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kunst sehenswert Susanne Heitmann F „Generationen – Wechsel“ zeigt Malerei auf Leinwand, die „innere Bilder“ beschwört. Sensible Beobachtungen des Alltags, abstrahiert und vielschichtig zergliedert in Farbe und Figur, Perspektive und

„Auch wenn ich male, zeichne ich“ Irgendwie ist er uns im Laufe der Zeit abhanden gekommen: Die Stadtgalerie zeigt aus diesem Grund Fritz Neidhard: Retrospektive zum 70. Geburtstag des Osnabrücker Künstlers.

Raum. bis 2.9., Galerie Schwarz / weiss

ZERO F Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker zielen mit ihrer 1957 gegründeten Künstlergruppe auf die Markierung einer „Stunde Null“ – den künstlerischen Neubeginn im Nachkriegsdeutschland: Malerei, unbelastet von der Vergangenheit ... bis 12.9., Kunsthandlung Hülsmeier

„Da war mal was ...“ F 20 Comic-Plakate erinnern aus Anlass von 20 Jahre Mauerfall an die Zeit der DDR, über die gerade Jüngere heute nur noch wenig wissen. Nachhilfe erteilt Flix, gen. Felix Görmann – vom Ost-Alltag bis zum Todesstreifen. Das Buch dazu gibt’s bei Carlsen. bis 22.9., VHS

Hans Ohlms F Werkschau mit Arbeiten aus sechs Jahrzehnten. Ohlms, ein Traumatisierter der „Verlorenen Generation“ des Zweiten Weltkriegs, zeigt das Leben als „lange Irrfahrt“. Zeitlose Arbeiten zu einem universellen Thema. bis 27.9., Kulturgeschichtliches Museum/Felix-Nussbaum-Haus

Yannick Lecoq F „Avec mes yeux“ zeigt sehr ungewöhnliche Kinderporträts des französischen Fotografen. Distanzierte Blicke, skeptisch oft, fragend. Eine Serie, zu der 29 französische Autoren Gedichte schrieben. So ist noch ein zweisprachiges Buch daraus geworden. 5.9.-17.10., Stadtbibliothek/Kinder- und Jugendbibliothek HPS

Weitere Ausstellungen auf Seite 48

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Fritz Neidhard, o. T., Acryl auf Karton, um 1980

Es ist wahrlich eine Idylle. In

g der Nähe des Schelenburger Schlosses liegt an der Wierau die alte Mühle, ein großes mehrgeschossiges Fachwerkhaus, umgeben von einem riesigen Garten mit sorgsam angelegten Blumenbeeten. Man fühlt sich wie in Monets Garten von Giverny. In den großen Räumen überall Bilder, Malutensilien, Kunstbücher. Hier wohnt und arbeitet seit 35 Jahren Fritz Neidhard. Nach seiner Krankheit hat er sich – behütet von seiner Frau – von der Öffentlichkeit zurückgezogen, die er aber nie gesucht hat. Demgemäß gilt er – ausgebildet an der Stuttgarter Akademie und bis 2001 Kunstlehrer – unter Kunstliebhabern als Geheimtipp. Seine letzte Ausstellung war, kaum zu glauben, 1977. Nun also endlich eine Retrospektive – die aber leider keine ist. Die kleine Stadtgalerie ist dafür auch kaum geeignet. Der Schwerpunkt

liegt auf Zeichnungen und kleinen Bildern der Siebziger (oft Vorstudien) und wenigen großen Formaten von 1974 bis 1995. Das Gesamtwerk ist aber im Internet einsehbar (www.chronosroma.eu). Es ist von der Struktur her zeichnerisch angelegt. „Auch wenn ich male, zeichne ich, nur flüssiger und mit größeren Gesten.“ Die Werke zeigen ein Vermischen von abstrakten – organischen und technischen – Formen mit konkreten Andeutungen von Figuren, Köpfen, Landschaften, die von den gestisch gesetzten Linien und den manchmal mit Bürsten aufgetragenen Farbwirbeln erdrückt werden. „Diese All-Over-Malerei bedeutet, dass die Bilder ein labiles Gleichgewicht des Schreckens und eine Gefährdung des Lebens ausdrücken“, so der Künstler. Was Jutta Held damals als Perspektivlosigkeit des Werks bemängelte,

macht gerade seinen Reiz aus. Es entzieht sich eindeutigen Auslegungen und ist eher einem „pessimistischen Weltbild“ geschuldet, wie Neidhard einräumt. „Spielende Kinder in Schrottlandschaft“ heißt ein Ölgemälde von 1974 bezeichnenderweise. Die Verschmelzung von Natur und Technik (nicht Versöhnung) bedroht die Kinderwelt. Beim „Kreidefelsen“, einer Paraphrase auf Caspar David Friedrichs berühmtes Bild, versperrt der Felsen das Ausfahren des im Vordergrund dargestellten Schiffes aufs Meer. Am eindruckvollsten die monochromen, fast surrealen Bilder mit sensibel modulierten Farbnuancen. Hier tritt das Liniengerüst gegenüber der Autonomie der Farbdynamik zurück. Ansonsten kann immer wieder ein Konflikt zwischen dem zeichnerischen und dem malerischen Element festgestellt werden. Das macht die Werke spannend, führt aber mitunter dahin, dass die Farbzusammenstellung mit ihren scharfen Kontrasten an Stimmigkeit verliert und die Linie die Expressivität der Farbe schwächt. Politische Stellungnahmen, die im Frühwerk etwa zu Chile oder Vietnam auftauchen, gibt es nicht mehr. Auch die Darstellungen des Arbeitermilieus sind mit der Zeit, als die Intelligenz die Arbeiterklasse befreien wollte, verschwunden. Mit dem sozialistischen Realismus hatte Neidhard auch früher wenig zu tun. Seine Menschen waren immer gebrochen. Heute ist sein Werk unpolitisch und eher von einer negativen Anthropologie geprägt, was aber seiner Qualität nicht abträglich ist. GÜNTHER FRANK

6.9.-29.11., Stadtgalerie

mensch macht muster F Ja, diese Kleinschreibung. Kommt Sylvia Lüdtkes „macht“ nun von machen? Oder von Macht? Wahrscheinlich beides. Verstörend. Aber das ist produktiv. Und verstören will Lüdtke ja sowieso. Ihre vierteilige Collage zum Thema Krieg und Frieden, eine Flankierung ihrer Friedensbücher-Schau „Multiversen Zeitgleich“ zeigt uns, was der Mensch dem Menschen antut, aus Angst, aus Hass. Artikel aus deutschen, türkischen und arabischen Zeitungen, gesammelt im Sommer 2006 während des libanesischisraelischen Krieges, aufgezogen auf Baum-

wolle, übermalt mit menschlichen Schemen – eine beklemmende Sicht auf das Massenund Machtwesen Mensch, dem Gewalt zum Alltag geworden ist. Lüdtke schlägt Brücken zwischen den Kulturen – eine Sisyphosarbeit. Aber Völkerverständigungen sind stets schwerer als Völkerschlachten. „Guantanamo“ heißt eine der vier Arbeiten. Und wer sie sieht, ahnt, dass es viele Guantanamos gibt. HARFF-PETER SCHÖNHERR

bis 11.1.2010, Kulturgeschichtliches Museum, Villa Schlikker

STADTBLATT 2009 09  

Das Osnabrück Magazin

STADTBLATT 2009 09  

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