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bühne

Treppauf, treppab: Maria Goldmann

Halbe Treppe Bombsong! In der Inszenierung von Clemens Braun entfesselt Schauspielerin Maria Goldmann einen Orkan der Vernichtung. Am Ende steht eine Katharsis, bei der viele Fragen offen bleiben. Ein Monolog über unsere Gesellschaft und wie sie es schafft, durch ein Zuviel an Möglichkeiten ein Menschenleben zu zerstören. STADTBLATT: Andere Inszenierungen dieses Stückes arbeiten mit zwei, teils mit vier Figuren. Warum haben Sie sich für einen Monolog entschieden ? CLEMENS BRAUN: Das eröffnet uns die Möglichkeit, die Einsamkeit und die Verzweiflung der (namenlosen) Hauptfigur für den Zuschauer greifbarer zu machen. Auch der Spielort, eine Treppe neben dem Hauptaufführungsraum, spielt hier eine große Rolle. Auf diesem sehr beengten Raum gibt es wenig Rückzugsmöglichkeiten – das soll so etwas wie einen „Panic Room“ darstellen. STADTBLATT: Mir fielen beim Lesen des Texthefts die paarweise angeordneten Saucenschachteln als Metapher für die Einsamkeit auf. MARIA GOLDMANN: Die Hauptperson nimmt dieses Bild, weil ja jeder von

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uns diese paarweise angeordneten Würfel kennt, aus denen man die Sauce für den Sonntagsbraten macht. Sie will gerne zurück in diese Schachtel, ein Paket von zweien sein, jemanden neben sich wissen. Sie kommt vor allem wegen ihrer Großmutter darauf, ein sehr nostalgisches Bild. Jeder von uns hat doch diese Erinnerungen an die Kindheit mit ihren festen Ritualen. STADTBLATT: Aber warum bricht diese Person dann aus ihrer Wohlbehütheit aus? Warum entlädt sich solch ein Hass ? CLEMENS BRAUN: Wir in Deutschland haben ja irgendwie alles und genau da liegt der spannende Konflikt dieses Stückes. Zum Beispiel heißt es darin: „Wenn Du keine Mauern hast, gegen die Du rennen kannst, gehst Du kaputt.“

STADTBLATT: Also ist dieser Wohlstand für die Figur ein Fluch? MARIA GOLDMANN: Es ist dieser Überdruss an allem. Man ist materiell und auf viele andere Arten einfach abgesichert. STADTBLATT: Ist dies auch der Grund, warum heute immer weniger Engagement bei der jüngeren Generation aufkeimt, vor allem auch politisches? CLEMENS BRAUN: Man kann sich ja organisieren, z.B. in der Occupy Bewegung. Nur fehlt es in diesem Überdruss an Gegnern. Soziale und politische Missstände sind vielen zu weit weg. STADTBLATT: Und doch stehen ja jedes Jahr am Heiligen Abend Hunderte Osnabrücker an der Wärmstube für ein Essen an. MARIA GOLDMANN: Nur sind diese Probleme nicht sichtbar genug. Ich

für meinen Teil kann mich ohne Probleme verschulden, ich habe ein Dach über dem Kopf und fahre ein Auto. STADTBLATT: Wo sehen Sie dann die Probleme, quasi den Trigger, der diese Katastrophe ins Rollen bringt? MARIA GOLDMANN: Vor allem auch im Vandalismus aus Langeweile. Die Menschen haben alles, der Wert der Dinge geht völlig verloren. Wenn du allerdings lernst, die Dinge wertzuschätzen, ein klares Lebensziel vor Augen hast, dann ist für dich die Welt nicht verloren. Es ist auch die Ziellosigkeit, die junge Menschen verzweifeln lässt, weil sie einerseits alle Möglichkeiten haben, anderseits aber oft dieses Überangebot nicht filtern können. Der Druck wird größer. INTERVIEW: THORSTEN PEISTRUP

P 6., 26., 28.4, emma-theater

STADTBLATT 2013.04  

Das Osnabrück Magazin, April 2013

STADTBLATT 2013.04  

Das Osnabrück Magazin, April 2013

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