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Forschung & Innovation

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3 FRAGEN AN ... BÖCK

Prof. Dr. Matthias Drieß

BILD: TU-P

TELLE/ RESSES

Universitätsprofessor für Metallorganische Chemie und Anorganische Materialien an der Technischen Universität Berlin

1 Berliner Unternehmen konnten ihren Umsatz mit Innovationen um

2,5 Prozent

schungs- und Vernetzungsmöglichkeiten. Laborgewerbeflächen sind allerdings rar gesät. Hier fehlen immer noch ausreichend und auch finanzierbare Standorte für Biotech-Start-Ups oder Firmen in einer relativ frühen Entwicklungsphase und unter einer gewissen kommerziellen Größe.“ sagt Dr. Bodo Lange. Er ist Geschäftsführer der Alacris Theranostics GmbH. Ursprünglich als Ausgründung aus dem Berliner MaxPlanck-Institut für molekulare Genetik entstanden, hat das Unternehmen ein Computersimulationsverfahren entwickelt, das den neuesten Stand der Forschung auf die Praxis der Krebstherapie anwendet. Für seine Leistungen wurde das Unternehmen 2015 mit dem Deutschen Innovationspreis in der Kategorie mittelständische Unternehmen ausgezeichnet.

Förderung von Innovationsaktivitäten. Während in Deutschland rund ein Viertel der Unternehmen öff entliche Fördermitöffentliche tel für für Innovationsprojekte nutzte, war es in Berlin fast ein Drittel der Unternehmen. Besonders erfolgreich waren die Industrieunternehmen, die mit einem Anteil von 44 Prozent deutlich über dem bundesweiten Vergleichswert von 22 Prozent lagen.

HILFE BEIM WACHSTUM. Ein weiterer Grund für die hohe Erfindungskraft der Berliner Wirtschaft liegt in der Verfügbarkeit von Risikokapital in der Hauptstadt. Dabei waren Berliner Firmen der Informationsund Kommunikationsindustrie besonders erfolgreich in der Einwerbung von Venture Capital. „Der verhältnismäßig geringe Zeit- und Kapitalfenster, das zur Produktentwicklung benötigt wird sowie die Skalierbarkeit digitaler Geschäftsmodellen machen diese Branche besonders attraktiv für Investoren“, sagt Dr. Kahl. „Bei der Entwicklung marktfähiger Geschäftsmodelle stehen die rasche Markterschließung und die Sicherung des Bekanntheitsvorsprungs im Mittelpunkt, während andere Branchen durch sehr viel längere Entwicklungszyklen gekennzeichnet sind“, ergänzt Dr. Kahl. „In diesen Branchen kommt der öffentlichen Unterstützung zum Beispiel durch Förderprogramme oftmals eine wichtige Rolle zu“, sagt Dr. Kahl. Die Berliner Unternehmen waren im Vergleich zum Bundesdurchschnitt erfolgreicher in der Einwerbung öffentlicher Mittel zur

„Es gibt eine vernünftige Menge von Frühförderprogrammen und Möglichkeiten der Drittmitteleinwerbung für Start-ups in der Gründungs- und frühen Wachstumsphase“, sagt Dr. Bodo Lange. „Geht es dann jedoch um eigentliches Wachstumskapital, gibt es kaum adäquate Möglichkeiten, die Firmen in dieser besonders kritischen Phase zu unterstützen. Das ist schade, weil sich gerade hier entscheidet, ob sich aus einem Start-up eine mittelständische Firma mit Wachstumsmöglichkeiten entwickeln kann. Für den Arbeitsmarkt und die Firmenlandschaft in Berlin wäre gerade dies mittel- bis langfristig besonders wichtig.“

Spitzenreiter unter den Berliner Innovatoren ist die Elektroindustrie

Patentanmeldungen sind ein wichtiger Indikator zur Messung der regionalen Innovationsaktivität. In Berlin zeigte sich die Elektroindustrie besonders erfolgreich. So berichteten mehr als ein Drittel der Firmen aus dieser Branche die Anmeldung eines Patents im Jahr 2014; der Vergleichswert im Bund lag bei 20 Prozent. Von der deutschen Wirtschaft insgesamt unterscheidet sich Berlin hingegen durch

ein geringeres Patentaufkommen im Maschinen- und Fahrzeugbau. „Damit unterscheidet sich Berlin von anderen deutschen Standorten, deren große Stärke im Maschinenbau liegt“, sagt Dr. Kahl. IMPULSE SETZEN. Damit diese tendenziell positive Entwicklung ung anhält und sich weiter verstärkt, muss Berlin ständig weiter an den Rahmenbedingungen arbeiten und Impulse für die Entwicklung geben. Dr. Bodo Lange von Alacris Theranostics fordert: „Es müssen kommerzielle Laborgewerbeflächen in Universitätsund Forschungsinstituts-nähe geschaffen werden. Beim FUBIC soll Ende 2018 mit dem Aus- und Umbau begonnen werden. Die Fertigstellung wird wahrscheinlich weitere Jahre dauern. Das ist zu spät und in erster Linie nur auf die FU abgestellt, das ist zu wenig.“ Ein Beispiel für neu gesetzte Impulse ist der CleanTech Business Park Berlin-Marzahn. Das 90 Hektar große Areal ist Zukunftsort für die Ansiedlung technologieorientierter Unternehmen aus den Bereichen saubere Energie, Energiespeicherung, Energieeffizienz, intelligente Mobilität und Kreislaufwirtschaft. Industrie- und Gewerbeunternehmen benötigen für ihre Prozesse eine weit höhere Breitbandleistung als die für 2018 bundesweit angestrebte Versorgung mit 50 Mbit/s. Die Stadt Berlin realisiert für 500.000 Euro für den CleanTech Business Park im Bezirk Marzahn-Hellersdorf eine solche Breitband-Hightech-Versorgung. „Diese Bereitschaft zur ständigen Modernisierung ist nicht nur für die weitere technologische Entwicklung wichtig. Sie macht die Stadt auch attraktiv“, sagt Dr. Kahl von der Technologiestiftung Berlin. „Dennoch stellen weiterhin für Berliner Unternehmen zu hohe Kosten und zu hohe Risiken, die wichtigsten Innovationshemmnisse Matthias Jessen dar“, urteilt er.

steigern

2014 wurden

16,3 Prozent

des Gesamtumsatzes durch Neuheiten erwirtschaftet

ein Drittel

der Berliner Elektroindustriebetriebe konnte 2014 ein Patent anmelden

Etwa die

die Hälfte

O NK EME

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der Berliner Unternehmen arbeitet an Neuentwicklungen

Im Jahr 2014 wurden

OCIACIA/WILDPIXEL/IAR

12,2 Milliarden Euro

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in Berlin durch Innovationen erwirtschaftet

Mehr als

STO CK/ IS HINK ER:T

BILD

der Unternehmen kooperieren mit Universitäten und Forschungsinstituten

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19 Prozent

DR. DRIESS: Die Stadt entwickelt sich vielversprechend im Wettbewerb um die klugen Köpfe. In den Bereichen IT und Medizin gibt es viel Bewegung. Im produzierenden Gewerbe, beispielsweise im Bereich Chemie, wird jedoch noch viel Potenzial verschenkt. Und das, obwohl bereits 60 Prozent aller Start-ups aus dem Chemiebereich in Deutschland in Berlin ansässig sind und wir viele exzellente Absolventen hervorbringen. Anders als im IT-Bereich fehlt hier jedoch die nötige Infrastruktur, damit Ideen zu nachhaltigen und innovativen Geschäftsmodellen heranreifen können. Neue Ideen werden deswegen häufig im Keim erstickt. Gerade im Bereich des intellektuellen Handwerks wie der Chemie brauchen wir Labore und kurze Wege zu einer exzellenten analytischen Infrastruktur, um zündende Ideen viel schneller von der Grundlagenforschung bis zur Marktreife weiterzuentwickeln.

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Mehr als

Herr Prof. Dr. Drieß, wie steht es um die Forschungs- und Innovationslandschaft Berlins?

Wo sehen Sie das Potenzial im Bereich Chemie?

DR. DRIESS: Deutschland ist seit 2014 die drittgrößte Chemienation der Welt – eine Wettbewerbsposition, die über die letzten 150 Jahre hart errungen wurde. Das lässt sich aber nur halten, wenn wir auch die Chemiewende zu noch mehr nachhaltigen Prozessen hinbekommen. Wir produzieren zu viel Abfall und klammern uns an überkommene Muster. Hier sind neue, disruptive Ideen gefragt. Wir brauchen Lösungen, die das bisherige Denk- und Konsumverhalten verändern oder sogar auf den Kopf stellen. Umwelt- und Klimaschutz können ohne innovative, nachhaltige grüne Chemie nicht verwirklicht werden. Die grüne Chemie bietet dafür ein sehr umfangreiches Forschungsfeld. Es ist ihre Aufgabe, neue Materialien und Verfahren zu einer effizienteren Nutzung von Rohstoffen zu entwickeln. Wenn die Berliner Politik diese Chance erkennt und mit vereinten Kräften nutzt, dann hat sie einen Hebel zur Reindustrialisierung. Jedenfalls werden die Karten dafür jetzt gelegt.

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Welche Impulse kann die Stadt geben, damit mehr innovative Unternehmen im naturwissenschaftlichen und medizinischen Bereich entstehen und wachsen können?

DR. DRIESS: Kluge Köpfe müssen bereits im Studium ermutigt und gecoacht werden, damit sie über die Chancen und Möglichkeiten einer Unternehmensgründung Bescheid wissen. Für diese Vorgründerphase brauchen wir Inkubatoren und Acceleratoren, analog zu den Einrichtungen, die es bereits für IT-Unternehmen gibt. Ohne Labore und Standorte für die Produktion bleiben die meisten auf der Strecke. Das ist wie „keine Wohnung – keine Arbeit“ und umgekehrt. Geld ist im Grunde genommen genug vorhanden, es muss nur „zündend“ eingesetzt werden: Neben dem Innovations- und Gründerfond gibt es noch weitere Förderprogramme. Das Problem ist, dass zu wenig Standortmarketing im naturwissenschaftlichen Start-up-Bereich existiert. Die Stadt muss in dieser Hinsicht ihre Standortvorteile stärker sichtbar machen, um auch etablierte Unternehmen für die lebhafte Gründerszene zu begeistern und ihre Vernetzung zu fördern – eine Investition, die sich lohnt. Denn selbst ein junges Unternehmen kann nach fünf oder sechs Jahren bereits Millionenbeträge erwirtschaften. Wie das gelingen könnte? Eine ressortübergreifende Allianz von Wissenschaft und Wirtschaft wäre der strukturelle Durchbruch. Ein fruchtbarer Boden für produzierende neue Industrien würde bereitet.

Wirtschaft Berlin Spezial - Forschung Innovation  
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