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ZUKUNFT BRAUCHT ERINNERUNG

Kriegsgräberfürsorge als Gemeinschaftsaufgabe des Auswärtigen Amts und des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

10.3. - 25.4.14 10.00 bis 19.00 Uhr Lichthof des Auswärtigen Amts Werderscher Markt 1 · 10117 Berlin · Eintritt frei

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.


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Das Jahr 2014 ist ein wichtiges Gedenkjahr. 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges müssen wir die richtige Lehre aus der Geschichte ziehen. Die Geschichte, gerade die deutsche, mahnt uns zu Frieden und Völkerverständigung. An kaum einem Ort wird diese Mahnung deutlicher als auf den Soldatenfriedhöfen des Ersten und des Zweiten Weltkrieges. Die Pflege deutscher Kriegsgräber im Ausland durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist nicht nur ein letzter Dienst für die dort Ruhenden und nicht nur eine menschliche Pflicht gegenüber den Angehörigen. Sie ist im Sinne der Versöhnung über den Gräbern auch ein wichtiger Beitrag zur Gestaltung unserer Außenpolitik. Für unsere gemeinsame Zukunft in Europa brauchen wir die ErinBundesminister des Auswärtigen Dr. Frank-Walter Steinmeier nerung als Ansporn, weiter für den Frieden (copyrightAA/photothek Thomas Imo) und die Vollendung eines vereinten Europa zu wirken. Denn Europa ist die Antwort auf die Katastrophen, die unser Kontinent im 20. Jahrhundert durchlebt hat. Besonders zuversichtlich stimmt mich, dass Jugendliche aus ganz Europa unter Anleitung des Volksbundes gemeinsam für den Erhalt von Kriegsgräberstätten arbeiten und so Versöhnung lebendig werden lassen. Ich lade Sie herzlich ein, in dieser Ausstellung mehr darüber zu erfahren, wie der Volksbund, unterstützt durch das Auswärtige Amt, die staatliche Aufgabe der Kriegsgräberpflege im Ausland wahrnimmt.


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In Sachen Gedenkkultur ist das Jahr 2014 ein interessantes Jahr. Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Und: Vor 25 Jahren fiel die Mauer. Der Volksbund wird dies alles in seiner Arbeit berücksichtigen. Lassen Sie mich hier aber nur einen Punkt ansprechen: Der Erste Weltkrieg war die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Wir müssen uns mit ihm auseinandersetzen und sollten es in einem europäischen Dialog tun. Die europäische Union ist die Gestalt gewordene Lehre der Schrecken der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Friedhöfe für die Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaften müssen als Lernorte der Geschichte besser erkannt – und anerkannt – werden. Dies zu fördern, dies in die Gesellschaft zu tragen, ist eine anspruchvolle Aufgabe, der wir uns gerne stellen.

Der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Außenminister a.D. Markus Meckel


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Zu dieser Ausstellung Die weltweite Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. ist ohne die Unterstützung des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland nicht denkbar. Der Volksbund arbeitet seit den 50er Jahren im Auftrag der Bundesregierung im Ausland. Seine Aufgabe ist die Suche, Identifizierung und würdige Bestattung deutscher Kriegstoter. Hierzu hat der Volksbund eine große Anzahl deutscher Kriegsgräberstätten des Ersten und des Zweiten Weltkrieges instand gesetzt oder neu errichtet, um das dauerhafte Ruherecht der Kriegstoten zu gewährleisten. Diese Ausstellung zeigt die einzelnen Arbeitsfelder des Volksbundes unter besonderer Berücksichtigung der Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt, aber auch mit weiteren staatlichen Institutionen. Das Auswärtige Amt ist seit den frühen 50er Jahren ein verlässlicher Partner des Volksbundes. Obwohl der Volksbund, als nichtstaatlicher Verein, bis heute erhebliche Eigenmittel zur Finanzierung seiner Arbeit aufgebracht hat, war er stets auf die finanzielle Unterstützung des Auswärtigen Amts angewiesen und wird dies zukünftig weiterhin bleiben. Daher ist die enge Kooperation beider Partner unerlässlich. Die Ausstellung soll dem Betrachter diese gemeinsame Arbeit darstellen und zugleich dafür werben, die Kriegsgräberstätten dauerhaft als „Mahnmale zum Frieden“ zu erhalten. Mit dieser Ausstellung wollen das Auswärtige Amt und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. die Ergebnisse ihrer jahrzehntelangen, erfolgreichen Zusammenarbeit dokumentieren. Es geht hierbei um die Kriegsgräberfrage im Ausland, die in der „Urkatastrophe“ des Ersten Weltkrieges ihren Ursprung hat. Dem Besucher dieser Ausstellung soll vermittelt werden, welche gewaltige Kraftanstrengung zur Bewältigung dieser Aufgabe erforderlich war, welche Ziele erreicht wurden und was an weiteren Aufgaben bestehen bleibt.

Soldatenfriedhöfe dienen der gemeinsamen europäischen Erinnerung an die Schrecken der vergangenen Kriege. Aus Anlass der 70. Wiederkehr des Beginnes des Ersten Weltkriegs trafen sich Frankreichs Ministerpräsident Francois Mitterand und Bundeskanzler Helmut Kohl 1984 während einer gemeinsamen Feierstunde auf der deutschen Kriegsgräberstätte Consenvoye in der Nähe von Verdun. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die deutsch-französische Freundschaft gefestigt und intensiviert.


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Kleine Geschichte der Kriegsgräberfürsorge Die Geschichte der Kriegsgräberfürsorge reicht weit in die Geschichte der Menschheit zurück. Da diese Geschichte stets auch eine Geschichte der Gewalt und der Kriege ist, existieren Kriegsgräber im weitesten Sinne wohl mit Beginn der ersten Bestattungen. Seit es schriftliche Aufzeichnungen gibt, lässt sich Genaueres über die Behandlung von Kriegstoten und ihrer Gräber sagen. Das alte Griechenland steht hier am Anfang einer langen, wechselvollen Geschichte. Bereits im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung wurden die Toten der Kriege nicht einfach nur in Massengräbern bestattet. Man begann mit der Errichtung von Denkmälern. Seit der Antike gestaltete sich der Totenkult in Europa sehr unterschiedlich. Immer wieder fiel man in archaische Zeiten zurück, wie der Dreißigjährige Krieg zeigt. Dies reicht vom achtlosen Liegenlassen Gefallener bis zur Leichenfledderei. Die Höhe des Totenkultes war in aller Regel ein Spiegel der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse.

Leichenfledderei durch Normannen nach der Schlacht von Hastings – Teppich von Bayeux

1859 nahm Henri Dunant die Ereignisse auf dem Schlachtfeld von Solferino zum Anlass, klare Regeln für den Krieg aufzustellen und das Kriegsrecht soweit wie möglich zu humanisieren. Das von ihm gegründete Rote Kreuz wurde zum Vorreiter internationaler Regelungen, die auch die Behandlung Gefallener beinhalteten. Mit der Haager Landkriegsordnung (1899 und 1907) gelang der Durchbruch und mit den Genfer Rotkreuz-Abkommen von 1949 wurden die wichtigsten Fragen international verbindlich geregelt. Der amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) war mit seinen 750.000 Toten ein äußerst verlustreicher Krieg. Hier begann sich die Einzelgrabkennzeichnung sowie das „dauerhafte Ruherecht“ als weitere, wichtige Errungenschaften in der westlichen Welt für alle Kriegstoten durchzusetzen. Mit dem „Frankfurter Friedensvertrag“, der dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 folgte, versuchte man erstmals, die Kriegsgräberfrage in einem Friedensvertrag zu regeln. Der „Versailler Vertrag“, der den Ersten Weltkrieg formal beendete, enthielt eine Reihe von Bestimmungen und weiterführende Absichtserklärungen.

Leichenfledderei im 30jährigen Krieg – Gemälde von Piet Snyers

Den vereinigten Resten Toter Krieger Weihet Kränze Und fromme Gebete Feinde im Kampfe Ruhen sie im Frieden des Grabes Beisammen als Brüder

Für den Volksbund stellt die Einzelgrabkennzeichnung seit 1919 einen unverzichtbaren Standard dar, der sogar während der Zeit des Nationalsozialismus mit seinen geplanten gigantischen Monumenten, auch so genannten „Totenburgen“, gegen große Widerstände aufrecht erhalten wurde. Auch wenn die Verhältnisse vor Ort dieses Bemühen um eine Einzelgrabkennzeichnung nicht immer zugelassen haben, steht der einzelne Kriegstote mit seinem persönlichen Schicksal im Zentrum der Bemühungen des Volksbundes. Die Kriegsgräberstätten gelten heute als „Mahnmale zum Frieden“ und befinden sich mit dem Abtreten der unmittelbar betroffenen Kriegsgeneration in einem Sinn- und Bedeutungswandel von Orten überwiegender individueller Trauer zu Orten des kollektiven Gedenkens und des Lernens aus der Geschichte. Der Zustand der deutschen Kriegsgräberstätten wird überdies in der Öffentlichkeit des Auslandes zu Recht mit großer Aufmerksamkeit betrachtet. Insofern leistet der Volksbund mit Unterstützung des Auswärtigen Amts auch einen Beitrag für das hohe Ansehen der Bundesrepublik Deutschland im Ausland.

Henry Dunant – Gründer des Roten Kreuzes

Gedenkstätte zur Erinnerung an die Schlacht von Solferino 1859

Bild links oben: Kriegsgräberstätte für verstorbene Soldaten der Konföderierten Armee – Camp Chase (Columbus) Bild links unten: Deutsche Kriegsgräberstätte des Ersten Weltkrieges St. Laurent-Blangy (Frankreich) Bild rechts: Deutsche Kriegsgräberstätte des Zweiten Weltkrieges in Sologubowka/Russische Föderation


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Zur Geschichte des Ersten Weltkrieges Der Erste Weltkrieg – Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts Das historische Verständnis vom Ersten Weltkrieg ist gleichermaßen vielfältig, wie die Perspektiven aus denen es formuliert wurde. Als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, dem „Beginn des Zeitalters der Extreme“, dem „Ende des bürgerlichen Zeitalters“ und als der „Große Krieg“, um nur einige prominente Beispiele herauszugreifen, ist in der Beurteilung des Konflikts jedoch sein herausragender Zäsurcharakter für die europäische und globale Entwicklung im 20. Jahrhundert unzweifelhaft. So ist der europäische Gedanke, wie wir ihn heute kennen, letztlich ein Ergebnis des furchtbaren Stellungskrieges und der grausamen Materialschlachten in den Jahren 1914-18. Auch wenn damit die Muster und die Anlässe für noch weit größere Gewalteruptionen vorgegeben wurden, stellt sich der Erste Weltkrieg heute vielmehr, wenn auch über Umwege, als der Auftakt zu einem aus Gewalt geborenen und in Frieden sowie Wohlstand vereinten Europa dar. Auch die internationale politische Ordnung, in der wir leben, ist oftmals nur als ein Ergebnis oder eine Langzeitfolge aus diesem „Weltbrand“ zu verstehen. Dementsprechend können etwa der Siegeszug der demokratischen Verhältnisse in Europa, das Ende des Kolonialismus oder die Blockkonfrontation im Ost-West Konflikt ohne den Ersten Weltkrieg nicht erklärt werden.

Ursachen und Anlass Der Erste Weltkrieg war von seiner Ursache her ein rein europäischer Konflikt. Die Geschichte des Kriegsausbruchs vor 100 Jahren, der Zusammenbruch des fragilen europäischen Mächtegleichgewichts im Sommer 1914, ist eine Chronik des Versagens der europäischen Großmächte, deren machtpolitische Gegensätze und Rivalitäten sich im europäischen Staatensystem in zwei Bündnisblöcken gegenüber standen. Die Entente mit England, Frankreich und Russland, die bis 1916 durch die Beitritte von Italien und Rumänien erweitert wurde. Und die Mittelmächte mit Deutschland und Österreich-Ungarn, zu denen bis 1915 das Osmanische Reich und Bulgarien hinzutraten. Ursprünglich dienten diese defensiven Bündnissysteme zur Aufrechterhaltung des unsteten Gleichgewichts der Kräfte, im so genannten „Konzert der europäischen Mächte“. Doch sollte die auf allen Seiten seit Jahrzehnten vorhandene Bereitschaft zur Aufrüstung, als eine vermeintliche Sicherheitsgarantie, nicht nur gegenseitiges Misstrauen zur Folge haben. Umfang und Technisierung des Militärs verengten durch ihre Sachzwänge auch den Entscheidungsspielraum der Staatsführungen und verkehrten den Zweck der Verteidigungsbündnisse ins Gegenteil. Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 gab schließlich den Anlass zur entscheidenden Belastungsprobe der internationalen Beziehungen. Zwar ist es bis heute umstritten, warum in der anschließenden Julikrise 1914 die etablierten diplomatischen Vermeidungsstrategien zur Eingrenzung des heraufziehenden Konflikts nicht ausreichten. Festzuhalten bleibt jedoch die bei den europäischen Entscheidungsträgern vorherrschende Überzeugung, ganz legitim politische Ziele auch mit militärischen Mitteln durchsetzen zu können oder zu müssen. Der gesellschaftlich bestimmende Hochimperialismus, mit seiner Kombination aus Nationalismus und übersteigertem Prestigedenken, überforderte letztendlich die Fähigkeit der Diplomaten zum friedlichen Ausgleich von Sicherheitsinteressen und Expansionsforderungen. Auch wenn es keine objektive Notwendigkeit gab, hatte die damalige Konstellation und Risikopolitik den Kriegsausbruch zwischen Österreich und Serbien zur Folge. Die so ausgelöste Eigendynamik der Bündnisverpflichtungen versetzte Europa schließlich binnen weniger Tage in einen Krieg der Großmächte.

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Die Verkündung des „Zustands der drohenden Kriegsgefahr“ vor dem Zeughaus in Berlin am 31.7.1914


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Epochenbruch in der Kriegsgräberfürsorge Kriegsbeginn In allen Ländern wurden große Teile der Bevölkerung von einer regelrechten Kriegsbegeisterung erfasst. Insbesondere in den Städten waren patriotische Kundgebungen, Feierlichkeiten beim Auszug der Soldaten und Freiwilligenmeldungen zum Kriegsdienst besonders im August weit verbreitet. Die Hoffnung auf einen kurzen Krieg trog. Im August 1914 standen sich nahezu 6 Millionen Soldaten der Entente und 3,5 Millionen Soldaten der Mittelmächte gegenüber, so viele wie nie zuvor in einem Konflikt. Zwar ähnelten diese Heeresmassen zu Kriegsbeginn in vielen Dingen noch den Armeen des 19. Jahrhunderts, ihre Ausrüstung und ihr Einsatz hatten aber bereits einen Krieg des 20. Jahrhunderts zum Ziel. In schnellen und gewaltigen Angriffsoperationen versuchten beide Seiten ihren Gegner zu überwältigen und zur vernichtenden Entscheidungsschlacht zu zwingen. Doch bereits nach fünf Wochen war die deutsche Offensive gegen Frankreich im Begriff zu scheitern. Im Verlauf des Septembers gingen beide Seiten schließlich zur Defensive über und lieferten sich einen Wettlauf durch die noch vom Krieg verschonten Regionen bis zur Kanalküste. Im November hatte dann schließlich an der gesamten Westfront der für diesen Krieg so charakteristische Schützengraben den erhofften Bewegungskrieg mit schnellen Entscheidungen abgelöst. Gänzlich anders verlief hingegen das anfängliche Kriegsgeschehen im Osten. Dort gelang etwa den Deutschen bei der Verteidigung Ostpreußens ein überragender Erfolg, trotz zahlenmäßig unterlegener Kräfte.

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Mobilmachung – Gottesdienst vor dem Reichstag in Berlin

Ostpreußische Landwehr August 1914

Entstehung der modernen Kriegsgräberfürsorge Trotz unerbittlichem Einsatz von Mensch und Material erreichte keine der mächtigen Offensiven von 1914 die an sie geknüpften Erwartungen. Demgegenüber schnellten die Verluste bei allen Kriegsparteien in ungekannte, katastrophale Höhen. Die Beerdigung der bereits in der Anfangsphase hohen Zahl an deutschen Gefallenen erfolgte mit Kriegsbeginn jedoch nicht in Massengräbern. Stattdessen erhielten die Gefallenen, dort wo sie ums Leben kamen, eine individuelle Bestattung, die die Kriegsgräberfürsorge vor große Herausforderungen stellte. Daher wurde ab Ende des Jahres 1914 das seit Erlass des Kriegsministeriums vom 28. Juli 1916 in Gräberverwaltungsbezirke eingeteilte Etappenund Operationsgebiet durch garnisondienstfähige Offiziere personell verstärkt. Deren Aufgaben bestanden im Aufsuchen und Feststellen der Gräber, ihrer Festlegung in Verzeichnissen, der Identifizierung von unbekannt Bestatteten, der dauerhaften Erhaltung der Gräber, der Ausschmückung mit würdigen Grabzeichen und der Anfertigung von Bildaufnahmen für die Angehörigen. Ab 1917 vereinheitlichte die deutsche Heeresverwaltung die bis dahin zahllosen Fürsorgeaktivitäten durch die einzelnen Armeekommandos und Etappeninspektionen.

Links oben: Wachsender Bedarf an Holzkreuzen Rechts unten: Werkstätte der Gräberverwaltung Gent Rechts oben: Propaganda-Postkarte


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Wandel des Kriegsbildes im industrialisierten Krieg Aus der Bewegung in die statische Abnutzung Die Militärs auf allen Seiten hielten in den folgenden Kriegsjahren vergeblich an dem Versuch fest, durch Angriffe mit bislang unvorstellbarem Materialeinsatz eine Entscheidung zu erzwingen. So entwickelte sich der Krieg zu einem umfassenden industriellen Abnutzungskrieg. Gleichwohl blieb die Front im Westen bis zum Jahre 1918 nahezu statisch und auch die anderen Kriegsschauplätze konnten, trotz einer insgesamt höheren Dynamik, keine Kriegsentscheidung erbringen. Militärisch erzielten die Mittelmächte in den ersten zweieinhalb Jahren mit der Eroberung großer Teile Russisch-Polens und des Baltikums, den Siegen über Serbien und über das schließlich auch auf Seiten der Entente in den Krieg eingetretene Rumänien als Einzige beachtliche Erfolge. Die Offensiven der Entente im Westen blieben demgegenüber ebenso erfolglos, wie ihr Landungsunternehmen gegen die Dardanellen und ihre Vorstöße in der arabischen Welt. Uneinigkeiten über die Schwerpunktbildungen innerhalb der militärischen Führungskreise beider Seiten verlängerten das Leid der Soldaten nur noch mehr. Nicht zuletzt deshalb scheiterten der deutsche Angriff auf die strategisch bedeutende Festung Verdun 1916, genauso wie die englischfranzösischen Offensiven an der Somme und die mit ihnen koordinierten Offensiven der russischen Armee in Polen sowie der Italiener an der Alpenfront. Frontgrabstätte

Technische Dimensionen im industrialisierten Krieg Die von Beginn an hohen Verluste aller Kriegsparteien gingen maßgeblich auf den leichtfertigen, die Wirkung von Artillerie und Maschinengewehr unterschätzenden Einsatz ihrer Soldaten zurück. An allen Fronten liefen oder stürmten in den ersten Monaten des Krieges ganze Regimenter in dichten Linien den feindlichen Stellungen entgegen. Der Übergang vom Ideal des Bewegungskriegs zum Stellungskrieg bildete die Konsequenz aus der Pattsituation zwischen den hoch industrialisierten Gegnern. In Abständen von fünfzig bis zu achthundert Metern legten die Soldaten zunächst nur provisorische, mit zunehmender Dauer des Krieges zu ganzen Grabensystemen ausgebaute Defensivstellungen an. Die Abwehr- und Durchhaltefähigkeiten der darin eingesetzten Armeen steigerten sich durch zusätzliche Auffangstellungen, Versorgungs- und Ruhezonen im Verlauf des Krieges immer weiter. Im Westen war das so entstandene Stellungssystem letztlich rund 700 Kilometer lang und erstreckte sich von der Schweizer Grenze bis an die belgische Nordseeküste. Aufgrund immer neuer technischer Möglichkeiten, die alle verfügbaren Zerstörungspotentiale der industriellen Moderne ausnutzten, reduzierten die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs den einzelnen Soldaten und dessen Schicksal bis zur völligen Bedeutungslosigkeit. Begriffe wie „Feuerwalze“, „Trommelfeuer“, „Buntschießen“, „08/15“ und „Blutmühle“ wurden zu Metaphern der industrialisierten Kriegsführung. Völlig neue Waffen wie Giftgas, Flugzeuge, U-Boote und Panzer traten hinzu.

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Oben links: Deutsches schweres Fla-MG Unten links: Britische Schiffsgeschütze vor Ypern 1915 Oben rechts: U 28 verlässt Wilhelmhaven – gesunken am 2.9.1917 Unten rechts: Fort von Longwy, Angriffsfront auf der Sturmseite mit Schützengräben 1914

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Kriegsverlauf und Kriegserfahrung Von Siegen und Niederlagen Der relativ starken strategischen Stellung der Mittelmächte auf dem Kontinent entsprach das Übergewicht der Entente im globalen Rahmen. So war es vor allem das Mittel der Seeblockade, das die Mittelmächte vom Welthandel abschnitt und die maritime Überlegenheit der englischen Flotte demonstrierte. Durch einen uneingeschränkten U-Boot-Krieg versuchte Deutschland das Blatt zu wenden, zog damit aber 1917 die USA in den Konflikt hinein. Der amerikanische Kriegseintritt stärkte seitdem die Zuversicht der Entente, die militärischen und wirtschaftlichen Kräfte der Mittelmächte in einem Zweifrontenkrieg über einen längeren Zeitraum niederzuwerfen. Indem 1917 die Revolution Russland erfasste und sich ein baldiger Friedensschluss abzeichnete, schöpften auch die Mittelmächte neue Siegeshoffnungen. Der Separatfrieden von Brest-Litowsk beendete die Situation des Zweifrontenkrieges und zwang dem revolutionären Russland einen Gewaltfrieden mit riesigen Gebietsabtretungen auf. Der kurz darauf im Westen geführte Angriff sollte nun die endgültige Entscheidung erzwingen und zugleich das bisher Erreichte vor Eintreffen der amerikanischen Truppen absichern. In den gewaltigen Offensiven des Frühjahres 1918 erkämpften die deutschen Truppen zunächst umfangreiche Geländegewinne. Der entscheidende Durchbruch blieb wie in den Jahren zuvor jedoch aus. Stattdessen sollten die Gegenoffensiven der Entente, insbesondere durch die Unterstützung amerikanischer Truppen und den überlegenen Einsatz von Panzern, nach vier Jahren im Sommer 1918 die Niederlage einleiten. Die deutschen Armeen wurden bis hinter ihre Ausgangsstellungen zurückgeworfen und zeigten erste Auflösungserscheinungen. Ebenso begann sich auch der militärische Zusammenbruch der Verbündeten immer deutlicher abzuzeichnen.

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Luftkampf zwischen Deutschen und Briten

Soldatische Kriegserfahrungen – Der Mensch im Krieg Der Einsatz an der Front bedeutete für die Soldaten aller Kriegsparteien mit Entbehrungen, ungeheuren körperlichen Strapazen, andauernder Gefahr, Verletzung und allgegenwärtigem Tod konfrontiert zu sein. Hinzu kamen Nässe, Kälte, Hitze und Regen, die Erfrierungen, Rheumatismus sowie hygienische Mängel, die Ruhr und andere Erkrankungen zur Folge hatten. Mitunter mussten die Soldaten wochenlang in ihren Stellungen ausharren. Ungezählte Angriffe und Gegenangriffe mit „Trommelfeuer“, in denen hunderttausende von Soldaten ihr Leben verloren, bestimmten die Zeit an der Front. Daraus resultierende Todesängste, Hoffnungslosigkeit und seelische Zusammenbrüche führten zu gravierenden psychischen Belastungen bei den Soldaten.

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Deutsche in britischer Kriegsgefangenschaft

Insgesamt erlitten im Laufe des Krieges etwa 20 Millionen Soldaten Verwundungen, davon vier Millionen Deutsche. Durch Explosionen und Splitter der Granaten wurden Gliedmaßen abgerissen oder so schwer verletzt, dass Amputationen unvermeidlich wurden. Fast jeder Siebte der im Ersten Weltkrieg eingesetzten 70 Millionen Soldaten verlor letztlich auf den Schlachtfeldern oder in den Lazaretten sein Leben.

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Links oben: Französiche Soldaten greifen an Links unten: Gefallene Briten im Drahtverhau vor deutscher Stellung Rechts oben: Bestattung gefallener deutscher Soldaten in Warschau BArch, Bild 183-R34592

Rechts unten: Bestattung gefallener deutscher Soldaten in Chatelet


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Kriegsgräberfürsorge zwischen Kriegsende und Weimarer Republik Kriegsgräberfrage und Versailler Friedensvertrag Mit Ende des Krieges begann die Demobilisierung des deutschen Heeres, weshalb die Erhaltungs- und Gestaltungsmaßnahmen auf den unzähligen Soldatenfriedhöfen, von denen allein in Frankreich und Belgien 4.300 bestanden, in großem Umfang unvollständig blieben. Nach der Räumung der besetzten Gebiete, durch Inkrafttreten des Waffenstillstands von Compiègne am 11. November 1918, waren die meisten der deutschen Grabstätten bis zum Inkrafttreten des Versailler Friedensvertrages am 10. Januar 1920 außerhalb des amtlichen deutschen Zugriffs. Zur Sicherstellung der Auskunftserteilung, Grabnachforschung und Erhaltungsarbeiten gelang es aber, auf die alliierte Waffenstillstandskommission Einfluss zu nehmen. Aus diesen Bemühungen heraus fanden zwischen den Kapiteln Rüstungsbeschränkungen und Strafbestimmungen, die Artikel 225 und 226 Eingang in den Versailler Friedensvertrag. Sie verpflichten die ehemaligen Gegner, dass „die Grabstätten der auf ihren Gebieten beerdigten Heeres- und Marineangehörigen mit Achtung behandelt und instand gehalten werden [und] jeden Ausschuss, der von irgendeiner der alliierten oder assoziierten Regierungen mit der Feststellung, der Verzeichnung, der Instandhaltung dieser Grabstätten oder der Errichtung würdiger Denkmäler auf ihnen betraut wird, anzuerkennen und in der Erfüllung seiner Aufgaben zu unterstützen.“ Damit war die Mehrheit der deutschen Gräber rechtlich geschützt und sollte zunächst formal vor Verfall bewahrt sein.

Gründung und Anfänge des Volksbundes Ende 1919 fanden sich einige wenige ehemalige Gräberoffiziere zusammen, um den neuen deutschen Staat, der regelrecht um seine Existenz zu kämpfen hatte, im Bereich der Kriegsgräberfürsorge zu unterstützen. Für die Gründung einer derartigen Organisation konnte die Unterstützung vieler auch heute noch bekannter Persönlichkeiten und Institutionen gewonnen werden. Ihre Namen demonstrierten die aus allen Teilen der deutschen Gesellschaft entgegengebrachte Unterstützung. Darunter sind Namen wie Adenauer, Rathenau, Schacht, Hauptmann, Liebermann und Faulhaber. Sie stehen neben dem Deutschen Roten Kreuz, dem Deutschen Städtetag, der Caritas, der Inneren Mission, der Jüdischen Gemeinde, bis hin zu kleineren Gewerkschaftsverbänden. Später prägten hohe Repräsentanten des bürgerlich-demokratischen Milieus, wie der ehemalige Reichskanzler Dr. Luther, den Volksbund auf Reichsebene.

Gründungsaufruf

Bereits 1920 gab es 177 Ortsgruppen mit 9.849 Einzelmitgliedern, 1927 waren es bereits 1.105 mit 104.000 Mitgliedern. Der Volksbund erlitt in der folgenden Zeit zwar Rückschläge durch Inflation und Wirtschaftskrise, konnte sich aber stabilisieren und seine Aktivitäten ausbauen.

Links: Werbepostkarte Rechts: Erste Ausgabe der Mitgliederzeitschrift


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Die Volksbundarbeit gewinnt Gestalt Am Beginn der Arbeit Die bemerkenswerteste Leistung im Inland war die Durchsetzung der Akzeptanz des Volkstrauertages als Gedenktag an die Opfer des Krieges. Wenngleich dies vorläufig nicht auf nationaler Ebene, verbunden und unterstützt durch entsprechende umfangreiche Gesetze auf Reichs- und Länderebene, geschehen konnte, zeigte doch die wachsende Zahl von vielen tausend Feiern in den Kommunen, dass der Volksbund auf dem richtigen Wege war. Trotz allem blieb aber eine eigenverantwortliche Instandsetzung und Neuanlage von Kriegsgräberstätten im Ausland weitgehend unmöglich. Obwohl der Versailler Vertrag im Bereich der Kriegsgräber eine grundsätzliche Gleichbehandlung vorsah, hing die praktische Arbeit von den Gegensätzen zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern ab. Während der Volksbund Informationen über Gräber und Friedhöfe sammelte, tausende Anfragen aus der Bevölkerung beantwortete und sich an der Inlandsgrabpflege beteiligte, wurden im Ausland ohne deutsche Beteiligung Fakten geschaffen. Es setzte zum Beispiel in Frankreich eine umfassende Auflösung ehemaliger deutscher Friedhöfe mit gleichzeitiger Zusammenbettung auf zentralen Sammelfriedhöfen unter Verwendung schlichtester Grabkennzeichnungen ein. Aufgrund der damals noch nicht entwickelten Umbettungsverfahren und -techniken, aber auch eines hierzu fehlenden Verständnisses, konnten hierbei keine nachträglichen Identifizierungen Kriegstoter vorgenommen werden. So galt das Hauptaugenmerk des Volksbundes anfangs nur der Sicherung der vorhandenen und dem Bau einiger erster Anlagen. Ab 1926 konnte mit der Bautätigkeit durch ein eigenes Baubüro begonnen werden, das allein in diesem ersten Jahr bereits 133 Friedhöfe in 14 Ländern Instand setzte. 1928 begann der eigentliche Friedhofsbau mit 42 Friedhöfen in Frankreich.

Zwischenkriegszeit und NS-Zeit

Sammlungsaufruf durch Reichspräsident Friedrich Ebert

Die Bilanz der Volksbundarbeit in der Zwischenkriegszeit war trotz der Widrigkeiten recht ansehnlich, blieb jedoch weit hinter den Notwendigkeiten zurück. Als 1933 die Machtergreifung des Nationalsozialismus erfolgte, begann auch die Gleichschaltung des Wohlfahrtssektors im Deutschen Reich. Für die extreme Rechte war der christlich geprägte Volksbund von jeher mit seiner auf den einzelnen Toten und das Einzelgrab gerichteten Arbeit kein interessanter Partner. Verweigerte Sammlungsgenehmigungen, die Ausgrenzung bisheriger Einzelmitglieder sowie korporierter Mitglieder (vor allem jüdischer Mitbürger), die Einführung des „Führerprinzips“, die Umwandlung des Volkstrauertages in den „Heldengedenktag“ mit gleichzeitiger Zurückdrängung des Volksbundeinflusses auf dessen Gestaltung, waren demnach schwerwiegende Eingriffe. Auch im Volksbund gab es eine Verstrickung in das NS-System. Im Herbst 1944 stand der Volksbund vor seiner völligen Vereinnahmung durch NS-Organisationen, obwohl die Errichtung von Soldatenfriedhöfen des Zweiten Weltkrieges der Gräberdienst der Wehrmacht übernahm. Am 8. Mai 1945 brach das Dritte Reich zusammen und mit ihm auch der Volksbund. Die Bundesgeschäftsstelle war mit zahllosen unersetzlichen Unterlagen ein Opfer des Bombenkrieges geworden. Zahlreiche Mitarbeiter waren gefallen, vermisst oder in Kriegsgefangenschaft. Volkstrauertag im Berliner Reichstag

Oben: Erste organisierte Reisen zu Kriegsgräbern im Ausland Unten: Reichspräsident von Hinden- burg spendet für den Volksbund


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Der erste deutsche Gefallene des Ersten Weltkrieges an der Westfront Das 5. Jäger-Regiment zu Pferde war in Mülhausen im Elsaß stationiert und diente im Bereich Tann (Elsaß) bis zur Schweizer Grenze dem Grenzschutz. Sicherungs- und Aufklärungsaktivitäten standen hierbei im Vordergrund. Eine dieser Aufklärungen führte am 2. August 1914, einen Tag vor Beginn des Ersten Weltkrieges, auch eine kleine Offizierspatrouille unter Führung des 22jährigen Leutnants Albert Mayer von der 3. Eskadron des Regimentes in den Raum Joncherey, Territoire de Belfort, auf französisches Gebiet. Sie gerieten dabei an französische Sicherungen unter Führung des 21jährigen Korporal Jules-André Peugeot vom 44. französischen Infanterie-Regiment. Im Verlaufe des sich entwickelnden Feuergefechts fielen beide. Seither gilt Albert Mayer, der um 9:59 Uhr fiel, als erster Gefallener des Ersten Weltkrieges an der Westfront.

Albert Mayer

Gedenktafel in Müllheim

Albert Mayer wurde von den Franzosen in Jonchery mit militärischen Ehren bestattet und 1920 auf die Kriegsgräberstätte in Illfurth umgebettet. Zu seinen Ehren wurde in Müllheim eine kleine Erinnerungsstätte gebaut. Während der NS- Zeit hat man versucht, das Schicksal Albert Mayers zur Heldenverehrung zu missbrauchen.

freiburg-schwarzwald.de

Erinnerungsstätte in Müllheim

Grabstein

Der letzte Gefallene des Ersten Weltkrieges Mit dem in Compiègne von Deutschland unterzeichneten Waffenstillstand wurde am 11. November 1918 der Erste Weltkrieg offiziell beendet. Doch die Meldung, dass ab 11 Uhr das Feuer einzustellen sei, kam bei einigen im Kampf stehenden Einheiten buchstäblich erst in letzter Minute an. So befand sich eine amerikanische Kompanie beim Côte Romagne im Rahmen der Meuse-Argonne-Offensive gerade auf dem Vormarsch, als sie auf eine deutsche Verteidigungsstellung traf. Offensichtlich wussten die Deutschen im Gegensatz zu den Amerikanern vom kurz bevorstehenden Waffenstillstand. Nachdem die Deutschen einige Feuerstöße aus einem MG auf die heranrückenden Amerikaner abgaben, aber gleichzeitig versuchten, sich mit Gesten zu verständigen, war auf amerikanischer Seite zu spät bemerkt worden, dass hier eine besondere Situation vorlag, in der man zunächst das weitere Vorrücken abbrechen sollte. Henry Nicholas Gunther

Der amerikanische Soldat Henry Nicholas Gunther stürmte zu diesem Zeitpunkt auf die deutsche Stellung zu, ohne zu beachten, was um ihn herum geschah. Später wurde die Vermutung geäußert, dass der im August 1918 wegen eines kritischen Briefes zum Private degradierte Sergeant, mit seinem tapferen Verhalten seinen Ruf wiederherstellen wollte. Gunther ist um 10:59 Uhr gefallen, eine Minute vor Beginn des offiziellen Waffenstillstandes. Damit gilt er als der letzte Gefallene des Ersten Weltkrieges. Er war der Sohn einer deutsch-amerikanischen Familie.

Most Holy Redeemer Cemetery

Henry Nicholas Gunthers sterbliche Überreste wurden auf Wunsch seiner Mutter 1921 nach Baltimore überführt, wo er auf dem Most Holy Redeemer Cemetery, einem Friedhof einer religiösen Gemeinschaft, endgültig beigesetzt wurde.

Links: Gedenkplatte Rechts: Grabstein


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Gräber gefallener deutscher, jüdischer Soldaten Unter den 500.000 namentlich bekannten deutschen Gefallenen des Ersten Weltkrieges in Frankreich sind auch 3.000 Kriegstote jüdischen Glaubens. Gemeinsam mit dem Zentralrat der Juden und der Rabbinerkonferenz in Deutschland beschließt der Vorstand des Volksbundes 1968, die Gräber dieser Toten mit Stelen zu kennzeichnen. Neben einer Gravur des Davidsterns und den persönlichen Daten des Gefallenen tragen die Stelen einen Spruch in hebräischer Sprache. Er lautet: „Möge seine Seele eingeflochten sein in den Kreis der Lebenden.“

Links: Maissemy (Frankreich) Rechts: Cerny-en-Laonnois (Frankreich)

Links: Workcamp Compiègne (Frankreich) Rechts: Soldaten der Bundeswehr auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weissensee beim alljährlichen Arbeitseinsatz

Links: Jungendgruppe in Niederbronn (Frankreich) Rechts: Neuville-StVast (Frankreich)

Carvin (Frankreich)


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Würdige Ruhe nach 95 Jahren Die Toten des Kilianstollens 95 Jahre nach ihrem Tod erhielten die 21 deutschen Soldaten, die 1918 im so genannten Kilianstollen nahe der elsässischen Gemeinde Carspach starben, endlich eine würdige Ruhestätte. Das deutsche Generalkonsulat in Straßburg und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hatten am Freitag, den 19. Juli 2013, zur feierlichen Beisetzung der Gefallenen auf der deutschen Kriegsgräberstätte in der französischen Gemeinde Illfurth, südlich von Mülhausen, eingeladen. Am 18. März 1918 wurden die Soldaten durch Artillerietreffer in ihrem Unterstand verschüttet. Die deutschen Truppen konnten die Leichname damals nicht bergen. Die Namen der Toten aber waren stets bekannt. Ein Gedenkstein am Ort ihres Todes erinnerte Jahrzehnte lang an ihr Schicksal. Erst 2011 legten französische Archäologen die unterirdische Anlage frei. Ihre Forschungsarbeit an den Gebeinen und den zahlreichen Fundstücken aus dem Alltagsleben der Soldaten sorgte für Aufsehen in Deutschland und Frankreich. Dem Volksbund war es gelungen, in einigen Fällen Hinterbliebene der Gefallenen zu ermitteln und zur feierlichen Beisetzung einzuladen.

Gedenkfeier zur Einbettung in Illfurth

In Illfurth sind etwa 2.000 deutsche Soldaten des Ersten Weltkrieges begraben. 1920 legten die französischen Militärbehörden den Friedhof an und betteten bis 1924 deutsche Soldaten und Kriegsgefangene aus über 60 Ortschaften nach Illfurth um. Unter ihnen war auch der erste deutsche Tote des Ersten Weltkrieges, Leutnant Albert Mayer. Er fiel am 2. August 1914 bei einem Patrouillenritt in Joncherey nahe Belfort. Bei diesem Gefecht verlor auch Korporal Jules-André Peugeot sein Leben, der als erster französischer Gefallener des „Grande Guerre“ gilt. Der Volksbund engagierte sich für die Pflege des Friedhofes zunächst in den 1920er und 30er Jahren. Nach dem Kriegsgräberabkommen 1966 übernahm er dann offiziell die Pflege.

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Jürgen Ehret

Vor der Einbettung

Französische Archäologen

Links: Luftaufnahme des Stollens Rechts oben: Das Stollensystem Rechts unten: Französische Archäologin


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Kriegsgräberfürsorge – Zwischen nationalstaatlicher Aufgabe und humanitärem Völkerrecht Internationale Vereinbarungen Durch Friedensverträge, nationale Gesetze und die Genfer Konventionen unterlagen die völkerrechtlichen Rahmenbedingungen der Kriegsgräberfürsorge seit dem Ersten Weltkrieg einer steten Weiterentwicklung. So definierte bereits 1929 einer der Vorläufer der heutigen vier Genfer Abkommen unter dem Eindruck des zurückliegenden Krieges, die grundlegenden Pflichten von Kriegsparteien während eines Konfliktes: • Erfassung und Mitteilung der Identität von Kriegstoten • Würdige Bestattung und Gewährleistung einer Lokalisierung der Gräber • Einrichtung von Gräberdiensten • Austausch von Listen über die Gräber der Gefallenen Ein zentrales Moment in diesem Prozess sollte von Beginn an die staatliche Verantwortung für die Kriegsgräberfürsorge sein. Denn nur Staaten waren als Völkerrechtssubjekte legitimiert und befähigt, diese Übereinkünfte umzusetzen. Aus diesem Grund nehmen heute in allen an den Weltkriegen beteiligten Nationen, außer Deutschland, amtliche Gräberdienste diese Verpflichtungen des humanitären Völkerrechts für ihre Staaten war. Einen weiteren und entscheidenden Aspekt der Kriegsgräberfürsorge regelte 1977 das erste Zusatzprotokoll zu den Genfer Abkommen von 1949, über den Schutz der Opfer internationaler und nicht internationaler bewaffneter Konflikte. Es ergänzte erstmals im Völkerrecht das Anrecht der Familien, das Schicksal ihrer Angehörigen zu erfahren.

Nationale Grundlagen und hoheitlicher Auftrag des Volksbundes Erst 1946 konnte der Volksbund seine Tätigkeit im Inland wieder aufnehmen. In kurzer Zeit gelang es, über 400 Kriegsgräberstätten anzulegen. Bis 1950 erfolgte die organisatorische Ausdehnung auf das ganze damalige Bundesgebiet und Westberlin. 1951 hatte der Volksbund wieder 480.000 Einzelmitglieder, wobei besonders 18.000 Kommunen und 17.000 Schulen als korporative Mitglieder zu erwähnen sind. Daran wird deutlich, wie trotz aller Anfangsschwierigkeiten die folgende Arbeit durch eine Volkstrauertag im Bundestag 2002 allseits positive Resonanz in der Bevölkerung, durch die politische und wirtschaftliche Konsolidierung sowie eine großzügige staatliche Förderung gekennzeichnet war. Bis Mitte der 50er Jahre konnten schließlich die größten Probleme im Inland gelöst werden. Zahllose Kriegsgräberstätten hatte man bereits instand setzen und neu errichten können. Durch die Übernahme der Zuständigkeit seitens der Innenministerien der Länder konnte der Volksbund seinen Blick auf das Ausland richten. Im Inland regelte ab 1952 das immer wieder aktualisierte „Gesetz über die Sorge für die Kriegsgräber“ die Kriegsgräberfürsorge. 1954 beauftragte die Bundesregierung dann in Abweichung von den internationalen Gepflogenheiten, durch Verzicht auf einen amtlichen Gräberdienst, die privatrechtliche Vereinigung des Volksbundes schließlich als alleinigen Träger mit der Aufgabe, die deutschen Soldatengräber im Ausland zu suchen, zu sichern und zu pflegen. Diese führt der Volksbund in eigener Verantwortung gemäß seiner Satzung aus und finanziert sie in erster Linie aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden, Nachlässen sowie aus Zuschüssen der Stiftung „Gedenken und Frieden“.


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Die Rolle des Auswärtigen Amts bei der Kriegsgräberpflege im Ausland Das Auswärtige Amt unterstützt über die deutschen Auslandsvertretungen die Arbeit des Volksbundes in den jeweiligen Gastländern. Diese vertreten die Bundesrepublik bei Gedenkveranstaltungen und übernehmen dort, wo der Volksbund nicht selbst präsent ist, die Pflege deutscher Kriegsgräber in ihrem Amtsbezirk. Das Auswärtige Amt hat mit bislang 43 Staaten Kriegsgräberabkommen als rechtliche Grundlage für die Kriegsgräberpflege im Ausland verhandelt. Die Geldmittel, die die Bundesrepublik Deutschland dem Volksbund und den Auslandsvertretungen für die Kriegsgräberpflege im Ausland zur Verfügung stellt, stammen aus dem Haushalt des Auswärtigen Amts.

Arbeit der Auslandsvertretungen Die „Versöhnung über den Gräbern“ als Motto der Kriegsgräberpflege ist ein außenpolitisches Ziel, das auch von den deutschen Auslandsvertretungen verfolgt wird. Die Botschaften, Generalkonsulate und Konsulate der Bundesrepublik Deutschland, in deren Amtsbezirk deutsche Kriegsgräber liegen, unterstützen den Volksbund bei seiner Tätigkeit vor Ort z.B. im Kontakt mit Behörden des Gastlandes. Sie richten Gedenkveranstaltungen, vornehmlich zum Volkstrauertag aus, sind aber auch bei nationalen Gedenktagen des Gastlandes präsent. Aus den aus aller Welt eingehenden Berichten zum Begehen des Volkstrauertages vor Ort wird deutlich, dass der Gedanke der „Versöhnung über den Gräbern“ und der „genius loci“ der Kriegsgräberstätten zu Gesten und gelebter Völkerverständigung zu inspirieren vermögen. Auszüge aus den Berichten: „Weil die Toten schweigen, beginnt immer alles wieder von vorn“. Mit diesem Zitat des Philosophen Gabriel Marcel rief die Botschafterin, Frau Susanne Wasum-Rainer, dazu auf, die Mahnung der Toten von Kriegen, Terror und Gewalt zu vernehmen und sich dafür einzusetzen, dass sich das Leid vergangener Kriege nicht wiederholt. Deutsche Botschaft Paris

Feierstunden auf deutschen Kriegsgräberstätten in Frankreich

Gemeinsam mit der Britischen Botschaft, der Französischen Botschaft und der Botschaft Italiens wird der Verstorbenen in einer rund einstündigen Zeremonie auf den vier Soldatenfriedhöfen auf dem Zentralfriedhof Sofia gedacht. Die Organisation der Gedenkzeremonie wechselt jährlich zwischen den vier Auslandsvertretungen. Die Botschaft unterstützte in den letzten Jahren den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. bei dessen Besuchen der deutschen Soldatenfriedhöfe im Land. Derzeit ist die Botschaft auf Bitte des Volksbundes in Zusammenarbeit mit den Behörden des Gastlandes dabei, ein geeignetes Grundstück für den Bau eines deutschen Sammelfriedhofes für die Gefallenen beider Weltkriege in Sofia zu identifizieren. Für die Pflege des deutschen Soldatenfriedhofes in Sofia stellt [das Auswärtige Amt,] Referat 503 Mittel bereit. Im April 2013 fanden die Verhandlungen zum Kriegsgräberabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Bulgarien in Sofia statt. Deutsche Botschaft Sofia


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Berichte vom Volkstrauertag aus den deutschen Auslandsvertretungen Volkstrauertag auf dem Soldatenfriedhof in Dionysos-Rapentosa: Am Volkstrauertag wird auf dem Soldatenfriedhof in Dionysos-Rapentosa traditionell der Opfer von Krieg, Terror und Gewaltherrschaft gedacht. Die Einladungen erfolgen durch die Deutsche Botschaft. Erstmals 2013 waren Vertreter der vier Generalstäbe der griechischen Streitkräfte anwesend. Mit dem besonderen Dank dafür verknüpft ist die Hoffnung, dass auch an diesem Ort weitere Zeichen für die deutsch-griechische Freundschaft und Aussöhnung gesetzt werden. Gedenkfeier in Maleme: Jeweils am letzten Sonntag im Mai im Rahmen der griechischen Gedenkwoche anlässlich des Angriffes auf Kreta wird aller Opfer des Angriffes auf Kreta mit einer Gedenkfeier auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Maleme gedacht. Erstmals 2013 hielt auch ein griechischer Veteran, Lt a.D. Nikolaos Kopasis, eine bewegende Gedenkrede, in der er sein Erlebnis vom Krieg schilderte und die künftigen Generationen mahnte, den Frieden zu bewahren. Die würdige und bewegende Feier wird idR durch die Lesung des Totengedenkens durch eine griechische Schülerin abgerundet. Deutsche Botschaft Athen

Ansprache des Generalkonsuls zum Volkstrauertag 2012: „Jeder der Soldaten, die hier und auf allen anderen Soldatenfriedhöfen durch Denkmäler und Grabsteine geehrt werden, aber auch die, deren Gräber und deren Namen keiner kennt, hatte Familie, hatte Freunde, hatte ein Leben. Sie zogen für ihr jeweiliges Vaterland in diesen Krieg, weil sie mussten, weil es ihre Pflicht war. Lassen Sie es mich so ausdrücken, wie ich es von denen gehört habe, die selber noch dabei gewesen sind, wie es die Soldaten selbst empfunden haben: weil es ihre verdammte Pflicht war. Wir gedenken aller Gefallenen des Krieges – der sowjetischen, der russischen, der deutschen, derer jeder Nation, denn der Tod kennt kein Vaterland – wie auch die Kraniche, die Rasul Gamsatov in seinen berühmten Versen zum Symbol der Gefallenen gemacht hat, kein Heimatland haben, wie auch das graue Heer der Wildgänse in Walter Flex’ bekanntem Lied aus dem Ersten Weltkrieg kein Heimatland hat.“ Ansprache des Generalkonsuls zum Volkstrauertag 2013: „Sie alle hatten ihre Träume, ihre Ideale, ihr Leben. Was davon blieb – ein Birkenkreuz, ein Stück Holz oder Stein mit einem Namen, eine abgebrochene Erkennungsmarke. Oder aber gar nichts, die große Leere: Unbekannter Soldat. Oder nur die Nachricht ‚Verschollen‘.Wir verneigen uns. Ohne Pathos, aber in Ehrfurcht vor den Toten. Ihre Namen sollen nicht vergessen werden.“ Deutsches Generalkonsulat Kaliningrad

Volkstrauertag – deutsche Kriegsgräberstätte Kaliningrad/Königberg

Deutscher Soldatenfriedhof in Nazareth: Als Stätte mit den meisten deutschen Kriegsgräbern findet hier jährlich die Gedenkfeier der deutschen Botschaft Tel Aviv anlässlich des Volkstrauertages statt. Seit 2012 findet diese in Form einer christlich-jüdischen Andacht statt. Die Teilnahme eines Rabbiners und weiterer Personen jüdischen Glaubens haben der Veranstaltung eine besondere Ausstrahlung verliehen und sie zu einem einzigartigen Ereignis gemacht. Der Rabbiner nahm mit einem Vorbeter und zehn erwachsenen israelischen Soldaten jüdischen Glaubens an der Gedenkfeier teil, die anwesend sein müssen, um das Kaddish zum Totengedenken zu sprechen. Repräsentanten aus 15 verschiedenen Ländern legten im Rahmen der Gedenkfeier Kränze nieder. In der Vergangenheit wurden verschiedene Maßnahmen auf dem Deutschen Soldatenfriedhof in Nazareth mit Mitteln aus dem AA-Haushalt finanziert. Deutsche Botschaft Tel Aviv

Volkstrauertag - deutsche Kriegsgräberstätte Nazareth (Israel)


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Berichte vom Volkstrauertag aus den deutschen Auslandsvertretungen Ansprache des deutschen Geschäftsträgers in Cannock Chase, 9.11.2013: „… In the face of the eternity of death, all petty squabbles of our daily lives fall silent. In German, we call a place like this “Friedhof”, a place of peace. And we call after the departed ‘May they rest in peace’ – a noble tradition! Peace is what each of these graves evokes in us. But peace should not only reign among the dead, it should bring together the living!” Deutsche Botschaft London

Einer langen Tradition folgend veranstalten die Deutsche Botschaft und die British High Commission Daressalam gemeinsam Anfang November eine Gedenkveranstaltung zum Remembrance Day (Volkstrauertag). Diese Veranstaltung ist ein Zeichen des gemeinsamen Gedenkens an die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und dass Versöhnung ehemaliger Kriegsgegner angesichts der begangenen Grausamkeiten immer wieder notwendig und möglich ist. Jeweils jährlich alternierend ist eine Vertretung mit der Organisation der Veranstaltung befasst, die nicht nur offizielle Teilnehmer anzieht. Viele zivile Gruppen beteiligen sich an der Kranzniederlegung im Rahmen der Feierlichkeiten. Geistliche Vertreter mehrerer Religionen und Konfessionen nehmen aktiv oder passiv an der Zeremonie teil. Besonderes Augenmerk liegt auf der zeremoniellen Berücksichtigung der Teilnahme der Vertreter anderer Commonwealth Staaten. Der Remembrance Day ist ein wichtiger Akt im jährlichen Veranstaltungskalender Tansanias, der jedes Jahr über 200 Teilnehmer anzieht. Anschließend werden die Teilnehmer in die jeweilige Residenz zu einem Frühstück eingeladen. Deutsche Botschaft Daressalam

Das Totengedenken spielt in Lettland eine – außergewöhnlich große – Rolle und die Arbeit des VDK wird in der Bevölkerung sehr hoch geschätzt. …. Gräber haben meist eine Bank, auf der sich die Angehörigen setzen können, Gräber werden regelmäßig besucht und gepflegt, es gibt besondere Totensonntagstraditionen. Die Botschaft erhält jedes Jahr mehrere Zuschriften von lettischen Bürgern, die darauf hinweisen, dass sie während der Sowjetzeit deutsche Soldatengräber gepflegt haben oder von Bürgern, die darüber berichteten, dass sie aus Eigeninitiative und ohne finanzielles Zutun der Botschaft auf deutschen Soldatenfriedhöfen die Zäune gerichtet und die Gräber gepflegt haben. Die Bevölkerung nimmt regen Anteil an Kriegsgräbereinsätzen der Bundeswehr und an Jugendworkcamps. Jedes Jahr finden zwei Bundeswehreinsätze und zwei Jugendworkcamps statt, an denen auch lettische Jugendliche teilnehmen. Für das Jahr 2014 ist im Rahmen der europäischen Kulturhauptstadt Riga 2014 ein Jugendaustausch mit einer Jugendgruppe des lettischen Kriegsmuseums angedacht. Deutsche Botschaft Riga

Volkstrauertag 2013 – Nowosibirsk, Temesvar, Den Haag, Tokio (v.l.n.r.)

Volkstrauertag –Tunis (oben links), Bukarest (unten links) und Mailand (rechts)


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Finanzielle Unterstützung der Arbeit des Volksbundes Die Kriegsgräberpflege im Ausland ist eine staatliche Aufgabe (Artikel 74 Abs. 1 Nr. 10 des Grundgesetzes), die traditionell vom Volksbund wahrgenommen wird. Daher stellt die Bundesrepublik dem Volksbund hierfür finanzielle Mittel zur Verfügung, die aus dem Haushalt des Auswärtigen Amts gezahlt werden. Ein kleiner Anteil der Mittel fließt in die Kriegsgräberpflege deutscher Auslandsvertretungen, wo der Volksbund nicht selbst vertreten ist. So wurden in den Jahren 2013 und 2012 jeweils 11 Mio EUR, im Jahr 2011 9 Mio EUR, im Jahr 2010 8,64 Mio EUR und im Jahr 2009 8,03 Mio EUR aus dem Haushalt des Auswärtigen Amts für Kriegsgräberpflege im Ausland aufgebracht.

Kriegsgräberabkommen Mit 43 Staaten bestehen Kriegsgräberabkommen, eine Reihe weiterer Abkommen werden gerade für die Bundesrepublik vom Auswärtigen Amt verhandelt. Sie bilden den rechtlichen Rahmen und die Rechtsgrundlage für die Arbeit des Volksbundes und gewährleisten den dauerhaften Bestand der Kriegsgräber im Gastland. Das erste Kriegsgräberabkommen, das die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg abschließen konnte, ist das Abkommen mit dem Großherzogtum Luxemburg in Form eines Notenwechsels vom 23.06.1952 und 03.07.1952.

Eines der jüngsten Kriegsgräberabkommen wurde am 10.8.2011 mit der Republik Montenegro abgeschlossen und vom deutschen Außenminister persönlich unterschrieben.


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Der Beitrag des Volksbundes zum positiven Deutschlandbild im Ausland Kriegsgräberfürsorge als Brücke für zivilgesellschaftliche Versöhnung Das Beispiel der deutsch-russischen Versöhnung zeigt, wie viel die vom Volksbund getragene Arbeit für die Annäherung der ehemaligen Feindstaaten auf zivilgesellschaftlicher Ebene beiträgt. Aus anfänglichem Widerstand und Skepsis in der russischen Bevölkerung entwickelte sich oftmals Verständnis für das deutsche Anliegen, die Kriegstoten würdig bestatten zu wollen. Viele russische Zeitzeugen sind trotz der Kriegserlebnisse bereit, die Arbeit des Volksbundes bei der schwierigen Suche nach den Kriegsgräbern zu unterstützen. Eine wichtige Rolle nehmen hierbei die russischen Veteranen ein, die auch Kontakte zu ihren ehemaligen Feinden pflegen und sich regelmäßig mit ihnen treffen. Nicht zuletzt sind es die internationalen Workcamps des Volksbundes, die die Jugendlichen zahlreicher Länder an den Gräbern ihrer Vorfahren zusammen führen. Der Volksbund arbeitet eng mit seinem russischen Partner, dem Verband „Soldatengedenkstätten“, zusammen. Verlässliche Gesprächspartner in den Belangen der Kriegsgräberfürsorge sind außerdem viele russische Verwaltungen auf Gebiets- und Kreisebene. Der sehr gute Pflegezustand der zahlreichen sowjetischen Kriegsgräberstätten in Deutschland wird von breiten Kreisen in der russischen Bevölkerung mit Dankbarkeit betrachtet und ergänzt die Versöhnungsarbeit des Volksbundes in der Russischen Föderation. Wie viele deutsche Familien wissen auch zahlreiche russische Familien bis heute nicht, wo ihre im Krieg gefallenen oder in Kriegsgefangenschaft verstorbenen Angehörigen verblieben sind. Deshalb ist der Volksbund in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen bei der Suche nach ihren in deutscher Kriegsgefangenschaft verstorbenen Familienmitgliedern behilflich.

Die Arbeit für den Frieden in der Praxis der gemeinsamen deutschrussischen Arbeitseinsätze Mit dem Inkrafttreten des deutsch-russischen Kriegsgräberabkommens im Jahre 1994 sind auch Arbeitseinsätze von deutschen Soldaten in der Russischen Föderation möglich geworden. Um die Versöhnung und das gegenseitige Verständnis zu fördern, finden seit 2007 gemeinsame Arbeitseinsätze von deutschen und russischen Soldaten auf Kriegsgräberstätten in beiden Ländern statt. Nicht zuletzt die 2007 erstmals erfolgte gemeinsame Einbettung von deutschen Gefallenen durch deutsche und russische Soldaten auf der deutschen Kriegsgräberstätte Sologubowka hat gezeigt, wie weit dieser Prozess der Kooperation voran geschritten ist. Die hierbei entstandenen Kontakte überdauern oft die Einsatzzeiträume und helfen gemeinsam an einer friedlichen Zukunft zu bauen.

Deutsche und russische Soldaten beim Einbetten in Halbe (Deutschland)

Einbettungen in Sologubowka (Russische Föderation)


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11.03.2014

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Kriegsgräberfürsorge – eine Aufgabe der Parlamente Der Parlamentarische Ring des Volksbundes Mitte der Fünfziger Jahre initiierte der Volksbund die Gründung eines parlamentarischen Ringes mit dem Ziel, Abgeordnete der Fraktionen des Deutschen Bundestages regelmäßig über die Entwicklungen, Probleme und Fortschritte der Kriegsgräberfürsorge zu unterrichten. Die Abgeordneten informierten sich auch unmittelbar vor Ort über die Arbeitssituation des Volksbundes.

Der Deutsche Bundestag in Berlin

Im Jahre 1973 gehörte eine Reihe von Mitgliedern dieses Ringes einer offiziellen Delegation des Deutschen Bundestages an, die damals Moskau besuchte. Bei den Verhandlungen wurde auch die Frage der Kriegsgräberfürsorge thematisiert und erste Zusagen für Besuchsmöglichkeiten von deutschen Soldatenfriedhöfen erreicht. So durfte der deutsche Botschafter ein Jahr später erstmals mit einer Kranzniederlegung auf dem deutschen Kriegsgefangenenfriedhof Moskau - Ljublino der dort ruhenden deutschen Kriegstoten gedenken. 1976 informierte der sowjetische Botschafter den Volksbund, dass nun auch der deutsche Kriegsgefangenenfriedhof in Krasnogorsk besucht werden dürfe. Weitere Genehmigungen folgten in den folgenden Jahren, bis mit dem deutsch-russischen Kriegsgräberabkommen im Jahre 1992 eine generelle Lösung bilateral vereinbart wurde. Seither gehörten Bundestagsabgeordnete aus allen Fraktionen dem Parlamentarischen Ring als wichtigem Bindeglied zwischen Volksbund und Parlament an.

Plenarsaal des Deutschen Bundestages


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11.03.2014

8:09 Uhr

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Der Volkstrauertag im Deutschen Bundestag Der Volkstrauertag wurde durch den 1919 gegründeten Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf Vorschlag seines bayerischen Landesverbandes zum Gedenken an die Kriegstoten des Ersten Weltkrieges eingeführt. Nicht „befohlene“ Trauer war das Motiv, sondern das Setzen eines nicht übersehbaren Zeichens der Solidarität derjenigen, die keinen Verlust zu beklagen hatten, mit den Hinterbliebenen der Gefallenen. Die erste offizielle Feierstunde fand 1922 im Deutschen Reichstag in Berlin statt. Der damalige Reichstagspräsident Paul Löbe hielt eine im In- und Ausland viel beachtete Rede, in der er einer feindseligen Umwelt den Gedanken an Versöhnung und Verständigung gegenüberstellte. Ein Komitee, dem von den großen Glaubensgemeinschaften bis zum jüdischen Frauenbund vielerlei Verbände angehörten, erreichte unter Federführung des Volksbundes, dass der Volkstrauertag in den meisten Ländern des Reiches gemeinsam, nämlich am Sonntag Reminiscere, dem fünften Sonntag vor Ostern, begangen wurde. 1934 bestimmten die nationalsozialistischen Machthaber durch ein Gesetz den Volkstrauertag zum Staatsfeiertag und benannten ihn „Heldengedenktag“. Die Träger waren bis 1945 die Wehrmacht und die NSDAP. Die Richtlinien über Inhalt und Ausführung erließ der Reichspropagandaminister. Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde der Volkstrauertag erneut vom Volksbund eingeführt und 1950 erstmals neben vielen regionalen Veranstaltungen mit einer Feierstunde im Plenarsaal des Deutschen Bundestages begangen. Steinmeier hält am Volkstrauertag 2011 im Deutschen Bundestag Nach einer Übereinkunft zwischen der Bundesregierung, Frank-Walter die zentrale Gedenkrede den Ländern und den großen Glaubensgemeinschaften wurde der Termin auf den vorletzten Sonntag im Kirchenjahr (evangelisch) bzw. den 33. Sonntag im Jahreskreis (katholisch) verlegt. Durch Landesgesetze ist der Tag geschützt. Der Volksbund versteht diesen Gedenktag auch mit zunehmendem Abstand vom Krieg als einen Tag der Trauer. Der Volkstrauertag ist aber auch zu einem Tag der Mahnung zu Versöhnung, Verständigung und Frieden geworden.

Kranzniederlegung auf dem Friedhof Lilienthalstraße in Berlin

Links: Kranzniederlegung auf der ehemaligen sowjetischen Kriegsgräberstätte in Berlin-Pankow

An den jährlichen Gedenkstunden im Bundestag sind die Repräsentanten der obersten Verfassungsorgane, zahlreiche Parlamentarier des Bundestages und der Länderparlamente sowie der Bundespräsident vertreten. Der Bundespräsident, zugleich Schirmherr des Volksbundes, liest traditionell das Totengedenken. Neben den Parlamentariern, dem diplomatischen Corps und weiteren Ehrengästen sind auch Gästegruppen aus dem In- und Ausland, wie auch regelmäßig eine Delegation aus Belarus, Russland und der Ukraine anwesend. Diese nehmen zum Teil auch an den weiteren Veranstaltungen zum Volkstrauertag in Berlin teil: Der Kranzniederlegung der Verfassungsorgane an der Neuen Wache, der Internationalen Gedenkveranstaltung an der Lilienthalstraße, in der Gedenkstätte Plötzensee, der Kranzniederlegung für die Toten der Bundeswehr am „Bendler-Block“ sowie den Kranzniederlegungen auf dem jüdischen Friedhof Weißensee und den sowjetischen Ehrenmalen in Treptow, Pankow und „Unter den Linden“.

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Berlin-Plötzensee


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Entschließung des Deutschen Bundestags zur Kriegsgräberfürsorge vom 4. Juli 2002 I. Der Deutsche Bundestag stellt fest: Seit über fünf Jahrzehnten leistet der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. mit seinen zehntausenden ehrenamtlichen Mitarbeitern eine wertvolle Arbeit für unser Land und einen bedeutenden Beitrag zur Aussöhnung und Völkerverständigung in Europa. Die Fraktionen des Deutschen Bundestages würdigen diese Arbeit ausdrücklich. Die Bundesregierung hat dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. die Durchführung der staatlichen Aufgabe zur Fürsorge für die Gräber der Gefallenen des 1. und 2. Weltkrieges und für die Opfer rassistischer und politischer Verfolgung im Ausland übertragen, die der Bund gegenüber 43 Ländern West und Osteuropas auf der Grundlage völkerrechtlicher Abkommen und zwischenstaatlicher Verträge selbst übernommen hat. Damit leistet der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. im Auftrag der Bundesregierung und aller Deutschen zugleich nicht nur eine wertvolle Arbeit für die Angehörigen und Familien dieser Toten, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur internationalen Verständigung, zur Ausgestaltung der demokratischen Gedenk- und Erinnerungskultur sowie zur Friedensarbeit in unserem Lande. In diesem Geiste führt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. seit seiner Gründung als einzige Kriegsgräberorganisation in Europa und der Welt internationale Jugendarbeit unter dem Motto »Arbeit für den Frieden« durch. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg war die Jugendarbeit vor allem auf die deutsch-französische Zusammenarbeit ausgerichtet. Seit 1990 liegt der Schwerpunkt in Mittel- und Osteuropa. Hier ist der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. einer der größten Veranstalter und Träger für den Jugendaustausch in Deutschland und Europa. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. hat seine Aktivitäten bislang aus Mitgliedsbeiträgen, Sammelaktionen und Zinserträgen finanziert. Ergänzend hierzu werden ihm auf Antrag jährliche Zuwendungen des Bundes, in geringem Maße auch Zuwendungen der Länder gewährt. Gut fünfzig Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges ist die Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. aufgrund des Ablebens vieler Mitglieder und Spender und die durch die Grenzöffnung hinzugekommenen Aufgaben in Mittel- und Osteuropa gefährdet. Die finanzielle Lage des Volksbundes sollte möglichst mit einer Rahmenvereinbarung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Volksbund langfristig abgesichert werden. II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, angesichts der gemeinsamen Verantwortung für die Umbettung der Toten sowie den Bau und die Pflege der Kriegsgräberstätten im Ausland, 1. den aus dem Auftrag der Bundesregierung an den Volksbund begründeten Anspruch des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. auf angemessene Bezuschussung für die Umbettungen, den Bau und die Pflege der Kriegsgräberstätten anzuerkennen; 2. eine Rahmenvereinbarung mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. über die Durchführung und Finanzierung der ihm aus den internationalen Verträgen, Regierungs- oder Verwaltungsabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und ausländischen Staaten übertragenen Aufgaben der Kriegsgräberfürsorge abzuschließen, um dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. die Erfüllung der ihm übertragenen Aufgaben zu ermöglichen und ihm Planungssicherheit zu geben.

Deutscher Bundestag Berlin


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Die Schwerpunkte der Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. ist eine humanitäre Organisation. Er widmet sich im Auftrag der Bundesregierung der Aufgabe, die Gräber der deutschen Kriegstoten im Ausland zu erfassen, zu erhalten und zu pflegen. Der Volksbund betreut Angehörige in Fragen der Kriegsgräberfürsorge, er berät öffentliche und private Stellen, er unterstützt die internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Kriegsgräberfürsorge und fördert die Begegnung junger Menschen an den Ruhestätten der Toten. Heute hat der Volksbund 400.000 aktive Förderer sowie über eine Million Gelegenheitsspender und Interessenten. Mit ihren Beiträgen und Spenden, mit Einnahmen aus Erbschaften und Vermächtnissen sowie den Erträgen aus der jährlichen Haus- und Straßensammlung finanziert der Volksbund zu mehr als 70 Prozent seine Arbeit. Den Rest decken öffentliche Mittel des Bundes und der Länder. Gegründet wurde die gemeinnützige Organisation am 16. Dezember 1919 – aus der Not heraus. Die noch junge Reichsregierung war weder politisch noch wirtschaftlich in der Lage, sich um die Gräber der Gefallenen zu kümmern. Dieser Aufgabe widmete sich fortan der Volksbund, der sich als eine vom ganzen Volk getragene Bürgerinitiative verstand. Bis Anfang der dreißiger Jahre baute der Volksbund zahlreiche Kriegsgräberstätten aus. Ab 1933 unterwarf sich die Führung des Volksbundes aus eigenem Antrieb der Gleichschaltungspolitik der NS-Regierung. Die Errichtung von Soldatenfriedhöfen des Zweiten Weltkrieges übernahm der Gräberdienst der Wehrmacht.

Eröffnung der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte des Volksbundes auf dem Golm (Insel Usedom)

Erst 1946 konnte der Volksbund seine humanitäre Tätigkeit wieder aufnehmen. In kurzer Zeit gelang es, über 400 Kriegsgräberstätten in Deutschland anzulegen. 1954 beauftragte die Bundesregierung den Volksbund mit der Aufgabe, die deutschen Soldatengräber im Ausland zu suchen, zu sichern und zu pflegen. Im Rahmen von bilateralen Vereinbarungen erfüllt der Volksbund seine Aufgabe in Europa und Nordafrika. In seiner Obhut befinden sich heute 832 Kriegsgräberstätten in 45 Staaten mit etwa 2,5 Millionen Kriegstoten. Mehrere tausend ehrenamtliche und 566 hauptamtliche Mitarbeiter/innen erfüllen heute die vielfältigen Aufgaben der Organisation. Nach der politischen Wende in Osteuropa nahm der Volksbund seine Arbeit auch in den Staaten des einstigen Ostblocks auf, wo im Zweiten Weltkrieg etwa drei Millionen deutsche Soldaten ums Leben kamen, d.h. mehr als doppelt so viele, wie auf den Kriegsgräberstätten im Westen ruhen. Diese Aufgabe stellt den Volksbund vor immense Schwierigkeiten: Viele der über hunderttausend Grablagen sind nur schwer auffindbar, zerstört, überbaut oder geplündert.

Workcamp des Volksbundes in Saintes Berneuil (Frankreich)

Seit 1991 richtete der Volksbund 330 Friedhöfe des Zweiten Weltkrieges und 188 Anlagen aus dem Ersten Weltkrieg in Ost-, Mittel- und Südosteuropa wieder her oder legte sie neu an. 758.536 Kriegstote wurden auf 82 Kriegsgräberstätten umgebettet. Zur langfristigen Sicherung seiner Arbeit hat der Volksbund 2001 die Stiftung „Gedenken und Frieden“ gegründet. Mit der Anlage und Erhaltung der Friedhöfe bewahrt der Volksbund das Gedenken an die Kriegstoten. Die riesigen Gräberfelder erinnern die Lebenden an die Vergangenheit und konfrontieren sie mit den Folgen von Krieg und Gewalt. Zu diesem Zweck vermittelt der Volksbund unter anderem Fahrten zu den Kriegsgräbern, veranstaltet nationale und internationale Workcamps und Jugendbegegnungen an Kriegsgräbern und Gedenkstätten und informiert in Schulen und Schulfreizeiten. Das Leitwort lautet „Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden“. Außerdem hat er in der Nähe von vier Friedhöfen Jugendbegegnungs- und Bildungsstätten errichtet, wo Schul- und Jugendgruppen ideale Rahmenbedingungen für friedenspädagogische Projekte vorfinden.

Die Bundeswehr und der Reservistenverband unterstützen den Volksbund durch Arbeitseinsätze auf in- und ausländischen Kriegsgräberstätten, in den Workcamps, bei Gedenkveranstaltungen sowie der Haus- und Straßensammlung. Der Volkstrauertag, der jedes Jahr im November vom Volksbund bundesweit ausgerichtet und unter großer Anteilnahme der wichtigen politischen und gesellschaftlichen Institutionen und der Bevölkerung begangen wird, ist ein Tag des Gedenkens und der Mahnung zum Frieden. Empfang des Bundespräsidenten Joachim Gauck für Sammler des Volksbundes

Schirmherr des Volksbundes ist Bundespräsident Joachim Gauck.


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Gräbernachweis und Angehörigenbetreuung Schicksalsklärung Das Sachgebiet Gräbernachweis erfasst die deutschen Kriegstoten beider Weltkriege und ihre Gräber, führt die Gräberdateien, bereitet die Umbettungen vor, wertet die Umbettungsprotokolle aus und erstellt die Unterlagen für Grabkennzeichnung, Gedenktafeln, Namenbücher und Gesamtdokumentationen. Angaben, die bei der Umbettung erfasst wurden, werden mit den Erkennungsmarken – soweit sie gefunden wurden – an das Referat Gräbernachweis in der Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes weitergegeben. Hier werden alle vorhandenen Aufzeichnungen überprüft. Wenn Verlustmeldungen oder Belegungspläne vorhanden sind, die der Gräberdienst der Wehrmacht angefertigt hat, aus denen hervorgeht, in welcher Reihenfolge die Gefallenen bestattet wurden, wird die Umbettungsdokumentation mit den damaligen Aufzeichnungen verglichen. Wenn die Erkennungsmarke eines Gefallenen bei der Umbettung nicht gefunden wurde oder nicht mehr lesbar ist, können die Angaben in der Verlustmeldung wichtige Erkenntnisse liefern und zur Identifizierung des Geborgenen beitragen. Nach Abgleich der Angaben leitet der Volksbund die Protokolle mit den Original-Erkennungs- marken und allen persönlichen Gegenständen, die im Grab gefunden wurden, an die Deutsche Dienststelle (ehemalige Persönliche Beratung von Angehörigen in der Bundesgeschäftsstelle Wehrmachtauskunft- stelle – WASt) in Berlin weiter. Das Ergebnis der beim Volksbund erfolgten Identifizierung der Toten wird von dieser Dienststelle geprüft und gegebenenfalls bestätigt. Für die Träger der entschlüsselten Erkennungsmarken, die beim Volksbund nicht registriert waren, werden Sterbefallanzeigen durch die Deutsche Dienststelle eingeleitet. Die Hinterbliebenen dieser Toten werden durch die Deutsche Dienststelle entsprechend informiert.

Auskunft Um den Hinterbliebenen Auskunft geben zu können, hat der Volksbund eine zentrale Gräberdatei angelegt. Dort sind weit über fünf Millionen deutsche Kriegstote erfasst. In der Vorgangsregistratur wurde der Schriftwechsel mit Hunderttausenden Angehörigen abgelegt. Elektronische Informationstechnik übernimmt nun die Speicherung der unzähligen Informationen. Die Gräberdatei gibt Auskunft über die deutschen Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges sowie die vom Volksbund errichteten Kriegsgräberstätten mit den mehr als zwei Millionen gepflegten Gräbern. Auch der Schriftwechsel mit den Angehörigen, der die endlosen Regale füllt, ist noch nicht vollständig elektronisch erfasst. Ohne Speicherung der Daten und ohne Einsatz des Computers wäre die heutige Arbeit nicht mehr zu bewältigen. Ziel des Volksbundes ist es, Anfragen zeitnah zu beantworten und Informationen über Gefallene und Kriegsgräberstätten im Internet bereitzustellen. Heute stehen fast 4,9 Millionen Daten von Gefallenen im Internet und mancher Internetnutzer ist überrascht, wenn er auf den Namen eines Angehörigen stößt und erfährt, wo sich seine Grabstätte befindet.

Neue Informationen Viele Angehörige denken, dass über den von ihnen Gesuchten beim Volksbund keine Unterlagen vorhanden sind, weil sie in früheren Jahren einen negativen Bescheid vom Volksbund oder vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes erhalten haben. Aber seit der Wende Ende der 80er Jahre hat sich vieles verändert. Die Archive in Osteuropa sind teilweise zugänglich und geben Auskunft über eine Million deutscher Kriegsgefangener. Und immer noch werden Gefallene geborgen. Ein Großteil dieser Toten kann identifiziert werden. Ein großes Problem ist jedoch, dass in zahlreichen Fällen die Namen der geborgenen Toten mit ihren Angehörigen nicht mehr zusammengebracht werden können. Oft sind die Hinterbliebenen bereits verstorben. Viele Angehörige sind umgezogen und dem Volksbund ist die neue Anschrift nicht bekannt. In diesen Fällen leitet der Volksbund Einwohnermeldeamts-Anfragen ein.

Alte Vorgangsregistratur

Ein langer Weg Es ist ein langer Weg, bis die Unterlagen, die der Umbetter bei der Öffnung des Grabes erstellt hat, durch Mitarbeiter der Bundesgeschäftsstelle geprüft sind und dann anschließend an die Deutsche Dienststelle weitergeleitet werden. Erst wenn diese Dienststelle das Ermittlungsergebnis bestätigt hat, erteilt der Volksbund den Auftrag für die Namenbeschriftung. Im Sachgebiet Gräbernachweis werden hierfür Beschriftungslisten mit persönlichen Daten der Gefallenen und Angaben zur endgültigen Grablage erstellt. Diese Listen werden an das Referat Bau des Volksbundes weitergegeben. Die Kennzeichnung erfolgt auf der jeweiligen deutschen Kriegsgräberstätte auf Steinplatten, Stelen oder Grabkreuzen. Mit dem Suchdienst des DRK und der Deutschen Dienststelle besteht ein kontinuierlicher Datenaustausch.

Zusätzlicher Service Der Volksbund bietet den Angehörigen und anderen interessierten Personen Reisen zu deutschen Kriegsgräberstätten an. Die meisten Angehörigen sind aufgrund ihres Alters und auch gesundheitsbedingt nicht mehr in der Lage eine weite Reise zu unternehmen. Sie möchten jedoch Blumen am Grab des Gefallenen niederlegen. Ihnen bietet der Volksbund seinen Service für Grabschmuck und Grabfotos an. Alte Vorgangsregistratur vor Einführung moderner Computertechnik


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11.03.2014

8:10 Uhr

Seite 26

Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und den Reservisten Seit ihrem Bestehen unterstützt die Bundeswehr die Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. im In- und Ausland. Die Grundlage hierfür bilden ein zwischen dem Volksbund und der Bundeswehr geschlossener Vertrag sowie der jeweils gültige Unterstützungserlass des Verteidigungsministeriums, in dem das besondere dienstliche Interesse der Bundeswehr an der Zusammenarbeit mit dem Volksbund zum Ausdruck gebracht wird. Weiterhin sind die Hilfeleistungen der Bundeswehr für den Volksbund in diesem Erlass definiert und klar geregelt. Die Bundeswehr hilft dem Volksbund vor allem bei der Haus- und Straßensammlung, bei Arbeitseinsätzen auf Kriegsgräberstätten, in Workcamps Jugendlicher, bei verschiedenen Gedenkveranstaltungen und Benefizkonzerten. Ohne diese Hilfeleistungen müsste der Volksbund in einigen Bereichen seiner Arbeit erhebliche Einschränkungen vornehmen. Durch die freiwillige Teilnahme von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr an der Haus- und Straßensammlung wird jährlich ein Betrag in Millionenhöhe gesammelt. Der Anteil der Bundeswehr an der Pflege und der Instandsetzung von Kriegsgräberstätten im In- und Ausland ist ebenfalls erheblich. In nahezu allen Ländern Europas helfen Soldatinnen und Soldaten, mit Unterstützung der deutschen diplomatischen Vertretungen (in der Regel die Militärattaché-Stäbe), diese Orte der Erinnerung und des Gedenkens in einem würdigen Zustand zu erhalten. Tausende Angehörige der Bundeswehr haben so Kriegsgräberstätten kennen gelernt und konnten damit an die Ziele und die Arbeit des Volksbundes herangeführt werden. Junge Menschen vieler Nationalitäten treffen sich Jahr für Jahr in den Workcamps des Volksbundes, um Kriegsgräber zu pflegen und sich mit der gemeinsamen Vergangenheit zu beschäftigen. Die Bundeswehr stellt dabei Busse und Fahrer für die meisten dieser Jugendbegegnungen. An zahlreichen Gedenkveranstaltungen im In- und Ausland ist die Bundeswehr ebenso beteiligt. Sie stellt Kranzträger und Ehrenformationen und entsendet Musikkorps. Zusätzlich gibt es viele Benefizkonzerte mit Beteiligung dieser Musikkorps. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Vorgaben ist die Bundeswehr in Einzelfällen auch für Unterstützungsleistungen verfügbar, die nicht ausdrücklich im Erlass aufgelistet sind, Für die erforderlichen Genehmigungen findet der Volksbund bei der politischen und militärischen Führung stets ein offenes Ohr.

Sammlungsauftakt in Berlin mit Unterstützung der Bundeswehr

Neben der Bundeswehr arbeitet der Volksbund verstärkt mit dem „Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e. V.“ in vergleichbarer Form zusammen. Nach Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht und mit der Auflösung vieler Stationierungsstandorte der Bundeswehr und der Zunahme von Belastungen durch Auslandseinsätze gewinnt die Arbeit der Reservisten zusätzlich an Bedeutung. Soldaten und Reservisten der Bundeswehr auf der deutschen Kriegsgräberstätte Oksböl (Dänemark)

Arbeitseinsatz in Riga (Lettland)

Arbeitseinsatz in Hooglede (Belgien)


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11.03.2014

8:10 Uhr

Seite 27

Der Umbettungsdienst des Volksbundes Vielfach waren die Mitarbeiter des Umbettungsdienstes die Ersten, die in den ehemaligen Kampfgebieten vor Ort nach Gefallenen gesucht haben. Sie arbeiteten seit der Öffnung des Ostens in den mittel-, ost- und südosteuropäischen Ländern. Die unterschiedlichsten Aufgaben waren und sind noch zu lösen. Viele Gräber sind geplündert oder unauffindbar. Dennoch: Mit jedem Tag verringert sich die Anzahl der zu bergenden Gefallenen. Auch hier gewährleistet das Auswärtige Amt durch seine finanzielle Unterstützung die Fortführung der Arbeiten bis zum endgültigen Abschluss. Mit Beginn des Frühjahrs sind die Umbetter des Volksbundes vor Ort – wo sie bleiben, bis die Witterungsverhältnisse im Winter die Arbeit unmöglich machen. Diese harte Arbeit in einem fremden Land ist nicht gerade leicht. Es bedarf auch heute noch qualifizierter, hoch motivierter Mitarbeiter, die bereit sind, die lange Abwesenheit von zuhause auf sich zu nehmen. In zunehmendem Maße wurden auch einheimische Arbeitskräfte eingebunden, was sich nicht zuletzt im Umgang mit der einheimischen Bevölkerung, aber auch mit den Behörden und Medien bewährt hat.

Oftmals helfen Hinweise aus der Bevölkerung

Fachleute des Volksbundes bei Suchgrabungen

Umbettungen im Raum Wolgograd (Russische Föderation)

Die Mitarbeiter finden neben persönlichen Gegenständen etwa bei der Hälfte der Geborgenen Erkennungsmarken. Bisher konnte ungefähr die Hälfte aller gefundenen Kriegstoten identifiziert werden.


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11.03.2014

8:11 Uhr

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Der Umbettungsdienst des Volksbundes

Gebeinfunde im Raum Wolgograd (Russische Föderation)

Einbettungen in Stare Czarnowo/Neumark (Polen)

Granitblöcke mit den Namen von unauffindbaren Gefallenen auf der deutschen Kriegsgräberstätte in Rossoschka bei Wolgograd (Russische Föderation)


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11.03.2014

8:11 Uhr

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Bau und Pflege der deutschen Kriegsgräberstätten im Ausland mit Hilfe der finanziellen Unterstützung durch das Auswärtige Amt Im Auftrag der Bundesregierung Dem Volksbund wurde von der Bundesregierung nach zwei Kriegen die große Aufgabe übertragen, die Gräber der Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft zu erhalten. Der Verein konnte diese Aufgaben nur bewältigen, weil die Bevölkerung in Deutschland mit ihren Spenden die Arbeit der Kriegsgräberfürsorge ermöglichte: Die Angehörigen wollten, dass die Gräber ihrer Gefallenen erhalten werden, die Toten geborgen und die Namen der Gefallenen auf den Grabzeichen verzeichnet werden. Heute trägt das Auswärtige Amt den Hauptanteil der Finanzierung.

Mitarbeiter des Volksbundes bei Instandsetzungsund Pfelgearbeiten in Andilly (Frankreich), Monte Cassino (Italien), Maleme (Kreta/ Griechenland) und Bergheim (Frankreich) (v. l. n. r.)

Eine schwierige Aufgabe Den Verantwortlichen des Volksbundes wurde schnell klar, dass Tausende von Grablagen in Wäldern, Wiesen, am Straßenrand, in Feldern oder auf kommunalen Friedhöfen nicht auf Dauer erhalten und gepflegt werden können. Die Lösung des Problems konnte nur die Umbettung der Gefallenen auf zentrale Kriegsgräberstätten sein. Oberster Grundsatz dabei ist, dass möglichst jeder Gefallene in einem Einzelgrab bestattet und der Name des Toten auf einem Grabzeichen erhalten wird. Beim Bau der Anlagen sollten zwei Forderungen erfüllt werden: Die Friedhöfe müssen rationell und kostengünstig gepflegt werden können und sie sollen Mahnmale für den Frieden sein. Wie gut dies der Bauabteilung des Volksbundes gelungen ist, zeigen ganz besonders die Friedhöfe im westlichen Ausland. Aufgabe des Pflegebereiches ist, die Kriegsgräberstätten zu erhalten und das historisch gewachsene Friedhofsbild zu sichern bzw. neu angelegte Friedhöfe so weiter zu entwickeln, wie es der gestaltende Architekt beabsichtigt hat. Bäume und Bepflanzung sind neben den Bauten und der Grabkennzeichnung ein wichtiges Element der Gestaltung, das meist erst nach Jahren sorgsamer Pflege sichtbar wird, wenn das Licht- und Schattenspiel der Bäume eine Raumbildung bewirkt. Wir haben es also bei der Pflege nicht nur mit der „Organisation des Rasenmähens“ zu tun, sondern mit langfristigen Entwicklungszielen.

Links: Mitarbeiter des Volksbundes bei Instandsetzungs- und Pfelgearbeiten in Monte Cassino (Italien) Rechts: Restaurierung einer Kirche mit Hilfe von hierzu vom Volksbund gesammelten Spenden neben der deutschen Kriegsgräberstätte Sologubowka (Russische Föderation)


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11.03.2014

8:11 Uhr

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Bau und Pflege der deutschen Kriegsgräberstätten im Ausland mit Hilfe der finanziellen Unterstützung durch das Auswärtige Amt Neue Herausforderungen im Osten Für die deutschen Gefallenen in Ost- und Südosteuropa konnte der Volksbund in den ersten knapp fünf Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg nur wenig erreichen. Es gab keine Informationen über die deutschen Kriegsgräber hinter dem „Eisernen Vorhang“, Schicksale konnten nicht geklärt, Grablagen nicht gesichert oder erfasst werden. An Bau oder Instandsetzung von Friedhöfen war überhaupt nicht zu denken. Die Grenzen blieben undurchlässig. Zu den staatlichen Stellen in der Sowjetunion gab es keine Kontakte, Reisegenehmigungen zur Gräbersuche in den ehemaligen Kampfgebieten wurden nicht erteilt. Betroffen waren in der Sowjetunion ca. 2,2 Millionen deutsche Soldaten, die gefallen, vermisst oder in Kriegsgefangenschaft verstorben sind. Lediglich in Ungarn wurde Privatpersonen zugestanden, Gräber ihrer Angehörigen zu pflegen.

Rechts: Die deutsche Kriegsgräberstätte Riga (Lettland) vor dem Ausbau Links: Die deutsche Kriegsgräberstätte Riga (Lettland) nach dem Ausbau 1991

Nach der Wende Ende der 80er Jahre stand der Volksbund vor der größten Herausforderung in seiner Geschichte: Die Suche nach den Gräbern von drei Millionen Gefallenen, Bau von Kriegsgräberstätten in Ost- und Südosteuropa, Bergen und Umbetten der Gefallenen auf Sammelfriedhöfe. In fast 120.000 Orten der ehemaligen Sowjetunion waren 1,88 Millionen Gräber deutscher Soldaten registriert. Die Zeit drängte, denn die Zeitzeugen, die bei der Suche nach Gräbern noch Angaben machen konnten, waren schon sehr alt. Friedhöfe wurden zerstört, wenn Straßen angelegt oder Häuser gebaut werden. Besonders in Russland wurden noch nicht gesicherte, ursprüngliche Anlagen geplündert.

Neue Konzepte Der Volksbund hat 2013 den Bau neuer Kriegsgräberstätten im Osten beendet. Die Planer der ehemaligen Abteilung Bau und Pflege entwickelten beim Bau der Friedhöfe im Osten neue Lösungen. Aufgrund der Vielzahl der Opfer war eine Namenkennzeichnung mit Einzelkreuzen nicht möglich. Daher sind die Namen und Daten der Gefallenen zumeist auf Stelen verewigt. Dies ist wegen der extremen Witterungsverhältnisse sowie der Kosten die zweckmäßigste Lösung, die zudem vom Gesichtspunkt der Gestaltung aus, sehr ansprechend ist. Die Anlagen mussten schlichter gestaltet werden, das verwendete Material aber noch haltbarer sein als im Westen, um die großen Klimaschwankungen zu überstehen. Weil viele der ursprünglichen Gräber geplündert wurden, konnten einige dieser Toten nicht identifiziert werden und die Gefallenen blieben damit namenlos. Kernelement der Konzeption für die Kriegsgräberfürsorge im Osten sind die zentralen Sammelfriedhöfe.

Errichtung eines Hochkreuzes in Kiew


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11.03.2014

8:13 Uhr

Seite 31

Kriegsgräberstätten in mehr als 100 Ländern der Erde – Westeuropa und Nordafrika In mehr als 100 Ländern der Erde befinden sich deutsche Kriegsgräber. Sie werden, je nach geografischer Lage, entweder vom Volksbund direkt, durch befreundete Gräberdienste oder durch deutsche Auslandsvertretungen betreut.

Deutsche Kriegsgräberstätte Tobruk (Libyen)

Deutsche Kriegsgräberstätte Tarabya (Türkei)

Deutsche Kriegsgräberstätte La Cambe (Frankreich)


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11.03.2014

8:13 Uhr

Seite 32

Kriegsgräberstätten in mehr als 100 Ländern der Erde – Westeuropa und Nordafrika Deutsche Kriegsgräberstätte Lommel (Belgien)

Deutsche Kriegsgräberstätte Pordoi (Italien)

Deutsche Kriegsgräberstätte Ysselsteyn (Niederlande)

Deutsche Kriegsgräberstätte Langemark (Belgien)

Deutsche Kriegsgräberstätte Maleme (Kreta/Griechenland)

Deutsche Kriegsgräberstätte Mont-de-Huisnes (Frankreich)

Deutsche Kriegsgräberstätte Rovaniemi (Finnland)

Deutsche Kriegsgräberstätte Monte Cassino (Italien)

Deutsche Kriegsgräberstätte Sandweiler (Luxemburg)


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11.03.2014

8:14 Uhr

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Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 und die deutschen Kriegsgräber Unter der Führung Preußens zeichnete sich nach dem Sieg über Österreich 1866 eine wachsende Tendenz zur Einigung Deutschlands ab. Diese Machtkonzentration wurde von der kontinentalen Führungsmacht Frankreich als eine Bedrohung angesehen. Für beide Seiten nahm die Wahrscheinlichkeit eines Krieges mit den damit verbundenen Risiken, aber auch Möglichkeiten zum Machtzuwachs, zu. Während man in Frankreich die führende Position in Europa verteidigen wollte, sah man in Deutschland die kommende Auseinandersetzung als Chance zur Errichtung eines neuen Deutschen Reiches, das alle deutschen Staaten, außer Österreich, umfassen sollte.

BArch, Woerth

Woerth

BArch, Woerth

Ammanvillers

Woerth

Woerth

Der äußere Anlass für den Krieg war eine mögliche Kandidatur eines Hohenzollern auf den spanischen Thron. Daraus entwickelte sich mit der „Emser Depesche“ eine kurze diplomatische Auseinandersetzung, die zur Kriegserklärung Frankreichs an Preußen am 19. Juli 1870 führte. Unter Führung Preußens zogen die deutschen Staaten gemeinsam in den Krieg. Der schnellere deutsche Aufmarsch und die effiziente deutsche Organisation führten schon bald zu ersten deutschen Erfolgen, die sich dann fortsetzten. Die bekanntesten Schlachten wurden u.a. bei Weißenburg, Wörth, den Spicherer Höhen, Vionville, Gravelotte und schließlich am 2. September 1870 bei Sedan geschlagen. Bei Sedan geriet Napoleon III. in deutsche Kriegsgefangenschaft. Dies führte zu einem antimonarchistischen Umsturz in Frankreich mit der Ausrufung des „Volkskrieges“. Der Einsatz „republikanischer Armeen“ konnte aber den Kriegsausgang zu Gunsten der Deutschen nicht mehr verhindern. Bereits am 13. September belagerten deutsche Truppen Paris. Die französische Rheinarmee kapitulierte am 27. Oktober, womit jegliche Hoffnung auf eine Kriegswende zerstört worden war. Der Krieg endete am 28. Januar 1871, dem Tag der Kapitulation von Paris. Die genauen Verluste beider Seiten sind umstritten. Der deutsche Generalstab bezifferte die französischen Gefallenen mit 138.900 und die deutschen mit 49.380. Die Zahl der Verwundeten war ungefähr dreimal so hoch. Über die deutschen Gefallenen wurden Verlustlisten mit ca. 41.000 namentlich bekannten Toten und Schwerverletzten veröffentlicht. Die Listen sind unvollständig. In 552 französischen Gemeinden sind 289 Sammelgräber mit 20.096 Toten und 1.178 Einzelgräber mit 1.471 Toten registriert. Mit dem deutsch-französischen Kriegsgräberabkommen vom 19.7.1966, das die Erhaltung der deutschen Gräber aus beiden Weltkriegen regelt, wurde der Bundesrepublik Deutschland auch die Pflege und Erhaltung der Gräber und Denkmale des Krieges 1870/71 übertragen. Seither pflegt der Volksbund im Auftrag der Bundesregierung ca. 800 dieser Anlagen, die aus Denkmälern, Einzel- und Gemeinschaftsgräbern bestehen.

Links: St. Mihiel BArch, St. Mihiel

BArch, Bischwiller

Rechts: Bischwiller


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11.03.2014

8:14 Uhr

Seite 34

Kriegsgräberstätten in mehr als 100 Ländern der Erde – Ost- und Südosteuropa

Deutsche Kriegsgräberstätte Eriwan (Armenien)

Deutsche Kriegsgräberstätte Kaunas (Litauen)

Deutsche Kriegsgräberstätte Nadolice Wielkie/Groß Nädlitz (Polen)

Deutsche Kriegsgräberstätte Zagreb-Vrapce (Kroatien)


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11.03.2014

8:15 Uhr

Seite 35

Kriegsgräberstätten in mehr als 100 Ländern der Erde – Ost- und Südosteuropa Deutsche Kriegsgräberstätte Sologubowka (Russische Föderation)

Deutsche Kriegsgräberstätte Schatkowo (Belarus)

Deutsche Kriegsgräberstätte Kursk (Russische Föderation)

Deutsche Kriegsgräberstätte Vazec (Slowakai)

Deutsche Kriegsgräberstätte Constanta (Rumänien)

Deutsche Kriegsgräberstätte Budaörs (Ungarn)

Deutsche Kriegsgräberstätte Smolensk-Nishnjaja Dubrowinka (Russische Föderation)

Deutsche Kriegsgräberstätte Cheb/Eger (Tschechische Republik)


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11.03.2014

8:16 Uhr

Seite 36

Jugend- und Friedensarbeit Der Volksbund ist anerkannter Träger der freien Jugendhilfe und betreibt als einziger Kriegsgräberdienst der Welt eine eigene außerschulische und schulische Jugendarbeit mit eigenen Jugendbegegnungs- und Bildungsstätten (JBS) und Workcamp-Angeboten. Jährlich treffen sich über 20.000 junge Menschen aus verschiedenen Ländern in den Workcamps, den JBS im In- und Ausland sowie weiteren Jugendprojekten der Volksbund-Landesverbände, um sich gegenseitig kennen zu lernen, gemeinsame Freizeit zu erleben, auf Kriegsgräber- und Gedenkstätten zu arbeiten und sich mit der deutschen und europäischen Geschichte auseinander zu setzen. Der Volksbund unterhält in eigener Trägerschaft Jugendbegegnungs- und Bildungsstätten. Sie stehen auf dem Gelände der deutschen Kriegsgräberstätten Lommel/Belgien, grenznah zu Polen auf dem Golm/Insel Usedom/Deutschland, in Niederbronn-les-Bains/Frankreich, in Ysselsteyn/Niederlande sowie in Halbe (Brandenburg).

Unterkünfte der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Ysselsteyn (Niederlande)

Seit sechs Jahrzehnten organisiert der Volksbund Projekte mit jungen Menschen für die Pflege und Instandsetzung deutscher Kriegsgräberstätten beider Weltkriege, auch auf Friedhöfen anderer Nationen, jüdischen Friedhöfen und (KZ-)Gedenkstätten. Als Brückenbauer/innen für den Frieden arbeiten die jungen Freiwilligen in ganz Europa für Verständigung und Freundschaft. Zugleich erfüllen diese Projekte Aufgaben der (historischpolitischen) Bildungsarbeit. Mit diesen Zielsetzungen trafen sich seit 1953 insgesamt über 470.000 junge Menschen aus aller Welt in den Workcamps des Volksbundes bzw. seit den 1980er Jahren in den Jugendbegegnungs- und Bildungsstätten des Volksbundes. Der Volksbund trägt auf diese Art zur aktiven Friedenssicherung bei.

Workcamp in Halbe (Deutschland)

Workcamp in Rossoschka (Russische Föderation)

Workcamp in Strasbourg-Cronenbourg (Frankreich)

In den Workcamps und Jugendbegegnungsstätten wird multiperspektivische Geschichtsbetrachtung zum Projekt. Internationale und interkulturelle Formen des Gedenkens, der Erinnerungsarbeit und der Auseinandersetzung mit der Geschichte lassen junge Menschen verschiedener Länder erleben, wie grundlegend und wertvoll die Achtung vor dem Einzelnen für ein friedvolles Miteinander ist - Arbeit für den Frieden!

Deutsch-polnische Jugendgruppe in der JBS Golm (Deutschland)

Jugendliche in der JBS Lommel (Belgien)

Workcamp Sigulda (Lettland)

Jugendgruppe in der JBS Golm (Deutschland)


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11.03.2014

8:17 Uhr

Seite 37

Deutsch – Montenegrinische Jugendbegegnung Im Spätsommer 2012 fand die zweite deutsch-montenegrinische Jugendbegegnung statt. Veranstalter des Projekts waren das Ministerium für Erziehung und Sport sowie das Verteidigungsministerium in Montenegro und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Landesverband Baden-Württemberg. Aus Deutschland reisten 10 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit ihrem ehrenamtlichen Leitungsteam an und trafen in Kotor mit Studentinnen und Studenten vom Germanistischen Institut der Universität in Nikšić zusammen. Der erste Besuch einer Jugendgruppe des Volksbundes fand 2011 statt.

„Die montenegrinischen Studenten können alle sehr gut Deutsch und man merkt richtig, wie sie Lust auf Deutschland und Europa haben! Berührungsängste gab es daher kaum und wir sind sehr schnell ins Gespräch gekommen.“ (Luiselotte (20), Studentin aus Münster)

Ilda Ramusovic, montenegrinische Teilnehmerin des ersten Jugendtreffens in Montenegro, spricht im Deutschen Bundestag anlässlich des Volkstrauertages 2013

Zeitungsmeldung 27.9.2011

„Die Mission des Campes kann man als Versöhnung über den Gräbern oder als Arbeit für den Frieden beschreiben. Jugendliche aus zwei Ländern, von denen ein Land Agressor war und das andere einen Befreiungskrieg führte, hatten die Gelegenheit sich kennenzulernen, etwas mehr übereinander zu erfahren und allen die Nachricht "es darf nie mehr Krieg geben" zu schicken.“ (Radoslav Milosevic Atos)

Vortrag über die Arbeit des Volksbundes

Die binationale Gruppe am Stausee Piva Abschlussveranstaltung in der Gedenkstätte in Doli

„Bevor ich hierher kam, habe ich mich ein bisschen mit der Geschichte von Montenegro beschäftigt, aber ich wusste fast nichts über den Zweiten Weitkrieg und vom Leiden des montenegrinischen Volkes. Jetzt weiß ich etwas mehr darüber. Es ist gut, dass ich etwas aus der Geschichte gelernt habe und auch die schöne Landschaft von Montenegro gesehen habe, etwas mehr über die Tradition und Kultur erfahren durfte, Nationalspeisen, die mir gut gefallen haben, probiert und einige Wörter gelernt habe. Alle sind sehr nett und entgegenkommend, können sehr gut Deutsch sprechen und sind sehr gastfreundlich." (Ludger, Mathematik-, Physik- und Geschichtslehrer)


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11.03.2014

8:18 Uhr

Seite 38

Blick in die Zukunft – Wozu noch Kriegsgräberstätten? Im Gegensatz zu zivilen Grabstätten unterliegen Kriegsgräber dem dauernden Ruherecht. Jedes Kriegsgrab soll die Überlebenden und die nachfolgenden Generationen wie eine nicht verheilen wollende Narbe vor dem Krieg und dessen Folgen mahnen. Mit dem Sterben der Erlebnisgeneration gewinnt insbesondere dieser zweite Aspekt zunehmend an Bedeutung. Aus einer Kriegsgräberstätte, die bislang überwiegend im Rahmen der individuellen oder gar kollektiven, institutionalisierten Trauer wahrgenommen wurde, wird ein Ort, an dem Geschichte begreifbar wird.

Besucher auf der deutschen Kriegsgräberstätte Andilly (Frankreich)

Besucher auf der deutschen Kriegsgräberstätte Cheb/Eger (Tschechische Republik)

Diese Aufgabe kann nicht allein damit erfüllt werden, dass dem Besucher eine beeindruckende Zahl von endlosen Gräbern auf einer gut gepflegten Friedhofsanlage präsentiert wird. Deshalb zeigt der Volksbund auf ausgewählten Kriegsgräberstätten auf, was der Krieg aus Menschen machen kann und zu welchen Gewalttaten diese fähig sind, wenn die ordnenden Strukturen des Friedens verloren gehen. Dieser friedenspädagogische Ansatz funktioniert durch die direkte Gegenüberstellung von Recht und Unrecht oder Gut und Böse. Der Besucher erhält somit die Möglichkeit, in die Diskussion der Opfer-Täter-Thematik einzusteigen und sich unmittelbar mit der Geschichte zu beschäftigen. Allein in den Jugendbegegnungsstätten des Volksbundes nutzen jedes Jahr über 20.000 junge Menschen diese Möglichkeiten. Die Kriegsgräber sind somit auch Stätten der Begegnung, an denen sich Menschen verschiedenen Alters und Nationalität treffen. Dieser besondere Charakter wird auch durch Workcamps auf Kriegsgräberstätten gefördert. Regelmäßig besuchen auch Reisegruppen die Friedhöfe. Viele Besucher stehen erstmals am Grab ihres Familienangehörigen. Wie groß noch heute das Interesse an den Kriegsgräbern ist, belegen die bis zu 50.000 Anfragen, die den Volksbund jährlich erreichen. Vor allem durch die Unterstützung des Auswärtigen Amts, aber auch durch die Mitglieder und Spender des Volksbundes, sind die deutschen Kriegsgräber im Ausland in ihrer Existenz auf Dauer gesichert. In den nächsten Jahren wird der Volksbund weiterhin Kriegstote aus bekannten Grablagen bergen und auf die vorhandenen Sammelfriedhöfe umbetten. Eine besondere Bedeutung erfahren derzeit die Kriegsgräberstätten des Ersten Weltkrieges aus Anlass des 100. Jahrestages dieses Krieges. Jugendliche in der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Ysselsteyn (Niederlande)

Links: Workcamp des Volksbundes Compiègne (Frankreich) Links: Jugendliche des Workcamps Wroclaw/ Breslau (Polen)

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