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DER GRÜNDERVATER Kai Desinger hat einst in Teltow die weltweit aktive CELON AG gegründet. Heute widmet er sich lieber seiner Familie – und seinem Restaurant TEXT Katharina Wiechers | FOTOS Andreas Klaer

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ine der wenigen Fragen, die Kai Desinger ins Stocken bringt, ist diese hier: »Was antworten Sie, wenn Sie nach Ihrem Beruf gefragt werden?« Der sonst so eloquente 50-Jährige holt Luft. Lässt die Augen durch den Raum schweifen. Knetet seine Hände. »Das ist tatsächlich nicht ganz einfach«, sagt er nach einer Weile. »Neulich hab ich mal Tankwart geantwortet.« Das war zwar nicht ganz gelogen, aber bei Weitem nicht die ganze Wahrheit. Denn Kai Desinger ist zwar vielen Potsdamern als Betreiber der »Garage du Pont« bekannt, einem Restaurant in einer ehemaligen Tankstelle an der Glienicker Brücke. Doch der gebürtige Westfale ist nicht nur »Tankwart« und Gastronom. Er ist auch einer der erfolgreichsten mittelständischen Unternehmer Deutschlands. Geboren und aufgewachsen in Kamen im Ruhrgebiet kam Desinger in den 1980er-Jahren zum Studium nach West-Berlin. An der Technischen Universität studierte er Maschinenbau, Fachrichtung Medizinisches Feinwerk – sprich Medizintechnik. Die Ursprungsidee für seine spätere Firmengründung hatte er schon während eines Uni-Aufenthalts in den USA. In Minneapolis absolvierte er ein Praktikum bei einer kleinen Firma, die im Bereich Hochfrequenzchirurgie tätig war – genau in dem Markt, den Desinger später mit seiner Erfindung aufmischen sollte.

DIE HOCHFREQUENZCHIRURGIE ermöglicht Ärzten, menschliches Gewebe nicht mit dem Skalpell, sondern mit einer feinen Nadel zu schneiden. Durch diese fließt Strom, sodass das Gewebe verdampft. Der Vorteil: Es fließt wenig oder gar kein Blut bei der Operation. Schon seit den 1970er-Jahren wird die Hochfrequenzchirurgie angewandt und weiterentwickelt. Desingers Idee war, die beiden Elektroden, zwischen

denen der Strom fließt, entlang einer Nadel so anzuordnen, dass Strom und Hitze möglichst wenig Schaden im menschlichen Körper anrichten – außer dort, wo sie sollen, im Tumor zum Beispiel. »Die Amerikaner konnten damit nichts anfangen, aber ich habe die Idee immer weiter verfolgt.« Wieder in Berlin schloss er sein Diplom an der TU ab und bekam eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Laser-MedizinZentrum in Dahlem. Nach kurzer Zeit hatte er seine eigene Abteilung, forschte an seiner Erfindung und promovierte. Die Forschung habe ihm Spaß gemacht, »aber irgendwann wurde es mir langweilig«. Er wollte aus seinen Ideen etwas machen, ein Produkt entwickeln, ein Unternehmen gründen. So kündigte er das Dasein als Wissenschaftler auf und gründete das, was man heute als Start-up bezeichnet. Er beantragte Fördermittel beim Bund – Anträge schreiben hatte er im Wissenschaftsbetrieb gelernt – und lieh sich das Startkapital bei seinem Vater, der dafür mit seinem Haus bürgte. »Ende 1999 war ich stolzer Besitzer einer Aktiengesellschaft. Ohne Mitarbeiter und ohne Kohle«, erinnert sich Desinger lachend. Nun hieß es Klinkenputzen: »Friends and family« habe er damals angesprochen und seine Aktien feilgeboten, 5000 Mark war die Mindestsumme. »Einige 100 000 Mark sind so zusammengekommen.« Als Firmensitz wählte Desinger Teltow, denn ein Standort in den neuen Bundesländern war Voraussetzung für die Bundesförderung. Seine Erfindungen, die er in seiner Zeit am Laserzentrum gemacht hatte, nahm er mit – wie üblich musste er dafür Geld an seinen bisherigen Arbeitgeber als Patentanmelder zahlen. 200 000 Mark waren das damals, doch sein ehemaliger Professor gewährte Desinger eine Rück-

DIE ERFINDUNG Das Verfahren, das Desinger erfand und für das er ein weltweites Patent hat, heißt bipolare hochfrequenzinduzierte Thermotherapie. Diese ermöglicht ein blutarmes Schneiden im menschenlichen Körper mit einer Hochfrequenznadel. Nicht nur Tumore können damit behandelt werden, auch im HalsNasen-Ohren-Bereich wird die »Celon-Methode« angewandt.

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PNN Wirtschaft Juni und Juli 2016  

Die Wirtschaftsbeilage der Potsdamer neuen Nachrichten für Potsdam und Brandenburg

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