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Berliner Zeitung · Nummer 239 · Montag, 14. Oktober 2013 – Seite 1

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Semesterstart INHALT

IMAGO

Student trifft Migrantenkind: In einem berlinweit einmaligen Projekt treffen Studenten mit Kindern aus Kreuzberger Schulen zusammen, um gemeinsam die Stadt kennenzulernen. Die Idee stammt aus Malmö. Die Kinder sollen angeregt werden, über ihren Kiez hinauszublicken. Freundschaften entstehen. Außerdem können die Studenten ihr Engagement als Studienleistung abrechnen. Seite 2

BERLINER ZEITUNG/STEFFI REEG

Das Berliner NightingaleProjekt bringt Studenten und Migrantenkinder zusammen. Teilen statt kaufen: Studenten haben oft nicht viel Geld und nicht viel Platz. Auch aus diesem Grund verbreitet sich das Prinzip des Leihens und Verleihens von Dingen. Forscher sehen in der Sharing Economy sogar einen Wertewandel. Seite 3 Plagiate und Plakate: Wie kann man verhindern, dass in studentischen Abschlussarbeiten geschummelt wird? Was bedeutet E-Learning, wie sollte man sich im Auslandssemester verhalten und warum hängen so seltsame Zettel am Schwarzen Brett der Uni? Um all das und mehr geht es in der kleinen Serie „Aus dem Uni-Leben“. Seiten 2 bis 8 Elfenbeinturm ist woanders: Frauenfußball, Mieterproteste und Katastrophenschutz – junge Berliner Wissenschaftler kümmern sich um ganz lebensnahe Fragen. Sie erzählen über Projekte, Probleme und Pläne. Seiten 4 und 5

Eine muss

DPA

die Erste sein

Frauenfußball ist das Forschungsthema einer jungen Doktorandin der Humboldt-Universität.

Studienanfänger aus Elternhäusern ohne akademische Tradition haben es an der Universität oft schwer VON NICOLA MENKE

Die anderen wissen oft auch nicht mehr Die gebürtige Nürnbergerin gehört zu jenen, die man in der Bildungsforschung als „First Generation Student“ bezeichnet. Sie ist die Erste aus ihrer Familie, die sich für ein Studium entschieden hat. Obwohl in der Bundesrepublik prinzipiell jeder Zugang zu den verschiedenen Bildungsstufen hat, gibt es noch immer große Unterschiede zwischen den sozialen Schichten. Während 80 von 100 Akademikerkindern die Hochschulreife erwerben, sind es nur 35 von 100 Nicht-Akademikerkindern. Von diesen entscheiden sich dann auch weniger dafür, ein Studium wirklich zu beginnen. Woran liegt das? „Es gibt nicht den einen verallgemeinerbaren Grund“, sagt Niklas Haarstick, ehrenamtlicher Mitarbeiter von Arbeiterkind.de, einer Non-Profit-Organisation zur Förderung des Hochschulstudiums von Nichtakademiker-Kindern. Seiner Meinung nach seien mehrere Dinge ausschlaggebend. Zunächst die persönliche Erfahrungswelt. Wenn alle Freunde und Bekannten Ausbildungsberufe wählten und niemand studiere, werde ein Studium oft gar nicht als wirkliche Option wahrgenommen. „Ich denke, dass Akademiker-Kinder von ihren Eltern oft aktiv zum Studium ermuntert oder vielleicht sogar gepusht werden“, sagt Theologieabsolvent Haarstick, der selbst ein Student erster Generation war. In nicht-akademischen Kreisen fehle dieser Impuls meist. Auch Vorbilder gebe es oft nicht. Viele sähen zudem einen Hochschulbesuch als zu teuer an. Über tatsächliche Kosten und Fördermöglichkeiten herrschten kaum Vorstellungen. Oft entschieden sich Schulabsolventen gegen ein Studium, „weil sie sich schlichtweg nicht zutrauen, es erfolgreich zu meistern“, sagt Steffen Schindler, Autor der 2012 publizierten Studie „Aufstiegsangst? Eine Studie zur sozialen Ungleichheit“. Akademikerkinder dagegen besäßenVor-

bilder, durch die sie wüssten, dass man ein Studium schon bewältigen kann. „Bei mir wäre es ja beinahe auch nichts geworden“, sagt Anna-Lena. Sie erinnert sich an ein Mädchen ihrer Klasse, das sich wie sie für Geschichte interessierte. „Sie hatte unglaublich gute Noten, aber so viel Angst, auf der Uni nicht klarzukommen, dass sie stattdessen lieber eine Lehre in einem Reisebüro begann.“ Ob ihre Klassenkameradin die Entscheidung inzwischen bereut hat, weiß sie nicht. Sie selbst ist jedenfalls froh, dass sie sich traute, ihrem Studienwunsch zu folgen. Trotz des nicht sehr einfachen Starts. „Ich war unter ziemlichem Druck“, sagt Anna-Lena. „Ich hatte das Gefühl, die anderen wüssten immer etwas mehr als ich, weil sie Eltern hatten, die mit ihnen über Philosophie oder Geschichte diskutierten oder ihnen teure Enzyklopädien kauften.“ Außerdem musste sie sehr sparsam leben, um den Geldbeutel ihrer Eltern nicht übermäßig zu strapazieren. Das war nicht einfach mit Kommilitonen, die schon gerne mal Party machten und essen gingen. Im Gespräch mit einer älteren Studentin, auch aus einer Nicht-Akademikerfamilie, wurde Anna-Lena dann klar, dass sie sich zu viele Sorgen machte, was das „Vorwissen“ der anderen anging.Von ihr hörte sie auch zum ersten Mal den Rat, Bafög zu beantragen. „Das hatte ich bis dato gar nicht versucht, weil ich fälschlicherweise dachte, man müsse nach dem Studium alles auf einen Schlag zurückzahlen.“

BLZ

A

nna-Lenas* Vater ist städtischer Beamter, ihre Mutter Verkäuferin. Als sich die 20-Jährige nach dem Abitur dafür entschied, Geschichte und Ethnologie zu studieren, kam das für einige Leute aus ihrem Umfeld überraschend. „Ich wurde ständig gefragt, warum – und was man damit überhaupt anfangen kann“, erzählt sie. „Einige meinten, da könnte ich mich doch gleich arbeitslos melden. Oder sie waren der Ansicht, dass das komplette Zeitverschwendung sei, und ich jetzt wohl total abheben würde.“ Anna-Lenas Eltern sahen das zwar nicht so, aber sie machten sich Sorgen wegen der Finanzierung des Studiums.„Ich konnte sie davon überzeugen, dass das eine Investition in meine Zukunft ist. Und durch das Bafög, das ich bekam, waren die Kosten dann letztendlich auch gar nicht so hoch“, sagt sie.

Beeindruckende Schätze: Meist denkt man beim Begriff Universität an große Hörsäle, kahle Seminarräume und Flure voller Studenten. Doch die Berliner Unis sind auch wahre Schatzkammern. Ihre Sammlungen beherbergen einmalige Abgüsse antiker Plastiken, medizinische Raritäten, aber auch das weltweit einzige Historische Archiv zum Tourismus. Seite 6

Einzigartige antike Plastiken finden sich in den Sammlungen der Universitäten. Und vieles mehr. Die beste Zeit des Lebens: Das Studium soll etwas Besonderes sein, voller Partys, Flirts, endloser Debatten in WG-Küchen. Zugleich muss man lernen, sich Berge von Wissen anzueignen, zu verarbeiten und wiederzugeben. Da drohen mitunter Lernund Schreibblockaden. Wie man mit alledem umgeht und dennoch Spaß hat, zeigt ein neues Handbuch. Seite 7

Berater für alle Studienfragen Es gehe darum, Schüler „zum Studieren zu ermutigen und ihnen vom Studieneinstieg bis zum Abschluss mit Rat und Tat zur Seite zu stehen“, sagt Niklas Haarstick von Arbeiterkind.de. Neben der Website gibt es ein 5 000-köpfiges Mentoren-Netzwerk mit bundesweit 70 lokalen Gruppen. Die meisten Mitarbeiter sind Studenten erster Generation. Sie organisieren Infoveranstaltungen, stehen als Ansprechpartner zur Verfügung. „Es gibt monatlich Sprechstunden. Man kann aber auch einfach über das Netzwerk oder das zentrale Infotelefon nach einer passenden Kontaktperson suchen und ein Gespräch vereinbaren“, sagt Haarstick. Er gehört zu den etwa 40 Ehrenamtlichen, die in Berlin beraten. Die Nummer des Infotelefons ist: 030/679 672 750. Als Anna-Lena studierte, gab es Arbeiterkind.de noch nicht. Manchmal hätte sie sich eine solche Anlaufstelle gewünscht, um Fragen loszuwerden, die sie sich anderswo lange nicht zu stellen traute, weil sie ihr dumm vorkamen. Oder um über die „Höllenangst“ davor zu sprechen, dass vielleicht doch alles eine Nummer zu groß für sie sein könnte. Geklappt hat es aber auch so. „Letztlich darf man sich nicht beirren lassen. Nur weil die Eltern von jemandem

studiert haben, heißt das nicht, dass er klüger ist. Als ich das kapiert hatte, lief alles viel stressfreier“, erzählt die 31-Jährige, die heute als Lektorin arbeitet. Aufstiegsangst erfolgreich besiegt – so könnte man resümieren. Damit dies noch viel mehr Nichtakademiker-Kindern gelingt, müsste sich bildungspolitisch mehr tun, meint Bildungsforscher Schindler: „Es geht nicht darum, das alle studieren. Aber es sollte für mehr Chancengleichheit gesorgt werden“, sagt er. Initiativen wie Arbeiterkind.de leisteten dazu fraglos ihren Beitrag. Um nachhaltig etwas zu bewirken, müsse man aber an den Schulen ansetzen und dafür sorgen, dass vorhandenes Potenzial noch stärker beachtet und gefördert wird. Und dass die Bildungsoption Studium möglichst früh Thema ist. * Name verändert

Keine Angst vor dem Abschluss: Viele Studenten beklagen das Phänomen. Psychologen nennen es „Angstaufschieberei“. Auf sich allein gestellt, entwickeln Studenten eine immer größere Scheu vor dem Studienabschluss. Sie lenken sich mit tausend Dingen ab und geraten in einen Kreislauf der Vermeidung. Seite 8

IMPRESSUM Torsten Harmsen (verantwortlich) Gestaltung: Christian Hoebbel Telefon: 23 27 56 75 torsten.harmsen@berliner-zeitung.de


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Semesterstart

Das Internet ersetzt heute für viele den Griff in den Bücherschrank. Der riesige Wissensspeicher ist großzügig und zugleich schonungslos. Denn wenn man bei einer wissenschaftlichen Arbeit die Zitierregeln missachtet, bleibt das nicht lange verborgen. Die Diagnose Plagiat steht schnell im Raum, auch wenn man „nur“ schlampig gearbeitet hat. Was kann der Student machen, um erst gar nicht in eine solche Falle zu tappen? Dazu befragten wir den Wirtschaftswissenschaftler Uwe Kamenz, der ein privates Institut namens ProfNet leitet, das für Internet-Marketing zuständig ist. Jüngst erregte der Dortmunder Professor Aufsehen, weil er einen Plagiatsverdacht gegen die Dissertation von Frank-Walter Steinmeier erhoben hat. Kamenz ist entsetzt über die hohe Anzahl der jährlichen Plagiatsfälle an den Hochschulen, die er auf mindestens 22 000

schätzt, von denen aber weniger als 1 000 aufgedeckt werden. Um dem entgegenzuwirken, hat er eine Software entwickelt, die Plagiate aufspüren soll. Seiner Meinung nach treten versehentlich gemachte Fehler nicht in dem Maße auf, dass dafür ein Titel aberkannt werden könnte. Eine bis zu 20prozentige Plagiatswahrscheinlichkeit sei normal, sagt er. Es gehe ihm eher darum, die Faulen zu entlarven. „Bisher ist der Ehrliche der Dumme, das ist ungerecht“, kritisiert er. Wer sichergehen möchte, dass seine Arbeit sauber ist, der kann sich eine Software herunterladen oder an Institute wenden, die sich auf die Identifizierung von Plagiaten spezialisiert haben. Bisher können nur Arbeiten im Textformat analysiert werden. Sobald mindestens sieben Wörter mit einer Internetquelle übereinstimmen, schlagen die Systeme Alarm. Kamenz ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass man damit einen Verdacht, aber noch kein Urteil habe. Absurderweise nutzen gerade Schummler die Prüf-Dienste, um zu testen, ob ihre Plagiate nachweisbar sind. Außerdem kommen die Programme meist nur denjenigen auf die Spur, die den einfachsten Weg gewählt, das

Neues Uni-Gründerhaus fördert Jungunternehmer Seit dem Sommer hat die Humboldt-Universität (HU) Berlin eine neue Adresse für studentische Jungunternehmer. In der Luisenstraße 53, nahe der Charité, entstand ein Gründerhaus mit acht Büros, 32 Arbeitsplätzen, einer Lounge, Seminar- und Konferenzräumen und einem Labor. Mit der sogenannten Spin-Off-Zone Mitte betreibt der HU-Gründungsservice nun das zweite Gründerhaus neben dem in Adlershof. Manager und Mentoren bieten Studenten – aber auch Absolventen und Forschern – Beratung und Hilfe, um erste Geschäftsideen zur Marktreife zu entwickeln. Das schließt unter anderem die Entwicklung eines Businessplans, die Suche nach Mitgründern, Fördermitteln und privatem Kapital ein. Seit 2005 wurden aus der Humboldt-Uni heraus 50 Start-up-Unternehmen mit mehr als 550 Arbeitsplätzen geschaffen. Näheres unter: www.spinoffzone.de. (har.)

Jura-Studenten beraten Kunden in der Rechtsklinik Bereits während ihres Studiums erhalten Jura-Studenten die Möglichkeit, juristisch zu praktizieren. Nach erfolgreichem Abschluss des ersten Jahrgangs stehen sie zur kostenlosen Beratung im Verbraucherrecht zur Verfügung. Wer also Probleme mit dem Kleingedruckten in Kaufverträgen, mit gestrichenen Flügen, unüberlegt getätigten Haustürgeschäften oder anderem hat, der kann sich an die Humboldt Consumer Law Clinic wenden. Das Problem sollte in einer E-Mail kurz geschildert werden, Adresse: hclc@rewi.hu-berlin.de. Nach einer Vorprüfung durch einen Professor erfolgt die Beratung in Teams mit je zwei Studenten, betreut durch einen zum Richteramt befähigten Volljuristen. Das Mietrecht bleibt ausgeschlossen. (BLZ)

Immer schön aufpassen! Denn „copy and paste“ lässt sich leicht nachweisen.

ihn noch bis Mai 2014 kostenlos nutzen. Allerdings ist das Angebot auf Abschlussarbeiten und eine Arbeit pro Person beschränkt. ProfNet braucht bis zu zehn Tage, um das Dokument zu analysieren. Grund ist, dass das Institut einen Wort-für-Wort-Vergleich durchführt. Es sucht nicht nur nach auffälligen Wortfolgen, sondern ermittelt auch Schlüsselwörter, anhand derer der mögliche Plagiator bei einer Datenbank gesucht haben könnte. Nach der Überprüfung stellt das Institut ein Zertifikat aus, das die Plagiatswahrscheinlichkeit anhand eines Ampelsystems bescheinigt, (unter 20 Prozent Grün, 20-50 Prozent Gelb, über 50 Prozent Rot). Kamenz will erreichen, dass Arbeitgeber langfristig einen solchen Qualitätsnachweis bei der Bewerbung einfordern. Als Fazit gilt immer noch das Prinzip: Intelligenz schlägt Software. Nichts kann die Analyse ersetzen, die der Korrektor mit genügend Zeit und Aufmerksamkeit an der Arbeit vornehmen kann. Denn ein Plagiatfindeprogramm macht auch nichts anderes, als öffentlich zugängliche Datenbanken wie Google oder Yahoo zu durchsuchen. Marie-Christine Kesting

Studenten verbringen Zeit mit Kreuzberger Schülern. Ihr Ehrenamt wird von der Hochschule als Studienleistung anerkannt V ON A NTJE S TIEBITZ

Konzept stammt aus Malmö Ein Bilderbuchbeispiel für das Berliner Nightingale-Projekt, das von der FU Berlin und der Kreuzberger Otto-Wels-Grundschule ins Leben gerufen wurde. „Anfang 2006 hat das Ganze mit sechs Tandems begonnen und inzwischen sind es 54“, erläutert die Projektleiterin und Erziehungswissenschaftlerin Petra Wieler, nicht ohne Stolz in der Stimme. Jedes Tandem besteht aus einem Studenten und einem achtbis zwölfjährigen Kind mit Migrationshintergrund. Das Konzept stammt aus dem schwedischen Malmö. Es will Kinder aus sozial schwachen oder bildungsfernen Familien fördern. Die Vision: Die Studenten bieten ihren Mentees ein positives Rollenvorbild. Diese Beziehung zueinander stärkt den Schülern den Rücken, dadurch verbessern sie ihre Schulnoten und studieren später vielleicht selbst. „Leider hat bislang noch niemand untersucht, inwieweit sich diese Erwartungen erfüllen“, sagt Alexandra Blankenburg, eine Koordinatorin des Nightingale-Programms. Dabei könnte ihr eine wissenschaftliche Evaluation auch bei der Suche nach Sponsoren helfen. Denn die Projekt-Verantwortlichen bangen fast jedes Jahr um ihre Mittel. Bislang förderten die Senatsverwaltung für Stadtent-

IMAGO/GERHARD LEBER

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ie Hälfte einer durchgeschnittenen Postkarte ist das Erkennungszeichen. Suchend blickt sich André Dressler auf dem Startfest des Nightingale-Projekts um. Er trägt Jeans, ein blaues T-Shirt und ist ein bisschen nervös. In der Hand hält er seinen Teil der Ansichtskarte. Welches der 54 Kinder in der Aula der Kreuzberger Bürgermeister-Herz-Grundschule hat die andere Hälfte? André Dressler studiert Chemie und Sozialkunde an der Freien Universität (FU) Berlin und möchte Gymnasiallehrer werden. Seine grünen Augen leuchten, wenn er sich an dieses erste Treffen erinnert: „Ich war ganz schön aufgeregt. Schließlich hatte ich mich für acht Monate als Mentor verpflichtet.“ Plötzlich steht der neunjährige Bünyamin mit der passenden Postkartenhälfte vor ihm, sein Mentee. „Er hat sofort ausgelotet, ob ich mich für Fußball, Tischtennis oder Legoland interessiere.“ Dresslers erster Eindruck: Der quirlige Junge freut sich riesig auf die kommende Zeit. Die beiden tauschen Telefonnummern aus und verabreden sich von nun an ein Mal in der Woche. Der Student aus Hellersdorf holt den Kreuzberger Jungen zu Hause ab und bringt ihn zum Abendessen wieder zurück. Zuerst nähern sich die beiden allmählich einander an, spielen Tischtennis, fahren auf den Fernsehturm. Da ist viel Sympathie füreinander, und schon bald schließen sie Freundschaft. Der langersehnte Wunsch Bünyamins: Legoland. Im Gegenzug muss der Viertklässler mit in die Nationalgalerie. „Da musste ich durchgreifen, aber es gab keine Diskussionen“, sagt der 24-Jährige schmunzelnd.

Von ihren Schützlingen lernen auch die engagierten Studenten Interessantes über andere Kulturen. wicklung und der Europäische Entwicklungsfonds das Mentoring. Studenten haben meistens einen vollen Stundenplan: Vorlesungen, Prüfungen, Praktika und Nebenjobs. Bleibt da noch Zeit für ehrenamtliche Arbeit? Eckhard Priller vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung weiß, dass die Zahl der Studenten, die sich ehrenamtlich engagieren, sinkt. Die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge haben den Leistungsdruck erhöht. Trotzdem: André Dressler war sofort Feuer und Flamme, als ihm eine Kommilitonin vom Nightingale-Projekt erzählte. Die Arbeit mit Kindern könnte ihn weiterbringen, war sein Gefühl. „Außerdem bin ich davon überzeugt, dass wir mit unserem Potenzial etwas in der Gesellschaft ausrichten können.“ Das haben inzwischen auch die Hochschulen verstanden und vergeben für ehrenamtliches Engagement „Credit Points“. Das Nightin-

gale- Mentoring wird als Praktikum oder Deutsch-Seminar anerkannt. Die Mentees des Berliner Projekts mit dem Untertitel „Hand-inHand“ sind in Kreuzberg aufgewachsen. Die meisten haben einen Migrationshintergrund und sind sozial benachteiligt. Die Lehrer verschiedener Kreuzberger Schulen suchen die Schützlinge aus und schlagen sie dem NightingaleTeam vor. „Wir bekommen zu jedem Kind einen kleinen Text, eine

PHILIPP GALOW

Mit einer zentralen Immatrikulationsfeier heißt die Humboldt-Universität (HU) Berlin am heutigen Montag, 14. Oktober, ihre neuen Studenten willkommen. Die Festrede hält Gesine Schwan, Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance. Die Veranstaltung beginnt um 17 Uhr im Audimax des Hauptgebäudes Unter den Linden 6. Die Technische Universität (TU) Berlin begrüßt am Montag, 21. Oktober, ab 12 Uhr, ihre Neuen mit dem traditionellen Erstsemestertag. Ort: TU-Hauptgebäude, Straße des 17. Juni 135. Unter anderem gibt es einen Willkommensbrunch, ein „Fußball Spezial“ mit Hertha-Manager Michael Preetz und einen TUInfo-Markt „Rund ums Studium“. An der Freien Universität (FU) gibt es in diesem Jahr keine zentrale Imma-Feier, teilt die Uni mit. Die Studenten werden in ihren Fachbereichen willkommen geheißen. Die Universität der Künste (UdK) wiederum stellt sich am 15. Oktober ihren neuen Studenten vor. Ab 14 Uhr gibt es im Konzertsaal in der Bundesallee 1-12 ein Bühnenprogramm von Studenten und Lehrenden. Eine Info-Börse beantwortet Fragen von A wie AStA bis Z wie Zulassungsbedingungen. (BLZ)

Plagiate kann man verhindern

heißt per „copy and paste“ eine Arbeit zusammengepuzzelt haben. Schon bei Übersetzungsplagiaten oder Paraphrasen werden Schwächen deutlich. Allgemein empfiehlt sich, bei kürzeren Texten eher eine Software herunterzuladen. Die kostenlosenTestversionen eignen sich leider nur für eine Länge zwischen 1 500 (plagiarism-finder.de) und 5 000 Zeichen (plagaware.de). Erst wenn man zahlt, können größere Texte analysiert werden. Auch wird erst dann die größtmögliche Genauigkeit gewährleistet (dustball.com/cs/plagiarism.checker). Wer bereit ist zu zahlen, dem sollten 200 Seiten à 250 Wörter 10 Euro wert sein (plagscan.com). Der User-Favorit ist allerdings die Software UN.CO.VER. Ihr Anbieter stellt sie kostenfrei zum Herunterladen zur Verfügung (zum Beispiel auf shareware.de oder freeware.de). Sie bewältigt auch größere Textdateien, allerdings wurde die Entwicklung inzwischen eingestellt. Für lange Texte und detailliertere Rückmeldung empfiehlt sich ein Einreichservice, wie ihn zum Beispiel das eingangs genannte ProfNet-Institut von Uwe Kamenz anbietet (profnet.de). Berliner Studierende können

Tandems mit Migrantenkindern

N A C H R I C H T E N ❖ Die Universitäten begrüßen ihre neuen Studenten

A U S D E M U N I - L E B E N

FOTOLIA

Spätestens seit dem Wirbel um die Doktorarbeiten von Guttenberg und Schavan hat die Debatte um Plagiate Einzug in die Unis gehalten. Auch Arbeiten von Studenten werden inzwischen verstärkt überprüft. Man kann sein Werk aber auch selbst testen, um ganz sicher zu gehen.

Jetzt werden gemeinsam Pläne gemacht: Ein neues Tandem hat sich gefunden.

Art Porträt“, erklärt Emely Menzel. Sie studiert Grundschulpädagogik, ist Mentorin und arbeitet gleichzeitig als studentische Hilfskraft im Projekt. „Wenn wir die Tandems zusammenstellen, berücksichtigen wir auch Wünsche.“ Manchmal sei es aber ganz schön kniffelig, die unterschiedlichen Charaktereigenschaften zu matchen, sagt die zierliche 23-Jährige und lacht. Bünyamin bewegt sich zwischen zwei Kulturen, konnte sein Mentor Dressler feststellen. So liebt er beispielsweise deutsche und türkische Fußballmannschaften. Und weil es die Mutter so will, ist er nur mit Deutsch aufgewachsen. Seine Freunde sprechen aber Türkisch. „Da gibt es viele türkische Einflüsse und gleichzeitig eine Mutter, die sich stark integrieren will“, sagt Dressler. Manchmal staunen Mentor und Mentee gleichermaßen. Etwa als sie mit der U1 über die Spree fahren und der Kleine mit großen Augen aus dem Fenster

Lernen durch soziales Engagement Sich ehrenamtlich als Student in Berlin zu engagieren, ist leicht und schwer zugleich. Leicht, weil es Tausende von Möglichkeiten gibt. Schwer, weil man erst einmal das Passende finden muss. Freiwilligenagenturen, die es in fast allen Berliner Bezirken gibt, bieten eine erste Anlaufstelle. Sie bündeln das ehrenamtliche Engagement im eigenen Kiez. berlin.de/buergeraktiv/engagement/ freiwilligenagenturen Die Agentur „Sternenfischer“ in Köpenick zum Beispiel vermittelt Interessierte an gemeinnützige Stellen und soziale Projekte. Von Lesepatenschaften über Tierfuttertafeln, bis zum Hospizdienst ist bei rund 400 Angeboten bestimmt für jeden etwas dabei. „Sternenfischer“ vergibt regelmäßig den „Stern des Monats“. sternenfischer.org Der freie Träger „kein Abseits! e. V.“ macht sich für Bildungs- und Integrationsprojekte stark. Jedes Jahr sucht er Mentoren, die sich, dem Nightingale-Projekt ähnlich, um Grundschüler kümmern. kein-abseits.de

Service-Learning heißt im Deutschen „Lernen durch Engagement“, kurz LdE. Die Methode verbindet gesellschaftliches Engagement mit dem Lernen. netzwerk-bdv.de/content/home/index.html servicelearning.de Studierende der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft betreiben eine Facebook-Seite mit dem Namen „Studierendeninitiative für wohltätige Arbeit“. Sie ist ein Umschlagplatz für freiwilliges Arbeiten, wie etwa Hausaufgabenhilfe. https://de-de.facebook.com/htwhilft Der gemeinnützige Verein „Einhorn“ konzentriert sich auf Hilfe für Kinder, Jugendliche und Behinderte. Er sucht Paten für seinen „Familienentlastenden Dienst“. Indem die Paten Behinderte betreuen, schenken sie den Familienangehörigen Zeit. deineinhorn.de Das Nightinggale-Projekt geht in diesem Semester in eine neue Runde. Bewerbungen bis 16. Oktober an: alexandra.blankenburg@fu-berlin.de. www.nightingale-projekt.de

blickt. „Da habe ich gemerkt, wow, der kennt das gar nicht. Er ist noch nie über die Grenzen Kreuzbergs hinausgekommen“, erinnert sich Dressler. Er zeigt dem Neunjährigen seine Studentenbude, die Hörsäle der Uni, stellt ihm sogar seine Eltern vor. Abends lädt ihn Bünyamins Mutter oft noch zum Essen ein. Solche Live-Eindrücke sind sowohl für den Mentor als auch für den Mentee etwas Besonderes. Wichtiges Element des Programms ist das Tagebuchschreiben. „Kinder brauchen einen lebendigen Grund um zu schreiben“, erläutert Petra Wieler. „Sie müssen über Dinge schreiben, die einen hohen emotionalen und kognitiven Effekt haben.“ Das heißt: Jedes Tandem sucht im Schreibwarenladen ein Tagebuch aus und schreibt ab sofort jede Aktivität auf. Eingeklebte Eintrittskarten, Fotos und Zeichnungen runden die Dokumentation ab. Das klingt einfach, ist aber oft schwer. „Es war mühsam, ihn dafür zu begeistern“, stöhnt Dressler. Gleiches galt für das Lesen. Manchmal habe er in der U-Bahn einfach ein Buch aus dem Rucksack gezogen und gelesen. „Ich wollte ihn nicht zum Lesen ermahnen, sondern zeigen, dass Lesen dazugehört.“ Mitmachen ist noch möglich Als studentische Hilfskraft hat Emely Menzel mit vielen Mentoren gesprochen. Und sie weiß, dass nicht jedes Tandem reibungslos funktioniert. Da gibt es Verständigungsprobleme, weil die Eltern kein Deutsch sprechen. Oder der Mentee muss auf seine kleinen Geschwister aufpassen, obwohl ein Treffen mit dem Mentor verabredet war. Oft sind die Kinder so schüchtern, dass es lange dauert, etwas aus ihnen herauszukitzeln. Ein Tandem löste sich auf, weil sich beide gegenseitig nicht mochten. Emely Menzel selbst hatte einmal mit einer übervorsichtigen Mutter zu tun. Sobald sie mit der kleinen Yasemin loszog, klingelte das Handy. „Die Mutter hat sich ständig eingemischt und wollte eigene Regeln aufstellen.“ Doch trotz aller Schwierigkeiten ist Menzel begeistert bei der Sache. Sie hat bereits zwei Mal am Nightingale-Projekt teilgenommen. Für ihre Mentees übernahm sie immer die Rolle der großen Schwester. Sie erkannte durch den Kontakt zu den Kindern auch, wie privilegiert sie selbst aufgewachsen ist. „Ich denke jetzt anders darüber nach, was für mich selbstverständlich ist.“ Und noch etwas hat sich für die Studentin verändert: Sie kann sich inzwischen gut vorstellen, später in Kreuzberg zu unterrichten. Das Nightingale-Projekt geht jetzt, bis zum Sommer 2014, in eine neue Runde. Das fünfköpfige Team führt bereits Bewerbungsgespräche.„Kinder gibt es viele, aber Mentoren gibt es nie genug“, sagt Alexandra Blankenburg. Interessierte Studenten müssen ein Motivationsschreiben und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Ende Oktober bilden sich die neuen Nightingale-Gespanne. Dann halten sie wieder die durchgeschnittenen Ansichtskarten hoch.


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Eigentlich ist es Verschwendung. Da grübeln Studenten monatelang an der Hausoder Abschlussarbeit, analysieren Texte, kommen zu interessanten Erkenntnissen, werfen neue Fragen auf – und dann? Das Ergebnis wird von maximal zwei Personen gelesen und landet in der Ablage. Eine viel bessere Möglichkeit haben sich Berliner Studentengruppen ausgedacht: Vortragsreihen von Studenten für Studenten. Das Konzept ist immer das gleiche. Ein oder zwei Studenten pro Veranstaltung präsentieren ihre Arbeiten. Danach ist Zeit, im Plenum darüber zu diskutieren. Die Vortragenden üben so, ihre Gedanken verständlich zu formulieren und vor Kritikern zu verteidigen. Das Publikum erfährt, was andere tun, und erhält Impulse für eigene Projekte. Eine dieser Reihen ist die „Sprechstunde“ der literaturwissenschaftlichen Institute an der Humboldt-Universität (HU).

Auf die Idee für diese Initiative kam die Germanistikstudentin Katharina Kreuzpaintner, nachdem sie eine Veranstaltung der „Student Lecture Series“, organisiert von HU-Studierenden der Kulturwissenschaften, besucht hatte. Diese gibt es bereits seit dem Sommersemester 2011. Wie gut das Konzept ist, blieb auch der Uni-Leitung nicht verborgen. Sie verlieh der Initiative den Humboldt-Preis für gute Lehre 2011. Warum gibt es das nicht auch für Literaturwissenschaftler?, fragte sich Katharina Kreuzpaintner. Sie erzählte Kommilitonen davon. Schnell stand fest, dass sie das Konzept auch an ihrem Fachbereich etablieren wollten. Nicht nur in der Germanistik, sondern offen für alle Philologien. Die Organisatoren hatten dabei noch etwas anderes im Sinn: „Die literaturwissenschaftlichen Institute sind an der HU sehr voneinander getrennt, man trifft sich nicht auf den Gängen“, sagt Katharina. „Wir wollten einfach mehr von den anderen mitbekommen.“ Mit zwei Kommilitoninnen ging sie zu Ethel Matala de Mazza, der Professorin, bei der die drei als studentische Mitarbeiterinnen tätig sind, um nach finanzieller Unter-

doch mal was

Leih dir

Nicht alles, was man braucht, muss man auch kaufen. Unter Studenten verbreitet sich die Sharing Economy V ON P AULINE K REBS

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BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK

as Problem kennt wohl jeder: Man kauft sich ein Malerset für die Renovierung der Bude oder ein Zelt und einen Campingkocher für den Urlaub. Doch dann braucht man die Sachen nur ein einziges Mal. Warum also gibt man sie nicht einfach an jemanden weiter, der sie gerade dringend braucht? „Sharing is Caring“ lautet ein zur Zeit sehr angesagtes Motto, auch unter Studenten. Denn Ko-Konsum spart Geld, ist umweltfreundlich und bringt Menschen zusammen.

Der Herbst ist da. Und vielleicht braucht ja jemand eine Höhensonne gegen die Erkältung samt Kuschelwesen. Der Leihladen (Leila) in Prenzlauer Berg bietet alles. Kinderwagen, Spiele und Tassen stapeln sich neben einem Schlauchboot, Gartenmöbeln und Babysitzen. Im Regal liegen Schlittschuhe, Bohrmaschinen, Brecheisen, Hammer, eine Schleifmaschine, Schraubenzieher und Kabelzangen. Auf den ersten Blick herrscht Chaos im Leihladen (Leila) in Prenzlauer Berg, Fehrbelliner Straße 92. Doch bald wird klar: Die Sachen sind nach Kategorien sortiert, in denen gestöbert werden darf. Das Konzept von Leila ist einfach: Wer einen Gegenstand in den Leihpool einbringt, darf sich für begrenzte Zeit kostenlos etwas anderes aussuchen. Es ist quasi eine Bibliothek der Dinge. „Besonders begehrt sind Umzugskartons und Werkzeug. Und im Sommer in der Festivalsaison auch Zelte oder Grillutensilien“, sagt Leila-Gründer Nikolai Wolfert. Entstanden ist seine Idee als Weiterentwicklung der vielen Umsonst-Läden, in denen Sachspenden gesammelt und verschenkt werden. „Dort sind die beliebtesten Dinge schnell weg, und es hat wieder nur einer was davon.Werden sie aber verliehen, profitieren mehrere Nutzer“, sagt Nikolai Wolfert, der seinen Laden auch als nachbarschaftlichen Treffpunkt begreift. Grundsätzlich geht es ihm und vielen seiner Besucher gar nicht um die geliehenen Gegenstände, sondern um ein neues gesellschaftli-

ches Bewusstsein – weg vom Überfluss, hin zu ökonomischem und ökologischem Denken. Denn wer braucht schon jeden Tag eine Bohrmaschine oder ein Gartenzelt? Dass sich solche Konzepte des intelligenten Konsums durchsetzen, hat mit einem Umdenken in der Gesellschaft zu tun, sagt der Neurobiologe Gerald Hüther, Professor an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Die Zeit der Einzelkämpfer sei vorbei, sagt er. „Die globale gesellschaftliche Transformation, die sich aktuell vollzieht, geht weg davon, Besitzstand anzuhäufen und ihn gegen andere zu verteidigen. Vielmehr wird ein Bewusstsein dafür entwickelt, wie viel mehr Menschen gemeinsam schaffen können.“ Die Gesellschaft, sagt Hüther, fange langsam an, sich wie ein Gehirn zu organisieren. Dort kommt es nicht auf die Menge der Zellen an, sondern darauf, wie gut die Teile miteinander vernetzt sind und kooperieren. Auch Statussymbole ändern sich. Während es früher noch wichtig war, schnell ein eigenes Auto zu besitzen, nutzen heute viele, vor allem junge Menschen das private Carsharing (nachbarschaftsauto.de oder autonetzer.de). Vor allem die großen Städte, in denen viele junge Menschen leben, bieten vielfältige Möglichkeiten des Ko-Konsums. „Studenten, die nicht so viel Geld haben, leihen sich gerne mal Dinge wie Trekkingrucksäcke oder einen Hammer“, sagt Philippe Birker. Er arbeitet für die Plattform peerby.com, die ursprünglich aus Holland kommt und seit kurzem ein deutsches Pendant mit Mitgliedern in Berlin eröffnet hat. Der virtuelle Marktplatz dient für alles Mögliche – vom Buch übers Fahrrad bis hin zum Computerspiel.

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Aus der Schublade aufs Podium

GETTY/ISTOCKPHOTO

Was passiert eigentlich mit studentischen Arbeiten nach Abgabe und Benotung? In der Regel nichts. Um das zu ändern, organisieren Berliner Studenten Vortragsreihen, bei denen nicht die Professoren, sondern sie selbst dozieren.

Es kann Spaß machen, andere an seinem Wissen teilhaben zu lassen.

stützung zu fragen. Da war es bereits Ende Juli. „Wir waren sehr spät dran mit unserem Call for Papers, aber es hat alles geklappt“, erzählt Dariya Manova, die ebenfalls von Anfang an dabei ist. „Es gab 15 Einsendungen, zehn wurden ausgewählt.“ Anfangs fiel es auf, dass es viel mehr Bewerbungen von männlichen als von weiblichen Studenten gab, obwohl Literaturwissenschaften hauptsächlich von Frauen studiert werden. Im zweiten Call for Papers wurden deshalb ganz gezielt Studentinnen aufgerufen teilzunehmen. Inzwischen ist das Verhältnis ausgeglichener. Auch die Vielfalt ist größer geworden. Im siebenköpfigen Organisationsteam der „Sprechstunde“ sind die Germanisten noch immer in der Mehrheit, doch es klappt immer besser, auch Studenten anderer Philologien anzusprechen. Die Unterschiede zur „Student Lectures Series“ sind klein, aber entscheidend: Die Kulturwissenschaftler organisieren ihre Reihe gemeinsam mit Dozenten. Bachelorstudierende können sogar einen Schein erwerben. Die Literaturwissenschaftler der „Sprechstunde“ werden zwar auch von den Instituten unterstützt, mit einem Raum und

etwas Geld, sind aber sonst unabhängig. Viele nutzen die Veranstaltungsreihe, um die Ergebnisse ihrer Bachelorarbeit einem größeren Publikum zu präsentieren. Aber auch Hausarbeiten bieten sich zum Vortrag an. Zu den Themen des letzten Semesters gehörten zum Beispiel die Märchen von Oscar Wilde, Weiblichkeitskonzepte bei Schiller oder die Funktion des Jagdmotivs bei Karen Blixen. Bei den Kulturwissenschaftlern ging es um die Figur des Sammlers bei Walter Benjamin oder den Umgang mit Fremdkonstruktionen des Islams im Theater. „Aufgeregt sind vorher alle, aber die Vorträge sind sehr professionell“, sagt Dariya Manova. Auch die Diskussionen hinterher seien immer sehr produktiv und kontrovers. „Die Hemmschwelle, etwas zu sagen, ist bei uns sehr viel niedriger als bei echten Konferenzen, vielleicht sogar als in manchem Seminar“, sagt Katharina Kreuzpaintner. Inzwischen ist man auch anderswo auf den Geschmack gekommen. An der Freien Universität gibt es seit dem Sommersemester 2013 die Vortragsreihe „Aus den Schubladen“ organisiert von Studierenden der Germanistik. Beate Scheder

Brotlose Kunst nützt auch was

Geisteswissenschaftler sollten sich möglichst früh auf den Job vorbereiten und für vieles offen sein

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a, was willst du denn damit später mal machen? Diese Frage hören viele, die sich für ein geisteswissenschaftliches Studium entscheiden. Und wirklich: Wie die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg errechnet hat, gab es im Jahre 2011 bundesweit lediglich 2 000 Stellenangebote, die sich explizit an Absolventen der Geisteswissenschaften richteten – eine Stelle auf fast 22 Hochschulabgänger in diesen Fächern. Andererseits sind auch nur wenige Geisteswissenschaftler arbeitslos gemeldet. „Der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler ist besser als sein Ruf“, sagt Ralf Beckmann von der Bundesagentur. Sie landeten allerdings öfter in Jobs, die mit ihrem

Fach nichts zu tun haben. „Für Geisteswissenschaftler ist es sehr wichtig, sich früh zu orientieren und auf den Berufseinstieg vorzubereiten“, rät ein Studienberater. Das sollte parallel zum Studium geschehen. Gut sei zum Beispiel, sich in Schlüsselkompetenzen zu schulen: in Kursen für Projekt- oder Konfliktmanagement, für interkulturelle Kompetenzen, Präsentationstechniken oder Rhetorik. So erhöhten sich die Chancen, dass es nach dem Studium mit einer Anstellung klappt. Auch Praktika sind sehr wichtig. Das kann die Politologin Rebekka Hannes aus Bonn nur bestätigen. Während ihres Studiums machte sie fünf Praktika bei verschiedenen In-

stitutionen. Bei einer davon, einer Organisation für internationale Bildungs- und Kulturpolitik, bekam sie dann ihren ersten festen Job. Doch sie erlebte auch, dass selbst mit den besten Referenzen die Zeit nach dem Abschluss zum Geduldsspiel werden kann. Eine Tätigkeit mit Lust finden „Ich habe mich damals auf alle möglichen Stellen beworben, auch als Sachbearbeiterin oder auf Assistenten-Jobs“, sagt sie. Es dauerte zehn Monate, die sie zum Teil mit einem weiteren Praktikum überbrückte, bis es mit der ersten richtigen Stelle funktionierte. Am meisten schätzt die Politologin die im

Studium erlernte Fähigkeit, sich schnell in unterschiedliche Themen einarbeiten zu können. „Ich habe auch gelernt, interdisziplinär zu denken.“ Andere schaffen sich ihr Berufsbild selbst, versuchen, mit interessanten Studienkombinationen – etwa Vergleichende Religionswissenschaft, Japanologie und Philosophie – eine Nische zu finden. Sie werden Berater, Medientrainer, irgendwas „zwischen Kunst, Kommunikation und Kultur“. Die festen Berufsbilder haben sich ohnehin nach und nach aufgelöst. Wer besonders glücklich ist, schafft es auf diese Weise, eine Tätigkeit zu finden, auf die er wirklich Lust hat. (dpa/BLZ) Anzeige

Boote, Buden, Ballkleider Registrierte Nutzer stellen eine Anfrage, und das Peerby-Team fragt Mitglieder in der Nähe, ob sie das Gesuchte verleihen. Findet sich jemand, tauschen Suchender und Verleiher ihre Kontaktdaten aus – und der Rucksack, der Hochdruckreiniger oder die Laubsäge wechseln kurzzeitig den Besitzer. „Wir schaffen mit einer virtuellen Plattform reale Begegnungen zwischen Menschen mit ähnlichen Interessen“, sagt Birker. Mittlerweile verleihen und vermieten viele sogar ihre privaten Klamotten (kleiderkreisel.de), ihre Boote (bootschaft.net) oder ihre Wohnungen (airbnb.de oder wimdu.com). Auch Designerkleider oder -taschen kann man sich leihen (pretalouer.de oder runawaybag.com). Die Motivation der Einzelnen sieht sicher ganz verschieden aus – Geld sparen, Ressourcen schonen, mit weniger Ballast leben. Doch eines ist sicher: Die Sharing Economy ist auf dem besten Wege, immer mehr Anhänger zu finden.

Für alle, die lieber ihre Bücher als ihr Konto studieren.

Das Konto für junge Leute ist das perfekte Konto. Es bietet immer genau das, was man im jeweiligen Alter gerade braucht. Und das Beste: Während des Studiums eröffnet, bleibt es bis zum 30. Geburtstag kostenlos. Informationen gibt es überall bei Ihrer Berliner Sparkasse oder im Internet unter www.berliner-sparkasse.de/jungeleute


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Berliner Zeitung · Nummer239 · Montag, 14. Oktober 2013

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Semesterstart

Studieren in Jogginghosen

Zum E-Learning gehört auch die möglichst anschauliche digitale Darstellung.

NACHRICHTEN ❖

Spielende

Jeder zweite Student strebt sicheren Arbeitsplatz an

Ein Kartenspiel, das mit Humor über Alzheimer aufklärt, hat in diesem Jahr den ersten Preis im Funpreneur-Wettbewerb der Freien Universität (FU) Berlin gewonnen. Mit demWettbewerb fördert die Uni Gründungsideen von Studenten. „Lug und Betrug im Altersheim“ heißt das Spiel des Teams LuBiA Games. Es nehme den Alltag älterer Menschen liebevoll auf’s Korn, teilt die FU mit. Das Spiel habe sich im Online-Shop und bei Hugendubel gut verkauft. Aus dem Erlös spendete das Team einen Euro pro Spiel an die Alzheimer Gesellschaft Berlin e. V., die Partner des Projekts war. Weitere Preise gingen an Studententeams, die individualisierte Namensaufkleber für Fahrräder oder einen Probierkorb mit Bierspezialitäten von Berliner Kleinbrauereien entwickelten. Beim mittlerweile 14. FunpreneurWettbewerb der FU mussten die Teilnehmer innerhalb von fünf Wochen mit fünf Euro Startkapital aus einer Idee ein Unternehmen gründen – unterstützt von Berliner Wirtschaftspaten. (har.)

Am liebsten fahren deutsche Studenten nach Großbritannien, gefolgt von den USA, Spanien, Frankreich, der Schweiz, Italien, Schweden, Australien, China und Irland. Für viele dieser Reisenden gibt ein Buch Verhaltensempfehlungen: Das große Knigge-Lexikon. Benimm von A–Z. Compact Verlag, München 2008. Weitere Ratschläge kann man im Internet finden. In Großbritannien zum Beispiel übersieht man schnell eine Kleinigkeit, die wichtig sein kann. Das so gerne benutzte Victory-Zeichen gilt als extreme Beleidigung, wenn die Handinnenseite zum Ausführenden zeigt. Lieber sollte man im Pub beim Bestellen der nächsten zwei Bier Daumen und Zeigefinger in die Höhe halten. Man vermeide es auch, Witze über das Königshaus zu machen – selbst wenn die Gastgeber es tun. Es ist immer gut, sich bescheiden zu geben – Understatement! –, sogar, wenn

man kurz vor der Nobelpreisverleihung steht. Oder vielleicht dann erst recht. In den USA wirkt vieles entspannter als bei uns. Man wird lockerer begrüßt, mit dem Vornamen angesprochen oder gefragt, wie es einem gehe. Darauf sollte man aber nicht ausführlich und schon gar nicht ehrlich antworten, wenn es einem nicht gut geht. Man bekunde lieber, dass alles bestens sei. Von der Lockerheit lasse man sich nicht täuschen. Dahinter geht es oft knallhart zu. Konventionen sind sehr wichtig, darunter Pünktlichkeit, Höflichkeit, die richtige Businesskleidung. Anzügliche Witze unterlasse man lieber. Falls man jemanden vom anderen Geschlecht näher kennenlernen will, was ja hierzulande etwas ungeordnet vor sich geht, sollte man sich auch auf feste Abläufe einrichten. Angeblich gilt die Drei-DatesRegel, nach der das erste Date niemals am Wochenende stattfinden soll. Man trifft sich in einer Bar, tauscht sich über Berufe, Bildung, Einkommen oder Freizeit aus und verabschiedet sich vor Mitternacht mit einem Küsschen auf dieWange.Vor dem zweiten Date ruft der Mann an. Die Frau muss

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Auswärts winken Fettnäpfchen

Um Gottes willen: Bitte so was nicht in China machen, schon gar nicht bei Tisch.

Frauen und protestierende Mieter

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ehr als 1 600 Doktortitel werden jährlich an den Berliner Universitäten verliehen. Viele Promotionsstudenten beschäftigen sich mit lebensnahen Themen und suchen nach Lösungen für Fragen unserer Zeit. Zu ihnen gehören Lisa Vollmer, Friederike Faust und Lars Döhling. Die drei jungen Wissenschaftler, die aus unterschiedlichen Disziplinen stammen, sind auf dem besten Weg, Forschungslücken zu schließen. Sie kennen aber auch die Hürden auf dem Weg zum Doktortitel: Man braucht viel Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen. Lisa Vollmer, 26, promoviert über Mieterproteste in Berlin und New York: Manchmal stimmt es wirklich: Die besten Themen findet man auf der Straße. Lisa Vollmer ist es passiert. Sie stieß eben dort auf das Forschungsobjekt ihrer Dissertation. Am 3. September 2011 nahm sie an einer Demonstration gegen MietBERLINER ZEITUNG/G. ENGELSMANN

Lisa Vollmer forscht in einem Graduiertenkolleg an der TU Berlin. steigerungen teil. Mit dem Ruf „Hopp, hopp, hopp: Mietenstopp“ zogen 3 000 Menschen durch Kreuzberg, Neukölln und Mitte. „Ich war sehr überrascht“, sagt Lisa Vollmer. „Nicht, weil ich nicht wusste, dass es eine Wohnungsproblematik in Berlin gibt, aber es hat mich erstaunt, dass so viele und vor allem so unterschiedliche Leute bereit waren, dafür auf die Straße gehen.“ Die Studentin zögerte nicht lange und machte sich daran, einen Antrag zu schreiben – zeitgleich zu ihrem Masterabschluss. Die Doppelbelastung zahlte sich aus. Mit ihrem Thema „The Making of Political Subjects: Tenant Protests in Berlin and New York“ erhielt die Studentin einen Platz im Graduiertenkolleg „Die Welt in der Stadt. Globalisierung und Metropolitanität in historischer Perspektive“. Seit Mai 2012 ist sie eine von zwölf Doktoranden in dem Kolleg, das an die TU Berlin angebunden ist. Lisa Vollmer absolvierte nach ihrem Bachelorabschluss in Bremen ein Masterstudium in Historischer Urbanistik am Center for Metropolitan Studies der TU. Ihre Abschlussarbeit handelte von historischen Mieterprotesten in Berlin. Zuvor hatte sie bereits eine Hausarbeit über die Tradition der Mieterproteste in New York verfasst. Nach all dem Historischen wollte sie nun eine Analyse der aktuellen Bewegungen anschließen, und zwar als Gegenüberstellung der beiden Metropolen. Das bot sich an. Zum einen, weil an dem besagten Gradu-

iertenkolleg neben Unis aus Toronto auch welche aus New York beteiligt sind. Zum anderen können aus einem Vergleich der beiden Städte mit ihren unterschiedlichen Protestkulturen mehr Erkenntnisse gewonnen werden als aus einer Einzelanalyse. Vollmer traf mit ihrem Thema einen Nerv. „Ich hatte großes Glück“, sagt sie. „Als ich den Antrag geschrieben habe, gab es weder Kotti & Co. noch das Bündnis ,Zwangsräumung verhindern‘.“ Das öffentliche Interesse an den Initiativen helfe ihr nun, wenn sie Kontakte suche. Gerade Kotti & Co, die Kreuzberger Initiative, bei der sich Bewohner und Sympathisanten gegen Mieterhöhungen im sozialen Wohnungsbau wehren, ist ein gutes Beispiel für das, was Vollmer interessiert. Denn konkret versucht die Doktorandin herauszufinden, ob sich durch Mieterproteste tatsächlich neue Koalitionen bilden. „Einerseits überwinden diese Proteste Gräben zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, von der klassischen urbanen Unterschicht, bis hin zur Mittelschicht und über migrantische Hintergründe hinweg“, sagt sie. Die Proteste bildeten aber auch Koalitionen quer über alte politische Schranken – von konservativeren Kreisen über die Stadtteilinitiativen bis zur radikalen linken Szene. Das sei eine Entwicklung, die man so bisher noch nicht kannte. Lisa Vollmer erforscht auch, inwiefern die Beteiligten ihr Handeln von ganz persönlichen Interessen abstrahieren und als politisch begreifen. Im empirischen Teil untersucht sie Demonstrationen, Mietertreffen und andere Protestformen mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung und interviewt Aktivisten. Die Forschungsphase in New York hat sie im Frühling dieses Jahres abgeschlossen, momentan liegt ihr Fokus wieder auf Berlin. Wenn sie gerade nicht in New York ist, Demonstrationen beobachtet oder Interviews führt, teilt sich Vollmer ihr Büro mit zwei Kommilitonen, die wie sie am Graduiertenkolleg promovieren. Neben der Möglichkeit, problemlos für einige Zeit an einer Partneruniversität in New York zu forschen und Reisekosten erstattet zu bekommen, sieht sie darin den größten Vorteil des Graduiertenkollegs: „Es ist toll, nicht alleine zu sein, sondern elf Leute zu haben, die im genau gleichen Stadium sind wie man selbst“, sagt sie. Man könne sich austauschen. Schließlich sei die Promotion eine schwierige Phase, die viel Selbstverantwortung und Disziplin fordere. Manchmal braucht man dann einfach jemanden, bei dem man seinen Frust loswerden kann. Eine akademische Laufbahn kann sich Lisa Vollmer durchaus vorstellen, auch wenn sie weiß, wie beschwerlich der Weg dorthin ist. Sie versucht sich diese Perspektive offenzuhalten, geht auf Konferenzen und übernimmt Lehraufträge. Noch muss sich die 26-Jährige nicht entscheiden. Jetzt geht es erst einmal darum, während der drei Jahre, die sie im Graduiertenkolleg finanziert ist, möglichst weit zu kommen und zumindest die Feldforschung abzuschließen.

DPA/TOBIAS HASE

V ON B EATE S CHEDER

Der Frauenfußball ist auch ein Thema, mit dem sich junge Berliner Forscher beschäftigen. Hier trainiert die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft in München, Foto vom Juni 2013. Friederike Faust, 29, untersucht Frauenfußball aus geschlechterpolitischer Perspektive: Im Juli 2013 gewann die deutsche Nationalmannschaft die Frauenfußball-Europameisterschaft zum achten Mal. Grund zum Jubeln? Nun ja. Noch immer ist Frauenfußball klischeebehaftet. Sportlich wird er oft nicht ernst genommen, fast jede Spielerin hat bereits sexistische Diskriminierungen erfahren. Nur langsam scheint sich etwas zu verändern. Warum eigentlich? Und was hat der Sport mit der Ausbildung einer Geschlechtsidentität zu tun? Frauenfußball gehört zu den wissenschaftlich vernachlässigten Themen. Es wird Zeit, das zu ändern, fand Friederike Faust und hat ihre Doktorarbeit im Fach Europäische Ethnologie an der HU Berlin thematisch auf dem (Frauen-)Fußballfeld angesiedelt. Während ihres Studiums in Heidelberg lag der Fokus der Studentin auf Migration. Ihre Magisterarbeit schrieb sie über die Identität junger Musliminnen in Deutschland. Eigentlich wollte sie auch in diese Richtung promovieren. Auf der Suche nach einem Mikrokosmos, der die Problematik greifbar macht, kam sie auf das Thema Sport. Sie recherchierte hin und her, lernte schließlich eine Frauen-Fußball-

Organisation kennen, die sich über den Sport für internationale Geschlechtergerechtigkeit, Emanzipation und Frauenrechte einsetzt, und beschloss, diese unter die Lupe zu nehmen. Je länger sie sich mit dem Verein beschäftigte, desto mehr reizten sie neue Fragen jenseits von Migration. „Innerhalb eines Monats habe ich das Thema immer weiter entwickelt und bin jetzt bei der Fragestellung, wie man mittels Sport, konkret Fußball, geschlechterpolitisch handeln kann“, erklärt sie. Der Entschluss, zu promovieren, stand indes für sie schon lange fest. Die wissenschaftliche Arbeit liegt ihr. „Es macht mir total Spaß, mich mit Dingen, die mir im Alltag begegnen, wissenschaftlich auseinanderzusetzen“, sagt die Doktorandin. Was für viele Studenten ein Graus ist – alleine in der Bibliothek über einer Hausarbeit zu brüten –, ist für Friederike Faust genau das Richtige. „Ich hatte einfach den Wunsch, mich über eine längere Zeit mit einem Thema zu beschäftigen und wirklich einmal das Gefühl zu haben, es komplett aufzuarbeiten.“ Im Januar 2012 fand sie ihre Betreuung und entwickelte ihr Thema, im Oktober schrieb sie sich ein, seit April dieses Jahres hat sie ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung. „Wer individuell promoviert,

muss sich gut selbst organisieren können“, findet die 29-Jährige. Damit ihr das leichter fällt, sucht sie aktiv den Austausch mit anderen. Sie nutzt den Doktorandenarbeitsplatz in ihrem Institut, trifft sich mit einer Gruppe anderer Wissenschaftler, die wie sie ethnographisch zu Sport forschen oder geforscht haben, und besucht die Veranstaltungen der Heinrich-Böll-Stiftung und ihres Instituts. Ein starkes persönliches Interesse am Thema hilft natürlich auch. Was sie am Fußball als Wissenschaftlerin reizt, erklärt Faust so: „Fußball ist in Deutschland die Sportart, die am meisten Aufmerksamkeit bekommt, wo das meiste Geld reingesteckt und der größte Hype gemacht wird.“ In einer Ge-

Friederike Faust schreibt ihre Doktorarbeit an der Humboldt-Uni.

sellschaft, die immer noch stark patriarchal strukturiert sei, hätten es Frauen besonders schwer, in diesen Bereich hineinzukommen. Am Fußball könne man besonders gut verfolgen, wie sich geschlechterpolitische Aktivitäten manifestieren. Den Hauptteil ihrer Arbeit nimmt die empirische Forschung ein. Sie verbringt viel Zeit mit der Frauen-Fußball-Organisation, wird Teil davon, arbeitet mit und lernt so, die Funktionslogiken zu verstehen. Alles, was sie bemerkt, wird in ausführlichen Feldnotizen festgehalten. Zusätzlich führt sie biografische Interviews, macht Bildanalysen und wertet E-Mails, Facebookund Internet-Auftritte aus. Diese Methode, genannt teilnehmende Beobachtung, bedeutete für Faust aber auch eine sportliche Herausforderung: Sie begann selbst mit dem Fußballspielen. Lars Döhling, 33, entwickelt Software fürs Katastrophenmanagement: Etwas zu entwickeln, das wirklich benutzt wird und nicht einfach in der Schublade landet, ist für junge Wissenschaftler ein Traum. Lars Döhling hat diesen bereits mit seiner Studienarbeit verwirklicht. Darin entwickelte der Informatiker eine Software, die nach Erdbeben alle relevanten Informationen zu-

nicht rangehen.Wenn sie es aber tut und zusagt, ist die nächste Stufe erreicht. Beide gehen nun in ein teureres Restaurant. Danach sind Zärtlichkeiten erlaubt. Angeblich soll es nach dem dritten Date zum Geschlechtsverkehr kommen. Man darf mehrere Leute parallel daten. Wer aber darauf besteht, für gewisse Zeit das sexuelle Monopol zu haben, spielt „nach europäischen Regeln“. In Spanien sollte man Einladungen nie ausschlagen – es aber vermeiden, sich zu betrinken. Schon ein kleiner Schwips gilt als anstößig. Geduld sollte man immer mitbringen, Unpünktlichkeit tolerieren. Vieles geht langsamer. Abendliche Essen beginnen spät (frühestens 21 Uhr) und enden oft erst um Mitternacht. Im Restaurant bezahlt einer immer eine Runde. Nur Studenten begleichen allein ihre eigene Rechnung. Chinesen wiederum sind oft sehr zurückhaltend. Wenn man sich aber für sie interessiert und sie näher kennenlernt, sind sie sehr humorvoll und freundschaftlich. Man sollte aber einige Dinge vermeiden, die bei uns selbstverständlich sind. Sich die Nase am Essentisch mit einem Taschentuch zu putzen, gilt zum Beispiel als eklig. Dazu

Reisen mindert die Neurosen Wer im Ausland studiert, hilft seiner Persönlichkeit auf die Sprünge

sammensucht – auf Mausklick und ohne zeitaufwändige Recherche. Equator hat er das Programm genannt, das heute zum Instrumentarium des Geoforschungszentrums Potsdam (GFZ), gehört. Es ist ein Content-Management-System, mit dem man nach einem Erdbeben Daten, Meldungen und andere Informationen aufspüren und bündeln kann, um sie schnell an Hilfsorganisationen oder Geowissenschaftler weitergeben zu können. Das passiert unter anderem über Schlüsselbegriffe, die zur Suche im Internet, in Geoinformationsdiensten, globalen und lokalen Medien eingesetzt werden. Bevor es Equator gab, musste diese Arbeit von einer Person verrichtet werden. Sie musste selbst recherchieren, die Infos per Copy und Paste ins Worddokument stellen und als Sammelmail abschicken. Das war ebenso umständlich wie zeitaufwändig. „Equator hat sich damit beschäftigt, Texte überhaupt erst mal zu sammeln“, erklärt Lars Döhling. Seine Diplomarbeit baute darauf auf. Seine Dissertation wiederum beschäftigt sich damit, diese Texte zu analysieren und auch Twitter mit dazuzunehmen. „Alle versuchen gerade, soziale Netzwerke als Quelle für sich zu nutzen“, sagt Döhling. Er hat übrigens bereits selbst ein Erd-

beben miterlebt, in Costa Rica. Es hatte die Stärke 4,5, und er spürte es nur, weil er gerade im Bett lag. Schon seine Diplomarbeit war an das Graduiertenkolleg Metrik angedockt, das seinen Sitz an der Humboldt-Universität hat und ein Gemeinschaftsprojekt mit anderen Instituten ist, unter anderem dem Deutschen Geoforschungszentrum Potsdam. Jetzt promoviert Döhling hier auf dem Gebiet des Katastrophenmanagements. Andere Graduierte forschen zu Flugrobotern, Kommunikationsnetzwerken oder Frühwarnsystemen. 2011 fing der 33-Jährige mit seiner Promotion an. Es ergab sich zufällig, dass in dem Graduiertenkolleg Metrik, wo auch seine Diplomarbeit angesiedelt war, eine neue Einstellungsphase begann. „Das hat einfach gepasst“, sagt Döhling. Sein Diplomarbeitsbetreuer habe gerade einen Doktoranden gesucht. „Und mich kannte er ja bereits.“ Obwohl er es als Doktorand eines Graduiertenkollegs nicht muss, gibt Döhling selbst Seminare und betreut sogar Abschlussarbeiten, die dann der zuständige Professor abnimmt. Auch für Döhlings eigene Forschung kann das von Vorteil sein, weil er so Teilaspekte, für deren Untersuchung ihm die Zeit fehlt, an die Studierenden auslagern kann. Jetzt kommt er langsam in die heiße Phase, der Druck verstärkt sich. „Zum Ende hin wird es immer schwierig“, sagt er. Man müsse sich sehr stark fokussieren und damit klarkommen, dass gewisse Dinge nicht perfekt erforscht oder ausgearbeitet seien. Es heiße, sich aufs große Ganze zu konzentrieren und das dann auch noch niederzuschreiben. Gerade für Naturwissenschaftler, die das Schreiben langer Texte nicht so sehr gewohnt sind, ist das eine Herausforderung. Leicht kann man sich dabei verzetteln, und auch das Schreiben selbst liegt nicht jedem. Der Informatiker kommt jedoch gut zurecht, und im Zweifel habe er ja noch seinen Betreuer, der ihm mit Rat und Tat zur Seite stehe. An eine akademische Laufbahn nach dem Doktor glaubt Döhling

AKUD/LARS REIMANN

Studenten gewinnen mit Alzheimer-Kartenspiel

Jeder dritte Student geht für ein Semester, einen Sprachkurs oder ein Praktikum ins Ausland. Dabei gibt es nicht nur Organisatorisches und Fachliches, sondern auch Kulturelles zu beachten. Wer das nicht tut, tapst nicht selten in Fettnäpfchen.

Gerade noch Student und fast schon Doktor: Junge Berliner Forscher stellen sich aktuellen, lebensnahen Fragen. Drei von ihnen erzählen über ihre Projekte, ihr Studium und ihre Pläne für die Zukunft

Mensa der Humboldt-Uni öffnet wieder Das Zelt-Provisorium auf dem Hof der Humboldt-Universität (HU) unter den Linden ist Geschichte. Nach mehrjähriger Bauzeit hat die Uni am 7. Oktober die Mensa im Westflügel ihres Hauptgebäudes wieder in Betrieb genommen. Diese verfügt jetzt über 540 Plätze auf zwei Etagen. Das Studentenwerk Berlin wird als Betreiber täglich 3 000 Essen ausgeben. Täglich sollen bis zu fünf Hauptgerichte zur Auswahl stehen, auch für Vegetarier und Veganer. Geöffnet ist die Mensa montags bis freitags, 7.30-18.30 Uhr. Mittagessen: 11-14.30 Uhr. (BLZ)

das Ganze wird aufbereitet, mit interaktiven Elementen wie Diskussionsforen oder auch Prüfungen versehen und in alle Welt versendet. Moocs sollen das Wissen der besten Universitäten noch in den hintersten Winkel der Welt bringen. Auch wenn man in der sibirischen Provinz oder auf einer ozeanischen Insel lebt, kann man auf diese Weise in Harvard studieren, Voraussetzung ist, man verfügt über einen Internetanschluss. Deutschland hinkt in dieser Entwicklung noch hinterher. Nur an einzelnen Hochschulen gibt es Moocs bereits. Eine Übersicht bietet die Plattform iversity.org. Dennoch: Nicht für jeden ist E-Learning der beste Weg. Allein vor dem Rechner sitzend, kann man sich leider auch sehr gut vom Lernen ablenken, mit sozialen Netzwerken zum Beispiel. Außerdem sind Studierende immer noch soziale Wesen, die Universitäten nicht nur wegen der Lehrveranstaltungen besuchen. So ausgetüftelt ein E-Learning-Angebot auch sein mag, es ersetzt nicht den direkten Austausch mit den Dozenten und Kommilitonen. Mit wem soll man denn sonst nach dem Seminar noch einen Kaffee trinken gehen? Beate Scheder

AKUD/LARS REIMANN

Was kommt nach dem Studium? Die Frage stellt sich wohl jeder Student. Sechs Bachelorsemester sind schnell vergangen. Noch ein Master obendrauf – und man ist vielleicht schon auf dem Weg zur Führungsposition. Doch dieses Ziel streben nur 29 Prozent aller Studenten an. Besonders viele – 46 Prozent – sehnen sich vor allem nach einem sicheren Arbeitsplatz. Das hat eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Universum Communications unter 22 700 Studenten ergeben. Sie zeigt, dass die Jobsicherheit für junge Leute immer wichtiger wird. Noch vor fünf Jahren legten nur 37 Prozent der Studenten darauf ganz besonderen Wert. Ganz oben steht für die Befragten des Jahres 2013 übrigens eine gute Mischung von Arbeit und Leben (Work-Life-Balance). 51 Prozent sehen sie als sehr wichtig an. Nur 20 Prozent finden selbstständiges Arbeiten besonders reizvoll, 22 Prozent streben eine internationale Karriere an, und 35 Prozent wünschen sich einen intellektuell anspruchsvollen Job. (har.)

ning-Angebote an der FU. In Einführungsveranstaltungen des Marketingprofessors Michael Kleinaltenkamp zum Beispiel bringt man sich die Theorie in web-basierter Gruppenarbeit selbst bei. Die Vertiefung und Übertragung des Gelernten auf die Praxis steht dann im gemeinschaftlichen Unterricht auf dem Stundenplan. Im Jurastudium können sich schon Studienanfänger an eigenen Fällen versuchen. Das Projekt Culpanet von Professor Ignacio Czeguhn macht es möglich – mittels Wiki, Lückentexten und Diskussionsforen. Auch die TU, die HU und andere Hochschulen bieten Kurse, Tutorien und Lehrplattformen online an. Sie basieren oft auf sogenannten MoodleSystemen, digitalen Lernoberflächen. Mit diesen kommt man – keine Sorge – auch ohne besondere IT-Kenntnisse zurecht. Ein internationaler Trend, der aus den USA stammt, sind offene Online-Kurse, sogenannte Moocs (Massive Open Online Courses). Jeder kann sich dafür einschreiben und Zertifikate der Institute erwerben. Wie das funktioniert? Ein möglichst charismatischer und zugleich renommierter Professor nimmt seine Vorlesung auf Video auf,

Lars Döhling promoviert im HU-Graduiertenkolleg Metrik. dennoch nicht so ganz. Man müsse dafür nicht nur gut sein, sondern auch noch Glück mit dem Timing haben, sagt er. „Für eine Juniorprofessur zum Beispiel muss im Anschluss nach dem Doktor, innerhalb der nächsten ein, zwei Jahre, etwas Passendes frei werden, sonst schließt sich ein Zeitfenster.“ Hier gilt eine Sechsjahresfrist, und die ist schwer zu schaffen. Zum Glück hat Lars Döhlig als Informatiker noch viele andere Möglichkeiten.

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eisen bildet. Ein Auslandsstudium ganz besonders, und zwar nicht nur geistig. Die Psychologin Julia Zimmermann von der Universität Jena wollte wissen, ob ein Auslandsaufenthalt auf die Persönlichkeitsentwicklung ähnlich einschneidend wirkt, wie andere bedeutsame Ereignisse, zum Beispiel die erste Partnerschaft oder der Einstieg ins Berufsleben. Sie befragte im Laufe eines Studienjahres mehr als 1 000 Studenten von gut 200 deutschen Hochschulen. Den Studenten, die in dieser Zeit Auslandserfahrungen sammelten, stand eine Kontrollgruppe ohne Auslandsaufenthalt gegenüber. Wie die Psychologin herausfand, unterschieden sich die Gruppen schon vor der Abreise. Alle Ausreisewilligen waren sozial interaktiver: Geselligkeit, Herzlichkeit und Durchsetzungsfähigkeit waren bei ihnen besonders stark ausgeprägt. Einen Unterschied fand Zimmermann aber auch noch zwischen den Studenten, die ein oder zwei Semester im Ausland bleiben wollten: Während sich die Halbjährigen durch „besonders ausgeprägte Gewissenhaftigkeit“ auszeichneten, wiesen die Ganzjährigen besonders hohe „Offenheitswerte“ auf. Das Auslandsstudium selbst hinterließ klare Spuren im Persönlichkeitsprofil. Die ohnehin aufgeschlosseneren Auslandsstudenten waren noch offener geworden, verträglicher und wiesen eine starke Abnahme ihrer neurotischen Eigenschaften auf. Das heißt, sie waren weniger ängstlich oder sozial befangen. „Die Effekte waren unabhängig von der geplanten Aufenthaltsdauer und zeigten sich konsistent in den beiden Auslandsgruppen“, sagt Julia Zimmermann. Bei den Ganzjahres-Studenten war dieser Effekt am stärksten. Die Ergebnisse beweisen nach Zimmermanns Meinung insgesamt die sehr positive Wirkung von Auslandsaufenthalten junger Menschen „nicht nur im Hinblick auf Fremdsprachenkenntnisse und Karriereoptionen, sondern auch im Sinne einer persönlichen Reifung“. Ausschlaggebend dafür seien vor allem die „spezifischen sozialen Kontakterfahrungen“ die ein Auslandsaufenthalt ermöglicht. Diese internationalen sozialen Kontakte seien das, was die Persönlichkeit der mobilen Studenten so positiv präge, sagt Zimmermann. Hier schnitten die Reiselustigen zehnmal besser ab als die Nicht-Reisenden. Die Psychologin plädiert deshalb dafür, auch weiterhin großzügig Auslandsstudien zu unterstützen, wie dies derzeit etwa über Erasmus möglich ist. Rund 200 000 Studenten ermöglicht das Brüsseler Programm jährlich ein Studium im europäischen Ausland.

geht man auf die Toilette. Im Gegenzug sollte man das Schmatzen und Schlürfen der Gastgeber ignorieren, das beim Essen auftritt, weil es Zeichen des Wohlgeschmacks ist. Man darf mit vollem Mund reden – eigentlich ein Paradies für Kinder. Gegenüber der eigenen Person ist Bescheidenheit angebracht. Offener Streit ist verpönt. Chinesen goutieren es, wenn man bemüht ist, sich in die Beweggründe anderer einzufühlen und die Harmonie zu wahren. Offene Kritik ist tabu, weil es einen Verlust der Ehre bedeutet, wenn man auf offensive Art bloßgestellt wird. Im Nahverkehr dagegen braucht man ein dickes Fell. Da geht es oft nicht besonders höflich zu. Aberglaube ist weit verbreitet. Beim Essen sollte man zum Beispiel die Reisstäbchen nie so in den Reis hineinstecken, dass sie stehenbleiben. Das gilt als böses Omen, weil dies nur bei einer Beerdigung gemacht wird. Die Zahl 14 bringt Unglück. Die Zwei gilt als Glückszahl. Geschenke sollte man möglichst rot, rosa oder gelb einpacken. Aber bitte nichts mit roter Tinte raufschreiben – das bedeutet, dass man eine Verbindung beenden möchte. Torsten Harmsen

Ankunft im fremden Land Die Berliner Unis versuchen mit vielfältigen Angeboten ausländischen Studenten das Einleben zu erleichtern V ON N ICOLA M ENKE

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twa 26 000 Studenten in Berlin kommen aus dem Ausland – das ist jeder sechste. „Sie sind oft zum ersten Mal auf sich allein gestellt und dazu auch noch in einem fremden Land“, sagt Fred Mengering, der an der Technischen Universität (TU) Berlin internationale Studierende betreut. Viele hätten Heimweh, hinzu kämen bürokratische Hürden, Probleme mit der Sprache, dem Klima, der Wohnungs- oder Jobsuche. „Unser Ziel ist es, den Kulturschock der ausländischen Studierenden zu mindern, sie zu unterstützen, wo immer es nötig und möglich ist, und ihnen dabei zu helfen, sich einzuleben“, sagt Stephanie Kutschmann, Präsidentin des Internationalen Clubs der Freien Universität (FU). Auch an den anderen Hochschulen gibt es Unterstützungsangebote, etwa den Internationalen Club „Orbis Humboldtianus“ an der Humboldt Universität (HU) oder die International Offices der Universität der Künste (UdK) und der AliceSalomon-Hochschule (ASH). Die Organisationen werden teils studentisch, teils universitär getragen und setzen auf verschiedenen Ebenen an. Eine ist die klassische Beratung. „Man kann uns in studienbezogenen Fragen konsultieren, wie etwa der nach einer sinnvollen Studienorganisation“, sagt Fred Mengering von der TU-Betreuungsstelle. Rat gibt es aber auch bei Fragen zum Aufenthaltsrecht, der Wohnungssuche oder bei Problemen mit Ämtern. Wenn ein Student mit seinem Anliegen an anderer Stelle besser aufgehoben ist, wird er weiterverwiesen – bei seelischen Problemen etwa an den Psychologen. An den anderen Unis sieht es ähnlich aus, wobei auch Studenten Studenten beraten, wie etwa im Internationalen Club der FU. Um die Eingewöhnung zu erleichtern, gibt es fächerübergreifende Einführungsevents, bei denen die Neu-Immatrikulierten den Campus und ihre Fachbetreuer kennenlernen. Auch Will-

kommenspartys sind eine gute Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen. Das jedem offenstehende Veranstaltungsprogramm umfasst neben Stammtischen oder Kulturabenden auch Ausflüge in die Region. Die Aktivitäten böten ausländischen Studenten „eine Plattform zum Austausch und zum Schließen von Freundschaften“, sagt Stephanie Kutschmann von der FU. Sie hätten eine integrative Wirkung, weil die Studenten auf diese Weise auch in Kontakt mit Einheimischen kämen. Diese Annäherung sei sehr wichtig für ein wirkliches Einleben. Die Unis versuchen auch zu helfen, wenn es dabei zu Verständnisproblemen kommt. Sie klären Missverständnisse auf, die

AFP/JOHN MACDOUGALL

A U S D E M U N I - L E B E N

GETTY/FUSE

So bequem kann das Studieren heute sein: Man lümmelt sich in der Jogginghose auf dem Sofa der WG-Küche und verfolgt bei einer Tasse Beuteltee die Einführungsvorlesung auf seinem Laptop. Hat man eine Frage, stellt man sie seinem Prof im Chat oder im Diskussionsforum. Noch ist dieses Szenario eher die Ausnahme, doch das Studieren ganz ohne Internet ist mittlerweile undenkbar geworden. Ein Laptop oder ein PC mit Wlan-Anschluss gehören ebenso zur Grundausstattung wie Stift und Papier. Denn egal, ob es um Absprachen mit Professoren, Recherche für Hausarbeiten oder den Austausch von Seminarunterlagen geht, das World Wide Web regelt alles. In der Lehre heißt das Zauberwort E-Learning. Um die Jahrtausendwende prophezeiten Experten enthusiastisch, das webbasierte Lernen würde die Lehre revolutionieren und die Präsenzuniversität nahezu ersetzen. Eingetreten ist das bisher nicht.

Heute sieht man das Thema pragmatischer. Eigenständiges Studieren am Bildschirm entspricht dem flexiblen Lebens- und Lernstil. Wo es sich anbietet, ergänzen multimediale Vor- und Nachbereitungstools Seminare und Vorlesungen. Der Vorteil: Studenten können büffeln, wann und wo sie wollen, in der U-Bahn, bei den Eltern, im Park, allein oder in Gruppen. Nebenbei steigert das digitale Lernen die Medienkompetenz. Manchmal geht es ganz profan darum, Skripte von einem Server abrufen zu können, anstatt stundenlang vor dem Kopierer in der Bibliothek herumstehen zu müssen. Anderswo werden virtuelle Seminare samt Videokonferenz abgehalten. Auch die Berliner Hochschulen integrieren immer mehr E-Learning-Angebote in die Vorlesungsverzeichnisse. Sinnvoller als reines E-Learning ist meist die Kombination von Präsenz-Unterricht und digitalen Lerneinheiten. Blended Learning nennt man das. Darauf setzt unter anderem die Freie Universität (FU), die mit dem Projekt „Leon – Learning Environment Online“ den Bereich des digitalen Lernens noch weiter ausbauen möchte. Schon heute gibt es vorbildliche E-Lear-

GETTY/BLEND IMAGES RM

E-Learning ist aus der Uni-Lehre nicht mehr wegzudenken. Auch an Berliner Hochschulen gibt es immer mehr Lehrangebote, die ganz oder zum Teil via World Wide Web stattfinden.

Jeder sechste Studierende in Berlin kommt aus dem Ausland. sich aus interkulturellen Unterschieden ergeben – wie etwa der Eindruck, dass Deutsche unfreundlich oder desinteressiert seien, weil sie Fremden gegenüber eher reserviert sind. Sie unterstützen in kulturspezifischen Fragen. Bei Sprachproblemen können Sprachstammtische und -cafés, Tandemprogramme oder die Kurse der Sprachzentren helfen. Näheres zu den Betreuungsangeboten findet sich auf den Onlineseiten der Universitäten und ihrer Auslandsämter. Nützliche Informationen unter: www.studentenwerk-berlin.de/ berlin/international/timeline/ index.html oder: www.studieren-inbb.de/rund-ums-studium/ auslaendische-studierende Anzeige

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Berliner Zeitung · Nummer239 · Montag, 14. Oktober 2013

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Semesterstart

Studieren in Jogginghosen

Zum E-Learning gehört auch die möglichst anschauliche digitale Darstellung.

NACHRICHTEN ❖

Spielende

Jeder zweite Student strebt sicheren Arbeitsplatz an

Ein Kartenspiel, das mit Humor über Alzheimer aufklärt, hat in diesem Jahr den ersten Preis im Funpreneur-Wettbewerb der Freien Universität (FU) Berlin gewonnen. Mit demWettbewerb fördert die Uni Gründungsideen von Studenten. „Lug und Betrug im Altersheim“ heißt das Spiel des Teams LuBiA Games. Es nehme den Alltag älterer Menschen liebevoll auf’s Korn, teilt die FU mit. Das Spiel habe sich im Online-Shop und bei Hugendubel gut verkauft. Aus dem Erlös spendete das Team einen Euro pro Spiel an die Alzheimer Gesellschaft Berlin e. V., die Partner des Projekts war. Weitere Preise gingen an Studententeams, die individualisierte Namensaufkleber für Fahrräder oder einen Probierkorb mit Bierspezialitäten von Berliner Kleinbrauereien entwickelten. Beim mittlerweile 14. FunpreneurWettbewerb der FU mussten die Teilnehmer innerhalb von fünf Wochen mit fünf Euro Startkapital aus einer Idee ein Unternehmen gründen – unterstützt von Berliner Wirtschaftspaten. (har.)

Am liebsten fahren deutsche Studenten nach Großbritannien, gefolgt von den USA, Spanien, Frankreich, der Schweiz, Italien, Schweden, Australien, China und Irland. Für viele dieser Reisenden gibt ein Buch Verhaltensempfehlungen: Das große Knigge-Lexikon. Benimm von A–Z. Compact Verlag, München 2008. Weitere Ratschläge kann man im Internet finden. In Großbritannien zum Beispiel übersieht man schnell eine Kleinigkeit, die wichtig sein kann. Das so gerne benutzte Victory-Zeichen gilt als extreme Beleidigung, wenn die Handinnenseite zum Ausführenden zeigt. Lieber sollte man im Pub beim Bestellen der nächsten zwei Bier Daumen und Zeigefinger in die Höhe halten. Man vermeide es auch, Witze über das Königshaus zu machen – selbst wenn die Gastgeber es tun. Es ist immer gut, sich bescheiden zu geben – Understatement! –, sogar, wenn

man kurz vor der Nobelpreisverleihung steht. Oder vielleicht dann erst recht. In den USA wirkt vieles entspannter als bei uns. Man wird lockerer begrüßt, mit dem Vornamen angesprochen oder gefragt, wie es einem gehe. Darauf sollte man aber nicht ausführlich und schon gar nicht ehrlich antworten, wenn es einem nicht gut geht. Man bekunde lieber, dass alles bestens sei. Von der Lockerheit lasse man sich nicht täuschen. Dahinter geht es oft knallhart zu. Konventionen sind sehr wichtig, darunter Pünktlichkeit, Höflichkeit, die richtige Businesskleidung. Anzügliche Witze unterlasse man lieber. Falls man jemanden vom anderen Geschlecht näher kennenlernen will, was ja hierzulande etwas ungeordnet vor sich geht, sollte man sich auch auf feste Abläufe einrichten. Angeblich gilt die Drei-DatesRegel, nach der das erste Date niemals am Wochenende stattfinden soll. Man trifft sich in einer Bar, tauscht sich über Berufe, Bildung, Einkommen oder Freizeit aus und verabschiedet sich vor Mitternacht mit einem Küsschen auf dieWange.Vor dem zweiten Date ruft der Mann an. Die Frau muss

A U S D E M U N I - L E B E N

Auswärts winken Fettnäpfchen

Um Gottes willen: Bitte so was nicht in China machen, schon gar nicht bei Tisch.

Frauen und protestierende Mieter

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ehr als 1 600 Doktortitel werden jährlich an den Berliner Universitäten verliehen. Viele Promotionsstudenten beschäftigen sich mit lebensnahen Themen und suchen nach Lösungen für Fragen unserer Zeit. Zu ihnen gehören Lisa Vollmer, Friederike Faust und Lars Döhling. Die drei jungen Wissenschaftler, die aus unterschiedlichen Disziplinen stammen, sind auf dem besten Weg, Forschungslücken zu schließen. Sie kennen aber auch die Hürden auf dem Weg zum Doktortitel: Man braucht viel Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen. Lisa Vollmer, 26, promoviert über Mieterproteste in Berlin und New York: Manchmal stimmt es wirklich: Die besten Themen findet man auf der Straße. Lisa Vollmer ist es passiert. Sie stieß eben dort auf das Forschungsobjekt ihrer Dissertation. Am 3. September 2011 nahm sie an einer Demonstration gegen MietBERLINER ZEITUNG/G. ENGELSMANN

Lisa Vollmer forscht in einem Graduiertenkolleg an der TU Berlin. steigerungen teil. Mit dem Ruf „Hopp, hopp, hopp: Mietenstopp“ zogen 3 000 Menschen durch Kreuzberg, Neukölln und Mitte. „Ich war sehr überrascht“, sagt Lisa Vollmer. „Nicht, weil ich nicht wusste, dass es eine Wohnungsproblematik in Berlin gibt, aber es hat mich erstaunt, dass so viele und vor allem so unterschiedliche Leute bereit waren, dafür auf die Straße gehen.“ Die Studentin zögerte nicht lange und machte sich daran, einen Antrag zu schreiben – zeitgleich zu ihrem Masterabschluss. Die Doppelbelastung zahlte sich aus. Mit ihrem Thema „The Making of Political Subjects: Tenant Protests in Berlin and New York“ erhielt die Studentin einen Platz im Graduiertenkolleg „Die Welt in der Stadt. Globalisierung und Metropolitanität in historischer Perspektive“. Seit Mai 2012 ist sie eine von zwölf Doktoranden in dem Kolleg, das an die TU Berlin angebunden ist. Lisa Vollmer absolvierte nach ihrem Bachelorabschluss in Bremen ein Masterstudium in Historischer Urbanistik am Center for Metropolitan Studies der TU. Ihre Abschlussarbeit handelte von historischen Mieterprotesten in Berlin. Zuvor hatte sie bereits eine Hausarbeit über die Tradition der Mieterproteste in New York verfasst. Nach all dem Historischen wollte sie nun eine Analyse der aktuellen Bewegungen anschließen, und zwar als Gegenüberstellung der beiden Metropolen. Das bot sich an. Zum einen, weil an dem besagten Gradu-

iertenkolleg neben Unis aus Toronto auch welche aus New York beteiligt sind. Zum anderen können aus einem Vergleich der beiden Städte mit ihren unterschiedlichen Protestkulturen mehr Erkenntnisse gewonnen werden als aus einer Einzelanalyse. Vollmer traf mit ihrem Thema einen Nerv. „Ich hatte großes Glück“, sagt sie. „Als ich den Antrag geschrieben habe, gab es weder Kotti & Co. noch das Bündnis ,Zwangsräumung verhindern‘.“ Das öffentliche Interesse an den Initiativen helfe ihr nun, wenn sie Kontakte suche. Gerade Kotti & Co, die Kreuzberger Initiative, bei der sich Bewohner und Sympathisanten gegen Mieterhöhungen im sozialen Wohnungsbau wehren, ist ein gutes Beispiel für das, was Vollmer interessiert. Denn konkret versucht die Doktorandin herauszufinden, ob sich durch Mieterproteste tatsächlich neue Koalitionen bilden. „Einerseits überwinden diese Proteste Gräben zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, von der klassischen urbanen Unterschicht, bis hin zur Mittelschicht und über migrantische Hintergründe hinweg“, sagt sie. Die Proteste bildeten aber auch Koalitionen quer über alte politische Schranken – von konservativeren Kreisen über die Stadtteilinitiativen bis zur radikalen linken Szene. Das sei eine Entwicklung, die man so bisher noch nicht kannte. Lisa Vollmer erforscht auch, inwiefern die Beteiligten ihr Handeln von ganz persönlichen Interessen abstrahieren und als politisch begreifen. Im empirischen Teil untersucht sie Demonstrationen, Mietertreffen und andere Protestformen mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung und interviewt Aktivisten. Die Forschungsphase in New York hat sie im Frühling dieses Jahres abgeschlossen, momentan liegt ihr Fokus wieder auf Berlin. Wenn sie gerade nicht in New York ist, Demonstrationen beobachtet oder Interviews führt, teilt sich Vollmer ihr Büro mit zwei Kommilitonen, die wie sie am Graduiertenkolleg promovieren. Neben der Möglichkeit, problemlos für einige Zeit an einer Partneruniversität in New York zu forschen und Reisekosten erstattet zu bekommen, sieht sie darin den größten Vorteil des Graduiertenkollegs: „Es ist toll, nicht alleine zu sein, sondern elf Leute zu haben, die im genau gleichen Stadium sind wie man selbst“, sagt sie. Man könne sich austauschen. Schließlich sei die Promotion eine schwierige Phase, die viel Selbstverantwortung und Disziplin fordere. Manchmal braucht man dann einfach jemanden, bei dem man seinen Frust loswerden kann. Eine akademische Laufbahn kann sich Lisa Vollmer durchaus vorstellen, auch wenn sie weiß, wie beschwerlich der Weg dorthin ist. Sie versucht sich diese Perspektive offenzuhalten, geht auf Konferenzen und übernimmt Lehraufträge. Noch muss sich die 26-Jährige nicht entscheiden. Jetzt geht es erst einmal darum, während der drei Jahre, die sie im Graduiertenkolleg finanziert ist, möglichst weit zu kommen und zumindest die Feldforschung abzuschließen.

DPA/TOBIAS HASE

V ON B EATE S CHEDER

Der Frauenfußball ist auch ein Thema, mit dem sich junge Berliner Forscher beschäftigen. Hier trainiert die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft in München, Foto vom Juni 2013. Friederike Faust, 29, untersucht Frauenfußball aus geschlechterpolitischer Perspektive: Im Juli 2013 gewann die deutsche Nationalmannschaft die Frauenfußball-Europameisterschaft zum achten Mal. Grund zum Jubeln? Nun ja. Noch immer ist Frauenfußball klischeebehaftet. Sportlich wird er oft nicht ernst genommen, fast jede Spielerin hat bereits sexistische Diskriminierungen erfahren. Nur langsam scheint sich etwas zu verändern. Warum eigentlich? Und was hat der Sport mit der Ausbildung einer Geschlechtsidentität zu tun? Frauenfußball gehört zu den wissenschaftlich vernachlässigten Themen. Es wird Zeit, das zu ändern, fand Friederike Faust und hat ihre Doktorarbeit im Fach Europäische Ethnologie an der HU Berlin thematisch auf dem (Frauen-)Fußballfeld angesiedelt. Während ihres Studiums in Heidelberg lag der Fokus der Studentin auf Migration. Ihre Magisterarbeit schrieb sie über die Identität junger Musliminnen in Deutschland. Eigentlich wollte sie auch in diese Richtung promovieren. Auf der Suche nach einem Mikrokosmos, der die Problematik greifbar macht, kam sie auf das Thema Sport. Sie recherchierte hin und her, lernte schließlich eine Frauen-Fußball-

Organisation kennen, die sich über den Sport für internationale Geschlechtergerechtigkeit, Emanzipation und Frauenrechte einsetzt, und beschloss, diese unter die Lupe zu nehmen. Je länger sie sich mit dem Verein beschäftigte, desto mehr reizten sie neue Fragen jenseits von Migration. „Innerhalb eines Monats habe ich das Thema immer weiter entwickelt und bin jetzt bei der Fragestellung, wie man mittels Sport, konkret Fußball, geschlechterpolitisch handeln kann“, erklärt sie. Der Entschluss, zu promovieren, stand indes für sie schon lange fest. Die wissenschaftliche Arbeit liegt ihr. „Es macht mir total Spaß, mich mit Dingen, die mir im Alltag begegnen, wissenschaftlich auseinanderzusetzen“, sagt die Doktorandin. Was für viele Studenten ein Graus ist – alleine in der Bibliothek über einer Hausarbeit zu brüten –, ist für Friederike Faust genau das Richtige. „Ich hatte einfach den Wunsch, mich über eine längere Zeit mit einem Thema zu beschäftigen und wirklich einmal das Gefühl zu haben, es komplett aufzuarbeiten.“ Im Januar 2012 fand sie ihre Betreuung und entwickelte ihr Thema, im Oktober schrieb sie sich ein, seit April dieses Jahres hat sie ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung. „Wer individuell promoviert,

muss sich gut selbst organisieren können“, findet die 29-Jährige. Damit ihr das leichter fällt, sucht sie aktiv den Austausch mit anderen. Sie nutzt den Doktorandenarbeitsplatz in ihrem Institut, trifft sich mit einer Gruppe anderer Wissenschaftler, die wie sie ethnographisch zu Sport forschen oder geforscht haben, und besucht die Veranstaltungen der Heinrich-Böll-Stiftung und ihres Instituts. Ein starkes persönliches Interesse am Thema hilft natürlich auch. Was sie am Fußball als Wissenschaftlerin reizt, erklärt Faust so: „Fußball ist in Deutschland die Sportart, die am meisten Aufmerksamkeit bekommt, wo das meiste Geld reingesteckt und der größte Hype gemacht wird.“ In einer Ge-

Friederike Faust schreibt ihre Doktorarbeit an der Humboldt-Uni.

sellschaft, die immer noch stark patriarchal strukturiert sei, hätten es Frauen besonders schwer, in diesen Bereich hineinzukommen. Am Fußball könne man besonders gut verfolgen, wie sich geschlechterpolitische Aktivitäten manifestieren. Den Hauptteil ihrer Arbeit nimmt die empirische Forschung ein. Sie verbringt viel Zeit mit der Frauen-Fußball-Organisation, wird Teil davon, arbeitet mit und lernt so, die Funktionslogiken zu verstehen. Alles, was sie bemerkt, wird in ausführlichen Feldnotizen festgehalten. Zusätzlich führt sie biografische Interviews, macht Bildanalysen und wertet E-Mails, Facebookund Internet-Auftritte aus. Diese Methode, genannt teilnehmende Beobachtung, bedeutete für Faust aber auch eine sportliche Herausforderung: Sie begann selbst mit dem Fußballspielen. Lars Döhling, 33, entwickelt Software fürs Katastrophenmanagement: Etwas zu entwickeln, das wirklich benutzt wird und nicht einfach in der Schublade landet, ist für junge Wissenschaftler ein Traum. Lars Döhling hat diesen bereits mit seiner Studienarbeit verwirklicht. Darin entwickelte der Informatiker eine Software, die nach Erdbeben alle relevanten Informationen zu-

nicht rangehen.Wenn sie es aber tut und zusagt, ist die nächste Stufe erreicht. Beide gehen nun in ein teureres Restaurant. Danach sind Zärtlichkeiten erlaubt. Angeblich soll es nach dem dritten Date zum Geschlechtsverkehr kommen. Man darf mehrere Leute parallel daten. Wer aber darauf besteht, für gewisse Zeit das sexuelle Monopol zu haben, spielt „nach europäischen Regeln“. In Spanien sollte man Einladungen nie ausschlagen – es aber vermeiden, sich zu betrinken. Schon ein kleiner Schwips gilt als anstößig. Geduld sollte man immer mitbringen, Unpünktlichkeit tolerieren. Vieles geht langsamer. Abendliche Essen beginnen spät (frühestens 21 Uhr) und enden oft erst um Mitternacht. Im Restaurant bezahlt einer immer eine Runde. Nur Studenten begleichen allein ihre eigene Rechnung. Chinesen wiederum sind oft sehr zurückhaltend. Wenn man sich aber für sie interessiert und sie näher kennenlernt, sind sie sehr humorvoll und freundschaftlich. Man sollte aber einige Dinge vermeiden, die bei uns selbstverständlich sind. Sich die Nase am Essentisch mit einem Taschentuch zu putzen, gilt zum Beispiel als eklig. Dazu

Reisen mindert die Neurosen Wer im Ausland studiert, hilft seiner Persönlichkeit auf die Sprünge

sammensucht – auf Mausklick und ohne zeitaufwändige Recherche. Equator hat er das Programm genannt, das heute zum Instrumentarium des Geoforschungszentrums Potsdam (GFZ), gehört. Es ist ein Content-Management-System, mit dem man nach einem Erdbeben Daten, Meldungen und andere Informationen aufspüren und bündeln kann, um sie schnell an Hilfsorganisationen oder Geowissenschaftler weitergeben zu können. Das passiert unter anderem über Schlüsselbegriffe, die zur Suche im Internet, in Geoinformationsdiensten, globalen und lokalen Medien eingesetzt werden. Bevor es Equator gab, musste diese Arbeit von einer Person verrichtet werden. Sie musste selbst recherchieren, die Infos per Copy und Paste ins Worddokument stellen und als Sammelmail abschicken. Das war ebenso umständlich wie zeitaufwändig. „Equator hat sich damit beschäftigt, Texte überhaupt erst mal zu sammeln“, erklärt Lars Döhling. Seine Diplomarbeit baute darauf auf. Seine Dissertation wiederum beschäftigt sich damit, diese Texte zu analysieren und auch Twitter mit dazuzunehmen. „Alle versuchen gerade, soziale Netzwerke als Quelle für sich zu nutzen“, sagt Döhling. Er hat übrigens bereits selbst ein Erd-

beben miterlebt, in Costa Rica. Es hatte die Stärke 4,5, und er spürte es nur, weil er gerade im Bett lag. Schon seine Diplomarbeit war an das Graduiertenkolleg Metrik angedockt, das seinen Sitz an der Humboldt-Universität hat und ein Gemeinschaftsprojekt mit anderen Instituten ist, unter anderem dem Deutschen Geoforschungszentrum Potsdam. Jetzt promoviert Döhling hier auf dem Gebiet des Katastrophenmanagements. Andere Graduierte forschen zu Flugrobotern, Kommunikationsnetzwerken oder Frühwarnsystemen. 2011 fing der 33-Jährige mit seiner Promotion an. Es ergab sich zufällig, dass in dem Graduiertenkolleg Metrik, wo auch seine Diplomarbeit angesiedelt war, eine neue Einstellungsphase begann. „Das hat einfach gepasst“, sagt Döhling. Sein Diplomarbeitsbetreuer habe gerade einen Doktoranden gesucht. „Und mich kannte er ja bereits.“ Obwohl er es als Doktorand eines Graduiertenkollegs nicht muss, gibt Döhling selbst Seminare und betreut sogar Abschlussarbeiten, die dann der zuständige Professor abnimmt. Auch für Döhlings eigene Forschung kann das von Vorteil sein, weil er so Teilaspekte, für deren Untersuchung ihm die Zeit fehlt, an die Studierenden auslagern kann. Jetzt kommt er langsam in die heiße Phase, der Druck verstärkt sich. „Zum Ende hin wird es immer schwierig“, sagt er. Man müsse sich sehr stark fokussieren und damit klarkommen, dass gewisse Dinge nicht perfekt erforscht oder ausgearbeitet seien. Es heiße, sich aufs große Ganze zu konzentrieren und das dann auch noch niederzuschreiben. Gerade für Naturwissenschaftler, die das Schreiben langer Texte nicht so sehr gewohnt sind, ist das eine Herausforderung. Leicht kann man sich dabei verzetteln, und auch das Schreiben selbst liegt nicht jedem. Der Informatiker kommt jedoch gut zurecht, und im Zweifel habe er ja noch seinen Betreuer, der ihm mit Rat und Tat zur Seite stehe. An eine akademische Laufbahn nach dem Doktor glaubt Döhling

AKUD/LARS REIMANN

Studenten gewinnen mit Alzheimer-Kartenspiel

Jeder dritte Student geht für ein Semester, einen Sprachkurs oder ein Praktikum ins Ausland. Dabei gibt es nicht nur Organisatorisches und Fachliches, sondern auch Kulturelles zu beachten. Wer das nicht tut, tapst nicht selten in Fettnäpfchen.

Gerade noch Student und fast schon Doktor: Junge Berliner Forscher stellen sich aktuellen, lebensnahen Fragen. Drei von ihnen erzählen über ihre Projekte, ihr Studium und ihre Pläne für die Zukunft

Mensa der Humboldt-Uni öffnet wieder Das Zelt-Provisorium auf dem Hof der Humboldt-Universität (HU) unter den Linden ist Geschichte. Nach mehrjähriger Bauzeit hat die Uni am 7. Oktober die Mensa im Westflügel ihres Hauptgebäudes wieder in Betrieb genommen. Diese verfügt jetzt über 540 Plätze auf zwei Etagen. Das Studentenwerk Berlin wird als Betreiber täglich 3 000 Essen ausgeben. Täglich sollen bis zu fünf Hauptgerichte zur Auswahl stehen, auch für Vegetarier und Veganer. Geöffnet ist die Mensa montags bis freitags, 7.30-18.30 Uhr. Mittagessen: 11-14.30 Uhr. (BLZ)

das Ganze wird aufbereitet, mit interaktiven Elementen wie Diskussionsforen oder auch Prüfungen versehen und in alle Welt versendet. Moocs sollen das Wissen der besten Universitäten noch in den hintersten Winkel der Welt bringen. Auch wenn man in der sibirischen Provinz oder auf einer ozeanischen Insel lebt, kann man auf diese Weise in Harvard studieren, Voraussetzung ist, man verfügt über einen Internetanschluss. Deutschland hinkt in dieser Entwicklung noch hinterher. Nur an einzelnen Hochschulen gibt es Moocs bereits. Eine Übersicht bietet die Plattform iversity.org. Dennoch: Nicht für jeden ist E-Learning der beste Weg. Allein vor dem Rechner sitzend, kann man sich leider auch sehr gut vom Lernen ablenken, mit sozialen Netzwerken zum Beispiel. Außerdem sind Studierende immer noch soziale Wesen, die Universitäten nicht nur wegen der Lehrveranstaltungen besuchen. So ausgetüftelt ein E-Learning-Angebot auch sein mag, es ersetzt nicht den direkten Austausch mit den Dozenten und Kommilitonen. Mit wem soll man denn sonst nach dem Seminar noch einen Kaffee trinken gehen? Beate Scheder

AKUD/LARS REIMANN

Was kommt nach dem Studium? Die Frage stellt sich wohl jeder Student. Sechs Bachelorsemester sind schnell vergangen. Noch ein Master obendrauf – und man ist vielleicht schon auf dem Weg zur Führungsposition. Doch dieses Ziel streben nur 29 Prozent aller Studenten an. Besonders viele – 46 Prozent – sehnen sich vor allem nach einem sicheren Arbeitsplatz. Das hat eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Universum Communications unter 22 700 Studenten ergeben. Sie zeigt, dass die Jobsicherheit für junge Leute immer wichtiger wird. Noch vor fünf Jahren legten nur 37 Prozent der Studenten darauf ganz besonderen Wert. Ganz oben steht für die Befragten des Jahres 2013 übrigens eine gute Mischung von Arbeit und Leben (Work-Life-Balance). 51 Prozent sehen sie als sehr wichtig an. Nur 20 Prozent finden selbstständiges Arbeiten besonders reizvoll, 22 Prozent streben eine internationale Karriere an, und 35 Prozent wünschen sich einen intellektuell anspruchsvollen Job. (har.)

ning-Angebote an der FU. In Einführungsveranstaltungen des Marketingprofessors Michael Kleinaltenkamp zum Beispiel bringt man sich die Theorie in web-basierter Gruppenarbeit selbst bei. Die Vertiefung und Übertragung des Gelernten auf die Praxis steht dann im gemeinschaftlichen Unterricht auf dem Stundenplan. Im Jurastudium können sich schon Studienanfänger an eigenen Fällen versuchen. Das Projekt Culpanet von Professor Ignacio Czeguhn macht es möglich – mittels Wiki, Lückentexten und Diskussionsforen. Auch die TU, die HU und andere Hochschulen bieten Kurse, Tutorien und Lehrplattformen online an. Sie basieren oft auf sogenannten MoodleSystemen, digitalen Lernoberflächen. Mit diesen kommt man – keine Sorge – auch ohne besondere IT-Kenntnisse zurecht. Ein internationaler Trend, der aus den USA stammt, sind offene Online-Kurse, sogenannte Moocs (Massive Open Online Courses). Jeder kann sich dafür einschreiben und Zertifikate der Institute erwerben. Wie das funktioniert? Ein möglichst charismatischer und zugleich renommierter Professor nimmt seine Vorlesung auf Video auf,

Lars Döhling promoviert im HU-Graduiertenkolleg Metrik. dennoch nicht so ganz. Man müsse dafür nicht nur gut sein, sondern auch noch Glück mit dem Timing haben, sagt er. „Für eine Juniorprofessur zum Beispiel muss im Anschluss nach dem Doktor, innerhalb der nächsten ein, zwei Jahre, etwas Passendes frei werden, sonst schließt sich ein Zeitfenster.“ Hier gilt eine Sechsjahresfrist, und die ist schwer zu schaffen. Zum Glück hat Lars Döhlig als Informatiker noch viele andere Möglichkeiten.

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eisen bildet. Ein Auslandsstudium ganz besonders, und zwar nicht nur geistig. Die Psychologin Julia Zimmermann von der Universität Jena wollte wissen, ob ein Auslandsaufenthalt auf die Persönlichkeitsentwicklung ähnlich einschneidend wirkt, wie andere bedeutsame Ereignisse, zum Beispiel die erste Partnerschaft oder der Einstieg ins Berufsleben. Sie befragte im Laufe eines Studienjahres mehr als 1 000 Studenten von gut 200 deutschen Hochschulen. Den Studenten, die in dieser Zeit Auslandserfahrungen sammelten, stand eine Kontrollgruppe ohne Auslandsaufenthalt gegenüber. Wie die Psychologin herausfand, unterschieden sich die Gruppen schon vor der Abreise. Alle Ausreisewilligen waren sozial interaktiver: Geselligkeit, Herzlichkeit und Durchsetzungsfähigkeit waren bei ihnen besonders stark ausgeprägt. Einen Unterschied fand Zimmermann aber auch noch zwischen den Studenten, die ein oder zwei Semester im Ausland bleiben wollten: Während sich die Halbjährigen durch „besonders ausgeprägte Gewissenhaftigkeit“ auszeichneten, wiesen die Ganzjährigen besonders hohe „Offenheitswerte“ auf. Das Auslandsstudium selbst hinterließ klare Spuren im Persönlichkeitsprofil. Die ohnehin aufgeschlosseneren Auslandsstudenten waren noch offener geworden, verträglicher und wiesen eine starke Abnahme ihrer neurotischen Eigenschaften auf. Das heißt, sie waren weniger ängstlich oder sozial befangen. „Die Effekte waren unabhängig von der geplanten Aufenthaltsdauer und zeigten sich konsistent in den beiden Auslandsgruppen“, sagt Julia Zimmermann. Bei den Ganzjahres-Studenten war dieser Effekt am stärksten. Die Ergebnisse beweisen nach Zimmermanns Meinung insgesamt die sehr positive Wirkung von Auslandsaufenthalten junger Menschen „nicht nur im Hinblick auf Fremdsprachenkenntnisse und Karriereoptionen, sondern auch im Sinne einer persönlichen Reifung“. Ausschlaggebend dafür seien vor allem die „spezifischen sozialen Kontakterfahrungen“ die ein Auslandsaufenthalt ermöglicht. Diese internationalen sozialen Kontakte seien das, was die Persönlichkeit der mobilen Studenten so positiv präge, sagt Zimmermann. Hier schnitten die Reiselustigen zehnmal besser ab als die Nicht-Reisenden. Die Psychologin plädiert deshalb dafür, auch weiterhin großzügig Auslandsstudien zu unterstützen, wie dies derzeit etwa über Erasmus möglich ist. Rund 200 000 Studenten ermöglicht das Brüsseler Programm jährlich ein Studium im europäischen Ausland.

geht man auf die Toilette. Im Gegenzug sollte man das Schmatzen und Schlürfen der Gastgeber ignorieren, das beim Essen auftritt, weil es Zeichen des Wohlgeschmacks ist. Man darf mit vollem Mund reden – eigentlich ein Paradies für Kinder. Gegenüber der eigenen Person ist Bescheidenheit angebracht. Offener Streit ist verpönt. Chinesen goutieren es, wenn man bemüht ist, sich in die Beweggründe anderer einzufühlen und die Harmonie zu wahren. Offene Kritik ist tabu, weil es einen Verlust der Ehre bedeutet, wenn man auf offensive Art bloßgestellt wird. Im Nahverkehr dagegen braucht man ein dickes Fell. Da geht es oft nicht besonders höflich zu. Aberglaube ist weit verbreitet. Beim Essen sollte man zum Beispiel die Reisstäbchen nie so in den Reis hineinstecken, dass sie stehenbleiben. Das gilt als böses Omen, weil dies nur bei einer Beerdigung gemacht wird. Die Zahl 14 bringt Unglück. Die Zwei gilt als Glückszahl. Geschenke sollte man möglichst rot, rosa oder gelb einpacken. Aber bitte nichts mit roter Tinte raufschreiben – das bedeutet, dass man eine Verbindung beenden möchte. Torsten Harmsen

Ankunft im fremden Land Die Berliner Unis versuchen mit vielfältigen Angeboten ausländischen Studenten das Einleben zu erleichtern V ON N ICOLA M ENKE

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twa 26 000 Studenten in Berlin kommen aus dem Ausland – das ist jeder sechste. „Sie sind oft zum ersten Mal auf sich allein gestellt und dazu auch noch in einem fremden Land“, sagt Fred Mengering, der an der Technischen Universität (TU) Berlin internationale Studierende betreut. Viele hätten Heimweh, hinzu kämen bürokratische Hürden, Probleme mit der Sprache, dem Klima, der Wohnungs- oder Jobsuche. „Unser Ziel ist es, den Kulturschock der ausländischen Studierenden zu mindern, sie zu unterstützen, wo immer es nötig und möglich ist, und ihnen dabei zu helfen, sich einzuleben“, sagt Stephanie Kutschmann, Präsidentin des Internationalen Clubs der Freien Universität (FU). Auch an den anderen Hochschulen gibt es Unterstützungsangebote, etwa den Internationalen Club „Orbis Humboldtianus“ an der Humboldt Universität (HU) oder die International Offices der Universität der Künste (UdK) und der AliceSalomon-Hochschule (ASH). Die Organisationen werden teils studentisch, teils universitär getragen und setzen auf verschiedenen Ebenen an. Eine ist die klassische Beratung. „Man kann uns in studienbezogenen Fragen konsultieren, wie etwa der nach einer sinnvollen Studienorganisation“, sagt Fred Mengering von der TU-Betreuungsstelle. Rat gibt es aber auch bei Fragen zum Aufenthaltsrecht, der Wohnungssuche oder bei Problemen mit Ämtern. Wenn ein Student mit seinem Anliegen an anderer Stelle besser aufgehoben ist, wird er weiterverwiesen – bei seelischen Problemen etwa an den Psychologen. An den anderen Unis sieht es ähnlich aus, wobei auch Studenten Studenten beraten, wie etwa im Internationalen Club der FU. Um die Eingewöhnung zu erleichtern, gibt es fächerübergreifende Einführungsevents, bei denen die Neu-Immatrikulierten den Campus und ihre Fachbetreuer kennenlernen. Auch Will-

kommenspartys sind eine gute Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen. Das jedem offenstehende Veranstaltungsprogramm umfasst neben Stammtischen oder Kulturabenden auch Ausflüge in die Region. Die Aktivitäten böten ausländischen Studenten „eine Plattform zum Austausch und zum Schließen von Freundschaften“, sagt Stephanie Kutschmann von der FU. Sie hätten eine integrative Wirkung, weil die Studenten auf diese Weise auch in Kontakt mit Einheimischen kämen. Diese Annäherung sei sehr wichtig für ein wirkliches Einleben. Die Unis versuchen auch zu helfen, wenn es dabei zu Verständnisproblemen kommt. Sie klären Missverständnisse auf, die

AFP/JOHN MACDOUGALL

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GETTY/FUSE

So bequem kann das Studieren heute sein: Man lümmelt sich in der Jogginghose auf dem Sofa der WG-Küche und verfolgt bei einer Tasse Beuteltee die Einführungsvorlesung auf seinem Laptop. Hat man eine Frage, stellt man sie seinem Prof im Chat oder im Diskussionsforum. Noch ist dieses Szenario eher die Ausnahme, doch das Studieren ganz ohne Internet ist mittlerweile undenkbar geworden. Ein Laptop oder ein PC mit Wlan-Anschluss gehören ebenso zur Grundausstattung wie Stift und Papier. Denn egal, ob es um Absprachen mit Professoren, Recherche für Hausarbeiten oder den Austausch von Seminarunterlagen geht, das World Wide Web regelt alles. In der Lehre heißt das Zauberwort E-Learning. Um die Jahrtausendwende prophezeiten Experten enthusiastisch, das webbasierte Lernen würde die Lehre revolutionieren und die Präsenzuniversität nahezu ersetzen. Eingetreten ist das bisher nicht.

Heute sieht man das Thema pragmatischer. Eigenständiges Studieren am Bildschirm entspricht dem flexiblen Lebens- und Lernstil. Wo es sich anbietet, ergänzen multimediale Vor- und Nachbereitungstools Seminare und Vorlesungen. Der Vorteil: Studenten können büffeln, wann und wo sie wollen, in der U-Bahn, bei den Eltern, im Park, allein oder in Gruppen. Nebenbei steigert das digitale Lernen die Medienkompetenz. Manchmal geht es ganz profan darum, Skripte von einem Server abrufen zu können, anstatt stundenlang vor dem Kopierer in der Bibliothek herumstehen zu müssen. Anderswo werden virtuelle Seminare samt Videokonferenz abgehalten. Auch die Berliner Hochschulen integrieren immer mehr E-Learning-Angebote in die Vorlesungsverzeichnisse. Sinnvoller als reines E-Learning ist meist die Kombination von Präsenz-Unterricht und digitalen Lerneinheiten. Blended Learning nennt man das. Darauf setzt unter anderem die Freie Universität (FU), die mit dem Projekt „Leon – Learning Environment Online“ den Bereich des digitalen Lernens noch weiter ausbauen möchte. Schon heute gibt es vorbildliche E-Lear-

GETTY/BLEND IMAGES RM

E-Learning ist aus der Uni-Lehre nicht mehr wegzudenken. Auch an Berliner Hochschulen gibt es immer mehr Lehrangebote, die ganz oder zum Teil via World Wide Web stattfinden.

Jeder sechste Studierende in Berlin kommt aus dem Ausland. sich aus interkulturellen Unterschieden ergeben – wie etwa der Eindruck, dass Deutsche unfreundlich oder desinteressiert seien, weil sie Fremden gegenüber eher reserviert sind. Sie unterstützen in kulturspezifischen Fragen. Bei Sprachproblemen können Sprachstammtische und -cafés, Tandemprogramme oder die Kurse der Sprachzentren helfen. Näheres zu den Betreuungsangeboten findet sich auf den Onlineseiten der Universitäten und ihrer Auslandsämter. Nützliche Informationen unter: www.studentenwerk-berlin.de/ berlin/international/timeline/ index.html oder: www.studieren-inbb.de/rund-ums-studium/ auslaendische-studierende Anzeige

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Berliner Zeitung · Nummer 239 · Montag, 14. Oktober 2013

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Semesterstart

Der Mond leuchtet über der fröhlichen Karawane, die mit transportablen Musikboxen und Taschenlampen bewaffnet durchs Unterholz zieht. Aber es handelt sich nicht um Pfadfinder, sondern um eine Gruppe junger Erwachsener, die sich zur „HipHop-Nachtwanderung“ mitten in der Stadt, quer durch den Tiergarten, aufgemacht hat. Diese Wanderung ist nach dem „Pingpong-Marathonmatch“, der „Schnee-Grillparty“ oder dem „Hüpfburg-Rangeln“ das jüngste Event des Web-Portals „Firsty“, bei dem sich alles um „das erste Mal“ dreht. Ende der 90er-Jahre besang eine deutsche Schulpopband eine prägende TeenieErfahrung mit „Wir haben’s getan zum allerersten Mal“. Martin Fleck, Gründer des Berliner Start-up-Unternehmens „Firsty“, winkt ab und lacht: „Ein Firsty kann alles mögliche sein. Grundsätzliche Idee ist, etwas zum ersten Mal auszuprobieren und

dieses Erlebnis mit anderen zu teilen.“ Die angezettelten Großereignisse ein Mal monatlich seien dabei eher als Höhepunkte einzuordnen, sagt der 30-jährige Programmierer, der auf dem Sofa des Kreuzberger Büros sitzt, das er vor Kurzem mit seinen zwei Partnern und Freunden Marcel Matzke und Carlos Nilgen bezogen hat. Etwa 400 Nutzer hat die Plattform mittlerweile, die seit einem Jahr besteht und ihr buntes Sammelsurium an Aktionsvorschlägen stetig erweitert. Unter firsty.net findet man Rubriken wie „ein Abenteuer erleben “, „etwas Gutes tun“ und „wieder Kind sein“. Zu den Vorschlägen gehören: „einen Spielplatz von Müll befreien“, „Berlins China Town besuchen“ oder „sich einen Tag lang nicht beschweren“. Wer will, stellt später einen Erfahrungsbericht ein. Um aus dem Alltag auszubrechen und neue Dinge auszuprobieren, fehlten oft nur der Anstoß und Gleichgesinnte, findet Martin Fleck. Als er sich in einer Art beruflicher Lebenskrise befand, fragte er Freunde und Bekannte, was sie noch nie gemacht hätten, aber gerne einmal tun würden. Die Antworten brachten Obskures wie „einmal Sex im

N A C H R I C H T E N ❖

Etwa 34,5 Stunden durchschnittlich wenden Studenten in einer Vorlesungswoche fürs Studium auf. 16,5 Stunden werden den Lehrveranstaltungen und 18 Stunden dem Selbststudium gewidmet. Doch wo lernen die Studenten am liebsten – in der Uni oder zu Hause? Und wie könnte man ihnen das Lernen erleichtern? Mit diesen Fragen beschäftigte sich zum ersten Mal eine Studie des HIS-Instituts für Hochschulforschung. Eine Befragung unter 7 800 Studenten ergab, dass etwa zwei Drittel der Selbststudienzeit zu Hause verbracht werden, ein Drittel an der Hochschule. Doch es gibt Unterschiede zwischen den Fächern. So büffeln künftige Mediziner 14,5 Stunden zu Hause und nur 6,1 Stunden an der Uni. Angehende Juristen verbringen 11,7 Stunden pro Woche mit dem Selbststudium an der Uni – vor allem in der Bibliothek – und 13,5 Stunden zu Hause. Bei den Ingenieuren ist der Zeitaufwand fast halbiert: 9,8 Stunden an der Uni, 10,4 Stunden zu Hause. Als Grund für die hohe Präsenz bestimmter Gruppen an der Uni werden dieVerfügbarkeit von Fachliteratur sowie von technischer Ausstattung und Laboren genannt. (har.)

FU Berlin schreibt neuen Preis für Lehre aus Innovative Lehrkonzepte will die Freie Universität (FU) Berlin mit einem zentralen Lehrpreis auszeichnen. Dieser wird in diesem Jahr erstmals ausgelobt und soll sich jährlich einem neuen Schwerpunkt widmen. Das diesjährige Stichwort lautet „forschungsorientiert & international“. Für den Preis können sich Professoren, Dozenten und Studenten bewerben. „Wir wissen, dass gerade Studierende viele gute Ideen für die Lehre haben“, sagte FU-Präsident Peter-André Alt. Bewerbungen für Lehrprojekte, die das Sommersemester 2014 betreffen, können bis 18. November 2013 eingereicht werden. Das Preisgeld beträgt 10 000 Euro und kann geteilt werden. Infos und Ausschreibung unter: fu-berlin.de/lehrpreis. (BLZ)

Berater für Lebenskrisen und Lernprobleme Die Zahl der Studenten, die eine psychologische Beratung brauchen, ist hoch. Das teilt das Deutsche Studentenwerk (DSW) mit. Insgesamt nutzten im Jahre 2012 bundesweit 28 000 Studenten das Angebot für Einzelgespräche mit Psychologen, etwa 4 100 Studenten nahmen an Gruppensitzungen teil. Das Studentenwerk wirbt für sein psychologisches Beratungssystem. Die typischen Probleme von Studenten seien Arbeitsstörungen, Prüfungsängste, Schwierigkeiten beim Studienabschluss, teilt das DSW mit. Hinzu kämen Identitätskrisen, Selbstwertzweifel, Ängste, Depressionen und psychosomatische Störungen. In Berlin finden sich die Psychologisch-Psychothrapeutischen Beratungsstellen in der Hardenbergstraße 34 (Charlottenburg), Tel.: 939 39-84 01, und am Franz-Mehring-Platz 2/3 (Friedrichshain), Tel. 939 39-84 38. E-MailAdresse: beratung@studentenwerkberlin.de. Die Sprechzeiten sind Mo–Do 9–16.30 Uhr und Fr 9–15 Uhr. (BLZ)

Mal was Verrücktes tun

Man könnte den Wasserfall im Viktoriapark hochklettern, lautet eine „Firsty“-Idee.

Schätze

Weltraum“ hervor, aber auch leichter Umsetzbares. Fleck hatte seine Geschäftsidee: „Ich habe sofort gedacht, die Leute müssen zusammengebracht werden.“ Martin Fleck und Marcel Matzke, der Sportwissenschaft studiert hat, erdachten und testeten gemeinsam das erste „Firsty“: Raus aufs Feld des Tempelhofer Flughafengeländes. Dies sei ein typisches Beispiel, sagt Fleck: „Schon x-mal dran vorbeigeradelt, aber noch nie wirklich bewusst einen Ausflug dorthin unternommen.“ Das Projekt spielt mit dem Perspektivwechsel: Nicht nur Zugezogene, sondern auch waschechte Berliner finden Entdeckenswertes für sich. Alle Vorschläge werden im Selbstversuch erprobt. An jeder Straßenecke gerät ein neues „Firsty“ in den Blick, wie etwa „den Wasserfall im Viktoriapark hinaufklettern“ oder „auf dem Weihnachtsmarkt mit dem Kinderkarussell fahren“. Manchmal gehört Mut dazu, aber wer sich einmal überwunden hat, kann einen Mordsspaß dabei entwickeln, aus Gewohnheiten auszubrechen, in andere Milieus einzutauchen oder nicht altersgemäß zu agieren. Dementsprechend finden sich in der Community alle Genera-

tionen, die meisten Mitglieder aber sind Anfang bis Ende zwanzig. „Es klingt kitschig“, sagt der 34-jährige Carlos Nilgen, „aber ,Firsty‘ macht Menschen tatsächlich glücklich.“ Nicht nur den Obdachlosen, der einen Apfel geschenkt bekommt, oder den Autofahrer, der eine liebe Botschaft auf seiner Scheibe vorfindet. Vor allem die Mitglieder profitieren davon, ihre „Komfortzone“ zu verlassen und besondere Momente zu erfahren. Nilgen kümmert sich um das Marketing des Unternehmens, das seinenWirkungskreis auf andere Städte ausweiten will. Die Anmeldungen sollen weiterhin kostenlos bleiben, die Vernetzung läuft über die Webseite und Facebook. Im Gegensatz zu den Online-Portalen treffen bei „Firsty“ Menschen in der Realität aufeinander. Gute Gelegenheit zum Flirten und Freundschaft-Schließen. Zur Partnerbörse soll ihr Projekt aber nicht ausarten. Alles kann, nichts muss, finden die Organisatoren. Und was steht als Nächstes auf der Liste?„Den ganzen Tag zu allem Ja sagen“, „jemanden in der Warteschlange vorlassen“ und „Horrorfilme im Grünen schauen“.Von genial bis witzlos ist alles dabei. Jana J. Bach

unter dem Hörsaal

Ob Abgüsse antiker Plastiken, Zyklopen oder alte Landkarten – in den Sammlungen der Berliner Unis kann man viel entdecken

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mus-Archiv das letzte Stündchen geschlagen. 2009 wurde das Institut für Tourismus an der FU eingestellt, das Archiv hatte keinen Träger mehr, die Universitätsverwaltung beschloss, es zu schließen. Spode wollte sich damit jedoch nicht abfinden und kämpfte: Er machte den Fall über wissenschaftliche Netzwerke bekannt und appellierte an die Historiker-Community. Mit internationaler Unterstützung von Südamerika über die USA bis nach Osteuropa gelang es ihm schließlich, eine neue Bleibe für das HAT zu finden. Seit einem Dreivierteljahr ist es an der TU angesiedelt, genauer gesagt am Center for Metropolitan Studies und dem Zentrum für Technik und Gesellschaft. Finanziert wird das Archiv seit seiner Gründung und auch weiterhin von der Willy-ScharnowStiftung für Touristik.

V ON B EATE S CHEDER

s ist eine dieser grausamen Sagen: Als Strafe für ihre Misshandlungen an Antiope wird Königin Dirke von ihren Stiefsöhnen Amphion und Zethos an die Hörner eines Stiers gebunden, der sie dann zu Tode schleift. Der farnesische Stier jedoch, das Kunstwerk, das nach jenem Mythos entstand, gehört zu den imposantesten Exemplaren antiker Bildhauerkunst. Das griechische Original gilt als verschollen, erhalten ist aber die römische Marmorkopie (siehe Bild). Mit einer Höhe von 3,70 Metern und einer Breite und Tiefe von etwa drei Metern ist es die größte antike Figurengruppe, die je wiedergefunden wurde. Eigentlich muss man nach Neapel reisen und dort das Museo Nazionale besuchen, um sie zu bewundern. Oder man nimmt einfach in Berlin die U-Bahn zum Richard-Wagner-Platz, läuft ein paar Schritte am Charlottenburger Schloss vorbei und landet in der Abguss-Sammlung antiker Plastik. Hier steht zwar nicht die echte Marmor-Statue, aber eine originalgetreue Nachbildung aus Gips. Und nicht nur die. Etwa 2 000 Abgüsse zumeist griechischer und römischer Plastiken umfasst die Sammlung des Instituts für klassische Archäologie der Freien Universität (FU) Berlin. Universitätssammlungen führen oft ein Schattendasein. Sie lagern in Magazinen, Kellern und in Vitrinen in Mehrzweckräumen oder Fluren. Selbst Studierende ahnen zum Teil nicht, was für Schätze ihre Fakultäten besitzen. 2011 formulierte der Wissenschaftsrat Empfehlungen zur Förderung der Sammlungen. Ein Jahr später schuf das Bundesministerium für Bildung und Forschung daraufhin eine Koordinierungsstelle an der Humboldt-Universität (HU) im Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik. Unter anderem mit einer Datenbank soll den versteckten Kleinodien der Wissenschaft wieder mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden. Friedrichs Lieblingspferd Allein die HU verfügte demnach einmal über 74 Sammlungen, darunter ein Computer-Museum, die Porträtsammlung Berliner Hochschullehrer, antike Landkarten und Fotografien oder die stark restaurierungsbedürftige Privatbibliothek der Gebrüder Grimm. Für die Technische Universität (TU) sind immerhin 58 Sammlungen und für die FU 17 vermerkt. Darunter sind auch Skurrilitäten zu finden, wie etwa die Gurlt’sche Sammlung in der anatomischen Abteilung der Veterinärmedizin der FU. Ernst Friedrich Gurlt kam 1819 an die Berliner Tierarzneischule und übernahm dort einen Lehrstuhl für Anatomie der Haustiere. Sein besonderes Interesse galt Missbildungen im Tierreich, die er akribisch sammelte und katalogisierte. Von den einst 6 400 Präparaten existieren heute noch rund 250, etwa die Köpfe von siamesischen Ziegenzwillingen eingelegt in Alkohol, Schädel von doppelköpfigen

Faszinierende Reisewelten

BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN

Mediziner büffeln zu Hause, Juristen an der Hochschule

A U S D E M U N I - L E B E N

BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK

Jedes Jahr kommen Tausende Studenten neu nach Berlin. Doch wie können sie diese Stadt möglichst schnell kennenlernen – und dabei neue Freunde finden? Das Web-Portal „Firsty“ bietet ungewöhnliche Möglichkeiten dafür.

Eine Nachbildung der berühmten antiken Plastik „Die Bestrafung der Dirke“ ist in Charlottenburg zu sehen. Pferden, Zyklopen mit und ohne Rüssel oder behaarte Rinderaugen. Nur ein gesundes Tier ist Teil der Sammlung, zumindest in Überresten. Es ist das Skelett von Condé, dem Lieblingsreitpferd Friedrichs des Großen. Die Knochen des stolzen Tieres stechen zwischen all den mitleiderregenden Geschöpfen hervor, für Studierende sind aber gerade die Präparate der Fehlbildungen wichtige Anschauungsobjekte in der Ausbildung. Einige der Berliner Universitätssammlungen gibt es nicht mehr, sie sind über die Jahre verloren gegangen oder wurden aufgelöst. Andere muss man suchen, bei manchen sich an knapp bemessenen Öffnungszeiten orientieren oder sich vorher anmelden. Wieder andere – wie der Botanische Garten der FU, das Medizinhistorische Museum der Charité oder das Architekturmuseum der TU – stehen sogar in Reiseführern. Die Abguss-Sammlung Antiker Plastik der FU blickt auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück. Bereits 1696 wurde die erste Sammlung dieser Art in Berlin gegründet. Mehrmals zog sie im Laufe der Jahr-

hunderte um: aus der Akademie der Künste ins Alte Museum, dann ins Neue Museum von Friedrich August Stüler. Von 1921 bis zum Zweiten Weltkrieg befand sich die Sammlung dann in der FriedrichWilhelms-Universität Unter den Linden. Viele der damals 2 500 Abgüsse wurden im Krieg zerstört. In den 70er-Jahren begann der Wiederaufbau, 1988 konnte die neue Abguss-Sammlung eröffnet werden. Der Großteil des heutigen Bestands stammt aus den 80er-Jahren, nur einzelne ältere Stücke gibt es noch. Auch wenn die Lager bereits voll sind, wird nach und nach Neues dazugekauft, so, wie es für Lehre und Forschung sinnvoll ist. Ohne die finanzielle Unterstützung des Fördervereins wären weder Neuerwerb noch Erhalt möglich. Die Abguss-Sammlung ist von Donnerstag- bis Sonntagnachmittag geöffnet, der Eintritt ist kostenlos. Für Fotografen und Zeichner ist sie ein wahres Paradies, auch Besucher der anderen Charlottenburger Museen kommen gerne vorbei. Genutzt wird die Sammlung aber vor allem von Studierenden, die sich hier in Ruhe auf Prüfungen vorbe-

reiten, indem sie die chronologischen Kaiserporträts vergleichen oder sich die Symbolik von Kriegsinsignien einprägen. „In den Vorlesungen werden nur Fotos gezeigt, in der Abguss-Sammlung können wir die Plastiken hingegen komplett betrachten: von allen Seiten, im Detail oder im Ganzen und das ganz ohne Schattenschlag“, erklärt Janina Rücker. Die ArchäologieStudentin ist Hilfskraft in der Sammlung. Sie beantwortet Fragen von Besuchern und unterstützt den Kustos bei der Vorbereitung von Ausstellungen. Neben historischen Schauen werden dafür oft auch Werke moderner oder zeitgenössischer Künstler den antiken Skulpturen gegenübergestellt. Nur drei Kilometer von der gipsernen Antike entfernt, ruht im Keller der Hardenbergstraße 16 bis 18 ein völlig anderer wissenschaftlicher Schatz: das Historische Archiv zum Tourismus (HAT). „Es ist das größte Archiv dieser Art auf der Welt, aber auch das kleinste.“ Professor Hasso Spode, der das HAT leitet, grinst. „Es ist nämlich das einzige.“ Fast hätte vor wenigen Jahren auch für das Berliner Touris-

Mehr als 600 Regalmeter wurden durch den Umzug vor dem Schredder bewahrt. Es sind Werbematerialien und Prospekte, Branchendienste, Reiseführer und -berichte, Studien, Statistiken, Zeitschriften, Fotos, Karten und ein paar Souvenirs. Einzeln mögen gerade die Prospekte wertlos erscheinen, auf dem Trödelmarkt gehen sie wahrscheinlich höchstens für Cent-Beträge weg, im Zusammenhang betrachtet erzählen sie jedoch viel von der Kulturgeschichte des Reisens. Der Großteil des Archivs stammt aus privaten Sammlungen, etwa vom langjährigen Leiter der deutschen Auslandswerbung, Franz Schwarzenstein, oder vom Reiseveranstalter Walter Kahn. Und das Archiv wächst weiter. Erst kürzlich spendete eine 95-jährige Berliner Dame fünf Umzugskartons mit ihrer gesamten Reisebiografie: Postkarten, Fotoalben, Dampferfahrttickets, Speisekarten von den 30er-Jahren bis zur Jahrtausendwende. Spode greift in ein Schrankfach, in dem ein Haufen Fundstücke noch darauf wartet, in Regale, Pappkartons und Ordner einsortiert zu werden, und zieht wahllos ein kleines Heftchen heraus. Es ist ein bunt illustrierter LufthansaProspekt, der in den 60er-Jahren in Flugzeugen nach New York auslag, samt Verhaltensregeln, goldener Anstecknadel und Speisekarte. Über den Wolken wurde in jener Zeit unter anderem Lobster serviert und vorab die Bouillon Célestine. Man könnte Stunden und Tage zwischen den Regalbrettern herumstöbern, in Baedekern aus den 1830er-Jahren blättern, in Stangens Illustrierter Reise- und Verkehrszeitung nachlesen, was eine Weltreise 1895 kostete (schwindelerregend viel), Kleinanzeigen in der deutschen Auslandswerbung des Dritten Reichs studieren oder Soraya-Porträts in persischen Reiseführern aus Schah-Zeiten betrachten. Möglich ist dies leider nicht zu jeder Zeit. Das Archiv ist nur nach Voranmeldung zu benutzen. Spode ist etwa ein Mal pro Woche vor Ort, die wenigen Mitarbeiter arbeiten zum Teil ehrenamtlich. Das Geld ist wie in vielen anderen Archiven knapp, aber zumindest ist der Erhalt an der TU gesichert.


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Semesterstart

Studere – dieses lateinische Wort bedeutet: strebend sich bemühen. Niemand kommt, um einen anzutreiben. Man könnte auch den ganzen Tag im Bett liegen. Doch die Zeit bis zum Bachelor ist eng bemessen. Referate, Hausaufgaben, Prüfungen winken. Wie man so etwas angeht, haben Generationen von Studenten immer wieder neu lernen müssen. Dabei könnte man doch auf die Erfahrungen von Vorgängern zurückgreifen. Hier einige Ratschläge, zusammengestellt aus verschiedenen Übersichten: Wie man die Zeit managt: 1. Die Arbeit gleichmäßig über die Woche verteilen. 2. Einen Wochenkalender führen. 3. Auf jeden Fall einen freien Tag mit einplanen. 4. Für jeden Tag eine To-do-Liste aufstellen. 5. Früh immer zur selben Zeit mit der Arbeit beginnen, egal, ob man Lust hat oder nicht. Nach jeweils 45 Minuten Arbeitszeit 15 Minuten Pause machen. Fünf Stunden konzentrier-

Elitär ist

tes Lernen sind das Maximum. 6. Eine Stunde Bewegung am Tag einplanen. Wie man sich motiviert und konzentriert: 1. Salami-Taktik! Auch das schwierigste Studium wird nach und nach absolviert. 2. Abwechslung: Die Stoffgebiete immer wieder wechseln: leichte und schwere, theoretische und praktische, abstrakte und konkrete. 3. Das Eigene finden! Nur in jenen Bereichen Höchstleistungen von sich verlangen, für die man befähigt und motiviert ist. Auf diesem Gebiet sollte man sich besonders engagieren. So bekommt man eine „Hausnummer“ bei den Lehrenden. 4. Sich nicht in eine Sache verbeißen, die einfach nicht vorangeht. Natürlich gibt es auch Dinge, die keinen Spaß machen. Manchmal muss man auch einfach „durch“. 5. Den Bio-Rhythmus beachten. Wenn man müde ist, einfache Sortier-Arbeiten machen oder relaxen. 6. Arbeits- und Erholungsphasen klar trennen. Freizeit ohne Reue genießen! 7. Störfaktoren und Ablenkungen beseitigen.

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Motivation in kleinen Schritten

Wie man lernt: 1. Man zerteilt große Lernblöcke in sinnvolle kleine Lernschritte. Es ist

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Studium ist anders als Schule. Plötzlich soll man auf sich allein gestellt lernen, ohne die täglich zugeteilten Hausaufgaben-Häppchen. Doch wie organisiert man das selbstständige Studieren?

Gemeinsames Lernen funktioniert oft besser als einsames Büffeln.

manchmal schwer

BERLINER ZEITUNG/TORSTEN HARMSEN

Merken Berliner Studenten überhaupt, dass sie an einer Exzellenz-Uni studieren? Ein Besuch an zwei ausgezeichneten Universitäten der Stadt

Elitärer geht’s kaum: Alexander von Humboldt thront vor dem HU-Hauptgebäude Unter den Linden.

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V ON P AULINE K REBS

nsgesamt elf deutsche Hochschulen werden seit Mitte 2012 als sogenannte EliteUniversitäten gefördert. Mit dabei sind die Freie Universität (FU) Berlin, die sich bereits zum zweiten Mal im Exzellenz-Wettbewerb behaupten konnte, sowie die Humboldt-Universität (HU) Berlin. Rund 300 Millionen Euro zusätzlich erhalten die wissenschaftlichen Einrichtungen in der Hauptstadt. Aber: Merken die Studierenden überhaupt, dass sie an einer Elite-Uni eingeschrieben sind? Wir haben uns an der Universität umgeschaut und umgehört. „Es fühlt sich zwar manchmal an, als seien wir die Elite, aber das hängt weniger mit den Vorzügen meiner Uni zusammen, als vielmehr mit der Größe meines Instituts“, scherzt Sophie. Die 26-Jährige ist eine von fünf Studierenden im Masterstudiengang Turkologie, der deutschlandweit nur von der FU angeboten wird. Während die Islamwissenschaften seit einigen Jahren boomen, fühlen Sophie und ihre Kommilitonen sich manchmal wie eine exotische Tierart, die vom Aussterben bedroht ist. „Für uns haben sich durch die Exzellenzinitiative weder Forschung noch Lehre verbessert – vielmehr studieren wir mit der permanenten Sorge im Hinterkopf, dass unser Institut geschlossen wird.“ Chancen auch für die Lehre Auch Medizinstudent Till fühlt sich nicht, als sei er an einer Elite-Uni. Sein Campus ist die renommierte Charité. Ein großer Institutsname hilft aber in vielen Fällen auch nicht: „Oft fehlen die einfachsten Dinge wie Whiteboardmarker oder Beamer. Tutorien werden gestrichen, und irgendwie hören wir Studierenden immer nur von drohenden Kürzungen – das klingt für mich nicht nach exzellenten Hochschulbedingungen.“ Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität, kennt die Probleme und erklärt, warum die Studenten von der Eliteförde-

rung nicht in Form von besserer Ausstattung profitieren: „Wenn es um die zusätzlich zur Verfügung gestellten Millionen geht, wundern sich viele, warum sie trotzdem in maroden Gebäuden und überfüllten Hörsälen sitzen“, sagt er. „Ganz klar: Es fehlt Geld. Das müsste aber vom Bund kommen, denn die Wettbewerbsförderung zielt auf Forschung ab – und wir dürfen die zurVerfügung gestellten Mittel nicht einfach an anderen Stellen ausgeben.“ Dass die Studierenden jedoch anderweitig von der Initiative profitieren, ist seiner Meinung nach deutlich spürbar. Inhalte, die im Rahmen der Exzellenzforschung entstehen, flössen in die Lehre ein und bereicherten das Themenspektrum. Renommierte Köpfe kämen an die Uni, internationale Austauschmöglichkeiten entstünden, und die Studierenden hätten die Chance, früh und gut betreut in die Forschung einzusteigen. „Das alles funktioniert jedoch nur, weil wir Forschung und Lehre als untrennbare Einheit und damit als Teil unseres geförderten Zukunftsprojekts begreifen – denn ohne exzellente Lehre gäbe es in absehbarer Zeit keine herausragende Forschung mehr“, sagt der HU-Präsident. Das Förderprogramm „Übergänge“ etwa zielt auf die Verbesserung der Schnittstellen zwischen Schule, Studium, Uni-Karriere und Beruf. Es soll Studenten früh in die Forschung einbinden. Christian Kassung, Professor der Kulturwissenschaft an der HU und Vorstandsmitglied im Exzellenzcluster „Bild Wissen Gestaltung“ findet ebenfalls, dass das Elite-Konzept seiner Hochschule gut funktioniert. Für die Umsetzung vieler Ideen und Konzepte müssten aber zunächst Strukturen geschaffen werden – und das brauche Zeit. Er und Jan-Hendrik Olbertz sind sich einig, dass manche Kritik an der Exzellenzinitiative durchaus berechtigt ist. Etwa, dass Professoren, die für Spitzenforschung abberufen werden, ihr eigentliches Lehrpensum oft nicht

bewältigen können. Für diesen Konflikt müsse noch eine Lösung gefunden werden, gibt Olbertz zu. Eine, die dieses Problem selbst erfahren muss, ist Jana. Die 31-Jährige promoviert an der FU im Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie. Eigentlich sollte sie sich auf ihre Doktorarbeit konzentrieren und im Rahmen ihrer halben Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin zwei Semesterwochenstunden halten. Weil es zurzeit nicht genug Dozenten gibt, absolviert sie meistens vier bis sechs Unterrichtsstunden. Zum Glück, sagt sie, mache ihr die Lehre Spaß. Trotzdem hält die Mehrarbeit sie davon ab, zügig mit der Promotion voranzukommen. Trotz allem zufrieden „Karriere macht man an der Uni mit Forschung. Gute Lehre wird kaum honoriert, im Gegenteil, sie hält vom Forschen ab. Dieses Problem wurde durch die Exzellenzinitiative meiner Meinung nach noch verschärft“, sagt Jana. Von der Umstellung zur Elite-Uni hat sie ansonsten nicht viel gemerkt. Unabhängig davon hält sie die FU aber für eine sehr gute Universität, die sich durch eine tolle Atmosphäre, namhafte Dozenten und internationale Kontakte auszeichne. Simon, der an der HumboldtUniversität in Volkswirtschaftslehre (VWL) promoviert, bekommt von den Auswirkungen der Exzellenzinitiative bisher auch nichts mit. „Unser Institut ist ohnehin gut aufgestellt, da wir durch Drittmittel gefördert werden. Ich denke nicht, dass da noch zusätzliche Gelder fließen“, sagt er. Elite hin oder her – mit seinem Studium ist der 29-Jährige rundum zufrieden. Sogar die angehende Turkologin Sophie, die mit ihrem Masterstudiengang auf einsamem Posten kämpft, ist von ihrem Professor und seiner Lehre begeistert. Sie empfiehlt ihre Uni guten Gewissens weiter. Und diese kann sich glücklich schätzen. Denn es gibt wohl keine exzellentere Reputation als die Meinung der Studierenden.

gut, wenn man in Vorlesungen und Seminaren auf Hinweise geachtet hat, was wichtig ist. 2. Man belohnt sich nach jedem Lernschritt (ein Kaffee, ein Gespräch mit Freunden). 3. Man folgt unter anderem dem „Gummibärchen-Modell“ des Lernens. Diese und andere Methoden findet man im Internet: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/LERNTECHNIK/5Schritte.shtml. 4. Eine Lerngruppe suchen. Solche Gruppen sind nicht nur wegen der sozialen Kontakte hilfreich. Sie zwingen einen dazu, komplizierte Sachverhalte auf den Punkt zu bringen und sorgen für Aha-Effekte beim Diskutieren und Zuhören. Die Gruppe sollte nicht mehr als fünf Mitglieder haben, von grundsätzlicher Zuneigung getragen sein, sich an Regeln halten und Leute mit verschiedenen Stärken zusammenführen. Wie man richtig liest: Hier gibt es eine gute Methode, sich einem Buch, einer Arbeit zu nähern. Die 5-Schritte-Methode oder auch ÜFLFÜ-Methode (nach den Begriffen Überfliegen, Fragen, Lesen, Festhalten, Überprüfen). 1.Überfliegen: Inhaltsverzeichnis, Vorwort, Zusammenfassungen am Ende eines

Artikels sollte man immer zuerst lesen und sich Tabellen und Zeichnungen anschauen. 2. Man sollte sich Fragen stellen: Warum lese ich dieses Buch? Was ist der Zweck? Was muss ich wissen? Was ist die Absicht des Autors? Worin besteht der wesentliche Kern der Aussagen? Mit welchen Vorkenntnissen kann ich das Gelesene in Beziehung setzen? Wodurch unterscheidet sich das Gelesene von dem, was ich schon weiß? und so weiter. 3. Nun geht’s ans Lesen. Konzentration! Die Hauptthesen und wichtigsten Gedanken erfassen. Unterstreichen und markieren (nur was neu ist und absolut wichtig). Aktiv lesen: Immer wieder versuchen, zu rekapitulieren, zu verstehen, was man liest. Tabellen und andere Abbildungen beachten. Bildhaftes ersetzt mitunter tausend Worte. 4. Nun sollte man in eigenen Worten das Gelesene formulieren. Dies verbessert die „Behaltensquote“. Danach das Kapitel durchgehen und Bleistiftnotizen auf dem Buchrand machen. 5. Überprüfen: Nochmals die Überschriften überfliegen und versuchen, sich die wichtigsten Punkte zu vergegenwärtigen, indem man die Notizen durchsieht. Torsten Harmsen

Locker bleiben und nicht blockieren Falls man bei der Semesterarbeit mal hängt, der Kater einen quält oder der Vermieter nervt: Vielleicht hilft „Endlich Studium! Das Handbuch für die beste Zeit deines Lebens“ V ON T ORSTEN H ARMSEN

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as wilde Leben. So heißt der Abschnitt des vorliegenden Buches, der einen vielleicht am meisten interessiert, wenn man aus einem kleinen niedersächsischen Dorf zum Studium nach Berlin geht – oder vielleicht auch aus Köln oder Hamburg. Denn jede Stadt hat ihren Ruf. In Berlin geht es zurzeit nun mal am lockersten zu. Doch neben Stichworten wie Partys, Flirten, Kneipen, Bars und Clubs bietet „Endlich Studium! Das Handbuch für die beste Zeit deines Lebens“ viel mehr. Es geht darin nahezu um alles, was das Studentenleben ausmacht, von der Bewerbung und Finanzierung, über die Wohnungssuche, den Studienplan, das Referat und das Praktikum bis hin zum Studienfachwechsel, zum WGPutzplan oder zu Problemen wie Depression, Angst und Burn-out. Die Tipps sind einfach und nützlich. Wenn man zum Beispiel beim Verfertigen der Hausarbeit eine Schreibblockade hat, kann man die Seite 227 aufschlagen. Man erfährt zunächst, dass man nicht allein ist. Auch Dostojewski oder J. R. R. Tolkien kannten Schreibblockaden, teilt das Buch mit, das von Rieke Kersting und Philipp Appenzeller herausgegeben wurde. Beide haben – wie sie schreiben – junge Autoren „zusammenge-

trommelt“, die selbst noch studieren oder ihr Studium vor nicht allzu lange Zeit abschlossen. Beim Überwinden von Schreibblockaden hilft es ihrer Meinung nach unter anderem, erst einmal draufloszuschreiben, in Umgangssprache, als ob man jemandem von seinem Thema erzählen wolle. Der korrekte wissenschaftliche Stil, der perfekte erste Satz – all das kann später kommen. Die Autoren empfehlen auch, den Ort zu wechseln – vom Schreibtisch aufs Sofa, von der Wohnung in die Bibliothek. Ablenkung allerdings (Bad putzen, Staubsaugen, Klatsch mitWG-Kumpels) hilft selten wirklich weiter. Man sollte das sogenannte Prokrastinieren – siehe auch Seite 8 – vermeiden. Weil sehr viele Studenten über Probleme mit der Studienorganisation, der Zeiteinteilung, dem Abfassen von Arbeiten und dem Lernen für Prüfungen haben, sind diese Abschnitte in dem Studienhandbuch auch besonders wichtig. Wie voll soll zum Beispiel der Studienplan sein? Wie macht man ein Handout, eine Power-Point-Präsentation? Wie geht man eine Literaturrecherche an? Zu all diesen Fragen gibt es kurze griffige Hinweise. Auch zu heiklen Dingen. Etwa zum Thema „Irren ist menschlich“. Viel zu viele Studenten nämlich merken irgendwann, dass sie das fal-

sche Fach gewählt haben – beziehungsweise sich etwas anderes darunter vorstellten. Diese erfahren hier, welche Schritte man gehen sollte, um sich über ein Fach ausreichend zu informieren, und zwar am besten direkt an der Uni, bei Studenten des Fachs, Studienberatern oder in ein, zwei Vorlesungen. Heikel geht es mitunter auch im Alltag zu. Hier lauten die Stichworte unter anderem „Katerstimmung“, „Pleitegeier“, „Der Vermieter macht Ärger“ oder auch „Die Eltern kommen“. Letzteres sollte eigentlich ein Grund reiner Freude sein. Mancher macht sich dennoch Druck:Was biete ich an?Wie erkläre ich die Zustände in derWG?Was soll ich ihnen sagen oder zeigen? Auch hierfür haben die Autoren Ratschläge parat. Und so manche Modell-Ausrede. Aber vielleicht hat man auch nette, lockere Eltern, die alles verstehen. Manche von ihnen sollen auch selbst studiert haben. Endlich Studium! Das Handbuch für die beste Zeit deines Lebens. Herausgeber: Rieke Kersting und Philipp Appenzeller. rap-Verlag, Freiburg 2013. 304 Seiten. 14,90 Euro. Anzeige


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Berliner Zeitung · Nummer 239 · Montag, 14. Oktober 2013

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Semesterstart

Nebeneinander, übereinander, kreuz und quer tummelt es sich auf ihnen: „Miss Moon“ lugt unter der „Rampensau“ hervor, dazwischen Gründungspartner, Volleyballfrauenteam und Katzenfreunde. Weiter oben verspricht der „Mechanik-Vollprofi“ Abhilfe bei „Schnittlastproblemen“, der „offenen und fleißigen Jugendarbeiterin“ dagegen ist ihr „Dosenöffner“ abhanden gekommen. Der Korrekturleser arbeitet „auch über Nacht“, und rechts unten ist der Klarinettenlehrer für fast geschenkt zu haben. Das Schwarze Brett ist in den meisten Fällen eher blassgelb, zartviolett oder bis zur Unkenntlichkeit seiner Farbnuancen verhangen. Es bietet so einiges an, von und für Bachelor und Bachelorette: Job- und Wohnungsangebote, Fachliteratur, aber auch Partnersuche in Studienplatz-, Sprach- oder Liebesangelegenheiten. Kommunikativ sind die etwa 160 200 Studenten,

die sich derzeit auf 14 staatlichen und 28 privaten Hochschulen in Berlin herumtreiben, allemal, wie die eine oder andere Zettelwirtschaft offenbart. Hier geht es nicht so fein säuberlich geordnet und nüchtern zu wie an den digitalen Schwarzen Brettern, die man im Internet findet. Die Suche gleicht einer Safari für Entdeckungslustige. In einem Institut der Humboldt-Universität zum Beispiel trifft man auf ein handschriftlich verfasstes Pamphlet, das leicht anarchisch angehaucht zur „Firmen-oderParteien“-Bildung aufruft. Man findet den „Beatbastler“, der „Soundstudies“ hinter sich lassen und eine „Triphop-Band“ gründen will. Er scheint auf einem vielversprechenden Weg zu sein. Die meisten Zettel sind schon abgerissen. Auf das mit Schmetterlingen verzierte Schriftstück allerdings, das Jesus und seine Auferstehung preist, sprang noch keiner an. Der Zeichentisch zum Selbstabholen ist sehr hübsch, das Piano, „verstimmt“, aber preiswert. Ein 20 Quadratmeter großes Zimmer kann angemietet werden, „auf Wunsch mit Wohnbereich- oder Saunabenutzung“. Händeringend wird ein Fotograf gesucht, der Kamine

N A C H R I C H T E N ❖

Suchen: Wunsch-Großeltern! Bieten: Wunsch-Enkel! Mit dieser einzigartigen Anzeige will die Humboldt-Universität (HU) Berlin die Familienfreundlichkeit in ihrem Hause fördern. Die Idee dahinter ist, dass viele junge Wissenschaftler aus aller Welt nach Berlin ziehen, oft mit Familien. Die Großeltern aber bleiben meist zurück. Also hat das HUFamilienbüro im Februar 2013 ihre älteren Mitarbeiter und Ehemaligen aufgerufen, Wunsch-Großeltern zu werden. Es gehe um gemeinsame Erlebnisse, nicht um Babysitting oder Haushaltshilfen. Wie die HU mitteilt, hätten die ersten WunschGroßeltern und Familien zusammengefunden. „Wöchentliche Oma-Tage, gemeinsame Ausflüge ins Grüne, Einladungen zum Kuchenessen, Stadterkundungen mit den Wunsch-Enkeln – all das findet seither statt“, heißt es. Im August zeichnete der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft das Projekt mit der „Hochschulperle des Monats“ aus. Diese würdigt besondere Ideen von Hochschulen. (har.)

Berlin liegt auf Platz acht der Uni-Städte weltweit Berlin ist für Studierende einer der attraktivsten Uni-Standorte der Welt. Zu diesem Ergebnis kommt das britische Ranking der „QS Best Student Cities in the World“. Berlin rangiert demnach auf Platz acht unter den 50 besten Städten, übrigens gemeinsam mit Dublin. Sieger ist Paris vor London, Boston, Melbourne, Wien, Sydney und Zürich. Als einzige weitere deutsche Stadt landete München auf Platz 13. In die Bewertung floss der Ruf der Unis ebenso ein, wie die Zahl der internationalen Studenten und die Lebensqualität. Bei den Lebenshaltungskosten schneidet Berlin mit Abstand am besten unter den Top-10Städten ab, und das, obwohl die Macher des Rankings den Universitäten irrtümlicherweise Studiengebühren in Höhe von 1 000 bis 2 000 Euro pro Jahr zuschreiben. Insgesamt sei Berlin „eine der coolsten Städte der Welt“. Die „liberale Atmosphäre“ und die „aufregende Partyszene“ würden „die unterschiedlichsten Interessen und Vorlieben“ befriedigen. (BLZ)

TU lädt zur Beratung unter dem Motto: Alles klar?! Die einen beginnen jetzt mit dem Studium, andere haben es noch vor sich. Damit die jüngeren Geschwister der Erstsemester sich rechtzeitig orientieren können, bietet die TU Berlin für Abiturienten zwei Mal monatlich eine Veranstaltung unter demTitel „Alles klar?!“ an. Dabei geben Fachleute Auskunft darüber, was sich hinter den oft kryptischen Namen von Studiengängen verbirgt, was bei der Bewerbung zu beachten ist, wie man sein Studium finanziert oder auch, wie viel Mathe man in technischen Studiengängen braucht. Daran scheitert nämlich so mancher. Die Veranstaltung ist öffentlich. Nächster Termin: 15. Oktober, 18 Uhr, TU-Hauptgebäude, Straße des 17. Juni 135, Hörsaal H 110 (Weiteres unter: www.studienberatung.tu-berlin.de/alles_klar). Eine Anmeldung braucht man nicht. (BLZ)

Das Schwarze Brett ist recht bunt

Lauter lustiges Leben: die Zettelwand an der Universität.

Angst frisst

ins rechte Licht rücken kann. Diese Annonce findet sich gleich an mehreren Campus-Standorten. Interessante Sprachkurse und Stelleninserate lassen sich durch die Bank bei allen Fachrichtungen aufspüren. Bei den Architekturstudenten der TU findet sich etwa der Hinweis auf eine vergütete Teilnahme an einer „Slapstick-Performance“. Vorsicht wäre eventuell bei der „Druckpunktmassage“ an der Charité angeraten, für die Probanden gesucht und bezahlt werden. Abenteuerhungrige, die zugleich etwas Geld brauchen, könnten sich vielleicht von einem Experiment an der Klinik für Psychiatrie angesprochen fühlen. „Leichtes Geld nebenbei verdienen“ – das offeriert die Studie „Bewegter Alltag“, aber nur für Paare, die „körperlich aktiv werden wollen“. Aktiv ist ohnehin das richtige Stichwort: Salsatanzen, Straßenhockey, Turnen mit und ohne Anhang oder rein geistig in der „AlgebraGruppe“ – jeder Topf findet seinen Deckel. Manchmal reizt es einen, Kontaktanbahner oder gar Amor zu spielen. Oder würde nicht etwa die „Partyqueen“ von der AliceSalomon-Hochschule – „gesellig, crazy, bay-

risch“, mit Bild und Handynummer – ganz hervorragend zum selbsternannten „Freak mit viel Power“ von der FU passen, der gerne mit dem Rucksack durch thailändische Gefilde zieht? Vielleicht eignet sie sich aber auch als Darstellerin für die Musicproduktionsfirma, die nach Laien mit „Elan und Ausdruck“ für ein Tanzvideo sucht? Hierfür käme dann aber auch der „geborene Frontmann“ mit Schauspielambitionen von der HFF Potsdam durchaus in Betracht. Generell gilt für die Zettelwände, dass nicht nur bei den Darstellenden Künsten persönliches Zur-Schau-Stellen und Extravaganz zum guten Ton gehören, sondern auch auf dem Single- und WG-Markt. Und: Ein Abstecher in fremdes Zettelterrain lohnt sich. Was auf dem einen Brett als Mangelware gehandelt wird, hängt bisweilen woanders im Überschuss herum. En passant lassen sich viele Informationen mitnehmen, etwa wie es um das „Tieranatomische Theater“ steht, wie viel das Bier auf der letzten „Rising Education Party“ gekostet hat oder dass der Wachmann der Universität der Künste bei den Designern gerne Mettbrötchen isst. Jana J. Bach

Abschluss auf

Viele Studenten verschleppen ihr Examen immer weiter. Psychologen raten zu Gegenstrategien, bevor die Hürden übergroß werden

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V ON J ULIA G RASS

line hatte ihren Studienabschluss gut geplant. Fünf Jahre studierte sie BWL und Politikwissenschaft in Chemnitz. Ein paar Monate wollte sie sich nehmen, um die Magisterarbeit zu schreiben, und vorher noch ein Praktikum in Berlin zu machen. Doch aus den geplanten zwei Monaten in der Hauptstadt wurden zwei Jahre. Heute ist Aline 27 Jahre alt und offiziell Studentin im 13. Semester. Oft wird sie gefragt, warum sie ihre Abschlussarbeit bis heute nicht geschrieben habe. Dann erzählt sie, dass man in Berlin so leicht hängen bleibe. Sie erwähnt die Sommer, in denen sie fast Vollzeit als Kellnerin gejobbt hat, um Miete und Krankenversicherung zu bezahlen. Doch es gab auch Herbst und Winter, dann sah es mau aus mit den Jobs in der Gastronomie, und der Sommer hatte ein Polster auf dem Konto hinterlassen. Ablenkung durch Serien Die Abschlussarbeit stand ganz oben auf ihrer To-Do-Liste, aber dann wollten das Zimmer umgeräumt und Weihnachtsgeschenke gekauft werden. Aline musste unbedingt ein neues Kuchenrezept ausprobieren, und beliebte Serien kamen aus der Sommerpause zurück. „So eine Staffel füllt den Nachmittag schon gut aus“, sagt sie entschuldigend. Sie leiht sich Bücher für ihre Arbeit aus, liest einen Absatz, dann fällt ihr ein, dass noch Wäsche gemacht werden muss. Auf einmal ist Donnerstag, die Woche schon fast um, da lohnt sich ein Besuch in der Bibliothek auch nicht mehr. Ein Jahr lang kann Aline das Aufschieben mit einem Grinsen entschuldigen. Studenten! Man kennt das ja. Doch dann wird nach und nach aus der Abschlussarbeit ein unüberwindbarer Berg und aus Aline das, was Hans-Werner Rückert, Psychoanalytiker und Leiter der Psychologischen Beratung an der Freien Universität (FU) Berlin einen „Angstaufschieber“ nennt. „Die Angstaufschieber fürchten sich vor der Aufgabe, die vor ihnen liegt“, sagt er. „Sie glauben, dass sie die negativen Gefühlszustände vermeiden können, indem sie sich nicht mit der Aufgabe beschäftigen. So passiert es, dass Leute selbst dann Dinge nicht erledigen, wenn sie wissen, dass diese höchste Priorität haben.“ Tatsächlich trete langfristig jedoch das Gegenteil ein: „Wenn wir merken, dass wir etwas, das wir uns fest vorgenommen haben, eventuell nicht mehr schaffen können, ist das sehr belastend für das Selbstwertgefühl.“ Fast jeder kennt die Momente, in denen man lieber drei mal die Wohnung putzt als für eine Klausur zu lernen. Doch fast jeder setzt sich trotz allem noch rechtzeitig an den Schreibtisch. Wer durch extremes Aufschieben schlimmeren Stress erzeugt, als es die eigentliche Aufgabe getan hätte, stößt schnell auf Unverständnis. So wie Patrice. Der 33-jährige Medieninformatik-Student prokrastiniert regelmäßig schon bei den kleinsten unliebsamen Aufgaben. „Ich lasse zum Beispiel unange-

BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER

Humboldt-Uni besorgt Wunsch-Großeltern

A U S D E M U N I - L E B E N

IMAGO/GERHARD LEBER

Eigentlich verwunderlich, dass es sie im digitalen Zeitalter noch gibt, die legendäre Zettelwand an der Uni. Sie wird Schwarzes Brett genannt, obwohl sie selten schwarz ist. Wer sich genauer mit ihr beschäftigt, entdeckt eine ganze Welt.

Im Café kann man sich herrlich ablenken. Aber vielleicht auch für den Abschluss lernen. Je nachdem. nehme Briefe oft wochenlang ungeöffnet liegen, obwohl ich immer wieder daran denke, dass noch eine Rechnung zu bezahlen ist. Einfach, weil ich mich jetzt nicht damit beschäftigen möchte.“ Der Begriff Prokrastination ist inzwischen unter Studenten weit verbreitet. Er stammt aus den lateinischen Silben „pro“ (für) und

„cras“ (morgen) und bedeutet damit: Verschiebung auf morgen. Was wie ein persönliches Problem von mangelnder Selbstdisziplin und fehlender Organisationsfähigkeit klingt, sieht Hans-Werner Rückert als gesellschaftliche Entwicklung: „Ganze Industrien leben davon, dass wir nach schneller und direkter Befriedigung unserer Be-

dürfnisse streben.“ Besonders in den jüngeren Generationen sinkt die Bereitschaft, sich für Ziele ganz einzusetzen und dabei auch negative Gefühle auszuhalten. So weit ist das von der Prokrastination gar nicht entfernt: Wer sich leicht ablenken lässt und sich mit unliebsamen Aufgaben extrem schwer tut, dem rät Rückert, positive Gefühle

Unter Druck entstehen Diamanten – Studenten erzählen, wann sie am besten arbeiten Robert, 24, macht seinen Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft: Ich komme jetzt ins 11. Semester meines Bachelorstudiums und muss noch vier Hausarbeiten plus die Bachelor-Arbeit abgeben. Das ist echt viel. In den letzten zwei Jahren habe ich mich vor allem umorientiert und ein Praktikum am Theater gemacht. Da es gut lief, habe ich immer mehr Aufgaben übernehmen können. Das ist auch viel motivierender als so eine Hausarbeit. Die wird ja nur ein Mal gelesen und dann bestimmt zerschreddert. Ich kann nicht morgens um 6 Uhr aufstehen, in die Bibliothek fahren und dort bis 22 Uhr arbeiten. Einige machen das ja, aber ich kriege da nichts zustande und bin danach bloß deprimiert. Das führt dann dazu, dass ich noch mehr prokrastiniere. Ich denke, letztendlich muss jeder selbst herausfinden, wie er mit sich umgehen sollte, damit er produktiv ist. Dazu gehört auch, ehrlich zu sich selbst zu sein. Meine Devise lautet derzeit: Stück um Stück, langsam aber sicher zum Ziel. Tatsächlich fahre ich damit sehr gut. Ariane, 25, schreibt ihre Bachelorarbeit in Wirtschaftswissenschaften: Im Prinzip schaffe ich selten so viel wie beim Prokrastinieren. Noch nie waren meine Mails so sorgfältig organisiert, meine Dusche so sauber und meine Mahlzeiten so köstlich zubereitet. Auch bei den Nachrichten bin ich stets auf dem neuesten Stand. Gestern habe ich mit großer Freude einen See in unserer Küche aufgewischt, der durch ein riesiges Leck in unserer Waschmaschine entstanden war. Und das Beste: Es war im Vergleich zu meiner Bachelorarbeit sogar erquicklich! Ich meine, im Endeffekt: Was gibt es besseres als Zeitdruck? Und auch der will erarbeitet werden. Unter Druck entstehen Diamanten. Philipp, 25, macht seinen Master im Studiengang Medien und Politische Kommunikation: Bevor ich mit einer Aufgabe beginne, denke ich oft, ich müsse mir erst noch mehr Gedanken machen, ein besseres Konzept haben, eine klarere Struktur. Das führt dazu, dass ich überhaupt nicht anfange. Es ist besser, schnell den ers-

ten Schritt zu machen, loszulegen und nach ein, zwei Stunden kurz Abstand zu nehmen und sich zu fragen: Geht das jetzt in die richtige Richtung? Meistens ist man dann schon viel weiter, als man durch das Grübeln je gekommen wäre. Aline, 27, schreibt ihre Magisterarbeit in Politikwissenschaft: Als kleiner Tipp für alle, die auch in diesem Hamsterrad stecken und prokrastinieren, wo es nur geht: Von „Sturm der Liebe“ kommt morgens immer die Wiederholung. Danach kann man noch gemütlich zur Bibliothek gehen und verpasst nichts! David, 24, macht seinen Master in Physik: Natürlich neige ich wie viele andere auch dazu, Aufgaben vor mir herzuschieben, und checke lieber noch mal „kurz“ Facebook oder schaue Fernsehen. Da in meinem Studium jedoch jede Woche Hausaufgaben abzugeben sind, führt dies oft zu Zeitdruck. Um die Prokrastination und den damit verbundenen Stress zu vermeiden, hilft es mir sehr, in Gruppen zu arbeiten. Oder ein Lernplan mit Belohnungssystem: Zwei Stunden effektivem Lernen folgen 15 Minuten Pause. Anna, 25, studiert Jura: Zum Prokrastinieren bleibt mir überhaupt keine Zeit. Wir haben im Studium so viel zu tun, dass ich ganz schnell raus wäre, wenn ich da was vor mir herschieben würde. Besonders jetzt in der Vorbereitung auf das Staatsexamen. Da lernen wir eigentlich jeden Tag pausenlos. Also klar, ich hab auch mal einen Tag, an dem ich viel weniger schaffe, als ich mir vorgenommen habe, aber ich reiße mich schon immer rechtzeitig wieder zusammen. Patrice, 33, studiert Medieninformatik im Master: Ich habe leider noch kein wirksames Mittel gefunden, das Problem zu lösen. Ein Buch empfahl viele kleine To-do-Listen und genaue, aber kürzere Zeitpläne. Nur leider fehlt mir auch hier die Disziplin, diese durchgehend und immer wieder zu erstellen. Wollte ich auch eigentlich gerade machen, aber das kann ich auch morgen erledigen …

bewusst in den Lernprozess einzubinden. „Sitzt man am Schreibtisch und bekommt Hunger, wäre es ein Fehler, sofort etwas zu essen. Das Gehirn verbucht das dann unter einer Belohnung für die Flucht von der Arbeit“, sagt Rückert. Stattdessen sollte man bewusst zwanzig Minuten weiter arbeiten und sich dann für das Arbeiten belohnen. Dass sich das Gehirn so darauf trainieren lässt, langfristige Ziele zu verfolgen, zeigt auch eine Studie des österreichischen Wissenschaftlers Walter Mischel. Er setzte Kleinkinder vor eine Schale Marshmallows und stellte sie vor die Wahl, entweder sofort eines zu essen oder eine Weile zu warten und dafür zwei zu bekommen. Tatsächlich zeigte sich, dass jene Kinder, die die Belohnung hinauszögern konnten, auch als Erwachsene später fester und erfolgreicher im Leben stehen – mit den besseren Jobs, dem höheren Gehalt, den festeren Bindungen. Interessant dabei ist, dass hauptsächlich Studenten prokrastinieren, die eigentlich viel Freizeit haben. Laut Rückert sind gerade diese Freiräume Voraussetzung zum Prokrastinieren. Naturwissenschaftler oder Mediziner werden für gewöhnlich mit einem straffen Arbeitsplan ausgestattet. Geistesund Sozialwissenschaftler hingegen sind auf sich gestellt. Kaum einen interessiert es, ob sie heute in die Bibliothek gehen oder morgen. Prokrastination entsteht durch die Unlust, ständig Entscheidungen treffen, planen und über Dinge nachdenken zu müssen. „Das kann man auch vor dem klassischen Hintergrund der Veränderung der patriarchalischen Strukturen sehen“, sagt Rückert. „Früher sagten die Eltern: Wir fahren amWochenende zur Oma und basta. Da konnte man maulen und jammern, aber man kam eben mit. Heute sagen die postmoderne Mutter oder der postmoderne Vater: Du weißt, wie gerne Oma dich sieht, und wir würden am Wochenende gerne zu ihr fahren, aber natürlich nur, wenn du Lust hast.“ Dies erzeuge ein Dilemma. Man frage sich nicht mehr nur: Muss ich oder muss ich nicht? Sondern auch: Hab ich Lust? Will ich das? Was hängt davon ab? Die Folge sind impulsivere Entscheidungen, manchmal ohne das genaue Abwägen der Konsequenzen. Abneigung gegen das Fach „Manchmal steckt hinter der Prokrastination jedoch eine wirklich tiefe Abneigung gegen das Studienfach“, sagt Rückert. Betroffenen Studenten rät er durchaus auch mal dazu, das Studium abzubrechen und ihre Energie in Ziele zu investieren, deren Verfolgung realistisch und deren Erreichen vor allem befriedigender wäre. „Da hilft es nämlich auch nichts mehr, sich zusammenzureißen.“ Aline jedenfalls hat sich zusammengerissen und ihre Magisterarbeit angemeldet. Ende Dezember ist Abgabetermin, bisher liegt sie gut in der Zeit. Angst vor der Zukunft hat sie immer noch, ein Abbruch des Studiums so kurz vor dem Ziel ist aber keine Option mehr: „Selbst wenn ich weiterhin als Kellnerin arbeite, dann aber bitte als Politologin!“


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