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Wirtschaft

SPEZIAL

FORSCHUNG & INNOVATION

Eine bessere Welt erfinden Aus Abfällen Baustoffe entwickeln – Innovationen wie diese sorgen für mehr Nachhaltigkeit.

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Freie Fahrt voraus Fahrspaß ohne Lenken? Keine Staus mehr? Die Berliner Forschungsszene tüftelt an diesen Visionen.

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Die Berliner Forschungskultur Anzeigen-Sonderveröffentlichung Nr. 32 | 29. November 2016


Wirtschaft

SPEZIAL | Anzeigen-Sonderveröffentlichung | 29. November 2016

AUS DEM INHALT Runder Tisch BILD: BENJAMIN PRITZKULEIT

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Foschung und Innovation – dafür steht Berlin. Entsprechend spannend war der Austausch der regionalen Vertreter am Runden Tisch. Doch entwickelt sich die Hauptstadtregion auch zukünftig in die richtige Richtung? Spannende Fragen wie diese, erörterten die Teilnehmer.

Eine starke Branche: Health BILD: THINKSTOCK/ISTOCK/ POGONICI

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Es ist Zeit für Neues

Im Bereich Gesundheitswirtschaft ist unsere Region deutschlandweit Spitze. Ein Leuchtturm in Sachen Forschung: die Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Vorsprung E-Mobilität BILD: DAIMLER AG

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Die Hauptstadtregion ist das größte Praxislabor für Elektromobilität in Deutschland – ein Vorsprung, den Unternehmen und Politik halten wollen.

Autonomes Fahren BILD: BOSCH

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Wird die Technik irgendwann das Steuer ganz übernehmen? Noch können sich das viele Verbraucher in Umfragen nicht vorstellen – aber Forscher sind zuversichtlich, dass so die Zukunft aussieht.

Impressum Berliner Verlag GmbH Geschäftsführer: Michael Braun, Jens Kauerauf Verlag: Postadresse 10171 Berlin Vermarktung und Umsetzung: BVZ BM Vermarktung GmbH (BerlinMedien) Geschäftsführer: Andree Fritsche Projektleitung: Frank Simon Kontakt: rundertisch@berlinmedien.com Anzeigen: Postfach 02 12 84, 10124 Berlin Druck: BVZ Berliner Zeitungsdruck GmbH, Am Wasserwerk 11, 10365 Berlin Konzeption, Redaktion und Layout: mdsCreative GmbH Karl-Liebknecht-Straße 29, 10178 Berlin Geschäftsführer: Klaus Bartels Projektverantwortung: Nadine Kirsch Layout: Katrin Großmüller, Nadine Kirsch Titelbild: Thinkstock/iStock/Lonely/Jezperklauzen/goir

Ideen von heute schaffen die Arbeitsplätze von morgen. Wie entwickeln sich zukunfts- und marktfähige Neuentwicklungen in Berlin? Und welche Stellschrauben gibt es, das schöpferische Potenzial der Hauptstadtregion voll auszuschöpfen?

B

erlin ist im Bundesvergleich die innovativste Stadt. Das geht aus einer kürzlich veröffentlichten Studie der INGDiBa-Bank hervor. „In der Hauptstadt wohnen nicht nur besonders viele junge Leute, auch das Ausbildungsniveau der Menschen ist überdurchschnittlich hoch“, heißt es dort. Und: „Hinzu kommen die höchste Beschäftigungsquote im Hochtechnologiesektor und eine starke Gründerszene.“ Die Studie des niederländischen Unternehmens vergleicht die augenblickliche Innovationskraft der Bundesländer. Sie ist ein wichtiger Faktor für langfristiges Wachstum. Neue Produkte, Dienstleistungen und verbesserte Verfahren sichern die internationale Wettbewerbsfähigkeit und bilden die Grundlage für neue Arbeitsplätze. Letzteres zeigt unter anderem die Studie des „Deutschen Startup Monitors 2016“. Demnach ist die durchschnittliche Mitarbeiterzahl bei jungen und disruptiven Unternehmen im Vergleich zu den Vorjahren durchschnittlich in Berlin um drei Mitarbeiter auf nunmehr 28,1 Mitarbeiter gestiegen.

Außerdem: Die Studie ING-DiBA-Bank zeigt, dass sich die Lösungen von morgen bereits heute positiv auswirken. So belegt die Hauptstadt beim BIP-Wachstum den Spitzenplatz. Die Spreemetropole ist in etwa doppelt so innovativ wie beispielsweise Hessen, das eine fast doppelt so große Bevölkerung und ein mehr als doppelt so großes Bruttoinlandsprodukt hat. Ein ähnlich positives Bild zeichnet eine Studie der Technologiestiftung Berlin. „Wenn es um die Innovationskraft geht, hängt Berlin die bundesweite Wirtschaft ab. Während im Bundesdurchschnitt die Umsätze mit Produktneuheiten sinken, steigern Berliner Unternehmen ihren Umsatz mit Innovationen um 2,5 Prozent“, sagt Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer im Geleitwort der Studie. 12,2 Milliarden Euro Umsatz erwirtschafteten die Berliner Unternehmen 2014 mit Neu-

entwicklungen. Das waren 16,3 Prozent des gesamten Umsatzes. Damit lag der Anteil erstmals deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 15,5 Prozent. BERLIN SETZT SICH DURCH. „Berliner Unternehmen waren in der Vergangenheit erfolgreicher in der Einführung neuer Produkte und Dienstleistungen und erzielten höhere Erträge mit Produktneuheiten als Unternehmen in der deutschen Wirtschaft insgesamt“, sagt Dr. Julian Kahl von der Technologiestiftung Berlin. „Mit einer sich dynamisch entwickelnden Gründerszene sowie einem hohen Anteil von kleinen und jungen Unternehmen ist die Berliner Wirtschaft gut positioniert, um den eingeschlagenen Wachstumskurs fortzusetzen“, sagt er. Spitzenreiter in Berlin ist die Elektroindustrie einschließlich Messtechnik und Optik: 77 Prozent der Unternehmen arbeiteten an Innovationen, 72 Prozent führten ein neues Produkt ein. Auch in der Softwarebranche sieht es gut aus mit einer Quote von 68 Prozent. Aber auch in den Bereichen Forschung und Entwicklung (66 Prozent), im Bereich Energie/Wasser/Entsorgung (52 Prozent) und bei Nahrung/Getränken/Tabak liegen die Berliner Unternehmen bundesweit vorne. „Ein Grund für die gestiegene Innovationskraft ist unter anderem eine gute Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft“, sagt Dr. Kahl. Im Bundesvergleich unterhielten Berliner Unternehmen mehr Forschungs- und Entwicklungskooperationen (Berlin: 28 Prozent; Deutschland: 23 Prozent). Zudem kooperierten vergleichsweise mehr Berliner Unternehmen mit Universitäten (Berlin: 19 Prozent; Deutschland: 15 Prozent) und öffentlichen Forschungsinstitutionen (Berlin: 13 Prozent; Deutschland: acht Prozent). „Berlin bietet durch die drei Universitätsstandorte, Max-Planck-Institute, die Kliniken und das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin weitreichende For-


Forschung & Innovation

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3 FRAGEN AN ... BÖCK

Prof. Dr. Matthias Drieß

BILD: TU-P

TELLE/ RESSES

Universitätsprofessor für Metallorganische Chemie und Anorganische Materialien an der Technischen Universität Berlin

1 Berliner Unternehmen konnten ihren Umsatz mit Innovationen um

2,5 Prozent

schungs- und Vernetzungsmöglichkeiten. Laborgewerbeflächen sind allerdings rar gesät. Hier fehlen immer noch ausreichend und auch finanzierbare Standorte für Biotech-Start-Ups oder Firmen in einer relativ frühen Entwicklungsphase und unter einer gewissen kommerziellen Größe.“ sagt Dr. Bodo Lange. Er ist Geschäftsführer der Alacris Theranostics GmbH. Ursprünglich als Ausgründung aus dem Berliner MaxPlanck-Institut für molekulare Genetik entstanden, hat das Unternehmen ein Computersimulationsverfahren entwickelt, das den neuesten Stand der Forschung auf die Praxis der Krebstherapie anwendet. Für seine Leistungen wurde das Unternehmen 2015 mit dem Deutschen Innovationspreis in der Kategorie mittelständische Unternehmen ausgezeichnet.

Förderung von Innovationsaktivitäten. Während in Deutschland rund ein Viertel der Unternehmen öff entliche Fördermitöffentliche tel für für Innovationsprojekte nutzte, war es in Berlin fast ein Drittel der Unternehmen. Besonders erfolgreich waren die Industrieunternehmen, die mit einem Anteil von 44 Prozent deutlich über dem bundesweiten Vergleichswert von 22 Prozent lagen.

HILFE BEIM WACHSTUM. Ein weiterer Grund für die hohe Erfindungskraft der Berliner Wirtschaft liegt in der Verfügbarkeit von Risikokapital in der Hauptstadt. Dabei waren Berliner Firmen der Informationsund Kommunikationsindustrie besonders erfolgreich in der Einwerbung von Venture Capital. „Der verhältnismäßig geringe Zeit- und Kapitalfenster, das zur Produktentwicklung benötigt wird sowie die Skalierbarkeit digitaler Geschäftsmodellen machen diese Branche besonders attraktiv für Investoren“, sagt Dr. Kahl. „Bei der Entwicklung marktfähiger Geschäftsmodelle stehen die rasche Markterschließung und die Sicherung des Bekanntheitsvorsprungs im Mittelpunkt, während andere Branchen durch sehr viel längere Entwicklungszyklen gekennzeichnet sind“, ergänzt Dr. Kahl. „In diesen Branchen kommt der öffentlichen Unterstützung zum Beispiel durch Förderprogramme oftmals eine wichtige Rolle zu“, sagt Dr. Kahl. Die Berliner Unternehmen waren im Vergleich zum Bundesdurchschnitt erfolgreicher in der Einwerbung öffentlicher Mittel zur

„Es gibt eine vernünftige Menge von Frühförderprogrammen und Möglichkeiten der Drittmitteleinwerbung für Start-ups in der Gründungs- und frühen Wachstumsphase“, sagt Dr. Bodo Lange. „Geht es dann jedoch um eigentliches Wachstumskapital, gibt es kaum adäquate Möglichkeiten, die Firmen in dieser besonders kritischen Phase zu unterstützen. Das ist schade, weil sich gerade hier entscheidet, ob sich aus einem Start-up eine mittelständische Firma mit Wachstumsmöglichkeiten entwickeln kann. Für den Arbeitsmarkt und die Firmenlandschaft in Berlin wäre gerade dies mittel- bis langfristig besonders wichtig.“

Spitzenreiter unter den Berliner Innovatoren ist die Elektroindustrie

Patentanmeldungen sind ein wichtiger Indikator zur Messung der regionalen Innovationsaktivität. In Berlin zeigte sich die Elektroindustrie besonders erfolgreich. So berichteten mehr als ein Drittel der Firmen aus dieser Branche die Anmeldung eines Patents im Jahr 2014; der Vergleichswert im Bund lag bei 20 Prozent. Von der deutschen Wirtschaft insgesamt unterscheidet sich Berlin hingegen durch

ein geringeres Patentaufkommen im Maschinen- und Fahrzeugbau. „Damit unterscheidet sich Berlin von anderen deutschen Standorten, deren große Stärke im Maschinenbau liegt“, sagt Dr. Kahl. IMPULSE SETZEN. Damit diese tendenziell positive Entwicklung ung anhält und sich weiter verstärkt, muss Berlin ständig weiter an den Rahmenbedingungen arbeiten und Impulse für die Entwicklung geben. Dr. Bodo Lange von Alacris Theranostics fordert: „Es müssen kommerzielle Laborgewerbeflächen in Universitätsund Forschungsinstituts-nähe geschaffen werden. Beim FUBIC soll Ende 2018 mit dem Aus- und Umbau begonnen werden. Die Fertigstellung wird wahrscheinlich weitere Jahre dauern. Das ist zu spät und in erster Linie nur auf die FU abgestellt, das ist zu wenig.“ Ein Beispiel für neu gesetzte Impulse ist der CleanTech Business Park Berlin-Marzahn. Das 90 Hektar große Areal ist Zukunftsort für die Ansiedlung technologieorientierter Unternehmen aus den Bereichen saubere Energie, Energiespeicherung, Energieeffizienz, intelligente Mobilität und Kreislaufwirtschaft. Industrie- und Gewerbeunternehmen benötigen für ihre Prozesse eine weit höhere Breitbandleistung als die für 2018 bundesweit angestrebte Versorgung mit 50 Mbit/s. Die Stadt Berlin realisiert für 500.000 Euro für den CleanTech Business Park im Bezirk Marzahn-Hellersdorf eine solche Breitband-Hightech-Versorgung. „Diese Bereitschaft zur ständigen Modernisierung ist nicht nur für die weitere technologische Entwicklung wichtig. Sie macht die Stadt auch attraktiv“, sagt Dr. Kahl von der Technologiestiftung Berlin. „Dennoch stellen weiterhin für Berliner Unternehmen zu hohe Kosten und zu hohe Risiken, die wichtigsten Innovationshemmnisse Matthias Jessen dar“, urteilt er.

steigern

2014 wurden

16,3 Prozent

des Gesamtumsatzes durch Neuheiten erwirtschaftet

ein Drittel

der Berliner Elektroindustriebetriebe konnte 2014 ein Patent anmelden

Etwa die

die Hälfte

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der Berliner Unternehmen arbeitet an Neuentwicklungen

Im Jahr 2014 wurden

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12,2 Milliarden Euro

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in Berlin durch Innovationen erwirtschaftet

Mehr als

STO CK/ IS HINK ER:T

BILD

der Unternehmen kooperieren mit Universitäten und Forschungsinstituten

TOC K

19 Prozent

DR. DRIESS: Die Stadt entwickelt sich vielversprechend im Wettbewerb um die klugen Köpfe. In den Bereichen IT und Medizin gibt es viel Bewegung. Im produzierenden Gewerbe, beispielsweise im Bereich Chemie, wird jedoch noch viel Potenzial verschenkt. Und das, obwohl bereits 60 Prozent aller Start-ups aus dem Chemiebereich in Deutschland in Berlin ansässig sind und wir viele exzellente Absolventen hervorbringen. Anders als im IT-Bereich fehlt hier jedoch die nötige Infrastruktur, damit Ideen zu nachhaltigen und innovativen Geschäftsmodellen heranreifen können. Neue Ideen werden deswegen häufig im Keim erstickt. Gerade im Bereich des intellektuellen Handwerks wie der Chemie brauchen wir Labore und kurze Wege zu einer exzellenten analytischen Infrastruktur, um zündende Ideen viel schneller von der Grundlagenforschung bis zur Marktreife weiterzuentwickeln.

2

Mehr als

Herr Prof. Dr. Drieß, wie steht es um die Forschungs- und Innovationslandschaft Berlins?

Wo sehen Sie das Potenzial im Bereich Chemie?

DR. DRIESS: Deutschland ist seit 2014 die drittgrößte Chemienation der Welt – eine Wettbewerbsposition, die über die letzten 150 Jahre hart errungen wurde. Das lässt sich aber nur halten, wenn wir auch die Chemiewende zu noch mehr nachhaltigen Prozessen hinbekommen. Wir produzieren zu viel Abfall und klammern uns an überkommene Muster. Hier sind neue, disruptive Ideen gefragt. Wir brauchen Lösungen, die das bisherige Denk- und Konsumverhalten verändern oder sogar auf den Kopf stellen. Umwelt- und Klimaschutz können ohne innovative, nachhaltige grüne Chemie nicht verwirklicht werden. Die grüne Chemie bietet dafür ein sehr umfangreiches Forschungsfeld. Es ist ihre Aufgabe, neue Materialien und Verfahren zu einer effizienteren Nutzung von Rohstoffen zu entwickeln. Wenn die Berliner Politik diese Chance erkennt und mit vereinten Kräften nutzt, dann hat sie einen Hebel zur Reindustrialisierung. Jedenfalls werden die Karten dafür jetzt gelegt.

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Welche Impulse kann die Stadt geben, damit mehr innovative Unternehmen im naturwissenschaftlichen und medizinischen Bereich entstehen und wachsen können?

DR. DRIESS: Kluge Köpfe müssen bereits im Studium ermutigt und gecoacht werden, damit sie über die Chancen und Möglichkeiten einer Unternehmensgründung Bescheid wissen. Für diese Vorgründerphase brauchen wir Inkubatoren und Acceleratoren, analog zu den Einrichtungen, die es bereits für IT-Unternehmen gibt. Ohne Labore und Standorte für die Produktion bleiben die meisten auf der Strecke. Das ist wie „keine Wohnung – keine Arbeit“ und umgekehrt. Geld ist im Grunde genommen genug vorhanden, es muss nur „zündend“ eingesetzt werden: Neben dem Innovations- und Gründerfond gibt es noch weitere Förderprogramme. Das Problem ist, dass zu wenig Standortmarketing im naturwissenschaftlichen Start-up-Bereich existiert. Die Stadt muss in dieser Hinsicht ihre Standortvorteile stärker sichtbar machen, um auch etablierte Unternehmen für die lebhafte Gründerszene zu begeistern und ihre Vernetzung zu fördern – eine Investition, die sich lohnt. Denn selbst ein junges Unternehmen kann nach fünf oder sechs Jahren bereits Millionenbeträge erwirtschaften. Wie das gelingen könnte? Eine ressortübergreifende Allianz von Wissenschaft und Wirtschaft wäre der strukturelle Durchbruch. Ein fruchtbarer Boden für produzierende neue Industrien würde bereitet.


Wirtschaft

SPEZIAL | Anzeigen-Sonderveröffentlichung | 29. November 2016

Z

wei-Grad-Ziel, CO2-Neutralität bis 2050, Energiewende ‒ die Kli- Städten. Während in Deutschland die Königsdisziplin der Wärmespeima-Weichen sind mit dem „Übereinkommen von Paris“ völker- cherung neben den Parlamentsbauten des Reichstags nur noch an rechtlich gestellt. Irgendwie. Visionär halt. Ein genauer Fahrplan drei weiteren Standorten eingesetzt wird, gibt es in den Niederlanden fehlt. „In dem Klimaschutzabkommen stehen Knaller drin; echte Her- bereits 1900 Anwendungen.“ ausforderungen. Klar, dass da noch niemand ganz konkrete Lösungen parat hat“, sagt Daniel Acksel vom „Deutschen GeoForschungsZent- VIELES IN PLANUNG. Dass technisch bereits vieles möglich ist, zeigt eine rum“ (GFZ). Beachtlich sei, so der Koordinator des „Zwanzig20-Forum Studie des GFZ. Gemeinsam mit einem Industriepartner plante die Wärmewende“, dass sich die Nationen überhaupt auf diese kraftvollen Forschungseinrichtung für eine deutsche Kommune eine großskalige Solarthermieanlage gekoppelt mit einem Ziele geeinigt haben. Das ist vor Jahren noch Geospeicher, dem Aquifer-Speicher und einer nicht denkbar gewesen. Jetzt ist es wichtig, direkten Einspeisung ins Fernwärmenetz. „Leigemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Geder ist nun der Industriepartner abgesprunnau an den Stellschrauben „gemeinsam“ Das Erdreich als gen, so dass das Projekt erstmal nicht umgeund „Lösungen“ setzt der Wissenschaftler setzt wird“, sagt Acksel. Eine andere Studie Energietank nutzen – ein mit seinen Kollegen an. Ein erster Step für des Instituts ist dagegen tatsächlich greifbar: mehr Austausch: das „Zwanzig20-Forum Schritt zur Wärmewende „Baubeginn ist im März 2017“. In Potsdam wird Wärmewende“, ein offenes Netzwerk aus dann die regenerativ-innovative Versorgung wissenschaftlichen Einrichtungen, Komvon zwei Wohnblöcken aus den 1950er Jahmunen, Energieversorgung und weiteren ren realisiert. „Auch bei diesem Projekt wird Wirtschaftseinrichtigungen. Und auch das Forschungsprojekt „Masterplan Energiewende ‒ Wärme neu gedacht“ das Erdreich quasi als Energietank genutzt“, erklärt der Forscher. Für die des Helmholtz-Zentrum Potsdam Deutsches GeoForschungsZentrum Forschung ist das Erdinnere aus zweierlei Sicht interessant: Zum einen GFZ entwickelt Strategien und Handlungsoptionen für den zielgerich- als Speicher für Wärme und zum anderen auch als Wärmequelle. teten Einsatz von Innovationen aus dem Wärmesektor. „Wir arbeiten an Demonstratoren, an Leuchtturmprojekten“, erklärt Acksel. Immer- TRANSPARENZ STATT VERSCHWENDUNG. Doch nicht nur die Wissenschaft bemüht sich, die Wärmewende anzugehen. Auch in der Praxis arhin gibt es nach wie vor enorme Hemnisse in Sachen Wärmewende. beiten Unternehmen an Lösungen. „smartB“ ist beispielweise eine DAS ZIEL WÄRMEWENDE. Warum tut sich der Markt so schwer, auf den Zug smarte Energiemonitoringlösung. „Bisher wurden viele verschiededer Wärmewende aufzuspringen? „Wärmewende ist eine künstlich ne Zähler gebraucht, um den Stromverbrauch bis auf Geräteebene geschaffene Herausforderung. Denn tatsächlich haben wir aktuell in zu messen. Jetzt erledigt das im Idealfall ein einziger“, erklärt Urte Deutschland wie in ganz Mitteleuropa eine sehr gute Energieversor- Claudia Zahn, Gründerin von smartB. Der zusätzliche Zähler des gung“, sagt der Geoforscher. Es funktioniert alles. Vorausgesetzt die Start-ups misst 4.000 Werte pro Sekunde. Zum Vergleich: ein norStromrechnung ist bezahlt, fließt Strom. Und auch wirtschaftlich ist der maler Stromzähler erfasst nur alle 15 Minuten einen Wert. Die EnerMarkt lukrativ. Warum also an den Strukturen etwas ändern? Innovati- giedaten des Gebäudes werden in Echtzeit ermittelt und können onen bedeuten Investitionen und letztlich Unwägbarkeiten. Die The- über einen Computerbildschirm oder mobile Endgeräte jederzeit matik ist komplex. Acksel: „Viele Akteure sind beteiligt. Wenn Sie etwas abgerufen werden. Das System zeigt dann automatisch Energiebauen wollen, ist da zum einen der Energieversorger beteiligt. Der wie- sparpotenziale auf und schlägt entsprechende Maßnahmen vor. derum ist meist nicht der Eigentümer von dem, was Sie da versorgen „Durch die Analyse der Datenmengen und mit Hilfe von Algorithwollen, muss aber in der Regel Geld in die Hand nehmen. Und das alles men und Erfahrungswerten können wir direkt an der Stromquelspielt sich in der Kommune ab, die ein weiterer Akteur ist. Da gibt es le erkennen, wohin die Energie fließt“, sagt die Geschäftsführerin. bestimmte Vorgaben, Klimaschutzkonzepte, auf die man sich geeinigt „Geräte sowie Maschinen nachts oder am Wochenende auszuhat, Fernwärmevorranggebiete und so weiter. Das muss an allen Stel- schalten und energieintensive Lampen auszutauschen sind schnell len passen.“ Die Hoffnung: Mit Demonstratoren aufzuzeigen, dass die umzusetzende Maßnahmen. Alleine dadurch lässt sich der EnergieWärmewende funktioniert ‒ technisch wie wirtschaftlich. „Wir sehen verbrauch um mehr als zehn Prozent reduzieren“, sagt Zahn. Alles beispielsweise in der Wärme- und Kältespeicherung im Untergrund ein ein Tropfen auf den heißen Stein? „Es ist wichtig, dass wir Schritt für Nadine Kirsch großes Potential für die zukünftige Energieversorgung besonders von Schritt vorankommen“, ermutigt Daniel Acksel.

Forschen am großen Wurf Am ehrgeizigen Ziel „Wärmewende“ müssen viele Akteure aus Forschung und Praxis gemeinsam arbeiten. Nur dann werden technische und wirtschaftliche Lösungen gefunden.

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Bild: First Sensor AG

Bild: Stromnetz Berlin / Sabine Wenzel

1/4 ADV Vernetzt statt nur verkabelt Vattenfall Stromnetz Berlin ‒ Innovationen für Berlins Zukunft.

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orschung und Innovation sind bereits seit mehr als 130 Jahren ein fester Bestandteil der Arbeit von Stromnetz Berlin, dem Verteilnetzbetreiber der deutschen Hauptstadt. Das Unternehmen betreibt mit langjähriger Erfahrung ein sicheres und zukunftsfähiges Stromnetz und integriert neue technische Lösungen. Darüber hinaus beteiligt sich Stromnetz Berlin gemeinsam mit Partnern an Innovationsvorhaben und Forschungsprojekten zur Bewältigung der zukünftigen Herausforderungen der stark wachsenden und dynamischen Metropole. So wird die Energiewende mitgestaltet und an der smarten Zukunft von Haushalten, Unternehmen und Institutionen für ein nachhaltiges Leben, Wirtschaften und Wirken in der Stadt gearbeitet.

In dem vom Bundesministerium für Wirtschaft geförderten Forschungsvorhaben WindNODE bringt Stromnetz Berlin gemeinsam mit über 60 Kooperationspartnern nordostdeutschen Windstrom nach Berlin. Ziel des Schaufensterprojekts ist eine effiziente Einbindung von erneuerbarer Erzeugung in den Strom-, Wärme- und Mobilitätssektor. Der Berliner Netzbetreiber integriert digitale Zähler für Endkunden und flexible Speicher wie Power-to-Heat-Anlagen. Zudem wird das bereits im Jahr 2012 gestartete Open-Data-Portal ‒ www.netzdaten-

berlin.de ‒ weiterentwickelt, um Informationen noch besser für jeden Interessierten nutzbar zu machen.

Im Accelerator Programm A² arbeitet Stromnetz Berlin mit Start-ups aus dem Energiebereich zusammen. Neben dem Coachen und Unterstützen der jungen Unternehmen sollen damit intelligente Lösungen und attraktive Produkte für den Berliner Strommarkt und seine Kunden entwickelt werden. Auch auf dem EUREF-Gelände am Gasometer in Schöneberg, dem Berliner „Reallabor der Energiewende“, ist der Netzbetreiber aktiv. Dort unterstützt Stromnetz Berlin die Entwicklungen, den Aufbau und die Untersuchungen in einem kleinen, intelligent gesteuerten Netz. Das dient dem nachhaltigen Zusammenwirken grüner Energiequellen wie Wind und Sonne mit Speichern wie Batterien und Wärme sowie Verbrauchern wie Gebäuden und Elektrofahrzeugen. Zudem ist Stromnetz Berlin auch am InfraLab beteiligt, einer Innovationswerkstatt aller Berliner Infrastrukturbetreiber, die es sich zum Ziel gesetzt hat, in eigenen Projekten sowie in Zusammenarbeit mit Politik, Industrie und Wissenschaft, Nachhaltigkeit und eine bessere Lebensqualität für die Berlinerinnen und Berliner zu schaffen.

Stromnetz Berlin GmbH | Puschkinallee 52 | 12435 Berlin ) (030) 492 02-00 | 8 www.stromnetz.berlin | * info@stromnetz-berlin.de

1/4 ADV Das Umfeld für Innovationen First Sensor

Dr. Mathias Gollwitzer, Vorstand des Technologieunternehmens First Sensor, im Interview.

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Herr Dr. Gollwitzer, im Innovationsindex des Bankhauses Ing-DiBA landete Berlin im vergangenen Monat als innovativste deutsche Region auf Platz 1. Aus Ihrer Sicht berechtigt? Auf jeden Fall. Berlin zeichnet sich nicht nur durch eine kreative Start-up-Szene aus. Wir haben hier auch die dichteste Forschungslandschaft Deutschlands. Für ein Unternehmen wie First Sensor, das sich mit Trends wie Industrie 4.0 oder miniaturisierter Medizintechnik beschäftigt, ist das ein ideales Umfeld, um Innovationen entstehen zu lassen.

Wie nutzt First Sensor dieses Umfeld? Zum einen befindet sich unser Hauptsitz in BerlinOberschöneweide in direkter Nachbarschaft der Hochschule für Technik und Wirtschaft, sodass wir von einem engen Austausch mit der Forschung profitieren. Zum anderen arbeiten wir mit Partnern wie der Charité und dem Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut an neuen Sensorlösungen. First Sensor wurde 1991 gegründet, heute würde man sagen als Hightech-Start-up. Haben Sie sich den Innovationshunger der Anfangszeit erhalten können? Natürlich ist First Sensor nach 25 Jahren kein Start-up

mehr, sondern mit über 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine feste Größe im Markt. Für uns als Technologieunternehmen sind Forschung und Entwicklung entscheidend, um unsere Leistungsfähigkeit zu sichern. Im letzten Jahr haben wir deshalb rund acht Millionen Euro in diesen Bereich investiert. Egal, wohin man hört oder was man liest: Sensoren sind in aller Munde. Was macht sie so interessant? Sensoren sind die Sinnesorgane von Maschinen, Fahrzeugen oder Medizinprodukten. Im Moment arbeiten wir an einer neuen Sensorgeneration, die die Digitalisierung von Industrie und Gesellschaft entscheidend vorantreiben wird. Das Besondere: Diese intelligenten Sensoren werden Messdaten bewerten und mit anderen Sensoren oder Netzwerken kommunizieren können. Was werden solche intelligenten Sensoren in Zukunft alles möglich machen? Vor allem werden sie unser Leben noch viel einfacher und sicherer machen, indem sie immer mehr Steuerungsaufgaben übernehmen. Das reicht von vollautonomen Fahrzeugen auf vernetzten Straßen über intelligent gesteuerte Fabriken bis zu E-HealthAnwendungen.

First Sensor AG | Peter-Behrens-Str. 15 | 12459 Berlin ) (030) 6399 2399 | 8 www.first-sensor.com | * contact@first-sensor.com


Forschung & Innovation

Schön bunt, aber bitte umweltschonend

Grüne Innovationen – für mehr Nachhaltigkeit

Energiesparfarben bieten mehr als Dekoqualitäten. Die Berliner SICC GmbH etwa entwickelt Wand- und Fassadenbeschichtungen, die die Energiebilanz von Gebäuden verbessern. Winzige Keramikhohlkörper in der Farbe sorgen dafür, dass die eingeb brachte Energie schnell und gleichmäßig über die gesamte Oberfläche verteilt wird. Die bessere Wärmeverteilung lässt die Energie gleichmäßig im Raum zirkulieren, ohne dass diese in die dahinterliegende Wand weitergeleitet wird. Dadurch verhalten sich die Luftströme in einem Zimmer, auch bei großer Kälte im Außenbereich, deutlich ruhiger. Im Sommer gibt die Farbe die Feuchtigkeit der dahinterliegenden Bauteile in die Raumluft ab. Es entsteht Verdunstungskälte. Das sorgt für Behaglichkeit. Im Innenbereich re eduziert die gleichmäßige Wärmeverteiilung zudem die Gefahr von Feuchtigk keit und Schimmelpilzbildung. Die Außenbeschichtung verringert die Ansiedlung von Moosen, Algen und Flec chten.

Bausand aus Asche Wie wäre es, aus einem lästigen Abfallprodukt ein nen hochwertigen Baustoff zu machen? Smart! Die Zaak Technologies GmbH hatt mit ihrem „Smart Sand“ ein Fertigungsv verfahren entwickelt, das aus dem ‒ die Umwelt belastenden ‒ Abfallprodukt Flu ugasche einen hochwertigen und vielseitig einsetzbaren Industriesand gewinnt. „ZaakSand“ bietet dabei im Vergleich zu herkömmlichem Sand eine bis zu 500 Prozent bessere Wärmeisolierung und ist zudem um bis zu 50 Prozent leichter. Das freut die Umwelt gleich doppelt.

Sonnenschutz im Fenster

Lärm wird sichtbar gemacht

Stufenlos schaltbare Verbundgläser, die sich bei Sonneneinstrahlung einfärben ‒ eine Ne euheit der Gesimat GmbH. Fotochrome Gläser gibt es schon längst im Alltag ‒ etwa bei Sonnenbrillen. Deren Verdunklungstechnik ist allerdings durch Glasart und UV-Anteil im Licht vorgegeben. Elektrisch schaltbare Gläser heben diese Einschränkung auf. Sie lassen sich vom Nutzer oder zentral durch die Gebäudetechnik nach Wunsch steuern. Der Grad der Einfärbung oder Eintrübung ist wählbar und regelbar.

Berlin Innovationen Die Webseite Berlin-Innovation.de vo on der Technologiestiftung Berlin präsentiert Interessierten übersichtlich Innovationen aus der Region. Ob b in Sachen Smart City, Prozessorganisation oder eben Baubranche ‒ dieser Auftritt ist einen Klick wert.

KIEZGRÖSSEN MACHEN 1/2 ANZEIGE GEMEINSAME SACHE. GASAG

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Die Heizung im Keller liefert Strom für den Kiez. Mit neuen Ideen Quartiere gestalten. www.gasag.de

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Nachhaltigkeit umfasst auch die Säule „Soziales“, also auch Arb beitsplatzbedingungen. Lärm löst Stress aus. Um Lärm sichtbar zu machen, hat die gfai tech GmbH eine akustische Kamera entwickelt. Ein Kamerabild wird mit Messdate en von 24 bis 144 (und mehr) Mikrofonen überlagert. So lässt sich der genaue Ort der Lärmentstehung feststellen. Ursachen von Geräuschemissionen werden ermittelt und womöglich abgestellt.

BILDER: THINKSTOCK/ISTOCK/VADMARY/PUNPHOTO/PHONLAMAIPHOTO


Wirtschaft

SPEZIAL | Anzeigen-Sonderveröffentlichung | 29. November 2016

Berlin braucht Spielwiesen Damit die Hauptstadtregion ihren Spitzenplatz in Innovationsrankings behält, braucht es Freiräume und Motivation. Wie wollen Firmen, Forscher und Politik ein entsprechendes Umfeld für Unternehmer und Mitarbeiter schaffen? Ein Überblick. Jörg Wimalasena

Die Teilnehmer des „Runden Tisches Forschung & Innovation“ mit ihren Gastgebern vom Berliner Verlag.

W

er im Weltmarkt bestehen will, muss auf Innovationen setzen. Das gilt für Unternehmen genau wie für Staaten und Großstädte wie Berlin. Doch wie entstehen sie? Wie werden aus Ideen Anwendungen und Produkte? Was können Firmen und politische Entscheidungsträger tun, um Forschung und Innovationen zu fördern? Welche Chancen und Herausforderungen bietet die Digitalisierung Unternehmen? Wie kann Berlin zum Vorreiter in Sachen digitaler Vernetzung werden? Diese Fragen diskutierten Berliner Unternehmer und Wissenschaftler am Runden Tisch. Regelmäßig lädt die BerlinMedien, der zentrale Vermarkter der Berliner Zeitung, wichtige Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft ein, um aktuelle wirtschaftliche Fragestellungen zu diskutieren. Moderator der Veranstaltung: Frank-Thomas Wenzel, Wirtschaftskorrespondent der DuMont-Hauptstadtredaktion in Frankfurt am Main. Der erfahrene Journalist moderierte die spannende Diskussion. MITARBEITER ALS IDEENGEBER. Viele Innovationen entstehen innerhalb der Betriebe. Deshalb berichteten die Teilnehmer zunächst, wie sie Innovationen in den eigenen Unternehmen voranbringen. Thomas Schäfer ist Geschäftsführer der Stromnetz Berlin GmbH. Das Unternehmen betreibt das Berliner Stromversorgungsnetz und beschäftigt etwa 1.300 Mitarbeiter. Schäfer hat im Unternehmenssitz einen eigenen Raum eingerichtet, in dem Mitarbeiter an eigenen Projekten zur digitalen Entwicklung des Unternehmens arbeiten können. „Das Angebot wird angenommen“, sagt der Manager. Etwa 50 Mitarbeiter nutzen den Raum regelmäßig, weitere 50 Mitarbeiter gelegentlich. „Wir sind mit unserem Weg erfolgreich. Die Mitarbeiter haben das Gefühl, an Entwicklungsprozessen teilhaben zu können.“ Um Teilhabe an der digitalen Entwicklung geht es auch Evelyn Schmidt. Die Projektleiterin der Lernfabrik Neue Technologien Berlin konzentriert sich in ihrer Arbeit auf betriebliche Weiterbildung im Bereich Digitales. „Das duale Ausbildungssystem in Deutschland funktioniert gut, bei der Weiterbildung gibt es aber noch Probleme“, merkt sie an. Die digitale und sonstige Weiterbildung dürfe auch im Mittelstand nicht zu kurz kommen. Es müsse eine „virale,

D IE T EILNEHMER

DES RUNDEN

informelle Art“ der Fortbildung geben. Auch deshalb setze ihr Unternehmen auf individuelle Beratung von Mittelständlern, anstatt ein festes Kursangebot zu unterbreiten. „Wir brauchen keinen Seminarkatalog, sondern innovative Weiterbildung.“ Kleine Unternehmen wüssten oft nicht, wo die Entwicklung hingeht. Die Lernfabrik berät sie. „Weiterbildung muss präventiver gedacht und problemlösungsorientiert sein“, fordert Schmidt.

dass die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Forschung in Berlin schon jetzt gut funktioniert. Die Wirtschaftsleistung in der Stadt steige seit 2006 kontinuierlich. Die Technische Universität Berlin habe viele Ausgründungen zu verzeichnen.

Ein weitgehend positives Zeugnis als Unternehmensstandort stellt Mathias Gollwitzer, CFO von First Sensor, der Hauptstadt aus. First Sensor gilt als einer der weltweit führenden Sensorikanbieter. „Für Zselko Puder, GeschäftsführenIdeen ist Berlin ein gutes Pflasder Gesellschafter der kpp group, ter. Hier gibt es viele Querdeneiner Unternehmensberatung Wir brauchen keinen ker und Menschen, die Dinge für Informationstechnologien, infrage stellen“, hebt er hervor. setzt seit Jahren sowohl bei seiSeminarkatalog, Darüber hinaus gebe es im Osnen Kunden auf innerbetrieblisondern innovative ten viele Firmen im Halbleiterche Weiterbildung als auch bei Weiterbildung bereich, mit denen First Sensor seinen Mitarbeitern. „Damit kann gute Kontakte pflege. Allerdings man Mitarbeiter proaktiv ans Unsei es schwer, qualifizierte Mitternehmen binden.“ Die freie Gearbeiter für das Controlling, staltung eigener Projekte sei „ein das Produktmanagement und den Vertrieb zu finden. Ein sinnvoller Weg, die Generation Y produktiv einzufangen“. Problem in Berlin: die Brücke zwischen Innovationen und FREIRAUM SCHAFFT INSPIRATION. „Spielwiesen“ zum Ausprobieklassischer Industrie zu schlagen. Ein Problem, das auch Ulren neuer Projekte ‒ diese Herangehensweisen erinnern rich Meissen aufgreift. Im Süden Deutschlands, vor allem in stark an die Arbeitskultur von Start-ups. Berlin gilt als Baden-Württemberg, gebe es ein „Verwirklichungsumfeld“ Hauptstadt der jungen, digitalen Kleinunternehmer. Die für junge Technologieentwickler. Unternehmen dort würCoworkingbüros in Kreuzberg, Mitte und Friedrichshain den eine Nachfrage nach Innovationen äußern. Firmen in sind ihr Zuhause. Ulrich Meissen, Geschäftsbereichsleiter Berlin würden diese Nachfrage nicht ausstrahlen. am Fraunhofer-Institut für offene KommunikationssysMACHT DIE POLITIK ALLES RICHTIG? Zur Innovationsfähigkeit teme FOKUS warnt jedoch davor, dem amerikanischen von Regionen und Ländern können die jeweiligen ReVorbild des Silicon Valley folgend, zu sehr auf Start-ups zu gierungen viel beitragen. Aber sie können auch viel setzen. „Wir sollten uns in Deutschland auf unsere Stärken falsch machen. Im zweiten Teil der Gesprächsrunde berufen“, sagt er. Man muss die jungen Kreativen nahe an debattierten die Teilnehmer über Forderungen an podie Unternehmen und nahe an die Forschungslandschaft litische Entscheidungsträger. Wie kann die Politik Forbringen. Statt dem großen Wurf sollten kleine Verbesseschung und Innovation fördern? Diesbezüglich stellt rungen und Innovationen in der bestehenden ProduktEvelyn Schmidt den Landesregierungen Berlins in der palette der deutschen Wirtschaft im Vordergrund stehen. Nachwendezeit kein gutes Zeugnis aus. In den 1990er„Wenn wir nur nach Leuten ausschauen, die das neue Jahren wurde Berlin als Dienstleistungsmetropole ausFacebook machen, werden wir immer hinterherlaufen“. gerufen. „Aber ohne einen Unterbau an Industrie geht das nicht“, sagt Schmidt. Ohne Industrie fehlten jungen Dieter Bogai vom Institut für Arbeitsmarkt- und BerufsKreativen Anknüpfungsmöglichkeiten für ihre Ideen. forschung der Bundesagentur für Arbeit stellt heraus,

Daniel Zimmermann, Geschäftsführer von RayFoundry, gibt zu bedenken, dass die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik für digitale Innovationen nicht überschätzt werden sollten. „Die Politik ist nicht die Stellschraube für Innovationen“, sagt er. „Wissen ist global und sein Transportmittel ist das Internet.“ Innovationen würden überhaupt oft erst durch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und den Austausch von Wissen entstehen. RayFoundry hat sich auf die digitale Präsentation von Produkten mittels Virtual und Augmented Reality spezialisiert. Laut Ulrich Meissen könnte die öffentliche Verwaltung Innovationen fördern, zum Beispiel durch eine Innovationsklausel in Ausschreibungen. „Das würde einiges bewegen.“ Demnach könnte man Bieter auffordern, neben den Ausschreibungskriterien Ideen für die künftige Entwicklung, beispielsweise eine zu entwickelnden Bürgeramtsoftware, einzubringen. Das rechne sich finanziell, weil die Produkte nicht nur auf das Hier und Jetzt, sondern auf die Zukunft ausgerichtet seien. Daran anknüpfend kritisiert Zselko Puder, dass der Politik gelegentlich der Sinn für langfristige Entwicklungen fehle. „Wenn ein Server auf dem Stand des Jahres 2016 verlangt wird, denkt niemand an die möglichen Anforderungen des Jahres 2020.“ Thomas Schäfer hat hingegen Verständnis für das Dilemma der Exekutive: „Für jeden Senat ist es natürlich schwer, Geld loszueisen. Aber langfristige Investitionen geben der Stadt eben auch einen gewissen Grad an Freiheit für Innovationen.“ Ein spezifisches Berliner Problem sieht Zselko Puder in der lokalen Unternehmenskultur. Berliner Firmen agierten zum Teil sehr erfolgreich. Deshalb würden sie die Notwendigkeit für Innovationen oft nicht erkennen. Das Motto sei dann häufig: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Dabei gehe es Puder darum, Unternehmen zukunftsfähig zu machen ‒ ohne dass die ursprünglichen Tugenden verloren gehen, wie er betont. STANDBEIN DIGITALISIERUNG. Mathias Gollwitzer macht sich Gedanken darüber, wie die Stadt Berlin strategisch wirtschaftlich ausgerichtet werden könnte. „Deutschland ist eine analoge Wirtschaft“, stellt er fest. Die wichtigs-

T ISCHES

Digitale Weiterbildung muss transparent und informell erworbene Kompetenzen zertifizierbar sein. Wir müssen das Potenzial der Menschen in diesem Land nutzen.

Deutschland ist eine analoge Wirtschaft. Die Frage ist, wie wir die analogen Stärken mit der Digitalisierung verbinden und einen Mehrwert generieren können.

Die öffentliche Verwaltung könnte Innovationen fördern, etwa durch eine Innovationsklausel in Ausschreibungen. Das würde einiges bewegen und sich finanziell rechnen.

Mit innerbetrieblicher Weiterbildung lassen sich Mitarbeiter proaktiv ans Unternehmen binden.

DR. DIETER BOGAI, SENIOR RESEARCHER AM INSTITUT FÜR ARBEITSMARKT- UND BERUFSFORSCHUNG DER BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT

DR. MATHIAS GOLLWITZER CFO FIRST SENSOR AG

PROF. DR. ULRICH MEISSEN, DIRECTOR BUSINESS UNIT IM BEREICH COLLABORATIVE SAFETY AND SECURITY (ESPRI), FRAUNHOFER INSTITUTE FOR OPEN COMMUNICATION SYSTEMS FOKUS

ZSELKO PUDER GESCHÄFTSFÜHRENDER GESELLSCHAFTER KPP GROUP GMBH


Forschung & Innovation

06 / 07

BILD: BENJAMIN PRITZKULEIT

Berlin-Brandenburg verfügt über

sechs

Universitäten.

An mehr als

40

Hochschulen wird geforscht.

Die Hauptstadtregion verfügt über mehr als sie nicht über formale Abschlüsse verfügten. Das gelte es in der digitalen Zukunft zu vermeiden. Es müsse Zertifikate für bestimmte digitale Fähigkeiten geben. Bogai: „Wir müssen das Potenzial der Menschen in diesem Land nutzen.“ In diesem Zusammenhang kritisiert Thomas Schäfer die „Scheingläubigkeit“ in Deutschland. Es werde zu viel Wert auf formale Berufs- und Universitätsabschlüsse gelegt. Das bremse Entwicklungen. Es gebe Menschen, die in zwanzig Jahren Berufstätigkeit gelernt hätten, die Arbeit eines Ingenieurs zu machen, aber sich auf viele Stellen nicht bewerben Ulrich Meissen sieht das ähnlich, könnten, weil ihnen der formaStatt dem großen Wurf gibt aber zu bedenken, dass das le Abschluss fehle. Nicht so bei Outsourcen Privatisierung beFirst Sensor. Mathias Gollwitzer sollten kleine deute und die Frage sei, ob die berichtet, dass in seiner Firma Verbesserungen im Berliner das wollten. Meissen durchaus über das Fehlen eines Fokus stehen glaubt daran, dass Privatisierung Uniabschlusses hinweggesehen nicht „unbedingt bedeutet, die werde: „Wenn jemand als ausZügel aus der Hand zu geben“, gebildeter Schlosser eine Mitarräumt aber ein, dass bestimmte beitergruppe führen kann, dann Privatisierungserfahrungen in Deutschland und Berlin eher macht der das bei uns.“ negativ seien. Daher müsse es Anforderungen an Firmen geben, die öffentliche Aufgaben übernehmen. „Ein gewis- IN DIE FORSCHUNGSARBEIT EINBINDEN. Alle Teilnehmer waren ses Dienstleistungsniveau muss erhalten bleiben“, wenn sich einig, dass langjährig Berufstätige wieder näher an etwa im Rahmen des E-Governments Dienstleistungen der die Forschung herangeführt werden sollten. Sie könnten die Forscher mit ihrer praktischen Berufserfahrung Bürgerämter digital ausgelagert werden. bereichern und umgekehrt mit neuen Kenntnissen in Evelyn Schmidt wendet ein, dass Beschäftigte in Verände- ihren Beruf zurückkehren. Ulrich Meissen berichtet von rungsprozesse einzubinden seien: „Man muss die Leute einem Programm des Fraunhofer-Instituts. Man habe Mitmitnehmen. Viel zu oft gibt es in deutschen Behörden und arbeiter des öffentlichen Dienstes für einige Monate in die Unternehmen ein Top-down-Prinzip.“ Das sei schlecht für Forschungsarbeit des Instituts eingegliedert. „Die sind die Motivation und stehe Innovationen im Weg. Die Digi- dann mit jeder Menge Ideen in ihre Behörde zurückgetalisierung biete die Chance, eine neue Unternehmenskul- gangen.“ Innovationen können also auch durch Austausch tur des Miteinanders in Deutschland zu etablieren. zwischen Forschung und Praxis entstehen.

ten deutschen Exportgüter, wie Autos oder Maschinen seien analog. „Die Frage ist, wie wir die analogen Stärken mit der Digitalisierung verbinden und dabei einen Mehrwert generieren können.“ Die Stadt Berlin habe Industrie verloren, aber es könnte die Digitalisierung zu seinem Thema machen. „Analoge Technik aus Westdeutschland und digitale Produkte aus Berlin ‒ das könnte was werden“, orakelt Gollwitzer. Dazu müsse die Stadt aber Investoren anlocken und eigene Dienstleistungen outsourcen.

ARBEITSMARKT UND DIGITALISIERUNG. Arbeitsmarktforscher Dieter Bogai stellt die Wichtigkeit kontinuierlicher Weiterbildung aller Erwerbspersonen heraus. „Die Weiterbildung muss transparent und informell erworbene Kompetenzen zertifizierbar sein.“ Bereits jetzt würden bis zu 500.000 Menschen auf dem deutschen Arbeitsmarkt trotz Befähigung für bestimmte Berufe keine Anstellung erhalten, weil

Evelyn Schmidt erzählt von einer Biotechnologin, die an einer Berliner Schule unterrichtet. „Sie ist perfekt für den Job, denn sie weiß fachlich, wovon sie spricht.“ Die Teilnehmer warfen jedoch die Frage auf, ob Firmen es sich leisten könnten, Mitarbeiter für längere Forschungs- oder Lehrtätigkeiten freizustellen. Thomas Schäfer sieht in seiner Firma solche Möglichkeiten.

CLOUD COMPUTING. „Digitale Vernetzung“ ist eine große Zukunftsaufgabe für die Bundeshauptstadt. Vor allem Cloud Computing spielt dabei eine große Rolle. Hierbei werden Programme und Daten nicht auf lokalen Rechnern ausgeführt beziehungsweise gespeichert, sondern aus dem Internet abgerufen. So sind Daten an vielen Orten gleichzeitig verfügbar. Das ermöglicht zum Beispiel, dass mehrere Forscher an verschiedenen Orten an dem gleichen Forschungsprojekt arbeiten. Zselko Puder lobt in diesem Zusammenhang die Deutschlandcloud von Microsoft. Eine sichere Datenplattform sei sehr wichtig, um ein berechtigtes Vertrauen der Kunden auch zu verdienen. Unabhängig davon sollten Firmen wirklich sensible Daten nicht aus der Hand geben. Ulrich Meissen erkennt im Cloud Computing ebenfalls eine Chance für Berlin. Allerdings sei für die effektive Nutzung eine entsprechende digitale Vernetzung nötig. In dieser digitalen Vernetzung liegt ein noch viel größeres Innovationspotenzial für Berlin. Mathias Gollwitzer ist ebenso von der Cloudtechnologie überzeugt: „Wo früher fünf Leute an einem Problem gearbeitet haben, sind es jetzt 500.“ Daniel Zimmermann fügt hinzu, dass sich durch die geänderten Anforderungen der Cloudtechnologie an die IT-Mitarbeiter neue Impulse für die Fortbildung ergeben würden. „Wenn zum Beispiel ein Microsoft-Zertifikat für die Cloud zum Standard wird, dann müssen sich Mitarbeiter regelmäßig fortbilden, um dem sich ständig erweiterten Funktionsbereich der Cloud gerecht zu werden.“ Mit den Anwendungsmöglichkeiten der Cloud würden demnach auch die Kenntnisse der Mitarbeiter wachsen. Zselko Puder erkennt bei Firmen ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass digitale Vernetzung sie weiterbringt. Exemplarisch hätten zwei Betreiber von Krankenhäusern bereits auf Cloudspeicherung von Patientendaten umgestellt: „Die wollen vorne mit dabei sein und sich positiv von Mitbewerbern absetzen.“ Die Vernetzung dürfe aber keinesfalls auf Kosten des Datenschutzes gehen. „Da muss der Gesetzgeber restriktiv sein.“ Die Sensibilität der Deutschen beim Thema Datenschutz sieht er nicht als Innovationsbremse, sondern als Chance, Verantwortung auch glaubhaft zu leben.

Für jeden Senat ist es schwer, Geld loszueisen. Aber langfristige Investitionen geben der Stadt Berlin einen gewissen Grad an Freiheit für Innovationen.

Beschäftigte müssen in Veränderungsprozesse miteingebunden werden. Viel zu oft gibt es in deutschen Behörden und Unternehmen ein Top-Down-Prinzip.

Wissen ist global und sein Transportmittel das Internet. Innovationen entstehen durch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Wissensaustausch.

THOMAS SCHÄFER CHAIRMAN MANAGEMENT BOARD STROMNETZ BERLIN GMBH

DR. EVELYN SCHMIDT PROJEKTLEITERIN, LERNFABRIK NEUE TECHNOLOGIEN BERLIN GGMBH

DANIEL ZIMMERMANN GESCHÄFTSFÜHRER RAYFOUNDRY

100

außeruniversitäre Forschungseinrichtungen.

Die Charité ‒ Universitätsmedizin Berllin ist die größte medizinische Fakultät Europas mit mehr als

3.700 Forschern.

12

Platz belegt Deutschland im ING-DiBa-Innovationsindex für die Eurozone.

Im Rahmen des Bundesländerrankings dieser Studie belegt Berlin den

ersten

Platz.


Wirtschaft

SPEZIAL | Anzeigen-Sonderveröffentlichung | 29. November 2016

BILD: BENJAMIN PRITZKULEIT

ŸŸŸ Mathias Gollwitzer erklärt das Potenzial der Vernetzung anhand eines Beispiels. „Smartwatches können permanent Ihren Puls und Ihre Biowerte messen und die an Ihren Arzt übertragen.“ So würden kontinuierliche Daten erzeugt. „Bei einem gelegentlichen Gesundheitscheck hat der Mediziner nur die Daten zur Verfügung, die vor Ort erhoben wurden.“ Die Vernetzung ermögliche hingegen ein dauerhaftes Monitoring und damit eine besser fundierte Diagnose. Ulrich Meissen führt die Möglichkeiten der Vernetzung im Medizinbereich weiter aus und schildert ein Projekt des Fraunhofer-Instituts. „Bei einem medizinischen Notfall werden per Smartphone Helfer informiert, die sich in der Nähe des Opfers befinden.“ So könnte schnell Hilfe geleistet werden, noch bevor ein Krankenwagen vor Ort sei. Laut Mathias Gollwitzer ermöglicht die Vernetzung, neue Anwendungsmöglichkeiten für bestehende Produkte zu entdecken. So stellt er seine Sensoren Studenten zur Verfügung. Diese kommen auf Anwendungsmöglichkeiten, an die der ursprüngliche Entwickler unter Umständen gar nicht gedacht hat. Oft ergeben sich Einsatzgebiete laut Gollwitzer auch durch die Anforderungen der Kunden. Durch die Anfrage eines Logistikanbieters entwickelt First Sensor eine neue Anwendungsmöglichkeit für sein Produkt. Gewichtssensoren sollen künftig in Supermärkten herausfinden, wie viele Produkte von Warenpaletten entnommen werden. Mit jedem entnommenen Produkt sinkt das Gewicht der Palette. Auf Basis dieser Information wissen die Supermarktleiter, wann es Zeit ist, das entsprechende Produkt nachzubestellen.

Networking ist ein zentrales Thema in Sachen Innovationskraft – auch am „Runden Tisch“.

In diesem Zusammenhang weist Gollwitzer auf eine weitere Herausforderung der digitalen Vernetzung hin. Es muss gemeinsame Industriestandards geben, die sicherstellen, dass die vernetzten Produkte miteinander kommunizieren können. „Was nutzt mir ein Sensor, wenn er nicht mit der Software, die ich nutze, kommunizieren kann?“ Die Industrieverbände müssten Normen entwickeln, eine Art „Schukostecker“ für die digitale Vernetzung.

wegfällt, ist deshalb noch nicht der ganze Beruf gefährdet.“ Berufe, die geringe und mittlere Qualifizierung erfordern und auf mehrheitlich maschinenlesbaren Aufgaben basierten, seien allerdings in Gefahr. Das betreffe deutschlandweit etwa 15 Prozent der Berufe, in Berlin seien es nur etwa acht Prozent. Die Anforderungen an alle Berufe würden jedoch steigen. Jeder Arbeitnehmer werde sich regelmäßig digital fortbilden müssen, prognostiziert Gollwitzer. Auch die duale Ausbildung muss der Digitalisierung angepasst werden, sind sich die Teilnehmer einig. Zselko Puder: „Es gibt Ausbildungsberufe, die kennen wir noch gar nicht.“ Eine formelle Ausbildung für Dataanalysten habe es etwa lange nicht gegeben.

ERSETZT TECHNIK MENSCHEN? Danach stand die Frage im Vordergrund, wie die digitalen Beschäftigungsverhältnisse der Zukunft aussehen und ob bestimmte Berufe im Zeitalter der digitalen Vernetzung künftig überflüssig sein werden. Dieter Bogai von der Bundesagentur für Arbeit sieht nur wenige Berufe gefährdet. „Ein Beruf besteht aus mehreren Tätigkeiten. Wenn eine Tätigkeit durch die Digitalisierung

Laut Evelyn Schmidt muss das duale Ausbildungssystem im Rahmen der Digitalisierung „auf den Prüfstand“. Bei neuen Entwicklungen und Anforderungen müssten nicht immer neue Berufsbilder her. Vielmehr ginge es darum, die Potenziale vorhandener Berufe besser zu nutzen. Für Industrie-4.0-Prozesse biete beispielsweise die Produktionstechnologie eine gute Grundlage. Sie werde in Berlin und

Brandenburg aber noch gar nicht angeboten. Gewerblichtechnische Ausbildungsberufe müssten nach Schmidts Auffassung ‒ analog zu den IT-Berufen ‒ stärker modular angelegt sein: Auf eine gemeinsame Basis an Grundlagenwissen sollten Spezialisierungen aufbauen, die Lehrlingen eine individualisierte Ausbildung ermöglichen. Auch die Potenziale des dualen Studiums sind insbesondere für den Mittelstand noch nicht gehoben, findet Schmidt. Kleine Betriebe sollten diese Form der betrieblichen Ausbildung stärker in Erwägung ziehen und sie für ihre langfristige Personalentwicklung nutzen. Für Auszubildende habe das duale Studium den Vorteil, dass sie berufliche und akademische Ausbildung praxisnah und prozessorientiert verbinden können. Für Betriebe bedeute das eine stärkere Nähe zu Hochschule und Wissenschaft. Dual Studierende könnten nach Schmidts Vorstellung in mittelständischen Betrieben ihre akademischen Kenntnisse in alle Unternehmensteile tragen und damit wichtige Impulse für Innovationen setzen. Das duale Studium könne ein „Instrument“ für den Mittelstand sein, um auch in Zukunft konkurrenzfähig zu bleiben.

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KONTINUIERLICHE FORTBILDUNG IST DAS A UND O. Daniel Zimmermann stellt die regelmäßige Fortbildung als Erfordernis heraus, die sich aus der Digitalisierung ergibt. „Wenn ich mit meinem IT-Zertifikat in ein Unternehmen komme, bin ich sofort von der schnelllebigen Entwicklung außerhalb abgeschnitten“, gibt er zu bedenken. „Da könnte es doch helfen, wenn ich themenbezogene Diplome und Zertifikate im Rahmen regelmäßiger Weiterbildungen erwerbe.“ Der Arbeitgeber könnte so sicherstellen, dass sein Personal immer auf dem neuesten Stand ist und damit die Grundlage für innovative Lösungen gegeben ist. Mit dieser Feststellung endete die aufschlussreiche Diskussion. Als Ergebnis blieb die Erkenntnis, dass Innovation und Forschung nicht nur von technischen Faktoren abhängen, sondern von politischen Zielvorstellungen, wirtschaftlichen Gegebenheiten und dem Willen der Akteure. In einem Punkt waren sich die Teilnehmer einig: Berlin kann eine wichtige Rolle bei der Digitalisierung der Industrie und der digitalen Vernetzung der Zukunft spielen.

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31.12.2016 | 22:00 UHR

UNDER THE STARS

SILVESTERPARTY 2016/2017 ÜBER DEN DÄCHERN BERLINS IN DEN HUMBOLDT TERRASSEN

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Soul, Funk & Disco – Die amerikanischen Clubs der 70er und 80er Jahre boten in Deutschland eine völlig andere Welt! Denn nicht nur die G.I.s ha en ihre Freude daran, bei Mixes angesagter US-Musik Heimatgefühle au ommen zu lassen, vor allem die deutschen Jugendlichen konnten hier in eine komple neue Szene eintauchen. Mit der G.I. Disco Partyreihe hat DJ Kalle Kuts bereits 2010 diese fast vergessene Club-Ära wiederbelebt. Bekannt aus den legendären G.I.-Clubs in Städten, wie Berlin, Frankfurt am Main oder München bringen die G. I.-Partys vor allem für Berliner ein Stück des West-berliner Vibes zurück in die Hauptstadt. Mit dem entspannten Sound aus Soul, Funk, Disco, elektri-schen Beats und Bässen können auch die Partygäste der Humboldt Terrassen bei der diesjährigen Silvesterparty so ein Stück des damaligen Zeitgeistes der Soulful 80’s Club Music erleben.

Doch nicht nur die besten Hits der letzten Jahrzehnte laden zum Feiern ein, auch der einmalige Rundumausblick auf die schönsten Feuerwerke Berlins macht die Pop-up-Eventloca on im Herzen der Stadt zu einem echten Highlight. Hoch über den Dächern sind die Gäste dazu eingeladen, bei Champagner und Drinks die Nacht zum Tag werden zu lassen. Und beim Dresscode Dress to Impress kann natürlich auch das Glitzerminikleid mal wieder ausgeführt werden, denn bei Soul, Funk, Disco und House dürfen auch extravagante Partyou its nicht fehlen. Im angesagten Party-Ambiente lässt sich so das Jahr 2016 Revue passieren, während die Aussicht über die hell erleuchtete Stadt einen Ausblick auf das neue Jahr gewährt.

Humboldt Terrassen Schlossplatz 5 10178 Berlin info humboldt-terrassen.de www.humboldt-terrassen.de Tel.: 030 - 20625076


Forschung & Innovation

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Berliner Forschungskultur Alleine an der Charité – Universitätsmedizin Berlin forschen 3.700 Wissenschaftler. Weiterer Standortvorteil: die gute Zusammenarbeit von Forschung und Industrie.

J

edes Jahr erkranken mehr als 470.000 Menschen in Deutschland neu an Krebs. Berlin hat sich den Kampf gegen die Volkskrankheit auf die Fahne geschrieben ‒ und bringt beste Voraussetzungen mit. Ein Leuchtturm: die Charité ‒ Universitätsmedizin Berlin. Erst kürzlich wurde Dr. Matthias Leisegang für seine Forschungsarbeiten zur Analyse von Krebsmutationen als Ziel der adaptiven T-Zelltherapie mit dem diesjährigen Curt Meyer-Gedächtnispreis ausgezeichnet. „Matthias Leisegang konnte am Tiermodell zeigen, dass therapeutische T-Zellen auf eine individuell ausgewählte Mutation ausgerichtet und mit einer enormen Treffsicherheit den Tumor zersetzen können“, erklärt Prof. Dr. Clemens A. Schmitt, Vorstandsmitglied der Berliner Krebsgesellschaft und Direktor des Molekularen Krebsforschungszentrums der Charité. „Die neuartige Technologie der Gentherapie mit T-Zellrezeptoren ist weltweit führend und für den Forschungsstandort Berlin ein enormer Gewinn.“ ES BLEIBT VIEL ZU TUN. „Unsere Versuche haben gezeigt, dass eine Krebsmutation ein geeignetes Angriffsziel für die T-Zelltherapie sein kann. T-Zellen sind eine Gruppe weißer Blutkörperchen, die für die Abwehr von Krankheitserregern verantwortlich sind. Ihre Fähigkeit, unter Milliarden von Molekülen mithilfe eines T-Zellrezeptors diejenigen zu lokalisieren, die von Krankheitserregern wie etwa von einem Tumor stammen, machen diese Zellen für die Krebsforschung so inter-

essant. Doch T-Zellen gezielt auf Krebszellen auszurichten ‒ hier steckt die Wissenschaft noch am Anfang. „Es bleibt eine zentrale Aufgabe, gute Angriffsziele zu identifizieren“, erklärt Dr. Leisegang das Ergebnis seiner ausgezeichneten Forschungsarbeit.

Gesundheitswirtschaft – eine starke Branche in Berlin-Brandenburg mit 354.000 Beschäftigten

ZUSCHUSS FÜR DIE FORSCHUNG. Ein weiterer Ansatz in der Krebsforschung sind neue Medikamente, die entartete Zellen präzise angreifen. Doch trotz ähnlicher Befunde und Symptome reagieren Patienten ganz unterschiedlich auf solche Therapien. Der Grund: Tumore sind in ihrer genetischen Ausstattung individuell unterschiedlich. Patientenspezifische Zellkulturen und Mausmodelle gelten als Hoffnung der personalisierten Arzneimittelentwicklung, um bereits im Vorfeld die Wirkung eines Medikaments abschätzen zu können. Mit dreidimensional gezüchteten Zellkulturen können Forscher die Gewebestruktur und den Stoffwechsel im Tumorzellverband simulieren, um Dosierung und Wirksamkeit

von Arzneimittelkandidaten möglichst realistisch zu testen. Um diese Herausforderungen in der zugeschnittenen Krebsbehandlung näher erforschen zu können, erhalten Forscher des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung am Charité Comprehensive Cancer Center Berlin nun 2,6 Millionen Euro, um gemeinsam mit regionalen Biotechunternehmen Testsysteme für ein personalisiertes Medikamentenscreening zu entwickeln. NETZWERKEN ZAHLT SICH AUS. Diese enge, interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie ist ein weiteres Plus für den Standort Berlin: „Ein aktuelles Beispiel für Innovation durch Kooperation ist das neue digitale Gesundheitsnetzwerk der AOK Nordost, von Vivantes und der Sana Kliniken AG“, sagt Dr. Kai Uwe Bindseil. „Unterstützt durch das IT-Unternehmen Cisco arbeiten Versorger und Krankenkassen zusammen, um Effizienz und Qualität im Bereich der Patientendaten zu optimieren“, erklärt der Clustermanager HealthCapital bei der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH. So sollen Versicherte der AOK Nordost in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern in naher Zukunft selbst schnell über ihre Medikationspläne, Untersuchungsergebnisse und andere Gesundheitsdaten verfügen können ‒ mit ihrer persönlichen, digitalen Gesundheitsakte. NADINE KIRSCH

BILDER: THINKSTOCK/ISTOCK/MONTEGO666/LAYLANDMASUDA/BLUEJAYPHOTO/IZONDA

BILD: BERLIN PARTNER

3 FRAGEN AN ... Dr. Kai Uwe Bindseil Clustermanager HealthCapital bei der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH

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Warum ist das Cluster Gesundheitswirtschaft von zentraler Bedeutung für den Wirtschaftsund Innovations-Standort Berlin-Brandenburg?

I I Y S S E B @ L I EM

DR. BINDSEIL: Die Kooperation von AOK Nordost, Vivantes und den Sana Kliniken mit dem Ziel einer persönlichen, digitalen Gesundheitskarte hätte es ohne das Cluster in dieser Form nicht gegeben. Ganz aktuell freuen wir uns auch über weitere Erfolge unserer Clusterarbeit: Im November 2017 findet die BIO-Europe in Berlin statt und mit NutriAct haben führende Wissenschaftler ein Zehn-Millionen-Projekt des BMBF gewonnen.

2

Was ist denn NutriAct?

DR. BINDSEIL: NutriAct konzentriert sich auf die Entwicklung und Verbreitung von Ernährungsstrategien speziell für die zweite Lebenshälfte. Ziel ist es, mithilfe einer gesunden, ausgewogenen Ernährung ein gesundes Altern zu unterstützen. NutriAct steht dabei für Nutritional Intervention for Healthy Aging: Food Patterns, Behaviour and Products. Prävention in dieser Zielgruppe zu forcieren, ist vor dem Hintergrund des demografischen Wandels von ganz zentraler Bedeutung.

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Und welche weiteren Ziele verfolgen Sie mit dem Cluster HealthCapital für 2017?

Für die Energiewende brauchen wir neue Materialsysteme, die Energie umwandeln oder speichern können. Am Energy Materials in situ Labor (EMIL) wird die Forschung an solchen Energie-Materialien nun beschleunigt: Hier lassen sich komplexe Materialien schon während der Herstellung (in situ) untersuchen und Prozesse und Funktionalitäten in Echtzeit (in operando) analysieren und optimieren.

• EMIL ist auf die Forschung an Dünnschichtmaterialien ausgelegt: für Solarzellen, solare Brennstoffe, Katalysatoren, Thermoelektrika, magnetische Sandwichstrukturen (Spintronik) und neue Materialien wie topologische Isolatoren oder Graphen. • EMIL ermöglicht es, neue Materialkombinationen rasch und effizient zu testen (kombinatorische Materialsynthese). Dabei fließen die Erkenntnisse aus der Analytik direkt wieder in die Synthese ein. • Für die Charakterisierung der Proben steht das gesamte Spektrum der Analytik an BESSY II bereit.

• Weiche und harte Röntgenstrahlung im Energiebereich von 60 eV bis 10 keV ermöglicht die Analyse von Oberflächen und Grenzflächen in Dünnschichtsystemen, aber auch tieferen Regionen der Proben. Mehr Informationen finden Sie unter:

http://hz-b.de/emil

G le ic h

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en

Das Helmholtz-Zentrum Berlin und die Max-Planck-Gesellschaft haben das neue Großlabor gemeinsam aufgebaut. Zwei Direktanschlüsse an das Synchrotron BESSY II stellen weiches und hartes Röntgenlicht bereit. Auf 2000 Quadratmetern Laborfläche sind weltweit einzigartige Einrichtungen zur Synthese und Analytik entstanden.

EMIL@BESSY II steht nun auch Nutzergruppen aus Forschung und Industrie zur Verfügung.

nn

DR. BINDSEIL: Ziele will ich hervorheben. Zum einen werden wir Start-ups im Digital-Health-Bereich stärker unter die Arme greifen. Denn: In diesem regulierten Gesundheitsmarkt ist es für die jungen Unternehmen deutlich schwieriger, Fuß zu fassen, als etwa im Bereich IT. Zweitens sollen die Bürger unsere Clusterarbeit spüren – und zwar ganz konkret in Form einer besseren Versorgung. In einem Modellversuch in Templin etwa wird etwa getestet, wie die Auflösung klassischer Rollenmodelle von Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten die Versorgung in ländlicheren Gebieten verbessern kann.

ANSCHUB FÜR DIE ENERGIE-MATERIAL-FORSCHUNG


Wirtschaft

SPEZIAL | Anzeigen-Sonderveröffentlichung | 29. November 2016

BILD: THINKSTOCK/ISTOCK/MEL-NIK

D

ie Schönhauser Allee ist seit Kurzem ein Forschungsobjekt. Ohnehin, sagt Eckart Schenk vom Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung der Technischen Universität Berlin, sei sie „eine tolle Straße für einen Verkehrsplaner“. Der Diplom-Ingenieur ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsprojektes „2Rad‒1Kauf‒0Emission ‒ Radverkehr als Perspektive für den innerstädtischen Einzelhandel“, das vom Verkehrsministerium im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans gefördert wird. Das Ziel: Gemeinsam mit den Einzelhändlern zwischen Eberswalder/Danziger Straße und Schivelbeiner/Wichertstraße Angebote zu entwickeln, die die Attraktivität der Schönhauser Allee für den Einkauf mit dem Fahrrad dauerhaft erhöhen. Doch ergibt es Sinn, Radfahrern den roten Teppich auszurollen, wenn sie gerade mal ein Zehntel der Kundschaft ausmachen? Einzelhandelsexperten sind sich einig: Ja, das lohnt sich. Zwar geben Fahrradfahrer im Vergleich zu Automobilisten weniger Geld pro Einkauf aus, dafür aber kommen sie häufiger in die Geschäfte ‒ vor allem in solche, die Dinge des täglichen Bedarfs oder Drogerieartikel anbieten.

Zielgruppe Radfahrer

HOFFNUNG AUF VORBILDFUNKTION. Nach dem offiziellen Start des Forschungsprojekts im April musste jedoch erst intensive Überzeugungsarbeit unter den circa 160 potenziellen Projektteilnehmern geleistet werden. „Es existiert eine sehr heterogene Einzelhandels- und Gastronomiestruktur. Ein Mix aus inhabergeführten Geschäften, Filialisten von großen Ketten, Banken und anderen Dienstleistern und einem stark frequentierten Shoppingcenter. Da mussten viele unterschiedliche Interessen und Vorstellungen unter einen Hut gebracht werden“, erklärt Schenk. Inzwischen aber hat das Forschungsteam mit den meisten Akteuren gesprochen, noch im November wird die erste gemeinsame Veranstaltung stattfinden. Wenn alles gut geht, könnte das auf zwei Jahre veranschlagte Vorhaben tatsächlich später Vorbild für das Zu-

sammenspiel von Einzelhandel und Radverkehrsfreundlichkeit in Berliner Straßen sein. Die eigentliche Herausforderung ist, dass die TU-Forscher keine fertigen Lösungen präsentieren. Schenk: „Wir möchten die Akteure motivieren, die Entwicklung der Schönhauser Allee hin zu einem radfahrerfreundlichen Standort selbst zu bestimmen und entsprechende Maßnahmen umzusetzen.“ Dazu gehört für ihn zum Beispiel, dass sich die Teilnehmer mit der direkten Umgebung ihres Geschäftes auseinandersetzen. „Wir wollen die Händler dazu bringen, die Perspektive der Fahrradfahrer einzunehmen, um diese als potenzielle Kunden überhaupt erst einmal wahrzunehmen“, erklärt Schenk. In diesem Zusammenhang berichtet der Verkehrsplaner von einem Gespräch mit dem Management der Schönhauser Allee Arcaden. Das TU-Team hatte durch Interviews mit Radfahrern herausgefunden, was diese davon abhält, in der Shoppingmall entspannt einzukaufen. Ein Hinderungsgrund sei ganz eindeutig die Angst vor Fahrradklau, die die Kunden während des Einkaufs begleitet. Wegen der vielen „vergessenen“ oder zurückgelassenen Fahrräder gäbe es zudem oft gar keine Möglichkeiten mehr, das Fahrrad sicher anzuschließen. Hier gälte es, neue Wege zu finden, wie „Fahrradleichen“ vermieden oder entsorgt werden können, da der offizielle Weg über das Ordnungsamt oft zu lang und nicht immer befriedrigend sei.

Beispiele, was Einzelhändler für ihre Radfahrerklientel tun können: Sichere Abstellmöglichkeiten Radfahrer möchten ihr Gefährt sicher und standfest abstellen. Sicher heißt, dass der Rahmen und das Vorderrad angeschlossen werden können. Standfest bedeutet, dass der Rahmen so am Fahrradständer angelehnt werden kann, dass es beim Beladen nicht umfällt. Wichtig: Abstellmöglichkeiten sollten sich in Eingangsnähe befinden und vor Nässe geschützt sein. Aufstellen einer Luftpumpe Viele Fahrradgeschäfte haben vor der Ladentür einen Kompressor installiert, mit dem sich Reifen aufpumpen lassen. Schließfächer anbieten Einkaufscenter sollten darüber nachdenken, Schließfächer für Fahrradfahrer aufzustellen, in denen sie ihre Fahrradtaschen und -rucksäcke sicher verstauen können.

Mit dem Vorhaben soll die Lücke zwischen der Wahrnehmung des Einzelhandels und dem tatsächlichen ökonomischen Potenzial des Radverkehrs nach und nach geschlossen werden. „Wir hoffen“, erzählt Schenk „am Ende eine Handvoll Einzelhändler aktiviert zu haben, die eine innovative Fahrradförderung als Teil ihrer Standortpolitik begreifen und gemeinsam an entsprechenden Lösungen entlang der Schönhauser Allee arbeiten.“

Lieferservice Auch Fahrradfahrer wollen größere Einkäufe erledigen, ohne sich zu sorgen, wie sie alles nach Hause bekommen. Deshalb ist die Einrichtung eines Lieferservice mit Sicherheit ein starkes Einkaufsargument.

Ulf Teichert

Bild: Andreas Krone

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5 FRAGEN AN ... EIN INNOVATIONSORT FÜR DIE ENERGIEWENDE Nach rund dreijähriger Bauzeit wurde nun der EMIL-Anbau an BESSY II offiziell eröffnet. Dabei handelt es sich um ein hochmodernes Präparations- und Analyselabor für die Solarenergie- und Katalyseforschung. Das Gemeinschaftsprojekt von HZB und Max-PlanckGesellschaft bietet eine einzigartige Infrastruktur, um interdisziplinär und industriekompatibel neue Materialien und Technologien zu entwickeln. Über die Möglichkeiten für die Energiewende und den Start von EMIL sprach Ina Helms mit Prof. Dr. Simone Raoux.

Digitalisierung ist ein wichtiger Trend in der Energiewirtschaft

1/4 ADV Die GASAG setzt auf Innovation Gasag Energie-Accelerator A2: Old Economy trifft auf New Economy.

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Stamm: „Die GASAG hat sich vom Gasversorger zum ie Digitalisierung revolutioniert die Energiebranche: Energiedienstleister mit breitem Produktportfolio geneue Geschäftsmodelle, dezentrale Erzeugung, hohes wandelt. Klar, dass intelligente IT-Lösungen für uns von Innovationstempo, flexible Geschäftsmodelle. Deshalb biegroßem Interesse sind.“ tet sie hervorragende Chancen für Gründer, sich mit kreativen Ideen und innovativen Produkten an diesem Wandel zu beteiligen. Für Ronny Stamm, der bei der GASAG den Intelligenter Handel. Das Start-up-Team Dezera GmbH Bereich IT-Strategie verantwortet, liegt etwa hat eine Lösung entwickelt, um Stromverbräuche von Großanlagen in daher nichts näher, als dass sich etablierdie Zeiten zu schieben, in denen viel te Unternehmen mit jungen Gründern Intelligente IT-Lösungen In erneuerbarer Strom in das Stromnetz vernetzen. Deshalb unterstützte das Bersind für die GASAG liner Energieunternehmen GASAG die eingespeist wird. Das Communityvon großem Interesse erste Runde des Adlershof Accelerator A² Modell der OEEX GmbH verbindet als Förderer und Industriepartner. Stromkunden, Erzeuger und Energieversorger und ermöglicht einen inViele Vorteile. „Unser Ziel ist, die Gründer dabei zu untelligenten, nachfrageorientierten Stromhandel in der terstützen, ihre Ideen in hohem Tempo zur Marktreife zu Nachbarschaft. Die Sunride GmbH bietet eine Lösung für Energiedienstleister zur systematischen Umsetzung bringen und tragfähige Partnerschaften aufzubauen“, sagt Stamm. Die Vorteile lägen auf beiden Seiten: seien dezentraler Mieterstrommodelle. es Pilotprojekte, der Erfahrungs- und Wissensaustausch oder ein verbessertes Kunden- und Marktverständnis. Für die GASAG war der Accelerator A² ein voller Erfolg. Neun junge Unternehmen wurden für den Energie„Auch wenn sich nicht jede Idee als unmittelbar umsetzAccelerator A² ausgewählt. Die GASAG stand drei Firbar erwiesen hat: Wir haben sehr viel voneinander gelernt men als Industriepartner zur Seite, weil sie IT-Lösungen und den Grundstock für ein Netzwerk von Old und New entwickelt haben, die die Energiewende voranbringen Economy gelegt“, bilanzierte Ronny Stamm. Dabei entsteund neue, innovative Geschäftsmodelle ermöglichen. he eine gemeinsame Vision für ein smartes Berlin.

GASAG | Henriette-Herz-Platz 4 | 10178 Berlin ) (030) 7072 0000-0 | 8 www.gasag.de | * service@gasag.de

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Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn EMIL nun offiziell startet?

Simone Raoux: Wir alle freuen uns besonders auf die externen Nutzer, die dann die volle Power von EMIL genießen können. Einige Laboranlagen sind ja jetzt schon in Betrieb, zum Beispiel die Ultra-Hochvakuum(UHV)-Präparationskammer. Aber erst mit dem Anschluss an das Synchrotronlicht von BESSY II, der jetzt unmittelbar bevorsteht, können wir das ganze Spektrum der phantastischen neuen Möglichkeiten nutzen, die EMIL bietet. Die Vorfreude vieler Forscher darauf ist riesig.

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Was macht EMIL einzigartig?

Raoux: In EMIL können wir eine unglaubliche Vielfalt an Energiematerialien herstellen und charakterisieren. Einmalig dabei ist, dass wir die Synchrotronstrahlung von BESSY II kombinieren mit In-situ-, In-System- und Inoperando-Messungen an Schichtsystemen, die in industrierelevanten Depositionsanlagen hergestellt werden. Die Proben aus diesen Anlagen schleusen wir dann direkt zu den Analysekammern – ohne dass sie das Vakuum verlassen müssen. Und dank des großen Energiebereichs des Röntgenlichts können wir zum Beispiel gleichzeitig Oberflächen von Materialien, aber auch tief vergrabene Schichten und

Grenzflächen untersuchen. Auch die Katalyseforschung – dieser Laborteil wird von der MaxPlanck-Gesellschaft betrieben – wird durch den Anschluss an BESSY II profitieren. Der Außenbau war in weniger als einem Jahr nach Planungsstart fertig. Der Innenausbau hat dann etwas länger gedauert. Worin lagen die Herausforderungen?

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Raoux: Mit EMIL decken wir eine große Breite von Forschungsthemen ab. Deshalb sind auch die Anforderungen an Infrastruktur und Sicherheit sehr hoch. Die einzelnen Systeme miteinander zu verknüpfen, war eine große Herausforderung. Ein Beispiel für diese Komplexität: EMIL verfügt über eine zentrale Versorgung für 20 Gassorten. Mehr als 80 Gassensoren wurden zur Überwachung installiert.

Blick in eine Depositionskammer im SISSY-Labor von EMIL


Forschung & Innovation

10 / 11 BILD: DAIMLER AG

Berlin fährt ab auf Elektro D

ie deutsche Hauptstadt „als einen wissensgetriebenen Industriestandort auszubauen, der in enger Kooperation mit Berlins einzigartiger Wissenslandschaft Lösungen für Zukunftsfragen entwickelt“, setzte sich 2010 der Berliner Steuerkreis Industriepolitik zum Ziel. Für eine dieser Zukunftsfragen ‒ die Elektromobilität ‒ ist die Region Berlin-Brandenburg eines von vier großen Schaufenstern in Deutschland, die vom Bund 2013 eingerichtet wurden. Bis Ende dieses Jahres sollen erste Antworten auf Herausforderungen wie Klimaschutz oder Ressourcenschonung gefunden werden. Die Voraussetzungen sind gut: Berlin hat sieben Universitäten, 40 private und staatliche Hochschulen, mehr als 1.200 Startups und eine Vielzahl technologieorientierter Forschungseinrichtungen, Institute und Unternehmen. Etwa 150 von ihnen sind an 30 eng miteinander verknüpften Projekten beteiligt, Elektromobilität als System weiterzuentwickeln und im Verkehrsgeschehen erlebbar zu machen. Im aktuellen Clusterreport von Berlin Partner heißt es: „Elektrische Automobile in gewerblichen Flotten und Carsharing-Konzepten sind ebenso Bestandteile des Schaufensterportfolios wie urbane Logistikkonzepte mit E-Nutzfahrzeugen

und Elektrobusse im öffentlichen Personennahverkehr. Darüber hinaus wird die Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum deutlich erweitert. Die Einbindung von E-Fahrzeugen in innovative Smart-Grid-Konzepte integriert Energieund Verkehrssysteme.“

mit ihrem Fachgebiet Methoden der Produktentwicklung und Mechatronik (MPM) dabei. Dessen wissenschaftliche Begleitforschung umfasst die technisch-wirtschaftlichen Gesamtaufwendungen des Projektes bis hin zur Analyse der Nutzerakzeptanz unter allen beteiligten Akteuren, also den BVGMitarbeitern, den Fahrgästen und der Politik. Außerdem betreiben die TUEine flächendeckende Forscher auch die Ladestation in der Ladestruktur ist Hertzallee.

BEISPIEL ELEKTROBUSSE. Zwischen dem Bahnhof Südkreuz und der Charlottenburger Hertzallee fährt beispielweise seit Ende August essenziell für die 2015 die Linie 204 elektrisch. Nach FLÄCHENDECKENDE LADESTRUKTUR. Eine anfänglichem Stotterstart können stärkere E-Nutzung fast noch größere Erfolgsgeschichdie Projektinitiatoren auf eindruckste schreibt das Carsharing mit Elektvolle Zahlen verweisen: Durch den rofahrzeugen. Bereits ab 2013 hatte Einsatz der vier Elektrobusse sind die BMW-Tochter DriveNow mit 40 Elektroautos vom bislang rund 65.000 Liter Diesel, 175 Tonnen Kohlendioxid, Typ BMW ActiveE zwei Jahre lang Erfahrungen gesam740 Kilogramm Stickoxid und 6,2 Kilogramm Feinstaub melt, bevor sie vergangenes Jahr die E-Flotte massiv eingespart worden. Neben Projektpartnern wie Solaris ausbaute. Inzwischen flitzen 140 Elektroautos vom Typ (Fahrzeugtechnik, Integration elektrischer KomponenBMW i3 durch Berlin. „Die Stromer werden mit durchten), Bombardier (Ladesystem und -infrastruktur) sowie schnittlich sieben Minuten pro Fahrzeug und Tag naheVossloh-Kiebe (Elektromotor) sind zusätzlich die Berliner zu so häufig angemietet wie unsere Verbrenner“, sagt Verkehrsbetriebe sowie die Technische Universität Berlin

DriveNow-Geschäftsführer Nico Gabriel. Ein Grund für den Erfolg: Mit dem stadtweiten Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur stehen den Kunden inzwischen mehr als 250 Ladesäulen zur Verfügung. Das beweise, so Gabriel, „dass der Aufbau einer flächendeckenden Ladestruktur essenziell ist, damit sich Elektromobilität als gleichberechtigte Antriebsart durchsetzen kann“. Dass Elektromobilität für den Berliner immer mehr auch zum Alltag gehört, dafür will die Gewobag mit der Einrichtung von Ladestationen in Wohngebieten sorgen. Für ihr Engagement wurde die Wohnungsbaugesellschaft als „Ort der Elektromobilität“ ausgezeichnet. Um deren Ausbau weiter zu unterstützen, ging die Gewobag eine strategische Partnerschaft mit DriveNow und der Allegro GmbH, einer Tochter des Energienetzbetreibers Alliander, ein. Allegro entwickelt und betreibt maßgeschneiderte Ladelösungen und Ladeinfrastruktur. Ergebnis: Alle Gewobag-Mieter können sich zu vergünstigten Konditionen bei DriveNow registrieren lassen, für Gewobag-Mitarbeiter ist dessen Angebot sogar kostenlos.

Prof. Dr. Simone Raoux Leiterin des „Insituts für Nanospektroskopie“ am Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) und Vorsitzende des EMIL-Steering-Komitees

Vernetzt statt nur verkabelt. Gemeinsam mit unseren Partnern beteiligen wir uns an Innovationsvorhaben und Forschungsprojekten zur Bewältigung zukünftiger Herausforderungen unserer wachsenden und dynamischen Metropole. So gestalten wir die Energiewende mit und arbeiten an der smarten Zukunft von Haushalten, Unternehmen und Institutionen für ein nachhaltiges Leben, Wirtschaften und Wirken in der Stadt.

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www.stromnetz.berlin

Mit welchen Experimenten wird EMIL starten?

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Raoux: Einige Experimente haben bereits im Januar 2016 begonnen, beispielsweise die Synthese von Nanopartikeln für Thermoelektrika und die Deposition und Charakterisierung dünner Schichten für die Photovoltaik, LEDs und die Leistungselektronik. Auch externe Nutzer waren schon in EMIL zu Gast. Nun sind eine gepulste Laserdepositionsanlage zur kombinatorischen Materialforschung für solare Brennstoffe und eine Anlage zur Deposition von Materialien für die Siliziumphotovoltaik in Betrieb gegangen. Diese Auflistung zeigt: In EMIL können wir sehr verschiedene Materialien umfassend untersuchen. Und das ist erst der Anfang. Wie können externe Forscher Messzeit in EMIL bekommen?

Raoux: Die EMIL-Strahlzeit kann über die gleiche Webplattform beantragt werden wie die Messzeit an BESSY II. Neue Nutzergruppen, zum Beispiel aus der Industrie, wollen wir zusätzlich mit Start-up-Experimenten zu EMIL locken. Sie sollen dabei einen sehr schnellen Zugang für erste kurze Untersuchungen bekommen. Aber auch unsere Depositionsanlagen, das Chemielabor und die nichtsynchrotronbasierte Analytik sollen Nutzern zur Verfügung stehen. Für diese komplexen Anlagen, die Spezialwissen in der Bedienung erfordern, entwickeln wir gerade zusammen mit der Nutzerkoordination geeignete„Buchungsmethoden“.

BILDER: HZB/FOTOGRAF H. G. CONRAD; HZB/A. KUBATZKI

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216,6 x 250 mm

Ulf Teichert


Wirtschaft

SPEZIAL | Anzeigen-Sonderveröffentlichung | 29. November 2016

Forschung & Innovation

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Hände weg vom Steuer! Autonomes Fahren – an dieser Vision wird auch in Berlin aktuell auf vielen Ebenen geforscht. Ein Statusanalyse.

2 5 JA H R E F I R S T S E N S O R AG

Unangepasste Geschwindigkeit, zu geringer Abstand, Abkommen von der Fahrspur: 90 Prozent aller Verkehrsunfälle sind auf menschliches Versagen zurückzuführen. Mit der Entwicklung innovativer Sensorlösungen für teil- und vollautomatisierte Fahrsysteme trägt First Sensor dazu bei, das Fahren sicherer zu machen.

BILD: DAIMLER AG

Wir sind dabei, wenn Mobilität neu definiert wird. Eine Bitkom-Umfrage ergab: Aktuell würden nur sieben Prozent der Befragten die Kontrolle über ihr Fahrzeug während der gesamten Fahrt abgeben

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in Mann verlässt das Haus, setzt sich in sein Auto, die nationale und internationale Automobilindustrie nennt Reiseziel und gewünschte Ankunftszeit. Die spezialisiert haben. Dazu gehören Firmen wie Carmeq Fahrt beginnt. Der Wagen parkt aus, fädelt sich oder IAV ‒ mit sehr engen Kontakten zu Berliner und in den fließenden Verkehr ein. Brandenburger Hochschulen. Eine halbe Stunde später verIAV etwa wurde 1983 von Prolangsamt es seine Fahrt auf der fessor Hermann Appel gegrünSuche nach einem Parkplatz. det, von 1972 bis 1989 Leiter des Bereits in zehn Jahren Als der gefunden ist, wird die Fachgebietes Kraftfahrzeuge könnte es die ersten Ankunft signalisiert. Der Mann an der Technischen Uniververlässt das Auto. Das wiedersität. Unlängst stellte IAV auf wirklich autonomen um verriegelt selbstständig die einem Flugplatz bei Chemnitz Fahrzeuge geben Türen, um anschließend ohne den Prototypen seines ersten Fahrgast in die Innenstadt zuautonom fahrenden Autos vor. rückzufahren. Schöne neue Welt. Seit 20 Jahren forscht die Firma Doch Autohersteller und IT-Industrie sind sich einig: Bis an Einparkhilfen, nun tüftelt sie quasi am Gehirn für zur Übernahme der Lenkräder durch Computer muss selbstfahrende Autos. Udo Wehner leitet bei IAV den noch viel in Forschung investiert werden. Fachbereich: „Ich halte es für möglich, dass man in zehn Jahren die ersten wirklich autonomen Fahrzeuge sieht, Das in Berlin ansässige Daimler Center for Automotive die in einem eingeschränkten Verkehr fahren. Von dort Information Technology Innovations ist für die Foraus werden wir uns Schritt für Schritt immer mehr dem Fahren in Stadtgebieten oder dem Überland nähern.“ schung ein gutes Beispiel. Im Rahmen diverser Projekte hat sich hier ein Team von Wissenschaftlern der TechniAssistenzsysteme und vernetzte Lösungen sollen dem schen Universität Berlin gefunden, das in Kooperation Menschen künftig Aufgaben im Cockpit abnehmen. mit der Frauenhofer Gesellschaft und den EntwickDas Auto bekommt Augen und Ohren, komplexe Techlungsabteilungen der Daimler AG tätig ist. „Der Weg nologien wie Radar-, Ultraschall- und Infrarotsensoren, zum autonomen Fahren ist ein schleichender ÜberStereokameras oder Laserscanner arbeiten zusammen, gang. Da wird es nicht den großen Knall geben“, ist sich um permanente Detailinformationen zu liefern. Um mit Vogelsang sicher. Der Juniorprofessor für Automotive der Entwicklung Schritt zu halten, richtete VW erst vor Software Engineering arbeitet mit seinen Kollegen an kurzem das sogenannte Digital Lab am Friedrichshainer der TU Berlin an zwei miteinander verknüpften TheOsthafen ein. Dort sollen zukünftig mehr als 100 Mitmenbereichen. In Sachen Straßensicherheit wird zum arbeiter die Digitalisierung des Konzerns vorantreiben. Einsatz der Kommunikation zwischen Fahrzeugen sowie zwischen Fahrzeugen und Infrastruktur geforscht. Doch die Mobilitätsforschung beschränkt sich nicht Zum anderen geht es um die Fragestellung, welche nur auf die Perspektive des Autofahrens. „Uns interAuswirkungen solche komplexen Funktionen wie das essieren ebenfalls das Mobilitätsverhalten von Menautonome Fahren auf den Systems Engineering Prozess schen und deren Entscheidungsgründe“, erklärt Dr. haben und wie sich dieser daher verändern muss. Ilja Radusch. Der Leiter der Abteilung Smart Mobility am Fraunhofer-Institut FOKUS sieht in Berlin viel BeDie Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg ist in den wegung: „Das Zusammenspiel von Lehre, Forschung, zurückliegenden Jahren zu einem bedeutenden StandIndustrie und einer lebendigen Start-up-Szene birgt ort für automotive Forschung und Industrie geworden. viel Potenzial.“ Das Problem für letztere sei eher die Ende 2015 waren rund 21.000 Mitarbeiter in der Branöffentliche Hand, die die Rahmenbedingungen che beschäftigt, ihre Zahl wächst jedoch beständig. setzt und innovative Ideen mit vielen langwierigen Das Spektrum reicht von der Entwicklung und HerGenehmigungsverfahren ausbremst. „Berlin“, so Rastellung kompletter Fahrzeuge bis hin zur Produktion dusch, „steht national und international im starken von Zubehörteilen. Neben internationalen Playern wie Wettbewerb um Start-ups und innovative Forschung. Mercedes Benz, BMW oder Continental agiert eine VielDie Stadt sollte sich darauf einstellen, entsprechend zahl innovativer kleinerer und mittlerer Firmen, die sich schnell und agil zu reagieren.“ Ulf Teichert auf spezielle Systemkomponenten und Bauteile für

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www.first-sensor.com

Das hauptstädtische Lab soll den gesamten Konzern mit neuen Ideen versorgen, an deren Ende Produkte herauskommen, die zum Beispiel Staus oder Unfälle vermeiden helfen. Hilfe bekommt VW vom US-amerikanischen Softwareanbieter Pivotal, der ein Dutzend seiner Experten in die Hauptstadt entsandt hat. „Wir unterstützen weltweit

führende Unternehmen dabei, mit einem modernen Ansatz selbst Software zu entwickeln, statt sie zu kaufen“, so PivotalChef Rob Mee. Und auch VWVorstandschef Matthias Müller hält das Berliner Zentrum für Softwareentwicklung für eine gute Sache: Es zeige, dass „das Riesenunternehmen Volkswagen“ auf einem guten Wege ist, sich zu transformieren.

BILD: VOLKSWAGEN AG

VOLKSWAGENS DIGITAL LAB AM BERLINER OSTHAFEN


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