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DAS WORT HAT...

FREIHEIT FÜR DEN HANDEL NILS BUSCH-PETERSEN plädiert für eine allgemeine Sonntagsöffnung TEXT Nils Busch-Petersen

FOTO privat

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mmer wieder sonntags stelnicht wie in anderen europäischen len sich nicht nur Touristen Städten shoppen dürfen. In unsedie Frage, warum in Potsdam ren Läden machen wir sonntags die Läden geschlossen sind. Die die Erfahrung, dass Familien diese Grundlage dieser strengen ReguNachmittage gemeinsam gestalten, lierung findet sich im Grundgesetz, der Einkauf ein Stück Freizeitkulwelches die Sonn- und Feiertage tur ist. Wir sind in der Lage, offene als Tage der »Arbeitsruhe und der Sonntage ausschließlich mit freiseelischen Erhebung« unter den be- NILS BUSCH-PETERSEN willig tätigen Mitarbeitern anzubieHauptgeschäftsführer sonderen Schutz des Staates stellt. ten. Unsere Tarifverträge schützen des Handelsverbandes Einen Religionsbezug kennt diese Personal, welches Probleme hat, an Berlin-Brandenburg Formulierung ausdrücklich nicht. Sonntagen zu arbeiten. Dem HanDer entsprechende Grundgedel obliegt schon seit Langem nicht setzartikel stammt im Übrigen noch aus der mehr nur die reine Bedürfnisbefriedigung der Weimarer Reichsverfassung. 1919 wurde in Menschen. Deutschland reichseinheitlich der Ladenschluss Warum kann ich eigentlich sonntags ungehinan Sonntagen per Verordnung eingeführt. Aber: dert Restaurants aufsuchen und mich dort bekoAn zehn Sonntagen durfte jeder Laden öffnen, chen und bedienen lassen? Der Handel ist längst die Adventssonntage fielen darunter. Die Bun- auch ein Teil der Gestaltung von Arbeitsruhe gedesrepublik gab sich 1956 ein strengeres Laden- worden, aus Kunden werden Gäste. Nur so, mit schlussgesetz, seitdem waren Sonntagsöffnun- neuen Aufenthaltsqualitäten, der Verbindung gen noch seltener zulässig. Seit 2006 dürfen die von Online-Möglichkeiten mit Offline-KompeBundesländer eigene Ladenöffnungsgesetze ge- tenzen und kundenfreundlichen Öffnungszeiten, stalten. Läden können in Brandenburg an sechs besteht die Chance, im digitalisierten Zeitalter Sonntagen beim Vorliegen besonderer Anlässe als stationärer Handel zu überleben und weiter öffnen. die Innenstädte leben zu lassen. Der Handelsverband war damals stolz auf das Versuchen wir es doch, dem Handel in Branvergleichsweise liberale neue Recht in unserer denburg und in der Landeshauptstadt mehr FreiRegion. Die Zeiten jedoch stehen nicht still, nur heiten zu geben und für die Kunden öffnen zu wenn jemand stolz auf das Erreichte ist. Der dürfen, wenn sie es wollen, also auch sonntags. Handel und das Verbraucherverhalten verän- Alternativ könnten wir uns an den zehn verfasdern sich rasant. Jede Ware ist für jedermann sungskonformen Sonntagen der größten Stadt jederzeit an fast jedem Ort erhältlich – das Inter- der Mark Brandenburg orientieren, zumindest net macht’s möglich. Zwischen 18 und 25 Prozent aber wieder zu der Praxis zurückkehren, den aller »Non-Food-Güter« werden in Deutschland Städten die Möglichkeit zu geben, die bisher online gehandelt. Der Sonntag ist mit Abstand erlaubten bis zu sechs Sonntage für einzelne der stärkste Einkaufstag im Netz. Das muss nicht Ortsteile zu genehmigen, ohne dass ein Sonntag jedem gefallen, lässt sich aber nicht wegregu- in Babelsberg den für die Händler im Schlaatz lieren. Sonntags bestellt und montags geliefert verbraucht. – wer packt, wer transportiert? Das Abendland geht dadurch nicht unter, Die Besucherzahlen in allen deutschen Ein- zu viele Nachbarn in Europa beweisen es. Und kaufsstraßen sind entsprechend rückläufig, Sor- der Begriff der seelischen Erhebung sollte doch gen um die Zukunft der Innenstädte wachsen wohl gerade in der Heimat des großen Friedneu herauf. Gerade der Potsdamer Handel lebt rich nach der eigenen Fasson definiert werden zunehmend auch vom Städtetourismus und dürfen, oder? unsere Gäste verstehen nicht, warum sie hier www.hbb-ev.de POTSDAMER NEUESTE NACHRICHTEN WIRTSCHAFT | 33

PNN Wirtschaft Juni und Juli 2016  

Die Wirtschaftsbeilage der Potsdamer neuen Nachrichten für Potsdam und Brandenburg

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