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STUDI VERSUM NUMMER 35 | 2010.11

PROKRASTINATION 07 ALT BUNDESRAT MERZ IM GESPRÄCH 24 PASSWORT NETWORKING 30

1 STUDIVERSUM | 2010.11

Freiheit


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Beziehungen aufbauen – Werte schaffen: Wirtschaftsprßfung Steuer- und Rechtsberatung Wirtschaftsberatung

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Š 2010 PwC. All rights reserved. “PwC� refers to PricewaterhouseCoopers AG, which is a member firm of PricewaterhouseCoopers International Limited, each member firm of which is a separate legal entity.


EDITORIAL | INHALT

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Liebe Leserinnen und Leser,

Die Essenz eines Lebensweges ist der freie Entscheid etwas zu tun oder zu lassen. Freiheit kann in solch verschiedenen Formen daherkommen: Entscheidungsfreiheit, Meinungsfreiheit, Redefreiheit…– schlussendlich geht es immer nur um das Eine: den Menschen. Kein Wunder also haben sich grosse Denker wie Rousseau und Kant mit dieser Thematik befasst. Wie frei ist der Mensch? Wie frei darf der Einzelne sein? Freiheit wäre aber nicht Freiheit, wenn es keine Grenzen gäbe. Unter anderem solchen Grenzen sind die StudiVersum-Redaktoren auf den Grund gegangen: «Gibt es den freien Willen?» – mit dieser Fragestellung könnte man Bücher füllen! Dr. Ludwig Hasler und Prof. Dr. Jürg Kesselring graben tief und zeigen philosophische und neurologische Perspektiven auf – zwei Essays. «Initiative Grundeinkommen» – Utopie oder geniale Idee? Das hat sich unsere Redaktorin Julia Krättli gefragt. Was würdet ihr tun, wenn ihr einfach jeden Monat einen gewissen Betrag zur Verfügung hättet? Unternehmer Daniel Häni erklärt, was er will. «Gewonnene Freiheit» – Alt-Bundesrat Hans-Rudolf Merz ist am 28. Oktober von seinem Amt zurückgetreten und sieht sich nun konfrontiert mit viel Freizeit. Was er damit anzufangen gedenkt, teilt Silja Aebersold mit uns. «Aussteiger» – Manche haben genug. Von der Konsumgesellschaft, dem Druck, der Stadt, den Leuten und gehen. Sie gehen aufs Land. Aus einem Banker wird plötzlich ein Bauer. Diese Freiheit hat er sich genommen. Mirjam Goldenberger weiss weshalb. Und niemand weiss Freiheit besser zu zelebrieren als die Studierenden von heute! Sie leben, lieben, fallen, schwänzen, feiern, arbeiten, reisen, lernen und trinken. Dies und vieles mehr verbinden wir mit Freisein. Freiheit ist auch ein Menschenrecht. Zu den Menschenrechten zählt auch das Recht auf Bildung! Wer könnte freier sein, als jemand der studieren kann, was er wünscht und dem alle Türen offenstehen? Nicht jedem Menschen steht dieser Weg offen. Geniesst euer Privileg!

Eure Raffaela Angstmann

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04 LIEBLINGSDING WARUM ICH MEINE VESPA LIEBE 05 UMFRAGE WOVOR HAST DU ANGST? 06 AUS DEM LEBEN HINTER DER DEADLINE 08 ATELIER DER GEIST IM ROTEN AHORN 09 WISSENSCHAFT SOZIAL GESUND 10

Einen freien Willen 16

Lebst du schon? 20

Raus aus diesem Zirkus 24

Zeit für Musse 27 DAS UNIKAT FÜHL DICH FREI – MODEFREI! 28 UNIPOLITIK FREIWILLIGE VOR! 30 REPORTAGE SWISSNETZ 32 UNTERHALTUNG IMPRESSUM, RÄTSEL 33 DIE FLOTTE 3ER-WG MATULAS MATSCHBIRNE 34 WIE ANNO DAZUMAL DER STINKSTIEFEL


LIEBLINGSDING

WARUM ICH MEINE VESPA LIEBE

Thomas Kuratli, 22, studiert Film an der Zürcher Hochschule der Künste «Auf meine Vespa kann ich meine Freunde aufladen und überall hin mitnehmen, nach Frankreich, Italien und in die Schule. Manchmal hat sie kleine Probleme, die ich sofort behebe, da ich meine ‹Honeybee› in- und auswendig kenne. Erst im Lichte des Sonnenuntergangs kommt ihre wahre Farbe zum Ausdruck.»

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UMFRAGE

WOVOR HAST DU ANGST? Vor Hühnern, weil sie mich in die entblösste Wade picken könnten, Präsentationen, dem unbeleuchteten Nachhauseweg oder einfach nur davor den Zug zu verpassen? StudiVersum hat sich an der Universität Bern umgehört und Studierenden auf den Zahn gefühlt. ˆ Text und Bild Selin Bourquin Martina Longo, 22, Italienisch und Kunstgeschichte «Mir machen Tauben Angst. Diese flattern so tief und könnten in mich rein fliegen. Also ich war zwar schon mehrere Male in Venedig, aber ich habe dann immer versucht, den Markusplatz zu meiden, weil dort so viele Tauben sind.» Manuel Sadowski, 29, Volkswirtschaftslehre «Vor dem Tod. Gestern war ich an einem Begräbnis. Ich habe Angst davor, meine Familie zu verlieren, dass meine Mutter oder mein Vater stirbt.» Nora Scheidegger, 23, Rechtswissenschaften und Psychologie «Der Dunkelheit. Zudem fürchte ich mich vor Clowns! Diese geschminkten Gesichter ängstigen mich. Es gibt für mich nichts Schlimmeres!» Jonas Rogger, 24, Philosophie und Mathematik «Es gibt nicht viel, das mir Angst machen würde. Meine Angst ist, irgendeinmal im Leben unglücklich und alleine dazustehen, niemanden zu haben und Dinge zu bereuen.» Lara Février, 23, Rechtswissenschaften «Nicht zu finden, was zu mir passt, macht mir Angst. Beruflich. Denn ich weiss noch nicht genau, was aus mir werden soll. Ich habe ein wenig Angst vor der Zukunft.» Patrick Zwahlen, 24, BWL und Geografie «Ich habe Angst vor gesundheitlichen Einschränkungen; krank zu werden und so den Alltag nicht mehr meistern zu können.» Lia Knobel, 20, Biologie «Der bevorstehenden Mathematikprüfung! Ich bin eine totale Niete in dem Thema, in dem wir geprüft werden. Ich weiss nicht, was mir bevorsteht.» Ina-Maria Schemer, 23, Politologie «Stinkkäfern und dass meine zukünftigen Kinder mich mal extrem peinlich finden werden. Stinkkäfer müffeln ekelhaft, wie der Name schon sagt. Stinkkäfer sind der Horror! Alexander Hild, 22, Psychologie «Ich habe Angst wichtige Menschen zu verlieren. So konkret gibt es dafür zwar keinen Grund. Aber viele Menschen stehen mir sehr nahe und wenn ich mir vorstelle, die wären nicht mehr da – das wäre schon heftig.»

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AUS DEM LEBEN

KLEINKARIERTE NOSTALGIE IM SETZKASTEN Fünf auf fünf Zentimeter, ein Holzkaro, das Platz für Dinge bietet, die einst bedeutsam waren. Nun hat sie der Staub liebevoll eingepackt. Text Martina Zimmermann

Knopf Vier Löcher zieren seine Mitte. Nur Meereskundige erahnen unter der Pelzschicht das kostbare Material. Es war vor 17 Jahren. Ludmilla trug den Mantel ihrer Patin und benutzte zum ersten Mal einen Aufzug. Ihr Herz schlug so heftig, dass der altersschwache Faden das Perlmutt dem freien Fall überliess. Beinahe sanft landete es im grünen Smaragdteppich. Der Portier bückte sich danach und versenkte es am Abend in der Suppe seiner Frau. Diese küsste ihn zum Dank auf den Adamsapfel. Apfelstiel Jeden Mittwoch legte er auf der Riponne mit fahrigen Bewegungen die Gewichtssteine auf die eine, den Fenchel auf die andere Seite der Waage. Bis sie kam; dann strich er sich das Haar aus der Stirn und beugte sich über den Apfelharass, prüfte einige Früchte in der Hand und überreichte Chloé ein Prachtstück. Der letzte Apfel vor ihrem Wegzug lag zwei Jahre auf ihrem Brotkasten, zog die Fruchtfliegen an, wurde klein und schrumpelig. Den Stiel behielt Chloé, den Apfel vergrub sie links vom Grab Rosies, ihres Kanarienvogels, sie verschob das Holzkreuz nach rechts und hätte den Rosenkranz gebetet, wenn sie sich an diesen hätte erinnern können. Lavendelsäckchen Damals lagen sie im Feld, barfuss, Berta kitzelte Ernst mit dem duftenden Violett an der Nase, er knurrte, sie lachte, steckte sich den einen Halm hinters Ohr, ihm den anderen ins Knopfloch. Die Blüten füllte sie später in einen Beutel aus Stoffresten, schlang eine ihrer kunstvollen Maschen darum und legte ihn zwischen Ernsts gestärkte Hemden. Nun ruht das Säckchen, einst duftend, seit Langem unverrückt. Milchzahn Rahel kümmerte sich so um ihren ersten ausgefallenen Milchzahn wie alle anderen Kinder, nur aus einem völlig anderen Grund. Ein Mal jährlich kam die Zahnfee zur Schule, bürstete ein überdimensionales Gebiss, das sich auf- und zuklappen liess,

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und zeigte an der Moltonwand auf Zahnhals, -wurzel und -krone. Zum Schluss, und darauf wartete Rahel immer ungeduldig, gab sie Zähne herum. Eckzähne, Weisheitszähne, Schneidezähne. Milchzähne fehlten und Rahel beschloss, ihre zu behalten. In einer Notsituation würde sie diese der Zahnfee andrehen. Und mit dem Geld

in der Molkerei so viele «20er-Mocken» wie möglich erstehen. Linus drückt «Play». «Stereo Total» strömt in seine Kopfhörer. Er wippt mit, stellt den Fuss auf die On-Taste, hält das Rohr vor die Holzkaros. Er stillt den Hunger des Staubsaugers, bis der Setzkasten leer ist.

HINTER DER DEADLINE Stillgelegte Hochspannungsleitung – das bedeutet Deadline auch noch. Doch wie still ist es wirklich, wenn wieder mal was abgehakt ist? Text Nora Lipp

Kühlschrankmagnete halten sie gut fest. Agenden bieten ihnen Seiten an. Meisten stehen sie aber auf irgendwelchen Fresszetteln, die man verliert und weiss, da war doch noch was. Listen. Immer in die Zukunft gedacht: To-do-Listen. Bewerbung schreiben, Arbeit verfassen, Literatur suchen, Telefonanrufe erledigen. Stattdessen fällt mir ein, diesen Artikel zu schreiben, dazu ein bisschen im Internet zu recherchieren und dann zum Kühlschrank zu gehen. Prokrastination ist das Fachwort für diese Aufschieberei. In die Zukunft schauen und denken: Oh es ist ja noch weit, ich mach mal lieber was Anderes. Wie der griechische Wirt, der seine Gäste – mit blutigen Methoden – auf die Grösse des Bettes anpassen liess, passen Aufschieber ihre Arbeit der vorhandenen Zeit an. Und je näher die Zukunft rückt, desto mehr werden die To-do-Listen zu Listen des schlechten Gewissens. Denn die Deadline wartet. Ein bisschen sterben ist es schon. An der Kante der Deadline fallen die Dinge ins Nir-

gends: Werden abgegeben, erledigt, eingelöst oder auch nicht. Und sind plötzlich gar nicht mehr so wichtig. Doch sobald etwas von der Liste über die Kante der Deadline gesprungen ist – am Stichtag wohlverstanden – taucht wie ein Schweif des verlöschenden Erledigten ein neuer Reigen unerledigter Dinge auf. Das Aufschieben kann von vorne beginnen. Da das Ende der Liste ja sowieso nicht greifbar ist, schlagen Sascha Lobo und Kathrin Passig in ihrem Buch «Dinge geregelt kriegen. Ohne einen Funken Selbstdisziplin» vor, gar keine Listen mehr zu machen. Oder höchstens Not-To-Do-Listen. Heute: Schreib ich mich nicht im Waschplan ein. Schreib ich nicht nicht an meiner Arbeit. Na ja, gut: Falls man auf die Liste nicht verzichten kann, trösten die Autoren einen, dass man möglicherweise genau in der Zeit des Aufschiebens sowieso die genialsten Entdeckungen macht. So sei auch Leonardo da Vinci ein Erledigungsverweigerer gewesen. Aber ich schreib jetzt trotzdem mal an meiner Arbeit weiter.


AUS DEM LEBEN

100 PROZENT Heute Morgen habe ich die Balkontür geöffnet und auf einmal ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Text Christoph Lutz

Bis jetzt hat noch kein Mensch etwas gesagt oder getan, dem ich mich zu 100 Prozent anschliessen kann. Ich meine, mit bestem Wissen und Gewissen dafür kämpfen, in Diskussionen dafür einstehen und mit dem Megafon durch die Strassen rennen und schreien: «Das ist die Sache! Diese Aussage muss beherzigt werden! Das bin ich in Reinform». Klar, manchen Leuten ist der Frauenfussball wichtig, anderen der Wohlfahrtsstaat und Dritten bedeuten die sauren «Apfelringli» von der Migros die Welt. Easy peezy. Ich finde auch, dass der Frauenfussball unsagbar toll und gesellschaftlich einwandfrei ist, dass er in seinem emanzipatorischen Gehalt eine Bereicherung für die ganze Erdkugel darstellt. Logisch gehört der Wohlfahrtsstaat zu den grössten Errungenschaften der westlichen Zivilisation, das möchte ich gar nicht abstreiten. Und ohne Zweifel machen die sauren «Apfelringli» von der Migros die Essenz eines schönen, guten und tugendhaften Lebens aus… aber deswegen zu sagen: «Ich bin bereit für den Frauenfussball, den Wohlfahrtsstaat oder die sauren ‹Apfelringli› von der Migros zu sterben», käme mir nicht mal im Traum in den Sinn. Wenn Leute so reden, bewundere ich sie allerdings sehr. Wenn Menschen solche Facebook-Gruppen* gründen, halte ich andächtig inne und schweige ein paar Sekunden vor ehrfürchtiger Bewunderung: Sie haben wahrscheinlich einen Lebenszweck gefunden, dem sie zu 100 Prozent anhängen. Des Weiteren schaue ich gern Werbung und wenn Heidi Klums Haarstyling «es» aushält, den Witterungen und Wendungen aller Schicksalsschläge zu trotzen, dann komme ich nicht umhin, zumindest ein wenig Begeisterung zu empfinden und mich zu 80 Prozent der klumschen Lebensphilosophie anzuschliessen. Aber 100 Prozent? Nein, das nicht. Dazu fehlen 20 Prozent. Diese 20 Prozent fehlen auch bei anderen Dingen. Sie fehlten stets: Manchmal lerne ich in der Bibliothek stundenlang Sachen auswendig, die an Prüfungen abgefragt werden könnten (aber meistens nicht werden). Schlägt dann ein Studienkollege vor, dass wir eine Kaffeepause machen und ich mich WIRKLICH nach einem Kaffee fühle und wir dann tatsächlich eine Kaffeepau-

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se machen und der Kaffee WIRKLICH nach einer Kaffeepause schmeckt, das heisst gut tut und ablenkt, kann ich mich dem Konzept der Kaffeepause, das der Studienkollege vorgebracht hat, trotzdem nicht 100 Prozent anschliessen. Er könnte ja einfach ein bisschen tratschen wollen und mit dem Kaffee keine WIRKLICHE Pause verknüpfen. Er könnte es nicht so ernst meinen. Er könnte es zu ernst meinen. Jedenfalls kann

die Kaffeepause nicht ewig dauern. Es ist bestenfalls eine 90-Prozent-Kaffeepause. Und die restlichen zehn Prozent? Die spar ich mir für «bis es zu spät ist» auf. * Ich selbst habe bis jetzt erst eine Facebook-

Gruppe gegründet. Sie heisst «Kann dieses Tokio-Hotel mehr Fans als eine Brezel haben?» und hat zehn Mitglieder – niemanden, den ich kenne.

WIE AUS DEM GESICHT GESCHNITTEN Wer meint, ein Gesicht sei nur Nase, Mund und Augen, hat nichts kapiert. Was ein Gesicht ausmacht, zeigt eine private Forschung. Text Karin Reinhardt

Während der Olympiade in Peking, 2008, bekam ich eine Mail. Ich weiss nicht mehr, worum es ging, aber es war ein Foto mit etwa zehn Chinesen darauf angehängt. Der Witz daran war, dass diese alle «tupfgenau» gleich aussahen, abgesehen von Frisur, Brille und solchem Zeug. Bei genauerer Betrachtung stellte sich jedoch heraus, dass es eine ziemlich miese Fotomontage war; das Gesicht einer Person war in die Köpfe aller abgebildeten Personen gesetzt worden. Also eigentlich ziemlich blöd, aber die Mail deckte ein gängiges Vorurteil auf: Wir Europäer haben das Gefühl, dass alle Asiaten gleich aussehen. Ignorant. Interessant hingegen ist die tatsächliche Vielfalt von Gesichtern, unabhängig der Herkunft. Seit Jahren schon betreibe ich diese private Forschung und betrachte, vermesse und begutachte Gesichter von Menschen, die mir begegnen. Natürlich heimlich, im Tram, im Restaurant, in Vorlesungen. Was mich immer wieder fasziniert, sind grosse Gesichter. Nicht einfach grosse Köpfe auf grossen Körpern, sondern explizit grosse Gesichter. Schwierig, das in Worte zu fassen, aber achtet euch mal darauf, dann seht ihr, was ich meine.

Ein weiterer Schwerpunkt meiner Forschung sind die Abstände zwischen Oberlippe und Nase. Auch da gibt’s immense Unterschiede. Ich bediene ein weiteres Vorurteil: Ich habe das Gefühl, dass Spanier tendenziell einen grösseren Abstand zwischen Oberlippe und Nase haben, zirka 2.5 Zentimeter. Auch die Höhe des Kinns macht ein Gesicht aus. Mir persönlich gefallen Kinne, die nicht zu hoch sind. Das macht das Gesicht etwas breiter, was ich schön finde. Normalerweise sind die Augen genau in der Mitte des Kopfes angesetzt. Könnt ihr mal testen bei euch. Blatt Papier so hoch wie euer Schädel in der Mitte falten und neben das Gesicht halten. Die Augen sollten genau auf der Höhe der Faltlinie liegen. Sind sie darüber, hat euer Gesicht etwas Pferdeartiges (sind übrigens schöne Tiere), liegen sie darunter, entsprecht ihr dem Kindchenschema und werdet wohl nie wirklich alt aussehen. Alt aussehen lässt einen hingegen eine Stirnglatze. Der Cousin meines Vaters rechtfertigte seinen enormen Haarausfall damit, dass ein schönes Gesicht halt Platz brauche. In diesem Sinne: Ein Hoch auf die verschiedensten Gesichter! Meine Forschung wird weitergehen.


ATELIER

DER GEIST IM ROTEN AHORN PROJEKT VON DAMARIS THÜRLEMANN

ROTER TEICH, MAUS MIT ROTEM SCHWANZ, ROTE STRICKLEITER UND ROTER MOND. DAMARIS THÜRLEMANN INSZENIERT EINE RHYTHMIK-OPER FÜR KINDER IN BIEL. Es ist Freitagnachmittag. Etwa 20 Kinder zwischen sieben und zehn tauchen ängstlich ihre Finger in den roten Teich, bevor sie kühn daraus schlürfen. Der Geist im Ahorn rät dem verdutzten Jungen einem roten Faden zu folgen, um seine spurlos verschwundene Schwester wiederzufinden. Schliesslich erscheint eine Maus mit rotem Schwanz, welche ihn in die erste von etlichen märchenhaften Welten führt, in denen es wundersame Abenteuer zu überstehen gilt. Damaris Thürlemann studiert an der Hochschule für Künste Bern Musik und Bewegung/Rhythmik. «Der Geist im roten Ahorn», beziehungsweise «L’Esprit de l’Erable rouge», ist eine Rhythmik-Oper, gesungen und gespielt von Kindern; ein Werk, das als Koproduktion der Hochschule der Künste Bern und des Theaters Biel-Solothurn entsteht. Zum Abschluss ihres Master-of-Musicpedagogy-Studiums gestaltet Damaris die einzelnen Szenen, entscheidet, welches Kind wann welche Bewegung auszuführen hat. Es ist reizvoll, mit Kindern ein Projekt über einen längeren Zeitraum zu entwickeln. Abgesehen von der Geschichte, welche auf ein chinesisches Märchen zurückgeht, ist die Oper – Musik, Gesang, Inszenierung – neu und bietet Raum für Ideen von Kindern. Weiter beteiligen sich am Projekt: Emilie Casanova (Komposition), Elischewa Dreyfus, Janine Hauswirth, Sarah Dreyfus, Kurt Dreyer, Mathias Bühler. ˆ Text Martina Zimmermann, Bilder Olaf Veit

BESUCHEN Für Gross und Klein spukt der Geist aus dem roten Ahorn im Volkshaus in Biel am 06.05.2011 um 19 Uhr, am 07.05.2011 um 15 Uhr und am 08.05.2011 um 11 Uhr. Ebenfalls im Mai 2011 führen 11- bis 15-Jährige «La Cenerentola» von Rossini auf. SURFEN Genaure Infos sind im Veranstaltungskalender auf www.hkb.bfh.ch zu einem späteren Zeitpunkt abrufbar.

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untereinander kennen, desto stärker kontrolliert es eine Person.

WISSENSCHAFT

Virtuelles Dazugehören

SOZIAL GESUND VOR ALLEM STUDIERENDE, DIE AUF DER SCHWELLE ZUM BERUFSLEBEN STEHEN, WIRD OFT EINGEHÄMMERT, WIE WICHTIG ES IST, KONTAKTE ZU KNÜPFEN. DOCH WIE VIEL NETZWERK BRAUCHT DER MENSCH? In der Fachsprache versteht man unter «Sozialem Netzwerk» die Selbstorganisation eines Individuums, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Soziale Netzwerke haben kein bestimmtes Ziel, sondern Funktionen. Diese liegen in den individuellen Zielen jedes Einzelnen, zum Beispiel Wohlbefinden oder Networking zu Berufszwecken.

Gesunde Beziehungen

Die Qualität der Netzwerkbindungen reicht von Bekanntschaften (schwach) bis hin zu intimen, andauernden Beziehungen (stark). Wissenschaftler bestätigten schon vor langem die positiven Auswirkungen der letzte-

ren auf die Gesundheit. Der amerikanische Soziologe, Mark Granovetter, hat sich besonders mit ersterem auseinandergesetzt. Er fand heraus, dass die meisten Jobs, die über Vitamin B vergeben werden, überraschenderweise über Personen laufen, mit denen wir schwach verbunden sind. Das erklärt sich dadurch, dass wir mit Personen, die uns nahe stehen sowohl Interessen also auch mehrere Netzwerke teilen, weshalb ihre Reichweite kleiner ist. Die Intensität von Beziehungen lässt sich anhand verschiedener Faktoren messen, wie der Zeit, die zwei Personen miteinander verbringen, der Intimität zwischen ihnen, der gegenseitigen Vertrautheit oder den Leistungen, die die Personen untereinander austauschen. Der Umfang und die Dichte des Netzwerks hängen von jedem Einzelnen ab. In der Kindheit und Jugend wächst das Netzwerk im Normalfall. Im Erwachsenenalter hängt es eher von Geschlecht und Bildung als vom Lebensalter ab. Wie sehr unser Netzwerk unser Handeln beeinflusst, hat der Physiker Nicholas A. Christakis erforscht: Es beeinflusst unser Gewicht, unseren Alkohol- und Zigarettenkonsum und allgemein unsere Gesundheit. Sogar Glück ist in der Tat ansteckend. Die Dichte beschreibt, wie eng eine Person mit den Netzwerkbeteiligten verbunden ist. Je dichter ein Netzwerk ist, also je mehr Personen sich

Internetportale wie Facebook bringen diese Netzwerke auf eine völlig neue Ebene. Das Netzwerk verdichtet sich, vor allem weil das Internetportal offenlegt, wer sich untereinander kennt. Inwiefern es die Qualität der Beziehungen verändert, darüber lässt sich streiten. Facebook oder auch Twitter werden oft ins Negative gezogen und als Bühne narzisstischer Selbstprofilierung und dadurch als langfristige Vereinsamung verrufen. Davon hält der Soziologe Ueli Mäder, Professor an der Universität Basel, nichts. Der Mensch reagiert auf die Gesellschaft. Früher färbte man sich die Haare pink oder piercte sich die Nase. Heute probiert man sich virtuell aus. Unsere Gesellschaft ist heute geprägt von Schnelllebigkeit, Globalisierung und Medialität, also beeinflusst das auch unser soziales Verhalten. Dank dem Internet ist es möglich, aus der Welt ein Dorf zu machen und Facebook lässt einen Bande über die Welt knüpfen. Das steht auch im Gegensatz zu dem vermeintlich grösseren Gemeinschaftsgefühl von früher. Wie Professor Ueli Mäder erklärt, gehörte man früher zwangsläufig einer Gemeinschaft an, meistens einem Dorf. Das gaukelte eine Zwangsgeborgenheit vor. Es gab nur ein Entweder-oder: Entweder gehörte man dieser Gemeinschaft an oder jener. Das hat sich geändert zu einem Sowohl-alsauch. Der Mensch ist frei und kann sich seine Netzwerke beliebig aussuchen, sowohl in einer Studentenverbindung sein als auch im Handballclub. Natürlich bringt diese neue Freiheit auch Gefahren mit sich, denn Grenzen müssen erst noch gefunden werden. Der Erfolg von Facebook zeigt, dass sich soziale Netzwerke auf die neuen Medien ausweiten und dass trotz aller Freiheit ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl notwendig ist. Wie weit das Internet und Facebook unsere Freundschaften – und vielleicht sogar unseren Charakter – verändern, ist noch nicht erforscht. Anstatt aber vieles negativ zu sehen, wieso freuen wir uns nicht an der Freiheit, uns keine Kontrolle aufzwingen zu lassen? Die Ortungs-Applikation auf Facebook liesse sich auch ausschalten. ˆ Text Claudia Piwecki, Illustration Melanie Imfeld

SCHMÖKERN Von Jens Beckert: «Soziologische Netzwerkanalyse» Von Mark Granovetter: «Getting a Job» Von Nicholas A. Christakis: «Connected! Die Macht sozialer Netzwerke und warum Glück ansteckend ist»

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EINEN FREIEN WILLEN WIE FREI DER MENSCH WIRKLICH IST – DARÜBER KÖNNTE MAN EIN LEBEN LANG PHILOSOPHIEREN, BÜCHER SCHREIBEN UND DISKURSE FÜHREN. JEDER GROSSE DENKER HAT SICH MINDESTENS EINMAL IN SEINEM LEBEN MIT DIESER FRAGESTELLUNG AUSEINANDERGESETZT UND SEINE THEORIEN ENTWICKELT. ES GIBT VON DER BIOLOGIE, ÜBER DIE PHILOSOPHIE BIS ZUR POLITIK VERSCHIEDENSTE ANSÄTZE – ZWEI ESSAYS. Tu ich, was ich will? Oder will ich, was ich tu? Text Dr. Ludwig Hasler

Was ist Freiheit? Ganz einfach: Frei bin ich, wenn ich auch anders kann. Aber kann ich anders? Oder bilde ich mir das bloss ein – während mein Handeln stur abläuft: nach göttlicher Vorsehung oder genetischem Programm? Zwei Vorbemerkungen: 1.Schon die Atomisten der Antike höhnten, wo denn in einer Welt von Ursache und Wirkung Platz für einen freien, also ursachelosen Willen sei. Na ja: Wer Freiheit dingfest machen will, scheitert zwangsläufig. Freiheit gibt es nicht, Freiheit ist (wenn überhaupt) die Lücke im Sein, der Riss in meiner Existenz, das Nichts in meiner sonst kompakten Gegenwart. Der Spott darüber, Freiheit nirgendwo anzutreffen, ist intellektuell so töricht, wie die Versicherung der Astronauten, sie seien Gott nirgendwo begegnet. 2.Die Leichtfüssigkeit der Debatte kontras-

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tiert mit dem Lebensernst der Sache. Unsere gesamte Zivilisation steht und fällt mit der Annahme, Menschen seien (wie auch immer) frei: Erziehung, Recht, Demokratie. Ohne Freiheit keine Mündigkeit, keine Schuld, keine Verantwortung. Also sollten wir Freiheit gründlicher fassen, bevor wir sie auf die Müllhalde kippen. Zur Hirnforschung. Benjamin Libet, ein Neurophysiologe, trumpft auf mit der Entdeckung: Bevor ich mich ans Wollen mache, hat das Hirn meinen Willen längst präpariert. Ein «Bereitschaftspotenzial», von dem ich nicht das Geringste mitbekomme, spurt die Handlung vor. Mein Willensakt, vermeintlich Ursache des Handelns, setzt erst später ein und folgt der Spur, die das Hirn ohne mein Wissen gelegt hat. Wir tun also nicht, was wir wollen; wir wollen, was wir insgeheim schon am Tun sind. Erst im Nachhinein erfinde ich vernünftige Gründe für die Entscheidung, die das Hirn längst angeschoben hat. Ist Freiheit damit als Illusion entlarvt? Dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist, wussten wir längst, praktisch aus Erfahrung, theoretisch spätestens seit Sigmund Freud. Hirnforschung belegt experimentell, was eh klar ist: Kein Ich beginnt mit sich selbst, kein Wille kann unabhängig wollen; das Wollen ist geprägt von Vorgeschichten: genetischen Prämissen, stammesgeschichtlichen wie frühkindlichen Prägungen, Einflüssen der Sozialisation etc. All dies speichert das Hirn. Jede Situation, die mich zum Handeln zwingt, aktiviert den Speicher, das «Bereitschaftspotenzial». Und das Hirn, mein IT-Zentrale, setzt alles daran, dass, was ich neu will und tue, im Einklang steht mit früheren Erfahrungen. So arbeitet jeder Speicher. Konservativ. Ist das Ich bloss die Marionette des Hirns? Seine Freiheit eine zivilisatorisch vielleicht segensreiche, neurobiologisch


jedoch haltlose Einbildung? Warum? Der Speicher speichert ja immerzu neu. Spurt das Gespeicherte unsere Entscheidungen vor, dann geben wir dem Hirn doch einfach zu speichern, was wir beim Willensakt befolgen möchten. Freiheit spielte dann indirekt: als Freiheit, den Speicher zu beeinflussen, der unsere Handlungen beeinflusst. Auf die Frage, warum Amerika ein derart gewalttätiges Land sei, antwortete Oscar Wilde: «Weil die Amerikaner so hässliche Tapeten haben.» Geniale Einsicht. Der Mensch entwickelt sich durch Anpassung an Aussenreize. Wirken die Aussenreize (Tapeten) hässlich, wird der Mensch stumpf oder aggressiv. Wirken sie reizend, wird der Mensch charmant, neugierig, schlau. Die Anpassung an Tapeten läuft subkutan, da bleibt der Spielraum für Freiheit klein. Aber wir können die Tapeten bewusst gestalten: anregend, ernst, heiter. Diese Tapeten-Muster prägen sich dem Hirn ein – so dass dessen «Bereitschaftspotenziale» immer kräftiger nach Motiven vorspuren, die wir selber gewählt haben. Das ist die Freiheit, die ich meine. Hirnforscher haben schon recht: Ich kann nicht wollen, was ich will. Wenn ich mit Hirnforschern herumstreite, ist es nicht der Wille, der mich antreibt, es sind die Motive, die

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Dr. Ludwig Hasler, Publizist und Philosoph, studierte Physik und Philosophie. Danach führte er ein journalistisch-akademisches Doppelleben. Als Philosoph lehrte er an den Universitäten Bern und Zürich. Als Journalist war er Mitglied der Chefredaktion erst beim «St.Galler Tagblatt», danach bei der Zürcher «Weltwoche». Seit 2001 lebt er als freier Publizist, Hochschuldozent, Vortragstourist, Kolumnist in Tageszeitungen und Fachzeitzeitschriften. Jüngste Bücher: «Die Erotik der Tapete. Verführung zum Denken» (2006), «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken» (2010, beide im Huber Verlag Frauenfeld). Er wohnt in Zollikon.


meinen Willen formen und treiben. Vielleicht Ehrgeiz, sicher Interesse an Freiheit. Nicht der freie Wille wählt das Motiv. Das Motiv aktiviert meinen Willen. Die Motive im Hirn sind teils Schicksal, jedoch nicht nur. Wir können sie nach unserem Gusto beleben, auffrischen oder eindumpfen. Das Hirn ist wie ein Instrument, wir können es nicht beliebig spielen, aber wir können es stimmen – über die Sinneseindrücke, die wir um uns organisieren. Die Selektion der Sinneseindrücke, die das Hirn in Stimmung versetzen: Das ist Menschenfreiheit.

Neurologische Perspektiven zur Freiheit Text Prof. Dr. Jürg Kesselring

Im Jahre 2004 schrieben elf Neurowissenschafter, die sich selbst als «führende» bezeichnen, ein Manifest über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung, das in der Zeitschrift «Gehirn & Geist» veröffentlicht wurde und seither hohe Wellen in den Diskussionen zur Frage nach einem «freien Willen» wirft. Darin wird etwa festgehalten: «…die Daten, die mit modernen bildgebenden Verfahren gewonnen wurden, weisen darauf hin, dass sämtliche innerpsychischen Pro-

zesse mit neuronalen Vorgängen in bestimmten Hirnarealen einhergehen – zum Beispiel Imagination, Empathie, das Erleben von Empfindungen und das Treffen von Entscheidungen beziehungsweise die absichtsvolle Planung von Handlungen…, dass all diese Prozesse grundsätzlich durch physikochemische Vorgänge beschreibbar sind.» Bilder sind nun aber gerade nicht die Realität wie das René Magritte im berühmten Bild einer Pfeife festhält, die schöner nicht gemalt sein könnte, aber eben keine Pfeife ist (wie er explizit darunter schreibt: «Ceci n’est pas une pipe») – das merkt jeder, der sie rauchen will. Bilder sind Artefakte, das heisst Kunstprodukte, zu deren Herstellung lange Reihen von Techniken mit ihrer eigenen Entwicklungsgeschichte gehören, sowie Maler, die wiederum ihre eigene Lerngeschichte und Ausdrucksfähigkeit haben. Mit den heute gängigen, fantastisch entwickelten, hochtechnischen, bildgebenden Verfahren lässt sich der Moment festhalten, in dem sich das Verhältnis von sauerstoffreicherem zu sauerstoffärmerem Blut ändert, wenn eine Aufgabe vorgegeben wird. So kann etwa gezeigt werden, welche Hirnregionen sich bunter anfärben, wenn zum Beispiel eine Sprachaufgabe, oder so-

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29.4.2010

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gar wenn eine Denkaufgabe gelöst wird. Mit solchen Verfahren lässt sich allerdings nichts über den Inhalt des sprachlich Verarbeiteten oder spontan Gedachten oder gar von kreativ Entwickeltem aussagen. Und es lässt sich nichts über die Geschichte erfahren, die hinter Handlungen oder Empfindungen steckt. Es ist auch ganz schwierig, nur schon einen wirklichen «Ruhezustand» eines Gehirns zu definieren, von dem die Abweichungen dann gemessen werden. Im Alltag hat man aber schon den Eindruck, dass der Inhalt des Gesprochenen und Verstandenen interessanter ist als der Sprechakt allein. Wenn auch gewisse Hirnareale bei Entscheidungsprozessen mehr Aktivität zeigen, so lässt sich daraus nicht ableiten, ob die Entscheidung richtig oder falsch war, denn eine solche steht immer in einem sozialen und geschichtlichen Zusammenhang, der mit solchen Verfahren eben gerade nicht untersucht werden kann. Wir verhalten uns in der Realität nie in Isolation, sondern immer in Interaktion mit der Umwelt, die sich noch unterteilen lässt in die materielle und die soziale. Wenn aber diese Interaktionen in den Studien nicht berücksichtigt werden, so kann nicht gelingen, was in diesem Manifest erhofft wird, nämlich, dass «…in den nächs-

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ten 20 bis 30 Jahren, die Hirnforschung den Zusammenhang zwischen neuroelektrischen und neurochemischen Prozessen einerseits und perzeptiven, kognitiven, psychischen und motorischen Leistungen andererseits soweit erklären können wird, dass Voraussagen über diese Zusammenhänge in beiden Richtungen mit einem hohen Wahrscheinlichkeitsgrad möglich sind… dass man widerspruchsfrei Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge ansehen wird, denn sie beruhen auf biologischen Prozessen.» Aufgrund dieser Artefakte wird nun aber behauptet, dass wir Menschen nicht frei sein können, weil alle unsere Tätigkeiten von biologischen Prozessen abhängen, die sich experimentell zum Teil schon nachweisen lassen, bevor der «Wille zur Handlung» bewusst wird. Daraus wird dann sogar abgeleitet, dass es entsprechend eine Schuldfähigkeit nicht geben könne, weil ja die Gehirnaktivität vor der bewussten Handlung stattfinde und nur bewusste Subjekte verantwortlich gemacht werden könnten (zum Beispiel Pauen und Roth 2008). Alle Handlungen wären demnach im Rahmen physischer naturwissenschaftlich erklärbarer Prozesse festgelegt und könnten

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Prof. Dr. Jürg Kesselring ist Chefarzt für Neurologie und Neurorehabilitation am Rehabilitationszentrum Valens und Facharzt FMH für Neurologie sowie Physikalische Medizin und Rehabilitation. Desweiteren arbeitet er als Titulaturprofessor für Klinische Neurologie und Neurorehabilitation an der Universität Bern und am Center of Neuroscience, Universität und ETH Zürich, wie auch an der «cattedra di neuroriabilitazione Università Vita e Salute San Raffaele» in Milano. Zudem ist er der Präsident der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft – und Poet.


nicht anders geschehen, weil strenge Naturgesetze herrschen. Solche Postulate beruhen selbst auf metaphysischen, nicht beweisbaren Annahmen (Determinismus). Eine moralische Beurteilung von Taten setzt eine mehr oder weniger begrenzte Willensfreiheit voraus oder zumindest die Lösung des Widerspruchs zwischen der personalmoralischen und der subpersonal-wissenschaftlichen Beschreibung. Ohne Freiheitsidee könnten Personen ihren Willen nicht selbst bestimmen und nicht mehr für ihre Handlungen verantwortlich gemacht werden, moralische Urteile und Emotionen hätten keinen Sinn mehr, alle Täter würden schuldunfähig und damit aber auch entmündigt. Alltagserfahrung sagt uns aber, dass wir einige unserer Tätigkeiten, Wünsche und Gedanken frei wählen oder auch einen Handlungsablauf nach eigenem Willen unterbrechen können, aber kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, dass ein solcher Wille absolut frei sei. «Common sense» leidet halt noch an einem Verbreitungsdefizit – er ist «the least common of all senses» (Oscar Wilde). Wer wollte denn schon Freiheit mit dem Fehlen jeglicher Festlegungen identifizieren? Eine solche Konzeption wäre ein Widerspruch in sich, denn wäre der eigene Wille durch nichts festgelegt, so wäre der Wille nicht frei, sondern einfach zufällig. Es kommt darauf an, wodurch der Wille begrenzt wird (Bieri 2009). Selbstverständlich gibt es Handlungsabläufe, die wir nicht willentlich umkehren können: Wenn wir durch eine Tür gehen wollen, müssen wir diese vorher öffnen (umgekehrt geht nicht), Anlauf nehmen kommt vor dem Sprung über den Graben, Eier werden mit Vorteil zuerst gekocht und dann geschält etc. Fliegen kann ich zwar selber nicht, aber mich mit Leuten zusammentun, die aufgrund ihrer Geschichte Flugzeuge bauen lernten und sie mir für eine Gegenleistung zur Verfügung stellen. Wenn ich schreibe, lese oder liebe (oder morde), so tue ich das und nicht ein Homunculus in meinem Gehirn, den ich dann auch verantwortlich machen kann, wenn’s schiefgeht. Freilich gehen mit meinen Handlungen (Wünschen, Gedanken) chemische und elektrische Vorgänge einher, die sich bei geeigneter Versuchsanordnung in meinem Gehirn nachweisen lassen, aber nicht diese sind es, die eine Handlung ausführen oder eine Empfindung ausmachen. Freiheit lässt sich als Balanceakt, als stetig aktiv, gemäss Anforderungen aus der Umwelt und eigenen Fähigkeiten, neu auszutarierendes Schwebegleichgewicht erfahren. Die Möglichkeiten dazu können sich mit der Zeit ändern – das ist Lernen, das auch mit biologischen Veränderung-

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en einhergeht (Neuroplastizität). Als Metapher eignet sich der Seiltänzer oder Wagenlenker. Beide sind sich immer bewusst, dass sie sich auf einem schmalen Grat bewegen und auf beiden Seiten abstürzen können. Wir verhalten uns so, dass wir einerseits Lob und Anerkennung finden oder Strafe vermeiden, bewegen uns zwischen Angst und Langeweile, je nachdem in welchem Verhältnis Anforderungen zu unseren Fähigkeiten stehen. Krankheiten und Behinderungen schränken diese Freiheit ein, sie haben immer auch einen zwanghaften Aspekt und sind meist mit Angst verbunden. Sie bringen das Gleichgewicht aus dem Lot, kippen es zum Beispiel auf der einen Seite in die Sucht, in Zwang, Angst und Panik oder auf der andern Seite in Rückzug und Verweigerung, die Sozialphobie. Auf beiden Seiten würden alle von Unfreiheit sprechen. Ärztliche Tätigkeit zielt immer darauf ab, die Schieflage des Gleichgewichtes bei den Patienten korrigieren zu helfen. Der gemäss Manifest «vielleicht wichtigsten Erkenntnis der modernen Neurowissenschaften», nämlich: Dass «Geist und Bewusstsein nicht vom Himmel gefallen sind, sondern sich in der Evolution der Nervensysteme allmählich herausgebildet haben», kann sich bestimmt jeder anschliessen, der gelegentlich den Himmel betrachtet und schaut, was von dort so herunterfällt. Bei dem, was sich «allmählich herausgebildet» hat, wird er sich aber besonders auch dafür interessieren, welche individuelle Geschichte und welche Anfor-

derungen aus der Umwelt zu den beobachtbaren Handlungen geführt haben. Das Manifest gibt sich zum Ende hoffnungsvoll: «…Dann lassen sich auch die schweren Fragen der Erkenntnistheorie angehen: nach dem Bewusstsein, der IchErfahrung und dem Verhältnis von erkennendem und zu erkennenden Objekt. Denn in diesem zukünftigen Moment schickt sich unser Gehirn ernsthaft an, sich selbst zu erkennen.» Ein Gehirn selbst wurde noch nie als ernsthaft beobachtet, noch keines hat sich je zu etwas angeschickt und entsprechend wird es sich auch nie erkennen können. Am Tempel von Delphi stand eben die Aufforderung an eine Person: «Erkenne Dich selbst!» und auch noch der Tipp zur Einhaltung des Gleichgewichtes: «Nichts im Übermass!» Vielleicht kommen «führende Neurowissenschafter» einmal zu ähnlichem Bedauern wie ein früherer Manifestschreiber (Karl Marx), wenn ihnen bewusst wird, was sie mit ihren Worten in der Wirklichkeit anrichten. Wie man die Kochkunst oder das Musizieren am besten von Meistern lernt, so wendet man sich mit philosophischen Fragen an Philosophen (Bennett 2010, Bieri 2009, Murphy 2007) und ein kranker Mensch hält sich an einen kompetenten Arzt, der zuhören kann und aus Erfahrung etwas Geeignetes für ihn zu tun vermag. «Kunst» kommt von «Können» (Herder) – wenn es mit dem «Wollen» getan wäre, müsste sie «Wulst» heissen (nach Ludwig Fulda). ˆ Bilder zvg

SCHMÖKERN Die Literatur zu diesem Text findest du online bei demselben Artikel unter www.semestra.ch.


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LEBST DU SCHON?

STELL DIR VOR, DU ERHIELTEST EIN EINKOMMEN, DAS ZUM LEBEN REICHT, SAGEN WIR 2200 FRANKEN, OHNE DASS DU DAFÜR EINE GEGENLEISTUNG ERBRINGEN MÜSSTEST. WAS WÜRDEST DU DANN ARBEITEN? – EIN AUSFLUG IN DIE WELT, IN DER DU DIES FREI ENTSCHEIDEN KÖNNTEST. In Umfragen würden 90 Prozent der Befragten angeben, dass sie wie bisher weiterarbeiten, auf Teilzeit umsteigen oder die Stelle wechseln würden, sagt Daniel Häni, Unternehmer und Mitinitiant der «Initiative Grundeinkommen». Von ihm kommt die Frage. Sie sei für ihn ein Schlüssel zur Idee des bedingungslosen Grundeinkommens: «Was würden Sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?» Im Gespräch mit Häni ist keine Utopie, was nach Utopie klingt. Im Gegenteil. Er gehört zu jenen Menschen, bei denen man das Gefühl bekommt, dass doch eigentlich alles ganz einfach ist.

Eine Initiative?

Zusammen mit ein paar Freunden gründete er vor elf Jahren das «unternehmen mitte» in Basel. Neben Räumen für Arbeit und kulturelle Veranstaltungen befinden sich in dem stattlichen Bankgebäude zwischen Barfüsser- und Marktplatz zwei kleine Bars und – in der ehemaligen Schalterhalle – ein Kaffeehaus. Man kann sich dort treffen, eine Zeitung lesen oder am Laptop arbeiten. Man kann auch einen Kaffee trinken (guten Kaffee). Ausserdem ist die «mitte» Sitz der 2006 von Daniel Häni und dem Künstler Enno Schmidt gegründeten «Ini-

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tiative Grundeinkommen». Doch Unterschriften für eine Volksinitiative werden noch keine gesammelt, es geht zunächst darum, die Idee des Grundeinkommens bekannt zu machen und mögliche Perspektiven aufzuzeigen. Ist die Zeit denn noch nicht reif für eine Volksinitiative? «Doch, vielleicht ist sie das bald», antwortet Häni; er sieht in diesem politischen Recht jedoch nicht in erster Linie die Möglichkeit zur tatsächlichen Durchsetzung der Idee, sondern die Möglichkeit zu einer Veränderung der Wahrnehmung: «Eine Volksinitiative ist eigentlich eine grosse Bildungsund Kulturveranstaltung, die auch jenseits von Mehrheiten die Gesellschaft weiterentwickeln lässt.»

Die Idee

Um hier leben zu können, hat und braucht jeder Mensch ein Einkommen, ob er arbeitet oder nicht. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern, aber die Zahl der Erwerbsarbeitsplätze wird sich im Zuge wirtschaftlichen Fortschritts und dazugehöriger Rationalisierung wahrscheinlich weiter verringern. In der Schweiz erzielt heute noch gut die Hälfte der Menschen ihr Einkommen durch direkte Erwerbstätigkeit. In Deutschland sind es nur noch vier von zehn. Die anderen erhalten es durch Angehörige (wie die meisten Studierenden), durch Renten, durch Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe. Für das Verständnis deshalb wichtig: Das Grundeinkommen ist keine Geldvermehrung, sondern ersetzt einfach einen Teil des Einkommens, das bereits heute jeder hat. Nur wer weniger hat als das Grundeinkommen, hätte dadurch mehr Geld zur Verfügung. Von einer weiteren sozialpolitischen Massnahme kann aber nicht die Rede sein; Carl Hirschmann erhält genau soviel an Grundeinkommen, wie die Kassiererin im Den-


ner. Was die beiden daraus machen, ist ihnen überlassen. «Es geht um Selbstbestimmung.» Ein Satz, den Häni wiederholt äussert. Hirschmann wäre sein Grundeinkommen vermutlich egal, aber die Verkäuferin würde sich wohl gut überlegen, ob sie ihre Arbeit bei gleich bleibenden Bedingungen noch behält. Es sei tatsächlich so, dass das Grundeinkommen Dumpinglöhne und sinnentleerte Arbeiten erübrigen könnte, bestätigt Häni, denn ein Unternehmer müsste seinen Angestellten mehr als nur finanzielle Anreize bieten, damit sie bei ihm arbeiten wollten. «Endlich hätten wir einen freien Arbeitsmarkt», sagt er und strahlt. Neben dem Werben für seine Arbeitsplätze hätte der Unternehmer noch zwei weitere Möglichkeiten: Entweder könnte der Vorgang an der Kasse automatisiert werden oder aber der Unternehmer könnte die entsprechende Arbeit selber erledigen.

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«Endlich hätten wir einen freien Arbeitsmarkt»

Beispiel einer Freiheit

Riccarda ist jeweils an mehreren Orten gleichzeitig, irgendwie. Eigentlich studiert sie Medienwissenschaften und Kunstgeschichte in Basel, engagiert sich momentan aber hauptsächlich für die studentische Kultur und hat deshalb viel zu organisieren. Dazu kommt immer mal wieder ein Nebenjob und überhaupt gibt es ja auch viel zu viel zu sehen überall. Ihre Tätigkeiten sind deshalb von Gleichzeitigkeit geprägt. Was würde sie mit 2200 Franken machen, bekäme sie die einfach? «Ich würde Bettwäsche kaufen, die farblich zusam-


menpasst», antwortet sie spontan. Und sie würde wieder einmal shoppen gehen, nach Mailand, und sich dafür alter Sachen entledigen. Ja, und Stiefel; eine gute Investition für den Winter. Materialistisch ist sie nicht, aber sie räumt gerade ihre Wohnung auf, die sie während einiger Wochen nur aufsuchte, um gleich wieder zu gehen – wie gesagt, es gibt einfach zu viel zu tun. Aber was würde sie denn machen, wenn sie diese 2200 Franken jeden Monat erhielte? Ach so, das sei natürlich etwas Anderes. Dann würde sie einen Bauchtanzkurs besuchen, in Hobbies investieren, zum Beispiel mal segeln gehen. Und sie würde am Wochenende viel mehr unternehmen. Nicht im Sinne von konsumieren, sondern zum Beispiel klettern gehen, in der Schweiz umherreisen. Sie würde auch mehr Bioprodukte kaufen, überhaupt mehr darauf achten, woher gewisse Produkte kommen. Ja, sie würde ihre Nebenjobs streichen, somit in Ruhe Studieren können und endlich die Arbeiten schreiben, die schon so lange darauf warten, fertig zu werden.

Finanzierung durch Konsum

Ein Beispiel: Paul setzt sich mit einem Buch in der Hand an einen Tisch im Kaffeehaus und bestellt an der Theke einen Cappuccino. Um diesen zu erhalten, hat er weder Kaffee angepflanzt, noch Kaffeebohnen gepflückt, er hatte nichts mit der Röstung zu tun, Kühe hat er ebenfalls nicht gemolken und die Kaffeemaschine bedient hier auch jemand anderes. Paul lebt wie wir alle von der Leistung anderer. Das ist nicht weiter schlimm, denn er bezahlt in diesem Falle diese Leistung. Vom Geld, das er für seinen Cappuccino zahlt, bezahlt der Besitzer des Kaffeehauses unter anderem den Lohn seiner Angestellten und diese wiederum zahlen damit die Sozialabgaben und ihre Einkommenssteuern. Denkt man sich das rückwärts, zahlt also eigentlich Paul die Steuern des Angestellten (und auch die des Besitzers). Wenn Steuern also heute bereits im Produktpreis enthalten sind, warum soll dann derjenige, der leistet, Steuern bezahlen und nicht derjenige, der konsumiert? Für die Finanzierung des Grundeinkommens gehen die Basler Initianten denn auch von einer Besteuerung des Konsums durch eine Mehrwertsteuer aus. Denn unabhängig von ihrem Arbeitsverhalten, werden die Menschen auch in Zukunft noch konsumieren wollen. Verschiedene Studien bestätigen, dass eine solche Finanzierung funktionieren könnte.

Das Ende der Reform

Nachdem er sich nun seit zwanzig Jahren damit beschäftigt, sieht Daniel Häni im bedingungslosen Grundeinkommen und des-

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sen Einführung das Ende der Reform des modernen Sozialstaates. «Was Otto von Bismarck vor 150 Jahren gegen viele Widerstände begann, nämlich einen radikalen Systemwechsel einzuläuten, dahingehend, dass allen, die sich nicht selber helfen können, vom Staat aus geholfen wird, käme mit dem bedingungslosen Grundeinkommen an sein berechtigtes Ende.» Dass einer, der keine Erwerbsarbeit hat, heute nachweisen muss, dass er nicht arbeitet, um Hilfe zu bekommen, sei doch bezeichnend für dieses überfällige System. Auf die umgekehrte Frage, ob sie denken, dass andere noch arbeiten würden, hätten sie ein bedingungsloses Einkommen, antworteten übrigens 80 Prozent mit «Nein». Vertrauen in die Mitmenschen zu haben, scheint kein Merkmal unserer Gesellschaft zu sein. «Es ist keine Frage der Finanzierung, ob ein Grundeinkommen möglich ist» – ebenfalls ein Satz, den Häni wiederholt äussert –, «es geht vielmehr um die Frage, ob wir mehr selbstverantwortliche Menschen wollen. Wer das nicht will, fühlt sich anscheinend gerne verantwortlich für die anderen.» ˆ Text Julia Krättli, Bilder Tamara Widmer

DOWNLOAD 2008 veröffentlichten Daniel Häni und Enno Schmidt einen Film zum Thema: «Grundeinkommen – ein Kulturimpuls». Dieser steht zum freien Download bereit auf: www.kultkino.ch/kultkino/besonderes/ grundeinkommen SURFEN Weitere Informationen zum Grundeinkommen in der Schweiz gibt es auf www.grundeinkommen.ch Eine weltweite Einsicht bietet www.basicincome.org SCHMÖKERN Und zum In-die-Hände-nehmen: «Die Finanzierbarkeit des Grundeinkommens» erscheint diesen November im Seismo-Verlag. Leicht verständlich erklären die Autoren darin eine mögliche Finanzierung.

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«Bei der SBB ist kein Tag wie der andere.»

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RAUS AUS DIESEM ZIRKUS WOHL KAUM JEMAND HAT ANGESICHTS STRESSIGER PRÜFUNGSZEITEN, MONOTONER VORLESUNGEN UND UNENDLICH LANGER ABENDSCHICHTEN NOCH NIE DAVON GETRÄUMT, ALLES EINFACH STEHEN UND LIEGEN ZU LASSEN UND SICH FREI VON ERWARTUNGEN UND LEISTUNGSDRUCK DEM ZU WIDMEN, WAS MAN WIRKLICH GERNE MACHT. WIE DAS GEHT, ZEIGEN UNS VERSCHIEDENE «AUSSTEIGER», DIE DEN SCHRITT INS UNGEWISSE BEREITS GEWAGT HABEN.

Sie machen nicht mehr mit, wollen dem alltäglichen Wahnsinn der von Stress und Materialismus geprägten Leistungsgesellschaft entfliehen und nach ihren eigenen Regeln leben. Der Ausstieg sieht bei allen anders aus, doch das Ziel bleibt immer dasselbe: die Freiheit, das zu tun, was man möchte. Selbst bezeichnen sie sich nur ungern als «Aussteiger», denn sie sehen sich dennoch als Teil der Gesellschaft. Was sie jedoch vom Rest unterscheidet ist, dass sie sich den Regeln eines bestimmten Systems nicht mehr unterwerfen wollen. Dabei kann es sich sowohl um die Gesellschaft als Ganzes, als auch um Teile davon handeln – wie es beispielsweise bei Aussteigern aus der Finanzbranche der Fall ist. Sie sind also nicht gezwungenermassen Mitglieder einer Kommune oder selbsternannte Eremiten, sondern vielmehr Menschen, die auf der Suche nach dem Glück ihren ganz persönlichen Weg gehen.

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Rädchen im System

Anzutreffen sind sie auf irgendeiner Alp, in kollektiven Lebensgemeinschaften oder in einem Reihenhaus am Rande der Stadt – Hauptsache nicht dort, wo sie zuvor gelebt haben. So unterschiedlich ihr neues Leben auch aussehen mag, der Wunsch nach Selbstbestimmung ist ihnen allen gemein. Genauso wie die Abwendung von einem oberflächlichen, profitgesteuerten Leben. Es ist daher nicht verwunderlich, dass genau diejenigen so häufig aussteigen, die diesen Lebensstil am intensivsten miterlebten. Genaugenommen kann man denn auch nur von einem Ausstieg sprechen, wenn man irgendetwas verlässt, wovon man zuvor Teil gewesen ist. Man muss also zuerst dabei sein, bevor man überhaupt aussteigen kann. Doch so schwierig ist das «DabeiSein» nicht, sind wir doch alle in irgendeiner Form kleine Rädchen in einem grösseren System. Die Frage ist nur, ob wir uns dadurch in unserer Freiheit eingeschränkt fühlen, oder sie woanders suchen müssen.

Vom Banker zum Bauern

Es gab sie schon immer, doch spätestens seit der Finanzkrise sind sie ins mediale Rampenlicht gerückt worden: erfolgreiche Unternehmer und Geschäftsleute, die ihr altes Leben hinter sich lassen, um sich irgendwo – vorzugsweise in der Idylle des ländlichen Lebens – der Gestaltung eines neuen Daseins zu widmen. Einige von ihnen wurden durch den Verlust der Arbeitsstelle zu dieser Neuorientierung gezwungen, andere wagten schon davor den Schritt ins Ungewisse. Die typische «Vom Banker zum Bauer»-Karriere ist daher wahrscheinlich die prominenteste und eindrücklichste Aussteigergeschichte. Wohl auch deswegen, weil sie den krassen Gegensatz der verschiedenen Welten so deutlich zum Ausdruck bringt und die Essenz des «Aus-


Wem die Oberflächlichkeit des Materialismus zuwider ist, dem bleibt schlussendlich nur die Echtheit der Natur.

steigertums» auf den Punkt bringt. Sie verdeutlicht die Sehnsucht nach Naturverbundenheit, nach Selbstbestimmung, nach sinnvoller Arbeit und echter Freiheit. Einige dieser unkonventionellen Aussteigerlaufbahnen sollen hier etwas beleuchtet werden.

Die Unternehmer

Diesem Aussteigertypus gehören Leute der Finanz- und Wirtschaftsbranche an. Sowohl diejenigen, denen alles zu bunt wurde und die daher freiwillig das Handtuch warfen, als auch die unfreiwillig zur Neuorientierung gezwungenen. Die meisten dieser Aussteigerkarrieren beginnen mit einer Sinnkrise. Nebst der Tatsache, dass Privatleben und Freizeit über die Jahre zu blossen Wunschvorstellungen geworden sind, fragt sich der eine oder andere früher oder später, welchen bleibenden Wert seine Tätigkeit überhaupt hat. Eine Beraterin solcher frustrierter Banker berichtet in der «Süddeutschen Zeitung» davon, dass viele ihr Handwerk als zu «virtuell» und zu unreal wahrnehmen. Es ist nichts Fassbares mehr dabei, keine echte Ware, zuviel Verantwortung für etwas, das man selbst kaum mehr versteht. Nicht erstaunlich daher, dass sich viele Financiers handfesteren Tätigkeiten zuwenden. Wie beispielsweise der ehemalige Frankfurter Investmentbanker, Thomas Brauße, der jetzt im Schatten der Bankentürme Würstchen verkauft und dabei «so glücklich ist, wie noch nie». So richtig ausgestiegen ist er dennoch nicht, zumindest nicht aus der Geld verdienenden Welt – wohl aber aus jener, in der er zuvor gelebt hat. Ähnliche Motive hatte auch der Ostschweizer Politiker, Guido Leutenegger. Der einstige Kreuzlinger Stadtrat kehrte dem politischen Leben den Rücken, um sich in den Tessiner Bergen der Zucht von Schottischen Hochlandrindern zu widmen. Der Rückzug war allerdings nicht das Hauptmotiv, sondern vielmehr eine Geschäftsidee, die sich bis heute als lukrativ erwiesen hat. Der Thurgauer verkauft näm-

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lich «Kuh-Aktien» und zahlt seinen Kunden die Dividende in Ökofleischlieferungen aus. Ein Gewinn für beide Seiten, denn die Aktionäre erhalten Fleischprodukte in einem Wert, der weit über ihrem investierten Kapital liegt und Leuteneggers Geschäft floriert. An interessierter Kundschaft mangelt es nicht. Er habe das Glück gehabt, eine Marktlücke entdeckt zu haben, sagt Leutenegger in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen und scheint mit seinem neuen Leben als Bergbauer ganz zufrieden. Sein altes Leben will er jedenfalls nicht zurück.

Die Radikalen

Ein paar Täler weiter, im malerischen Maggiatal, befindet sich die Gemeinschaft «Pianta Monda». Unter der Leitung des ehemaligen Zürcher Primarlehrers, Ulrico Stamani, werden hier einige Steinhäuschen mit Umschwung bewirtschaftet. Im Einklang mit der Natur zu leben, ist hier das höchste Ziel. Die Produktion bio-dynamischer Produkte und das einfache Zusammenleben in der Abgeschiedenheit stehen im Mittelpunkt der Gemeinschaft. Stamani selbst bezeichnet sich als «Stadtflüchter». Auch er ist einer, der sich nach etwas Handfesterem sehnte und das rauhe Leben in der Einsamkeit der Berge nicht scheute. Sein ursprünglicher Traum, auch Landwirtschaft betreiben zu können, ist jedoch bis heute einer geblieben, denn aufgrund einer Gesetzesänderung ist es der Gemeinschaft nicht mehr erlaubt, Agrarland zu kaufen. Somit ist die Vermietung der Häuschen an Gruppen oder an spontane Besucher ins Zentrum gerückt. Das Leben hier oben ist nicht immer einfach, es gibt viel zu tun, man arbeitet hart, doch Ruhe kann man trotzdem finden. Alle sind willkommen, solange man sich nicht ziert, ab und zu Hand anzulegen und dem kleinen Team von «Pianta Monda» zu helfen, ihrem Traum vom Ökodorf ein Stück näher zu kommen. Die Hinwendung zur Natur, ganz nach rousseauscher Manier, ist ein wichtiger Bestandteil des «Aussteigertums». Wem die


Oberflächlichkeit des Materialismus zuwider ist, dem bleibt schlussendlich nur die Echtheit der Natur. Deren Erträge, die man selbst gepflanzt und gehegt hat, sind handfester und zuverlässiger als die fixfertigen Produkte im Einkaufsregal. Dennoch ist es auch für idealistische Ökobetriebe wie «Pianta Monda» nicht möglich, sich ausschliesslich selbst zu versorgen. An Brennnesseln als Gemüse kann man sich gewöhnen, doch etwas mehr braucht der Magen dann doch.

Die Geselligen

Es gibt sie noch, die Kommunen und kollektiven Gemeinschaften – auch in der Schweiz. Sie leben fernab vom Trubel der pulsierenden Städte und haben dort ihr kleines Reich aufgebaut. Die meisten sind im Zuge der 68er-Bewegung gegründet worden und einige haben bis heute überlebt. Ihr Ziel ist dasselbe, wie das anderer Aussteiger; sie wollen raus aus den engen Schranken der Gesellschaft, möchten befreit leben, sich entfalten können und einen Unterschied machen. Die einen tun dies durch naturnahe Landwirtschaft und Viehzucht, die anderen durch soziales Engagement.

Eine der bekanntesten Gemeinschaften ist «Longo Maï», die vor über 30 Jahren gegründet wurde und ihren Ursprung in Basel hat. Das erste Kollektiv siedelte sich in der Provence an und bis heute leben einige der Gründungsmitglieder in einer der neun Gemeinschaften, die in ganz Europa verteilt sind. Die Mitglieder setzen sich an den verschiedenen Standorten für Mensch und Natur ein. Sie tun dies bewusst als Gemeinschaft und unterstützen sich gegenseitig in der Erhaltung ihrer eigens kreierten Gesellschaftsstrukturen.

Wahre Freiheit?

Kritische Beobachter werden unweigerlich die Frage stellen, ob sich die Ausgestiegenen denn nun tatsächlich befreit oder nicht einfach einem neuen Diktum unterstellt haben. Denn sobald sich jemand entschliesst, ein bestimmtes Wertesystem zu verlassen, muss man sich entscheiden, nach welchen Grundsätzen das neue Leben gestaltet werden soll. Ganz ohne diese funktioniert nämlich auch die bestgemeinte Alternativgesellschaft nicht. Aussteiger brauchen eine Vision und eine Idee davon, wohin sie wollen und was sie erreichen möchten. Nur Aus-

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steigen allein macht auf Dauer die wenigsten glĂźcklich. Genaugenommen handelt es sich bei der ganzen Sache schlussendlich um ein Luxusproblem – wenn man so will. Man kann sich glĂźcklich schätzen, die MĂśglichkeit zu haben, frei zu entscheiden, wie man sein Leben gestalten will. Sei dies nun innerhalb oder ausserhalb der bestehenden Gesellschaftsstrukturen. Wer sich nicht ganz sicher ist, kann es einfach mal ausprobieren – die Aussteigergemeinschaften freuen sich immer wieder Ăźber Zuwachs. NatĂźrlich kann es auch sein, das angesichts der grossen Auswahl an AusstiegsmĂśglichkeiten und der Ungewissheit, die mit einem solchen Schritt verbunden ist, manch einer sich doch die Freiheit nimmt, wieder ins bekannte Umfeld zurĂźckzukehren. Denn Aussteigen bedeutet keinesfalls, auf der faulen Haut zu liegen. Es ist ein hartes StĂźck Arbeit, sich eine Parallelgesellschaft aufzubauen oder sich in der Kunst des WĂźrstchenbratens oder Viehzucht zu behaupten. Wenn dafĂźr allerdings die wahre Freiheit erlangt werden kann, nehmen echte Aussteiger diese MĂźhen gerne in Kauf. ˆ Text Mirjam Goldenberger, Bild Selin Bourquin

SURFEN www.natur-konkret.ch Natur Konkret. Das Unternehmen, welches Ă–kofleisch gegen Kuh-Aktien tauscht. www.piantamonda.ch Tessiner Gemeinschaft im Maggiatal. Offen fĂźr Besucher und Helfer aller Art. www.escapethecity.org Community Englischer Banker, die einen Neuanfang auf dem Land wagen.

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ZEIT FÜR MUSSE

OBWOHL ER NACH WIE VOR EINE FIGUR VON ÖFFENTLICHEM INTERESSE IST, MÖCHTE DER ALT-BUNDESRAT EINEN LEBENSABSCHNITT OHNE VOLLE AGENDA GENIESSEN. MIT STUDIVERSUM SCHAUT ER AUF SEINE AMTSZEIT ZURÜCK. Herr Bundesrat Merz, am 28. Oktober treten Sie nach sieben Jahren im Amt als Bundesrat zurück. Was werden Sie in den Wochen danach mit der «wiedergewonnenen Freiheit» anfangen? Urlaub? Um etwas Distanz zu den doch hektischen Berner Zeiten zu gewinnen, werde ich als Erstes eine Studienreise nach Lateinamerika unternehmen. Auf jenem Kontinent hatte ich bis anfangs der 90er Jahre sehr viel beruflich zu tun. Dementsprechend fehlte mir die Musse zum Kennenlernen der dortigen Vielfalt. Das will ich jetzt nachholen. Diese Zeit nehme ich mir – als Tourist und Privatmensch. Kann man nach dem Amt als Bundesrat sozusagen machen, was man schon immer gewollt hat? Als sogenannter Alt-Bundesrat ist man natürlich noch immer eine öffentliche Figur. Ich habe aber nie darunter gelitten, dass mich Menschen auf der Strasse erkennen und anreden. In Zukunft werde ich versuchen, Versäumtes nachzuholen und gleichzeitig offen zu sein für neue Erfahrungen und Entdeckungen. Diesen neuen Lebensabschnitt werde ich nach Lust und Laune, unverkrampft und ohne starres Programm in Angriff nehmen. Als Bundesrat waren Sie immer sehr enga-

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giert. Haben Sie irgendwelche Tätigkeiten vermisst, die Sie bald wieder ausüben können? Der Druck der Agenda ist tatsächlich gross. Als Exekutivpolitiker hat man zwar das Privileg, vieles zu erleben, das anderen Menschen wohl immer vorenthalten bleibt. Aber man muss auch auf etliches verzichten. Was in meiner Zeit als Bundesrat sicher zu kurz kam, war der kulturelle Genuss. Ich konnte kaum je ohne Unterbruch ein Buch lesen oder nach Belieben eine Opernaufführung besuchen. Für die Bewegung in freier Natur kann ich sodann künftig nur noch das Wetter und nicht mehr den Termin entscheiden lassen. Muss man als Bundesrat viele Einschränkungen seiner persönlichen Freiheit hinnehmen, da man im Dienste der Nation tätig und eine Person von öffentlichem Interesse ist, oder trifft das Gegenteil zu, dass man sich an der Spitze mehr Freiheiten rausnehmen kann? Ein Bundesrat ist in seiner Bewegungsfreiheit ausserordentlich eingeengt. Termine, Inhalte und Ereignisse sind mehrheitlich fremdbestimmt. In einer Exekutive wie dem Bundesrat kann man sich nicht einfach mehr Freiheiten ausbedingen. Man hat zwar so etwas wie Macht, man ist bei manchmal weitreichenden Entscheiden mit dabei – aber das alles findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern kontrolliert und innerhalb von klaren rechtlichen Schranken. Wo hätten Sie sich als Mitglied der Landesregierung mehr Freiheiten gewünscht? In einem Land, das in direktdemokratischen Prozessen entscheidet und sich zudem durch eine weitreichende Kantonsund Gemeindeautonomie auszeichnet, sind die echten Entscheidungsfreiheiten nicht sehr gross. Aber es bleibt stets ein an-


«Ein Bundesrat ist in seiner Bewegungsfreiheit ausserordentlich eingeengt» sehnlicher Gestaltungsrahmen, in meinem Fall etwa bezüglich der Fiskal- und Finanzpolitik, bei der Vorgaben an die Politik richtungsgebend sind. Wie schauen Sie zurück auf Ihre Amtszeit? Was waren die besten Momente? Worauf sind Sie besonders stolz? Die besten Momente waren die positiven Abschlüsse der Staatsrechnungen der letzten Jahre, der Schuldenabbau im Umfang von 20 Milliarden, das «Ja» von Par-

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lament oder Volk zu Steuerreformen und zum neuen Finanzausgleich. Stolz bin ich aber auch auf die Bewältigung der Finanzkrise. Der Bundesrat wurde in dieser Frage zwar immer wieder kritisiert, aber im Endeffekt müssen wir doch festhalten, dass die Schweiz die Finanzkrise gut und vor allem viel besser als andere Staaten überstanden hat. Zu diesem Urteil sind auch unbelastete Gremien wie etwa der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung (OECD)

gelangt. Eine Bereicherung waren für mich sodann die vielen Begegnungen – zu Mitmenschen wie auch Politikern und Staatsoberhäuptern – die mir dank meiner Funktion als Bundesrat möglich wurden. Was haben Sie am schlimmsten in Erinnerung und weshalb? Die Libyen-Affäre war eine Verknüpfung von unglücklichen Umständen. Mir war in meinem Präsidialjahr 2009 bewusst, dass sich diese Geschichte nicht einfach aussitzen lässt. Ich musste etwas tun und habe auch Bewegung in die Angelegenheit gebracht. Der unmittelbare Erfolg blieb mir vorerst versagt. Das Schlimmste an der ganzen Geschichte war, dass sich die libysche Regierung nicht an ihr Versprechen vom 20. August 2009 hielt, die beiden Schweizer Geschäftsleute heimreisen zu lassen. Die beiden Schweizer Geiseln konnten erst viel später in die Heimat zurückkehren.


Wie soll es in der Politik nach Ihrem Rücktritt weitergehen? Werden Sie weiterhin für die FDP tätig sein? Ich habe bei meiner Demission erklärt, dass ich mich nach 14 Jahren aus der Bundespolitik zurückziehen werde und dass die nächsten Jahre mir gehören. Daran werde ich mich halten. In der Politik werde ich – selbstverständlich weiterhin als überzeugtes FDP-Mitglied – nur noch stiller Beobachter sein. Was bedeutet Freiheit für Sie als Liberalen? Hat sich Ihre Vorstellung während der Amtszeit verändert? Der Liberalismus ist für mich nicht nur Lebensanschauung, sondern auch ein Lebensgefühl. Wir Liberalen meiden den geistigen, politischen, sozialen und staatlichen Zwang. Liberale brauchen Freiheiten und wollen Selbstbestimmung verwirklichen. Sie sind aber bereit, dafür auch Verantwortung zu tragen und gegenüber den Schwachen solidarisch zu sein. Solche Werte sind zeitlos und brauchen nicht neu erfunden zu werden. In welchen Bereichen wünschen Sie sich als Bürger mehr Freiheiten? Es gibt im Staat auf allen Ebenen hunderte von Bewilligungs- und Meldeverfahren, die sehr oft mit keinem Mehrwert für die Gesellschaft verbunden sind. Diese administrativen Hürden komplizieren und erschweren den Verkehr mit den Bürgern. Sie lähmen Unternehmergeist und Eigeninitiative. Die FDP lanciert zu Recht eine Initiative, die diesem Problem Herr werden will. Erzählen Sie aus Ihren Erinnerungen an die Studienzeit. Sie haben Wirtschaftswissenschaften an der HSG studiert. Woran denken Sie sogleich, wenn Sie sich in diese Zeit zurückversetzen? Mein Wahlfach an der HSG hiess «Diplomatisch-Konsularischer Dienst». Es deckte eine breite Themenpalette ab, von der Betriebs- und Volkswirtschaft über Recht und Sozialwissenschaften bis hin zu Fremdsprachen. Ich wurde dann später zwar nicht Diplomat, doch dieses an der HSG gesammelte Wissen kam mir später auch als Politiker sehr zustatten. Waren Sie bereits zur Studienzeit politisch aktiv? Wofür haben Sie sich engagiert? Ich war Präsident der Studentenschaft in einer Zeit, die durch den aufrührerischen Geist der 68er Jahre geprägt war. Die HSG war allerdings kein Hort des politischen Aufstandes. Wir fühlten uns dort anderen Zielen verpflichtet.

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Wie haben Sie sich Ihre Zukunft dazumal vorgestellt? Ich habe mein Augenmerk damals nicht über das Ende des Studiums hinaus fokussiert, war aber grundsätzlich offen für jede wie immer geartete herausfordernde Aufgabe. Ich übernahm dann zunächst das Sekretariat des Industrievereins in unserem Kanton und gewann damit erste Einblicke in das praktische Wirtschaftsleben. Heute wird oft von Leistungs- und Erwartungsdruck gesprochen. Glauben Sie, dass es in unserer Gesellschaft überhaupt noch ein Leben frei von solchen Zwängen geben kann? Der Mensch ist ein soziales Wesen. Schon deshalb wird es ein schrankenloses Leben ohne jeglichen Zwang für ihn nie geben. Das menschliche Dasein besteht bei Lichte betrachtet darin, jeden Tag eine Vielzahl von Entscheidungen und Wahlen zu treffen – ob wir das wollen oder nicht. Wir sollten aber ein inneres Muster entwickeln, das uns hilft, mit diesen Zwängen umzugehen. Die Orientierungshilfen, die wir bei solchen Vorgängen abrufen können, beruhen auf Charakter wie auch Weltanschauung. ˆ Text Silja Aebersold, Bild Edouard Rieben

Hans-Rudolf Merz wurde am 10. November 1942 in Herisau (AR) geboren. Nach seinem Studium der Staatswissenschaften an der Universität St. Gallen war er als selbstständiger Unternehmensberater und Verwaltungsrat für verschiedene Schweizer Unternehmen tätig. Den Weg in die Bundespolitik fand er spät: Erst 1997 wurde er zum Ständerat von Appenzell Ausserrhoden gewählt. Bereits sechs Jahre später und gleichzeitig mit Christoph Blocher wählte ihn die Bundesversammlung zum Bundesrat. Trotz seines Auftretens als Sparpolitiker gewann er rasch Sympathien im Volk, unter anderem durch seine scharfe Kritik an grosszügigen Bonus-Auszahlungen einiger Unternehmen. Vielleicht lag es aber auch an den äusserst höflichen Umgangsformen, die er mit seinen Mitarbeitenden pflegte, oder an der Tatsache, dass er jeden Samstag selbst einkaufen ging, dass er vom «geschwätzigen» Politiker zu einer populären Figur aufstieg. Wenn es aber um den Steuerstreit mit Deutschland ging, wusste er die Vorwürfe des damaligen deutschen Finanzministers Peer Steinbrück zu kontern: Beispielsweise als Merz das Nachbarland im Jahre 2008 des «Steuerdumpings» bezichtigte. Ausserdem schien er gängige Klischees zu widerlegen, die manche Leute über Finanzminister haben können: Seit über 50 Jahren besitzt er ununterbrochen das Abonnement des Stadttheaters St. Gallen und in einem geheimen Fach seiner Aktentasche trägt er täglich die Bibel und Goethes «Faust» mit sich herum.


DAS UNIKAT

FĂ&#x153;HL DICH FREI â&#x20AC;&#x201C; MODEFREI! Freiheit in seiner reinsten Form ist diffizil darzustellen. Wie wäre es also mit ÂŤUnfreiheitÂť? StudiVersum und Durchzwei schenken dir das T-Shirt zum Titelthema! Die Qual der Wahl hatten Bruce Jost und Tim Engel bei dieser Kreation. Die Freiheit des Einzelnen, die Freiheit einer Gesellschaft, dann die Frage: Sind wir Ăźberhaupt frei? Ist unsere Gesellschaft in Handschellen gefesselt, welche sie nicht spĂźrt, weil ein weicher Pelz drum herum liegt? In vielen Bereichen sind uns Grenzen gesetzt: Gesetze, moralische Verpflichtungen â&#x20AC;&#x201C; nicht so Durchzwei â&#x20AC;&#x201C; ihrer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Nutzt dies! Bist auch du ein Denker, der sich gerne mit Uneingeschränktheit beschäftigt? Dann bemĂźhe dich um dein Unikat! Schreib eine Mail an shirt@studiversum.ch und erkläre, was fĂźr dich Freiheit bedeutet und schon bald kĂśnnte der rosa Pelz deinen Bauch zieren. Â&#x2C6; Text Raffaela Angstmann, Bild Durchzwei

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UNIPOLITIK

FREIWILLIGE VOR! SPÄTER KÖNNEN WIR SAGEN: «DARF ICH VORSTELLEN? VERSUCHSKANINCHEN. BOLOGNA-VERSUCHSKANINCHEN.» ABER HALB SO SCHLIMM, JEMAND MUSSTE NUN MAL DEN ANFANG MACHEN. WAS ES NEUES AN DER REFORMFRONT BEIM ZUGANG ZUM MASTERSTUDIUM GIBT. Manuela kommt aus Sipplingen, einem kleinen Dorf am deutschen Ufer des Bodensees. Vor einem Jahr hat sie ihren Bachelor in Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz gemacht. Für ihren Studienplatz musste sie sich damals bewerben und einen Numerus Clausus bestehen. Im aktuellen Wintersemester (ist der Herbst nicht der neue Winter?) stehen 165 Plätze zur Verfügung, die nach dem Schlüssel «90 Prozent für die Bewerber mit der grössten Eignung und 10 Prozent für die Bewerber mit der längsten Wartezeit» vergeben werden. Genaueres zu den Zulassungskriterien ist in den sogenannten «Zulassungssatzungen» geregelt. Obwohl der Bachelor laut Universität Konstanz «einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss» darstellt, fühlte sich Manuela noch nicht reif für den Arbeitsmarkt und wollte ihr Wissen im Masterstudium noch in eine etwas andere Richtung hin erweitern und konkretisieren. An der Universität Basel studiert sie nun im spezialisierten Masterstudiengang «Sustainable Developement», für den sie neben fachlichen Eignungen, zum Beispiel Grundkenntnisse in Mathematik und Statistik im Umfang von fünf Kreditpunkten, auch die Mindestbachelornote fünf vorweisen musste.

Schauplatzwechsel

Anfang September wurde in der Sitzung der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS) unter anderem der Übergang vom Bachelor zum Master besprochen. Die Überlegungen dazu wurden anschliessend im Newsletter wie folgt veröffentlicht: «Aus der schweizerischen Regelung für den Übergang Bachelor – Master

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können sich für mehrere Universitäten und spezifische Fachbereiche besondere Probleme ergeben, falls der Zustrom ausländischer Studierender zu Masterstudiengängen übermässig ansteigt: Aufgrund des Lissabonner Abkommens und insbesondere des Staatsvertrags mit der Bundesrepublik Deutschland gelten für sie dieselben Aufnahmebedingungen wie für Absolventen Schweizerischer Bachelorstudiengänge.» Wenn es sich also nicht wie bei Manuela um einen spezialisierten Master handelt, sind die Aufnahmebedingungen in der Schweiz normalerweise ausschliesslich fachlicher Natur: Ein entsprechender Bachelor muss vorgewiesen werden.

Studierendenzahlen

Die Zahl der Studierenden an Schweizer Hochschulen wird sich weiter erhöhen, prognostiziert das Bundesamt für Statistik, und zwar jeweils um etwa drei bis vier Prozent bis 2013. Danach dürfte die Zunahme aufgrund des Bevölkerungsrückgangs geringer ausfallen. Was für die allgemeine Studierendenanzahl gilt, gilt auch für die Zahl ausländischer Studierender in der Schweiz: 2009 kamen 19 Prozent der Studierenden aus dem Ausland, auf der Masterstufe waren es 29 Prozent. Bis 2015 rechnen die Statistiker auf letzterer mit einem Ausländeranteil von 32 bis 33 Prozent; im Grunde ein gutes Zeichen für die Schweizer Hochschullandschaft. Es bedeutet einerseits, dass die Mobilität in die Schweiz am Übergang vom Bachelor zum Master offenbar funktioniert und – ohne hier die Mobilität von Schweizern ins Ausland zu berücksichtigen – somit ein Schlagwort der Bologna-Reform doch nicht ganz so leer ist. Andererseits heisst das auch, dass es attraktiv ist, in der Schweiz zu studieren. Immerhin nehmen die ausländischen Studierenden dafür deutlich höhere Lebenshaltungskosten in Kauf. Und auch die Universitäten betonen meist ihren Ausländeranteil, um auf die Qualität ihrer Ausbildung hinzuweisen.

dische Studierende diskutiert. Dafür sind jedoch längst nicht alle. Von Ungleichbehandlung ist die Rede. Um dem grossen Andrang Studierwilliger in der Schweiz Herr zu werden, wird in der CRUS nun stattdessen über Zugangsbeschränkungen für Ausländer diskutiert, die in der Schweiz einen Master machen wollen. Argumentiert wird dabei jedoch nicht mit finanziellen Aspekten, sondern in erster Linie mit fehlender Qualifikation: «Die Bewerbungen von Personen mit einem im Ausland erworbenen Bachelor sind generell noch nicht auf dem gewünschten Qualitätsniveau», sagte Heidi Wunderli-Allenspach, Rektorin der ETH Zürich, gegenüber der NZZ am Sonntag. Das mag sein. Aber treten denn unter den Schweizer Studierenden nur solche in den Master über, die ihren Bachelor mit guten oder sehr guten Leistungen abgeschlossen haben?

Qualität. Qualität?

Wir befinden uns gerade wieder mitten in der Saison der universitären Infotage für Gymnasiasten. Um die jungen Menschen wird gebuhlt. Die Universitäten wollen wachsen und sich in internationalen Ratings so gut wie möglich positionieren. Verständlich, sie befinden sich schliesslich nicht ausserhalb des Systems, das nach grösser und besser strebt. Auch ausländische Studienanfänger sind prinzipiell will-

kommen, im Interesse des ganzen Landes. Klein und wirtschaftsstark wie die Schweiz ist, braucht sie einerseits gut ausgebildete Fachkräfte, deren Anzahl nicht nur durch Schweizer befriedigt werden kann. Andererseits ist auch eine gute Vernetzung im Ausland von Vorteil. Die Studienzeit in der Schweiz verbindet einen in Zukunft womöglich gut positionierten ausländischen Alumni mit dem Land und bringt Sympathien. Über den Mehrwert, der durch das Bildungssystem und durch die Ausbildung ausländischer Studierender erzeugt wird, lässt sich kaum eine genaue Aussage machen. Dass aber Qualität ihren Preis hat, ist eine Binsenwahrheit. Ebenfalls in diese Kategorie gehört die Tatsache, dass die durch die Bologna-Reform gebrachten besseren Betreuungsverhältnisse schlechter werden und Zeit für Forschung rarer wird, wenn steigende Studierendenzahlen einem gleichbleibenden bis kleineren Budget gegenüberstehen. Da liegt beim Ausschluss von ein paar hundert Masterstudierende der Gedanke an den berühmten Tropfen nahe. Manuela gefällt es derweil in Basel. In einem Jahr wird sie voraussichtlich mit dem Master abschliessen und ihre Ausbildung in Nachhaltiger Entwicklung danach in die Gesellschaft investieren können. ˆ Text Julia Krättli, Illustration Melanie Imfeld

Probleme, Probleme

Die «besonderen Probleme», wie es in der Mitteilung der CRUS heisst, dürften deshalb vor allem finanzieller Natur sein. Nimmt ein Jurassier in Zürich ein geisteswissenschaftliches Studium auf, so kostet das seinen Kanton laut Swissinfo 10'000 Franken. Nimmt er ein naturwissenschaftliches Studium auf, so sind es 24'400 und als Mediziner kostet er 46'800 Franken. Ein ausländischer Studierender bringt derweil nur seine Immatrikulationsgebühren mit, die zwischen 1'000 und 2'340 Franken liegen. Schon länger wird deshalb über eine Erhöhung dieser Gebühren für auslän-

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SURFEN Die CRUS will noch vor Ende Jahr eine Entscheidung zur Thematik der ausländischen Masterstudierenden treffen. Auf www.semestra.ch halten wir dich auf dem Laufenden und zeigen dir Meinungen von Studierenden auf. Unter www.crus.ch kannst du dich ebenfalls weiter darüber informieren.


REPORTAGE

SWISSNETZ EIN AUSLANDAUFENTHALT GEHÖRT HEUTE ZUM FESTEN BESTANDTEIL EINER AKADEMISCHEN LAUFBAHN, IST ABER AUCH FÜR STUDIENABGÄNGER, WELCHE EIN START-UP-UNTERNEHMEN REALISIEREN MÖCHTEN, EINE INTERESSANTE OPTION. SWISSNEX, DIE SCHWEIZER HÄUSER FÜR WISSENSCHAFTLICHEN AUSTAUSCH, SPRECHEN GENAU DIESE ZIELGRUPPEN AN. «Es ist wichtig, dass Schweizer Forscher Erfahrungen im Ausland machen», erklärt Christa Wirth, «dabei entsteht ein befruchtender Austausch, der zu neuen Ideen und Innovationen führt.» Seit zwei Jahren studiert Christa als Doktorandin an der Harvard University und empfiehlt jedem Stu-

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dierenden, einen Forschungsaufenthalt im Ausland zu machen. Im Rahmen eines Gastvortrags am Historischen Seminar der Universität Zürich ist sie 2007 mit einem Professor der Harvard University ins Gespräch gekommen und hat sich mit seiner Unterstützung an der Universität beworben. Sie wurde als «Visiting Fellow» in Harvard aufgenommen, wo sie seither an ihrer Dissertation im Bereich der amerikanischen Einwanderungsgeschichte schreibt. Das erste Jahr hatte Christa über eine private Stiftung finanziert. Im Jahr 2009 erhielt sie ein Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds, das sie für ihr letztes Promotionsjahr 2010/2011 hat verlängern können. Mit Swissnex Boston steht die Doktorandin auf verschiedene Arten in Kontakt. So nimmt sie einerseits regelmässig an Veranstaltungen im Swissnex-Haus teil und profitiert von dessen Informationsangebot, hat aber auch schon selbst Gruppen von Schweizer Lehrern und Studenten, welche ihr durch Swissnex Boston vermittelt wurden, durch die Harvard University geführt. Während Schweizer Wissenschaftshäuser von Schweizer Forschern im Ausland sehr geschätzt werden, sind diese in der Schweiz noch weitgehend unbekannt. Was genau versteckt sich also hinter diesem Namen?

Teil der Schweizer Wissenschaft

Das Staatssekretariat für Bildung und Forschung betreibt zusammen mit dem Departement für auswärtige Angelegenheiten das Schweizer Wissenschaftsnetzwerk im Ausland. Neben zwölf Wissenschaftsräten, welche Generalkonsulaten oder Botschaften angegliedert sind, gehören auch die fünf Wissenschaftshäuser, genannt Swissnex, dem Netzwerk an. Mit dem Ziel, die Zusammenarbeit in den Bereichen Bildung, Forschung und Innovation zu fördern, wurden in den letzten zehn Jahren rund um den Globus Swissnexes aufgebaut. Dafür wurden Standorte gewählt, welche nicht nur für ihre hohe wissenschaftliche Dichte und Qualität bekannt sind, sondern auch als Business-Hot-Spots gelten: Boston, San Francisco, Singapur, Shanghai und Bangalore. Alle Swissnexes werden als Private-Public Partnership geführt, was bedeutet, dass neben der staatlichen Unterstützung auch private Sponsoren die vielfältigen Aktivitäten unterstützen. Um die Internationalisierungsbestrebungen des Forschungsstandorts Schweiz voranzutreiben, kooperiert Swissnex sowohl mit Hochschulen, als auch mit der Wirtschaft, Interessensverbänden und privaten Sponsoren. Die SwissnexHäuser sind je nach Standort in unterschiedlichen Bereichen tätig. So stehen bei-


spielsweise in Boston, dem Epizentrum für Biotechnologie, vor allem die Naturwissenschaften im Vordergrund, während der Schwerpunkt in San Francisco eher auf Informationstechnik, Kunst und Architektur gelegt wird.

Promotion Schweizer Forschung

Eine erste wichtige Aufgabe von Swissnex ist die Promotion des Wissenschaftsstandorts Schweiz in den Gastregionen. Dabei sollen insbesondere die Stärken der Schweizer Forschung in den Vordergrund gerückt werden. «Der Forschungsstandort Schweiz wird als hoch innovativ und qualitativ hochwertig wahrgenommen», befindet Jacqueline Gasser-Beck, akademische Liasion bei Swissnex Boston und ehemalige JusStudentin an der Uni Zürich. «Auch die Ausbildung an Schweizer Universitäten wird als sehr gut eingeschätzt. Das erklärt auch, weshalb an allen Top-Universitäten verhältnismässig viele Schweizer aufgenommen werden.» Um diesen guten Ruf weiter zu fördern, werden von Swissnex Veranstaltungen mit sehr unterschiedlichen Formaten organisiert, allein bei Swissnex Boston sind es jährlich über 60. Anlässlich des «Cambridge Science Festivals» Ende April wurde etwa die Schweiz als führende Kraft im Gebiet von Sustainable Transportation vorgestellt. Zu diesem Thema wurde nicht nur eine von einem MITProfessor moderierte Podiumsdiskussion mit Spezialisten organisiert, sondern mit «Kids on Wheels» auch ein Fahrradparcours für die Jüngsten durchgeführt – Werbung für die Schweizer Forschung kann auch auf spielerische Art und Weise daherkommen.

Viele Kontakte, Informationen…

Einen zweiten Schwerpunkt bei Swissnex bildet der Austausch zwischen Schweizern und Personen aus den Gastregionen. Ein solcher Austausch kann sowohl in einem Wissenschaftskontext als auch in Bezug auf den Business-Bereich stattfinden. Eine erste Basis dafür wird in Boston jedes Jahr mit einer Willkommensparty zum Semesterbeginn gelegt, welche für viele Auslandschweizer zum ersten Kontakt mit Swissnex führt. Auch für Alexa Burger bedeutete die Teilnahme im September eine Premiere, nachdem sie erst über sieben Ecken von Swissnex erfahren hatte. «Ich habe die Hoffnung, dass ich hier über Swissnex Leute kennen lernen kann, die mir später in der Schweiz helfen werden, einen Job zu finden», sagt die junge Biologin, die seit zwei Jahren als Post-Doktorandin am Massachusetts General Hospital arbeitet, und schwärmt gleich danach vom feinen Brot, das am Fest aufgetischt wurde und nach dessen Herkunft sie sich sofort bei Swiss-

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nex erkundigt habe. Mit ihren Kenntnissen des schweizerischen Hochschulsystems können die Teams von Swissnex insbesonders Personen, welche in die Schweiz zurückkehren möchten, beraten, ihnen Möglichkeiten aufzeigen oder Kontakte vermitteln. Auch bei alltäglichen Problemen wie etwa dem Umschreiben eines Führerausweises oder der Verlängerung eines Visums, ist es lohnenswert, sich an Swissnex zu wenden.

… und ein kleines Stück Heimat

Die Funktionen von Swissnex scheinen sich allerdings nicht auf Information und Netzwerkbildung zu beschränken, vielmehr fungieren die Swissnexes auch auf der Gefühlsebene als eine Art Brücke zur Schweiz, als ein Stück Heimat in der Ferne. «Manchmal hat man einfach das Bedürfnis, Schweizerdeutsch zu sprechen», gesteht Daniela Domeisen. Als Doktorandin im Gebiet der Klima- und Atmosphären-Forschung am MIT hatte sie zu Beginn ihres Aufenthalts nur wenig Kontakt zu anderen Schweizern. Vor zweieinhalb Jahren hat sie jedoch mit zwei weiteren Schweizern die Organisation der monatlichen Treffen von Auslandschweizern in Boston und Cambridge übernommen. Dabei trifft man sich ganz relaxed in Restaurants oder Bars. Mittlerweile haben sie das Angebot erweitert und betreiben das Netzwerk SwissLinkBoston, bei welchem über 250 Studenten, Wissenschaftler und Young Professionals registriert sind, und bieten diesen so eine einfache Möglichkeit zum networken. Ähnlich wie auch die Harvard Swiss Society, arbeiten sie dabei eng mit Swissnex Boston zusammen. «Swissnex hat uns beim Aufbau der Plattform stark unterstützt und leitet oft Leute an uns weiter. Im Gegenzug können wir ihnen mit unseren Informationen weiterhelfen, wenn sie beispielsweise Leute für Events suchen, die auf einem bestimmten Gebiet tätig sind», berichtet Daniela. Dies kann der Fall sein, wenn Swissnex public Discussions mit Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik oder auch Seminare und Workshops zu spezifischen wissenschaftlichen Themen veranstaltet. Diese Anlässe bieten die Möglichkeit, Forscher kennen zu lernen, welche auf einem ähnlichen Gebiet tätig sind oder ei-

nen Input zur eigenen Tätigkeit liefern können. Dadurch wird der Aufbau von Netzwerken und Kontakten ermöglicht und diese sind «etwas vom Allerwichtigsten in der Forschung», meint Christa und findet besonders den «intellektuellen Austausch sehr spannend».

Erste Arbeitserfahrungen im Ausland

Studierende müssen aber nicht unbedingt eine akademische Karriere anvisieren, um bei Swissnex zu landen. «Wir bieten Studierenden die Möglichkeit, ein Praktikum zu machen und so in einem jungen Team erste Arbeitserfahrungen zu sammeln und ihr Englisch zu verbessern», erklärt Jacqueline Gasser-Beck. Je nach fachlichem Hintergrund werden den Praktikanten andere Aufgaben zugewiesen. Francesco Albertini, der Praktikant von Swissnex Boston und ETH-Absolvent mit einem Master in Materialwissenschaften, arbeitet momentan daran, das ETH Alumni New-England-Chapter, eine Untergruppe der ETH Alumni Vereinigung, aufzubauen. «Am anderen Ende der Welt» hat Adrian Wenzl, ein ehemaliger Publizistikstudent, vor einem Monat sein Praktikum bei Swissnex Singapur begonnen. Gerade kümmert er sich um die Organisation des «Archifest'10», an welchem auch Architekten der ETH mitwirken. Vom Aufstellen des Budgets über die Durchführung von Marketing-Aktivitäten bis hin zum Auftreiben von Gastrednern fallen die verschiedensten Aufgaben in seinen Tätigkeitsbereich. «Für mich ist es in erster Linie interessant zu sehen, wie in anderen Ländern gearbeitet wird», erzählt Adrian, «anders als in der Schweiz wird hier eher ja gesagt, es herrscht eine Can-Do-Attitude.» Aber auch neben dem Praktikum hat der Zürcher in Singapur bereichernde Erfahrungen gemacht, die sich auf kultureller, persönlicher und kulinarischer Ebene widerspiegeln und berichtet: «Taucht man ein in Singapur, dann spürt man alle Facetten gleichzeitig: scharf, salzig, sauer und süss.» Ein Praktikum bei Swissnex ermöglicht durch den Kontakt mit anderen Kulturen und die Eindrücke im fremden Arbeitsumfeld neue Ideen und Inputs, sowohl auf professioneller als auch persönlicher Ebene – genau wie ein Forschungsaufenthalt im Ausland. ˆ Text Sarah Frehner, Bild zvg

SURFEN www.swissnex.org, www.swisslinkboston.com BESUCHEN Auf ihrer Webseite findest du alle Infos zum Event, SwissnexDay’10, der am 8. November 2010 in Lausanne stattfindet. StudiVersum wird dabei sein, schau also rein unter www.semestra.ch


IMPRESSUM | 2010.11

DENKSPIEL | System im System

HERAUSGEBERIN:

REDAKTOREN DIESER AUSGABE:

Die Tabelle liefert uns einen attraktiven Turnier-Modus. Dem lässt sich manches zuordnen, beispielsweise ein Ping-Pong-Turnier oder ein Tête-à-Tête zu acht bei einem Kartenspiel. Das Motto «jeder gegen jeden» respektive ein Turnier, bei dem für jeden jeder Mitspieler einmal und nur einmal zum Herausforderer wird, ist zugleich fair, weil es einerseits von Runde zu Runde für jeden einen neuen Gegner gibt. Andererseits variiert bis auf ein paar wenige unvermeidbare Ausnahmen der Anzugsvorteil. Die Ziffern, die in einer Runde vorne sind, werden in der folgenden Runde bei den Paarungen hinten aufgelistet.

Silja Aebersold, Raffaela Angstmann André Bähler, Selin Bourquin Sarah Frehner, Mario Fuchs Mirjam Goldenberger, Ludwig Hasler Jürg Kesselring, Julia Krättli Nora Lipp, Christoph Lutz Claudia Piwecki, Karin Reinhardt Martina Zimmermann

1. Runde: 2. Runde: 3. Runde: 4. Runde: 5. Runde: 6. Runde: 7. Runde:

Campus Lab AG Eschenring 2 6300 Zug CHEFREDAKTORIN:

Raffaela Angstmann

LAYOUT:

Aline Dallo DESIGN:

Céline Beyeler, Maike Hamacher BILDREDAKTION:

Selin Bourquin ILLUSTRATION:

Melanie Imfeld FOTOGRAFIE:

Selin Bourquin, Edouard Rieben Olaf Veit, Tamara Widmer LEKTORAT:

André Bähler

1–8 8–5 2–8 8–6 3–8 8–7 4–8

2–7 6–4 3–1 7–5 4–2 1–6 5–3

3–6 7–3 4–7 1–4 5–1 2–5 6–2

4–5 1–2 5–6 2–3 6–7 3–4 7–1

Die Herstellung eines solchen Systems scheint auf einen ersten Blick sehr anspruchsvoll zu sein. Immerhin müssen in jeder horizontalen Reihe alle acht Ziffern auftauchen, und ein Duell, wie zum Beispiel zu Beginn 1 gegen 8, darf in der Folge nicht mehr vorkommen. Doch eine nicht einmal allzu tiefschürfende Analyse des Systems bringt eine Struktur zu Tage, die sich problemlos auf umfangreichere Systeme ableiten lassen. Aus diesem Blickwinkel wollen wir versuchen, ein analoges Turnier mit zehn Spielern zu arrangieren. Lösung der letzten Ausgabe (Die lächelnde Eins): Spielen wir 60 Runden, so werden für unser theoretisches Modell alle sechs Zahlen je zehn Mal gewürfelt. Setzen wir nun stets einen Franken ein, so gewinnen wir zehn Mal sechs Franken und verlieren 50 mal einen Franken. Der Gewinn beträgt hier 10 Franken. Noch mehr, konkret 20 Franken, gewinnen wir, wenn wir stets sechs Franken setzen. Hier die tabellierte Ausbeute bei 60 Runden: 1 (unser Einsatz): + 10 (unser Gewinn gemäss Beispiel) / 2: - 90 / 3: -90 / 4: -60 / 5: 0 / 6: +20. ˆ Text P.H.

DRUCK:

Vogt-Schild Druck AG KONTAKT:

Campus Lab AG Lavaterstr. 71 8002 Zürich Tel: +41 44 201 16 57 Fax: +41 44 201 16 50 www.campuslab.ch info@campuslab.ch LESERBRIEFE:

leserbriefe@studiversum.ch StudiVersum erscheint sechs Mal jährlich in einer Auflage von 30 000 Exemplaren an allen Universitäten und Fachhochschulen der Deutschschweiz. Alle Rechte vorbehalten; Nachdruck, Aufnahme in OnlineDienste und Internet und Vervielfältigung auf Datenträgern wie CD-Roms etc. nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung der Herausgeberin.

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DIE FLOTTE 3 ER-WG

MATULAS MATSCHBIRNE Text: André Bähler

«Du guckst ‹Ein Fall für zwei›? Das ist doch spiessig und langweilig», meint John, als er das Wohnzimmer betritt. «Wieso spiessig?», fragt Rebekka. «Bei den Ermittlungen von Lessing und Matula gerät immer eine dieser reichen Oberschichtsfamilien ins Visier. Offenbar ist es ein Naturgesetz, dass diese Familien unglücklich sind: Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist frostig, der Sohn nimmt Kokain und/oder ist in windige Geschäfte verwickelt und die Tochter ist eine arrogante Zicke und/oder hat einen Freund, der dem strengen Papa nicht passt. Auf jeden Fall bekommt Hans Durchschnittsgucker (50-jährig, verheiratet, Sachbearbeiter, Strickpullover, Wanderferien im Engadin, Einfamilienhäuschen) das wohlige Gefühl, dass Geld, Villa und Golfclub-Mitgliedschaft auch nicht zwingend glücklich machen. Diese Oberschichtsfamilien sind aber nicht nur zerstritten, sie haben auch immer Dreck am Stecken, was Hans in seiner Meinung bestätigt, dass nicht nur sein Chef, sondern alle Führungskräfte absolut keine Moral haben. Oft ist es auch so, dass die gelangweilte Ehefrau (wahlweise mit Tabletten- oder Alkoholsucht) einen Geliebten hat. Die andere Variante ist, dass der Ehemann eine Freundin seiner Tochter verführt oder regelmässig ins Bordell geht, was Hans unter der Maske der moralischen Entrüstung doch als einigermassen prickelnd empfindet.» «Mag ja sein, dass es ein wenig spiessig ist, aber langweilig ist es bestimmt nicht», erwidert Rebekka. «Ach, komm. Es läuft doch jedes Mal gleich ab: Es geschieht ein Mord. Die Polizei nimmt einen Verdächtigen fest. Alles spricht gegen ihn. Lessing und Matula übernehmen seine Verteidigung und beginnen zu recherchieren – Lessing in Frankfurts gehobenen Kreisen, Matula in den halbseidenen. Bei Matulas Ermittlungen passiert einmal pro Folge, dass er a) mit seinem silbernen Alfa extrem unauffällig einen anderen Wagen verfolgt, b) als Polizei-Schnüffler bezeichnet wird

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und dann sagt ‹Mein Name ist Matula. Ich bin Privatdetektiv› und c) von einem fiesen Kleinkriminellen eins auf die Birne kriegt; in der Regel in einem Parkhaus oder in einer leerstehenden Lagerhalle. Nach geschätzten 700 Folgen hat der Matula von den vielen Schlägen eine richtige Matschbirne, so dass er offenbar nicht mal mehr in der Lage ist, Einkäufe zu tätigen, denn seit 1981 trägt er die gleichen Blue Jeans und die gleiche schwarze Lederjacke. Pünktlich nach einer halben Stunde Sendezeit kommt es zum Haftprüfungstermin. Dabei stellt sich heraus, dass Lessings Schützling nicht die ganze Wahrheit gesagt hat (‹Ja, ich war am Tatort, aber da war sie schon tot. Ich geriet in Panik und bin weggelaufen›) und deshalb weiterhin in Haft bleiben muss. Lessing ist dann immer sehr entrüstet und droht, das Mandat niederzulegen, was aber nicht geschieht, denn sonst würde es ja nicht weitergehen. So langsam aber sicher muss nun der Täter gefunden werden, der Drehbuchautor bemüht sich redlich, nochmals falsche Fährten zu legen. Dann wird schliesslich der Täter mit ein bisschen Action (Matula fuchtelt mit der Pistole herum) gestellt. Dabei gilt: Der Täter ist immer der, den man nicht erwartet hätte. Als Täter Tabu sind selbstverständlich Ausländer, Sozialhilfebezüger, Schwule, Behinderte oder Kinder, so viel Political Correctness darf man von Produktionen öffentlichrechtlicher Fernsehanstalten ja auch erwarten.» «Toller Monolog. Nur weil ich ‹Ein Fall für zwei› gucke, findest du mich also extrem spiessig und langweilig?» «So sieht es aus. Aber du könntest natürlich etwas gegen dieses Spiesser-Image tun.» «Nämlich?» «Auf SF2 umschalten. Dort läuft jetzt Champions League.» Weitere Geschichten der flotten 3er-WG findest du auf semestra.ch. Schau doch rein!


WIE ANNO DAZUMAL

ALLTAGSTIPP Der Stinkstiefel Wer kennt ihn nicht? Den Mief, der einem nach einer langen Wanderung aus dem Schuhwerk in die Nase steigt und einen angewidert zusammenfahren lässt. «Was tun gegen diese Ausdünstungen?», fragte mich Simon, seines Zeichens Hilfsassistent, der am Tag der offenen Tür acht Stunden feierlich an einem Informationsstand herumstehen musste und sich bereits am frühen Nachmittag vor dem Feierabend fürchtete, da er seine Schuhe ausziehen würde. Folgende Ratschläge gab ich ihm: Stinkende Schuhe neben mit Essigessenz getränkter Watte in einen Plastiksack einschliessen und drei Tage stehen lassen. Danach eine Schicht Natron in die Schuhe streuen und wiederum einige Zeit verstreichen lassen. Damit kann der schlimmste Mief beseitigt werden. Ebenfalls helfen alkoholische Desinfektionssprays mit Wasserstoffperoxid. Solche harten Bandagen gegen den Mief sollten aber mit Rücksicht auf Mutter Natur nur im äussersten Notfall angewendet werden. Stinkende Schuhe sind allerdings nur Symptom eines schwererwiegenden Problems. Die Ursachen für den Mief liegen nämlich bei den stinkenden Füssen. Und hier ist Vorbeugung das A und O: Bei Schweissfüssen ist zunächst einmal die Qualität des Schuhwerks von Bedeutung. Schuhe aus Naturmaterialien sind synthetischen vorzuziehen. Auch helfen Einlegesohlen, dass sich der Schweiss nicht im Schuh festsetzt. Vor allem Zimt- und Zedernholzsohlen sind empfehlenswert. Schuhe an der frischen Luft auslüften ist natürlich ebenfalls sehr wirksam. Man sollte jedoch darauf achten, die Schuhe mindestens 24 Stunden nach draussen zu stellen. Und sie ja nie auf der Heizung trocknen! In der feuchtwarmen Atmosphäre vermehren sich die Schweiss-Keime. Schliesslich hilft gegen Fussschweiss Fusspuder Mais- oder Reisstärke mit etwas Natron. Hier allerdings stets massvoll bleiben, zuviel Natron schadet der Haut. Simons Füsse haben nach dem langen Tag arg gestunken, wie er mir hinterher erzählt hat. Doch dank meinen Tipps wird er dem Mief das nächste Mal vorbeugen.

Horst

Horst, 74, zweifacher Vater, ist allzeit bereit: Ob im Haushalt oder in der Garage, beim Einkaufen oder an der Uni, Horst hilft! Als Hörer besucht er regelmässig Vorlesungen und weiss daher bestens Bescheid, was den Jungen von heute unter den Nägeln brennt. Seine Tipps sind längst schon keine Geheimtipps mehr. Deshalb: Horst ausschneiden, an den Kühlschrank oder die Pinnwand heften, dann kann nichts mehr schiefgehen!

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«Ich habe erfahren, was es heisst, ein Projekt zu führen.» Sabrina Hubacher, Studienschwerpunkte Medien- und Kommunikationswissenschaften, BWL und Journalistik

Swisscom ist im Aufbruch. Unsere Kultur ist geprägt von Veränderung und Innovation. Das ist eine ideale Voraussetzung für junge, motivierte Persönlichkeiten, die in einem spannenden Arbeitsumfeld etwas bewegen wollen. Als multidisziplinär ausgerichtetes Unternehmen für Telekommunikation, IT, Media und Entertainment bieten wir Ihnen interessante Aufgaben, vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten und fortschrittliche Arbeitsbedingungen. Reizt Sie das? Dann packen Sie Ihre Chance. Drei Möglichkeiten stehen Ihnen offen: der Direkteinstieg, unser TraineeProgramm oder ein Praktikum. Wir freuen uns auf Sie. www.swisscom.ch/getintouch



StudiVersum Ausgabe 35