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Gesellschaft & Kultur | Perspektive 02/2013

Jahrgänge der Kulturakademie. Vor zwei „Wer ein Instrument lernen will, findet Jahren lernte sie dabei Ansgar Riedißer nahezu überall Musikschulen oder Musikkennen. „Ein vielversprechendes Talent“, vereine. Für Kinder und Jugendliche, die sagt Wolff, „zielstrebig und selbstbewusst Gedichte oder Geschichten schreiben, gibt und immer offen für konstruktive Kritik.“ es nichts Vergleichbares.“

Geschichten vorlesen – und selbst schreiben

schnee im september .......................................................... herzen blinkten und neon sie trug ihr gefärbtes lächeln, synthetikfasern in hohen schuhen zwischen hauseingängen und mittag aus den schaufenstern blickten puppen an ihr vorbei (lyrix Schülerwettbewerb 2013, Siegergedicht Ansgar Riedißer zum Thema: natürlich künstlich)

rem Interesse an MINT oder Literatur. Die jungen Talente können ihrer jeweiligen Begabung in zwei Kreativwochen intensiv nachgehen, und zwar in renommierten Einrichtungen, die Partner der Kulturakademie sind: der Landesakademie für die musizierende Jugend Ochsenhausen, der Landesakademie für Schulkunst, Schulund Amateurtheater Schloss Rotenfels, dem Förderverein Science und Technologie e. V. in Rust und dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Zwei Ferienwochen, in denen sich alles nur um die eigene Begabung dreht – und in denen die Mädchen und Jungen von bekannten Dozenten und Pädagogen unterstützt werden. Etwa von der Literaturvermittlerin und Schriftstellerin Martina Iris Wolff. Sie organisierte im Marbacher Literaturarchiv die ersten drei

13 Jahre alt war Ansgar, als ihn sein Lehrer für einen Platz an der Kulturakademie der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg nominierte und er sich mit einer Kurzgeschichte bewarb. Sein Faible für das gedruckte Wort hatte Ansgar schon früh entdeckt: Er war noch kein Jahr in der Grundschule, da las er den Nachbarskindern Geschichten vor. Als er seinen Mitschülern in der zweiten Klasse ein Buch empfehlen sollte, das er selbst gelesen hatte, wählte er „Die 13 B/c Leben des Käpt'n Blaubär“. „Ich war so stolz, dass ich diesen dicken Schmöker gepackt hatte“, sagt Ansgar. Den anderen das Buch vorstellen durfte er aber nicht: Die Lehrerin war überzeugt, er habe sich die Geschichte lediglich vorlesen lassen. Bremsen ließ sich Ansgar davon nicht, er verschlang weiterhin ein Buch nach dem anderen. Mit neun Jahren schrieb er erstmals selbst – ein Krippenspiel für die Weihnachtsfeier seiner Klasse. „Wir durften es aufführen und es kam gut an. Das hat mich echt überrascht.“ Wenn der heute 15-Jährige von der Zeit in Marbach erzählt, schwingt immer noch viel Begeisterung mit. Gleichzeitig formuliert er nüchtern, fast druckreif: „Das Literaturarchiv als Umgebung und der Kontakt zu den Autoren und den anderen Teilnehmern waren wahnsinnig inspirierend. Dort haben wir gelernt, wie viele Techniken es zum Beispiel zur Dialogführung gibt oder um den Einstieg in eine Geschichte zu gestalten.“ Martina Iris Wolff kann diese Freude sehr gut nachvollziehen. Die Kreativwochen seien für viele Teilnehmer ein Schlüsselerlebnis, weil sie sich mit Gleichgesinnten übers Schreiben austauschen könnten.

Feedback macht die Texte besser In Marbach ist das Besondere der Normalfall: Die Mädchen und Jungen stürzen sich in die Textarbeit und helfen sich gegenseitig, ihre Geschichten und Gedichte zu verbessern. „Feedback braucht man beim Schreiben ab einem bestimmten Punkt unbedingt“, sagt Ansgar. „Man selbst kennt die Geschichte einfach zu gut.“ Kritik sei auch dann sehr hilfreich, wenn man Neuland betrete: Ansgar selbst ist durch die Kulturakademie auf Lyrik aufmerksam geworden. „Das, was ich bei einer Geschichte langsam aufbauen und erklären muss, kann ich bei einem Gedicht in zwei Zeilen aufeinander folgen lassen. Ich kann sprachlich viel mehr ausprobieren und bin nicht an die Interpunktion gebunden.“ Sein Gedicht „schnee im september“ (Kasten) entstand, als er Verwandte in Berlin besuchte. „Nicht nur die Umgebung wirkte auf mich sehr künstlich, sondern auch der Umgang der Menschen miteinander. Diese Stimmung wollte ich einfangen.“ Einer von Ansgars Lieblingsdichtern ist Matthias Göritz, den er ebenfalls durch die Kulturakademie kennengelernt hat. Wie auch zu Martina Iris Wolff und anderen Teilnehmern aus Marbach hält er zu Göritz Kontakt und fragt ihn bei neuen Gedichten oder Prosatexten um seinen Rat. Auch an Wettbewerben nimmt Ansgar seit der Kulturakademie regelmäßig teil – mit großem Erfolg, allein 2013 wurde er sechsmal ausgezeichnet. Über die Anerkennung und die Sach- und Geldpreise freut er sich; wichtiger ist ihm jedoch etwas anderes: „Ich kann mich ausprobieren, meine Grenzen testen und Kontakte knüpfen. Schließlich möchte ich später sehr gerne auch beruflich als Autor arbeiten.“

www.kulturakademie-bw.de

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Perspektive Baden-Württemberg 2/2013