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Wasserland Bayern

Naturschutz am Puls der Lebensadern

Sonderdruck aus Bund Naturschutz Magazin Natur+Umwelt 2-2004


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Von der Quelle bis zum Strom: Naturschutz am Puls der Lebensadern

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Foto: Blauel /Gnamm, Artothek

Der Oberpfälzer Dichter Harald Grill bringt es in seinem Gedicht »Donaulandschaft bei Regensburg« auf den Punkt: Auf alte Ölgemälde, wie das von Albrecht Altdorfer (mittleres Bild, daneben das Gedicht), passt man gut auf in Bayern, ihres hohen Wertes ist man sich bewusst. Die Flüsse und Seen

aber, von denen sich die alten Meister zu ihren schönsten Werken inspirieren ließen, werden immer noch malträtiert. Quellen gräbt man das Wasser ab, Bäche presst man in Betonröhren, Auwäldern stiehlt man Raum, selbst der Donau will man immer noch ihren letzten Rest Freiheit nehmen. Dabei sind es unsere Gewässer, die dem ganzen Land buchstäblich Leben einflößen. An ihnen konzentriert sich der Artenreichtum der bayerischen Natur. Und auch für uns Menschen hängt viel ab vom Zustand der Gewässer. Es geht um sauberes Trinkwasser, um Hochwasserschutz, um Badespaß und Freizeitvergnügen, aber auch um tiefe Selbsterfahrung, wie Reinhard Falter (ab Seite 3) zu berichten weiß. Manfred Gößwald, leitender Redakteur

Moritz von Schwind: Die Donau mit ihren Nebenflüssen. Um 1865. München, SchackGalerie.

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Donaulandschaft bei Regensburg Mia taat ma gern lebn weit drin in deine alte farbn weit drin in deiner landschaft weil aaf de passn s aaf Harald Grill


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er in Oberbayern aufgewachsene Autor Sten Nadolny (»Die Entdeckung der Langsamkeit«) lässt in seinem Roman »Ein Gott der Frechheit« den Chiemseegott Bedaius auftreten: »Er war mit den Alonen, einem keltischen Stamm, in diese Gegend gekommen und aus Liebe zum Keamsee ein Fisch geworden.«

Foto: Artothek

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Hans Fredrik Gude: Fischer im Boot am Chiemsee-Ufer. 1886. Privatbesitz. Foto: Blauel /Gnamm, Artothek

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Albrecht Altdorfer: Donaulandschaft mit Schloss Wörth bei Regensburg. 1525. München, Alte Pinakothek.

Bedaius führt den Helden der Geschichte, den Gott der Kaufleute und Diebe, zu den Saaligen ins Gebirge: »Hier waren die Ortsgeister nicht so selten und verschüchtert wie im Flachland. Es gab auch Kobolde, die sich in Gestalt dürrer Äste in den Bäumen spreizten, und sogar zwei fast durchsichtige Quellnymphen.« Uns heutigen Menschen ist kaum klar, was Götter einer Erfahrungsreligion wie der der Römer, Kelten oder Germanen sind. Götter sind die Grundqualitäten oder Grundcharaktere der erfahrbaren Welt, die in der Psyche ebenso wie in der Natur erscheinen. Mars und Venus, Saturn und Dionysos sind ergreifende Atmosphären. Mars zum Beispiel ist das, was ich an mir (von innen) erfahre, wenn ich zornig bin. Aber dieselbe Qualität begegnet mir auch draußen, im Zähne fletschenden Hund, aber auch im vom Hochwasser angeschwollenen Wildbach, der »wütend einherbraust«. Ich muss nicht unterstellen, dass er ein menschenartiges Wesen hat und zornig ist, aber er hat dieselbe Ausdrucksqualität.

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Bayern Wasserland Foto: Joachim Blauel, Artothek

Joseph Wenglein: Kalksteinsammlerinnen im Isarbett bei Bad Tölz. 1883. München, Neue Pinakothek.

Flussgötter zum Beispiel sind im Unterschied zum Gott der Offenbarungsreligion keine Sache des Glaubens. Die Frage »glaubst du an Flussgötter?« ist falsch gestellt, es muss heißen »bist du bereit, was du am Fluss siehst, als Ausdruck eines Göttlichen anzuerkennen?«. Statt »hast du schon einmal einen Flussgott gesehen?« sollte man fragen »hast du Erfahrungen gemacht, die dich vom Sinn solcher Anerkennung überzeugt haben?« und statt »gibt es Flussgötter wirklich?« muss es heißen »gibt es Erfahrungen, die sich als Epiphanie eines Flussgottes sinnvoll begreifen lassen?«. Flüsse haben überdies individuellen Charakter. Ein Moorfluss wie die Würm ist etwas ganz anderes als ein alpiner Wildfluss, wie die Salzach ist (oder vielmehr war).

Wütende Wasser In Bayern ist manches von dieser Weltauffassung bis in die Neuzeit bewahrt worden, weil hier die Christianisierung von den irischen Missionaren nicht so brutal durchgeführt worden ist wie nördlich von dem Baumfrevler Bonifatius. Hier lebte in mancher Heiligengestalt die alte Naturgottheit weiter, in der heiligen Margret die Ackerbaugöttin, in Katharina die Mondgöttin und in Johannes der Vegetationskönig. Und in Altbayern ist die Reformation »ausgefallen«. Daran haben übrigens unsere Flüsse gar keinen so geringen Anteil. Dass alle Flüsse Altbayerns, bis zum Eisenbahnzeitalter die wichtigsten Transportwege, zur Donau und damit nach Osten abbiegen, bewirkte, dass der bayerische Handel süd- und ostorientiert war, folglich waren auch gutnachbarliche Beziehungen zu Österreich und Italien wichtiger als nach Westen und Norden. Und das hatte kräftigen Anteil daran, dass, wann immer Bayern sich frei entscheiden konnte, es lieber den Anschluss nach Süden als nach Norden suchte. Auch schon deshalb blieb man katholisch und barock. Die Römer hätten dies als Wirkung der Flüsse, sprich des Donau-Gottes gesehen. Seit 1806 sind auch die

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»Beute-Bayern«, die Franken und Schwaben, selbst wenn sie am Main leben und jahrtausendelang rheinwärts orientiert waren, ein wenig in den Sog der altbayerischen Flüsse geraten.

Modernes Zeug Mit der so genannten Aufklärung wurde auch in Bayern das Leben ungemütlicher. Im Zeichen der Rationalität wurden die Leute angehalten, mehr zu arbeiten und weniger zu feiern oder vor sich hin zu sinnieren und »Geister« zu sehen – schon gar nicht Natur. Dagegen bildete sich sehr bald der spezifisch bayerische Konservatismus, ursprünglich ein Bündnis von Kirche und Bauern, die all das »moderne Zeug« nicht wollten. Sie blieben bis zu Franz Joseph Strauß die Säulen des Konservatismus. Was sich heute konservativ nennt, ist freilich fast das Gegenteil: Weder die Bauern noch die katholische Kirche, die mit dem 2. Vaticanum zwar tolerant geworden ist, aber auch zum Beispiel mit der Zusammenlegung der Namenstage den Bezug der Heiligen zum Jahreskreis aufgegeben und ihre archaischen Wurzeln weiter abgehackt hat, sind mehr die Säulen der CSU, sondern Bauwirtschaft und Amigos. Aber werfen wir zunächst einen Blick auf die heutige ökologische Realität der bayerischen Gewässer und auf deren historische Ursachen. Um 1900 schien die Wasserkraft die Möglichkeit zu bieten, die Rückständigkeit Bayerns zu beheben. Zugleich schienen mit der weißen Kohle die Schäden der schwarzen Kohle vermeidbar. Gerne verzichtete man auf das bisschen Flussgold, das man noch im 19. Jahrhundert aus Isar, Inn und Donau gewaschen hatte, für das neue »Gold der Berge«.

Wurzeln im Wasser Aber gerade gegen den Wasserkraftausbau entstanden auch die ersten Naturschutzvereine. So in München der »Verein zur Erhaltung der landschaftlichen Schönheiten Münchens, besonders des Isartals«, kurz »Isartalverein«. Anlass waren die Kraftwerksprojekte im


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irgends sonst in Mitteleuropa leben auf so kleiner Fläche so viele verschiedene und seltene Arten und Lebensgemeinschaften wie in den Auen. Deren ursprüngliche, von den Flüssen in Jahrhunderten geschaffene Fläche wird in Bayern auf etwa 5000 Quadratkilometer geschätzt. Doch nur drei Prozent davon sind noch ökologisch voll funktionsfähig. Auen werden durch den Fluss geschaffen, Dynamik bestimmt ihr Leben. Ständiger Wechsel der Wasserstände, Erosion und Sedimentation sowie Neu-Entstehung und Verschwinden von Lebensräumen sind zentrale Elemente der Aue. Zwei Drittel aller PflanzenGesellschaften wachsen in der Aue. 60 Prozent der Vogelarten, 62 Prozent der Libellenarten und 85 Prozent der Amphibienarten leben in Deutschland in den Auen.

Vielfältiges Leben in der Aue – Gewässerschutz darf nicht am Ufer enden

Flüsse brauchen wieder Raum Mit ihrem einzigartigen Reichtum an Pflanzen und Tieren sind die Fluss-Auen so etwas wie der »bayerische Regenwald«. Und ebenso gefährdet, wenn Flüssen und Auen nicht endlich mehr Raum und besserer Schutz zugestanden wird.

Noch schlägt das Herz Dennoch sind Auen in der intensiv genutzten Kulturlandschaft noch ein Refugium der Artenvielfalt, Rückzugsraum für seltene Spezialisten wie die Deutsche Tamariske oder das Gottesgnadenkraut. Die Betonung liegt auf noch. Denn wenn nicht auf großer Fläche wieder eine Verbindung zwischen Fluss und Aue mit der vollen natürlichen Dynamik zugelassen wird, ist der weitere Verlust dieser Vielfalt nur eine Frage der Zeit. Für die tatsächliche Sicherung der biologischen Vielfalt ist eine Revitalisierung von Auen auf großer Fläche

Foto: Löw

Die Tiere der Aue haben Strategien entwickelt, sowohl mit Hochwasser als auch mit Austrocknung zurecht zu kommen. Wird eine Population durch Hochwasser geschwächt, kann sie sich in neu entstandenen Lebensräumen rasch wieder ausbreiten. Frische Uferabbrüche nimmt der Eisvogel in Besitz, neue Tümpel die Gelbbauchunke. Altwasser, die beim Hochwasser wieder durchströmt waren, werden zu Kinderstuben zahlreicher Fischarten. Doch nur wenn Hochwasser Kies, Sand oder Feinmaterial mit sich führen kann, entsteht das typische Kleinrelief in der Aue, das für die vielfältige Wirkung der Wasserstandswechsel nötig ist – ein komplexes Faktorengefüge, in dem räumlich und zeitlich hohe Diversität Voraussetzung für die biologische Vielfalt sind. In dieses komplexe System hat der Mensch vielfältig eingegriffen. Mit den Regulierungen und Verbauungen der Flüsse wurde den Auen ihr Herzschlag genommen. Wird die Aue vom Fluss abgeschnitten, ist sie zum Sterben verurteilt. Gewerbegebiete, Siedlungen und intensive Land- und Forstwirtschaft haben große Flächen bereits zerstört.

Foto: Willner

Nur der Wechsel ist beständig

nötig. Dies muss auch Ziel aller Fluss-Renaturierungen sein, Flüsse brauchen wieder Raum. Mittlerweile ist unumstritten, dass die falsche Nutzung der Auen unsere Lebensgrundlagen bedroht. Der Erhalt der letzten Reste intakter Auen sowie die flächige Revitalisierung ist nicht nur für den Artenschutz nötig. Auch für Hochwasserschutz, Trinkwasserschutz und Erholung haben intakte Auen wichtige Funktionen. In Bayern wurde die Bedeutung der Auen mit dem bayerischen »Auenprogramm« des Umweltministeriums aufgegriffen. Doch solange das Programm nur auf dem Papier steht, keine Gelder für die Umsetzung bereitgestellt sind und nach wie vor Auen zerstört werden, ist der Sinn dieses Programmes stark in Frage zu stellen. Auenschutz hat in Bayern noch lange nicht den nötigen Stellenwert in Politik und Gesellschaft. Derzeit scheitert er noch viel zu oft an Einzel-Interessen von Eigentümern oder Interessensverbänden, kommunaler Planungshoheit oder der bayerischen Staatsregierung selbst. Es darf aber nicht bei einzelnen guten Renaturierungs-Projekten bleiben, nötig ist ein echter Auenverbund Bayern, in dem die natürliche Vielfalt der Lebensräume lebendige dynamische Lebensadern und ein Rückgrat für die Artenvielfalt bilden. Christine Margraf, BN-Regionalreferentin und Auen-Expertin

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Multi-Talente Auen erfüllen viele Funktionen zugleich: Die Pupplinger Au bei München zum Beispiel bietet der seltenen Deutschen Tamariske ebenso Lebensraum wie sonnenhungrigen Großstädtern.

Spezialisten Die Tiere der Aue haben Strategien für ihre häufig umgestalteten Lebensräume entwickelt. Der Eisvogel etwa nimmt frische Uferabbrüche sofort in Besitz. Auch ihm gilt der Einsatz des BN für den Lebensraum Aue.


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Foto: Artothek

Christian Landenberger: Abend am Ammersee. 1911. Dresden, Gemäldegalerie.

Foto: privat

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Der Autor Reinhard Falter, 44, ist Historiker und Philosoph. Gewässer sind sein Thema, seit er sich 1990 als Sprecher der »Initiative Mühltal« für die Renaturierung der Isar stark machte. Er ist Mitbegründer des Instituts für naturphilosophische Praxis, Kontakt: Steinerweg 12, 81241 München. Sein letztes Buch heißt »Natur neu denken«, siehe Seite 15.

Süden der Stadt. Selbstverständlich waren die Gründer Konservative. So auch der Münchner Philosoph Ludwig Klages, der 1913 bereits schrieb: »Lösten wir das Rätsel des Flüssigen, weil wir Seen besser zu stauen, Ströme im Handumdrehen zu kanalisieren wissen und das heilige Element der Alten nur mehr nach Pferdekräften in Anschlag bringen? (…) Wir sagten oben, die alten Völker hätten kein Interesse gehabt, die Natur durch Versuche auszuspähen, sie in Maschinen hinein zu knechten und listig durch sich selbst zu besiegen; jetzt fügen wir hinzu, sie hätten es als Asebeia, Verruchtheit, verabscheut. Wald und Quell, Fels und Grotte waren für sie ja heiligen Lebens voll. (…) Wenn die Griechen einen Strom überbrückten, so baten sie den Flussgott für die Eigenmächtigkeit der Menschen um Verzeihung und spendeten Trankopfer«. Nicht auszudenken, was alles zerstört worden wäre, wenn sich nicht immer wieder solche Menschen für die Erhaltung der Natur eingesetzt hätten, so frustrierend ihre Tätigkeit für sie auch war. Die Partnachklamm wäre mit einer riesigen Betonwand verschlossen, und der Spiegel des Walchensees würde für den Spitzenbetrieb des Kraftwerks um 17 Meter schwanken.

Fluss oder Strom Freilich, die Liste des unwiederbringlich Zerstörten ist auch so noch lang genug. Der Lech zum Beispiel ist auf bayerischer Seite eine Stauseenkette, die auch mit größtem Aufwand nicht mehr wiederherstellbar wäre. Und vor allem ist nicht sicher, ob die Zerstörung wirklich abgeschlossen ist. Während es vor 30 Jahren der Altmeister des Gewässerschutzes in Bayern, Alwin Seifert, für nur noch eine Frage der Zeit hielt, bis zumindest an der Isar als noch renaturierbarem Fluss die Kraftwerke südlich von München wieder verschwunden sein würden, hat im Feld der Wasserkraft der Ökologieboom seither eher zu Rückschritten geführt. Für die Stromgiganten ist Wasserkraft kein nennenswerter Einnahmefaktor, auch wenn sich abgeschriebe-

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ne Anlagen natürlich immer gut rentieren; aber sie ist ein umso wichtigerer Publicity-Faktor. Sie können sich damit als Umweltschützer darstellen wie das Bayernwerk, das mit einem Bild des Walchensees warb und darunter schrieb »ein typisch bayerisches Kraftwerk«. Keine Rede war davon, dass der Fluss, den man dafür anzapfte, von 1925 bis 1990 an 200 Tagen im Jahr komplett trocken fiel und dass nur massives Engagement der Naturschützer für Abhilfe sorgte. Die Kraftwerksbetreiber ließen es sich nicht nehmen, am Walchenseekraftwerk eine Tafel anzubringen, auf der zu lesen steht, unverständige Naturschützer behinderten dieses Kraftwerk leider in seinem heroischen Einsatz für die Abwendung der Klimakatastrophe, indem sie ihm Wasser zum unsinnigen Herunterlaufen in einem Fluss abzapften. Freilich gibt es da schwierige Abwägungsprobleme: Wie lassen sich ein Eisvogelbrutpaar oder Erfahrungsmöglichkeiten für Kinder an einem naturbelassenen Fluss gegen CO2-Emissionen aufrechnen, die er in verbautem Zustand vermeiden hülfe. Hier stehen sich Umweltschutz und Naturschutz manchmal feindlich gegenüber: »Umweltschutz wäre es, den Schaffhausener Rheinfall in die Röhre zu stecken, Naturschutz, ihn weiter »unnütz« herunter donnern zu lassen« (Bernd Uhrmeister).

Rest-Isar Neben der Kraftwerkswirtschaft ist die Schifffahrt ein Haupt-Zerstörungsfaktor. Es hieße Eulen nach Athen tragen, im BN-Magazin »Natur+Umwelt« über den Rhein-Main-Donau-Kanal und über den Wahn, den Fluss immer größeren Schiffen anzupassen, noch ein Wort zu verlieren. Aber auch die kommerzielle Gaudiflößerei ist ein Problem. So haben die Flößer, statt sich für eine Restwassermenge einzusetzen, die es ihnen erlauben würde, auf der eigentlichen Isar (treffend und zynisch Rest-Isar genannt) zu fahren, sich vielmehr darüber


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ie meisten Deiche an der niederbayerischen Donau zwischen Straubing und Vilshofen sind für ein »Jahrhunderthochwasser« einen Meter zu niedrig. Es muss also dringend gehandelt werden, um die Menschen besser zu schützen. Dass bisher nichts passiert, liegt vor allem an Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu. Weil er immer noch Staustufen durchsetzen will, verschleppt er seit Monaten das Raumordnungsverfahren für einen schonenden Donau-Ausbau und blockiert so auch den daran gekoppelten HochwasserSchutz. Bis heute gingen an der bayerischen Donau stetig natürliche Überflutungsflächen verloren, jeder Ausbau engte die Auen weiter ein. Die Folgen bekamen die Unterlieger bei Hochwasser zu spüren: Abflüsse und Wasserstände erhöhten sich, die Geschwindigkeit der Hochwasserwellen beschleunigte sich erheblich. Letzteres führt am Zusammenfluss der Donau mit ihren Nebenflüssen, zum Beispiel in Passau oder Regensburg, zu fatalen Überlagerungseffekten und damit noch höheren Wasserständen.

BN will natürlichen Hochwasser-Rückhalt zwischen Straubing und Vilshofen

Neue Auen für die Donau ! Das nächste Donau-Hochwasser kommt bestimmt. Ein staatliches Konzept zum Schutz der Bürger existiert zwar, es setzt aber vor allem auf technische statt natürliche Maßnahmen. Von Georg Kestel

Das bisher vorliegende staatliche HochwasserschutzKonzept für die Donau zwischen Straubing und Vilshofen sieht allerdings nur für knapp vier Prozent der beplanten Fläche die Rückverlegung von Deichen vor. Fast 25 Prozent des Gebietes sind dagegen als künstliche Flutpolder eingeplant. Die gesamte restliche, unterschiedlich dicht besiedelte Fläche soll dagegen durch die Erhöhung der Deiche besser geschützt werden Um die negativen Effekte der damit verbundenen Einengung des Wasserrückhalte-Raumes auszugleichen, setzen die Planer bisher vor allem auf so genannte gesteuerte Flutpolder, eine Art riesiger Badewannen, die bei Hochwasser schnell geflutet werden. Abgesehen von der offenen Frage, ob die geplante Vielzahl von Flutpoldern überhaupt mit der nötigen Präzision gesteuert werden kann, drohen durch die Geschwindigkeit der Flutung massive Schäden an Natur und Landschaft. Die Einbußen in der Tier- und Pflanzenwelt erhöhen sich noch erheblich, wenn das Wasser in den Becken über längere Zeit steht und der vorhandene Sauerstoff aufgezehrt wird. Dann drohen Bilder wie aus »umgekippten Seen«, mit Fischen, die bauchoben auf der stinkenden Wasseroberfläche schwimmen.

Warum kompliziert … ? Um dies zu vermeiden, müsste im Flutungsfall eine ausreichende Durchströmung sichergestellt werden. Zudem müssten auch kleinere und mittlere Hochwässer als »ökologische Flutungen« und als »Training« für die Lebensgemeinschaften durch die Flächen geleitet werden. Damit wäre jedoch, etwa hinsichtlich der landwirtschaftlichen Nutzbarkeit, der Unterschied zu echten Aue-Flächen nicht mehr groß. Der Bund Naturschutz setzt daher auf natürlichen Hochwasserschutz von Anfang an: Zumindest die jetzt

Foto: Kestel

Der alte Fehler

Wilde Wasser Hochwasser mit seiner schöpferischen Kraft ist für die Auen ein existentieller Faktor. Der Bund Naturschutz fordert ein Hochwasserkonzept für die Donau, das die Menschen schützt und zugleich Fluss und Aue Raum zum Leben gibt.

als Flutpolder eingeplanten Flächen sollen als echte Auen voll in das Überflutungsgeschehen eingebunden werden. In den häufiger überschwemmten Bereichen müsste dann allerdings zum Teil die Nutzung angepasst werden. Für einen entsprechenden Grundstückstausch können die bereits für Seitenkanal und Staustufen erworbenen Flächen verwendet werden. Mit der Reaktivierung von Auen bietet sich die Chance, den bisherigen Verlusten an hoch bedrohten und wertvollen Aue-Standorten entgegenzuwirken. Es entstünde auch Raum für heute weitgehend verdrängte natürliche Prozessabläufe, zum Beispiel die aktive Verlagerung von Kies und Sand und die Neuentstehung von Lebensräumen. Der Bund Naturschutz wird darauf drängen, dass die gegebene Chance für einen Hochwasserschutz im Einklang mit der Natur genutzt wird – und zwar so bald wie möglich.

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Der Autor Georg Kestel, 36, Landschaftsarchitekt, kämpft als örtlicher Donau-Experte der BN-Kreisgruppe Deggendorf für den frei fließenden Strom.


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Foto: Alfen, Artothek

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Foto: Blauel /Gnamm, Artothek

Ferdinand Kobell, 1740 – 1799: Mainbrücke in Aschaffenburg. Staatsgalerie, Schloss Aschaffenburg.

Johann Georg von Dillis, 1759 – 1841: Die Isarfälle. München, Staatliche graphische Sammlungen.

beschwert, dass der Kanal durch das vermehrte Restwasser geringere Fließgeschwindigkeit habe und dies als Argument benutzt, ihr trachtenanzug-bewehrtes »Traditionsgewerbe« ab sofort mit Außenbordmotor zu betreiben. Darüber hinaus verlangten sie die Sprengung eines Felsens, den das Pfingsthochwasser 1999 als Beispiel der neu gewonnenen Selbstgestaltungskraft freigelegt hatte. Weil die postmodernen Flößer ihr Handwerk nicht mehr richtig verstehen, muss eben die Natur sich dem Menschen anbequemen; das ist wahrlich hypermoderne Mentalität.

Kulturtherapeutika In der mitteleuropäisch zahmen Natur ist der Fluss eines der wenigen Zeugnisse von Selbstgestaltungskraft der Natur und deshalb ein Angelpunkt eines Naturschutzes, der Natur erfahrbar halten und die Naturentfremdung des modernen Menschen bremsen möchte. Er ist geradezu ein Kulturtherapeutikum. Wenn ich etwa im Rahmen meiner »Fluss des Lebens«-Seminare mit zehn Menschen an einen Fluss gehe und sie auffordere, sich einen Platz zu suchen, den sie als zu sich gehörig empfinden, wird jeder dem begegnen, was für ihn Thema ist. Ein Betrachter kann eine reißende Stelle als lebendig oder als gehetzt empfinden, ja, ich kann den Fluss als Ganzen als sinnlos sich zu Tode stürzend oder als ungeheuer reich empfinden. Beides hat mit dem Betrachter zu tun und doch

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nicht nur mit ihm. Beides sind Seiten des Lebens, die sich in der Wirklichkeit nicht ausschließen. Wichtiger als Bewertungen ist leibliches Angeregtwerden. Zugrunde liegt dieser Spiegelungsmöglichkeit aber im Allgemeinen die Verwandtschaft von Fluss als Ganzem und Lebenslauf, und im Konkreten, dass Individualisierung beim Menschen dieselben Figuren und Charaktere hat wie Individualisierung beim Fluss oder Baum.

Lebens-Ströme Ich gehe an den Fluss, und plötzlich offenbart sich mir in seinen Verzweigungen etwas über das Wesen gelungener Biographie. Ich erkenne, dass auch in meinem Leben verschiedene Strömungen nebeneinander her laufen, und dass diese Vielstimmigkeit etwas Gutes hat. Dass aber auch irgendwie wichtig ist, dass sie nicht einfach auseinanderlaufen, sonst wären sie zum Versickern verurteilt. Das Naturbild bekommt allmählich Normativität. Ich erkenne vielleicht, dass mein Leben, stärker als es sollte, in Rollen zerfällt, und dass ich mich daher um den Zusammenhang meiner Rollen kümmern muss. Es ließen sich zig solche Parallelen zwischen Natur draußen und Seelenleben anführen. Darin liegt dieselbe Wahrheit, die unsere keltischen und rätischen Vorfahren vor 2000 Jahren als Götter bezeichnet haben. Beschäftigt man sich mit alpinen Wildflüssen, so fällt einem auf: Der Fluss ist einerseits das Bild des Lebens schlechthin, andererseits aber auch der Todespol der Landschaft. Er ist, wie Goethe den Tod so genial nennt, das Mittel der Natur, viel Leben zu haben, er räumt frei, setzt auf den Stock. Der todesverdrängende bürgerliche Mensch findet die Kiesbänke alpiner Flüsse mit ihrem an die Endlichkeit gemahnenden Totholz ästhetisch unerträglich. In der Natur aber sind die Abbauprozesse genauso wichtig wie die des Aufbaus. 


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Foto: BN

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nalpark Hainburg. Im Donaudurchbruch zwischen Böhmerwald und Sauwald verlässt die Donau ruhig dahinfließend Bayern. In der Ebene zwischen Straubing und Vilshofen ist der Strom hingegen im letzten großen Abschnitt in Deutschland noch frei pulsierende Lebensader. Termin: 6. 9. – 10. 9. 2004 BN-Mitgliederpreis: 670 Euro Infos und Anmeldung: BNReisen, Tel. 0 91 23-9 99 57-10, Fax -99, www.bn-reisen.de

Herausgeber: Bund Naturschutz in Bayern e. V. (BN), vertreten durch Peter Rottner, Landesgeschäftsführer, Dr.-JohannMaier-Str. 4, 93049 Regensburg, www.bund-naturschutz.de Redaktion: Manfred Gößwald (verantwortlich), Tel. 09 41 -2 97 20-22, Fax -31, nu@bund-naturschutz.de Gestaltung: Gorbach GmbH, Utting (Layout: Waltraud Hofbauer) Titelbild: Anton Radl: Donaudurchbruch bei Weltenburg. Um 1830/40. Regensburg, Museen der Stadt. (Foto: Jochen Remmer, Artothek) Druck: Sellier Druck, Freising Auflage: 5000 Bezug: BN Service GmbH, Tel. 0 91 239 99 57-0, www.service.bund-naturschutz.de BN-Spendenkonto: Bank für Sozialwirtschaft, Konto 8 844 000, BLZ 700 205 00 »Natur+Umwelt« wird auf 100 % Recyclingpapier gedruckt.

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Foto: Gross

BN-Tipps


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BN-Gewässerschutz vor Ort

Schnecken, Quellen, Feriengäste Foto: BN-Ortsgruppe Erkheim/Günztal

Was haben Quellwasser und Rote Listen gemein? Ein guter Tropfen und Feuchtwiesen? Muschel und Bauhof, Straußfarn und Hochwasserschutz? Sie umreißen die Bandbreite, mit der sich der Bund Naturschutz in ganz Bayern um die Gewässer kümmert. Von Tino Schlagintweit

Wasserland Foto: BN-Kreisgruppe Erding

Erkheim

Erding

Genau hingeschaut Beginnen sollte Gewässerschutz ganz oben: an der Quelle. Ökologische Kleinode sind besonders die artesischen Quellen. Bei ihnen quillt gespanntes Wasser aus der Tiefe. Zoologen finden dort sehr seltene, weil hoch spezialisierte Tierarten, vor allem in der Gruppe der Mollusken, also Weichtiere. Der Grund: Nährstoffarmut und extrem konstante Wassertemperatur. Ein interessantes Beispiel sind die Schwillach-Quellen im ausgedehnten, aber weitgehend trockengelegten Quellniedermoor des Sempt-Schwillach-Tals bei Erding. Mit Geldern des Bayerischen Naturschutzfonds konnte die BN-Kreisgruppe Erding im vergangenen Jahr die Molluskenfauna der Schwillach-Quellen erstmals systematisch von renommierten Weichtierforschern untersuchen lassen. »Die Ergebnisse der Malakologen«, so Manfred Drobny, BN-Kreisgeschäftsführer, »haben unsere Erwartungen noch übertroffen.« Von den 71 Arten, die zumindest in den naturnahen Quellen zu finden waren, steht ein Drittel auf der Roten Liste. Akut vom Aussterben bedroht sind die Moor-Federkiemenschnecke und die Zweizähnige Laubschnecke. Viele Quellen mussten die Forscher aber auch wegen fehlender Ufersäume, Begradigungen und standortfremder Nutzungen als biologisch verarmt einstufen – doch das Potenzial für eine ökologische Aufwertung ist noch da, das konnte der Bund Naturschutz belegen. Deshalb kämpft er auch gegen die Gefährdung der Quellen durch die geplante Autobahn A 94.

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Natur + Umwelt BN-Magazin »Sonderausgabe Gewässer« [2-04]

Pflegen statt Baggern Für eine möglichst naturnahe Pflege und Entwicklung von Klein- und Kleinstgewässern wären an sich Wasserwirtschaftsamt und Gemeinde zuständig. Doch Gesetze, Kämmerei und landwirtschaftliche Praxis sind dreierlei. Notfalls springt da der Bund Naturschutz ein, wie in der Gemeinde Erkheim im Unterallgäu. Bauhof und Landwirte sind dort ein jahrzehntelang eingespieltes Team in der Gewässerunterhaltung: Baggern, Mähen und Entbuschen – wie es sich gerade aus den Drainage-Erfordernissen ergibt. Was darunter leidet, sind die ökologischen Funktionen. Von den 80 Kilometer Bächen und Gräben in der Erkheimer Waldund Auenlandschaft ist knapp ein Fünftel verrohrt, der Rest meist maschinenfreundlich und lebensfeindlich gepflegt. Bachmuscheln, Ufergehölze und Rörichte haben auf Dauer keine Chance. Deshalb hat die BN-Ortsgruppe Erkheim alle Bäche und Gräben auf eigene Faust inspiziert, kartiert und die Ergebnisse und Vorschläge in einem Gewässerpflegeplan festgehalten. Das Ergebnis überzeugt: Wasserwirtschaftsamt, Untere Naturschutzbehörde, Forstund Fischereiverwaltung, sogar das Landwirtschaftsamt bescheinigten dem Gewässerpflegeplan ProfiKaliber. Bleiben die Bauern. Viele sind dem Plan gegenüber aufgeschlossen, die meisten aber fürchten, Land für Pufferstreifen zu verlieren, und bezweifeln die Verlässlichkeit der Naturschutz- und Kulturlandschaftsprogramme, die ihnen den Mehraufwand vergüten würden. Joachim Stiba, BN-Ortsgruppenleiter, ist jedoch optimistisch: »Durch unsere Bestandsaufnahme haben wir erreicht, dass die Gemeinde jetzt Ernst macht mit ökologischer Gewässerpflege.« Zudem fließen entsprechende Landeszuschüsse erst, wenn sie einen konkreten Entwicklungsplan vorlegt. Dank der Vorarbeit des BN ist das nur noch ein kleiner Schritt. Und einer der Bachläufe, der Falchengraben, soll dank seiner Bachmuschel-Vorkommen FFH-Gebiet werden.


07.03.2008

18:01 Uhr

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Bayern Foto: BN-Kreisgruppe Bayreuth

Foto: BN-Ortsgruppe Scheinfeld

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Scheinfeld

Kunst der Vernetzung Das vielleicht umfassendste Gewässerprojekt des Bundes Naturschutz ist in der dünn besiedelten und kleinbäuerlichen Auenlandschaft des südlichen Steigerwalds in Scheinfeld zu besichtigen; auch wenn es der unscheinbare Name »Talauenprojekt« kaum vermuten lässt. Am Anfang stand der Unmut einiger BN-Aktivisten über das Verschwinden von Bekassine und Brachvogel, Uferschnepfe und Steinkauz. Hier wieder ein Bach begradigt, da eine Feuchtwiese entwässert, dort eine Überschwemmungsfläche bebaut. Der Charakter der Landschaft mit ihren Sumpfgebieten und Auwäldern, mit kulturlandschaftlich interessanten Hutewäldern und Streuobstwiesen war in den 80er Jahren ernsthaft bedroht – und zugleich seltene Arten wie Edelkrebs und Schwertlilie. Die Wende brachten erst die Hochwasser Anfang der 90er Jahre. Rudolf Kolerus, Leiter der BN-Ortsgruppe Scheinfeld gelang es, wichtige Behördenvertreter für das Talauen-Projekt des Bundes Naturschutz zu interessieren. Sein Anliegen war zunächst, Landwirtschaft, Naturschutz und Hochwasserschutz unter einen Hut zu bekommen. Was niemand ahnte: Das Projekt wurde zum Anstoß und Rückgrat für ein bayernweit vorbildhaftes Aktionsbündnis zur nachhaltigen Regionalentwicklung, für die Lokale Aktionsgruppe Südlicher Steigerwald. 150 Bürger und 25 Gruppen aus neun Gemeinden schlossen sich über alle verwaltungstechnischen Grenzen hinweg zusammen. Ob Beamte, Bauern oder Banker, Winzer oder Wirt, Künstler oder Gärtner – in zahlreichen Arbeitskreisen machten sie Landschafts- und Hochwasserschutz, sanften Tourismus und Wirtschaftsförderung zur gemeinsamen Sache. Dank des ausgereiften Talauenprojekts flossen bald Gelder des Landes und der EU: Investitionen in Höhe von 4,4 Millionen Euro wurden angestoßen. Die Rechnung geht auf. Kolerus freut sich: »Im Schwarzenberger Land hat neulich die siebte Weinund Brotzeitstube aufgemacht.« Aber auch die anderen Täler locken zunehmend Gäste, etwa mit ausgedehnten Reit-, Wander- und Radwegen, mit Wasser-, Naturund Erlebnisspielplätzen, Aussichtsturm oder von Künstlern gestalteten Erlebnispfaden. Und das Beste: Naturnahe Gewässerentwicklung, Retentionsräume oder Streuobstwiesen sind keine Streitthemen mehr, sondern Kapital.

Bayreuth

Schatten überm Rotmain-Tal Ein FFH-Anwärtergebiet, wie die BN-Aktiven in Erkheim, kann auch die Kreisgruppe Bayreuth mit dem Landschaftsschutzgebiet »Oberes Rotmaintal« vorweisen. Doch es steht zu befürchten, dass es nach der »Ehrung« zumindest zeitweilig geflutet wird. Einmal ging der Kelch bereits am Rotmaintal vorüber: Drei riesige Staubecken zur gezielten Verdünnung des verdreckten Flusses waren geplant. Nach langem Widerstand von Bürgerinitiativen und Bund Naturschutz verlief das Projekt im Sand. Kläranlagen hatten es überflüssig gemacht. Im Herbst 2003 geriet das urtümliche, eng geschnittene Waldtal erneut ins Visier der Stadtverwaltung. Diesmal als Regenrückhaltebecken, das die Stadt vor einem Jahrhunderthochwasser schützen könnte. Rückstau ist aber bereits bei Pegeln vorgesehen, die etwa alle zwei bis drei Jahre auftreten. Das Wasser stünde dann etwa zwei Meter hoch am Damm und würde das Tal 200 Meter weit überfluten. Mit natürlicher Flussdynamik hat das nichts zu tun: Die jetzigen Pflanzen- und Tiergemeinschaften würden stark beeinträchtigt. Der seltene Straußfarn, der ausgerechnet im Dammbereich wächst, oder die Bachmuschel hätten ausgespielt. Beim 100-jährigen Hochwasser würden sechs Millionen Kubikmeter das Tal sogar mehrere Kilometer weit überfluten. Veteranen der Bürgerinitiative und Aktivisten des BN waren sofort wieder zur Stelle: »Hände weg vom Rotmaintal« lautet ihr Motto heute – und sie tun alles, um für Alternativen zum Rückhaltebecken zu werben. Ihrer Einschätzung nach stehen Alternativstandorte und genügend Retentionsräume zur Verfügung. Erster Erfolg: Die Prüfung von Alternativen wird ins Raumordnungsverfahren aufgenommen. Doch Helmut Korn, Vorsitzender von der BN-Kreisgruppe Bayreuth warnt: »Noch ist alles offen. Es geht jetzt darum, die Reihen zu füllen und zu schließen.« Unerwartete Hilfe könnte von der Staatsregierung kommen. Sie kürzt die Gelder für technischen Hochwasserschutz. Der Damm könnte schlicht zu teuer werden.

[2-04] Natur + Umwelt BN-Magazin »Sonderausgabe Gewässer«

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Der Autor Tino Schlagintweit, 44, Biologe, arbeitet als freier Umweltund Wissenschaftsjournalist in München.


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