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überzeugungstäter

„Nützlich sein“ Aljona Avilova Augustaschacht, Freiwillige

„Einfach notwendig!“

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Engagement gegen Rechts. Das haben sich in Osnabrück viele auf die Fahnen geschrieben. Institutionen, Vereine, die Stadt selber. Nicht nur zum 9. November, dem Tag der Erinnerung an die Reichspogromnacht. Wir haben vier Aktivisten getroffen, die gewöhnlich nicht im Rampenlicht stehen. VON HARFF-PETER SCHÖNHERR | FOTOS HARFF-PETER SCHÖNHERR

Übersetzungen für Kunst„Bomben“-Texte: Aljona Avilova, Augustaschacht

18 STADTBLATT 11.2013

er Tag ist licht. Fast unwirklich diese Helle, für einen Ort wie diesen. Aber es ist zu spüren, das Grauen, das Unsägliche, das hier geschah. Wie ein Schatten, eine Beklemmung, eine innere Kälte. Aljona Avilova kommt jeden Tag hierher. Seit eineinhalb Monaten ist das ehemalige GestapoArbeitserziehungslager Ohrbeck ihr Arbeitsplatz. Für ein Jahr ist die junge Ukrainerin hier, als Freiwillige. Hier, wo 1944/45 mindestens 100 Verfolgte aus 17 Ländern an der Brutalität ihrer Arbeitsund Haftbedingungen starben. Aljona Avilova kommt von der Krim, aus Simferopol. Dort studiert sie Deutsch. „Unfassbar, dass es Menschen gab, die so etwas getan haben!“, sagt sie leise. „Und noch unfassbarer, dass es Menschen gibt, die aus alldem nichts lernen. Den Faschismus aus den Köpfen zu vertreiben, dafür müssen wir kämpfen.“ Aljona Avilova, 2008 schon einmal auf einem einwöchigen Schulaustausch hier, macht Übersetzungen, Büroarbeit, protokolliert Zeitzeugengespräche. Sie findet gut, sagt sie, mit Blick auf die düsteren Gänge, dass hier alles so bleibt wie es damals war, als Mahnung. „Es gibt ja Menschen, die würden Orte wie diesen am liebsten dem Erdboden gleichmachen. Die wollen sich nicht erinnern. Aber das wäre falsch. Die Atmosphäre hier, die Stimmung, sagt mehr als viele Worte.“ Die Stimmung... Aljona Avilova zögert. „Normalerweise glaube ich ja nicht an sowas. Aber hier...“ Pause. Sie lächelt, denkt nach, entschließt sich. „Nach einer Weile habe ich gefragt. Ob es hier welche gibt.“ Sie spricht von Geistern der Toten. Auch Aljona Avilovas Familie ist Weltkriegszeuge. Ihr Großvater, Rotarmist, macht den Vormarsch nach Westen mit, bis Berlin. Das Schlimmste für sie sind die Klischees in den Köpfen: „Zuhause zum Beispiel, als ich erzählt habe, dass ich nach Deutschland gehe. „Heil Hitler!“, haben da viele gerufen, „Sieg Heil!“. Nicht alle Deutschen waren damals Faschisten. Und nur wenige sind es heute.“ Was sie über die denkt, die es sind? „Das sind Menschen, die Hilfe brauchen. Die haben nichts verstanden. Ich hoffe einfach, es werden weniger und weniger. Auch durch unsere Arbeit hier.“ Dass unter den Aufsehern in Ohrbeck damals auch Russen und Ukrainer waren, schockiert sie: „Leute aus meinem Land! So grausam! Aber da sieht man es: Es gibt eben nicht nur Schwarz und Weiß.“ Später, in Simferopol, will sie ihre Osnabrücker Erfahrungen in einem Verein nutzen, der sich Zeitzeugen widmet: „Es ist wichtig, sich für sie zu interessieren. Es hilft ihnen, wenn ihnen jemand zuhört. Und je mehr sie erzählen, desto mehr können wir lernen.“ Der Tag ist noch immer licht, hier draußen. Golden, warm, unwirklich. Aljona Avilova passt gut hierher. Ernst, reflektiert, analytisch, wach, bedächtig. Sie spricht erst, wenn sie genau durchdacht hat, was sie sagen will. Und sie ist bescheiden. „Ich hoffe“, sagt sie, „dass ich hier ein bisschen nützlich sein kann.“ Das kann sie bestimmt.

Stadtblatt 2013.11  
Stadtblatt 2013.11  

Das Osnabrück Magazin, November 2013

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