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Š Patrick Raczek

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14 Tage Nachtleben. Und was sonst noch so passiert.

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05.11.2012 14:15:31


Editorial

Editorial Berlin ist die Stadt, zu der jeder eine Meinung hat. Inspirierend finden sie viele, oder aufregend. Dreckig oder Furcht einflößend, meinen andere. Einigkeit herrscht aber in einem Punkt: Berlin ist überraschend. Und das immer wieder, und jedes Klischee ist genauso wahr wie falsch. Berlin ist der junge Start-up-Unternehmer in Mitte und der Dealer im Görlitzer Park, das Baugruppenmitglied in Prenzlauer Berg und der Tourist am Brandenburger Tor, die Auguststraße und der Preußenpark. Berlin ist die Stadt, in der morgens hunderte Menschen vor dem Berghain stehen, auf Einlass ins Clubparadies wartend. Und zeitgleich ein Reh in der Wuhlheide aus dem Nebel tritt, für einen Augenblick vor unserem Fotografen verweilend. Ein intimer Moment in dieser Großstadt, die eben nicht immer großstädtisch ist. Ein Spiegel dieser Vielfalt findet sich auf den nächsten 164 Seiten.

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Das Berlinbuch 2013

inhalt

8 Auf Fotosafari Wie sehen Touristen eigentlich unsere Stadt? Ein paar haben uns ihre Urlaubsbilder gezeigt

14 Menschen im Park Vier Begegnungen von der Wuhlheide bis zum Preußenpark

26 Türkisch für Designer Das Label Rita in Palma zwischen Haute Couture und Migrantinnen

Parkbekanntschaften, Seite 14

34 „Red’ ick polnisch?“ Nirgendwo gibt es mehr Bau­gruppen als in Berlin. Ein Erfahrungsbericht

Berlin gilt als das neue Silicon Valley. Doch wie viel Substanz steckt dahinter?

Mode in Neukölln, Seite 26

Sillicon Valley in Mitte, Seite 40 4

Fotos: Tobias Kruse (2), Marcel Schwickerath

40 Arbeit am Mythos


Das Berlinbuch 2013

inhalt

Friedrich Loock war der erste Galerist in der Auguststraße. Erinnerungen an eine Straße, in der Ausstellungen wild und Hausbesetzungen Alltag waren

56 Im Halbschatten Ein Dealer vom Görlitzer Park erzählt seine Geschichte

Dealer im Görlitzer Park, Seite 56

60 Fegefeuer der Feierwütigen Lange Schlangen vor den Clubs. Sind die Partys so gut, weil alle so lange warten müssen?

66 Mix-Tape Berlin Vom Blutmai bis zur Panoramabar: Stadtgeschichte in Liedern

74 Einmal Rentierherz bitte Flüsterrestaurants und WohnzimmerDinner. Zu Besuch in einer kulinarischen Parallelgesellschaft

80 Berlin in Kurzen Kulinarisches, Seite 74

Vier Schnäpse, die die Stadt geprägt haben 6

82  Register 83 96 102 120 130 140 146 156

Ansichtssachen Stadterkundung Essen und Trinken Bühne und Musik Kunst Übernachten Shopping Kinder

im Register ab S. 82: Stadtteilspaziergänge illustriert von Anne Lück



95 101 119 129 139

Das jüdische Berlin Um den S-Bahn Ring Kneipentour Neukölln 24-Stunden-Clubtour Ums Schloss Charlottenburg 155 Shopping-Tour durch die Mulackstraße 159 Treptower Park für Kinder

160 Index 162 Impressum

Fotos: Ailine Liefeld, Tobias Kruse

44 Geburt einer Kunstmeile


Text Markus Gehann

Parks

Fotos Tobias KRUSE

Menschen im PArk

Die Berliner hegen ein inniges Verhältnis zu ihrer Natur. Parkbekanntschaften von der Wuhlheide bis zum PreuĂ&#x;enpark


Das Berlinbuch 2013

Der Maler Edward B. Gordon über die Wuhlheide Im Sommer 2010 bin ich aus meinem Atelier in der Torstraße nach Oberschöneweide umgezogen. Von diesem Ort hatte ich davor noch nie gehört. Ich war immer ein Stadtkind. Ich bin mit einem lachenden und einem weinenden Auge rausgezogen. Das war eine völlig neue Kulisse. Meine MitteWege, die ich schon blind gehen konnte, waren auf einmal weg. Und ich dachte, der Fluss vor der Tür ist zwar ganz schön, aber ich vermisse irgendwie die Auto-Abgase. Mit der Zeit lernte ich dieses schöne Stückchen Erde zu schätzen und genieße die Ruhe. Der Fluch eines Malers ist, dass man beim Spazierengehen immer denkt: „Was für ein Bild kann ich daraus machen?” Das ist nicht wirklich entspannend, man schaltet nie ab. Der Segen ist, man sieht viel intensiver.“

„Die Wuhlheide duftet wie ein Wald. Wo sich die preußisch-aufgereihten Alleen gabeln, gibt es wunderbare Sichtachsen. Die große Lichtung ist ein ehemaliger Exerzierplatz der Roten Armee. Da haben die Russen Schlachten nachgestellt. Wenn die Sonne untergeht, ergibt das Licht ein Theater der Farben. Ich male ein Bild pro Tag. Oft ist die Wulheide das Motiv. Das ist eine Art Tagebuch, eine Chronik meines Lebens in Berlin. Als ich vor 13, 14 Jahren in diese Stadt kam, war ich fasziniert von dem Licht, vor allem im ehemaligen Ostteil. Damals war es noch viel staubiger. Wenn die Abendsonne auf einen dieser typischen, ockergrauen Straßenzüge fiel, ergab das einen riesigen Streifen Gelb, Orange und unten fast Schwarz, ein tiefes, tiefes Violett – genial. 16


Text Julia Stelzner

Das Berlinbuch 2013

Fotos Tobias Kruse

Türkisch

für Designer Das Neuköllner Modelabel Rita in Palma verwebt zwei Welten miteinander: Haute Couture und türkische Migrantinnen. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Integration 26


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Text Astrid Herbold

Das Berlinbuch 2013

Fotos MArcel SChwickerath

Arbeit am Mythos Das neue Silicon Valley. Dieser Ruf eilt Berlin voraus. Doch wie viel Substanz steckt wirklich dahinter? Die Start-up Szene ist immer noch unterfinanziert, sagen die Investoren. Die Euphorie trotzdem atemberaubend, sagen die Gr端nder. Um gute Mitarbeiter wird regelrecht geschachert, sagen die CEOs. Eine Nahaufnahme


Start-Ups

„Die Idee allein ist es nicht. Es kommt auch auf die Execution an.“ A ndreas winiarski

R

amin G. Far ist ein Auserwählter. Er steht in einem leeren Innenraum, kalt und feucht ist es, von den Wänden hängen Stahlstreben. Im nächsten Jahr wird er hier arbeiten, in einem der Räume, die hier an der Bernauer Straße neben der Mauergedenkstelle entstehen. Von außen ist es ein Rohbau wie so viele in Berlin, zum Himmel hin offen, noch ohne Dach und Fassade. Doch es gibt nicht wenige, für die ist es die begehrteste Baustelle der Stadt. „Factory“ wird das Areal genannt, hier entstehen die Arbeitsplätze der Zukunft, zumindest für die Start-up Szene, die wie kein anderer Wirtschaftszweig in Berlin boomt. Die Gründer stehen Schlange, um in die „Factory“ einziehen zu dürfen. Mit seinem neunköpfigen Team gehört Ramin G. Far zu den ersten handverlesenen Mietern. Far ist ein freund­ licher Mann, der so schnell redet wie sein Start-up Urge IO, ein Vergleichsportal für technische Geräte, gerade wächst: Gestartet im Sommer 2011, 700.000 Euro Investorenkapital im Frühling 2012, 1,7 Millionen Mal angeklickt im September 2012. Ein Ende ist nicht in Sicht. „Wir wachsen zurzeit um 50 Prozent pro Monat“, sagt er. Deshalb der Umzug im kommenden Jahr. Wo Far schon ist, wollen Christophe Fischer und Olivier Jarfas noch hin. Die beiden Franzosen sitzen in einem kleinen Wohnzimmer in Wedding, in Laufweite zur „Factory“Baustelle. Hier stehen zwei Sofas, die mit braunen Spannbettlaken überzogen sind. In jeder Zimmerecke ist ein winziger Schreibtisch, die Stühle sehen aus wie vom Sperrmüll. Dazwischen ein halbleeres Holzregal, ein vergilbter Laserdrucker, zwei schwarze Billig-Netbooks. Raufasertapete, Laminat, unter dem Fenster rauscht die Brunnenstraße. Sieht so der Beginn einer Erfolgsgeschichte aus? Vielleicht. Flowsee heißt die Website, die in dem kleinen Wohnzimmer im Wedding entsteht, es soll eine Art Facebook-Reddit-Pinterest Ding werden, nur besser. Eine intuitive, dynamische Internet-Pinnwand für alle Lebenslagen. Ihre Erfinder, Christophe Fischer und Olivier Jarfas, sind im Sommer 2012 nach Berlin gekommen. Angelockt vom Ruf, der der Stadt gerade in ganz Europa vorauseilt. Das neue Silicon Valley. Der Ort, an dem tollkühne Gründer auf generöse Geldgeber treffen, wo Kreativität pulsiert und wo es sich überhaupt so wunderbar leben, netzwerken und arbeiten lässt.

Der 26-jährige Fischer formuliert es pragmatischer: „In Paris müssten wir bei unseren Eltern wohnen.“ Denn bislang ist Flowsee ein No-Budget-Projekt, finanziert mit Nebenjobs und Ersparnissen. Wenn man das Berliner Start-up Biotop beschreiben wollte, dann vielleicht so: Hunderte kleiner munterer Fische tummeln sich im Teich, drum herum stehen haufenweise Investoren und schmeißen mit Futter. „Trotzdem“, sagt Roger Bendisch, „ist die Szene im internationalen Vergleich immer noch unterfinanziert.“ Bendisch ist der Geschäftsführer der IBB Beteiligungsgesellschaft (IBB-Bet), einer hundertprozentigen Tochter der landeseigenen Investitionsbank Berlin. Die IBB-Bet wurde 1997 eigens dafür eingerichtet, jungen Berliner Technologieunternehmen Risikokapital, so genanntes Venture Capital, zur Verfügung zu stellen. Die IBB-Bet steigt allerdings nur mit ein, wenn sich auch private Geldgeber an den neugegründeten Firmen beteiligen. In den letzten fünfzehn Jahren sind über solche Partnerschaften über 786 Millionen Euro in insgesamt 150 Firmen investiert worden. Bislang kam das private Geld meist aus dem Inland. „Erst seit 2012 stellen wir fest, dass Berliner Start-ups auch für ausländische Venture Capital Fonds attraktiver werden“, erklärt Bendisch. Vor allem Fonds aus den USA und Großbritannien stecken neuerdings Geld in die deutsche Gründerszene. „Das war vorher eher die Ausnahme.“ Mit Paris und London, den beiden anderen Finanz- und Start-up-Metropolen Europas, liege Berlin mittlerweile auf Augenhöhe. „Aber an Silicon Valley kommen wir noch lange nicht ran.“ Die Amerikaner spielen finanziell in einer anderen Liga: Facebook etwa konnte in dem Jahr vor seinem Börsengang nochmal rund 500 Millionen Dollar Risikokapital von Inves­ toren einsammeln. „Das entspricht ungefähr der Hälfte des gesamten deutschen Venture Capital Markts 2011“, so Bendisch. Und der konzentriert sich nicht nur auf Berlin, auch Hamburg und München verzeichnen einen deutlichen Startup-Boom. Bendisch sieht aber vor allem für die Hauptstadt in den nächsten Jahren noch großes Wachstumspotenzial. „Die Euphorie ist gewaltig.“ Einer, der der Begeisterung in den letzten zwei Jahren ein mediales Gesicht gegeben hat, ist der 36-jährige Felix Petersen. Heute sagt er: „An dem neuen Bild von Berlin haben wir durchaus aktiv mitgeschraubt.“ Zusammen mit drei 41


Das Berlinbuch 2013

1929

1951

Roter Wedding

Pack die Badehose ein

Erich Weinert

Conny Froboess

„Links, links, links, links! Der Rote Wedding marschiert!“ Max Gemeinhardt ist der erste. Er steht am Fenster seines Zimmers in der Kösliner Straße in Wedding, als ihn ein Schuss in den Kopf trifft. Tot sackt er in sich zusammen. Bis zum Abend des 1. Mai 1929 werden es neun weitere Menschen alleine in Wedding sein, insgesamt sterben in Berlin mindestens 32. Sie sind Demonstranten, Passanten, Unbeteiligte, getroffen von einer der 11.000 Patronen, die etwa 16.000 Polizisten verschießen. Als Blutmai werden dieser und die darauf folgenden Tage in die deutsche Geschichte eingehen. Besonders in der Arbeiterklasse, traditionell links geprägt, hat er sich eingebrannt. Es war ein Ereignis mit Ankündigung. Seit Ende 1928 besteht in Berlin ein Verbot für politische Versammlungen unter freiem Himmel, das auch am 1. Mai Bestand hat, dem traditionellen Kampftag der Arbeiterbewegung. Dennoch hält die KPD an einem Aufruf zu Demonstrationen fest, dem etwa 8.000 Menschen nachkommen. Links, links, links, links marschieren sie durch die Straßen, sind vor allem in den Arbeitervierteln Neukölln und Wedding unterwegs. Es kommen weniger als erwartet, aber genug für die Polizei, um hart gegen sie vorzugehen. Was folgt, ist eine der schwersten Schlachten der Weimarer Republik. Das Lied Roter Wedding erinnert an diese Zeit. Erstmals wird es auf der Bühne von einer Agitpropgruppe gleichen Namens gespielt, die sich nach dem Blutmai formierte, schnell wird es adaptiert, unter anderem von Ernst Busch, und zur Hymne linker Bewegungen. Der Texter Erich Weinert kommt 1931 vor Gericht, einer der Anklagepunkte lautet Aufreizung zum Klassenhass. Folgen für die Polizei indes – keine.

Es ist Sommer. Die Sonne scheint über West-Berlin und verdrängt die schwarzen Wolken der Vergangenheit. Pack die Badehose ein, der Smash Hit des Jahres 1951, fängt in all seiner Simplizität diesen Zeitgeist ein wie kein anderes Lied. Die dunklen Jahre liegen hinter den Berlinern, ein Großteil der Trümmer ist weggeräumt und damit nicht nur optisch aus dem Blickfeld – und eine neue Spießbürgerlichkeit richtet sich im Jetzt ein. Das Lied, ursprünglich für die Schöneberger Sängerknaben geschrieben, wird zum musikalischen Äquivalent des neuen deutschen Heimatfilms. Und die gerade einmal acht Jahre alte Berlinerin Cornelia Froboess zum Inbegriff der Göre, die frisch und kess und mit deutlichem Berliner Einschlag ein ganzes Land für sich einnimmt. Sie besingt ein fröhliches Leben, in dem Kinder keine größeren Sorgen haben, als sich zwischen Kino und Strand entscheiden zu müssen. Zwar ist das Berlin von damals beengt, wird es bis 1989 sein, und das Strandbad Wannsee das letzte Ausflugsziel vor der DDR. Doch das ist egal. Zum Idyll braucht es nicht viel. Auch wenn etliche Berliner noch in russischer Gefangenschaft sind, der Krieg ist – im Wortsinn – keiner Rede mehr wert. Denn es ist Sommer. Die Sonne scheint über West-Berlin. Und am Horizont lockt das aufkommende Wirtschaftswunder.

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Foto rechts: Herbert Möbius; Gabriel Delgado Lopez, Robert Görl, Stephan Plank / Mute Records ; Fotos links: Deutsche Fotothek; Nationaal Archief, Den Haag

„Ja, wir radeln wie der Wind durch den Grunewald geschwind Und dann sind wir bald am Wannsee.“


MUSIK

1972

1979

Rauch Haus Song

Kebabträume

Ton Steine Scherben

DAF

„Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus.“

„Kebabträume in der Mauerstadt Türk-Kültür hinter Stacheldraht.”

Der Postzustellbezirk SO 36 in den frühen 70er-Jahren ist eine Mondlandschaft mit aschgrauen Fassaden und Bau­ lücken. Er sieht an einigen Stellen so aus, als wäre der Zweite Weltkrieg erst einige Monate zuvor zu Ende gegangen. Der Senat lässt Altbauten abreißen, es entsteht ab 1969 das Neue Kreuzberger Zentrum am Kottbusser Tor, eine Autobahn bis zum Oranienplatz wird geplant. Zur Verwunderung der Stadtregierung kommt es nicht zu spontanen Jubelausbrüchen bei den Kreuzbergern. Im Gegenteil: Anwohner, Studenten und Alternative wehren sich massiv gegen Abriss und Immobilienspekulation. Nach einem so genannten Teach-In an der Freien Universität besetzen im Dezember 1971 Studenten das Schwesternheim des leer stehenden Bethanien-Krankenhauses und taufen es um in Georg-RauchHaus, benannt nach einem Studenten, der einige Tage zuvor von Polizisten erschossen wurde. Am 19. April 1972 rücken Polizeikräfte in den frühen Morgenstunden an, um eine Razzia durchzuführen. Sie finden leere Flaschen und schließen daraus, dass in dem Gebäude Sprengstoff hergestellt wird. Vorläufig werden 28 Personen festgenommen, das Haus bleibt weiterhin in Besetzerhand. Rio Reiser schreibt über den Widerstand jenes Lied, das zur Hymne eines Jahrzehnts wird. „Ihr kriegt uns hier nicht raus!“, dieser Slogan darf fortan auf keiner Demonstration fehlen. Die Band Ton Steine Scherben, deren Sänger Reiser ist, zieht allerdings wenig später auf einen Bauernhof in Schleswig-Holstein.

Sommer 1978, Stelldichein im SO 36, 17 Jahre Berlin Mauer werden gefeiert. Mehrere Punkbands haben sich eingefunden, Buttercremetorte wird gereicht, Schultheiss getrunken. „Mauerbaufestival“ nennt sich das Ganze. Unter den Teilnehmern befindet sich die Düsseldorfer Band Mittagspause mit ihrem jungen Frontmann Gabi Delgado-Lopez. Er ist das erste Mal in Kreuzberg. Und dieser Ort kommt ihm unwirklich vor, wie eine Exklave, vom Rest des Landes seltsam losgelöst, im Osten und Norden von der Mauer begrenzt, und ansonsten türkisch geprägt. Kommunismus ringsum, TürkKültür mittendrin. Kreuzberg macht Eindruck auf ihn, und aus diesen Eindrücken entstehen Songzeilen, die in den späten 70er-, frühen 80er-Jahren gleich mehrere miteinander verbandelte Bands benutzen, darunter die bekanntesten Versionen von den Fehlfarben und Deutsch Amerikanische Freundschaft, kurz DAF. Militürk von den Fehlfarben entwirft in wenigen Zeilen die Vision eines zukünftigen Berlins, in dem Türken nicht nur den Westen sondern auch den Osten unterwandern („Miliyet für die Sowjetunion“). Das Lied spielt satirisch mit Stereotypen und greift das Schlagwort der Überfremdung auf, das damals in Deutschland kursiert – 30 Jahre vor Sarrazin. „Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei“ heißt es entsprechend und folgerichtig endet Militürk mit einer Litanei, in der immer wieder ein Satz wiederholt wird: „Wir sind die Türken von morgen“.

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Vorbild Oma: Im Supperclub Mother’s Mother von Kavita Meelu (unten) wird nur nach Rezpten von

Fotos: Ailine Liefeld

Großmüttern gekocht


ESSEN

„In Berlin fehlt es an authentischer Küche und mutigen Konzepten.“ K avita M eelu

Arme. Entsprechend versuchen die meisten Gastronomen, die oft Existenzgründer sind, den Geschmack möglichst vieler Kunden mit ihrem Angebot zu treffen. So hat es das Neue traditionell eher schwer. Als etwa Siegfried Rockendorf, der Starkoch der 70er- und 80er-Jahre, anfing, mit regionalen Produkten wie Teltower Rübchen zu kochen, erntete er nur Kopfschütteln bei den Berlinern. Bald war er der erste Zweisterne-Koch der Stadt, und ging trotzdem Pleite. Viele spannende Essenstraditionen bildet die Berliner Gastronomie nicht ab. „Ich mag die Berliner Küche“, sagt Björn Schmidt, Schwede, ambitionierter Hobbykoch und passionierter Esser. „Aber es gibt wenig Restaurants, die etwas Besonderes bieten. In anderen Städten zielen Gastronomen auf die Nische. Hier gehen sie lieber auf Nummer sicher.“ Was er bei Kitchensurfing anbietet, bekommt man in Berlin nirgends: eine moderne skandinavische Küche, wie sie in Feinschmeckerkreisen gerade das ganz heiße Ding ist. „Mich buchen Foodnerds, die mir auf die Finger schauen wollen“, sagt Schmidt, der eine Werbeagentur in Stockholm besaß und sich, nachdem er sie verkauft hatte, in Berlin niederließ. Dill-Martini zu Muscheltartar Das Besondere an der skandinavischen Küche sind neben Spezialitäten wie Rentierherz, Maränenrogen und Molte­ beeren die althergebrachten Zubereitungsmethoden wie

Einlegen, Räuchern, Pökeln. Früher wurden so die Lebensmittel für den langen Winter haltbar gemacht. Und noch heute prägen diese Aromen die nordische Küche. „Es werden wenige Produkte benutzt, die aber mit sehr viel Liebe und Aufwand angerichtet. Es ist eine Küche der klaren, reinen Geschmäcker“, erklärt Schmidt. Er dachte daran, ein Restaurant zu eröffnen, doch dafür müsse man die Stadt und ihren Geschmack besser kennen. Stattdessen erfand er mit zwei Freunden das Rolling Restaurant, einen Supperclub, der an immer neuen Orten stattfindet. Etwa in der Bar Stagger Lee in Schöneberg, wo es zu jedem der acht Gänge einen korrespondierenden Drink gab. Zu einem Muscheltartar mit Gurkengelee etwa einen Martini mit Dill. Zu einem marinierten Schweinebauch mit Blumenkohlpüree und eingelegten Tomaten einen mit Bier gemixten Whiskey. „Oft zahlen wir bei den Veranstaltungen sogar drauf. Aber ich möchte Feedback von den Leuten, die sich wirklich gut mit Essen auskennen, und ihnen zeigen, dass schwedische Küche mehr als Köttbullar ist.“ Supperclubs sind ein ähnliches Phänomen wie das Netzwerk Kitchensurfing. Diese Flüsterrestaurants finden meist in privaten Räumen statt, sind international geprägt und erleben gerade einen Boom in Berlin. Wie viele es sind, weiß keiner so genau. Vielleicht 20, vielleicht auch 40. Jedenfalls ist es bei den meisten deutlich schwieriger einen Platz zu bekommen

„Der beste Chinese weit und breit.“ – Süddeutsche Zeitung Magazin

Dieffenbachstr. 18 • 10967 Berlin/Kreuzberg Telefon: 030. 69 814 658 • Täglich geöffnet von 12 bis 23 Uhr www.tangs-kantine.de • www.facebook.com/tangs.kantine


Berlin - BerlinBuch 2012/2013