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Raffael Lienesch, Daniel Dartsch, Holger-Sebastian Lempke, Daniel Brune: „Räder und Frauen verleiht man nicht!“

„Nicht am Lack lecken“ Wem ein 08/15-Bike nicht gerecht wird, der steigt um auf Tretharley. Das tut dem Ego gut. Auf Ausfahrt mit den Peace City Pedals durch die Stadt. VON LENA FROMMEYER | FOTOS MIRIAM KYSELO

Hätte der König keine Glatze, würde ihm Lässig-in-die-Kurve-Lehnen der Wind durch die Frisur wehen. In erhabener Pose rollt Daniel Dartsch auf seiner im Sonnenschein glänzenden Tretharley den Westerberg hinunter. Anfang des Jahres holte er beim Schnick-Schnack-Schnuck-Spielen den Monarchentitel und darf, als Oberhaupt der Peace City Pedals, nun die Formationsspitze in Richtung Innenstadt bilden. Dem König folgt beim nachmittäglichen Ausflug auf Chromfelgen und XXL-Schlappen ein kleiner Hofstaat an Gleichgesinnten. Man muss schon ein wenig narzisstisch veranlagt sein, wenn man Tretharley fährt. Die Lotterstraße entlangschwoofend, mutiert die Cruisergemeinschaft zum Mittelpunkt des Verkehrs. Daniel Brunes surrende Radlaufklingel Marke Eigenbau zieht das Gehör der Fußgänger magisch an. Dekadent geschwungene Rahmen ernten zwischen Skepsis und

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Bewunderung schwankende Blicke. „Man geht für die Optik an die Grenzen des Materials. Manche schmücken ihre Bikes regelrecht zu Kirmesrädern. Andere fahren relativ clean“, spricht der König. „Ich verzichte sogar auf Bremsen“, so Clubmitglied Raffael Lienesch. Über das Online-Portal TretHarley.de lernten sich die Jungs kennen. Die Gründung eines Osnabrücker Clubs besiegelte nicht zuletzt die Einführung der einheitliche Klamotten: „Das, was beim Opa die Plakette am Wanderstock ist, sind bei uns die Buttons an der Kutte“, erklärt Daniel Dartsch. Da pinnen u.a. Bildchen von befreundeten Clubs und den jährlichen Treffen. „Ist ein ähnliches Prinzip wie bei der Turbojugend. Nur mit anderem Hintergrund und dass wir die Kutten waschen dürfen!“ Nach gemütlichem Durchkreuzen des Katharinenviertels – tiefergelegte Modelle umfahren geschickt die Fahrbahnerhöhungen – wächst die Lust auf eine Erfrischung. „Schließlich gehören anständiges Wetter, nette Leute, wenig Begegnungen mit Kraftfahrzeugen und auch ein, zwei kleine Bierchen zum guten Cruise dazu“, schmunzelt Raffael Lienesch. Am verkaufsoffenen Sonntag die ersehnte Tränke in der Altstadt zu erreichen ist nicht gerade unkompliziert. Im Außenbereich vom Warsteinertreff beginnt das wahre Abenteuer. Eine neugierige Menschentraube bildet sich um das liebevoll geparkte Cruiser-Rudel. Junge Männer schleichen

fachsimpelnd um die Objekte der Begierde. Kinder tätscheln begeistert die Rahmen. Selbst die Motorrad-Polizeistreife kann einen kleinen Schieler nicht unterdrücken. „Wie ein Schießhund musst du aufpassen“, sagt Raffael Lienesch und beobachtet aus dem Augenwinkel. „So lange sich niemand ungefragt draufsetzt ist das schon okay“, versichert Holger-Sebastian Lempke. „Nicht am Lack lecken!“, ruft Daniel Brune einem Familienvater hinterher und nippt demonstrativ relaxt am kühlen Blonden. Weniger gemütlich war da der Season WarmUp Mitte März. Ein paar Dutzend Gleichgesinnte folgten dem Ruf der Peace City Pedals und eroberten Osnabrücker Straßen. „Sehr geil, auch wenn einige die Strecke ziemlich hart fanden. Aber Osnabrück hat nun mal Berge“, fasst Daniel Dartsch das Spektakel zusammen. „Fast jedes Wochenende finden zwischen Nordsee und dem Ruhrgebiet solche Treffen statt.“ Beispielsweise der Halloween-Cruise in Hamburg – offiziell eine Demo für breitere Radwege. Während der Bierpause in der Fußgängerzone flattern bei den entspannten Cruisern nur ein Mal merklich die Nerven: Als sich ein schokoladenverschmiertes Mädchen unkontrolliert schwankend den Rädern nähert. Verzerrten Mündern entweicht ein nervöses, leicht flehendes Raunen. Gefolgt vom erleichterten Lachen, als sich der halbe Meter Bedrohung wieder entfernt. Das Cruiserleben ist gefährlich ... www.tretharley.de

STADTBLATT 2009 05  

Das Osnabrück Magazin

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