Issuu on Google+

ge0310_(001_040)_Layout 1 17.08.10 09:35 Seite 1

GENESIS Nr. 03 I 2010

Das Magazin der Neuen Wirtschaft

ENERGIE MOBILITÄT

Die Alp macht mobil

KLIMA

9 771663 965005

03

Zürich ist die Nummer zwei im CO2 Handel

Schweizer Batterien müssen aufgeladen werden


ge0310_(002_003)_Layout 1 17.08.10 09:54 Seite 2

4. NATIONALES KLIMA-FORUM Mittwoch, 20. Oktober 2010 Congress Hotel Seepark in Thun

dung nmel A .ch e Onlin forum e t a .clim www

Tr채gerin

Hauptpartner

Medienpartner


ge0310_(002_003)_Layout 1 26.08.10 16:18 Seite 3

Good News und bad News

Im nächsten Jahr rechnet man mit einem Zuwachs von 26% in der Produktion von Solarstrom, trotz Reduktion der Einspeisevergütungen in so wichtigen Märkten wie Deutschland. Interessant ist die Tatsache, dass der Solarstrom in Kalifornien und Italien bereits 2012 ohne staatliche Vergütungen wettbewerbsfähig sein wird. Die wetterbedingten Schwankungen der Stromerzeugung durch Wind- und Solarkraft in unseren Breitengraden ruft nach neuen technischen Lösungen. Das Zauberwort heisst «smartgrid», oder «das kluge Netz», in welchem ein kontinuierlicher Stromfluss durch Energie-Speicherung und durch die Einbindung des Konsumenten in die Produktion ermöglicht wird. Lesen Sie dazu mehr auf Seite 18. Stromsparen soll sich lohnen. Und dafür braucht es Lenkungsabgaben, die aber fiskal-neutral sein sollten. Beispiel Basel-Stadt: dort wird der zusätzliche Strom-Batzen mit einer Reduktion der Krankenkassen-Prämien und bei den Unterneh-

men mit einem Rabatt auf dem AHV-ArbeitgeberBeitrag zurückerstattet. Basel liegt seit der Einführung der Lenkungsabgabe beim Stromverbrauch deutlich unter dem nationalen Trend, bei der Wirtschaftsentwicklung jedoch ebenso deutlich darüber. Das sollte den eidgenössischen Parlamentariern zu denken geben. Die eine Hälfte der Welt scheint zur Zeit in den Fluten zu versinken, während die andere Hälfte gegen gigantische Feuersbrünste anzukämpfen hat. Ist das Zufall oder spielt da der Klimawandel eine Rolle? Dass der von uns verursachte Klimawandel Tatsache ist, wird heute nur noch von verbohrten Ideologen negiert. Doch die Giftpfeile gegen den KlimaWeltrat und die Tausenden von engagierten Wissenschaftlern nehmen kein Ende, obwohl die Vorwürfe längstens hieb- und stichfest widerlegt worden sind. Wie kommt es, dass gestandene Politiker und gebildete Journalisten sich für einen solchen unsinnigen Kreuzzug hergeben können? Ich empfehle Ihnen das Buch von Naomi Oreskes, Professorin für Geschichte und Wissenschaftsforschung an der University of California, mit dem Titel «Merchants of Doubt». Darin legt sie u.a. dar, wie «Wissenschaftler» noch vor weniger als 20 Jahren darlegten, dass es nicht einwandfrei bewiesen sei, dass Rauchen für den Menschen schädlich sei. Foto: Bruno Strupler

Gemäss einer Studie der Privatbank Sarasin wurden im letzten Jahr in Europa und den USA mehr Stromerzeugungsanlagen für erneuerbare Energien erstellt als für konventionelle wie Kohle und Gas. Die Zahlen sind eindrücklich: die Kapazität von Windfarmen stieg um 31%, diejenige der Solarenergie um 13% und Wasserkraftwerke legten ebenfalls noch um 7% zu. Gemäss Sarasin entfällt heute rund ein Viertel der weltweiten Stromerzeugungskapazitäten auf erneuerbare Energieträger.

Remo Kuhn Herausgeber

GENESIS Das Magazin der Neuen Wirtschaft erscheint vier Mal jährlich zusammen mit der UnternehmerZeitung Verlag: SWISS BUSINESSPRESS SA, Köschenrütistr. 109, 8052 Zürich, Tel. 044 306 47 00, Fax 044 306 47 11, www.genesismagazin.ch, info@genesismagazin.ch Herausgeber: Remo Kuhn, kuhn@swissnews.ch Verlagsleitung: Urs Hübscher, huebscher@unternehmerzeitung.ch Redaktion: Peter Blattner, blattner@unternehmerzeitung.ch Layout & Produktion: Nicole Collins, Manuel Jorquera und Bruno Strupler, print@unternehmerzeitung.ch Redaktionelle Mitarbeiter: Steffen Klatt; Yvonne von Hunnius, Nathalie Schoch, Andreas Holzer und Christian Meier Anzeigen: Angela Ardenghi, ardenghi@swissnews.ch, Yvonne Müller, my media vermarktungs gmbh, Telefon 044 700 38 82, mueller@my-media.ch Druck: Rankwoog Print GmbH Zofingen Nachdruck: Mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion und genauer Quellenangabe © GENESIS gestattet. Text- und Bildmaterial: Für unverlangt eingesandtes Text- und Bildmaterial wird keine Haftung übernommen. SWISS BUSINESSPRESS SA: Im Verlag SWISS BUSINESSPRESS erscheinen ausserdem SWISS NEWS, The National English Journal; ATTIKA, das Zürcher Magazin; PAULI-CUISINE, das Gastronomie-Fachmagazin sowie BUSINESS CLASS.

myclimate.org / natureOffice.ch / CH-152-480371

03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Editorial ⎮ 3


digicom-medien.ch

ge0310_(004_005)_Layout 1 17.08.10 10:24 Seite 4

Wirtschaftlicher Umgang mit Ressourcen heisst auch, die bereits bezahlte Recyclinggebühr für Elektrogeräte nicht zu verschenken! Umweltgerechtes Entsorgen spart Abfallgebühren Elektrogeräte und Sparlampen gehören nicht in den Hausmüll! Im Kaufpreis jedes Gerätes mit elektrischen oder elektronischen Komponenten (E+E) ist eine vorgezogene Recyclinggebühr (vRG) enthalten. Ausgediente Geräte können deshalb kostenlos beim Handel oder bei jeder Sammelstelle für Elektro-Recycling entsorgt werden. Zurückgeben bei den Verkaufsstellen: Es ist unwichtig, wo ein Elektrogerät ursprünglich gekauft wurde. Zurückgeben kann man es überall, wo Geräte der selben Art verkauft werden. Abgeben bei Sammelstellen für Elektro-Recycling: Auf www.e-recycling.ch finden Sie schnell die nächstgelegene Entsorgungsmöglichkeit.

Schweizerische Entsorgungskompetenz im Elektro-Bereich ®

Das Label e-Recycling garantiert die umweltgerechte Entsorgung nach Schweizer Standard mit einem europaweit wegweisenden Entsorgungssystem für Elektrogeräte und Sparlampen aus Haushalt, Garten, Handwerk, Freizeit, Spiel und Sport. Dahinter ® stehen die Nonprofit-Organisationen SENS und SLRS, die ihre Leistungen aus dem Fonds der vorgezogenen Recyclinggebühr (vRG) finanzieren.

Danke fürs Zurückbringen Ihrer Elektrogeräte, Sparlampen, Leuchtstoffröhren, LEDs und Leuchten!


ge0310_(004_005)_Layout 1 17.08.10 10:25 Seite 5

September 2010 KLIMA

6

Der Klimamarkt im Umbruch

8

Zürich, die unbekannte Nummer zwei des CO2-Marktes

ENERGIE

10

Schweizer Batterien müssen aufgeladen werden

15

Pro und Kontra: Atomkraftwerke

16

Die Umstellung auf erneuerbare Energien: Im Gespräch mit Almut Kirchner

18

Intelligente Energiesysteme:

21

Variable Strompreise dank Smart Grids:

Damit auch morgen das Licht angeht Interview mit Dominik Noeren

MOBILITÄT

22

Die Alp macht mobil mit Elektroautos

BAUEN

26

Der schrittweise Wechsel zur nachhaltigen Stadtentwicklung

30

Städte sind für Menschen da: Interview mit Matthew Kitson.

GELD

32

Nachhaltig in Schwellenländer investieren – Chance oder Risiko?

MARKT

KOLUMNE

34

Selbstlöschende Abfalltrennsysteme

35

Rebound-Effekt kontra Energiebilanz

36

Der Weg zu mehr Energieeffizienz

37

Schnappt Euch den Trend

Bilder von oben: Seite 08 Foto: Schweiz Tourismus, swissimage.ch, Christof Sonderegger / Zürich, die unbekannte Nummer zwei Seite 18 Foto: bilderbox.de / Intelligente Energiesysteme Seite 22 Foto: zVg / Die Alp macht mobil mit Elektroautos Cover Foto: iStockphoto.com / Cimmerian 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Inhalt ⎮ 5


ge0310_(006_007)_Layout 1 16.08.10 16:31 Seite 6

Text Steffen Klatt In diesem Markt sitzen die Politiker am längeren Hebel. Und der Markt hat wenig Grund, mit ihnen zufrieden zu sein. Erfunden worden war der Klimamarkt bei der Ausarbeitung des Kyoto-Protokolls Mitte der 90er Jahre. Vor allem die USA hatten auf marktwirtschaftliche Instrumente gedrängt. Als es um die Umsetzung ging, zogen sie sich zurück. Die EU dagegen hatte ihre Lektion gelernt. Noch bevor das Kyoto-Protokoll im Februar 2005 in Kraft trat, hatten sie ihren internen Emissionshandel

Der Klimamarkt wächst. Der grösste Teil des Marktes findet in der EU statt; die Schweiz steht aussenvor. Doch in einer kleinen Nische ist Zürich ganz gross: bei der Finanzierung von Klimaschutzmassnahmen in Entwicklungsländern.

in Kraft gesetzt. Tausende Unternehmen erhielten Rechte zugeteilt, Kohlendioxid in die Luft zu blasen. Bliesen sie weniger aus, konnten sie die Rechte verkaufen. Wurde es mehr, mussten sie zukaufen. Der Markt entwickelte sich prächtig. Die Preise stiegen bis auf 30 Euro pro Tonne. Doch dann sackten sie auf faktisch Null ab. Der Grund: Die erste Phase des EU-Emissionshandels war auf drei Jahre beschränkt. Die Rechte dieser ersten Phase konnten nicht in die nächste hinübergenommen werden. Ein Webfehler, der manchen Unternehmen im Markt zum Verhängnis wurde. Die Wirtschaftskrise versetzte dem Markt nochmals einen Schlag. Der Preis dümpelt derzeit um die 15 Euro.

Der Markt in der EU lebt Dennoch: Der Markt in der EU – dem auch die EWR-Länder Norwegen, Island und Liechtenstein angeschlossen sind – lebt. Er erreicht inzwischen rund 100 Milliarden Euro im Jahr (140 Milliarden Franken). Immer mehr ziehen spezialisierte Börsen den Handel an sich. In Deutschland tut dies die Energiebörse in Leipzig, in Paris NYSE Euronext. Die grösste Börse ist die European Climate Exchange in London. Inzwischen scheint ihre Vorrangstellung kaum noch angreifbar, auch dank ihrer niedrigen Kosten. Der Markt wird wachsen. Die EU hat beschlossen, ihn unabhängig vom Ausgang der Klimaverhandlungen bis 2020 weiterzuführen. Ab 2012 soll der Luftverkehr einbezogen werden. Ausserdem werden die Unternehmen einen Teil ihrer Rechte ersteigern müssen – anfangs waren sie ihnen zugeteilt worden, ein stattliches Geschenk.

Doch andere Hoffnungen hat die Politik enttäuscht. Insbesondere der Emissionshandel in den USA, mit dem der Markt sein Volumen vervielfacht hätte, stockt. Zwar hat das US-Repräsentantenhaus bereits vor einem Jahr zugestimmt. Aber der Senat hat ihn fallengelassen. Zu stark ist der Widerstand der Republikaner, die höhere Energiekosten befürchten. Auch Australien, ein grosser Produzent von Kohle, hat den Emissionshandel verschoben, auf frühestens 2013, wenn ein neues Klimaabkommen bereit sein sollte. Doch noch ist nicht sicher, dass ein Abkommen zustande kommt. Der mit Erwartungen überfrachtete Klimagipfel von Kopenhagen im Dezember hatte 6 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Klima

Foto: bilderbox.de

Der Emissionshandel in den USA stockt


ge0310_(006_007)_Layout 1 16.08.10 16:31 Seite 7

ein Patt erbracht. Die Staaten konnten sich nur einigen, dass jeder macht, was er will. Auch der nächste Gipfel Ende Jahr im mexikanischen Cancun dürfte kein Abkommen bringen. Klimadiplomaten hoffen auf den Gipfel Ende 2011 in Südafrika. Im schlimmsten Fall rutschen die Klimaverhandlungen auf das Niveau der Welthandelsorganisation ab: Alle Jahre wieder verspricht man eine Einigung – und tritt doch nur geschäftig auf der Stelle. Träte das ein, könnte die EU ihren Emissionshandel nach 2020 trotzdem fortsetzen. Aber einem Teil des CO2-Marktes würde der Boden unter den Füssen weggezogen. Und das wäre ausgerechnet derjenige, in dem die Schweiz stark ist: der Markt des «Sauberen Entwicklungsmechanismus», im Jargon CDM genannt.

Reduktionsverpflichtungen erfüllen Die CDM waren im Kyoto-Protokoll eingeführt worden, damit die Industrieländer einen Teil ihrer Reduktionsverpflichtungen erfüllen können, indem sie (billigere) Klimaschutzmassnahmen in Entwicklungsländern finanzieren: Windparks, Solaranlagen, Kleinwasserkraftanlagen . . . Für die Laufzeit der Projekte erhalten die Eigner Emissionszertifikate in der Höhe der eingesparten Menge Kohlendioxid. Damit können Unternehmen ihren CO2-Ausstoss zuhause «bezahlen». In der Schweiz allerdings kann nur die Stiftung Klimarappen solche Zertifikate einsetzen, um ihre Reduktionsverpflichtungen zu erfüllen. Dennoch ist die Schweiz in diesem Teilmarkt die Nummer zwei. Von den 2310 vom UN-Klimasekretariat anerkannten CDM-Projekten (Stand Anfang August) sind 20 Prozent über die Schweiz gelaufen. Marktführer ist auch hier Grossbritannien mit 28 Prozent. Nummer drei sind die Niederlande mit 12 Prozent. Ein Grund ist das Schweizer Emissionshandelsregister: Es war früher bereit und ist unbürokratischer organisiert als andere. Entwickler registrieren ihre Projekte daher gern in der Schweiz. Ein anderer Grund: In der Schweiz sind früh spezialisierte Unternehmen entstanden. Einer der Pioniere im Markt der freiwilligen CO2-Kompensationen ist die Stiftung myclimate. Hier können Private wie Unternehmen etwa ihre Reisen, Drucksachen oder Veranstaltungen kompensieren, indem sie CDM-Zertifikate kaufen. South Pole Carbon, eine Ausgründung der ETH Zürich und von myclimate-Leuten aufgebaut, hat den Gold Standard des WWF für hochqualitative CDM-Projekte mitentwickelt. First Climate hat den ersten Fonds für CDM-Projekte nach 2013 aufgelegt.

Am CO 2-Markt die Finger verbrannt Im Frühjahr wurde die Zurich Carbon Market Association gegründet. Deren Präsident Axel Michaelowa schätzt die Zahl der Beschäftigten in diesem Markt allein in Zürich auf 500. Die grossen Zürcher Finanzhäuser dagegen halten sich zurück. Sie haben sich grossteils im frühen Auf und tieferen Ab des CO2-Marktes die Finger verbrannt. Wer heute noch dabei ist, tut es von London aus. Zürich hat eine Chance, aus der Nische in den CO2-Kernmarkt vorzudringen: Der Bundesrat strebt eine Beteiligung der Schweiz am EU-Emissionshandel ab 2013 an. Bruno Oberle, Chef des Bundesamtes für Umwelt, hat schon mal vorsorglich die Gründung einer CO2-Börse angeregt. Andere wie Christoph Sutter, Chef von South Pole Carbon, setzen auf eine Verstärkung der Rolle Zürichs als Anbieter von Dienstleistungen im CO2-Markt. Doch einstweilen muss Zürich die Nische sichern, die es mitgeholfen hat zu schaffen – trotz politischen Gegenwindes. 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Klima ⎮ 7


ge0310_(008_009)_Layout 1 16.08.10 16:32 Seite 8

Der unbekannte Riese Zürich ist die Nummer zwei des CO2-Marktes hinter London, aber kaum jemand wisse das, sagt Axel Michaelowa. Deshalb haben die Akteure des neuen Marktes die Zurich Carbon Market Association gegründet.

Interview Steffen Klatt Im März wurde die Zurich Carbon Market Association gegründet. Warum? Axel Michaelowa: Zürich bildet in Europa die zweitgrösste Ansammlung von Unternehmen, die sich im CO2-Markt bewegen. Zürich ist insofern Weltspitze, als es mit der Universität und an der ETH Zürich mehrere Forschungseinrichtungen hat, die sich mit den CO2-Märkten und der Klimapolitik auseinandersetzen. Insofern stellte sich für uns die Frage, wie man sichtbarer machen kann, was hier an Kompetenz vorhanden ist. Was sind die Stärken Zürichs? Die Stärken Zürichs liegen im Zusammenspiel zwischen Unternehmen und Forschung. In London gibt es kaum Forschung in diesem Bereich. Zürich ist auch insofern stark, als es sehr flexible mittelgrosse Unternehmen hat. Ausserdem steht hier die Qualität der Dienstleistungen bei allen Akteuren im Vordergrund. In London dagegen gibt es einige Akteure, die vor allem das schnelle Geld im Blick haben. Welche Dienstleistungen des CO 2-Marktes werden in Zürich angeboten? 8 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Klima

Der Platz Zürich deckt alle Aspekte des CO2-Marktes ab. Stark ist Zürich traditionell in der Entwicklung von Projektdokumentationen für Emissionsreduktionen in den Entwicklungsländern. Die Firma South Pole ist weltweit führend bei der Entwicklung von sogenannten programmatischen Ansätzen im CDM (Clean Development Mechanism, Klimaschutzmassnahmen in den Entwicklungsländern, die bei CO2Emissionen in Industrieländern angerechnet werden können, Anm. d. Red.). Meine eigene Firma Perspectives ist bekannt dafür, komplexe Methoden für solche CDM-Projekte zu entwickeln, also die Verfahren, mit denen die CO2-Reduktion errechnet wird. First Climate hat einen der ersten Fonds für CO2-Zertifikate nach 2012 (nach dem Auslaufen der Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll, Anm. d. Red.) aufgelegt hat. An der Universität wird an der Weiterentwicklung der Marktmechanismen nach 2012 gearbeitet. Die ETH ist bekannt für die Analyse betriebswirtschaftliche Entscheidungsprozesse bei der Nutzung internationaler Marktmechanismen. Was in Zürich etwas fehlt, ist die Beteiligung der grösseren Finanzdienstleister. Das ist die Stärke von London. Es ist schade, dass die grossen Zürcher Banken ihre Aktivitäten aus London heraus betreiben.


ge0310_(008_009)_Layout 1 16.08.10 16:32 Seite 9

ZUR PERSON Dr. Axel Michaelowa ist Präsident der Zurich Carbon Market Association. Er leitet die Gruppe Internationale Klimapolitik am Lehrstuhl Politische Ökonomie der Entwicklungs- und Schwellenländer der Universität Zürich. Zusammen mit Sonja Butzengeiger gründete er 2003 das Beratungsunternehmen Perspectives in Hamburg, seit 2009 Teil von Point Carbon.

gehend Hiobsbotschaften. Es fragt sich, wieviel der bisher aufgebauten Kompetenz unter solchen Umständen aufrechterhalten werden kann. Aus meiner Sicht ist es klar, dass die Anbieter von hochqualitativen Produkten am längsten überleben werden. Aber es braucht politische Entscheidungen bei einem Markt, der allein auf Regulierung beruht – der Verknappung von Treibhausgasemissionen. Die Schweiz hat in den internationalen Klimaverhandlungen bisher immer die Rolle des Brückenbauers gespielt. Man muss darauf hoffen, dass sie es schafft, die Verhandlungen voranzutreiben. Foto: Schweiz Tourismus, swissimage.ch, Christof Sonderegger.

Hat Zürich die Chance, seinen bisher starken Platz zu behalten? Das hängt sehr davon ab, wie die verschiedenen Länder mit den projektbasierten Mechanismen umgehen, aber auch davon, wie das internationale Klimaregime für die Zeit nach 2012 insgesamt aussieht. In den letzten Monaten kamen weit-

Für den Standort Zürich wäre es also schon eine Leistung, das Erreichte zu bewahren? Ja. Angesichts der internationalen Umstände muss man verhindern, dass es zu einem Zusammenbruch kommt. Zürich und die Schweiz könnten Schrittmacherdienste leisten. Aber das braucht politischen Willen. Das können wir als Marktakteure alleine nicht erreichen.

Anzeige

Erkennen Sie Ihr Sparpotenzial. Energieberatung von ewz. Möchten Sie herausfinden wie Sie in Ihrem Betrieb den Energieverbrauch senken und dadurch Geld sparen können? Kontaktieren Sie noch heute Ihren ewz-Energieberater für eine kostenlose Analyse. ewz zeigt Unternehmen in der Stadt Zürich das Sparpotenzial im Betrieb auf. Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme. ewz KMU-Kunden Tramstrasse 35 8050 Zürich Telefon 058 319 47 00 Telefax 058 319 41 90 www.ewz.ch

03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Klima ⎮ 9


ge0310_(010_013)_Layout 1 16.08.10 16:32 Seite 10

Schweizer Batterien müssen

aufgeladen werden Bald wird in der Schweiz weniger Strom produziert, als man im Land braucht. Diese Tatsache ist unbestritten. Dennoch ist die «Stromlücke» Gegenstand heisser Debatten. Je nach Weichenstellung wäre sie mit Atomkraft, Alternativenergie oder beidem zu stopfen.

Text Yvonne von Hunnius Im Berner Oberland gibt es Energiesicherheit – zumindest für Daten. Die Secure Infostore AG verspricht in Bunkern tief in den Alpen absolute Sicherheit für Datensätze von Unternehmen vor äusserem Zugriff. Eine «autarke elektrische Energiezufuhr» werde garantiert. Für den Rest der Schweiz gilt das nicht. Eine autarke Stromversorgung ist ohnehin eine Utopie. Doch schon in anderthalb Jahrzehnten dürfte in der Eidgenossenschaft erheblich weniger Energie produziert werden, als gebraucht wird. Diese «Stromlücke» verunsichert die Bevölkerung und regt die beteiligten Akteure zur Produktion von Studien an.

Lichterlöschen in Atomkraftwerken Die Gründe für die auseinanderklaffende Schere sind klar: In den Kernkraftwerken Mühleberg, Beznau I und II gehen aufgrund ihrer Dienstjahre ab 2019 die Lichter aus. Gösgen trifft es ebenfalls, aber erst gegen 2039, sagt Energieexpertin Almut Kirchner von Prognos. «Darüber hinaus laufen Teile der französischen Bezugsrechte aus, ebenfalls durch Abalterung von Kraftwerken», bestätigt Kirchner, die Leiterin der wissenschaftlichen Arbeiten der «Energieperspektiven» im Auftrag des Bundesamtes für Energie (BfE) ist. Im neuen Gefüge einer Europäischen Union, das sich Stromsolidari1 0 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Energie


ge0310_(010_013)_Layout 1 16.08.10 16:32 Seite 11

tät auf die Fahnen geschrieben hat, sind diese Rechte so einfach und zu so guten Bedingungen in Zukunft sicher kaum mehr zu erhalten.

Bedarf steigt weiter Zum anderen steigt der Strombedarf stetig. Nicht zuletzt aufgrund der hohen Priorität, CO2-Emissionen zu senken. Der Energietrialog Schweiz, eine Initiative aus wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Akteuren, nennt den Prozess eine «zweite Elektrifizierung». Energietrialog-Geschäftsführer Tony Kaiser sagt: «Mehr Effizienz und weniger CO2-Emissionen bedeutet auch eine Entwicklung hin zu einem grösseren Anteil an elektrischen Anwendungen in unserem Alltag. Wärmepumpen zum Heizen, elektrifizierter Individualverkehr und mehr öffentlicher Verkehr verlangen Strom, um fossile Energie einzusparen.» Man braucht demnach auch mehr Strom, um ein energieeffizienteres und CO2-sparsameres Energiesystem zu leben und den fossilen Treibstoffen den Rücken zu kehren.

Bis zu 30 Terrawattstunden werden fehlen Summa summarum werden unterschiedlichen Berechnungen nach im Jahre 2035 zwischen 22 und 30 Terrawattstunden mehr Strom gebraucht, als der Schweiz zur Verfügung steht. Diese Zahl entspricht den Annahmen der Stromindustrie wie auch ökologisch orientierter Organisationen. 30 Terrawattstunden, das ist etwas weniger als der jährliche Energieverbrauch von Ungarn. Oder auch das Volumen an Energie, das in der ganzen EU in einem Jahr durch die Stand-By-Funktion von Geräten verschwendet wird. Mit dieser Zahl freilich endet die Einigkeit beidseits der energiepolitischen Frontlinie, die sich durch Politik, Wirtschaft und Wissenschaft der Schweiz zieht.

Schweizer Strom ist preiswert

Fotos: bilderbox.de

Allein das Wort «Stromlücke» bietet seit Jahren Grund zu Debatten. Stromlücke bedeutet im Wortsinn, dass das Gut knapp und teurer wird. Anders als bei den endenden Fossilvorräten ist allerdings auf der Welt weiterhin Strom durch Solarkraft oder auch fremde Atomkraftwerke vorhanden. Kaiser vom Energietrialog bleibt diplomatisch: «Rein ökonomisch betrachtet stimmt das wohl, dass sich Angebot und Nachfrage über den Preis regeln. Die Frage ist, ob wir uns auf eine Zeit mit deutlich weniger Stromangebot einstellen wollen und ob es aus Umweltsicht sinnvoll ist.» WWF-Energieexperte Patrick Hofstetter sieht den Folgen eines niedrigeren Angebots gelassen entgegen: «Fünf bis zehn Prozent Energieimport würden die Preise natürlich steigen lassen. Eine Angleichung an das höhere Preisniveau der Nachbarstaaten wird gemäss den grossen Stromkonzernen jedoch ohnehin kommen.» Noch liegen die Preise selbst nach Erhöhungen infolge der ersten Liberalisierungsrunde in der Schweiz im europäischen Vergleich um 20 Prozent unter dem Durchschnitt. Zu gering für gross angelegte Effizienzmassnahmen, sagt Hofstetter. Und Urs Wittwer, Leiter der Greenpeace Atomkampagne Schweiz, wird noch deutlicher: «Strom ist zu preiswert in der Schweiz. So wird er zu einem Wegwerfprodukt. Warum soll sich ein Konsument Mühe geben, Strom zu sparen, wenn ihm am Ende des Jahres eine Ersparnis von 50 Franken bleibt?» Eine Studie, die im Auftrag vom Energietrialog und dem Bundesamt für Energie an der EPFL Lausanne durchgeführt wurde, ergab, dass höhere Preise durchaus eine positive Wirkung auf die Innovationskraft der entsprechenden Branchen hätten. 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Energie ⎮ 1 1


ge0310_(010_013)_Layout 1 16.08.10 16:32 Seite 12

«

Der Widerstand gegen Anlagen zur Produktion von neuen regenerativen Energien ist unerwartet und erschwert den von uns geplanten Ausbau des Anteils der erneuerbaren Energien.» Heinz Karrer, Geschäftsführer der Energiegruppe Axpo.

«Dann bleibt nur Atomkraft» Doch nur auf die Folgen der Energieeffizienz und Erneuerbare will die Energiebranche nicht setzen. Ihre Antwort auf die Frage nach CO2-Einsparungen und der Stromlücke sieht einen Strommix unter Einbeziehung von Atomkraft vor. Hans E. Schweickardt, Präsident von swisselectric - der Interessenvertretung von sechs Schweizer Stromverbundunternehmen und Verwaltungsrat des Energiekonzerns Alpiq, sagt: «Will man den CO2-Ausstoss verringern, bleibt nur Atomkraft. Denn mit erneuerbaren Energien kann man nicht schnell genug Versorgungslöcher decken. Und da die Atomkraftwerke nicht über Nacht gezaubert werden können, wird es eine Übergangslösung mit Gaskraftwerken geben müssen.» Die Planungen zumindest für drei neue Atomkraftwerke laufen, auch wenn sich die Energiewirtschaft aus Kostengründen auf zwei konzentrieren will: Beim Bundesamt für Energie (BFE) liegen neben dem Gesuch für ein AKW in Niederamt auch Gesuche für ein neues AKW in Mühleberg im Kanton Bern und Beznau im aargauischen Döttingen. Das Stimmvolk wird darüber befinden müssen.

Schweizer müssen sich entscheiden Rolf Büttiker, FDP-Ständerat und Verwaltungsrat des Kernkraftwerks Leibstadt, zitiert eine Trendstudie der Strombranche, nach der 73 Prozent der Teilnehmer grundsätzlich die Nutzung der Atomenergie befürworten. Dieser Tendenz muss auch Urs Wittwer, Leiter der Greenpeace Atomkampagne Schweiz, zustimmen: «Die Zustimmung in der Bevölkerung zu Neubauten wächst gemäss den meisten Studien langsam an. Wenn heute eine Abstimmung über neue Atomkraftwerke stattfände, würden wir mit einer knappen Entscheidung rechnen.» Und Heinz Karrer, Geschäftsführer der Energiegruppe Axpo, die AKW-Gesuche eingereicht hat, sieht gleichzeitig immer stärkeren Gegenwind für Sonne, Wind & Co: «Der Widerstand gegen Anlagen zu Produktion von neuen erneuerbaren Energien ist unerwartet und erschwert den von uns geplanten Ausbau des Anteils der erneuerbaren Energien. Die Stromproduktion aus Wind- und Sonnenenergie in der Schweiz deckt trotz grosser Anstrengungen und erheblicher Subventionszahlungen heute immer noch weniger als 0,1 Prozent des Landesverbrauchs.» Momentan. In der Diskussion gilt es, kurz, mittel- und langfristige Prognosen voneinander zu unterscheiden. Der McKinsey-Partner und Energieexperte Marco Ziegler sagt, bis 2030 seien aus ökonomischer Sicht Atomkraftwerke sinnvoll und hätten tiefere Kosten zur Vermeidung von CO2-Emission im Vergleich zu Import-Strom, der einen verhältnismässig hohen CO2Anteil aufwiesen. Doch langfristig sieht die Lage auch finanziell anders aus. Ziegler: «Wir gehen davon aus, dass Strom aus erneuerbaren CO2-freien Energiequellen im Jahre 2050 nicht teurer ist als heute.» 1 2 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Energie


ge0310_(010_013)_Layout 1 16.08.10 16:32 Seite 13

«

In den Kernkraftwerken Mühleberg, Beznau I und II gehen aufgrund ihrer Dienstjahre ab 2019 die Lichter aus. Gösgen trifft es ebenfalls, aber erst gegen 2039.» Energieexpertin Almut Kirchner von Prognos.

Kein Atomstrom für die Lücke? Dass Alternativenergien und Energieeffizienzmassnahmen sehr wohl zum Füllen der Stromlücke reichten, behauptet eine aktuelle Studie von Kantonen und Umweltverbänden: Stromeffizienz sei der Hauptschlüssel, sagt WWF-Chef Hans-Peter Fricker: «Das, was es an zusätzlichem Strom dann noch braucht, kann mit Biomasse, mit der Sonne, aber auch mit neuen Wasserkraftwerken, Windrädern und später auch mit der Geothermie produziert werden. Der prognostizierte Strom-Mehrverbrauch kann zu zwei Dritteln mit Effizienzverbesserungen und zu einem Drittel mit erneuerbaren Energien gedeckt werden. So können wir getrost auf den Bau weiterer AKW verzichten.» Auch wirtschaftlich sei eine nachhaltige Energie-Strategie lohnenswert, sagt die Studie. Doch es gibt keine Untersuchung in diesem Feld, die nicht im Kreuzfeuer stünde. Diese sei «ein Gefälligkeitsgutachten», heisst es und in Internetforen werden in epischer Länge Methodik und Datenmaterial auseinandergenommen.

Zuviel Energie kann nicht schaden Atomkraft ist per se ein Aufregerthema und das international. Doch in der Schweiz steckt mehr hinter der Debatte um die Stromlücke. Denn Stromüberschuss und freie Kapazitäten in Pumpspeicherseen sind im Schweizer Energiehandel mit Nachbarstaaten Tradition. Horst-Michael Prasser, Professor für Kernenergie an der ETH Zürich und Mitglied des Eidgenössischen Nuklearinspektorats Ensi, plädiert für deren Weiterführung: «Selbst wenn man mehr hätte, als das eigene Land braucht, was bei ständig steigendem Stromverbrauch fraglich ist, wieso sollte man nicht ein Gut auch im Ausland vermarkten, das ökologisch einen positiven Aspekt hat? Wenn jemand in der Schweiz eine Fabrik für Solarzellen aufmacht, dann wird er gefeiert. Warum sollte das nicht auch für Atomstrom gelten, mit dem ein Nachbar wie beispielsweise Italien seine CO2-Bilanz verbessert?»

Schweiz als Batterie Europas Letztlich steckt hinter der Angst vor der Stromlücke auch die Angst vor einem Verlust der eigenen Rolle im internationalen Kanon, wie Schweickardt betont: «Die Schweiz muss sich reetablieren als Stromlunge Europas. Die Schweiz kann Energieungleichheiten durch die Pumpspeicherung ausbalancieren. Aber diese Rolle kann man nur ausfüllen, wenn man in der Grundversorgung nicht der arme Mann ist.» Und geht es um die Schweiz als Energiedrehscheibe, dann pflichten prinzipiell auch Atomgegner wie Greenpeace-Experte Wittwer bei: «Die Schweiz hat schon immer eine zentrale Rolle in der europäischen Stromversorgung gespielt. Und in Zukunft wird das noch wichtiger – sie kann zu einer Batterie für Europa werden.» Nur muss diese Batterie aufgeladen werden. 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Energie ⎮ 1 3


ge0310_(014_015)_Layout 1 17.08.10 09:55 Seite 14

E N E RG I E E F F I Z I E N Z Z U M WOH LF Ü H LE N

Zeitgemässe Architektur, Nachhaltigkeit und Komfort : Ein individuelles Minergie- oder Minergie-P-Haus von Renggli gibt Ihren Werten eine vollendete Form. Lassen Sie uns Mass nehmen an Ihren Vorstellungen vom neuen Eigenheim – von der Planung bis zur Schlüsselübergabe. Bestellen Sie unsere kostenlose Dokumentation auf www.renggli-haus.ch.

R E NGG LI AG St. Georgstrasse 2 CH-6210 Sursee T +41 (0)41 925 25 25 F +41 (0)41 925 25 26 mail@renggli-haus.ch www.renggli-haus.ch


ge0310_(014_015)_Layout 1 17.08.10 09:55 Seite 15

Braucht die Schweiz neue Atomkraftwerke um die Stromlücke zu füllen? PRO

KONTRA

Gemäss einer neuen Trendstudie der Strombranche befürworten 73 Prozent der Teilnehmer grundsätzlich die Nutzung der Atomenergie. 82 Prozent halten diese für sicher. 56 Prozent der Befragten befürworten den Bau neuer Kernkraftwerke. Energieexperten warnen, dass es bereits ab 2020 zu Engpässen in der Stromversorgung kommen könnte. Dann laufen die Stromlieferverträge mit Frankreich aus. Der Lebenszyklus der drei ältesten Kernkraftwerke geht dem Ende zu und gleichzeitig wächst der Verbrauch weiter. Die Kernkraft deckt 40 Prozent des Strombedarfs, die Schweiz benötigt also neue Stromquellen. Ideal wäre, wenn sich der Strom mehrheitlich aus erneuerbaren Energien gewinnen liesse. Dies ist in der Schweiz bereits der Fall: Wasserkraft liefert 55 Pro- ROLF BÜTTIKER zent des Stroms. Die «jungen» Erneuerbaren – Sonne, Wind und FDP-Ständerat und Verwaltungsrat der KernBiomasse – spielen mit 2 Prozent kraftwerk Leibstadt AG jedoch erst eine marginale Rolle. Bis zum Jahr 2030 werden sie mit grossen Anstrengungen vielleicht 10 Prozent erreichen. Das wird nicht genügen und Gaskraftwerke kommen als Alternative kaum in Frage. Den «perfekten» Energieträger wird es nie geben. Jede Stromerzeugungstechnik hat ihre Vor- und Nachteile. Erst der ausgewogene Mix der Ressourcen kann die Ziele der Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit erfüllen. Die Kernenergie gehört für mich in unserem Land dazu.

Die Schweiz kann auf den Bau von neuen Atomkraftwerken verzichten. Wir haben heute bessere Alternativen. Der effiziente Energieeinsatz und die erneuerbaren Energien sind volkswirtschaftlich interessanter. Sie schaffen Arbeitsplätze, reduzieren unsere Auslandsabhängigkeit und erhöhen die Versorgungssicherheit.

Sparlücke Strom kostet zu wenig und wer viel davon braucht, kriegt ihn sogar noch billiger. Deshalb verschleudern wir das kostbare Gut in Elektroheizungen, schlechten Wärmepumpen, ineffizienten Elektromotoren und wartenden Kaffee-Maschinen. Das Stromsparpotential ist enorm. Jede dritte Kilowattstunde könnte eingespart werden. Geldsparpotential für Haushalte und Wirtschaft: zwei bis drei Milliarden Franken! Schon nur eine konsequente Stromsparpolitik würde den Ersatz der drei alten Atomkraftwerke überflüssig machen.

Wissenslücke Die Energieperspektiven des JÜRG BURI Bundes sowie die kürzlich von In- Geschäftsleiter fras und den Städten publizierte Schweizerische EnergieStromstudie rechnen vor: Strom Stiftung SES aus erneuerbaren Energien, gepaart mit effizientem Verbrauch, ist langfristig günstiger, sicherer und sauberer als neue Atomreaktoren. Wer auf neue AKW setzt, spielt nicht nur Russisch Roulette mit unseren Zukunftschancen, sondern verhindert auch die erneuerbaren Technologien.

Finanzlücke

«

Nuklearstrom ist mehrfach attraktiv: Die Beschaffung ist weitgehend unabhängig von geopolitischen Krisensituationen, die Kosten sind langfristig kalkulierbar und die Entsorgung ist auf dem Weg zur Lösung.» Rolf Büttiker

Während die erneuerbaren Technologien stetig billiger werden, wird Atomstrom immer teurer. Die Investitionsrisiken sind hoch, die Amortisationszeiten lang, die strompolitischen Risiken unberechenbar und die «Back End» Kosten für Stilllegung und Entsorgung sind nicht abschätzbar.

Prof. Amory B. Lovins, Energieexperte und Berater des Pentagons, formuliert es so:

«

Atomenergie ist so hoffnungslos unökonomisch, dass wir gar nicht erst über deren Risiken reden müssen.» 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Pro & Kontra ⎮ 1 5


ge0310_(016_017)_Layout 1 16.08.10 16:33 Seite 16

«Die Übergangszeit wird

Noch können Weichen gestellt werden, um eine Stromlücke abzufedern, sagt Energie-Expertin Almut Kirchner vom Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos. Sie ist Leiterin der wissenschaftlichen Arbeiten der «Energieperspektiven» im Auftrag des Bundesamtes für Energie (BFE).

Interview Yvonne von Hunnius Gehen in der Schweiz 2035 die Lichter aus, wenn mehr Strom gebraucht als produziert wird? Almut Kirchner: Nein. Man sollte den Begriff der «Stromlücke» nicht angsterzeugend verkürzen. Der Schweizer Kraftwerkspark ist in einem Abalterungsprozess begriffen. Die grossen AKW-Blöcke werden bis auf Leibstadt bis 2035 sukzessive vom Netz genommen. Darüber hinaus laufen Teile der französischen Bezugsrechte aus, ebenfalls durch Abalterung von Kraftwerken. Und nun müssen wir uns fragen, wie wir die zukünftige Nachfrage decken – bei einem bisher nahezu ungebrochen wachsenden Trend. Wir haben bei diesem Trend für 2035 eine Differenz zwischen Nachfrage und derzeit gesichertem Angebot von 22,3 Terrawattstunden berechnet, das ist praktisch ein Drittel der Nachfrage in 2035. Hat man versäumt, rechtzeitig vorzubauen? Laufzeiten und Abalterung von Kraftwerken sind berechen1 6 ⎮ 02/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Interview

bare Prozesse. Man hat sich ungefähr seit 2002 intensiver mit dem Thema auseinander gesetzt. Aber solche Kernkraftwerksentscheidungen sind immer von grossem öffentlichem Interesse und brauchen Zeit. Wir reden ja auch von 2035, nicht von übermorgen. Die ersten AKW gehen gegen 2019 vom Netz. Wenn man zum Beispiel die Kapazitäten durch Einsparungen und erneuerbare Energien ersetzen möchte, geht das nicht stufenartig 2019, sondern es müssten früh Umsteuerungen für die Effizienzsteigerungen auf der Nachfrageseite und ein stetiger Zubau der Erneuerbaren organisiert werden. Aber reicht die Zeit noch, um die Weichen zu stellen? Grundsätzlich ja. Wenn wir das Thema ernsthaft und dringlich angehen, kann man schlüssige Konzepte bis 2035 und darüber hinaus entwickeln – das muss auch geschehen, weil wir es hier mit sehr langlebigen Investitionen zu tun haben. Dennoch gibt es eine Übergangszeit zwischen etwa 2018 und etwa bis 2030, die anstrengend wird und für die wir relativ schnell Entscheidungen treffen müssen. Man kann importie-


ge0310_(016_017)_Layout 1 16.08.10 16:33 Seite 17

anstrengend»

ZUR PERSON Almut Kirchner ist Physikerin und Expertin für Klimaschutz, rationelle Energieverwendung und regenerative Energien. Seit 2003 leitet sie bei der Prognos AG das Marktfeld «Energie- und Klimaschutzpolitik». Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen bei der modellgestützten Analyse, Prognose und Entwicklung von Szenarien für Gesamtenergiesysteme. Sie hat unter anderem die wissenschaftlichen Modellierungsarbeiten für die Energieperspektiven bis 2035 im Auftrag des Bundesamtes für Energie geleitet. In jüngster Zeit hat sie die Studie «Modell Deutschland, Klimaschutz bis 2050 vom Ziel her denken» im Auftrag des WWF Deutschland geleitet und arbeitet zur Zeit an Szenarien für das Energiekonzept der deutschen Bundesregierung.

bedingt auch, dass sich eventuell die Schweiz an der Schaffung dazugehöriger Infrastruktur beteiligt. Und auch in der Schweiz besteht ein Netzerneuerungsbedarf. Darüber hinaus sind im europäischen Ausland ganz ähnliche Probleme der Alterung des Kraftwerksparks und zahlreichen Hemmnissen beim Infrastrukturausbau zu beobachten. Wir rechnen nicht damit, dass es einen Stromüberschuss gibt, auf den«einfach» zugegriffen werden kann. Gerade um die erneuerbaren Potenziale wird es bei den ambitionierten EU-Ausbauzielen grosse Konkurrenz geben – mit Auswirkungen auf die Preise.

Energieperspektiven: Wenn das Thema ernsthaft angegangen wird, kann man Konzepte bis 2035 und darüber hinaus entwickeln. Foto: bilderbox.de

ren, im Ausland oder Inland in kleine oder grosse Kraftwerke investieren. Doch es wäre ein sehr ambitioniertes Unterfangen, die jetzt bald aus dem Netz gehenden Kernkraftkapazitäten so schnell zu ersetzen, wie sie ausfallen. Der gesellschaftliche Konsens spielt hier eine zentrale Rolle. Warum nicht einfach im freien Energiemarkt Strom importieren? Ein Markt wie der Strommarkt ist nicht mit dem Markt für Äpfel vergleichbar, da er viel mit Infrastruktur zu tun hat und stark reguliert ist. Grundsätzlich ist Import eine Option. Doch wie alle Länder scheut auch die Schweiz Abhängigkeit – und man würde sich auch von den infrastrukturellen Voraussetzungen im Ausland abhängig machen. Die Schweiz und Deutschland haben gute Netze, doch es stehen grosse Veränderungen bevor, zum Beispiel durch den Ausbau von Offshore-Windparks im Norden oder grossen Solarkraftwerken im Süden, die angebunden werden müssen. Infrastruktur kann in Zukunft ein grosser Engpass werden. Der Import

Welche Rolle kann die inländische Produktion von Alternativstrom spielen? Die Potentiale sind begrenzt: Die grosse Wasserkraft ist nahezu ausgeschöpft, die Schweiz ist kein grosses Windland, die Sonnenpotenziale sind theoretisch gross, aber stark durch verfügbare Flächen, Einstrahlungsbedingungen und Kosten begrenzt und das beschränkte Biomassepotential unterliegt Nutzungskonkurrenzen für Wärme, Strom und Mobilität. Es ist sehr sinnvoll, sich um einen geordneten Ausbau der Erneuerbaren zu kümmern, langfristig auch in ökonomischer Hinsicht. Doch es bedarf grosser Anstrengung, einen höheren Anteil der Erneuerbaren zu erreichen. Das gelingt nur, wenn gleichzeitig der leicht ansteigende Nachfragetrend umgekehrt wird. Die derzeitige Entwicklung geht jedoch noch nicht deutlich in diese Richtung. Welche realistische Antwort auf die Stromlückenfrage könnte breiten gesellschaftlichen Konsens erhalten? Bald wird über neue AKW abgestimmt… Wir brauchen in vielen energiepolitischen Fragen eine breite gesellschaftliche Debatte. Was wollen wir uns leisten, was sind wir bereit, dafür zu bezahlen und was können wir verantworten? Inwieweit werden Investitionen in Kraftwerke – auch erneuerbare – und Infrastruktur als Daseinsvorsorge verstanden, oder wird hier unter dem Motto«Nicht in meinem Hinterhof» blockiert? Konkret steht die Entscheidung an, ob man als Übergangslösung fossile Brennstoffe im Rahmen hocheffizienter Gaskraftwerke im Energiesystem zulässt. Schliesst man das kategorisch aus, fragt sich, ob man Kernkraftwerke bauen will, sich anderweitig an KKW beteiligt, aus dem Ausland importiert oder verstärkt inländisch in Effizienz und Erneuerbare investiert. So oder so müssen Entscheidungen getroffen werden. Vielleicht ergibt sich am Ende eine nur hauchdünne Mehrheit für die eine oder andere Lösung. Doch ich schätze das Schweizer System als stabil genug ein, dass eine Entscheidung letztlich von allen getragen wird. 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Energie ⎮ 1 7


ge0310_(018_021)_Layout 1 16.08.10 16:33 Seite 18

Damit auch morgen das

angeht Intelligente Energiesysteme sind keine Utopie: Smart Grid wird kommen. Was das genau für Haushalte bedeutet, wird momentan in Pilotprojekten analysiert. Damit die Schweiz nicht hinterherhinkt, braucht es jedoch Impulse aus der Politik.

Text Yvonne von Hunnius Der Strom fliesst in der Schweiz ohne Unterbruch. Während bei einem Umzug das Telefon erst nach einem neuen Vertragsabschluss läuft, gibt es bei der Steckdose keine Pause. Denn ohne Elektrizität ist ein Haushalt nicht überlebensfähig. Aber der Stromverbrauch ist wenig transparent. Zudem muss das Netz damit zurechtkommen, dass immer mehr dezentrale alternative Energiequellen Strom einspeisen. Um auch in Zukunft den kontinuierlichen Stromfluss gewährleisten zu können, muss Strom in den kommenden 15 Jahren intelligent werden. Smart Grid heisst das Zauberwort, das kluge Netz. Und das ist mehr als eine smarte Vision, sondern bereits Bestandteil der Langzeitplanung auf Konsumentenebene, bei Stromversorgern und im Übertragungsnetz. Welche Bestandteile exakt dazugehören werden, schält sich im Rahmen der momentanen Überlegungen erst heraus. Alexander Küster, Smart-Grid-Experte von Swissgrid, sagt: «Smart Grid beschreibt das Energieversorgungssystem von morgen, wobei ein 1 8 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Energie

zuverlässiges Übertragungsnetz und dessen Echtzeit-Netzmanagement das Rückgrat bilden» Es handle sich also eher um eine umfassende Philosophie, als um eine konkrete Technik.

Umbau kommt unweigerlich Warum die derzeitige Philosophie bald ein Ende hat, liegt auf der Hand: Der Anteil an elektrischen Anwendungen nimmt kontinuierlich zu, da die fossilen Energieträger Stück für Stück ersetzt werden. Allein die Entwicklung der Elektromobilität stellt die Stromversorgung vor grosse Herausforderungen – und bietet Chancen. Christoph Rutschmann, Präsident der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE): «Vier Millionen Fahrzeuge in der Schweiz sind grösstenteils Stehzeuge. Wenn alle Elektrofahrzeuge und ihre Batterien als Stromspeicher verfügbar wären, dann bedeutete dies ein unglaubliches Potential, dessen Bewirtschaftung jedoch organisiert werden muss.» Zudem wird der Stromkonsument zu einem «Prosumenten», also einem Konsumenten, der unter anderem durch eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach Strom produziert und ins


ge0310_(018_021)_Layout 1 16.08.10 16:33 Seite 19

Das unterste Steinchen im Smart-Grid-Turm stellt das Gerät dar: Wer Lichter und Küchengeräte in Betrieb nimmt, könnte schon in wenigen Monaten auf Anwendungen zurückgreifen, bei denen alle Geräte miteinander vernetzt werden. Das schweizerisch-deutsche Projekt digitalSTROM hat Chips entwickelt, die den Insellösungen der Hersteller ein Ende bereiten sollen, und strebt ein international etabliertes Vernetzungssystem für den Haushalt an. Sogar per iPhone wäre alles zu steuern und zu überwachen. digitalSTROM Sprecher Pascal Rosenberger: «Das System ist weltweit einzigartig und ermöglicht es, Komfortfunktionen mit Energiekontrolle zu verbinden. Ich kann die Geräte extern an- und ausschalten, aber auch sehen, wieviel Strom jedes einzelne verbraucht.»

Wann ist der Strom am billigsten?

Foto: bilderbox.de

Netz einspeist. Momentan ist der Anteil noch leicht von den Netzen zu verkraften. Bei den Elektrizitätswerken der Stadt Zürich (EKZ) beispielsweise werden heute rund 270.000 Kunden direkt mit Strom versorgt und im Geschäftsjahr 2007/08 existierten lediglich 208 unabhängige Produzenten. Doch die Prognosen sehen eine rasche Entwicklung voraus. Und da die Sonne nicht immer gleich stark scheint, braucht es für eine kontinuierliche Versorgung mit Lastenausgleich kommunikative Systeme.

Was verbraucht mein Herd? Kommunikation ist der Kern der Smart Grid-Philosophie. Auf allen Ebenen sind mehr Information und Steuerungsmöglichkeit über den Verbrauch in beide Richtungen der Leitung geplant. Das beginnt bei den Geräten und endet im Hochspannungsnetz. Adrian Gremlich von den Technischen Betrieben Weinfelden sagt: «Schon jetzt sind natürlich Elemente vorhanden, die Lastenausgleich betreiben, doch noch separate Systeme darstellen. Bis spätestens in 15 Jahren wird dies alles in einem System stecken.»

Als nächstes Element steht der digitale Stromzähler an, der unter dem Begriff Smart Metering Furore macht. In der EU sind derlei Systeme, die Verbrauchsinformationen im 15-Minuten-Takt liefern können, schon jetzt bei Neubauten Pflicht. Bis zum Jahr 2020 sollen 80 Prozent aller Haushalte in der EU mit intelligenten Stromzählern ausgestattet sein. Durch bessere Koordinierung könnten letztlich gewisse Geräte hierdurch in Zeiten eines niedrigen Stromtarifs laufen, oder genau dann die Batterien von Elektroautos aufgeladen werden. Im grössten Pilotprojekt der Schweiz in Zürich wurden im Mai dieses Jahres tausend Haushalte mit digitalen Stromzählern des Unternehmens Landis+Gyr ausgestattet, die direkt an das SAP-System des Stromversorgers angebunden sind. Zwei Millionen Franken liess man sich das Experiment kosten. EKZ-Sprecherin Priska Laïaïda erklärt das Prinzip: «Die Smart Meter registrieren und senden die Verbrauchsdaten an einen Datenkonzentrator in der Transformatorenstation und sind gleichzeitig in der Lage, Daten von den EKZ zu empfangen und dem Kunden weiterzuvermitteln.» Ein Zusatzgerät visualisiert den Stromverbrauch des Kunden in Echtzeit und verfügt über eine Ampelfunktion, die anzeigt, ob der Stromverbrauch noch im grünen Bereich ist. Zudem haben die Kunden die Möglichkeit, Ihren Stromverbrauch in einem passwortgeschützten Internetbereich zu beobachten. Auch das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (ewz) hat vor wenigen Wochen angekündigt, ein Smart-Metering-Pilotprojekt mit 5 000 Kunden durchzuführen. Und die Zentralschweizerischen Kraftwerke (CKW) planen ein Smart Metering-Pilotprojekt mit rund 1000 Kunden.

Kunden müssen mitziehen Smart Metering wird in der Öffentlichkeit häufig als Mittel dafür gesehen, Energie einzusparen. Im EKZ Pilotprojekt geht es darum, die Nachvollziehbarkeit des Stromverbrauchs zu ermöglichen. Energieeffizienz ist eines der Ziele, denn manche Untersuchungen prognostizieren eine Energieersparnis von bis zu zehn Prozent. Doch Energieexpertin Almut Kirchner vom Beratungsunternehmen Prognos sagt deutlich: «Das Prinzip als Allheilmittel für die Aktivierung von Stromeinsparung zu sehen, ist ein Fehlschluss.» Es sei hauptsächlich eine Option, Lastspitzen zu verlagern. Wichtig ist das Gesamtkonzept, in dem die digitalen Zähler ein wichtiger Aspekt sind. Dass jedoch gerade hier grosse öffentliche Aufmerksamkeit herrscht, ist verständlich: Die Kunden müssen mitziehen. 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Energie ⎮ 1 9


ge0310_(018_021)_Layout 1 16.08.10 16:33 Seite 20

Beim EKZ-Projekt werden gfs-Marktforscher die Zufriedenheit der Kunden analysieren. Dominik Noeren, Projektmanager am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg i.Br. und Smart-Metering-Experte, sieht die Hürden: «Alle Begriffe, die mit ‚smart‘ beginnen, sind diskussionsbedürftig. Die Menschen müssen sich erst an Veränderungen gewöhnen. Wenn man eine Idee zu schnell in den Markt drückt, stösst man eher auf Widerstand als auf Unterstützung.» Kunden seien heute eher an den Flatrate-Tarif gewöhnt. Und dass man selbst ein Teil des Gesamtsystems sei, könne nicht von heute auf morgen verankert werden, sagt Noeren.

Gesamte Wertschöpfungskette zählt Auf der Ebene des Hochspannungsnetzes existieren laut Swissgrid-Experte Küster schon seit längerer Zeit Smart-Grid-Elemente: «Bei Swissgrid haben wir bereits an den Schnittstellen zu den europäischen Nachbarn und dem Verteilnetz eine Abrechnung im Viertelstundentakt. Tausende Messstellen sind jedoch natürlich viel unkomplizierter zu handhaben als die zirka drei Millionen Schweizer Haushalte.» Dass smarte Systeme erst langsam Fuss fassen, liegt laut Küster auch daran, dass immer nur Teile einer kompletten Wertschöpfungskette betrachtet würden: «Es ist schwer, einen Businesscase zu erstellen, wobei der Nutzen aller Beteiligten mit einbezogen wird. Wenn alle Abschnitte der Energieversorgung betrachtet werden, wird die gesamte Wertschöpfungskette sichtbar, und dann kann der finanzielle Wert eines Smart Grid erfasst werden.» Im Vergleich zu Deutschland und Österreich geht die Entwicklung in der Schweiz deutlich langsamer voran. Um die Entwicklung eines Smart Grid in der Schweiz positiv zu beeinflussen, prüft Swissgrid mögliche Projektkooperationen und hat mit der SBB, Alpiq, swisspower, ABB Schweiz und dem BFE eine Forschungsstelle für Energienetze an der ETH in Zürich gegründet.

Handlungsdruck in der Schweiz gering Bei allen positiven Einzelaspekten scheint für eine Gesamtentwicklung politischer Impuls zu fehlen. Ivo Zehnder, Leiter Aussendienst Schweiz des Smart-Metering-Anbieters Landis+Gyr, hat noch zu Beginn des Jahres grosses Interesse festgestellt: «Die Branche ist in Bewegung, doch im Moment sind viele wieder vorsichtig mit Investitionen. Das liegt unter anderem an der kontroversen politischen Diskussion und den vielen offenen Fragen. Dass nun der Bundesrat für Energiefragen, Moritz Leuenberger, seinen Rücktritt angekündigt hat, beeinflusst die weitere Entwicklung im Strommarkt.» Dass man in der Schweiz nicht so stark smarte Systeme vorantreibt wie in der EU, liegt auch daran, dass der Handlungsdruck geringer ist. Die Netze sind überdurchschnittlich stabil und noch ist auch die Einspeiserate gering. Doch für Smart-Grid-Experten Frank S. Robert von Cisco ist zukünftig dennoch großer Bedarf zu sehen: «Die Einspeiseraten von dezentralen Energiequellen werden auch in der Schweiz stark wachsen.» Zudem sei in der Schweiz der Anteil an Kernkraft gross und Kernkraftwerke seien wenig flexibel in der Leistung. Somit könnte die fluktuierende Produktion der Erneuerbaren nicht optimal ausgeglichen werden. Robert: «Man muss heute anfangen, für ein Smart Grid zu planen, um den Zug nicht zu verpassen, denn der Aufbau dauert Jahre.» 2 0 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Energie

Foto: bilderbox.de


ge0310_(018_021)_Layout 1 16.08.10 16:34 Seite 21

Wenn der Konsument bezahlt wird An die Stelle des einen Stromtarifs für Endkunden könnte in Zukunft ein variabler Preis treten, sagt Dominik Noeren. Aus dem bisherigen Einbahnstrassensystem vom Kraftwerk zum Verbraucher wird ein System in beide Richtungen.

Interview: Steffen Klatt Bisher kommt der Strom aus der Steckdose, am Ende des Monats bezahlen wir die Rechnung. Wird es auch in Zukunft so schön einfach sein? Dominik Noeren: Ja, es muss für den Endkunden nach wie vor einfach bleiben; aber das System dahinter wird komplexer werden. Wir können es uns nicht leisten, so weiter zu machen wie bisher. Wir müssen unser Energiesystem umstellen. Wenn wir unsere ökologischen Ziele erfüllen und die Lebensqualität unserer Umgebung erhöhen wollen, dann haben wir in Zukunft einen viel höheren Anteil an erneuerbaren Energien, nach Möglichkeit irgendwann 100 Prozent. Das heisst unter anderem auch Sonnen- und Windenergie. Aber die Sonne scheint und der Wind bläst nicht jeden Tag während 24 Stunden. Daher brauchen wir Speicher, und das macht das System teuer. Aus dem Energiekonsumenten wird der Prosument, der Energie konsumiert und produziert. Es wird darauf hinauslaufen, dass wir zu jeder Zeit schauen müssen, wieviel Energie eingespeist wird und wieviel Energie aus dem Netz entnommen werden kann. Wir brauchen ein Stromnetz, in dem der Strom in beide Richtungen fliesst. Wie kann das heutige Einbahn strassensystem in ein Zweibahn strassensystem umgewandelt werden? Dabei müssen zwei komplexe Themen betrachtet werden. Zum einen sind die Stromflüsse heute so ausgerichtet, dass sie von Höchstspannungsnetzen zu Hochspannungs- und schliesslich zu Niederspannungsnetzen, also zum Verteilnetz gehen. Das wird in Zukunft auch andersherum laufen, insbesondere mit dem Ansatz eines europäischen Super-Grids. Zum andern wird es im Haus selbst eine neue Energiestruktur geben müssen. Intelligente Haushaltsgeräte reagieren automatisch auf das schwankende Strom-

angebot, der Eigenverbrauch von selbsterzeugtem Strom steht im Vordergrund. Wenn wir jedoch nicht mehr so viel Strom aus dem Netz brauchen, dann heisst das für den Stromanbieter, dass es teurer wird, das Netz bereit zu stellen.

Wer übernimmt diese Kosten? Im Endeffekt natürlich der Konsument, entweder über Steuern oder den Stromeinkauf. Wünschenswert wäre, dass wir über den Tag verteilt eine sehr unterschiedlichen Preis pro Kilowattstunde haben werden. Wenn die Sonne stark scheint, dann muss ich vielleicht gar keinen Strom einkaufen, weil meine Solarmodule auf dem Dach genug produzieren, ich eventuell sogar den Überschuss verkaufe. In der Nacht oder im Winter, wenn meine Nachfrage größer als mein Angebot ist, dann muss ich Energie aus dem Netz beziehen. Und die kann zu verschiedenen Zeiten einen unterschiedlichen Preis haben?

ZUR PERSON Dominik Noeren ist Projektmanager am FraunhoferInstitut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg i. Br. und beschäftigt sich in der Abteilung EES mit elektrischen Energiesystemen, Smart Metering und Elektro-Mobilität.

Absolut. Denn ist das Angebot von Strom gering, die Nachfrage jedoch hoch, so muss der Preis steigen; umgekehrt wird der Preis jedoch auch sehr gering sein, sobald kaum Nachfrage besteht aber zum Beispiel viel Wind an der Nordsee weht und somit viel Windstrom im Netz ist.

Kann ich als Konsument auch dafür bezahlt werden, dass ich Strom aus dem Netz abnehme? Denn ich tue in Zeiten des Stromüberflusses den Stromunternehmen ja einen Gefallen. In Deutschland läuft nahezu der gesamte Stromhandel über die EEX, die Strombörse in Leipzig. Es gab dort bereits in den vergangenen Jahren zeitweise negative Preise; für die Abnahme von Strom wurde man also bezahlt. 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Energie ⎮ 2 1


ge0310_(022_025)_Layout 1 17.08.10 09:56 Seite 22

Die Alp macht mobil

Die Regionen Goms und Oberhasli testen das Elektroauto Think. Die Erfahrungen sind gut. Think begeistert ökobewusste Autofahrer und verspricht ein Fahrvergnügen der besonderen Art – und das ganz ohne Schadstoff-Ausstoss. Das Elektroauto könnte der neue Renner sein, wären da nicht ein paar wesentliche Hindernisse.

Text Nathalie Schoch

Pilotphase gestartet

Elektrofahrzeuge sind leise, effizient und stossen keine Schadstoffe aus. Die meisten sind für den Stadtverkehr konzipiert. Sie rollen mit einem Minimum an Energieaufwand auf kürzeren Strecken. Die jahrelangen Erfahrungen mit dem norwegischen Elektroauto Think hingegen zeigen: Heutige Elektroautos taugen auch auf Passstrassen. Nach dem Motto «Wer es über die Pässe schafft, der schafft es überall», macht in diesem Sommer das Projekt Alpmobil von sich reden. Laut Dionys Hallenbarter von energieregion Goms ein weltweit einzigartiges Angebot.

«Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass dieses Fahrzeug dermassen loszieht», schwärmt Jörg G., der zusammen mit seiner Familie eines der 60 Elektroautos in Goms getestet hat. Sie fuhren auf den Grimsel, danach wieder talabwärts. «Die Rekuperation ist ein Riesenhit», so Jörg G. Man müsse nicht ständig auf die Bremse stehen. Der Wagen bremse sofort ab, wenn man etwas Gas wegnehme. Das Projekt Alpmobil ist Anfang Juli im Goms im Oberwallis und im Oberhasli im Berner Oberland gestartet und endet im September. In dieser Pilotphase haben Interessierte die Gelegenheit, erste Erfahrungen mit dem Think zu sammeln. Und es soll aufzeigen,

2 2 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Mobilität


ge0310_(022_025)_Layout 1 17.08.10 09:56 Seite 23

ALPMOBIL Das Teilprojekt «Elektromobilität» ist im Juli gestartet. In dieser Pilotphase werden in Goms und im Haslital erste Erfahrungen mit dem Miet- und Probefahrsystem für Touristen, Feriengäste und E-Mobil-Interessierte über den Grimselpass gemacht. In den nächsten Jahren soll über weitere Pässe rund um den Gotthard, ein ganzes Netz entstehen. Das Projekt endet voraussichtlich im September. Für 60 Franken pro Tag kann man praktisch geräuschlos und emissionsfrei die neue mobile Zukunft geniessen. Weitere Infos und Reservation: www.alpmobil.ch.

troautos gibt es allerdings zurzeit nirgendwo. Wer also Lust hat, diese neue Technologie zu testen, muss noch diesen Sommer nach Goms oder ins Haslital reisen. Ein Tag Probefahren kostet 60 Franken. Zahlreiche Hotels, Tourismusorganisationen sowie einige Bahnen unterstützen dieses Projekt. Der Kleinwagen bietet Platz für zwei Personen und besitzt einen grossen Kofferraum.

Ausflüge per E-Auto Die E-Autos von Alpmobil stehen an verschiedenen Standorten wie Bahnhöfe, Touristeninformationen sowie Hotels bereit und können direkt vor Ort oder ganz bequem über ein Reservationssystem im Internet gebucht werden. Zudem bietet die Webseite Informationen zu zahlreichen Routen und Ausflugszielen. Diese lassen sich mit dem Elektroauto wunderbar besuchen. Die Schlüsselübergabe und eine kleine technische Einführung in das neuartige und geräuschlose Mobil gibt es direkt vor Ort. Besondere Vorkenntnisse sind nicht notwendig. Die Reichweite des E-Autos beträgt mit einer Batterieladung rund 120 Kilometer. Sollte unterwegs trotzdem mal eine Panne passieren, hilft der Servicedienst des Touring Clubs Schweiz (TCS).

Risiken bedenken

Start von Alpmobil am 30.6. in Meiringen: v.l.n.r. Dionys Hallenbarter (Energieregion Goms), Ernst Baumberger (KWO), Roger Walther (Energieregion Goms) und Jean-Daniel Mudry (San Gottardo) Foto: zVg

dass das Elektroauto längst nicht mehr nur für den Stadtverkehr oder für kurze Strecken geeignet ist.

Erfreuliche Batteriebilanz Wieder in Meiringen angekommen, waren laut Jörg G. immer noch rund 45 Prozent Batteriekapazität vorhanden. Das lockte die Familie, gleich nochmals loszufahren. Dieses Mal in Richtung Rosenlaui hoch, und zwar im E-Modus. «Auch in diesem Bereich ist die Kraft noch mehr als genügend», berichtet Jörg G. Heute sind auf Schweizer Strassen rund 500 batteriebetriebene Personenwagen, 11 000 Hybridautos und über 30 000 Elektrovelos unterwegs. Öffentlich zugängliche Elek-

Auch nach der zweiten Fahrt testet Jörg G. die Ladekontrolle der Batterie. Sie liegt immer noch bei 38 Prozent. «Dabei hatten wir über 90 Kilometer zurückgelegt», erzählt Jörg G. «Meine Erwartungen in dieser Hinsicht wurden klar übertroffen». Er versteht die Skepsis vieler Leute, sagt aber: «Mit einer Fahrt im Think kann man wohl den grössten Skeptiker umstimmen». Wo die Reise der Elektromobilität hingeht und welche Chancen und Risiken darin liegen, ist Gegenstand aktueller politischer Diskussionen, wissenschaftlicher Szenarien und der Trendforschung. Vieles wird von den technologischen Fortschritten bei den Batterien abhängen. Aber auch von der weiteren Entwicklung des Gesamtenergiesystems wie dem Ölpreis, dem Ausbau von Kraftwerken und Stromnetzen sowie von staatlichen Förderprogrammen. «Die Elektromobilität ist eine der möglichen Antworten auf die Reduzierung von Treibhausgasemissionen», sagte Bundesrat Moritz Leuenberger am ersten Schweizer Forum Elektromobilität im Januar in Luzern. Sie biete grosse Chancen zu einer nachhaltigen Gestaltung der individuellen Alltagsmobilität. Doch dürfe man aus lauter Hoffnung nicht die Risiken ausblenden, die die Elektromobilität mit sich brächten. So zum Beispiel die nach wie vor ungelöste Frage der Raumverschwendung durch die Strasseninfrastrukturen. Dies betreffe nicht nur die etablierten Akteure im Schweizer Verkehrssektor, sondern auch neue Akteure, insbesondere aus dem Bereich der elektrischen Energieversorgung.

Hindernisse aus dem Weg räumen Auch der Touring Club Schweiz ist der Ansicht, dass die Elektromobilität trotz ihrer aktuellen Popularität noch vor einigen 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Mobilität ⎮ 2 3


ge0310_(022_025)_Layout 1 17.08.10 09:56 Seite 24

Über Think: Das Auto an der Steckdose Zu hundert Prozent umweltfreundlich und doch sicher – so lautete der Plan für Think City Das neue Elektroauto kommt aus Norwegen. Getestet wird es zurzeit in der Schweiz. Überzeugt das Fahrzeug, könnte Think zum grössten Elektroauto-Hersteller Europas aufsteigen. Think City ist ein Fahrzeug für den umweltbewussten Fahrer. «Ein modernes Stadtauto, ohne jegliche Emissionen und mit einer Energieeffizienz, die dem dreifachen Wert eines üblichen Verbrennungsmotors entspricht», heisst es bei Think Österreich. Auch im Berner Oberland und im Wallis zeigt man sich erfreut über das Auto. Denn dort stehen zurzeit 60 Elek-

lung habe man vor allem auf die Umweltfreundlichkeit Wert gelegt, aber auch die Recyclingfähigkeit bedacht. Laut Think ist das Fahrzeug mit vollumfänglich wiederverwertbaren Materialien ausgestattet.

Skandinavische Wurzeln Der norwegische Elektrofahrzeugspezialist Think wurde 1991 gegründet. Sieben Jahre später übernahm Ford das Unternehmen. Mit dem Ziel, ein Elektroauto für den kalifornischen Markt zu entwickeln. Nach enormen Investitionen entstand der jetzt serienreife Think City, ein zweisitziger Stadtflitzer mit bis zu 160 Kilometern Reichweite. Dann stieg Ford aus und eine Gruppe von Investoren - unter anderem auch die norwegische Regierung und der finnische Autobauer Valmet - übernahmen Think. So kam es auch, dass Valmet die Autos in seinem finnischen Werk in Uusikaupunki produziert, wo derzeit auch für Porsche die Modelle Cayman und Boxster gebaut werden.

Keine sichtbaren Beulen dank Kunststoff Laut Think ist das Modell City das erste wirklich serienreife Elektrofahrzeug aus europäischer Fertigung mit einer europäischen Typengenehmigung. Die Aufladung der Batterien könne äusserst einfach an jeder 230 Volt Steckdose erfolgen. Nebst Umweltbewusstsein wollte man auch in Sachen Sicherheit nicht sparen. «Besonders gelungen ist die aus wiederverwertDas Schweizer Projekt alpmobil will aufzeigen, dass der Elektroflitzer barem Kunststoff bestehende Karosserie», auch auf Bergstecken Freude bereiten kann. heisst es bei Think. Kleine Kratzer und Dellen seien kaum sichtbar, weil die Karosserie nicht lackiert, sontroautos für Testfahrten bereit, um zu beweisen, dass das Elekdern durchgehend eingefärbt sei. Auch die Sicherheitstests troauto nicht nur für den Stadtgebrauch, sondern auch für habe Think City bestanden. Passfahrten geeignet ist.

Das wiederverwertbare Auto

Mit Fjord zum Erfolg

«Das Elektroauto Think City ist für seinen Besitzer sehr einfach zu handhaben, eigentlich nicht viel schwieriger als ein Mobiltelefon», heisst es in der Produktbeschreibung von Think. Einfach über Nacht die Batterie laden und am nächsten Morgen losfahren, lautet die Devise. Die so genannte Zebra-Sodium Batterie mit einer Reichweite von bis zu 160 Kilometern beschleunige den Think City auf eine Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometer pro Stunde. Bei der Entwick-

Eigentlich für die Stadt und sonstige Kurzstrecken gedacht, will das Schweizer Projekt alpmobil im Berner Oberland aufzeigen, dass der Elektroflitzer auch bei Ausflugsfahrten Freude bereiten kann. Die ersten Testfahrten bewiesen dies durchaus. Sollte sich der Erfolg wirklich einstellen, wird sich vor allem einer ärgern: der US-Autokonzern Ford. An den einstigen Besitzer erinnert dann nur noch der Spitzname des Flitzers: Fjord. So wird Think City in der Branche genannt.

Hindernissen stehe. Es kämen zwar immer mehr Modelle batteriebetriebener Autos oder Plug-in Hybriden auf den Markt, diese seien allerdings noch relativ teuer. Im Gegensatz dazu seien die mit Elektro- und Verbrennungsmotor ausgerüsteten Vollhybridautos auf dem Markt bereits gut eingeführt. Das grösste Problem sei die Energiespeicherung. Die Batterien seien immer noch sehr teuer, hätten eine zu kurze Lebensdauer und seien aufgrund ihrer geringen Energiedichte zu schwer.

sonenwagenbestand im Jahre 2020 auf zirka 83 bis 88 Prozent geschätzt. Der Anteil der Vollhybride werde in allen Szenarien bei rund zehn Prozent liegen. Die Elektromobilität wird noch einige Fragen aufwerfen und einen langwierigen Prozess bis zur Alltagstauglichkeit durchlaufen. «Doch im Hinblick darauf, dass mit Elektrofahrzeugen der CO2-Ausstoss dramatisch gesenkt werden kann, braucht es weitere Anstrengungen, um diese Technik voranzutreiben», so Hans E. Schweickardt, Präsident swisselectric. Die Begeisterung der Benutzer ist offensichtlich da: „Wirklich schade, dass es den Think nicht als 4-Sitzer gibt, aber sonst ist es ein unglaublich sympathisches Auto. Unsere Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Am liebsten hätten wir es gleich mitgenommen», so Jürg G.

Einbinden in die Zukunft Dadurch seien Elektroautos teuer, hätten geringe Reichweiten und lange Ladezeiten. Dazu komme die noch ungenügende Ladeinfrastruktur. Laut dem Bundesamt für Energie (BFE) wird der Anteil der rein fossil betriebenen Fahrzeuge am Per2 4 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Mobilität


ge0310_(038_039)_Layout 1 17.08.10 10:04 Seite 39

         

 

 





 

 











   



 

    



 

      


ge0310_(026_029)_Layout 1 17.08.10 09:59 Seite 26

Schritt für Schritt statt auf

Nachhaltigkeit dank Technik: Die Erfahrungen der Schweiz in der Infrastruktur- und Stadtplanung liessen sich exportieren.

Überall in der Welt werden nachhaltiges Bauen und nachhaltige Stadtentwicklung thematisiert. Die grossen Würfe wie die Ökostadt Masdar bei Abu Dhabi haben es schwer. Im Vordergrund steht der schrittweise Wechsel zu nachhaltigen Städten. Das wäre ein grosses Geschäft für Schweizer Unternehmen – wenn sie sich zusammentun.

Text Steffen Klatt In Shanghai feiert sich China derzeit selbst. Mit der Weltausstellung thematisiert das aufstrebende Riesenreich eine seiner gegenwärtig wichtigsten Herausforderungen: Bessere Städte, besseres Leben. Aufschlussreich ist allerdings, dass China im Vorfeld der Expo seine Strategie geändert hat. Denn eigentlich sollte pünktlich auf ihren Beginn hin vor den Toren der chinesischen Wirtschaftsmetropole der erste Teil einer Ökostadt vor2 6 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Bauen

gestellt werden. Doch da, wo heute Dongtan wachsen sollte, nisten noch immer Vögel. Und das dürfte auch so bleiben.

China denkt um Der grosse Wurf ist abgeblasen. Statt einer kohlendioxidneutralen Stadt für ein paar zehntausend Einwohner bringt China nun nachhaltige Elemente in die Entwicklung grösserer Städte ein. Zum Beispiel in Wanzhuang. Die Stadt mit heute 100000 Einwohnern zwischen Peking und Tjianjin soll in den nächs-


ge0310_(026_029)_Layout 1 17.08.10 09:59 Seite 27

einen Schlag

PERLEN VERBINDEN Es ist heiss hier oben, selbst auf 3800 Metern über dem Meer. Die Luft ist dünn. Für Erich Zumtaugwald ist das kein Problem. Der Hotelier aus Saas Fee ist oft hier oben. Am Hang des Allalin beenden die ersten Skifahrer bereits ihren Tag – der Schnee auf dem Feegletscher ist zu weich geworden. Weiter unten im Tal trainieren junge Leute, wohl einer der Sportschulen, die ihr Sommerlager ins Saastal verlegt haben. In Saas Fee selbst sitzen auffällig viele ältere Leute in den Gartenbeizen. Sie geniessen die Ruhe, die nur am Abend von zwei Alphörnern unterbrochen wird. Saas Fee hat geschafft, was viele Tourismusorte in den Alpen anstreben: Das Dorf ist zu einer beliebten Destination sowohl im Winter als auch im Sommer geworden. Es hilft, neben Zermatt einer der beiden einzigen Orte in der Schweiz zu sein, in denen während des ganzen Jahres Ski gefahren werden kann. Es hilft, autofrei zu sein – und das seit jeher. Die Elektrotaxis summen leise durch die Gassen. Es hilft auch, sorgsam mit dem wenigen Platz umzugehen. Freiflächen mitten im Ort werden bis zur ersten Mahd im Juli zu Blumenwiesen. Viele Hotels zeigen stolz ihren Gemüsegarten direkt an der Hauptstrasse vor. Auch das erste Minergiehotel ist hier gebaut worden: Ferienart ist das einzige Haus mit fünf Sternen im Ort. Es ist noch Platz in Saas Fee, erst recht, wenn man das ganze Saastal hinzu nimmt. Saas Fee setzt wie andere Destinationen auch auf Gäste aus Asien. Aber die Gemeinde geht einen ungewöhnlichen Weg: Sie setzt auf direkte Beziehungen mit Abu Dhabi; sie ist die bisher einzige Schweizer Gemeinde, die der Swiss Village Abu Dhabi Association beitritt, und das sogar als Goldsponsor. Die Anregung kam von Zumtaugwald. Als junger Mann hatte er einen Nachtklub in Abu Dhabi geführt. Das waren andere Zeiten. Aber einige Beziehungen von damals sind geblieben – und die Nähe zum Emirat am Golf. Zumtaugwald verweist auf die Chancen: Gerade die Golfaraber seien es gewohnt, den Sommer über in kühleren Oasen zu verbringen. So flüchteten die führenden Familien Abu Dhabis in die Oase Al Ain. Al Ain – Allalin, für Zumtaugwald ist die Ähnlichkeit kein Zufall. Die Sage sagt, durchreisende arabische Legionäre in römischem Dienst hätten dem Berg den Namen gegeben.Es gibt noch eine andere symbolische Ähnlichkeit: Saas Fee bezeichnet sich als Perle der Alpen. Wie eine Perle umgeben von Bergen liegt das Dorf oben im Tal. Perlentauchen aber war die Hauptbeschäftigung der Bewohner Abu Dhabis, bevor das Öl entdeckt wurde. Zumtaugwald konnte den Gemeinderat um Gemeindepräsident Felix Zurbriggen überzeugen, eine Partnerschaft mit der Ökostadt Masdar einzugehen. Nun will Saas Fee «Sister Village» des Swiss Village in Masdar werden. Auf dass Golf-Araber lieber in Saas Fee als in einem Einkaufstempel in Dubai Ski fahren. Und lieber die Ruhe im Saastal geniessen als die Dattelpalmen von Al Ain. Steffen Klatt

Fotos: zVg/bilderbox.de

ten Jahrzehnten ihre Einwohnerzahl verdoppeln. «Der ursprüngliche Plan war sehr rigide, obwohl die Topographie dem nicht entspricht», sagt Steffen Lehmann, bis zum Sommer Unesco-Professor für nachhaltige Stadtentwicklung in Asien an der Universität Newcastle in Australien. «Es geht bergauf und bergab, es gibt Bäche und Flüsse, es gibt Obstbaumplantagen.» Doch dann sei die Bevölkerung in die Planungen einbezogen worden - und die Planung an die Landschaft angepasst. Laut Lehmann ist das für China «ganz neu».

Masdar dauert länger Dongtan hätte eine von weltweit gerade zwei neuen Städten werden sollen, die aus dem Stand kohlendioxidneutral sein würden. Die andere ist Masdar. Auch in der Ökostadt am Rand von Abu Dhabi harzt es. Zwar hat der Bau bereits begonnen. Der erste Gebäudekomplex, das Masdar Institute of Science and Technology, wird in diesen Wochen fertiggestellt. Die Studenten der kleinen technischen Hochschule ziehen im September hierhin aus dem Zentrum der Hauptstadt der Ver-

einigten Arabischen Emirate um. Aber wann die gesamte Stadt fertiggestellt sein wird, steht inzwischen in den Sternen. Als das Projekt Anfang 2008 mit grossem Pomp vorgestellt und der Bau begonnen wurde, wurde mit der Fertigstellung zur Mitte dieses Jahrzehnts gerechnet. Inzwischen soll die Stadt bis 2020 eine kritische Masse erreichen – was auch immer das heisst.

Nachhaltiger Umbau an der Ruhr Bis dahin soll die Innovation City Ruhr Wirklichkeit sein. Im Ruhrgebiet, immer noch das Kernland der deutschen Industrie, soll eine Stadt oder ein Stadtviertel mit rund 50 000 Einwohnern energieeffizient saniert werden. Führende deutsche Unternehmen wollen hier ihre am meisten fortgeschrittene Technik einsetzen. Dazu zählen der Baukonzern Hochtief ebenso wie der Stahlhersteller Ferrostaal, der Energieriese Eon ebenso wie der Autobauer Opel. Insgesamt 16 Städte des Ruhrgebiets haben sich um den Zuschlag beworben, fünf kamen ins Finale. Im November soll der Gewinner feststehen. 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Bauen ⎮ 2 7


ge0310_(026_029)_Layout 1 17.08.10 09:59 Seite 28

Jede Stadt, die ohne Schweizer Beteiligung nachhaltig umgebaut wird, ist eine verpasste Chance für Unternehmen zwischen Genf und St. Gallen. Er kann mit privaten und öffentlichen Investitionen in Höhe von 2,5 Milliarden Euro rechnen. Das ist viel für eine klamme deutsche Kommune. Der Geldsegen wird sich auch über eine ganze Reihe mittlerer und kleinerer Unternehmen ergiessen.

Zusammenarbeit testen «Aufbau West» nennen die im Initiativkreis Ruhr zusammengeschlossenen 59 grossen Unternehmen ihr Vorhaben – eine provokative Anspielung auf den «Aufbau Ost» in den neuen Bundesländern, der angesichts leerer öffentlicher Kassen von einer Verlotterung West begleitet wird. Dabei geht es nicht so sehr um niedrigere Energierechnungen für ein paar zehntausend Rheinländer oder Westfalen. Es geht um handfeste wirtschaftliche Interessen: Die beteiligten Unternehmen können hier ihre neuen Produkte und Dienstleistungen in Echtformat testen. Und sie können die Zusammenarbeit proben. Denn nachhaltige Stadtentwicklung ist heute ein Megathema weltweit. Bevölkerungswachstum, Verkehrsprobleme und Ressourcenmangel zwingen zum Abschied von der ölbefeuerten Verschwendung von Raum und Energie der vergangenen Jahrzehnte. Doch dafür reichen einzelne Produkte oder Dienstleistungen allein heute nicht mehr aus. Vielmehr brauchen Städte weltweit für ihre Probleme Lösungen – und zwar möglichst solche, die anderswo bereits den Praxistest bestanden haben.

Gemeinsam einen Markt erschliessen Schweizer Unternehmen gehen im kleinen den gleichen Weg: Bisher 170 Unternehmen haben sich in der «Swiss Village Association Abu Dhabi» zusammengeschlossen. Sie wollen ein Schweizer Quartier, das Swiss Village, in Masdar einrichten. Mit dabei sind grosse Unternehmen wie Geberit, Implenia und Oerlikon, aber auch kleinere wie Mobility, Renggli und Westiform. Die Idee hinter dem Zusammenschluss: Gemeinsam können sie auf dem schwierigen Markt am Golf Fuss fassen. Das Swiss Village könnte zu einem Schaufenster für ehrgeizige Schweizer Lösungen werden. Das Problem: Die Unsicherheit um den weiteren Aufbau der Stadt erfasst auch das Swiss Village. Klar ist, dass Masdars Bauherren das Schweizer Quartier weiterhin wollen. Das hat Masdar City-Chef Alan Frost an der Generalversammlung des Vereins im Juni in Zürich versichert. Klar ist auch, dass das Schweizer Quartier Teil der ersten Ausbaustufe sein wird. Aber das Swiss Village ist für die Bauherren nur ein Element unter vielen. Die weitere Entwicklung der Stadt hängt aber auch von Bedingungen ab, auf denen die Schweiz keinen Einfluss hat. Dazu gehören die Finanzhilfen Abu Dhabis für das hochverschuldete Nachbaremirat Dubai, die geringe Profitabilität anderer Immobilienprojekte in Abu Dhabi selbst wie Yas Island mit seiner Formel-1-Strecke und das ungebremste Wachstum der Hauptstadt Abu Dhabi insgesamt. Das alles stellt die Profitabilität einer perfekten, kohlendioxidneutralen Ökostadt in Frage. Kein Wunder, dass Masdars oberster Chef (und inzwischen Klimaminister der Vereinigten Arabischen Emirate) Sultan Al Jaber Ende vergangenen Jahres die Notbremse gezogen und eine betriebswirtschaftliche 2 8 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Bauen

Überprüfung des 22 Milliarden Dollar teuren Vorhabens angeordnet hat. Das ist letztlich gut für die Realisierung Masdars, an dem das Emirat weiter festhält. Aber es ist schlecht für die beteiligten Schweizer Unternehmen. Denn solange Masdar nicht in die Welt oder wenigstens die Golfregion hinausstrahlt, lohnt sich für viele von ihnen eine Präsenz nicht.

Swiss Village für die ganze Welt Doch diese Denkpause Masdars könnte auch von den Schweizer Unternehmen genutzt werden: Die Vereinigung Swiss Village müsste sich nicht auf Masdar beschränken. Sie könnte auch in all den anderen Vorhaben eines nachhaltigen Umbaus von Städten präsent sein. Auch andere Unternehmen haben den Wandel vom Streben nach der Ökostadt hin zum nachhaltigen Umbau bestehender Städte bereits vollzogen. So war das Londoner Ingenieurbüro Arup, eines der renommiertesten der Branche, bereits in die Planung von Dongtan mit einbezogen. Nun plant es Wanzhuang. Auch die Innovation City Ruhr ist ein solches Beispiel: Deutsche Unternehmen haben sich ganz intensiv um eine Präsenz in Masdar bemüht, Kanzlerin Angela Merkel besuchte im Mai persönlich die im Bau befindliche Ökostadt. Doch statt irgendwann in Abu Dhabi zu kleckern, klotzen die Unternehmen nun zuhause. Auch ein anderes Element käme Schweizer Unternehmen gelegen: Dongtan wie Masdar haben auf perfekte technische Lösungen für Energieeffizienz und erneuerbare Energien gesetzt, möglichst neu. Doch die sind teuer und unerprobt und haben einen guten Teil der Probleme verursacht, an denen Dongtan gescheitert ist und mit denen Masdar kämpft. Nachhaltig umgebaute bestehende Städte dagegen wollen in erster Linie ihren Bewohnern Lebensqualität bieten. Energieeffizienz und erneuerbare Energien sind dabei nur ein Thema. Die Bewältigung des Verkehrs ist ein anderes. Die Integration von Zuzügern ein weiteres. Der effiziente Umgang mit Raum – und das muss nicht zwingend Verdichtung sein – ein weiteres. Es geht um Wasser, um Lärm, um Kulturleben, um innere Sicherheit, um gute Schulen… In der Lebensqualität aber ist die Schweiz Spitze. Dieses Produkt liesse sich exportieren. Aber dazu müssten sich Schweizer Unternehmen zusammenschliessen.

Milliardenchancen weltweit Bedarf genug in der Welt gäbe es. So bemüht sich die Agglomeration Mailand, ihren Verkehr in den Griff zu bekommen. Das benachbarte Turin studiert, wo am besten die Trassees für eine leichte S-Bahn gelegt werden könnten. Rio de Janeiro will den Veloverkehr fördern, Städte im ägyptischen Nildelta ebenso. In San Francisco sollen Milliarden Dollar in eine Autoteilete investiert werden, die ähnlich funktionieren würde wie in der Schweiz Mobility. In Russland baut Viktor Wechselberg, Grossaktionär bei Sulzer und Oerlikon, im Auftrag von Präsident Dmitri Medwedew eine Innovationsstadt. In Stockholm geht der Aufbau von Hammarby Sjöstad weiter. Die ehemalige Industriebrache ist zu einem ökologischen Vorzeigeviertel am Wasser geworden. Auch London wandelt grosse Industriebrachen in Wohn- und Dienstleistungsquartiere um.


ge0310_(026_029)_Layout 1 17.08.10 09:59 Seite 29

Er liebt die Natur. Wir auch.

Nachhaltige Haustechnik steht mit der Natur im Einklang. Als grösster HaustechnikAnbieter der Schweiz nehmen wir unsere Verantwortung wahr. Zum Beispiel mit der Solaranlage Sixmadun für Warmwasser und Heizungsunterstützung, die mit jeder Heizungsanlage kombinierbar ist. Infos: www.haustechnik.ch oder Telefon 044 735 50 00


ge0310_(030_031)_Layout 1 16.08.10 16:35 Seite 30

Städte sind für Menschen da Stadtentwicklungen sind nur dann erfolgreich, wenn sie Menschen anziehen, sagt Matthew Kitson. Dazu müssen die Mischung der Nutzungen und die Infrastruktur stimmen. Und es braucht öffentliche Räume, in denen sich die Menschen gern aufhalten.

Interview Stefan Klatt Ist nachhaltige Stadtentwicklung mehr als ein Modethema? Matthew Kitson: Es ist ein wichtiges Thema. Viele Stadtbehörden nehmen es sehr ernst. Nehmen Sie das Beispiel Mailand. Die Stadtverwaltung ist sich bewusst, dass die Luftverschmutzung sehr hoch ist. Sie entwickelt deshalb Projekte für eine bessere Steuerung des Verkehrs und setzt diese Projekte auch um. Auch in Grossbritannien ist Stadtentwicklung ein grosses Thema. Schauen Sie sich die Greenwich-Halbinsel in London an. Das ist ein phantastisches Beispiel für die Wiederbelebung von städtischen Brachen. Wo ist das Interesse an nachhaltiger Stadtentwicklung derzeit am grössten? Im Mittleren Osten. Die Wirtschaftskrise war ein grosser Schock für die Staaten am Golf. Für mich war es sehr aufschlussreich, kürzlich in die Überarbeitung des Masterplans für Yas Island (neuer Stadtteil von Abu Dhabi mit Formel-1-

Matthew Kitson: «Man muss Orte schaffen, an denen die Menschen gern leben wollen.» Im Bild die Viaduktbögen im Zürcher Kreis 5. Foto: Bruno Strupler

3 0 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Bauen


ge0310_(030_031)_Layout 1 16.08.10 16:35 Seite 31

Rennstrecke, die im November 2009 eröffnet worden ist, Anm. d. Red.) einbezogen gewesen zu sein. Jetzt wurde auch über diejenigen nachgedacht, die dort leben sollen. Vor zwei Jahren hätte man einfach gesagt, dass dort 60 000 Menschen leben sollen. Auch das Projekt von Grand Paris ist sehr interessant, die Einbeziehung der Gemeinden rund um Paris in die Stadtplanung. Generell nehmen Entwickler wie Politiker Stadtplanung nun ernst. Es geht nicht mehr nur darum, Häuser zu bauen. Jetzt wird auch daran gedacht, was dazwischen passiert. In diese Überlegungen werden auch Ökonomen einbezogen, und das ist sehr sinnvoll. Was sind die treibenden Kräfte der nachhaltigen Stadtentwicklung? Das sind die Leute, die in die neuen Stadtteile ziehen, Wohnungen kaufen, ihre Geschäfte einrichten wollen. Sie fragen sich, ob sie dort Erfolg haben werden. Was ist das Geheimnis? Wie kann ein städtischer Raum lebenswert gemacht werden? Das ist eine komplexe Frage. Man muss sich ungefähr 80 Kriterien anschauen. Das reicht von der Herstellung von Lebensmitteln über Geschäften zu Gemeindezentren; es geht auch darum, ob die Strassen fussgängertauglich sind. Bisher wurde in der Regel nur ein gutes Drittel all jener Kriterien angeschaut, die einbezogen werden müssen. Wenn es so viele Kriterien gibt, wo muss man anfangen? Es beginnt auf der Ebene der Behörden. Sie müssen die Vision für ihre Stadt vorgeben. London ist dafür ein gutes Beispiel.

ZUR PERSON: Matthew Kitson ist Direktor für Nachhaltigkeit bei Hilson Moran, ein Ingenieurbüro mit Büros in Grossbritannien, Frankreich, Italien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Von den rund 250 Mitarbeitern sind knapp 50 in Kitsons Abteilung tätig.

Sowohl der jetzige wie der vorhergehende Bürgermeister haben sich sehr stark um die Entwicklung des öffentlichen Raums gekümmert. An der London Bridge war vor wenigen Jahren noch nichts. Jetzt gibt es dort eine Mischung aus Büros, Wohnungen, Freizeitmöglichkeiten. Und es gibt Plätze, an denen sich die Menschen gern aufhalten. Kann man jede Industriebrache in einen Treffpunkt tausender Menschen umwandeln? Man kann, ja. In London haben Sie das Beispiel von Canary Wharf. Die alten Docks wurden nach dem Krieg kaum noch genutzt. Ein paar Visionäre sagten, wir entwickeln dieses Gebiet. Canary Wharf ist heute mehr als Hochhäuser und Büros. Es gibt dort Schulen, Einkaufszentren, die Leute leben dort. Es hat zwanzig Jahre gebraucht, aber das Viertel ist jetzt ein Erfolg. Es ist ganz simpel: Städte sind für Menschen da. Man muss Orte schaffen, an denen die Menschen gern leben wollen.

Anzeige

Ihre Energiespar-Idee? Ihre EKZ Energieberatung. SPAREN SIE LIEBER BEI DER ENERGIE ALS BEIM KOMFORT. Die EKZ Energieberatung steht Ihnen gerne mit Rat und Tat zur Seite, wenn Sie für Ihr Unternehmen wirksame Massnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs ergreifen wollen. Besuchen Sie unsere Website www.ekz.ch/energieberatung und lassen Sie sich aufzeigen, wie Sie die Energie in Ihren Räumlichkeiten effizient und umweltschonend nutzen können.

03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Bauen ⎮ 3 1


ge0310_(032_033)_Layout 1 16.08.10 16:35 Seite 32

Nachhaltig in Schwellenländer investieren – Chance oder Risiko? Während viele westliche Länder noch immer unter der Finanz- und Kreditkrise leiden, treiben Schwellenländer die globale Wirtschaft voran, allen voran China, Indien und Brasilien.

Text Andreas Holzer * Doch der rasante Aufschwung der letzten Jahre hat seine Schattenseiten: Die ökologischen und sozialen Risiken in diesen Ländern sind hoch. Um ein attraktives Portfolio zusammenstellen zu können, braucht es daher eine systematische Nachhaltigkeitsanalyse. Nur so kann das Potenzial der Emerging Markets langfristig voll ausgenützt werden. Emerging Markets haben in den letzten Jahren den Investoren gute Renditen gebracht und es wird ihnen eine rosige Zukunft mit hohen Wachstumsraten vorausgesagt. China kann über die nächsten fünf Jahre gemäss dem Internationalen Währungsfonds mit einer Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts von 9,6 Prozent pro Jahr rechnen, Indien mit 7,5 Prozent und Brasilien mit 3,6 Prozent. Entwickelte Länder hingegen wachsen im selben Zeitraum nur um durchschnittlich 2,3 Prozent. Damit bleiben Schwellenländer trotz derzeit noch höherer Volatilität für Anleger attraktiv. So sehr Schwellenländer für ihren Aufstieg von der Globalisierung profitieren, so stark sind ihre Wirtschaftsstrukturen von konjunkturellen Schwankungen der Weltmärkte betroffen. Dies vor allem aufgrund ihrer traditionellen Ausrichtung auf Rohstoffe und zyklische industrielle Exportsektoren. Doch das zunehmende Wachstum und die damit verbundene Verschiebung des Konsums vom Aus- ins Inland bringt auch eine breite Mittelschicht mit steigender Kaufkraft hervor, welche die Entwicklung der Märkte vorantreibt. Damit sind die Länder weniger anfällig für konjunkturelle Schwankungen und können ihr künftiges Wachstum breiter abstützen. Der Weg dorthin ist allerdings noch weit, denn der Nachholbedarf im sozialen und politischen Bereich ist oft 3 2 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Geld

derart gross, dass die Veränderungen nicht mit dem rasanten Wirtschaftswachstum Schritt halten können.

Nachhaltige Unternehmen im Vorteil – China handelt Obwohl bei der Umsetzung der nötigen Massnahmen für ein nachhaltiges Wachstum noch vieles im Argen liegt, sind auf verschiedenen Ebenen Fortschritte erkennbar. Dabei steht im asiatischen Raum China im Zentrum der Bemühungen für die Verbesserung der Umweltsituation in Asien. Die Regierung hat die Notwendigkeit raschen Handelns erkannt und es ist absehbar, dass sie aufgrund der politischen Strukturen neue Umweltgesetze und -steuern rasch umsetzen kann und wird. China – wie auch Indien – fördern vermehrt alternative Energien. China möchte bis 2020 die CO2-Emissionen relativ zur Wirtschaftsleistung im Vergleich zum Stand 2005 um 40 bis 45 Prozent senken, Indien um 20 bis 25 Prozent. Auch andere Schwellenländer setzen sich quantitative Treibhausgas-Ziele.

Nachhaltige Unternehmen im Vorteil Profiteure dieser Entwicklung hin zu einem nachhaltigeren Wirtschaftswachstum sind zunächst die Unternehmen, welche die Zeichen der Zeit frühzeitig erkannt und sich bereits einen Wissens- und Handlungsvorsprung erarbeitet haben. Es sind einerseits jene, die sich mit neuen Technologien auseinandersetzen und innovative Produkte und Dienstleistungen bereitstellen. Ein Beispiel dafür ist die chinesische Photovoltaik-Industrie. Während China heute seine diesbezüglichen Produkte noch zu 95 Prozent exportiert, besitzt das Land selbst ein riesiges Marktpotenzial. Im Vorteil sind aber auch Unternehmen, welche sich hinsichtlich sozialer Aspekte fortschrittlich verhal-


ge0310_(032_033)_Layout 1 16.08.10 16:36 Seite 33

SARASIN NACHHALTIGKEITS-UNIVERSUM (ABB. 2)

Verteilung in Schwellenländern/Entwickelten Staaten

Beispiele von Schwellenländer-Unter nehmen

hoch

NACHHALTIGKEITSRATINGS (ABB. 1)

Schwellenländer

Lonmin

2% 9%

City Dev.

Hoch

45%

Überdurchschnittlich Durchschnittlich Unterdurchschnittlich

21%

Tief

Cemex

MTR

Aspen Jain Irrigation Itaú Unibanco

AU Optronics Hyflux Suntech Power Suzlon

Nedbank

Globe Telecom

Quelle: Bank Sarasin

24%

Nachhaltigkeit des Unternehmens

Natura

Entwickelte Staaten tief

6% 17%

Quelle: Bank Sarasin

25%

20%

32%

Foto: bilderbox.de

ten. Denn tiefe Sozialstandards bei den Zulieferern aus Niedriglohnländern für westliche Auftraggeber – zum Beispiel in der Textilindustrie – werden heute von Konsumenten zunehmend nicht mehr toleriert. Dabei fällt auf, dass sozial- und umweltverträglicher Konsum nicht mehr ein Privileg der reichen entwickelten Länder ist. Umfragen zufolge wollen auch chinesische, indische oder brasilianische Konsumenten mehr Geld für qualitativ höher stehende Produkte ausgeben.

Investoren können Zeichen setzen Bleibt die Frage: Mit welchen Mitteln kann die Nachhaltigkeit von Unternehmen konkret überprüft und bewertet werden und wie sind die Resultate auszuwerten? Für den Investor bietet sich eine Analyse auf der Basis eines Nachhaltigkeitsfilters an. Ein Unternehmen kann anhand Umwelt- und Sozialkriterien bewertet werden. Obwohl Schwellenländer-Unternehmen meist gegenüber Unternehmen entwickelter Länder, die längere Erfahrung mit dem systematischen Management von Nachhaltigkeitsaspekten haben, noch Nachholbedarf haben [vgl. Abb. 1], finden sich in den Emerging Markets eine ausreichende Anzahl Unternehmen für nachhaltiges Investieren. So hat die Bank Sarasin mit der von ihr entwickelten Nachhaltigkeitsbewertung rund 360 Unternehmen analysiert und mittels ihrer Nachhaltigkeitsmatrix ein überzeugendes Anlageuniversum für Schwellenländer erstellt. Die zweidimensionale Matrix vergleicht Titel innerhalb einer Branche und bewertet gleichzeitig Nachhaltigkeitsrisiken der jeweiligen Branche. Unternehmen im grau schattierten Bereich werden ins nachhaltige Anlageuniversum aufgenommen [vgl. Abb. 2]. In einem Backtesting zur Überprüfung der Renditeaussichten schlossen

tief

Nachhaltigkeit der Branche

hoch

Suntech Power (China): weltweit grösster Produzent von monound polykristallinen Solarzellen und -modulen. Suzlon (Indien): einer der drei grössten Produzenten von Windturbinen; 12 Prozent Weltmarktanteil, besitzt die deutsche REPower. Hyflux (Singapur): spezialisiert auf Membrantechnologie in der Wasserbehandlung; betreibt auch Abwasserkläranlagen, hauptsächlich in Schwellenländern. Jain Irrigation (Indien): grösster indischer Produzent von Bewässerungsanlagen, vorwiegend Sprinkler- und Tröpfchenbewässerung. Mass Transit Railway MTR (Hong Kong): betreibt öffentlichen Verkehr in Hong Kong und anderen Grossstädten, u. a. London und Stockholm. Fortschrittlicher Arbeitgeber mit sozialen Mindeststandards. City Developments (Singapur): Immobilien- und Hotelunternehmen mit sehr fortgeschrittener Integration bauökologischer Aspekte; guter Ruf bezüglich Arbeitsbedingungen. Cemex (Mexiko): weltweit drittgrösster Zementhersteller; hohes Rating dank Massnahmen zur Reduktion des CO2-Ausstosses. Ausgezeichnetes soziales Engagement (UN Habitat Preis für Mikrofinanzierungsprogramm). Lonmin (Südafrika): Platinproduzent mit gutem Umweltmanagementsystem und vergleichsweise hoher Betriebssicherheit. AU Optronics (Taiwan): Hersteller von LCD-Flachbildschirmen; umfassendes Umweltprogramm, energieeffiziente Produkte. Aspen Pharmacare (Südafrika): einer der grössten Hersteller von generischen antiretroviralen Medikamenten (HIV/Aids). Globe Telecom (Philippinen): Telekommunikationsunternehmen, ermöglicht einfachen Zugang zu Technologie und Dienstleistungen. Nedbank (Südafrika): erste Bank in Afrika, die ein Regelwerk zur Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards bei Projektfinanzierungen umgesetzt hat . Itaú Unibanco (Brasilien): hoher Leistungsausweis bei nachhaltiger Projektfinanzierung. Natura Cosmeticos (Brasilien): grösstes brasilianisches Kosmetikunternehmen, setzt konsequent auf pflanzliche Rohstoffe und nachhaltige Beschaffungspraxis.

die vorgestellten Unternehmen hervorragend ab. Die Backtesting-Resultate sind keine Garantie für die künftige Entwicklung, zeigen aber grosses Potenzial auf. * Andreas Holzer ist Sustainability Research Analyst bei der Bank Sarasin & Cie AG 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Geld ⎮ 3 3


ge0310_(034_035)_Layout 1 17.08.10 10:01 Seite 34

Abfallentsorgung ist nicht gleich Abfallentsorgung

Fotos: zVg

Abfallentsorgung ist für jeden Betrieb eine nicht zu unterschätzende Budgetposition. Richtige Entsorgung kann ohne Zusatzaufwand viel Arbeit und Geld einsparen.

In teilöffentlichen Bauten und Bürogebäuden kommen weitere Komponenten hinzu. Einerseits fallen durch eine massivere Personenansammlung grössere Abfallmengen an – diesen einfach nur als «Müll» zu entsorgen – verursacht unnötige Kosten. Andererseits steht die Sicherheit in öffentlichen und teilöffentlichen Gebäuden an oberster Stelle und Fluchtwege müssen freigehalten werden. Das GEMOS-Abfalltrennsystem von Gitterrost Drawag wird diesen Anforderungen nicht nur gerecht – es wurde speziell für solche entwickelt. GEMOS ist modulartig aufgebaut und kann beliebig erweitert werden. Verfügbar in den gängigen Grössen passt es sich jedem Kundenbedürfnis problemlos an. Die individuelle Farbgebung der Einwurfdeckel kann individuell gestaltet werden und erfüllt eine wichtige Aufgabe als «einheitliches Farbleitsystem» (jeder Farbe seinen Abfall). Die entsprechende Beschriftung mit eindeutigen Piktogrammen hilft dem Verursacher nach Wertstoffen zu 3 4 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Publireportage

trennen. Somit reduziert sich der kostenpflichtige Müll auf ein Minimum und Wertstoffe können (beinahe rein) der Wiederverwertung zugeführt werden. Ob als Einfach- oder Mehrfachbehälter, GEMOS kann individuell nach Art des Wertstoffes und deren Mengen zusammengestellt werden. Durch eine semizentrale Platzierung reduziert sich auch die Abfallmenge in den einzelnen Papierkörben und somit der Reinigungs- resp. Entleerungsaufwand pro Raum.

Sicherheit ist ein wichtiger Aspekt Entwickelt zur Erhaltung von Sicherheit in öffentlichen Räumen deckt GEMOS alle gängigen Normen der Gebäudeversicherungen ab. Zusätzlich besitzt GEMOS das Zertifikat SELBSTLÖSCHEND – unabhängig vom TÜV geprüft. Sollte sich durch Unachtsamkeit oder chemische Reaktionen ein Brandherd zu entwickeln drohen, wird dank der selbstschliessenden Klappe die Sauerstoffzufuhr abgeklemmt und das Feuer in ihrem eigenen Rauch erstickt. Die integrierte Gummidichtung hemmt den Rauchaustritt und verhindert somit weiteren Schaden.

Selbstlöschendes Abfalltrennsystem: Sollte sich ein Brandherd entwickeln , wird dank der selbstschliessenden Klappe die Sauerstoffzufuhr abgeklemmt und das Feuer erstickt.

dardmässig ist jeder Behälter mit einem feuerverzinkten Innenbehälter ausgerüstet, welcher mit oder ohne Sack verwendet werden kann. Die Montage erfolgt auf Rollen, Füssen oder als Wandbefestigung. Abschliessbar oder mit Drehgriff verschlossen steht für GEMOS beinahe jede Möglichkeit offen.

Individuelle Einsatzmöglichkeiten Die Einsatzmöglichkeiten von GEMOS sind vielfältig. Die Zusammenstellung der Behälter erfolgt nach Bedürfnis des Einsatzortes. Die Farbgebung und Beschriftung nach Vorgaben des Kunden. Stan-

Weitere Informationen: Gitterrost Drawag AG, Industriestrasse 28, CH-8108 Dällikon, T +41 43 488 80 80, F +41 43 488 80 81, info@gd-metall.ch, www.gd-metall.ch


ge0310_(034_035)_Layout 1 17.08.10 10:01 Seite 35

Rebound-Effekt kontra Energiebilanz Die Versorgung mit Energie jederzeit und in gewünschter Menge ist die Grundlage unseres Wohlstands. Dank technischem Fortschritt lassen sich wesentliche Energiemengen einsparen, ohne auf den gewohnten Komfort verzichten zu müssen. Gedankenlosigkeit bei der Nutzung und vor allem beim Neukauf Energie konsumierender Geräte können den Fortschritt jedoch zunichtemachen.

Text Josef A. Dürr* Die Fussball-WM war für Viele Anlass, sich ein neues Fernsehgerät anzuschaffen, um die Spiele auf modernen Grossbildmonitoren verfolgen zu können. Mehr Geräte bedeuten höheren Stromverbrauch, auch wenn moderne Geräte proportional stromgenügsamer sind. Hier schlägt der Rebound-Effekt zu: Zwar werden die Geräte immer effizienter, doch wird der Effizienzgewinn sogleich durch den Mehrverbrauch zunichte gemacht. Zudem werden mehr Geräte genutzt: Im Schnitt besitzt heute jeder Schweizer Haushalt rund 1,4 Fernsehapparate, auf denen immer länger – täglich 2 1/3 Stunden – ferngesehen wird.

Standby: Energiepolitisch überholt Den Rebound-Effekt belegen zwei im Abstand von 12 Jahren durchgeführte Studien des Branchenverbands VSE. Demzufolge sank der Stromkonsum leistungs-

Selbstverständlichkeit aus der Steckdose: Unterbrechungsfreie Übertragung der Fussball-WM.

gleicher elektrischer Haushalts- und es richtig, dem Stromverbrauch besondeUnterhaltungselektronikgeräte stetig. Im res Augenmerk zu widmen um die absehHaushalt insgesamt stieg der Verbrauch baren Versorgungsengpässe bei der künfjedoch, dies aufgrund wachsender Antigen Energieerzeugung zumindest etwas sprüche an Komfort, die durch zusätzliabzufedern. che Geräte gedeckt werden. Dabei sind keineswegs nur die KonsuIn den Privathaushalten hängen oft menten in der Pflicht. Die Hersteller müssen Geräte bauen, die noch energieeffizehn oder mehr Unterhaltungselektronikzienter arbeiten und sie transparent und Haushaltsgeräte permanent am deklarieren. Zudem muss Strom mögStromnetz. Speziell ältere Geräte fressen lichst effizient produziert und verteilt im Standby-Modus im Lauf des Tages werden. Die Elektrizitätsunternehmen mehr Strom als im Betrieb. Umso wichtiger ist es, sie bei Nichtgebrauch komENERGIEEFFIZIENZ plett abzuschalten. – Beim Geräteneukauf Produkte bevorzugen, die der EnergieDer IT-Brancheneffizienzklasse A entsprechen bzw. mit dem Label «Energy Star» verband Swico und ausgezeichnet sind. Prognos haben Fol– Elektronische und elektrische Gerät bei Nichtgebrauch komgendes errechnet: Die plett abschalten bzw. Steckdosenleiste verwenden. Standby4,6 Millionen TV-GeModus genügt nicht. räte hierzulande ver– Nicht benötigte Geräte und Gerätekomponenten, beispielsweise brauchten 2008 rund PC-Komponenten, komplett abtrennen oder ausbauen. 800 Millionen Kilo– Geräte korrekt entsorgen, so dass die Rohstoffe dem Wiederwattstunden – 17 Proverwertungskreislauf zugeführt werden. zent mehr als 2000. – Abschied von der Einstellung: «Was ich einspare, verbraucht ein Die Anzahl der Geräanderer.» te stieg um 13 Prozent, der Stromverbrauch um 10 Prozent. Jedes Gerät vermodernisieren daher beispielsweise zahlbrauchte im Schnitt 173 kWh, Neugeräte reiche ältere Wasserkraftwerke, etwa 156 kWh im Jahr. indem sie Turbinen neuester Technik einIn absoluten Zahlen konsumiert ein bauen, die den Wirkungsgrad bei der Fernseher zwar nur 3 Prozent des HausStromerzeugung deutlich erhöhen. haltsstroms, etwa gleich viel wie eine alte Energieeffizientes Verhalten reicht inGlühbirne. Der Verbrauch steigt überprodes nicht aus, um die drohenden Stromportional, je grösser die Bilddiagonale ist, engpässe aufzufangen. Weil Strom künfund dabei gibt es grosse Unterschiede tig mithelfen soll, den Gesamtenergiezwischen den einzelnen Modellen. verbrauch umweltgerecht zu reduzieren, wird der Verbrauch steigen. Daher ist es Energieeffizienz ist entscheidend erforderlich, in der Schweiz neue GrossObwohl wir nur rund ein Viertel unseres kraftwerke zu bauen. Energiebedarfs mit Strom decken, wirken sich Versorgungsunterbrüche bei diesem * Josef A. Dürr ist Direktor des VSE (Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen) Energieträger verheerend aus. Daher ist

Bild:zVg

03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Markt ⎮ 3 5


ge0310_(036_037)_Layout 1 16.08.10 16:36 Seite 36

Der Weg zu mehr Energieeffizienz Zwei Labels für alle Lebenslagen: Die EnergieEtikette und der ENERGY STAR weisen den Weg durch den Gerätedschungel. Denn Konsumentinnen und Konsumenten interessieren sich nicht nur für Design und Funktionalität, sondern zunehmend auch für die Energieeffizienz von neuen Produkten.

Text Christiane Lellig Die EnergieEtikette informiert über den Energieverbrauch und die Energieeffizienz eines Produkts. Darüber hinaus sind Angaben zum Beispiel zu Nutzinhalten oder Geräuschentwicklung des Gerätes angegeben. Anhand der farblich von grün nach rot abgestuften sieben Effizienzklassen A bis G wird auf einen Blick erkennbar, wie energiesparend ein Gerät ist und ob es auch hinsichtlich Leistung zu den Besten gehört. Denn: Wer möchte schon eine Waschmaschine, die wenig Energie verbraucht, aber nicht sauber wäscht. Heute werden viele Haushaltsgeräte wie Waschmaschine, Tumbler, Geschirrspüler oder Kühlschrank mit der EnergieEtikette ausgezeichnet. Aber auch Lampen und Autos schmücken sich mit dem farbigen Kleber. Für Gebäude gibt es einen entsprechenden Energieausweis (GEAK), der an die EnergieEtikette anlehnt. Geräte der IT- und Unterhaltungselektronik schliesslich werden mit dem Label ENERGY STAR ausgezeichnet.

Kategorie A zahlt sich aus Der Kauf eines hoch klassierten Produktes macht sich bezahlt: Kaffeemaschinen der Kategorie A verbrauchen rund 70 Prozent weniger Strom als solche der Kategorie G. Mit Kühl- und Gefriergeräten der Kategorie A++ lässt sich rund die Hälfte an Energie sparen gegenüber BGeräten. Je häufiger ein Gerät im Einsatz ist, desto mehr lohnt sich der Kauf eines A-Produkts.

Die EnergieEtikette teilt die Geräte in sieben Effizienzklassen ein. Bild:zVg

DER KAFFEE IST FERTIG! Egal ob mit Kapseln oder frischen Bohnen: Fast in jeder Küche steht eine Kaffeemaschine. Qualität und Design stehen bei einem Kaufentscheid im Vordergrund – und immer öfter auch die EnergieEtikette. Diese zeigt auf einen Blick, wie energieeffizient ein Gerät ist. Für die Einteilung in die Energieeffizienzklassen wird der Stromverbrauch in verschiedenen Betriebszuständen gemessen (aufheizen, Kaffeebezug, Standby, ausgeschaltet). Aus den einzelnen Verbrauchszahlen wird ein Tagesverbrauch berechnet, welcher für die Einteilung in die Energieeffizienzklasse massgebend ist. So wird der direkte Vergleich zwischen den Modellen verschiedener Hersteller ganz einfach möglich. Da schmeckt der Kaffee nicht nur besonders gut, sondern man spart auch noch Energie. Bei Kaffeemaschinen verbrauchen Geräte der A-Klasse rund 30 bis 50 Prozent weniger Strom als solche der Klasse G.

die eingesparten Energiekosten amortisiert. Bei Fernsehgeräten sparen Konsumenten so bis zu 30 Prozent Energie, bei Computern bis zu 60 Prozent.

Perfekte Ergänzung Mit dem ENERGY STAR ausgezeichnet werden Produkte, die Energiekosten einsparen bei gleicher Leistung, gleichem Nutzen und Komfort. Dazu gehören etwa Computer, Drucker, TV oder Stereoanlagen und viele weitere Produkte aus dem Bereich der IT und der Unterhaltungselektronik. Voraussetzung für die Auszeichnung mit dem Label ist auch, dass sich ein höherer Kaufpreis schnell durch 3 6 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Markt

Hohe Glaubwürdigkeit Durch standardisierte Produkttests weisen beide Labels eine hohe Glaubwürdigkeit auf. Mit der EnergieEtikette ausgezeichnete Geräte werden einer Normprüfung über 24 Stunden unterzogen, um die Energieeffizienzklasse sowie weitere Bewertungskriterien zu bestimmen. Auf ähnliche Weise werden Produkte geprüft, die mit dem ENERGY STAR ausgezeichnet

werden. Dass ein einfacher und klarer Vergleich von Produkten punkto Energieverbrauch und Effizienz beim Kaufentscheid möglich ist, ist ein Anliegen von EnergieSchweiz. EnergieSchweiz empfiehlt daher: Beim Kauf eines Haushaltsoder IT-Gerätes, eines Autos oder Fernsehers auf die EnergieEtikette und den ENERGY STAR achten.

Produkte online vergleichen: www.eae-geraete.ch und www.energystar.ch, Zusätzliche Informationen: www.energieetikette.ch oder www.so-einfach.ch


ge0310_(036_037)_Layout 1 16.08.10 16:37 Seite 37

KOLUMNE

Schnappt Euch den Trend Am 1. Oktober 1891 gründeten die Ingenieure Charles E. L. norare und Pillenpreise gehen. Es geht um die psychosoziale Brown und Walter Boveri im damals noch ländlichen Baden Gesundheit unseres blauen Planeten. Mit anderen Worten: es die «Brown, Boveri & Cie». Geschäftszweck: Herstellung und geht um unseren ökologischen Fußabdruck, den jeder einVertrieb elektrisch betriebener Schienenfahrzeuge. Erster Aufzelne Weltenbürger hinterlässt. trag: Bau des örtlichen Elektrizitätswerks. Es war der Start zur Die Schäden durch Umweltzerstörung werden nach vorhundertjährigen Erfolgsgeschichte eines Schweisichtiger Schätzung derzeit auf 10 Prozent des zer Unternehmens auf dem Weltmarkt, die einer Weltsozialprodukts geschätzt, also auf mehr als ganzen Region Beschäftigung und Wohlstand 2’800 Milliarden US-Dollar. Und da bin ich bei brachte. meinem ureigenen Thema: nur eine vehemente Die Gründerväter hatten mit sicherem Gefühl Entwicklung bei den erneuerbaren Technologien für kommende Wirtschaftsentwicklungen auf die kann uns vor einem Kollaps in der überschaubaBasisinnovationen gesetzt, die in der Wirtschaftsren Zukunft retten. geschichte, meist über mehrere Jahrzehnte die Ausgerechnet in der Schweiz, nicht nur HeiWeltökonomie antrieben: der Boom der Eisenmat für Brown, Boveri, sondern auch Weltmeister bahn und der Elektrotechnik, vom russischen Öko- CHRISTIAN MEIER im Erfinden und Forschen, mit unseren FHs, nomen Nikolai Kondratieff in seiner «Theorie der ETHs, Think Tanks udgl., auf die wir mit Recht Der Autor ist Solarunter- stolz sind, ausgerechnet wir Schweizer traben derlangen Wellen» beschrieben. Mittlerweile haben wir weitere Kondratieff- nehmer der ersten Stunde. zeit noch dem Welttrend hinterher. Es gibt keinen Sein Zürcher IngenieurZyklen erlebt - als Treiber dienten das Automobil unternehmen «energiebüro wirksamen politischen Willen, der uns erfolgreich und die Informationstechnologie - und befinden ag»  ist für seine Photo- den sechsten Kondratieffzyklus bestehen läßt. Ich uns im Einstieg zum «6. Kondratieff», der, nach voltaik-Anlagen mit vielen würde gern noch bei guter Gesundheit die Zeit nationalen  und internatioMeinung der Experten, das Thema Gesundheit für nalen Preisen ausgezeich- erleben, wenn erneuerbare Energien unsere fatale die kommenden Jahrzehnte installieren wird. Und net worden. Abhängigkeit von Öl, Kohle und Atom beseitigt dabei wird es nicht nur um explodierende Arzthohaben. So um 2050 herum. Das ist machbar.

Anzeige

Ausgabe 01 | März 2010

Einzelpreis chf 8.–

ZÜRCHER IMMO-MARKT

Nr. 1/2010

NO. 3 MARCH 2010 CHF 7.50

DAS LIFESTYLE-MAGAZIN DER

DAS ZÜRCHER MAGAZIN

SFr. 8.–

HERBST/WINTER 08/09

DAS FACHMAGAZIN FÜR DIE SCHWEIZER GASTRONOMIE

Lifestyle | Living | Design | People | Kultur

WOHNEN AM ZÜRICHSEE

LUXUS

PUR

MISS SCHWEIZ WHITNEY TOYLOY

SCHÖN

Modern Monarch: Prince Hans-Adam II

01

GARTEN- UND KÜCHEN(T)RÄUME 9

UNRAVELLING LIFE’S MYSTERIES

Zürcher Glamour Export

771661 832002

CERN:

ZAHLT SICH AUS

NOMI FERNANDES

COMMUNITY TIES: THE U.S. AMBASSADOR

MENSCHEN AN DER GOLDKÜSTE

MODE

GROSSER WETTBEWERB

TRENDS 08/09

Saison für Zwiebeln Zöpfe als kleine Kunstwerke

BUSINESS TRAVEL

SO REISEN!

UHR FÜR

8000

FRANKEN

ZUUNDGEWINEN WEITERE 49 PREISE

WHAT’S ON THIS MONTH

Seit 28 Jahren das

Living. Design. People.

Das Fachmagazin für

Die anderen Seiten des

Schweizer News

Lifestyle. Kultur.

die Schweizer Gastronomie.

Chefseins. Genuss.

Magazin. Nur für

8x jährlich das Beste

Design & Style. Mode. Reisen

Englischsprechende.

und Abenteuer.

Auch an Bord der SWISS

Und vieles mehr.

Business Class.

SWISS BUSINESSPRESS SA Köschenrütistrasse 109, 8052 Zürich, Telefon 044 306 47 00, Fax 044 306 47 11 info@swissbusinesspress.ch, www.swissbusinesspress.ch

03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Kolumne ⎮ 3 7


ge0310_(038_039)_Layout 1 17.08.10 10:04 Seite 38

3 8 ⎮ 03/2010 ⎮ GENESIS ⎮ Cartoon


ge0310_(022_025)_Layout 1 17.08.10 09:57 Seite 25

        

   



;:987 6957 4327 1987 0/.-+5*5)9*(7 '&+7 %&22*$9+7 #+985*9+7 &.+97 #*+2".8-+)3+57 3+298987 !&/*$*(-(2 7 3+17 &%&8(/918%+*2297 %.8(7 /987 19+7 '98/89* (9(9+7 #*+24(7 '&+7 $94+(9".7 &$487 3$297 *$$7 1*929+76957'&84+(89*/9+73+173+(982(((7192.4$/7 1*9792(89/3+59+7'&+72*22"$94+(9".

:8798(84+17*""481 +*(*4(&873+178-2*19+(7'&+7&$4873$29778-2*19+(71927 4(8&+4(2)&*(9927'&+72*22"$94+(9".

!              !   9*2(9+7 *97 9*+9+7 4)(*'9+7 9*(8457 37 9*+987 +4"..4$(*59+7 3+17 9((/998/2%-.*59+7 ".9*73+179819+7*979*$71987$94+(9".79953+57 8&%*(*989+7*97'&+7.89872*22"$94+(9".7!*(5$*912".4%(7138".79)$32*'9+7354+573

  

       

7

&$*(*2".9+73+17*8(2".4%($*".9+7#+(2".9*13+52(8-598+77

7

2&*97&(9+(*9$$9+7+'92(&89+

7

'*9$%-$(*59+7!*(5$*91984+$-229+7

7

43259-.$(9+7:*9+2($9*2(3+59+7*97:4(9+/4+)9+

7

92298'*"973+17!*(5$*91983/$*)4(*&+9+

7

&+2&8(*9+73+17 9%989+8&9)(9+7'&+72*22"$94+(9".77

7

*(71*89)(9+724( 73+17&2*(*&+*983+525$*".)9*(9+

7

7

7

7

%%9+($*".987+%&84(*&+24+$422779(77*+798+ !9$19+7*972*".7+&".7.93(9743%774+


ge0310_(001_040)_Layout 1 17.08.10 09:35 Seite 40

Wer mit neuen

Energien spielt,

nimmt sie ernst.

Eine Investition in Wind- oder andere erneuerbare Energien ist nachhaltig im Sinne einer langfristig betrachteten Rendite und zugleich ein klares Bekenntnis zum verantwortungsbewussten Umgang mit Ressourcen. Die Bank Sarasin ist führend auf dem Gebiet des nachhaltigen Investierens. Sie bietet auf Ihre persönlichen Bedürfnisse zugeschnittene Dienstleistungen und Anlagelösungen an. Auch als Beitrag an die Welt von morgen. Tel. 0800SARASIN, www.sarasin.ch

03

Nachhaltiges Schweizer Private Banking seit 1841.

BASEL r BERN r DELHI r DOHA r DUBAI r DUBLIN r FRANKFURT r GENF r GUERNSEY r HONGKONG r LONDON LUGANO r MÜNCHEN r MUMBAI r MASKAT r NÜRNBERG r SINGAPUR r WARSCHAU r WIEN r ZÜRICH


Genesis 03/2010