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4 I KUR & VITAL

DIENSTAG, 7. FEBRUAR 2012 I VERLAGSBEILAGE

Zwischen Gesprächskreis und Ponyhof Die Mutter-Kind-Klinik „Waldfrieden“ in Buckow bietet Frauen eine Auszeit vom oft stressigen Alltag an

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us Mutterglück kann schnell Mutterstress werden – zum Beispiel durch die Doppelbelastung von Beruf und Kind oder durch Krankheiten. Das 1950 gegründete Müttergenesungswerk verhilft jährlich rund 47 000 Müttern und 68 000 Kindern zu einer Auszeit vom Alltag. 82 Mutter-KindKliniken in ganz Deutschland bieten ein Programm aus Sport, gesunder Ernährung und psychologischer Betreuung. Viele der Häuser liegen am Meer oder in den Bergen. Eine Ausnahme ist die MutterKind-Klinik „Waldfrieden“ im brandenburgischen Buckow, die sich auf die Behandlung von schwangeren Müttern spezialisiert hat. Die Gründerzeitvilla ist in den Hang hineingebaut. Vom Speisesaal im untersten Stock bis zu den Mansardenzimmern unterm Dach erstrecken sich sechs verwinkelte Stockwerke, mit Schwimmbad, Seidenmalatelier und Gymnastikraum. Solidarität führt zum Erfolg Im Dezember wurde das neu gebaute Kinderhaus, die „Murmelburg“, eröffnet, ein bunter kreisrunder Bau, in dem die Kinder- gruppen untergebracht sind. Zum Pflichtprogramm für Neuankömmlinge gehört die erste Vorstellungsrunde, das „Kurgruppentreffen“. Viele der Geschichten, die die 15 Frauen erzählen, ähneln sich. Sie klagen über die Doppelbelastung durch Kind und Beruf, flexible Arbeitszeiten, die sich nicht mit festen Kita-Zeiten verbinden lassen und die Tatsache, dass die helfenden Großeltern oft mehrere Stunden entfernt wohnen. Dazu kommen Einzelschicksale – ein Kind, das wegen Lebensmittelallergien kaum etwas essen kann, ein Mann der lebensbedrohlich erkrankt ist, der Schock, als Oma unverhofft selbst noch mal Mutter zu werden. Einigen versagt die Stimme, als sie ihre Probleme vor den anderen Frauen ausbreiten sollen, aber eine gewisse Nähe ist erwünscht, sagt Katja Wolle, die Leiterin der Klinik: „Der Austausch und die Solidarität zwischen den zum Teil sehr unterschiedlichen Frauen trägt mit zum Kurerfolg bei.“ Eine Konzertgeigerin ist unter den neu angereisten, eine Kindergärtnerin aus dem Ruhrpott, eine Thüringerin, die in einem Autohaus arbeitet, und eine angehende Schriftstellerin, die mit Mitte 20 schon berufsunfähig geschrieben ist. Das Muttersein ist der kleinste gemeinsame Nenner, den diese Frauen haben. Wo sich ihre Wege kreuzen, das bestimmt der Wochenplan, den jede Patientin ständig bei

Das Haus Waldfrieden ist eine von fünf Mutter-Kind-Kliniken in Deutschland, die schwangere Mütter aufnehmen. Sogar Hochschwangere sind willkommen. Lagerfeuer am See

Zur Erholung gehört auch, Zeit für sich und das Kind zu haben. Mutter-Kind-Kuren ermöglichen das. FOTOLIA/SVETLANA LUKIENKO

K U R A N T R A G Wer bewilligt den Antrag auf eine Kur? Nachdem der Hausarzt und möglichst auch der Kinderarzt die erforderlichen Atteste ausgestellt hat, muss die Krankenkasse die Maßnahme bewilligen. Wird der Kurantrag abgelehnt, lohnt ein Widerspruch. Dabei hilft unter anderem das Müttergenesungswerk: www.muettergenesungswerk.de, Tel. 030-330029-29 Bis zu welchem Alter können Kinder mitfahren? In der Regel bis zwölf, in besonderen Fällen bis zu 14 Jahre, Sonderregelungen für behinderte Kinder. Wer trägt welche Kosten? Die Krankenkasse übernimmt die Kosten bis auf einen Eigenanteil von zehn Euro pro Tag. Nach Erreichen der jährlichen Zuzahlungsgrenze von zwei beziehungsweise einem Prozent bei chronischen Erkrankungen entfällt die Zuzahlung. Für einkommensschwache Mütter kann sie seit diesem Jahr reduziert werden. Für drei Wochen Mutteroder Mutter-Kind-Kur werden einheitlich 220 Euro berechnet.

sich trägt. Hier trägt die Planerin und Diplompädagogin Evelyne Thamm für jede Frau maßgeschneiderte Anwendungen ein: Kneippgüsse und Packungen, Sportangebote wie Nordic Walking und Pilates und freiwillige Angebote wie das Nähatelier, das zweimal pro Woche angeboten wird. Es gibt Gesprächskreise zur „Kunst Nein zu sagen“ zu Themen rund um die Geburt und zur Stressvermeidung. Für die Kinder, die meist als gesunde „Begleitkinder“ mitreisen, werden mehrmals pro Woche Auflüge zum Ponyhof und Theaterworkshops angeboten. Das Angebot ist überwältigend. Nur eines gibt es nicht: Massagen. Das sei keine Kostenfrage, sondern eine bewusste Entscheidung, sagt Carla Heiduck, die die Physio-

therapieabteilung leitet: „Massagen sind schön, aber passiv. Wir wollen den Frauen lieber Instrumente beibringen, mit denen sie aktiv und auch zu Hause an ihren Problemen arbeiten können.“ Wer will, bekommt erklärt, wie er in der Dusche Kneippgüsse oder Bürstenmassagen durchführt. Gestresste lernen progressive Muskelentspannung und verspannte Rückenübungen für die richtige Haltung. Der ganze Stolz der Klinikleiterin Katja Wolle ist das Schwimmbad, das zusammen mit dem Bettentrakt vor vier Jahren an den Altbau angesetzt wurde. Mehrmals pro Woche finden Aquagymnastikkurse statt. Davon profitieren besonders die Schwangeren, die ein Drittel der Patienten ausmachen. Mit Blick auf den Buckowsee treiben die Mütter auf Schwimmnudeln durchs Becken, froh einen Teil des zusätzlichen Gewichts an das Wasser abgeben zu können.

Die Spezialisierung auf Schwangere hilft dem Haus Waldfrieden, sich gegen die Klinikkonkurrenz an Ostund Nordsee durchzusetzen. Und sie hat eine lange Tradition. Bereits zu DDR-Zeiten war das Haus ein Erholungsheim für „Schwangere mit schwacher Gesundheit“. Die schlossähnliche Architektur und die dicken Bäuche der Bewohnerinnen brachten dem Haus den Spitznamen „Murmelburg“ ein. Der Gynäkologe Volker Melchert betreut oft Frauen, die mehrere Fehlgeburten hatten, denen eine Frühgeburt droht, oder die durch die Übelkeit am Anfang der Schwangerschaft völlig geschwächt sind. Im Haus Waldfrieden wird ihnen das abgenommen, was den Alltag oft so belastend macht: Der Job, das Kochen, das Putzen, die Kinderbetreuung. Trotz aller Erleichterung: Eine Kur ist kein Urlaub, das betonen alle Mitarbeiter in Buckow. Der Übergang in den Kuralltag kann für Mutter und Kind belastend sein, sagt Katja Wolle, besonders in der ersten Woche. Ihr ist es wichtig, den Müttern und Kindern Angebote zu machen, wie sie ihre Zeit sinnvoll nutzen können. Einmal in der Woche gibt es ein Lagerfeuer am See, jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte im Kaminzimmer und das gemeinsame Plätzchenbacken kam so gut an, dass die Tradition über Weihnachten hinaus beibehalten wurde. „Man muss nicht immer viel Geld ausgeben, ins Shoppingzentrum gehen oder vorm Fernseher sitzen“, sagt Katja Wolle, „manchmal sind es ganz kleine Dinge, die zu schönen Erlebnissen werden.“ Im Idealfall hält die Wirkung der Kur bis zu zwei Jahren an. Die Pädagogin Evelyne Thamm bietet Frauen in der letzten Gruppenrunde stets an, eine Postkarte an sich selbst zu schreiben, die sie dann Monate später abschickt. Sie soll die Mütter an die guten Vorsätze erinnern, die sie in Buckow gefasst haben. Zum Beispiel regelmäßig Sport zu treiben oder sich Zeit für ein Hobby zu nehmen. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die helfen, dem eigenen Perfektionsdruck zu entkommen: einmal in der Woche Tiefkühlpizza statt Kochen oder eben die Betten nicht jeden Morgen machen. (fw.)

Kur & Vital  

Eine Sonderbeilage der Berliner Zeitung

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