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kunst-cirque

quaderno di creazione


Vier Circusartisten mit einem lebendigen Interesse an allem, was sich an der Seite von was auch immer befindet, gründen ein kleines, mobiles Zirkustheaterzelt Side für die Umsetzung dieses Interesses in erlebbare Veranstaltungen. Philine Dahlmann (Akrobatin, Musikerin), Salvatore Frasca (Jongleur, Equilibrist), Claudio Inferno (Luft- und Bodenakrobat, Musiker) und Sandro Angius (Lichtund Tontechniker, Musiker) werden das elf Mal fünfzehn Meter große Zelt leiten und ein Programm kreieren, das dem in der Deklaration des Kunst-Cirque ausgeführten künstlerischen Anspruch entspricht. Das erste Kunst-Cirque-Projekt ist die 2010 gegründete Company My!Laika. Sie wurde von einer Gruppe internationaler Künstler gegründet: Philine Dahlmann, Salvatore Frasca, Elske van Gelder (Akrobatin) und Eva Ordonez Benedetto (Trapezistin). Im zweiten Jahr ihres Bestehens schlossen sich Olivier (Verwaltung und Management) und Sandro Angius (Licht- und Tontechniker) der Gruppe an. Ihre erste Show “Popcorn Machine - a domestic Apocalypse” gewann 2010 den Preis Jeunes Talents Cirque und tourt seitdem laufend in Theatern und Zirkuszelten ganz Europas. Lyn Gardner veröffentlichte aus Anlass des Gastspiels in der Queen Elisabeth Hall im Rahmen des London International Mime Festivals im Kulturteil des Guardian eine Kritik, in der sie die künstlerische Arbeit der Company rezensiert und lobt. Popcorn Machine spielte auf renommierten Festivals wie in Avignon Off, in zwei aufeinanderfolgenden Jahren auf dem Festival Grec in Barcelona, im Circo-Teatro Price in Madrid, in den Fliegenden Bauten in Hamburg, auf dem Festival du Cirque Actuel in Auch und zahlreichen anerkannten Theatern. Sie wenden sich aber auch kontinuierlich den alternativen und selbstfinanzierten Bühnen zu, indem sie z.B. auf dem Fusionfestival und auf der Attension in Laertz auftraten, bei CircusPhera in Belgrad, Medic in Zagreb oder auf dem Festival Michto in Nancy. Ausser in Frankreich (wo die Company ihren Sitz hat) und in Spanien, Italien, Portugal, England, Deutschland, Dänemark und Belgien, wurde My!Laika in die osteuropäischen Länder Tschechien, Kroatien, Serbien und Litauen eingeladen, ihre Show zu spielen. Im Januar/Februar 2014 war die Company in auf Tournee in Chile, wo sie unter andern auf dem Festival Cielos del Infinito in Patagonien und im Rahmen de Festivals de las Artes in Valparaiso spielten. Das zweite Projekt des Kunst-Cirque ist die Realisierung des Side, dessen Projekt im vorliegenden Dossier beschrieben und illustriert ist.

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The Field of Cloth of Gold, particolare James Basire 1774, Royal Collection.


Parte I Side................................................................pag.7 Praeambel..................................................... pag.9 Achsen ............................................................pag.11 Zurueck zum Zentrum.................................. pag.13-15 pag.17 Circus in Italien.................................................. Circus in Frankreich........................................pag.19 Creation...................................................... pag.21 Ensemble ..................................................... pag.23 Festes Ensemble ............................................pag.25-27 Geld ............................................................ pag.29 Let’s go........................................................ pag.31 Partner........................................................... pag.33 TEIL II Technische Plaene...........................................pag.35

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Circus Tent, Edward Weston Illinois 1900 circa


Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs ... festlig? Dafür gibt es kein Wort. Kurt Tucholsky, Zur soziologischen Psychologie der Loecher

Side ist eine Widmung an die Seite: ein grundlegendes Element der Figur. Side ist auch eine geometrische Liebeserklärung an die Perspektive. An die Perspektiven, die auf die Oberfläche scheinen und ein einziges Ding in viele Seiten teilt. Die schöne Seite und die obszöne. Die poetische Seite und die praktische. Sonnen-, Schatten-, Breit-, Sichere-, Ab-, Buchseite… Seite, Seite und so Weite. Side ist alles, was nicht vor oder hinter dir sein kann, nicht über noch unter dir; wie die Kunst oder die Schuld, wie die Ignoranz, das Wissen, die Gefühle, die Schulter, die Familie, wie der Tod. Seitenstrasse, -teil, -sprung, -verkehrt, -flügel, -hieb, -riss. Side ist die Leidenschaft fuer die Extremität und das Perifäre. Die Leidenschaft für die Aspekte, die des Inneren und des Aeusseren, der Wahrnehmung, Beschaffenheit, Natur, Architektur, Flügel, Tretpedal, Bilderrahmen, Kunst. Side ist das Gefühl, mit dem man nicht definierte Räume wie einen weissen Rand um eine Buchseite empfindet, auf dem sich Notizen, Zeichnungen und persönliches Zeug, Seitenstriche und Fragezeichen ansammeln und sich so wiederum konzentrieren. Seite im Zentrum. Als wahrnehmbarer Teil des Objekts. Die Position, auf der dir die Ereignisse zufallen. Von der die Formulierung ausgeht. In Latein beispielsweise links. Side ist das lebendige Interesse an allem, was sich an der Seite von was auch immer befindet; an allem, was neben dem ist, was wir von jeher als Zentrum wahrnehmen. Wie zum Beispiel uns selbst. Den Baum macht seine Blätter aus, die Spinne ihr Netz, den Kormoran natürlich die Seitenfluegel… allgemein: Das Lebewesen ist nichts wesentlich Weiteres als seine Extremitäten: Hände und Ohren. . (Aspekt, Eigenschaft, Standpunkt, Ansicht, Eigenart, Begabung, Fähigkeit, Gabe, Talent, Veranlagung, Begrenzung, Flanke, Flügel, Grenzfläche, Grenzlinie, Seitenteil, Bestandteil, Komponente, Gegend, Richtung, Umriss, Abgrenzung, Grenze, Rahmen, Rand, Begrenzung, Weg, Route, Wegrichtung, Bahn, Fahrtrichtung, Kurs, Lauf, Richtung, Seitenteil, Teil, Detail, Zutaten, Einzelheit, Ingredienzien, Element, Ingrediens, Komponente, Zubehör, Zutat, Abschnitt, Faktor, Glied, Bestandteil, Stück Papier, Bogen, Zettel, Wisch, Blatt, Betrachtungsweise, Blickpunkt, Blickrichtung, Blickwinkel, Denkweise, Gesichtspunkt, Hinsicht, Perspektive, Position, Schau, Seite, Sicht, Stellung, Vorstellung, Standpunkt, Bestandteil, Element, Ingredienzien, Ingrediens, Zutaten, Einzelteile, Teilkraft, Zubehör, Glied, Teil, Komponente, Gesichtspunkt, Betrachtungsweise, Blickpunkt, Blickrichtung, Blickwinkel, Perspektive, Standpunkt, Auffassung, Beziehung, Hinblick, Hinsicht, Punkt, Schau, Bezug)

portobanana international artist house ottobre 2013

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La caduta della manna, particolare autore sconosciuto, museo S.Anna, Lubecca


Die Moral hat mit Zirkus nichts zu tun. Tristan Rémy Side ist ein Projekt für alternativen Zirkus. Unter alternativem Zirkus versteht sich jede Form, die sich von der sogenannten Tradition des Zirkus absondert, um den abenteuerlichen Weg der Recherche und der Experimentierung im Bereich des Ausdrucks in der Manegenkunst auszukundschaften, wie es der Berufung des zeitgenössischen Zirkus und noch zuvor der des Nouveau Cirques eigen ist. Beides sind Phänomene, die in nordeuropäischen Ländern und vor Allem in Frankreich öffentlich bekannt und anerkannt sind. Side ist ein originales und intentionell unabhängiges, von einer Gruppe internationaler Artisten gegründetes Projekt. Die Mitglieder des Side beschließen, aufgrund ihrer respektiven Erfahrungen auf dem Gebiet des Avantgarde-Circus sowie auf dem der Bühnentechnik und der Musik, sich mit einem eigenen Theatersaal auszurüsten. Side Kunst-Cirque ist das Projekt eines ambulanten Zelttheaters, welches für den Empfang und das Programm von Werken im Bereich Zirkustheater, Tanz, Musik und Performance zur Verfügung gestellt wird. Die Grundidee ist es, einen Ort zu konstituieren, wo Artisten und Publikum Ideen austauschen können und eine zeitgenössische Form des Zirkus verbreitet wird. Die Entscheidung, einen Theatersaal zu eröffnen, konkretisiert sich gerade in Italien, wo das Theaterprogramm für neue Companies nahezu unzugänglich und das kulturelle Establishment unsensibel ist; veraltet, unproduktiv, basierend auf internen Austausch und komplett taub gegenüber neuen Tendenzen in der künstlerischen Schöpfung. Das Zirkustheater ist Veranstaltern in Italien noch absolut unbekannt, wird von grossen Produktionen ignoriert und vom traditionellen Zirkus gefürchtet und gebremst. Die Wahl eines mobilen Theaters ist aus dem Wunsch heraus entstanden, Kunst und auf eigener Erfahrung basierende Kultur in möglichst unabhängiger Weise an Orte zu transportieren, wo keine Theater existieren oder das Theater- und Zirkusprogramm aus welchen Gründen auch immer abhanden gekommen oder einem snobbistischen Austauschsytem unterworfen ist. Die Dimension des Zeltes ist gewollt auf eine reduzierte, agile Größe von 11 mal 15 Metern und einen Zuschauerraum für 200 Personen eingeschränkt, um es der Struktur zu ermöglichen, leicht in die Stadtzentren einzudringen. Seine Transportmittel können ohne Probleme die Pfade hinaufklettern, die in die Herzen der kleinen Bergdörfer führen sowie den Feierabendverkehr in den Seitenstrassen bewältigen, die ins Innere der großen Städte führen. Auf diese Weise kann der Zirkus jene historischen Stadtkerne zurückerobern, die Zeugen der Anfänge eines traditionell-kommerziellen Zirkus waren und die dieser aufgrund seines Größenwahns verlassen musste. Side ist im Moment ein ausschließlich selbstfinanziertes Projekt. Es ist jedoch offen für jegliche Form der Unterstützung, Co-Produktion, die ihm in seinen Vorhaben behilflich ist. Es erhebt keinen Anspruch nicht auf eine sogenannte Autonomie, wie es andere “alternative”, vermeintlich selbstverwaltete Strukturen gerne betonen. Es ist jedoch, auch in all seinen zukünftigen Abweichungen oder Änderungen, grundsätzlich als künstlerisches Kollektiv konzipiert: Side ist weder Spektakelfabrik noch Showbusiness und wird beides auch nie sein. Der finanzielle Profit wird der Qualität des Angebots und der Aktionen, die das Ensemble in möglichst unabhaengiger Weise unternimmt, um das Projekt zu verwirklichen, nicht vorangestellt. Die technischen und künstlerischen Entscheidungen sind auf den Anspruch zurückzuführen, der in der Deklaration des Kunst-Cirque durch das Künstlerensemble manifestiert wird. Guten Abend.

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Oval pavilion, Vladimir Shukhov, Nizhny Novgorod 1896


Side ist ein Zelt mit den Massen 11m X 15m (15m X 19m mit der absiden Abdeckung), geleitet von einem festen Ensemble von vier Zirkuskünstlern, ebenfalls Side genannt. Die Ziele Projekts formulieren sich in drei tragenden Achsen. 1. Fliegendes Theater ? Die Aktivitäten des Side spielen sich unter dem gleichnamigen Zelt ab. Die

Companies, die im Side ihre Arbeiten zeigen, werden vom Ensemble, unter Absprache mit der beherbergenden Struktur, ausgewählt und für die Realisierung der jeweiligen Veranstaltung unter eventueller Einbeziehung weiterer Künstlergruppen oder einzelner Künstler gebucht. Das Side ist kein Wanderzirkus, mit dem die Gruppe als ambulantes Lebenskonzept von Ort zu Ort zieht. Diese arbeitet an der jeweiligen Realisierung einer Veranstaltung, indem sie aus dem Ensemble der assoziierten Künstler, mobiles Ensemble genannt, jene mit den für das jeweilige Projekt notwendige Kompetenzen auswählt oder auch Künstler einlädt, die bis zu dem Zeitpunkt ihres Engagements das Side noch gar nicht kennen, mit dessen Bedingungen aber einverstanden sind. Das Programm soll im Idealfall so abwechslungreich wie möglich sein, wird sich aber in der ersten Phase auf künstlerische Angebote im Bereich des Zirkustheaters, des experimentellen Theaters im Allgemeinen, des Tanzes, auf Ausstellungen bildender Kunst, Peformances und Konzerte konzentrieren. Side ist ein Fliegender Bau, der sich aufgrund seiner Mobilität schnell im Raum bewegen kann. Das Ensemble Side lässt sich jedoch auf die einzelnen Projekte bezogen Zeit: Für das erste Jahr seines Bestehens von Mai 2014 bis Mai 2015 sind fünf bis sechs Aufbauten des Zeltes vorgesehen, mit einer Vorbereitungszeit von jeweils sechs Wochen. 2. Produktion Das Side beherbergt Künstler in Residence und stellt ihnen den Raum für die künstlerische Recherche und/oder Schöpfung neuer Werke/Shows zu Verfügung. In weiterer Zukunft wird Side den Raum für seine eigene künstlerische Produktion nutzen, allerdings erst, wenn das Ensemble das logistische und buerokratische Niveau der Leitung und Verwaltung des Fliegenden Baus als ausreichend erachtet (siehe: Creation). Die Co-Produktion der Werke/Shows wird von der Projektbereitschaft der jeweiligen b e h e r b e r g e n d e n S t r u k t u r ( Stadt/Festival/Kulturzentrum/Museum/Theater/Verein etc) abhängen. 3. Gemeinnutzung des ambulanten Theateres Side hält sich die Option offen, für die ersten Jahre die Vermietung des mobilen Theaters an Strukturen oder Companien vorzusehen, die die Absicht haben, es entsprechend des in der Deklaration des Kunst-Cirque sowie in der Satzung des Vereins ausgedrückten künstlerischen Kanons zu nutzen.

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Accampamento Bizantino, anonimo


Auf irgendeiner Seite hat jeder eine Stirn. Dante Alighieri, La Divina Commedia Inf. XVIII 31 Einer der Gründe für den aktuellen Verfall des Zirkus war wohl die moderne Restrukturierung des urbanen Raums. Der Marktplatz, ein Schmelztiegel von Handwerk und Strassenkunst, stellte einen Treffpunkt für Bürger und Besucher dar, während sich mittlerweile die moderne architekturelle Konzeption von Bestimmung und Nutzung der Plätze sehr geändert hat. In Italien spielte eine entscheidende paradoxalerweise negative - Rolle die Ansehnlichkeit der Plätze; Im Bemühen, diese zu erhalten, wurden die Plätze regelrecht gepanzert und gegen Eindringlinge geschützt. Die Orte, die Jahrhunderte lang Markt verkäufern und ihren Verkaufsständen gedient haben, wurden aufgrund ihrer Schönheit zu Monumenten aufgewertet. Unter all den sozialen Funktionen, die der Marktplatz spätestens seit den alten Griechen erfüllt, bleibt als privilegierte diejenige eines formalen, repräsentativen Bildes. Vom Ort des alltäglichen Lebens einer Stadt oder eines Dorfes bleibt ein Schaufenster. Das Eintreten von Massentourismus und die daraus resultierende Anpassung der Orte an das wachsende Geschäft beschleunigte Renovierungen, die Pflasterung der Böden mit historisch angeblich passenden Materialien, Das Installieren von Brunnen und urbanen, mehr oder weniger künstlerischen Dekorationen (siehe die omnipräsente Padre PioStatue). Die Plätze wurden traurigerweise zu ihren eigenen Postkarten, platt und still. Zu architektonischen Stilleben; Kitschbildchen, die das Handy gut in Pixel übersetzen kann. Die wachsende Unbeliebtheit der Wanderzirkusse ist wohl auch auf die physische Ausgrenzung der Spielorte zurueckzufuehren. Den Aufbauten der Zirkusse sind, gesetzesmässig, Plätze in den Vorstädten zugedacht, also Parkplätze in Industrieoder Randzonen. Der Circus verliert mit seinem Platz im Altstadtzentrum seine zentrale Lage und damit seine Geschichte. Es ist heute praktisch unmöglich, der Ankunft eines Zirkusses oder einem Zeltaufbau beizuwohnen. Auch der Größenwahn der Zirkusunternehmen trug zu ihrer Entfernung aus den Stadtzentren und somit zu ihrem eigenen Untergang bei. Diese bestückten sich mit immer größeren Ausrüstungen, Menagerien, Bühnenbildern, fliegenden Bauten von enormen Ausmassen, die von Dutzenden (in einigen Fällen über 100!) von Sattelschleppern transportiert werden müssen. Dies beeinträchtigt die Mühelosigkeit des Aufbaus eines Zirkusses und natürlich die Beweglichkeit, mit der die Zirkusse ehedem in verwinkelte Stadtzentren und kleinere Plaetze eindringen konnten. Der Tiger beisst sich in den Schwanz: Das Wachsen dieser Ausrüstungen ist in den Randzonen der Städte für eine bessere Visibilität wiederum notwendig. Indem der Zirkus sich von den Zentren entfernte, verlor er seine Funktion als Invasion in die Stadt. Er vorlor eine Fähigkeit, regelrechte Überfälle auf die Stadt durchzuführen, die von den waghalsigen Aufbauten charakterisiert waren und die auf dem Platz ein Spektakel produzierten, das die Zuschauer auf das eigentliche Spektakel vorbereitete. In wenigen Stunden entstand zum Vergnügen (oder zumindest zum Erstaunen) der Passanten und der Anwohner eine Magische Burg. Mit diesem Spektakel ging das Eindringen in das urbane und soziale Gewebe verloren, welches die Neugierde der Stadtbewohner erregte. Heute schleicht sich der traditionelle Zirkus auf Zehenspitzen an und baut sein Zelt ohne zu stören im Grau der Industriegebiete auf. Dieser Prozess hat das Bild der Stadt ärmer gemacht. Aber auch der Zirkus, zu einer einfachen Attraktion verarmt, ohne seine Kraft eines Kulturschocks, verlor seine ursprüngliche, fruchtbare Energie und somit seine archetypische Fähigkeit, sich selbst zu generieren.

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Montaggio chapiteau El Grito Contemporary Circus 2013 Macerata, piazza della LibertĂ


Heute jedoch hätte der Zirkus und seine Verbreitung von Künsten, Erfahrung und Abwechslung eine therapeutische Fähigkeit, das langweilige und ansässige Leben der Bürger aufzumischen. Er würde immernoch einigen den Traum einer Flucht schenken. Das Gefühl, vielleicht die Illusion, die Freiheit nur für einen Moment zu packen, zumindest den Geruch einer pazifischen Anarchie wahrzunehmen, “in piazza”, auf dem Platz vor seinem eigenen Haus. Die Gelegenheit wird frei Haus geliefert, mindestens einen Augenblick lang über die gemeinnützige, gemeingültige Moral nachzudenken, über den Sinn und den Gebrauch der peinlichen sozialen Ruhigstellung. Positive Signale gehen heute vom zeitgenössischen Zirkus aus, der im Gegenzug zur “geschichtlichen Gegenwart” schamlos und ohne falsche Vorurteile in die historischen Stadtzentren eindringt. In Italien werden die ersten alternativen Zirkusse gegründet, die, wenn sie auch noch nicht mit institutionellen Beiträgen und generationsbedingten Ressourcen rechnen können, wenigstens auf ihre innovativen Arbeitsweisen bauen können. Das Verhältnis zu den Institutionen ist neu. Umgekehrt: Der traditionelle Zirkus beantragt die Erlaubnis, ihre Zelte aufzubauen, und indem sie Träger der Lizenz für “Fahrendes Schauspiel” sind, wird ihnen ein Platz am Stadtrand automatisch zugeteilt, welcher das Rathaus für solche Zwecke vorsieht, wohingegen die neuen Zirkusse direkt von der Stadt oder mittels veranstaltender Vereine wie zum Beispiel Festivals engagiert werden. So ist es in umgekehrter Logik im Interesse der Organisation, den Zirkus sichtbar zum machen und ihm die bevorzugten Plätze im Stadtzentrum zu reservieren. Die Aufbauten des Circo Paniko in Bologna oder die des El Grito Contemporary Circus auf der Piazza Centrale in Macerata, um nur einige Beispiele zu nennen, erregten den Enthusiasmus des Publikums. Es werden wieder Zelnägel in das Pflaster gehauen, auf welches seit über 50 Jahren kein Zirkus mehr Fuß setzen bzw Nagel schlagen konnte. Die Schlagkraft des Zirkus, auch im Rahmen einer übergeordneten Veranstaltung oder eines Festivals, ist entschieden unbeschädigt. Unbeschädigt bleibt mit modernen Aufbautechniken für kleine Zirkusse (Gewichte, z.B. Wasserbehälter oder spezielle Saugnäpfe anstelle der Nägel) auch das teure Pflaster. Auf diese Weise präsentiert sich dem alternativen Zirkus heute eine gute Gelegenheit. Wie immer bringt das Sähen auf verlassenen, unbestellten Feldern gute Ernte. Die Wiedereroberung der Stadtzentren heißt, bei den Stadtbewohnern, also beim Publikum, wieder Spannung zu verursachen.

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Manifesto circo italiano, attuale


Eine erbärmliche, vom Establishment des traditionellen Zirkus vollzogene protektionistische Politik hat die Möglichkeit stark behindert, in Italien ausländische Zirkusse zu empfangen. Die berüchtigten Wiener, Amerikanischen oder Russischen Zirkusse sind, wie auch das Publikum sehr wohl weiss, falsche, aufgesetzte Etiketten, die sich die traditionellen Zirkusfamilien zuschreiben, um eine gewisse exotische Faszination heraufzubeschwören. Indem sich das Ministerium an einer umständlichen Gesetzeslage zum Thema des “fahrenden Schauspiels” bedient, die unter der Aufmerksamkeit von Politikern und Senatoren entstand, die mit dem traditionellen Zirkusambiente verbunden sind, hat es, das Ministerium, seit den 60er Jahren wiederholt für ausländische Zirkusse einschränkende und für italienische traditionelle Zirkusse, im Besonderen für die groesseren unter ihnen, begünstigende Gesetzespakete angefertigt. Solche Gesetze behindern die Möglichkeit einer Tournee eines ausländischen Zirkusses in Italien. (Zum Beispiel wird einem nicht in Italien amtlich zugelassenen Zirkus ohne Besitz einer bestimmten Identifikationsnummer auferlegt, bei jedem Aufbau– kostspielig – eine Zulassungsbescheinigung von einem Aufsichtsausschuss zu erwerben.) Dem traditionellen Zirkus, da er als kulturelles Erbe unter einer Art “Denkmalschutz” steht, steht ein Fonds von circa 6.000.000 € jährlich zur Verfügung, der unter sehr wenigen Familien oder Clans aufgeteilt wird, nach lächerlichen Regeln, die zum Beispiel die Anzahl an Arbeitern und die Anzahl an Jahren, in denen der Zirkus wirkt einkalkuliert und auch andere für den künstlerischen Standpunkt unbedeutende Werte berücksichtigt. Es ist von Seiten der Institutionen, Regionen, Provinzen oder Städte keinerlei Unterstützung für jemanden vorgesehen, der einen Zirkus gründet oder leitet, ohne Teil der geschichtlichen Oligarchie zu sein. Während das Phänomen des Strassentheaters schon kategorisiert wurde und das Ministerium es, die Bewegung anerkennend, mit einem neuen Paragrafen in diejenigen Gesetze eingefügt hat, die die “Fahrenden Schauspiele” reglementieren, bleibt demjenigen, der beschließt, sich mit einem Zirkuszelt auszurüsten, nichts Weiteres, als sich als “Circo Equestre”, als Wanderzirkus mit Pferden, anzumelden. Aber die Veranstalter und die Strassenthaterfestivals mehren sich, die ihr Programm und ihre räumlichen Kapazitäten mit Zirkuszelten bereichern. Betrachtet man die Tendenzen des Zirkustheaters in Europa, stellt man fest, dass immer mehr Veranstalter sich die Fliegenden Bauten bei traditionellen Zirkussen mieten, um Companien für Proben zu beherbergen und Zirkustheatershows oder andere im Mobilen Theatersaal mit flexibler Ausrüstung darzubieten. Das Entstehen von Zirkusschulen, das die Erschaffung und von Acts/Nummern von hohem technischem und künstlerischem Niveau bewirkt, lässt die Nachfrage für professionell geeignetete, mit anpassunsfähiger Technik ausgestattete Räume konstant steigen. Heute existieren in Italien weit über 200 traditionelle Zirkusse und 4 alternative.

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Accampamento di Federico III, Essenwein, August Ottmar von museo di Neuss


Der zeitgenössische Zirkus wird in Frankreich nicht nur von einem grossen Publikum, sondern auch von den Institutionen anerkannt und empfängt die Aufmerksamkeit, die ein wachsender kultureller Sektor haben sollte. Damit sind regelmäßige Finanzierungen in ähnlichem Ausmaß wie die des traditionellen Zirkusses gemeint; die Positionen der Arbeitnehmer des “Showgeschaefts” sind unter legalem Gesichtspunkt kategorisiert. Seit den 70er Jahren wird der zeitgenössische Zirkus nach dem Willen des Ministeriums gesetzesmässig zu gleichen Teilen wie der traditionelle Zirkus finanziert. Aus einer vom Staat initiierten Analyse der Aktivität des Zirkusses resultierte in diesen Jahren ein beträchtlicher künstlerischer und finanzieller Niedergang und es wurden Maßnahmen getroffen, dem Sektor beim Überwinden seiner Schwierigkeiten zu helfen, trotz des Erfolges des Fernsehen zu bestehen. Die Aufgabe, den Zirkus zu sanieren, wurde zunächst dem Agrarministerium anvertraut, da der Zirkus damals noch mit Tieren verbunden war, und wurde dann, als das Genre sich zum Theatralen hin entwickelte, vom Kultesministerium übernommen. Heute ist der Zirkus eine florierende Aktivität und eine Einnahmequelle für den französischen Staat. Mit über 20.000 (diplomierten!) Absolventen der professionellen Zirkusschulen der letzten 20 Jahre und Tausenden von internationalen Companien kassiert der Staat Steuern, da die Position der im Showbusiness arbeitenden Künstler vom gesetzlichen Standpunkt aus diszipliniert ist. Die Schaffungsphasen der Shows werden also unterstützt und es bestehen Möglichkeiten der Co-Produktion für die künstlerische Arbeit (bezahlte Proben, Arbeit mit Regisseuren, Choreographen, Lichtdesignern, Musikern,…) oder die Anschaffung von Materialien, finanziert durch staatlich oder privat unterstützte Dispositive zur Künstlerförderung oder von den Veranstaltern selber, die wiederum entsprechende Mittel zugedacht bekommen. Außerdem können die Tounées von lokalen oder nationalen Behörden sowohl finanziell als auch logistisch unterstützt werden und es existieren Dutzende von professionell ausgerüsteten Zentren für künstlerische Residenzen von Zirkusartisten. Diese sind in einem vom Mitisterium für Kultur und Kommunikation konstituierten System von zwölf regionalen “Poles Nationeaux des Arts du Cirque” (“nationalen Polen für Zirkuskuenste”) untereineder organisiert und koordiniert, um die öffentlichen Fonts fuer die mit dem Zirkus verbundenen Aktivitaeten wie Festivals, Ausbildungzentren und Showbusiness zu verwalten. Zirkus in Frankreich ist Kultur, in den Staatsbetrieb integriert. Er ist katalogisiert: Der Mann beim Arbeitsamt (Jeder angemeldete Zirkusartist ist im französischen System aufgrund seiner “unregelmaessigen” Tätigkeit “arbeitsuchend" und hat mit dem Nachweis einer bestimmten jährlichen Anzahl eingespielter Gagen Anspruch auf “Arbeitslosengeld”) fragt den Akrobaten: “Beherrschen Sie den Barani*?” Heute existieren in Frankreich 200 traditionelle Zirkusse und 90 alternative. *Überschlag mit halber Drehung

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Il sogno di Costantino, Piero Della Francesca


Die Gründung eines Theaterraums trägt einen sowohl technischlogistischen als auch finanziellen Aufwand mit sich. Die Arbeit an dem Projekt bedeutet einen Aufwand und gleichzeitig eine enorme Herausforderung für das Ensemble. Die Vorbereitunsphase – die Planung, die Finanzierung und die Suche von Förderung und Materialien - fordert im Moment viel Aufmerksamkeit. Jedes der Ensemblemitglieder des Side ist gleichzeitig in anderen künstlerischen Projekten beschäftigt, die ihnen den Unterhalt garantieren. Das Ensemble hält es darum für verantwortungsvoll, die Schaffung einer Show und die Bau- und Startphase des Zirkuszeltes nicht im gleichen Zeitraum zu planen, sondern erst mindestens ein Jahr nach dem Entstehen des Zeltes mit der Produktion einer eigenen Show zu beginnen. Das erlaubt die Verfügung über neue ökonomische und energetische Mittel für die Schaffung einer Show und eine adäquate Konzentration auf die künstlerische Arbeit, nachdem die technische Kompetenz und das Know-how für die logistische Verwaltung des fliegenden Baus erworben wurden. Cabaret DeKale’ Für die Selbstfinanzierung des Zirkusses und um eine erste Projektphase im künstlerischen Sinne zu erleben hat das Ensemble ein Nummerncabaret aus seinem Reportoir zusammengestellt. Die technischen Ansprüche dieser Kunst-Cirque Show sind reduziert, um einen schnellen und unkomplizierten, an verschiedensten Orten durchführbaren Aufbau zu garantieren. Die kompositorische Formel der Show wurde 2012 von der Company My!Laika kreiert und erlaubt es dem festen Ensemble, bei jedem der Anlässe Acts von Künstlern aus dem mobilen Ensemble einzubauen. So wird auch das künstlerische Potenzial und die Ideen der Mitglieder in Hinsicht auf eine zukünftige Kreation erprobt.

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Accampamento in disordine Basoli Luigi, Bologna 1821


Das feste Ensemble Sind die Gründungsmitglieder des Vereins Associazione Culturale Side, Eigentümer des Fliegenden Baus und die Initiatoren des Projekts, sie treffen die künstlerischen Entscheidungen und sind die organisatorischen und logistischen Leiter. Philine Dahlmann, Akrobatin, Performer, Musikerin (Deutschland) Alessandro Angius, Licht und Tontechniker, Musiker (Sardinien) Salvatore Frasca, Jongleur, Peformer, Moderator, Musiker (Sizilien) Claudio Inferno, Luft- und Bodenakrobat, Performer, Musiker (Argentinien) Das mobile Ensemble Sind Kollegen, die sich mit dem Projekt verbunden fühlen, indem sie seine Dringlichkeit anerkennen und den künstlerischem Anspruch teilen. Sie stehen für künstlerische und technische Zusammenarbeit für die Veranstaltungen des Side zur Verfügung. Sie sind im Bereich Zirkuskunst, Theater, Bildende Kunst, Musik, Veranstaltungstechnik, Kulturmanagement, Steuerberatung tätig. Claudia Frasca, Verwaltung (Italien) Daniela Frasca/Santa Briganti (Italien) Gianni Giunta, Verwaltung (Italien) Jenny Rombay/Lola, Funambulistin (Deutschland) Volker Lang, Bildhauer (Deutschland) Marcello Paniko, Jongleur (Italien) Giacomo Martini/Circo Paniko, Musiker - (Italien) Tomas Taboada/Litel Testa, Akrobat, Jongleur - (Argentinien) Karl Stets, Manipulator - Senor Stets (Dänemark) Jorge Albuerne/Zirkus Frak, Akrobat - (Spanien) Chio Allin, Pianistin (Japan) Peppe Macauda/Santa Briganti (Italien) Andrea Burrafato/Santa Briganti (Italien) Eleazar Fanjul/Los Santos, Jongleur, Musiker (Argentinien) Eva Ordonez Benedetto/My!Laika/Octobre, Trapezistin (Argentinien) Elske van Gelder/My!Laika/Pardi!, Akrobatin (Holland) Peppino Marabita, Exzentriker (Italien) Daniel Freieck/Tulpe, Musiker (Deutschland) Rose Opdenhof/Opnof, Schuhmachern (Deutschland) Stefano Corrina/Osvaldo Carretta, Clown (Italien) Roberto di Lernia/Rufino, Clown (Italien) Luca Casto/Nirname, Fakir (Italien) Robert Tiso, Musiker/Christallophonist (England) Alberto Grampie, Mathematiker, Geschichtenerzähler (Italien) Alberto Becucci/Camillocromo, Musiker (Italien) Alessandro Riccio/TeDaVi 98, Schauspieler, Verkleidungkünstler (Italien) Ardria Cordoncillo/Le Gran C, Akrobat (Spanien) Jeremie Bam, Musiker (Frankreich) Christophe Bouffartigue/220Vols, Luftakrobat (Frankreich) Jérome Lelandais/La Virgule, Techniker (Frankreich) Nadine O'Garra, Luftakrobatin (England/Spanien) Jessica Arpin, Equilibristin, Exzentrikerin (Brasilien/Schweiz) Hannes Stotz/Promy Schneider Prod., Techniker, Musiker (Deutschland) Vanessa Hafenbraedel/Promy Schneider Prod., Videokünstlerin (Deutschland) Lorenzo Mastropietro/Subliminati Corp., Jongleur (Italien) Sebastian Oberlin/Geigenbau Andernach, Geigenbauer(Deutschland) Andrea Fidelio/Fefe, Jongleur (Italien) Beppe Tenenti/C.A.T., Jongleur (Italien)

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Giuditta con la testa di Oleoferne, Andrea Mantegna, 1495 Washinton


Philine erlebt ihre Kindheit in Freiburg und Hamburg, wo sie eine musikalische und bewegungsbetonte Erziehung geniesst und eine Kinderzirkusschule frequentiert. Nach Reisen in Europa, den USA und New Zealand beginnt sie im Alter von 20 Jahren die professionelle Zirkusausbildung an der Zirkusschule Rogelio Rivel in Barcelona. Mit Elske van Gelder kreiert sie Hand-auf-Hand-Acts und spielt als Strassenartistin, im Rahmen von Cabarets und für verschiedene Companies. Um ihre Technik zu verbessern, lässt sie sich an der Zirkusschule in Kiev ausbilden und vervollständigt ihre künstlerische Ausbildung an der Zirkusschule Le Lido in Toulouse wo sie ihre Faszination für Kunst und das Absurde weiterentwickelt. Sie Spielt Klavier, Cello und Gitarre und ist Schlagzeugerin in der Hamburger Lo-Fi Rockband Tulpe. Sie war Zirkuslehrerin bei der Zirkusschule Die Rot(z)nasen (D) und hat bei den Companies Nonsencirque (ES), El Circ de Sara (ES) Cirque Baroque (F) gearbeitet. Sie ist Gründerin der Company My!Laika. Philine lebt zwischen La Virgule in Toulouse und Porto Banana in Pisa (beides kollektive Künstlerhäuser), ist ständig auf Reisen und spricht Deutsch, Französisch, Spanisch, Englisch, Italienisch. Salvatore wird in Sizilien geboren. Schon während seines Kunststudiums an der Akademie der Schönen Künste in Florenz arbeitet er als Zirkuskünstler. Er lässt sich an den Zirkusschulen in Moskau und Kiev zum Jongleur und Equilibrist ausbilden. Im Jahr 200 gründet er die Compagnia Bengala (I), die mit der Strassenshow Nord-Sud mehr als 500 Mal in Italien gastiert. 2006 erhält er den “Preis für die Anerkennung künstlerischen Ausdrucks auf der Strasse” der Piemontregion. Er ist Künstler in der Show Gran Cabaret Deluxe der Company TeDaVi98 (I), in der Künstlerformation Trio Sgambetto (I) und hat für den Cirque de Sara (ES) gearbeitet. 2010 gründet er die Company My!Laika (F), die mit dem Jeunes Talents Cique Preis ausgezeichnet wird. Salva spielt im Zirkus und im Theater sowie auf der Strasse, wo auch immer ein Publikum bereit ist, oder auch nicht bereit ist, einer Show beizuwohnen. Er nennt sich Spezialist für Shows unter extremen Umständen und ist Cabaret- und Varietémoderator. Er moderiert auf Italienisch, Spanisch, Russisch, Englisch und Französisch. Er ist verantwortlich für die künstlerische Leitung des Festivals Ibla Buskers in Ragusa und ist künstlerischer Leiter des Festivals Scenica in Vittoria (Sizilien). Ständig auf Reisen lebt er zwischen Pisa und Toulouse.

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Sandro wächst in Sardinien auf. Als Jugendlicher reist er in Italien, England, den USA und Spanien. Er ist an der Welt des Spektakels interessiert und frequentiert die italienische Schule für Musik und neue Technologien A.P.M. in Saluzzo. In Turin arbeitet er als Licht- und Tontechniker in den verschiedensten Zusammenhängen: von Festivals für ethnische und alternative Musik bis zu Konferenzen multinationaler Firmen, von der Verwirklichung von Soundtracks bis zur Beleuchtung von Events während der Olympischen Spiele. Er ist Mitbegründer der Teslacoop, Gesellschaft für technische Dienstleistungen für Theater, mit der er in ganz Europa arbeitet. Ueber die Jahre hat er fuer Señor Coconut, Stefano Bollani, Al Jarreau, Robert Wilson, Alice Cooper, Burhan Ocal, Le Roudaniates des Taroudant, Roberto Gatto, Carl Craig und Laurent Garnier gearbeitet. In Toulouse, wo er im Künstlerhaus Virgule wohnt, widmet er sich zahlreichen Projekten im Bereich der Musik- und Lichtkreation für Zirkusshows, Kurzfilme und Installationen. Er ist Teil der Company My!Laika (F), arbeitet mit dem Kora-Spieler Lao Kouyate(Senegal), mit dem er das Album Sunu7 aufnimmt, und initiiert seine künstlerische Zusammenarbeit mit dem Seiltänzer Nacho Flores (ES)

Claudio wächst in der Argentinischen Stadt Rosario auf. Mit 7 Jahren beginnt er seine akrobatische Ausbildung. In den Jahren 1998/'99 studiert er an der Hochschule für Film EPTCV. In denselben Jahren beginnt er, mit der Company Dancing Marabu (AR) seine Karriere als Zirkus- und Strassenartist. 1999 gruendet er den Circo Volante (AR), ein 25koepfige Company, die großformatige Spektakel kreiert. Er spielt in verschiedenen musikalischen Formationen in Rosario. Im Jahr 2002 zieht er nach Barcelona um, wo er fliegendes Trapez und akrobatische Equilibristik übt. Er spielt im Rahmen von zahlreichen kulturellen Events in Spanien und Italien. 2003 in Mexico übt er sich in akrobatischem Tanz und Yoga und gründet die Company Cielo/Inferno (AR/MX), ein Luft-Tanz-Duo, das in der Mexikanische Karibik und in Barcelona aktiv ist, wo er zur Zeit wohnt. 2006 gründet er die Company Paramo Zero (ES), die auf verschiedenen Festivals in Europa gastiert. Parallel dazu kreiert er diverse Cabarets in Katalonien, in denen er als Zirkusartist und als Musiker auftritt. Er geht mit der Show LLits von Luis Danes im Katalognischen Nationaltheater auf die Bühne und nimmt an der Schoepfung der Show Plecs(ES) teil, die zur Zeit in Europa tourt. 2011 ruft er zusammen mit Eleazar Fanjul Los Santos (ES) ins leben, die einen aus tanzenden Objekten und absurdem Theater komponierten “minimal circus” entwickeln. 2012 tritt er der dem Hardcore-Brass-Sextett Caries bei und initiiert die FreejazzRock-Fusion Quartet to Three.

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Mecenate presenta le Arti Liberali ad Augusto, 1745 circa. Giambattista Tiepolo


Coproduktion Das Ensemble möchte mit dem vorliegenden Portfolio seine Ideen, die Anstrengungen und Kompetenzen des Projekts veröffentlichen mit Aussicht auf die Einschreibung in einen Rahmen von Coproduktionsbewerbungen oder Wettbewerben, die von Theatern, Stiftungen oder (öffentlichen oder privaten) Einrichtungen mit dem Ziel einer Förderung für Kulturelle Events in Italien und Europa ausgeschrieben werden. Pre-Achats Festivals und Events, die die Beherbergung des Side für ihr Programm ab Mai 2014 planen, können zu seiner Verwirklichung direkt beitragen, indem die Veranstalter einen Teil der vereinbarten Gage für die zukünftige Zusammenarbeit im Voraus überweisen. Die Liquiditaet erlaubt es dem Zirkus, sich in kürzerer Zeit mit der nötigen Ausrüstung auszustatten. Panca d'oro - die goldene Bank Mit einem Beitrag von 100 Euro trägt eine der 40 Bänke der Tribüne den Namen des Beitraggebers (oder eventuell den eines Events/Festivals/einer Company) und eine kurze Beschreibung eingraviert. Auf diese Weise wird die Tribüne ein großer Katalog für Künste, Berufe und Persönlichkeiten mit den Namen der Panca-d'oro-Inhaber, den das Publikum beim Eingang zu den Shows und den anderen Aktivitäten konsultieren kann. Der Käufer eine Panca d'oro hat natürlich lebenslänglich Freikarten für die Veranstaltungen des Side. Spenden Theatrales Material jeden Typs, das eventuell ungenutzt und verstaubt in Theaterlagern oder in städtischen Veranstaltungszentren liegt können dem Zirkus auch in schlechtem Zustand gespendet werden. Beschädigte Gerätschafte n oder Materialien werden repariert und für die Bühnenausstattung der Struktur genutzt. Alte Projektoren, Lampen, Tanzteppich, Kabel, Notausgangsleuchten, Baenke, Sessel, Diaprojektoren, Kostüme, Pavillons, Teppiche, Werkzeug etc sind sehr willkommen. Selbstfinanzierung Cabaret Decale', Varieté des festen Ensembles in Zusammenarbeit mit einigen Artisten des mobilen Ensembles. Der Ertrag geht nach Abzug der Spesen und der Gagen für die Mitglieder des mobilen Ensembles trägt zur Finanzierung des Side bei Teatro Lux, Pisa, 23 November 2014. Teatro Goldoni, Florenz 11-12 Januar 2014. Circo Paniko - Circ d'hiver, Bologna, 13-14 Januar 2014. Teatro Arci, Mantova 28 Februar 2014

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J.E. Henry foto, Henry Bros Circus, 1910 .


Vorbereitung Das Projekt Side fand sich, seitdem es Informationen für die Planung sammelt, in enormen Schwierigkeiten, die Gesetze zu interpretieren, die in Italien das “Fahrende Schauspiel” reglementieren. Diese Problematik ist bei Zusammenkünften mit Mitgliedern von anderen alternativen Zirkussen diskutiert worden. In Zusammenarbeit mit dem Side, dem Circo Paniko, dem Zirkus El Grito und dem Magda Clan wurde die FCA (Forum Italiano Circhi Alternativi) initiiert, eine Arbeitsplattform, auf der sich alle interessierten (Circusleiter, Veranstalter, Schaukünstler, Beamte, Ingenieure …) über die berufsbedingten Eigenschaften, Möglichkeiten, Schwierigkeiten der Leitung eines Fliegenden Baus unter praktischem und bürokratischem Aspekt austauschen können. Das erste Treffen fand am 18.September 2013 im Zirkuszelt des Magda Clans im Rahmen des Festivals Cirk Fantasik in Florenz statt. Bei diesem Treffen kam der Wunsch aller Telnehmenden zutage, alle italienischen alternativen Zirkusse im Rahmen eines Events aufzubauen, welches als jährliches Treffen konstituiert werden kann. Selbstfinanzierung In Zusammenarbeit mit dem Circo Paniko wird das feste Ensemble des Side mit einigen der Artisten aus dem mobilen Ensemble ein Programm für das Cabaret Decale' zur Teilfinanzierung schaffen, welches an vier Spielterminen im Januar 2014 im Rahmen des Circ d'Hiver in Bologna repräsentiert wurde. Eine Show des festen Ensembles des Side in Zusammenarbeit mit Künstlern aus dem mobilen Ensemble wurde am 23.November 2013 im Teatro Lux in Pisa gegeben. Erste Aufbauten 2014 Junio 2014 – 1. Treffen der alternativen Zirkusse – Option Festival in Deutschand – Juli 2014 – Option Hamburg, erstes und letztes Mooburger Zeltfestival - August 2014 – Option Festival in Sardinien – September 2014 – Option Sizilien, Ibla Buskers Festival – Oktober 2014 Entwicklung 2015 Tournée in Sizilien unter dem Motto “teatro dove non c'è” (“Theater wo es es nicht gibt”) in Zusammenarbeit mit der Associazione Culturale Santa Briganti und Scenica Festival

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Accampamento, autore anonimo circa 1100.


F.C.A. Bei der Planung des Projekts Side kamen enorme Schwierigkeit zu Tage bei dem Versuch, die italienischen Gesetze zu interpretieren, die das “Fahrende Schauspiel” in Italien reglementieren. Die selbe Problematik wurde beim Zusammentreffen mit anderen alternativen Zirkussen Italiens von Kollegen kritisiert. In Zusammenarbeit mit dem Circo Paniko, dem Zikus El Grito und Magda Clan wurde deshalb das F.I.C.A. (Forum Italiano Circhi Alternativi) gegruendet, eine in einer Reihe von Konferenzen mit Themen der Leitung von Fliegenden Bauten in Italien artikulierte Arbeitsplattform. Das Forum ist offen für alle (Zirkusleiter, Veranstalter, Künstler/Artisten und Interessierte). Das erste Treffen fand im September 2013 in Macerata unter der Zirkuskuppel des El Grito statt, ein weiters im Zelt des Magda Clan in Florenz aus Anlass des Festivals Cirk Fantastik im September und in Turin im Theater della Caduta im November 2013. Aus diesen Treffen geht, außer dem Austausch von technischen und Künstlerischen Informationen, der gemeinsame Wunsch hervor, ein kollektives Event zu organisieren und die Möglichkeiten einer gleichzeitigen Nutzung der Theater-Zirkusse zu erproben… Associazione Culturale SantaBriganti Der Verein unterstützt das Zirkusprojekt und seine Verwirklichung mit Hilfe bei der Anschaffung von Material, bei der Verwaltung, mit der Organisation einer Tournée und der Coproduktion der ersten selbstproduzierten Show des Side 2015. Studio Tecnico Commerciale Claudia Frasca Die Verwaltung und die Buchhaltung des Kulturvereins Side wird vom Büro Claudia Frascas getragen. My!Laika Kunst-Cirque Die Company unterstützt das Projekt aktiv, indem sie technisches Material verleiht und indem mit künstlerischer Zusammenarbeit mit den Mitgliedern My!Laikas gerechnet werden kann. La Virgule Das Haus für die Beherbergung von Künstlern auf Tounée in Toulouse unterstutzt den Zirkus Side, indem es seine Mitglieder bei ihren Aufenthalten in Frankreich beherbergt und die Werkstätten (Mechanikerwerkstatt, Schneiderwerkstatt, Aufnahmestudio) sowie einen Lagerplatz für Material zur Verfügung stellt. Cique Pardi! Der 2011 gegründete französische Zirkus Pardi! steht dem Side mit technischen und organisatorischen Ratschlägen zur Seite. Geplant ist der Aufbau der beiden Zelte im Rahmen bestimmter Events für 2015.

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Guidoriccio de Fogliano, particolare. Simone Martini (1284-1344)Palazzo Pubblico, Siena


pali di giro

Armatura metallica e quote

contropali 5,50 mt

0,20 6,00 mt

15,0 mt

4,60 mt

20,00 mt

8,00 mt

Questa sezione espone dei disegni generali della tensostruttura. E’ disponibile su richiesta un piano completo in cui vengono esposti le tipologie di materiali, le misure, le omologazioni.

15,00 mt

cupola 4,60 x L.0,60 x h.0,60

6,50 mt 3,00 mt

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Paul Delaroche


livrea chapiteau SIDE

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cartolina acrobata sideshow USA, circa 1920


SIDE 20 mt

16 mt

Piano d’ancoraggio 38/30 fori d’ancoraggio

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bozza interni

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exit

exit

enter

public

stage

backstage

y a lic w pub

exit


SIDE

4 mt

SIDE

2000 kg

SIDE

3500 kg

3500 kg

Il trasporto del circo e delle sue attrezzature avverrĂ per mezzo di 2 furgoni ed un rimorchio. Side ha deciso di non utilizzare mezzi pesanti per ridurre i costi di viaggio, le emissioni di anidride carbonica ed avere piĂš agilitĂ  possibile per raggiungere i luoghi di montaggio.

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Compagnia My!Laika, Fondazione Overbeck per arte contemporanea, Luebeck


No-Philosophy Kunst-Cirque ist eine künstlerische Erscheinung, die von der Prämisse ausgeht, Philosophie, Theorie im Allgemeinen, sei der Kunst egal, denn sie mache einfach. Die Macher des Kunst-Cirques sind der Ansicht, dass Kunst sich selbst negieren muss, wenn sie die Realität objektiv erkennen will. Weltanschauliche Demonstrationen und das zur Schau stellen von ideologischen Überzeugungen riskieren es, sich mit ihren Ideen oder ihren unerreichbaren Absichten zu verwechseln. Wenn überhaupt, dann beschreiben Kunstwerke die Gesellschaft umso genauer, je weniger sie von ihr handeln und je weniger sie einen Erfolg erwarten oder einen praktische Eingriff in sie beabsichtigen. Beschreibungen und Interpretationen von Kunst, die im besten Fall das noch einmal formulieren, was der Künstler ausdrückt oder was eine Kunstrichtung bewirken will, sind nicht Programm des Kunst-Cirque. Im Folgenden werden lediglich einige Gedanken der Kunst-CirqueProjekte (My!Laika, Side, Trio Sgambetto,…) erläutert, in der Absicht, den Austausch unter den Beteiligten zu erleichtern und dienen d e r S a m m l u n g v o n Vorformulierungen für das Verfassen von unvermeidbaren Veröffentlichungen (z.B. von Programmen, Pressetexten, der

Kommunikation zu Werbezwecken usw.). Viele der Formulierungen sind abgeleitet oder zusammengestellt aus Teilen verschiedener Essays Adornos, die die Kunst im Allgemeinen - und im Besonderen das Werk Samuel Becketts behandeln, aber auch zahlreiche szenische, literarische und musikalische Werke des 20. Jahrhunderts im Bezug auf ihre “Erfahrbarkeit” analysieren; Werke, die ihre künstlerische und empirische Geschichte bewusst implizieren und Reflexion (die eben nicht in Philosophie oder Theorie aufgeht) stimulieren.

Clov_: Gibt es Sektoren, die dich besonders interessieren? Oder bloß alles? (Beckett, Endspiel) Die künstlerischen Linien, ihre Stimmungen oder Gründe können, wenn ueberhaupt, erst in der Schaffensphase der Werke entstehen und die künstlerischen Mittel erst dann festlegen. Der Anspruch des Kunst-Cirques kann dennoch expliziert werden. Der Kunst-Cirque begreift sich als Teil eines spezifischen Ganzen (der Gegenwart, dem Raum, der Welt, von Dingen, dem Universum, dem

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Hut, der Erfindung, etc) und versucht dieses Ganze zu fassen und einzugrenzen, um sich so eine Möglichkeit zu erfinden, es “von aussen” zu erkennen, es zu reflektieren, zu kritisieren und schließlich zu negieren. (Mit der Deklaration der Negativität entsteht ein Positives: Die Deklaration des Negativen.) Das Programm des Kunst-Cirque wird seinem eigenen Anspruch umso gerechter, je expliziter und nachhaltiger dieses paradoxe Moment der Selbstreflexion von aussen in seiner Ausführung sichtbar ist. Der Künstler grenzt dieses “Ganze” ein, indem er sich befindet, und tut so, als ob ein Raum außerhalb seiner selbst bestehen könnte, von dem aus die Kontemplation des “Ganzen” möglich wäre. Dass er ein Gedankenspiel ohne Ziel spielt und s e i n Vo r h a b e n u n m ö g l i c h , widersprüchlich und unlogisch ist, entspricht seiner Auffassung vom Leben. Die Dignität eines zeitgenössischen Kunstwerks bemisst sich nicht nach dem Glück oder dem Geschick, mit dem es seiner Antinomie in Bezug auf die gesellschafliche Realitaet entschlüpft, sondern danach, wie es sie austrägt. Das paradoxe Moment der Selbstreflexion von aussen muss in der Darstellung nicht nur vorhanden sein – das ist es so oder so, auch wenn der Darstellende sich

dessen nicht bewusst ist oder es bewusst vertuscht – sondern auch zum Ausdruck kommen. Verbogener Symbolismus Sich der Gleichgültigkeit und der Nichtsnutzigkeit dessen bewusst, was ein Künstler tun kann, positioniert sich der Kunst-Cirquero in einer Zone der Indifferenz von “innen und aussen”, verharrt neutral zwischen den Stoffen,- und suggeriert Symbole, die er verneint. Er misstraut jedem Symbol als Repräsentant des Realen, als bloße Stellvertretung von Wahrheit, und will mit dem Symbolischen brechen: Keine Situation ist, was sie ist, jede erscheint als ein Zeichen eines Inneren. Aber das Innere, dessen Zeichen es wäre, existiert nicht mehr, und nichts anderes meinen die Zeichen. Sobald ein Wort (eine Farbe, ein Ding, ein Ton etc.) von einem Künstler benutzt wird, verwandelt es sich prompt in ein Symbol. Wenn dieses dazu dient, Reflexion zu fordern, also sich nicht selbst zu genügen (nicht dazu also: Identifikation zu erheischen; Vorgefasstes zu bestätigen etc.) entspricht der Vorgang dem einzigen fundamentalen Gedanken des KunstCirque, die Antinomie der Kunst sei eine auszutragende. Die Beziehung zwischen Reflexion und Symbol ist schwierig und widersprüchlich. Der Künstler versucht, dieser Beziehung 46


gegenüber eine Position zu beziehen und sie darin offen zu legen. Der Kunst-Cirque will immer wieder neue Weisen erfinden, die Bedeutung von Symbolen szenisch zu verbiegen oder ihre Leere zu offenbaren. Eine ebenfalls paradoxe Arbeit des Künstlers besteht darin, der Systematik auszuweichen, die unweigerlich in der kontinuierlichen Neuerfindung entsteht. Die ständige Störung von Erwartungen wird selbst zum System und dadurch gefällig. Die Indetermination und das spontane Improvisieren mit Material, Themen, Techniken und dem Zufall sollen helfen, sich dieser Falle zu stellen. Verständlichkeit Der Kunst-Cirque sucht eine Unterbrechung der Kommunikation, um eine gewöhnliche und schale Ve r s t ä n d l i c h k e i t e i n e s vorkünstlerischen, eingeschliffenen We r k s z u v e r m e i d e n . D e r Zusammenhang, den man begreift, indem man ihn herkömmlich versteht, wird vermieden um ein unmittelbares Verstehen außerhalb der vorformulierten Schemata zu erzwingen. D a s Ve r s t ä n d n i s v o n K u n s t unterscheidet sich vom rationalen Verstehen darin, dass es in jenem um etwas wie auch immer Gemeintes geht. Ein Kunstwerk kann nicht wie eine

fremde Sprache oder ein Begriff (ein Urteil, eine Lösung…) verstanden warden. Das alles kann in Kunstwerken durchaus vorkommen, als signifikatives Moment seiner Sprache, oder seiner Handlung oder eines in einem Bild Dargestellten. Aber es ist schwerlich das, was der Begriff des ästhetischen Verstehens meint. Kunstwerke versteht man nicht, indem man sie in Begriffe übersetzt. Nur indem man inmitten ihrer immanenten Bewegung ist; nur, sobald das Ohr, jeweils eigenen Logik der Werke entsprechend, sie nochmals komponiert, nur, sobald das Auge es nochmals malt, das linguistische Sensorium es mitspricht. Man versteht das Werk, indem man es (als widersprüchlich) erlebt. Die Tatsache, dass sich die Kunst von rationalem Verstehen als einer primären Verhaltensweise entzieht, ist vom vulgären ästhetischen Rationalismus ausgebeutet worden. Gefühl sei alles, ist seine Devise. Auf Gefühl ist aber kein Verlass, seit es zum lediglich passiven Gegenstück der Irrationalität des Konsums geworden ist. Anstelle des spezifischen Mitvollzugs, die die Kunstwerke verlangen, tritt hier das bloße Mitplätschern mit dem Strom von Sprache, mit dem tonalen Gefälle, der gegenständlichen Komplexion der Bilder. Die Passivität dieser Reaktionsweise

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täuscht sich Unmittelbarkeit vor. Die Werke werden fertig bezogenen Schemata subsumiert und nicht selber erkannt. Dagegen schützen sich die Werke des Kunst-Cirque, indem sie einen Mitvollzug erzwingen, der dem k o n v e n t i o n e l l e m Ve r s t e h e n abschwört, das nur ein seiner selbst nicht bewusstes Nichtverstehen ist. Das in der Kunst konstitutiv enthaltene Moment des Absurden, welches weithin von Konventionellem verdeckt wird, muss hervortreten, sich selbst aussprechen. Die sogenannte Unverständlichkeit ist die Konsequenz aus einem der Kunst an sich Eigenen. Die Provokation vollstreckt das Urteil über die zum Missverständnis degenerierte Verständlichkeit.

(Das Unverstaendnis bewirkt ein Loslassen, welches der Beobachter in Abwesenheit von erkennbaren Elementen gezwungen ist, instinktiv zuzulassen und welches dem Kuenstler erlaubt, sein Werk erlebbar werden zu lassen und mit ihm einzudringen, ohne an kulturelle Hemmungen und Kanten zu stossen.)

Dadaismus (Circus ist nicht Metapher, sondern Material) Vor 100 Jahren rief die dadaistische Nicht-Unterordnung eine AntiKunst ins Leben, die gegen die Übermacht des heiligen Kunstobjekts agierte und die nach dem Vorbild Wedekinds die Verücktheit des Circus als mögliches Medium des Ausdrucks zum Vorschein brachte. Die Ablehnung der etablierten Werte äußerte sich in der offenen Form einer performativen Collage, eine Juxtaposition von unkoordinierten Fragmenten, die den Unterschied löscht zwischen Bild und Aktion, zwischen Produktion und Rezeption. Die Techniken des Circus sind eine Ausdrucksform wie die Technik der Komposition oder die des Zeichnens. Sie sind als übertriebene Bewegungen akzeptiert und brauchen nicht – wie es oft im zeitgenoessischen Zirkus zu beobachten ist – in einem Kontext v o n T r a u m o d e r Bewusstseinserweiterung gerechtfertigt werden. Der Surrealismus dieser Bewegungen ist dem Traum analog in dem Sinn, dass er die Logik und die Regeln des gewohnten Spiels aufhebt. Aber er ist k e i n Tr a u m , s o n d e r n e i n e A b l e n k u n g , e i n e Neuzusammenstellung der Dinge: Wäre er nur ein Traum, liesse er die Wahrheit unangetastet, auch wenn 48


ihr Bild beschädigt würde. Während der Künstler sich der Objektisierung, was heißt: Metaphorisierung des Subjekts bewusst wird und diese thematisiert, lässt er das Publikum sich seiner Situation des Opfers einer Manipulation bewusst werden und provoziert so eine Reflexion seines Werke. Das konstitutive Element der dadaistischen Performances war die Nummer (der Act), die den Unterschied zwischen den Genres und den Materialien ablehnt und kodifizierte Strukturen zu zerstören suchte. Das Spectaculum einer Folge von heterogenen Nummern setzt sich im Dadaismus dem Narratum einer epischen Dramaturgie entgegen und nähert sich einer spontaneren Kunstform. Dem schöpferischen Prozess des Kunst-Cirque dienen die d a d a i s t i s c h e n We r k e a l s Inspirationsquellen. Die Anti-Kunst des Dadaismus ging nicht nur der Entwicklung des Surrealismus, des Ready-Mades, des Futurismus etc. voraus, sondern beeinflusste jede performative und inderterminierte Kunst der letzten 100 Jahre. KunstCirque ist nicht Dadaismus (er kann es 100 Jahre nach seiner Entstehung unmöglich sein), noch identifiziert er sich mit seinen Prinzipien. Um Identifikation zu vermeiden, versuchten die Dadaisten ja,

jegliches Prinzip zu vermeiden. Weil Kunst-Cirque Kunst sein will, limitiert er sich nicht zu purem Ausdruck und beschränkt sich nicht auf den Kampf gegen die etablierte Kunst. Er dankt dem Dadaismus seinen Versuch als wertvolle und mutige Option, vor allem in Anbetracht des künstlerischen Ambientes der 1910er und 1920er Jahre in Europa, und betrachtet ihn als historisches Moment, welches den Werken des Kunst-Cirque inhärent ist, dessen konstituvives Element einerseits der Circus ist, andererseits und vor allem Anderen aber die Kunst. Zufall Der Kunst-Cirque definiert sich als performative Kunst. Er bedient sich der Assoziationstechnik und betont die Willkürlichkeit, die sich unweigerlich einstellt, wenn der Künstler sich seine Subjektivität eingesteht. Die konventionelle und reproduktive Kunst will die subjektive Kontingenz traditionell vertuschen. Der Kunst-Cirque erkennt sie an und erlaubt sie sich als unvermeidliches und unabdingbares Moment. Der Zufall ist bedeutender Bestandteil der Assoziationstechnik, wird als Parameter des Werks akzeptiert und kreiert so neue Dimensionen der Collage, die in verschiedenen Richtungen

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verwirklicht wird; nicht in nur einer linearen Richtung auf einer glatten Oberfläche, sondern auch über und u n t e r i h r, jede Richtung berücksichtigend; die Leere, die durch die Ablehnung der stringenten Narration entstehen, inbegriffen. Diese Leere reflektiert sich im Zuschauer und erleichtert ihm wiederum die Reflexion auf sich selbst im Bezug auf das, was er erlebt. Der Kunst-Cirque nimmt sich eine Erfahrbarkeit seiner Werke vor. Die Welt besteht aus abgerissenen Fäden, weil das Knäuel von vornherein zu verheddert ist und jeder sich einen anderen Faden aus ihm herausreißt (Kurt Schwitters) Der Begriff “Kultur” mit dem Wert einer Pistole in der Hand eines Räubers (Das Überleben des Komischen und des No-Futures) “Es gibt nichts komischeres als das Unglueck”, sagt Hamm in Becketts Endspiel. Der Kunst-Cirquero amüsiert sich mit dem Versuch, dies oder das Gegenteil zu beweisen, in beiden Fällen ohne Hoffnung auf Erfolg, dem Rat Samuels folgend: Ever tried. Ever failed. No matter. Try aigain. Fail again. Fail better. Jede Erwartungshaltung ablehnend, sind die Werke des Kunst-Cirque in einer im weitesten Sinne apokalyptischen Welt situiert*:

Jegliches Glück beinhaltet Traurigkeit, auch durch die rosa Brille betrachtet besteht die Welt aus T o d u n d Ve r d e r b e n , d i e harmonischste Sonate Mozarts verdeckt nur die Dissonanz: ihre tiefste Substanz ist der Widerspruch ihrer Erscheinung zur Wirklichkeit. *Die “Situation” des Werks wird verstanden als sein Bestehen in der Welt, als ein Bestandteil dieser, und gleichzeitig als sein Inhalt. Selbst wenn der dadaistische Plan, Unsinn zu (re)produzieren, zum Scheitern verurteilt ist, unterhält sich der Kunst-Cirquero immerhin mit seiner Darstellung und erfüllt zumindest die Aufgabe einer kulturellen Veranstaltung. Allerdings versteht sich der Kunst-Cirque als Kunstart, die von der Kulturindustrie weitestgehend unabhängig bleiben will und die den Wert von Unterhaltung reflektiert, die einerseits notwendig ist, weil die abendländische Gesellschaft sich Langeweile einfach erlauben kann, andererseits gefährlich, weil sie ohne Weiteres für beliebige ideologische Absichten instrumentalisierbar ist. In der No-Future-Einstellung des Punk, die in den 1970er Jahren aufkommt, lässt sich eine musikalische Weiterführung der Beckettschen Auffassung einer Welt sehen, in der die einzige Ursache des Lachens die eigene Lächerlichkeit ist, die Zukunft mit einer u n b e k a n n t e n Ve r g a n g e n h e i t

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koexistiert, die verzweifelt weitergeht, die einzige Hoffnung in der Stagnation. Er wurde wie viele künstlerische Tendenzen von der Kulturindustrie als Realisierung der pubertären Träume ausgebeutet, die natürlicherweise, angeregt von der intuitiven Wahrnehmung junger oder nicht erwachsener Leute, von Zerstörung, Tod und Unglück handeln. Indem er als eine jugendliche “Phase” und ihren Soundtrack dargestellt wird, die während der “rebellischen Zeiten” konsumierbar ist, wird er in die offiziellen Wege der Kultur kanalisiert, nur möglichst weit weg vom Ernst des Lebens. Der Punk wird zur wilden Komponente, die mit dem Arbeitsleben unvereinbar, aber dafür zu verkosten ist wie eine Geburtstagstorte oder ein Freizeitspaß. Die Kulturindustrie, dessen heroisches Ziel es ist, Sinn und Verstaendlichkeit zu produzieren, verheddert sich im Netz der Kommunikation und gehorcht Gesetzen, die Kunst reglementieren. Diese, will sie Kunst sein, ist zu sehr damit beschäftigt, sich mit ihren e i g e n e n G e s e t z e n auseinanderzusetzen, als dass sie ein solch nobles Ziel verfolgen könnte. Das Entertainment ist eine Form der Kommunikation, die dem universalen Gesetz der Klischees gehorcht, welches die Erfahrbarkeit der Kommunikation konditioniert.

Kommunikative Sprache verkümmert zu syntaktischer Form, Logizität und festgelegten Begriffen. Menschen reden miteinander, geleitet von ihrer Psychologie und ihrem prälogischen Unbewusstsein. Sie verfolgen Ziele purer Selbsterhaltung. Geplapper präsentiert sich als Sinn und wird Unsinn. Sprache verwandelt sich in Gelaber, das Rationale wird zur Fassade und widerspricht trotzdem dem Irrationalen… dieser wunderbare und absurde Widerspruch ist ein künstlerisches Motiv im Kunst-Cirque. Das Nichts-Zu-Bedeuten wird zur einzigen Bedeutung. Hamm_: wir sind doch nicht etwa dabei, etwas zu…bedeuten? Clov_: Bedeuten? Wir, etwas bedeuten? (kurzes Lachen) Das ist gut!! (Beckett – Endspiel) Was dem Kunst-Cirque vom Entertainment bleibt, ist der direkte Bezug zu einer unmittelbaren körperlichen und intellektuellen Reaktion des Kunst-Cirqschen Publikums. Aber eine solche Reaktion sollte diesem, wenn es das Angebot genauer betrachtet, im Halse stecken bleiben. Es bleibt die Komik, die entsteht, wenn der Sinn ihrer Pointe und mit ihr die Komik selbst verpufft.

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Absicht

sie. Oder auch nicht. Das Werk spricht für sich selbst oder es Ein konventioneller Künstler spricht nicht (Jakob Ullmann) kann versucht sein, von einer Konsonanz seiner Absicht mit dem auszugehen, was er der Gesamtheit der Empfänger seines Integration Werkes vermittelt. Ein Kunst- Kunst ist entweder Kunst oder Cirquero geht davon aus, dass die Scheiße (Jose Mario Bergoglio) Faktoren der Bedingungen jedes e i n z e l n e n Z u s c h a u e r s Die offizielle Auffassung von verschieden und somit das Kunst ist die einer paradoxen A u s g e d r ü c k t e u n d d e s s e n Zutat des bürgerlichen Lebens, Bedeutung, zumindest ab einer die von diesem getrennt bleibt, bestimmten Tiefe des Werkes, um jener eine erquickende unversöhnlich sind. Funktion zu geben. Kunst wird konsumiert, an ihr wird sich Die Dadaisten entschieden den gelabt, um sich vom Arbeitsleben Konflikt zwischen Ausdruck und auszuruhen. Müde von dem B e d e u t u n g z u g u n s t e n d e s ernsten Leben, das zur Produktion Ausdrucks. Der Dadaismus und dem Anhäufen von Geld verstand sich aber, jedenfalls in verdammt ist, erwartet der Bürger ihren Manifesten, nicht als Kunst, von der Kunst, konsumierbar zu sondern als Attentate auf sie. sein und nicht weiter zu stören. Der Kunst-Cirque versucht, Aber die erwartete Harmonie ist diesen Konflikt als seine unerreichbar, weil sie die Antinomie zu respektieren und Dissonanz zum Dissonierenden macht ihn zur Struktur seiner aufzeigt: die Dissonanz ist ihre Werke. Substanz. Ein Cirquero, der sich der dissonanten Substanz seines “Kunst ist notwendig, du musst Werkes bewusst ist, unterbreitet sie machen. Aber es ist möglich, einen ernsthaften künstlerischen dass sie verschwindet und nicht Vorschlag der die zum Beispiel existieren wird. Sie hat ihre von einer Zirkusshow erwarteten Rechtfertigung nur in ihr selbst, Heiterkeit kontrastiert. Das heißt n i c h t i n d e n I d e e n d e s nicht, dass ein ernsthaftes Werk Künstlers. Dann funktioniert unbedingt den Humor ablehnt

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(auch wenn in der Welt, gerade in einer dargestellten, wenig Platz zum Lachen bleibt). Das Bestehen von Humor in einem Werk, das nicht die Absicht hat, den Empfänger mit seiner Heiterkeit zu trösten, muss in einem Bewusstsein des Künstlers von seiner Zugehörigkeit zur unheiteren, wenn auch ohnehin schon komischen Wirklichkeit seinen Ursprung haben und in einem Bewusstsein der erheiternden, horrenden und absurden Komik, die schon aus der puren Ernsthaftigkeit aller seiner Argumente resultiert. Der Humor beansprucht ihmbezüglich eine Ernsthaftigkeit, die seine Position innerhalb des Werkes (und mit diesem innerhalb der Welt) reflektiert. Humor ist Teil der Ernsthaftigkeit der Welt und die Heiterkeit natürlicher Bestandteil der Kunst, aber wenn der Motor eines künstlerischen Ausdrucks reine Ablenkung vom Ernst des Lebens ist, bleibt die Wirklichkeit (und mit ihr die des künstlerischen Ausdrucks) außerhalb des Werkes und es braucht seine ihm inh ä rente Antinomie nicht mehr auszutragen.

Die Konzeption der Realität in der Kunst ist widersprüchlich, schon weil Kunst Bestandteil der Realität ist und weil eine Reproduktion sich von seinem Orignal schon dadurch unterscheidet, dass es dessen Reproduktion ist und eben nicht das Original. Aber in der Kunst überschneiden sich das Falsche und das Wahre, die Realität und die Darstellung. Die Identität identifiziert sich mit der NichtIdentität, während die Wirklichkeit sichtbar, wahrnehmbar und interpretierbar bleibt. Aber Philosophie, erinnert der Kunst-Cirque, ist der Kunst egal und sie macht einfach. Kitsch Es ist unklar, ob es ein Unheil ist oder ein Glück, dass im Namen der Kunst weiterhin enorme Mengen an Kitsch gemacht wird! So schwer es ist, Kitsch zu definieren, so ungemütlich ist es auch, sich ihm gegenüber zu positionieren. Kitsch kann mit seiner Fähigkeit, die physischen u n d p s y c h i s c h e n Wa h r n e h m u g s s e n s o r e n z u stimulieren, in sehr effektiver Weise immerhin als künstlerische Inspiration dienen. Ein Kriterium von Kitsch kann 53


sein, dass ein Kunstprodukt, sei es nur durch das Betonen des Gegenteils zur Realit채t, das Bewusstsein des Widerspruchs entwickelt oder betr체gt. Auch in Anbetracht dessen muss der Kunst-Cirquero die Ernsthaftigkeit derjenigen Kunstwerke in Anspruch nehemen, die etwas anderes als Kitsch zu zeigen beabsichtigen. Der Kunst-Cirque sucht, indem er diesen Ernst fordert, das prek채re Gleichgewicht zwischen dem Wirklichen und der Darstellung, dem Objekt und der Erfahrung, dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren auszubalancieren. Die Kunst vibriert zwischen dem Ernst und der Heiterkeit wie etwas der Realit채t entronnenes und gleichwohl von ihr durchdrungenes. Allein solche Spannung macht Kunst aus (Adorno)

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Associazione Culturale Side side.center@gmail.com 0039 3478823404 0033 677897543 pIVA 01547780880 Italia sede logistica Via di Camugliano 10-56038 Ponsacco (PI) sede legale Via dei Mille 198 -97019 Vittoria (RG)

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