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P lingstag des Jahres. Fast 20

Es ist der erste richtige Früh-

Grad in der Sonne. Wir haben uns mit Katharina Nocun am Hauptbahnhof verabredet. Die junge Politikerin ist aus ihrem Wohnort Dissen angereist. Katharina Nocun war die Nr. 2 für Die Piraten im letzten Landtagswahlkampf und gilt als politisches Talent. Es ist warm, also geht’s auf die Außenterrasse des Café Coors. Katharina Nocun bestellt einen Milchkaffee und erzählt. Zwischendurch raucht sie eine Selbstgedrehte. INTERVIEW | FOTO MARIO SCHWEGMANN

STADTBLATT: Wir sind hier am Bahnhof. Wohin würden Sie jetzt gerne spontan mit dem Zug fahren? KATHARINA NOCUN: Ans Meer. Nordsee oder Ostsee. Das Wetter heute ist so schön. STADTBLATT: Und was würden Sie während der Fahrt lesen? KATHARINA NOCUN: Wahrscheinlich Dokumente aus dem Bundestag oder Akten. Zum Beispiel Anhörungstexte. Ich schaue mir gerne kleine Anfragen an, zu Themen die mich interessieren. Weil da schon vieles von der Bundesregierung veröffentlicht wird, was auf den ersten Blick nicht an die große Glocke gehängt wird. STADTBLATT: Zum Beispiel? KATHARINA NOCUN: Der Export von ÜberwachungsSoftware, an dem deutsche Unternehmen beteiligt sind – in Länder, in denen die Menschenrechtslage nicht ganz so gut ist. STADTBLATT: Gibt es lebende Politiker, die Sie schätzen? KATHARINA NOCUN: Viele Menschen sind ja enttäuscht von der Politik, aber ich glaube, es gibt zahlreiche Politiker, die ihren Job richtig gut machen. Aus meiner eigenen Partei schätze ich viele Kollegen – bei denen kann ich auch beurteilen, welche Arbeit sie im Hintergrund erledigen. Fabio Reinhardt aus Berlin macht zum Beispiel tolle Asylpolitik und Migrationspolitik. Und Martin Delius ist auch ein Guter, er leitet den Ausschuss zur Aufarbeitung des Skandals um den Berliner Flughafen. STADTBLATT: Warum sind Sie Politikerin? KATHARINA NOCUN: Ich bin 2007 zur Politik gekommen. Ich habe mich auch vorher schon dafür interessiert und Politikwissenschaften studiert. Konkreter wurde es, als die Entscheidung zur Vorratsdatenspeicherung anstand. Meine Eltern sind bei-

de IT-ler und ich bin mit Computern aufgewachsen. Ich dachte damals: ‚Moment mal, die wollen jetzt nicht ernsthaft beschließen, dass sie die Kommunikation von allen Bürgern verdachtsunabhängig für sechs Monate speichern wollen? Das geht ja gar nicht.’ Ab da habe ich mich engagiert. Wichtig war dann noch ein Termin in Brüssel. STADTBLATT: Bei der EU? Was war denn da? KATHARINA NOCUN: Die letzte Anhörung zur Vorratsdatenspeicherung, bevor die EU-Kommission darüber entschieden hat. Und bei der Anhörung war ein Vielfaches an Lobbyisten, Wirtschaftsvertretern gegenüber uns Bürgerrechtlern. Zudem wurden in der Sitzung massive Einwände von Kritikern der Speicherung – es ging um die Überwachung polnischer Journalisten – unter den Tisch gekehrt. Da ist mir klar geworden: Ich will etwas dagegen unternehmen, dass viele politische Fragen an den Menschen vorbei entschieden werden. STADTBLATT: Wie gefällt Ihnen der Name Ihrer Partei: Die Piraten? Klingt lustig. KATHARINA NOCUN: Der Name hat ja eine geschichtliche Bedeutung. Die Piraten sind in Schweden entstanden, durch die Plattform „The Pirate Bay“. Da ging es um Fragen des zeitgemäßen Umgangs mit dem Urheberrecht und um Zensur im Internet. Interessant ist auch, dass der Wortstamm von „Piraten“ abgeleitet wird von: „etwas wagen, sich etwas trauen“. Das passt ganz gut zu uns – wir wollen auch etwas anders machen.

„Das Internet ist ein großer Part im Alltag junger Menschen. Wir Piraten sind auf diesem Gebiet besser aufgestellt als andere Parteien.“

STADTBLATT: Sie waren bei der letzten Landtags-

wahl in Niedersachsen für Die Piraten auf dem Listenplatz 2. Würden Sie noch mal Landtagswahlkampf machen? KATHARINA NOCUN: Klar! Jederzeit. Der Wahlkampf hat sehr viel Spaß gemacht, auch wenn er anstrengend war. Ich bin viel in Niedersachen rumgekommen, war bei interessanten Veranstaltungen, habe tolle Menschen kennen gelernt und viel gelernt. STADTBLATT: Die Piraten sind auf 2,1 Prozent gekommen und damit nicht in den Landtag eingezogen. Haben Sie Erklärungen für dieses Ergebnis? KATHARINA NOCUN: Wir müssen lernen, besser nach außen zu kommunizieren, wofür wir stehen und warum es sich lohnt, Piraten zu wählen. Wir sind als Partei in sehr kurzer Zeit sehr schnell gewachsen und müssen uns jetzt neu organisieren. Man muss sich auch vor Augen führen, dass in Niedersachen die komplette Parteistruktur der Piraten ehrenamtlich funktioniert. Da haben Parteien, die finanziell in der Lage sind, Monate vorher Wahlkampf zu machen, einen Vorteil.

STADTBLATT: Dafür hatten die Piraten die kreative-

ren Wahlplakate. Sie haben berühmte Firmenlogos, z.B. von Apple oder IKEA, verfremdet und mit einem witzigen Spruch versehen. Gab’s da keinen Ärger? KATHARINA NOCUN: Wir haben Post bekommen von einigen Unternehmen, aber sie haben sich dann doch nicht getraut, uns abzumahnen. IKEA hat uns zum Beispiel einen Brief geschrieben und gebeten, das Logo anders zu gestalten. Die Kampagne wurde übrigens von einem unserer Listen-Kandidaten entworfen. STADTBLATT: Im September sind Bundestagswahlen. Mit welchen Themen treten Die Piraten an? KATHARINA NOCUN: Es gab eine Umfrage unter allen Mitgliedern und sie wünschen sich die Themen Bürgerrechte, Datenschutz, Netzpolitik und Mitbestimmung – die Bürger wollen nicht nur alle vier Jahre gefragt werden. Projekte wie Stuttgart 21 oder die Elbphilharmonie zeigen, dass es nicht geht, über die Köpfe der Bürger hinweg zu entscheiden. STADTBLATT: Wer soll Bundeskanzler/in werden? KATHARINA NOCUN: Das ist für mich wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Sowohl Merkel als auch Steinbrück verkörpern das Gegenteil von dem, was wir Piraten wollen, zum Beispiel Transparenz. STADTBLATT: Auf Ihrem Blog gibt es den Link „Termine“. Anfang März haben sich erstmals die Jungen Piraten Niedersachsens – die JuPis – hier in Osnabrück im Bottled getroffen. Wie war’s? KATHARINA NOCUN: Bislang gab es nur den regulären Piraten-Stammtisch im Cup&Cups. Wir wollen aber ab jetzt einmal im Monat einen Stammtisch für junge Leute bis 28 Jahre veranstalten, weil die andere Themen haben. Bei diesem ersten Treffen waren vor allem Studenten, es haben aber auch schon Schüler Interesse am Stammtisch gezeigt. Das nächste Treffen wird nach den Semesterferien sein. STADTBLATT: Worüber wurde diskutiert? KATHARINA NOCUN: Ein wichtiges Thema war die Zensur im Internet. Das Internet ist ein großer Part im Alltag junger Menschen und wir als Piraten sind auf diesem Gebiet besser aufgestellt als die anderen Parteien. STADTBLATT: Sie bezeichnen sich auf ihrem Blog www.kattascha.de als „Kind des Internets“. Das heißt? KATHARINA NOCUN: Internet und Computer waren immer Teil meiner Biografie. Mein Vater hat mir und meiner Schwester früh die Grundlagen des Programmierens beigebracht. Ich habe dann angefangen, Seiten zu gestalten in HMTL. Das ist für mich das Faszinierende am Internet: Das man so vieles selber machen kann. Und, dass man innerhalb von Sekunden mit jemandem kommunizieren kann. STADTBLATT: Letzte Frage: Wenn Sie nicht für die Piraten aktiv sind, was machen Sie dann? KATHARINA NOCUN: Ich wohne ja in Dissen. Dort habe ich mit Freunden ein Projekt. Wir züchten Angus-Hochlandrinder. Die haben bei uns die besten Haltungsbedingungen, stehen das ganze Jahr über auf der Weide – außer im Winter. Denen geht’s super. Ansonsten treffe ich mich gerne mit Freunden. STADTBLATT 4.2013 11

STADTBLATT 2013.04  

Das Osnabrück Magazin, April 2013

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