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FOTOS: THORSTEN PEISTRUP

ortstermin Mittlerweile museumsreif: Osnabrücker Popgeschichte(n) zum Angucken

Lebensgefühl Udo Lindenberg im Haus der Jugend, Grace Jones im Cincinnati, Green Day im Ostbunker oder AC/DC-Frontmann Angus Young beim Gitarrenkauf: Wie die Popkultur nach Osnabrück kam.

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m Museum Industriekultur am Piesberg kann lokale Popgeschichte studiert werden: „The Beat Goes On. Der Sound. Der Style.“ nennt sich das Seminar. Verabredet bin ich mit Dr. Harald Keller, der zuvor mit seinem Ko-Kurator Reiner Wolf das Buch über Osnabrücks Kult Disco „Hyde Park“ (Oktober Verlag, Münster) herausgegeben hat. Er führt mich durch die Schau und hat zu wirklich jedem Ausstellungsstück eine interessante Anekdote parat. Naheliegend wäre es gewesen, die Ausstellung mit der Ankunft des Rock’n’Roll zu beginnen. Aber in den 50er-Jahren war für viele Jugendliche der Jazz weitaus prägender. Selbst die „Bravo“ machte den Jazz regelmäßig zum Thema. In dieser Ausstellungssequenz stößt man auf bekannte Namen: Udo Lindenberg gastierte mit einer Jazzcombo im Haus der Jugend, Klaus Doldinger musizierte, lang bevor er die Band „Passport“ gründete, in der legendären „Blumenhalle“ am Blumenhallerweg. Dieses belegen nicht zuletzt rare Filmaufnahmen, auf die Harald Keller besonders stolz ist. Bildund Tonaufnahmen aus den 50er-, 60er- und 70erJahren sind wegen der damals limitierten technischen Möglichkeiten sehr selten, der Film mit Klaus Doldinger ist somit ein echter Glücksfall. Das gilt auch noch für das Bildmaterial zur BeatÄra, die 1963 mit dem Siegeszug der Beatles begann und in Osnabrück zu zahlreichen Bandgründungen führte. Ein Auszug aus dem Vorläufer der NOZ kündet in einer Kolumne erstmals vom Auf-

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kommen dieser neuen Musik, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung mit langem Männerhaar und wilden Tänzen, also Verwahrlosung und Moralverlust, verband. Wenige Jahre später verwandelten sich die Beatschuppen und Gasthaussäle in Diskotheken. Klassik, Folk, Blues und auch wieder Jazz waren die Triebfedern eines Sounds, der gemeinhin als Progressive tituliert wurde und den wir heute auch als Prog kennen. Als John Travolta im Kinofilm „Nur Samstag Nacht“ seine Tanzbewegungen vollführte, bedeutete das für die Diskotheken in der Region einen regen Besucherzuwachs, doch es regte sich auch Opposition. Mit einfachen musikalischen Mitteln entstand das, was fortan als Punkmusik bekannt sein sollte. Auf einem alten Plakat des Ostbunkers (1991) findet sich in der Ausstellung die Ankündigung einer jungen Punkband, für die sich zu der Zeit etwa 240 Besucher erwärmen konnten – heute füllen Green Day Stadien. Ebenfalls nicht zu kurz kommt der unverwüstliche „Hyde Park“. Neben einer Playlist von DJ Brownie vom Abend der Wiedereröffnung am Fürstenauer Weg findet sich ein Künstlervertrag mit den Scorpions, der aus heutiger Sicht für herzhafte Lacher sorgt. So enthielt der Gastspielvertrag einen Passus, demzufolge die Band ungesehen auf die Bühne gelangen wollte. Da das aber in Conny Overbecks Kultdisko an der Rheiner Landstraße nicht möglich war, wurde dieser Passus gestrichen. Die Scorpions stiefelten wie alle anderen Musiker durch den Saal. Damals spielten sie für eine Gage von 2.300 Mark. Ganz am Ende der Ausstellung befinden sich Gitarren, teils von Künstlern handsigniert. Eines der Exponate verdankt sich einer lustigen Begebenheit in einem Musikmarkt in Ibbenbüren. Der Verkäufer

dachte an einen Scherz, als er den Namen Angus Young auf der Kreditkarte eines Kunden sah. Doch der unauffällige Kunde war tatsächlich der Leadgitarrist von AC/DC. Nachdem das Missverständnis geklärt war, signierte der Weltstar zwei Gitarren. Eine davon wurde von ihrem Besitzer für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. THORSTEN PEISTRUP

P The Beat Goes On. Der Sound. Der Style. bis 6.10., Museum Industriekultur www.industriekultur-museumos.de P bis 8.9., Tuchmacher Museum Bramsche www.tuchmachermuseum.de

Da war noch was Harald Keller über Jukeboxen und Hyde Park STADTBLATT: Wie entstand die Idee zur Ausstellung? HARALD KELLER: Bei den Recherchen zum „Hyde Park“-Buch haben wir gemerkt, dass es noch weitaus mehr zu erzählen gibt. Das Thema haben wir dann ausgeweitet und widmen uns jetzt dem Pulsschlag, also dem Beat der Popmusik ab 1953. STADTBLATT: Auf welche Stücke sind Sie besonders stolz? HARALD KELLER: Eigentlich auf jedes einzelne ... Etwas Besonderes sind die hier gezeigten Jukeboxen eines hiesigen Herstellers, weil die nur selten öffentlich zu sehen sind. STADTBLATT: Bei der Schließung des ersten „Hyde Park“ kam es zu massiven Zusammenstößen mit der Polizei. Waren Sie als Zeitzeuge vor Ort? HARALD KELLER: Ich weiß bis heute nicht, wo ich in jener denkwürdigen Nacht war. Die Tage danach sind mir aber in guter Erinnerung, als die „Park“-Besucher jeden Abend zur Rheiner Landstraße pilgerten und friedliche Protestaktionen organisierten, um für den Erhalt des „Hyde Parks“ zu streiten.

Stadtblatt 2013.08  

Das Osnabrück Magazin, August 2013.

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