Page 23

FOTOS: THORSTEN PEISTRUP

ortstermin Wer kommt ins Finale? Das Publikum in der Lagerhalle votet mit

„Independent-Schlager“

1,65 Meter und doch ganz groß Mikro frei für den Songwriter-Slam! In der ersten Vorrunde spielten die Nachwuchstalente schon mal den Besten unter sich aus. Trotz der Nervosität einiger Sänger lieferten sie sich einen famosen Slam.

w

er bislang bei Songwritern an Waldhütten, Wandergitarren und Baumwollhemden denkt, wird während der ersten Vorrunde Mitte Oktober in der Lagerhalle eines Besseren belehrt. Zwar gibt es diese Zutaten auch an diesem Abend. Sie machen allerdings einen recht kleinen Teil des sehr abwechslungsreichen Gesamtbildes aus. Manchem Teilnehmer merkt man seine Nervosität deutlich an und so ist es auch kein Wunder, dass Künstler wie der Bremer Gunnar Schönhoff das Publikum wenig überzeugen. Die Regeln sind simpel. Zehn Künstler treten an, spielen jeweils einen Song. Die Jury wird vorher aus wiederum zehn zufällig im Publikum ausgesuchten Personen auserkoren. Nach jedem Lied stellt sich der Musiker direkt dem Votum. Auf einer Skala von 1-10. Und die fünf Protagonisten, die die meisten Punkte auf sich vereinen, ziehen ins Finale ein und machen in einer zweiten Runde mit einem neuen Song den Sieger unter sich aus. Der Gewinner bzw. die ersten drei Gewinner nehmen dann im Februar am Finale des Songwriterslams teil, zu dem auch die in den drei noch ausstehenden Vorentscheiden ermittelten Finalisten stoßen. Fast alle Musiker begleiten ihre Song auf der Gitarre. Fast alle – bis auf

Tim Edler. Edler, der mit seiner Band Colors That Blend Well immerhin schon als Support von Silbermond aufgetreten ist, setzt sich ohne große Ansage an den Flügel und bietet eine Gänsehautballade auf, die ihn vollkommen zu Recht ins Finale und letztlich auf den zweiten Platz trägt. Den er sich mit Kai Olaf aus Hannover teilen muss. Im Finale kann Edler dann mit „Dieser Moment“, getragen von einer wunderbaren Melodie, weitere Hochnoten einheimsen. Apropos Noten: Die Jury ist sich bei allen Künstlern fast immer einig und die Wertungen variierten nur in Nuancen – bis auf diesen einen Scherzkeks in der ersten Reihe. Bei allen Nummern liegt dieser Herr immer im Allgemeinbild sehr tief und nur bei der späteren Siegerin greift er zu einer Note jenseits der Sieben. Ob das einem schlechten Musikverständnis entspringt – oder einfach dem puren Spaß an Provokation – sei mal dahingestellt. Der erste Platz geht an Natascha Bell aus Hannover. Mit ihrer Performance erinnert sie an K.T. Tunstall. Die Jury zückt Höchstnoten. Sie singt leise bis rotzig und sorgt beim nachfolgend auftretenden Heiko Behrens, der stimmlich gefährlich nahe an Bon Jovi liegt, für Gänsehaut. Ist Natascha im Vorteil durch ihre Teilnahme an „The Voice of Germany“, wo Profis wie Xavier Naidoo coachen?

Slam-Gewinner Kai Olaf überzeugte mit „1,65 Meter“ und „Marie“. Was machst Du, wenn Du nicht auf der Bühne stehst? Hauptberuflich bin ich Buchhalter. Die Musik ist ein netter Nebenverdienst. Wie würdest Du Deine Musik beschreiben? Meine Lieder? Independent-Schlager mit Herz und Humor. Deine musikalischen Vorbilder? Zunächst einmal Spaceman Spliff, Der Polar und auch Sebastian Krämer. Aber das größte und immerwährende Vorbild ist wohl Liedermacherlegende Reinhard Mey. Wie gehst Du das Songwriting an? Zunächst ist da immer eine Melodie, die irgendwie in mir ist. Fällt mir dann ein Text ein, so schaue ich, welche meiner Melodien dazu passt und dann kommt eins zum anderen.

Aber nun der heimliche Sieger des Abends. Der 1,65 Meter große Kai Olaf begeistert mit einer Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit, die einmal mehr den Beweis erbringt, dass Komik irgendwie Tragik in Spiegelschrift ist. Man muss diesen kleinen Knubbel, wie er da auf der großen Bühne steht, einfach mögen. Allein schon die Ansage „Vielen Dank für den toleranten Applaus“ macht deutlich, das Kai Olaf weiß, worauf es ankommt. Die erste Runde bestreitet er mit einer Ode für alle Kleingebliebenen („1,65 Meter“). Im Finale wärmt er mit „Marie“ das Herz der Zuschauer. Einer sanften Ballade über eine Angebetete, die ihn nicht erhört. THORSTEN PEISTRUP STADTBLATT 11.2013 23

Stadtblatt 2013.11  

Das Osnabrück Magazin, November 2013

Advertisement