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UNKRAUT ist für alle wohler fühlen, Menschen, die sich unseren große Begeisterungsfäh die sich nicht Freunde mit App Probiert doch mal, auch was euc

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intro

e Wilden, die sich Draußen als am Schreibtisch. Gedanken machen über en blauen Planeten. hige, stille Beobachter, t sattsehen können. petit und Geschmack! h wenn Ihr schon genau wisst, ch schmeckt.

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Unkraut etwas, das unser en stört, die Ernte eindämmt . Viel zu leicht wäre es, Geschichten an unserem ategorisieren und links liegen enn warum auch? m Unkraut genauso lernen und n unseren Nutzpflanzen. bleibt klar: o viel zu entdecken. Spaß dabei!

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INHALT:

IN ENGLISH PLEASE.


inhalt

INTRO 2 INHALT 4 GIERSCH 6 WILDER MANN 8 SVALBARD GLOBAL SEED VAULT 16 LÖWENZAHN 22 MEHR VON DRAUẞEN 24 WACHOLDERSCHNAPS 26 SPITZWEGERICH 30 GEFÄHRLICH LECKER 32 PLASTIKMEER 40 WOLFSKINDER 45 FREEDOM COVE 61 JAMBÚ 62 KAPUZINERKRESSE 64 TERRA PHANTASIA 66 ESCAPE 74 BRENNNESSEL 78 DER TROLL 80 KRÜMELMONSTER 86 HOPFEN 88 OUTRO 90

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Ae g po opo da d gra ium ria


unkräuter

SUPER STAUDE Der gemeine Giersch ist eines der Unkräuter schlechthin. Den meisten Gartenbesitzern gilt der Giersch, auch Dreiblatt genannt, als lästiges Unkraut, das so hartnäckig ist, dass man es nie wieder loswird. Der Giersch ist in ganz Europa heimisch, wächst als ausdauernde Staude in Auwäldern, Hecken und Gärten und wird dabei zwischen 30 und 90 Zentimeter hoch. Der Stängel ist hohl und kantig. Zwei Seiten sind konkav geformt, die dritte konvex, was dazu führt, dass der Querschnitt des Stiels an einen Ziegenfuß erinnert. Aus diesem Grund wird der gemeine Giersch auch Ziegenfuß genannt. Seine Dolden mit weißen Blüten entfalten sich zwischen Juni und August. Die weißen Wurzeln sind leicht giftig und aus jedem noch so kleinen Stückchen kann wieder eine neue Pflanze wachsen, die wiederum neue weite Ausläufer ausbildet. Den Anbau im eigenen Garten sollte man sich also sehr gut überlegen. Bei ungünstigem Wind oder fehlender räumlicher Sperre gegen die Wurzeln, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Nachbar auch Giersch in seinem Garten hat. Will man den Giersch wieder loswerden, hilft meistens nur noch wegziehen. Falls man den Giersch nichtsdestotrotz gerne anpflanzen möchte, so gibt es eine Möglichkeit das Risiko einer ungewollten Verbreitung zu reduzieren: Am besten in großen Töpfen aufziehen und verhindern, dass der Samen reif wird und sich im Garten verteilt. Seine kulinarische Geschichte reicht vermutlich bis in die Steinzeit zurück, wo er wahrscheinlich als Wildgemüse gegessen wurde. Auch als Bestandteil von Suppen war er bei einigen Königshäusern eine geschätzte Delikatesse. Die aromatischen und leicht bitteren frischen Triebe und jungen Blätter können im Frühling geerntet und wie Spinat oder Salat zubereitet werden. Auch ältere Blätter eignen sich noch als Petersilienersatz in Suppen, Gemüsegerichten und Aufläufen. Die reifen Samen sind außerdem ein leckeres Gewürz.

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Über seine kulinarischen Möglichkeiten hinaus werden dem Giersch auch heilende Effekte nachgesagt. Er kann zum Beispiel die Harnorgane und den Stoffwechsel fördern. Seine Bestandteile wirken außerdem antirheumatisch, beruhigend, entwässernd, entzüdungshemmend und verdauungsanregend. Ein Tee aus dem getrockneten Unkraut hilft gegen Gicht und Rheuma. Dafür übergießt man zwei Esslöffel der getrockneten Droge mit 250ml heißem Wasser und lässt es für fünf Minuten ziehen, bevor man es abseiht.

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CERBUL DIN CORLATA, SPAIN


charles fréger - wilder mann

W ILDER M A NN Der Wilde Mann in Europa ist ein Wesen, auch geprägt von seinem Glauben, verwurzelt in seiner Kultur. Kostüme zu Ehren der Zyklen ländlichen Lebens: Tod, Geburt und Auferstehung, Arbeit, Saat und Fruchtbarkeit.

CARETOS DE LAZARIM, PORTUGAL UNKRAUT � 1

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charles fréger - wilder mann

››Besser oi Stan am Sc

BABUGERI, BULGARIA


is a chädl‹‹

KRAMPUS, AUSTRIA

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SCHNAPPVIECHER, ITALY


charles fréger - wilder mann

››NIENTE E PIÙ NERO DEL DIAVOLO.‹‹

OURS DE ST LAURENT DE CERDANS, FRANCE

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charles fréger - wilder mann

››Quand le vin est il faut le boire

SURVAKARI, BULGARIA


tiré, . ‹‹

STROHMANN, GERMANY

Charles Fréger ist einer der wichtigsten Vertreter der jungen europäischen Fotografie. Seine Arbeit ist fast ausschließlich dem Porträt gewidmet, insbesondere der Studie uniformierter und kostümierter Kollektive und der wechselnden Identität der Mitglieder zwischen eigenständigem Individuum und dem Teil einer Gemeinschaft.

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AWAY F ROM HOM E

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the perma frost this bunker secures global genetic material save from nuclear catastrophies and other possible worst cases seeds from plants out of every country you can imagine


svalbard global seed vault

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svalbard global seed vault

seventy eight degrees north fifteen east

ENTRANCE TO THE SEED TRESOR

▷ Deep inside a mountain on a remote island in the Svalbard archipelago, halfway between mainland Norway and the North Pole, lies the Global Seed Vault. It is a fail-safe seed storage facility, built to stand the test of time — and the challenge of natural or man-made disasters. The Seed Vault represents the world’s largest collection of crop diversity. Worldwide, more than 1,700 genebanks hold collections of food crops for safekeeping, yet many of these are vulnerable, exposed not only to natural catastrophes and war, but also to avoidable disasters, such as lack of funding or poor management. Something as mundane as a poorly functioning freezer can ruin an entire collection. And the loss of a crop variety is as irreversible as the extinction of a dinosaur, animal or any form of life. It was the recognition of the vulnerability of the world’s genebanks that sparked the idea of establishing a global seed vault to serve as a backup storage facility. The purpose of the Vault is to store duplicates (backups) of seed samples from the world’s crop collections. Permafrost and thick rock ensure that the seed samples will remain frozen even without


THE WAY INTO THE SEED STORAGE

power. The Vault is the ultimate insurance policy for the world’s food supply, offering options for future generations to overcome the challenges of climate change and population growth. It will secure, for centuries, millions of seeds representing every important crop variety available in the world today. It is the final back up. The Seed Vault has the capacity to store 4.5 million varieties of crops. Each variety will contain on average 500 seeds, so a maximum of 2.5 billion seeds may be stored in the Vault Currently, the Vault holds more than 860,000 samples, originating from almost every country in the world. Ranging from unique varieties of major African and Asian food staples such as maize, rice, wheat, cowpea, and sorghum to European and South American varieties of eggplant, lettuce, barley, and potato. In fact, the Vault already holds the most diverse collection of food crop seeds in the world. The focus of the Vault is to safeguard as much of the world’s unique crop genetic material as possible, while also avoiding unnecessary duplication. It will take some years to assemble because some genebanks need

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SEED BOXES IN CORRIDOR E

to multiply stocks of seed first, and other seeds need regenerating before they can be shipped to Svalbard. For a complete overview of the samples stored in the Vault, please visit NordGen’s public online database. A temperature of -18ºC is required for optimal storage of the seeds, which are stored and sealed in custom made three-ply foil packages. The packages are sealed inside boxes and stored on shelves inside the vault. The low temperature and moisture levels inside the Vault ensure low metabolic activity, keeping the seeds viable for long periods of time. The depositors who will deposit material will do so consistently with relevant national and international law. The Seed Vault will only agree to receive seeds that are shared under the Multilateral System or under Article 15 of the International Treaty or seeds that have originated in the country of the depositor. Each country or institution will still own and control access to the seeds they have deposited. The Black Box System entails that the depositor is the only one that can withdraw the seeds and open

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boxes. □

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svalbard global seed vault


Tarax a ruder cum alia


unkräuter

PUSTE BLUM E Der Löwenzahn ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die eine Wuchshöhe von 10 cm bis 30 cm erreichen kann und in allen Bestandteilen einen weißen Milchsaft enthält. Seine bis zu 1 Meter, in seltenen Fällen auch bis zu 2 Meter lange, fleischige Pfahlwurzel ist außen dunkelbraun bis schwarz. Die 10 bis 30 cm langen Blätter sind eiförmig, unregelmäßig stark gelappt, tief eingeschnitten und gezähnt. Einschnitte und Zähne sind von der Basis bis zu etwa zwei Drittel der Länge stark, weiter zur Blattspitze hin, sind sie häufig geringer ausgeprägt. Durch das frühe Erscheinen seiner Blüten ist der Löwenzahn eine wichtige Bienenweide. Dadurch dient er der Entwicklung der Bienenvölker im Frühjahr und ermöglicht bei größeren Vorkommen auch eine Frühtracht-Honigernte. Löwenzahnhonig hat ein kräftiges Aroma und ist im frischen Zustand goldgelb und dickflüssig. Für ein Kilogramm Honig muss ein Bienenvolk über 100.000 Löwenzahnblütenbesuche durchführen. Auch in der Kosmetikindustrie werden die Blüten des Löwenzahns häufig verwendet. Die wichtigsten Wirkstoffe des Löwenzahns sind die Bitterstoffe. Sie fördern allgemein die Sekretion der Verdauungsdrüsen. Des Weiteren wurde ihnen auch eine harntreibende Wirkung nachgewiesen, die möglicherweise auf die hohe Kaliumkonzentration zurückzuführen ist. Anwendung findet die Droge Löwenzahn bei Appetitmangel, Verdauungsbeschwerden mit Völlegefühl und Blähungen, bei Störungen im Bereich des Gallenabflusses und zur Anregung der Harnausscheidung bei entzündlichen Erkrankungen und Steinbildung. In der Küche können die frischen jungen Blätter des Unkrauts als Salat, für Presssaft oder als Bestandteil in Smoothies verarbeitet werden. Und in einer Speck-Rahmsauce gilt Löwenzahnsalat sogar als Delikatesse. Geschmacklich ist Löwenzahn nussig bis leicht bitter zu beschreiben. Der Geschmack, der hohe Vitamin-C Gehalt der Pflanze und die Wirkung ihrer Bitterstoffe sowie die große und lange Verfügbarkeit auf das ganze Jahr gesehen machen den Löwenzahn zu einem Allround-Unkraut.

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Aus der getrockneten Wurzel der Pflanze wurde in den Nachkriegsjahren ein Ersatzkaffee hergestellt. Der Reifenhersteller Continental erforscht gerade einen Bioreifen aus dem Saft des Löwenzahns. Er hat bereits dieselben Eigenschaften wie Naturkautschuk und wird vermutlich schon in wenigen Jahren erhältlich sein. Auf der Rückseite der 500-DM-Banknote war ab 1992 ein Löwenzahn aus einem Buch von Maria Sibylla Merian abgebildet. Auch auf der von Manuela Pfrunder entworfenen 50-FrankenNote der neunten Serie aus dem Jahr 2016 ist auf der Vorderseite eine an eine Hand gehaltene Löwenzahnblüte abgebildet. Zwei Scheine die man gerne im Geldbeutel hätte.

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mehr von draussen

Die Sonne scheint, zwei Vögel zwitschern hin und wieder um die Wette. Auf den Dächern gefrorener Raureif. Es sind noch wenige Wochen und dann ist schon wieder Weihnachten. Vom Hormonspiegel her, könnte noch oder wieder Frühling sein. Doch selbst jetzt muss man die Stadt nicht einmal verlassen um leckere Früchte zu finden. Irgendetwas gibt es fast immer. Zum Beispiel Wahlnüsse am Studentenwohnheim. Kinder spielen lachend auf einem verwilderten Gelände, auf welchem auch Obstbäume stehen. Ein Zwetschgenbaum. Seine ganze Ernte liegt ihm zu Füßen. Niemand hat sie abgeholt. Ein paar Straßen weiter, ein Supermarkt in welchem beständig Menschen verschwinden und irgendwann wieder entfliehen. Jetzt bepackt mit Lebensmitteln, verpackt in Plastikabfall. Granny Smith, und Pink Lady. Das sind keine Popsternchen sondern Apfelsorten. In jedem Fall nicht aus Deutschland. Eine Frucht gleicht der anderen. Steril eingeschweißt. Ich fahre mit dem Fahrrad raus aus der Stadt. Entlang einer vielbefahrenen Straße. Nach einem Schloss verschwinde ich im Wald. Atme Durch. Hier ist es leise. Die Geräusche der Autos, die in der Ferne verschwinden, könnten auch das Rauschen der Blätter sein. Das Laub ist schon vor langem gefallen. Weiter des Weges liegt ein Golfplatz. Der Rasen ist selbst jetzt, saftig grün und gestutzt. Auf einer angrenzenden, aber nicht abgetrennten Wiese, stehen alte Apfelbäume. Sie hängen voll mit Früchten. Größen, Farben und Formen nach Belieben. Viele davon liegen bereits auf dem kalten Winterboden im Gras, das auch hier noch gepflegt wurde. Zusammen mit dem abgeschnittenen Gras liegen hunderte weitere Äpfel zusammengerecht am Waldrand. W I L L K E I N E R D I E S E Ä P F E L ? Es müssen, rein optisch, verschiedene Sorten sein, die hier im Abendlicht glänzen. Blasse Grüntöne aber auch kräftige rote Farbtöne. Manch braune Stelle und Irritationen auf einigen der Schalen. Aber wen interessiert das überhaupt? Ändert nichts am Geschmack. Ein kleiner roter Apfel hängt auf Kopfhöhe vor meinem Gesicht. Ich pflücke ihn vom Ast und beiße hinein. In meinem Mund explodieren die Geschmacksnerven. Unfassbar fruchtig, saftig säuerlich, aber auch süß, schmeckt das kleine Ding. Mit sechs Bissen ist er verputzt. Auch wenn ich oft Äpfel esse und Apfelschorle liebe, war das geschmacklich jenseits von Gut und Böse. Ich will nie wieder einen anderen Apfel und doch probiere ich mich weiter durch das wilde Sortiment. Aber die erste Sorte bleibt meine Nummer Eins. Ich packe mir einige in meinem Rucksack. Natürlicherweise selektiere ich dabei, Volumen, Form, Farbe, Oberfläche. Aber ich kann die mindestens 80 Kilogramm Äpfel, die hier keiner abgeerntet hat, auch nicht mitnehmen. Also bei Bedarf wiederkommen und den Freunden Bescheid geben. Alleine an der frischen Luft gewesen zu sein, hat sich schon wieder gelohnt. Am nächsten Tag gibt es zu einem der Kaffees, frisch gebackenen Apfelkuchen. Mit Butterstreuseln samt Zitronenabrieb. Zwei Kilogramm Äpfel, die in nicht einmal einer Minute eingesammelt waren, auf einem Blech mit Kuchen. Der Wahnsinn! Und so saftig! Eine normale Arbeitswoche später. Nach einem der Supermarkteinkäufe schnappe ich mir einen der frisch gekauften Äpfel und beiße hinein. Echt knackig! Gleich groß wie all die anderen in der Verpackung. Ohne optische Makel. Unwirklich glatt und glänzend. Im Geschmack mild und langweilig.

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JUNIPERUS COMMUNIS, der gemeine Wacholder ist eine Pflanzenart, die zur Gattung Wacholder aus der Familie der Zypressengewächse gehört. An älteren Pflanzen kann man alle Reifestadien an einer einzigen Pflanze beobachten. Juniperus communis wird von der Weltnaturschutzunion IUCN in der Roten Liste gefährdeter Arten geführt, aber noch als nicht gefährdet bezeichnet. Vorsicht beim Sammeln! Es besteht die Verwechslunggefahr von Wacholderbeeren mit denen des stark giftigen Sadebaums.

Gin Tonic ist der Vodka Martini unserer Zeit. Doch was schütten wir uns da eigentlich so gerne rein?


wacholderschnaps

Der erste Siegeszug des Gins beginnt im 16. Jahrhundert mit dem Genever in Belgien. Dieser hatte mindestens 35%vol und der Name leitete sich von der Wacholderbeere ab, die auch heute noch der Hauptgeschmacksträger des Gins ist. Dieser wird erstmalig 1718 in Oxford erwähnt. Gin hat heutzutage einen Alkoholgehalt von mindestens 37,5%vol. Ein wirklich gutes Destillat hat jedoch mindestens 40%vol, sonst wurde am Basisalkohol gespart.

GIN LANE - WILLIAM HOGARTH

Im 18 Jahrhundert ging es in England und vor allem im Ballungsraum London ganz schön wild zu. Vom Beginn des Jahrhunderts bis circa 1750 verzehnfachte sich der Pro-Kopf-Konsum von Gin im Königreich. Damals wurde jeglicher Billig-Brandwein als Gin bezeichnet. Ausgelöst wurde dieser Gin Craze 1694 durch eine Erhöhung der Biersteuer. Zur gleichen Zeit kam es durch die Modernisierung zu einer immensen Überproduktion an Weizen, was den Schnaps immens verbilligte. Ein Liter Gin war zu dieser Zeit billiger, als die gleiche Menge Milch oder Brot. Überall wurde Gin gebrannt und in jedem fünften Haus in London ausgeschenkt. Zur damaligen Zeit ein willkommener Nebenverdienst. Die gesundheitlichen Folgen bei der Bevölkerung waren jedoch katastrophal. Dies zeigen auch die beiden, damals extrem aufrüttelnden Stiche „beer street“ und „gin lane“ von William Hoghart. Die Sterberate durch Alkoholkonsum überstieg in London zeitweise sogar die Geburtenrate, währenddessen die Kindersterblichkeit schon bei 75 Prozent lag. Erst durch die Einführung von Schanklizenzen und einer ordentlichen Steuer im Jahre 1751 wurde die Regierung

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Herausstechende Unbekannte in der Deutschen Gin Landschaft

TRIPLE PEAK LONDON DRY GIN 44%VOL dreifach destilliert Holunder, Sanddorn und Hagebutte treffen auf feinsten Earl Grey. Unvergleichlich!

Bremen NIEMAND DRY GIN

Hannover

46%VOL Extrem ausgeglichen. Rosmarin und Lavendel. Ein Sommernachts Traum!

WINDSPIEL PREMIUM DRY GIN 47%VOL Besonders weich! Destiliert aus in Vulkanerde gereiften Kartoffeln. Edel auch pur ohne Eis.

Lauter

STOBBE PREMIUM LONDON DRY GIN 43%VOL Fruchtig, frisch mit schwarzer Johannisbeere und Bergamotte. Unwiederstehlich raffiniert!

Daun

Nürnberg APPLAUS GIN 43%VOL

APPLAUS DRY GIN 43%VOL Manege frei! mit einer ausgeprägten feinen Zimtnote. Ein spannendes Geschmackserlebnis!

Stuttgart

München


wacholderschnaps

GENTLE GIN TEA DRY 47%VOL Borretsch, Earl Grey und Weisser Tee. Unfassbar eigensinnig! Pur auf Eis in einem Sessel genießen

Berlin

SAXON DRY GIN 44%VOL doppelt gebrannt Ideal für leckeren Gin and Tonic. Starke Zitrusnoten ausgeprägt fruchtiger Wachholder!

DUKE GIN MUNICH DRY GIN 43%VOL Kräftig würzig! Kubebenpfeffer Ingwerwurzel, Hopfenblüten und Malz. Bayern stark und unverfälscht!

schlussendlich wieder Herr der Lage. Ehemals als Getränk der Armen verrufen, ist der Gin heute aus keiner guten Bar der Welt mehr wegzudenken. Barkeeper schätzen seine feinen Aromen, die einen Longdrink nicht dominieren müssen, sondern auch andere Aromen unterstreichen können. Der Industriealkohol ist landwirtschaftlichen Ursprungs, meist aus Gerste oder Roggen gebrannt und hat einen Alkoholgehalt von 96%vol. Hinzukommen als Hauptbestandteil die Wacholderbeere und mehrere Kräuter, Gewürze und Aromen, die in der allgemeinen Fachsprache als Botanicals bezeichnet werden. Die am häufigsten neben dem Wacholder verwendeten sind Koriandersamen, Zitronenschale, Angelikawurzel, Kardamom, Ingwer, Orange und Bitterorange. Wie der Gin verkostet wird, ist Geschmackssache. Pur, auf Eis, oder als Longdrink -beispielsweise dem Gin and Tonic. Manche Gin Hersteller entwickeln auch sogenannte Signature Drinks für ihre Sorte, wie der weltweit bekannte Hendricks Tonic mit Gurke. Mittlerweile gibt es allein in Deutschland über 300 Ginsorten und mit dem Limonadenangebot zum Mixen brauchen wir ja gar nicht erst anfangen. Aber noch ein paar Fakten für das Langzeitgedächtnis: Tonic Water ist eine Limonade, die mit Chinin und Kohlensäure versetzt ist. Chinin wird aus der Chinarinde gewonnen. Weitere Bestandteile sind meist Zucker, Zitrusfruchtkomponenten und Wasser. Besondere Tonic Water enthalten auch noch Kräuter und Gewürze, die mit den verschiedensten Aromen der Ginwelt spielen wollen. Last but not least: Chinin fluorisziert!

Kann man Gin selbst herstellen? Ja, klar! Hier ein einfaches Rezept:

1 Flasche Vodka mit 50%vol 20g Wacholderbeeren 1 Zimtstange leicht zerbröselt 2g Orangenschale 1 zerstoßener grüner Kardamom 3g Zitronenschale 8g getrocknete Koriandersamen

Alle Zutaten in ein sauberes Gefäß geben, mit dem Vodka auffüllen, verschließen und täglich einmal kräftig schütteln. Nach 6-7 Tagen alles durchsieben und beispielsweise mit einem Kaffeefilter abseihen. Dann alles entweder mit einer Flasche 40% Vol Vodka strecken und somit auf 45%vol verdünnen oder mit Wasser auf die gewünschte Trinkstärke verdünnen und danach in eine Flasche füllen. Fertig. Natürlich können auch andere gängige Botanicals nach Lust und Laune verwendet werden. Hier noch einige, die in Deutschen Gins berreits verwendet werden: Lavendel, schwarze Johannisbeere, Sanddorn, Sternanis, Grapefruit, Schlehen, Thymian, Rosmarin oder auch Earl Grey.

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Plantago lanceolata


unkräuter

HEILE , HEILE SEGEN Der Spitzwegerich auch Spießkraut oder Schlangenzunge genannt, ist eine Pflanzenart, die zur Familie der Wegerichgewächse, Plantaginaceae gehört. Das Wort „Wegerich“ leitet sich aus den Althochdeutschen Wörtern wega = Weg und rih = König ab. Ursprünglich nur in Europa beheimatet, hat sich der Spitzwegerich inzwischen weltweit verbreitet und ist ein Unkraut, wie man sich es vorstellt. Er wird zwischen 5cm und 50cm hoch. Die reichverzweigte Wurzel kann bis zu 60 cm in die Tiefe reichen und ist somit äußerst mühselig zu entfernen. Die Blütezeit des Spitzwegerichs reicht von Mai bis September. Auf einem langen Schaft steht dann ein dichter und walzenförmiger Blütenstand. Diese verhältnismäßig kleinen und wirklich unscheinbaren Blüten sind zwittrig und können sich somit selbst befruchten. Ernten und sammeln kann man ihn am besten von Anfang April bis Ende August. Man findet ihn oft in Wiesen, an Äckern und Feldrändern, an den Wald angrenzenden Wegen und auf sehr kleinen Flächen in Ortschaften oder Parkanlagen. In Mangelzeiten, nach den beiden Weltkriegen und während der Weltwirtschaftskrise, war Salat aus wildwachsendem Spitzwegerich ein beliebter Ersatz für unerschwingliches oder nicht erhältliches Grünzeug. Mit seinen wertvollen Inhaltsstoffen wie beispielsweise diverser Schleimstoffe, Gerbstoffe und Kieselsäure ist der Spitzwegerich reizmildernd und leicht hustenlösend. Sein Wirkungsspektrum reicht von antibakteriell über blutreinigend, blutstillend und entzündungshemmend bis hin zu harntreibendend und schleimlösend. Der Bedarf der pharmazeutischen Industrie an der Droge ist somit begründet hoch und wird im Wesentlichen aus umfangreichen Kulturbeständen gedeckt. Die pulverisierte Droge ist auch Bestandteil von Salben, Teemischungen und anderen Auszügen. Der Spitzwegerich wurde im Herbst 2013 von Wissenschaftlern der Universität Würzburg mit Verweis auf die in ihm enthaltenen antibakteriellen und blutstillenden Wirkstoffe zur „Arzneipflanze des Jahres 2014“ gewählt.

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Die Blätter des Spitzwegerichs können pflasterartig für kleinere Wunden und sehr gut gegen Insektenstiche verwendet werden. Auch bei Brennnesselkontakt und Neurodermitis zeigt das Unkraut seine Wirkung. Hierfür ein oder mehrere Blätter zwischen den Fingern zusammenpressen, beziehungsweise leicht reiben, damit die wirksamen Stoffe entweichen können. Danach einfach auf die betreffende Hautstelle auflegen. Der Juckreiz wird spürbar gemildert. Kleinere Wunden werden durch diese Anwendung desinfiziert.

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gefährlich lecker

GEFÄ HR LICH LECK ER

RIESENPOVISTIMITAT UNKRAUT � 1

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Pilze gibt es auf der ganzen Welt. Hochgenuss und Herzstillstand finden sich dabei zum Verwechseln ähnlich nebeneinander auf dem Waldboden.

Es wird kälter und die Blätter an den Bäumen verfärben sich zu faszinierendem Herbstlaub. Es regnet wieder öfter und mehr. Die dicken Jacken werden wieder aus ihrem Sommerquartier ausgepackt. Jetzt werden Sie sichtbar. Es gibt Sie in allen Farben und Formen und viele sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Manche von Ihnen sind mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen. Andere wiederum kann man leicht mit einem platten Fußball auf einer Wiese verwechseln. Und das ist kein Witz. Als ich den ersten Riesenbovisten gesehen habe, konnte ich meinen Augen kaum trauen. Die Größe eines halb aufgepumpten Fußballs. Aber mit einer weißen, druckfesten Oberfläche mit Kratern, wie wir sie von der Mondoberfläche kennen. Und leicht ist er auch nicht. Ein unwirkliches Dasein. Auf dem Herd entpuppt er sich als ernstzunehmender Schnitzelkonkurrent.

DAS GRÖßTE LEBEWESEN DER WELT. Das Geflecht, die Myzelen, der Pilze durchdringt die Erde stärker, als wir Menschen selbst. Unter unseren Schuhsohlen verbergen sich weitläufige Netze. Im Jahr 2000 wurde aufgrund eines zunächst rätselhaften


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FALSCHER PFIFFERLING

KLEBRIGER HÖRNLING UNKRAUT � 1

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Waldsterbens im Malheur National Forest, Oregon, USA, das riesige Myzel der Hallimaschart Armillaria ostoyae, dem Dunklen Hallimasch entdeckt. Es erstreckt sich über eine Fläche von rund neun Quadratkilometern, womit es das größte Lebewesen der Welt ist. Es ist auch der größte lebende Pilz, der bekannt ist. Sein Alter wird auf 2.400 Jahre und sein Gewicht auf ca. 600 Tonnen geschätzt. Der größte Hallimaschklon Europas – ebenfalls A. ostoyae – wurde 2004 in der Schweiz beim Ofenpass entdeckt. Er ist im Durchmesser 500 bis 800 Meter groß, bedeckt damit eine Fläche von 35 Hektar und ist etwa 1.000 Jahre alt. Über den weitverzweigten Netzwerken der Myzele befindet sich saftiges, feuchtes Moos, Stock, Stein und gefallenes Laub. Wie schnell wachsen ihre Fruchtkörper? Schwer einzuschätzen wie schnell ein Steinpilz aus der Erde wächst. Deswegen habe ich nachgefragt. Im Wald, vor Ort. Das Ergebnis: Es braucht Regen, einen eher feuchten Boden mit niedriger Vegetation. Abgesehen von den grünen Riesen. Viele Pilze habe Ich abseits vergessener, beziehungsweise selten benutzter, Waldwege gefunden. Aber auch auf kleinen Lichtungen, oft witterungsgeschützt erhöht auf alten Wurzeln und moschem Gehölz. Je nach Art findet man Pilze nur in den passenden Symbiosen. Das erste Ausschlusskriterium, wenn man einen Pilz sicher identifizieren will. Wo steht der Pilz und was wächst in seiner Nähe. Einen Birkenpilz finde ich dementsprechend nicht unter einer Weißtanne.

DIE FÄRBUNG ALLEIN IST DAHER NIE AUSREICHEND ZUR SICHEREN PILZBESTIMMUNG!

Auch die Beschaffenheit inklusive der mineralischen Zusammensetzung des Untergrundes spielt bei der Bestimmung von Pilzen eine wichtige Rolle. Ein weiteres Merkmal, das dabei hilft, ist der Stiel. Welche Form hat dieser? Welche Struktur? Hierfür ist eine Lupe, im Idealfall sogar mit integrierter Lichtquelle, äußerst hilfreich. Bitte sehr genau beobachten, da ein kleiner, vielleicht auch schwer zu entdeckender Unterschied, einen Speisepilz von einem Krankenhausaufenthalt unterscheiden kann. Hinzu kommen die Hutform und die Hutoberfläche. Dafür direkt noch ein wichtiger Hinweis: Je nach Standort kann das Aussehen einer Pilzart sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Die Färbung allein ist daher nie ausreichend zur sicheren Pilzbestimmung! Der äußerst schmackhafte echte Pfifferling beispielsweise ist für einen Laiennur schwer von seinem zwar essbaren, aber als ungenießbar eingestuftem Doppelgänger,


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FLOCKENSTIELIGER HEXENRÖHRLING MIT BLAU GEFÄRBTER VERLETZUNG

ROTER GALLERTTRICHTER UNKRAUT � 1

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dem falschen Pfifferlingzu unterscheiden. Die Leisten des falschen Pfifferlings lassen sich leicht vom Hutfleisch ablösen, im Gegensatz zum echten Pfifferling, bei dem die Lamellen bis weit auf den Stiel reichen. Als dritter Faktor muss der Pilz auf den Kopf gedreht werden. Dabei gilt es herauszufinden, ob er Röhren oder Lamellen aufweist. Viele Lamellenpilze sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Untersucht man sie jedoch aufmerksam, erkennt man viele charakteristische Merkmale, die bei der Bestimmung nicht übersehen werden dürfen. Die Röhren sind senkrecht ausgerichtet, zylindrisch und bilden auf der geschützten Hutunterseite die Röhrenschicht, umgangssprachlich auch Schwammfutter oder Röhrenschwamm genannt. Bei manchen Arten lässt sich diese Schicht aus verwachsenen Röhren leicht vom Hut ablösen, bei den Porlingen zum Beispiel, ist sie jedoch dünner und fest mit dem Hutfleisch verwachsen.

ZU KLEINE BEZIEHUNGSWEISE NICHT VOLLSTÄNDIG ENTWICKELTE UND ALTE PILZE BLEIBEN IM WALD! Vorsicht! In manchen Regionen darf man mittlerweile nur noch begrenzte Mengen an Pilzen sammeln um das Ökosystem Wald, nicht unnötig zu schädigen. Im Allgemeinen gibt es noch mehr oder weniger selbstverständliche Regeln an die man sich halten sollte. Generell sollten keine einzelnen Pilze gesammelt werden. Immer mehrere reife Fruchtkörper an einem Standort sammeln, um wirklich sicher gehen zu können, um welche Art es sich handelt. Zu kleine, das bedeutet charakteristisch nicht voll entwickelte Pilze können nicht sicher bestimmt werden! Sich die Stelle merken und einige Tage später noch einmal besuchen. Den Fruchtkörper sauber mit einem glatten Schnitt tief unten am Stiel abtrennen, oder den Pilz herausdrehen. Dabei wird der Pilz vorsichtig gedreht und angehoben um das Myzel im Boden nicht zu zerreißen. Alte Pilze werden zur Sporenverbreitung stehen gelassen und sind zum Verzehr auch nicht mehr geeignet, denn die Eiweißzersetzung ist meist schon fortgeschritten. Ein gutes Beispiel hierfür ist der „Spargelpilz“ Schopftintling. Oft findet man ihn schon mit zerrissenem Hut und schwarzen Rändern. Frisch ist er auch aufgeschnitten ganz weis. Die Zwischenstufe zeigt sich in einer Rosa Färbung, welche aber auch schon ungenießbar ist. Die Stiele eines frischen Schopftintlings sollten sofort aus dem Hut herausgezogen werden, um der Zersetzung entgegen zu wirken. Die Stiele aber nicht wegwerfen! Den ganzen Hut und die Stiele mit etwas Butter in der Pfanne anbraten. Meersalz und frisch gemahlenen Pfeffer darüber streuen. Sehr einfach. Sehr lecker!


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SEHR JUNGER HERBER ZWERGKNÄUELING

DER HERBE ZWERGKNÄUELING AUSGEWACHSEN UNKRAUT � 1

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Es gibt zu jeder Jahreszeit einiges im Wald zu entdecken. Es gibt Pilze die aussehen wie fünfarmige vollgefressene Seesterne aus dem Mittelmeer, andere die eher in die Welten von Science-Fiction Filmen passen. Beispiele hierfür sind der Tintenfischgitterling, der Erdling und verschiedene Vertreter der Korallenpilze, unter denen es auch äußerst kleine Exemplare wie den Laubholzhörnling zu bestaunen gibt. Etwas ganz skurriles sind hierbei beispielsweise Schleimpilze. Klingt speziell und das sind sie auch. Bei Interesse einfach einmal googeln. Doch ich habe auch noch sehr viele leckere Pilze im Wald entdeckt. Der Blutreizger ist etwas ganz Besonderes. Verletzt man seinen hohlen Stiel, tritt sofort eine grell orangene Flüssigkeit aus, ähnlich der in Textmarkern, oder dem Milchsaft des Schöllkrautes. Der Pilz sollte vor dem Genuss einmal mit heißem Wasser übergossen werden, dann ist es ein sehr leckerer Speisepilz mit tollem Biss. Zusammen mit dem auf der vorherigen Seite gezeigten roten Gallerttrichterling, lässt sich mit gutem Olivenöl, Kapern, frisch gehackten Zwiebeln, Pfeffer, Salz und einem weichen Essig ein deliziöser Salat zaubern. Ähnlich dem Maulochsensalat. Der Gallerttrichterling wird hierbei aber nur grob gereinigt und nicht mit Wasser übergossen. Ansonsten verliert er seine fest gelierte Struktur. Auch der Hexenröhrling ist ein vorzüglich schmeckender Pilz. Er weist die Besonderheit auf, dass sich sein gelbliches Fleisch durch jegliche äußere Verletzung innerhalb von Sekunden blau färbt. Verwechselbar ist dieser mit dem giftigen Schönfußröhrling. Kennt man beide Pilze kann man Sie aber gut aus einander halten.

BIOLUMINESZENS BESCHREIBT DIE FÄHIGKEIT SELBST LICHT ZU ERZEUGEN Zum Abschluss dieser Exkursion noch etwas wirklich Außergewöhnliches: 71 von über 100.000 bekannten Pilzarten sind biolumineszent, besitzen also die Fähigkeit in der Dunkelheit zu leuchten! Dieses Phänomen wird im englischen "foxfire" genannt, auf Deutsch "falsches Feuer" oder "leuchtendes Holz". Das blaugrüne Leuchten wird dem Inhaltsstoff Luciferin zugeschrieben. Der Nutzen dieser Biolumineszenz bei Pilzen ist bislang noch nicht geklärt. Ein Zweck könnte sein, auf Biolumineszenz reagierende Insekten anzulocken, damit diese die Pilzfruchtkörper anfressen und so die Sporen verschleppen. Die älteste bekannte Dokumentation des leuchtenden Holzes stammt von Aristoteles aus dem Jahre 382 vor Christus. Seine Anmerkungen beziehen sich auf ein Licht, das im Unterschied zu Feuer kalt ist, wenn man es berührt.


GEBLÄHTER PERLIT IST DANK SEINER SEHR GROßEN OBERFLÄCHE EIN EFFIZIENTER WASSERSPEICHER UND IDEALER NÄHRBODEN.


daniel sulzmann - almeria

PL A STIK M EER HERKUNFT SPANIEN. WIE SIEHT ES DORT AUS, WO UNSER SUPERMARKTGEMÜSE AUFWÄCHST? Ein Landstrich unter Folie. Geschätzte 40.000 Gewächshäuser dehnen sich in der spanischen Provinz Almeria über mehr als 350 Quadratkilometer aus. So wird Deutschland auch im Winter mit mediterranem Salat versorgt, doch der ganzjährige Gemüseanbau hat seinen Preis … Der Scheibenwischer des Mietautos wischt die Tropfen auf der Windschutzscheibe weg. Es gibt wohl wenig Geräusche in El Ejido, die so untypisch sind. Denn die Stadt, die nur rund sechs Kilometer vom Strand des Mittelmeeres in der Provinz Almeria liegt, ist ansonsten ein sehr trockenes Fleckchen. Jahresniederschlag im Durchschnitt: zwischen 150 und 200 Millimeter. Wasser, das ist in El Ejido alles. Wasser und Früchte. Melonen, Tomaten, Paprika, Gurken vor allem. Und alles landet in europäischen Supermärkten. El Ejido ist das Zentrum des spanischen Gemüseanbaus und die Provinz Almeria das Zentrum des europäischen Gemüseanbaus. Soweit das Auge reicht, Gewächshäuser aus heller Plastikfolie. Ich bin mit Xavier verabredet. Auf dem Bulevar de El Ejido. Das ist die Haupstraße von El Ejido. Eine schmucklose Straße, die sich durch die aneinander gewürfelte Siedlung zieht. Gewachsen wie gebaut. Man könnte auch sagen, gewachsen wie gewuchert.

PERLITE SIND KLEINE PORÖSE STEINE, IN DENEN DIE NÄHRSTOFFE STECKEN. MIT MUTTERBODEN UND ERDE HAT DAS GANZE NICHT VIEL ZU TUN. ABER DIE AUBERGINEN SIND OFFENSICHTLICH BESTENS VERSORGT. El Ejido, das war in den letzten Jahrzehnten immer irgendwie ein Geschäft. So scheint es. Denn El Ejido hatte mal 500 Einwohner. Jetzt sind es 80.000, von denen mindestens die Hälfte direkt vom Gemüseanbau lebt. Aber wie viele es wirklich sind, keiner weiß es so ge-

nau. Xavier bringt mich nach einem Kaffee, wie es in Spanien üblich ist an, in sein Gewächshaus. Es liegt nur wenige Meter vom Strand entfernt. Und es ist voll mit Auberginen. "Berenjenas" wie die Spanier die Frucht nennen. Die Wurzelstöcke der Pflanzen ragen aus dicklichen runden Plastiksäcken hervor, jetzt im März ist es schon angenehm warm im Gewächshaus. "Das ist ein Hydrokultur-System, die Pflanzen wachsen in einem Sack, mit Perlite, dort im Sack steckt auch die Wurzel der Pflanze und versorgt sich mit Dünger." Kein Mutterboden weit und breit. Perlit sind kleine poröse Steine, in denen die Nährstoffe stecken. Mit Mutterboden und Erde hat das Ganze nicht viel zu tun. Aber die Auberginen sind offensichtlich bestens versorgt. Das ganze Gewächshaus hängt voll mit den dicken schwarzen glänzenden Früchten. Acht mal kann er so säen, pflanzen und ernten. Dann muss Xavier neue Hydrokultursäcke aufstellen. Er bewirtschaftet rund anderthalb Hektar Fläche und er ist Teilhaber in der Produktionsgenossenschaft Murgiverde. Die Produkte wie Auberginen und andere Früchte werden vor allem nach Deutschland verkauft. Und die Deutschen, auf die singt Xavier ein Loblied: "Die Deutschen sind in jeder Hinsicht wichtig für uns. Es ist ein Markt mit mehr als 80 Millionen Konsumenten, die viel Gemüse essen, und die deutschen Handelsunternehmen sind zuverlässig. Vertrauenswürdiger als andere." Sagt er dann noch mit verschmitzten Grinsen. Es gibt wohl auch Gemüsehändler in Europa, die trotz der gemachten Verträge immer wieder nachverhandeln. Das mögen sie nicht in El Ejido und auch wenn die deutschen Supermarktketten etwas besser bezahlen könnten, sie seien eben zuverlässig und das sei wichtig, heißt es. 70 Prozent der Ware aus El Ejido geht in den Export. Davon 70 Prozent nach Deutschland. Heißt: von rund 1,3 Millionen Tonnen Gemüse jährlich wandern über 600.000 Tonnen Gurken, Auberginen und Tomaten in deutsche Supermarktregale. Alleine aus El Ejido.

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daniel sulzmann - almeria Kaum ein Fleck rund um die Stadt ist nicht bedeckt mit Treibhäusern. Die kleinen Familienbetriebe wie der von Xavier sind das Rückgrat der Obst- und Gemüseerzeugung hier in der Provinz Almeria. Das zeigt sich auch in einer interessanten politischen Abweichung: Während der Rest Andalusiens normalerweise wie in Stein gemeißelt die sozialistische Partei wählt, ist das in Almeria anders. Selbst jetzt, bei den am Sonntag vorgezogenen Neuwahlen, die für die Partido Popular, also die in Madrid regierende konservative Partei von Ministerpräsident Mariano Rajoy ein Desaster in Andalusien geworden ist – die Partei verliert 17 von 50 Abgeordnetenplätzen – ist die einzige Provinz, die die Konservativen immer noch beherrschen, Almeria.

SCHAU HIER, DIE GIFTFLASCHE, IMMER NOCH TOTAL VOLL. UND SIE IST SCHON SECHS JAHRE ALT. ICH GLAUBE, WIR WERDEN SIE SO, WIE SIE IST, EINES TAGES WEGWERFEN. Der Rest der autonomen Gemeinschaft ist auch in diesem Wahlgang wieder mehrheitlich bei den Sozialisten gelandet. Sie sind wieder stärkste Partei geworden und haben jetzt den Regierungsauftrag. Die vorherige Ministerpräsidentin Susana Diaz, wird wohl auch die neue Ministerpräsidentin werden. Jose Maria, 35, selbst Gemüsebauer, hat sein Gewächshaus ein paar hundert Meter von dem von Xavier. Seit zwei Jahren hat er von seinem Vater das Geschäft übernommen. Er sagt das, was viele in El Ejido und Umgebung über die Sozialisten denken, klar, sagt er, wir wählen sie nicht, dann tun sie auch nichts für uns. Die Recyclingfabrik, die aus den Pflanzenresten Dünger machen sollte, haben die Behörden jetzt erst mal geschlossen: "Hier in Andalusien richtet die sozialistische Partei großen Schaden an. Sie sagen immer zu Dir, es dauert noch, oder wir richten es nach dem Ende des Wahlkampfes. Aber das Müllproblem für uns Bauern muss gelöst werden, wenn Du mir einen Ort sagst, zu dem ich meine Abfälle bringen soll, mache ich das. Ich will das Zeug ja nicht irgendwohin in die Landschaft werfen." Jose Maria ist durch und durch überzeugt von seiner Arbeit als Gemüsebauer in El Ejido. Und er steht für einen Bewusstseinswandel, vielleicht sogar für einen Generationenwechsel. "Vor zehn Jahren ungefähr hat das hier mit dem Systemwechsel angefangen. Wir produzieren seitdem integriert, nicht ökologisch. Aber wir setzen z.B. Raubmilben ein, die die Schadinsekten fressen." Als wir in den Raum kommen, wo die Düngung und die Versorgung der Pflanzen mit Nährstoffen und Wasser computergesteuert vor sich

geht, hält Jose Gabriel, sein Freund, eine Literflasche aus weißem Plastik mit einem Insektizid eines deutschen Pflanzenschutzmittelherstellers hoch. Auf dem Flaschenhals eine dicke Staubschicht. "Schau hier, die Giftflasche, immer noch total voll. Und sie ist schon sechs Jahre alt. Ich glaube wir werden sie so wie sie ist eines Tages wegwerfen." Zusammen mit Jose Gabriel führt mich Jose Maria durch seine Anlage. Überall hängen viereckige gelbe Blätter aus Papier und Kunststoff, die sich bei genauem Hinsehen als Fliegenfallen entpuppen. Alles sauber und modern. Auf dem Sandboden sieht man dunkle Streifen, aus dunklen schmalen Plastikschläuchen quillt Wasser auf den Boden. Die beiden sind stolz auf ihre sparsame Tröpfchenbewässerung: "Die ganze eigentlich nicht sehr komplizierte Konstruktion hilft uns enorm viel Wasser zu sparen, die Pflanze kriegt genau das, was sie braucht, nicht mehr und nicht weniger und das mit so einer im Grunde ziemlich simplen und einfachen Konstruktion." Das Wasser. Immer war es hier ein Thema. Und während der Regen an diesem Tag sanft auf die Dächer der Gewächshäuser trommelt, sind Jose Gabriel und Jose Maria ganz in ihrem Element und das fast wörtlich: "Na ja, das Regenwasser bezahlen wir natürlich nicht, das kommt ja vom Himmel. Aber das andere schon, das bezahlen wir pro Kubikmeter, ich kann Dir nicht genau sagen, wie viel da müsste ich nachschauen, aber das wird genau nach Kubikmeter abgerechnet." Man merkt den beiden an, dass sie sich als moderne Gemüsebauern verstehen, die alle Regeln einhalten wollen. Zumindest bei der Produktion. Der Wasserverbrauch werde von einem gemeinsamen Gremium der Produzenten genau festgelegt. Jose Maria hat außerdem draußen wie viele andere ein vier Meter tiefes Becken angelegt, in dem er 1,2 Millionen Liter Regenwasser sammeln kann. Das reicht natürlich nicht ganz für die Produktion, aber Wasser verschwenden, so wie in anderen Teilen Spaniens, das kann sich hier schon aus Kostengründen keiner mehr leisten, beteuern die beiden. Überhaupt verlangen die modernen Marktmechanismen totale Überwachung, erklärt Jose Maria in dem kleinen Raum in dem neben drei großen halbdurchsichtigen Fässern mit flüssigem Dünger auch der Steuercomputer für seine Anlage steht: "Beispielsweise könnte ein Supermarkt jemanden haben, der per Satellit schaut, wo mein Betrieb ist und sie schauen genau, was ich produzieren kann, totale Rückverfolgbarkeit, mit meinem Unternehmen, meinem Namen, meiner Identität. Und in Deutschland weiß der Supermarkt genau wer ich bin, wenn etwas schlecht läuft, dann steht hier gleich jemand auf der Matte."

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EL EJIDO, LIEGT IN DER SPANISCHEN PROVINZ ALMERIA. GEWÄCHSHÄUSER, SO WEIT DAS AUGE REICHT! UNKRAUT � 1

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daniel sulzmann - almeria Als ich die beiden frage, wie das denn mit den Arbeitsmigranten so laufe, versichern sie mir, sie würden immer korrekt bezahlen, schon weil ihnen die Strafen zu hoch seien. Doch der Versuch mit solchen Arbeitsmigranten ins Gespräch zu kommen, scheitert schon auf der Hauptstraße in El Ejido. Dass in der Stadt Tausende von Tagelöhnern leben, ist bekannt. Die Ernte, Pflanz- und Säharbeiten könnten die Bauern gar nicht alleine ausführen. Doch reden will eigentlich niemand über das Phänomen. Gibt man auf der Straße nach ein paar einführenden netten Worten zu erkennen, dass man deutscher Radiojournalist ist, laufen alle weg. Und das wörtlich. Sie laufen weg, rennen fast. Viele Landarbeiter scheuen Interviews mit Journalisten. Ein Mann aus Gambia ist erst sehr höflich und freundlich, als ich ihm verrate, dass ich einen Bericht über El Ejido machen möchte und auch etwas zu den Lebensbedingungen der Migranten wissen will, da rennt auch er weg. Medien und die Welt der Arbeiter in den Gewächshäusern, das scheint sich noch nicht zu vertragen. Das Büro der Landarbeitergewerkschaft in El Ejido hat an diesem Tag geschlossen, also rufe ich die Vertretung der Gewerkschaft in Almeria an. Abdel Kader arbeitet dort schon seit zehn Jahren, ist selbst einst ohne Papiere ins Land gekommen und er möchte nicht bestätigen, was mir Jose Gabriel und Jose Maria, Xavier und die anderen Gemüsebauern versichert haben: dass es inzwischen üblich sei die Landarbeiter ordentlich zu entlohnen und die Verträge einzuhalten: "Wissen Sie, hier kommen ja jeden Tag Leute her, um sich über ihren Chef zu beschweren, wir haben hier immer wieder Fälle, wo nur zehn Tage Arbeit oder fünf ordentlich angemeldet werden und wenn Du mehr Arbeit haben willst, musst du als Arbeiter noch die Beiträge selbst mitbringen, d.h sie bezahlen der Firma das Geld, das diese an die Sozialversicherung entrichten muss. Das ist die eine Seite und die andere Seite ist, dass sie gerade mal bezahlen wie sie wollen, nämlich 30, 35 oder 25 Euro am Tag." Schwarz natürlich, denn der Tarifvertrag sieht eigentlich 46 Euro täglich plus Sozial-versicherungsbeiträge vor. Das macht für die Produzenten dann am Ende ca. 60 Euro täglich pro Arbeiter. Schwarz ist es eben nur die Hälfte. Immerhin bestätigt Ab-del Kader, dass es meist größere Unternehmen sind, die hunderte von Landarbeiter beschäftigen, die sich Schwarzarbeiter leisten. Auch die These, dass viele Arbeitsmigranten wegen der Krise durch Spanier ersetzt worden seien, will Abdel Kader nicht teilen. Er sieht es ganz anders: "Nein, die Mehrheit der Leute in den Treibhäusern sind immer noch Migranten. Weil die eben auch unter dem Tarifvertrag arbeiten, wenn die Leute Spanier einstellen würden, würden die ja auch ordnungsgemäße

Versicherung und Bezahlung verlangen. Nur die Vorarbeiter sind in der Regel Spanier, es gibt nur wenige Vorarbeiter, die selbst Migranten sind und die werden üblicherweise auch nicht so respektiert." Die Margen für die Produzenten sinken. Vielleicht ist das der Schlüssel zum Verständnis von Landwirten wie Jose Gabriel oder Jose Maria. Sie sind ihre eigenen Vorarbeiter, machen eigentlich alles mit den Familienangehörigen und stellen höchstens mal einen oder zwei Landarbeiter ein, je nach Arbeitsanfall. Etwas anderes können sie sich gar nicht mehr leisten sagen sie und mit ihrem gebrauchen Peugeot und in ihren schmutzigen Hosen, die die körperliche Arbeit deutlich zeigen, sehen sie nicht aus wie neureiche Millionäre aus dem Gemüsegeschäft. Denn die Margen für die Produzenten sinken. Das El Dorado, das El Ejido einmal war, gibt es nicht mehr, da sind sich in der Stadt alle einig. Und Jose Maria macht folgende Rechnung auf: "Die letzten Gurken, die wir hier geerntet haben, sind für 70-80 Cent das Kilo verkauft worden, und ein Kilo zu produzieren kostet uns ja schon fast 70 Cent. Wir machen an einem Kilo Gurken gerade mal 7-8 Cent Gewinn, höchstens 10 Cent." Wer die Schuld hat an dieser Entwicklung, will ich wissen? Schließlich sind die beiden Joses Mitglieder einer Kooperative, haben feste Verträge mit deutschen Handelsketten. Jose Maria will sich nicht festlegen: "Wegen all dieser Geschichten gibt es im Moment keine wirklich rentablen Gewächshäuser. Die Leute schieben sich gegenseitig die Schuld zu, die einen beschuldigen die Handelsketten, die anderen die Zwischenhändler, ich weiß es nicht. Aber irgendeine Lösung muss es am Ende geben." Doch bis dahin lässt sich Jose Maria seinen Optimismus nicht nehmen. Immerhin ist seine Familie schon lange im Gemüsegeschäft, hat Höhen und Tiefen erlebt. Der EHEC-Schock wegen angeblicher verseuchter Gurken aus Spanien, selbst den haben Jose Maria und die anderen überlebt. Ihn kann so leicht nichts mehr erschüttern. Es ist vielleicht eine Typfrage, aber El Ejido ist sein Leben sagt er, er kann sich gar nichts anderes vorstellen als hier Gemüse zu produzieren. Er ist stolz auf seine Arbeit und vielleicht bewahrt er sich deshalb trotz sinkender Gewinnmargen, immer höherer Standards und Anforderungen der Handelsketten an die Produzenten seinen Humor: "In diesem Jahr werde ich wohl nichts verdienen, aber es gab Jahre hier wo wir Geld verdient haben. Also, was mache ich? Ich gehe zur Bank und beantrage einen Kredit. Wir machen hier immer weiter, wir sind wie Kugeln, die rollen ja auch immer weiter? Nicht wahr?"

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FA BI A N W EISS WOLFSKINDER


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››ALS W O L F S K I N D E R ODER WILDE KINDER BEZEICHNET MAN KINDER, DIE IN JUNGEN JAHREN EINE ZEIT LANG ISOLIERT VON ANDEREN MENSCHEN AUFWUCHSEN UND SICH DESHALB IN IHREM ERLERNTEN VERHALTEN VON NORMAL SOZIALISIERTEN KINDERN UNTERSCHEIDEN. MANCHE WOLFSKINDER SOLLEN VON TIEREN,ETWA WÖLFEN, HUNDEN ODER BÄREN, ADOPTIERT WORDEN SEIN UND BEI IHNEN GELEBT HABEN. DIE MEISTEN BERICHTE ÜBER SOLCHE FÄLLE WERDEN JEDOCH VON DER WISSENSCHAFT ANGEZWEIFELT.‹‹ sagt eine Suchmaschine


lydia voelkner - freedom cove

autonome aussteiger:

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EIN STÜCK PARADIES TREIBT IM OZEAN

Wer hat nicht schon mal vom Aussteigen geträumt? Völlig unabhängig von Supermärkten zu sein, weil man seine Köstlichkeiten selbst anpflanzt. Und die Stromkosten gleich null, weil man die nötige Energie einfach selbst produziert. Eine wundervolle Utopie? Keinesfalls! Die ehemalige Tänzerin Catherine King und ihr Mann Wayne Adams haben genau diesen Traum an der kanadischen Küste in die Realität umgesetzt. Ihr schwimmendes Eiland heißt Freedom Cove und bietet auf insgesamt 12 miteinander verbundenen Plattformen genügend Platz für vier Gewächshäuser, eine Galerie, ein Tanzstudio, einen Leuchtturm, ein Bootshaus, sowie ihr Wohnhaus. Sie pflanzen also ihr eigenes Obst und Gemüse an und müssen so nur alle paar Wochen mal in einen Supermarkt. Außerdem ist Wayne ein begnadeter Angler und sorgt so für die regelmäßigen Fischfilets. Selbs bei schlechtem Wetter ist die Omega3-Versorgung gesichert, denn Wayne hat sich ein Angel-Loch im Wohnzimmer eingerichtet, an dem er bequem vom Sofa aus angeln kann. Einen Kühlschrank benötigen die beiden seit den 24 Jahren in ihrer Oase nicht. Alles was auf den Tisch kommt wird frisch geerntet. Eine himmlische Vorstellung… Doch auch die rationalen Dinge des

Lebens funktionieren an diesem Ort, der nicht von dieser Welt zu sein scheint: die Wasserversorgung regeln die beiden über Regenwasser und einen Zufluss aus einem nahegelegenen Wasserfall und ihr Stromverbrauch wird komplett von der selbstgewonnenen Solarenergie gedeckt. Das bisschen Geld was die beiden sonst zum Leben brauchen, erwirtschaften sie durch das Verkaufen von handgefertigten Kerzen oder Schnitzereien und der kleinen Pension von Wayne. So naturverbunden und nachhaltig wie die beiden jetzt leben, entstand auch das ganze Projekt der Oase. Ein heftiges Unwetter hatte reichlich Zedern in einer Bucht bei Vancouver abgeknickt und entwurzelt. Der Besitzer wollte das wertvolle Holz jedoch nicht verwenden und ließ es in der Bucht liegen. So dachte sich Wayne, der bereits als 7-Jähriger Baumhäuser gebaut hatte, so schwer kann es ja nicht sein solche Häuser auch auf dem Wasser zu bauen. Gesagt getan. Mit seinen eigenen Händen und ganz einfachen Geräten, also ohne Akkuschrauber und Bohrmaschine hat Wayne Freedom Cove gebaut. Und kennt auch heute, 24 Jahre später, noch jede Schraube, jeden Nagel und jedes Brett.

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Jambú ist eine Pflanzenart aus Nordbrasilien. Als Herkunftsort wird Peru vermutet. Die Pflanze hat einfache Laubblätter mit einem gekerbten Blattrand. Gekocht werden Jambú-Blätter im Norden Brasiliens für verschiedene traditionelle Gerichte verwendet. Als Grüngemüse zu Entenfleisch, in einer würzigen Suppe mit frischen Garnelen, aber auch als Goma, einer mit Maniokstärke verrührten geleeartigen Masse. Jambú-Blätter erzeugen ein für den europäischen Gaumen ungewohntes „prickelndes“, leicht betäubendes Gefühl an der Zungenspitze, ähnlich wie Brausepulver. Dabei breitet sich ein aromatischer Kräutergeschmack im Mund aus. Die lokalbetäubende Wirkung wird dem enthaltenen Spilanthol zugeschrieben.

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C A ESA R SA L A D Die Kapuzinerkresse stammt ursprünglich aus Süd- und Mittelamerika. Inzwischen ist sie auch in Europa heimisch geworden, genauso wie in anderen gemäßigten Zonen der Erde. Man kann bei ihr von einem Neophyten sprechen, einem pflanzlichen Einwanderer. Ihre Gattung bildet eine eigene Familie, die Familie der Kapuzinerkressengewächse. Kapuzinerkresse wächst bevorzugt auf relativ nährstoffreichem Boden und verträgt auch schattige Standorte. Die einjährige Pflanze kann bis zu 60 Zentimeter hoch werden, hat sie jedoch die Möglichkeit zu klettern wird sie auch höher. Aus den dicken, runden Samen sprießen im späten Frühjahr runde Stängel, an deren Ende nahezu kreisrunde Blätter wachsen. Die runde Form dieser Blätter ist eine Besonderheit unter den heimischen Pflanzen. Sie besitzen zudem ähnliche Eigenschaften wie Lotusblätter, zum Beispiel weisen sie Schmutz ab. Der Dreck kann an der Oberfläche nicht haften bleiben und wird einfach mit dem nächsten Tau oder Regen abgespült. Die orangefarbenen, roten oder gelben Blüten erscheinen im Spätsommer. Sie sind etwa fünf Zentimeter groß und ausgesprochen dekorativ. Am hinteren Ende der Blüte sitzt ein Sporn, der ein wenig an die Kapuzen von Mönchskutten erinnert und dem die Pflanze ihren Namen verdankt. Die hübschen Blüten machen sich gut als Zierde in Salaten und auch Nachtische lassen sich damit fein garnieren. Denn sie sind deutlich milder als die Blätter und daher auch für Süßspeisen geeignet. Die Blätter können einfach wie Rucola verwendet werden, sie schmecken ähnlich scharf und knackig frisch!

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Kapuzinerkresse hilft gegen Hals- und Rachenentzündungen aufgrund der antibiotischen Eigenschaften, der in ihr enthaltenen Senfölglykoside. Diese bringen auch einen trägen Darm auf Trab. In ihren Herkunftsländern gilt Kapuzinerkresse, äußerlich angewandt, schon seit Jahrhunderten als wirksames Mittel zur Desinfektion von Wunden, Entzündungen und Verbrennungen. Auch als Naturheilmittel bei Nasennebenhöhlenentzündung, Bronchitis und akuter Blasenentzündung findet sie seit neuestem Verwendung. Des Weiteren sorgt sie mit rund 60 mg Vitamin C pro 100 g dafür, dass unser Immunsystem reibungslos arbeiten kann. Somit war sie also nicht ohne Grund Arzneipflanze des Jahres.

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malte spindler - terra phantasia

Superrealistische Illustrationen der Botanik kennen wir zu Hauf. Sei es, aus bereits verbannten Schulbüchern oder aus dem großen weiten Internet. Terra Phantasia dreht dieses gelernte Bild auf den Kopf. Mit illustrativem Humor verwandelt Malte Spindler eine detailreiche Welt in eine visuelle Tagtraumreise. Auf tumblr gibt es davon noch sehr viel mehr!

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malte spindler - terra phantasia

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malte spindler - terra phantasia

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danila tkachenko - escape

IN T O THE W ILD I was traveling in search for people who have decided to escape from social life and live all alone in the wild nature, far away from any villages, towns or other people. The main characters of my project violate social standards for different reasons. By a complete withdrawal from society they go to live alone in the wild nature, gradually dissolving in it and losing their social identity. While exploring their experience, it is important for me to understand if one is able to break free from social dependence and get away from the public to the subjective - and thus, to make a step towards oneself.

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danila tkachenko - escape

I am concerned about the issue of internal freedom in the modern society: is it at all reachable, when you’re surrounded by social framework all the time? School, work, family - once in this cycle, you are a prisoner of your own position, and have to do what you‘re supposed to. You should be pragmatic and strong, or become an outcast or a lunatic. How to remain yourself in the midst of this? I grew up in the heart of the big city, but I’ve always been drawn to wildlife - for me it‘s a place where I can hide and feel the real me, my true self, out of the social context.

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Urtica dioica


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ECHT LECK ER Die große Brennnessel wird von vielen unterschätzt. Ist sie doch weitaus mehr als ein lästiges Unkraut mit schmerzenden Blättern. Ihre Inhaltsstoffe machen sie nämlich zu einem wertvollen Heilkraut gegen Harn-, Nieren- und Gelenkleiden. Reich an Vitaminen A und C, Eisen, Kalium, Mangan und Calcium macht das Kraut eine gute Figur in Form von Brennnesselsuppe, als Spinatersatz oder Smoothie. Die ausdauernde krautige Pflanze ist überall auf der Nordhalbkugel abseits der Tropen und arktischen Regionen heimisch und erreicht Wuchshöhen von 30 bis 300 Zentimeter. Über ihr kräftiges Rhizom bildet sie Ausläufer und kann so zu großen Horsten heranwuchern. Blätter und Stängel sind mit kieselsäureverstärkten Brennhaaren bewachsen. Die symmetrischen Blüten sind unscheinbar grün bis braun. Die männlichen Blüten sind aufrechtstehend, die weiblichen Blüten hängen oder sind zurückgebogen. Ihre Blütezeit dauert von Juli bis Oktober. Die Samen von weiblichen und männlichen Brennnesseln können in der Pfanne angeröstet und dann über frisches Müsli gestreut werden. Auch roh sind die Samen sehr lecker und proteinhaltig. Ihr Geschmack erinnert an Nüsse. Die protein-, vitamin- und mineralstoffreichen Blätter der Brennsessel können mit Blüten und Samenständen als Brennnesselspinat gekocht, oder als Salat verwendet werden. Besonders die jungen Triebe ergeben ein nahrhaftes, wohlschmeckendes Wildgemüse. Die Blätter verursachen kein unangenehmes Brennen mehr, nachdem sie entweder getrocknet, gewässert, gekocht oder mechanisch bearbeitet wurden – z. B. durch Kneten in der Handfläche oder durch Rollen mit dem Nudelholz.

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Die Große Brennnessel war bis ins 18. Jahrhundert wegen ihrer Bastfasern eine wichtige Faserpflanze, vorzüglich geeignet beispielsweise für feste Stoffe, Netze oder Stricke. Sie geriet aber aufgrund ihrer mangelnden industriellen Verarbeitbarkeit ins Vergessen. Eine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezüchtete Variante der Brennnessel mit einem hohen Faseranteil, die Fasernessel Urtica dioica convar. fibra, wurde im Rahmen des neu erwachten Interesses an alternativen Faser pflanzen in den 1990 Jahren wiederentdeckt und weiterentwickelt.

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DER TROLL Dich sollte man einweisen in der geschlossene. überflüssiger hirnloses arschloch verpiss dich. Dich sollte man einweisen in die geschlossene..... total überflüssig im Fernsehen.beruf verfehlt.einfach peinlich und hirnlos.......

Ich bin das nicht gewesen.mein Kumpel hat das handy benutzt . Was hat die Firma damit zutun .geht‘s noch.unverständlich hoch zehn Sollten sie meinen Arbeitgeber informieren werde ich auch schritte einleiten wegen falscher Verdächtigungen.guten tag :(


was zur hölle

Das Internet ist ein öffentlicher Raum. Alles was hier passiert, kann interaktiv, unabhängig von Zeit und Raum kommentiert werden. Das Internet vergisst nichts.

Als „trollen“ bezeichnet man im Netzjargon, Diskussionen durch Provokationen, aber auch Beleidigungen, zum Erliegen zu bringen. Meistens geschieht dies nur mit der Absicht, jemanden zu verärgern.

Sehr geehrter Herr M, hier spricht das Bundesministerium für Internetsicherheit und Zensur. „hirnloses arschloch verpiss dich“ Dies ist Ihre Verwarnung: 1 Strafpunkte Zentrales Internet Punktregister Berlin: 7

Sehr geehrter Herr M ich weise Sie darauf hin, dass alles, was Sie im Rahmen dieser aufgezeichneten Verbindung sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden kann.

Wenn Sie weiterhin Ihre Mitmenschen bei Facebook beleidigen, könnte dies strafund disziplinarrechtliche Konsequenzen (z.B. Haft, Geldstrafe, Entzug der Interneterlaubnis) nach sich ziehen.

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Ihre zuständige Polizeidienststelle.

Eine erste Auswertung der fotografischen Aufnahmen, die wir im Zuge der Ermittlungen aus dem Bildspeicher Ihres Mobiltelefons per Fernverwaltung ausgelesen haben, ergibt eine Übereinstimmung mit Ihrem Profilbild.

Reckweg, Sachbearbeiter BMfIZ Berlin, 29.11.2016

Bitte teilen Sie uns ggf. mit, wer die geäußerten Beleidigungen unter Ihrem Namen getätigt hat.

Desweiteren werden wir Ihren Arbeitgeber, GmbH informieren.

Name, Anschrift der entsprechenden Person. Ich weise Sie darauf hin, dass eine falsche uneidliche Aussage ggf. strafrechtlich verfolgt werden kann. Reckweg, Sachbearbeiter

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Ich werde keine Namen nennen und nix mehr dazu sagen.

Nein habe mich immer korrekt verhalten .vorm und im Stadion.Deutschlanweit. und ich habe jan BĂśhmermann nicht beleidigt.das war ich nicht.aber man wird ja gleich verurteilt .typisch fĂźr Deutschland


was zur hölle

Sehr geehrter Herr M dem BMfIZ stehen in diesem Fall gem. MDStV verschiedene informationstechnologischs Ermittlungsmöglichkeiten zur Verfügung, die im Falle einer rechtskräftigen Verurteilung ggf. mit erheblichen Kosten verbunden sind. Bitte trennen Sie ggf. Ihren Internetrouter und/oder Ihr Mobiltelefon in den nächsten 72 Stunden nicht dauerhaft vom Netz. Eine Weiterleitung Ihrer personenbezogenen Daten zur Sicherheitsüberprüfung an das Sicherheitsmanagement der BORUSSIA DORTMUND GMBH&CoKGAA, RHEINLANDDAMM 207-209, 44137 DORTMUND erfolgr nach Abschluss des Verfahrens. Hierzu: Haben oder hatten Sie derzeit oder in der Vergangenheit Haus- und/oder Stadionverbot in Spielstätten der Deutschen Fußballliga (DFL) bzw. der UEFA? Mit Bitte um Rückantwort.

Sehr geehrter Herr M die Regulierungsabteilung lässt Fragen, ob Sie zum Abbau Ihrer Punkte möglicherweise bereit wären, sich ehrenamtlich für einen sozialen Zweck zu engagieren. Dann könnte ich mit meinem Vorgesetzten sprechen, ob wir die Angelegenheit auch über den kleinen Dienstweg klären können, Ihr Einverständnis vorausgesetzt. Vorschlag unsererseits wäre z.B. die temporäre Erstufnahme (1-2 Wochen) von Geflüchteten bzw. wahlweise soziale Arbeit in der Pflege älterer Mitmenschen im Raum Reckweg Sachbearbeiter

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Ich wäre natürlich dazu bereit damit das schnell aus der welt geschafft wird.nur zu Hause aufnehmen kann ich und will ich keinen .sonst helf ich gern sozial.......verstehen sie auch mich .Freunde verrate ich nich egal was sie gemacht haben.noch mal ...Ich habe den herrn B.nicht beleidigt

Zwar muss ich jetzt die Suppe auslöffeln die mir mein Kumpel engebrockt hat aber sprechen sie mit ihrem vorgesetzten. schönen Abend.warum sollte ich den beleidigen? Tut er mich ja auch nicht.


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Ggf. können Sie den folgenden Schriftverkehr über einen Anwalt regeln oder direkt mit Ihrer nächstgelegenen Polizeidienststelle besprechen. Zeigen Sie hierfür einfach unser aufgezeichnetes Gespräch dem zuständigen Wachhabenden auf der Wache, er weiß dann worum es geht. Reckweg, Sachbearbeiter

Sie können nicht einfach Ihre Mitmenschen im Internet beleidigen, das sollte Ihnen ja wohl klar sein, dass dies nicht ohne Konsequenzen bleiben kann.

Az.: 291116/0006129/M

Mittlerweile gibt es im Internet auch professionelle Trollaktivitäten mit dem Ziel, Propaganda/Werbung für den jeweiligen Auftraggeber zu betreiben. Bekannt ist dies beispielsweise von Israel, Nordkorea, Russland und den USA.

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Zum zeitweiligen Entspannen gehört jedoch eine Grundordnung und Sauberkeit. Eine Deutsche Tugend. Achtung! Gleich bin ich genervt. Danke. Tabakkrümel, nerven so krass. Egal ob auf dem Wohnzimmertisch, dem Weg zum oder noch am Besten auf dem Klo und alternativ in der Sofaritze, wo auch die Fernbedienung für den Fernseher versteckt wurde. Das ist so wie Trump wählen. Und eigentlich geht es doch ohne Dreck zu machen, oder? Genau den habe ich wieder mitgebracht.

Zum selber saubermachen.


krümelmonster

Egal wie angenehm und erlebnisreich der letzte Abend war. Egal wie toll Ihr seid und wie sehr ich euch schätze. Ihr dreht Sie wirklich sauber, eure Zigaretten. Luftig aber fest. Nicht zu schief, nicht zu krumm. Zum Rauchen geht Ihr raus auf den Balkon und macht mittlerweile sogar die Tür hinter euch zu. Wir haben eine gute Zeit. Unabhängig, von dem was wir tun. Wir fallen ins Bett. Ich stehe auf und koche mir kräftigen Kaffee. Ein kurzlebiges Ritual. Möglicherweise will ich gleich wieder Gas geben.

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F EIN SCH M ECK ER Der echte Hopfen gehört zur Familie der Hanfgewächse, der Cannabaceae. Er ist auf der Nordhalbkugel zu finden und macht mit seinen sehr gesunden Bitterstoffen unser Bier so erfrischend herb. Humulus, der lateinische Name für Hopfen, wächst schnell. Die einjährige, krautige Kletterpflanze windet sich im Uhrzeigersinn und klettert im Sommer bis zu sieben Meter hoch. Die Laubblätter sind, ähnlich wie Weinblätter, mehr oder minder herzförmig und am Rand gezackt. Es gibt männliche und weibliche Hopfen-Pflanze, wobei sich die Blüten der beiden Geschlechter unterscheiden. Verwendung finden ausschließlich die Zapfen, besser gesagt Dolden, der weiblichen Pflanzen. Wer im Spätsommer also selbst Hopfen pflücken will, sollte sich genau belesen, um auch das richtige Geschlecht bestimmen zu können. Über einen langen Zeitraum wurde Hopfen ausschließlich für Heilzwecke oder als Gewürz genutzt – wie es heute teilweise auch noch der Fall ist. So war es zum Beispiel als Abführ- oder Beruhigungsmittel beliebt. Die Bitterstoffe im Hopfen verändern außerdem die Magensaftsekretion, weshalb der Hopfen bei Appetitlosigkeit oder bei Verdauungsbeschwerden eingesetzt wird. Des Weiteren ist im Hopfen der Stoff Hopein enthalten, seine östrogen-ähnliche Wirkung ist sowohl äußerlich als auch innerlich erkennbar. Äußerlich verursacht das Hopein die sogenannte Gynäkomastie (Männerbrust) und den allseits bekannten Bierbauch. Innerlich sorgt das östrogen-verwandte Hopein für eine Besänftigung von sexuellen Trieben, da das Testosteron, welches sie verursacht ausgebremst wird. Bier braute man lange Zeit noch mit anderen Pflanzen, zum Beispiel mit Salbei, Lorbeer, Gagelkraut, Laserkraut oder Lavendel. Nur dort, wo Hopfen zum Bierbrauen entdeckt und später auch genutzt wurde, wurde er auch angebaut. Das war unter anderem in Sachsen, Mecklenburg und Hessen der Fall. Die Einführung der Eisenbahn verschob die geografischen Grenzen und deswegen gilt seit dem Jahr 1966 die Hallertau als größtes Anbaugebiet weltweit.

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Entgegen dem allgemeinen Bauchgefühl hat Bier eine deutlich höhere Aromenvielfalt als Wein! Als erstes der frische Geruch von Grapefruit in der Nase, darauf folgt der süße Geschmack von Karamell und roten Beeren auf der Zunge und im Abgang dunkle Schokolade. Doch Hopfen kann noch mehr, als im Bier gut schmecken. Zum Beispiel hat er eine beruhigende Wirkung und seine Bitterstoffe sind bakterientötend. Zur Zubereitung eines Beruhigungs-Tees werden etwa 0,5g der zerkleinerten Hopfenzapfen (1 Teelöffel entspricht etwa 0,4g) mit siedendem Wasser übergossen und nach 10-15 Minuten durch ein Teesieb gegeben. Da der Tee recht bitter ist, sollte man ihn mit anderen beruhigenden Pflanzen wie Melisse oder Lavendel kombinieren. Gute Nacht!

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outro SCHRIFTEN: CERA PRO PENSUM PRO DRUCK UND BINDUNG: KETTLER PAPIER: ENVIRONMENT BIRCH 270 g/qm, 180 g/qm CIRCLE OFFSET WHITE 115 g/qm AUFLAGE: 22 FOTOGRAFEN: FABIAN WEISS CHARLES FRÈGER NICOLAS RIVALS DANILA TKACHENKO CHRISTOPHER KATZENBERGER

DANKE! @ OF. QUASS VON DEYEN . PAUL PLATTNER-WODARCZAK ♡ FABIAN WEISS URS SPINDLER MALTE SPINDLER JAKOB RUNGE CHARLES FRÈGER NICOLAS RIVALS DANILA TKACHENKO JAMES L. HUBBELL DIA MARLEN VOELKNER FRANK KAPPL TOBIAS LORENZ HEIDEMARIE MAMA /

ILLUSTRATOREN: JAMES L. HUBBEL MALTE SPINDLER CHRISTOPHER KATZENBERGER AUTOREN: DANIEL SULZMANN LYDIA MARLEN VOELKNER CHRISTOPHER KATZENBERGER EDITORIAL UND DER REST: CHRISTOPHER KATZENBERGER BACHELORTHESIS MÜNSTER SCHOOL OF DESIGN

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FA R N E B I LDE N M IT DE N MOOSE N U N D BÄR L A PP G E WÄC H SE N D I E G RU PPE DER S P ORE N PF L A N Z E N . DAS S I N D D I E E I N Z I G E N LE B E WESE N , D I E N U K LE A RE K ATAS TRO PH E N Ü B ERS TE H E N .

PTERIDIUM AQUILINUM,

Die gesamte Pflanze des Adlerfarn ist giftig, wobei die jungen Blätter den höchsten Gehalt an Blausäureglycosiden enthalten. Ältere Pflanzen stellen eine größere Bandbreite an Giftstoffen her, unter ihnen das Enzym Thiaminase, Ptaquilosid, ein instabiles Glykosid, und ein Saponin, Pteridin. Also Obacht! Fruchtfliegen meiden dieses Gewächs. Einfach ein paar Zweige unter das Obst legen. Zusätzlich sind die Früchte dann länger haltbar! Sie vor dem Verzehr kurz abzuspülen kann aber sicher nicht schaden.

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UNKRAUT ist für alle Wilden, die sich Draußen wohler fühlen, als am Schreibtisch. Menschen, die sich Gedanken machen über unseren großen bla...

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