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Forschung & Innovation

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Berliner Forschungskultur Alleine an der Charité – Universitätsmedizin Berlin forschen 3.700 Wissenschaftler. Weiterer Standortvorteil: die gute Zusammenarbeit von Forschung und Industrie.

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edes Jahr erkranken mehr als 470.000 Menschen in Deutschland neu an Krebs. Berlin hat sich den Kampf gegen die Volkskrankheit auf die Fahne geschrieben ‒ und bringt beste Voraussetzungen mit. Ein Leuchtturm: die Charité ‒ Universitätsmedizin Berlin. Erst kürzlich wurde Dr. Matthias Leisegang für seine Forschungsarbeiten zur Analyse von Krebsmutationen als Ziel der adaptiven T-Zelltherapie mit dem diesjährigen Curt Meyer-Gedächtnispreis ausgezeichnet. „Matthias Leisegang konnte am Tiermodell zeigen, dass therapeutische T-Zellen auf eine individuell ausgewählte Mutation ausgerichtet und mit einer enormen Treffsicherheit den Tumor zersetzen können“, erklärt Prof. Dr. Clemens A. Schmitt, Vorstandsmitglied der Berliner Krebsgesellschaft und Direktor des Molekularen Krebsforschungszentrums der Charité. „Die neuartige Technologie der Gentherapie mit T-Zellrezeptoren ist weltweit führend und für den Forschungsstandort Berlin ein enormer Gewinn.“ ES BLEIBT VIEL ZU TUN. „Unsere Versuche haben gezeigt, dass eine Krebsmutation ein geeignetes Angriffsziel für die T-Zelltherapie sein kann. T-Zellen sind eine Gruppe weißer Blutkörperchen, die für die Abwehr von Krankheitserregern verantwortlich sind. Ihre Fähigkeit, unter Milliarden von Molekülen mithilfe eines T-Zellrezeptors diejenigen zu lokalisieren, die von Krankheitserregern wie etwa von einem Tumor stammen, machen diese Zellen für die Krebsforschung so inter-

essant. Doch T-Zellen gezielt auf Krebszellen auszurichten ‒ hier steckt die Wissenschaft noch am Anfang. „Es bleibt eine zentrale Aufgabe, gute Angriffsziele zu identifizieren“, erklärt Dr. Leisegang das Ergebnis seiner ausgezeichneten Forschungsarbeit.

Gesundheitswirtschaft – eine starke Branche in Berlin-Brandenburg mit 354.000 Beschäftigten

ZUSCHUSS FÜR DIE FORSCHUNG. Ein weiterer Ansatz in der Krebsforschung sind neue Medikamente, die entartete Zellen präzise angreifen. Doch trotz ähnlicher Befunde und Symptome reagieren Patienten ganz unterschiedlich auf solche Therapien. Der Grund: Tumore sind in ihrer genetischen Ausstattung individuell unterschiedlich. Patientenspezifische Zellkulturen und Mausmodelle gelten als Hoffnung der personalisierten Arzneimittelentwicklung, um bereits im Vorfeld die Wirkung eines Medikaments abschätzen zu können. Mit dreidimensional gezüchteten Zellkulturen können Forscher die Gewebestruktur und den Stoffwechsel im Tumorzellverband simulieren, um Dosierung und Wirksamkeit

von Arzneimittelkandidaten möglichst realistisch zu testen. Um diese Herausforderungen in der zugeschnittenen Krebsbehandlung näher erforschen zu können, erhalten Forscher des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung am Charité Comprehensive Cancer Center Berlin nun 2,6 Millionen Euro, um gemeinsam mit regionalen Biotechunternehmen Testsysteme für ein personalisiertes Medikamentenscreening zu entwickeln. NETZWERKEN ZAHLT SICH AUS. Diese enge, interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie ist ein weiteres Plus für den Standort Berlin: „Ein aktuelles Beispiel für Innovation durch Kooperation ist das neue digitale Gesundheitsnetzwerk der AOK Nordost, von Vivantes und der Sana Kliniken AG“, sagt Dr. Kai Uwe Bindseil. „Unterstützt durch das IT-Unternehmen Cisco arbeiten Versorger und Krankenkassen zusammen, um Effizienz und Qualität im Bereich der Patientendaten zu optimieren“, erklärt der Clustermanager HealthCapital bei der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH. So sollen Versicherte der AOK Nordost in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern in naher Zukunft selbst schnell über ihre Medikationspläne, Untersuchungsergebnisse und andere Gesundheitsdaten verfügen können ‒ mit ihrer persönlichen, digitalen Gesundheitsakte. NADINE KIRSCH

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BILD: BERLIN PARTNER

3 FRAGEN AN ... Dr. Kai Uwe Bindseil Clustermanager HealthCapital bei der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH

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Warum ist das Cluster Gesundheitswirtschaft von zentraler Bedeutung für den Wirtschaftsund Innovations-Standort Berlin-Brandenburg?

I I Y S S E B @ L I EM

DR. BINDSEIL: Die Kooperation von AOK Nordost, Vivantes und den Sana Kliniken mit dem Ziel einer persönlichen, digitalen Gesundheitskarte hätte es ohne das Cluster in dieser Form nicht gegeben. Ganz aktuell freuen wir uns auch über weitere Erfolge unserer Clusterarbeit: Im November 2017 findet die BIO-Europe in Berlin statt und mit NutriAct haben führende Wissenschaftler ein Zehn-Millionen-Projekt des BMBF gewonnen.

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Was ist denn NutriAct?

DR. BINDSEIL: NutriAct konzentriert sich auf die Entwicklung und Verbreitung von Ernährungsstrategien speziell für die zweite Lebenshälfte. Ziel ist es, mithilfe einer gesunden, ausgewogenen Ernährung ein gesundes Altern zu unterstützen. NutriAct steht dabei für Nutritional Intervention for Healthy Aging: Food Patterns, Behaviour and Products. Prävention in dieser Zielgruppe zu forcieren, ist vor dem Hintergrund des demografischen Wandels von ganz zentraler Bedeutung.

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Und welche weiteren Ziele verfolgen Sie mit dem Cluster HealthCapital für 2017?

Für die Energiewende brauchen wir neue Materialsysteme, die Energie umwandeln oder speichern können. Am Energy Materials in situ Labor (EMIL) wird die Forschung an solchen Energie-Materialien nun beschleunigt: Hier lassen sich komplexe Materialien schon während der Herstellung (in situ) untersuchen und Prozesse und Funktionalitäten in Echtzeit (in operando) analysieren und optimieren.

• EMIL ist auf die Forschung an Dünnschichtmaterialien ausgelegt: für Solarzellen, solare Brennstoffe, Katalysatoren, Thermoelektrika, magnetische Sandwichstrukturen (Spintronik) und neue Materialien wie topologische Isolatoren oder Graphen. • EMIL ermöglicht es, neue Materialkombinationen rasch und effizient zu testen (kombinatorische Materialsynthese). Dabei fließen die Erkenntnisse aus der Analytik direkt wieder in die Synthese ein. • Für die Charakterisierung der Proben steht das gesamte Spektrum der Analytik an BESSY II bereit.

• Weiche und harte Röntgenstrahlung im Energiebereich von 60 eV bis 10 keV ermöglicht die Analyse von Oberflächen und Grenzflächen in Dünnschichtsystemen, aber auch tieferen Regionen der Proben. Mehr Informationen finden Sie unter:

http://hz-b.de/emil

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Das Helmholtz-Zentrum Berlin und die Max-Planck-Gesellschaft haben das neue Großlabor gemeinsam aufgebaut. Zwei Direktanschlüsse an das Synchrotron BESSY II stellen weiches und hartes Röntgenlicht bereit. Auf 2000 Quadratmetern Laborfläche sind weltweit einzigartige Einrichtungen zur Synthese und Analytik entstanden.

EMIL@BESSY II steht nun auch Nutzergruppen aus Forschung und Industrie zur Verfügung.

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DR. BINDSEIL: Ziele will ich hervorheben. Zum einen werden wir Start-ups im Digital-Health-Bereich stärker unter die Arme greifen. Denn: In diesem regulierten Gesundheitsmarkt ist es für die jungen Unternehmen deutlich schwieriger, Fuß zu fassen, als etwa im Bereich IT. Zweitens sollen die Bürger unsere Clusterarbeit spüren – und zwar ganz konkret in Form einer besseren Versorgung. In einem Modellversuch in Templin etwa wird etwa getestet, wie die Auflösung klassischer Rollenmodelle von Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten die Versorgung in ländlicheren Gebieten verbessern kann.

ANSCHUB FÜR DIE ENERGIE-MATERIAL-FORSCHUNG

Wirtschaft Berlin Spezial - Forschung Innovation  
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