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Die Hand am Sack – Unverkäufliche Leseprobe

© Butze Verlag, 2010 ISBN 978-3-940611-11-6


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Die Hand am Sack – Unverkäufliche Leseprobe Diesmal habe ich mir mit dem Text meiner Kontaktanzeige im örtlichen Stadtmagazin besonders viel Mühe gegeben. Jenseits der fünfzig muss man sich schon anstrengen, wenn man noch etwas erreichen will, und die Annonce in der Rubrik Er sucht Ihn klingt dann auch verlockend: »Sich noch mal verlieben mit 53? Noch mal Schmetterlinge im Bauch? Romantiker, 186 cm, 84 kg, zurückhaltend, häuslich, naturverbunden, tierlieb, sucht lockere Beziehung für die ruhigeren Jahre. Gutes Essen, gute Weine, gute Gespräche, ein wenig Kultur, Nähe spüren und Geborgenheit, vielleicht ein wenig Liebe. Wer macht mit?« Auf diese Offerte eines Juwels von Mensch würden waschkörbeweise Zuschriften eintreffen, so dachte ich voller Bescheidenheit. Doch es kommen nur zwei in einem zerfledderten Umschlag. Wer will schon einen alten Sack mit dreiundfünfzig in einer Zeit des Jugendwahns? Wer will einen Romantiker im Zeitalter von Handy, Internet und iPod? Wer sucht einen häuslichen Typen, wenn man überall Bonusmeilen bekommt und für neunzehn Euro nach Barcelona fliegen kann? Nichts wie weg! Ich reise nun mal nicht gern und denke, dass Leute, die ständig unterwegs sind, sich auch immer auf der Flucht befinden. Naturverbundenheit! Was für ein Schwachsinn, wo Umweltzerstörung mit apokalyptischer Gleichgültigkeit in Kauf genommen wird, gerade auch von den vielen Flugreisenden. Nach mir die Sintflut! Wer sucht Ruhe in einer Zeit wo man von einem Event zum nächsten hetzt? Schon das Wort stößt einem sauer auf, wenn man Amerikanismen nicht mag. Surfen in der Karibik, Skilaufen in Colorado, Karneval am Zuckerhut, Abhängen auf Mallorca und Saufgelage, bis der Arzt kommt. Wer sucht Nähe und Geborgenheit, wo Egoismus propagiert wird, Ellenbogen gebraucht werden und Geiz geil ist? Wer genießt noch ein gutes Viertele, wo Alcopops, die einem die Birne vernebeln, der letzte Schrei sind? Lebe ich eigentlich hinterm Mond? Was habe ich mir bei der beschissenen Anzeige bloß gedacht? Die erste Zuschrift wandert dann auch gleich in den Schredder. Da sucht ein junger Spund einen entgegenkommenden Herrn und würde ihm liebend gern Schmetterlinge im Bauch bereiten. Gegen Bares versteht sich. Entgegenkommend heißt im Klartext großzügig sein und letztlich für Liebe bezahlen. Das sind bekannte Verklausulierungen und so weit bin ich noch nicht. Der zweite Umschlag besteht aus edlem, hadernhaltigem Papier, die Schrift darauf ist ebenmäßig und wunderschön. Das Wort Chiffre und die Zahlen dahinter sind wie gemalt, muten fast künstlerisch an. Absender steht keiner drauf, nur eine Telefonnummer. Als


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Die Hand am Sack – Unverkäufliche Leseprobe ich das Kuvert öffne, fällt ein Passfoto heraus, das einen netten Kerl zeigt, dem man seine Veranlagung nicht sofort ansieht. Volles Gesicht mit hellen Augen, ausgeprägte Stirnglatze mit kurz geschnittenen Haaren, die nahtlos in einen Dreitagebart übergehen. Das Bild strahlt Festigkeit und Ruhe aus, zeigt einen Typen, der mit sich und der Welt im Reinen ist. Ein Hauch von schelmischem Grinsen verrät den ewigen Lausejungen, obwohl er auch schon Mitte Vierzig ist. Ich lese den Brief, den er dazu schreibt, nur wenige Zeilen, unterschrieben mit Hannes. Meine Anzeige hätte ihn angesprochen, und er würde mich gern kennenlernen, ganz unverbindlich. Das lässt sich einrichten. Ich rufe ihn am Abend an und wir unterhalten uns fast eine Stunde. Seine Stimme am Telefon klingt fest und männlich, bestätigt den ersten Eindruck vom Foto her. Er spricht fränkischen Akzent mit leicht hartem R, was den Eindruck von Aufgeräumtheit noch verstärkt. Als wir zum Schluss kommen, meint er, wir hätten jetzt »genuch gebabbelt« und er würde sich auf unser Treffen freuen. Und dann am Wochenende sitzt er mir am Kaffeetisch gegenüber und schaut mich herausfordernd an. Ich habe die Wohnung aufgeräumt, Staub gewischt, gesaugt und die Katze ermahnt, sich dem Besucher gegenüber anständig zu benehmen. Auf dem Wohnzimmertisch duftet ein Eierlikörkuchen, den ich nach einem Rezept aus dem Kochbuch Heimatküche von Maria und Margot Hellwig gebacken habe und der Kaffee ist auch fertig. Als es läutet, bin ich ein wenig aufgeregt. Ich erwarte ihn im Türrahmen meiner Wohnung. Der Fahrstuhl öffnet sich und er kommt mir strahlend entgegen, sieht noch besser aus als auf dem Foto. Groß, über einsachtzig, fünfundachtzig bis neunzig Kilo, schätze ich, enge, dunkelblaue Jeans, beigefarbenes Oberhemd mit hochgekrempelten Ärmeln und offen stehendem Kragen, haarige Arme, metallene Sportuhr, sonst keinen Schmuck. Ein Kerl aus echtem Schrot und Korn.

Leseprobe – Die Hand am Sack  

Eine Sammlung schwuler Geschichten von K. R. Adam