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Gutes am Werk Erneuerbare Energien? Die Bürger-Energiegenossenschaft nwerk hat Rezepte. Und boomt.

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enossenschaft. Hört sich sozialistisch an, anarchistisch, gewerkschaftlich, sozialdemokratisch. Aber das täuscht. Obwohl: demokratisch ist gar nicht so falsch. Oder noch besser: basisdemokratisch. Aber von vorn. Am 31. Oktober 2008 wird in Osnabrück die Bürger-Energiegenossenschaft nwerk eG gegründet, acht Mitglieder klein. Otto Wetzig, seit damals im Vorstand, lachend: „Bezeichnenderweise am Reformationstag.“ Das Ziel: dazu beizutragen, „dass die Region Osnabrück in Zukunft zu 100 Prozent aus Erneuerbarer Energie versorgt wird“. Damals gibt es bundesweit nur ein, zwei Handvoll solcher Genossenschaften; nwerk ist ein Vorreiter. Heute sind es rund 700, Tendenz steigend. Auch nwerk ist gewachsen – auf 218 Mitglieder. Und es werden immer mehr. Hauptsächlich durch Mundpropaganda. Wetzig: „Je mehr, desto besser. Nicht nur, weil dann viel Geld reinkommt. Je mehr mitmachen, desto besser für die Idee.“ Man merkt: nwerk hat eine Vision, eine Mission. Und die heißt nicht Profitmaximierung. Es geht um Umwelt- und Ressourcenschutz, Unabhängigkeit durch Dezentralisierung. Ein Genossenschaftsanteil kostet 500 Euro, das ist zugleich die Mindesteinlage. Sicheres Geld – Genossenschaftspleiten gibt’s praktisch nicht. Geld bringendes Geld – die Renditeaussichten liegen deutlich über den derzeitigen Sparzinsen. Klar, am Anfang musste stark investiert werden. Gesamtvolumen: 1,5 Millionen Euro. Aber jetzt schlägt die Stunde der Ein-

FOTO: CAROLIN RUPP

umwelt

nahmen. „Wenn alles gutgeht“, sagt Wetzig, „kommen wir schon 2013 in die schwarzen Zahlen.“ 11 Photovoltaikanlagen sind bis jetzt entstanden, mit zusammen knapp 500 kWp, alle auf kommunalen Dächern – von der Sportanlage Illoshöhe in Osnabrück bis zur SophieScholl-Schule in Kloster Oesede. Rein rechnerisch der Jahresverbrauch von 120 Durchschnittshaushalten. Energieerzeugung und -distribution, „für uns und für andere“, Beratung, Forschung, Entwicklung, Information: nwerk beschäftigt sich nicht nur mit Strom aus Sonnenlicht, sondern auch mit Windenergie und Wärme aus Holz, mit Biogas, Erdwärme, Solarkollektoren. „Wir haben viele Projekte in der Pipeline. Auch modellhafte.“ Hydrothermale Carbonisierung zum Beispiel – CO2-neutrale Biokohle aus gepressten Pflanzenresten, produziert unter hohen Temperaturen und hohem Druck. Und die nwerker sind gute Netzwerker: Die nwerk-Beteiligung an der Brennwerk Holzenergie GmbH zum Beispiel, Hof Spiegelburg – Hackschnitzel, Pellets. Wetzig: „Öfen sind im Kommen. Leider wird oft Baumarkt-Billigware eingesetzt, mit sehr geringem Wirkungsgrad. Da wird dann viel Energie verbrannt für wenig Wärme. Wichtig ist auch, dass das Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt. Es wäre fatal, mehr zu schlagen als nachwächst.“ Dass Nachhaltigkeit kein leeres Wort bleiben darf, hat inzwischen auch die Politik begriffen. „Da ist im Moment erfreulich viel Drive drin.“ Überhaupt hat sich in kurzer Zeit viel

Otto Wetzig, Photovoltaikanlage auf der Illoshöhe: Grüner kann Strom nicht sein zum Guten verändert. Entstanden als Gegenkonzept zu den Stadtwerken Osnabrück, die damals stark in den Klimakiller Kohlekraft investierten, arbeitet nwerk heute mit dem Feindbild von einst zusammen – ohne sich zu verbiegen. „Die haben stark umgedacht.“ Teils wohl auch, weil nwerk vorgemacht hat, wie es geht.

GR Ü N E GES I C HT ER

Ralph Griesinger

BI Frac-Freies Bissendorf

24 STADTBLATT 8.2013

Ich engagiere mich für Natur und Umwelt, weil ... wir nur eine Umwelt haben, die wir vielleicht zerstören, aber sicherlich nicht wieder aufbauen können. Eine meiner spannendsten Aktionen war ... als aus dem Stand über 100 Menschen im ländlich geprägten Artland zusammenkamen, um sich über Fracking zu informieren – und sofort eine Initiative gründeten. Wenn mich jemand fragt, was er für die Umwelt tun kann, antworte ich, als erstes ... keine Torferde mehr kau-

Ach ja, die Basisdemokratie. Jedes nwerk-Mitglied hat in der Generalversammlung dasselbe Stimmgewicht. Ob es nun viel Geld angelegt hat oder wenig. Und niemand, der zu nwerk kommt, parkt hier einfach nur sein Geld. Da ist diese Vision, diese Mission. Ökologie und Ökonomie? Keine Gegensätze. HARFF-PETER SCHÖNHERR

So geht Umweltschutz

fen. Torfmoore sind unsere größte CO2-Senke. Die größten Umweltsünder sind für mich ... Politiker und Konzernchefs, die lediglich aus Gewinnstreben an fossiler Energie festhalten. Wenn ich Bundesumweltminister wäre, würde ich ... das Bergrecht dem Umweltrecht unterstellen und Fracking verbieten. Mir gibt Hoffnung, dass ... sich so schnell so viele Menschen gegen Fracking zusammengeschlossen haben, trotz professioneller PR-Kampa-

gnen der Energiekonzerne. Allein in Hessen hat eine BI 10.000 Mitglieder. Ich wünsche mir eine Welt, die ... allen Menschen das Recht auf ihre Lebensgrundlagen garantiert. Es ist wenig bekannt, dass Kohle, Öl und Uran auf Landraub in Afrika und Südamerika beruhen. Was sind die Hauptgefahren beim Fracking? Die giftigen Chemikalien im Boden, das Risiko von Erdbeben und dass es tausende von Bohrstellen braucht. INTERVIEW: HARFF-PETER SCHÖNHERR

Stadtblatt 2013.08  

Das Osnabrück Magazin, August 2013.

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