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Pilatus Sagen und Geschichten

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Die Pilatussage Ob der schöngelegenen Stadt Luzern am Vierwaldstättersee steht ein gewaltiger, zackiger Berg, der vormals Frakmunt hieß. Aber seitdem der Landpfleger Pilatus auf dem rauhen Berg haust, nennen ihn die Leute Pilatus. Nämlich vor alter Zeit, als in Rom der mächtige Kaiser Tiberius am Aussatz erkrankte und ihn auch die geschicktesten griechischen Ärzte nicht zu heilen vermochten, vernahm er, daß in Jerusalem ein Arzt sei, der alle Kranken gesund machen könne. Er schickte also seinen treuen Diener Alban nach Jerusalem. Aber Pilatus, der römische Landpfleger, erschrak und wollte nichts von einem solchen Arzte wissen, der eben Jesus Christus war, den er vor kurzem hatte kreuzigen lassen. Inzwischen begegnete der Diener Alban der heiligen Veronika, die das Tüchlein besaß, auf dem das blutbefleckte Antlitz des Heilandes zu sehen war. Diese erzählte ihm das Leiden und Sterben des Gottessohnes, und so reisten sie heimlich zusammen nach Rom zurück, legten dem Kaiser das Schweißtuch auf, und er wurde sogleich gesund. Dann aber ließ er voller Zorn den ungetreuen Pontius Pilatus nach Rom rufen, damit er sich wegen seiner schlechten Verwaltung der jüdischen Provinzen verantworte. Als aber Pilatus beim Kaiser Tiberius eintrat, empfing ihn der zum Erstaunen aller gar freundlich. Wie er jedoch wieder aus dem Palaste war, ergrimmte der Kaiser von neuem wider ihn. Man führte ihn also nochmals zu ihm hinein, aber der Kaiser behandelte den schlechten Landpfleger aufs neue wieder ganz freundschaftlich. Kaum war er wieder fort, wurde Tiberius gleich wieder wütend über ihn. Aber auch ein drittes Mal nahm ihn der Kaiser gütig auf und war wie verwandelt. Da wunderten sich alle 2


Pilatus am Hofe und sagten, das ginge nicht mit rechten Dingen zu. Nun zog man dem Pilatus das Oberkleid aus, und da entdeckte man darunter das ärmliche, ungenähte Gewand des gekreuzigten Heilandes. Wie man ihm das in des Kaisers Gegenwart abgenommen hatte, sah ihn der schrecklich an. Jetzt merkte Pilatus, daß ihm ein böses Ende bevorstehe. Und eines Morgens fand man ihn tot im Gefängnis; er hatte sich selbst entleibt. Der Kaiser ließ seinen Leichnam in den Tiberfluß werfen, der die Siebenhügelstadt durchfließt. Aber da gab es in Rom Ungewitter und böse Seuchen aller Art, bis man den Leichnam wieder aus dem Tiber holte. Nun führte man den toten Pilatus nach Frankreich und versenkte ihn bei der Stadt Lyon in die Rhone. Doch auch da ging‘s bald zu wie in der Hölle, also daß man den Leichnam wieder herausfischte und nach der Bischofsstadt Lausanne verbrachte, um deren Mauern die Veilchen so süß duften. Aber auch im schweizerischen Waadtlande kam der Tote nicht zur Ruhe. Tag und Nacht pfiffen die Ungewitter um die geängstigte Stadt. Jetzt hatte man aber genug. Man wollte den unruhigen Geist einmal an den richtigen Ort bringen. So trug man denn den toten Pilatus auf die rauhen Alpen des Frakmunts bei Luzern, wo man ihn in einen kleinen Bergsee warf. Doch auf dem Berge, den die Leute nun Pilatusberg nannten, trieb es der böse Geist schrecklicher als jemals. Zwar lag der kleine Bergsee meistens finster und schweigsam da, und nie gefror er zu. Aber unversehens regte der böse Geist die Wasser in ihrer Tiefe auf. Dann stieg er heraus, von finsterem Nebel umgeben, und ließ Schmeißfliegen und stechendes Ungeziefer auf die entsetzten Hirten und ihre Herden los. Und um Mitternacht begann er oft in seinem See zu toben. Hochauf fuhren die 3


Wasser, und auf einmal stürmte er heraus und jagte das weidende Vieh in alle Tobel und Schluchten hinein. Im Vorfrühling aber kämpfte er mit dem König Herodes in den Lüften und warf mit Lawinen nach ihm, die dann tosend zu Tal rasten. Die Sennen und die Umwohner des Berges sahen nur mit Schrecken an dem finstern Berg hinauf, dessen Haupt fast immer in einer schwarzen Nebelkappe steckte. Sie versuchten alles, um den bösen Geist zur Ruhe zu bringen, doch alle Beschwörungen wollten nichts helfen. Da kam einmal ein fahrender Schüler aus der unterirdischen Schule zu Salamanca in die Stadt Luzern. Der anerbot sich, das gespensternde Ungetüm für immer in den See zu bannen. Er bestieg die höchste Spitze des Pilatusberges, das Mittagsgüpfi, und begann die Beschwörung. Aber trotz der fürchterlichen Beschwörung wich der böse Geist keinen Zoll. Die Felsen wankten unter dem fahrenden Schüler, daß er fürchten mußte, sie fallen mit ihm ab. Da begab er sich aufs Widderfeld. Hier nahm er den Kampf nochmals auf. Wie es da schrecklich zugegangen sein muß, zeigt heute noch der für immer und ewig versengte Rasen, auf dem kein grünes Gräslein mehr gerät. Jedoch hier wurde der fahrende Schüler des widerspenstigen Pilatus Meister. Er bannte den bösen Geist bis zum Jüngsten Tag in sein Seelein zwischen dem Mittagsgüpfi und dem Gnappenstein. Auf einem Dämon in Roßgestalt fuhr Pilatus in das unheimliche Wasser hinein. Nur einmal im Jahre, am Karfreitag, und dann nur auf kurze Zeit, tauchte er dann auf einem Richterstuhl mitten im Seelein aus der Flut, vom Teufel an einer eisernen Kette gehalten. Er trug blutrote Amtstracht, seine Haare waren katzgrau und der Bart schneeweiß. Und da versuchte er dann 4


Pilatus immer die blutbefleckten Hände im Wasser zu waschen, aber umsonst. Wehe dem einsamen Gemsjäger und Hirten, der ihn so erblickte! Er mußte innert Jahresfrist sterben. Pilatus aber durfte nur so lange über dem Seelein verweilen, als in der Kirche zu Luzern die Passion abgehalten wurde. Kaum war sie vorüber, versank er wieder für ein Jahr in die schwarze Flut. Seither verhielt er sich ruhiger. Nur wenn man mit Steinen ins Seelein warf, ließ er schwere Ungewitter aufsteigen. Oft noch sahen die Hirten den bösen Geist plötzlich als wildes Roß oder als großen Hund oder gespenstiges Kalb vor sich stehen, wenn sie etwas Unrechtes im Sinne hatten. Noch lange Zeit blieb der Pilatus ein unheimlicher Berg, denn wenn es in Luzern zunachtete, sah man aus seinen Wolken feurige Drachen über den See nach dem Rigiberg und nach dem Bürgenstock fliegen. Oft waren es so viele, daß es aussah, als gingen feurige Stege von Berg zu Berg. Es sollen im Bürgenstock die Drachen besonders zahlreich genistet haben, da er gespalten ist und nur durch eine goldene Kette, die rings um den Berg läuft, zusammengehalten wird. Heute noch schauen die Jungen und Mägdlein aus der schönen Stadt Luzern gar oftmals an dem hochragenden Pilatusberg hinauf, denn er ist ihr Wetterprophet geworden, und da wissen sie folgendes Sprüchlein zu sagen: „Hat der Pilatus einen Hut, ist das Wetter fein und gut. Trägt er aber eine Kappe, fängt das Wetter an zu gnappe (schwanken). Hat er einen Degen, gibt es sicher Regen.“

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Die Sage um den Pilatussee (Version 2) Die Oberalp blieb durch Jahrhunderte totenstill und berüchtigt. Mancher Senn getraute sich nicht, dort sein Vieh zu sommern. Wenn von ihr die Rede war, bemächtigte sich vieler eine unerklärliche Angst; denn Wettertannen umstanden auf einer flachen Anhöhe drei Bergseen. Es waren hässliche Sümpfe, die Schrecken verbreiteten. Unwetter brauten sich hier zusammen, sodass Überschwemmungen und namenloses Elend daraus folgten. Man verfocht die Meinung, wer laut riefe oder mutwillig Steine, Holz und Erde in den Bergsee würfe, würde dadurch Unheil stiften. „Grusame (grausame), ungestüme wätter von Hagel, windschlegen (Windstössen) und anlaufen der bergwasser“ waren das Ergebnis. In diesem garstigen Alpenpfuhl lag nämlich die Leiche des römischen Landpflegers Pilatus aus Palästina. Hier hatte sie endlich ihr Grab erhalten, nachdem sie an anderen Orten, in Rom, Vienne und bei Lausanne nicht mehr geduldet worden war. Aber niemand durfte die Totenstätte aufsuchen, den Leichnam belästigen oder ihn durch den Wurf eines Gegenstandes stören. Sonst brach der Geist gereizt hervor, um heftige Stürme in das Unterland zu senden und es zu verwüsten. Er zersprengte Viehherden, jagte sie in alle Tobel hinein und hetzte die Tiere über Felsen in die Schluchten. Er ließ stechendes Ungeziefer und Schmeißfliegen auf die entsetzten Hirten los, um sie aus der Umgebung zu vertreiben. Aus der Ferne hatte man die arg gequälte Seele schon erspäht. Es war eine Erscheinung wie die eines Geistes, mit wallendem taubengrauen Haar und Bartsträhnen.

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Pilatus Der struppige Geist saß manchmal auf einem Sessel mitten im gräulichen Sumpf. Er war bekleidet mit einem weißen Hemd oder wie ein Fürst von einem purpurnen Gewand umhüllt und träumte aus hohlen Augen in die Runde. Er versuchte jeweils, die blutbefleckten Hände im Teich zu waschen, doch umsonst. Die Schuld würgte ihn weiter; er härmte sich ab. Bald hockte er vermummt und gelangweilt auf einem Stein am Uferbord, bald tappte er ruhelos und von Groll durchdrungen im Föhrenwald umher. Bisweilen raffte sich das Gespenst auf, erstieg den Berg und kauerte auf einer Felsplatte hoch über dem Moor. Dort brütete er vor sich hin. Diese Platte wackelte nachher noch während vieler Jahre. Deswegen nannte man den Gipfel Gnepfoder Gnappstein. Gnappen bedeutet wackeln. Der Blitz spaltete einst die Steintafel, sodass sie in den Abgrund zur Trockenmatt stürzte. Auf dem Berg trifft man jetzt nur noch Blockwerk an. ... Jener Geist trieb sein Unwesen Jahrhunderte lang. In Luzern erließ man ein Verbot, den Alpensee zu besuchen. Die Verordnung lautete: Die Sennen, Handknaben und alle jene, die bei ihnen sind, werden verpflichtet, „gar niemandt uff den berg, noch zum see wandlen ze lassen“. Wer sich ohne ausdrückliche Erlaubnis des Rates der Stadt hinaufbegab, wurde bestraft. Im Jahre 1564 legte man zwei Männer in den Turm, warf sie also ins Gefängnis, weil sie heimlicherweise den See betrachtet hatten und hernach Gewitter und Ungemach losgebrochen waren. Als aber die Seelein verlandeten und nur noch glucksende Pfützen oder ‚wasserschweizinen‘ (Wasserbrühen) waren, hob man das Verbot im Jahre 1594 auf.

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Die Sennen wurden des Eides entbunden. Man befahl ihnen, „diesen sew (See) oder güllen (Mistwasser oder Jauche) uszugraben“. Binsen wuchsen ja bereits heraus, und die Lachen durchwatete man, ohne den Geist herauszufordern. Der Name des Geistes aber hat sich auf die ganze Bergkette übertragen. Der Gebirgsstock hieß vorher Brochenberg oder ‚fractus mons‘, Zeichnung mundgerecht und verwandelte das Wort in ‚Fräkmünt‘. Heute erinnern noch zwei Alpgüter an den ursprünglichen Namen Fräkmünt.

Vollmond über dem Pilatus Die Pilatusbahn, die steilste Zahnradbahn der Welt führt mit einer maximalen Steigung von 48% von Alpnachstad auf die Spitze - Höhe des Pilatus 2132 m. 8


Pilatus Über den Pilatussee (Fakten) Die stilleren Seen, die zuzeiten so unruhig und wild werden können, haben ihre eigenen Elfenmythen. Lässt man ein flaches Steinchen über ihre Fläche hintanzen, so löst man Bräutle oder Wassermännchen, als ob dadurch die darüber schwebenden Wassergeister von ihrem Element gelöst würden. Viele Schweizer und deutsche Seen dürfen aber nicht durch Steinwürfe beunruhigt werden. Sie erregen im Schwarzwälder Mummelsee den Zorn der Seemuhme, sodass Unwetter losbricht, und zornig erweist der Mummelsee sich auch in der etwas unklaren Erzählung des Simplicissimus 5,16, nach der ein Wassermännlein darin seine geraubte Gemahlin sucht. Es kommt aber nicht wieder zum Vorschein. Nur sein Stecken mit einer Handvoll Blut springt nach einiger Zeit ein paar Fuß hoch in die Luft. Aber der berüchtigtste See ist doch der am Pilatusberg bei Luzern gelegene Oberalpsee, dessen Sage erst im 13. Jahrhundert mit der Pilatuslegende verknüpft ist. Bald watete, übrigens mehr nach Riesenart, der Unhold in diesem See, dass er überströmte und seine Wasser ins Tal ergoss, bald stürmte er durch das Gebirge, jagte Hirten und Herden auseinander und stürzte sie in die Abgründe. Namentlich wenn man in der Nähe des Sees lärmte, Steine hineinwarf oder gar seine Tiefe ausmessen wollte. Der Zutritt zu dem See und selbst der Besuch des Berges waren verboten; wegen versuchter Besteigung wurden 1387 sechs Geistliche zu Luzern ins Gefängnis geworfen und selbst der Herzog Ulrich von Württemberg und 1555 der berühmte Konrad Gesner wurden nur unter Aufsicht und dem Versprechen, nichts in den See hineinwerfen zu wollen, hinaufgelassen. Noch im vorigen Jahrhundert (im 19. Jh.) sprachen die Sennen bei Sonnenuntergang durch die ‚Volle‘, den Milchtrichter, einen fei9


erlichen Segen gegen den Unhold und wurden dafür mit dem sogenannten Rufkäse belohnt. Die Verehrung von Gewässern ist nicht allein ein Kennzeichen von Naturreligionen. In Quellen, Seen und Strömen erkannten unsere Vorfahren Aufenthaltsorte von Göttern und guten wie bösen Geistern. Solche Wassergeister verursachten umso mehr Angst und Schrecken, wenn von ihrem vermeintlichen Aufenthaltsort eine zerstörerische Wirkung ausging: plötzliches Anschwellen von Bächen und verheerende Überschwemmungen. Nirgends sind solche Ereignisse beängstigender als in Gebirgsregionen, wo der Donner mächtiger grollt als über dem flachen Land und Fluten mit Schlammlawinen mit brachialer Urgewalt und Getöse zu Tal stürzen und dabei alles niederwalzen. Vielerorts legte man bei Quellen und Seen Opfergaben für die Wassergeister nieder: Kuchen und andere Lebensmittel, Wachs, Stoffe, oder man schlachtete am Ufer Tiere. Nicht nur aus den Mooren Norddeutschlands und Skandinaviens, sondern auch vom dämonischen See bei Norcia im Apennin sind Menschenopfer bekannt. Solche Gaben sollten Götter und Wassergeister günstig stimmen. Umgekehrt war die Meinung verbreitet, dass durch verärgerte oder gereizte Wassergeister Unwetter und Wasserschäden hervorgerufen würden. Auch nach der Christianisierung hielten die Menschen hartnäckig an ihren altgewohnten Ritualen und Gebräuchen fest. In der Masse des Volkes herrschte noch lange Zeit ein christlich gefärbtes Heidentum. Burchard von Worms (um 965 - 1025) sprach von alten heidnischen Traditionen, die an die folgenden Generationen weitervererbt wurden. Trotz strenger kirchlicher 10


Pilatus Verbote und unter Androhung von Strafen wurden heilige Steine, Quellen und Bäume noch weit über das 14. Jahrhundert hinaus verehrt, man legte dort Opfer nieder und sprach die alten Segen wie zuvor. Der Glaube an die Möglichkeit der Wetterbeeinflussung war ein solcher Aberglaube, der weit in die Heidenzeit zurückreicht und der sich im Volk hartnäckig bis in die Neuzeit hielt. Noch im 18. Jahrhundert wurden in Deutschland Menschen der Hexerei angeklagt, weil man sie bezichtigte, sie hätten mit magischen Ritualen heftige Unwetter herbeigezaubert und dadurch Unglück über andere Menschen gebracht. Im Grunde hat sich der Glaube, man könne Wetter durch religiöse Riten beeinflussen, bis in die heutige Zeit erhalten. Noch immer werden Wetterkreuze aufgestellt und Feldprozessionen durchgeführt, um die kommende Ernte vor Unwetter und Vernichtung zu bewahren. Und so ist es nicht verwunderlich, dass man auch in christlichen Jahrhunderten, als der Glaube an die Wassergeister längst unterdrückt war, ungewöhnlich große oder häufig auftretende Flutkatastrophen mit Geistern und dämonisierten Göttern in Verbindung brachte. Der moderne, durch langfristige Wetterprognosen verwöhnte Mensch weiß heute physikalische Zusammenhänge zu deuten und glaubt, Naturereignisse mit seinem erlernten Wissen erklären zu können. Dies befähigt uns, rechtzeitig Schutzvorkehrungen vor Unwetterkatastrophen treffen zu können. Unsere Ahnen sahen in Unwettern und Flutkatastrophen die unabwendbare Willkür der Götter, der sie sich schutzlos ausgeliefert fühlten. Einzeln stehende Berge wie das Pilatus-Massiv sind Wolkensammler. Diese wurden von den Bewohnern der Gegend stets aufmerksam beobachtet, denn an den Wolkenbildungen 11


um ihre Gipfel ließ sich kommendes Wetter kurzfristig voraussagen. Darüber hinaus zeichneten sich solche Gebirge durch häufige und besonders heftige Gewitter aus, die ein ungestümes Anschwellen ihrer Bergbäche und Überschwemmungen zur Folge hatten. Befand sich auf einem solchen Berg in wilder Umgegend auch noch ein scheinbar unergründlicher See mit düsterem, moorigem Wasser, der für die Menschen mit der Unterwelt in Verbindung zu stehen schien, ließen sich herabstürzende Bergströme nur mit dem Wirken von dort ansässigen Wassergeistern erklären. Der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat, der gerne als Begründer der Schweizer Volkskunde genannt wird, beschreibt 1594 eindrücklich die Ängste der Menschen vor dem kleinen Bergsee. Die Sage von diesem Gewitter erregenden, dämonischen See sei die älteste und charakteristischste Sage dieses Berges. Seit dem Altertum sei man der festen Überzeugung gewesen, dass sofort fürchterliche Unwetter aus dem schwarzen Seelein in der Oberalp am Frakmont entstünden und die Bergbäche das Land überfluteten, sobald jemand auf frevelhafte oder mutwillige Weise irgendetwas - seien es Steine, Holz oder Erde - in den See warf . Dies sei wiederholt vorgekommen, so Cysat. Ein solcher Volksglauben lässt sich auch für viele andere Seen nachweisen, besonders wenn diese hoch oben in den Bergen liegen. Erst viel später, so Cysat, sei die Pontius-Pilatus-Sage in die Region vorgedrungen und sei mit dem Bergsee verknüpft worden. Man kann dabei nicht ausschließen, dass diese Sage bewusst ausgestreut worden ist, um noch bestehende Relikte des alten Glaubens in einen christlichen Kontext zu stellen und mit einer biblischen Figur zu besetzen.

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Pilatus Cysat gibt den Hinweis, dass die Pilatuslegende tatsächlich als Import einer „weitberühmten fremden Sage“ durch Reisende aus fernen Ländern und fahrende Schüler in diese Region gelangt sei, die „vil handels und zugangs zu diesem berg gehept“. Nach Cysat waren auch die übrigen Sagen vom Pilatusgeist, sein Erscheinen am Karfreitagmittag auf dem Richterstuhl und andere dem Volk durch fremde Reisende ‚eingebildet‘ worden. „Solches habe dann der gemeine Mann und das einfältige Volk so stark gefasset, dass es sich diesen Wahn dermaßen eingebildet, dass er nit mehr uszereden gewesen.“ Das Zeitfenster, in dem die Pontius-Pilatus-Sage mit dem damals noch Frakmont genannten Bergmassiv verknüpft wurde, deckt sich mit der Epoche des zunehmenden Handels über den Gotthardpass und damit auch mit der Epoche der aufstrebenden Entwicklung des städtischen Gemeinwesens von Luzern um 1200 - 1300. In diese Zeit fällt ebenfalls die Gründung des dortigen Franziskanerklosters. Doch wie konnte der römische Statthalter von Judäa, Pontius Pilatus, Namensgeber des kleinen Bergsees und damit des ganzen Bergmassivs am Vierwaldstätter See werden? Der historische Pontius Pilatus hatte das Amt eines römischen Prokurators im Jahre 26 von Valerius Gratus übernommen. Nach der Kreuzigung Christi hatte der Landpfleger wiederholt durch sein gewaltsames Vorgehen, z.B. auf dem Berg Garizim in Jerusalem, Unruhen unter der jüdischen Bevölkerung ausgelöst. Deshalb wurde er anno 36 verklagt und zur Verantwortung nach Rom berufen. Im Jahr 38 wurde in Jerusalem sein Nachfolger Marcellus als Landpfleger eingesetzt. - So weit die historischen Fakten.

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Schon sehr früh entstand die Sage, Pontius Pilatus habe ein unrühmliches Ende genommen. Einige Überlieferungen berichten, er sei vom römischen Kaiser verurteilt worden, andere behaupten, er habe sich das Leben genommen. Sedulius Scotus schreibt um 868, Pontius Pilatus sei in die Verbannung geschickt worden. Tatsächlich sollen in der in Frage kommenden Zeit zwei jüdische Fürsten in das Rhonegebiet verbannt worden sein. Nachdem Erzbischof Ado von Vienne (799 – 875) in seiner Weltchronik Pontius Pilatus mit Archelaus verwechselt hatte und Pontius Pilatus in Vienne in Verbannung leben ließ, setzte sich die Meinung fest, Pilatus habe tatsächlich die Zeit seiner Verbannung in Vienne verbracht und sich dort das Leben genommen. Um das Jahr 1050 hatte die Sage bereits jene Merkmale erhalten, mit denen sie uns heute vorliegt. Eine viel kopierte Pergamenthandschrift aus jener Zeit berichtet bereits davon, dass Pilatus‘ Leichnam in einen nicht näher beschriebenen Alpenpfuhl - einige der ersten Schriften sprechen auch von einem Seelein im Septimergebiet - geworfen worden sei. Bei diesem See soll es bereits ausgereicht haben, nur den Namen des in Ungnade gefallenen Statthalters auszusprechen, um heftigste Erdbeben und furchtbare Unwetter heraufzubeschwören. Bald darauf wurde Pilatus‘ letzte Ruhestätte in verschiedenen anderen Gewässern lokalisiert. Schriftsteller des 13. Jahrhunderts hatten den gruselig-frommen Legendenstoff gerne in ihre literarischen Werke aufgenommen und damit für dessen großflächige Verbreitung gesorgt.

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Pilatus Spuk auf dem Pilatus Im Jahre 1540 wollte ein Alpbub oder Handknabe abends das Jungvieh von den Höhen des Berges zu den Hütten treiben. Doch der Weg war ihm versperrt, da der Boden vor ihm bedeckt war mit großen schweren Pferden. Der Bub erschrak, denn er wusste, dass zu ewigen Zeiten keine Pferde in diese Höhe und Wildnis gelangen konnten. Geistesgegenwärtig schlug er das siegreiche Zeichen des Kreuzes gegen die Pferde, und die teuflischen Tiere erhoben sich sofort und stoben in den Lüften auseinander. Der Handbub aber fiel krank zu Boden, und der Meister, der ihn suchte, musste ihn den Berg hinab zur Hütte tragen. Später hat dieser Knabe, als er schon alt geworden war, dies Erlebnis Cysat erzählt. Cysat kannte den Mann sehr genau und plauderte täglich mit ihm. Er war inzwischen Diener der Stadt geworden und erreichte das hohe Alter von 80 Jahren. Das wilde Heer auf den Pilatus-Alpen In den hohen und wilden Alpen des Pilatusberges hausen viele Gespenster. Einige lassen sich nur des Nachts hören oder sehen. Sie erscheinen in der Gestalt von Menschen, die der Hirt noch zu Lebzeiten gekannt hatte. Sie reiten auf gespenstischen Pferden und jagen in vollem Lauf dahin. Zuweilen erhebt sich ein Getümmel von solcher Gewalt, als ob viele hundert Pferde dahersprengen. Das Gebirge erzittert wie bei einem Erdbeben und ertönt, als löse man zahllose Geschütze. Zuweilen fährt das gespenstische Heer auch ohne Pferdegetrampel nachts mit Windesheulen um die Sennhütten und lässt 15


sie erzittern, dass ihre Bewohner fürchten müssen, sie fallen vor dem wilden Ansturm zusammen. Dies erfuhr auch Renward Cysat selbst zum wiederholten Male, als er 1566 und 1572 in Gesellschaft auf der Alp Fronstaffel übernachtete. Von dem wilden Getöse soll sein Hund taub und blind geworden sein und sich selbst die Augen aus dem Kopf gekratzt haben. Gespenstische Pferde und Geisterwesen am Pilatussee Cysat hörte oft von Älplern des Pilatusberges und von alten glaubwürdigen Männern, die von Jugend auf als Jäger oder Sennen dort wohnten, dass es im Gebirge, besonders auf den Höhen, in den rauen und wilden Felsen von bösem, teuflischem Gespenster- und Geisterwerk wimmle. Man höre oft des Nachts, wie das Gespensterwerk mit grausem Geschrei vom Tal herauf über die Höhen und Gipfel des Berges fahre, als wären es viele Geschwader von Reitern und Reisigen. Während es dort oben derart tose, wäre es unten im Tal heiter, still und wolkenlos. Oben aber ginge es zu, dass die Erde bebe, dass man sich in den Hütten nicht mehr sicher fühle und fürchte, Hütten, Scheunen und Gaden und alles Vieh würden von der Stelle weggetragen. Renward Cysat will eine solche Erscheinung 1565 bei den Sennen in der Nähe des Pilatussees gehabt haben. Schwarze Geisterpferde auf dem Pilatus Viele Sennen haben auf den höchsten Gipfeln des Pilatusberges, wo selbst Geißen und Gemsen nur mühselig hingelangen und weit und breit keine Pferde zu finden sind, ganze Scharen schwarzer Rosse erblickt. Wenn die Hirten das Zeichen des Kreuzes gegen die Tiere machten, erhoben sich die Pferde in die Luft und rasten davon. Wenn ein Älpler diese Pferde er16


Pilatus blickte, befiel ihn meistens großer Schaden, wie Ohnmachten, Krankheiten, besonders Geschwülste des Gesichtes. Das begegnete ihm nicht, wenn er die Kirchenglocken, die des Abends zum Ave Maria läuteten, aus dem Tale hörte. Der geisterhafte Hirt - Eine Wuotanssage vom Pilatus Auf den Alpen des Pilatus erscheint oft beim Einnachten ein ganz kleiner Mann. Er ist angezogen wie ein Hirt, trägt eine Lecktasche über die Schulter und führt in der Rechten eine lange Rute. Der Kleine lockt das Vieh und treibt es dann vor sich her. Hat er es gesammelt, hebt er die Kühe langsam in die Lüfte und entschwindet mit ihnen. Erst am dritten Tag lässt er das Vieh wieder zu Boden kommen. Es ist dann matt und halbtot. Wenn ein Senn dazwischenkommt, kann er dem Vieh rufen und den Alpsegen beten, dann kommen die Kühe, die sich schon in den Lüften befinden, langsam und ohne Schaden wieder herunter.

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Von den Pilatusdrachen Vor Zeiten lebten in den Wildnissen und Gebirgen der Umgebung von Luzern gewaltig große Würmer und Drachen. Besonders hausten sie auf dem Pilatus, und zwar in dem großen Wald, der sich vom Berg bis gegen Kriens und Malters erstreckt. Jäger und Holzer sahen die Drachen oft in dieser Gegend. In heißer Sommerszeit sah man sie nach Untergang der Sonne wie ein Feuerbrand von einem Berg zum anderen schießen. Vor allem flogen sie vom Pilatus gegen den Rigi und sahen dann aus wie brennende Balken. Das Volk machte sich mancherlei Meinungen über die Drachen. Es erzählte, dass fahrende Schüler und Schwarzkünstler sich auf solche Tiere setzen konnten und mit ihnen aus dem Lande fuhren nach fernen Orten, wo man ihnen das Blut entnahm und Teile ihres Körpers, besonders Steine, die sich in ihrem Leib befanden, zu allerlei Zwecken brauchte und daher hoch bewertete. Wenn ein fahrender Schüler einen Drachen in Gewässern wegführte, kamen ungeheure Regengüsse und brachten Wassernot. Cysat sah im Jahre 1566 einen Drachen bei angehender Nacht vom Rigi zum Pilatus ziehen. Im gleichen Sommer folgte große Wassernot.

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Pilatus Streit mit dem Drachen Im Jahre 1503 sagten verschiedene junge Herren von Luzern eine Jagd im Fräkmünd-Gebirge und den Wäldern gegen Malters an. Sie wollten Hoch- und Niederwild jagen. Einer von ihnen, der im Wald ob Malters hinter den anderen zurückblieb, stieß auf einen großen Drachen, der am Boden lagernd schlief. Zuerst meinte der junge Herr, es läge da ein alter, verfaulter Baum. Als aber das Tier einen bösen Geruch und Dampf von sich gab, merkte der Junker bald, was er vor sich hatte. Er erschrak zuerst ordentlich; als er aber einige seiner Gefährten nahen hörte, fasste er sich ein Herz und schlug dem Untier mit einer Axt auf den Kopf. Der Streich schadete dem Tier, das eine dicke gehörnte Haut besaß, nichts. Es erwachte aber davon, schwang sich in die Höhe und flog über den Wald davon. Die Jäger besahen sich die verlassene Lagerstätte und fanden sie gänzlich verbrannt. Auch die Bäume, die das Untier bei seiner Flucht gestreift hatte, zeigten Brandspuren, als ob ein Feuer über sie gegangen wäre. Etwa sechzig Jahre später, im Jahre 1562, hörte Cysat diese Erzählung aus dem Munde eines sechsundsiebzigjährigen Ratsherrn und vornehmen Bürgers der Stadt erzählen. Der Vater des Ratsherrn war bei jener Jagdgesellschaft mit dabei gewesen.

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Von Drachen und Lindwürmen Auf dem hohen Pilatus hat es Drachen und Lindwürmer vollauf gegeben, die hausten in unzugänglichen Höhlen und Schluchten des gewaltigen Alpenbergstocks. Oft haben Schiffer auf den Seen sie mit feurigen Rachen und langen Feuerschweifen vom Pilatus herüber nach dem Rigi fliegen sehen. Solch ein Drache flog einstmals in der Nacht vom Rigi zurück nach dem Pilatus; ein Bauer, der, von Horn bürtig, die Herden hütete, sah ihn, und da ließ der Drache einen Stein herunterfallen, der war wie eine Kugel geformt und glühend heiß; der war gut gegen allerlei Krankheit, wenn man davon eine Messerspitze voll abschabte und dem Kranken eingab. Zu anderer Zeit hat man einen grauslich großen Drachen aus dem Luzerner See die Reuß hinaufschwimmen sehen. Einstmals ging ein Binder oder Küfer aus Luzern auf den Pilatus, Reifholz und Holz zu Fassdauben zu suchen; er verirrte sich und die Nacht überfiel ihn, mit einem Male fiel er in eine tiefe Schlucht hinab. Drunten war es schlammig, und als es Tag wurde, sah er zwei Eingänge in der Tiefe zu großen Höhlen, und in jeder dieser Höhlen saß ein gräulicher Lindwurm. Diese Würmer flößten ihm viel Furcht ein, aber sie taten ihm kein Leid; sie leckten bisweilen an den feuchten salzigen Felsen, und das musste der Küfer auch tun, damit fristete er sein Leben, und das dauerte einen ganzen Winter lang. Als der Frühling ins Land kam, machte sich der größte Lindwurm auf und flog aus dem feuchten Loche heraus mit großem Rauschen; der andere kleinere kroch immer um den Küfer herum, liebkoste ihn gleichsam, als wolle er ihm zu verstehen 20


Pilatus geben, dass er doch auch mit heraussollte. Der arme Mann gelobte Gott und dem heiligen Leodager in die Stiftskirche im Hof zu Luzern ein schönes Messgewand, wenn er der Drachengrube entrinne, und als der zweite Drache sich anschickte aufzufliegen, hing er sich ihm an den Schweif und fuhr mit auf, kam also wieder an das Licht, ließ sich oben los und fand sich wieder zu den Seinen. Doch lebte er nicht lange mehr, weil er der Nahrung ganz entwöhnt war, hielt aber Wort und sein Gelübde, ließ ein prächtiges Messgewand fertigen, darauf die ganze Begebenheit sticken und alles in das Kirchenbuch einzeichnen. Es soll diese Wundergeschichte sich ereignet haben 1410 oder 1420, und vom 6. November des einen Jahres bis zum 10. April des folgenden hauste der Küfer bei den Lindwürmern.

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Der Drachenstein zu Luzern An einem schwülen Sommertag im Jahre 1420 beobachtete in der Gegend von Rothenburg der Bauer Stämpfli, wie ein feuriger Drache dicht über seinem Kopf richtung Pilatus flog und dabei etwas fallen liess. Als der Bauer nachsah, fand er in einer „Schweti“ geronnenes Blut den hier abgebildeten Stein. Der Stein wurde von einem Nachkommen Stämpflis 1509 dem Wundarzt Martin Schriber zu Luzern verkauft, welcher sich 1523 vom Schultheiss und Rat der Stadt Luzern die Wunderkraft des Drachensteins in einer Urkunde bestätigen liess. Der weitere Verbleib des Drachensteins lässt sich bis heute anhand vieler Zeugnisse verfolgen. Der Kanton Luzern kaufte ihn 1929 von der Familie Meyer von Schauensee, seither ist er in Staatsbesitz. Der Luzerner Drachenstein war bis Ende des 18. Jahrhunderts eine Weltberühmtheit, nicht nur wegen seiner wunderbaren Herkunft, sondern auch wegen seiner angeblichen Heilwirkung bei allerhand Krankheiten. War der Drachenstein ein Meteorit? Bereits der deutsche Physiker und Begründer der heute noch gültigen Theorie über den Ursprung der Meteoriten Ernst Florens Friedrich Chladni (1756-1827) beurteilte den Luzerner Drachenstein als echten Meteoriten. Spätere Untersuchungen widmeten sich ebenfalls diesem Ansatz, konnten die Behauptungen aber weder bekräftigen noch ausschliessen. Bis heute wurde lediglich vermutet, dass sich im Innern der Steinkugel ein Himmelskörper verbergen könnte. Dank zerstörungsfreier Analytik gewannen nun Wissenschafter des Natur-Museums Luzern, der Universität Bern und des Naturhistorischen Museums Bern zum ersten Mal einen Einblick in den Kern des Luzerner Drachensteins. Die an der EMPA in 22


Pilatus Dübendorf mit Hilfe von Computertomographie ermittelten Resultate zeigen, dass der Drachenstein vollständig aus einem Material, mit grösster Wahrscheinlichkeit gebranntem Ton, besteht. Damit kann vorderhand zwar ausgeschlossen werden, dass dieser im Natur-Museum Luzern gezeigte „Heilstein mit wundersamen Kräften“ einen Meteoriten enthält. Was es mit der Drachenbeobachtung vor rund 600 Jahren auf sich hat und wie die Tonkugel entstanden ist, bleibt jedoch nach wie vor ein Rätsel.

Der Drachenstein

Der Pilatus und die Herdmanndli In der ganzen Schweiz, im Berner und Luzerner Land, im Haslital und fast allenthalben gehen Sagen von Zwergen und Berggeistern, die sich vielfach ähnlich sind. Absonderlich viel erzählt wird von dem hohen Berg Pilatus und den Zwergen, die sonst in seinem Geklüft wohnten, die heißen Herdmanndli. Der Pilatus das ist der rechte und wahre Broch- oder Brockenberg der Schweiz, auf welsch Frarmont (mons fractus) geheißen, auf 23


lateinisch aber mons pileatus, Hut-Berg, weil im Land die bekannte Rede geht. Hat der Pilatus einen Hut - So steht im Land das Wetter gut. Aber es geht die Sage, dass nach Christi unseres Herrn Leiden, Tod und Auferstehung, der römische Landpfleger Pilatus in dieses Land gezogen sei, oder gar, dass der Satan seinen Leichnam hergetragen, und da habe er am Berg den ungeheuerlichen See gefunden, der hat weder Zu- noch Abfluss und ist wegen der unergründlichen Tiefe schwarz und grässlich anzusehen, ein unheimlicher Moorgrund. Lange hat die Sage gelebt, dass wer etwas in den See werfe, alsbald ein heftiges Unwetter mit Hagel und Wolkenbrüchen errege, wie auch das Gewässer den Krienser Boden und Luzern, die Stadt, in den Jahren 1332 und 1475 in große Not gebracht, darum hat man Fremde nicht gern hinzugelassen und das Hineinwerfen von Steinen oder Holz bei Leib- und Lebensstrafe verboten. In diesen See habe sich der römische Landpfleger gestürzt, weil sein Gewissen ihn fort und fort gepeinigt, andere sagen, der Teufel habe ihn hineingesteckt. Die Herdmanndli, die wohnten vielfach in der Pilatus-Höhle, die hoch oben liegt, tief und schaurig. Sie waren den Menschen gar gut und hilfreich, gar ‚gespäßige Lüet‘ wie die Hirten sagen. Sie verrichteten nachts der Menschen Arbeit; kamen vom Berg auch herunter in die Täler, schafften und ackerten redlich, und ein Herdmanndli konnte mehr verrichten als zehn Meister mit allen Knechten. Aber sehen ließen sich die Manndli wunderselten und auch da hatten sie lange graue Kutten an, die bis auf die Erde reichten, dass man nimmer ihre Füße sah. Ein Hirte hatte einen recht ragenden Kirschbaum oben am 24


Pilatus Berg, dem pflückten die geschäftigen Zwerglein die Kirschen ab und brachten sie zum Trocknen auf die Hürten, dass hernach gutes Kirschwasser gebrannt werden konnte. Der Hirt wurde aber neugierig, zumal mocht‘ er gern die Füße der Herdmanndli sehen, ging her und streute Asche rings um den Baum, als die Früchte im nächsten Jahre wieder reiften. Die Herdmanndli kamen, pflückten redlich die Kirschen ab, und am Morgen sah der Hirt ihrer Füßlein Spur in der Asche. Es waren kleine Gänsefüße. Der Hirte lachte, und sagt‘ es freudig seinen Genossen an, dass er nun wisse, was für Füße die Herdmanndli haben. Die Zwerge aber ergrimmten, zerbrachen des Hirten Dach und Fach, versprengten seine Herde, zerknickten dem Kirschbaum Ast um Ast und ihrer keines kam jemals wieder herunter, den Menschen hilfreich zu sein. Sie blieben droben in ihrer tiefen Höhle und in ihrem Geklüft wohnen. Der Hirte aber wurde ganz tiefsinnig, schlich bleich umher und hat nicht lange gelebt.

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Drachesage vom Pilatus Im Sommer 1421 flog ein gewaltiger Drache zum Pilatus und stürzte so nah bei Bauer Stempflin in die Tiefe, dass dieser in Ohnmacht fiel. Als er wieder zu sich kam, fand er einen Klumpen geronnenes Blut und den Drachenstein, dessen Heilwirkung 1509 amtlich bestätigt wurde. Im Herbst fiel ein junger Bursche am Pilatus in eine tiefe Höhle und blieb zwischen zwei Drachen liegen. Doch sie taten ihm nichts. Als es Frühling wurde, verliess einer der beiden Drachen sein Winterquartier und flog fort. Der andere gab dem Burschen zu verstehen, es sei nun an der Zeit auszuziehen. Der Drache kroch zum Ausgang, hielt dem Burschen den Schwanz hin und zog ihn so aus der Höhle. In der Chronik von Petermann Etterlin steht zu lesen, wie der Landamann Winkelried einen der Pilatusdrachen tötete: Er umwickelte einen Speer mit Dornengestrüpp und stiess ihn in den offenen Rachen des Drachens, dann vollendete er sein Werk mit dem Schwert. Dabei spritzte ein Tropfen des giftigen Drachenblutes auf seine Hand. Dieser Tropfen – und der vergiftete Atem des sterbenden Drachen – liess das Blut in Winkelrieds Adern gefrieren und brachte auch ihm den Tod. In den frühen Morgenstunden des 26. Mai 1499 war in Luzern ein wundersames Spektakel zu sehen: Nach einem fürchterlichen Unwetter tauchte ein riesiger flügelloser Drache aus den wilden Wassern der Reuss bei der Spreuerbrücke auf. Wahrscheinlich war der Lindwurm vom Gewitter überrascht und vom Pilatus her in den Krienbach gespült worden, der unterhalb der Jesuitenkirche in die Reuss mündet. Mehrere ehrsame und gebildete Bürger verbürgten sich für die Wahrheit dieser Geschichte. 26


Pilatus Die Hexen vom Pilatus Sagen erzählen mit aller Bestimmtheit von Hexen, die auf dem Widderfeld des Brocken den Schnee weggetanzt hätten, siehe Walpurgis um ihre heissen Füsse zu kühlen. In der Nähe der heutigen Kapelle im Eigental stand eine Scheune, in der regelmässig Hexentreffen gehalten wurden, da die Bäuerin selber eine Hexe gewesen sei. Noch jetzt heissen die Gräben zwischen den Liegenschaften Füchsbühl und Würzen Hexengraben und Hexentobel. Die Hexen, die sich im Pilatusgebiet herumtrieben, sollen recht „gruselig“ ausgesehen haben. Als Geschirr zur Ausübung ihres unheimlichen Gewerbes trugen sie das Häfeli mit Salbe zum Viehverderben und Hagelmachen, dazu den unvermeidlichen Besenstil. Der Ausdruck „Hexenbesen“ ist heute noch gebräuchlich für missgebildete Zweige an Tannen. Die Marienkapelle im Eigenthal soll im Jahre 1517 gebaut worden sein. Im Deckenbild ist die Geschichte um eine böse Seuche dargestellt, die zum Bau der Kapelle geführt hatte. Männer des Tales fanden sich zusammen, um zu beraten, wie der Seuche Einhalt geboten werden könne. Da erschien in ihrer Mitte unversehens ein ehrbarer, grauer Mann aus dem Aargau. Er gab den Männern den Rat, zu Ehren der Himmelskönigin Maria eine Kapelle zu errichten und jedes Jahr darin eine Messe zu lesen. Hierauf verschwand der Mann. Die Männer machten sich unverzüglich ans Werk. Die bösen Geister und Hexen, die die todbringende Krankheit gebracht hatten, verliessen hierauf fluchtartig das Tal.

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Eine andere Sage jedoch macht die Aussage, dass den Zwergen am Pilatus das Verdienst zukomme fĂźr das Versiegen der Pest. Mit furchtbarer Stimme sollen sie vom Berg herab gerufen haben: „Esset schwarze Astrenzen und Bibernellen, so sterbet Ihr nicht alle!“

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Pilatus Die Mordnacht von Luzern Bald nach der Schlacht von Morgarten, in der sich die drei Länder Uri, Schwyz und Unterwalden vom österreichischen Joche der bösen Landvögte für immer befreit hatten, trat auch die unten am Bergsee gelegene Stadt des heiligen Leodegar, Luzern, in ihren Bund, also daß man nun diese vier verbündeten Länder um den See bis auf den heutigen Tag die Waldstätte und nach ihnen den schönen, vielarmigen See den Vierwaldstättersee nennt. Aber der Herzog von Österreich, dem die Stadt Luzern gehörte, war mit diesem Bündnis gar nicht einverstanden. Er suchte daher auf jede Weise die abtrünnige, freiheitssüchtige Stadt wieder unter seine Botmäßigkeit zu bringen. Doch die Bürger der Stadt waren auf der Hut und ließen sich von den Landvögten und österreichischen Adeligen, die außerhalb der Stadtmauern regierten, nicht überrumpeln. Nun wohnte aber in der Stadt eine große Partei vornehmer Leute, die gern Österreicher geblieben wären, da es ihnen besser gefiel, neben dem österreichischen Pfau den Stolzgockel zu spielen, als mit den viehhütenden Bauern der drei Länder falsche Freundschaft zu halten. Sie verschworen sich daher, sogar mit Brief und Siegel, in einer Nacht alle gewichtigen Anhänger der Eidgenossen zu überfallen und in ihren Betten zu ermorden. Dann wollten sie den draußen harrenden österreichischen Adeligen und ihren Reisigen die Tore öffnen und ihnen die Stadt wieder übergeben. Die Verräter hielten die Sache also geheim, daß außer ihnen kein Mensch in der Stadt etwas von dem bösen Anschlage erfuhr. Als Erkennungszeichen unter sich trugen sie alle einen 29


roten Ärmel. Es war zu Jakobitag im Jahre des Heils 1333 in einer finsteren, aber sternenreichen Nacht. Über dem Pilatusberg, dessen schwache Umrisse dräuend in die vielgetürmte Stadt hineinschauten, stand noch der Halbmond und beschien das Spiel der Wellen, die ein lauer Ostwind, in dem der Duft der Bergweiden wehte, an das offene Seegelände der Stadt trieb. Alles schien längst zur Ruhe gegangen. Überall herrschte tiefste Stille, nur um die Fischernachen am See quirlten die Wasser. Da schritt langsam ein armer Knabe in zerschlissenem Wams und Höschen vom See her in die Stadt hinein. Aber niemand hörte ihn wandeln, da er barfuß ging, und nur sein schwacher Schatten zeigte sich hin und wieder am steilen Häusergemäuer. Er hatte am See ein wenig gefischt, vielleicht um seiner armen Mutter ein Nachtessen zu gewinnen. Dabei war er nach und nach von dem eintönigen Schlummerlied der spielenden Wellen eingeschläfert worden. In der Hand trug er einen Henkelkrug, in dem ein paar Fische schwammen, und in einem Arm hielt er die Angelrute. Immer tiefer kam er in die totenstille Stadt hinein, die wie ausgestorben dalag. Und obwohl die engen Gäßchen ihn anstarrten wie offene Särge, fürchtete er sich doch nicht und trachtete nur, nun eiliger ausgreifend, bald heimzukommen. Aber als er sich den großen Gängen unter den Schwibbogen bei des von Wyl Haus näherte, hielt er auf einmal verwundert an. Bei den Schwibbogen unter der Schneider Zunfthaus und Trinkstube war ein seltsames Klirren und Murren. Einen Augenblick gedachte er schleunigst auszureißen, denn unter den Bogen hielten ja wohl die armen Seelen ihren nächtli30


Pilatus chen Umgang. Doch er vertraute auf Gott, schlug ein Kreuz und schlich sich leisen Fußes auf die Schwibbogen zu. Da erblickte er in den Gängen im schwachen Scheine des untergehenden Mondes eine große Schar Männer, die alle schwerbewaffnet waren, und erkannte in ihnen, besonders an ihren roten Ärmeln, die vornehmsten Geschlechter der Stadt. Und als er sich ganz nahe an sie heranmachte, merkte er aus ihren Reden, daß sie vorhatten, nach Mitternacht die eidgenössisch gesinnten Bürger der Stadt zu überfallen, erbarmungslos zu ermorden und den draußen harrenden Feinden die Stadttore zu öffnen. Von Entsetzen gepackt wollte er sich davonschleichen. Doch einige der Verschworenen sahen seinen Schatten an den Häusern entlang huschen. Sie verfolgten ihn, und als sie ihn eingeholt hatten, brachten sie ihn unter die Schwibbogen zurück. Dort wollte man ihn erst erstechen. Aber als die Verschwörer das zitternde, halbnackte Büblein mit seinem Krug wie ein Häuflein Elend vor ihren Spießen zusammenzucken sahen, erbarmten sie sich seiner. Doch mußte er schwören, keinem Menschen zu sagen, was er unter den Schwibbogen vernommen hatte. Auch ließen sie ihn nicht von sich, sondern behielten ihn in ihren Reihen. Aber als der Mond völlig untergegangen war und nur noch die Sterne über die Mauer der Stadt hereinblickten, wurden ihre Reden wieder eifriger. Sie rüsteten sich zum Überfall und vergaßen den Knaben. So gelang es ihm, von ihnen unbemerkt, sich davonzuschleichen. Noch bleich vor Schrecken über all das Gehörte eilte er, statt heimzugehen, überall in der Stadt herum, zu sehen, ob nicht irgendwo auf einer Zunftstube, wo 31


man allezeit in die tiefe Nacht hinein zu bechern pflegte, noch ein Licht brenne. Voll Freude sah er auf der Metzger Zunftstube erleuchtete Scheiben. Er machte sich die steile Wendeltreppe hinauf in der Metzger geräumige Trinkstube. Dort schlich er sich hinter den großen Kachelofen. Die Bürger aber, die ihren fröhlichen Becherlupf taten und würfelten, achteten seiner nicht. Da fing er auf einmal gar laut zu reden an und rief: „O Ofen, Ofen!“ Nun schauten sich wohl einige Männer flüchtig nach ihm um, dann aber spielten sie weiter. Nach einer Weile hob er noch lauter an und rief: „O Ofen, Ofen, wenn ich reden dürfte!“ Jetzt wurden die Zünfter aufmerksam und fuhren ihn unwirsch und verwundert an: „Was treibst du da so spät hinterm Ofen für närrische Spaße? Was hat dir der Ofen getan? Bist du närrisch? Oder was fehlt dir?“ Doch der Knabe antwortete nun, etwas eingeschüchtert: „O nichts.“ Aber nach einer Weile ward ihm schwer, denn nun mußte bald die Stunde schlagen, wo das Morden losgehen würde. Und obwohl er geschworen hatte, den ruchlosen Anschlag keinem Menschen zu verraten, so faßte er sich nun doch ein Herz und rief zum dritten Male: „O Ofen, Ofen, dir muß ich‘s klagen, denn ich darf‘s ja keinem Menschen sagen. Es sind viele Leute versammelt unter den großen Schwibbogen bei der Egg. Sie wollen diese Nacht einen Mord in dieser Stadt vollbringen. O Ofen, Ofen, das ist die heilige Wahrheit!“ Jetzt merkten die zechenden Zünfter das Unheil. Sie fuhren erschrocken auf, und ohne den Knaben noch weiter etwas zu fragen, machten sie sich schnellstens aus der Trinkstube und rannten, sich zu waffnen, still nach Hause und danach zum 32


Pilatus Schultheißen und allen eidgenössisch Gesinnten der Stadt. Vor allem besetzten sie die Stadttore. Bald waren sie in hellen Haufen beisammen, und als nun die Rolandshörner von Luzern fürchterlich alles aus den Betten heraushornten, wußten die Verschworenen unter den Schwibbogen, daß ihr Verrat ausgekommen sei. Also liefen sie eilig in ihre Herrenhäuser. Doch erwischte man noch einige von ihnen und erkannte nun, da sie alle rote Ärmel trugen, die ganze Verschwörerschaft, die alsbald eingezogen wurde. Die Verräter hätten wohl das Leben verloren, würde sich Gott nicht ihrer erbarmt haben, wie sie sich vorher des Bübleins erbarmten, das ihnen in die Hände lief und sie vor einer ungeheuerlichen Bluttat bewahrt hatte. Auf Fürbitte der zu Hilfe eilenden Eidgenossen der drei Länder schenkten sie den Verschwörern das Leben, und diese wurden nachmals getreue und biderbe Eidgenossen. Von dem armen Büblein aber, das durch seinen guten Kopf und sein tapferes Herz die Stadt gerettet hat, ist nicht einmal der Name auf uns gekommen. So wollen wir ihn denn einmal zusammen lesen im Buche des ewigen Lebens.

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Geschichte Luzern Frühzeit und Stadtverwendung (um 750–1386) Nach dem Zerfall des Römerreiches nehmen germanische Alemannen seit dem 6. Jahrhundert immer grösseren Besitz von dieser Gegend. Die alemannische Sprache ersetzt allmählich das Latein. Um 710 entsteht durch eine karolingische Gründung das Benediktinerkloster St. Leodegar (dort heute St. Leodegar im Hof), das Mitte des 9. Jahrhunderts unter die Herrschaft der elsässischen Abtei Murbach gelangt. Zu dieser Zeit bzw. um 750, nennt man das Gebiet Luceria. Die Vogtei über Murbach und damit auch über Luzern hat seit 1135 das Adelsgeschlecht der Habsburger inne. Die Gründung der Stadt erfolgt wahrscheinlich durch die Brüder von Eschenbach, die Ende des 12. Jahrhunderts die Abtwürde von Murbach und Luzern gleichzeitig besitzen. Das genaue Jahr der Stadtgründung ist unbekannt, es muss aber zwischen 1180 und 1200 liegen. Die Stadt gewinnt immer mehr an Bedeutung als Schlüsselstelle im wachsenden Gotthardverkehr und als Verwaltungszentrum. 1250 erreicht Luzern bereits die Grösse, die es bis ins 19. Jahrhundert beibehält. Luzern ist im 13. Jahrhundert durch Parteikämpfe zwischen Anhängern des Kaisers und des Papstes geprägt und scheint bereits eine städtische Selbstverwaltung mit Rat und Bürgerversammlung besessen zu haben. 1291 erwirbt der deutsche König Rudolf I. von Habsburg die Herrschaftsrechte des Klosters Murbach über Luzern, nachdem er schon die umliegenden Gebiete systematisch aufgekauft hat. Durch die zunehmende Einbindung in die habsburgische Landesherrschaft sucht Luzern Zuflucht bei den Länderorten. Mit ihnen verbindet die Stadt das Streben nach Selbständigkeit. Mit 34


Pilatus dem Ewigen Bund vom 7. November 1332 zwischen Luzern und den drei Waldstätten Uri, Schwyz und Unterwalden schliessen sie sich zusammen. Später treten die Städte Zürich, Zug und Bern dem Bündnis bei. Mit Hilfe dieses Bündnisses soll die Herrschaft Österreichs beendet werden. Dies gelingt mit dem Sieg der Eidgenossen über die Habsburger in der Schlacht bei Sempach (1386). Für Luzern beginnt eine Zeitspanne grosser Expansion. Luzern gelingt es in kurzer Zeit, zahlreiche Rechte an sich zu bringen, die zuvor den Habsburgern vorbehalten waren. Es entsteht ein Herrschaftsgebiet, das ungefähr dem heutigen Kanton Luzern entspricht. Von der Stadt zum Stadtstaat (1386–1520) 1415 erhält Luzern von Kaiser Sigismund die Reichsfreiheit und bildet ein kräftiges Glied im eidgenössischen Bund. Die Stadt baut ihre Territorialherrschaft aus, erhebt Steuern und setzt beamtete Vögte ein. Die Zahl der Stadtbevölkerung von 3‘000 geht um etwa 40 Prozent zurück. Schuld daran sind die Pest (um 1350) und etliche Kriege. 1419 taucht erstmals im deutschen Sprachraum in den Akten eines Hexenprozesses gegen einen Mann im schweizerischen Luzern das Wort Hexereye auf. Vorort der katholischen Schweiz (um 1520–1798) Im wachsenden Staatenbund der Eidgenossenschaft gehört Luzern zu den einflussreichen Stadtorten. Als die Reformation nach 1520 die Eidgenossenschaft spaltet, werden die meisten Städte reformiert, Luzern aber bleibt katholisch. Nach dem Sieg der Katholiken über die Reformierten in der Schlacht bei Kappel (1531) dominieren die katholischen Orte die Eidgenossenschaft. Die Zukunft gehört aber den reformierten Städten wie Zürich, Bern und Basel, die im zweiten Villmergerkrieg (1712) die Ka35


tholiken besiegen. Die führende Stellung Luzerns in der Eidgenossenschaft ist für immer vorbei. Im 16. und 17. Jahrhundert werden die Kriege und Seuchen immer seltener, somit nimmt die Bevölkerung auf dem Land kräftig zu. Jahrhundert der Revolutionen (1798–1914) 1798, neun Jahre nach Beginn der französischen Revolution, marschiert die französische Armee in der Schweiz ein. Die alte Eidgenossenschaft zerfällt, die Herrschaft der Patrizier wird in eine Demokratie umgeformt. Die industrielle Revolution tritt in Luzern erst spät ein. 1860 sind nur 1,7 Prozent der Bevölkerung in der Heim- oder Fabrikarbeit tätig, dies sind viermal weniger als in der übrigen Schweiz. Die Landwirtschaft mit einem hohen Anteil von 40 Prozent der Erwerbstätigen im Bauernstand prägt den Kanton. Dennoch zieht die Stadt etliche Industrien an, die sich aber in den Gemeinden um Luzern ansiedeln. Von 1850 bis 1913 vervierfacht sich die Zahl der Bevölkerung und ihre Siedlungsfläche wächst. Ab dem Jahre 1856 folgen die Bahnen, zuerst jene nach Olten und Basel, 1864 nach Zug und Zürich und 1897 in den Süden. Entwicklungsakzente im 20. Jahrhundert (1914–2000) Im 20. Jahrhundert gewinnen die Vororte immer mehr an Bedeutung. Die Bevölkerungszahl im umliegenden Grossraum verdoppelt sich, während die städtische Bevölkerung nur langsam zunimmt. 1981 folgt der Anschluss an die Autobahn. Entwicklung im 21. Jahrhundert (ab 2001) Am 17. Juni 2007 stimmten die Bevölkerung von Luzern und Littau der Fusion mit Luzern zu, um die gemeinsame Gemeinde Luzern zu schaffen. In Luzern stimmen 9869 Stimmberechtigte für die Fusion, 8875 dagegen. Das entspricht einem Stimmen36


Pilatus verhältnis von 53 zu 47 Prozent. Die Littauer stimmten der Fusion mit 2824 gegen 2343 zu (55 zu 45 Prozent.) Die Stimmbeteiligung lag in Luzern bei 46,2 Prozent, in Littau bei 60,4 Prozent. Die beiden Gemeinden werden sich am 1. Januar 2010 zusammenschliessen. Die Einwohnerzahl wird 75‘000 Personen betragen, die «neue» Stadt wird Luzern heissen und das heutige Stadtwappen wird beibehalten. Der Luzerner Stadtrat sieht darin aber nur den ersten Schritt für weitere Fusionen. Im Gespräch als zukünftige Partner sind die Gemeinden Emmen, Ebikon, Kriens, Horw und Adligenswil. Ziel ist es, mit ca. 150‘000 Einwohner die viertgrösste Stadt der Schweiz zu werden.

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Pontius Pilatus Pontius Pilatus stammte wohl aus niederem römischen Adel. Gefördert vom Präfekten der Kaisergarde in Rom, Lucius Aelius Seianus, wurde er im Jahr 26 Präfekt von Judäa und Samaria. Die liberale Haltung seiner Vorgänger gegenüber der Religion der Juden gab er auf zugunsten von Symbolen römischer Macht: er ließ Standarten mit dem Bild des Kaisers in Jerusalem aufstellen und als erster Münzen mit den Symbolen römischer Macht prägen, was die Juden mit Aktionen von passivem Widerstand beantworteten. Von der Hinrichtung galiläischer Pilger berichtet das Lukas­evangelium 13, 1. Berühmt und deshalb bis heute im christlichen Glaubensbekenntnis erwähnt wurde Pontius Pilatus als der, der das Todesurteil des Hohen Rates am Tempel von Jerusalem gegen Jesus von Nazarteth bestätigte und die Hinrichtung am Kreuz vollziehen ließ (Markus­evangelium 15, 15). Als eine religiöse Volksbewegung der Samaritaner von ihm gewaltsam niedergeschlagen wurde, musste er im Jahr 36 zum Rapport beim Kaiser nach Rom reisen; Kaiser Tiberius war aber vor seiner Ankunft gestorben, der Nachfolger Caligula hatte offenbar kein Interesse an seiner Verurteilung. Pilatus‘ weiteres Schicksal liegt im Dunkeln, es gibt Berichte über einen Selbstmord im Verbannungsort Vienne im Jahr 39, andere über eine Enthauptung unter Kaiser Nero (er regierte 54 - 68). Legenden erzählen vom Selbstmord unter Kaiser Caligula, der ihn bedroht hatte; seine Leiche sei in den Tiber geworfen worden, der danach Hochwasser geführt und eine furchtbare Überschwemmung verur­sacht habe; deshalb habe man den Leichnam nach Frankreich gebracht und in die Rhone geworfen, 38


Pilatus worauf ein schrecklicher Sturm losbrach; so habe man seine Überreste schließlich in einen tiefen See in der Schweiz geworfen auf dem heutigen Pilatusberg. Noch heute breche dort immer, wenn man etwas in den See wirft, ein Unwetter aus und am Karfreitag hole der Teufel Pilatus aus dem See und setze ihn auf einen Thron, damit er seine Hände in Unschuld wasche. Eine spanische Legende berichtet von == Judas Ischariot als Knecht von Pilatus. Schon Tertullian beschrieb ihn als gläubig gewordenen Christen, die koptische Kirche verehrt ihn ob seines angeblichen Märtyrertodes.

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Blick vom Pilatus Richtung Westen auf das Täli des Bründlenbachs: Das Mittaggüpfi (1‘917 m ü. M.) mit der Oberalp (1‘548 m ü. M.) sowie dem ehemaligen Pilatussee im Wald der Goldwang. Im schattigen Vordergrund liegt die Bründle (1‘434 m ü. M.). Der sagenumwobene Pilatussee existiert heute nur noch als Hochmoor in den Emmentaler Alpen. Er lag gemäss Berichten auf der Oberstafel Oberalp (1548 m) an der Ostseite des Pilatus-Massivs und gehörte zum Gemeindegebiet Schwarzenberg im Kanton Luzern. Die Oberalp mit dem ehemaligen Pilatussee lässt sich nur zu Fuss erreichen.

Pilatus - Sagen und Geschichten  

Der Pilatus ist ein Bergmassiv in der Schweiz bei Luzern. Die Sagenwelt im und um das Pilatusmassiv ist sehr vielfältig. Der Pilatus war den...

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