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048

7. SPIELTAG

Hertha BSC – Aachen 0 : 0

050

ANALYSE

Nationalspieler aus Berlin

052

8. SPIELTAG

FSV Frankfurt – Hertha BSC

054

0 :1

REPORT

Demonstration für Fankultur

056

9. SPIELTAG

Hertha BSC – Fürth 2 : 0

058

SPIELBERICHT

Herthas frühes Aus im Pokal

060

10. SPIELTAG

Hertha BSC – Ingolstadt 3 : 1

062

PORTRÄT

Der übergewichtige Neuzugang Ronny

064

11. SPIELTAG

Paderborn – Hertha BSC 0 : 1

066

REPORT

Das Geheimnis von Fußballbettwäsche

010

068

FOTOSTRECKE

Abstieg

018

Hertha BSC – Bochum 2 : 0

070

ESSAY

Berlin ist verliebt in Hertha

022

072 074

INTERVIEW

076

2. SPIELTAG

078

FANFOTOS

080

3. SPIELTAG

082

STREITGESPRÄCH

084

4. SPIELTAG

086

DEBATTE

088

5. SPIELTAG

090

REPORTAGE

INTERVIEW

Torhüter Maikel Aerts

092

6. SPIELTAG

Cottbus – Hertha BSC 0 : 1

046

17. SPIELTAG

Augsburg – Hertha BSC 1 : 1

Leute im Stadion, die kein Spiel sehen

044

INTERVIEW

Manager Michael Preetz

Hertha BSC – Karlsruhe 4 : 0

042

16. SPIELTAG

Hertha BSC – Aue 2 : 0

Hertha-Fans über Derbys und Krisen

040

NACHRUF

Zum Tode von Wolfgang Holst

1. FC Union – Hertha BSC 1 : 1

038

15. SPIELTAG

1860 München – Hertha BSC 1 : 0

Hertha-Präsident vs. Union-Präsident

036

WÜRDIGUNG

Abschied von Rekordspieler Pal Dardai

Hertha BSC – Bielefeld 3 : 1

032

14. SPIELTAG

Hertha BSC – Duisburg 0 : 2

Komm mit auf Auswärtsfahrt

030

INTERVIEW

Oliver Reck über Stiefsohn Lasogga

Düsseldorf – Hertha BSC 1 : 2

028

13. SPIELTAG

Osnabrück – Hertha BSC 2 : 0

Trainer Markus Babbel

026

DOPPELPORTRÄT

Nikita Rukavytsya & Alfredo Morales

1. SPIELTAG

Hertha BSC – Oberhausen 3 : 2

024

12. SPIELTAG

18. SPIELTAG

Oberhausen – Hertha BSC 1 : 3

094

ORTSTERMIN

MUSIK

Campino über Freund Markus Babbel

Kieztraining in Lichtenberg




INHALT 124

26. SPIELTAG

Fürth – Hertha BSC 0 : 2

126

REPORT

Der Kampf um den Kinder-Nachwuchs

128

27. SPIELTAG

Ingolstadt – Hertha BSC 1 : 1

130

REPORT

Wie Hertha 70.000 Fans wirbt

132

28. SPIELTAG

Hertha BSC – Paderborn 2 : 0

096

134

19. SPIELTAG

Hertha BSC – Düsseldorf 4 : 2

098

Zum ersten Mal im Olympiastadion

136

ANALYSE

Herthas prekäre Finanzlage

100

138

20. SPIELTAG

140

LEGENDEN

142

21. SPIELTAG

144

MUSIK

146

22. SPIELTAG

148

FANFOTOS

150

23. SPIELTAG

152

HISTORIE

154

24. SPIELTAG

156

PORTRÄT

34. SPIELTAG

Hertha BSC – Augsburg 2 : 1

158

25. SPIELTAG

Hertha BSC – FSV Frankfurt 3 : 1

122

SAISONBILANZ

Alle Spieler in der Einzelkritik

Der glücklose Stürmer Rob Friend

120

33. SPIELTAG

Aue – Hertha BSC 0 : 2

Aachen – Hertha BSC 0 : 5

118

LITERATUR

Thomas Brussig über Herthas Aufstieg

Ein Hertha-Fan hinter der Mauer

116

32. SPIELTAG

Hertha BSC – 1860 München 1 : 2

Hertha BSC – Cottbus 2 : 2

114

WÜRDIGUNG

Jürgen Röber gratuliert Markus Babbel

Komm mit zum Heimspiel

112

31. SPIELTAG

Duisburg – Hertha BSC 0 : 1

Karlsruhe – Hertha BSC 2 : 6

110

DEBATTE

Hertha-Fans über Image und Träume

Frank Zander & Nina Hagen singen

108

30. SPIELTAG

Hertha BSC – Osnabrück 4 : 0

Hertha BSC – 1. FC Union 1 : 2

106

INTERVIEW

Stürmer Adrian Ramos

Ete Beer & Wolfgang Matthies erzählen

104

29. SPIELTAG

Bochum – Hertha BSC 0 : 2

Bielefeld – Hertha BSC 1 : 3

102

ORTSTERMIN

LIEBE

Zehn Gründe, warum Hertha einmalig ist

160

ERLEBNISBERICHT

FOTOSTRECKE

Aufstieg

Ein Dauerkarten-Fan über seine Saison




Weine nicht, wenn die Hertha fällt. Die Fans in der Ostkurve begreifen den Abstieg des Berliner Bundesligisten erst, als er in der Tabelle der Saison 2009/10 Schwarz auf Weiß feststeht. Und im Fanblock Blau auf Weiß

10


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Weiter, weiter, immer weiter. Wenn Fußball kein Spiel wäre, müsste man Niederlagen wirklich ernst nehmen. So aber sind sie wie jede Lebenskrise: eine Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen

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VERLIEBT IN HERTHA

Hertha BSC wollte sich lange größer machen als Berlin. In der Zweiten Liga hat der Verein zu sich und seinen Fans gefunden – ein Essay

SVEN GOLDMANN

Z

terei besser aufgehoben fühlen als unter der Dauerwerbebeschallung im Olympiastadion. Und die in den letzten zwei Jahrzehnten aus Dortmund und Köln, aus München und Bremen zugewanderten Neu-Berliner werden sich mit Hertha nur als Zweitverein anfreunden können. Aber immerhin, diese Chance ist jetzt da. In den 17 Spielen der Zweiten Liga kommt Hertha BSC auf einen durchschnittlichen Zuspruch von 46.000 Zuschauern pro Spiel. Gegen Oberhausen, Bielefeld und Fürth. Gegen Aue, Osnabrück und In-

Einen Gesamtberliner Verein hat es niemals gegeben golstadt. Unfassbare 70.000 wollten das Spiel gegen Paderborn sehen, das Saisonfinale gegen den Mitaufsteiger Augsburg war trotz Zusatztribünen schon Wochen vorher ausverkauft. Das sind beeindruckende Zahlen gegen unscheinbare Gegner, aber das eigentlich Beeindruckende ist die Botschaft dahinter. Hertha hat sich mit Berlin versöhnt und wieder einen Platz gefunden im emotionalen Entscheidungszentrum der so schwer zugänglichen Stadt. Das war nicht mal der legendären Mannschaft der späten Zwanzi-

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PA / ANNEGRET HILSE (DPA)

um Abschied von der Zweiten Bundesliga hat Michael Preetz auffallend oft von Demut gesprochen, von Bescheidenheit und Glaubwürdigkeit. Alles Begriffe, die noch im Frühjahr 2010 kaum jemand mit Hertha BSC assoziiert hätte. Damals, als Berlins führendes Fußballunternehmen unter der Führung des Managers Preetz in die Niederungen der Zweitklassigkeit abdriftete und das in Teilen der Öffentlichkeit als gerechte Strafe empfunden wurde für Großmäuligkeit und Hochstapelei. „Die große Kunst des Lebens besteht darin, sich nach einem Sturz wieder aufzurappeln“, sagt Preetz heute. Und: „Vielleicht war der Abstieg der richtige Zeitpunkt, um auch zu sagen: Jetzt ist es höchste Zeit, die Leute mitzunehmen, die wir in erster Linie erreichen wollen, weil sie in unserer Stadt leben.“ Erst in der Zweitklassigkeit hat es Hertha BSC geschafft, zum Verein für die gesamte Stadt zu werden, mit Fans im Westen wie im Osten. Die Mannschaft gastierte zum Kieztraining in Prenzlauer Berg oder Lichtenberg, fehlt nur noch ein Stelldichein in Köpenick. Aber der 1. FC Union ist ohnehin keine geografische Alternative, sondern eine philosophische. Wer Fußball ohne das Schickimicki-Beiwerk der Eventkultur erleben will, wird sich weiter in der Alten Förs-

FoTo

TexT


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1

Dann ist’s mal wieder richtig Sommer

SPIELTAG

Hertha startet mit einem 3:2-Sieg über Oberhausen und fast 50.000 Zuschauern in die Unterklassigkeit – und feiert mit Marco Djuricin unverhofft einen jungen Helden Es klingt wie Erste Liga, schmeckt wie Erste Liga, fühlt sich an wie Erste Liga. Die Sonne scheint bei 25 Grad, die Currywurst, von einigen als beste Stadionwurst des Landes erachtet, schmeckt wie früher gegen Bayern München, und die Ostkurve ist komplett gefüllt. Mit 48.385 Zuschauern findet sich zum Zweitligastart mehr Publikum ein als vor einem Jahr beim Bundesligastart gegen Hannover, dem bislang letzten Ligasieg im Olympiastadion – bis zu diesem 3:2 gegen Rot-Weiß Oberhausen an diesem wunderschönen Freitagabend im Berliner Hochsommer. „Ich gehe mal davon aus, dass das Publikum sein Kommen nicht bereut hat“, sagt Manager Michael Preetz. Auch Marco Djuricin hat sein Kommen nicht bereut. Zwei Tore schießt der gerade 17-jährige Stürmer in seinem ersten Spiel als Profi und macht sich damit zum Mann des Abends. Und das, obwohl er für einen Einsatz eigentlich gar nicht vorgesehen ist. Da sich aber der aus Leverkusen akquirierte Pierre-Mi-

chel Lasogga vorher bei einem Testspiel verletzt hat, findet sich für Djuricin ein Platz im Kader, doch nur für den Fall, dass dem Kanadier Rob Friend etwas zustoßen sollte. Dieser Fall tritt schon nach ein paar Minuten ein. Von der Ersatzbank aus schaut Djuricin mit an, wie sein Kollege Friend abhebt zu einem Fallrückzieher Richtung Oberhausener Tor. Das sieht bei dem langen Kanadier nicht besonders elegant aus, und zu allem Überfluss stürzt er bei der missglückten Landung auch noch böse auf den Kopf. Friend versucht wieder aufzustehen, gerät dabei ins Wanken und stürzt sofort wieder. Er versucht es noch ein paar Minuten lang und stolpert doch nur orientierungslos über den Rasen. Friend bekommt gar nicht richtig mit, dass Oberhausen durch Moses Lamidi 1:0 in Führung geht. Nach 17 gespielten Minuten ist Schluss für ihn, und Djuricins Debüt nimmt seinen Lauf. Der Wiener mit serbischen Vorfahren hätte schon ein paar Wochen zuvor erstmals im Olympiastadion auflaufen sollen. Damals noch mit Herthas A-Jugend im Pokalfinale gegen Hoffenheim. Doch wegen starker Regenfälle mussten die Jungprofis in das benachbarte Amateurstadion ausweichen,

Foto

PA / ANNEGRET HILSE ( DPA )

Nicht nur das Publikum hat sein Kommen nicht bereut.

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und so bekam kaum jemand mit, wie Djuricin per Elfmeter den zwischenzeitlichen Ausgleich bei der 1:2-Niederlage erzielte. Beim zweiten Versuch schauen fast 50.000 Zuschauer zu. Und Marco Djuricin legt gleich richtig los. Bei seinem ersten guten Pass steht Waleri Domowtschiski noch im Abseits, doch schon mit dem zweiten schleicht sich Ramos davon und spielt weiter auf Domowtschiski, der aus Nahdistanz zum 1:1 trifft. Zu einem Drittel ist es auch Djuricins Tor. Es wird noch besser. Der 17-Jährige arbeitet mit List und Engagement an seinem „Einstand nach Maß“, wie Markus Babbel nach dem Spiel sagen wird. Der Trainer holt Djuricin im Spiel schon mal zur Seite und erklärt ihm die Laufwege im Profibereich. Manches muss man dem Stürmer nicht mehr beibringen, etwa den cleveren Abschluss allein vor dem Tor. Vier Minuten sind in der zweiten Halbzeit gespielt, da kann Oberhausens Torwart Sören Pirson einen Schuss von Nikita Rukavytsya nicht festhalten, und der lauernde Djuricin staubt ab zum 2:1. Oberhausen schafft durch Lamidis zweites Tor zwar schnell den Ausgleich, aber Herthas neuer Torjäger hat noch nicht Feierabend. Beim finalen 3:2-Siegtreffer profitiert er von einem präzisen Zuspiel des eingewechselten Brasilianers Ronny (der nur ein paar Minuten mitspielen darf, weil der daheim antrainierte Sommerspeck immer noch nicht ganz verschwunden ist). Nach dem Spiel spricht alles von Djuricin. Nur der unverhoffte Held nicht, denn Hertha hat ihn mit einem strikten Interviewverbot belegt. Seinen ersten Profivertrag unterschreibt er erst ein paar Tage später, das heißt: Sein Vater unterschreibt, weil Marco erst im Dezember 18 Jahre alt und damit geschäftsfähig wird. Der Vertrag ist über vier Jahre angelegt. Marco Djuricin ist eine Investition in die Zukunft, aber bei Hertha stört es keinen, dass sie sich schon so früh ein bisschen bezahlt gemacht hat. DOMINIK BARDOW

Anzeigetafel FREITAG / 20.08.10 / 18 UHR

3:2 1:1

AUFSTELLUNGEN Aerts _ Lell, Hubnik, Mijatovic K , Kobiaschwili _ Niemeyer, Perdedaj _ Rukavytsya 68. Ronny, Domowtschiski81. Schulz, Ramos _ Friend 18. Djuricin Trainer: Markus Babbel

TORSCHÜTZEN 0 : 1 Lamidi 7. Kaya 1 : 1 Domowtschiski 30. Ramos 2 : 1 Djuricin 49. Rukavytsya 2 : 2 Lamidi 78. Miletic

ZUSCHAUER SCHIEDSRICHTER GELB-ROTE KARTEN ROTE KARTEN BES. VORKOMMNISSE

PA / SOEREN STACHE ( DPA ) Foto

Hertha hat bei seinen Heimspielen viel Konkurrenz in der Stadt. Am ersten Spieltag lädt der Deutsche Bundestag zum Tag der Offenen Tür. Gut, das lässt sich für Fans noch bewerkstelligen: erst tagsüber Politiker bashen und am Abend Hertha pushen.

1.

13. 14. 15. 16. 17.

23

3 : 2 Djuricin 80. Ronny

48.385 Olympiastadion Marco Fritz Korb 0 0 Keine

– – – – – – – –

1. FC Union Bielefeld Augsburg Aue Düsseldorf Karlsruhe Duisburg 1860 München

TABELLE

7. 8. 9. 1. 11.

UEM

Pirson _ D. Pappas, Miletic, Schlieter, Petersch _ Reichert K , Gordon _ Landers 70. Krontiris, Kaya 46. Klinger, Lamidi _ Schönfeld 75. Terranova Trainer: Hans-Günter Bruns

WEITERE SPIELE

Aachen FSV Frankfurt Ingolstadt Paderborn Cottbus Fürth Osnabrück Bochum

3. 4. 5.

Heimspiel

ROT-WEISS OBERHAUSEN

HERTHA BSC

FC Augsburg Greuther Fürth MSV Duisburg Energie Cottbus Hertha BSC A VfL Bochum A FSV Frankfurt Erzgebirge Aue N Alemannia Aachen 1. FC Union 1860 München RW Oberhausen Arminia Bielefeld SC Paderborn 07 VfL Osnabrück N Fortuna Düsseldorf FC Ingolstadt 04 N Karlsruher SC

2:2 2:1 1:4 0:1 2:0 4:1 1:3 3:2

1:1 2:0 1:2 0:0 0:0 2:0 1:1 2:1

SP

G

U V

TORE

1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1

1 1 1 1 1 1 1 1 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0

0 0 0 0 0 0 0 0 1 1 0 0 0 0 0 0 0 0

4:1 4:1 3:1 2:0 3:2 3:2 2:1 1:0 2:2 2:2 2:3 2:3 1:2 0:1 1:3 0:2 1:4 1:4

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 1 1 1 1 1 1 1 1

DIF. PKT.

3 3 2 2 1 1 1 1 0 0 -1 -1 -1 -1 -2 -2 -3 -3

3 3 3 3 3 3 3 3 1 1 0 0 0 0 0 0 0 0


»DA WIRST DU WAHNSINNIG!« Trainer Markus Babbel über Ohrringe, Tätowierungen, Spieleversteher und faule Profis

IntervIew

STEFAN HERMANNS UND MICHAEL ROSENTRITT

Herr Babbel, in Stuttgart haben Sie noch einen Ohrstecker getragen, jetzt nicht mehr. Hat das etwas zu bedeuten? Meine Frau meinte, das wirkt unseriös und hat ihn für sich beschlagnahmt. Im Nachhinein glaube ich aber, dass sie einfach nur den Ohrring haben wollte. Und – wissen Sie was – sie trägt ihn wirklich! Sie hören sich nicht glücklich an. Nein, aber eigentlich ist mir das egal. Ich bin ja kein anderer Mensch, nur weil ich einen Ohrring trage. Wenn du eine Brille trägst, giltst du gleich als intellektuell. Ohrring und Tätowierung – hm, unseriös. Aber das ist

nur der erste Eindruck. Dass ich Tätowierungen habe, sagt doch nichts über mein Wesen. Was die Umgangsformen angeht, da bin ich wirklich sehr konservativ. Wie zeigt sich das? Ich achte auf Disziplin, gerade bei meinen Kindern: dass sie Bitte und Danke sagen, grüß Gott und auf Wiedersehen. Man muss kein Abitur machen, aber wenn die Umgangsformen stimmen, kommst du im Leben schon weit. Wollen Sie sich stärker abgrenzen von der aktuellen Spielergeneration? Das hat sich automatisch ergeben. In Stuttgart hatte ich mit 95 Prozent der Spieler zu-

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sammengespielt. Mit ihnen wurde ich 2007 gemeinsam Meister, dann wurde ich Assistenztrainer von Armin Veh und später sein Nachfolger. Hier, bei Hertha, kann ich bei null anfangen. Ich bin nicht mehr der frühere Kollege, nicht mehr der ehemalige Kotrainer. Hier bin ich der Chef. Für mich ist es ein großer Vorteil, dass die Spieler mich siezen. Weshalb? Es gibt klare Grenzen. Generell bin ich schon ein Trainertyp, der nicht dasteht wie ein General, an den sich keiner ran traut. Ich versuche eine gewisse Nähe zu den Spielern zu bekommen, aber es ist immer gut, wenn


PA / ROLF VENNENBERND (DPA) Foto

die Spieler wissen: bis hierher und nicht weiter. In Stuttgart wurde Ihre Nähe zum Team gegen Sie verwendet. So ist es doch immer. Erst heißt es: Der ist nah an der Mannschaft dran, der hat einen super Draht zu den Spielern. Dann wird daraus: Der kann keine klare Entscheidungen mehr treffen, weil er zu nah an der Mannschaft ist. Ich glaube, dass es bei meinem Amtsantritt in Stuttgart ein Riesenvorteil war, dass ich alle Spieler kannte und sie einschätzen konnte. Der Schlüssel zum Erfolg war, dass wir jedem die Möglichkeit gegeben haben, sich aufzudrängen. Und auch der Zusammenhalt war wieder besser. Gab es auch Nachteile? Für mich war es unheimlich schwer, jemandem, mit dem ich zusammengespielt und sogar Erfolge gefeiert habe, zu sagen: „Es reicht nicht mehr.“ Diese harten Entscheidungen zu treffen – das war ein brutaler Lernprozess. Hier ist es für mich wesentlich leichter. Die Mischung zwischen Nähe und Distanz zu finden, ist das der Schlüssel zum Erfolg? Ich glaube, es gibt da kein Patentrezept. Man muss ein Gespür entwickeln, und das kommt mit der Zeit. Ich bin so, wie ich bin. Ich kann mich nicht großartig verstellen. Will ich auch nicht. Ich bin ehrlich, geradeaus, ich kann auch hart sein. Aber ich bin kein Schwein. Ich mache nichts hintenrum. Das widerstrebt mir. Das kann ich nicht. Ich habe schon zu ein paar Spielern gesagt: „Hey, ich mag dich, aber wenn ich merke, du lässt nach, dann kriegst du von mir Feuer.“ So spreche ich mit den Spielern, offen und ehrlich. Damit sie was zu greifen haben. Es nützt nichts, wenn ich einem Spieler sage: „Du bist ein Riesenkicker, aber du bleibst erst mal draußen.“ Ich sage ihm: „Du musst dein Kopfballspiel verbessern“ oder „Du musst schneller werden“ oder was auch immer. Dann hat er was. Aber dann liegt es auch an ihm. Beim Auftakt in Berlin mussten Sie sich gleich über schlechte Laktatwerte von 13 Profis ärgern. Sie haben Sondertrainings angesetzt und den Fitnesstrainer gefeuert. Ja, aber ich mache so et-

was ja nicht, weil ich denke: Ich muss jetzt mal was unternehmen, damit ich in der Öffentlichkeit besser dastehe. Das ist nicht meine Art. Am liebsten ist es mir, wenn alles harmonisch abläuft. Aber ich habe gelernt: Mit zu viel Harmonie funktioniert es nicht. Komischerweise sind immer die Trainer, die dazwischenfegen, oft sehr erfolgreich. Eigentlich ist das ja Irrsinn. Wenn man es gut meint, Harmonie haben will und alles wunderbar ist, sollte man

»Mit zu viel Harmonie funktioniert es nicht.« doch meinen, dass alle Spaß an der Arbeit haben. Von wegen. Da passieren mehr Fehler. Deswegen muss man immer wieder dazwischengehen, sonst schleift sich so ein Schlendrian ein. Und den wieder rauszukriegen, ist schwierig. Ihr Ausbruch war also authentisch? Absolut. Sie müssen auch die Ausgangslage berücksichtigen: Der Verein stellt sich hin und sagt: Wir wollen sofort wieder hoch. Damit hängen wir uns also ganz schön aus dem Fenster. Du bist voller Elan: Geil, jetzt geht’s los, geiler Klub, da passt alles, wunderbar – und dann bekommst du die Laktatwerte und denkst: Hut ab! Da sind offensichtlich 15 dabei, die diesen Elan nicht haben. Da wirst du doch wahnsinnig. Wir reden nicht von irgendwelchen Freizeitkickern. Nein, das sind Profis. Mir war es wichtig, dass sie mal kapieren, was für eine Verantwortung sie haben. Deshalb sollte die Öffentlichkeit das ruhig mitbekommen. Die Laktatwerte lassen den Schluss zu… …dass einige nichts kapiert haben. Ich habe ja nicht verlangt, dass sie sechs Wochen durchtrainieren. Die Spieler sollten bewusst drei Wochen Urlaub machen. Aber nach drei Wochen, so habe ich das zumindest früher erlebt, hat mein Körper nach Bewegung verlangt. Aber bei den Werten meiner Spieler konnte es nur einen Schluss geben: Die haben gar nichts gemacht. Das habe ich nicht verstanden.

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Kann sich das noch mal wiederholen? Wenn einer das noch mal wiederholt, muss er selten dämlich sein. Dann gnade ihm Gott. Aber so wie ich die Truppe jetzt kennengelernt habe, kann ich mir das nicht vorstellen. Die Spieler haben wirklich mitgezogen. Da waren viele dabei, die hatten im Training Schmerzen – zu Recht Schmerzen. Und trotzdem haben sie nicht abgebrochen. Das zeigt mir: Sie können ja, sie wollen auch. Ich habe den Spielern gesagt: „Mich wundert es nicht, dass ihr abgestiegen seid. Wenn ihr immer so eine Einstellung hattet – ja, das wird nicht belohnt. Das ist doch klar. Wenn ihr aber eine andere Mentalität an den Tag legt, werdet ihr auch belohnt.“ Mehr als die Hälfte der Spieler stammt aus dem Ausland. Sie selbst haben in England gespielt. Hilft Ihnen diese Erfahrung? Natürlich ist das von Vorteil, ganz klar. Ich weiß, wie sich ein Spieler fühlt, der neu kommt, der die Sprache nicht spricht, sich an ein neues Umfeld gewöhnen muss, an andere Gepflogenheiten. Deswegen versuchen wir den Spielern bei vielen Dingen zu helfen, bei der Wohnungssuche, Behördengängen; aber letztlich spielen sie Fußball. Ich habe ein Problem damit, wenn es heißt, man muss dem Spieler ein Jahr Zeit zur Eingewöhnung geben. Was ist das denn für ein Blödsinn? In Brasilien wird genauso Fußball gespielt wie in China oder Deutschland. Das Wichtigste ist die Sprache. Für mich ist es ein Unding, wenn ein Spieler die Sprache nach einem Jahr immer noch nicht kann. Ich will doch wissen, was in der Kabine gesprochen wird. Ich will, dass die Spieler Deutsch lernen. Und das müssen sie jetzt endlich auch. Sie wirken sehr energiegeladen. Müssen Sie in der Zweiten Liga noch mehr geben? Das glaube ich nicht. Im Fußball kannst du viele Dinge nicht beeinflussen: Verletzungen, Schiedsrichterentscheidungen. Aber eins dürfen wir uns nie vorwerfen lassen: Dass wir zu faul, zu nachlässig waren und es deshalb nicht funktioniert hat.


SPIELTAG

2

Brasilien, wie es spielt und lacht

Hertha macht mit dem 2:1 in Düsseldorf den Saisonstart perfekt – und bringt in der Zweiten Liga dem Brüderpaar Raffael und Ronny neuen Spaß Im Grunde empfindet Hertha BSC die Zugehörigkeit zur Zweiten Liga als eine einzige Zumutung, doch im Einzelfall kann einem selbst die Zweite Liga kleine Momente des Glücks bescheren. Der Brasilianer Raffael jedenfalls macht nach dem 2:1-Erfolg bei Fortuna Düsseldorf ein ganz beseeltes Gesicht. Raffael ist von seinem Trainer Markus Babbel zum besten Fußballer der Zweiten Liga ernannt worden, aber in der Arena am Rhein hat er fast 70 Minuten lang auf sein Debüt in der neuen Klasse gewartet. Groll oder Ärger? „Ich habe mich gefreut, dass ich eingewechselt wurde“, sagt der Brasilianer. Und überhaupt: „Es war das erste Mal, dass ich mit meinem Bruder zusammen gespielt habe.“ Der Zweiten Liga sei’s gedankt. Raffael und sein Bruder Ronny kommen weit nach ihren Kollegen vom Platz. Sie lachen, Raffael hat sich seines Trikots entledigt, und so steht er da mit blankem Oberkörper. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es gäbe wer weiß was zu feiern. Die gute Laune der Brasilianer aber steht

im scharfen Kontrast zur allgemeinen Nüchternheit bei den Berlinern. Zwei Spiele, zwei Siege, dazu das Weiterkommen in der ersten Pokalrunde mit einem 2:0-Sieg beim Regionalligisten SC Pfullendorf – Hertha BSC hat den perfekten Start in die neue Saison erwischt, aber für Markus Babbel ist der Sieg in Düsseldorf nicht mehr als „ein kleiner Schritt in die richtige Richtung“. Niemand hat gewusst, wie sich die Berliner in ihrem neuen Umfeld zurechtfinden würden. Die Optimisten hatten prophezeit, dass die Mannschaft mal eben über die Konkurrenz hinwegfegen würde, die Skeptiker fürchteten eher eine schwierige Eingewöhnung. Nach zwei Spielen kann man feststellen: Beide haben recht. Hertha tut sich schwer, aber Hertha gewinnt, und das schon fast mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. „Drei Punkte sind drei Punkte“, sagt Mittelfeldspieler Fanol Perdedaj, und ganz nebenbei hat Hertha auch noch Fortunas Serie von 20 Heimspielen ohne Niederlage beendet. Dass die Berliner die Begegnung nach zähem Beginn mit ihrem ersten Torschuss, abgegeben von Rob Friend, in die richtigen Bahnen lenken, ist auch eine Qualität. „Ein Tor nach einer Standardsituation.

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PA / NORBERT SCHMIDT (DPA)

Jubel der Berliner Roman Hubnik, Levan Kobiashvili, Fanol Per-

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PA / SOEREN STACHE (DPA)

Das freut mich natürlich“, sagt Babbel. „Das trainieren wir.“ Wenn es spielerisch mal nicht so gut läuft, kann die Mannschaft auch auf brachialere Mittel zurückgreifen. So wie in Düsseldorf. „Die Effektivität war heute der Unterschied“, sagt Fortunas Trainer Norbert Meier. Zwischen der 25. und der 30. Minute schießen die Berliner drei Mal aufs Düsseldorfer Tor, und schon führen sie 2:0. Die Ergebnisse verschaffen Babbel eine gewisse Ruhe, um weiter an den Details zu arbeiten. Die Abwehr wirkt anfangs erneut nicht sicher, und im Spielaufbau fehlt der Fluss. Mit Raffael drängt nun immerhin eine hochklassige Alternative ins Team. Andererseits hat Waleri Domowtschiski als sein Vertreter in zwei Spielen zwei Tore erzielt. „Das ist nur scheinbar ein Problem“, sagt Manager Michael Preetz. „Es ist doch eine wunderbare Situation, dass der Trainer Möglichkeiten hat.“ Allein den Namen nach steht Hertha deutlich über dem Rest der Liga; doch Babbel hat immer darauf hingewiesen, dass Qualität alleine nicht ausreichen werde. Nach dem Sieg in Düsseldorf schimpft er über den Auftritt seiner Mannschaft in der ersten Hälfte: „Wir sind nur hinterhergelaufen, haben unheimlich schlampig gespielt und viele Ballverluste gehabt.“ Babbels Fundamentalkritik passt zu seiner bisherigen Linie, und doch wirkt sie ein bisschen überzogen. Insgeheim wissen sie natürlich auch bei Hertha, dass die Gesamtsituation besser ist, als viele vorher befürchtet hatten. „Es ist immer angenehmer, an den Fehlern zu arbeiten, wenn die Ergebnisse stimmen“, sagt Michael Preetz. Den umgekehrten Fall kennt er aus dem vergangenen Jahr. Da hatte die Mannschaft am Ende der Hinrunde ganze sechs Punkte – genauso viele wie jetzt nach dem zweiten Spieltag. Der Zweiten Liga sei’s gedankt. STEFAN HERMANNS

Auswärtsfahrt Zeitgleich zu Herthas erstem Auswärtsspiel findet in Düsseldorf der 49. Caravan Salon statt – Europas führende Messe für Wohnwagen und Wohnmobile. Als passender Stellplatz dazu empfiehlt sich das waldreiche Ufer des Hertha-Sees zwischen Ibbenbühren und Rheine. OOM

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Anzeigetafel MONTAG / 30.08.10 / 20.15 UHR FORTUNA DÜSSELDORF

HERTHA BSC

1:2 0:2

AUFSTELLUNGEN Ratajczak _ Weber, Tiago, Langeneke, J. van den Bergh _ Costa 79. Bröker _ Zoundi, Christ 46. Dum, Lambertz K _ Torghelle 46. Wellington, Jovanovic Trainer: Norbert Meier

Aerts _ Lell, Hubnik, Mijatovic K , Kobiaschwili _ Niemeyer, Perdedaj _ Rukavytsya 69. Raffael, Domowtschiski 78. Ronny, Ramos _ Friend Trainer: Markus Babbel

TORSCHÜTZEN 0 : 1 Friend 25. Rukavytsya 0 : 2 Domowtschiski 30. Niemeyer 1 : 2 Wellington 81. Zoundi

ZUSCHAUER SCHIEDSRICHTER GELB-ROTE KARTEN ROTE KARTEN BES. VORKOMMNISSE

30.629 Arena Düsseldorf Robert Hartmann Krugzell Bröker 92. 0 Keine

WEITERE SPIELE

1. FC Union Augsburg Oberhausen Aue Duisburg Bielefeld 1860 München Karlsruhe

– – – – – – – –

Fürth Paderborn FSV Frankfurt Bochum Ingolstadt Cottbus Osnabrück Aachen

1:2 1:0 1:0 1:0 4:1 1:2 3:1 3:0

0:0 0:0 0:0 1:0 3:1 0:2 2:1 3:0

TABELLE

SP

G

U V

TORE

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9.

2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2

2 2 2 2 2 2 1 1 1 1 1 0 0 0 0 0 0 0

0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 1 1 0 0 0 0 0

7:2 6:2 5:1 4:1 5:3 2:0 5:4 4:4 3:3 3:3 2:2 3:4 2:5 2:4 0:2 1:4 2:6 2:8

11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18.

MSV Duisburg Greuther Fürth FC Augsburg Energie Cottbus Hertha BSC A Erzgebirge Aue N 1860 München Karlsruher SC VfL Bochum A RW Oberhausen FSV Frankfurt 1. FC Union Alemannia Aachen Arminia Bielefeld SC Paderborn 07 Fortuna Düsseldorf VfL Osnabrück N FC Ingolstadt 04 N

0 0 0 0 0 0 1 1 1 1 1 1 1 2 2 2 2 2

DIF. PKT.

5 4 4 3 2 2 1 0 0 0 0 -1 -3 -2 -2 -3 -4 -6

6 6 6 6 6 6 3 3 3 3 3 1 1 0 0 0 0 0


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1 Wärm dich an Deiner Hertha – das Bier bleibt vor der Winterpause sowieso gekühlt. 2 Dieser Weg wird ein weißer sein ... Auf zum Augsburger Stadion! 3 Sächsischer Nudeltopf mit Käse und Ketchup in Aue. Legendär! (schlecht) 4 Fast wie zu Hause – mit Laufbahn, vollem Gästeblock und vielen Freunden.


KOMM MIT AUF AUSWÄRTSFAHRT

Fotos

KAI-UWE HEINRICH ( TAGESSPIEGEL )

Kai-Uwe Heinrich und André Görke sind Hertha in jeden Winkel der Zweiten Liga hinterhergereist – hier ist ihr fotografisches Protokoll

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SPIELTAG

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Sie johlen und tanzen, bewaffnet mit Champagnerflaschen: Herthas Spieler und Fans zelebrieren beim 2:1 gegen Mitaufsteiger Augsburg den spritzigen Höhepunkt der Saison Markus Babbel ist ein modebewusster Mensch mit einem Faible für dunkle Abendgarderobe, aber diesmal entscheidet er sich mit Bedacht für einen eher schlichten Trainingsanzug. Ja, die obligatorische Weißbierdusche, sie kommt an diesem letzten Spieltag eimerweise daher und ist dem Trainer von Hertha BSC angenehme Pflicht nach diesem 2:1-Sieg über den Mitaufsteiger FC Augsburg. Als Babbel schon glaubt, alles überstanden zu haben, stürmt ein siebenköpfiges Kommando unter der Führung von Verteidiger Roman Hubnik den Presseraum des Olympiastadions. Alle sind sie bewaffnet mit Champagnerflaschen aus dem Hause Pommery, sie brüllen und johlen, sie tanzen und spritzen. Markus Babbel trägt es mit Fassung und nimmt eine Flasche mit als Souvenir. Sie feiern ja jetzt schon ein paar Wochen lang, aber nie ist ihnen die Erleichterung über die erfüllte Mission Aufstieg so stark anzumerken gewesen wie

So was hat man lange nicht geseh’n

in diesem Augenblick, gut eine halbe Stunde nach dem letzten Schlusspfiff. Endlich ist es vorbei! „Ich habe den Aufstieg versprochen, und ich habe Wort gehalten“, sagt der vor Champagner triefende Babbel und bedankt sich beim Verein für „den Mut, mir diese Aufgabe anzuvertrauen, es ist ja nicht selbstverständlich, einen jungen Trainer zu verpflichten“. Berlin ist wieder wer im Fußball. Vor einem Jahr haben hier die Bayern ihre Meisterschaft gefeiert, aber für Berlin und Hertha war es damals ein sehr trauriger Tag. Längst vergessen. Hertha BSC kehrt zurück in die Erste Liga, und zur finalen Feier kommen 77.116 Zuschauer plus Herthas früherer Torjäger Marko Pantelic ins Olympiastadion. Zum Abschied von der Zweiten Liga gibt es mit dem 23. Sieg im 34. Spiel noch einen Zweitliga-Rekord und, sehr viel emotionaler, den Abschied von Herthas Rekordspieler Pal Dardai, der nach seiner Auswechslung kurz vor dem Halbzeitpfiff vom Applaus umspült auf die Ehrenrunde geht. Schon in seinen ersten Sekunden als Profi a.D. darf er aus bester Perspektive ein Tor bestaunen. Dardai absolviert gerade mit seinem Sohn auf den Schul-

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PA / SOEREN STACHE ( DPA )

Sie feiern ja jetzt schon ein paar Wochen lang.

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PA / THOMAS EISENHUTH ( DPA )

tern die Ehrenrunde, da drischt Lasogga den Ball nach Ronnys Ecke aus zehn Zentimetern zum 1:0 ins Augsburger Tor. Wahrscheinlich wäre der Ball auch so ins Tor getrudelt, aber in solchen Dimensionen denkt einer wie Lasogga nicht, „da musst du als Stürmer egoistisch sein“, sagt er, „der Ball war doch vorher noch nicht drin, oder?“ Beide Mannschaften mühen sich nach Kräften um die Simulation eines echten Wettkampfes, aber naturgemäß gelingt es ihnen nicht immer, mit dem Wissen um den sicheren Aufstieg im Hinterkopf. Das Publikum amüsiert sich trotzdem, es feiert sich selbst und nimmt auch den Augsburger Ausgleich Mitte der zweiten Halbzeit gelassen zur Kenntnis. Stephan Hain profitiert bei seinem 1:1 auch davon, dass Herthas Innenverteidiger Andre Mijatovic und Roman Hubnik die Abwehrorganisation schon auf Autopilot geschaltet haben. Am Ende wird doch noch alles gut, weil der für Lasogga eingewechselte Rob Friend allen noch mal zeigen will, dass er kein zwei Millionen Euro teures Missverständnis ist. In Minute 72 reißt Gibril Sankoh den Kanadier im Strafraum um. Dafür bekommt der Augsburger die Rote Karte und Hertha einen Elfmeter, Lewan Kobiaschwili verwandelt ihn zum Siegtreffer. Dann nehmen die Feierlichkeiten ihren Lauf. Erst auf der offiziellen Bühne der Deutschen Fußball-Liga, wo Pal Dardai als erster seine Medaille bekommt und Kapitän Mijatovic als letzter Spieler die Meisterschale, sie sieht wirklich aus wie eine Radfelge. Weiter geht’s zum Stelldichein mit den Fans vor der Ostkurve und am Abend zur offiziellen Meisterparty auf Eiswerder. Und am nächsten Tag noch zu Klaus Wowereit zum Rathausempfang. Nach dieser langen, schönen Verlängerung der Saison fliegt die Mannschaft zur Aufstiegssause nach Mallorca, und dort werden Bier und Champagner nicht nur zum Duschen des Trainers verwendet. SVEN GOLDMANN

Heimspiel Klaus Wowereit ist im letzten Jahr schwer dafür kritisiert worden, dass er sich nicht ein bisschen mehr ins Zeug gelegt hat für den Eurovision Song Contest. Preiset seine Weitsicht: Wer will schon Lena singen hören, wenn Hertha den Aufstieg feiert? UEM

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Anzeigetafel SONNABEND / 15.05.11 / 13.30 UHR HERTHA BSC

FC AUGSBURG

2:1 1:0

AUFSTELLUNGEN Aerts _ Lell, Hubnik, Mijatovic K , Kobiaschwili _ Lustenberger, Dardai 42. Ebert _ Ronny 71. Rukavytsya, Raffael, Ramos _ Lasogga 65. Friend Trainer: Markus Babbel

Jentzsch _ Verhaegh, Callsen-Bracker, Sankoh, de Jong _ Hosogai _ Brinkmann 80. Reinhardt, Sinkiewicz _ M. Ndjeng 63. Leitner, Werner _ S. Hain 75. Thurk Trainer: Jos Luhukay

TORSCHÜTZEN 1 : 0 Lasogga 44. 1 : 1 S. Hain 60. Sinkiewicz 2 : 1 Kobiaschwili 74. Elfmeter

ZUSCHAUER SCHIEDSRICHTER GELB-ROTE KARTEN ROTE KARTEN BES. VORKOMMNISSE

77.116 Olympiastadion Bibiana Steinhaus Hannover 0 Sankoh 73. Notbremse Keine

WEITERE SPIELE

Karlsruhe Bochum Paderborn Cottbus Fürth Aachen FSV Frankfurt Ingolstadt

– – – – – – – –

1. FC Union Duisburg 1860 München Oberhausen Düsseldorf Bielefeld Aue Osnabrück

TABELLE

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18.

Hertha BSC A FC Augsburg VfL Bochum A Greuther Fürth Erzgebirge Aue N Energie Cottbus Fortuna Düsseldorf MSV Duisburg 1860 München Alemannia Aachen 1. FC Union SC Paderborn 07 FSV Frankfurt FC Ingolstadt 04 N Karlsruher SC VfL Osnabrück N RW Oberhausen Arminia Bielefeld

3:2 3:1 3:2 3:1 1:1 1:1 0:2 0:1

SP

G

U V

34 34 34 34 34 34 34 34 34 34 34 34 34 34 34 34 34 34

23 19 20 17 16 16 16 15 14 13 11 10 11 9 8 8 7 4

5 8 5 10 8 7 5 7 10 9 9 9 5 10 9 7 7 8

6 7 9 7 10 11 13 12 10 12 14 15 18 15 17 19 20 22

2:1 1:0 2:1 1:0 0:0 1:0 0:1 0:1

TORE

69 : 28 58 : 27 49 : 35 47 : 27 40 : 37 65 : 52 49 : 39 53 : 38 50 : 36 58 : 60 39 : 45 32 : 47 42 : 54 40 : 46 46 : 72 40 : 62 30 : 65 28 : 65

DIF. PKT.

41 31 14 20 3 13 10 15 14 -2 -6 -15 -12 -6 -26 -22 -35 -37

74 65 65 61 56 55 53 52 50 48 42 39 38 37 33 31 28 17


STADIONRAP MIT BULETTE UND KUSCHELBÄR Hertha ist tatsächlich erstklassig. Wer’s immer noch nicht glaubt: Hier sind zehn Gründe, warum Berlins deftigster Sportverein rockt

TexT

ROBERT IDE

1. DER NAME

2. DIE FANS

Die gute alte Tante Hertha – das erinnerte sich ein Junge, als er mit klingt nach Kaffeefahrt an den ein paar Kumpels einen Fußballklub Wannsee. Dabei tuckert Hertha als gründete und dafür einen Namen Dampfer durch Brandenburg. Der suchte. Der Kutter, in der DDR unter Verein, den nur ahnungslose Aus- dem Pioniernamen „Seid Bereit!“ unwärtige und Agenturjournalisten terwegs und nach dem Umbruch als „Alte Dame“ nennen, heißt nämlich „Seebär“ neu flott gemacht, schipso, weil wiederum ein Ausflugs- pert heute wieder unter alter Flagge schiff so hieß, das wiederum nach durch die Kyritzer Seenplatte. Berlin der Tochter eines Reeders benannt könnte ihn laut Kapitän Peter Dentworden war. An eine Ausfahrt mit ler gerne zurückhaben – aber dafür diesem Doppelschraubendampfer hat Tante Hertha kein Geld.

Hey, das geht ab, wir feiern die Meisterschaft – der erste Stadionrap Deutschlands hat die HerthaFans, die sich diesen hüpfenden Irrsinn ausgedacht hatten, überall bekannt gemacht. Doch dann wurde es vor zwei Jahren doch nichts mit der Meisterschaft und überall, wo die Berliner Fußballrapper hinkamen, wurden sie mit dem Lied empfangen: „Hey, das geht ab, die Hertha steigt endlich ab.“ Beleidigt

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war deshalb keiner – im Gegenteil, Hertha erfand sich in der Zweiten Liga einfach neu, und das Publikum war nicht nur bei den stimmungsgeladenen Derbys mit dem 1. FC Union erste Klasse. Im Durchschnitt kamen 46.000 Menschen gegen Gegner wie Paderborn, Ingolstadt oder 1860 München ins Olympiastadion – das hat noch keine Zweite Liga in Europa gesehen. Und ein neues Lied für die Hertha-Hüpfburg gab es auch: „Wir sind da, jedes Spiel, ist doch klar, Zweite Liga, tut so weh, scheiß egal, BSC.“

3. PATRICK EBERT Sie hatten mal eine krasse Ghettokombo bei Hertha zusammen, und inzwischen weiß man ja, dass Kevin-Prince Boateng gerne auch Spielerbeine abtritt. Patrick Ebert soll jedenfalls dabei gewesen sein, als am Morgen des 18. März 2009 nach einer Geburtstagsfeier in Wilmersdorf mehrere Autos demoliert wurden. Bestritt er zunächst alles vehement, akzeptierte er inzwischen einen Strafbefehl. Und spielte in der Zweiten Liga ohne die anderen Jungs befreiter, weil ernsthafter auf. Erst verletzt, entwickelte sich der Mittelfeldmann mit neuer Schönlingsfrisur zum spielenden Symbol des Aufstiegs: hingefallen, wieder aufgestanden, weitergeackert. Ebert steht wie der Stürmer Pierre-Michel Lasogga für Herthas neue Suche nach Identifikation und Integration. Die Fans haben ihm auch schon ein Lied gewidmet: „Patrick Ebert, du alter Rowdy, trittst die Spiegel ab, machst Kratzer in den Lack und schmeißt die Roller um.“

stück, das von den Fans des 1. FC Union in Freizeitarbeit renovierte Kleinod an der Alten Försterei, ist Hertha nicht klein genug. Im Köpenicker Wald gibt’s nicht genügend Pinkelbecken.

5. HERTHINHO Knut ist ertrunken, die Eisbären jagen im Frühling einem Puck hinterher, der Berliner Wappenbär streunt in einem komischen Kleingehege in Mitte herum. Berlins lustigster Bär ist der blau-weiß gestreifte Kuschelbauch aus dem Olympiastadion. Herthinho kann man für Partys mieten. Man muss dann aber aufpassen, dass er mit seiner Wampe nicht die Mampe und das Schultheiss vom Tisch fegt. Alles schon passiert.

6. DEMUT Das passt nicht zur Bundesliga, und auch nicht zu Hertha, die unter Allesmacher Dieter Hoeneß gerne mal als Großkotz BSC rüberkam. Im Unterholz des Profifußballs, auf den Grasnarben der Zweitklassigkeit wurde Berlins größter Profiverein mit seinen 22.000 Mitgliedern nun endlich geerdet. Manager Michael Preetz schien nach dem letzten Abstieg zwar zuweilen von seinem Schreibtisch verschluckt worden zu sein, und Erfolgstrainer Markus Babbel hob erst bei der vorgezogenen Aufstiegsparty in Duisburg ab, als ihn die Spieler in die Luft warfen. Aber genau diese Bescheidenheit hat Hertha gut getan. Schließlich ist der Verein so verschuldet wie seine Stadt.

7. FRANK ZANDER

FoTo

DPA

4. DAS OLYMPIASTADION

Gibt es eine Stadionhymne, die Fans Man muss es ehrlich sagen: Die Cur- singen, ohne dass sie eingespielt rywurst schmeckt nicht, das Bier ist wird? In Berlin schon. „Nur nach lau, die Laufbahn um das Fußball- Hause geh’n wir nicht“, hat Frank feld ist Mist. Und trotzdem ist das Zander geträllert, als er mal mit Olympiastadion die tollste Bühne, Freunden auf Ibiza freudentrunken die Berlin zu bieten hat – wenn es „Sailing“ von Rod Stewart nachklimdenn voll ist. Die blaue Schüssel perte. Kurz darauf hat Zander das erkennt die ganze Welt auf einen Lied im Olympiastadion gesungen Blick. In modernen Stadien mit den – als Laudatio auf Herthas Amateurbescheuerten Namen „Imtech-Are- mannschaft, in der Blumenverkäuna“ oder „RheinEnergie-Stadion“ fer und Elektrotechniker 1993 senmag man zwar komfortabler sitzen sationell ins Pokalfinale stürmten. und trotzdem näher am Geschehen, Die Fans singen die Hymne nun bei sie verströmen aber mit ihrem Wer- jedem Spiel – und Frank Zander, der begewitter doch nur den Glanz des Berlins Obdachlose bewirtet und real existierenden Fußballkapitalis- neue Coverlieder an seiner Liebmus. Für das sympathische Gegen- lings-Currywurstbude am Ku’damm

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vorstellt, ist mit seinen fast 70 Jahren wieder ein Berliner Original mit Sexappeal. Wie Hertha.

8. DAS PREUSSISCHE LANDWIRTSHAUS In Prenzlauer Berg, Mitte und Friedrichshain schießen sie wie Pilsetten aus dem Boden: Fußballkneipen für Zugezogene. Doch beim Kölsch oder VfB-Stuttgart-Latte-Macchiato wird vor allem das Fernweh gefeiert und nicht die Heimat. Herthas Fankneipen dagegen sind wie Berlin: ehrlich deftig. Im Preußischen Landwirtshaus, nur ein paar Schritte vom Olympiastadion und den ebenfalls sympathisch-reudigen Stadion-Terrassen entfernt, wird ein Kilo Eisbein aufgetischt, dazu Engelhardt-Pils aus Charlottenburg. Natürlich gibt man sich auch weltläufig. Die preußische Kutscherpfanne, Buletten mit Sauerkraut, wird an der Grillstation gern englisch serviert: „Prussian Coachmen Platter“.

9. VORURTEILE Hertha? Da gehen doch nur Proleten hin. Und verkappte Nazis. Eventfans sowieso. West-Berliner Beamte. Politikerwitwen. Hertha spiegelt sich auch immer in den Vorurteilen gegenüber dem Verein und seinen Anhängern. Dabei ist das Publikum nicht nur größer, sondern auch vielfältiger als bei allen anderen Berliner Sportvereinen. Vielleicht kommen deshalb auch so viele Brandenburger ins Olympiastadion.

10. HERTHA IST EIN OSTVEREIN Seine große Zeit hatte der Klub Ende der Goldenen Zwanziger und Anfang der Dreißiger Jahre an der Plumpe. Das Stadion am Gesundbrunnen ist längst abgerissen, nun spielt man im Westen vom Westen. Gegründet aber wurde Hertha 1892 auf dem ehemaligen Exerzierplatz in Prenzlauer Berg, nahe des heutigen Mauerparks. Der Verein hatte nach dem Mauerbau im Osten viele Fans („Hertha und Union – eine Nation“), zum ersten Spiel nach dem Mauerfall gewährte er DDR-Bürgern freien Eintritt – die konnten ihr Begrüßungsgeld anderweitig verjubeln und in Kassettenrekordern und Kiwis anlegen. Vielleicht ist es also kein Zufall, dass Herthas treueste Anhänger im Olympiastadion in der Ostkurve stehen.


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PA / SOEREN STACHE ( DPA )

Fete mit Felge. Herthas Spieler haben sich in der Saison 2010/11 die einer Radkappe nachempfundene Meisterschale der Zweiten Liga mehr als verdient. Nun dürfen die Berliner in der Bundesliga wieder an einem größeren Rad drehen.

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PA / SOEREN STACHE ( DPA )

Berliner Missionskirche. Nicht erst mit dem Aufstieg ist Herthas Mannschaft klar geworden, was sie an ihren treuen Fans hat. Der Zuschaueransturm ist jedenfalls so erstaunlich wie Herthas souveränes Spiel. So kann‘s weitergehen.

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Hertha BSC ist zurück in der Bundesliga. Und Berlin hat sich für Berlins größten Sportverein neu begeistert. Im Buch zum Aufstieg erzählen Tagesspiegel-Reporter die Erfolgssaison neu und bewerten alle Spieler in der Einzelkritik. Erleben Sie in zahlreichen Reportagen und Analysen die Erneuerung Herthas mit, lesen Sie Interviews mit Trainer Markus Babbel, Manager Michael Preetz sowie dem besten Torschützen Adrian Ramos und lassen Sie sich von den Emotionen zahlreicher Fanfotos mitreißen.

ISBN 978 – 3 – 939842 – 37 – 0 16,90 €


Herthabuch 2011 Leseprobe  

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