aufgaben von FOE gehören auch die Umsetzung von Innovationsmanagement, die Gewinnung und Aufbereitung neuer Erkenntnisse und Erfahrungen in sozialen Handlungsfeldern sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit.

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Die Aufgaben von FOE sind prozessbegleitend und verstehen sich als Integrations- und Vernetzungsmanagement. FOE hat eine zentrale, übergreifende Aufgabe für die Bereiche: Strategie, Entwicklung und Veränderung. Vernetzung ist der Schlüssel für Wissenserweiterung. Durch das Zusammenbringen von verschiedenen Disziplinen wie bei­ spielsweise Pflegeexperten, IT-Experten und Sozialwissenschaftlern, Menschen aus Politik, Wirtschaft, Diakonie und Kirche wird ein Austausch ermöglicht und wichtige Erkenntnisse für die zukünftige Arbeit des LAFIM werden gewonnen.

8

Durch die Gewinnung und Weiterentwicklung von Wissen und Fähigkeiten, können praktische Lösungen entwickelt und somit Unternehmensziele erreicht werden. In der Praxis kann die Wissenserweiterung auf ganz unterschiedlichen Wegen erreicht ­werden, wie bei diesem Kooperationsprojekt mit der Fachhochschule Potsdam: Leben im Alter als interdisziplinäre Aufgabe von sozialer Arbeit und Design. Mittels der Erfahrungen und Ergebnisse des Forschungsprojektes kann die Partizipation von Senior/innen verbessert, die Angebote

bedarfsgerechter konzipiert und passgenauer realisiert werden. Der LAFIM möchte auch in Zukunft für die älter werdende Gesellschaft nicht nur Berater, Begleiter, Dienstleister sein, sondern auch zur Verbesserung der Lebensqualität im Alter beitragen. Hierfür ist es notwendig, Forschung und Praxis zusammen zu bringen. Dies zu ermöglichen ist eine wichtige Aufgabe des Fachbereiches für Forschung, Organisation und Entwicklung. KOOPERATION ZWISCHEN DER ­F ACHHOCHSCHULE POTSDAM UND DEM LAFIM

Mit dem gemeinsamen Forschungsprojekt der Fachbereiche Design und Sozialwesen der Fachhochschule Potsdam unter der Leitung der Professoren Dr. Rainer Funke und Dr. Martin Stummbaum entstand eine Studie zum Design von Produkten und Kommunikationsmitteln für pflegebedürftige Menschen höheren Alters. Dabei handelt es sich um eine wegweisende Studie, die ihre Innovationskraft aus der Bezugnahme von Design und Sozialer Arbeit gewinnt. Ihre Bedeutung ergibt sich vor allem aus der demografischen Entwicklung. Verschiedene Themen, wie die Gestaltung von Orientierungssystemen -speziell für Menschen mit Demenz-, die Entwicklung von Kommunika­ tionsmitteln zur Motivation und Stärkung individueller Autonomie, Konzepte für spezielle Möbel und mehr wurden hier bearbeitet. Im Kontext des Ambient Assisted Living (AAL) – eine interdisziplinäre Aufgabe verschiedenster Disziplinen wie Architektur, Design, ­Medizin, Pflege, Sozialer Arbeit, Stadtentwicklung und Technik – lassen sich bei diesem Forschungsprojekt eindrucksvoll die Praxisnotwendigkeiten und Zukunftsperspektiven ableiten. Durch die Kooperation wurde der Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis eröffnet. Für die Studierenden haben sich wichtige Erfahrungsmöglichkeiten im Praxis-


kontext ergeben, und für den LAFIM ent­ wickeln sich interessante Perspektiven ­hinsichtlich einer innovativen Weiterent­ wicklung bestehender Einrichtungsstrukturen. ÜBER DAS PROJEKT AUS SICHT DES LAFIM

An dem Forschungsprojekt waren insge­ samt 42 Studierende beteiligt. Der LAFIM – als Praxispartner – hat den 13 Forscherteams die Möglichkeit verschafft, in 12 stationären und teilstationären Altenhilfeeinrichtungen ihre Studien zu betreiben. Die Teams sind in die Einrichtungen gegangen und konnten das Leben dort kennenlernen. Spannend war hier auch der Blickwinkel der Studieren­ den. Mit der Designperspektive auf die ­Tagesgestaltung in Altenhilfeeinrichtungen zu ­schauen, war eine für beide Seiten be­ reichernde Erfahrung. Die Teams haben durch Beobachtung und Interviews an ganz unterschied­lichen Designstudien gearbeitet. Die Ergebnisse sind sehr vielfältig und doch zielen sie alle auf den Erhalt und die Förderung der Selbstständigkeit im Alter ab. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse bilden eine wertvolle Grundlage für die zukunfts­ orientierte Weiterarbeit des LAFIM. Welche Möglichkeiten ergeben sich aus den Momentaufnahmen der heutigen Situation für die weitere Altersforschung? Es ist auch ein Blick in die Zukunft, ein Blick in die persönliche Zukunft aber auch ein Blick in die Zukunft der nächsten Generationen unserer Gesellschaft. Die Erkenntnisse und die daraus resultierenden Impulse ermög­ lichen den Betreibern von Altenhilfedienst­ leistungen wie auch den produzierenden Partnern, hybride Dienstleistungen und Produkte für die Menschen zu entwickeln. Ein Trialog zwischen Forschung, Dienstleis­ tung und Industrie entsteht und kann zur

Verbesserung der Lebensqualität nicht nur der heute älter gewordenen Generationen, sondern auch der folgenden beitragen. Andreas M. Mende Fachbereichsleiter für Forschung, ­Organisation und Entwicklung der LAFIM gemeinnützige AG

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DAS SEMINAR


IN DEN EINRICHTUNGEN


DER AGE EXPLORER速


DIE PRÄSENTATION DER FORSCHUNGSERGEBNISSE


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Fabian Bartelt — Andre Diekneite — Bettina Nowottnick

AUF EINEN HANDSCHLAG

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Design im Zeichen von Demenz

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Dass Design auch im Alter eine noch immer große Rolle spielen kann, beweisen Konzepte wie Universal Design, in denen Geräte, ­Umgebungen oder Systeme derart gestaltet werden, dass sie von einem breiten Publikum bestmöglich genutzt werden können. Doch wenn Einfachheit und Barrierefreiheit zu einem Design führen, das weder kulturelle noch individuelle Bedürfnisse deckt, sondern in einen eintönigen Kanon mündet, dann endet das im gegenseitigen Unverständnis von Jung und Alt. Ebenso sollte altengerechtes Design das ästhetische Verständnis der ­Benutzer für Gestaltung nicht ausklammern, sondern flexibel und intelligent darauf reagieren. Wenn wir von einem Sinneswandel im Alter reden, dann ist dies nicht mit einem Sinnesverlust zu verwechseln, der den sprichwört­lichen «guten Geschmack» mit einbezieht. Doch wie sieht solch eine in­ telligente Reak­tion auf die Bedürfnisse im Alter aus? Mit welchen Schwierigkeiten sieht sich ein Bewohner eines Pflegeheims tag­täglich ­konfrontiert, dessen Lösungen möglicher­weise in einem altengerechten Design liegen, welches nicht dazu führt, dass der Mensch sich unwohl und deplatziert fühlt? Um diesen und weiteren Fragen auf den Grund zu gehen, setzten wir uns mit dem Reiseziel «Welt der Alten» in den Zug. Ohne zu wissen, wie es in dieser Welt überhaupt aussieht, fragten wir uns, ob wir für solch eine Reise ausreichend gut ausgestattet waren. Uns plagten Fragen danach, ob diese Welt überhaupt ansatzweise vergleichbar ist mit der Welt, die wir kannten. Existieren dort Farben? Welche Sprache sprechen die Bewohner dieser Welt? Können wir mit den Bewohnern kommunizieren? Und werden wir uns dort zu Recht finden können? Denn unsere Aufgabe bestand darin, diese Welt aus unserer gestalterischen Perspektive zu betrachten und aus unseren Erkenn­ tnissen Verbesserungsvorschläge zu

­ nt­wickeln. Doch wie kamen wir überhaupt e auf diesen naiven Gedanken, diese Welt verändern zu wollen ohne in ihr zu leben? In einer kurzen aber intensiven Vorbereitungszeit versuchten wir, uns faktisch in diese Welt zu denken, um Ansatzpunkte für unsere Gestaltung zu finden. Es kamen uns Ge­ danken zu Themen wie die Entfaltungsmöglichkeiten der Bewohner, die Möglichkeit zur Kommunikation untereinander und die Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens in einem Pflegeheim. Der erste Besuch im Emmaus-Haus Potsdam, einem Evangelischen Seniorenzentrum mit 70 Bewohnern, zeigte, dass sich diese erdachte Welt mit unseren Vorstellungen aber nicht deckte und aus heutiger Perspek­ tive als «naiv» und «romantisiert» zu betiteln wäre. Das Eintreten durch die elektrische Schiebetür brachte uns tatsächlich in eine andere Welt, die auf den ersten Blick durch eine nüchterne Innengestaltung und vor­ wiegend demenzerkrankte alte Menschen mit Rollatoren geprägt war.

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ABB. 1  —

Fluransicht im Emmaus-Haus Potsdam.

In einem ersten Gespräch mit der ­ lltagsgestalterin der Einrichtung erklärten A wir unsere Aufgabenstellung und erfuhren erste prägnante Informationen über den Alltag der Bewohner, Probleme in der Pflege und mögliche Gestaltungsbereiche. Das erste intensive Zusammentreffen mit den Bewoh-

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nern des Hauses fand beim alltäglichen ­Kaffeetrinken statt. Obwohl wir uns im Gemeinschafts- und Essbereich der Bewohner befanden, war ein Dialog zwischen den ­Bewohnern nicht festzustellen, für uns ein unerwarteter Aspekt. In mehreren Ge­sprächen fanden wir heraus, dass die Verständigung der Demenzkranken untereinander als auch mit uns und den Pflegern sehr schwierig ist, da der unterschiedliche Grad der Erkrankung individuell abgestimmte Herangehensweisen erfordert.

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2 ABB. 2

— Aufenthaltsraum der Bewohner.

In dem darauf folgenden Rundgang mit einer Pflegerin bekamen wir einen Eindruck der Lebensumstände bettlägeriger Bewohner, die sich in einem Stadium befinden, in dem es ihnen nicht mehr möglich ist, sich selbstständig zu bewegen, Nahrung aufzunehmen oder durch Sprache zu kommunizieren. Dieser Besuch führte uns die unverblümte Realität in einem Pflegeheim vor Augen. Können Personen in solch einer Phase der Erkrankung Gestaltung noch wahrnehmen? Herrscht überhaupt Akzeptanz für neue Dinge unter den demenzkranken Menschen? Design im Allgemeinen schien auf den ersten Blick keine Antwort auf eine solche Situation zu haben. Denn diese Welt tat alles andere, als uns offenkundig Gestaltungsnotwendigkeiten aufzuzeigen. Unser Blick für Design war gehemmt durch sehr emotionale Eindrücke, die auf die Realität im Seniorenzentrum zurückzuführen waren.

Die erste Ernüchterung sollte vergehen, und wir waren in der Lage unseren ersten Besuch und unsere Gedanken reflexiv zu betrachten, um daraus ein weiteres Vorgehen abzuleiten. Wir schöpften nicht nur neue Hoffnung in Hinsicht auf ein Gestaltungsziel, wir gingen auch emotional gestärkt an das weitere Vorgehen heran. Ausgehend von diesen Überlegungen und Eindrücken erarbeiteten wir eine für uns maßgebende Grundthese, nach der wir weitere Arbeitsschritte planten. Diese lautet, dass haptische Eindrücke als Mittel zur Stimulation von bewussten aber vor allem unbewussten Erinnerungen dienen. Die Wahrnehmung demenzkranker Menschen wird im Moment des haptischen Eindrucks rekalibriert, und der Mensch öffnet sich für äußere Eindrücke. Die Möglichkeit einer Orientierung auf emotionaler wie auch räumlicher Ebene soll dadurch erzeugt werden. «Menschen nehmen ihre Umgebung wie überhaupt Informationen auf Dauer nur wahr, wenn ihre körperlichen Sinne wechselnd gereizt werden. Dagegen gewöhnt man sich an eintönige, also gleichförmige Reize, so dass man sie nach einiger Zeit nicht mehr wahrnimmt. Dies gilt für die Schmerz- und Temperaturwahrnehmung ebenso wie für Tasten, Riechen und Sehen. Wer so an Reizen verarmt, blendet über kurz oder lang die äußere Realität aus und verliert die Orientierung. Ein solches Schicksal droht vor allem Demenz-Kranken, die bettlägerig sind bzw. sich kaum noch bewegen können. Diese Situation spitzt sich zu, wenn die Betreffenden auch noch «super weich» gelagert und lediglich mit Flügelhemden «bekleidet» sind. Möglicherweise ist das Körperempfinden eines solchen Menschen mit dem tauben Gefühl vergleichbar, das man nach einer zahnärztlichen Schmerzspritze verspürt. Für viele Demenz-Kranke kommt hinzu, dass sie aufgrund altersbedingter Hör- und Sehbeeinträchtigungen ohnehin nur noch schlecht wahrnehmen können.»


Doch gleichzeitig stellten sich, hervorgerufen von unserer Grundthese, weitere Fragen. In welchen Bereichen können diese haptischen Eindrücke tatsächlich eine Rolle spielen, so dass auch ein Nutzen entsteht? Wie sehen solche haptischen Eindrücke überhaupt im Alltag aus? Müssen es zwingend Berührungen zwischen zwei Menschen in Form eines zärtlichen Streichelns sein? Oder kann nicht auch ein bestimmtes Material diese positive Stimulation hervorrufen? Ausgehend von diesen Fragestellungen planten wir unsere erste Testreihe. Wir entschieden uns vorerst, mit Materialien und Strukturen, die eine große Spanne an verschiedensten Eigenschaften aufwiesen, einen Versuchsaufbau zu gestalten. TESTRUNDE 1

Wir reichten ausgewählten Bewohnern zehn verschiedene Materialien in einheit­ lichem Format, während wir konfrontativ sowie indirekt deren Reaktionen protokollierten.

— Materialübersicht von links nach rechts, von oben nach unten: Leder, Luftpolsterfolie, Schwamm, Holz, Kork, Beton, Blei, Gardinenstoff, Seide, Noppenstoff. ABB. 3

××

4

Stoff mit Noppen rief zuerst eine starke positive Reaktion hervor. Beim späteren Kontakt erhielten

Frau Teichert ist eine stark demente Frau, die noch mit Hilfe eines Rollators laufen kann. Ein Gespräch war jedoch nicht möglich. Sie war verunsichert in ihrem Empfinden und konnte sich für uns nicht verständlich ausdrücken. Ihre Gedanken schienen zusammenhanglos und ungeordnet. Nach erster Reaktion auf die Materialien folgten immer wieder Gesprächsfetzen zu anderen Themen und Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Berührungen mit unseren Händen haben allerdings überaus starke Gefühlsregungen bei ihr gezeigt, jedes Mal aufs Neue. Sie lachte plötzlich und strahlte, legte ihre andere Hand auf unsere. Diese Berührung mit der Hand veränderte ihren Gemütszustand und löste eine positive Stimulation bei ihr aus.

wir keine Reaktionen mehr. ××

Schaumstoff war «schön weich», konnte jedoch nicht zusammen­ gedrückt werden, nur gestreichelt.

××

Fell erzielte die stärkste Reaktion. Rief Erinnerungen an Teppich/ Bettvorleger wach.

××

Glatte Materialien waren interessanter als Strukturen.

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Frau Wetzel ist 97 Jahre alt, leidet an Alters­ demenz und sitzt im Rollstuhl, macht aber trotzdem noch einen fitten geistigen Eindruck. Sie war erfreut, mit uns zu sprechen und zeigte sich dabei aufnahmefähig und konzentriert. Im Gespräch mit ihr hat sie die Materialien selbst in die Hand genommen, gewendet und ertastet. Ein Feedback erfolgte unaufgefordert. Der Handschlag zur Verabschiedung war emotional, rief aber keine so starke Reaktion wie bei Frau ­Teichert hervor. ×× ×× ××

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Offensichtlich kalte und schwere Materialien wurden gleich aussortiert

××

Wir reduzierten unsere Testmaterialien und durchdachten unseren Versuchsaufbau. Begründet durch unsere Feststellung, dass ein warmer Händedruck gut tut und kalte Materialien wie Blei, Leder und Beton unerwünscht waren, integrierten wir Wärmepads in unseren Versuchsaufbau, die diesen Aspekt simulieren sollten. Obwohl sich Frau Wetzel nicht mehr an uns erinnern konnte, war sie sehr freundlich und offen für unseren zweiten Test.

Der Noppenstoff erschien ihr als glatt. Schaumstoff erkannte sie als Schwamm, von «weich» somit keine Rede mehr. Zusammendrückbar.

××

TESTRUNDE 2

4

Das Fell kam im Gegensatz zu

×× ××

Den Gardinenstoff empfand sie diesmal als unangenehm und rau. Sie erfühlte die Struktur, indem sie nicht nur die Handflächen, sondern auch

Frau Teichert nicht gut an und wurde

ihre Fingernägel benutzte.

als «Plüsch» abgelehnt.

××

Die Seide wurde im Vergleich als

××

Das Fell erinnerte sie an Filz und

××

Die Wärme hat sie sehr positiv

Der Gardinenstoff wird favorisiert, weil er «glatt wie Seide» war.

Unser Fazit aus Testrunde 1 lautet, dass keine vergleichbaren Werte bis auf eine Gemeinsamkeit, dem Händedruck zur Verabschiedung entstanden sind. Dieser schien unsere Probanden für einen Moment aus ihrer Welt zu holen. Sie lachten, strahlten und wollten unsere Hände kaum loslassen. Daraus resultierend formulierten wir die Vermutung, dass menschliche Wärme ein starkes Geborgenheitsgefühl hervorruft und eine Verbindung zur Außenwelt schafft. Aber war es wirklich die menschliche Wärme oder nicht viel eher Wärme im grundlegenden Sinne? Ist es möglich, dieses starke Gefühl der Geborgenheit vielleicht über einen anderen Weg als durch einen Händedruck zu vermitteln? Mit den gewonnenen Erkenntnissen können wir nun als Ziel formulieren, dass wir durch Wärme, in Verbindung mit der Haptik von bestimmten Oberflächenstrukturen, eine positive Stimulation der Sinneswahrnehmung und des Geistes bei Dementen bewirken wollen.

zu glatt und unangenehm empfunden. sie empfand es als schön weich. wahrgenommen, konnte die Wärme­ quelle jedoch nicht klar lokalisieren.

— Versuchsaufbau: Bespannter Kasten mit jeweils Seide, Gardinenstoff und Fell. Darunter ­jeweils ein warmes und ein kaltes Pad. ABB. 4

Eine Pflegerin fragte uns, ob wir bei einer Bewohnerin die Wärmepads ausprobieren könnten, da diese unter Krämpfen leidet, sehr unruhig und kaum ansprechbar ist.


ABB. 5 ABB. 6

×× ××

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— Forschendes Tasten im Aufenthaltsraum. — Frau Mickar ertastet die Materialien.

Ein kaltes Pad rief keinerlei

FAZIT NACH DER

Reaktion hervor.

TESTPHASE

Sobald ihr das warme Pad in die Hand gelegt wurde, wurde sie ruhig und entkrampfte sichtlich.

Frau Teichert war bei unserem Besuch nicht ansprechbar, jedoch konnten wir im Aufenthaltsraum mit weiteren Bewohnern sprechen und diese Beobachtungen in das Resümee der zweiten Testrunde einfließen lassen. Wir stellten fest, dass selbst bei stark erkrankten oder geistig abwesenden Personen die haptische Wahrnehmung sehr ausgeprägt ist. Der Vergleich zwischen kalten und warmen Oberflächen eines Materials bestätigte unsere Vermutung, dass warme Materialien als deutlich angenehmer empfunden werden. Das mögliche Potential einer positiven Stimulation eines solchen warmen Materials erscheint uns sehr groß.

Die haptische Sinneswahrnehmung ist bei Demenzerkrankten eine der wenigen Möglichkeiten zur positiven Stimulation des Geistes und Körpers und ermöglicht eine Art Kommunikation mit der Außenwelt. Der Drang, sich mit den Händen in der Umgebung zu verorten, bleibt bestehen. Auf diese Weise wird die Aufmerksamkeit und Wachsamkeit des Geistes trainiert oder zumindest aufrecht erhalten. Sobald diese Art von Stimulation nicht mehr da ist, würde die Verfassung des Geistes und gleichzeitig auch des Körpers, unserer Vermutung nach, enorm nachlassen. Aus dieser Vermutung heraus möchten wir diesen Drang unterstützen, indem wir interessante Oberflächen verwenden, die sich in Alltagsgegenständen wie z. B. Tischen oder Stühlen wiederfinden. Ausgehend von unseren weiteren Beobachtungen,

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führt nicht nur menschliche, sondern auch künstlich erzeugte Wärme zu starken positiven Reaktionen. Die Testpersonen wurden ruhig, aufmerksam und verspürten ein Gefühl der Geborgenheit und des Wohlbefindens. Der Einsatz von Wärme stellt für uns somit einen der wichtigsten Ansätze in einem weiteren Gestaltungsprozess dar. Die unterschiedlichen Reaktionen der Bewohner auf unsere Materialien zeigten aber, dass die Ansprüche an Oberflächenbeschaffenheiten sehr individuell sind und diese an jeden Einzelnen angepasst werden müssen.

tung der Alltagsgegenstände beantworten. Unsere Tests zeigten, dass eine Stimulation haptischer Sinneswahrnehmung in mehrerlei Hinsicht möglich ist. Wärme und individuell veränderbare Oberflächenstrukturen sind mögliche Lösungsansätze, die wir mittels verschiedener Produktideen kurz vorstellen möchten.

MÖGLICHE GESTALTUNGSSZENARIEN

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Sich bereits vorhandene Produkte als Vorlage zu nehmen und diese adaptiv zu gestalten birgt einige Schwierigkeiten in sich. Produkte müssen ganzheitlich betrachtet und gestaltet werden. Ausgehend von unseren Erkenntnissen filterten wir eine Auswahl an erfolgversprechenden Produkten heraus. Für unsere Analyse waren die Gegenstände Stuhl, Tisch, Geschirr und Rollator besonders interessant. Zunächst muss aber der aus unserer Umgestaltung entstehende Mehrwert definiert werden. Alltägliche Produkte, welche wahrscheinlich nicht bewusst wahrgenommene Wegbegleiter sind, sollten eine höhere emotionale Bindung zwischen Produkt und Mensch erzeugen können. Zudem sollten sie die alltäglichen Abläufe wie z. B. das Essen oder das Fahren mit dem Rollator durch ihre haptischen Eigenschaften für den Gepflegten angenehmer machen. Auf diese Weise wollen wir Schwierigkeiten in spezifischen Abläufen des Alltags der Alten mindern sowie Ausge­ glichenheit und Beruhigung bringen. Wir beobachteten, dass die alten Menschen schon fast in einem meditativen Zustand am Tisch sitzen und in dieser Phase mit ihren Händen die Tischoberfläche oder diverse Gegenstände erfühlen. Wir möchten diese haptische Neugier aufgreifen und sie durch gezielte Gestal-

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ABB. 7

— Tastleiste an der Tischkante.

Die Armlehnen von Stühlen und Rollstühlen stehen in einer sehr engen physischen Verbindung zum Körper. Eine Menge Zeit am Tag verbringen die Gepflegten im Rollstuhl oder auf dem Stuhl. Für die bis dato glatten und kühlen Oberflächen wird meistens Hartholz, Kunstleder oder ein Kunststofftextil verwendet, also Materialien, die in unseren Studien ein schlechtes Feedback bekamen. Auswechselbare Bezug-Schoner, die aus einem fellartigen Textil bestehen, rea­lisieren eine höhere emotionale Bindung zwischen Produkt und Mensch und rufen gleichzeitig möglicherweise Erinnerungen wie an das Streicheln eines Tieres hervor. In Zukunft sollte weiterhin beachtet werden, dass bei Rollstühlen der Bereich, den man mit der Hand erreicht, mit angenehmen Materialien gestaltet wird. Doch auch in Stühlen kann erzeugte Wärme eine Rolle spielen. Inspiriert von einem Wasserbett, könnte man die Polster im Bereich der Arm- und Rückenlehne eines Stuhls mit Wasser füllen und bei Bedarf erwärmen. Wie bei einem Wasserbett


passen sich die Auflageflächen ergonomisch und flexibel an den Körper an, der Liegende verspürt eine Art Schwerelosigkeit und Geborgenheit. Da für einige Pflegebedürftige mit Gleichgewichtsproblemen das Sitzen in weich gepolsterten Stühlen aber auch ein Gefühl von Unsicherheit und Mangel an Halt hervorrufen kann, sollen diese Polster austauschbar gegen normal harte Polster sein. Der Tisch muss in zwei verschiedenen Anwendungsbereichen betrachtet werden. Zum einen zur generellen Nahrungsaufnahme und zum anderen auf einer Beschäftigungsoder Entspannungsebene. Man könnte in die gesamte Tischstirnseite eine Tast-Leiste integrieren, die es ermöglicht verschiedene Materialmodule einzusetzen. Hinter dieser Leiste könnte eine Wärmeeinheit liegen, die die Wärme in Abhängigkeit von bestimmten Parametern wie Musik oder der Tageszeit abgibt.

— auswechselbare Material-Module in der Tischplatte. ABB. 8

Zum anderen könnte die Möglichkeit bestehen, variabel einsetzbare Materialfelder in der Tischmitte in einem Raster anzuordnen. Der Betreuer kann je nach Abhängigkeiten vom Befinden der Person eine individuelle Kombination aus Materialien zusammen­ stellen. Die zentrale Anordnung der Materia­ lien kann ein spielerisches Gemeinschafts­ gefühl hervorbringen.

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— spielerische Tastobjekte.

Auch im Bereich einer spielerischen oder therapeutischen Stimulation wollen wir ein Produkt realisieren. Es soll für sich genommen als einzelnes Objekt haptisch ergründet werden. Eine flexible, möglicherweise transparente Hülle, ähnlich einer Wärmflasche, wird mit warmem Wasser gefüllt und mit unterschiedlichen Materialien besetzt oder überzogen. Dieses Angebot, das Intuition und den Tastsinn gleichermaßen ansprechen soll, wirkt durch seine kontextlose Erscheinung nicht aufzwingend und entzieht sich somit dem Vorurteil der menschlichen ­Erfahrung.

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Tom Haake — Baptiste Stecher

HEIMAT — ZURÜCK NACH HAUSE ?

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Was bleibt mir noch außer meiner Erinnerung?

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Wir waren noch nie zuvor in einem Pflegeheim für demenzkranke Senioren als sich vor uns die gläsernen Schiebetüren des EmmausHaus in Potsdam öffneten. Ein repräsenta­ tiver Altbau mit moderner Einrichtung, nur ein paar Seitenstraßen von der Potsdamer Innenstadt entfernt. Die gelben Flure sind lang, und die an den Wänden entlang gehenden Holzgriffe vermitteln einem unmissverständlich den Eindruck von Krankenhaus­ atmosphäre. Der Boden unter unseren Füßen ist aus ­harten, kalten Fliesen. Das Licht hält man hier gedimmt. ANNÄHERUNG

Wir schauten uns ein wenig um, bis wir das Büro unserer Ansprechpartnerin betraten. Uns fielen die niedrigen Decken auf. An den Wänden hingen Fotos von Kindern aus fernen Ländern und selbst gebastelte Wandzeitungen mit Fotos vom Garten und Freizeitangeboten, welche die Pfleger hier anbieten. Nach einer kurzen Einweisung, in der unsere Begleiterin für die nächsten Wochen einige wichtige Verhaltensregeln erklärte, verließen wir gemeinsam das Erdgeschoß, in dem die Verwaltung sitzt und fuhren mit dem Fahrstuhl zu den Besucherzimmern, wo sich die Bewohner tagsüber am meisten aufhalten. Der Fahrstuhl stoppte im ersten Obergeschoß, und wir nahmen im Gemeinschaftsraum Platz. Uns fielen die schweren Stühle auf, die wir nur mit Anstrengung verschieben konnten. Im Gemeinschaftsraum waren die Wände ebenfalls gelb gestrichen, dennoch wirkte es hier irgendwie karg und etwas kühl. Eine Frau im Rollstuhl saß am Fenster und schaute hinaus. Ein kräftiger Pfleger half einer anderen durch die Tür und setzte sie neben uns an einen Tisch. Ein wenig Kaffee und ein bisschen Kuchen wurden angeboten. Die Bewohner hatten ihn ein paar Stunden zuvor noch gemeinsam gebacken. Es war still, und wir bemerkten, dass wir beobachtet wurden –

j­ ede Bewegung, jeder Blickkontakt. Wir waren Fremde in einer eingespielten Gemeinschaft. Zwischen einzelnem Gestöhne, Kaffeeschlürfen und misstrauischen Blicken kamen wir nach einer Weile mit dem Einen und Anderen ins Gespräch. Ein Interview wie gewohnt in einfacher Form zu führen, sollte nicht einfach werden. Unser zweiter Besuch im Pflegeheim erwies sich als sehr interessant. Wir bekamen die Möglichkeit, die Arbeit der Pfleger kennenzulernen. Über mehrere Stunden konnten wir den Berufsalltag und die damit verbundenen Tätigkeiten der Mitarbeiter im Emmaus-Haus studieren und uns ein Bild über das Arbeitsumfeld, den Umgang mit den Bewohnern und die Erlebnisse und Eindrücke der Pfleger auseinandersetzen.

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ABB. 1

— Kapitän Neubert.

Als wir das dritte Mal zu Besuch waren, hatten wir die Möglichkeit, mit H ­ errn ­Neubert zu sprechen. Er ist 89 Jahre alt und lebt seit der Jahrtausendwende in Pflege. Früher hatte sich seine Frau noch um ihn kümmern können, doch sie verstarb vor ihm

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im Alter von 76 Jahren. Seitdem vermisst Herr Neubert seine Frau sehr. Im Gegensatz zu anderen Bewohnern der Einrichtung kann er sich trotz der Demenz noch sehr gut ausdrücken. Er erzählt gern von seinem früheren Beruf. Damals fuhr er große Schiffe über die Havel in Potsdam. Seine Augen glänzten jedes Mal, wenn er von den früheren Zeiten, als er noch arbeitete, sprach. Er zeigte uns seine alte Kapitänsmütze, die durch die Jahre bereits einiges an äußerlicher Pracht verloren hat. Bis wir gingen, hielt er diese in seinen Händen und tastete sie wehmütig ab. Er sagt, die Erinnerung wäre doch das Einzige, was ihm noch bliebe, denn Kinder hat er keine.

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Herr Neubert gab uns den Anlass, mit den Pflegern über die Erinnerungen der Bewohner zu sprechen. Wie könnten wir dafür sorgen, dass Herr Neubert seine Erinnerungen mit etwas Unterstützung noch einmal bewusster erleben könnte. Daraus entwickelten wir unsere Leitidee: Ein stärkeres Gefühl von Heimat beziehungsweise Zuhause vermitteln, indem man wiederkehrend an biografische Details einer Person erinnert.

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ERSTE GEDANKEN

Wir gestalten ein Produkt mit neutraler Form, wie einen elektronischenBilderrahmen. Dieser Rahmen kann bei Berührung des Bewohners bestimmte Inhalte, Fotos oder Musik wiedergeben. Der Bewohner erlebt daher einen Moment des Erinnerns, und teilt im besten Fall seine Sinneseindrücke und ­Erlebnisse mit den Pflegern. Dadurch wird die Kommunikation zwischen Pflegepersonal und Bewohner verbessert. Gleichzeitig wird das Erinnerungsvermögen des Bewohners geschult, sodass er sich in dem Augenblick des Erinnerns wohl fühlt. Im Konkreten bedeutet das, dass der Bewohner, der z. B. ein Foto von seiner Hochzeit

sieht, sich an diesen Moment seines Lebens erinnert und sich zurück versetzt fühlt. Das ermöglicht ihm einen Rückblick in seine eigene Vergangenheit. Darüber hinaus kann der elektronische Bilderrahmen auch Musik abspielen. Denn auch akustische Reize können dem Bewohner beim Erinnern helfen. Zum Beispiel hörte Herr Neubert gern ­klassische Symphonien von Gustav Maler auf seinen Fahrten mit dem Dampfschiff. Der Bilderrahmen weiß von dieser Vorliebe und kann diese Symphonien abspielen. Da der Demenzkranke vergessen könnte, was der Bilderrahmen kann, macht dieser in regelmäßigen Abständen auf sich aufmerksam, ­indem er aufleuchtet. Es ist nicht unbedingt notwendig, dass bei der Benutzung immer eine Pflegekraft vor Ort ist. Es bietet sich allerdings an, denn dadurch können die Eindrücke und Gefühle, die der Bewohner beim Betrachten der Fotos (beim Hören der Musik) hat, mitgeteilt werden – das Verhältnis zwischen Bewohner und Pfleger verbessert sich. Es ist denkbar, dass der Bilderrahmen individuell in seiner Form gestaltet ist. Das bedeutet in unserem konkreten Fall, dass Herr Neubert einen Rahmen benutzen würde, der in seiner äußeren Form den Vorlieben und Gewohnheiten seiner Person angepasst ist. Dadurch wird dem Bewohner das fremdartige Gerät näher gebracht und die Beschäftigung damit erleichtert. KONKRETISIERUNG

Der interaktive Rahmen hat eine FotoAbspielfunktion, eine Video-Wiedergabe und die Möglichkeit, Musik abzuspielen. Durch diese Vielfältigkeit erlebt der Bewohner bei jeder Benutzung etwas Neues, was indirekt oder direkt mit seiner eigenen ­Person und seiner Biographie zusammen hängt. Im Fall von Herrn Neubert, der die


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ABB. 2

— Entwurf für die Nutzung eines elektronischen Bilderrahmens.

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meiste Zeit seines Lebens auf Schiffen verbrachte, zeigt der Rahmen beispielsweise Dampfschiffe, Seemannsknoten oder das Meer. Durch interaktive Spiele, die individuell auf den jeweiligen Bewohner zugeschnitten wären, ist der Anreiz, sich mit dem Rahmen zu beschäftigen, noch größer.

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Die Beschaffenheit des Rahmens ist individuell gestaltbar. Zum Beispiel könnte um ihn herum noch ein zusätzlicher Rahmen aus Silikon angebracht sein, der mit unterschiedlichsten Materialien gefüllt wäre (im Fall von Herrn Neubert z. B. mit Sand). Das Aufsich-aufmerksam-machen in regelmäßigen Absänden könnte durch Licht passieren. Denkbar sind aber auch thermische oder akustische Signale.

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Die Hauptfunktion des Bilderrahmens ist das Abspielen von Fotos, die anhand der Biographie des Bewohners individuell  ausgewählt sind. Das können Fotos aus den Bereichen Heimat, Familie, Beruf oder Reisen sein. Denkbar ist es, dass der Rahmen sich seine Inhalte von einer im Internet befindlichen Cloud herunter holt. Dies würde das Pflegepersonal entlasten. Da das wichtigste in der Erinnerung eines Bewohners seine Familie ist, könnten Angehörige Sprach- und Videomemos aufnehmen, die der Rahmen dann wiedergeben kann. Für das Umgehen mit Erinnerungen kann allerdings nichts und niemand einem Menschen in Pflege soviel geben wie seine eigene Familie. Das Gefühl, angekommen zu sein, sich zu Hause zu fühlen wird hauptsächlich durch sie kommuniziert. Der interaktive Bilderrahmen kann also nicht als Ersatz für die Anwesenheit der Familie herhalten. Er kann aber in Abwesenheit der Angehörigen das Gefühl vermitteln, nicht aus dieser gerissen zu sein, also in mitten des Alltags zu sein. Er vermittelt ein heimatliches Gefühl.


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Anne Missal — Janina Prenzing — Anne Weingarten

DER IRRGARTEN DER ALTEN

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uns verstecken. Zweifelnd an uns selbst, stellen wir uns die Frage, wie sich hier Menschen zurechtfinden sollen, die jeden Tag alles aufs Neue lernen müssen?

— Außenansicht des Evangelischen Seniorenzentrums Friedrich Weissler. ABB. 1

Sachsenhausen – direkt am Wasserturm treffen Seniorenwohnen und Altersheim im Neu- und Altbau des Evangelischen Seniorenzentrums Friedrich Weissler aufeinander. Die Gebäudestruktur scheint zu komplex für drei Mädchenhirne, die ihre ambitionierte Mission mit der Suche nach dem richtigen Eingang beginnen sollten. Zunächst am falschen Ende begonnen, finden wir schlussendlich den Neubaueingang, dennoch irren wir hilflos durch lange Gänge und diskutierten selbst beim zweiten Besuch über die Lage des Treppenaufgangs.

— Beschilderung der Toilette, die durch einen Vorsprung zur Hälfte verdeckt wird.

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ABB. 3

DESIGNER IM ALTENHEIM ?

Das Alter der insgesamt 50 Bewohner des Seniorenzentrums erstreckt sich von 70 bis 101 Jahren, wobei 82 Prozent der Bewohner in unterschiedlich starker Ausprägung demenzkrank sind. Sie leben gemeinsam, unabhängig von Demenz und Pflegestufen, auf den zwei Etagen, meist in Einzelzimmern, teilweise in Doppelzimmern.

ABB. 2

— Blick in den Gang auf der zweiten Etage.

Die Beschilderung ist sparsam, klein, und die Orientierung fällt uns durch fehlende visuell-einprägsame Punkte schwer. Auch die Toilette sollte sich noch ein weiteres Mal vor

Das Personal im Seniorenzentrum Friedrich Weissler ist sehr bemüht und engagiert bei der Pflege seiner Bewohner. Wir wurden zu Beginn unserer Forschungen freundlich, doch teils verwundert empfangen. Designer im Altenheim? Diese Kombination sorgte zunächst für Skepsis. Nachdem wir aber unser Anliegen und unser ehrliches Interesse an der

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Einrichtung und der täglichen Arbeit dort vermitteln konnten, waren besonders die Pflegekräfte sehr kommunikativ. Sie gaben uns einen detaillierten Einblick in die Abläufe auf ihrer Station und lieferten uns wertvolle Informationen für unsere Forschung.

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Während unserer Gespräche mit der Heimleitung, mit Pflegern und Bewohnern wurde immer wieder ein Problem genannt: Zeit- und Platzmangel. Das Gebäude ist zweistöckig und kann den Bewohnern neben ihren Wohnräumen lediglich zwei kleinere Aufenthaltsräume, einen auf jeder Etage, und einen großen Veranstaltungsraum im Erdgeschoss bieten. Aus Platzgründen muss der große Raum im Erdgeschoss für alle erdenklichen Zwecke nutzbar sein: zum Essen, für Sport, Beschäftigung, Spielnachmittage, Konzerte, Gottesdienste, Versammlungen etc. Diese notgedrungene vielseitige Nutzung bewirkt einen konfusen Mehrzweckcharakter und lässt eine nur wenig stimmige, atmosphä­ rische Gestaltung zu. Deshalb haben wir bei der Erkundung der Einrichtung besonders auf Ecken und Nischen geachtet, die alternativ genutzt werden könnten. Durch bewusste gestalterische Arbeit könnten die vorhandenen Räumlichkeiten besser genutzt und deren Potenzial voll ausgeschöpft werden. Das würde nicht nur individuelle Rückzugsorte für die Bewohner schaffen, sondern ein weiteres Problem lösen, welches von der Belegschaft und den Bewohnern kaum noch wahrgenommen wird: fehlende Orientierungsmöglichkeiten. Gerade weil dies ein sehr wichtiges Thema ist, haben wir uns bei unserer Forschungsarbeit auf die Optimierung der räumlichen Orientierung konzentriert.

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— Bushaltestelle vor dem Eingang der Einrichtung. ABB. 4

ZWISCHEN BUSHALTESTELLE UND DER « WOLKE »

Trotz der eingeschränkten räumlichen Möglichkeiten bemüht sich das Seniorenzentrum Friedrich Weissler, in vielen Bereichen moderne gestalterische Konzepte und Ideen umzusetzen. So wurde beispielsweise eine Bushaltestelle vor dem Eingang aufgestellt, deren einziger Sinn darin besteht, demenzkranken Bewohnern das Gefühl von sinnvollem Warten zu geben. Es gibt keinen Fahrplan, aber dafür gemütliche Sitzkissen. Mittlerweile wird die Haltestelle von vielen Bewohnern gern als gesellige Sitzecke genutzt. Ihre ursprüngliche Aufgabe, Dementen ein Ausharren auf den Bus zu ermöglichen, erfüllt sie jedoch nicht. Sie wird von diesen nicht genug wahr­ genommen. Um den Einzug eines neuen Bewohners im Heim bekannt zu machen, wird sein Name für einige Wochen an eine spezielle Pinnwand in der Nähe des Aufenthaltsraumes geheftet. Mit den Worten «Wir trauern um/Wir begrüßen» dient sie gleichzeitig dazu, an den zuvor verstorbenen Bewohner zu erinnern. Diese Tafel ist besonders für Angehörige gedacht, um ihnen zu zeigen, dass ihr verstorbenes Familienmitglied nicht sofort vergessen wird.


In einer ruhigen Ecke auf dem Flur wurde außerdem «die Wolke» eingeführt, eine wolkenförmig ausgeschnittene und bemalte Styroporplatte. Kommt es zu einem Sterbefall, wird für einige Wochen ein gelber Stern an die Wolke gesteckt, auf dessen Rückseite der Name, der Geburts- und Sterbetag sowie ein Foto des Verstorbenen geklebt ist. Die Heimbewohner haben so die Möglichkeit nachzusehen, wer verstorben ist und können dem Toten gedenken. Besonders Demenzerkrankte können die Sterne immer wieder neu wenden, um sich zu vergegenwärtigen, wer nicht mehr unter ihnen weilt. Der lange Flur, an dessen Ende sich «die Wolke» befindet, wird angenehm unterbrochen durch eine kleine Nische, die wie ein altes Wohnzimmer gestaltet wurde. Blümchentapete, eine Nähmaschine, Stehlampe und Ohrensessel erinnern an Omas Wohnstube und sollen die Bewohner zum Verweilen einladen. Diese Idee fanden wir toll und waren enttäuscht zu hören, dass die gemütliche Ecke nicht wirklich angenommen wird. Beim Probesitzen erkannten wir die Ursache dafür: Vom Sessel

aus liegt der Großteil der gemütlichen Ecke nicht im Blickfeld des Sitzenden. Man schaut lediglich den tristen Gang hinunter, sowie auf die gegenüberliegende karge Wand mit Tür, die nicht gestaltet wurden. Die Gemütlichkeit der Wohnzimmerecke verbirgt sich also hinter dem eigenen Rücken.

5 — Blickrichtung von der Wohnzimmerecke aus Perspektive der Alten.

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Entsprechend der Jahreszeiten werden markante Bereiche des Hauses liebevoll dekoriert. Dies bietet besonders den dementen Bewohnern Unterstützung bei der zeitlichen Orientierung. Außerdem gibt es zahlreiche große Kalender und Uhren, die aus Perspektive der Alten allerdings etwas tiefer hängen könnten, um auch für kleine und gebeugte Menschen gut sichtbar zu sein.

— Integration einer Wohnzimmerecke im Flurbereich. ABB. 5

Um den meist gut erhaltenen haptischen Sinn der älteren Leute zu stimulieren, wurde an einer Wand im Flur eine «Tastwand» angebracht. Sie besteht aus sechs Flächen, die mit verschiedenen Materialien beklebt sind: Fell, Korken, Muscheln etc. Die Felder sitzen nah

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über dem Handlauf und finden dennoch keine große Beachtung der Bewohner. Eine Pflegerin erzählte, dass man einige Bewohner während der Einzelbetreuung gezielt dorthin führe und sie zum Erfühlen der Felder anregt. Grundsätzlich finden wir diese haptische Stimulation sehr sinnvoll und vermuten, dass die Flächen lediglich ungünstig positioniert sind. Das Tasten der Hand entlang einer Wand ist eine relativ unnatürliche Haltung, besonders wenn ein praktischer Handlauf direkt davor zum Anfassen einlädt. Eine ältere Person, die sich beim Laufen und Stehen aus Sicherheitsgründen festhalten muss oder sogar auf einen Rollator angewiesen ist, hat vielleicht keine Hand frei, um die Tastwand anzufassen. Würde man einer Person die Materialfelder jedoch direkt vor ihr auf den Tisch legen, so könnte sie sich in Ruhe den haptischen Sinneseindrücken und dem Erfühlen widmen.

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den Gemeinschaftsraum in bunten Pastellfarben. Ziel der Renovierungen war es, die ­einzelnen Bereiche durch gut voneinander unterscheidbare Farben zu kennzeichnen. Das kunterbunte Ergebnis erinnert dabei aber eher an eine Schule und wirkt wenig diffe­ren­ ziert. Besonders im Flur des 1. Obergeschosses wird deutlich, dass innerhalb der Bereiche kaum auf kontrastreiche, für altersgeschwäch­ te Sinne gut differenzierbare Gestaltung geachtet wurde. Der ­bestehende gelbe Linoleumboden wird nun von vermeintlich «freundlichen» gelb gestrichenen Wänden umrahmt und lässt den Flur zu einem langen gelben Gang ohne jegliche Segmentierung verschwimmen. Auffällig ist, dass es zu wenige markante Punkte auf den langen, verzweigten Fluren gibt, die sich zudem sehr ähnlich sehen. Insgesamt erinnern die Flurbereiche trotz der farblichen und dekorativen Gestaltungsversuche stark an ein Krankenhaus und vermitteln wenig Behaglichkeit. Dies hat natürlich zum großen Teil hygienische Gründe und gewährleistet eine reibungslose medizinische Versorgung der Bewohner. Dennoch sind wir überzeugt, durch gezielte Veränderungen eine deutliche Verbesserung der Wohnqua­ lität für die Bewohner des Seniorenheimes zu erreichen. « WO WAR NOCH MAL … ?» — ORIENTIERUNG UND DEMENZ

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— Haptische Stimulation über die Tastwand.

Die farbliche Gestaltung der Wände des Seniorenzentrums wurde erst vor kurzem erneuert und gliedert nun den Eingangsbereich, die Flure, die Aufenthaltsräume und

Das Seniorenzentrum Friedrich Weissler beherbergt einen Großteil an Patienten mit der Diagnose Demenz. Ein Kernproblem für Menschen mit dieser Krankheit ist ihre Orientierungslosigkeit. Ihnen fehlt der klare Bezug zu Raum, Zeit und der aktuellen Situation, welche gewöhnlich Fundament für Halt und Sicherheit sind. In diesem Haus bewegt sich jeder, der kann, in dem ihm möglichen Radius: Wenn die Fähigkeit der vor allem räumlichen Orientierung langsam


schwindet, wird der Erkrankte vom betreuenden Personal von A nach B geschoben. Auch wenn das Wissen um die Wichtigkeit der Orientierungsfähigkeit und das damit ein­ hergehende essentielle Sicherheitsgefühl ­vorhanden zu sein scheint, sind doch die Möglichkeiten und Maßnahmen zum Erhalt dieses kostbaren Guts begrenzt. Studien hierzu gehören noch immer nicht zur Trendliteratur, auch wenn das demografische Problem langsam und unaufhörlich auf alle Altersschichten zurollt. Das Wissen um das eigene Älterwerden bestärkt uns in dem Gefühl, dass wir hier richtig sind, um mit unseren Ideen dazu beizutragen, dass der «Irrgarten der Alten» menschlicher werden kann. Kerngebiet unserer Studie ist die Orientierung, die die Fähigkeit einer Person beschreibt, sich zeitlich, in entsprechendem sozialen Umfeld und örtlich sachgemäß zu verhalten, bzw. zu wissen, wo man sich als wer in welcher Rolle befindet.1 Unter wissenschaftlichen Aspekten wird in räum­ liche, z­ eitliche, persönliche und situative Orien­tierung unterteilt, wobei wir unseren Fokus auf räumliche Leitsysteme legen. Im Verlauf der Demenzerkrankung geht zu­ nehmend die Orientierungsfähigkeit ­verloren. Begründet wird diese Beeinträch­ tigung durch den Abbau der Gedächtnis­ leistung, denn jeder Mensch baut seine ­Orientierung über den Blick in die Vergangenheit, also seine Erinnerung auf. Ständig wird gelerntes Wissen abgerufen und ­abgeglichen. Zu Beginn der Erkrankung fällt den Betroffenen die Orientierung in fremder Umgebung schwer, im weiteren Verlauf werden bekannte Wege, etwa der zur Arbeit, nicht mehr gefunden, schließlich findet sich der Demente in der eigenen Bleibe nicht mehr zurecht, kann beispielsweise das Bett oder die Toilette nicht mehr aus­ findig machen.

SELBSTSTÄNDIG ZUM ZIEL

Je besser der Mensch sich orientieren kann, desto selbstständiger kann er sich bewegen. Elke Bentfeld 2 Die Hamburger Innenarchitektin Elke Bentfeld formuliert mit ihrem Zitat unseren Gestaltungsansatz. Mithilfe unserer Ideen möchten wir Menschen mit Demenz in ihrer Unabhängigkeit fördern und beginnende Einschränkungen mit dementgerechten, verschieden gearteten Leitsystemen kompensieren. Im ersten Stadium der Demenz sind Betroffene häufig noch nicht in allen Lebensbereichen auf die Unterstützung von anderen Personen angewiesen. Ziel ist es, die Selbstständigkeit und die damit verbundene Selbstsicherheit zu erhalten. Gleichermaßen könnte aus pflegerischen Gesichtspunkten die Ressource Zeit besser ausgeschöpft und mehr Augenmerk auf die mentale «Wegbegleitung» gelegt werden.

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WER SUCHT , DER FINDET — MIT ALLEN SINNEN

Jeder Mensch baut seine Orientierung auf vorhandenen Erinnerungen auf: Um zu wissen, wo wir uns gerade befinden, ­müssen wir den Ort kennen. Er muss also in unserer Erinnerung gespeichert sein. Um zu wissen, wie lange wir uns schon an einem Ort befinden, müssen wir uns daran erinnern, wie spät es war, als wir angekommen sind. Brigitte Leicher, Expertin für Demenz 3 Ein Leben lang sind wir Sinnesreizen ausgesetzt und verknüpfen bestimmte Situationen, Orte, Zeiten aber auch Gefühle mit ihnen. Das

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Schöne daran ist, dass verknüpfte Erinne­ rungen rein intuitiv wieder hervorgerufen werden können.

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Üblicherweise benutzt der Mensch all seine Sinne, um sich im Raum zu orientieren, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Rund 90 Prozent seiner Informationen erhält er über das visuelle System. Bei Menschen mit Demenz, aber auch altersbedingt, ist oft die Funktion der Sinnesorgane beeinträchtigt, was die Orientierung weiter erschwert. Wichtige Grundvoraussetzung für unsere Gestaltungsansätze ist es daher, möglichst alle Sinne zu bedienen, um Defizite in den unterschiedlichen Teilbereichen der Heimbe­ wohner auszugleichen. Durch die Stimulation der verschiedenen Sinne sollen sich Erinnerungsfenster öffnen, die leitend fungieren und zu einer intuitiven Reaktion führen.

­ rientierungsszenarios. Anders als bei allein O lebenden Senioren in ihrer Wohnung muss im Wohnheim generalisierend gestaltet werden. Das biographische Arbeiten darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden. Beispielsweise bei der Gestaltung der Zimmer­ tür kann und sollte bei der Demenz zweiten Grades ein Abriss der Lebensgeschichte visualisiert werden, um das Wiederfinden der eigenen vier Wände zu ermöglichen.

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Was das genau bedeutet, erläutert das fol­ gende Beispiel: Wir sitzen gemütlich am Kaminfeuer und riechen verbranntes Holz, sehen gelbe bis rote Farben, flackerndes Licht, ­fühlen mittlere Wärme und hören das Knistern. All diese Signale reizen unsere Sinnes­organe. Alles, was wir am Kaminfeuer ­wahrnehmen, wird von unserem Gehirn ­gespeichert und mit der Erinnerung «Kaminfeuer» kombiniert. Auch Gefühle, Ort und Zeit wie zum Beispiel «weiches Sofa», «Opas Wohnzimmer» und «November 1968» ­werden damit assoziiert und bilden die Grund­lage für die wieder wach zu rufende Erinnerung. Doch wie können wir dieses Wissen zur Orientierung nutzen? Indem wir gezielte ­Sinnesstimulation in der Pflegeeinrichtung einsetzen, um Assoziationen hervorzurufen. So kann der Bewohner sofort den Weg zum Wohnzimmer erkennen, weil aus dem Raum gelbes Licht leuchtet. Oder er geht dem ­Geräusch von knisterndem Holz nach. Das biografie-bezogene Arbeiten bildet die Basis für die Erschaffung des idealen

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— Nostalgische Ecke.

Neben dem viel genutzten Seh- und Hörsinn kann man auch über das wenig beachtete Tasten und Riechen Orientierungshilfe schaffen. Für vier Sinne haben wir folgende Möglichkeiten erarbeitet: RIECHEN

Eine Möglichkeit, den Demenzkranken über Sinne Orientierung zu geben, ist der gezielte Einsatz von Gerüchen für Tageszeiten. Strömt am Morgen der Duft von frischen Brötchen und Kaffee durch die Flure, so weiß man: Bald ist Frühstückszeit. Bestenfalls bekommen die Bewohner Hunger und


­ erden durch den Duft zum Speisesaal w ­geleitet. Auch Gerüche, die mit bestimmten Orten verbunden sind, könnte man einsetzen, um den Bewohnern deutlicher zu vermitteln, vor welchem Raum sie sich gerade befinden. Gerüche wie Chlor, Waschpulver oder Seifenduft werden oft mit Toiletten assoziiert. Der Duft von Blumen oder frisch gemähtem Rasen signalisiert dem Bewohner, dass er sich auf den Ausgang zu bewegt. HÖREN

Nicht nur Gerüche können mehr Orientierung schaffen. Auch Geräusche, Klänge, Töne oder sprachliche Informationen tragen dazu bei, den Demenzkranken ihren Weg zu weisen. Gerade um den Innen- und Außenbereich des Hauses zu gliedern, eignet sich die ­Verwendung spezifischer Geräusche. Vogel­ gezwitscher, Spechtklopfen, Straßenlärm oder auch Wind vermitteln das Annähern an den Ausgang, Tellerklappern hingegen er­ innert an die Zubereitung von Speisen und geleitet so zum Speisesaal. Geht der Bewohner den Flur entlang und der Geräuschpegel des Tellerklapperns nimmt zu, so weiß der Demenzkranke intuitiv, dass er auf den ­Speisesaal zusteuert. Bei Verminderung der Akustik hingegen, entfernt er sich von den Räumlichkeiten. Nähert sich der Bewohner dem Sportraum, ertönt das Dribbeln eines Balls oder Quietschen von Turnschuhen. Sucht man die Toilette, so signalisiert das immer lauter werdende Wasserplätschern dem Bewohner, dass er auf dem richtigen Weg ist. Erklingen Kirchenglocken, ­wissen auch die Bewohner, die im zweiten Stock wohnen, dass Andachtszeit ist und zur Messe gerufen wird. Neben der räumlichen Zu­ ordnung geben Klänge also auch eine zeit­ liche Orientierungshilfe.

Die Richtungsweisung über Tonabfolgen ist vor allem für die im Heim häufig ge­ nutzten Mehrzweckräume wegen des allge­ mei­nen Platzmangel sinnvoll, da diese ­Gestaltungsform, im Gegensatz zum Farb­ anstrich, von einem zum nächsten ­Augenblick wandelbar ist. FÜHLEN

Umso mehr wir in das Leben im Seniorenzentrum Friedrich Weissler eingetaucht sind und den Alltag dort miterlebt haben, desto häufiger ist uns aufgefallen, wie ­sen­sibel die Bewohner auf haptische Dinge reagieren. Da die anderen Sinne in der ­Demenz schneller schwinden als die hap­ tische Wahrnehmung, liegt es nahe, diese im stärkeren Maße zu fördern. Zudem konnten wir beobachten, dass auch bei fortge­ schrittener Demenz die Bewohner spürbar ruhelos mit ihren Händen interagieren und haptische Reize scheinbar am wenigsten eingeschränkt ins Bewusstsein gelangen.

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Der Boden, die Türoberflächen und die ­Handläufe als Kontaktflächen sind geeignete Orte, um Informationsträger in Form von ­verschiedenartigen Materialien anzubringen. Die Bodenbeläge könnten sich im Übergang von einem zum anderen Raum verändern, indem sie barrierefrei in den Boden ein­ gelassen werden. Der Boden des Aufenthaltsraumes bzw. des Wohnzimmers könnte mit einer Teppichtextur versehen werden. Der Schwellenbereich des Flures bekäme eine Holzdielenoptik und der Toilettenbereich eine Fliesenstruktur. Diese unterschiedlichen Materialien könnten beim Begehen von einem zum nächsten Raum als unterbewußte Signalgeber dienen. Denkbar wäre auch, dieses Prinzip auf Türen anzuwenden. Das entsprechende Material könnte auf der Tür oder auch an der Wand

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2 — Beispiel für periodische ­Zu- und Abnahme von einem spezifischen Material auf dem Handlauf. ABB. 10 — Beispiel für eingelassene Materialien. ABB. 9

­ ngebracht sein, so dass eine periodische, a sowie episodische Zu- oder Abnahme rund um den Türbereich entsteht. Das schafft Orientierung auch auf Entfernung. In der Umgebung des Zugangs würde man adäquate Gegenstände an der Wand auffinden. Vor der Küchentür könnten Teller oder Löffel hängen, vor dem Badezimmer könnten Schwämme angebracht werden.

— Weiterführung des Handlaufes über Türen hinweg. ABB. 11


Auch die Handläufe, die für die Mitbewohner schon als Stütz- und Leitfunktion fungieren, könnten mit solchen Oberflächen ausge­ stattet werden. So würde je nach Richtung und Raum, die Art des Materials (weich bis hart, kühl bis warm) abnehmen oder zunehmen. Um zusätzlich Räume, die nicht betreten werden sollen, zu «kaschieren», könnte der Handlauf über Türen hinweg geführt werden, um so den Bewohner lückenlos an Nutzräumen etc. vorbei zu navigieren. SEHEN

Wenn wir uns in einem unbekannten Terrain bewegen, orientieren wir uns häufig anhand von sogenanten «Landmarken», die sich im Routenverlauf im Gehirn verankern. Nicht nur für uns, sondern auch für die Bewohner des Seniorenzentrums Friedrich Weissler sind Beschilderungen schlecht sichtbar und augenfällige Blickpunkte optisch rar. Wenn man die Wohnbereiche nach dem Landmarkenprinzip differenziert gestalten würde, könnte man sich schneller zurechtfinden. Eine Möglichkeit hierfür wäre, Themenwelten zu integrieren, an denen sich die Senioren auf den Wegen von A nach B erinnern können. Wichtigste Voraussetzung für Orientierung ist es, die Themenwelten so prägnant wie möglich zu gestalten, antagonistische Gegenstände zu wählen, um Verwechslungen zu vermeiden. Konkrete Möglichkeiten für Motivwelten sind: Stadt, Bauernhof, Wald oder Küche. Dabei lassen sich eine Vielzahl an Requisiten finden, die einerseits selbst von Haushaltsauflösungen mitgebracht werden könnten und einen persönlichen Bezug liefern, ­andererseits durch deren Inhalt den Bewohnern signalisieren, wo sie sich gerade ­befinden.

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Stadt: Schaufenster,

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Bauernhof: Stroh, Holz,

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Wald: Bäume, Tiere, Blätter,

Straßenschild, Hydrant, etc. Kühe, Parkbank, etc. Licht, Wanderstock, Försterhut, Hochsitz, Hirschgeweih, etc.

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Küche: Sitzeck-Küchentisch, Geschirr, Vasen, Tischdecke, Schublade, Topflappen, etc.

Um markante und prägnante Punkte zu schaffen, kann man nicht nur mit Materialien und Gegenständen arbeiten, sondern auch mit Fotomotiven der typischen Themenwelten. Hängt am Eingang zur Waldetage ein Bild, welches eine Landschaft zeigt, und in der Küchenetage ein Essenstillleben, so können beide Etagen leicht voneinander unterschieden werden.

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— Beispiel für bedrucktes PVC.

In Anbetracht der nachlassenden Farbwahrnehmung im Alter ist es besonders wichtig, diese Sinne stärker anzuregen und kontrastreiche Gestaltungen vorzunehmen. Aufgrund der nicht erwiesenen Wirksamkeit von Farbleitsystemen im Ebenenbereich sollen diese nur am Rande erwähnt sein. Die kreative Akzentuierung über Farbe ist jedoch ohne Frage sinnvoll: sie beginnt bereits im direkten Umfeld. Wo über Türen und Fahrstühle hinweg gestrichen wird, werden ­Abstellräume unsichtbar und das Eintreten

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der Bewohner wird verhindert. Der ent­ sprechende Türschwellenbereich kann farblich verdunkelt werden, da bei Demenz­ kranken die Hemmschwelle, sehr dunkle Gebiete zu überqueren, sehr hoch ist.

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Ebenso über Farbe und Texturen wäre es ­sinnvoll, die Wohnbereiche besser zu ­struk­turieren. So darf im Wohnbereich gern die Anmutung von Omas rotem Perser­ teppich vorherrschen, ohne dass die Barriere­ freiheit beeinträchtigt wird. Dies könnte gelingen, indem PVC Bodenbeläge mit ­Motiven (Perserteppich, Dielenboden, Kieselsteine) eingesetzt werden. Neben Orientie­ rungs­zwecken könnte das zusätzlich visuelle ­Anregung bieten; gerade für ältere, sitzende Leute, die häufig ihren Blick nach unten richten.

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Wenn im Alter der Sehsinn nachlässt, steigt das Bedürfnis nach Helligkeit und damit Sicherheit. Tatsächlich richtet sich der gesamte Rhythmus des Lebens nach dem Licht. Licht steuert die innere Uhr und hilft uns bei der Orientierung. Gerade in Seniorenzentren ist es daher wichtig, Räumlichkeiten gleichmäßig, indirekt, blendfrei und wenig dramatisch auszuleuchten. Licht als Ge­ staltungsmedium kann gut zur Orientierung genutzt werden. Dunklere, schlecht ausgeleuchtete Bereiche werden von Dementen instinktiv gemieden. Bereiche, die nur vom Pflegepersonal begangen werden sollen, können folglich schlechter beleuchtet werden und lotsen den Dementen an potentiellen Gefahrenstellen vorbei. So kann vor allem in nächtlichen Ruhestunden so manch «Ver­ irrter» durch eine beabsichtigt schlecht ­beleuchtete Eingangstür vom Verlassen der Einrichtung abgehalten werden. Der Ein­ satz von Licht gewährleistet auch das Vermitteln von zeitlicher Orientierung. So kann beispielsweise der Tagesverlauf simuliert ­werden, indem Lichtstärke und Farbwieder­ gabe kombiniert variiert werden.

Eine weitere mögliche Maßnahme zur gezielten Lichtführung, vor allem in der Nacht, wäre die Integration von Licht im Handlauf oder der Bodenleiste über Bewegungssen­ soren. Diese könnten ab 22 Uhr aktiviert werden, mit dem Ziel, sogenannte Wegläufer und Bewegungsaktive sicher zu ihren Zimmern zurück zu führen. Verlässt ein Bewohner sein Zimmer, wird der Bewegungsmelder an der Tür aktiviert, das Zimmer farbig ­akzentuiert erleuchtet und pulsiert in zeit­ lichen Intervallen. Durch diesen Leuchtturmeffekt gelangt das verlassene Zimmer wieder zurück ins Bewusstsein, und der Bewohner kehrt im Idealfall zum hellsten, prägnantesten Punkt des Flures zurück. Ebenso könnte der Handlauf als Lichtleiste richtungweisend sein: Über bewegungsgesteuerte Sensoren in Fußhöhe werden durch das Vorbeilaufen Lichter im Handlauf aktiviert. Diese Lichter reihen sich über die zurückgelegte Distanz weiter aneinander und bilden eine Art farbiges Lichtband. Alternativ zur Lichtschnur könnten auch winzige Pfeile leuchten. Bewegt sich der Bewohner zurück, verblasst hinter ihm das Licht. Vor seinen Augen sieht er nun den farbig erleuchteten Weg zurück zum Zimmer. Die erzeugte Lichtspur müsste schmal und fadenförmig im Handlauf bzw. in der Bodenleiste mitlaufen. So sind mehrere Farben integrierbar. Diese Art der «visuellen Menschenleine» kann nur durch das Heraustreten eines Bewohners aus dem Zimmer aktiviert werden. Das Pflegepersonal könnte auf diese Weise uneingeschränkt die Flure nutzen, ohne dass das System aktiv wird.


ABB. 13 ABB. 14

— Beispiel für beleuchtete Handläufe. — Beispiel für wegweisende Beleuchtung zum Bewohnerzimmer.

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http://www.pflegewiki.de/wiki/ Orientierungshilfen

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http://pflegen-online.de/nachrichten/aktuelles/orientierungals-hilfe-zur-selbststaendigkeit. htm?PHPSESSID=64c38b3c459d 2ba8acc2f884130d220e

3

http://www.curendo.de/ krankheitsbilder/demenz/symptome/orientierungsstoerungen-sind-bei-demenzkrankentypisch.html

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Luise Ballerstädt — Niklas Dünger — Lasse Paulsen

ENDSTATION! BITTE NICHT AUSSTEIGEN!

Vom Sinnverlust im A ­ lter und von Wegen 6 zurück 6 ins ­Leben

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Auf dem Gelände des Pflegeheims FriedrichWeissler in Sachsenhausen angekommen, fanden wir eine Bushaltestelle vor, an der offensichtlich keine Busse halten. Es handelte sich um eine der Bushaltestellen, die verhindern sollten, dass Demenzkranke aus den Heimen «weglaufen». Zwar wurde uns später berichtet, dass sich dieser Effekt nicht ein­ stelle, dass die Alten aber dennoch gern dort sitzen würden. Die stellvertretende Pflegeleiterin Frau Baier präsentierte uns das Heim und ging offen auf uns zu. Sie führte uns durch die Räume, berichtete von Pflegekräftemangel und ­Problemen mit der Architektur. Sie stellte uns einige Heimbewohner vor, darunter die 94-jährige Frau Kunze, die sich schließlich für ein Interview zur Verfügung stellte. Zuerst erkundigten wir uns, wie es ihr im Altersheim ergeht. Sie sagte, dass sie an dem Heim an sich nichts auszusetzen habe, und dass die Pfleger alle sehr nett wären. Doch fühlt sie sich damit schon wohl? Im Verlauf des Gespräches kamen wir unter anderem auf ihren Zimmergenossen, eine elektronische Spielzeugkatze, zu sprechen. Immer wieder unterbrach ihr Miauen und das Summen ihrer Elektromotoren unser Gespräch. Ein weiteres für sie wichtiges Thema war der ein Jahr zurückliegende Tod ihres Ehemannes. In dem Moment, in dem sie auf ihn zu sprechen kam, brach sie, wie auch in späteren Gesprächen, immer wieder in Tränen aus. Wir waren überrascht, dass sich uns ein fremder Mensch derartig schnell und emotional öffnet. Gleichzeitig fühlten wir uns hilflos. Erst recht als der Satz fiel: «Was soll ich denn hier noch?» Interessanterweise hatten wir ähnliche Aussagen alle schon einmal bei den eigenen Großeltern gehört. Aus dem Gespräch mit Frau Kunze arbeiteten wir zunächst die Themen für eine genauere Untersuchung heraus, um anschließend in

weiteren gemeinsamen Gesprächen eine übergreifende, relevante Problematik ­herauszugreifen. Da besonders die Perspektivlosigkeit im Zusammenhang mit dem Tod ihres Mannes ein wiederkehrendes Thema war, und wir auch bei anderen alten Menschen derartige Tendenzen festgestellt hatten, entschieden wir uns, den Sinnverlust im Alter ausführlicher zu beleuchten. Selbstverständlich ist das ein heikler Themen­ bereich, dessen Besprechung weder den Alten, noch deren Angehörigen, noch uns leicht fällt. Doch gerade deshalb erscheint uns die ­Erschließung der Thematik sinnvoll und notwendig. VOM SINNVERLUST IM ALTER

«Was soll ich denn noch hier?» oder «Warum lebe ich eigentlich noch?»

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Das sind Fragen, die man von älteren ­Menschen häufiger hört. Sie zeugen vom Verlust der Sinnhaftigkeit im Leben. Wie kommt es dazu? Diese Entwicklung fin­det besonders unter Männern ihren ­Ursprung nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Arbeitsleben. Häufig folgt darauf eine Sinnkrise.1 Das Lebensmodell des ­Menschen, zuvor von regelmäßiger Arbeit geprägt, muss eine neue Ausrichtung finden. Es entsteht ein Loch, das gefüllt ­werden will. Die Verschiebung der Familien­ strukturen weg von Mehrgenerationen­ haushalten hin zu einer regelrechten ­Ab­grenzung der Genera­tionen voneinander scheint, ­besonders im höheren Alter zu einer veränderten Selbstsicht der Alten zu führen. Gab es 1972 noch 3,6 % Drei- oder Mehrgene­rationenhaushalte, so hat sich diese Zahl im Jahr 2008 auf lediglich 0,7 % reduziert.2 Die Gründe dafür sind unter anderem in der breiten geografischen ­Verteilung innerhalb einer Familie zu finden. Doch auch der Zeitmangel in der modernen

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Familie spielt eine Rolle. Dort, wo beide ­Partner arbeiten, bleibt oft schon wenig Zeit für die eigenen Kinder, geschweige denn für die Elterngeneration.

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Umso stärker orientiert sich die Gestaltung des Lebens im Alter auf den Lebenspartner. Das Gefühl, in ihm Sicherheit oder auch einen Leidensgenossen zu finden, gewinnt mit dem Alter zunehmend an Bedeutung. Die Pflege des Lebenspartners, also bei Krankheit für ihn da zu sein und Trost zu spenden, kann im Alter zu einer Lebensaufgabe ­werden. Nach einer Studie aus dem Jahr 2010 werden nur etwa 12,5 % aller Ehen nach dem 25. Ehejahr geschieden.3 Das ist auch ein Indiz dafür, dass eine derart radikale Neuausrichtung im Alter keinen großen Reiz zu bieten scheint. Niemand möchte im Alter allein sein. Problematisch wird die Lebensgestaltung folglich nach dem Tod des Ehe- oder Lebens­ partners. Dieser Verlust stellt neben dem Übergang ins Rentenalter einen weiteren harten Schnitt im letzten Lebensabschnitt dar – wohl den Folgenschwersten. Mit ihm stirbt das Gefühl, gebraucht zu werden. Die Neigung, dem eigenen Leben keinen großen Sinn mehr einzuräumen, wächst.4 Ist der hinterbliebene Partner körperlich noch einigermaßen fit, ist er vielleicht sogar noch in der Lage, ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung zu führen, könnte dieser Verlust durch sein Umfeld aufgefangen werden und die Trauer sich beispielsweise durch Friedhofsbesuche ihren Weg bahnen. Bleibt der trauernde Mensch aber mit diesem Schmerz allein, und ist er zusätzlich auf Hilfe angewiesen, beginnt ein Prozess der Selbs­ tabwertung. Es scheint nichts mehr zu geben, wofür es sich zu leben lohnt. Auch die Familie kann einen derartigen Verlust nur selten auffangen. Konnten die Alten früher im Rah­ men ihrer körperlichen Möglichkeiten noch einen aktiven Beitrag zum Familienleben leisten, beispielsweise durch Kochen oder Kinderbetreuung, ist das heute kaum mehr

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möglich oder gewünscht. Dort, wo überhaupt Raum für die Integration der Alten in das Familienleben der jüngeren Generation wäre, gerät diese eher zur finanziellen und zeit­ lichen Belastung. Gleichsam stellt natürlich auch die Unterbringung in einem Altenheim eine große finanzielle Belastung für die Familien dar. So spiegelt der Satz «Ich möchte ja niemandem zur Last fallen» ziemlich genau das Selbstbild der Alten in der Gesellschaft wider. Momentan scheint sowohl eine mangelnde familiäre als auch gesellschaftliche Integra­ tion dazu zu führen, dass alte Menschen keinen Anreiz haben, sich als aktiven Teil der Gesellschaft zu begreifen oder sich in sie einzubringen. Das Leben im Alter wird speziell in den Heimen zu einer Art Beschäftigungstherapie. Zwar werden Aktivitäten in guten Altenheimen kreativ gestaltet, sind aber in erster Linie nur auf die weitestgehende Aufrechterhaltung körperlicher und geistiger Fähigkeiten ausgerichtet. Es werden kaum konkrete Zielsetzungen oder eine aktive Mitgestaltung seitens der Alten gefördert. Diese ausgesprochen passive Lebensgestaltung, in der den Alten keine sinnstiftenden Aufgaben angeboten werden, erlaubt den Schluss, eine von den Realitäten der jüngeren Generationen abgekoppelte Parallelgesellschaft geschaffen zu haben. Hinzu kommen Alterskrankheiten wie Demenz, welche die Kommunikation der Alten mit ihrem direkten Umfeld, also Pflegern, Mitbewohnern und Angehörigen erschweren. Hier sollten im Sinne der Allgemeinheit kreative Wege gefunden werden, aktiv zu integrieren, nicht zu isolieren. Den Alten muss das Gefühl gegeben werden, wertvoll und gebraucht zu sein, um ihnen auch im hohen Alter noch eine Zukunftsperspektive zu bieten.


LÖSUNGSANSÄTZE

Unser Anspruch

Welche Veränderungen müssten im Umfeld von alten Menschen realisiert werden, um dem Sinnverlust entgegen zu wirken? Gibt es Möglichkeiten, mittels struktureller Gestaltung, Architektur und Design die ­Lebensmotivation zu stärken? Da die Vor­ stellung schwerfällt, wie Objekten eine solche Relevanz zugesprochen werden kann, versuchen wir, dieser theoretischen Betrachtung eine inspirative Komponente zu ver­ leihen. Wir möchten exemplarisch zeigen, auf welche Art und Weise der Sinnverlust im Alter praktisch abgemildert werden könnte. Die nachfolgenden Ansätze haben somit keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie sollen vielmehr Richtungen aufzeigen, in die sich die Gestaltung bewegen könnte, um Anstoß für weitere Überlegungen zu sein. EIN FENSTER ZUR WELT

Innerhalb der jüngeren Generation, der Generation des Internetzeitalters, gilt die Videotelefonie-Plattform Skype als gängiger und stark genutzter Kommunikationsweg. Ein Großteil dieser Generation, aber seit eini­ ger Zeit auch Firmen und Callcenter, nutzen Skype, um kostenlos Videotelefonie zu ­betreiben. Die einfache Handhabung macht es im ­Grunde auch für Ältere interessant. Die Möglichkeit der kostenlosen Videotelefonie mit der Familie oder Freunden, auch über weite Strecken, würde Chancen der Rück­ integration in die Gesellschaft bieten. Spricht man mit alten Menschen über dieses Thema, findet man schnell heraus, dass viele der Idee an sich offen gegenüberstehen. Dennoch stößt man auf Zweifel und Ängste. Die Beobachtung durch eine Kamera wird als unangenehm empfunden. Das ist natürlich

auch einem generellen Misstrauen gegenüber einer weitgehend unbekannten Technologie geschuldet. Des Weiteren spielt auch hier die Befürchtung eine Rolle, sein Gegenüber durch die Anwesenheit auf dem Bildschirm zu stören oder ihm gar zur Last zu fallen. Die fehlende Distanz hergebrachter Kommunikationswege ist offensichtlich problematisch. Es scheint sicher, dass die nachkommenden Generationen von Alten derartigen tech­ nologischen Entwicklungen offener gegenüberstehen werden. Auch eine höhere ­Kompetenz im Umgang mit Technologie ist zu erwarten. Schon heute erlaubt das System allerdings, konkrete und mit relativ kleinem technischen Aufwand umzusetzende Gestaltungsansätze. Die Anwendbarkeit von Videokommunikation seitens der jüngeren Generationen steht außer Frage. Mobile Multimediageräte wie Laptops, Smartphones oder Tablet-PCs wie das iPad bieten tech­ nisch bereits alle nötigen Voraussetzungen und sind inzwischen nahezu flächendeckend verbreitet. Für Senioren, besonders die­ jenigen, die von stärkeren körperlichen Gebrechen betroffen sind, bieten diese Geräte keine Option. Sie sind zu klein, zu kompliziert und zu fremd.

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Stellt man den Alten ein einfach zu bedienendes Gerät zur Verfügung, mit dem sie eine überschaubare Anzahl von Orten oder ­Personen per Video auf ihrem Fernseher (der findet sich in fast jedem Altenheimzimmer) erreichen können und stattet den Fernseher mit einer dezenten Webcam aus, kann auch auf Seiten der Alten diese Hürde fallen. Was auf der einen Seite als geräteübergreifende Download-App funktioniert, muss auf Seiten der Senioren angstfrei und verständlich ausgestaltet werden. Das Bedienkonzept sollte dabei auf für die derzeitige Generation von Alten kaum nachvollziehbare Interaktionstechniken wie

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— Entwurf einer Bedieneinheit für Videotelefonie.

Touch- oder Gestensteuerung verzichten. Am eingängigsten wäre eine Fernbedienung mit großen, haptisch erfahrbaren Druckknöpfen, denen bei der Bereitstellung des Gerätes ein Ort oder eine Person zugeordnet werden kann. Ein in den Knopf eingelassenes ­Foto-Fach könnte dabei eine einfache Möglichkeit zur Individualisierung bieten, ohne Verschlüsselung in Nummern oder Benutzernamen. Der Anruf bei einer Person oder der Video-Abruf eines Ortes, an dem eine Webcam installiert ist, erfolgt über den Druck auf die jeweilige Taste. Ein Leuchten der Taste verrät die aktive Verbindung, die mit einem erneuten Druck auf dieselbe Taste beendet werden kann. Das gleiche Prinzip greift bei einem eingehenden Anruf, unterstützt durch akustische oder haptische ­Signale. Die Webcam sollte möglichst unsichtbar platziert werden, um den Eindruck ständiger

Beobachtung zu vermeiden. Denkbar wäre eine verspiegelte Kamera-Leiste, die auf dem Fernseher abgestellt oder an ihn angebracht werden kann. Ein verbindlicher Platz für die Fernbedienung, beispielsweise neben dem Fernsehsessel, trüge dazu bei, einen fest­ stehenden Raum für die Videotelefonie zu schaffen, der auch wieder verlassen werden kann. Die Nutzer der App könnten durch Zubehör wie Stative oder Docks für die ­verwendeten Endgeräte auch in ihrem Umfeld feste Plätze schaffen, um so einerseits für die Senioren statische visuelle Bezugspunkte zu setzen und andererseits, beispielsweise bei Platzierung auf dem familiären Esstisch, quasi als Stellvertreter für die Großmutter, einen Aufforderungscharakter zu generieren. So könnte man regelmäßig auch über größere Distanzen hinweg gemeinsam essen und die Alten so auch abseits von Feiertagen in die familiären Strukturen eingebunden halten. Durch das Aufstellen


eines Docks an einem für den alten Menschen wichtigen oder interessanten Ort, beispielsweise dem Grab des Ehepartners, können gemeinsame Besuche dieses Ortes stattfinden, die physisch kaum mehr möglich sind. Sicherlich ist das weder ein Ersatz für Besuche von Freunden oder Familie, noch kann es dem Erlebnis gleichkommen, einen ­schönen Ort zu besuchen. Aber diese Technik könnte der gefühlten Isolation entgegen­ wirken. TRAUERVERARBEITUNG IN DER GRUPPE

In Altenheimen sind Tod und schwere Krankheiten omnipräsent. Ständig sind die Bewohner mit dem Sterben ihrer Nachbarn konfrontiert. Auch wenn das un­ mittelbare Sterben zum größeren Teil in Krankenhäusern geschieht, ist der Tod ­Bestandteil des Alltags eines jeden Heim­ bewohners. Oft zeugen nur Tafeln mit Bildern der ver­ storbenen Bewohner in den Fluren der Heime vom Verlust eines Menschen. Unseren Beobachtungen zu Folge werden diese wahrgenommen, kurz thematisiert, aber schnell wieder «weggeschoben». Dabei bietet der Umstand, dass der Tod in der Gruppe erlebt werden kann, auch Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod, der mit steigendem Alter in absehbare Nähe rückt. Das könnte eventuell Ängste nehmen und die Bereitschaft fördern, sich auch wieder mit dem Leben zu beschäftigen. Eine Entta­ buisierung von Sterben und Tod und die Aufarbeitung des Themas in einer Gruppe von Menschen mit ähnlichen Ängsten, Sorgen und Leiden könnte wesentlich dazu beitragen, dass auch der Tod eines nahestehenden Menschen besser verkraftet und vor allem verarbeitet werden kann.

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, wird besonders der Tod des Lebens- oder Ehepartners als Sinnverlust empfunden. Hier geht derjenige Mensch verloren, der als Konstante des eigenen Lebens empfunden wird, in vielen Fällen auch als einziger echter Gesprächs­ partner oder Leidensgenosse. Kann ein alter Mensch selbstständig wohnen und beim Einkaufen oder in seinem Wohnumfeld auch weiterhin gewohnte soziale Kontakte pflegen, erscheint eine Neuausrichtung des Lebens nach dem Tod des Ehepartners weniger schwer. Der Heimbewohner h ­ ingegen kann kaum angemessen auf die neue ­Situation reagieren. Die Alltagsgestaltung dieses Menschen läuft, aufgrund der vom Personal vorgegebenen Abläufe, weiter wie gewohnt. Die Möglichkeit, Menschen, die einen vergleichbaren Verlust erlebt haben, mit den eigenen Erfahrungen beizustehen, kann sinnstiftend wirken. Umgekehrt könnte die Verteilung des eigenen Leidens auf die S ­ chultern der Gruppe der Ausprägung von Depressionen entgegenwirken.

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In unseren Gesprächen mit Heimbewohnern wurde uns der Wunsch nach einem großen, hellen Raum zugetragen, in dem Begegnungen stattfinden können. Es gibt in den ­meisten Heimen einen recht großen Speisesaal. Dieser ist, ähnlich wie in vielen anderen Einrichtungen, aber der einzige große Raum im Haus. Somit ist er auch einziger wirklicher Begegnungsraum. Es wäre sicherlich wünschenswert, wenn bei Neubauten auch ­Räume eingeplant würden, die den Bewohnern abseits des Heimalltages Möglichkeiten zu gemeinsamen Aktivitäten bieten, die also eine Art soziales Zentrum des Heimes werden könnten.

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WISSENS - & ERFAHRUNGSVERMITTLUNG

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Schon während des aktiven Arbeits­ lebens erzeugt unsere Gesellschaft regelrecht den Eindruck, das Wissen und die Erfahrungen von alten Menschen seien wertlos. Ältere Arbeitnehmer werden seltener eingestellt als junge, auch wenn die Alten oft weitaus ­erfahrener sind. Der Eindruck, dass Erfahrung und der über Jahre aufgebaute Wissensschatz für die jüngeren Generationen uninteressant sind, wird bestärkt durch die mangelnde Integration der Alten in die ­«aktiven» gesellschaftlichen Kreise. Diese Ausgrenzung wird vereinzelt durch Projekte in Schulen, Kindergärten oder Kirchen ­durchbrochen. Derartige Projekte werden oft von beiden Seiten als bereichernd ­empfunden.

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Unsere Gesellschaft ist dabei, bedingt durch die zunehmende Digitalisierung und die Auslagerung des Alters in die Heime, eine Kultur des Geschichtenerzählens aussterben zu lassen. Immer wieder kann man jedoch die Erfahrung machen, dass alte Menschen erzählen wollen. So traten uns während unserer Besuche im Altenheim nahezu alle Bewohner ungewohnt offen gegenüber. ­Freimütig erzählten sie uns aus ihrem Leben, reflektierten Schönes und Bedrückendes – ­ohne große Berührungsängste. Diese Offenheit und Bereitschaft zum Teilen der eigenen, oft ausgesprochen bewegten Lebensge­ schichte, stellt ein großes kommunikatives Potential dar. Zu Beginn unserer Untersuchungen wurden wir, wie bereits erwähnt, der 94 Jahre alten Frau Kunze vorgestellt. In einer Reihe von Gesprächen erfuhren wir in den darauf ­folgenden Wochen von ihrer Familie, ihrem verstorbenen Ehemann und ihrer bewegten Lebensgeschichte im Dritten Reich, in der DDR und in der BRD. Die Offenheit und

Emotionalität ihrer Schilderungen wirkten auf uns zunächst befremdlich. Unter Tränen erzählte sie uns von ihrem ein Jahr zuvor verstorbenen Ehemann und schließlich auch vom Verlust des eigenen Lebenswillens. In den darauf folgenden Gesprächen wurden die von ihr gewählten Themen und geschilderten Erlebnisse zunehmend positiver. Der betrauerte Ehemann, dessen Bild für uns von der Fotografie seines Grabsteines auf ihrem Nachttisch geprägt war, bekam ein Gesicht. Nun erzählte sie von tiefer Zuneigung, ausgelassenen Feiern anlässlich ihrer Hochzeitstage und gemeinsamen Reisen in die Bundesrepublik. Auch wenn die Trauer fester Bestandteil ihrer Erzählungen blieb, ergab sich nun ein zunehmend a ­ usgewogenes Bild ihres Lebens. Wir hatten plötzlich den Eindruck, dass nicht nur wir, sondern, mehr als erwartet, auch sie von den gemeinsamen Treffen profitierte. Wäre es nicht möglich, dem Bedürfnis, die eigene Geschichte zu erzählen, mit speziellen Produkten entgegenzukommen? Nur wenige Menschen bemühen sich während ihres Lebens aktiv darum, sie außer in Fotos vereinzelt auch in Videoaufnahmen festzuhalten. Dabei wäre es für die Familien und auch für die Gesellschaft interessant, authentische Erzählungen der Alten zu bewahren. Heime könnten zum Beispiel in regelmäßigen Pub­ likationen die Lebensgeschichten interessierter Heimbewohner veröffentlichen. Besonders spannend wäre ein Videopodcast, in dem wöchentlich oder monatlich einem Heimbewohner Raum gegeben wird, zu erzählen und damit eine breite Öffentlichkeit zu ­erreichen. Automatisch würden die Barrieren zu den jüngeren Altersgruppen sinken und das Gefühl gesellschaftlicher Akzeptanz gestärkt.


ARBEIT UND AKTIVITÄT

In unserer Gesellschaft ist die Arbeit ein wichtiger Bestandteil des Lebens eines jeden Menschen. Wer arbeitet, leistet einen Beitrag für den Staat, in der Wirtschaft, zum Wohlstand und für das Funktionieren der Gesellschaft. Mit dem Eintritt ins ­Rentenalter endet dieser Beitrag häufig abrupt. Sicherlich wird dieser neue Lebensabschnitt von vielen Menschen als Schwelle zu einem freieren, vor allem sehr viel ­selbstbestimmteren Leben empfunden. Es dürfen sich Reiseträume erfüllt werden, oder Hobbys treten in den Mittelpunkt der Lebensgestaltung. Viele Menschen können oder wollen sich jedoch auch nach dem Austritt aus dem aktiven Berufsleben nicht von ihrer bisherigen Profession lösen. Es gibt nicht wenige Menschen, die ihren Beruf als Berufung verstehen, die auch nach Eintritt in das Rentenalter den Wunsch hegen, weiter in ihr Arbeitsumfeld eingebunden zu bleiben. In unserem Sozialstaat sollte Konsens darüber herrschen, dass die Alten der Gesellschaft, die Zeit ihres Lebens ihren Beitrag geleistet haben, nicht mehr arbeiten müssen, um leben zu können. Vielleicht sollte aber über die Bereitstellung von Angeboten nachgedacht werden, die den Menschen, denen die Arbeit als Brücke zu den aktiven gesellschaftlichen Kreisen dienen könnte, Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Intervention und damit wieder Verantwortung überlässt. Mit der Senior Design Factory 5 gibt es auf diesem Gebiet bereits ein Projekt, das mit einem derartigen Ansatz, nämlich dem Zusammenbringen von jungen und alten Menschen als ausdrücklich gleichwertige Partner, erfolgreich ist. Von dem Wissensaustausch und dem gegenseitigen Respekt hinsichtlich der Fähigkeiten und Kompetenzen profitieren Junge, Alte und letztlich auch die Gesellschaft insgesamt.

Es wäre wünschenswert, dass dort, wo alte Menschen das Interesse an der Ausübung einer Arbeit haben, Räume und gegebenenfalls auch Kontakte bereitgestellt werden, die Gelegenheiten dazu bieten, dieses Interesse in die Tat umzusetzen. Die Förderung von selbstbestimmten Heimvereinen oder handwerklichen Arbeitsgruppen seitens der Heime wäre ebenfalls denkbar. Natürlich muss auf körperliche Einschränkungen Rücksicht genommen werden. Schon einfache ­Aufgaben des Alltags können mit zunehmendem Alter zur körperlichen Belastung und schließlich zur Unmöglichkeit werden. Wer früher gern im Garten gearbeitet hat und aus Altersgründen beispielsweise plötzlich auf einen Rollstuhl angewiesen ist, ist von ­diesem Betätigungsfeld weitgehend ausgeschlossen. Wer musikalisch ist, früher ein Instrument gespielt hat und dies auf einmal nicht mehr tun kann, weil die Finger nicht mehr beweglich genug sind, kann sich mit der Musik nur noch passiv auseinandersetzen. Es bleiben allgemein mehr und mehr nur die passiven Aktivitäten wie das Fernsehen.

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Hier stellt sich den Designern ein klarer Gestaltungsauftrag: Wie kann es diesen Menschen möglich gemacht werden, trotz des körperlichen Abbaus das zu tun, was sie ihr Leben lang gern gemacht haben? Diese Frage eröffnet Raum für völlig neue Produkte und Gestaltungskonzepte. Einem passionierten Gärtner könnte man beispielsweise eine fahrbare Gießkanne zur Verfügung stellen. Diese kann einfach unter einen ­Wasserhahn gefahren und müsste zum Gießen nur geneigt werden. Spezielle Rollstühle könnte man so ausstatten, dass sie für die Arbeit im Garten tauglich wären und es ihren Fahrern möglich machen würden, einfache bis mittelkomplexe Aufgaben auszuführen. Der Musiker, der seine Finger nicht mehr bewegen kann, vielleicht aber seine Arme, würde von einem Instrument profitieren, das für einen Musiker leicht zu erlernen ist,

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und bei dem die Steuerung nicht über die Finger, sondern über die Bewegung der Arme erfolgt. Die digitale Technik erlaubt in­ zwischen eine Vielzahl von denkbaren Ein­ gabemöglichkeiten, zum Beispiel über Kamera-Tracking oder sensible Druck- oder Entfernungssensoren. Sicherlich kann das ein Instrument nicht ersetzen, wohl aber erhält es seinem Nutzer die Chance einer ­aktiven Kreativität.

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Bietet man den Menschen die Möglichkeit, i­ hren individuellen Interessen, den veränderten Anforderungen an die damit verbundenen Produkte entsprechend angepasst ­nachzugehen, erhält man ihnen das Gefühl, aktiv und nicht verbraucht zu sein. Man erlaubt es ihnen, ihre Umwelt selbst zu ­gestalten und einen sinnvollen Beitrag im Wohn- oder Pflegeumfeld zu leisten.

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FREUNDSCHAFTEN

Gute Freundschaften begleiten einen Menschen das Leben lang. Sie sind ebenso wie Familie und Partner wichtige Fixpunkte im Leben und können auch im höheren Alter sinnstiftend wirken. Was aber, wenn durch körperliche Gebrechen gegenseitige Besuche unmöglich werden? Besonders Freundschaften über größere Distanzen werden mit dem Einzug in ein Heim schwieriger. In der Regel erlaubt es das persönliche ­ mfeld eines Menschen, immer neue freundU schaftliche Beziehungen aufzubauen – zum Beispiel über Beruf, den näheren Bekanntenkreis und Freizeitaktivitäten. Die Kreise, in denen er sich bewegt, wählt er größtenteils freiwillig. Die Situation in einem Altenheim begünstigt diese Atmosphäre kaum oder gar nicht. Das liegt hauptsächlich an der Zusammensetzung seiner Bewohner. ­Während sich ein Mensch Zeit seines Lebens hauptsächlich in einem recht homogenen sozialen Gefüge befindet, ist er im Altenheim

mit einem ausgesprochen heterogenen ­Umfeld konfrontiert. Im Heim trifft der ehemalige Installateur auf den pensionierten Professor. Neben den Bildungsunterschieden ist auch die unterschiedliche geistige ­Verfassung der Bewohner problematisch, was die Bildung neuer Freundschaften angeht. Plötzliche, tiefgreifende gesundheitliche Verschlechterungen wie Schlaganfälle tragen ebenfalls zu einer Erschwerung persönlicher Bindungen und eventuell sogar wieder zu einer Isolierung bei. Dies ist kein Plädoyer dafür, die Heime nach dem Gesundheitszustand der Bewohner zusammenzusetzen. Vielmehr sollte innerhalb der Heime eine vertrauensvolle Atmosphäre geschaffen werden, in der es den Bewohnern vereinfacht wird, aufeinander zuzugehen und sich vielleicht sogar um andere kümmern zu können. Ein Schritt in diese Richtung könnte die Schaffung von Heim-Profilen, im Hinblick auf ehemalige Berufe und Interessen sein. So ein Heim-Profil sollte nicht ausgrenzen, also keine Menschen vom Einzug ausschließen. Es könnte aber die Entscheidung für ein bestimmtes Heim fördern und so sicherstellen, dass in diesem Heim Menschen leben, mit d ­ enen eine Kontaktaufnahme leich­ter fällt. Gleichzeitig hätte das Heim die Möglichkeit, auf die Bewohner, deren Profil entsprechend, sehr viel ausführlicher und gezielter eingehen zu können. Das würde auch den Familien, die oft die Entschei­ dungsträger in der Frage der Unter­bringung der Eltern sind, einen sehr viel intensiveren Entscheidungsprozess abverlangen. Es scheint durchaus sinnvoll, den Entscheidungsprozess für ein bestimmtes Heim als bewussten Schritt für ein neues Umfeld vorzubereiten.


ABB. 2

— Entwurf einer Flurveranda.

« FLURVERANDA »

Ein anderer Ansatz besteht darin, den Bewohnern ihre Nachbarn näher zu bringen. Zum Beispiel durch Visualisierungen der eigenen Lebensgeschichte, die zum gegenseitigen Austausch einladen. So ließen sich auch über Milieugrenzen hinweg gemeinsame Themen und Interessen finden. Räume, die so den Aufbau von tiefer gehenden Beziehungen im Heim fördern sollen, stellen komplexe Ansprüche an den Gestalter. Zum einen muss der Raum eine private Atmosphäre zulassen, in der auch Persön­ liches erzählt werden kann. Zum anderen muss ein solcher Raum gewährleisten, dass interessierte Bewohner sich eingeladen fühlen. Er muss also offen und freundlich wirken. Ein derartiger Raum könnte, vorgelagert vor das Zimmer des Bewohners, als eine Art Veranda auf dem Flur entstehen. Eine Nische

7 vor der Zimmertür kann der Bewohner mit Möbeln aus seinem alten Wohnumfeld ­ausstatten und so eine Umgebung schaffen, in der er sich wohl fühlt, der aber anders als das Zimmer Möglichkeiten zur Kommunikation bietet. Stattet der Bewohner diesen Raum mit einer Bank oder einem Sofa aus, entsteht ein Ort der Begegnung. Ein Regal mit der Büchersammlung, die im Zimmer wohl keinen Platz finden würde, könnte ein öffentlich zugänglicher Raum des Wissens werden. Bilder aus dem Leben eines Bewohners an den Wänden der Flurveranda würden quasi im Vorbeigehen einen Zugang zu einem Nachbarn schaffen, der sonst nicht oder sehr viel langsamer entstehen würde. Der Tischler könnte sein liebstes Werkstück mitbringen, der Künstler hätte eine kleine Galerie vor der Zimmertür, die er in einer selbst konzipierten, vielleicht sogar wechselnden ­Ausstellung ausstatten könnte.

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Wichtig wäre, dass der Bewohner seine Möbel hier ausdrücklich als gemeinschaftliches Gut versteht, das zwar fest an diesen Ort gebunden ist, aber von jedem benutzt werden darf. Hier soll jeder, der sich von dieser Umgebung eingeladen fühlt, einen Anlaufpunkt finden können. Damit die Barrierefreiheit im Heim nicht beeinträchtigt wird, müsste bei der Konzeption dieses Raumes darauf geachtet werden, dass er einerseits unmöbliert genug Platz bietet, so dass auch Rollstuhlfahrer ihn erkunden können. Andererseits sollten natürlich auch die Möbel gemeinsam mit den Pflegern und Verantwortlichen ausgewählt werden, um keine Behinderungen zu schaffen. Der Raum Flurveranda würde dazu ­dienen, das Private, soweit von den Bewohnern gewünscht, nach außen zu tragen und so gleichzeitig zum Profil des Heimes ­insgesamt beizutragen. Dort, wo es das Heim oft nicht schaffen kann, eine angenehme ­Atmosphäre zu generieren, die nicht einen Beigeschmack von Krankenhaus hat, hätten die Bewohner so ein entscheidendes Werkzeug zur Gestaltung ihres gemeinschaftlichen Wohnraumes in den Händen.

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BEGLEITER

In jeder Lebensphase sind soziale Kontakte ein zentrales Element individuellen Wohlbefindens. Studien unter älteren Menschen zeigen, dass dabei insbesondere die Quantität eine Rolle spielt.6 Gerade im Alter wird es immer wichtiger, mindestens eine Person in seinem Umfeld zu haben, die, beispielsweise im Pflegefall, als Vertrauensperson unterstützend beiseite stehen kann. Darüber hinaus sind starke soziale Netze auch im Falle ­schwerer Krankheit von Vorteil – können sich sogar positiv auf deren Verlauf auswirken.

In unserer urbanen Gesellschaft werden Nachbarschaften zunehmend anonymer. Während in ländlichen Gegenden aufgrund der Kontinuität der Wohnsituation oft ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl besteht, ist in der Stadt das Gegenteil zu beobachten. Für die Alten ist diese Situation problematisch, besonders dann, wenn keine engen familiären Bindungen vorhanden sind. Da Freundschaften und tiefer gehende soziale Kontakte aufgrund der an anderer Stelle besprochenen Faktoren im Heim zuweilen schwer aufzubauen sind, und die Familie oft gar nicht oder nur kurz zur Verfügung steht, sind hier Alternativen gefragt, die den sozialen Ausgleich und körperliche Nähe bieten. An dieser Stelle kommen wir auf die elektronische Plüschkatze von Frau Kunze zurück. Mit der Roboter-Robbe Paro hat der Japaner Takanori Shibata vor einigen Jahren einen pflegeleichten Begleiter für alte, hauptsächlich demente Menschen geschaffen. Das unechte Haustier, das auf sein Umfeld mittels Wärme-, Licht- und Bewegungssensoren sowie eines eingebautes Mikrofons reagieren kann, kommt in Japan schon seit einiger Zeit erfolgreich in Altersheimen zum Einsatz. Auch in Deutschland gibt es inzwischen Heime, die Paro einsetzen. Obwohl uns das Konzept vor unserem Besuch schon bekannt war, waren wir überrascht, bei Frau Kunze einen ähnlichen Roboter vorzufinden, zumal wir sie als geistig völlig auf der Höhe erlebt haben, und der Roboter ja eher auf Demenzkranke abzielt. Ihr Sohn hatte Frau Kunze die Katze geschenkt. Auch wenn Frau Kunze, nachdem sie uns die Katze vorgeführt hatte, von sich aus darauf zu sprechen kam, dass die Katze ja nur ein Spielzeug sei, und es ja u ­ nsinnig wäre, einem Spielzeug so viel Aufmerksamkeit angedeihen zu lassen, war deutlich zu spüren, dass sie eine gewisse Beziehung mit dem Roboter verband. Wird der Roboter einer Gruppe von dementen


Menschen überlassen, haben diese oft Schwierigkeiten, den Roboter von einem echten Tier zu unterscheiden. Es kann ein regelrechtes Verantwortungsgefühl von ihm ausgehen. Der Roboter verlangt, dass man sich um ihn kümmert. Ist man sich der Täuschung bewusst, hat so ein künstliches Tier diesen Effekt sicherlich nicht und steht in Sachen Verantwortung hinter jeder ­Topfpflanze zurück. Durch das unmittelbare Feedback wird der Roboter aber dennoch zu einem Kommunikationspartner, der es erlaubt, Gefühle auf ihn zu projizieren. Durch flüssige Bewegungen und Mimik, sowie deutlich direktere Reaktionen auf Handlungen des Menschen bietet ein realer Hund selbstverständlich ein sehr viel facettenreicheres Projektionsfeld. Das Prinzip bleibt bei dem Roboter allerdings das gleiche. Der Erfolg des Tamagotchi Mitte der 1990er Jahre unterstreicht das Bedürfnis, auch ­virtuellem Leben eine Bedeutung beizumessen. Hier war die Notwendigkeit der Zuwendungen allerdings mit der Konsequenz des virtuellen Todes der Kreatur verbunden. Die Katze kann, wenn ungewünscht, einfach ausgeschaltet werden.

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Der Roboter kann aber als Projektionsfläche für Gefühle, als stiller Zuhörer, ähnlich wie ein echtes Tier, zu einem Begleiter werden und dem Besitzer das Gefühl vermitteln, nicht allein zu sein. Er kann aber keinesfalls als Ersatz für regelmäßige soziale Kontakte mit Menschen gesehen werden.

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Manuela Wehr: Suizid im Alter, Diplomarbeit, Seite 78. Bamberg: Otto-Friedrich-Universität, 2007

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IDEA TV Gesellschaft für kommunikative ­Unternehmensbetreuung mbH (Hrsg.): http://www. innovations-report.de/

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Destatista: Ehescheidungen nach Ehejahren, Deutschland 2010

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Manuela Wehr: Suizid im Alter, Diplomarbeit, Seite 69. Bamberg: Otto-Friedrich-Universität, 2007

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SeniorDesignFactory Verein Senior Design: http://www.senior-design.ch/, Zürich

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Perrig-Chello: Wohlbefinden im Alter. Körperliche, physische und soziale Determination und Ressourcen, Weihnheim

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Johanna Goldmann — Susann Greuel — Laura ­Zoccarato

HEIMWEG

Orientierung mit Sinn

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Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir Der Auszug aus dem 139. Psalm ist der Leitspruch des Hasenheyer Stiftes. Die von der Diakonie getragene Pflegeeinrichtung liegt in Potsdam-West, direkt neben der ­Erlöserkirche. Das Gebäude umgibt ein Garten mit einem kleinen Kräuterbeet und Sitzgelegenheiten, die zu einem kurzen Spaziergang oder längeren Aufenthalten an der frischen Luft einladen. Auf drei Etagen leben in 20 Einzel- und 10 Doppelzimmern 49 Personen, die meisten von ihnen sind Frauen. Etwa zwei Drittel der Bewohner sind demenzkrank, wobei im Grad der Erkrankung starke Unterschiede bestehen. Auf einen Pfleger kommen in der Regel vier bis fünf Heimbewohner. Die Räume der Bewohner sind, bis auf das Bett und einen Kleiderschrank, mit den eigenen Möbeln eingerichtet. Auf zwei Zimmer kommt ein Bad, welches sich die Bewohner teilen. Zusätzlich gibt es auf der 2. und 3. Etage ein großes Pflegebad mit entsprechend praktischer Badewanne. Der Alltag der Heimbewohner besteht größtenteils aus der Einnahme der Mahlzeiten, welche zu geregelten Zeiten stattfinden. Hinzu kommen variierende Veranstaltungen und Pflegemaßnahmen, auch von Externen ausgeübt, wie beispielsweise vom Friseur und vom Fußpfleger. Besuche dürfen zu jeder Zeit empfangen werden. Es gibt mehrere Aufenthaltsräume in dem Gebäude. Auf der 2. und 3. Etage befinden sich je zwei Gemeinschaftsräume. Der zentralere Raum der beiden hat eine eingebaute Küche und wird von den stark Dementen auch als Speiseraum genutzt. Der Großteil der Bewohner nimmt die Mahlzeiten jedoch im Speisesaal im Erdgeschoss ein.

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— Hasenheyer Stift.

Neben den Mahlzeiten finden alle größeren Veranstaltungen im Speisesaal statt. Der Pfarrer ist bei Feierlichkeiten und bei der regelmäßig stattfindenden Andacht an­ wesend und animiert zum gemeinsamen Gesang, was großen Anklang findet.

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Die drei Stockwerke des Neubaus sollen sich durch verschiedene Farben optisch vonei­ nander unterscheiden. Die Wände des ­Erdgeschosses sind gelb gestrichen, die des 1. Stockwerkes hellgelb und dunkelrot, und die Wände des 2. Stockwerkes sind hellgelb, hellgrün und dunkelgrün gestrichen. Weil der Großteil der Wände jedoch gelblich ist, wird der farbliche Unterschied der ­Stockwerke nicht sofort bewusst. Hinzu kommt, dass die zur Differenzierung ver­ wendeten Farben Rot und Grün einen sehr ähnlichen Grauwert besitzen, den die Augen von älteren Menschen nur schwer unter­ scheiden können. Das Farbsystem findet sich auch im Aufzug wieder. Hier sind, etwas provisorisch, zwei farbige Kunststoffkreise an die Tasten 1 und 2 geklebt, nicht aber an das E des Erdgeschosses.

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Die Mitte des längstens Flures der 2. und 3. Etage bildet einen Knotenpunkt, von dem ein weiterer Korridor abgeht, und an dem sich der Aufzug befindet, der große Gemeinschaftsraum und die Pflegerstation, eine Anlaufstelle für die Bewohner. Dadurch wird diese Stelle eine Art Kreuzung und Eingangsbereich, wo man vielleicht jemanden trifft, wo man wartet. Der Ort hat einen Wartezimmer- oder Haltestellen-Charakter. Entlang der langen Flure hängen gerahmte Bilder, und es finden sich vereinzelt Sitznischen aus verschiedenen alten Möbelstücken, die den Bewohnern für Pausen und zur Orientierung dienen. Neben der Tür jedes Bewohners hängt ein Schild mit dem jeweiligen Namen und der Nummer des Zimmers. Das Schild und die Beschriftung sind recht klein und allen anderen Raumbeschriftungen des Heimes gleich, wie etwa dem des Reinigungsraumes oder dem des Gemeinschaftsraumes. Neben den Zimmertüren der an Demenz erkrankten Bewohner hängen etwa A3 große Fotos, auf denen der jeweilige Bewohner abgebildet ist. Es handelt sich dabei um ein aktuelles Foto, auf dem der Bewohner ein altes Foto von sich aus Jugendzeiten in den Händen hält. Demenzkranke erkennen sich oft nur als jüngere Menschen und können mit ihrem heutigen Aussehen nichts mehr anfangen. An den Türen anderer Räume findet man viel zu kleine, etwa Postkarten-große Fotos, auf denen zum Beispiel ein Handtuch oder ein Waschbecken abgebildet ist.

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— Pflegebad.

Um das zeitliche Bewusstsein der Bewohner zu fördern, hängen im Hasenheyer Stift Uhren und Kalender auf den Fluren. Auch wird die Einrichtung je nach Jahreszeit dekoriert. Das Altersheim hat schon ein paar Ansätze zur Unterstützung der Orientierung gemacht, die wir anhand unserer Analyse und Ideen erweitern und verbessern wollen. Damit sich eine Person in ihrer Umwelt zurecht findet, muss sie sich gut orientieren können. Dazu gehört nicht nur zu wissen, wo man sich befindet und wie man sich wo fortbewegt, sondern auch wer man ist, wie die Zeit läuft und wie man sich zu verhalten hat. Kurz gesagt, es gibt vier Arten der Orientierung, die räumliche, die zeitliche, die persönliche und die situative Orientierung. Auf die ersten drei Orientierungsarten wollen wir näher eingehen und sie den Bewohnern der Pflegeeinrichtung durch neue Gestaltungsansätze erleichtern. ZEITLICHE ORIENTIERUNG

Demenzkranke verlieren das Gefühl für die Zeit, die Stunden und auch die Jahre. Manchmal sitzen sie mehrere Stunden auf einem Stuhl und warten, ohne zu bemerken wie die Zeit an ihnen vorbei läuft. Um die zeitliche Orientierung der Bewohner zu unterstützen, hat der Hasenheyer Stift Uhren und Kalender aufgehängt, die Tag, Monat und Jahr anzeigen. Aufgefallen ist uns, dass sie von den Bewohnern kaum wahrgenommen oder beachtet werden. Dies könnte man unter Umständen mit aktiver Beteiligung der Bewohner ändern. Eine Aufgabe der Bewohner könnte es werden, den Tag im Kalender anzukreuzen oder die Uhrzeit laut vorzulesen. An den Fenstern und Türen des Heimes finden sich immer wieder vereinzelt jahreszeitliche Dekorationen. Wir haben das als sehr schön und hilfreich empfunden und würden uns mehr davon wünschen. Insbesondere ist es hierbei aber wichtig, dass


die Bewohner an der Dekoration des Heimes teilnehmen. Um die Jahreszeiten ins Bewusstsein der Bewohner zu holen, ist es auch ­wichtig, mit den verschiedenen Sinnesein­ drücken zu spielen. Nehmen wir zum Beispiel den Geschmacksinn. Saisonal typische Gerichte können uns viel über den aktuellen Monat verraten. Vor allem alte Menschen, die früher oft selbst Obst und Gemüse angebaut haben, wissen, dass es z. B. Frühkartoffeln im April gibt und frischen Meerrettich von September bis November. Dieses Wissen aus der Erinnerung sollte man nutzen und fördern. Durch das Kochen von saisonalen Speisen können die Bewohner daran erinnert werden, in welchem Monat sie sich befinden. Die Bewohner des Altersheimes in Potsdam gehören einer Generation an, die in der Jugend sehr viele Lieder gesungen hat. Bei unserem ersten Besuch hatten wir das Glück, an einem Gottesdienst teilzunehmen. Der erste Eindruck, den die Bewohner auf uns machten, war sehr lethargisch und vergesslich. Sobald aber gesungen wurde, kannte jeder den Text auswendig und wurde merklich aktiver. Das sollte man nutzen. Mit ­Liedern könnte man die verschiedenen Jahreszeiten ins Bewusstsein holen. Es sollten je nach Gegebenheit Frühlings- oder Winterlieder gesungen werden. Um die Bewohner an die Tageszeit zu erinnern, und damit diese nicht ausschließlich durch das Schauen auf die Uhr wahrgenommen werden muss, wollen wir auch hier die Sinnesorgane des menschlichen Körpers nutzen. Wir schlagen vor, verschiedene ­Kuckucksuhren aufzuhängen, die bei voller Stunde ertönen. Auch ein Tonband könnte eingesetzt werden, welches jeden Morgen zu gegebener Stunde das Geräusch eines krähenden Hahns abspielt. Oft ist es bei Demenzkranken der Fall, dass sie ungern aufstehen und darin keinen Sinn sehen. Der Hahn könnte aber, wie bei den meisten der älteren Menschen, Erinnerungen an die Kindheit

wecken, in der es üblich war, morgens einen Hahn krähen zu hören und danach auf­ zustehen. Andere Geräusche wie Kirchen­ glocken könnten ebenfalls eingesetzt werden; diese vermitteln sowohl die Tageszeit als auch den Wochentag. Die Wahrnehmung der Tageszeit kann auch durch Geruch stattfinden. Die Küche im Altersheim könnte so zum Beispiel die Gerüche der Mahlzeiten durch die Gänge strömen lassen. Der Duft der Mittagsküche regt nicht nur den Appetit an, sondern ­vermittelt den Bewohnern auch die Tageszeit. Wenn es morgens schon nach Kaffee riecht, steht man viel lieber auf. Eine weitere Möglichkeit, den Bewohnern die Zeit bewusst zu machen, wären die elektrischen Lichter im Heim, die man je nach Tageszeit dimmen und erhellen könnte. Wenn im Altersheim von 7 Uhr morgens bis spät abends das gleiche helle Licht brennt, ist der körperliche Zeitrhythmus gestört, weil dieser sich unter anderem am Licht orientiert. Da die meisten der Bewohner vor allem im Winter eher selten nach draußen gehen, sollte man den natürlichen Rhythmus der Sonne in das Gebäude holen. Das Licht sollte also immer brennen, jedoch zum Abend nicht mehr so stark, wie zur Mittagszeit.

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ORIENTIERUNG ZUR EIGENEN PERSON

Demenzkranke vergessen, wer sie sind, was sie ausmacht und was sie wollen. Das sind einige der Gründe, warum sie auf den Korrido­ ren des Heims herumirren oder stundenlang auf einem Stuhl sitzen und warten. Man spricht von der persönlichen Orientierung, die bei Demenzkranken verloren geht. Um eben diese persönliche Orientierung zu unterstützen, muss man ihre Erinnerungen an das bisherige Leben reaktivieren.

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Durch Fotos, Erinnerungsbücher und Bilder kann das Bewusstsein des eigenen Ichs verstärkt werden. Kleine Indizien, die an die Vergangenheit der einzelnen Person erinnern, könnten an der eigenen Zimmertür hängen, zum Beispiel der Geburtstag oder das Datum der Hochzeit. Es könnte ein Regal rund um den Türrahmen angebracht werden, in dem persönliche Dinge ihren Platz finden. In dieses Regalsystem können die Bewohner Fotos, kleine Objekte, selbst gemalte Bilder und gebastelte Arbeiten stellen. Damit ­können sie sich identifizieren und als selbst­ ständige Person sehen. Der eigene Name sollte in großen lesbaren Buchstaben auf der Zimmertür geschrieben stehen, viel­ leicht sogar selbstgestaltet, nicht wie im ­Hasenheyer Stift monoton und klein auf einem sehr formellen unpersönlichen Schild. Das verhilft ihnen auch zu einer besseren räumlichen Orientierung. Vor allem aber werden sie durch die eigenen Entscheidungen zu einer individuellen Person, die sich von anderen unterscheidet.

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Nicht zu letzt könnten in den Fluren vereinzelt Ganzkörperspiegel aufgehängt werden. Sie sollten an ruhigen Stellen aufgehängt werden, an denen die Bewohner sich hinsetzen und aufhalten, beispielsweise gegenüber der Sitzecke im Knotenpunkt. Die Bewohner sehen sich dadurch regelmäßig und erkennen sich wieder. RÄUMLICHE ORIENTIERUNG

Die räumliche Orientierung ermöglicht es dem Menschen, sich gut im Raum zurecht zu finden, sich zu bewegen und problemlos von einem Ort zum nächsten zu kommen. Durch die Demenzerkrankung wird diese Fähigkeit stark beeinträchtigt. Im Altersheim sind uns Bewohner aufgefallen, die auf den Korridoren herumirrten und ihr eigenes Zimmer suchten. Einige konnten sich nicht einmal daran erinnern, auf welchem der drei

Stockwerke sich ihr Zimmer befindet. Die Bewohner haben bei der räumlichen ­Orientierung also starke Probleme. Mit Hilfe von gestalterischen Ansätzen wollen wir sie beim Zurechtfinden im Heim unter­ stützen und leiten. LÖSUNGSANSÄTZE

Die Wahl eines Themas

Während der Demenzerkrankung verliert der Mensch mehr und mehr den Bezug zu ­seiner Umwelt. Er fühlt sich häufig verwirrt und orientierungslos, da er keinen Anhaltspunkt besitzt. Dieser verwirrte Zustand wird nachgewiesen gemindert, wenn sich die Erkrankten in der Natur aufhalten. Die natürliche Atmosphäre eines Gartens beispielsweise wirkt beruhigend, da sie für die erkrankte Person einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. So können selbst Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium, die keine Erinnerung mehr an ihre Familie ­haben, ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit in der Umgebung eines Gartens finden. Hier werden vor allem die Sinne angeregt, was uns wiederum zum Thema der sensorischen Orientierung leitet. Im Ansatz versuchen wir durch das punktuelle Nutzen einer natürlichen Atmosphäre die Sinne der Bewohner mit gewohnten Eindrücken anzuregen und dadurch eine verbesserte Orientierung sowie eine Min­ derung des Verwirrungszustandes zu ­erwirken. Da es im Heim auf jeder Etage mehrere Wohnflure gibt, teilen wir unser Thema nochmals in Unterthemen. Die Flurthemen werden gegliedert in Blumen/Blüten (2. Etage) sowie Frucht/Obst (3. Etage). Durch die ­Dreiteilung der Wohnflure entstehen jeweils drei weitere Unterthemen, die im 2. Stockwerk beispielsweise Rose, Veilchen und ­Vanille wären. Das 3. Stockwerk könnte man zum Beispiel in Beere, Apfel und Orange


aufteilen. Wir achten an dieser Stelle bereits auf eine starke farbliche Differenzierung und unterschiedliche Gerüche unter den einzelnen Themen, um am Ende eine prägnante Erkennbarkeit zu ermöglichen. Es entstehen atmosphärische und thematisch gegliederte Flure, die mit verschiedenen Medien bespielt werden. DER KNOTENPUNKT

Innerhalb der Fluraufteilung treffen wir auf einen prägnanten Punkt, der am höchsten frequentiert ist, und wo zunächst alle wichtigen Orientierungsentscheidungen fallen. Es handelt sich um die Wegekreuzung, von der die Wohnflure in drei verschiedene Richtungen abgehen. Dies ist der erste Punkt, den man wahrnimmt, wenn man aus dem Fahrstuhl steigt. Man

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— Entwurf für Neugestaltung des Knotenpunktes. — Knotenpunkt.

muss also bereits an dieser Stelle deutlich erkennen können, in welchem Stockwerk man sich gerade befindet. Damit könnte man verhindern, dass Bewohner nicht wissen, in welcher Etage des Hauses sie eigentlich wohnen. Wir verwenden Symbole, die die jeweiligen Themen des Stockwerkes abbilden, also z. B. die Orange, die Beere und den Apfel. Die Symbole sind entweder als Aufkleber an der dem Fahrstuhl gegenüberliegenden Wand angebracht oder aufgemalt. Zudem arbeiten wir mit Skulpturen, die von der Decke herab hängen und ebenfalls die Themen aufgreifen. Die Skulpturen bringen einen zusätzlichen haptischen Aspekt in die sen­sorische Orientierung ein. So könnte ­beispielsweise die Orange eine typische Orangenschalen-Oberfläche besitzen. Die

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Wegekreuzung ist ein wichtiger Aufenthaltsort für die meisten Bewohner. Viele von ihnen warten hier: auf den Fahrstuhl, auf die Mahlzeiten, auf Besuch, oft lange Zeit. Um den Aufenthalt etwas angenehmer und anregender zu gestalten, werden Flachbildschirme an den Wänden angebracht, auf denen thematisch passend Naturdokumentationen abgespielt werden. Somit legen wir die Wegekreuzung als Höhepunkt in dem episodischen und atmosphärischen Orientierungssystem fest.

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— Wohnflur. — Wohnflur.

DIE GESTALTUNG DER WOHNFLURE

Als weitere Höhepunkte gestalten wir die eigentlichen Wohnflure. An dieser Stelle achten wir besonders auf eine episodische und spannende Atmosphäre. Denn hier ist es wichtig, den Bewohnern fortlaufende Orientierungspunkte zu bieten, die eine Steigerung beinhalten. Dadurch kann ein Demenzkranker seinen Weg fortführen, ohne auf halber Strecke sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Für eine atmosphärisch dichte Gestaltung nutzen wir wieder mehrere Medien.


Um einen prägnanten Bezugspunkt zu schaffen, wird am Ende jedes Flures ein großes Objekt platziert. Bei diesem Objekt handelt es sich beispielsweise um einen echten Orangenbaum auf dem Orangenflur. Da man jedoch nicht bei jedem Thema mit echten Pflanzen arbeiten kann, wäre es auch möglich, die Objekte zu projizieren. Man könnte so zusätzlich mit Bewegung arbeiten, einem Baum oder einer Blume, die im Wind weht. Dadurch wird eine noch stärkere Aufmerksamkeit erzeugt und das Bezugsobjekt erhält zusätzliche Prägnanz. Zu dem Bezugsobjekt hinführend gibt es weitere symbolische Wegweiser. Diese können beispielsweise als Bodenaufkleber angebracht werden. Viele der Bewohner sehen beim Laufen auf den Boden, um sich sicherer fortbewegen zu können. Ein Hinweis auf dieser Ebene wäre also angebracht. Zusätzlich kann man auch hier mit den Skulpturen arbeiten, die an der Decke befestigt sind. Für die Bewohner, die körperlich dazu in der Lage sind, gibt es so auch die Möglichkeit, nach den Skulpturen zu greifen, ähnlich dem Pflücken von Obst. Damit wird als positiver Nebeneffekt die Mobilität und Beweglichkeit gefördert. Ein weiterer optischer Hinweis wäre die Wandfarbe, die sich auf das Bezugsobjekt hin in einem weichen Verlauf verändert. Wichtig ist es hierbei, auf harte Übergänge zu verzichten, da diese für Demenzkranke als Hindernisse empfunden werden können, die sie nicht über­ winden wollen. Als Ergänzung zu den visuellen Medien nutzen wir als sensorisches Mittel natürliche Aromen und Gerüche, die im Raum verteilt werden. Diese geben das jeweilige Thema wieder und duften beispielsweise nach Orange oder Veilchen. Der Geruch wird stärker, je weiter man sich auf den Bezugspunkt am Ende des Flures hin bewegt. Dadurch wird eine fortlaufende Spannung erzeugt. Das

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— Duft-Experiment.

Thema wird somit nicht nur optisch, sondern auch über den Geruchs- bzw. den Tastsinn wahrgenommen. Damit wird für die Bewohner eine Atmosphäre geschaffen, die ihnen an jeder Stelle des Flures eine räumliche Zuordnung ermöglicht.

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DAS DUFT - EXPERIMENT

Um zu überprüfen, ob es für die Bewohner möglich ist, Gerüche passenden Farben zuzuordnen, führten wir im Hasenheyer Stift ein kurzes Experiment durch. Der Aufbau des Experiments fand wie folgt statt: Wir haben drei verschiedene Düfte (Lavendel, Orange, Vanille) auf Watte geträufelt und dazu fünf verschiedene Tonpapiere gewählt. Die Teilnehmer sollten eine Zuordnung des Geruchs zur Farbe treffen. Es nahmen ausschließlich Frauen am Experiment teil, was auf die hohe Frauenquote im Heim zurück­ zuführen war. Wir forderten die Teilnehmerinnen zunächst auf, an der Watte zu «schnuppern». Das Wahrnehmen der Gerüche löste bei allen Frauen Erinnerungen oder Assoziationen aus, sie fingen an von früher

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— Entwurf einer Badezimmertür.

zu erzählen, vom «Kartoffeln schälen». Nach dem Riechen sollten sie nun jedem Geruch eine Farbe zuordnen. Die Zuordnung ­stimmte in den meisten Fällen überein, Vanille beispielsweise wurde immer mit einem PastellTon in Verbindung gebracht. Auch die Farben lösten wieder zahlreiche Assoziationen aus, die jedoch auch stark kulturell geprägt waren. Eine ältere Dame assoziierte beispielsweise mit einem dunklen Moosgrün sofort den Begriff der «Falschheit». Das Grün wurde allgemein abgelehnt, man tendierte immer eher zu Orange, da es «so schön kräftig» war. Durch das Experiment ist uns klar geworden, dass Gerüche und Farben durchaus noch gut wahrgenommen werden können und auch eine Zuordnung zwischen beiden erfolgen kann. Außerdem hatten wir das Gefühl, dass die Anregung des Riech- und Sehsinnes, sowie die von uns gestellte Aufgabenstellung,

einen positiven und anregenden Effekt auf alle Teilnehmerinnen hatte. Der Ansatz der sensorisch-thematischen Orientierung konnte dadurch von uns weiter verfolgt werden. EIN HAPTISCHES ERLEBNIS

Ein weiterer Ansatz, den Heimbewohnern die Orientierung in der Einrichtung zu erleichtern, ist die Türgestaltung allgemeiner und öffentlicher Räume. Bei unserem Ansatz handelt es sich um eine haptische Gestaltung mit Dingen, die symbolisch für die Funktion und Atmosphäre des Raumes stehen. Das Rauminnere wird also schon auf dem Flur erlebbar. Als Beispiel das Pflegebad. Rund um die Tür zum Pflegebad werden Badezimmerfliesen angebracht, welche zu den Seiten hin langsam auslaufen, um einen weichen Übergang


zu der Wand des Korridors zu schaffen. Ein Handtuchhalter mit einem Badehandtuch gibt ebenfalls einen eindeutigen Hinweis auf die Art des Raumes. In die geflieste Wand ist ein Bildschirm eingearbeitet, auf dem der Film eines Aquariums läuft. Die faszinierende Ruhe, die von einem Aquarium ausgeht, sorgt für eine angenehme entspannende Atmosphäre und wird die Bewohner mit Sicherheit erfreuen. Ein Fußbodenaufkleber in Form einer weichen Fußmatte lädt freundlich ein und ist dem Heimbewohner ein vertrauter Gegenstand. Diese Art der Gestaltung zeigt sofort, was sich hinter der Tür verbirgt. Die auffällige hap­ tische Gestaltung bietet einem Demenzkranken markante und einprägsame Orientierungspunkte. Der Ort wird zu einem Erlebnis, denn es wird eine Atmosphäre erzeugt, die die visuelle und haptische Wahrnehmung der Bewohner viel mehr anregt, als das kleine Foto eines Waschbeckens, wie wir es jetzt in der Einrichtung vorfinden. Die Atmosphäre des Raumes beginnt schon auf dem Flur und wirkt einladend, nimmt die Angst. Ein weiteres Beispiel ist der Gemeinschaftsraum. Die Gestaltung der Tür könnte eine angedeutete Backsteinmauer und einen unechten Kamin beinhalten. Dort ist, wie auch bei dem Pflegebad, ein kleiner ­Bildschirm eingearbeitet, auf dem ein Kaminfeuer-Film läuft, der ein Gefühl von Gemüt­ lichkeit und Wärme erzeugt. Bei Gemeinschaftsräumen mit integrierter Küche würde ein Brett mit angehängten Tassen oder Küchenutensilien auf die Küche schließen lassen. Die Materialien sind für andere Räume erweiterbar. Gemusterte Tapeten, alte Wandlampen und Brettspiele sind einfache, klare Dinge, die man mit einem gemeinsamen Beisammensein im Wohnzimmer ­verbindet. Auch eine Restaurantassoziation könnte für den Gemeinschaftsraum ­geschaffen werden.

Unsere Gestaltungsansätze sollen die Orientierung der Heimbewohner durch vertraute Symbolik und verschiedene Sinneseindrücke unterstützen. Wir wollen eine Umgebung schaffen, die Geborgenheit und Vertrautheit vermittelt, die den Alltag im Heim, das ­Wohlbefinden und die innere Ruhe der Menschen verbessert. Durch den Einsatz verschiedener Medien und einer atmosphärisch-­ episodischen Gestaltung der Flure sollen die Sinne der Bewohner angesprochen werden, ohne dabei ein Überangebot an Reizen zu schaffen. Wir wünschen uns für jeden Heimbewohner, dass er sich, je nach Befinden, möglichst selbstständig bewegen kann und sich in seinem letzten Zuhause wohl und geborgen fühlt.

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Niza Dillmann — Mariele Krämer — Stefan Schmechel

ZUR ERINNERUNG

Was von der Gegenwart bleibt

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— Vogelkäfig im Hasenheyer Stift.

«Nur die Erinnerung bleibt.» Das Sprichwort zeigt einen Gedanken, der in der Realität nicht immer zutrifft. Infolge steigender Lebenserwartung steigt auch der prozentuale Anteil an Demenzkranken in unserer Gesellschaft. Viele der Erkrankten verlieren innerhalb eines kurzen Zeitraumes, abhängig vom Einzelfall, ihr Kurzzeitgedächtnis. Im Krankheitsverlauf wird das Langzeitgedächtnis ebenfalls immer schlechter, bis es schließlich in Gänze verloren gegangen ist. Ein Phänomen des Prozesses ist jedoch auch, dass sich die Betroffenen an einzelne Ereignisse aus ihrer Vergangenheit sehr genau erinnern, und es scheint fast, als wenn sie versuchten, diese durch das wiederholte Erzählen fest­ zuhalten und die Erinnerung zu festigen. Unser Thema ist die Erinnerung und die damit verbundene Kommunikation. Im Folgenden wollen wir anhand einer Betrof­ fenen aufzeigen, welche Bedürfnisse und

­ ngste auftauchen. Es wird außerdem Ä ­dargestellt, welche Probleme zu Thema und Lösungsansätzen geführt haben. Auch wir besuchten die Pflegeeinrichtung Hasenheyer Stift. Unseren ersten Besuch traten wir mit gemischten Gefühlen an. Teils hatten wir freudige Erwartung, das Projekt zu beginnen, auf der anderen Seite hatten wir ein leicht mulmiges Gefühl. Was ist, wenn die Bewohner negativ reagieren oder die Verfassung einiger Bewohner erschreckend für uns wäre? Wie reagieren wir auf ungewohnte Situationen oder eine ablehnende Haltung der Bewohner? Diese und weitere Gedanken gingen uns im Vorfeld durch den Kopf. IM GESPRÄCH

Frau Schneider ist 85 Jahre alt und laut Auskunft der Pfleger wegen ihrer beginnenden Demenz in der Pflegestufe 1. Sie empfing

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uns freudig und sehr offen. Auf den ersten Blick schien sie mental sehr fit und überhaupt nicht hilfsbedürftig, Sie ist sehr belesen, zeigt uns mit Stolz ihre Plattensammlung und erzählt uns von ihrer Vorliebe für Kreuzworträtsel. Als Urberlinerin fühlt sie sich uns Berliner Studenten gleich ­verbunden.

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— Zu Besuch bei Frau Schneider.

Das Zimmer von Frau Schneider ist auf Funktionalität ausgerichtet und nicht so sehr auf individuelle Gestaltung. Es gibt kaum Raum für eigene Möbel und persönliche Gegenstände, nur ein altes Erbstück, eine Holzbank, findet Platz zwischen dem Heimmobiliar. Der Raum wirkt so, dass man nicht plant, lange zu bleiben. Das Bett ist durch Frau Schneider selbst ordentlich zurecht gemacht, so dass es auch als Sofa ­benutzt werden kann. Pflegerinnen teilten uns mit, dass sie inzwischen schon seit drei Jahren dort lebt. Am Anfang fiel es uns schwer einzuschätzen, was eine Demenz für den Alltag der Betrof­ fenen bedeutet und welche Einschränkungen diese hervorruft, da wir im Vorfeld eher wenig Kontakt mit Betroffenen hatten. Die Literatur erzählt Folgendes: «Die ersten Symptome einer Demenz sind Vergesslichkeit und Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. An ­Demenz erkrankte Personen verlegen oft Dinge, und es fällt ihnen schwer sich zu

konzentrieren. Im Gespräch kann es vorkommen, dass ihnen Wörter nicht mehr einfallen, und in unbekannter Umgebung fällt ihnen die Orientierung schwer. Im fortschreitenden Verlauf der Krankheit verlieren sie nach und nach ihr Langzeitgedächtnis, und nahe Verwandte werden nicht mehr wieder erkannt.» 1 Vor unserem ersten Zusammentreffen mit Frau Schneider haben wir erwartet, dass wir auf eine zumindest im Ansatz orientierungslose und unselbstständige Person treffen würden. Die 85 jährige überraschte uns jedoch, da sie im Gegenteil sehr selbstständig wirkte. Beim zweiten Besuch stellte sich jedoch heraus, dass sie stärkere Erinnerungslücken hat und sich nicht wirklich an das vorherige Gespräch erinnern konnte. Viele Gesprächinhalte wiederholte sie und stellte immer wieder gleiche Fragen an uns. Trotz dieser Erinnerungslücken wirkt sie gebildet und scheint zu wissen, was sie will. Sie ist durchaus in der Lage, unerwartete Situationen einzuschätzen und eigenständig zu handeln. Schon bei unserem ersten Besuch zeigte sich dies: Als eine offensichtlich stark an Demenz erkrankte andere Heimbewoh­ nerin in den Raum platzte und uns gegenüber sehr aufdringlich wurde, handelte Frau Schneider äußerst resolut und geleitete die Frau nach draußen. Im Gespräch über den Zwischenfall stellte sich heraus, dass sie Vorfälle dieser Art als lästig empfindet und sich gestört fühlt. Dass sie von den Hausbewohnern als Vorsitzende des Bewohnerschaftsrats gewählt wurde, war für sie natürlich eine große Ehre. Frau Schneider empfindet ihre Unterbringung in der Pflegeeinrichtung für verfrüht und würde sich noch zutrauen, alleine in ihrer eigenen Wohnung zu wohnen. Kontakt hat sie noch zu ihrem Sohn, den sie aber nicht oft sieht, und zu ihrem 81 jährigen Bruder, der in Berlin wohnt. Gleichaltrige gute Freun-


dinnen, die sie aus der Zeit in Berlin hatte, sind laut ihrer Aussage bereits verstorben. Sie bekommt nicht viel Besuch, das heißt, ihr Leben konzentriert sich auf ihr Dasein im Heim. Hier hat sie stets jemanden, um den sie sich kümmern kann, mit dem sie spazieren gehen, Musik hören und reden kann; so hat sie das Gefühl, helfen zu können und gebraucht zu werden. Außerdem hat sie hier eine gute Freundin. Mit der kann sie sehr gut reden, und sie mag sie sehr.

THEMEN FINDEN

In der Beobachtungsphase war auffällig, dass Frau Schneider gern mehr Kontakte zu anderen Menschen hätte. Immer wieder äußerte sie den Wunsch nach mehr Besuch und mehr Abwechslung im Alltag. Außerdem kristallisierte sich relativ schnell heraus, dass sie sich mit vielen Hausbewohnern nicht wirklich beschäftigt und einige auch gar nicht kennt. Das Hauptproblem dabei ist ihre Demenz, weswegen sie vergisst, dass sie den Bewohnern bereits einmal vorgestellt wurde. Auch an die traditionelle und regelmäßig stattfindende Einführung neuer Bewohner erinnert sie sich nicht. Auf Nachfrage verneint sie sogar die Tatsache, dass ihr neue Bewohner bekannt gemacht wurden. Mit vielen Bewohnern kann sie von der geis­ tigen Fitness her nichts anfangen, sie sieht keine Gemeinsamkeiten und fühlt sich durch einige Bewohner gar gestört.

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Unsere bisherigen Informationen über ­Kontakte unter den Heimbewohnern beschränken sich auf folgende Gelegenheiten: ×× ABB. 3

Gemeinsames Essen an festen Plätzen im Essraum, wobei die Sitzordnung so geregelt ist, dass Sitzplätze nicht getauscht werden.

— Ort der Kommunikation.

Ein Wechsel ist erst nach dem Tod einer

Ihr Tagesablauf sieht folgendermaßen aus: Am Vormittag verbringt sie viel Zeit auf ihrem Zimmer und beschäftigt sich mit sich selbst. Am Nachmittag, während der von ihr so titulierten «Beschäftigungstherapie», besucht sie besonders gern das Singen, die Ratespiele, bei denen sie eine der Besten ist, und malt ab und an ein Bild. Aufgrund ihrer Selbstständigkeit zieht sie sich aber teilweise auch von Gruppenaktivitäten zurück und folgt ihren eigenen Interessen.

Person möglich. ××

Tägliche freiwillige und angeleitete Beschäftigungsangebote am Nachmittag für alle.

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Gemeinsame Spaziergänge und Ausflüge. Individuell zu gestaltender Aufenthalt im Garten in der warmen Jahreszeit. LÖSUNGEN ANSETZEN — IDEEN ­V ERTIEFEN

Um die Situation der Heimbewohner zu verbessern, dachten wir zuerst an eine Maßnahme, die den Bewohnern mehr

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­ ontakt und Abwechslung von außerhalb K bringt. Dies hätte zum Beispiel eine Art Fahrdienst durch Pendler, eine örtliche Zeitschrift, bei der die fähigeren Bewohner mitarbeiten, oder etwas ähnliches sein können. Auch eine Oma/Opa-Ersatzenkel-Initiative oder die Zusammenarbeit mit freiwilligen Gassigängern des Tierheimes wären Ideen in diese Richtung gewesen. Nach näherer Betrachtung scheint es uns jedoch sinnvoller, den Kontakt unter den Bewohnern zu fördern und das Miteinander zu stärken. Hierbei stellt sich uns die Frage, welche Möglichkeiten bestehen, dem Bedürfnis nach mehr Kontakt unter den Bewohnern des Pflegeheimes gerecht zu werden. Wie lässt sich eine informelle Kontaktaufnahme fördern und mehr zufälliges und verbindendes Miteinander ermöglichen? Dabei wollen wir die verschiedenen Interessen der Bewohner im Blick behalten und einen Ansatz finden, der diese sinnvoll aufgreift.

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Besonders interessant und zugleich vielversprechend fanden wir den Ansatz, mehr Gelegenheiten zur Eigeninitiative zu bieten. Bisher erkannten wir eine solche Möglichkeit für Frau Schneider nur in den individuell vereinbarten Spaziergängen mit der HeimMitbewohnerin Frau Müller, von denen sie uns berichtet hatte. Als sie vom Tod eines ihr nahe stehenden Heimbewohners sprach, erzählte sie uns von einer Gedenktafel, auf der die verstorbenen Bewohner mit einem kurzen Text zu ihrer Person und einem Foto verabschiedet werden. Diese Geste gefiel ihr sehr, und die Frage, ob sie gern mehr über die Bewohner auch schon zu Lebzeiten w ­ issen würde, bejahte sie. Angesprochen auf Kommunikationsmedien, meinte Frau Schneider, dass Zeitungen für sie wichtig sind. In ihrer Jugendzeit spielten auch Poesiealben für den Austausch unter Freunden und Verwandten eine Rolle.

Aus den Gesprächen mit Frau Schneider und dem Hinweis auf die Gedenktafel entstand die Idee, nicht nur die Geste der Verab­ schiedung, in diesem Fall von verstorbenen Bewohnern, in den Vordergrund zu stellen, sondern auch neue Bewohner auf eine ähn­ liche Weise einzuführen und vorzustellen. Um der Demenz entgegenzuarbeiten, könnte eine Wiederholung und eine «Verbildlichung» sowohl das Kennenlernen als auch das ­spätere Sich-Erinnern fördern. Hier könnte die Idee einer Heim-Zeitung aufgegriffen werden, in der die Bewohner auch selbst aktiv einen Beitrag leisten könnten, indem sie z. B. Interviews führen. Ein weiterer Aspekt, der unser Interesse weckte, war, dass Frau Schneider stets nach ­Gemeinsamkeiten sucht. Sie freut sich zum Beispiel über gleiche Interessen in der Musik und erzählte wiederholt, wie schön sie es findet, dass ihre Nachbarin Frau Müller auch aus Berlin kommt. In der Regel bleiben die Interessen und Vorlieben einzelner Bewohner jedoch hinter der verschlossenen Zimmertür. Sie sind für andere, selbst für die direkten Nachbarn, nicht sichtbar. Eine Nutzung virtueller sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter erscheint uns hier selbstverständlich nicht geeignet. Und doch wäre es großartig für die Heimbewohner, wenn sie ihre Interessen stärker nach außen tragen könnten und ihnen über eine Schnittstelle Kontakt zu Gleichgesinnten ermöglicht würden. Wir stellen uns hierbei eine Lösung vor, die neben einer Bestärkung des Austausches ebenfalls den Aspekt der größeren Eigeninitiative beinhaltet. Dazu sollte es den jeweiligen persönlichen Kommunikationsradius erweitern, positive soziale Begegnungen hervor­ rufen und durch all dies möglichst häufig auch ein Lächeln in die Gesichter zaubern. «Die Entwicklungen im anglo-amerikanischen Raum zeigen, dass es nicht nur um die Frage geht, wie Menschen mit Demenz ihr


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— Zur Erinnerung.

Schicksal selbst mitbestimmen können, indem sie aktiv in die Planung von Versorgungsleistungen einbezogen werden, ­sondern dass es auch von entscheidender Bedeutung ist, welche gesellschaftliche ­Position ihnen zugestanden und inwieweit ihnen soziale Teilhabe ermöglicht wird.» 2 Es entstand die konkrete Idee eines Poesiealbums, wie es viele von uns von früher kennen – und wie es schon in der Jugendzeit der Heimbewohner üblich war. Jeder Bewohner erhält solch ein Poesiealbum, in dem sich dann die anderen Heimbewohner, das Pflegepersonal und auch Angehörige eintragen könnten. Eine Seite in diesem Poesiealbum enthielte gezielte Informationen zum Leben der Person. In unserer Vorstellung könnte diese Seite zum Beispiel Angaben enthalten zu Vor- und Familiennamen, Geburtsdatum, «wo habe ich gelebt» und «wie viele Kinder habe ich». Außerdem könnten Fotos

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Da das Heim bei den Nachmittagsveranstaltungen Basteln anbietet, wäre dies, gegebenenfalls mit Hilfe des Personals, eine gute Gelegenheit, Seiten der Poesiealben zu füllen. Wünschenswert wäre es auch, wenn die Bewohner sich gegenseitig helfen würden, denn einige wenige können auch noch schreiben und haben noch größere feinmotorische Fähigkeiten. Zusammen mit anderen Bastelutensilien wären die Stempel in einer Nische des Speise- und Aufenthaltraumes untergebracht. Die Poesiealben jedoch sollten von den Besitzern aufgehoben werden, so dass sie sich die Seiten ihrer Mitbewohner jederzeit anschauen könnten. Das Poesiealbum soll an der Tür des Besitzers angebracht werden, so dass es, ist es einmal verlegt, von den Pflegern schnell wieder an seinen Platz zurückgebracht werden kann und der Bewohner bei jedem Passieren daran erinnert wird, dass er ein solches Büchlein besitzt. Eine Bibliothek von Poesiealben der Verstorbenen könnte entstehen. Alle Besitzer eines Albums würden damit Spuren hinterlassen. Sie würden erfahren, dass etwas von ihnen im Heim bleibt und dass sie so in Erinnerung bleiben.

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Unsere hauptsächliche Herausforderung besteht nun in der alters- beziehungsweise demenzgerechten Gestaltung des Poesiealbums und der dazugehörigen Stempel. Dabei sind nicht nur visuelle Kriterien wie die Motivwahl der Stempel und das Layout des Buches wichtig. Es bedarf auch der Evaluation ergonomischer Parameter wie die Wahl eines geeigneten Papiers sowie die Formgebung und die Haptik der Stempel. Um weitere Wahrnehmungskanäle des Demenzerkrankten anzusprechen, war es eine weitere Überlegung, Gerüche und Töne mit einzubinden. Dies könnte beispielsweise über das Abspielen einer Melodie beim Öffnen des Poesiealbums geschehen oder auch durch scheinbar willkürliche Töne nach einem vorbestimmten Zeitintervall. Das würde den

Bewohner wieder auf das Poesiealbum aufmerksam machen und es so erneut in Erinnerung rufen – und im Idealfall zu einem Durchblättern animieren. Der Zusatz von Duftstoffen könnte mittels Stempelfarbe beziehungsweise durch das Tränken des Papiers erfolgen. Die Tür eines jeden Wohnraums erfährt eine besondere Personalisierung, allein schon dadurch, dass an ihr das Poesiealbum befestigt und untergebracht wird. Jedoch soll die Tür weniger den funktionalen Aspekt der Aufbewahrung erfüllen, vielmehr soll die Tür generell personalisiert werden. Sie soll von den Bewohnern, von denen, die hinter der jeweiligen Tür wohnen, individuell gestaltet werden können. Die Tür wäre dann zum Beispiel so etwas wie die eigens gestaltete Seite, die in den Poesiealben der anderen Bewohner steckt. Zusammenhänge zwischen Poesiealbenseiten und Türen könnten geknüpft werden, auch ein Vergleichen wäre möglich. Eventuell kann somit auch hier ein Wiedererkennen stattfinden – «achja, da wohnt der Nachbar, der hat mir ja so etwas wie an dieser Tür auch in mein Poesiealbum gemalt». Die bisherigen Fotos an den Türen, die der Orientierung dienen sollen, würden bleiben. Wir sind der Überzeugung, dass bei einer ­individuelleren Türgestaltung sogar eher mehr Fotos angebracht werden sollten, auch von anderen Menschen, die im Leben der Bewohner eine Rolle gespielt haben, einen Platz an der Tür finden könnten. Deren bild­ liche Präsenz würde die Erinnerung anregen. Die Inhalte an den Türen könnten aber auch Neugier bei Vorübergehenden wecken, ­Gemeinsamkeiten aufzeigen und zu neuen Gesprächsthemen zwischen den Bewohnern führen.


Um unsere Überlegungen in Bezug auf ein «Pflegeheim-Poesiealbum» dem Test der Praxistauglichkeit zu unterziehen, haben wir mit Hilfe von Frau Schneider und anderen Bewohnern diverse kleine Versuche durchgeführt, die wir im Folgenden kurz aufführen möchten. TESTREIHE UND ERGEBNISSE

Um herauszufinden, welche Gestaltung am besten geeignet ist und welche Materialien ältere Menschen in einem Poesiealbum bevorzugen, befragten wir einige Testpersonen. Durch die Präsentation verschiedener Ausführungen haben wir versucht, Vorlieben und auch Fähigkeiten der Bewohner einzuschätzen. Im Bezug auf die Materialien stellt sich sehr klar heraus, dass die Befragten Transparentpapier haptisch als am angenehmsten empfanden. Für den Einband eines solchen Buches würden einige der Nutzer Leder oder Seide bevorzugen. Insbesondere Leder erinnere im Besonderen an das eigene frühere Poesiealbum.

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— Eine Auswahl treffen.

Darüber hinaus wollten wir herausfinden, ob es Schriftarten und -größen gibt, die favorisiert werden. Vom Gefühl her wählten viele eine geschwungene, alte Schriftart.

Bei der Frage nach der Lesbarkeit jedoch entschieden sich fast alle Befragten für eine serifenlose Druckschrift; dabei war es unwichtig, ob die Buchstaben groß oder klein geschrieben waren. Bei der Schriftgröße ist es schwierig zu sagen, welche am besten geeignet ist, da die Befragten unterschiedliche Sehfähigkeiten (und Brillenstärken) haben. Ab einer Schriftgröße von 16 waren aber alle Tester fähig, verschiedene Schriften zu lesen, selbst verschnörkelte «Schönschriften». Bei der Abwägung verschiedener Stem­ pelsymbole fiel die Wahl oft auf sehr natur­ getreue Abbildungen, auf wie sie sagten ­«normale» Darstellungen. Also war ihnen wichtig, dass die Bilder der Realität möglichst ähnlich waren. Insgesamt kann man sagen, dass die be­ fragten Menschen das Stempeln als eine sehr schöne Alternative zum Schreiben ­empfanden.

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In unserer Testreihe ging es uns auch darum, herauszufinden, wie die Bewohner des Heimes grundsätzlich zur Idee stehen, ein ­Poesiealbum zu führen. Einige würden in ihrem Alter kein Poesiealbum mehr führen wollen. Auf Nachfrage sagten sie jedoch, dass sie durchaus gern für andere etwas Persön­ liches malen oder schreiben würden, was wiederum der Grundidee des Poesiealbums sehr nahe kommt und somit Potenzial für eine spätere Nutzung eröffnet. Wir schließen aus den Aussagen, dass die Bezeichnung «Poesiealbum» nicht geeignet wäre, da es zu sehr als Artefakt der Kindheit und Jugend angesehen wird. Die Bewohner selbst sagten, dass es nicht mehr in den Alltag eines älteren Menschen passe. Oft wird kritisiert, dass die Bewohner in Pflegeheimen allein gelassen würden und keinen Kontakt nach außen haben. Wir empfinden es als enorm wichtig für ältere

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­ enschen, den Bezug zur aktuellen Zeit und M zu ihrer Familie nicht zu verlieren und Umgang mit jüngeren Menschen zu haben.

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Jedoch sehen wir auch ein großes Potential darin, die Kontakte der Heimbewohner zu­ einander zu stärken. Ein Mensch in einer niedrigen Pflegestufe, der also «noch einigermaßen fit ist», ist durchaus in der Lage, sich an sozialen Kontakten zu erfreuen und diese zu pflegen. Oft fehlt lediglich ein Anstoß. Durch verschiedene Hilfestellungen wie die oben beschriebenen, insbesondere unsere Idee des «Pflegeheim-Poesiealbums», glauben wir, die Kommunikation zwischen und die Nähe zu anderen Heimbewohnern effektiv stärken zu können und eine größere Bindung zum Ort zu schaffen.

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1

http://www.wegweiserdemenz.de

2

Hearing the Voice of People with Dementia in: Journal DeSS-orientiert, 1/06. Stuttgart: Demenz Support gGmbH, 2006. S. 27


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Susanne Bramer — Christopher Pietsch — Julian Stahnke — J­ eremias Volker

OHNE SPIELREGELN

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EIN FREUNDLICHER EINDRUCK

Durch den Eingangsbereich des ­ asenheyer Stiftes kommt man an einer H gemütlichen Sitzecke mit einer großen ­Voliere voller zwitschernder Vögel vorbei, direkt in einen Saal mit Fensterfront, in dem die Mahlzeiten und das Tagesprogramm stattfinden. Die Bewohner sitzen auf festen Plätzen an ihren Tischen und unterhalten sich, nehmen ihre Mahlzeiten zu sich oder beteiligen sich an täglich wechselnden Aktivitäten. Die Aktivitäten sind in einem gedruckten Programm zusammengefasst, das von einer Bewohnerin, die früher von Beruf wahrscheinlich schlecht gelaunte Beamtin war, mit strenger Stimme vorgelesen wird. Das Programm hängt auch an jedem der vielen schwarzen Bretter im Haus. Dort gibt es zusätzlich viele andere Informationen, beispielsweise über den Essensplan, den Heimbeirat oder das LAFIM-Monatswort, die leider alle eher schwer zu lesen sind. Außerdem ist eine Fotocollage vom letzten Sommerfest zu sehen. Direkt an den Saal angeschlossen ist eine kleine Küche, in der kalte Gerichte und Zwischenmahlzeiten zubereitet werden. Warme Mahlzeiten kommen aus dem größeren Emmaus-Haus, das nicht weit entfernt in der Nauener Vorstadt liegt. Zudem gibt es eine Wäscherei. Außerdem befinden sich im Erdgeschoss Büros. Die Zimmer der überwiegend weiblichen Bewohner sind in den beiden Obergeschossen gelegen, in die man über einen Fahrstuhl oder eine weniger genutzte Treppe gelangt. Aus dem Fahrstuhl heraus tritt man in eine Art kleine Wartehalle – in die Mitte mehrerer, sich kreuzender Flure, die in jedem Stockwerk eine andere Farbe haben. Es gibt eine kleine Sitzgelegenheit, in der Bewohner vor den Mahlzeiten sitzen und war­ ten, nach unten in den Saal gebracht zu werden, oder dem regen Treiben zuschauen.

Dieser Platz ist eine Art Schnittstelle, an der alle vorbeikommen. Im ganzen Heim herrscht tagsüber nie Ruhe: Rollstühle werden hin und her geschoben, Leute reden miteinander, durcheinander oder auch nur mit sich selbst, ab und an schreit jemand. An diesem zentralen Punkt ist auch der Aufenthaltsraum für die Bewohner, in dem es einen Fernseher, Musik und eine kleine Küche gibt. Direkt daneben befindet sich der Aufenthaltsraum für die Pfleger. Eine Pflegerin, die gerade von 22.00 Uhr bis 6.30 Uhr in der Nachtschicht gearbeitet hat, zieht sich um, obwohl die Pfleger ermutigt werden, gewöhnliche Kleidung zu tragen, damit eine familiäre Atmosphäre entsteht, tragen die meisten weiße Pflegesachen. Sie erzählt, wie die morgendliche Routine abläuft: Bevor die Bewohner geweckt werden, wird das Gebäude geputzt und alles aufgeräumt. Dann gehen die Pfleger herum, klopfen ­vorsichtig an die Zimmertüren und schauen, wer schon wach ist. Danach helfen sie den Bewohnern aufzustehen, sich zu waschen und anzuziehen, sofern diese das nicht mehr selbst können. Wenn die Bewohner fertig sind, gehen sie zum Fahrstuhl oder werden dort hingebracht. Dann warten sie darauf, dass es Frühstück gibt und sie nach unten fahren oder gefahren werden. Während die Bewohner auf das Frühstück warten, wird ein großer, mit Müllbeuteln beladener Wagen für alle gut sichtbar durch den Flur geschoben. Die Bewohner, die mehr Ruhe benötigen und nicht mehr nach unten in den großen Saal wollen oder – oft aufgrund von Demenz – können, bleiben im Aufenthaltsraum. Hier nehmen sie ihre Mahlzeiten zu sich, sehen Fern oder hören Musik, die von den Pflegern ausgewählt wird. In der Adventszeit gibt es sehr viel Weihnachtsmusik zu hören. Pfleger, Therapeuten oder Angehörige beschäftigen sich immer wieder mit ihnen: so gibt es zum Beispiel einen großen hellgelben Ball mit

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Noppen, den die Bewohner auf dem Tisch hin- und herrollen. Oft beschäftigen sich die Bewohner jedoch mit sich selbst. Eine Dame spielt und redet mit ihrer Puppe, eine andere hat einen bunten Becher vor sich stehen, den sie ständig anfasst, mit ihren Händen erkundet und dann wieder zurückstellt. Eine weitere Dame knetet erst am Tischtuch herum und streicht es dann wieder glatt. Kurz darauf fängt sie von vorne an. Zwischendurch nickt der Eine oder Andere kurz ein. Nach dem Abendessen ist es für die Bewohner Zeit, auf ihre Zimmer zu gehen. Wer kann, macht sich selbst fertig, sonst helfen die Pfleger. Auch Bewohner, die noch aktiver sind, müssen auf ihre Zimmer, da abends und nachts nur wenige Pfleger im Heim sind, und sie nicht unbeaufsichtigt allein in den Aufenthaltsräumen sitzen sollen. Wenn sie einen Fernseher auf ihrem Zimmer haben, wird der oft noch ein wenig angestellt, erzählt uns ein junger Pfleger während einer Pause.

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Die Zimmer liegen an relativ verwinkelten, dunklen Fluren. Neben den Zimmertüren sind Namensschilder angebracht, bei vielen auch ein Bild des Bewohners. Meistens teilen sich die Bewohner aus zwei Zimmern ein gemeinsames Bad. Ihre Zimmer können sich die Bewohner selbst einrichten; viele bringen Möbel aus ihrer vorigen Wohnung mit. BEWOHNERANEKDOTEN

Gespräch mit Herrn Paul

Im Aufenthaltsraum der zweiten Etage begegnen wir Herrn Paul und kommen mit ihm ins Gespräch. Herr Paul ist 90 Jahre alt und lebt mit seiner Frau im Heim, da diese stark dement ist. Die beiden wohnen des­ wegen auch voneinander getrennt in verschiedenen Zimmern. Er ist der einzige Mann auf der Etage und geistig sowie körperlich noch relativ fit. Er fühlt sich oft gelangweilt und unterfordert, da er keinen Gesprächspartner und keine Aufgabe hat. Meistens sitzt

er herum und wartet oder sieht fern. Auf einer anderen Etage war er noch nie. Interesse etwas zu unternehmen oder das Heim zu verlassen, hat er nicht. Er schläft gern, da dann die Zeit schneller vergeht und er seine Sorgen vergisst. Ihm ist bewusst, dass das Heim die letzte Station in seinem Leben ist. Er empfindet die Örtlichkeit als «zweckmäßig». Er hegt den Wunsch «weg zu gehen» und meint damit zu sterben, da dies sein vorbestimmter Weg sei. Die Zeit im Heim empfindet er als Wartezeit. Herr Paul ist ein typisches Beispiel dafür, was passiert, wenn in einer Ehe ein Partner dement und damit pflegebedürftig wird und der andere Partner mit ins Heim zieht. Auch über diesen Fall haben wir uns in unserer Ideenfindung Gedanken gemacht. Gespräche mit Frau Dunker (Leiterin des Heims) und einer jungen Pflegerin

An einem anderen Morgen sprechen wir mit Frau Dunker über die musikalischen Gewohnheiten der Bewohner. Wir überlegen, den Bewohnern Musik vorzuspielen, um sie zu stimulieren. Frau Dunker erzählt uns, dass Musik von den 20ern bis 80ern gehört wird. Die Bewohner sängen regelmäßig. Dazu zeigt sie uns das Gesangbuch Schlager der 20er bis 40er 1, zusammengestellt vom Tageszentrum am Geiersberg. In ihm befinden sich einerseits bekannte Lieder, wie Auf der Reeperbahn, Veronika, der Lenz ist da oder Wochenend und Sonnenschein, andererseits auch in Vergessenheit geratene, wie Regentropfen, die an dein Fenster klopfen, Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren oder Es geht alles vorüber. Frau Dunker versteht uns, vielleicht nicht ganz ohne Absicht, ein bisschen falsch und gibt uns zu verstehen, dass es immer gut ankäme, wenn jemand ein Instrument spiele. Auf das Einschlummern der demenzkranken Bewohner angesprochen, erklärt uns Frau Dunker, dass dies kein Grund zur Sorge sei, da die Bewohner sehr schnell müde würden und


ihren Schlaf benötigten. Sie verweist auf das Konzept der 10-Minuten-Aktivierung, bei der die dementen Bewohner 10 Minuten lang intensiv mit Schlüsselreizen für alle Sinne beschäftigt werden, was oftmals schon aus­ reiche. Sie bringt uns dann zu einer Pflegerin, die häufiger mit den Bewohnern singt und ­genauer Bescheid wüsste, was die Bewohner gern hören. Nach wenigen erläuternden Worten von Frau Dunker fragt die Pflegerin die Bewohner nach ihren Lieblingsliedern, da «in wenigen Tagen ein paar junge ­Burschen mit Instrumenten zum Singen» vor­beikämen. Wir lächeln freundlich und bewegen uns langsam in Richtung Tür.

nicht mehr gespielt – sie könne nur noch eine Hand benutzen, und das würde doch wie bei einem Kind klingen. Aber eigentlich will sie nicht darüber sprechen und schweift schnell wieder ab. HERAUSFORDERUNGEN IM ALLTAG

Folgende Probleme und Schwierigkeiten des Alltagslebens sind uns aufgefallen: ××

Laut eines gehbehinderten Bewohners sind die Bänke im Garten viel zu niedrig, so dass er Schmerzen in den Knien bekommt und zudem kaum alleine aufstehen kann.

××

Viele Drucksachen sind selbst für junge Studenten schwer zu lesen: kleine Schriften oder 40 cm breite Zeilen machen es

Gespräch mit Frau Seidow

Als wir den Bewohnern Musik vorspielen wollen, macht uns ein Pfleger mit Frau Seidow bekannt, die früher Musiklehrerin war. In ihrem Rollstuhl sitzend empfängt sie uns in ihrem Zimmer. Überall stehen Regale voller CDs. Während des Gesprächs drückt und spielt sie ständig an ihrer Handtasche herum, die auf ihrem Schoß liegt. Mit acht Jahren hatte sie angefangen, Klavier zu spielen, die ersten Stücke waren aus «Der junge Pianist». Zusätzlich nahm sie Gesangsunterricht. Vor einiger Zeit hatte Frau Seidow einen Schlaganfall und kann seitdem nicht mehr Klavier spielen. Sie sträubt sich, über Musik zu sprechen und weicht aus, erzählt uns stattdessen viel über geschicht­ liche Ereignisse, wie Mussolini und Hitler, oder West-Berlin und die Mauer. Sie wird immer wieder aufbrausend und sagt, dass sie nicht wisse, was wir von ihr wollten und sie uns nicht weiterhelfen könne. Sie hört oft André Rieu. Heute sucht sie verzweifelt eine CD mit Weihnachtsliedern von Pavarotti und Carreras, die, wie sie vermutet, hinters Bett gefallen sei. Dort können wir sie jedoch nicht finden. Klavier hat sie seit ihrem Schlaganfall

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den Bewohnern nicht leicht, das LAFIM-

Monatswort oder den Essensplan zu lesen. ××

Die Bewohner warten morgens sehr lange vor dem Fahrstuhl bis es Frühstück gibt.

Ob das nun daran liegt, dass einige einfach

als erste geweckt werden müssen und dann nichts zu tun haben, oder ob sie freiwillig dort sitzen, ist uns nicht klar geworden. ××

An einem Morgen wurde der Wagen mit den Abfällen der letzten Nacht an allen Bewohnern vorbei zum Fahrstuhl gerollt.

××

Zucker- und Salzstreuer sind selbst für Menschen im besten Alter nicht immer leicht zu unterscheiden; einige Bewohner hatten beim Frühstück eben dieses Problem und hätten sich beinahe Salz in den Kaffee geschüttet.

××

Laut einem Mitarbeiter sind der Grundriss und die Zimmerverteilung ungünstig, da die Flure, somit auch die Wege, sehr lang und teilweise verwirrend sind. Auch wir fanden die Flure recht verwinkelt und waren desorientiert.

××

Ein anderer Mitarbeiter sagte, dass es nicht genügend Pfleger gäbe, um eine wirklich angemessene Betreuung zu gewährleisten. Dieses Problem hat aber anscheinend nahezu jedes Heim.


××

Die demenzkranken Bewohner auf Station 1 haben scheinbar oft nichts zu tun. Sie sitzen herum, spielen an der Tischdecke, an Bechern oder ihrer Kleidung, manche brummeln vor sich hin. Die Pfleger haben nicht genügend Zeit, sich dauer­ haft mit ihnen zu beschäftigen. MOTIVATION

Erster Ansatz: «Stimulation durch Musik – Eine Zeitreise»

Aufgrund der Beobachtungen im Heim, den Gesprächen mit Bewohnern und Pflegern, und dem Wunsch nach Konzentration auf einen Sinn, den Hörsinn, entschlossen wir uns, dies zu unserem zentralen Thema zu ­machen.

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Musik hat vielseitige Effekte: sie aktiviert zum einen Körper und Psyche, emotiona­ lisiert, regt zum Mitsingen und zur Bewegung an. Zum anderen beruhigt sie Körper und Seele, löst Erinnerungen und Assoziationen aus und regt zum Träumen an. Die eine Seite, die Aktivierung, wird zum Teil auch schon im Altenheim realisiert. Es gibt regelmäßig Stunden, bei denen in der Gruppe mit Textzetteln gesungen wird. Des Weiteren wird im Aufenthaltsraum Hintergrundmusik gespielt. Bei beiden Aktionen ist jedoch immer die Gruppe im Fokus, weniger das Individuum mit seinen eigenen Wünschen und Vorlieben. Die beruhigende Wirkung, welche vom Assoziieren und Träumen ausgeht, wird durch ­diese Maßnahmen nur peripher gesehen. Unser Ansatz war es, einen aus Musik bestehenden Zeitstrahl zu entwickeln, den der Bewohner ganz individuell durchlaufen kann; eine ganz gezielte Wirkung der Musik auf den Einzelnen unter Berücksichtigung seines Geschmacks. Unsere Intention lag darin, durch Musik an bestimmte Lebenssituationen zu erinnern und eine Zeitreise von der

Kindheit über die Jugend bis hin zu den verschiedenen Phasen und Ereignissen des Erwachsenenalters zu ermöglichen. Bevor wir uns an eine Konkretisierung unserer Idee sowie die Ausarbeitung der Interaktionsmöglichkeiten gesetzt haben, wollten wir jedoch herausfinden, ob die Bewohner überhaupt eine Reaktion in Form von Mimik oder Gestik auf Musik unterschiedlicher Zeit zeigen, diese also einordnen können, wenn sie ihnen bekannt ist. Nach einem Versuch mit drei Bewohnern (sowohl mit Personen, die sich noch artikulieren konnten, als auch mit denen, die sich nur noch eingeschränkt durch Mimik und Gestik bemerkbar machen konnten), wurde uns jedoch schnell klar, dass kaum ein Bezug zustande kommt. Wir spielten bekannte Stücke ihrer Jugend aus den 30ern bis 50ern. Es war zu schwierig und wäre zu langwierig gewesen, für jeden einzelnen Bewohner die passenden Musikstücke herauszusuchen, um ihn in dem Maße anzuregen, in dem wir es vorsahen. Dazu war die Bandbreite der Musik, die zur Auswahl stand, zu umfangreich. Finaler Ansatz: «Überwindung der Apathie durch Reizstimulation am Tisch»

Die gesammelten Erfahrungen und das Ausbleiben der erwarteten Resonanz auf unsere ersten Tests veranlasste uns dazu, einen neuen Ansatz zu versuchen. Unsere Beobachtungen und Befragungen nahmen wir vor allem im Aufenthaltsraum vor. Dabei stellten wir uns unter anderem die Frage, wer entscheidet, welche Bewohner sich wie lange dort aufhalten dürfen. Meist saßen vier bis fünf Bewohner an einem ­rechteckigen Tisch, auf dem sich nur eine Tischdecke befand, die auch gern als Beschäftigung genutzt wurde. Eine andere Ablenkung bestand im Fernsehen, wobei hier das Programm von den Pflegern bestimmt wird.


Die fehlenden Anreize zur Beschäftigung sind uns allen nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Wie kann man die Bewohner dazu bewegen, aktiv zu werden und in Aktion zu treten – mit sich selbst, ihrer Umgebung und mit anderen? Wenn Menschen mit Demenz unruhig sind und schreien, Wahnideen oder Angstzustände haben, dann hilft die bewusste Gestaltung ihres Umfeldes. Doch ein kahler Tisch und die einfache Bespielung nebenbei durch Radio oder Fernseher können auf Dauer keine ausreichende Beschäftigung sein. Unser Ansatz sollte über taktile, visuelle und/ oder auditive Stimulation realisiert werden, wobei die auditive Stimulation aufgrund unseres ersten Ansatzes einen besonderen Stellenwert einnahm. Wichtig war uns auch, dass unser Konzept möglichst unbeaufsichtigt funktionieren sollte. Die Bewohner sollten selbstbestimmt entscheiden und es nahezu ohne fremde Hilfe nutzen können. REFERENZPROJEKTE

Nach einer Recherchephase haben uns drei Projekte aus anderen Zusammenhängen besonders beeinflusst: Sphero

Bei Sphero handelt es sich um einen Ball, der über das Smartphone gesteuert frei bewegt werden kann. Zudem lässt sich seine Farbe verändern. Davon ausgehend fanden wir den Gedanken sehr spannend, einen Ball zu entwerfen, der nicht vom Tisch rollen kann und sich selbst wieder anstößt, wenn er eine Zeit lang nicht bewegt wird – als genereller Anreiz um in Interaktion zu treten, oder wenn der Ball außer Reichweite gerät. Das Konzept des Roboterballs würde auch die Anwesenheit einer Pflegekraft nicht zwingend voraussetzen und somit die Selbstbestimmung der Bewohner fördern.

Klangwiese

Die Klangwiese ist eine interaktive Klanginstallation von Jochen Fuchs und Raiko Moeller, welche im Kurs Musical Interfaces an der FH-Potsdam unter der ­Leitung von Prof. Reto Wettach und Prof. ­B oris ­Müller entstand.1 Der Nutzer kann durch Streichen über eine Kunstwiese verschiedene abstrakte, sphärische Töne erzeugen. Unter Umständen könnte die Klang­wiese Demente gut stimulieren. Klangsteine

Bei den Klangsteinen handelt es sich um Steinblöcke, die mit Lamellen versehenen sind und mit befeuchteten Händen zum Klingen gebracht werden können. Sie werden in der Musiktherapie eingesetzt und wurden erstmals in der Aerpah-Klinik in Esslingen im Jahr 2008 eingeführt. Mit ihnen wird erprobt, welche Wirkung eine Komposition von Farben, Gerüchen und Klängen auf die Stimmung hat (im Besonderen bei Senioren). Über die Steine versucht der Therapeut unter anderem auch einen Zugang zu demenz­ kranken Patienten zu finden.

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«In der KlangSteinTherapie verbinden sich Musik und Medizin, die Schönheit der Klangsteinmusik mit der Heilkraft der harmonischen Schwingungen. Das Hören, Fühlen und Spielen der Klangsteine hat positive Wirkung auf den Körper, seine Bewegungen und die seelische Verfassung. Die Schwingungen, die von den Händen am Stein ausgelöst werden, werden über die Luft als Schallwellen und über den direkten Kontakt mit dem Stein als Vibrationen auf den Körper übertragen. Die Übertragung der Schwingungsenergie erfolgt entsprechend den physikalischen Gesetzen der Resonanz frequenzspezifisch auf bestimmte Gewebe und Organe.» 2 «Die KlangSteinTherapie hat auch bei demenzkranken Menschen verschiedene heilsame Aspekte. Durch die Spiegelneuronen in


unserem Gehirn sind wir Meister im Imitieren von Bewegungen. Auf dem Partner­ stein kann der demenzkranke Patient den ­Therapeuten nachahmen. Es können Ebenen der Seele erreicht werden, zu denen die ­Sprache allein keinen Zugang mehr erhält.» 3 PROTOTYPEN

Testsituation

Wir setzten uns mit zwei Bewohnerinnen zusammen an einen Tisch des Gemeinschaftsraumes, um unsere Prototypen mit ihnen auszuprobieren. Alle Nebengeräusche, wie die des Fernsehers, wurden freundlicherweise durch das Pflegepersonal abgestellt. Ein Patient verließ daraufhin mürrisch den Raum, um in seinem eigenen Zimmer weiter fernsehen zu können. Neben den beiden Damen befand sich noch eine weitere Bewohnerin im Raum. Sie schien aber geistig abwesend und nicht am Geschehen interessiert zu sein.

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Tastring

Der Tastring besteht aus einem Styroporring, auf dem wir verschiedene Materialproben befestigten. Die Idee dabei war, den Tastsinn der Bewohner zu stimulieren. Normalerweise geschieht dies dadurch, dass sie konkrete, ihnen bekannte Gegenstände in die Hand nehmen und ertasten. Wir wollten schauen, ob dies auch auf eine abstraktere Art möglich sei, um dann in einem zweiten Schritt das Taktile als Auslöser für andere Reize zu nutzen.

Wir wählten Materialien mit möglichst prägnanten Oberflächen aus: rauhe Jute, weichen Filz, Gummi, genoppte Pappe. Die Form des Ringes sollte helfen, die verschiedenen Oberflächen einfach berühren und ertasten zu können.

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— Tastring.

Leider erwies sich die Ringform als unbrauchbar. Der Tastring wurde von den Bewohnern vorwiegend als unfertiger Weihnachtskranz identifiziert und dementsprechend nicht beachtet oder, wie für einen Weihnachtskranz üblich, in die Mitte des Tisches geschoben. Die von uns erhoffte Reaktion des spielerischen Tastens und Fühlens der verschiedenen Materialien blieb aus. Bei der Entwicklung dieses Prototyps haben wir uns zu sehr auf die reine Stimulation der Finger konzentriert. Eine Form oder einen Gegenstand, die/der den Bewohnern bekannt ist, kann man wahrscheinlich nicht mit einer neuen Funktion belegen. Obwohl die Oberflächen des Ringes sehr wohl stimulierend wirken können, war der Ring als ganzes alles andere als stimulierend. Um ein ansprechendes Objekt zur Unterhaltung zu erschaffen, bedarf es also mehr als nur einen fokussierten Blick auf die Stimulation der Nerven in den Fingern. Vielmehr ist es angebracht, eine geistige Anregung zu schaffen, die über komplexe Zusammenhänge funktioniert, wie z. B. der Einsatz einer Puppe oder tierähnlicher Objekte. Obwohl abstrakte Objekte wie die Klangsteine als Instrument funktionieren können, blieb die Stimulation in unserem Fall aus.


Klangwiese

Die Klangwiese besteht aus einem Stück Kunstrasen mit langen, biegsamen Gras­ halmen und mehreren Blumen mit rosafarbenen Blüten. Dazwischen befinden sich fünf Lichtsensoren, welche die Veränderung der Lichtverhältnisse messen können. Die ermittelten Sensordaten werden mittels eines Mikrocontrollers (Arduinoboard) ausgelesen und an einen Computer gesendet. Für jeden Sensor spielt dieser einen anderen Klang ab, entsprechend der Lichtverhältnisse lauter oder leiser. Je intensiver also eine Hand die Wiese betastet, desto lauter ist der entsprechende Klang. Ein natürlicher Gesamtklang entsteht, der durch den Benutzer beeinflusst werden kann.

stration, bei der wir zum Teil ihre Hand führten, schon wahrzunehmen, dass das Objekt auf sie reagiert. Die Wiese wurde daraufhin von ihr gedreht, vielleicht um sie zu begutachten? In ihrem Gesicht ließ sich eine gewisse Ratlosigkeit ablesen. Nach abermaliger Erklärung verzerrte sie abwertend ihr Gesicht. Die zweite Bewohnerin interessierte sich viel mehr für unser Erklärtes, als direkt für die Wiese. Auf die Bitte, die Hand noch einmal auf die Wiese zu legen, sagte sie, dass Sie es doch bereits mit unserer Hilfe probiert hätte. Die stark zurückhaltende Reaktion der Testpersonen könnte mehrere Ursachen haben. Einerseits könnte eine Kunstwiese von den Bewohnern auch mit Blumen auf dem Tisch verglichen werden. Es entspricht einfach nicht ihren Gewohnheiten, dort hineinzugreifen. Andererseits schien auch die Auswahl natürlicher Geräusche nicht über die Tatsache hinweg zu helfen, dass die Realität doch anders ist. Frösche oder Vögel leben eben draußen, nicht auf dem Tisch. Die unnatür­ liche Vermischung von bekannten und themenverwandten Elementen führt mög­ licherweise eher zu Verwirrung.

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— Klangwiese.

Ähnlich wie bei einem Musikinstrument werden sowohl Gehör als auch Tastsinn zusammen angesprochen und durch die Art der Bedienung miteinander verbunden. Für die Verwendung der Klangwiese wählten wir natürliche Klänge wie Wasserrauschen, Frosch-Quaken oder Vogel-Zwitschern. Beim Vorstellen der Klangwiese saßen sich die beiden Bewohnerinnen am Tisch gegenüber, wir setzten uns dazwischen. Als wir ihnen die Wiese jeweils einzeln zeigten, nahmen beide zwar die Wiese wahr, von allein ergab sich jedoch keine Reaktion. Die erste Bewohnerin schien während der Demon­

Ein großes Problem der Klangwiese war die Verortung der Klänge. Durch die Bauweise bedingt, kamen die Klänge aus dem Computer und nicht aus der Wiese selbst. Jegliche Ein- und Ausgabeelemente sollten also idealerweise in einem Objekt Platz finden. Außerdem sind unterschiedliche, auch abstraktere Klänge, sowie weitere Materialien wie Fell oder Watte vielleicht Erfolg versprechender. Der bei Demenzpatienten erfolgreich eingesetzte Therapieroboter Paro, der japanischen Firma Paro Robots, wurde einem flauschigen Robbenbaby nachempfunden und kann hierbei als Vorlage dienen.4 Mehrere Testreihen sollten Aufschluss darüber geben, warum das Objekt weniger gut angenommen wurde.


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— Soundball.

Soundball

Die Idee zum Soundball entstand nach der Beobachtung eines Ballspieles im Aufenthaltsraum. Eine Mitarbeiterin spielte mit vier Bewohnerinnen am Tisch Ball. Der Ball wurde von Bewohnerin zu Bewohnerin ­gerollt. Die Pflegerin griff hin und wieder ein, wenn der Ball vom Tisch rollte oder sich an schlecht erreichbaren Stellen befand. Die sonst gelangweilten und bewegungslosen alten Damen schienen sichtlich Spaß an diesem sehr simplen Spiel zu haben. Auch funktionierte dieses Spiel relativ eigenständig und sprach die Bewohnerinnen in geis­ tigen, sowie im körperlichen Maße an. Unser Soundball sollte sich dieses funktionierende Spiel zur Vorlage nehmen und es mit der Dimension des Klanges erweitern. Dazu platzierten wir ein iPhone im Ball, welches in Abhängigkeit zur Position und zur

­ ewegung einen generativen Klang in B Form einer Sinuswelle erzeugte. Der Ball wurde direkt als Spielobjekt erkannt, so dass es nicht lange dauerte, bis sich die um den Tisch sitzenden Bewohnerinnen am Spiel beteiligten. Die sich verändernden Klänge wurden von einer Bewohnerin fas­ ziniert wahrgenommen und veranlassten sie zu ausgelassenem Lachen und Grinsen. Wir spielten knapp 20 Minuten und beobachteten, wie Seniorinnen aufmerksamer und aktiver wurden. Ein Objekt zu nehmen, welches in seiner Form mit bereits vorhandenen Erinnerungen und Erfahrungen verknüpft ist, erwies sich als förderlich. Auch die Verbindung von Bewegung und Klang löste eine positive Reaktion aus. Die Tatsache, dass das iPhone den Ball ungleichmäßig rollen ließ und er


dadurch schwerer kontrollierbar werden würde, hatten wir vorher nicht bedacht. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese scheinbar willkürliche Bewegung des Balls die Bewohnerinnen mehr forderte, den Ball in die von ihnen gewollte Richtung zu rollen. Für einen weiterführenden Test müssten die Töne in einem tieferen Frequenzbereich liegen. Unser erster Prototyp benutzte zu hohe Töne, und wir waren uns unsicher, ob alle Beteiligten sie überhaupt wahrnehmen konnten. Des Weiteren sollte man ­herausfinden, welchen Einfluss die Unwucht des Balles und welchen die Töne auf die Aufmerksamkeit und Spielfreude haben. In der nächsten Teststufe möchten wir unseren Soundball mit einem normalen Ball ver­ gleichen. Im direkten Vergleich könnte man genauer die wirkliche Stimulation eva­ luieren. Wie lange und mit wie viel Enthusiasmus beschäftigen sich die Bewohner mit dem einen oder dem anderen Ball? Welche Beschaffenheit fördert das Spiel: rauh, weich oder plüschig? Der unfertige Prototyp – eine Mischung aus Styropor und Klebeband – stieß überraschenderweise auf großen Anklang.

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http://incom.org/projekt/391

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http://www.klangsteine.com/ de/klangstein_therapie.htm

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http://www.alzheimer-bw.de/ fileadmin/AGBW_Medien/ Dokumente/Nachlesen/2009/ 090213%20Dr%20Martin%20 Runge%20-%20KlangSteinTherapie.pdf

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http://www.parorobots.com

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Isabel Brandes — Jeannette Butze — Bianca ­Moschkowski

SENTIO

Erinnerungen finden, Fähigkeiten erhalten

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DENN WIR HABEN VERGESSEN , UNS ZU ERINNERN.

Die Wahrnehmung der Umgebung, der Geschehnisse, der Welt und deren Bestandteile liegt stets im Auge des Betrachters. Man kann sie unterteilen und ordnen; jeder hat dafür sein System. Was uns alle verbindet, ist jedoch die Zugehörigkeit der Dinge und Handlungen, die uns von unseren Eltern und der Gesellschaft gelehrt wurde. So verbinden wir zum Beispiel Dezember, Schnee, Mütze, Weihnachten und rote Nasen mit einer Jahres­zeit: dem Winter. Ganz selbstverständlich müssen wir nicht mehr darüber nachdenken: die Verknüpfungen in unseren Köpfen sind stählern. So glauben wir. Wir leben unser Leben; jeden Tag lernen wir dazu, nehmen bewusst und unbewusst Informa­ tionen in unser Gehirn auf, die vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis wandern und unvergessen bleiben, wenn wir sie ­regelmäßig abrufen. Unbewusst unterteilen wir alles, räumen es in Schubladen in unseren Köpfen, denn das gibt uns Orientierung und Halt. Ganz selbstverständlich haben wir unsere gegebene Zeit und das, was wir damit tun, unter Kontrolle. Wir entscheiden, wann wir aufstehen und wissen aufgrund der täglichen Routine, wie spät es sein wird, wenn wir unseren Arbeitsplatz erreichen. Wir öffnen selbstsicher unsere Türen, wenn es mittags klingelt, da wir wissen, dass es – wie immer – der Postbote sein wird, und es verunsichert uns nicht, wenn spät abends plötzlich ein Schlüssel in unserem Türschloss gedreht wird, denn es wird – wie immer – unser Partner sein, der nach Hause kommt. All diese kleinen Momente strukturieren unseren Tag. Denn selten passiert Unvorhersehbares. So fühlen wir uns sicher und können uns daran erfreuen, wenn wir bewusst diese Routine durchbrechen.

Doch all diese Vorgänge und ihre Folgen sind erlernt und wir haben vergessen, wie es war, als wir das alles noch nicht wussten. Wir haben vergessen, wie es war, als wir Kinder waren und alle diese Sachen noch nicht miteinander in Verbindung bringen konnten. Wie viele Ängste uns plagten, wie unverstanden wir uns oft fühlten und welch große Wut das in uns wachsen ließ. Es ist schwer, sich in diesen Zustand hineinzuversetzen. Sich die Möglichkeit vor Augen zu führen, dass einem alles entgleiten kann, was zuvor felsenfest stand. Wenn morgen plötzlich gestern ist; wenn der Heimweg auf einmal fremd aussieht; wenn man mit seiner Hose nichts mehr anzufangen weiß oder wenn es so weit ist, dass man in den Spiegel schaut und sich selbst nicht erkennt. AUFSCHLUSSREICHE BESUCHE

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In der Gerontologie ist der Zustand der Demenz ein geläufiger Begriff. Die am häufigsten auftretenden Formen von Demenz sind untrennbar mit der Alterung des Körpers verbunden. Sechzig Prozent der Demenzkranken in Deutschland leiden an Alzheimer. So auch viele der fünfzehn regelmäßigen Besucher der gerontopsychiatrischen Tagespflege Abendsonne in Potsdam. Wir haben uns dort mit Menschen beschäftigt, die an Formen des krankhaften Vergessens leiden, um etwas zu finden, das ihre Situation ­erträglicher macht. Wir haben genau beobachtet und vieles gesehen, was fehlt oder verbesserungswürdig wäre. So ist das Konzept der Tagespflege zwar mit gutem Willen so angelegt, dass jeder flexibel kommen und gehen kann, jedoch kann es sich wiederum negativ auf Demenzkranke auswirken, wenn jeden Tag eine andere Zusammenstellung der Gruppe anwesend


ist. Positiv sind Beschäftigungsangebote, die der Jahreszeit entsprechen und so Orientierung schaffen; negativ empfinden wir die infantile Art der Basteleien. Die Räumlichkeiten sind eher klein und eng, was mit Gehhilfen und Rollstühlen zum Hindernis wird. Es gibt weder elektrische Türöffner, noch ­speziell auf die Bedürfnisse der Senioren abgestimmte Sitzgelegenheiten, was die selbstständige Bewegung einschränkt. Auch für die Orientierung könnte man mit ­verschiedenen Fußbodenbelägen und Piktogrammen einiges tun. Vom ergonomisch griffigeren Löffel bis hin zu höheren Sofas schossen uns viele Ideen in die Köpfe. Doch aufgrund der Tatsache, dass es sich hier um kein Heim, sondern um eine Tagesbetreuung handelt, liegt der Fokus der Einrichtung auf Beschäftigung in der Gemeinschaft. Uns ist es daher besonders wichtig, etwas zu erschaffen, das den Senioren Freude bringt: es soll ihnen Erfolgserlebnisse vermitteln, Erinnerungen zurückbringen und Kommu­ nikation zwischen den Anwesenden fördern. Die Idee: Ein Spiel.

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HIER IST JEDER EIN

GEWINNER

Unser Designanspruch: Eine Erinnerung wiederholen. Ein Lächeln entlocken.

Um ein Spiel für Demenzkranke zu entwickeln, haben wir uns mit der am häufigsten verbreiteten Krankheit Alzheimer vertraut gemacht. Was passiert in welchem Stadium? Wie kann man Erkrankten empathisch gegenübertreten, ohne sie wie Kinder zu behandeln? Was kann man tun, um Orientierung und Sicherheitsgefühl zu steigern? Wie kann man durch Gestaltung Klarheit verschaffen? Wo gibt es Stolperfallen, wenn es um Farben und Muster geht? Diese und viele andere Fragen stellten wir uns, bevor unsere Idee Form annahm.

Während unserer Recherchearbeit kristallisierten sich unsere Ansprüche an das zu entwickelnde Spiel mehr und mehr heraus. Uns fiel auf, dass es schon viele wunder­ bare Aktivierungsmöglichkeiten für Demenzkranke gibt, dass die Spiele aber oft nicht flexibel sind oder aufgrund der Kosten kaum gekauft werden. Im Verlauf der Krankheit verschlechtern sich die zeitliche und örtliche Orientierung sowie die Kommunikation, wodurch die Bean­ spruchung der Sinne immer mehr an Bedeutung gewinnt. In der fortgeschrittensten Phase kann man die Betroffenen verbal nicht mehr erreichen, jedoch mit Berührung und Aktivierung der Sinne können noch Reak­ tionen hervorgerufen werden. Das weißt darauf hin, dass eine emotionale Erreichbarkeit noch sehr lange bestehen bleibt. Hier setzt unser Konzept an. Wir wollen ein Spiel gestalten, das sich flexibel an die Phasen der Alzheimer-Demenz anpasst. Es soll auf verschiedene Art und Weise spielbar sein, keine komplizierten Regeln beinhalten, das Erinnerungsvermögen und die Kommunikation anregen, Erfolgserlebnisse bringen und damit ein gutes Gefühl vermitteln. Die Spieldauer soll variabel sein, und es soll die Möglichkeit geben, so zu spielen, dass es keine Verlierer gibt. ZUSAMMENGEHÖRIGKEIT

Sinn des Spiels ist, Bedeutungen zu verknüpfen und Erinnerungen ins Gedächtnis zurückzurufen. Dies geschieht auf der Ebene des Ertastens. Daher der Name Sentio (lat.: «ich fühle»). Hierfür beinhaltet das Spiel zwei Komponenten. Zum einen enthält es Holzblöcke als Fühlfelder mit verschiedenen Oberflächen. Je nachdem für welche Genera­ tion das Spiel hergestellt wird, werden die Oberflächen aus Stoffen und mit Dingen versehen sein, die im Alltag der jeweiligen


Generation vorgekommen sind. Dies sichert die bestmögliche Erinnerungschance.

— Die Fühlfelder sollten genug Raum zum Tasten geben. ABB. 1

Zum anderen beinhaltet es dazu äquivalente Symbolkarten. Diese zeigen bildlich passende Assoziationen zu den Fühlfeldern. So zum Beispiel ein Lamm, einen Teppich, Pantoffeln, einen Korken, einen Spiegel oder Ähnliches. Auf der Rückseite ist der Begriff zudem noch schriftlich als Wort festgehalten.

Hat man also die Oberfläche mit dem Lammfell, so ist die passende Karte jene mit dem Bild des Lamms und auf der Rückseite mit dem geschriebenen Wort «Lamm». Diese «Paare» sind in der Grundversion des Spiels 24 Mal vorhanden. Die Fühlfelder jeweils vier Mal, so dass man mit maximal vier Spielern zusammen spielen kann. Als Erweiterung könnte man dann weitere Zusatzpakete anbieten mit anderen Fühlfeldern und Symbolkarten. Die Form der Fühlfelder orientiert sich an der Form der Hand, so dass eine möglichst große Fläche zum Ertasten verfügbar ist. Jeder Spielende bekommt eine Halterung, die man an der Tischkante vor der jeweiligen Person anbringt – so sind die zu erfühlenden Felder vor ihr unter dem Tisch erreichbar. In dieser Halterung werden die Fühlfelder fixiert, zum Beispiel durch Klett oder einen leichtgängigen Schiebemechanismus. Bis zu sechs Fühlfelder können in der Halterung verankert werden.

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— Die Felder sind unter dem Tisch angebracht, so dass man sie nicht sehen kann. ABB. 3

— Je nach Anspruch können die Symbole eher abstrahiert in Schwarz/Weiß oder detaillierter mit Licht und Schatten abgebildet sein. ABB. 2

Die Symbolkarten haben ebenfalls eine speziell entwickelte Form. Um sie gut greifen und drehen zu können, sind die Karten aus leichtem, dickem Balserholz. Zwei gegenüberliegende Kanten sind mittig zugespitzt, so dass die Greiffläche über der Tischoberfläche «schwebt». Auf diese Weise kann man mit den Fingern leicht darunter greifen oder die Karte durch Antippen abheben.


Das Spiel ist flexibel einsetzbar. Es kann allein gespielt werden oder in einer Runde von zwei bis vier Personen. Spielpartner können auch Kinder oder Betreuer sein. Man kann gemeinschaftliche Erfolgserlebnisse erzielen oder auch eine Gewinner-/Verlierer-Situation schaffen. Je nach Stadium der Demenz können die Menge und der Schwierigkeitsgrad der zu erfühlenden Oberflächen verringert oder erweitert werden. Dinge (zum Beispiel ein auf dem Fühlfeld angebrachter Schlüssel) und Oberflächen (zum Beispiel Borsten) können gemischt werden: für einen hohen Schwierigkeitsgrad – oder getrennt benutzt werden: für leichtere Erkennbarkeit.

1 1 2 1 1 2 1 2 — Durch die spezielle Form ist die Karte leichter zu fassen. ABB. 4

Die Symbolkarten haben zwei Seiten: die Bildseite und Wortseite. So kann man das Spiel nur mit Worten oder nur mit Bildern spielen oder beide Seiten nutzen, um die Verknüpfung der Elemente zu erleichtern.

— Auf der Rückseite der Symbolkarten steht zusätzlich das geschriebene Wort. ABB. 5

VARIABLER SPIELVERLAUF

Hat man eine Spielsituation mit mehreren Spielern, so sitzen diese um einen Tisch versammelt. Der Betreuer hat jedem Mitspieler die gleichen Fühlfelder in dessen Halterung vor ihm unter dem Tisch angebracht und legt die passenden Symbolkarten dafür bereit. Nun wird eine Symbolkarte ausgewählt und für alle gut sichtbar auf dem Tisch platziert. Dann wird (wahlweise) um die Wette gefühlt. Angenommen die Pantoffeln wären ausgewählt, so müsste man nun unter dem Tisch ertasten, welches Material am besten dazu passt. Pantoffeln könnten zum Beispiel aus Filz bestehen. Wer das richtige Feld zuerst erfühlt hat, darf es abnehmen und auf den Tisch legen.

— Zwei bis vier Spieler sitzen um einen Tisch versammelt. ABB. 6


— Das passende Feld wurde richtig erkannt. — Für die Testsituation war es ausreichend, die Fühlfelder vorerst mit einem Tuch zu bedecken. ABB. 7 ABB. 8

Es gibt die Möglichkeit so zu spielen, dass es einen Gewinner gibt; nämlich der, welcher die meisten Symbole richtig erfühlt hat. Gemeinschaftlicher ist aber die Variante, bei der die erfühlte Symbolkarte einfach zur Seite gelegt wird, und es unerheblich ist, wer dies zuerst geschafft hat. Noch weniger Druck übt die Variante aus, bei der jeder eine eigene Karte zugewiesen bekommt und nun genug Zeit hat, diese zu erfühlen. Hierbei geht es vorrangig um die Freude beim Ertasten und das Gespräch, was durch die verschiedenen Assoziationen der Mitspielenden zu den Fühlfeldern entsteht. Diese geistige Aktivierung kann eine heilende Wirkung auf die Menschen haben. Sie kann auch hervorgerufen werden, wenn man die Fühlfelder ausschließlich zum Ertasten verwendet, was bei weit fortgeschrittener Demenz angebracht ist.

VARIANTE SENIOREN UND KINDER

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Jung und Alt zusammen zu bringen, hat oft für beide Seiten einen positiven Aspekt. Das Spiel könnte eine Möglichkeit bieten, Zeit miteinander zu verbringen und Spaß zu haben. Senior und Kind bilden nun ein Team. Ersterer muss seinem jungen Teamkollegen durch Begriffe die Oberfläche des jeweiligen Symbols (zum Beispiel Lamm) näher bringen. (Das Kind sieht die aufgedeckte Karte nicht.) Ist das Lamm gesucht, fallen demnach Begriffe wie «weich» und «flauschig». Das Kind soll nun das passende Feld ertasten und auf den Tisch legen. Bei dieser Variante spielen mehrere Teams der Reihe nach.


TESTPHASE UND FAZIT

In der gerontopsychiatrischen Tagespflege Abendsonne haben wir uns mit einem handgemachten Testspiel mit einigen Senioren, die an Demenz erkrankt sind, zusammengesetzt. Überraschenderweise konnten wir über eine Stunde mit zwei Damen spielen, ohne dass deren Konzentration drastisch nachließ. Im Gespräch und beim Probieren konnten wir dann noch einige Verbesserungsideen generieren. So stießen wir auf Probleme bei der Darstellungsform der Symbole, die nicht immer eindeutig für die Senioren erkennbar waren. Beispielsweise wurde der Spiegel nicht als solcher erkannt, sondern für einen Bilderrahmen gehalten. Moderne ­Materialien waren schwieriger zu erfühlen und zu erkennen als Stoffe von früher, wie zum Beispiel der Jutestoff, der sogleich mit dem herkömmlichen Kartoffelsack verbunden wurde.

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Der Test zeigte auch, dass eine klare Abgrenzung zwischen Materialien und Gegenständen, die zu erfühlen sind, nötig ist und die Gegenstände der Fühlfelder dieselben sein müssen, die auf den Karten abgebildet sind. Wenn zum Beispiel eine Büroklammer abgebildet ist, muss eine Büroklammer selbst als Form auf dem Fühlfeld angebracht sein. Ein Drahtknäuel war hier zu abstrakt. Zudem waren sehr glatte Oberflächen, wie Kork oder Leder, kaum zu erfühlen. Kombinierte man aber eine solche Oberfläche mit anderen, viel gröberen und sich stark unterscheidenden Fühlfeldern, war es ­möglich, diese richtig zuzuordnen.

Positiv fiel auf, dass die Senioren von selbst Ideen und Assoziationen äußerten, von Erlebnissen erzählten und im Ganzen Freude an dem Fühlspiel zu haben schienen. Aufgrund der unterschiedlichen Assoziationen der älteren Menschen steht nun die Möglichkeit im Raum, zu den verschiedenen Fühl­ feldern mehrere passende Symbolkarten zu fertigen, was die Variabilität des Spiels noch einmal erhöhen würde.


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Jennifer Gschwindt — Anna Stegmann — Claudia Wagner

DER RUHESTUHL

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Am 18. und 21. November 2011 besuchten wir zum ersten Mal die Tagespflege Abendsonne. Ein weit geöffnetes Hoftor, dahinter eine lange Auffahrt und jemand, der uns in einem Rollstuhl entgegenkommt. Im Inneren ein Flur, warm und einladend. Die Wände sind in einem orangenen Ton gehalten und mit selbst gestalteten Bildern geschmückt. Alle drei Aufenthaltsräume sind wohnlich und gemütlich eingerichtet. Dies waren die ersten Eindrücke, die wir von der Tagespflege Abendsonne, wo Menschen mit Demenz betreut werden, erhielten. Nachdem wir auf drei Räume aufgeteilt waren, damit die Menschen nicht von unserer Anwesenheit überfordert wurden, beobachteten wir verschiedene Beschäftigungen der Tagesgäste. BEOBACHTUNGEN

Jennifer

In dem Moment als ich eintraf, wurden Wichtelsäckchen aus Filz geschnitten, genäht und verziert. Sie wurden für die Kinder aus dem benachbarten Kindergarten gefertigt, welche wöchentlich die Tagesstätte besuchten. Die Aufgaben wurden beim Basteln untereinander verteilt, so dass jeder mit seiner Tätigkeit zufrieden war und sie nach seinen Möglichkeiten bewältigen konnte. So konnten einige keine Schere bedienen, da ihre Hände zu unbeweglich waren, b ­ eteiligten sich jedoch eifrig am Kleben und Verzieren. Mir fiel auf, dass das Zimmer, in dem ich mich befand, zu eng war. Hier standen eine lange, massive Schrankwand mit Vitrine und Fernseher, ein großer Tisch und sperrige Sitzmöbel. War der Tisch besetzt, gab es nur noch ca. 70 cm Bewegungsraum. Jeweils im Gang des Raumes standen ein Sessel und Ruhestühle. Somit wurde die Mobilität der ­Senioren und auch der Handlungsraum der Pfleger stark erschwert. Gäbe es eine Möglichkeit, diese Stühle besser zu verstauen, hätte man im Gang mehr Freiraum. Mobilität und Übersichtlichkeit würden verbessert.

Claudia

Ich bekam ein Zimmer zugeteilt, in dem sich neben einer Pflegerin und einem ehrenamtlichen Mitarbeiter vier Betreute befanden. Das Zimmer war gemütlich, großmütterlich eingerichtet. Das Mobiliar bestand aus mehreren Kommoden, einem Klavier, einer Couch und einem Tisch, um den die Betreuten mit den Pflegern saßen. Als ich den Raum betrat, herrschte fast vollkommene Stille. Nur ein Plattenspieler in der Ecke ließ alte Volkslieder ertönen. Die Betreuten wirkten teilnahmslos, während ich mich zwischen zwei ältere Herren setzte. Ich muss zugeben, dass es mir ziemlich nahe ging, wie schwer es zu sein schien, die Menschen aus ihrer Welt zu holen und zumindest ein paar Worte mit ihnen zu wechseln, auch wenn diese sinnentfremdet waren, da sie die Inhalte des Ge­ spräches auf ihre eigene Welt bezogen. Einerseits hatte ich großen Respekt davor, wie liebevoll sich die beiden Angestellten um die Betreuten kümmerten und sich auf ihre Welt einließen. Andererseits fand ich es unangebracht, dass eine Betreuerin zeitweise mit mir über diese Menschen und ihre Krankheit sprach, als wären sie nicht im Raum. An diesem Tag verließen wir die Tagespflege ziemlich ratlos. Wie sollten wir diesen, in ihrer eigenen Welt lebenden Menschen mit Design helfen? Wir hatten doch gar keine Ahnung, wie man auf die Bedürfnisse dieser Menschen, die uns nach wenigen Minuten schon wieder vergessen hatten, eingehen kann. Der zweite Besuch in der Tagespflege brachte mir kaum neue Erkenntnisse. Er unterschied sich aber darin, dass der Pfleger gewechselt hatte. Es wurde zusammen gesungen, Bewegungsübungen gemacht und ein Spaziergang um das Haus durch die sehr kleine aber schöne Gartenanlage vorgenommen. Mir fiel auf, dass einige Betreute «anwesender» waren. Ich vermutete, dies lag an der Umgangsform des Pflegers, denn er kommunizierte mit den Dementen, wie mit Menschen seinesgleichen und ging trotzdem auf

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ihre Bedürfnisse ein. Doch auch hier fragte ich mich, wie ich diesen Menschen ohne soziale und pädagogische Kenntnisse und in so kurzer Zeit helfen könnte. Anna

Als ich in den mir zugewiesenen Raum eintrat, saßen ungefähr acht Senioren im Kreis, so dass sich ihre Füße in der Mitte beinahe berührten. Als sie mich sahen, schauten sie erwartungsvoll, und die Pflegerin bat mich freundlich, dem Kreis beizutreten. Sie erklärte, die Gruppe sei gerade bei der allwöchentlichen Gymnastik, bei der sich ein Luftballon zugespielt wird, der den Boden nicht berühren darf. Mit Händen und Füßen versuchten wir, den Ballon in Bewegung zu halten. Sogar mir wurde warm dabei. Mir fiel auf, dass auf unterschiedliche Weise auf den Ball reagiert wurde. Viele hatten eine recht gute Reaktionsfähigkeit und spielten kräftig ab. Andere hingegen bemerkten den Ballon erst sehr spät und versuchten vergeblich, ihn zu erreichen. Dies nahmen alle mit Humor, und selbst eine Frau im Rollstuhl hatte sichtlich Spaß an dem Spiel. Obwohl sie sich kaum bewegen konnte, reagierte sie mit den Augen und mit leichtem Zucken der Arme und Beine, wenn der Ballon sich ihr näherte. Mir schien, dass die Gemeinschaft miteinander vertraut war und meine Anwesenheit nicht störte. Wenn jemand auf die Toilette musste, teilte er dies mit und wurde dann von einer Pflegerin dorthin begleitet und auch wieder abgeholt. Einige taten dies mit Rollator, andere ohne.

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Probleme gab es für einige bei der Benutzung von Schere und Besteck sowie bei anderen Tätigkeiten mit Anforderung an die Feinmotorik. Auch zum Hinsetzen und Aufstehen benötigten sie Hilfe. Ich beobachtete, dass besonders die Armlehnen eines Stuhls dabei eine große Rolle spielten. Der ganze Prozess dauerte vergleichsweise lang und schien sehr kraftaufwändig. Trotzdem beschwerte sich niemand ernsthaft über seine Lage oder über

bestimmte Gegebenheiten. Alles in Allem waren sich die Senioren durchaus ihrer Lage bewusst, verhielten sich einerseits kindlich, verpackten andererseits den Umstand ihrer Situation in ironische Bemerkungen. Die klaren Regeln und Abläufe des Tages schienen ihnen eine Richtung zu geben, die verschiedenen Beschäftigungen einen Sinn. DIE HERAUSFORDERUNG

Wir entschieden uns dafür, den Ruhestuhl der Tagespflege zu analysieren. Er bot auf den ersten Blick die meisten Anhaltspunkte für Verbesserungen, denn er erwies sich – auch laut Aussage der Pflegerin – als ungeeignet. Ein Gast der Tagespflege setzte sich für uns auf den Stuhl, konnte aber aufgrund von Wortfindungsstörungen keine Kritik äußern. Daher testeten wir ihn selbst und dokumentierten viele Mängel. Um ein fachliches Bild vom Markt der Ruhestühle zu erhalten, besuchten wir unter Anderem Famos liegen und sitzen in Potsdam. Dort erhielten wir eine umfangreiche und professionelle Beratung vom Geschäftsführer Herrn Freiberg. Mithilfe unserer Erkenntnisse erstellten wir folgenden Bedingungskatalog: AUFBAU :

Ist-Zustand

Der Ruhestuhl der Tagespflege Abendsonne weist ein hohes Gewicht auf und ist nur schwer zu bewegen. Sitzfläche und Rückenlehne des Stuhles sind sehr schmal. Zwischen der Sitzfläche und der Beinstütze befindet sich eine Lücke. Personen mit Bewegungseinschränkungen können sich dort beim Aufstehen verfangen oder verletzen. Der Stuhl der Tagespflege wirkte nicht vertrauenswürdig. Durch das gleichzeitige Verstellen von Lehne und Fußteil bekommt man das Gefühl, nach hinten zu fallen. Es gab, laut Leiterin, in Vergangenheit schon Situationen, in denen der Stuhl nach hinten wegkippte.


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— Der jetzige Ruhestuhl in Sitz- und L ­ iegeposition.

Soll-Zustand

Ein Ruhestuhl sollte nach dem Wohlbefinden einer Person ausgerichtet sein und gesundes Sitzen ermöglichen. Sowohl Sitzhöhe, Sitzwinkel, Sitztiefe als auch Armlehnen und Lendenkissen sollten maßgerecht auf die im Stuhl sitzende Person eingestellt sein. Ist dies nicht möglich, da mehrere Personen den Ruhestuhl nutzen, sollte man diesen auf die durchschnittliche Körpergröße und ein Durchschnittsgewicht anpassen. Lehne und Fußteil sollten getrennt voneinander verstellbar sein. Hierzu erläuterte uns Herr  Freiberg, dass besonders Menschen mit bewegungs­ eingeschränkten Beinen bei zu hoch eingestellten Fußteilen Schmerzen erleiden müssten, den Rücken jedoch gern in eine liegende Position brächten. Ein getrenntes Einstellen ist daher unverzichtbar. Vor allem sollte der Stuhl auch optimal ausbalanciert sein, da Menschen mit motorischen Problemen ihr Gewicht nicht bewusst steuern können.

Damit der Stuhl dem Menschen das nötige Gefühl der Sicherheit geben kann, sollte dieser aus einem Stück bestehen. Jeder Stuhl sollte stabil an einem festen Platz stehen. Es sollte jedoch so viel Freiraum vorhanden sein, dass sowohl der Stuhl, als auch der Raum an sich, gereinigt werden kann. Um einen Ruhestuhl gut bewegen zu können, sollte er mit feststellbaren Rädern versehen sein. OBERLÄCHEN / MATERIAL :

Ist-Zustand

Der Ruhestuhl ist mit grünem Mikro­ faserstoff bezogen, der an Veloursleder erinnert. Er lässt sich abziehen und waschen. Am Kopfteil ist die Hygiene nicht gewähr­ leistet, da es dafür keine Wechselbezüge gibt. Die Beine des Sessels bestehen aus Metall­ rohren, die kalt und technisch aussehen, Instabilität und Ungemütlichkeit vermitteln.


Soll-Zustand

Laut Herrn Freiberg eignen sich besonders Mikrofaserstoffe. Diese seien langlebig, angenehm und pflegeleicht. Bei langem Sitzen auf diesem Material neige man weniger zum Schwitzen. Zudem erweisen sich Stoffe mit Lotuseffekt als nützlich, da sie Schmutz und Feuchtigkeit abweisen. Glatt­ leder solle man nicht als Bezugsmaterial wählen, da es einerseits kalt aber auch ­rutschig ist, wodurch Unsicherheit beim Sitzen entsteht. Kunstleder eigne sich nur im medizinischen Bereich. Farben sollen unterbewusst Gemütlichkeit vermitteln, das heißt man verwendet keine kalten Farbtöne. Um Hygiene zu gewährleisten, sollte es einen individuellen Überzug für das Kopfteil des Stuhles geben.

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Wenn man die Vielfalt der Materialien und Oberflächen auf ein Minimum reduziert, wirkt das Möbel wie aus einem Stück gefertigt. Dadurch vermittelt es Vertrauenswürdigkeit und Stabilität. Metall und Holz sollte man im sichtbaren und fühlbaren Bereich beim Bau des Stuhls vermeiden. Die Füße sollten aus feuchtigkeitsunempfindlichem Material bestehen, um einer Beschädigung bei Reinigungsarbeiten vorzubeugen. BEDIENUNG :

Ist-Zustand

Um den Ruhestuhl der Tagespflege zu Bedienen, muss der Tagesgast einen dünnen kleinen Hebel an der rechten Seite des Stuhls nach hinten schieben, um sich in eine lie­ gende Position zu bringen. Dann muss der Hebel zum Feststellen wieder nach vorn bewegt werden und zum Aufstehen erneut nach hinten. Geschieht dies nicht und die Person steht auf, ohne den Hebel zu lockern, könnte die Mechanik zerstört werden.

ABB. 2

— Hebel zur Positionsänderung des Stuhls.

Soll-Zustand

Besonders für Demenzkranke wäre ein elektrisch verstellbarer Ruhestuhl ideal. Denn kaum sichtbare, dünne Hebel sind besonders für diese Menschen ungeeignet. Schnell vergessen sie die Funktion dieser Einstellungsmöglichkeit und geraten in Panik, wenn sie ihre Position nicht so verändern können, wie sie es sich wünschen. ­Alternativ wäre eine gut sichtbare Fernbedienung: mit großen, gut erkennbaren Tasten, Farben und eindeutigen Icons. Letztere ­können von Dementen bis zur Pflegestufe 2 erkannt und umgesetzt werden, erklärte uns die Leiterin der Tagespflege. Eine gute ­Möglichkeit, die Position im Ruhestuhl zu verändern, ohne Hebel oder Fernbedienungen zu nutzen, wäre die Verlagerung des Körpergewichts. Herr Freiberg ­versicherte uns, dass es so etwas noch nicht auf dem Markt gäbe. Es werde aber daran geforscht und gearbeitet.


ZUSATZFUNKTIONEN :

(Aufstehhilfe, klappbare Lehne, RCPM System, zusätzlicher Griff) Ist-Zustand

Die Tagesgäste der Abendsonne konnten nur mit Hilfsmitteln wie Gehhilfen eigenständig aufstehen. Um bei Tagesgästen, die nicht mehr aufrecht sitzen oder gerade liegen können, den Kopf zu stabilisieren, werden Lagerungshilfen eingesetzt. Soll-Zustand

Eine Aufstehhilfe sollte immer in Betracht gezogen werden, da sie den Menschen ein Stück Selbstständigkeit zurückgibt und somit die Psyche stärkt. Zudem entlastet sie die Pfleger. Gibt es eine Aufstehhilfe, sollte der Stuhl über eine Bewegungssperre verfügen. Diese sorgt dafür, dass man die Sitzposition nicht ändern oder den Stuhl nicht drehen kann, während man die Aufstehhilfe verwendet. Das gibt Sicherheit und beugt Verletzungs- und Sturzgefahren vor. «Ein um 360° drehbarer Stuhl, würde Menschen, die wegen bestimmter Krankheitsbilder den Nacken/Körper nur mit Mühe drehen können, das Agieren vom Stuhl aus erleichtern.» 1 Für Menschen im Rollstuhl wäre ein hochklappbares Seitenteil ideal. Sie könnten sich eigenständig in den Ruhestuhl ziehen oder von Pflegern einfach hinein geschoben ­werden. Da Lagerungshilfen nicht an Stühlen befestigt werden können, wären am Kopfteil angebrachte Ohren eine gute Lösung. Sie können zudem das Gefühl von mehr Privatsphäre vermitteln. Um das Aufstehen auch ohne Aufstehhilfe so lange wie möglich selbstständig durchführen zu können, wären Griffe am vorderen Ende der Armlehnen ratsam. Sie

lassen sich fest mit der Hand umschließen, sodass die maximale Kraft beim Abstützen aufgewendet werden kann. «Um starken Rückenschmerzen beim Sitzen entgegen zu wirken, könnte eine RCPM-­ Funktion (Rotary Passive Motion) im Sessel eingebaut werden. Dabei wird die Sitzfläche auf Höhe des Sitzknorpels, direkt unterhalb der Wirbelsäule um 0,8° hin und herbewegt. Die kaum fühlbaren Bewegungen sorgen dafür, dass der Rücken automatisch kontinuierlich leicht bewegt wird und sie fördern die Pumpfunktion der Zwischenwirbelsäule (Bandscheiben).» 2 Die Lordosenstütze oder Lendenstütze entlastet und stützt den Rücken.

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Sitzen die zu Pflegenden mehrere Stunden am Stück in einem Ruhesessel und sind dekubitusgefährdet (Wundliegen), sollte der Stuhl über ein ROHO Quadtro Select Antidecubitus Sitzkissen verfügen. Bei Einschränkungen im Bewegungsspielraum der Beine und Knie, kann eine Arthrodese Sitzfläche Abhilfe schaffen. Hierbei ist der vordere Teil der Sitzfläche unabhängig zu bewegen. Demenzkranke in höherer Pflegestufe sind oft in ihrer eigenen Welt oder verkrampfen sogar dauerhaft. Wärme (zum Beispiel durch eine eingebaute Sitzheizung) wirkt entkrampfend und kann die Aufmerksamkeit der Menschen wieder zurück in die Realität lenken. Bei einer Sitzheizung sollte jedoch unbedingt Wert auf Qualität gelegt werden, damit eine Überhitzung der Sitzfläche ausgeschlossen werden kann.


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— Probleme des gegenwärtigen Ruhestuhls.

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Stütze für Kopf und Hygienevorrichtung fehlen.

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sichtbare Mechanik, dadurch Assoziation mit «hart».

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unsicherer Stand beim Kippen der Rückenlehne.

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kaltes Material, zum Ablegen der Arme nicht geeignet.

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dünner, nicht griffiger Hebel zum Verstellen.

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Gefühl der Unsicherheit da Konstruktion zu «offen», Lücken gefährlich!

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Lehne zu schmal.


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— Entwurf eines benutzergerechten Ruhestuhls für Pflegebedürftige.

Große, weiche Ohren zur Begrenzung des Kopfes und zur Herstellung einer Privatsphäre, Personenbezogener Überzug für

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Griffe zum Hochziehen, ­restliche Armlehne weich und breit gepolstert.

den Kopfbereich (Hygiene).

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Mechanik verborgen, gemüt­liche Assoziation,­ ­erster ­Eindruck einladend zum Entspannen durch ­lückenlosen Bau.

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Fester Stand, trotzdem Mobil.

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Lehne breit und weich ­gepolstert.

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Aufstehhilfe

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Rückenlehne und Fußstütze sind unabhängig voneinander verstellbar.

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Elektrische Rücken- und Fuß­lehnenverstellung durch Fernbedienung mit höchstens 2–3 Tasten mit klaren Icons versehen.

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Alle Komponenten mit ­ weichem, warmem, Wasser abweisenden Stoff überzogen.


ACCESSOIRES :

Um Gegenstände wie Trinkgläser oder Brillen in Griffnähe zu behalten, bietet sich ein Beistelltisch in passender Halbkreis-Form an. Da im Alter das Sehen nachlässt, sollte dieser jedoch nicht transparent sein, sondern sich farblich vom Boden sowie vom Sessel abheben. Eine schwenkbare und in der Höhe verstellbare Arbeitsfläche sorgt dafür,  dass in dem Stuhl ohne größere Umstände Tätigkeiten wie Essen, Lesen etc. ausgeführt werden können. Um optimale Lichtverhältnisse schaffen zu können, wäre eine am Ruhestuhl befestigte Leselampe empfehlenswert. Möchte man die räumliche Position eines im Stuhl sitzenden Menschen verändern, ohne ihn heraus zu heben, sollte man einen Ruhestuhl mit Rollen und Schubbügeln versehen.

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Bei starker Inkontinenz kann eine spezielle Matte eingesetzt werden. Die so genannte Inkontinenzmatte wird auf die Sitzfläche gelegt und ist separat zu reinigen.

1

http://www.fitform.net/de/ zorg-kollektion/optionen-undzubehor/drehscheibe/

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http://www.fitform.net/de/ zorg-kollektion/optionen-undzubehor/rcpm/


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Konstantin Brückner — Robert Vogel

NEUE MEDIEN IM ALTER

Zur Bewältigung von Kontaktängsten

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DIE EINRICHTUNG

ZIELSETZUNG

Wir begaben uns in die Geriatrische Tagespflege Herbstsonne. Diese liegt am grünen Rand von Potsdam-Kirchsteigfeld, direkt neben der Parforceheide, eingebettet in eine moderne Vorstadtsiedlung. Räumlichkeiten im Erdgeschoß bieten mit ihren großen Fenstern einen guten Blick auf das Geschehen außerhalb der Tagespflege. Beim Betreten der gut ausgeleuchteten Räume vernimmt man zunächst das leise Vogelgezwitscher der Wellensittiche Lotte und Emil. Die Wände sind pastellfarben, hell und freundlich, die Decke neutral-weiß abgehangen. In der Mitte des Raumes steht eine lange Tafel, die zwölf Personen Platz bietet. Stühle und Tische, wie man sie aus Krankenhäusern und Rehakliniken kennt. Hellbraunes Holz mit mintgrünen Stoffbezügen.

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— nostalgisch eingerichtete Ecke.

Bei Gesprächen mit der Leiterin der Tagespflege zeichnete sich langsam ein Fokus für unsere Beobachtungen ab. Sie berichtete von häufigen Kontaktängsten, sowohl beim Erstkontakt mit der Tagespflege als auch im täglichen Umgang.

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Da die Gäste jeden Tag andere sind, ergibt sich die Situation, dass ein Tagesgast bei jedem Besuch mit neuen Menschen konfrontiert ist. Außerdem wissen die Senioren, die das erste Mal die Tagespflege besuchen nicht, was sie hier erwartet: MUSS ICH JETZT HIER BLEIBEN ? WANN KANN ICH WIEDER NACH HAUSE ? ABB. 1

— Aufenthaltsraum mit Sicht auf den Ausgang.

Eine Ecke des Raumes ist mit nostalgischen Möbeln und Bildern eingerichtet, um für die Tagesgäste eine heimische und vertraute Atmosphäre zu schaffen. Die Wege zum WC und zum Schlafraum sind in gut lesbaren Lettern ausgeschildert, auch der Plan für die Aktivitäten des Tages ist gut zu lesen. Alles in Allem finden wir einen altersgerechten Ort zum Entspannen und Wohlfühlen vor.

WAS SOLL ICH DENN HIER MACHEN ?

Aus solchen Unsicherheiten resultieren Scheu, Unsicherheit, Zurückhaltung und Kontaktängste. Da uns dieser Aspekt, der die örtliche und soziale Mobilität der Seniorenbetreuung in der Tagespflege begleitet, besonders aufgefallen ist, setzten wir uns für unsere Forschung die Reduzierung bzw. Kompensation von Kontaktängsten zum Ziel.


Was würde helfen, die neue

DAS BILD DER

Situation zu bewältigen?

GESELLSCHAFT

Ein häufiges Problem besteht darin, dass das Thema Leben im Alter gesellschaftlich tabuisiert wird. Das Bild, das von Worten wie «Altenheim» oder «pflegebedürftig» in unsere Köpfe projiziert wird, kann keinesfalls als positiv bezeichnet werden. Die meisten Menschen wollen gar nicht wissen, was sich hinter den Türen von Altenheimen, Tagespflege-Zentren oder bei Hausbesuchen einer Pflegekraft abspielt. Solange man nicht selbst betroffen ist, wird dieses Thema gern weit weg geschoben. Dies führt wiederum zu Hilfund Ratlosigkeit, wenn man sich plötzlich mit diesem Thema auseinandersetzen muss. Der Kreis schließt sich.

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Um dieser Situation Herr zu werden, ist es nötig, das Thema jüngeren und nicht betroffenen Menschen nahe zu bringen und Senioren wieder mehr in das gesellschaftliche Leben zu integrieren. Ein wichtiger Ansatz dafür ist die Bewältigung von Kontakt­ ängsten.

××

Kennenlernen der Einrichtung

××

Kennenlernen der Kontaktpersonen

××

Kennenlernen der Möglichkeiten,

××

Bewusstsein über Vorteile der

××

in vertrauter Umgebung in vertrauter Umgebung die diese neue Situation bietet neuen Situation Bewusstsein über den Ablauf der neuen Alltagsprozesse EINE IDEE

Im Zuge der Überlegungen zur gestellten Zielsetzung rückten wir die Idee des Silvernet in den Fokus: Hierbei handelt es sich um die Einbeziehung neuer Medien in den Alltag von Senioren, um Kontaktängste zu bewältigen, soziale Kontakte zu pflegen und den Senioren eine neue Möglichkeit der Kompensation von Alterserscheinungen zu geben. Die Idee bestand darin, dies in Form eines Bildschirms zu verwirklichen, der umfang­ reiche Möglichkeiten bietet.

DIE KONTAKTSITUATION

Der häufigste Fall ist, dass die Angehörigen eine Pflegeeinrichtung für die pflege­ bedürftige Person suchen. Dies bedeutet, dass die pflegebedürftige Person sich dies nicht aussucht und somit unfreiwillig den neuen Gegebenheiten ausgesetzt wird. Das Ziel besteht nun darin, der pflegebedürftigen Person die auf sie zukommende Situation näher zu bringen und so von Anfang an eine Vertrautheit mit ihr zu schaffen. Im Idealfall wird erreicht, dass die betroffene Person sich sogar auf den bevorstehenden Kontakt mit dieser Veränderung freut.

Nur einige Beispiele der möglichen Anwendung: ××

Visualisierung akustischer Signale

××

Erinnerungsfunktion

×× ××

(Türklingel, Telefon) (Tabletten nehmen, Termine etc.) Videotelefonie (z. B. mit Angehörigen, Pflegepersonal) Bestellung von Alltagsgütern (Essen, Apotheke etc.)

××

Notruffunktion (bei

××

Unterhaltungsfunktion

××

medizinischen Notfällen) (Fotos, Videos) Kennenlernen von Einrichtungen und Personen


KENNENLERNEN VON EINRICHTUNGEN UND PERSONEN

Da dieser Punkt wesentlich zur Bewäl­ tigung von Kontaktängsten beiträgt und somit unserem Zielfokus entspricht, haben wir uns dafür folgendes vorgestellt: Mit dem Silvernet sollen kompatible Applikationen entworfen werden, die Senioren die Möglichkeit bieten, sich über eine Pflegeeinrichtung zu erkundigen, bevor sie in direkten Kontakt mit ihr kommen. Dies beinhaltet die ­folgenden aufgeführten Punkte:

ist, Senioren mit Hilfe audiovisueller Medien mehr Informationen nachhaltig zu vermitteln als mit Printmedien. Printmedien werden meist und bevorzugt als Werbe- und Informationsträger für Senioren eingesetzt. Die Untersuchungsergebnisse können dann als Grundlage für die Entwicklung neuer Medien für Senioren dienen. Im Zentrum unserer weiteren Beobachtungen stehen dabei hauptsächlich die Aspekte altersgerechter Informations- und Schnittstellengestaltung, da diese entscheidend für die nachhal­ tige Aufnahme von Informationen ist.

××

virtueller Rundgang durch die

VERGLEICH UND

Räumlichkeiten der Einrichtung

BEFRAGUNG

××

Vorstellung des Pflegepersonals

××

Vorstellung der Fahrer von und zur

×× ×× ××

(Bild oder Video) Einrichtung (Bild oder Video) Übersicht über mögliche Aktivitäten Zeitplan der Aktivitäten vor Ort Lage und Anbindung der Pflegeeinrichtung (z. B. Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe, Barrierefreiheit, Ärzte)

Bei der Präsentation dieser Idee wurde aufgrund heftiger Diskussionen schnell klar, dass diese zum einen den Rahmen unserer Untersuchungen sprengen würde und ­andererseits wir eine Idee entwickelt hatten, die zu viele ungeklärte Fragen offen lässt. Wie können die Senioren angstfrei an das ­Silvernet herangeführt werden? Wie muß ein altersgerechtes Interface des Silvernet oder dessen Bedienungselemente gestaltet sein?

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Um empirische Daten zu erhalten, wählten wir die Möglichkeit eines Vergleichs mit anschließender Befragung. Für den Vergleich haben wir einen Imagefilm der Geriatrischen Tagespflege Herbstsonne und einen Flyer der LAFIM ausgewählt. Diese Medien verfolgen das gleiche Ziel der Information über und der Werbung für eine Institution und sind daher für den Vergleich gut geeignet. Außerdem wurde für die Befragung ein Fragenkatalog zu Inhalt und Gestaltung der zu vergleichenden Medien erarbeitet.

WEGBEREITENDE GRUNDLAGENFORSCHUNG

Um eine Idee wie die des Silvernet Wirklichkeit werden zu lassen, ist es notwendig, verschiedene grundlegende Untersuchungen durchzuführen. Unsere neue Zielsetzung bestand darin herauszufinden, ob es möglich

— Spiele und Literatur zur Pflege kognitiver und motorischer Fähigkeiten. ABB. 3


Sowohl der Imagefilm als auch der Flyer werden nacheinander mehreren Tagesgästen der Geriatrische Tagespflege Herbstsonne gezeigt. Im Anschluss daran werden die Tagesgäste über Inhalt und Gestaltung der beiden Medien befragt. Das Ziel der Befragung besteht darin, herauszufinden, welches der beiden Medien besser für die nachhaltige Informationsweitergabe an Senioren geeignet ist. Dabei spielen vor allem die Anzahl der aufgenommenen Informationen und der gestalterische Aspekt (z. B. Lesbarkeit, Größe, Farben etc.) eine wesentliche Rolle. DIE ERGEBNISSE

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Befragung A: Imagefilm

Der Inhalt des Films wurde von allen Befragten gut erfasst. Es kristallisierten sich bei der Befragung mehrere Faktoren heraus, die für unser Forschungsergebnis relevant sind. Um Senioren Informationen nachhaltig zu vermitteln ist es wichtig, ausreichend Zeit für die Aufnahme der Information zu lassen. Audiovisuelle Medien als Informa­ tionsträger für Senioren sollten folgende Rahmenbedingungen erfüllen:

××

wenig Schnitte

××

verständlich und langsam

××

Musik und Hintergrundgeräusche

××

wesentliche Informationen

××

lange Einblendungen gesprochene Audioinhalte leiser als Audioinhalte prägnant und kompakt Befragung B: LAFIM-Flyer

Auch der Inhalt des Flyers war für die Befragten verständlich. Aus der Befragung ergaben sich folgende für die Untersuchung wesentliche Informationen: Besonders bei Printmedien ist auf starke Kontraste zu ­achten. Es sollten keine kontrastarmen

­ arben verwendet werden, oder diese müssen F mit dem Hintergrund abgeglichen sein. Der Vorteil von Printmedien ist die selbstbestimmbare Betrachtungszeit. Diese ist ­Voraussetzung für eine nachhaltige Informationsaufnahme bei Senioren. Da im fortschreitenden Alter immer mehr Anstrengung und Konzentration beim Lesen erforderlich sind, sollte das Augenmerk auf die Wahl von Schriftgröße, Schriftart und eine klare ­prägnante Strukturierung der Information gelegt werden. Aufgrund der Vertrautheit mit Printmedien gibt es kaum Berührungsängste, trotzdem sind gestalterische Aspekte nicht zu vernachlässigen. Befragung C: Allgemeine Fragen

Hierbei wurden den Tagesgästen Fragen gestellt, die allgemein den Umgang von Senioren mit Medien betreffen. Die Ergebnisse aus diesem Fragebogen ließen entgegen unserer Erwartungen die meisten designrelevanten Schlüsse im Zusammenhang mit der Zielsetzung zu: Handys und Computer finden auch bei Senioren Verwendung, werden aber auf andere Weise genutzt. Bei Telefonen werden bevorzugt eingespeicherte Nummern mit Kurzwahl verwendet. Computer werden nur für einfache Anwendungen wie Spiele oder Bildbetrachtung genutzt. Die Frage nach der Nutzungshäufigkeit ließ leider keine eindeutigen Schlüsse auf die Bevorzugung eines dieser Medien zu. Allerdings zeichnete sich dabei eine klare geschlechtsbezogene Trennung ab, wobei Frauen audiovisuelle, Männer Printmedien favorisieren. Unsere Frage nach dem Umgang und der Gestaltung der Fernbedienung für den ­Fernseher lieferte einen Hinweis auf die zukünftige Gestaltung von Bedienelementen für Senioren. Alle Befragten konnten diese


ohne jegliche Probleme handhaben. Neuere Entwicklungen wie Touchscreens sind den Senioren bekannt. Allerdings wurde bemängelt, dass es seitens der Hersteller keinerlei Bestrebungen gäbe, ältere Menschen an diese technischen Innovationen heranzuführen. Die auf dem Markt existierenden Geräte sind in Handhabung, Interface und Anwendungsfeld zu komplex und somit für Senioren ungeeignet. Die wichtigste Erkenntnis unserer Studie besteht darin, dass Senioren sehr wohl ein Interesse an der Nutzung neuer Technologien besitzen. Allerdings werden sie als Zielgruppe dabei bis auf wenige Ausnahmen übergangen. Bei der Entwicklung von neuen Medien für Senioren ist ein grundlegendes Umdenken in den Gestaltungsprozessen notwendig, da sich der Fokus von Nutzung und Wahrnehmung im Alter verschiebt. Bezug nehmend auf unsere Untersuchungsergebnisse lässt sich das Interesse der befragten Senioren an der Nutzung neuer Medien wie folgt zusammenfassen: ××

Bildbetrachtung

××

Unterhaltung in Form von Spielen oder

××

Informationsvermittlung

audiovisuellen Inhalten

Es ist davon auszugehen, dass eine altersgerechte Gestaltung von neuen Medien für Senioren eine zunehmende Vertrautheit schafft und den Wunsch nach weiteren Anwendungsmöglichkeiten mit sich zieht. Die Möglichkeit, technische Innovationen aus dem Medienbereich in das Leben im Alter mit einzubeziehen, stellt eine enorme potenzielle Bereicherung der Welt der Alten dar.

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Christin Glücks — Julia Oberndörfer

PICCOLO UND ­LEBENSKUNDE

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S7 Richtung Potsdam. Potsdam Hauptbahnhof. Bus X1 Richtung Teltow. Vorbei an der Autobahn und dem Sterncenter. Nächster Halt: Stahnsdorf, Güterfelde, Friedenstraße. Ausstieg an der Schnellstraße. Wir kommen an im Nirgendwo. Autos rasen an uns vorbei, die Ampel will nicht grün werden. Rechts ein Stück abgeholzter Wald, links eine Wohn­ haussiedlung mit Doppelhäusern. Dazwischen eine Schnellstraße. Der Weg zum Evangelischen Seniorenzentrum Florencehort wirkt dagegen viel einladender. Am Rande des Waldes neben einer prunkvollen Villa steht ein knallorangefarbener Neubauwürfel. Wir treten ein und finden uns in einer anderen Welt wieder. Die langen Flure in der ­Seniorenresidenz Florencehort sind hellgelbbeige gestrichen. Das Licht ist grell. An den Wänden kleben selbst gebastelte bunte Blumen. Draußen ist es stockfinster, und von weitem erklingen Weihnachtslieder im Chor. Der Leiter des Heimes bringt uns in einen großen Aufenthaltsraum. An vielen Tischen sitzen verstreut einzelne Bewohner, scheinbar still. Von allen Richtungen werden wir gemustert. Wir setzen uns zu einer Gruppe Damen und versuchen angestrengt ins Gespräch zu kommen. Viele der Damen sind nicht ansprechbar und auf den ersten Blick scheinbar verärgert. Nur Frau Marie-Luise Berger ist munter und interessiert. Leider stellt ihre Schwerhörigkeit eine Geduldsprobe dar – wahrscheinlich auf beiden Seiten. ­Unsere Bemühungen, Kekse und kleine Heinz-Erhardt-Geschichten in die Runde zu bringen, misslingen. Besuch ist aufregend genug, also hören wir erst einmal nur zu. Im Laufe unserer Besuche wird uns immer deutlicher, dass das Interesse an uns sehr gering ist. Wir sind nicht Christin und Julia, sondern die Studentinnen von der Fachhochschule. Dafür werden wir mit Geschichten belohnt – dann aber privat, abgeschirmt in ihren ­kleinen Domizilen. Frau Berger erzählt uns immer aufs Neue von ihrer Kindheit in

­ ommern, wie es ihr gelang, als Mädchen P auf das Jungeninternat zu gehen, von ihrer Ausbildung im landwirtschaftlichen Betrieb, von der Flucht und davon, dass sie durch die Erfahrungen im Krieg nie was von den ­Männern hielt. Doch schließlich traf sie Heinz, ihre erste und einzige Liebe. Diese Geschichten enden immer in tiefer Trauer. «Ich möchte zu ihm.» Dann wird es ganz still in ihrem Zimmer, und wir sitzen gerührt auf ihrem samtgrünen Sofa.

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— Frau Berger.

Es erklingt im Hintergrund wieder ein Weihnachtslied aus dem Aufenthaltsraum. Dann, nach einigen Sekunden lacht Frau Berger und erzählt stolz von ihrer Diamantenhochzeit, zu der viele Gäste und Gratulanten kamen. Auf ihrem Nachttisch steht neben der kleinen Flasche Piccolo ein Foto von diesem Tag. Die ganze Familie posiert aufgereiht vor dem alten Haus. Heute ist Freitag, 17 Uhr. Jetzt ist es Zeit für die Gesangsrunde in Florencehort. In einer Stunde gibt es Abendbrot. Frau Berger begleitet uns zur Tür, auch wenn wir noch nicht gehen wollen. Aber wir tun ihr diesen Gefallen, «Ich bringe meinen Sohn auch


immer bis zum Fahrstuhl, und dann winke ich ihm noch einmal zu.» Für diesen Augenblick ist sie ganz wach, die eine Hand fest am Rollator, die andere winkt unermüdlich in unsere Richtung. Dann lässt sie sich in den Sessel fallen und starrt ins Nichts. Da gibt es noch Herrn Dr. Eduard Küstner von nebenan. Wir lernen den sehr aufgeschlossenen, großen und stattlichen Mann am Damentisch kennen. Er stößt zur Runde hinzu, angezogen von der Tatsache, dass wir Studentinnen der Fachhochschule sind. Er selbst lehrte an der Universität und ist froh, in uns neue Gesprächspartner aus dieser Welt zu finden. Dr. Küstner lebt erst seit einem Jahr in Stahnsdorf und scheint die erste Etage in Schwung zu halten. Ihm ist es wichtig, die Termine in der Residenz sehr genau zu nehmen. 17.15 Uhr. Es bleibt nur wenig Zeit, dass auch er uns sein Zimmer zeigen kann. Um halb sechs macht er sich gewöhnlich auf den Weg in den Speisesaal. Pünktlichkeit ist unerlässlich für ihn. Also lassen wir uns nur kurz seinen gerahmten Doktortitel zeigen und bewundern seine große Auswahl der Geo-­ Themenlexika-Reihe. «Das reicht für eine Weile, danach kann ich mir ja jederzeit neue Bücher besorgen.» Wir bekommen noch einen kleinen Einblick in seine Fotoalben. Seine Verwandten bringen ihm immer wieder neue Bilder mit, um sein Gedächtnis fit zu halten. Aber für uns sind die alten Bilder vergangener Zeiten noch viel interessanter. Die Eltern im Garten unterm Kirschbaum, die Stammtischrunden mit seinen Kommilitonen und die Grabfotos der Beerdigung seiner Mutter im Westen, zu der er nicht fahren durfte.

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Doch bei unserem nächsten Besuch ist alles ganz anders. Wir sind mit Dr. Küstner verabredet. Aber wir werden vertröstet. Er ist beim Weihnachtsshoppen im Sterncenter. Eine Stunde später erscheint er mit Rollator im Aufzug. Das überrascht uns. Auch sonst sieht

er heute fahler und älter aus. Er begrüßt uns mit den Worten: «Sie sind die Damen, die mit mir sprechen wollten? Ich erwarte sie in zehn Minuten in meinem Zimmer. Ich muss noch den Regenmesser überprüfen!» Wir folgen seiner Anweisung und werden zehn Minuten später an seiner Tür empfangen. Auf seinem kleinen Tisch liegt ein kariertes Heft, in das er zuvor die Regenmenge des heutigen Tages eingetragen hat. Er zeichnet diese Messungen seit 1958 auf. Ganz exakt werden die Tage mit Lineal unterstrichen. «Es ist wichtig, immer zur gleichen Uhrzeit zu messen, damit die Daten stimmen!» Danach kommen wir ins Gespräch, und wir müssen feststellen, dass er nicht mehr weiß, wer wir sind, dass wir vor zwei Wochen schon einmal bei ihm waren. Dann lässt er uns unser Anliegen vortragen, und wir erhalten einen erneuten kurzen Abriss seiner Biografie. Diesmal deutlich sachlicher als beim letzten Treffen. Sein Doktortitel scheint heute noch wichtiger, und er betont auch, dass seine Vorträge über sein buntes Leben im Seniorenzentrum Florencehort gefragt sind. Anschließend zeigt er uns wieder seine Fotoalben. Scheinbar in der gleichen Reihenfolge und scheinbar die für ihn gleichen wichtigen Fotos. Wieder ist es kurz vor der Abendbrotzeit. Dr. Küstner blickt in immer kürzeren Abständen auf seine Uhr. Er gibt uns noch mit auf den Weg, dass es ihm ein Anliegen sei, den jungen Menschen von seiner Lebenserfahrung zu berichten. Wir sollen verstehen, dass man im Leben kämpfen müsse, und dass es wichtig ist, die rich­ tigen Leute zu treffen, die einem in schwierigen Situationen weiterhelfen. Dann verlassen wir das Seniorenheim und warten ermattet an der Schnellstraße im Regen auf unseren Bus.


OMA , DIESE WOCHE KANN ICH NICHT .

Es war für uns eine neue Erfahrung, in der Position des Beobachters und nicht als Besucher ein Seniorenheim zu besuchen, durch die Räumlichkeiten zu gehen und Kontakt zu den Bewohnern aufzunehmen. Selbst als Angehöriger ist es schwierig, in diese Welt einzutauchen und die Beziehung zum eigenen Verwandten aufrecht zu halten. Man hat sich eine Weile nicht gesehen, der Verwandte kann sich nicht mehr richtig an einen erinnern, die Umgebung ist befremdlich, und man weiß nicht, über was man reden soll. Wo kann man sich zurückziehen und wie kann man sich gemeinsam beschäf­ tigen?

ICH BIN LIEBER FÜR MICH .

Jeder Mensch ist anders, hat andere Lebenserfahrungen gemacht, kommt aus einer anderen Gegend und aus einem speziellen sozialen Milieu. Dennoch wohnen diese Menschen für eine gewisse Zeit ihres Lebens mehr oder weniger unfreiwillig zusammen. Für die allermeisten ist es der letzte Ort ihres Lebens. Sie müssen miteinander auskommen, zusammen essen, Kaffee trinken und singen. Jeder eignet sich im Laufe seines Lebens verschiedenste Marotten an. Die kann man nicht mehr ändern. Der eine muss immer den aktuellen Niederschlag messen, der andere trinkt täglich ein Glas Sekt, um den Kreislauf in Schwung zu halten. Diese Spleens sind wichtig und passen kaum in den Tagesrhythmus des Heims.

DAS VERGESSEN BEGINNT .

Uns ist klar geworden, dass Demenz verschiedene Gesichter hat, sehr stark abhängig von der jeweiligen Persönlichkeit und der Tagesform. Gewisse über das gesamte Leben erlernte Umgangsformen und Redewendungen können zunächst über die eigentliche Verfassung hinwegtäuschen. Auch die Art und Weise, wie jemand Fremde an seinem Leben teilnehmen lässt, ist verschieden. Ob man noch neue Erlebnisse im Gedächtnis behalten kann oder nicht, ist unterschiedlich. Der Rückfall in frühere Erinnerungen zieht sich durch jedes Gespräch hindurch. Wir unterhalten uns über die anstehende Weihnachtsfeier. und plötzlich ist es wieder Sommer 1938 in Pommern. Gerade bei Dr. Küstner bemerkten wir, dass die Angst vor dem baldigen Vergessen sehr präsent ist. Man befindet sich in einem Übergang, man hat noch nicht alles vergessen, aber es hat begonnen. Die Situation verschlimmert sich, besonders dadurch, dass man sein eigenes Schicksal täglich durch die Anwesenheit der Mitbewohner, bei denen die Demenz schon weit fortgeschritten ist, vorgelebt bekommt.

MAN BLEIBT UNTER SICH .

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Die krankheitsbedingten Unterschiede und auch die kleinen eigenen Angewohnheiten schüren die Missgunst im Heim. Aber vor allem werden das unterschiedliche Bildungsniveau und der berufliche Erfolg immer wieder angesprochen. Man sucht sich gleichgesinnte Gesprächspartner und bleibt meist in gleichen Kreisen. DAMALS AN DER OSTSEE … UND DA WAREN WIR IN DER ­L ÜNEBURGER HEIDE .

Erinnerungen sind die Verbindungen in die Vergangenheit. Durch sie wissen wir, wer wir sind. Doch sie können verloren gehen. Das frühere Leben ist der letzte Rest Identität, der noch bleibt und an den man sich fest­ halten kann. Kleine Hilfsmittel unterstützen diese Erinnerungen: Fotoalben, Urkunden und Möbelstücke. Das sind die wichtigsten Andenken, die wir besitzen. Man muss an diese Andenken anknüpfen, Geschichten darum bauen, diese so überlebenswichtigen


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— Erinnerungen.

Erinnerungen festigen. Durch sie kann man das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und ein Verstandenwerden vermitteln. Wie die Autorin Marion Rollin beobachtet: «Die Erinnerungen an die Lebensgeschichte ­prägen die Persönlichkeit, formen die Iden­ tität. Doch nicht etwa die objektiven Lebensdaten spielen dabei die Hauptrolle, sondern Gefühle. Sie sind es, die filtern, was im Langzeits­peicher landet und was gelöscht wird. Gefühle sind die Wächter unserer ­Erinnerung.» 1 Durch Erinnerungen kann man einen ­Moment lang glücklich sein. ANDENKEN — VORWÄRTS INS ERLEBTE

In unseren Gesprächen haben wir gemerkt, dass Fotos die Erinnerungen lebendiger werden lassen und dass es mit ihnen leichter wird, über Vergangenes zu sprechen. Heimatkundliche und persönliche Bilder

sollen konserviert werden und im Alltag eine Präsenz erhalten, wofür das vergesse­ ne ­Fotoalbum nicht alleine sorgen kann. Erinnerungen von früher kommen für einen ­Moment ins Bewusstsein zurück. Man erfreut sich für den Augenblick, ist glücklich und schöpft Hoffnung. Ein aktives Gedächtnis­ training mit Bezug zur eigenen Biografie vermittelt das Gefühl, etwas wert zu sein, in seinem Leben etwas geleistet zu haben. Man bekommt die Möglichkeit, etwas weiter zu geben. Die Bilder können Initialwörter aus der Biografiearbeit aufgreifen, die es Pflegern und Angehörigen erleichtert, einen Zugang zu der Person zu finden, besonders in Situationen, in denen die Demenz ­Oberhand gewinnt.


ANDENKEN ALS RAUMGESTALTUNG

Das von uns konzipierte Bilderrahmensystem soll die eigenen Fotos von besonderen Erlebnissen und markanten Gegenständen in einem einheitlichen Rahmen festhalten. Die gezielt ausgewählten Fotos werden durch das Herausnehmen aus dem Album und das Einrahmen aufgewertet. Die Rahmen wiederum finden ihren Platz in einem Aufbewahrungssystem an einer sichtbaren Stelle im Zimmer. Dort können die einzelnen Rahmen ganz einfach hineingeschoben werden. Eine kleine ausgewählte Erinnerungssammlung mit Andenken, auf die man jederzeit zurückgreifen kann, entsteht. Der Bewohner bekommt die Möglichkeit einen Bilderrahmen herauszunehmen und sich seiner Geschichte zuzuwenden. Die Rahmung entsteht in Zusammenarbeit mit den Pflegern oder den

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Angehörigen. So sind vor allem Angehörige in die Erinnerungsarbeit als sinnstiftende Beschäftigung eingebunden. Dafür haben wir ein modulares Bilderrahmensystem vor­ gesehen, mit dem ohne großen Aufwand die einzelnen Fotos in den Rahmen gesteckt werden können. Dabei kann die Oberfläche des Rahmens und eine personalisierte Rückseitenstruktur nach Belieben ausgewählt werden. Die Bilder können entweder aus den persönlichen Fotoalben direkt genutzt oder eingescannt werden. Angedacht ist aber auch die Möglichkeit, Bilder von Gegenständen oder Orten, die im Leben wichtig waren, welche man aber nicht als Fotografie besitzt, aus einem vorgefertigten Katalog auszuwählen. Hierbei steht für uns der Aspekt der Mileugestaltung im Vordergrund – althergebrachte Muster und analoge Fotografien, gern auch mit Zackenrahmen, sollen verarbeitet werden.

— Bilderrahmensystem: Aufbau, Rück- und Vorderseite.

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GRÜN JA GRÜN IST ALLES

BEGEGNUNG IN DER

WAS ICH HABE

GEMEINSCHAFT

Diesmal sitzen wir in einer kleinen Nische im Gang, als wir Frau Hamann, Dr. Küstner und Frau Jacobs für unseren kleinen Versuch zusammentrommeln. ­Zunächst testen wir farbige Papiere, um eine Präferenz herauszufinden. Dr. Küstner meint sofort, «Ich bleibe bei Grün, das war schon immer meine Lieblingsfarbe. Ich habe eine Jägervergangenheit». «Gelb!», kommt aus der Ecke von Frau Hamann. Frau Jacobs hingegen findet Lila gut, auf gar keinen Fall Beige. Im zweiten Schritt legen wir verschiedene Materialien auf den Tisch. Auch hier lässt sich feststellen, dass der persönliche Geschmack bei jedem unterschiedlich ausgeprägt ist. Dann legen wir die verschieden großen und mit unterschiedlichen Materialien beklebten Bilderrahmen auf den Tisch. Dabei stellt sich heraus, dass die Oberflächenbeschaffenheit unwichtig ist. Auf die Farbe und ausreichende Bildgröße kommt es an; besonders auf die ­Gesamtästhetik, darauf weist Dr. Küstner hin. Beim Herstellen der Rahmen haben wir verschiedene Materialstärken ausprobiert und im Versuch herausgefunden, dass ein größeres Volumen bei geringem Gewicht besser zu greifen ist. Besonders Schattenrahmen und große Fotoformate stießen auf großen Anklang.

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Rollin, Marion: Falsche Erinnerung, Das Leben- eine einzige Erfindung, http:// www.spiegel.de/wissenschaft/ mensch/0,1518,444334,00.html,

Insbesondere in der Testphase haben wir festgestellt, dass das gemeinsame Erinnern wichtig ist und eine Verbindung schafft. Als besonderen Anlass und weiteren Handlungsraum sollen sich die Bewohner mit ihren Rahmen zu Gruppentreffen zusammenfinden können. Dort kann jeder seine Bilderrahmen präsentieren und der Gruppe durch die ­direkte Abbildung seiner Erinnerung einen besseren Einblick in die Vergangenheit geben. Vorurteile gegenüber Mitbewohnern spielen weniger eine Rolle, man findet gemeinsame Anknüpfungspunkte und Parallelen in der Vergangenheit und lässt diese aufleben. Treten Erinnerungslücken auf, kann durch einen erklärenden Text auf der Rückseite geholfen werden. Diese sinnstiftende Beschäftigung kann ein fester Anker in der Seniorenheimplanung sein, welche als Ritual wahrgenommen werden kann, und Vorfreude schafft. AUSBLICK — RÜCKBLICK

Uns bleibt die Frage, ob das Erinnern immer mit positiven Empfindungen verbunden ist. Wie schmerzlich ist es, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, vielleicht auch jeden Tag aufs Neue? «Fragen Sie mich ruhig. Ich erzähle gern aus meinem bunten Leben», sagt Dr. Küstner und schaut auf seine Armbanduhr.


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—Bilderrahmensystem: verschiedene Orte der Verwendung.


Grischa Guzinski — Stephan Hofinger — Andre Ostrowski

BESUCH IM ­ BASTELRAUM

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Ein Charakter von Wohnzimmer wird kommuniziert. Aufrichtige Heiterkeit hingegen erleben wir im hellen Aufenthaltsraum des Pflegepersonals. Der Aufenthaltsraum wirkt auf uns wie ein kulturelles Zentrum. Zwei dunkle Flure schließen sich an diesen an. Das Pflegepersonal witzelt: «Frau Mase wird sicherlich viel Spaß mit euch drei jungen, attraktiven Männern haben.»

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— Seniorenheim Florencehort.

IMPRESSIONEN

Unbefangen, dennoch um die Klischees wissend, betreten wir zu dritt das erste Mal ein Altenheim. Auch wir sind im Evangelischen Seniorenheim Florencehort Auf unsere Interviewpartnerin im Foyer wartend, lassen wir die ruhige Atmosphäre auf uns wirken, sprechen verhalten ­miteinander. Auf den Fluren ist es still, die Türen zu den Wohnräumen sind geschlossen. Die Wände sind mit vielen Bildern geschmückt, welche vermutlich überwiegend von den Bewohnern gebastelt oder gemalt worden sind. Wir fühlen uns an unsere Kindergartenzeit erinnert. Das Mobiliar des Seniorenzentrums wirkt beliebig und austauschbar. Vereinzelt schleichen wortlos alte Menschen – teilweise demenzkrank – auf dem Flur aneinander vorbei. Speisesaal und Mehrzweckraum sind durch ein hohes Regal ohne Rückwand vom langen Flur abgetrennt. Im lieblos gestalteten Saal sitzen ein paar Bewohner und unterhalten sich leise. Wechselnd betrachten sie uns erwartungsvoll oder schauen durch die Fensterfront, in den vom Wald umgebenen Garten. An den hohen Fenstern der Flure gruppieren sich Sitz- oder Verweilecken. In einigen der Ecken stehen auf Kommoden Käfige, in denen Vögel ihr eingesperrtes Dasein fristen.

Hätten wir das Eingangsschild mit der Aufschrift «Seniorenzentrum» übersehen, könnten wir meinen, uns in einem Krankenhaus aufzuhalten – endlose Flure mit Handläufen, links und rechts davon einfarbige Zimmer­ türen, Deckenbeleuchtung spiegelt sich auf dem Linoleumboden, das Pflegepersonal trägt Einheitskleidung.

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Ein sehr ernüchternder Eindruck, der sich während unseres kurzen Aufenthaltes vermittelt: beklemmend, als dürfe man seine Persönlichkeit oder Bedürfnisse nicht ausleben, müsse herrschende Konventionen adaptieren. Freude und Lebendigkeit sind nicht zu ­spüren.

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— Sitzecke.

FRAU MASE

Frau Mase ist Ende der 1910er Jahre in der Umgebung von Potsdam geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau machte sie sich mit ihrem Mann in jungen


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— Beleuchteter Flur.

Jahren rasch selbstständig. Gemeinsam führten sie einen Friseursalon; ihr gesamtes Berufsleben über. Sie erzählt, dass sie einen Sohn und ein Enkelkind hat. Frau Mase hat immer in der Gegend um Potsdam gewohnt und lebt seit 2004 im Seniorenzentrum Florencehort in Stahnsdorf.

Es ist ihr Zuhause geworden. «Es gibt nix Besseres», versichert sie uns mit deutlicher Stimme. Damals ist sie mit ihrem Mann, der ein Jahr später verstarb, hier her gekommen. Jetzt wohnt sie allein mit ihrem per­ sönlichen Hab und Gut, soweit sie es unterbringen konnte, in einer kleinen Ein-Raum-Wohnung. Beim Betreten ihrer Wohnung, geschätzt 20m² groß, stehen wir in einem zwei Meter langen Flur. Rechts ist eine offene, wandhohe Garderobe. Zur linken Seite geht das Bad ab. Im Wohnzimmer steht rechts ein altengerechtes Bett, welches vom Heim

gestellt wird. In der Mitte steht ein Tisch mit vier Stühlen. Links neben dem Wohnzimmereingang befindet sich eine zweisitzige Couch. An der linken Wand steht ein Schrank, auf dem ein Fernseher positioniert ist. Rechts vom Fernseher ist das Fenster. An den Wänden hängen Skulpturen, die ihr Mann damals in seiner Freizeit aus Holz geschnitzt hat, flankiert von Bildern, die Frau Mase seit 2004 hier im Seniorenzentrum angefertigt hat. DAS INTERVIEW

Gleich am Anfang unseres Interviews weist Frau Mase auf ihr vermindertes Hörvermögen hin. Wir sind verblüfft von ihrem dominanten und selbstbewussten Auftreten uns gegenüber, denn ihr behäbiger und dennoch agiler Bewegungsablauf lässt auf den ersten Blick ein schwächeres Wesen vermuten.


Wir sitzen in ihrem Zimmer, als sie in ironisch-ernstem Tonfall fragt: «Und ihr wollt also mal schauen, was die Alten hier drin so machen?». Mit zunehmender Dauer des Gesprächs baut sich eine spürbare Distanz zwischen uns auf. Ihr Stolz scheint ihr zu verbieten, Schwäche zu zeigen, so schlussfolgern wir zumindest. Als wolle sie sich von den, aus ihrer Sicht, schwachen und pflegebedürftigen Mitbewohnern abgrenzen und folglich nicht mit ihnen auf eine Stufe gestellt werden. Diese Distanz zwischen ihr, uns und den anderen Mitbewohnern war bei beiden Interviewterminen wahrzunehmen.

fon. Wie ihr bewusst ist, hat es einen eingeschränkten Empfangsbereich, in dem sie sich dann folglich auch bewegen muss. Die ihr so wichtige Selbstständigkeit ist somit eingeschränkt, ebenso wie die Auswahl der Spazierwege um das Seniorenzentrum herum.

Bei einigen Fragen, welche Bezug auf eine erschwerte Handhabbarkeit von Dingen im Alter nehmen, reagiert Frau Mase leicht gereizt. «Die Anderen», die sollten wir fragen, die hätten Probleme, nicht zurecht zu kommen. Frau Mase grenzt sich sichtbar von den Mitbewohnern ab, möchte nicht mit der grauen Masse gleichgestellt werden. Sie ist in diesem Seniorenzentrum agil wie nur wenige andere. Sie hat einen Grund, eine Grenze zwischen hier und dort zu ziehen.

Frau Mase ist Vorsitzende des Bewohnerschafts-Rates vom Florencehort. Auf unsere Frage, was dieser Rat mache, winkt sie ab und meint, dass dieser Rat eher als «Scherz» zu verstehen sei. Aus ihrer Stimme, ihrer körperlichen Gestik ist Resignation zu entnehmen, als sie meint: «Das bringt doch sowieso nichts.» Die Interessen und Meinungen der Bewohner zu vertreten, das ändere doch sowieso nichts. Unsere Recherche belegt, dass sich die Funktion des Rates auf die Übermittlung von Entscheidungen an die Bewohner beschränkt.1

«Ich kann mich hier frei bewegen, alle Türen stehen mir offen.» So hat sie als eine der wenigen Bewohner die Möglichkeit, sich Speisen außerhalb der festgesetzten Mahl­zeiten zuzubereiten. Frau Mase bewegt sich ausschließlich mit ihrem Rollator, innerhalb und außerhalb des Seniorenzentrums. Sie hat Angst zu fallen, auch wenn ihr diese Erfahrung bisher erspart blieb. Innerhalb des Zimmers beobachteten wir ein sicheres Fortbewegen ohne Gehhilfe. Für längere Strecken ist der Rollator, nach unserer Meinung, eine physische und eine psychische Stütze. Wenn Frau Mase das Seniorenzen­trum zum Spazieren gehen verlässt – eine ihrer zwei Haupt­ beschäftigungen – werden zwei wichtige Anliegen sichtbar. Zum Einen ist Frau Kurz immer dabei: «Falls mal was passieren sollte», zum Anderen ein schnurloses Festnetztele-

Selten holt sie ihr Sohn für einen Tagesausflug mit dem Auto ab. Falls er kommt, dann mit seiner Familie. Wie wir von einer Pflegerin erfahren, nutzt Frau Mase die gelegentlich bestehende Möglichkeit einer Mitfahrgelegenheit, um in ein nahe gelegenes Seniorencafé zu gelangen.

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KEIN PROBLEM

Allen Aussagen nach benötigt Frau Mase keine altersgerechten Objekte – ausgenommen den Rollator. Er ist so ein fester Bestandteil von ihr, dass sie ihn als solchen nicht mehr wahrnimmt. Dabei hat sie sich mit dem Rollator nur arrangiert. Kleinste Schwellen und Unebenheiten im Boden werden beim Laufen zu Hindernissen und potentiellen Gefahrenquellen. Wie wir bei Frau Mase beobachten, kommt das Fortbewegen beim Spaziergang öfter zum Stocken. Selbst bei gehaltener Bremse rollt der Rollator oft noch weiter. Seine Bremsgriffe sind zudem schwergängig. Weiterhin sind die Bremsgriffe für Frau Mase vom Haltegriff aus ungünstig


greifbar. Die Haltegriffe sind der Ergonomie der Handflächen angepasst, was Frau Mase lobt. Zwischen den Griffen befindet sich eine Sitzmöglichkeit, die visuell sehr fragil wirkt. Weil die Bremsen nicht fixiert werden können, nutzt sie die Sitzmöglichkeit auch nicht. Vorn ist ein Metallgitter-Korb angebracht. Verstaut Frau Mase hier Sachen, muss sie sich tief bücken. Der Rollator ist so konstruiert, dass er die Möglichkeit bietet, eingeklappt zu werden. Frau Mase hat diese Funktion jedoch noch nicht wahrgenommen. Zum Einen, weil ihr diese Funktion nicht erklärt worden ist, und zum Anderen haben wir es auch nicht geschafft, den Rollator mal eben schnell einzuklappen. Der gravierendste Mangel an dem Hilfsgerät ist aber, dass keine Möglichkeit besteht, den eigenen Namen deutlich sichtbar anzubringen, wie Frau Mase zu bedenken gibt. Problematisch wird es daher, wenn mehr als zehn Rollatoren in einem Raum stehen, versicherte uns die Pflegekraft. Dabei helfen auch keine unterschiedlichen Fabrikate.

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Ebenfalls bemerken wir im Bastelraum, dass Frau Mase einige Mühe hat, einen Stuhl vom Tisch zu ziehen, denn er ist verhältnismäßig schwer. Die Armlehne am Stuhl benötigt sie zum Hinsetzen und Aufstehen. Mit einiger Mühe rückt sie, soweit sie kann, an den Tisch heran. Die Armlehne stößt an die Tischkante. Frau Mase rückt auf der Sitzfläche zwischen Tischkante und Stuhllehne hin und her. Zum Arbeiten nach vorn und zum Entspannen nach hinten. KAFFEE UND KUCHEN

Beim ersten Interviewtermin verkündet Frau Mase nach ungefähr einer halben Stunde, dass sie zum Kaffee und Kuchen gehen müsse. Verblüfft über das abrupte Interviewende, verlassen wir das Seniorenzentrum mit einem Gefühl, als wären wir unerwünscht. Viele unserer Fragen bleiben unbeantwortet. Was könnten wir denn an ihrem Schicksal

ändern? Vorerst scheiterten wir an ihrem Unwillen zur Kommunikation. Sie schien unseren Fragen mit einer Darbietung ihrer vermeintlichen Jugend und Dominanz aus dem Weg zu gehen. Frau Mase verkörpert die Resignation gegenüber dem Alltag im Seniorenzentrum, dem sie sich unterordnen muss. Sie fühlt sich den anderen Heimbewohnern mental und physisch überlegen, kapselt sich ab und isoliert sich somit selbst. Die infantilen Freizeitangebote der Einrichtung lehnt sie kategorisch ab. Es drängt sich der Eindruck auf, als sei der nachmittägliche Kaffee das Wichtigste in ihrem Leben, eine Art Höhepunkt des Tages. Bei unseren Recherchen stellten wir weiterhin fest, dass Mahlzeiten tatsächlich einen solchen Charakter für Heimbewohner besitzen. Das Einnehmen von Mahlzeiten ist eine Abwechslung von dem Rest des Tages, in dem sonst nicht viel geschieht. Weiterhin sind wir der Auffassung, dass Frau Mase das Schema «Idealpatient» verinnerlicht hat.2 PATIENT SEIN

Wenn alte Menschen nicht mehr selbstständig in der Lage sind, ihren Grundbedürfnissen nachzugehen, wie zum Beispiel dem Toilettengang, müssen sie in ein Pflegeheim, falls keine Angehörigen die Pflege übernehmen können. Im Heim angekommen, werden sie entmündigt. Hier bekommen sie per Knopfdruck unpersönliche Hilfestellungen vom Pflegepersonal. Eine Situation wie in einem Krankenhaus entsteht. Das Altenheim ist in Atmosphäre und Struktur einem Krankenhaus sehr ähnlich. Somit fühlen sich die Bewohner wie Patienten. Das Pflegepersonal hat die Aufsicht, der sich die Bewohner fügen müssen. Pflegebedürftige sind beschämt, wenn sie auf Hilfe angewiesen sind. So versuchen sie, nicht unnötig zur Last zu fallen und sind stets


freundlich. Kleinere Probleme werden verschwiegen. Eine resignierte Lebenshaltung stellt sich ein. Gerade die Bewohner der Pflegestufen 0–1, die in der Regel nicht auf das Pflegepersonal angewiesen sind, unterwerfen sich der Souveränität des Pflegepersonals. Sie könnten bald auf die Hilfestellung angewiesen sein und spielen deshalb den guten, problemlosen, freundlichen und zuvorkommenden Heimbewohner, wie Frau Mase – die Idealpatientin. DER BASTELRAUM

Wir sitzen in einem kleinen Mehrzweckraum, an einem Tisch mit acht Stühlen. Das Interieur wirkt auch hier beliebig zusammengewürfelt. An den Wänden hängen jahres­ zeitenbezogene Bastelarbeiten von Frau Mase. Hier wird gespielt, gerätselt, gebastelt; es ist das wahre Zentrum des Heimlebens. Eine Bewohnerin, die einzige, die mit Frau Mase bastelt, sowie die Pflegerin Frau Pfennig bemalen zusammen mit Frau Mase aus Pappmaschee hergestellte Kaffeebohnen. Beim Basteln – ihrer Hauptbeschäftigung – die sie sich hier im Seniorenzentrum angewöhnt hat, agiert Frau Mase selbstständig, trifft eigene und autonome Entscheidungen. Sie versucht sich soweit wie möglich dem Einfluss des Pflegepersonals zu entziehen, um ihre persönlichen Vorstellungen und Wünsche zu verwirklichen. Es scheint sie zu erfüllen. Für die gebastelten Bilder, Reliefs und kleinen Dioramen erntet Frau Mase Anerkennung und Respekt vom Pflegepersonal, den Mitbewohnern und Besuchern. Sie führt Aufträge aus und sucht sich selbstständig Themen, die sie dann ausarbeitet. «Ach doch nicht dafür» – schlägt Frau Mase das Lob von der Pflegerin Frau Pfennig für ihre Arbeiten aus, die das gesamte Haus verzieren.

Frau Mase hat sich arrangiert mit ihrem Alltag im Seniorenheim. Montag bis Freitag macht sie einen Spaziergang nach dem Frühstück mit Frau Kurz – soweit diese gesundheitlich dazu in der Lage ist. Nach dem Mittagessen wird bis zum Kaffee gebastelt und wann immer sie sonst noch dazu Lust hat. Abends werden Krimis gelesen oder ferngesehen. Frau Mase schaut begeistert Tierdokumentarfilme. Am Wochenende wird dann: «Nichts Besonderes gemacht», «gelesen und etwas ferngesehen». «Könnten wir sie kontaktieren, wenn Fragen bei einer Konzeptausarbeitung auftreten?» erkundigen wir uns nach dem zweiten Interview. «Irgendwann muss auch mal Schluss sein!», antwortet sie und begibt sich zu Kaffee und Kuchen.

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Die Beweggründe von Frau Mase, in das Seniorenzentrum Florencehort zu ziehen, bleiben unbeantwortet. Unserer Meinung nach ist sie damals ihrem Mann zuliebe in das Seniorenzentrum gezogen. Es liegt auf der Hand, dass Frau Mase nicht in ein Pflegeheim muss. Sie hat sich jedoch mit dem Leben im Seniorenzentrum Florencehort arrangiert. Sie sucht vergebens ihres gleichen – physisch wie psychisch. Gehemmt in ihren potentiellen Chancen, lebt Frau Mase in den festen Strukturen des Pflegealltags und beschäftigt sich überwiegend allein.

Wie fast alle Heimbewohner lebt auch Frau Mase sehr introvertiert. Die Gründe hierfür sind vielfältiger Natur. Die Kontakte nach außen, zu ihren Freunden, mit denen die Heimbewohner zum Teil eine seit mehr als dreißig Jahren andauernde Freundschaft verbindet, werden weiterhin gepflegt. Sie sind miteinander emotional vertraut. Sie können sich einander anvertrauen, soweit es irgendwelche Probleme oder anderes zu schildern gibt. Im Gegensatz dazu stehen die fremden Mitbewohner. Die Kontaktaufnahme untereinander scheint offensichtlich ein Problem darzustellen. Folglich werden in der Regel


keine nachhaltigen sozialen Netzwerke im Pflegeheim aufgebaut. Ab und zu gibt es ein oder zwei oberflächliche Beziehungen. Die Bewohner langweilen sich, jeder für sich. Viele der Pflegeheimbewohner hoffen, dass sie bald wieder nach Hause gehen können. Sie spielen den Idealpatienten, in der Hoffnung, dass sich etwas an ihrer Situation ändert. Besonders Menschen der Pflegestufen 0–1 leiden unter dem Fehlen von alters- und geistesgerechten Freizeitangeboten. Sie scheinen durchaus in der Lage zu sein, anspruchsvollere Beschäftigungen und Aufgaben zu absolvieren. Letztendlich wurden uns Missstände aufgezeigt, an denen allem Anschein nach wenig oder gar nicht geforscht wird. Es wird ­deutlich, dass hier ein akuter Handlungsbedarf besteht. Die Gründe sind vielschichtig und stehen in komplexen Beziehungen ­zueinander. Erwähnenswert sind die starre Gesetzeslage, die gestiegene Lebenserwartung, der demographische Wandel und die individuellen Bedürfnisse der Menschen. ­Weiterhin ist das kostenintensive Gesundheitssystem sowie – gerade in Bezug auf gerontopsychiatrische Kenntnisse – ungeschultes oder schlichtweg überlastetes ­Pflegepersonal zu nennen.

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AKTIVE LEBENSGESTALTUNG

Bei unserer Auswertung richten wir die Aufmerksamkeit auf die persönlichen Missstände von Frau Mase: Fehlende soziale Kontakte im Seniorenheim, Mangel an niveauvollen Angeboten, eintöniger Alltag sowie Bevormundung durch das Pflegepersonal. Es stellt sich die berechtigte Frage, ob Frau Mase das auch so sieht? Sie hat sich dem Heimalltag angepasst und kommt mit dem Pflegepersonal, soweit es geht, nicht in Kontakt.

Wir erarbeiten einen Konzeptvorschlag, bei dem Frau Mase mit ihrer Hauptbeschäftigung dem Basteln stellvertretend für die Menschen der Pflegestufen 0–1 steht. Diese Pflegestufen gelten in den meisten Pflegeheimen nur für einen geringen Teil der Bewohnerschaft. In der Regel wird nicht weiter auf diese Gruppe von Menschen eingegangen und folglich kein gesondertes Beschäftigungsprogramm erstellt. Wir möchten ein nachhaltiges Konzept ­beschreiben, einen Denkanstoß für Weiterentwicklungen und Differenzierung des folgenden Konzepts aufstellen. Auf dieser Grundlage können Produkte entstehen, die sich auf das Konzept stützen und erweitern. KONZEPTBESCHREIBUNG

Agile Menschen gewinnen eine aktive Lebensgestaltung. Ein Angebotsspektrum, beruhend auf den Interessen der Bewohner, wird aufgestellt. Die Wiedererlangung von schlummernden Potentialen ist das Ziel. Eine sinnvolle Beschäftigung fördert die Persönlichkeit der Pflegeheimbewohner und soll ein Stück Lebenssinn sowie Lebensfreude wiedergeben. Die alten Menschen werden mit in die Organisation des Angebotsspektrums einbezogen, wobei sie Verantwortung bekommen, die das Selbstvertrauen steigern soll. Zudem wird innerhalb des Pflegeheims die Kontaktaufnahme zwischen den Bewohnern gefördert, wenn sie etwas zusammen machen müssen oder wollen. Ein Raum außerhalb des Heimes wird geschaffen, der innerhalb akzeptabler Erreichbarkeit für die Heimbewohner liegt. Mit dem Schritt nach draußen wird die Obhut des Pflegepersonals abgekoppelt. Zudem wird aktiv die «Wohnung» verlassen, um etwas zu erleben. Vergleichbar mit einem Kino- oder Cafébesuch, welcher nicht in der eigenen Wohnung erlebt werden kann. In dem Raum


sollen sich die Bewohner unbefangen be­ wegen und nur bei Bedarf das Pflegepersonal anfordern. Der «Kosmos Altenheim» wird aufgebrochen. Der Raum steht allen Bevölkerungsgruppen zur Verfügung. Ohne Fluktuation von außen hat der Raum keine Existenzberechtigung. ­Somit ist die Bedingung, Menschen von Außen anzusprechen. Wir beabsichtigen, bestehende Vorurteile gegenüber alten Menschen abzubauen – «die können doch sowieso nichts mehr, die riechen alt.» Alt sein gehört zum Leben, und zwangsläufig wird jeder Mensch in diese Situation hinein wachsen. Aber wer möchte sich mit den Gedanken des Alt seins freiwillig auseinandersetzen? Die heutige Gesellschaft ist offensiv auf ewige Jugend getrimmt. In Hinblick auf den demographischen Wandel wird sich die Gesellschaft zwangsläufig mit dem Thema auseinander setzen müssen. Mit dem Konzept soll die Angst vor einem Leben im Pflegeheim genommen werden. Der Raum soll aufzeigen, welche Möglichkeiten und Potentiale er beherbergt. Mit der persönlichen Anwesenheit wird das Leben im Raum/ Pflegeheim abwechslungsreicher und lebendiger. Auf der anderen Seite steht der Heimbewohner bei dem Konzeptentwurf im Mittelpunkt. Er bildet das Zentrum, auf dem das Angebot des Raumes aufgebaut ist. Eine Win-Win-Situation, ein Anreiz muss entstehen, damit sich im Raum die verschiedensten Gesellschaftsschichten treffen können. Angebotsspezifisch wird eigenen Interessen nachgegangen. Im multifunktionalen Raum begegnen sich folglich die unterschiedlichsten Altersgruppen mit einem Anreiz: sich selbst zu verwirklichen, durch das Ausleben eines Hobbys beispielsweise. Hierbei kommen zwangsläufig die unterschiedlichsten Menschen in Kontakt und tauschen Erfahrungen, Hilfestellungen oder Ähnliches aus.

Familienmitglieder der Pflegeheimbewohner erhalten die Möglichkeit, sich hier kreativ zu beschäftigen, sich intensiver mit den Bedürfnissen der Bewohner auseinanderzusetzen und nicht nur zum Kaffee vorbeizuschauen. KOGNITIVER RAUM

Der Raum vereint ein Mehrgenerationenhaus, ein Altenheim, ein Jugendzentrum, einen Hort und eine Freizeiteinrichtung. Koordiniert wird er zusammen mit einem Angestellten, zum Beispiel einem Sozialarbeiter. Er ist unabhängig vom Pflegeheim. Er ist die Schnittstelle zwischen den Institutionen, und er stellt mit dem Bewohnerschafts-Rat und den anderen Einrichtungen das individuelle Raumangebot nach Interessen und Rea­ lisierung zusammen. Für die Grundfluktua­ tion an Menschen werden Schulen und Universitäten angesprochen. An Schulen werden Kurse oder Fächer wie Ethik für das Thema Pflegeheim erstellt. Hierbei geht die Schule eine enge Kooperation mit dem Raum und den alten Menschen ein. Universitäten ­nutzen das interdisziplinäre Zusatzfach. Die Angebote werden mit den Studenten erarbeitet, wobei beide Seiten – alt sowie jung – die Aktivitäten gemeinsam ausführen.

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Der kognitive Raum kann beispielsweise mit folgenden Bereichen abgesteckt werden: Nachhilfeunterricht für Schüler sowie ­Kinderbetreuung von den Pflegeheimbe­ wohnern, VHS-Kurse für Weiterbildungen, ­Filmeabende, Basteln, Lesungen sowie Vor­ lesestunden, Gemeinschaftsgarten, regionale politische Diskussionsrunden. Die Pflegeheimbewohner werden in das Gesellschaftsleben integriert. Sie geben ihr erlerntes Wissen folgenden Generationen weiter, führen nachhaltige Tätigkeiten mit anderen Menschen aus. Sie bekommen eine nützliche Aufgabe, werden gebraucht und helfen einander.


ATELIER MASE

Das Gebäudes ist ebenerdig und rund angelegt, mit einem Garten. Glasfronten bilden die Wände nach außen hin, damit es transparent und einladend wirkt. Die Menschen im Gebäude haben optimale Tageslicht-Verhältnisse und einen Bezug zur ­äußeren Umwelt. Der Glaskubus beherbergt einen Raum für kreatives Arbeiten. Vom infantilen Charakter des Bastelns hin zum intellektuellen Atelier. Ein Atelier ist uneindeutig konkretisiert, so dass in diesem Raum nahezu alle Interessengebiete verfolgt werden, umgesetzt und parallel laufen können. Er zeugt von künstlerischer Professionalität sowie Freiheit in jeglicher Hinsicht. Aktzeichnen, Malkurse, plastisches Gestalten, Fotografie und vieles mehr werden hier angeboten und realisiert.

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Das Atelier hat eine Struktur, die unterschiedlichsten Nutzern gerecht wird: offene, verschiebbare Schränke in unterschiedlichen Größen und Farbigkeit, damit der Wieder­ erkennungswert für die jeweiligen beherbergten Materialien gegeben ist. Ergänzend zur Farbigkeit sind die Schränke beschriftet. Die Hauptfächer sind in einer akzeptablen Höhe, damit die Erreichbarkeit für ältere Menschen gewährleistet ist. Es sind Kuben, die auf hohen Metallgestellen stehen, wobei der ungenutzte Raum unter dem Schrank als Ablage dient. Die verschiebbaren Schränke können variable Positionen im Atelier einnehmen.

Ebenfalls wie die Schränke sind die Tische mit Rollen ausgestattet. Zusätzlich sind sie höhenverstellbar. Große Tischflächen sowie Einzelplätze sind arrangierbar. Auch sie stehen auf einem Metallgestell, die mit dem Rollstuhl unterfahren werden können. Ergänzt wird das Arrangement mit einem Angebot an unterschiedlichsten Stuhlvarian-

ten – mit und ohne Armlehne sowie Rückenlehne, höhenverstellbar und drehbar. Pragmatisch, universell ist das Interieur, damit keine Vorurteile gegenüber Personengruppen entstehen. Es erfüllt die praktische Funktion und rückt visuell in den Hintergrund des Geschehens. Ergänzt wird der Raum mit Staffeleien für Rollstuhlfahrer, die einen integrierten Arbeitstisch haben. Gemeinschaftsprojekte entstehen in einem Raum. Jeder kann hier individuelle Ideen realisieren, bei denen sich gegenseitig geholfen, ergänzt und diskutiert werden kann. Die körperliche sowie geistige Fitness ist gefordert und wird dadurch gefördert. Die Motivation entsteht aus der Möglichkeit, Inneres nach außen zu tragen. Innere Welten können durch ein fertiges Objekt am Prozess­ ende ihren Ausdruck finden. Sie sind Plattform und Ventil für persönliche Probleme, Freuden, Erlebnisse oder ähnliche Gefühle. TAUSEND UND EIN GESCHMACK

Zweiter Grundpfeiler des Glaskubus ist der Kochraum. Kochen verbindet. Kochen ist eine verantwortungsvolle Aufgabe und gleichzeitig eine befriedigende Erfahrung, Speisen anzurichten und dafür Anerkennung zu ernten. Beim Kochen treffen sich vor­ urteilslos die Generationen – geholfen wird immer.


Hierbei haben ältere Menschen einen Vorteil jüngeren Generationen gegenüber: Sie haben während ihres Lebens viel gekocht. Rezepte und Erfahrungen werden freiwillig weiter­ gegeben und mit Interesse aufgenommen. Sie sind in keinem Kochbuch mehr zu finden. Regionale Esskulturen können erfahren werden, die in keinem Supermarkt zu finden sind: eine gute Chance, seine persönlichen Erfahrungen und sein Wissen weiterzugeben und aufzustocken. Ebenfalls wie das Atelier ist die Küche funk­ tional und universell eingerichtet, wobei ein Großküchen-Charakter vermieden wird. Schränke sind für die einfachere Orientierung offen oder mit transparenten Türen versehen. Ergänzend sind Regale für anfallende Küchenutensilien aufgestellt. Wie im Atelier befinden sich die Aufbewahrungsorte für die Nutzsachen in einer akzeptablen Höhe. Die Arbeitsplätze sind höhenverstellbar sowie unterfahrbar. Neben der Kochzeile steht ein Speisetisch. Der Tisch – höhenverstellbar, unterfahrbar – ist im Gegensatz zur Küche mit gemütlichen Accessoires für eine längere Verweildauer ausgestattet. Auch hier sind unterschiedlich­ ste Stuhlvariationen vorzufinden, damit jeder seinen Platz am Tisch findet.

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Juliane Hanisch-Berndt & Manja Göritz: Gemeinschaft und Vereinsamung in Einrichtungen der stationären ­Altenhilfe (Diplomarbeit), URL: http://www.diplomarbeitaltenhilfe.de/

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Juliane Hanisch-Berndt & Manja Göritz: Gemeinschaft und Vereinsamung in Einrichtungen der stationären ­Altenhilfe (Diplomarbeit), URL: http://www.diplomarbeitaltenhilfe.de/

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Jennie Luisa Maroke — Jenny Oeser

DER WUNSCH NACH NÄHE UND SELBSTSTÄNDIGKEIT

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— Ideensammlung.

Wenn Menschen in Pflege gehen, dann bleibt ein Stück Selbstständigkeit zurück. Zudem gibt es befremdliches Mobiliar und fremde Menschen, mit denen man nun zusammen leben soll. EIN PFLEGEWOHNSTIFT

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IN FALKENSEE

Hier wohnen alte Menschen, die im Alltag auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind. Der Altersdurchschnitt ist sehr hoch. Viele von ihnen benötigen eine Geh­ hilfe oder einen Rollstuhl. Das Haus ist ­architektonisch barrierefrei gebaut, die Flure sind breit und lang, die Zimmer mit standardisierten Möbeln einfach ausgestattet. Es gibt auf allen vier Etagen Gemeinschaftsräume und Gemeinschaftsbäder. Das erste Interview erfolgt mit der Pflegedienstleiterin. Wir hören Geschichten über

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die Bewohner und deren Beziehung unter einander: Dass Ehepaare zusammen in einem Zimmer leben, Freundschaften zwischen Mann und Frau entstehen und auch weib­liche Bewohner untereinander Händchen halten. Während einer Hausbesichtigung können wir die verschiedenen Arbeitsräume und Zimmer besichtigen. Schon bei dieser ersten Begehung erhalten wir einen Überblick über die Einrichtungsgegenstände in den Privatzimmern der Be­ wohner, die, wie man uns sagt, in Aussehen und Funktion den Vorschriften gemäß mit anderen Heimen übereinstimmen. ­Hierbei fällt uns auf, dass die Schränke nahtlos vom B ­ oden bis fast unter die Zimmerdecke gehen. Im Gespräch mit einer Pflegekraft erfahren wir vom Pflegealltag, von den Schwierigkeiten des notwendigen Eindringens in die Intimsphäre während des ­Waschens der Bewohner sowie von der gedul­ digen Arbeit mit den Demenzkranken und


ihrer Orientierungslosigkeit. Für diese Menschen sind private Fotografien über den Namensschildern an ihren Türen angebracht, welche das Erkennen des eigenen Zimmers erleichtern sollen. Wir unterhalten uns mit insgesamt zwei Bewohnern über ihr Leben in Pflege. Aus unseren ersten Eindrücken und Gesprächen schlussfolgernd, fragen wir unter anderem nach Problemen, die Intimsphäre aufrecht zu erhalten und der Qualität der Beziehungen der Bewohner untereinander, sowie nach ihrer Zufriedenheit mit der Einrichtung ihres privaten Wohnbereiches und deren Nutzung. MOBILITÄT

Durch die Gespräche mit den einzelnen Teilnehmern der Interviewrunden war es uns möglich, einen Einblick in vorhandene Probleme zu erhalten. Interessant sind dabei die Übereinstimmungen, welche sich im Vergleich mit den anderen Interviewpartnern finden lassen konnten. Beispielsweise der Aspekt, dass es immer noch Bedarf an Veränderung der Größennorm architektonischer Merkmale gibt. Die Einrichtung ist zwar im Gegensatz zu der allgemeinen Norm groß­ zügiger gestaltet, verlangt aber dennoch nach einer Anpassung an die Bedürfnisse der Bewohner. Den von den Interviewpartnern erwähnte Platzmangel, konnten wir selbst erahnen, als wir Bewohner, Personal und Verwandtschaft bei einer Feier Gesellschaft leisteten. Es wurde geschoben und impro­ visiert, damit jeder irgendwie einen Platz bekommen konnte.

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Ein weiterer Punkt, der von den Bewohnern angesprochen wurde, bezieht sich auf den Transport in jeglicher Hinsicht. Hier lässt sich ein hohes Potential an Optimierungsmöglichkeiten finden, um zum Beispiel Rollstuhlfahrer schneller in die Transportmittel zu bekommen. Bei dem Gespräch mit einem der Teilnehmer, der in einem Rollstuhl sitzt,

konnten wir davon einen Eindruck erhalten, welche Ängste man durch eine derartige Unselbstständigkeit empfinden kann. Etwa das Verladen und anschließende Festgurten sei sehr unangenehm, und die Vorstellung, dass man sich bei einem Unfall nicht selbst befreien könnte, weil man durch die Gurte gefesselt ist, beunruhige jedes Mal. Eine Pflegekraft erklärt, sie habe das Gefühl, dass die Bewohner mit einem Rollstuhl teilweise ein Kontrollproblem haben, wenn sie geschoben werden. Sie wissen nicht, was sich hinter ihnen abspielt. Die Schlussfolgerung ist, dass man für demenzerkrankte Bewohner, die einen Rollstuhl nutzen müssen, eine Lösung entwickelt, bei der sie der Person, die sie schiebt, ins Gesicht sehen können. Ähnlich wie bei einem Kinderwagen, der einen direkten Bezugspunkt und Blickkontakt ermöglicht. DAS INVENTAR UND DER BEWOHNER

Eine weiteres Defizit,das sich durch die Angaben der einzelnen Interviewpartner und die persönliche Beobachtung zeigte, ist die unvorteilhafte Konzipierung der Einrichtungsgegenstände. Die Schränke werden allgemein als zu hoch empfunden. Ohne Hilfe kommt man schwer an die oberen Fächer heran. Besonders aber für Rollstuhlfahrer birgt der Einbauschrank Gebrauchsschwierigkeiten und Benutzerunfreundlichkeit. So beschreibt uns ein Bewohner, der in einem Rollstuhl sitzt, folgendes: «Der Schrank ist für mich in der Höhe schlecht zu erreichen, der wurde so gemacht, dass man die Koffer da ganz oben reinlegen kann. Wenn ich die Koffer brauche, hole ich mir Hilfe, aber alle anderen brauchen auch einen Stuhl oder eine Leiter (…). Schubladen gibt es generell zu wenige. Man kann in die Kommodenschubladen gerade so reinschauen und sie auch nicht


vollständig herausziehen.» Interessant fanden wir auch, dass er noch dazu erklärte: «Die Möbel sind alle an den Wänden entlang ausgerichtet, damit ich im Raum Platz mit dem Rollstuhl habe. Ich fühle mich aber leider wie in einem Stall, in dem ich mich nur in der Mitte bewegen kann.»

käme man gar nicht ohne Hilfsmittel heran. Ein Vorschlag von ihr für die Schranktüren wäre eine Strippe zum Zuziehen der Türen; das hätte es schon einmal versuchsweise gegeben und ganz gut funktioniert. Zu Schiebetüren merkt sie an, dass diese ganz gut seien, aber ein hohes Potential an Verletzungsgefahr bestehe, weil die Bewohner sich an ihnen festhalten würden und dann mit ihnen wegrutschen könnten. Die Schubladen sollten wie bei Apothekerschränken funk­ tionieren: Dort lassen sie sich einfach und weit hinausziehen und ermöglichen einen maximalen Einblick. Die Schubladen könnte man auch beispielsweise aus Plexiglas gestalten, damit man sofort sehen kann, was sich in diesen befindet. Das würde das Suchen vermeiden. Jeder Bewohner hat seine eigene Ordnung, deswegen wäre für sie und auch für Pfleger und Familienangehörige eine Kennzeichnung vorteilhaft. GESTALTUNGSIDEE FÜR DAS INVENTAR

Schrank und Kommode

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— Stauraum in unerreichbarer Höhe.

Eine Überlegung könnte nun sein, neue gestalterische Lösungen für die Ausrichtung von Möbeln zu finden, die speziell auf die Ansprüche von Rollstuhlfahrern reagieren. Eine andere sollte berücksichtigen, dass Rollstuhlfahrer mehrere Arbeitsschritte beim Öffnen von Türen, also auch von Schrank­ türen, bewältigen müssen. Zum Thema Einrichtung erklärt uns eine Pflegedienstkraft, dass die Bewohner selbstständig in ihren Sachen wühlen können sollten, dass dies aber bei den Standardschränken schwierig sei. Zum Beispiel sind die Schränke für Rollstuhlfahrer in der Höhe und beim Öffnen schwierig zu handhaben, selbst die Pflegekräfte hätten Schwierigkeiten, den Schrank problemlos zu erreichen: An den oberen Bereich

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Der von uns erdachte Gestaltungsvorschlag für einen Kleiderschrank stützt sich auf die durch die Gespräche und Beobachtung gewonnen Erkenntnisse. So ist das von uns konzipierte Einrichtungsobjekt so angebracht, dass Rollstuhlfahrer sich nicht ihre Knie stoßen und mit den Beinen ­darunterfahren können.

Die höhere Montage des Schrankes ermöglicht auch dem Bewohner, der keinen ­Rollstuhl nutzt, einen verbesserten Bewegungsablauf, da er sich, um den unteren Schrank­bereich zu erreichen, nicht mehr so weit bücken muss. Die geringe Höhe des Schrankes soll sicherstellen, dass der Bewohner auch die oberen Schrankregionen problemlos erreichen kann und die Kleidung sich näher auf Augenhöhe befindet. Der Schrank ist teilweise offen gestaltet: Es fehlen im


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— Entwürfe für gut erreichbare Möbel.


Bereich, wo die Sachen an der Kleiderstange hängen, die Türen. So kann der Schwierigkeit mit der Türöffnung entgegen gewirkt werden. Doch die Tatsache, dass ältere Menschen sich sehr an Schranktüren von Kleiderschränken gewöhnt haben, dass sie die Funktion der Tür nicht missen möchten, brachte uns dazu, eine Addition vorzunehmen. So können passend und farblich abgestimmte Rollos, die mittels einer Schnur leicht zu betätigen sind, als Türersatz eingesetzt werden. Die Schub­ laden sind geräumig und werden durch einen großen Griff sowie einen Vollauszug aus dem Schrank gezogen. ORDNUNGSSYSTEM UND INVENTAR

überein? Bezug nehmend auf die Ordnung in Schränken, ist es sinnvoll, die jeweiligen Orte im Schrank mit einem Zeichen dafür zu versehen, welches Kleidungsstück sich auch dort befindet. Hierbei macht es wenig Sinn das Kleidungsstück an sich abzubilden, da es zu Verwechslungen kommen kann. Die Vielzahl der Formen der Kleidung kann die Gestaltung eines solchen Piktogramms negativ in dessen Semantik beeinflussen. Der Lösungsansatz ist hier, mit der Position des Kleidungsstückes am Körper zu arbeiten. Die Piktogramme für Kleidung werden auf das nötigste reduziert, zum Beispiel für Oberkleidung lang oder kurz je ein Zeichen und auf einer Grundfigur positioniert. Das Zeichen für Kleidung hebt sich dabei kontrastreich von der Grundfigur ab.

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Piktogramm und farbliche ­Kennzeichnung

Die Schubladen können die Bewohner entweder durch das Anbringen von Piktogrammen selbst kennzeichnen, oder es wird eine fixierte Standardkennzeichnung vor­ genommen. Der Vorteil einer solchen Kennzeichnung ist, dass der Bewohner selbst, aber auch die Pfleger und Verwandten sehen können, in welchem Fach sich welches Kleidungsstück befindet. Die Kennzeichnung kann aber auch durch Farbigkeit und/oder Material bestimmt werden. So ist es möglich, dass die Schubladen durch unterschiedliche Farbigkeit ein simples Ordnungssystem bilden und durch ein transparentes Material den Inhalt mit einem kurzen Blick erkennbar machen. Piktogramme dienen uns überall zur Orientierung. Die meisten sind standardisiert für die Öffentlichkeit. Kultur- und Bildungs­ neutralität: Das sind nur zwei Kriterien, die Piktogramme erfüllen sollen. Aber sind diese noch altersgerecht, und stimmen Größe und Farbe mit der Wahrnehmungsfähigkleit einens älter werdenden Menschen noch

— Entwurf für ein Kennzeichnungsystem auf der Basis von Piktogrammen. ABB. 4


— Entwurf für ein Kennzeichnungs­ system auf der Basis von geometrischen Formen in ­verschiedenen Farben. ABB. 5

Diese Bildsprache ist altersneutral, sie wird sowohl von Kindern als auch von Demenzkranken erkannt. Eine solche Kennzeichnung dient in der Pflege zur schnelleren Orientierung und erhält dem zu Pflegenden zudem ein gewisses Maß an Selbstständigkeit.

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FARBGESTALTUNG

Generell bedarf es einer neuen Farbgestaltung beim Inventar für Senioren- und Pflegeheime. Die meisten Einrichtungsgegenstände weisen Holzoptik auf. Dieser Standard ist universell und besitzt nichts Individuelles. Zwar kann man die Standardeinrichtung mit seinen eigenen Möbeln kombinieren, aber der Heimcharakter des Inventars kann dadurch nicht gemindert werden.

Durch eine neue farbliche Gestaltung der Möbel kann ein Standard nicht in seiner Gleichmacherei verhindert, aber durchaus optimiert werden. Bedeutend ist die farbliche Gestaltung auch unter dem Aspekt der psychologischen Farbwirkung. Gelb und Orange sind belebend, anregend, lebhaft, freundlich, befreiend, sonnig, leicht, süß/sauer, freudig, warm, fröhlich, fruchtig und erhöhen die Motorik. Natürlich muss man berücksichtigen, dass durch den im Alter zunehmenden Gelbstich im menschlichen Auge Gelbtöne

schwer zu differenzieren sind. Dies konnten wir durch einen Selbsttest mit dem Age Explorer®, selbst in Erfahrung bringen. Grün lässt sich besser differenzieren und hat die folgenden positiven Bedeutungen: naturhaft, beruhigend, aktivierend, dämpfend, ausgleichend, angenehm, zurückhaltend und frisch. Blau als Farbe besitzt eine beruhigende, ausgleichende, konzentrationsfördernde, harmonische, aber auch kühle und frische Wirkung und darf nur minimal verwendet werden, da sich die Wirkung bei großflächiger Verwendung ins Negative wandeln kann. Braun wird als erdhaft, stabilisierend, ausgleichend, dumpf, warm, kernig und heimatlich empfunden. Da wir uns aber von den braunen Standardschränken wegbewegen wollen, wird es minimal eingesetzt werden. Grau und Weiß als neutrale, ruhige, eher nüchterne, ausgleichende und zeitlose Farben können als Basis für den Entwurf dienen. Bei der Bestimmung des Materials stellen wir uns für den Entwurf eine Kombination aus Holz, Kunststoff und Leichtmetall (Beschläge, usw.) vor. NÄHE UND GEBORGENHEIT

Neben den greifbaren und pragmatischen Themen wie Inventar, Architektur und Transport steht ein durchaus vielschichtiges Problem im Vordergrund: das Fehlen von fast jeglicher Intimität. Da Intimität einen Zustand tiefster Vertrautheit darstellt, ist es sehr schwer, Ersatz für körperliche Nähe zu entwickeln. Das Bedürfnis nach Intimität und Zuneigung spiegelt sich innerhalb der Aussagen unserer Interviewpartner mehrmals wieder. So erklärt ein Teilnehmer: «Ich war früher schon ein einsamer Junge, aber hier die Einsamkeit ist schlimmer, so viele Demenzkranke mit denen man sich nicht wirklich unterhalten kann. Und am schlimmsten ist die fehlende Nähe.» Ein anderer Teilnehmer reagierte so: «Ich bin allein. Ich hab eigentlich ein kurzes Leben: Schlafen, Essen,


Schlafen, Essen, mehr ist nicht drin. Ich vermisse das richtige Gespräch, ich bin total abgeschnitten. Deswegen ist der Fernseher wichtig damit man was mitbekommt.» Der Wunsch nach Sicherheit, Akzeptanz, Geborgenheit und Intimität als psychosoziales Grundbedürfnis unterliegt keiner Alterung. Alte Menschen verlieren nicht das Bedürfnis nach Intimität, sondern sie verlieren vielmehr die Menschen, mit denen sie die Intimität teilen können. Dabei geht es nicht unbedingt um den Sexualakt, sondern um körperliche Intimität in der Form einer meist emotionalen Berührung oder einer Liebkosung. Unter Frauen existiert in der Regel ein intimeres Verhältnis, sie tauschen öfter als Männer Berührungen und Streicheleinheiten aus. Es ist für ältere Menschen noch immer ein Problem, über ihre intimen Bedürfnisse zu sprechen.

trotz des Wissens über seine Unvollkommenheit, kein realer Mensch zu sein. Der Ersatz wird personifiziert, der Besitzer hat eine genaue Vorstellung darüber, welchen Charakter das Objekt seiner Vertrautheit besitzt. Der Verlust kann in einer Extremsituation schmerzlich und unüberwindbar erscheinen. Natürlich ist uns bewusst, dass man menschliche Nähe und Zuneigung nicht ersetzten kann: Der Gestaltungsvorschlag orientiert sich aber an empirischen Informationen, die wir sammeln konnten. Einerseits wird der Beschützerinstinkt beim Bewohner geweckt, da er im Besitz von etwas ist, um das er sich kümmern kann. Andererseits schützt das Objekt ihn zum Beispiel vor Kälte oder Blicken, es kann so als eine Art Insel oder Refugium angesehen werden.

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Eine Tatsache, die uns zuvor in dem Gespräch mit der Pflegedienstleitung beschrieben wurde, bestätigte sich durch Beobachtung: Dass vorrangig demenzerkrankte Bewohner als Ersatz für die Auslebung von Fürsorge eine Puppe oder ein Kuscheltier verwenden. Der folgende Gestaltungsansatz orientiert sich an diesem Verhalten. So soll ein Hybrid aus Kuschelpuppe und medizinischem Stützkissen entwickelt werden, der auch zugleich als Kuscheldecke funktionieren kann. Die Möglichkeit, eine Beziehung zu einem Gegenstand aufzubauen, ist sicher nicht unbekannt. So tritt diese Art der Beziehung schon im frühsten Kindesalter auf und findet zum Beispiel eine Bedeutungserweiterung bei Isolation oder Gefangenschaft. Der Gegenstand wird zum Begleiter und Vertrauten,

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Als einzige Pflegeeinrichtung unserer Studie gehört das ­Pflegewohnstift nicht zum LAFIM.

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— Gestaltungsidee Beschützer.


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IMPRESSUM TITEL

RECHTE

Care Design – Neue Designhorizonte für (zu) pflegende Menschen

Texte und Bilder in Verantwortung der ­ utoren des jeweiligen Beitrags. A Die Namen der in den Texten beschriebenen Personen wurden geändert.

HERAUSGEBER

Rainer Funke, Martin Stummbaum

DANK

Georg Andrae, Jonathan Bachmann, Anja Fischer, Rainer Funke, Martin Stummbaum

Wir bedanken uns bei den Pflegeeinrich­ tungen für die gute Zusammenarbeit und bei unseren Interviewpartnern für ihr Entgegenkommen und Vertrauen!

GESTALTUNG, SATZ UND LAYOUT

INTERFLEX

Georg Andrae, Jonathan Bachmann Titelbild (Age Explorer des Meyer-HentschelInstituts Saarbrücken) und Fotos S. 28-35 Jonathan Bachmann

Diese Veröffentlichung ist Resultat einer interdisziplinären Lehrveranstaltung an der Fachhochschule Potsdam, finanziert aus Mitteln des Projekts InterFlex – Förderung von Interdisziplinarität und Flexibilität zur Integration von Forschung, Wissens- und Technologietransfer in die grundständige Lehre.

REDAKTION

DRUCK

Brandenburgische Universitätsdruckerei & Verlagsgesellschaft Potsdam mbH SCHRIFTEN

TheAntiquaB, Bell Centennial PAPIER

Munken Lynx, Caribic ISBN

3-934329-52-7

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InterFlex wurde im Rahmen des vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und der Kultusministerkonferenz ausgelobten Wettbewerbs Exzellente Lehre ausgezeichnet und wird mit Mitteln des Stifterverbandes und des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg realisiert.  

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Über die Fachhochschule Potsdam, Pressestelle, Postfach 60 06 08, 14406 Potsdam; presse@fh-potsdam.de WEB

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Care Design – Neue Designhorizonte für (zu) pflegende Menschen / Hrsg. Rainer Funke, Martin Stummbaum – Potsdam: Brandenb. Univ.-Druckerei & Verl.-Ges., 2012. 160 S.; 163 Ill. ISBN 3-934329-52-7


CARE DESIGN NEUE DESIGNHORIZONTE FÜR ( ZU ) PFLEGENDE MENSCHEN

Wie sieht die Alltagswelt aus der Sicht von pflegebedürftigen ­ Menschen und deren speziellen Bedürfnissen aus? Wie kann das Design von Produkten und Kommunikationsmitteln in Pflegeheimen verbessert werden? Wie kann damit die Arbeit des Pflegepersonals ­unterstützt werden? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt vor­liegender Studie. 13 studentische Teams der Fachhochschule Potsdam haben sich in stationäre und teilstationäre Einrichtungen der Inneren ­ Mission des Landes Brandenburg begeben, um dort Vorortforschung zur Verbesserung der Selbständigkeit und Autonomie im Alter zu betreiben. Dabei wurden u.a. Konzepte für spezielle Möbel, für ­Orientierungssysteme, zur Entwicklung von Spielen, alterstauglichen Anwendungen Neuer Medien und mehr entwickelt.

ISBN - NR . 3 - 934329 - 52 - 7 FACHHOCHSCHULE POTSDAM


Care Design