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Natur+Umwelt www.bund-naturschutz.de Heft 3-2017  99. Jahr  3. Quartal

Umwelt. Zukunft. Wählen.

Bundestagswahl 2017: Wo bleibt die Natur?


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Sind Ihre Freunde auch Freunde der Natur?

JANDA+ROSCHER, Die WerbeBotschafter

Foto: fotolia.de

Dann sprechen Sie sie doch einfach auf eine Mitgliedschaft an! Haben auch Sie Freunde und Bekannte, die dazu beitragen möchten, Bayern lebenswert zu erhalten? Die sich für die Pflanzen, Tiere, Lebensräume und Landschaften unserer Heimat stark machen möchten? Dann erzählen Sie Ihnen doch mal vom BUND Naturschutz und seinen Tätigkeiten und sprechen Sie sie auf eine Mitgliedschaft an. Denn je mehr Menschen uns unterstützen, desto mehr können wir für Bayerns Natur erreichen.

Nicht nur die Natur, auch Sie selbst haben einen Vorteil: Für jedes neue Mitglied sammeln Sie einen BN-Freundschaftspunkt, den Sie in attraktive Prämien eintauschen können. Nähere Infos bekommen Sie bei Ihrer Kreisgruppe oder im Internet. www.bund-naturschutz.de/ spenden-helfen/mitglieder-werben Vielen Dank für Ihr Engagement!

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Natur + Umwelt 3-2017

Inhalt BUND Naturschutz Bayern 4–7 Intern

8 Leserbriefe

9 Porträt

10 Bienenaktionsplan

11 Reise

Umwelt. Zukunft. Wählen. Bundestagswahl 2017: Wo bleibt die Natur?

12– 19 Titelthema

20 Pflanzenporträt Silberdistel

21 Fotoseite

22 Aktuell  Grünes Band Bayern gestärkt

23 Raus in die Natur  Wo einst Panzer rollten

24 Aktuell Stromtrassen

25 Aktuell  Petition zu AKW Gundremmingen gestartet

Umwelt.Zukunft.Wählen.

26/27 Naturschutz  Wiesenmeisterschaft

28 Natur in der Stadt  Eichhörnchen

29 Aktuell  Autonomes Fahren aus Sicht des Umwelt­ schutzes

Inhalt BUND

B1 Editorial und Inhalt

B2/B3 Magazin  Kurznachrichten

30/31 BN vor Ort aktiv Energiespardorf

B4/B5 Kommentar  Wählen gehen – wofür?

32/33 Ökospot

B6/B7 Natura 2000 Siegaue und Siegmündung

34– 41 Landesentwicklungsplan und mehr Regionales

42 Bildung

43 Service

B8/B9 Aktionen B 10–B17 Zur Zeit Wildkatze, ­Abgasskandal und mehr Aktuelles B18/19 Internationales B 20/B21 Junge Seite

Liebe Leser

Am 24. September sind wir alle dazu aufgerufen, einen neuen Bundestag zu wählen. In der ablaufenden Legislaturperiode wurde vieles versäumt. Damit die nächste Regierung die ­Weichen richtig stellt, haben wir unsere Hauptanliegen in fünf Kernforderungen gepackt. Seiten 12 – 19

B22 Persönlich  Isabel Reuter

Seit langem setzt sich der BUND Naturschutz dafür ein, dass Wirtschaftslobbyisten nicht zu viel Einfluss auf die Politik nehmen. Das ist auf den ersten Blick weit entfernt von klassischem Arten- und Biotopschutz. Aber wir erleben derzeit, welche Auswirkungen ein solcher Kuschelkurs von Industrie und Gesetzgeber haben kann. Zum Beispiel droht die Zulassung für das Ackergift Glyphosat erneut verlängert zu werden. Oder die Autoindustrie: Man darf gespannt sein, was da noch so alles ans Tageslicht kommt. Umso wichtiger ist es jetzt, dass Verbände und die breite Öffentlichkeit Druck auf die Politik machen, Gesetze im Interesse des Gemeinwohls zu verabschieden. Ihre Luise Frank, Redakteurin Natur+Umwelt

Risikoreaktor abschalten!

Block C des schwäbischen AKW Gundremmingen soll noch bis 2021 weiterlaufen – ein untragbares Risiko, denn der ­Meiler hat Mängel im Kühlsystem. Mit einer Petition an den bayerischen Landtag soll ein sofortiges Abschalten erreicht werden. Bitte machen Sie mit! Seite 25

Meisterhafte Wiesenpflege

Blühende, artenreiche Wiesen gibt es in unserer immer ­industrialisierteren Landwirtschaft immer weniger. Enga­ gierten Bauern, die solche Wiesen erhalten und pflegen, sagt der BN jedes Jahr bei der Wiesenmeisterschaft Danke. Seite 26/27

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Fotos: Toni Mader

Klare Botschaft Die Teilnehmer der Delegiertenversammlung 2017 des BUND Naturschutz forderten, die bayerischen Alpen vor Erschließungswahn zu schützen.

Delegiertenversammlung 2017

»Hände weg vom Alpenplan!«

programms und schützt seit 1972 definierte Ruhezonen in den Alpen vor Erschließung. »Eine ganze Reihe von Gemeinden wartet nur auf die­ sen verhängnisvollen Präzedenz­ fall«, so BN-Vorsitzender Hubert Weiger. Die über 200 Delegierten, die rund 225 000 Mitglieder vertre­ ten, stimmten dem Leitantrag zum Alpenschutz geschlossen zu. Darin heißt es: »Der BUND Naturschutz

fordert die Staatsregierung und die Abgeordneten im bayerischen Landtag auf, die Ruhezonen im bay­ erischen Alpenplan vollumfänglich zu erhalten und das aktuell laufende Änderungsverfahren des Landes­ entwicklungsprogramms umgehend zu beenden.« Der Alpenplan müsse als »Hüter der Erholungs- und ­Naturlandschaft unserer bayeri­ schen Alpen« erhalten werden. Zudem sollen Schutzgebiete in den Alpen gesichert und weiterentwi­ ckelt sowie der Klimaschutz voran­ getrieben werden. In einer Resolution zur Bundes­ tagswahl forderten die Delegierten des BUND Naturschutz die künftige Bundesregierung auf, die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens

Weiter Druck machen wird der BN auch in Sachen dritter National­ park in Bayern. Im Juli beschloss das bayerische Kabinett, Rhön und Donauauen in die engere Wahl zu nehmen. Die beiden Kandidaten werden derzeit weiter geprüft (Stand: Mitte Juli). Der Spessart und der Frankenwald sind damit für die Regierung leider erst einmal aus dem Rennen. Die nötige Konzeptund Aufklärungsarbeit für einen Waldnationalpark in der Rhön oder einen bundesweit ersten Flussauen­ nationalpark wird der BN trotzdem konstruktiv begleiten. Aus natur­ schutzfachlicher Sicht bleiben aber Steigerwald und Spessart die TopKandidaten für den dritten bayeri­ schen Nationalpark. Wir appellieren daher an Ministerpräsident Horst

Seehofer, den Weg zur Sicherung eines Weltnaturerbes »alte Buchen­ wälder« in Steigerwald und Spessart mit nutzungsfreien Großschutzge­ bieten weiterzugehen. Eine gute Entscheidung der Staatsregierung war es, das Grüne Band Bayern-Tschechien zu stärken. Im April hat das Umweltministe­ rium bekanntgegeben, dass der Grenzabschnitt in der Oberpfalz ge­ schützt werden soll. Der BN und der BUND engagieren sich schon seit dem Fall der Mauer dafür, dass der einstige Todesstreifen als Grünes Band erhalten und möglichst voll­ ständig unter Schutz gestellt wird. Unser Ziel: Das Grüne Band Deutschland soll Nationales Natur­ monument werden. Das Grüne Band Europa, 2002 ebenfalls vom

»Die Alpen als einzigartigen Lebensraum Europas bewahren« – unter diesem Motto stand die Delegiertenversammlung 2017 des BUND Naturschutz, die Anfang Mai in Miesbach stattfand. Weil der BN-Vorsitzende Hubert Weiger kurz davor 70. Geburtstag hatte, fand ein Empfang statt, bei dem Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf sowie viele Vertreter aus Politik, Verbänden und Gewerkschaften zu Gast waren.

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Liebe Mitglieder

er Schutz der bayerischen Alpen stand im Mittelpunkt der diesjährigen Delegiertenversamm­ lung, für die bewusst das bayerische Oberland als Standort ausgewählt wurde. Aus gegebenem Anlass: ­ Für eine geplante Skischaukel am Riedberger Horn im Allgäu soll der ­Alpenplan geändert werden. Der ­Alpenplan ist ein Bestandteil des bayerischen Landesentwicklungs­

Sie haben die Wahl

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ie wird die Zukunft Bayerns aussehen? Die geplanten ­Änderungen am Landesentwick­ lungsprogramm lassen nichts Gutes ahnen: ein bis zur Unkenntlichkeit zubetoniertes Gesamtgewerbe­ gebiet vom Main bis an den Alpen­ rand – das scheint die Zukunfts­ vision mancher verantwortlicher Politiker zu sein. Wir werden uns dafür einsetzen, dass diese Vision nicht real wird, sondern ­wenigstens die noch vorhandene Schönheit un­ serer bayerischen Heimat erhalten bleibt. Werden auch Sie dafür aktiv: Kontaktieren Sie Ihre ört­lichen Landtagsabgeordneten, ­machen Sie Druck! Die Entscheidung im Land­ tag ist für Anfang 2018 geplant.

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Ehrung für langjähriges Engagement Bei der Verleihung der Bayerischen Naturschutzmedaille (vo. li.): Sonstige Einnahmen BN-Landesbeauftragter Richard Mergner, BN-Landesgeschäftsführer 69 000 Euro Peter Rottner (hinten), stv. Vorsitzender Sebastian Schönauer, Axel Doering, stv. Vorsitzende Doris Tropper, Bernd Louisoder, Manfred Einnahmen der Umweltbildungseinrichtungen 340 000 Euro Burger, Vorsitzender Hubert Weiger. Zuschüsse für Ankäufe, Artenschutz, Projekte 2 282 000 Euro

Gesamteinnahmen

Erbschaften Sonstige Einnahmen 269 129 000 Euro 000 Euro

(inkl. Rücklagenzuführung/-entnahme)

Spenden inkl.der Hausund Einnahmen Umweltbildungseinrichtungen Straßensammlung 340 000 Euro 1 608 000 Euro Zuschüsse für Ankäufe, Artenschutz, Projekte 2 282 000 Euro

(inkl. Rücklagenzuführung/-entnahme)

13,4 Mio. Euro

Spenden inkl. Haus- und Straßensammlung 1 608 000 Euro

Beiträge von Mitgliedern und Förderern 7 778 000 Euro

Investitionen, Baumaßnahmen 174 000 Euro Verwaltung, Miete und sonstige Ausgaben 1 419 000 Euro

Arten- und Biotopschutz 2 198 000 Euro

Verbandsorgane, Delegiertenversammlung, Naturschutzveranstaltungen 344 000 Euro Unterstützung der Jugendarbeit 303 000 Euro Investitionen, Baumaßnahmen 174 000 Euro Deutschlandweiter und internationaler Umweltschutz Verwaltung, Miete und sonstige Ausgaben 879 000 Euro 1 419 000 Euro

Ankauf ökologisch wertvoller Grundstücke 786 000 Euro

Gesamtausgaben 13,4 Mio. Euro

Information, Öffentlichkeitsarbeit, Verbandsorgane, DelegiertenversammPressearbeit, Internet, Mitgliederlung, Naturschutzveranstaltungen und 344Spendenwerbung 000 Euro 2 863 000 Euro Unterstützung der Jugendarbeit 303 000 Euro Mitgliederservice, »Natur+Umwelt« 887 000 Euro Deutschlandweiter und internationaler Umweltschutz 879 000 Euro

Gesamtausgaben 13,4 Mio. Euro

Natur- und Umweltschutz 745 000 Euro Arten- und Biotopschutz 2 198 000 Euro der Unterstützung Kreis- und Ortsgruppen 2 134 000 Euro Ankauf ökologisch wertvoller Grundstücke 786 000 Euro Bildungsarbeit 639 000 Euro Natur- und Umweltschutz 745 000 Euro Unterstützung der

Öffentlichkeitsarbeit, Informieren Sie sich über die Pro­ Kreis- und Ortsgruppen verliehen. Sie habenInformation, sich in ihren Pressearbeit, Internet, Mitgliederund Spendenwerbung gramme der Parteien, gehen Sie zur 2 134 000 Euro Revieren um naturgemäße Wald­ 2 863 000 Euro Wahl! Alle historischen Erfahrungen wirtschaft besonders verdient ge­ Mitgliederservice, zeigen, dass nur eine starke Demo­ Bildungsarbeit macht und zeigen, dass die fast »Natur+Umwelt« 887 000 Euro 639 000 Euro kratie, in der bürgerliche Mitbestim­ nicht mehr vorkommende Tanne mung möglich ist, unsere Umwelt bei niedrigen Rehwildbeständen effektiv schützen kann. ohne Zaun flächig aufwachsen kann. Diese erfreulichen Beispiele zei­ gen, dass es immer eine Wahl gibt – und zum Glück auch immer wieder Menschen, die sich für den Schutz von Natur und Umwelt entscheiden. Auch Sie haben die Wahl, liebe ­Leserinnen und Leser. Am 24. Sep­ tember können Sie bei der Bundes­ tagswahl mitbestimmen, welchen Ihr Prof. Dr. Hubert Weiger, Vorsitzender des BN Stellenwert die Erhaltung unserer Ihre Doris Tropper, stv. Vorsitzende des BN natürlichen Lebensgrundlagen bei Ihr Sebastian Schönauer, stv. Vorsitzender des BN der nächsten Bundesregierung haben wird. Wir appellieren an Sie: Foto: Roggenthin

BN initiiert, soll Weltnatur- und -kulturerbe werden. Naturschutz und naturverträgli­ che Land- und Waldwirtschaft müs­ sen Partner sein. Dies ist möglich, wenn sich Naturschützer, Bauern und Förster für die gemeinsame ­Vision engagieren. Die Arbeit dieser Förster, Waldbesitzer und Bauernfa­ milien zu würdigen, ist eine schöne Tradition beim BUND Naturschutz. So findet seit neun Jahren die ge­ meinsam mit der Landesanstalt für Landwirtschaft durchgeführte Wie­ senmeisterschaft statt. Hier werden Bäuerinnen und Bauern ausge­ zeichnet, die besonders artenreiche Wiesen erhalten und pflegen. Im Juni hat der BN zudem die KarlGayer-Medaille an zwei Förster aus dem Landkreis Landsberg am Lech

Beiträge von Mitgliedern und Förderern 7 778 000 Euro

Gesamteinnahmen

Erbschaften 2 129 000 Euro

konsequent umzusetzen und Maßnahmen für einen gerechten Welthandel zu ergreifen, statt neo­ liberale Handelspolitik zu betreiben. Abgerundet wurde die Delegiertenversammlung durch einen Vortrag von Sven Giegold, grüner Ab­ geordneter im Europa-Parlament. Er diskutierte mit den Delegierten über die Chancen, Europa sozialer, ökologischer und demokratischer zu machen. Drei BN-Mitglieder aus dem Regierungsbezirk Oberbayern, die sich seit vielen Jahren in ihren Kreisgruppen engagieren, wurden im Rahmen der Delegiertenversammlung mit der Bayerischen Na­ turschutzmedaille ausgezeichnet: Manfred Burger, seit 1994 Vorsitzender der Kreisgruppe Miesbach, Axel Doering, seit 2005 Vorsitzender der Kreisgrup­ pe Garmisch-Partenkirchen, engagiert gegen olym­ pische Winterspiele in Oberbayern, und Bernd Louisoder, 1996 – 2002 Vorsitzender der Kreisgrup­ pe München und Begründer der Gergor-LouisoderStiftung. (lf )

13,4 Mio. Euro

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Erfolge des BN im Überblick

Foto: BN

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Karl-Gayer-Medaille verliehen

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m Rahmen eines Festakts wurden mit ­Stefan Bauernfeind und Alwin Rammo zwei Revierförster aus dem Landkreis Landsberg am Lech mit der Karl-Gayer-­ Medaille ausgezeichnet. Diese verleiht der BN seit 1977 an Personen mit großen Ver­ diensten um den Wald. Die Geehrten leiten schon seit 47 bzw. 40 Jahren ihr Revier und haben sich dabei konsequent der Reduzie­ rung des Rehwildbestandes verschrieben –

trotz massiver Kritik seitens der Jäger. Das Ergebnis spricht für sich: Bei einer Bege­ hung im Rahmen der Ehrung konnten sie gelungene Waldbilder mit reicher Tannen­ verjüngung vorweisen. Beeindruckt war auch BN-Vorsitzender Hubert Weiger: Wenn heute immer mehr Waldbesitzer und Förster Änderungen bei Jagd und Natur­ verjüngung anstrebten, dann sei dies eben solcher Positivbeispiele zu verdanken.

b Ziegenbeweidung in der Oberpfalz, der Schutz der ­Sandachse in Franken oder die Be­ wahrung von Bayerns Schönheit im ganzen Freistaat: Die wichtigsten und schönsten Erfolge des BUND Naturschutz gibt es kurz zusam­ mengefasst in der Broschüre »Erfol­ ge 2016«. Der handliche kleine Flyer eignet sich bestens zur Weitergabe an alle Interessierten, zum Beispiel am Infostand. Die Broschüre »Erfolge 2016« kann bei der BN Service GmbH be­ stellt werden, Tel. 0 91 23-9 99 57-20. → bund-naturschutz.de/erfolge

ERFOLGE

2016

In Bayern aktiv für Mensch und Natur

Trauer um Kurt Schmid

Foto: Rebekka Wierich

öllig unerwartet verstarb im Mai der BN-­ Regionalreferent Kurt Schmid im Alter von 63 Jahren. Kurt Schmid war Regionalreferent für Nieder- und Oberbayern des BUND Naturschutz in der Fach­ abteilung München. Der Diplom-Biolo­ ge war seit 1991 hauptamtlich im BN in der Kreisgruppen­ betreuung für Südbayern tätig. Er hat in dieser Zeit un­ zählige Eingriffsverfahren betreut, manche Land­ schaften und Biotope gerettet, die Kreisgruppen und den Arbeitskreis Gentechnik fachkundig und engagiert unterstützt und sich besondere Verdienste im Einsatz für ein gentechnikfreies Bayern erworben. Immer kämpfte er engagiert, mit Begeisterung und Überzeugung sowie auch mit viel Detailwissen für die Bewahrung der ­bayerischen Heimat. Der BUND Naturschutz hat mit Kurt Schmid einen absolut verlässlichen und ­liebenswerten Kollegen verloren. Wir werden ihn und seine Arbeit in würdiger Erinnerung be­ halten und auch in seinem Sinne fortführen.

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BN-Landesgeschäftsstelle seit 20 Jahren in Regensburg

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or 20 Jahren ist die BN-Landes­ geschäftsstelle (LGS) nach ­Regensburg umgezogen. Zuvor war München Verwaltungssitz gewesen. Der Weg zur Wahl des neuen Stand­ orts war lang: Hatte der Vorstand 1993 noch eine Raumsuche des wachsenden BN außerhalb Mün­ chens abgelehnt, war man schon ein Jahr später der Kosten wegen ge­ zwungen, sie auszudehnen. So kam die Nachricht, in Regensburg werde ein altes Großbürgerhaus frei, gera­ de recht. Ein Vorstandsvotum und

eines der Delegiertenversammlung später war klar: Das ist die richtige Wahl. Doch nun trat ein neues ­Problem auf – nur ein Mitarbeiter war zum Umzug bereit, die Stellen mussten neu besetzt werden. Stark gefordert waren etwa Mitglieder­ verwaltung und Buchhaltung, die mit neuer EDV und kaum Anleitung starteten. Nichtsdestotrotz wurde der Umzug zum Erfolg. Mittlerweile arbeiten in der LGS 37 Personen in sechs Referaten, die tagtäglich ihren Beitrag zum Erfolg des BN leisten. Foto: Luise Frank

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Foto: Jörg Farys

Fotos: Toni Mader

BN-Vorsitzender Hubert Weiger wurde 70

Glückwünsche für einen Pionier Z

um 70. Geburtstag des BUNDund BN-Vorsitzenden am 21. April hatten zahlreiche Medien ­berichtet. Viele Wegbegleiter und Prominente gratulierten und würdigten Hubert Weigers Leistungen als herausragende Persönlichkeit der Natur- und Umwelt­ schutzbewegung in Deutschland, die im In- und Ausland hohe Anerken­ nung und Wertschätzung erfährt. Bay­ erns ­Minister­präsident Horst Seehofer schrieb: »Sie gehören zu den Pionieren des Naturschutzes in Deutschland und haben Ihr Leben dem ­Erhalt unserer natür­lichen Lebensgrund­lagen gewid­ met. Unermüdlich, streitbar und kenntnisreich ­setzen Sie sich seit Jahr­ zehnten für die Natur ein.« Bei einem Geburtstagsempfang in Berlin gratulierten ­Abgeordnete aller Fraktionen und hochkarä­tige Ver­treter aus dem Kanzleramt, den Ministerien, den Parteien und Ämtern sowie Mit­ streiter des BUND und befreundeter Verbände. »Sie sind einer der wichtigs­ ten Umweltstrategen unseres Landes«, hob Bundesumwelt­ministerin Barbara

Hendricks (Bild rechts unten) in ihrer Laudatio hervor. Natürlich wurde auch in Bayern ­ge­feiert: Im Rahmen des Natuschutz­ tages hatte der BN zu einem Geburts­ tagsempfang geladen. Gekommen waren Bayerns Umwelt­ministerin ­Ulrike Scharf sowie ­Vertreter aller Landtags­ fraktionen (unten links): F ­ lorian von Brunn (SPD), Benno Z ­ ierer (Freie Wäh­ ler) und Christian Magerl (Grüne). In einem von der B ­ R-Journalistin Eva Lell moderierten Polit-Talk würdigten sie die Verdienste des BN-Vorsitzenden. Ge­ kommen waren auch Umweltminister a. D. O ­ ttmar Bernhard (CSU) und zahl­ reiche leitende Beamte des Umweltund Landwirtschafts­ministeriums und von bayerischen Fachbehörden. Ulrike Scharf (oben Mitte) überbrachte die Glückwünsche der Staatsregierung und stellte fest: »Bayern würde heute anders aus­sehen, wenn es den BN nicht gäbe!« Weigers Stellvertreterin Doris ­Tropper würdigte in ihrer Laudatio auch Hubert Weiger als programma­ tischen Vordenker des Verbandes und

als Naturschützer mit Herz genauso wie als Kämpfer für Mensch und Natur. Seine Fähigkeit, fachlich zu überzeu­ gen, kreativ zu gestalten, Menschen zu motivieren und Gruppen zusammen­ zuführen habe den Verband erst zu dem gemacht, was er heute sei. Damit traf sie bei den Delegierten ins Schwar­ ze – mit Standing Ovations feierten sie ihren Vorsitzenden. Stellvertretend für die BN-Mitglieder überreichte Tropper einen Stich von Maria Sibylla Merian sowie die Skulptur einer Wildkatze, ange­fertigt vom Künstler Gerwin Kel­ lermann aus Wildflecken (rechts oben). Im Namen der Belegschaft, die in Wei­ gers BN-Zeit von 20 auf rund 200 Mit­ arbeiter beim Landesverband und den 76 Kreisgruppen angewachsen ist, übergaben Ulli Sacher-Ley und Clau­ dia Ciecior ein selbstgestaltetes Buch mit Fotos und Glück­wünschen der ­Angestellten des BN (links oben). Glückwünsche und Laudationes auf Hubert Weiger finden Sie unter:

→ www.bund-naturschutz.de/hubertweiger-70

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Wir freuen uns auf Ihre Meinung: BN-Magazin »Natur+Umwelt«, Dr.-JohannMaier-Str. 4, 93049 Regensburg, oder an nu@bundnaturschutz.de Leserbriefe können gekürzt werden. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Trauer um Alfred Faul

Ende März ist Alfred Faul im Alter von 87 Jahren verstorben. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass mit der »Strobl-Grube« ein einzigartiges Biotop gerettet werden konnte. Alfred Faul war eng befreundet mit Walter Weichlein, dem 2007 verstorbenen ehemaligen Vorsitzenden der Ortsgruppe Oberasbach. So erfuhr er von der Möglichkeit, die ehemalige Tongrube zu kaufen. Er gab diese Information an eine Kundin weiter, für die er als Steuerberater tätig war und die ihr Erspartes zum Wohle der Natur einsetzen wollte. Mit der finanziellen Unterstützung dieser Dame konnte die Ortsgruppe Veitsbronn die »Strobl-Grube« erwerben und in einem zehnjährigen Rechtsstreit die U ­ mbauung mit einem Gewerbegebiet verhindern. Der BUND Naturschutz wird A ­ lbert Faul ein ehrendes Andenken bewahren.

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Um zu erfahren, dass »Nationale Biodiversitätsstrategie«, kurz NBS, die politische Strategie zur gesam­ ten biologischen Vielfalt des Lebens bedeutet, musste ich nachschlagen. Außerdem habe ich in meinen 73 Lebensjahren und abgeschlosse­ nem Studium »Hutewald« noch nie gehört. Eine Bildungslücke? Hätte Frau Nicola Uhde nicht schreiben können: »… Hutewäldern (als Weide

genutzte Wälder)«. Wann lernen die »Gescheiten« endlich, so zu schrei­ ben, dass jeder sie verstehen kann? Hans-Joachim Feiner, BN-Orts­ gruppe Stephanskirchen-Riedering

Energie sparen Zur N+U allgemein: Die Berichte von den vielen Initia­ tiven sind beispielhaft. Vielen Dank an Sie! Was mir genauso wichtig ­erscheint, ist Energie sparen in den Haushalten und unterwegs. Geht ohne Abitur und Kurse. Herrmann Angstl, Dachau Frankenschnellweg Zum Beitrag »Droht die LkwSchwemme?« in N+U 2/2017 Der BN hat aus gutem Grund gegen den Frankenschnellweg geklagt und einen wichtigen Erfolg erzielt. Das Projekt einer Stadtautobahn steht in krassem Widerspruch zu allen um­ weltpolitischen Forderungen: noch mehr Autoverkehr in der Stadt, kein Geld mehr für den Ausbau von ­Alternativen. Es ist daher mehr als erstaunlich, dass man nun versucht, mit der Stadt einen Vergleich auszuhan­ deln, um genau diesen Bau zu er­ möglichen. Eine Stärke des BUND Naturschutz ist doch gerade die Aufklärung über solche verfehlte Politik und die Bildung einer Öffent­ lichkeit, die dann Projekte zu Fall bringen kann. Dass man dafür auch mal »verteufelt« wird, sollte kein Hinderungsgrund, sondern An­ sporn sein, sich weiter für die drin­ gend notwendige Verkehrswende einzusetzen. Bernd Baudler, Nürnberg

Foto: Tom Konopka

Schreiben Sie uns!

Wildnis Zum Titelthema »Wildnis wagen« in N+U 2/2017 Das Schwerpunktthema »Wildnis wagen« halte ich für sehr wichtig. Von den Beiträgen der Redakteure bin ich begeistert. Wir Menschen haben es in relativ kurzer Zeit ge­ schafft, dass natürliche, also ohne menschlichen Einfluss ablaufende Prozesse in Wald und Flur zur ­Seltenheit geworden und viele Tierund Pflanzenarten bereits ausge­ storben oder gefährdet sind. Groß­ flächige Monokulturen, die ord­ nungsgemäß gedüngt und mit Gif­ ten gespritzt sind, prägen seit Jahr­ zehnten das Bild von vielen konven­ tionell bewirtschafteten Landschaf­ ten. Auch riesige bewaldete Flächen haben wir in der Vergangenheit mit unserem Brotbaum Fichte zu Monokulturen umgebaut. Die Natur hat bereits durch Stürme und Insek­ tenbefall gezeigt, wie sie mit solchen Kulturen umgeht. Ein natürliches Aussehen haben diese Wälder nicht mehr, wenn im Abstand von etwa

30 m Holzrückegassen von etwa 4 – 5 m Breite eingeschlagen sind. Unser Engagement für ein bisschen mehr Wildnis ist unbedingt notwen­ dig, um das ökologische Denken zu stärken und der Natur eine Chance zu geben. Denn Wildnis in National­ parken zeigt, dass ein Gleichgewicht in den Natur­abläufen letztlich eine Schutzfunktion für uns Menschen darstellt, ob beim Hochwasser­ schutz, Berghangschutz, Schutz vor Bodenaustrocknung, Erhalt der ­Bodenfruchtbarkeit oder bei der notwendigen Anpassung an die ­Klimaveränderungen. Wie schwierig die Akzeptanz von Wildnis selbst für natur­orientierte Menschen ist, bemerke ich häufig im Rahmen von Diskussionen. In Zeiten von Über­ produktion in der Landwirtschaft (Milch, Getreide, Fleisch) und Ex­ port unserer alten dicken Buchen und Eichen ins Ausland sollten alle zusammenstehen, die die ökologi­ sche Vernunft in den Vordergrund stellen. Nur gemeinsam sind wir stark genug, um großflächige Wild­ nisgebiete wirksam zu schützen und den nächsten Generationen noch Natur zu hinterlassen. Erich Helfrich, Volkach


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an kann lange bohren bei Otto Heimbucher – er wird sich nicht hinreißen lassen zu romantischen Liebesbekundungen an die Natur, die erklären könn­ ten, warum er sich seit fast 40 Jahren so für den Um­ weltschutz engagiert. »Ich bin Naturwissenschaftler«, sagt der promovierte Geologe. »Ich sehe das nüchtern: Artenschutz, Klimaschutz, Umweltschutz – das sind Notwendigkeiten.« Das klingt sehr trocken. Wer aber mit Otto Heimbucher durch die PegnitzAuen bei Laufamholz streift, ein Projektgebiet der Kreisgruppe Nürnberg, der erlebt den 65-Jährigen, wie er mit seinen Fingern zart über den Blütenteller einer Herkulesstaude fährt, ohne Angst vor der Wespe, die dort gerade sitzt und wohl wissend, dass er die Blätter dieser phototoxischen Pflanze nicht berühren darf. Der sieht, wie Heimbucher sich vorbeugt zum Mädesüß, um tief dessen Honiggeruch einzuatmen, und beob­ achtet, wie er zu den Kronen zweier uralter Eichen hin­ aufstaunt. Hier, in diesen Gesten, ist Passion für die Natur zu spüren und tiefe Verbundenheit mit ihr. Aber solche Empfindungen posaunt er halt nicht heraus. Im Gras neben ihm duckt sich bescheiden eine pinkfar­ bene Karthäusernelke. »Die is’ a weng schüchtern, so wie wir Franken halt auch«, erklärt Heimbucher ver­ schmitzt. Mit »Krötentragen« angefangen Diese Landschaft an der Pegnitz als Naturschutzgebiet auszuweisen, das ist derzeit eines der Ziele von Heim­ bucher und seiner Kreisgruppe. Alte Eichen und Lin­ den, umwuchert von Brennnesseln und Wiesenkerbel, wechseln sich ab mit Flachlandmähwiesen, auf denen sich Sandbienen, Sandlaufkäfer oder Sandgrasnelke wohlfühlen, aber auch Klappertopf, Knabenkraut und Orchideen. Unter knorrigen Obstbäumen leuchtet Jo­ hanniskraut. Auf einem Quellengebiet wächst Schilf, und in einer Schlossruine zum Fluss hin hausen die Fledermäuse. Rehe, Wildschweine, Schlangen, Eidech­ sen, Blindschleichen, Vögel wie Goldammer und Feld­ lerche leben hier. »Für die Artenvielfalt in der Stadt ist dieser Ort ungeheuer wichtig«, sagt Heimbucher. Ja, sogar die Gnus und Zebras im Nürnberger Zoo profi­ tieren, an sie wird die Mahd des mageren Grases ver­ füttert. Beigetreten ist Otto Heimbucher dem BN 1978. »Ich fing ganz klassisch an mit Krötentragen«, lacht er. Seit­ her war er entweder erster, zweiter oder Ehrenvorsit­ zender der Kreisgruppe, derzeit besetzt er wieder den Platz des ersten Vorsitzenden. In all den Jahren ist es ihm gelungen, viele Nürnberger für die Natur zu be­ geistern. Über 900 Baumpatenschaften gehen auf die Initiative der Kreisgruppe zurück. Dabei kümmern sich Menschen um »ihren« Baum oder gar mehrere Bäume oder Büsche, die so wichtig sind als Schattenspender und Luftverbesserer. Fünf Gemeinschaftsgärten in der Stadt hat der BN ins Leben gerufen, darunter den Heil­ kräutergarten am Hallertor, in dem Einheimische zu­ sammen mit Menschen mit Migrationserfahrung ar­ beiten.

Foto: Margarete Moulin

Umweltschutz als Notwenidgkeit Pragmatiker mit Herz für die Natur: Otto Heimbucher, Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Nürnberg

Otto Heimbucher

Der Konservative mit dem grünen Herz Pathos ist nicht sein Ding, eher Pragmatismus. Und so gehen Gemeinschaftsgärten und Baumpatenschaften in der Stadt, ein neues Naturschutzgebiet an der Pegnitz und ein Lkw-Verbot auf dem Frankenschnellweg auf das Konto von Otto Heimbucher und »seiner« Kreisgruppe Nürnberg.

Nicht alle im BN waren begeistert, als sich Heim­ bucher vor drei Jahren als Stadtrat für die CSU aufstel­ len ließ. Doch in der aktuellen, hitzigen Debatte um den Ausbau des Frankenschnellwegs lässt Heimbucher keine Zweifel aufkommen. Er vertritt klar die Forderun­ gen des BN: Tempolimit, ein Lkw-Verbot, mehr Lärmund Abgasschutz und mehr Geld für Radwege und die öffentlichen Transportmittel. »Wir wollen auf jeden Fall verhindern, dass der ampelfreie Ausbau noch mehr Verkehr anlockt und die Stadt nicht einfach mit einer halben Milliarde den Autoverkehr hofiert«, sagt Heim­ bucher. Er selbst nennt sich einen Konservativen. Mag sein, doch in seiner Brust schlägt ein grünes Herz. Margarete Moulin

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Bienenaktionsplan gestartet

Bienen schützen!

Bildquelle: clipdealer/Schneider

Was wäre ein Frühstück ohne Honig und Marmelade, ohne Obst, Nüsse und Mandeln im Müsli? Ohne Bienen wäre unser Tisch nicht nur morgens mager gedeckt. Mit einem Aktionsplan fordert der BUND den Schutz von Honigbienen, Wildbienen und anderen Bestäubern.

U

nsere Bienen sind in Gefahr! Vor allem dort, wo sich die heute übliche Agrarwüste ausgebreitet hat, berichten Imker von geschwächten Bienen und dem Verlust zahlloser Bienenvölker. Im letzten Winter gin­ gen ungewöhnlich viele Völker ein. Noch dramatischer ist die Situation der Wildbienen: Arten und Individuen verschwinden kontinuierlich, ein Prozess, der sich von Jahr zu Jahr fortsetzt. Bundesweit sind mittlerweile 197 Wildbienenarten gefährdet, 31 Arten sogar vom Aus­ sterben bedroht.

Die Autorin Corinna Hölzel ist die BUND-Expertin für Bienen und Pestizide.

Einfach unverzichtbar Für stabile Ökosysteme und die Landwirtschaft sind Honig- und Wildbienen immens wichtig. Zwei Drittel unserer Nahrungspflanzen sind auf ihre Bestäubung angewiesen. Der Wert dieser Leistung wird global auf bis zu 500 Milliarden Euro im Jahr geschätzt. Darüber hinaus sind Bienen unverzichtbar für viele Wildpflan­ zen – von denen viele weitere Tierarten abhängen. Warum sterben heute so viele Bienen? Vor allem wegen der industriellen Landwirtschaft. Der großflä­ chige und häufige Einsatz von Pestiziden dezimiert nicht nur die Arten, die der Bauer bekämpfen will. Auch wichtige Bestäuber verschwinden. Monokulturen führen dazu, dass die Bienen nach der Rapsblüte Hun­ ger leiden. Und wertvolle Lebensräume für Bienen – wie Streuobstwiesen, Hecken, Raine und Blühflächen – fallen der Flurbereinigung zum Opfer, werden über­ baut oder umgebrochen. Wir wollen den Negativtrend stoppen und die Bie­ nen besser schützen: indem wir bedrohte Lebensräu­ me erhalten und so auch unsere eigene Lebensgrund­ lage sichern. Der BN arbeitet dafür schon seit Langem

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Natur + Umwelt BN-Magazin [3-17]

mit Bayerns Imkern zusammen und fordert eine Neu­ orientierung der Landwirtschaftspolitik. Die Bundesregierung muss endlich zügig wirksame Maßnahmen zum Schutz der Bienen verabschieden. Der BUND hat gemeinsam mit der Aurelia-Stiftung Ende April einen nationalen Aktionsplan vorgestellt. Darin fordern wir die Bundesregierung auf, ▶ bienengefährdende Pestizide wie Glyphosat und alle Neonikotinoide zu verbieten; ▶ Lebensräume für Bienen und Wildbienen zu schüt­ zen, wiederherzustellen und in einem Biotopver­ bund neu zu schaffen; ▶ Landwirtschaft zu gestalten: Wir brauchen bienen­ freundliche Maßnahmen wie vielfältige Fruchtfolge, Mischkulturen und den Einsatz von Nützlingen; ▶ das Zulassungsverfahren für Pestizide zu reformie­ ren, damit z. B. auch chronische und Kombinations­ effekte berücksichtigt werden; ▶ mehr Bienenfachleute auf allen Ebenen zu etablie­ ren und den Be­stand von Bienen und anderen In­ sekten über lange Zeit zu erfassen. Corinna Hölzel

Machen Sie mit!

Der BUND hat eine Unterschriftenaktion zur Unterstützung des Bienenaktionsplans gestartet. Fordern auch Sie die Vorsitzenden der Parteien auf, Bienen endlich besser zu schützen und unseren Aktionsplan im nächsten Koalitionsvertrag zu verankern. Über 32 000 Menschen haben bereits mitgemacht. ▶ www.bund.net/bienenaktionsplan


Foto: Gino Troccoli

Wandern, durch­ atmen, staunen Die Felsenküste des Cilento bietet herrliche Ausblicke in die blaue Weite.

Süditalien abseits touristischer Pfade

Wandern zwischen Gipfeln und Meer, durch weite Wälder und kühle Schluchten, Baden im klaren Meer und kulinarische Genüsse wie Mozzarella, Oliven und Fischgerichte – das sind Ferien im Cilento.

Ein Stückchen Himmel auf Erden G

ino Troccoli erzählt gerne davon, wie sein Vater in dem 200-Häuser-Dorf Terradura als Erster einen Agriturismo aufmachte, um »Ferien auf dem Bauern­ hof« anzubieten. 1991 war das, da hatte der Süditaliener mit Ehefrau und elf Kindern Deutschland verlassen und war in seine Heimat zurückgekehrt. 33 Jahre lang hatte er als Gastarbeiter im Saarland gelebt. »Die Leute hier dachten damals, der Troccoli spinnt! In unser ver­ schlafenes Cilento kommen doch keine Touristen«, er­ innert sich der heute 48-jährige Sohn Gino vergnügt. Aber sie kamen – und zwar solche, die sich gerade durch die Ruhe angelockt fühlten. Und die begeistert waren von kleinen Dörfchen mit kopfsteingepflasterten Straßen, umgeben von Oliven- und Zitronenhainen. Eine Landschaft mit vielen Gesichtern, die auch wir auf dieser Reise entdecken werden. Der Cilento liegt in Kampanien, da, wo der ItalienStiefel vom Schaft in den Rist übergeht. Die Mischung aus dichten Wäldern, ursprünglichen Ortschaften und regionalen Traditionen haben ihm den Status des Nati­ onalparks, Biosphärenreservates und UNESCO-­Welt­ erbes eingetragen. Luchs, Wildkatze und Wolf haben hier ein Refugium, dazu Orchideenarten und eine fel­ senliebende Primel, die Primula palinuro. Am Meer wechseln sich Steilküste und Sandstrände ab, dahinter lockt türkisblaues Wasser. Noch am Anreisetag können wir eine Runde schwimmen, denn eine Bucht liegt in Laufnähe unseres Hotels in Marina di Camerota. Unterwegs auf alten Pilgerpfaden Wir erwandern das Hinterland, auf Pilgerpfaden stei­ gen wir hinauf zum Heiligen Berg, dem Monte Sacro, kommen durch Macchia sowie Haine aus alten Bu­

chen, Esskastanien- und Nussbäumen. Wir lauschen dem Klang einer alten Pilgerglocke, die in einer Fels­ höhle hängt. Steil geht es hinauf auf den höchsten Berg des Cilento, den Cervati. Der Lohn: Von 1899 Metern schweift der Blick über das auf- und abschwellende Grün des Nationalparks und das Tyrrhenische Meer. Einen wahren Canyon hat der Bussento-Fluss gegra­ ben. Bei Caselli in Pittari verschwindet er unter der Erde zu einer geheimnisvollen, sieben Kilometer lan­ gen Reise. Wir folgen ihm oberirdisch, bis er in der Teu­ felsschlucht unterhalb des mittelalterlichen Städtchens Morigerati wieder hervorschießt. In dieser vom WWF geschützten Zone hat auch der Fischotter sein Reich. Wir begegnen auf unseren Touren Hirten und Bauern, kosten manchmal Käse, Wein oder Oliven. Am Ende unserer Tour durch die Calore-Schlucht wartet auf uns Ginos Freund Antonio in seiner Trattoria. In der Küche brodelt schon seine handgemachte Pasta. Zur Krönung der Reise betreten wir einen Ort, des­ sen Anblick bereits Johann W­olfgang von Goethe auf seiner Italienischen Reise ergriff: die Tempelanlage von Paestum, heute ebenfalls UNESCO-Weltkulturerbe. Drei gut erhaltene dorische Tempel aus dem 5. Jahr­ hundert vor Christus zeugen davon, dass der Cilento einst zum griechischen Kulturkreis, der Magna Graecia, gehörte. Die Ruinen mittelalterlicher Wachtürme und Burgen hingegen sind stumme Reste einer Epoche, in der Normannen und Anjou-Herzöge die Region für sich beanspruchten. Mit den Bildern des Südens im Kopf und etwas Muskelkater in den Beinen steigen wir in den Zug, der uns über die Alpen nach Hause trägt. Lucia Vogel

[3-17] Natur + Umwelt BN-Magazin 

11

Reisetermin 29. September – 8. Oktober 2017 Infos zu Reisepreis und Anmeldung bei BUND-Reisen, ReiseCenter am Stresemannplatz Stresemannplatz 10 90489 Nürnberg Tel. 09 11- 5 88 88-20 Fax 09 11- 5 88 88 22 www.bund-reisen.de


Wir haben die Wahl Am 24. September wird der neue Bundestag gewählt – besser: sind wir alle dazu aufge­ rufen, den neuen Bundestag zu wählen. Seine Zusammensetzung und die neue Bundesregierung werden für die kommenden vier Jahre einen wichtigen Teil unseres Lebens, die ­Politik und die Gesetzgebung prägen. Damit die nächste Regierung die Weichen richtig stellt, hat der BUND seine Hauptanliegen in fünf Kernforderungen gepackt. Wir stellen sie Ihnen auf den folgenden Seiten vor.

Grafiken S. 12 – 17: Erik Tuckow, sichtagitation.de

Nun wollen wir das Bild nicht schwärzer malen, als es schon ist. Doch lag es nahe, zur Begründung unserer Forderungen vor allem die Versäumnisse der vergangenen vier Jahre zu b ­ etonen. Was schon deswegen legitim ist, weil das Versäumte deutlich schwerer wiegt als die vereinzelten Fortschritte, die es in ­dieser Regierungsperiode für Natur, Umwelt und Gesundheit gegeben hat. Mehr über die anstehende Wahl, eine Kritik der Wahlprogramme der Parteien sowie ­Hintergrundpapiere zu unseren Kernforder­ ungen können Sie im Netz nachlesen – unter → www.bund.net/bundestagswahl


Mehr Schutz vor riskanten Stoffen und Technologien

M

orgens bringen wir mit dem Duschgel eine erste Portion hormoneller Schadstoffe auf die Haut. Beim Frühstück kann dann das Pestizid Glyphosat hin­ zukommen. Im Lauf des Tages kommen wir in Kontakt mit zig weiteren bedenklichen Chemikalien in Lebens­ mitteln und Alltagsprodukten. Bei uns allen lassen sich Schadstoffe im Körper nachweisen – mit schwerwie­ genden Folgen für die Fruchtbarkeit und die Gehirn­ entwicklung. Völlig unklar ist, wie sich winzige ­Nano­partikel auswirken (unter anderem. aus Lebensmitteln und Kosmetika). Auch die Funkstrahlung unserer mo­ bilen Kommunikation kann uns schädigen. Und nicht nur wir Menschen, auch die Natur leidet. So ist der großflächige Einsatz von Pestiziden ein Hauptgrund für den dramatischen Artenschwund. Der Gesetzgeber lässt die steigende Belastung mit Chemikalien und Funkstrahlen zu. Das EU-Vorsorge­ prinzip wird an vielen Stellen ausgehebelt. Vorsorge verbessern Um Mensch und Natur vor gefährlichen Chemikalien und Funkstrahlen zu schützen, muss die neue Bundes­ regierung rasch ◼ sich für eine strikte, am Vorsorgeprinzip orientierte Regulierung von hormonellen Schadstoffen in der EU einsetzen und die Ausweitung des französischen

Verbotes von Bisphenol A in Lebensmittelverpackun­ gen auf die gesamte EU unterstützen. ◼ nach dem Vorbild von Frankreich und Belgien eine nationale Registrierungspflicht für Nanomaterialien und ein öffentliches Nanoproduktregister einführen. ◼ im Bereich der mobilen Kommunikation die Nut­ zung optimierter Übertragungstechniken fördern, um die Strahlenbelastung deutlich zu senken und eine emissionsärmere Kommunikation zu ermögli­ chen. ◼ besonders gefährliche Pestizide wie Glyphosat und Neonikotinoide verbieten und einen längst überfäl­ ligen nationalen Bienenaktionsplan verabschieden. ◼ Im weiteren Verlauf der Legislaturperiode sollte die Bundesregierung unter anderem dafür aktiv wer­ den, dass das EU-Zulassungsverfahren für Pestizide gründlich reformiert wird. Bislang sind es nämlich die Hersteller der Pestizide, die Studien zu den Um­ welt- und Gesundheitsfolgen ihrer Pestizide erstel­ len und geheim halten dürfen. Der BUND fordert, dass diese Studien künftig öffentlich zugänglich und von unabhängigen Wissenschaftlern verfasst wer­ den, finanziert von einem Fonds, der nicht von der Industrie verwaltet wird. Gespeist werden soll dieser Fonds aus den Gebühren der antragstellenden Fir­ men.

Hormonelle Schadstoffe Über tausend Stoffe gelten derzeit als hormonell wirksam. Am stärksten belasten uns – einzeln oder gemeinsam als Cocktail:

l ... l, abe tike nge, K r a t EL rhä por ITT g, S schvo M H u Z e T UT P H ikspielz nge, Du CH ri st M S n ... Pla wimm M L A erialie Sch EF t ... ter E R T , Bauma I häl e M e t ffb s to B ROtrogerä nst k , Ku Ele n e ung ack A ttelverp L i O E N ebensm PH B I S erven, L en N s ung LI E Kon K A verpack I M ood HE f E C g, Fast T R n E u I d i OR rkle F L U td o o P E R nen, Ou n Pfa

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RISIKOGRUPPEN

Föten im Mutterleib, Kinder, Pubertierende und Schwangere

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[3-17] Natur + Umwelt BN-Magazin 

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Klimaziel in weiter Ferne Deutschlands Emissionen sind in den letzten Jahren nicht mehr gesunken, vor allem weil Kohlekraftwerke ungebremst weiterlaufen.

65

Mio. t

750

Klimaschutzlücke

Mio. t Klimaziel -40 %

906 Mio. t Emissionen

Klimaschutzlücke schließen Um das Klimaziel für 2020 (– 40 % ggü. 1990) noch zu erreichen, müssen zusätzlich Kohlekraftwerke mit Emissionen von 65 Mio. t CO2 stillgelegt werden. Das entspricht der Abschaltung der ältesten und schmutzigsten 22 Braunkohleblöcke.

815 Mio. t

prognostizierte Emissionen

2016

2020

Mehr Klimaschutz und eine andere Energiepolitik

D

eutschland steht beim Klimaschutz skandalös schlecht da und wird sein Klimaziel für 2020 (minus 40 Prozent Treibhausgase zu 1990) sicher verfehlen. Seit 2009 sinken die deutschen CO2-Emissionen nicht mehr – weil unser Strom noch zu rund 40 Prozent aus Braun- und Steinkohle stammt und der CO2-Ausstoß des Verkehrs seit Jahren steigt. Immerhin kommt die Energiewende ganz gut voran, zumindest beim Strom. Doch der Ausbau der Solarenergie ist eingebrochen, und der Windkraft stehen schwierigere Jahre bevor – dafür hat der Gesetzgeber gesorgt. Die Regierung hat es auch versäumt, mit ehrgeizigen Maßnahmen mehr Energie zu sparen. Und trotz des beschlossenen Atomausstiegs sind bundesweit noch acht AKW am Netz, teilweise bis 2022 – obwohl unge­ klärt ist, wo der Atommüll sicher gelagert werden kann. Schließlich trieb Verkehrsminister Dobrindt das Wachstum der umweltschädlichsten Verkehrsträger Luftverkehr und Straßengüterverkehr massiv voran. Und weigerte sich, den Abgasskandal aufzuklären. Umwelt entlasten Von der nächsten Regierung erwarten wir, dass sie ◼ ihre Klimaziele in Einklang mit dem Pariser Abkom­ men bringt und mit Reduktionsvorgaben für die ­einzelnen Sektoren in einem Klimaschutzgesetz ver­ ankert.

14 

Natur + Umwelt BN-Magazin [3-17]

◼ den Kohleausstieg für 2018 beschließt und sozial ver­

träglich vor 2030 umsetzt. ◼ die Erneuerbaren Energien deutlich schneller natur­

verträglich ausbaut und die Bürgerenergie erhält. ◼ eine verbindliche Strategie für das Energiesparen

beschließt und entsprechende Sparprogramme aus­ reichend finanziert. ◼ Baugesetzbuch, Energieeinsparrecht und Mietrecht reformiert, um die energetische Sanierung zu för­ dern. ◼ spätestens 2018 alle noch laufenden Atomkraftwerke vom Netz nimmt und den Atomausstieg durch eine Regelung im Grundgesetz absichert. ◼ das Konzept der Atommüll-Zwischenlager über­ prüft. ◼ die Subventionen für Dieselkraftstoff abschafft – über sieben Milliarden Euro pro Jahr. ◼ eine strecken- und entfernungsabhängige PkwMaut und eine globale Klimaabgabe für den Luftund internationalen Schiffsverkehr einführt. ◼ effiziente und saubere Pkw durchsetzt und den Ver­ kauf von Neuwagen verbietet, die die Emissions­ grenzwerte auf der Straße nicht einhalten. ◼ den Bundesverkehrswegeplan zu einer nachhalti­ gen Infrastrukturplanung fortentwickelt und eine Investitionsoffensive für den Rad- und Fußverkehr startet.


Für eine tier- und umweltgerechte Landwirtschaft

Ü

berdüngung, pestizidverseuchte Äcker, kranke Tiere oder Antibiotikaresistenzen: Die in Deutsch­ land dominierende Form der intensiven Landwirt­ schaft richtet in der Natur, bei den Nutztieren und auch bei uns Menschen riesige Schäden an. Die EU hat Deutschland bereits verklagt, da es unter anderem Grundwasser und Gewässer zu schlecht vor schädli­ chen Einträgen aus der Landwirtschaft schützt. Nur sieben Prozent unserer Agrarfläche werden bis­ lang ökologisch bewirtschaftet, der jährliche Zuwachs ist minimal. Und das trotz der stetig steigenden Nach­ frage nach Biolebensmitteln und trotz vollmundiger Versprechen der Politik, den Anteil des Ökolandbaus auf 20 Prozent zu steigern. Agrarminister Schmidt hat viel zu wenig getan, um die Missstände in der Landwirtschaft zu beheben. Statt die Agrarförderung der EU für Tierwohl, Ökolandbau und bäuerliche Betriebe zu verwenden, verfolgte er die Interessen von Bauernverband und Foodkonzernen. Tierwohl und Verbraucherschutz Die neue Bundesregierung hat einiges nachzuholen. Insbesondere muss sie ◼ die Nutztierhaltung gründlich umbauen, hin zu tier­ gerechten Verfahren wie der Weide- und Öko-Tier­ haltung und dem Neuland-Standard. Die Ställe haben den Bedürfnissen der Tiere zu entsprechen, nicht umgekehrt.

◼ die für uns lebensnotwendigen Reserveantibiotika

in der Tierhaltung verbieten. Hühnerschnäbel und Ferkelschwänze dürfen nicht länger beschnitten werden. ◼ ein verbindliches staatliches Tierwohl-Label für alle tierischen Lebensmittel einführen. ◼ dafür sorgen, dass Milch, Eier, Fleisch & Co. klar ge­ kennzeichnet werden, wenn bei ihrer Herstellung Gentechnik im Futtertrog war – damit wir selbst ­entscheiden können, was in unserem Einkaufskorb­ ­landet. ◼ dafür sorgen, dass mit »neuen Gentechniken« (zur Genmanipulation) erzeugte Pflanzen und Tiere ein Zulassungsverfahren und eine umfassende Risiko­ prüfung durchlaufen. Sie müssen gekennzeichnet sein, da­mit sie zurückverfolgt und notfalls aus der Umwelt und Lebensmittelkette entfernt werden können. Bei der Freisetzung und beim Anbau müs­ sen mit »neuen Gentechniken« erzeugte Pflanzen im öffentlichen Standortregister erfasst werden. ◼ sich dafür einsetzen, dass die Reform der EU-Agrar­ politik die Probleme löst, die durch falsch gestellte Weichen verschuldet wurden. EU-Geld darf es nur noch für konkrete öffentliche Leistungen in Berei­ chen wie Um­welt-, Klima- und Tierschutz geben.

Ökologischer Landbau Wächst sein Flächenanteil so langsam wie bisher, wird das Ziel »20 % Ökolandbau« erst 2062 erreicht sein. 20 % Ökologischer Landbau in Deutschland 2062

7% Ökologischer Landbau in Deutschland 2017

Vom BUND gefordert

20 %

1970

2017

2030

Ziel voraussichtlich erreicht 20 %

2062

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Natürliche Lebensräume bewahren

E

◼ ökologische Mindeststandards für die Waldwirt­

in gurgelnder Bach, ein duftender Waldboden, ein Vogelkonzert: Die Natur schenkt uns Genuss, Ent­ spannung und Freude – und sie ist unsere Lebens­ grundlage. Trotzdem wird ihr auch in Deutschland enorm zugesetzt. Neue Autobahnen und Industrieflä­ chen zerschneiden und zerstören wertvolles Grün. Wäl­der, Meere und Moore werden ausgebeutet und verschmutzt. Monotone Maisfelder verdrängen die Ar­ tenvielfalt, Dünger aus der industriellen Tierhaltung verseucht Böden und Gewässer. Eigentlich hätten laut EU-Vorgabe alle Flüsse, Seen, Küstengewässer und das Grundwasser bis 2015 in gutem Zustand sein sollen – Deutschland verfehlt die­ ses Ziel deutlich. Dazu verschwinden stündlich über vier Fußballfelder Natur unter Beton. Nur in kaum zwei Prozent des deutschen Waldes wird kein Holz gewon­ nen, echte Wildnis gibt es nur auf 0,6 Prozent der Lan­ desfläche. Selbst in Nord- und Ostsee gilt bereits ein Drittel der Arten und Lebensräume als gefährdet.

schaft definiert und gesetzlich verankert und einen Waldnaturschutzfonds für Privatwaldbesitzer ein­ richtet. ◼ Naturwälder mit Nachdruck ausweitet – damit sich mittelfristig zehn Prozent der Waldfläche dauerhaft natürlich entwickeln können. ◼ einen Fonds zum Schutz und zur Ausweitung von Wildnisflächen einrichtet. ◼ ein sofortiges Maßnahmenprogramm zur Umset­ zung der Ziele der Wasserrahmenrichtlinie bis 2021 aufsetzt. ◼ die Nutzung in den Meeresschutzgebieten reguliert. ◼ den Flächenverbrauch bis 2020 auf maximal 30 Hek­ tar pro Tag reduziert und schließlich ganz stoppt. Dafür muss sie das Baugesetzbuch ändern. ◼ verbindliche europäische Regelungen zum Schutz des Bodens einführt und in Deutschland umsetzt. ◼ mit einem »Bedarfsplan für grüne Infrastruktur« Flä­ chen für den Biotopverbund sammelt und mit einem »Bundesnetzplan« ein neues Instrument schafft, um Lebensräume wieder stärker zu vernetzen. ◼ das Bundesprogramm »Blaues Band« mit jährlich 100 Millionen Euro finanziell absichert.

Naturschutz und Biotopverbund In den ersten 100 Tagen erwarten wir von der neuen Bundesregierung, dass sie ◼ den Verkauf öffentlicher Flächen stoppt und diese dauerhaft für den Biotopverbund rettet. ◼ die Lücken im Grünen Band – dem Biotopverbund an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze – schließt und dafür 30 Millionen Euro bis 2025 bereitstellt.

Wiesen und Weiden verschwinden Vor allem ökologisch wertvolle Kulturlandschaft geht rasch verloren – viele Arten sind auf dem Rückzug.

5,3 Mio. Hektar

4,7 Mio.

Einflussfaktoren

Die Vögel unserer Agrarlandschaft nehmen stark ab (1990 bis 2009)

Nitrat in der Gülle 13,2

31,1 %

1991

– 90 % Rebhuhn

28,2 %

Anteil Grünland vom gesamten Agrarland 2016

16 

1991

Natur + Umwelt BN-Magazin [3-17]

– 80 % Kiebitz

– 80 % Wiesenpieper

Verkehr

11,8

Ökologisch wertvolle Agrarflächen 2009

2013

2016


Umweltschädliche Subventionen

Land- und Forstwirtschaft, Fischerei

Jedes Jahr fördert die Bundesregierung Bau- und den Raubbau an Umwelt und Natur Wohnungswesen mit 57 Milliarden Euro.

Energiebereitstellung und -nutzung

20,3

Sonstige

5,8

Dienstwagenbegünstigung

Entfernungspauschale

3,1

2,3

5,1

57

Dieselprivileg

7,4

Milliarden

Begünstigung des Flugverkehrs

11,8 gefährdet die Gesundheit erschöpft die endlichen Ressourcen

A usw

ir ku n ge n

verschmutzt Wasser, Boden und Luft

beschleunigt die Klimakrise zerstört die biologische Vielfalt

Fair wirtschaften, Ressourcenverschwendung stoppen

D

ie natürlichen Ressourcen der Erde – wie intakte Wälder, sauberes Wasser, Boden und Luft – sind be­ grenzt. Sie sind für uns lebenswichtig, werden aber immer rascher ausgebeutet und zerstört. Der Grund: Das globale Wirtschafts-, Finanz- und Handelssystem ist in erster Linie auf Wachstum ausgerichtet. Und so geschieht der Raubbau auch in Deutschland mit staatlicher Förderung: Jedes Jahr fließen über 57 Milliarden Euro in umweltschädliche Subventionen – zugunsten von Kohlekraftwerken, von Flugverkehr und hochmotorisierten Dienstwagen oder einer nicht nach­ haltigen Landwirtschaft. Gleichzeitig versucht die Bundesregierung mit Ab­ kommen wie TTIP und CETA, die vor allem an Kon­ zerninteressen orientiert sind, bestehende Umwelt­ standards auszuhebeln. Sie verspricht sich davon, die deutsche Exportquote und das Wirtschaftswachstum noch weiter erhöhen zu können. Auch die 2016 überarbeitete Nachhaltigkeitsstrate­ gie offenbart, dass das Wirtschaftswachstum der Bun­ desregierung wichtiger ist als der Umweltschutz. Den Flächenverbrauch stoppen, Stickstoffüberschüsse re­ duzieren oder den Ökolandbau ausbauen? Diese zent­ ralen Ziele zum Schutz von Umwelt und Ressourcen sind hier nicht ausreichend formuliert.

Grenzen des Wachstums Angesichts von begrenzten natürlichen Ressourcen, von Klimawandel und Artensterben fordert der BUND die nächste Bundesregierung auf, ◼ alle Subventionen zu überprüfen und umgehend die zu streichen, die der Umwelt schaden – beginnend mit jenen für Dieselkraftstoff, Dienstwagen und Flugverkehr. ◼ das umfassende Wirtschafts- und Handelsabkom­ men CETA nicht zu ratifizieren und die Verhandlun­ gen zum Investitionsabkommen TTIP endgültig zu beenden. Stattdessen muss sie EU- und weltweit eine Handels- und Entwicklungspolitik fördern, die einer sozial und ökologisch nachhaltigen Entwick­ lung dient. ◼ ein Produktdesign gesetzlich vorzuschreiben, das Reparaturen und Recycling erleichtert. Die Repara­ tur von Geräten wird vereinfacht, wenn die Herstel­ ler auf bestimmte Zeit Ersatzteile für ihre Produkte liefern müssen. Durch eine reduzierte Mehrwert­ steuer sollen Reparaturbetriebe gefördert werden. ◼ nicht zuletzt ihre Nachhaltigkeitsziele für 2030 deut­ lich zu schärfen und mit verbindlichen Zwischen­ schritten und wirksamen Maßnahmen zu unterle­ gen. Als neuer politischer Leitgedanke müssen die Grenzen des Wachstums beachtet und unser Ener­ gie-, Flächen- und Ressourcenverbrauch absolut verringert werden.

[3-17] Natur + Umwelt BN-Magazin 

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FRAGE 1

FRAGE 2

Deutschland hat sich mit dem Klimavertrag von Paris zur Einhaltung von Klimazielen verpflichtet. Was werden Sie im nächsten Bundestag tun, damit diese Ziele erreicht werden?

Der BUND Naturschutz setzt sich für eine natur- und tier­ gerechte Landwirtschaft ein.

1. Joachim Herrmann, CSU

Als zentrales Klimaschutzpro­ jekt wird die Energiewende weiter umgesetzt. Dazu gehört ein vernünftiger Ausbau der Erneuer­ baren Energien, die Marktfähigkeit erreichen und fossile Energieträger schrittweise ersetzen sollen. Auch die Digitalisierung und eine ver­ stärkte Kopplung der Sektoren Wärme, Strom und Mobilität spie­ len dabei eine große Rolle. Eine umfassende Minderung der Treibhausgase im Verkehr er­ reichen wir durch die Effizienzstei­ gerung der Fahrzeuge, den Einsatz

1. Florian Pronold, SPD

Deutschland hat sich mit dem Klimaschutzplan 2050 ehr­ geizige Klimaschutzziele gesetzt. Damit wir diese auch erreichen, brauchen wir mehr Verbindlich­ keit. Daher wollen wir ein Klima­ schutzgesetz, das endlich auch ­verbindliche Einsparziele festlegt für die Sektoren, die sich bisher noch nicht durch große Einsparun­ gen hervorgetan haben, wie Ver­ kehr und Landwirtschaft.

Foto: Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

1. Claudia Roth, Die Grünen

Wir Grüne wollen, dass Deutschland seine Klima­ schutzziele einhält. Bis zum Jahr 2050 muss die Energieversorgung auch für Wärme, Mobilität und ­Industrie ausschließlich aus Erneu­ erbaren Energien erfolgen. Wir wollen dafür die Energiewende be­ schleunigen und die Deckelung für den Ausbau der Erneuerbaren ab­ schaffen. Dabei achten wir auf einen fairen Übergang. Wir führen einen nationalen Mindestpreis für Klimaverschmutzung ein. Die

Foto: Katja Julia Fischer

1. Klaus Ernst, Die Linke

Wir fordern ein Kohleaus­ stiegsgesetz, das den Neubau von Kohlekraftwerken und neue bzw. erweiterte Tagebaue verbietet sowie Restlaufzeiten für jeden Mei­ ler festschreibt. Spätestens im Jahr 2035 muss der letzte vom Netz. Mit dem schrittweisen Ausstieg ist so­ fort zu beginnen, der Strukturwan­ del ist sozial- und strukturpolitisch zu begleiten. Deutschland muss gleichzeitig die Erneuerbaren vorantreiben, insbesondere müssen die Öko­

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Natur + Umwelt BN-Magazin [3-17]

treib­hausgasneutraler Energie und klimaschonende Mobilitätskon­ zepte für Stadt und Land. Durch die von uns geplante ­Förderung der energetischen Ge­ bäudesanierung leisten wir einen wichtigen Beitrag dazu, dass künf­ tig mehr Energie und Treibhaus­ gase eingespart werden. Klimaschutz ist vor allem auch eine internationale Aufgabe. Des­ halb setzen wir auf EU-Ebene auf eine wirkungsvolle Stärkung des CO2-Emissionshandels. Eine besonders wichtige Rolle kommt der Energieeffizienz zu. ­Wir müssen vor allem im Gebäudebe­ reich schneller vorankommen. Hier darf man nicht nur die Energiebi­ lanz einzelner Gebäude in den Blick nehmen. Stattdessen brauchen wir Quartiersansätze und eine stärkere Betrachtung der CO2-Bilanz bei Bau- und Renovierungsarbeiten. So bekommen wir soziale und öko­ logische Ziele unter einen Hut. Stromsteuer schaffen wir ab und führen im Gegenzug eine aufkom­ mensneutrale CO2-Bepreisung ein. Wir steigen so aus der klima­ feindlichen Kohle aus, damit wir die Klimaschutzziele und das Ziel »100% Erneuerbare Energie im Strombereich bis 2030« erreichen. Die zwanzig schmutzigsten Kohle­ kraftwerksblöcke schalten wir so­ fort ab, damit Deutschland das ­Klimaschutzziel 2020 noch errei­ chen kann. strom-Ausbaudeckel fallen. Außer­ dem gilt es, sparsamer mit Energie umzugehen. Wir brauchen zudem eine Verkehrswende, nicht nur eine Antriebswende. Das heißt insge­ samt weniger Verkehr, dafür mehr und besseren öffentlichen – alles zunehmend auf E-Antrieb basie­ rend. Zudem ist ein sozial abge­ federter Start der energetischen Gebäudesanierung (einschließlich EE-Wärme) längst überfällig.

2.

Unser Ziel ist eine zukunftsfä­ hige Landwirtschaft, die Tier­ wohl umsetzt sowie nachhaltig und umweltverträglich wirtschaftet. Damit Verbraucher die Haltungs­ bedingungen bei Fleischprodukten besser erkennen können, werden wir ein freiwilliges staatliches Tier­ wohllabel einführen. Denn: Höhere Tier- und Umweltschutzstandards müssen durch höhere Erlöse hono­ riert werden. Zudem wollen wir die freiwilli­ gen Agrarumweltmaßnahmen noch attraktiver gestalten und wer­

2.

Wir müssen stärker auf Quali­ tät als auf Produktivität setzen. Um unsere Klimaschutzziele zu er­ reichen, muss eine regionale Pro­ duktvermarktung deutlich gestärkt werden, zum Beispiel durch ein Bundesprogramm Regionalver­ marktung. Boden- und Trinkwasserschutz ist Voraussetzung für eine lebens­ werte Heimat. Auch im Bereich der Landwirtschaft muss dieser höchs­

2.

Die Landwirtschaftspolitik muss grundsätzlich neu und ökologisch ausgerichtet werden. Die Nutzung von Moorböden und den Pestizideinsatz wollen wir ­beschränken, Glyphosat und Neonikotinoide verbieten. Die EU-­ Agrarpolitik wollen wir ökologischgerecht umgestalten, auch mit Blick auf die globalen Auswirkun­ gen unserer Subventionspolitik. Unter anderem wollen wir mit öf­ fentlichem Geld nur noch öffentli­ che Leistungen entlohnen und

2.

Wir wollen die agrarpolitische Strategie der Weltmarktorien­ tierung zu Gunsten einer regional orientierten Politik ändern. Regio­ nale Erzeugung und Vermarktung spart CO2, schafft regionale Wert­ schöpfung und sichert damit Arbeit und Einkommen. Gleichzeitig tre­ ten wir für kostendeckende Erzeu­ gerpreise ein. Die Gründung von Erzeugerorganisationen soll die Marktposition der Bäuerinnen und Bauern stärken.


FRAGE 3

den den Ökolandbau sowie die ­heimische Bioenergie weiter unter­ stützen. Die Direktzahlungen im Rahmen der Gemeinsamen Agrar­ politik werden wir ebenfalls bei­ behalten. Sie müssen jedoch ziel­ genauer auf landwirtschaftliche ­Betriebe in Familienverantwortung ausgerichtet werden und auch die flächengebundene Tierhaltung und regionale Wertschöpfung stär­ ken.

te Priorität genießen. Daher wer­ den wir den Einsatz von Pflanzen­ schutzmitteln und Dünger auf das unbedingt notwendige Maß redu­ zieren und das Bundesboden­ schutzgesetz novellieren. Weiterhin setzen wir uns für gentechnik­ freie Landwirtschaft und Lebens­ mittel ein.

Zudem setzen wir uns für einen sozial-ökologischen Umbau der Landwirtschaft ein und möchten die Tierbestände regional und am Standort begrenzen. Eine umfas­ sende Strategie der Nutztierhaltung muss neben geänderten Haltungs­ vorschriften zur Verbesserung des Tierwohls auch die Finanzierungs­ frage beantworten, so dass die Mehrkosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette fair verteilt werden.

3.

Die Siedlungs- und Verkehrs­ fläche Bayerns umfasst mit le­ diglich 11,9 Prozent den geringsten Wert aller alten Bundesländer (Bundesdurchschnitt: 13,7 Pro­ zent). Mehr als 80 Prozent Bayerns sind Landwirtschafts- und Wald­ fläche. Die Waldfläche ist seit 1980 um mehr als zwei Prozent gewach­ sen und macht mehr als ein Drittel von Bayerns Fläche aus. Im Vergleich mit anderen wirt­ schaftlich prosperierenden Län­ dern ist es in Bayern bislang in her­ vorragender Weise gelungen, intak­

3.

Als Baustaatssekretär habe ich die Weichen dafür gestellt, dass Stadtentwicklung nicht in die Breite geht, sondern in die Höhe. So bleibt mehr Platz für Grün in den Städten und es entsteht neuer Wohnraum – etwa durch intelligen­ te Nachverdichtung und die Mi­ schung von gewerblicher Nutzung und Wohnen. Schon in dieser ­Legislaturperiode haben wir ein Programm für mehr Grün in den

3.

Flächenverbrauch ist eines der großen ungelösten Umwelt­ probleme unserer Zeit. Darum ist unser Ziel, den Flächenverbrauch in Deutschland bis 2020 auf dreißig Hektar am Tag zu reduzieren und perspektivisch ganz zu stoppen. Das heißt: »Stadt der kurzen Wege« und »Innenentwicklung vor Au­ ßenentwicklung«! Denn Zersiede­ lung geht zu Lasten wertvoller ­Flächen und schwächt zugleich Ortszentren und Dorfkerne. Das von Schwarz-Rot eingeführte er­

3.

Der Verbrauch land- und forstwirtschaftlicher Nutzflä­ chen an Siedlungs- und Verkehrs­ flächen hat negative Folgen: weni­ ger Lebensraum und Biodiversität sowie mehr Lärm und Luftver­ schmutzung. Vor allem in demo­ grafisch schrumpfenden Regionen führt die Ausweisung neuer Bauge­ biete außerdem zu steigenden ProKopf-Kosten der Infrastruktur und zu Leerstand in den Innenstädten. Wir wollen die Flächenneuinan­ spruchnahme konsequent reduzie­

te Natur und Landschaft sowie wirtschaftlichen Erfolg in einer vorbildlichen Wechselbeziehung zum gegenseitigen Nutzen zu ver­ binden. Dieser Erfolg trägt in hohem Maße die Handschrift der CSU. Wir stehen deshalb für einen vernünftigen Ausgleich zwischen Flächenverbrauch und Umwelt­ schutz. Dementsprechend werden wir auch die Infrastruktur in unse­ rem Land effizient und nachhaltig weiterentwickeln. Städten aufgelegt. Dieses muss nach der Bundestagswahl weiter­ entwickelt werden. Für unsere Verkehrsinfrastruktur muss der Grundsatz gelten: ­Erhalt vor Neubau. Investitionen müssen vorranging in die Sanie­ rung gehen und nicht in unsinni­ gen Ortsumgehungen versenkt werden.

leichterte Bauen außerhalb der Städte und Gemeinden öffnet hin­ gegen Tür und Tor für zusätzlichen Flächenfraß gerade auch im länd­ lichen Raum. Das lehnen wir ab. Flächensparen funktioniert aber nur mit einer sozialen Wohnungs­ politik. Dazu wollen wir unter an­ derem eine neue Wohnungsge­ meinnützigkeit auf Bundesebene auflegen. Beim Verkehr wollen wir den Grundsatz »Erhalt vor Neu­ bau« konsequent durchsetzen. ren. Siedlungsentwicklung muss perspektivisch ohne zusätzlichen Flächenverbrauch auskommen. Neuversiegelungen dürfen nur ge­ nehmigt werden, wenn sie ver­ pflichtend mit einer Entsiegelung einhergehen. Und statt neuer Stra­ ßen wollen wir die vorhandene Verkehrsinfrastruktur durch integ­ rierte und öffentlich zugängliche regionale Verkehrskonzepte sozialökologisch optimieren.

[3-17] Natur + Umwelt BN-Magazin 

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Welche Impulse werden die bayerischen Abgeordneten des neuen Bundestages der deutschen Politik geben? Natur+Umwelt hat die bayerischen Spitzenkandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien gebeten, zu drei Umweltthemen Stellung zu nehmen.

damit neue Einkommensmöglich­ keiten für Landwirte schaffen, denn die neue Landwirtschaft gibt es nur mit den Bäuerinnen und Bauern. Die industrielle Massentierhal­ tung wollen wir über die nächsten 20 Jahre abschaffen. Wir setzen Tierschutzstandards per Gesetz durch, die an den Bedürfnissen der Tiere orientiert sind, die Qualzucht und quälerische Massentierhaltung beenden. Und wir führen eine ­Haltungskennzeichnung für alle Tierprodukte ein.

In Bayern verschwinden täglich rund 18 Hektar Land unter Beton und A ­ sphalt. Wie möchten Sie sich im nächsten Bundestag dafür einsetzen, den Flächenverbrauch einzudämmen?

Was kommt aus Bayern?

Welche Schwerpunkte werden Sie im Bereich Landwirtschaftspolitik setzen?


Porträt

geladen und sei damit den Weg von Rufach nach Sulz gegangen. Auf diese Wanderung habe er zwölf Männer mitgenommen; sie alle seien schwach und krank zu­ rückgeblieben, da er ihnen mit Hilfe der Eberwurz die Kraft entzogen und auf sich gelenkt hatte.

Wenn sich der Sommer neigt, erscheinen auf sonnigen und trockenen Wiesen die großen Blütenköpfe der Silberdistel (Carlina acaulis): Weißsilbrig glänzende, innere Hüllblätter umgeben die gelblich oder rötlich gefärbten kleinen Röhrenblüten. Ihre Zugehörigkeit zu den »Disteln« macht die Pflanze mit stacheligen Blattzipfeln deutlich.

Foto: privat

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Die Autorin Dr. Gertrud Scherf hat mehrere ­P flanzenbücher verfasst.

erbreitungsschwerpunkte der Silberdistel liegen in kalkreichen Mittelgebirgen und in den Alpen, wo sie bis in Höhen von über 2000 Metern vorkommt. Sie fehlt im Tiefland und auf Sandböden. Die Unterart subsp. acaulis mit flach auf dem Boden ausgebreiteten Rosettenblättern und meist kurzem Stängel ist im öst­ lichen Bayerischen Wald und in den östlichen bayeri­ schen Alpen sowie deren Vorland verbreitet, die Unter­ art subsp. caulescens mit meist gestrecktem, locker ­beblättertem Stängel im übrigen Deutschland. Die volksmedizinische Verwendung der getrockne­ ten Wurzeln gegen Verdauungsbeschwerden und Er­ kältungskrankheiten ist, auch wegen möglicher Neben­ wirkungen, nicht mehr gebräuchlich. Der gekochte oder rohe Blütenboden wurde gegessen. Die Silberdistel heißt auch Große oder Stängellose Eberwurz. Nach dem Ethnobotaniker Heinrich Marzell (1885 – 1970) leitet sich der Name möglicherweise von der früheren Verwendung gegen Schweinekrankheiten ab. Wetterdistel wird die Pflanze genannt, weil die in feuchter Luft sich schützend über den Blüten zusam­ menschließenden Hüllblätter Regen ankündigen. Nach altem Volksglauben kann die Eberwurz die Kraft von anderen Menschen abziehen. Der Arzt und Alchemist Paracelsus (1493 – 1541) berichtet über eine Beobachtung im Elsass: Ein Mann, der Eberwurz bei sich trug, habe sich ein drei Zentner schweres Weinfass auf­

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Wahrzeichen der Rhön Die nach der Bundesartenschutzverordnung beson­ ders geschützte Silberdistel ist ein Trockenheits-, Ma­ gerkeits- und Basenzeiger und eine Pflanze der exten­ siv beweideten Mager- und Halbtrockenrasen. Die Roten Listen zeigen die Silberdistel in Bayern als »po­ tentiell gefährdet«, in einigen anderen Bundesländern in den Kategorien »gefährdet« bis »vom Aussterben ­bedroht«. Da die Silberdistel wegen der stacheligen Blätter vom Weidevieh gemieden wird, gruben früher Landwirte die tiefreichende Pfahlwurzel aus. Für den Rückgang dürften heute andere Faktoren ausschlagge­ bend sein, insbesondere Stickstoffeintrag aus Luft und Niederschlag sowie den Bodenbewuchs schädigende Wintersportaktivitäten. Der BUND Naturschutz weist auf die Bedeutung von trockenen Magerstandorten für die Artenvielfalt hin und beteiligt sich an Pflegemaßnahmen. Das Rhön­ schaf-Projekt von BN und BUND, das seit 1985 wesent­ lich zum Erhalt dieser gefährdeten Nutztierrasse bei­ trägt, nützt auch der vielfach »Wahrzeichen der Rhön« genannten Silberdistel. Sie und viele andere, zum Teil gefährdete Pflanzen gedeihen durch die extensive Schafbeweidung der mageren Flächen.

Buchtipp: Zauberpflanzen Hexenkräuter

Von Alraune und Königskerze bis ­Eisenhut und Tollkirsche: In diesem Buch stellt unsere Autorin Gertrud Scherf die Geheimnisse magischer Pflanzen vor – eine spannende Symbiose aus alten Überlieferungen und modernem Pflanzenwissen. Zu jeder Pflanze gibt es einen botanischen Steckbrief, ­Mythos, Magie, Geschichte, Brauchtum, Nutzung und Heilwirkung. BLV-Verlag, ISBN-Nr. 978-3-8354-1240-8, 24,99 Euro, ­erhältlich im Buchhandel oder im Internet

Zeichnung: Claus Caspari; aus »Der BLV Pflanzenführer für unterwegs«, BLV Buchverlag

Silberdistel


Gerettete

Landschaften

Foto: Daniel Steffen

Ein ehemaliger Kalksteinbruch im Landkreis Alzey-Worms sollte zur Mülldeponie werden. Nach heftigem Widerstand gelang es dem BUND Rheinland-Pfalz 1978, den »Rosen­ garten« zu kaufen. Seither pflegt die Kreisgruppe des BUND das wertvolle Refugium und Naturschutzgebiet.


Foto: Berndt Fischer

Mehr davon! Das Gebiet Pfrentschweiher am ­Grünen Band im Landkreis Neustadt/WN steht bereits unter Naturschutz. Jetzt soll entlang der ganzen, 200 Kilometer langen Grenze zwischen der Oberpfalz und Tschechien der Naturschutz verbessert werden.

Grenzüberschreitender Naturschutz in der Oberpfalz

Lückenschluss am Grünen Band

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n Zeiten wachsender Europa-Verdrossenheit ist das Grüne Band Europa ein Lichtblick: Es steht für die Umsetzung des europäischen Gedankens. Der über 12 500 Kilometer lange Lebensraumverbund entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs ist ein herausra­ gendes Beispiel für grenzübergreifenden Naturschutz. Jetzt gibt es gute Neuigkeiten: Die Bayerische Staatsre­

Ökoerlebnistage 2.9. – 3.10.2017

Bio zum Erleben und Mitmachen in ganz Bayern! Alle Veranstaltungen in Ihrer Nähe auf www.oekoerlebnistage.de f

Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten

gierung hat im April b ­ ekanntgegeben, entlang der 200 Kilometer langen Grenze zwischen der Oberpfalz und Tschechien am Grünen Band Bayern-Tschechien den Natur- und Umweltschutz zu verbessern. Eine Mach­ barkeitsstudie soll dafür die Grundlagen schaffen. ­Außerdem soll die Zusammenarbeit mit Tschechien intensiviert werden. Dr. Liana Geidezis, Leiterin des BUND-Projektes Grünes Band, freute sich über diese Entscheidung: »Damit greift die Bayerische Staatsregie­ rung langjährige Forderungen des BN zu Erhalt und Schutz des einzigartigen Natur- und Kulturerbes auf. Das begrüßen und unterstützen wir.« Das 346 Kilometer lange Grüne Band Bayern-Tsche­ chien ist ein wichtiger Teil des zentraleuropäischen ­Abschnitts dieses längsten ökologischen Korridors der Welt. Der BN setzt sich hier seit Langem für grenzüber­ schreitende Kooperation, die Zusammenarbeit mit ­Gemeinden und lokalen Akteuren sowie den Ankauf wertvoller Flächen zur langfristigen Sicherung für den Arten- und Klimaschutz ein. (lf )


Gerettete Landschaften entdecken

Wo einst Panzer rollten

Foto: Winfried Berner

Südlich von Regensburg erstreckt sich über viele Quadratkilometer fruchtbarstes Ackerland: Die nordwestlichen Ausläufer des Gäubodens. In diesem Raum mit großflächiger Intensivlandwirtschaft sind kaum noch Wälder, Raine und Hecken übrig geblieben. Am Rand dieser gigantischen Agrarfabrik liegt eine Insel, in der die Natur noch eine Chance hat.

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ber 494 Hektar erstreckt sich der ehemalige Bun­ deswehr-Standortübungsplatz Oberhinkofen, der jetzt wieder seinen ursprünglichen Flurnamen Frauen­ holz trägt. Immerhin fast fünf Kilometer lang und bis zu 1,7 Kilometer breit, zieht sich das Frauenholz von Pie­ senkofen im Osten bis fast zur Autobahn A 93 im Wes­ ten. Und bietet, was man im weiten Umkreis kaum noch findet: Im westlichen Teil Wald, im östlichen waldgesäumtes und ungedüngtes, nur von Schafen be­ weidetes Offenland. Im westlichen Teil ist der Waldumbau vom Wirt­ schaftsforst hin zu einem naturnahen Wald im Gange: Behutsam werden Fichten entnommen, um Luft und Licht für die nachwachsenden Laubhölzer zu schaffen. »Der Wald wird von Jahr zu Jahr schöner«, freut sich Raimund Schoberer, der Vorsitzende der BN-Kreis­ gruppe Regensburg. Auch für die Wiesenflächen im Osten wird derzeit ein Managementplan erstellt, um »einen günstigen Erhaltungszustand der Lebensraum­ typen und Arten zu gewährleisten, die Grund für die Aufnahme des Gebietes in Natura 2000 waren«. Das Frauenholz gehört heute der Deutschen Bun­ desstiftung Umwelt (DBU). Dass es dazu kam, hat viel mit Schoberers Vorgänger Dr. Peter Streck zu tun, der sich in engem Zusammenspiel mit Hubert Weinzierl, damals Vorsitzender des DBU-Kuratoriums, für die Übernahme durch die DBU verwandte. Der aufgelas­ sene Übungsplatz wurde in die Liegenschaften aufge­ Ausgangspunkt: Parkplatz beim Höhenhof »Zum Schützenwirt« (ca. 5 km westlich von Obertraubling Richtung Seedorf an der Kreisstraße R 20) Länge: ca. 10,5 km (Varianten zwischen 2 und 14 km) Höhenunterschied: gering Wegcharakter: überwiegend befestigte Forststraßen (kinderwagenfähig) Einkehr: Höhenhof »Zum Schützenwirt«

nommen, die als Nationales Natur­erbe gesichert wer­ den sollten. Im Oktober 2013 übernahm die DBU das Gelände und entzog es damit den aufkommenden Be­ gehrlichkeiten von Landkreis und Nachbargemeinden. Beliebtes Naherholungsgebiet Heute ist das ehemalige Militärgelände ein beliebtes Naherholungsgebiet für Wanderer, Läufer und Rad­ fahrer. An den Zufahrtswegen sind große Tafeln ange­ bracht, sodass sich die Besucher ihr Tagesprogramm auf dem Hauptwegenetz nach Lust und Laune selbst zusammenstellen können. Sehenswert ist eine riesige, alte Eiche mit einem Stammumfang von sieben Metern: ein Naturdenkmal, wohl 500 bis 600 Jahre alt, also aus der Zeit vor der »Entdeckung« Amerikas. Der eindrucksvolle Baum steht am nordwestlichen Rand des Geländes bei den Auffangbecken der ehemaligen Panzerwaschanlage. Von der Gaststätte Höhenhof ist er leicht zu erreichen, indem man »einmal rechtsherum ums Quadrat« geht. Von dort aus kann man, um das gesamte Gelände kennenzulernen, etwa einen Kilometer auf dem Forst­ weg nach Süden gehen und dann in den Weg nach links schwenken. Nach rund 1,5 Kilometern erreicht man das Offenland und kommt halblinks zum Segelflugplatz, der in Absprache mit der DBU weiterhin genutzt wer­ den darf. Wer gut zu Fuß (oder zu Rad) ist, kann ihn noch umrunden und sich dann auf den Rückweg zum Höhenhof machen. Wer nicht so viel vorhat, kann süd­ lich von Oberhinkofen an der Straße parken, die den ehemaligen Übungsplatz durchquert, und eine kleine oder größere Runde durch das Offenland machen. Winfried Berner, Ulrike Rohm-Berner

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Über ein halbes Jahrtausend So alt ist diese beeindruckende Eiche im Frauenholz. Ihr Stammumfang beträgt sieben Meter.

Die Autoren Winfried Berner, Mitglied des Landesvorstandes, hat mit seiner Frau ­Ulrike Rohm-Berner den Wanderführer »Gerettete Landschaften« ­verfasst. 14,90 Euro, im Buchhandel oder bei der BN Service GmbH, Tel. 0 91 23- 9 99 57 20


BN protestiert gegen geplante Stromtrassen

Wir brauchen keine Stromautobahnen für Kohlestrom!

Foto: iStock/kruwt

Derzeit laufen die P­lanungen für zwei riesige Stromautobahnen nach und durch Bayern. Die Beteiligung von Behörden und Öffentlichkeit hat begonnen. Der BUND Naturschutz hat sich klar gegen die HGÜTrassen posi­tioniert. Eine de­zentrale Energiewende erfordert keinen Stromferntransport. Wichtig wäre die Unterstützung regionaler und dezentraler Strukturen.

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Braucht’s nicht! Egal ob über oder wie hier unter der Erde: Riesige Stromtrassen sind für eine dezentrale Energiewende nicht notwendig.

Planungen berücksichtigen Klimaschutzziele nicht Die Netzentwicklungsplanungen der Bundesnetzagen­ tur, einer Behörde des Bundeswirtschaftsministeriums, berücksichtigen dezentrale und regionale Aspekte nicht. Dort wird sytematisch gemauert: BN und BUND hatten seit 2012 Stellungnahmen zu den Planungen ab­ gegeben – nichts fand Berücksich­tigung. Der Verband hatte Mangel an Transparenz k­ ritisiert – nie wurde Ein­ blick in die Berechnungen und deren Grundlagen ge­ geben. Die Bundesnetzagentur ignoriert aktuelle Fach­ studien. Der BN fordert eine Strategische Umweltver­ träglichkeitsprüfung, die Alternativen für ein dezentra­ les Energiekonzept für Deutschland untersucht. Das ist

bis heute nicht passiert. Die Planungen der Bundes­ netzagentur berücksichtigen die Klimaschutzziele der Klimakonferenz von Paris 2015 nicht. So wird Deutsch­ land seinen Beitrag zum Ziel, die globale Klimaerwär­ mung auf 1,5 Grad zu begrenzen, nicht leisten können. Die aktuellen Planungen für SUEDLINK und SUED­ OSTLINK basieren auf Zahlen von 2014. Nach heftigem Protest von betroffenen Anwohnern gegen oberirdische Leitungen stellte TenneT nun für die HGÜ-Erdkabel einen Trassenkorridor von circa 1000 Meter Breite vor: einen Vorzugskorridor und zwei, drei Alterna­ tivkorridore. Bis Ende 2018 soll hieraus ein verbindlicher Trassenkorridor festlegt werden. Bis Ende 2020 sollen dann Planfeststellungsverfahren die konkreten, 30 bis 50 Meter breiten ­Arbeitskorridore rechtswirksam festlegen. Für die Investitionen müssten die Steuerzahler aufkommen, den Nutzen hätten weni­ ge Konzerne und Investoren. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer sagte 2015 ja zum Bau der HGÜ-Trassen als Erdkabel. Der BN be­ fürchtet: Dies wird die kommunalen Energie-Unter­ nehmen in Bayern aus dem Markt der Energiewende drängen. Der BUND Naturschutz wird dranbleiben, sich wei­ ter gegen die HGÜ-Trassen wehren und am Ende auch rechtliche Schritte prüfen. Herbert Barthel

m Mai und Juni fanden die Antragskonferenzen für die beiden geplanten Höchstspanungs-GleichstromÜbertragungsleitungen (HGÜ) SUEDLINK und SUED­ OSTLINK statt. Damit beginnt auch die Beteiligung der Behörden und der Öffentlichkeit. Bei den Terminen in Bad Kissingen, Weiden, Hof und Regensburg waren auch BN-Aktive vor Ort und protestierten gegen die neu geplanten HGÜ-Trassen. Diese Stromleitungen, egal ob als Freileitung oder als Erdkabel, führen nicht zur Energiewende. Auf ihnen würde vor allem Strom aus alten Großkraftwerken fließen. Was tatsächlich für die Energiewende notwendig ist: der Aufbau dezentraler und regionaler Strukturen, in technischer und wirt­ schaftlicher Hinsicht. Grundlegend ist die Ertüchtigung und Unterstützung der Verteilnetze. Stromautobahnen über große Distanzen können das nicht.

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Heiße Sache Die Mängel in der Absicherung der Kühlung sind bekannt, trotzdem soll Block C des AKW Gundremmingen bis 2021 weiterlaufen.

Petition: Block C in Gundremmingen abschalten! Foto: Fotolia/Holger Schultz

Wer B sagt, muss auch C sagen

erzeit sind in Bayern noch drei AKWs in Betrieb: Isar 2 bei Landshut und die Blöcke B und C im schwäbischen Gundremmingen. Der BUND Natur­ schutz fordert den schnellstmöglichen Ausstieg aus der Atomkraft. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushi­ ma hatte der Bundestag das Abschalten des AKWs Isar 1 im März 2011 bestätigt. Für die weiteren bayerischen AKWs wurden Abschalttermine festgelegt (siehe Kasten). Aus BN-Sicht viel zu spät. Der BN in Landshut hatte über Jahre hinweg das vorzeitige Abschalten des alten Siedewasserreaktors Isar 1 gefordert. Insofern war das Abschalten von Isar 1 im Jahr 2011 ein Erfolg. Den­ noch soll der Druckwasserreaktor Isar 2 bis Ende 2022 weiterlaufen – beängstigend! Warum nimmt der BUND Naturschutz in diesem Jahr das AKW Gundremmingen in den Fokus? Mehrere Studien aus den Jahren 2012 bis 2016 belegen, dass es in diesem Atomkraftwerk Mängel in der Absicherung des Kühlsystems gibt. Vor dem Hintergrund einer ersten ­Risikostudie hatte der Betreiber RWE einen zuvor ge­ stellten Antrag auf Leistungserhöhung zurückgezogen. Zudem hat RWE nur eine gemeinsame Genehmigung für die Blöcke B und C im AKW Gundremmingen. Die im Atomgesetz festgelegte getrennte Abschaltung von Block B Ende 2017, aber von Block C erst Ende 2021 ist vor diesem Hintergrund nicht zu rechtfertigen. Leider zeichnet sich bei den Parteien im Bundestag keine Ten­ denz ab, die AKWs früher abzuschalten. Im Herbst 2016 lief die Kampagne »Wer B sagt, muss auch C sagen«. Träger waren die Plattform »ausge­ strahlt.de« gemeinsam mit dem »FORUM – Gemein­ sam gegen das Zwischenlager und für eine verantwort­ bare Energiepolitik e. V.« sowie dem Umweltinstitut München. Die Forderung: Beide AKWs in Gundrem­

mingen vor Ende 2017 abschalten. Dafür haben rund 30 000 Menschen unterschrieben. Sicherheitsmängel in der Kühlung Der BUND Naturschutz unterstützt deshalb eine Peti­ tion des FORUM an den Bayerischen Landtag, gemein­ sam mit dem BUND Baden-Württemberg. Wir fordern vom bayerischen Umweltministerium als zuständiger Aufsichtsbehörde, die Blöcke B und C des AKWs Gund­ remmingen vor Ende 2017 abschalten – wegen grund­ legender Mängel in der Absicherung der Kühlung. Das Thema Atomausstieg muss weiterhin öffentlich diskutiert werden. Der BN verliert auch beim derzeiti­ gen Engagement in Gundremmingen das AKW Isar 2 nicht aus dem Auge. Wir machen uns weiterhin stark für ein sofortiges Abschalten. Dieser Ausgabe der Natur+Umwelt liegt eine Unter­ schriftenliste für die Petition bei. Bitte machen Sie mit: Unterschreiben Sie, sammeln Sie Unterschriften. Im Spätherbst sollen die Unterschriften mit der Petition im Landtag übergeben werden. Danke! Sebastian Schönauer, Herbert Barthel Bisherige und geplante Abschalttermine bayerischer AKWs ■ AKW Isar (PreussenElektra, Nachfolger E.on): AKW 1 Ende März 2011 abgeschaltet ■ AKW Grafenrheinfeld (E.on): Mitte 2015 abgeschaltet ■ AKW Gundremmingen (RWE): Block B bis Ende 2017, Block C bis Ende 2021 ■ AKW Isar 2 bis Ende 2022 (als letztes bayerisches AKW)

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Foto: Toni Mader

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Foto: Thomas Stephan

Raus aus Atomkraft und Kohlestrom – dafür engagiert sich der BN schon lange. Mit einer Petition wollen wir jetzt erreichen, dass auch Block C des Atomkraftwerks Gundremmingen 2017 abgeschaltet wird. Nicht erst wie geplant 2021, sondern s­ ofort! Bitte machen Sie mit – jede Unterschrift zählt.

Die Autoren Sebastian Schön­ auer ist der stellvertretende Vor­ sitzende, Herbert Barthel der Referent für Energie und Klimaschutz des BUND Naturschutz.


Zurecht stolz Der diesjährige Wiesenmeister Johann Oberhauser aus München und seine prämierte Salbei-Glatthaferwiese

Fotos: Inge Steidl

Meisterhafte Wiesenpflege Blühende Wiesen und Weiden im Wechsel mit Wald, Hecken, Bächen und Äckern sind das ­lebendige Grundgerüst dieses Landes, so wie wir es kennen und lieben. Engagierte Land­ wirte und Schäfer nutzen und erhalten sie. Einmal im Jahr sagt der BUND Naturschutz ganz bewusst Danke dafür.

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iesen und Weiden machen etwa ein Drittel der Landwirt­ schaftsfläche in Bayern aus. Das ist gut so, denn Grünland ist ein wah­ res Multitalent: Es liefert gesundes, regionales Futter für die Nutztiere, schützt Klima, Boden und Grund­

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wasser, bietet natürlichen Hochwas­ serschutz und ist Lebensraum für unzählige Tiere und Pflanzen. So haben mehr als ein Drittel unserer heimischen Pflanzen ihr Hauptvor­ kommen im Grünland, von den mehr als 800 gefährdeten Arten sind es sogar rund 40 Prozent. Blumen­ bunte Wiesen sichern also die bio­ logische Vielfalt in Bayern. Auf sehr artenreichen Wiesen können 60 und mehr Arten pro 25 Quadratme­ ter vorkommen. Vor allem in den Alpen, im Bayerischen Wald und im Norden ­Bayerns gibt es heute noch vielfältige Wiesen und Weiden.

Warum eine Wiesenmeisterschaft? So weit, so gut. Doch Bayern hat seit den 1970er-Jahren 500 000 Hektar

Grünland verloren, das entspricht in etwa der halben Oberpfalz. Gab es 1970 noch 1 569 000 Hektar Dauer­ grünland, waren es 2014 nur noch 1 048 000 Hektar. Viel zu viele Wie­ sen wurden umgeackert. Andere, vor allem in den Mittelgebirgslagen, werden gar nicht mehr genutzt oder aufgeforstet. Nicht wenige haben sich durch Intensivierung und zu viel Dünger in artenarme »Löwen­ zahnplantagen« verwandelt, die mindestens viermal pro Jahr gemäht werden. Das erste Mal oft schon Ende April – viel zu früh für die meisten Wildkräuter. Und so gibt es laut Bayerischer Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) inzwischen durchschnittlich nur noch 19,4 Pflanzenarten pro 25 Quadratmeter Wirtschaftsgrünland.


Siegerwiese am Rande der Großstadt Der diesjährige Wiesenmeister ist Johann Oberhauser aus München. Der Bullenmäster bewirtschaftet 40 Hektar Grünland am Rande der Großstadt, davon gut acht Hektar in der Langwieder Heide, die seit 30 Jahren nicht mehr gedüngt wurden. Er erzeugt dort Pferdeheu und Wie­ sensaatgut. Auf seiner prämierten Salbei-Glatthaferwiese dürfen Blu­ men wie Margerite, Wiesen-Salbei, Flockenblume, Hornklee und Wie­ sen-Glockenblume bis Juli wachsen bevor gemäht wird. Im Herbst wei­ den dann die Tiere eines Wander­ schäfers die Wiese ab. Zu seinem Sieg sagt der Landwirt: »Eigentlich muss man der Langwieder Heide selber gratulieren für ihren beispiel­ haften Aufstieg: Noch vor 13 Jahren wollte sie keiner haben und jetzt hat sie den ersten Preis ­gemacht.« Mehr Infos zu Grünland und zur Wiesenmeisterschaft unter → www. kurzlink.de/bn-wiesen-weiden und → www.bund-naturschutz.de/land­ wirtschaft/wiesenmeisterschaft. html

Freude an der Vielfalt

N+U: Frau Steidl, was treibt Landwirte an, artenreiche Wildblumenwiesen zu erhalten? Inge Steidl: Sicher erst einmal die Freude an Vielfalt. Für manche ­Nebenerwerbsbauern ist die ­Wiesenpflege ein Ausgleich zur sonstigen Arbeit. Sie setzen sich am Feierabend gerne nochmal auf den ­Traktor und freuen sich über ihre schönen Wiesen. Aber auch die ­Förderung ist wichtig. Viele Land­ wirte sagen, ohne finanzielle Förde­ rung könnten sie die Wiesen so nicht erhalten. Sind es vor allem kleine Bauern, die so viel Arbeit in ihre Wiesen ­investieren? Nein, das geht querbeet, vom 100Hektar-Vollerwerbsbetrieb bis hin zum Nebenerwerbler mit nur ein paar Hektar Land. Was mich gerade im letzten Jahr bei der mittelfrän­ kischen Wiesenmeisterschaft sehr überrascht hat, dass auch viele Landwirte mitmachen, die selbst gar keine Tiere mehr haben und trotzdem ihr Grünland unbedingt behalten wollen. Gibt es einen Unterschied zwischen den Wiesen von biologisch und konventionell wirtschaftenden Landwirten? Wir hatten schon ganz tolle Wiesen von Biobauern dabei, etwa die Ge­ winnerfläche von 2013. Aber es ist nicht so, dass die Mehrzahl der Teil­ nehmer Ökolandwirte wären. Ich finde sogar, dass bei den Biobauern die Spannbreite zwischen sehr schönen und eher durchschnittli­ chen Flächen oft sehr groß ist, weil sie die Leistung ihrer Tiere ja aus­ schließlich aus dem Gras herausho­ len müssen. Biobauern sagen mir öfter, sie könnten sich nicht so expli­ zit auf den Artenreichtum fokussie­ ren wie ihre konventionellen Nach­ barn, weil sie eben kein Kraftfutter oder Sojaschrot zukaufen können. Was haben neun Jahre ­Wiesenmeisterschaft gebracht? Auf jeden Fall mehr öffentliche Wahrnehmung. Die Wiesenmeister­ schaft war oft Thema in den Zei­ tungen oder im Fernsehen. Das war auch ein Ziel des Wettbewerbs,

Inge Steidl hat an der FH Weihenstephan Landes­ pflege studiert. Seit rund 20 Jahren ist sie im ehrenamtlichen BN-Arbeitskreis Landwirtschaft aktiv und seit Beginn der Wiesenmeisterschaften Jurymitglied.

Foto: Thomas Stephan

Doch der Wiesenschwund wirkt sich nicht nur auf die Pflanzenviel­ falt verheerend aus. Dramatisch ist auch die Situation der meisten Wiesenvö­gel. So ist der Kiebitz in Bayern mittlerweile vom Aussterben bedroht. Grund genug, den Land­ wirten, die artenreiches Grünland erhalten, zu danken und ihnen den Rücken zu stärken. Deshalb veran­ staltet das BN-Landwirtschaftsrefe­ rat seit neun Jahren gemeinsam mit der LfL die bayerischen Wiesen­ meisterschaften. Sie finden jedes Jahr in einem anderen Gebiet des Freistaates statt. Bauern oder Schä­ fer können sich mit einer ihrer ­Wiesen ­bewerben, die dann eine Fachjury begutachtet. Prämiert wer­ den am Ende nicht zwangsläufig jene Wiesen mit den meisten spektakulä­ren, seltenen oder beson­ ders geschützten Arten. Nur wenn zum Artenreichtum auch ein trag­ fähiges bäuerliches Nutzungskon­ zept hinzukommt, kann eine Flä­che zur Meisterwiese werden.

denn lange Zeit sind gerade diese artenreichen Wiesen durchs Raster gefallen. Der Naturschutz hat sich eher für Kalkmagerrasen und Streu­ wiesen interessiert, und in der Landwirtschaft standen die arten­ reichen Nutzwiesen auch nicht im Fokus, weil die Beratung in Rich­ tung Intensivierung ging. 2015 hat die Landwirtschaftsver­ waltung ein Programm aufgelegt, das artenreiche Wiesen honoriert, ohne Auflagen zum Schnittzeit­ punkt zu machen. Es müssen ein­ fach bestimmte Arten auf der Fläche vorhanden sein. Und die Kollegen von der LfL arbeiten daran, arten­ reiches Mahdgut auf artenarme Wiesen zu übertragen. Solche Ent­ wicklungen haben wir mit dem Wettbewerb gefördert. Jetzt geht es nicht mehr nur darum, den letzten Rest an artenreichem Grünland zu retten, sondern auch darum, dass Normalgrünland wieder arten­ reicher wird. Was bedeutet den Landwirten die Auszeichnung als Wiesenmeister? Neben dem materiellen Anreiz ist es das Wichtigste, einen Tag lang mit der Leistung, diese artenreichen Wiesen zu erhalten, im ­Mittelpunkt zu stehen. Da gibt es dann strahlen­ de Gesichter. Interview: Heidi Tiefenthaler

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Kaum ein Kraut wächst … … das Jurymitglied Inge Steidl nicht kennt. Hier erfasst sie, welche Arten auf der Wiese vorkommen.


Foto: Fotolia/Satori

Natur in der Stadt

Symboltier für Natur in unseren Städten

Putzige Kletterkünstler Parks und naturnahe Hausgärten sind für manche Tiere wichtige Rückzugs­räume geworden. Der BUND Naturschutz engagiert sich deshalb verstärkt für mehr Natur in der Stadt. Heute stellen wir unser Symboltier der »Natur in der Stadt«-Aktionen vor: das Eichhörnchen. Kleiner Nussknacker Eichhörnchen sind Allesfresser, aber bekannt dafür, dass sie Nüsse knacken können und diese auch als Vorrat für den Winter vergraben.

Foto: Fotolia/mzphoto11

tiger als die vorderen Gliedmaßen, so dass sie schnell und weit springen können. Mit den Vorderpfötchen hantieren sie geschickt mit Nüssen und Baumzapfen. Eichhörnchen sind tagaktiv und haben dank ihrer gro­ ßen, seitlich am Kopf sitzenden Augen einen sehr guten Rundumblick.

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m die Jahreswende machte Eichhörnchen »Olivio« bayernweit Schlagzeilen: Das Tierchen wollte durch ein Loch in einem Gullydeckel klettern und blieb darin stecken. Trotz stundenlanger Bemühungen konnte es nicht befreit werden, so dass schließlich die Feuerwehr ausrücken und den Gullydeckel anheben musste. Einige Wochen später vermeldeten die Medi­ en, dass Olivio in der Auffangstation, in der er aufge­ päppelt wurde, eine Freundin gefunden hat. Spätere Familiengründung nicht ausgeschlossen. Happy End! Die große mediale Aufmerksamkeit rund um diese ku­ riose kleine Geschichte zeigt, wie bekannt und beliebt die niedlichen Nager mit den Puschelschwänzen sind. Obwohl es fast jeder kennt, ist das Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) eine erstaunlich wenig erforschte Art. Ihr ursprünglicher Lebensraum sind Wälder, aber die Hörnchenart ist heute als Kulturfolger des Men­ schen oft in Stadtparks anzutreffen. Eichhörnchen sind perfekt an ein Leben in den Baumkronen angepasst. Dank ihrer Krallen und ihres langen Schwanzes, der als Balancierhilfe dient, sind sie extrem flinke und wendige Kletterer. Durch ihr geringes Gewicht (200 bis 400 Gramm) können sie sich auch auf dünne Zweige vor­ wagen. Ihre Hinterbeine sind deutlich länger und kräf­

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Auch Eier stehen auf dem Speiseplan Nüsse sind ihre bekannteste Nahrungsquelle, aber Eichhörnchen sind Allesfresser. Außer Nüssen, Samen und Kernen ernähren sie sich von Knospen und Blät­ tern, von Insekten, Würmern, Vogeleiern und Jungvö­ geln. Nüsse werden auch als Wintervorrat vergraben. Das Fell des Eichhörnchens ist hellrot bis braun­ schwarz, im Winter etwas dunkler. Nur der Bauch bleibt immer weiß. Graubraun gefärbte Tiere werden oft mit dem amerikanischen Grauhörnchen verwechselt, das sich auf den britischen Inseln und in Italien zuneh­ mend ausbreitet und das europäische Eichhörnchen immer mehr verdrängt. Bei uns wurde es aber noch nicht nachgewiesen. Bis auf seltene Ausnahmen sind Eichhörnchen Ein­ zelgänger und finden sich nur zur Paarungszeit zu­ sammen. Die Mutter zieht ihre Jungtiere in einem Nest, Kobel genannt, hoch oben in den Baumkronen auf. Es überlebt aber nur etwa jedes vierte bis fünfte Junge, weil sie für Fressfeinde wie den Baummarder, Greif­ vögel, aber auch Katzen und Wiesel leichte Beute sind. Eichhörnchen gelten als nicht im Bestand bedroht. Zu schaffen macht ihnen aber, dass es immer weniger na­ turnahe Mischwälder gibt. In den Städten werden viele Tiere überfahren. Auffangstationen kümmern sich um verletzte Tiere und verwaiste Jungtiere – oder um Spe­ zialfälle wie Olivio. (lf )


Gastbeitrag

Technologische Entwicklungen intelligent nutzen

Foto: iStock/chomsosan

In der öffentlichen Debatte ist derzeit viel vom autonomen Fahren die Rede. Berichte über Testfahrten mit selbstfahrenden Autos sind in den Medien beliebt. Ethische und rechtliche Fragen werden diskutiert. Auch die Entwicklung bei Fahrassistenzsystemen schreitet schnell voran. Was bringen diese Neuerungen? Sind sie aus Sicht des Umweltschutzes zu befürworten?

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ür selbstfahrende Fahrzeuge lautet die Antwort: nein. Hier geht es um neue Geschäftsmodelle für Daten. Selbstfahrende Geräte sind für geschlossene Systeme, etwa in der Logistik, gut. Aber für offene Syste­ me, in denen Straßen wieder zu öffentlichen Räumen werden, für lebendige und aktive Städte passt das nicht. Geht man hingegen nicht von der Maschine, sondern vom Menschen aus, lautet die Frage: Wie können tech­ nologische Entwicklungen klug genutzt werden, um den Menschen zu dienen? Assistenzfunktionen von Autos, Lkws und Bussen haben einen Stand erreicht, der sich heute intelligent zur Befriedung des Verkehrs einsetzen lässt und zugleich einen Beitrag zur Mobili­ tätswende leisten kann. Der Vorteil: Der Mensch bleibt voll verantwortlicher Akteur. Verträgliches Miteinander Assistenzsysteme und digitale Technologien haben das Potenzial, den Verkehr insgesamt sicherer, klimaver­ träglicher und gesünder zu gestalten. Richtig einge­ setzt, können sie ein verträgliches Miteinander im öf­ fentlichen Raum fördern. Für eine ganze Reihe von Problemlösungen könnten heute verfügbare Technolo­ gien wie Kameras, Sensoren, Prozessoren, A ­ ktoren und Rechner eingesetzt werden. Wäre zum Beispiel die Assistenzfunktion zum Rechtsabbiegen heute schon verpflichtend, wäre hier der tote Winkel eliminiert und für deutlich mehr Si­ cherheit für Fußgänger und Radfahrer gesorgt. Viele Unfälle könnten so vermieden werden. Verpflichtend eingesetzte Abstandshilfen würden ebenfalls für mehr Sicherheit sorgen und den Verkehr flüssiger rollen las­

sen. Ampeln könnten in Zukunft von Assistenzsyste­ men erkannt und die Signale vom Fahrzeug umgesetzt werden. Das würde das Verkehrsgeschehen insbeson­ dere an den Stellen entzerren, wo es viel FußgängerQuerverkehr und Radfahrende gibt. Fußgängerüber­ wege und Z ­ ebrastreifen könnten von Kraftfahrzeugen ebenfalls erkannt und bei Bedarf die Fahrzeuge ange­ halten werden. Auch das würde die Sicherheit erhöhen und ein gutes Miteinander verschiedener Verkehrs­ arten fördern. Der Tempomat ist bei Neufahrzeugen heute fast Standard. Dessen verpflichtender Einsatz könnte in Zu­ kunft den Fahrerinnen und Fahrern die Regeleinhal­ tung erleichtern. Dies würde nicht nur der Verflüssi­ gung des Verkehrs dienen, sondern wäre insbesondere in Städten vorteilhaft, in denen häufig wechselnde Tempolimits gültig sind. Eine große Gefahrenquelle sind unsichere Überholvorgänge. Überholverbote und Gefahrenstellen könnten vom Fahrzeug erkannt und umgesetzt werden. Beitrag zu entspanntem Fahren Bei diesem Einsatz von Assistenzsystemen kann der Datenschutz gewährleistet werden. Eine Komplett­ überwachung der Fahrzeuge durch eine zentrale Stelle ist nicht erforderlich. Nicht zu vergessen: Für die Menschen, die motori­ sierte Fahrzeuge für ihre Mobilität nutzen, tragen diese Vorschläge zur Stressvermeidung und zu einem ent­ spannten Fahren bei. Martin Held, Jörg Schindler

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Fotos: Evangelische Akademie Tutzing/privat

Technisch bald machbar – aber auch sinnvoll? Selbstfahrende Autos werden bereits getestet. Aus Umweltschutzsicht sind sie aber nicht notwendig. Assistenzsysteme können dagegen hilfreich sein.

Die Autoren Martin Held und Jörg Schindler sind Mitglieder des Gesprächskreises »Die Transformateure – Akteure der Großen Transformation« und Autoren: (mit Gerd Würdemann) »Postfossile Mobilität. Wegweiser für die Zeit nach dem Peak Oil« (2009), »Mobility Transi­ tion. Rethinking the Way Ahead« (in Vorbereitung). → transformateure. wordpress.com


Ehrenamt im BUND Naturschutz

Im Energiespardorf … heißt es für die Schüler: diskutieren, entscheiden, handeln.

Ein Modell für die Zukunft Ein Modellbausatz für ein Dorf, in dem Jugendliche erleben, wie der Weg in eine klimafreundliche Zukunft aussehen könnte. Das war Peter Satzgers Idee, als er vor sechs Jahren in den Keller ging und zu basteln anfing. Heute ist das BN-Energiespardorf Realität und tourt durch die Schulen des Freistaates. Heidi Tiefenthaler war bei einem Workshop dabei.

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urz vor Zehn, Katharinen-Gymnasium Ingolstadt, ein großer Mehrzweckraum im Souterrain des nüchternen Erweiterungsbaus: Rechts sitzen die Jungs, links die Mädels – wie früher in der Kirche. Auf der einen Seite lang hingefläzte Haxen und bootsgroße Turnschuhe, auf der anderen übergeschlagene Beine und Flip-Flops an den Füßen. Eine typische neunte Klasse eben – o.k., eine typische neunte Klasse nach Notenschluss. Vier Fernseher pro Familie Den Vortrag zum Thema Klimawandel lassen die ­Jugendlichen erwartungsgemäß routiniert über sich ergehen. Als das aus Sperrholz und Kabeln gebaute Energiespardorf ins Spiel kommt, werden sie aktiv. ­Renate Schwäricke zählt die Schüler durch: »Wie es

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aussieht, kann jeder von euch in ein Haus einziehen.« Klasse: »Darf man auch zusammenziehen? In eine WG?« Jetzt werden die Verbraucher ausgepackt, kleine ­Stecker mit unterschiedlich hohem Widerstand. Einer für die Beleuchtung im Haus, einer für Fernseher, Computer, Telefon und Handy, einer für den Kühl­ schrank. Die Schüler stecken die Verbraucher in ihrem Haus an und der mit dem Beamer auf eine Leinwand projizierte Stromverbrauch schnellt in die Höhe. Ruck­ zuck ist das Modelldorf bei 397 500 Euro Stromkosten pro Jahr angelangt. Und dabei sind die Häuser noch lange nicht nach deutschem Standard ausgestattet. Fehlen noch Herd, Wasch- und Spülmaschine. »Und eine Heizungspumpe«, wirft Mikal ein. »Wozu das denn?«, brummelt einer auf der anderen Seite. »Also


Fotos: Schrägformat

Viel kostet viel Jeder Stecker symbolisiert Strom­ verbraucher wie Waschmaschine oder Herd.

ich dusch’ schon ganz gerne warm«, kommt die Ant­ wort spitz zurück. Schließlich liegt das namenlose 8000-Seelen-Dorf bei 2 097 500 Euro Stromkosten pro Jahr, den Ver­ brauch der ansässigen Firma nicht mitgezählt. Das be­ eindruckt die Kids dann doch. War doch alles nur die ganz normale Grundausstattung … Dass die Medien­ elektronik in Deutschland ungeschlagen auf Nummer eins der Stromverbraucher steht, wundert hingegen niemanden hier. Die schnell gestartete Umfrage, wer wie viele Fernseher zu Hause hat, findet erst bei vier Geräten pro Familie ein Ende. Zeit für den »EnergieDreisprung«, meint Renate Schwäricke: 1. Energie ein­ sparen, 2. Ausnutzung verbessern, 3. Erneuerbare aus­ bauen. Vereinfachte Spielregeln Das war eine der großen Herausforderungen, denen Peter Satzger beim Entwickeln des BN-Energiespar­ dorfes gegenüberstand. Einerseits sollte das Modell die Situation in einem bayerischen Durchschnittsdorf realistisch abbilden, andererseits musste es so ver­ ständlich und im Wortsinn begreifbar bleiben, dass es Kinder und Jugendliche tatsächlich erreicht. Ungefähr ein Jahr lang hat er in seinem Keller an Idee und Konzept gefeilt, sich immer wieder mit Axel

Auf der Seite »BN aktiv« berichten wir über unsere Aktiven und ihre vielseitigen Naturschutzaktionen in ganz Bayern. Schreiner von der BN-Umweltstation in Wartaweil ab­ gestimmt – alles ehrenamtlich und neben seinem Job als Entwickler bei einem großen Autobauer. Dann hieß es Sägen, Schrauben und Löten und es vergingen noch einmal einige Monate bis der Prototyp endlich stand. Als Satzger und Schreiner schließlich ihren Frauen die Spielregeln erklären wollten, dauerte das eineinhalb Stunden. Da war ihnen klar, sie müssen nochmal ran ans Konzept. Schließlich gab der Erfolg den beiden

aber recht: Das bayerische Wirtschaftsministerium war so überzeugt von dem Prototyp, dass es den Bau und Einsatz drei weiterer Dörfer zu 70 Prozent förderte. Heute sind sie im ganzen Freistaat unterwegs: Etwa 300 Workshops mit rund 7500 Schülern ist die stolze Bilanz von 2016. Die Organisation und Vermittlung des Dorfes an den vier Standorten Bayerns stemmen die örtlichen Kreisgruppen mit sehr viel ehrenamtlichem Einsatz. Dann wird’s politisch Im Katharinen-Gymnasium ist inzwischen die Einsicht gewachsen, dass etwas gegen den hohen Stromver­ brauch unternommen werden muss. Gesagt, getan: Standby immer ausschalten wurde schon diskutiert, und dass ein Haus vier Fernseher braucht, zweifeln ­inzwischen bestimmt auch einige an. Also weiter zu Stufe 2: Die Schüler tauschen ihre Geräte gegen effizi­ entere aus und beobachten auf der Leinwand, wie der Stromverbrauch ihres Dorfes merklich sinkt. Stufe 3: Jetzt wird’s politisch. Zwei Jungs schlüpfen in die Rollen des ersten und zweiten Bürgermeisters, ein anderer wird zum AKW-Betreiber und auch Landwirte, Firmen­ besitzer, Pfarrer und Naturschützer sitzen mit am ima­ ginären Gemeinderatstisch. Renate Schwäricke liefert den Schülern Input zu den einzelnen Rollen, und ein ausgeteiltes Faktenblatt hilft beim Argumentieren. Wie lebhaft sich die Diskussion im »Gemeinderat« entwickelt, erstaunt mich. Freiflä­ chen-Fotovoltaik-Anlage? Klar, machen wir. Windrä­ der? Nur, wenn Landwirte, Anlieger und Naturschützer mitreden dürfen. Biogasanlage? Hm, was kommt da ­eigentlich rein? Zwischendurch werden die Anlagen im Modelldorf angeschlossen, der Zähler für den einge­ speisten Strom tickert immer schneller. Zu Unterrichts­ ende muss Renate die Diskussion fast abwürgen und es gibt mehrere positive Rückmeldungen. So hat das Energiespardorf wieder einmal seinen Zweck erfüllt, das Zusammenspiel von Politik, Technik und dem ­Handeln Einzelner anschaulich zu machen. Weitere Infos zum Energiespardorf: → www.kurzlink.de/energiespardorf

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Naturschutztage an der Elbe

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Foto: BUND

in doppeltes Jubiläum steht an: Vom 29. Sep­ tember bis 1. Oktober lädt der BUND zum zehnten Mal auf die Burg Lenzen zu den Natur­ schutztagen an der Elbe. Weil das Biosphären­ reservat »Flusslandschaft Elbe« in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag feiert, werden die deut­ schen Modellregionen im Mittelpunkt der Ta­ gung stehen. Bei Vorträgen und Workshops wird die Rolle der Biosphärenreservate für eine nach­ haltige Entwicklung beleuchtet. Zudem gibt es Exkursionen in das Rambower Moor (viele Kra­ niche!), die Auenlandschaft der Elbe und in die erste deutsche Arche-Region. Die Naturschutz­ tage an der Elbe richten sich an alle Interessier­ ten. Programm und Anmeldung: → www.bund. net/naturschutztage

Diesel: Schluss mit schmutzig!

itte Juli hat der BUND Klage gegen das Kraftfahrtbundes­ amt erhoben. Ziel ist es, ein Verkaufsverbot für zu viel Stickoxid ausstoßende Diesel-Neuwagen zu erreichen. Der BNund BUND-Vorsitzende Hubert Weiger erklärte dazu: »Jeder neue Diesel-Pkw, der auf der Straße gegen den Grenzwert ver­ stößt, belastet die Menschen zusätzlich mit gesundheitsgefähr­ denden Stickoxiden. Täglich kommen rund 3500 solcher Diesel­ autos neu dazu. Jetzt muss ein Gericht klären, ob die tatsächli­ chen Schadstoffemissionen beim Fahren auf der Straße die auf Prüfständen gemessenen Emissionen überschreiten dürfen.« Die Ende Juni zwischen der Bayerischen Staatsregierung und der Autoindustrie geschlossene Vereinbarung zur Luftreinhal­ tung ist indes das Papier nicht wert, auf dem sie steht. »Um die Luftqualität in den Städten zu verbessern, braucht es keine frei­ willigen Selbstverpflichtungen, sondern den Ausbau eines ­sauberen öffentlichen Verkehrs, die Umrüstung der Taxiflotten sowie die Förderung der Rad- und Elektromobilität«, betont der BN-Landesbeauftragte Richard Mergner.

Klage gegen Gigaliner

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in Bündnis aus Allianz pro Schiene, BUND und Deutscher Umwelthilfe (DUH) will die generelle ­Zulassung von Riesen-Lkw auf deutschen Straßen auf dem Klageweg verhindern. Die zum 1. Januar 2017 vom Bundesverkehrsministerium erteilte Regelzulassung für die mehr als 25 Meter langen Lastwagen verstößt aus Sicht der Verbände klar gegen das EU-Recht. Sie ge­ fährdet die Klimaziele Deutschlands und ist ein nicht abschätzbares Risiko für die Sicherheit aller Verkehrs­ teilnehmer. Drei Viertel der Deutschen sind gegen ­Gigaliner auf unseren Straßen. »Gigaliner sind schlecht für den Klimaschutz und ziehen zusätzliche Investi­ tionen in den Straßenbau nach sich. Gut sind sie nur für die Lkw-Lobby«, erklärte der BN- und BUND-Vorsit­ zende Hubert Weiger. Der BN beteiligt sich finanziell an der Klage.

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Vorrang für Natur statt Pestizide

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m Juni hat das EU-Parlament entschieden, den Einsatz von Pestiziden auf ökologischen Vorrangflächen in der Landwirtschaft zu verbieten. Betroffen sind die fünf Pro­ zent Felder, die größere Ackerbaubetriebe für die Natur ausweisen müssen. Eine gute Nachricht! Im Vorfeld hatte aber Albert Deß, EU-Parlamentarier des Wahlkreises Neu­ markt und Vorsitzender des EU-Agrar­ausschusses, eine unrühmliche Initiative gestartet, um die Entscheidung zu verhindern. Bei einer Protestaktion von Imkern, Bauern und Naturschützern vor Deß’ Büro kritisierte der BN-Lan­ desbeauftragte Richard Mergner die Bemühungen von Deß als »rückwärtsgewandte Politik für die Chemielobby«. Walter Haefeker, Präsident der europäischen Berufsimker, klagte: »Auf 95 Prozent der Ackerfläche bleibt der Einsatz von Pestiziden weiterhin möglich. Ist das für Herrn Deß und seine Klientel nicht genug?« Pestizide sind mit verant­ wortlich für das Bienensterben, die intensive Landwirt­ schaft stellt eine Hauptursache für den Rückgang von Vö­ geln wie Feldlerche, Rebhuhn (Bild) oder Kiebitz dar.

Foto: Wolfgang Willner

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BN kämpft für weitere Nationalparke in Bayern

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Foto: Thomas Stephan

hön und Donau-Auen stehen in der enge­ ren Wahl für den dritten Nationalpark in Bayern. Das beschloss das bayerische Kabi­ nett Mitte Juli. Die beiden Kandidaten sollen in den kommenden Monaten weiter geprüft werden. Der Spessart und der Frankenwald sind damit für die Regierung aus dem Ren­ nen. Die nötige Konzept- und Aufklärungs­ arbeit für einen Waldnationalpark in der Rhön oder einen bundesweit ersten Flussauennati­ onalpark wird der BN konstruktiv begleiten. Aus naturschutzfachlicher Sicht bleiben aber Steigerwald (Bild) und Spessart die Top-Kan­ didaten für den dritten bayerischen National­ park. Der Freistaat hat das landschaftliche Potenzial für mehr als nur einen weiteren ­Nationalpark. Der BN ­appelliert daher an Mi­ nisterpräsident Horst Seehofer, den Weg zur Sicherung eines Welt­ naturerbes »alte Bu­ chenwälder« in Steigerwald und Spessart mit nutzungsfreien Groß­ schutzgebieten weiter­ zugehen und da­mit die Nationalpark­option für beide Regionen nicht zu verbauen.

Stadt, Land, Fluss

Foto: blickwinkel / C. Stenner

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nter diesem Motto tagte der 39. Bayerische Hei­ mattag von 30. Juni bis 1. Juli in Dillingen. Veran­ staltet wird der Heimattag alle zwei Jahre vom Bayeri­ schen Landesverein für Heimatpflege, dem Verband Bayerischer Geschichtsvereine und dem BUND Natur­ schutz. Die drei Verbände beleuchteten dieses Mal das wechselseitige Beziehungsgeflecht der drei Raumkate­ gorien Stadt, Land und Fluss bei Fachvorträgen und ­Exkursionen. Dabei waren sich die Referenten und 150 Teilnehmer einig, dass in den größeren Städten inzwi­ schen ein Bewusstsein für den begrenzten Raum und die Bewahrung des kulturellen Erbes gewachsen ist. Auf dem Land werden allerdings viele Fehler der Ver­ gangenheit wiederholt, die gesichtslose Zersiedelung des ländlichen Raumes wird auch in Zukunft voran­ schreiten. Als besonders wichtig sowohl für die Städte als auch das Land wurden intakte Flüsse hervorgeho­ ben, weshalb ihnen wieder mehr Platz gegeben werden muss.

Zwei Drittel aller Biotoptypen sind gefährdet

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ennen Sie Küstendünen mit Krähenbeeren (Bild)? Nein? Dann sollten Sie sich beeilen. Gut möglich, dass dieser Biotoptyp in Deutschland nicht mehr lange zu erleben ist. Neben Roten Listen für Pilze, Schmetterlinge oder Vögel gibt es auch eine Liste gefährdeter Lebensräume. Ende Mai erschien sie in aktualisierter Form. Das Bun­ desamt für Naturschutz hat darin abgebildet, wie es um die Vielfalt der heimischen Lebensräume steht. Die Antwort lautet: nicht gut.

Exakt 863 Biotoptypen wurden bislang für Deutsch­ land beschrieben, fast zwei Drittel gelten heute als ­bedroht. Dazu erklärt der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger: »Das geht vor allem auf das Konto der inten­ siven Landwirtschaft – ein Ergebnis der verfehlten Agrarpolitik.« Auch der weiterhin hohe Flächenver­ ­ brauch trägt zu der bedenklichen Entwicklung bei. Der BUND fordert deshalb, im Bundesnaturschutzgesetz endlich einen Rechtsschutz für alle bedrohten Biotope zu verankern.

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BN kämpft für einen sinnvollen Landesentwicklungsplan

bruch in der bayerischen Landes­ planung.

Stoppen wir die Betonlawine!

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er Hintergrund: Auf Betreiben von Heimatminister Markus Söder soll der Landesentwicklungs­ plan (LEP) geändert werden. Als wichtigste Änderung würde das so­ genannte Anbindegebot wegfallen, das besagt, dass neue Bebauung nur angrenzend an bestehende Bebau­ ung genehmigungsfähig ist. Ohne diese Regelung wäre einer Zubeto­ nierung der Landschaft Tür und Tor geöffnet. Der BUND Naturschutz hat sich deshalb in einem Brief an alle Landtagsabgeordneten ge­ wandt. »Wir schreiben Ihnen heute in tiefer Sorge um unsere gemeinsa­ Aktiv werden me bayerische Heimat«, heißt es Der bayerische darin. »Wir bitten Sie eindringlich, Landtag stimmt vodiesen geplanten Änderungen des raussichtlich Anfang Landesentwicklungsprogramms 2018 über den Lannicht zuzustimmen.« desentwicklungsZudem hat der BN eine Doku­ plan ab. Auch Sie können handeln: mentation von Gewerbegebieten Machen Sie Druck auf der grünen Wiese zusammenge­ bei Ihren örtlichen stellt, mit der klaren Forderung: Abgeordneten. Stimmen Sie im Landtag gegen die Mehr Infos unter → Lockerung des Anbindegebots. bund-naturschutz. Nach dem Vorschlag von Söder soll­ de/flaechenschutz ten Gewerbegebiete an Abfahrten

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von vierspurigen Straßen gebaut werden können. Wenn zwei Ge­ meinden zusammenarbeiten, dürf­ ten sie irgendwo in der freien Land­ schaft Gewerbegebiete ausweisen. Auch Tourismusprojekte könnten künftig in die Natur gebaut werden. Dabei ist deren unberührte Schön­ heit für die meisten Urlauber der Grund, eine Region überhaupt zu besuchen. Der BUND Naturschutz steht mit seinem Einsatz für das Anbindege­ bot in einer breiten Allianz mit Städ­ tetag, Architektenkammer, Landes­ verein für Heimatpflege und der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. Ebenso hatte sich der Bayerische Bauernverband gegen die Lockerung des Anbinde­ gebots zu Lasten knapper landwirt­ schaftlicher Flächen ausgespro­ chen. In einer Landtagsanhörung im Wirtschaftsausschuss gab es von nahezu allen Experten außer den Vertretern der Wirtschaft und des bayerischen Gemeindetages massi­ ve Kritik an diesem »Turbo für den Landschaftsverbrauch« und Damm­

Foto: Roggenthin

Foto: Klaus Leidorf

Zukunftsvision? Soll es so wie hier an der Autobahnausfahrt Himmelkron künftig an allen Anschlussstellen im Freistaat aussehen? Der neue Landesentwicklungsplan würde das möglich machen.

Foto: Toni Mader

Kleiner Erfolg Der Einsatz des BUND Naturschutz brachte zumindest einen kleinen Erfolg: Zur Abstimmung im Wirt­ schaftsausschuss des Landtags legte die CSU eine kleine Abschwächung des Vorhabens vor: Demnach sollen »wesentliche Beeinträchtigungen des Orts- und Landschaftsbildes« vermieden und nachgewiesen wer­ den, dass es keine an die Siedlung angebundenen Alternativstandorte gibt. Alle Mitglieder der CSU-Frakti­ on und der Freien Wähler stimmten für diesen zwischen Staatsregierung und Fraktion ausgehandelten Kom­ promiss. Die Abgeordneten von SPD und Grünen stimmten dagegen und forderten konsequenteren Flä­ chenschutz. »Dies ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung und eine völlig überfällige, aber nicht ausreichende Korrektur der Söder’schen Abbruch­ arbeiten an einer sinnvollen Lan­ desplanung«, kommentierte dies der BN-Landesvorsitzende Hubert Weiger. Der BUND Naturschutz wird sich weiterhin dafür einsetzen, dass die Landesplanung gestärkt und nicht geschwächt aus dem Gesetzge­ bungsverfahren hervorgeht. Denn noch muss das Plenum im bayeri­ schen Landtag über die Änderung des Landesentwicklungsprogramms abstimmen. Damit kann jeder ­Abgeordnete entscheiden, seine Heimat zu schützen oder der Speku­ lation und dem ruinösen Wettbe­ werb der Kommunen um Gewerbe­ ansiedlungen preiszugeben. Doris Tropper, Richard Mergner

Der Name klingt sperrig, doch hinter dem Begriff »Landesentwicklungsplan« verbirgt sich ein wichtiger Gesetzestext, mit dem man die Schönheit der bayerischen Landschaft entweder bewahren oder zerstören kann. Die Bayerische Staatsregierung versucht derzeit Letzteres.

Die Autoren Doris Tropper ist die stellvertretende Vorsitzende, Richard Mergner der Landesbeauftragte des BUND Naturschutz.


Fakten gegen die dritte Startbahn

Kreisgruppen der Flughafenregion

Fünf Jahre Bürgerentscheid gegen die dritte Start- und Landebahn am Flughafen München: Dies feierten am 16. Juni der BUND Naturschutz und weitere Flughafengegner, die im Aktionsbündnis »aufgeMUCkt« zusammengeschlossen sind. Trotz des gültigen Entscheids geben die CSU und die Münchner Flughafengesellschaft FMG die dritte Bahn nicht auf.

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Foto: Fotolia/emer

ünchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sieht sich an das Bürgervotum gebunden, doch die Staatsregierung kündigte im Juni ein neues Bedarfsgutachten für den Flughafenausbau an. Pas­ send dazu wird versucht, die Bevöl­ kerung mit »alternativen Fakten« zu überzeugen: So behaupten FMG und Finanzminister Markus Söder seit neuestem, die Kapazität des be­

Alles Apfel: Auch in diesem Herbst

veranstaltet die Stadt Traunstein gemeinsam mit dem Landschafts­ pflegeverband Traunstein und der BN-Kreisgruppe einen Apfelmarkt. Am 8. Oktober bieten Erzeuger aus der Region auf dem Stadtplatz wieder frisches Obst, selbst verar­

stehenden Flughafens läge bei le­ diglich 430 000 Flugbewegungen pro Jahr. Doch nennt die FMG in ihren eigenen Anträgen eine Kapa­ zität von 480 000 Flugbewegungen; rechnerisch wären sogar über 540 000 möglich. Angesichts von Klimaschutz und den Grenzen der Belastung in der Region kann das kein Ziel verantwortlicher Politik sein. Real wurden 2016 nur 394 430

beitete Produkte wie Apfelsaft, ­ pfelessig, Obstbrand, Dörrobst A und Vieles mehr an. Die Waren stammen ausschließlich von Streuobstwiesen aus dem Chiem­ gau und dem Rupertiwinkel. Auch Honig von Imkern aus der Region ist erhältlich; zudem kann man Apfel­sorten bestimmen lassen, Obstbäume erwerben und sich zum Streuobstanbau beraten las­ sen. Auch für ein Kinderprogramm und das leibliche Wohl ist gesorgt. Der Markt findet bereits zum 16. Mal statt. Ausgezeichnet: Die Bio-Aktions­

woche der BN-Kreisgruppe Mün­ chen wurde Ende März als beste

Aktion zur Gemeinschaftsverpfle­ gung des Jahres 2016 ausgezeich­ net. Der Preis wird von der Fach­ zeitschrift gv-praxis und der Ham­ burg Messe zur INTERNORGA vergeben. Die Aktionswoche wurde von der BN-Projektstelle Ökologisch Essen zusammen mit 16 Münchener Kantinen veranstal­ tet, darunter solche von DAX-­ Unternehmen, von Ministerien, einem Krankenhaus, der Stadt München und des Studenten­ werks. Verkauft wurden 50 000 Bio-Gerichte, die höchste Anzahl seit Beginn der Aktion vor sechs Jahren. Die beteiligten Betriebe mussten bio-zertifiziert sein und im Aktionszeitraum täglich min­

Foto: gv-praxis, Deutscher Fachverlag GmbH

Mit »Fake News« zur dritten Startbahn?

Flugbewegungen verzeichnet, das bisherige Maximum lag 2008 bei 432 000. Das Wachstum von 2015 auf 2016 ist teuer erkauft durch die sub­ ventionierte Ansiedlung von Flug­ gesellschaften wie beispielsweise Transavia, die heuer München wie­ der verlässt. Schon 2018 rechnet sogar die FMG nur noch mit einem Wachstum von 2 Prozent. Nach wie vor gibt es keinen Be­ darf für eine dritte Start- und Lande­ bahn. Die Gründe dagegen sind zwingender denn je (siehe Kasten). Zum fünften Jahrestag des Bürger­ entscheids sollte die CSU das Votum respektieren und sich endlich von den Ausbauplänen verabschieden. Die Region München hat die Gren­ zen des Wachstums erreicht und braucht keine weitere Startbahn, sondern mehr Lebensqualität. Christine Margraf (as)

Bunter Protest So wie hier bei der Aktion zum Jahrestag des Bürgerentscheids Mitte Juni wird der BN auch weiter mit kreativem Protest auf die Straße gehen, sollte es zu einem erzwungenen neuen Entscheid über den Flughafenausbau kommen.

destens ein Bio-Gericht auf der Karte haben. Für den BN ist die Auszeichnung eine Bestätigung, wie wichtig Bio-Essen in der Ge­ meinschaftsverpflegung ist, und Ansporn zum Weitermachen: »Bio soll auch am Arbeitsplatz so selbstver­ ständlich werden wie zuhause«, so Elisabeth Peters von der Projekt­ stelle.

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NATURNOTIZEN AUS OBERBAYERN

Foto: Manfred Drobny

Klimawandel: mehr klimaschädliche CO2-Emission. Gesundheitsgefährdung: mehr gesundheitsschädliche Stickoxide, Lärm und Feinstaub in der Region Naturzerstörung: Eine weitere Start- und Landebahn im Erdinger Moos würde mehr als 300 Hektar fruchtbaren Bodens versiegeln und den Rückgang der Artenvielfalt beschleunigen. Am Bedarf vorbei: Die meisten Flugbewegungen am Münchner Flughafen gab es 2008 mit rund 432 000. 2016 waren es nur rund 394 430. Weitere Infos: www.dritte-startbahn-stoppen.de


Kreisgruppe Bad Kissingen

Biberplattform im Sinntal eröffnet

Foto: Elisabeth Assmann

Im Sinntal am Stadtrand von Bad Brückenau informiert ein neuer L­ ehrpfad darüber, wie der Biber sich und anderen Tier- und Pflanzen­arten neue Lebens­ räume schafft und dabei zu einer natürlichen R ­ enaturierung der Aue beiträgt.

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ine der Hauptattraktionen ist die Anfang Mai eröffnete Biberplatt­ form – eine Art Holzbalkon in Form einer Biberkelle. Sie bietet einen weiten Ausblick über die Wasser­ welt des Bibers. Hier steht das ­Erlebnis der von ihm geschaffenen Landschaft und seiner Spuren im Vordergrund. Im 25 Kilometer ent­ fernten Wildpark Klaushof kann

Foto: Steffen Jodl

NATURNOTIZEN AUS UNTERFRANKEN

Biberwildnis ­beobachten … … das können Besucher des neuen Lehrpfades in Bad Brückenau.

Skandalös: Mitte Mai, also mitten

in der Brutzeit, sind im Auftrag der Gemeinde bei Kist im Landkreis Würzburg gleich mehrere Streu­ obstbäume gerodet worden (siehe Bild). Offensichtlich standen sie der für einen neuen Discounter geplanten Abbiegespur im Wege. Der BN hat öffentlich gegen diesen

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der Biber zudem in einem natur­ nahen Freigehege mit begehbarer Biberburg ganz aus der Nähe ­beobachtet werden. Eine derartige Kombina­tion aus beobachtender Freiland- und aktiver Wildpark-­ Erlebnismöglichkeit für Besucher jeden Alters existierte bisher in ­Bayern noch nicht.

skandalösen Verstoß der Gemein­ de gegen ihre verfassungsrecht­ liche Verpflichtung zum Lebens­ raum- und Landschaftsbildschutz protestiert. Hier dürfen sich die staatlichen Behörden keinesfalls mit ein paar symbolhaften Ersatz­ pflanzungen zufriedengeben! Ein Herz für die Au: Gemeinsam mit der Bürgerinitiative (BI) »Er­ halt der Nordheimer Au« kämpft der BN gegen den geplanten Sandund Kiesabbau im ökologisch und touristisch bedeutenden Altmain­ gebiet. Am Rand intensiv genutz­ ter Weinlagen befinden sich Reste ehemaliger Streuobstflächen. Ent­ gegen der in den eingereichten

Natur + Umwelt BN-Magazin [3-17]

Das Projekt »Die Welt des Bibers beobachten und erleben« konnte der BN aufgrund der Förderung durch den Bayerischen Natur­ schutzfonds zusammen mit den Freunden des Wildparks Klaushof und dem Landkreis Bad Kissingen durchführen. Der jetzt eingeweihte Biberlehrpfad soll sich zusammen mit dem bereits eröffneten Biber­ freigehege im Wildpark Klaushof zu einem zentralen Informationsange­ bot für diese prominente Tierart entwickeln. Basis für das Sinntalprojekt war das im Jahr 2000 von der BN-Kreis­ gruppe Bad Kissingen erarbeitete Entwicklungs- und Pflegekonzept für eines der längsten, noch weitge­ hend intakten Bachökosysteme ­Bayerns. Herzstück des Projektes sind zehn Hektar vom Biber gestal­ tete Wildnisflächen südwestlich des Staatsbades Bad Brückenau. Das Gelände hat sich zu einer Oase für viele bedrohte Tierarten entwickelt und wird nun durch den Lehrpfad und die Aussichtplattform zu einem überregionalen Anziehungspunkt für Naturinteressierte und Kurgäste. Kai Frobel (ht)

Genehmigungsunterlagen be­ haupteten Artenarmut wurden dort bisher mehr als 250 Tier- und Pflanzenarten erfasst. BN und BI wollen erreichen, dass das Gebiet in das angrenzende NaturaSchutzgebiet integriert wird und Einheimische sowie Touristen dort weiterhin Natur erleben können. Demo: Bei der Antragskonferenz

der Bundesnetzagentur in Bad Kis­ singen haben Mitte Mai zahlreiche Umweltschützer mit Trillerpfeifen und Plakaten gegen den Ausbau der Stromtrasse Südlink protes­ tiert. Die von Nord nach Süd ge­ plante Stromautobahn wurde vom Kreisgruppenvorsitzenden Franz

Zang als »Sackgasse für die Ener­ giewende« angeprangert. Für längst überfällig hält der BN die gleichberechtigte Prüfung einer dezentralen Energieversorgung. Baumschutzverordnung: Während

Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf 2016 eine landesweite ­Kampagne für mehr Grün in den Städten gestartet hat, hat der Stadtrat von Schweinfurt kürzlich beschlossen, die gültige Baum­ schutzverordnung aufzuheben. Der BN sieht darin eine völlig un­ angemessene Reaktion auf einige wenige Vollzugsprobleme und ein völlig falsches Signal an alle privaten Baumbesitzer.


Mega-Kreisel Mit 70 Metern Durchmesser, sechs Anschlüssen und einem Bypass für die B 85 ist der neue Kreisverkehr bei Patersdorf für 22 000 Fahrzeuge pro Tag ausgelegt, obgleich die Verkehrsdichte seit Jahren rückläufig ist.

Foto: Heinrich Inkoferer

Grund zur Freude: Den gab es beim traditionellen Donaufest Ende Mai in Niederalteich, denn im neuen Bundesverkehrswege­ plan ist der sanfte Ausbau der Donau zwischen Straubing und Vilshofen, ohne Kanal und Stau­ stufe, festgeschrieben. Nach die­

Kreisgruppe Regen-Viechtach

Gigantomanie im Bayerischen Wald Mehr als vierzig Jahre alt sind die Planungen für den Ausbau der Bundesstraße 11 im Landkreis Regen. Nun sollen die letzten Teilstücke des Mammutprojekts ­fertiggestellt werden. Die Kreisgruppe Regen des BUND Naturschutz fordert, die Konzeption grundsätzlich zu überdenken.

Rückgang der durchschnittlichen Tagesverkehrsdichte abgezeichnet. Die Prognose lässt zudem weitere Einflussfaktoren unberücksichtigt, wie die demografische und wirt­ schaftliche Entwicklung, Umwelt­ aspekte sowie weitere Straßen­ bauplanungen im Umfeld. Weiter hinterfragen die Naturschützer die Objektivität der Umweltverträglich­

sem Erfolg haben die Naturschüt­ zer aber schon das nächste Ziel im Visier, so der Deggendorfer BNKreisvorsitzende Georg Kestel, der durchs Programm führte: Der nie­ derbayerische Donauraum soll Unesco-Welterbe werden! Für eine entsprechende Bewerbung spra­ chen sich auf der Ver­ anstaltung neben Fest­ redner Johann Böhm, ehemaliger Landtags­ präsident und Vorsit­ zender des Landesver­ eins für Heimatpflege, auch der Bundestags­ abgeordnete und Staatssekretär im Bun­ desumweltministerium

keitsprüfung, denn die drei zusam­ menhängenden, aber nacheinander realisierten Bauabschnitte, werden nicht in ihrer Gesamtheit, sondern isoliert »geprüft«. Annemarie Räder (as) Ausführliche Stellungnahme und weitere Infos unter → regen.bund-naturschutz.de

Florian Pronold (SPD) und der bayerische BN-Vorsitzende Hubert Weiger aus. Widerstand gegen Westtangente:

Obwohl sich die Landshuter schon 2012 gegen eine Westumfahrung der Stadt entschieden hatten und der verkehrstechnische Nutzen fraglich ist, startete der konserva­ tiv-bürgerliche Block des Stadtrats zu Jahresbeginn erneut ein Bür­ gerbegehren für die umstrittene »Entlastungsstraße«. Als Antwort darauf formierte sich Ende März, unterstützt von der BN-Kreis­ gruppe, die neue Bürgerinitiative »Pro Lebensraum Isarau und Flut­ mulde – contra Westtangente«. Mit

ihrem gleichnamigen Bürger­ begehren will sie die Auen als ­Lebens- und Erholungsraum er­ halten. Weiter bezweifeln die Geg­ ner den Entlastungseffekt und die Finanzierbarkeit der Straße. Die für ein Bürgerbegehren notwen­ dige Anzahl von mindestens 3500 Unterschriften war bei Redakti­ onsschluss bereits weit übertrof­ fen. Parallel zur Bundestagswahl werden nun beide Bürgerbegeh­ ren den Landshuter Bürgern zur Entscheidung vorgelegt. Bis dahin will die Bürgerinitiative Mehrheit der Wählerschaft überzeugen, sich bei der Abstimmung für die Natur und Naherholung in der Au zu entscheiden.

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NATURNOTIZEN AUS NIEDERBAYERN

ie bereits ausgebauten Ab­ schnitte der B11 im Landkreis Regen zeichnen sich durch einen Hang zum Größenwahn aus, wie der Ende Mai eröffnete Kreisverkehr bei Patersdorf deutlich zeigt. Nun soll der Ausbauwahnsinn mit der Verle­ gung der Bundesstraße als »Orts­ umfahrung Schweinhütt« zwischen Regen und Zwiesel fortgesetzt wer­ den. Für das 2,6 Kilometer lange Teilstück läuft derzeit das Planfest­ stellungsverfahren, umgesetzt wer­ den soll der Bau in drei Abschnitten. Bei Kosten von zehn Millionen Euro liegt der Zeitgewinn für Autofahrer bei gerade einmal neun Sekunden. Die Kreisgruppe Regen kritisiert in ihrer Einwendung insbesondere, dass die Ausbaupläne auf einer ver­ alteten und überdimensionierten Verkehrsprognose für 2030 basie­ ren, welche auch für die Einstufung in den »vordringlichen Bedarf« des Bundesverkehrswegeplans heran­ gezogen wurde. Weil aktuelle Daten aus dem Jahr 2015 noch nicht ausge­ wertet waren, dienten Verkehrszäh­ lungen von 2005 als Grundlage. Dabei hatte sich bereits 2010 ein

Foto: Fabian Preuß

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Kreisgruppe Coburg

Flächenerwerb im und am Grünen Band In einem neuen bayerisch-thüringischen Naturschutzgroßprojekt sollen zahlreiche wertvolle Lebensräume vernetzt werden. Das Grüne Band fungiert dabei als eine Art Rückgrat.

Foto: Stefan Beyer

Vernetzen Auf dieser Ankaufsfläche bei Autenhausen wurde das Esparsetten-Widderchen nachgewiesen, das auch im Grünen Band vorkommt.

NATURNOTIZEN AUS OBERFRANKEN

ereits vergangenes Jahr sicherte der Zweckverband Grünes Band 31 Hektar Fläche für das neue Pro­ jekt. Ein besonders wichtiger Flä­ chenankauf gelang im bayerischen Naturschutzgebiet Althellinger Grund. Auf der rund 2,5 Hektar gro­ ßen ehemaligen Ackerfläche mit Magerrasen und Hecken finden sich Arten wie der Wendehals, das

Autofrei: Am 21. Mai fand im

Weißmaintal im Landkreis Kulm­ bach zum fünften Mal der auto­ freie Sonntag statt. Etwa 8000 Teil­ nehmer waren mit dem Fahrrad auf der neun Kilometer langen ­autofreien Strecke unterwegs. Die­ ses Mal gab’s am Stand der Kreis­ gruppe Eis direkt vom Bauernhof in Tiefenklein. Veranstalter waren der Landkreis Kulmbach, die Ge­ meinden Trebgast und Ködnitz sowie die Kreisgruppe des BN. Naturzufluchten: Mit dem Projekt »Natur verbindet« schafft die Kreisgruppe Bamberg seit Som­ mer 2016 vielfältige Gelegenheiten zur Begegnung zwischen Geflüch­

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­ sparsetten-Widderchen und der E Kreuzenzian. Die Grünlandflächen werden nun extensiv bewirtschaftet, um eine Ausbreitung der typischen Tier- und Pflanzenarten der Mager­ rasen zu ermöglichen. Für das ­Esparsetten-Widderchen stellt die erworbene Fläche einen wichtigen Trittstein zwischen ihren Vorkom­ men in Bayern und Thüringen dar.

teten und Einheimischen. Bei Na­ turspaziergängen, beim Pressen von Apfelsaft oder beim Anlegen von Kräuterbeeten entstehen neue Kontakte. In diesem Sommer wird zudem ein Filmprojekt durchge­ führt, bei dem geflüchtete und deutsche Jugendliche ins Bild set­ zen, was Natur für sie bedeutet. Das Projekt möchte durch posi­ tive Erlebnisse in der Natur den geflüchteten Menschen ein kleines Stück über die traumatisierenden Erfahrungen von Krieg, Vertrei­ bung und Flucht hinweghelfen, neue Verwurzelung schaffen und die Wertschätzung für die Natur fördern.

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Weitere Informationen: → www.ngpr-gruenes-band.de

Sauber! Müll gehört nicht in die Landschaft und schon gar nicht ins »Flussparadies Franken«. Trotzdem fanden die ehrenamtli­ chen Helfer der BN-Kreisgruppe, der Royal-Rangers-Pfadfinder und der Gruppe der Offenen Behinder­ tenarbeit Bamberg bei der ge­ meinsamen Müllsammelaktion »Mein Main muss sauber sein« im

Foto: Kreisgruppe

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Träger des zehn Jahre dauernden, grenzüberschreitenden Natur­ schutzgroßprojekts »Grünes Band Rodachtal – Lange Berge – Steinach­ tal« ist der gleichnamige Zweck­ verband, der aus den Landkreisen Coburg, Kronach, Hildburghausen und Sonneberg besteht. Dieser wird finanziell und fachlich durch den BUND mit seinen Landesverbänden in Thüringen und Bayern sowie den Landesbund für Vogelschutz (LBV) unterstützt. Hauptförderer sind das Bundesumweltministe­ rium, der Bayerische Naturschutz­ fonds sowie die Freistaaten Bayern und Thüringen. Das insgesamt 8207 Hektar große Fördergebiet schließt einen 126,5 Ki­ lometer langen Abschnitt des Grü­ nen Bandes ein. Von dort aus wei­ sen die Flusstäler von Rodach und Steinach sowie der Muschelkalkzug der Langen Berge als Quervernet­ zungsachsen sowohl nach Thürin­ gen als auch nach Bayern. Der Landschaftsraum zeichnet sich ins­ besondere durch landesweit ­bedeutsame Kalkhalbtrockenrasen, nährstoffarme Flachland-Mäh­ wiesen, Zwergstrauchheiden, natur­ nahe Wälder, kulturhistorisch be­ deutsame Mittelwälder, Feucht- und Nassgrünland mit strukturreichen Fließgewässern und naturnahe ­Teiche und Moore aus. Stefan Beyer (ht)

März Glasflaschen, Autoreifen, Dosen, Kanister und viel Plastik­ material (siehe Bild). Im Einsatz­ gebiet des Schönbrunner Biotops, das eine direkte Verbindung mit dem Main hat, staunte man einer­ seits über eine riesige Biberburg sowie die reichhaltige Frühlings­ flora und andererseits darüber, dass es immer Leute gibt, die ihren Wohlstands­ müll trotz gut funktionie­ render Müll­ entsorgung in der Land­ schaft hinter­ lassen.


Kreisgruppe Schwandorf

Oberpfalz engagiert sich für das Naturgut Wasser

Nachgeprüft: Auf Ausgleichsflä­

chen soll die Natur bei Eingriffen wie etwa Bebauung im Zuge einer ökologischen Aufwertung eine neue Chance erhalten. Anfang April konnten sich mehrere Orts­ gruppen bei einem Informations­ abend der BN-Kreisgruppe Re­ gensburg darüber informieren, wie sie diesem Ziel in ihren Ge­ meinden Nachdruck verleihen können. Vorreiter war die Orts­ gruppe Pettendorf, die bereits 2014 eine Überprüfung örtlicher Aus­ gleichsflächen durchgeführt hatte. Daraufhin fasste die Gemeinde dort nach, wo Ausgleichsflächen nicht angelegt oder falsch gepflegt worden waren und die zuständi­

Früh übt sich BN-Betreuer Hermann Birnthaler mit einer Schulklasse am nachgebauten Amphibienübergang.

flächen und dem Vorkommen von Amphibien. In einem Landschafts­ modell lernten die Dritt- und Viert­ klässler die verschiedenen Lebens­ räume von Erdkröten und ihre ­dazwischenliegenden Wege kennen. Zudem konnten die Schüler vor dem Gehöft an einem simulierten Krötenübergang mit Schutzzäunen die Betreuung einer solchen Ein­ richtung spielerisch nachstellen. Darüber hinaus wächst in der ­gesamten Oberpfalz die Erkenntnis, dass das Thema Wasser ein ver­ stärktes Engagement erfordert. Im

gen Bauträger besserten entspre­ chend nach. Rege Diskussion: Zahlreiche

Baum- und Gehölzrodungen in der Stadt Weiden hatten im ver­ gangenen Winter Empörung aus­ gelöst. Grund genug für die BNOrtsgruppe Weiden, zusammen mit dem Landesbund für Vogel­ schutz (LBV) Ende April einen ­Informationsabend dazu zu veran­ stalten, zu dem auch Verantwort­ liche aus den zuständigen Ämtern eingeladen waren. Es entfaltete sich eine rege Diskussion um die verschiedenen Hintergründe der Fällmaßnahmen. Naturschutz­ verbände und Behörden verein­

April 2017 startete die Regierung der Oberpfalz für den gesamten ­Regierungsbezirk die Aktion Grund­ wasserschutz. Der BUND Natur­ schutz wird den Erfolg dieser Akti­ vitäten daran messen, ob der dauer­ hafte Schutz dieser lebenswichtigen Ressource endlich nachhaltig ge­ währleistet wird. Reinhard Scheuerlein (ht)

Mehr Infos zur Aktion Grundwasserschutz unter → www.regierung.­ oberpfalz.bayern. de/leistungen/­ wasser/grundwasserschutz

Foto: BN

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und 2200 Schüler besuchten die 17 Stationen der Ausstellung. Sie erfuhren dort nicht nur, wie wichtig Wasser für Mensch und Natur ist, sondern auch, wie sie selbst zum nachhaltigen Umgang mit dem wertvollen Element beitragen kön­ nen. In dieser Form ist die »Welt­ wasserwoche« des Landkreises Schwandorf nach Angaben der Ini­ tiatoren bayernweit einmalig. Neben anderen Verbänden und Behörden war auch diesmal wieder der BUND Naturschutz mit einem attraktiven Informations- und ­Mitmachangebot dabei. In einem historischen Gehöft erläuterten die BN-Ehrenamtlichen unter Leitung von Hermann Birnthaler die Zu­ sammenhänge zwischen Wasser­

barten verstärkte ­Be­mühungen, um das öffentliche ­Bewusstsein für die ­Bedeutung des Baumbestandes im Stadtgebiet zu för­ dern. Protest: Am 17. Mai fanden sich

zur Antragskonferenz für die Hochspannungsleitung Südostlink in Weiden über 100 Aktive aus der nördlichen Oberpfalz und aus dem östlichen Oberfranken zu­ sammen (siehe Bild). Darunter waren auch zahlreiche Vertreter der BN-Kreisgruppen Neustadt a.d. Waldnaab-Weiden und

­ irschenreuth. Sie protestierten T gegen dieses Mammutvorhaben, auch wenn die geplanten Leitun­ gen nun erdverkabelt werden ­sollen. Damit bekräftigten sie die Auffassung, dass dieses Projekt zur Zementierung der klimaschädli­ chen Stromerzeugung aus Kohle dient und eine klima- und um­ weltgerechte Energiewende aus­ bremst.

[3-17] Natur + Umwelt BN-Magazin 

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NATURNOTIZEN AUS DER OBERPFALZ

Foto: BN

Im Mai fand bereits zum 18. Mal die Weltwasser­ woche bei Nabburg statt. Der BUND Naturschutz beteiligte sich mit einem Beitrag zum Thema ­Amphibien an der Veranstaltung. Auch auf höherer Ebene rückt das Thema Wasser verstärkt in den Blickwinkel.


Foto: Johann Zimmermann (zimmermannphotography.com)

Ein Idyll steht auf dem Spiel Mit einer Morgenstimmung wie ­dieser dürfte es im Pfuhler Ried vorbei sein, wenn die Bundesstraße ausgebaut wird, ­fürchtet der BUND Naturschutz.

Kreisgruppe Neu-Ulm

Keine Autobahn durchs Pfuhler Ried! Bundesverkehrsminister Dobrindt will die Bundesstraße 10 bis ­Neu-Ulm autobahngleich ausbauen. Der BUND Naturschutz fordert dagegen die Ausbaupläne deutlich zu reduzieren. Die Neu-Ulmer ­sollen vor mehr Lärm und Schadstoffen geschützt und ihr Nah­ erholungsgebiet bewahrt werden.

NATURNOTIZEN AUS SCHWABEN

as Pfuhler Ried an der südöstli­ chen Stadtgrenze von Neu-Ulm war Jahrhunderte lang ein Naturidyll. Besonders Wiesenbrüter wie der große Brachvogel, die Bekassine oder der Kiebitz fühlten sich in dem Niedermoorgebiet wohl. Doch ­Siedlungsbau, Landwirtschaft und neue Straßen ließen die naturnahen

Ökologische Siedlungsentwicklung: Der Siedlungsdruck nimmt

auch im Raum Augsburg massiv zu. Daher will die BN-Kreisgruppe Augsburg zusammen mit dem ­Institut für Stadt, Mobilität und Energie, Stuttgart, unter Projekt­ leitung von Professor Wolfgang Rid ermitteln, wie und wo aus öko­ logischer Sicht der Bedarf an Wohnraum durch eine verdichtete Bebauung gedeckt werden kann. Dabei spielen Boden- und Biotop­ schutz ebenso eine Rolle wie die Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr. Ende 2017 sollen die Ergebnisse vorgestellt werden. Für das Projekt werden noch ehren­ amtliche Helfer gesucht. Interes­

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Bereiche schrumpfen. Der verblie­ bene Rest wurde 1998 unter Land­ schaftsschutz gestellt. Bis heute nut­ zen Kiebitz, Wiesenschafstelze und Feldlerche das Ried als Brutplatz, viele Zugvögel wie der Kranich ras­

senten erreichen die Kreisgruppe unter Tel. 08 21-3 76 95 oder per E-Mail an: bn_kg_augsburg@augustakom.net Wechsel im Vorstand: Nach 21 Jah­

ren hat Rudi Schubert das Amt des Vorsitzenden der BN-Kreisgruppe Donau-Ries abgegeben. In dieser Zeit verwirklichte die Kreisgruppe viele große Naturschutzprojekte. Den Vorsitz übernahm nun Schu­ berts bisheriger Stellvertreter ­Alexander Helber. Der Tapfheimer managt seit Jahren ehrenamtlich eines der größten Naturschutz­ projekte des BN rund um die Mer­ tinger Höll. Schubert unterstützt Helber weiterhin als sein Stellver­

Natur + Umwelt BN-Magazin [3-17]

treter. Beistand be­ kommen die Kreis­ vorsitzenden durch Michaela Schneller, die sich als neue Ge­ bietsbetreuerin des BN im südlichen Donau-Ries-Kreis um Brachvogel und Kiebitz kümmert. Riedberger Horn:

Foto: Thomas Frey

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ten dort, und für die Neu-Ulmer ist es ein beliebtes Naherholungs­ gebiet. Nun wollen Bund und Land die bestehende zweispurige B 10 von der Autobahnanschlussstelle der A 7 bis an das Ortsschild von Neu-Ulm auf einen Querschnitt von 31 Metern ­erweitern. Dieser autobahngleiche Ausbau soll unter anderem die ­Autobahnen A 7 und A 8 entlasten, hätte aber eine extreme Verkehrs­ zunahme zur Folge, und somit mehr Lärm und Schadstoffe im Stadtge­ biet von Neu-Ulm und im Pfuhler Ried. Mit zwölf Hektar Boden allein für die Haupttrasse ist der Flächen­ bedarf enorm. Hinzu kommen ­Flächen für Auf- und Abfahrten, landwirtschaftliche Begleitwege und Zufahrtstraßen. Während der BN seit Beginn der Planungen einen maßvollen Ausbau der B10 fordert, beharren das ­Straßenbauamt Krumbach, die Re­ gierung von Schwaben und das Bundesverkehrsministerium auf dem autobahngleichen Ausbau. Mit Unterstützung der Bürgerinitiative zum Erhalt des Pfuhler Riedes ­versucht der BN nun, diesen ver­ kehrstechnischen Unfug und Natur­ frevel vor Gericht zu stoppen. Thomas Frey (as)

Etwa 80 BN-Aktive aus Schwaben nahmen Ende Mai an einer Exkur­ sion auf das Riedberger Horn teil und informierten sich vor Ort über Naturraum, Biotope, Geologie sowie die politische und rechtliche Lage des geschützten Gipfelge­

biets. Der BUND Naturschutz wird alle rechtlich möglichen Schritte nutzen, um das Riedberger Horn vor der geplanten Erschließung mit Liften und Skipisten zu bewah­ ren.


Kreisgruppe Höchstadt-Herzogenaurach

Wer Straßen sät ...

Trotz bereits bestehender vierspuriger Nordumgehung nimmt der ­Verkehr durch Niederndorf/Neuses ständig zu. Deshalb will der ­Herzogenauracher Stadtrat eine zusätzliche Südumgehung bauen. ­ Der BN wehrt sich gemeinsam mit einer neu gegründeten Initiative gegen dieses Vorhaben.

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­ ukunft realisierbar sind, von Park& Z Ride-Plätzen mit Shuttlebussen bis hin zu modernen urbanen Trans­ portsystemen. Auch die ansässigen weltbekannten Firmen müssen An­ reize für den Umstieg bieten. Helmut König (ht)

Kreisgruppe ist das Scheitern der LGS kein ökologischer Verlust. Alternative: Anfang 2016 hat das

Bündnis gegen den kreuzungsfrei­ en Ausbau des Frankenschnell­ weges, dem auch der BN angehört, ein Leitsystem für den Verkehr in und um Nürnberg vorgeschlagen. Im Mai 2017 wurde nun eine weitere Alter­ native vorgestellt: Die Umwandlung des Franken­ schnellweges in einen vierspurigen Stadt-Boulevard »Frankenweg« mit

Weitere Infos: → www.hoechstadtherzogenaurach. bn.de → www.herzo-suedbewahren.de

baulicher Stadtreparatur zur In­ nenentwicklung zwischen St. Le­ onhard und Gostenhof. Studieren­ de der Technischen Hochschule Georg-Sigmund-Ohm stellten teil­ weise hervorragende Entwürfe vor. Diese bestechen durch das Primat der Stadtplanung vor dem Ver­ kehrsingenieurwesen und die Möglichkeit, künftig etwa 6000 Neubürger in dem betroffenen Be­ reich altstadtnah unterzubringen. Sollte dagegen der Franken­ schnellweg Realität werden, könn­ te dort schon aus Lärmschutz­ gründen keine Innenentwicklung mehr stattfinden. Die Stadt hält derweil weiter an ihrer Dinosau­ rierplanung fest.

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NATURNOTIZEN AUS MITTELFRANKEN

ren. Demos, Wanderungen entlang der Planroute, Vorträge, Presse­ arbeit, Fernsehauftritte und Info­ stände werden in wöchentlichen Abständen organisiert. Der BN fordert, den öffentlichen Nahverkehr in der Region massiv auszubauen. Dazu existiert bereits eine Reihe von Möglichkeiten, die schon heute oder in absehbarer

den Planungen mitzuwirken. Als der Bürgerentscheid feststand, wurden die Planungen gestoppt, mit Ausnahme des von BN und LBV geforderten artenschutzfach­ lichen Gutachtens (dessen Ergeb­ nis bei Redaktionsschluss noch nicht vorlag). Aus Sicht der BN-

Foto: Herbert Fuehr

Abgelehnt: In Erlangen wird es 2014 keine Landesgartenschau (LGS) geben. Beim Bürgerent­ scheid am 7. Mai stimmten 69,3 Prozent gegen die Veranstaltung. Die Bürgerinitiative, die den Ent­ scheid herbeiführte, hatte vor allem ökologische Bedenken gegen die LGS. Auch die BN-Kreis­ gruppe hatte Zweifel geäußert. Sie befürchtete vor allem ökologische Verschlechterungen auf der sen­ siblen Wöhrmühlinsel (siehe Bild), da dort geschützte Flächen für die Nutzung freigegeben werden ­sollten. Um das Schlimmste zu verhindern, war die Kreisgruppe ebenso wie der Landesbund für Vogelschutz (LBV) aber bereit, an

Protestaktion Die Luftballons ­demonstrieren, welche Dimensionen der geplante Straßendamm ­annehmen würde.

Foto: Kreisgruppe

ie geplante, etwa sechs Kilome­ ter lange Umgehungstraße führt in weitem Bogen durch Land­ schaftsschutzgebiete sowie Biotope und überspannt Täler mit bis zu 200 Meter langen Brücken. Sie würde mindestens 23 Hektar Fläche ver­ schlingen und den Lebensraum vie­ ler Tiere, insbesondere streng ge­ schützter Grau- und Mittelspechte, zerstören. Kleinere Ausbaustufen, die bereits eine Verkehrsreduzie­ rung bewirken könnten, werden bisher vom Stadtrat abgelehnt. ­ Man will die große, naturzerstören­ de Lösung. Dass neue Straßen aber immer mehr Verkehr bringen, ist heutzutage kaum mehr zu wider­ legen. Der BUND Naturschutz protes­ tiert gegen das Bauvorhaben, weil es ein Frevel an der Natur ist und mög­ licherweise die geplante Stadt-Um­ land-Bahn finanziell wie funktionell wieder in Frage stellt. Die Ortsgrup­ pe Herzogenaurach mit der Kreis­ gruppe und der im Frühsommer 2017 gegründeten Initiative »Herzo­ SüdBewahren« unternimmt alles, um die Bevölkerung zu sensibilisie­


Zwischen Feldküche und Feldhamster

09 41-2 97 20 42, bildungswerk@bund-naturschutz.de

Sitzungen leiten

Für Biber- und Libellenfreunde

An Sitzungen führt in einem Verein kein Weg vorbei. Sie können notwendiges Übel oder erfreuliche Treffen mit guten Ergebnissen sein. Ein Praxistag, den das BN-Bildungswerk zusammen mit der BUND Akademie anbietet, ­vermittelt die Kenntnisse für das erfolgreiche Leiten von ­Sitzungen. ▶ Würzburg, 13. Oktober 2017; Kontakt: BUND Naturschutz Bildungswerk Regensburg, Tel.

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Bei zwei Fachtagungen bietet sich für Artenkenner, Biberfachleute und Libellenspezialisten die Gelegenheit, sich mit Kollegen auszutauschen, die neuesten Forschungsergebnis-

Natur + Umwelt BN-Magazin [3-17]

Foto: Wolfgang Willner

BIBER & LIBELLEN

Foto: Klaus Isberner

as schmeckt gut, wächst in der Region, ist bio und nutzt auch Feldhamster Fridolin? Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, findet sie auf der Main­ frankenmesse an den Infoständen des BUND Natur­ schutz Würzburg und seiner Kooperationspartner Bay­ erischer Hotel- und Gaststättenverband, Bayerischer Bauernverband, Bio-Regionalvermarkter und Slow Food. Auf der Kochbühne präsentieren Profi-Köche Re­ zepte aus Franken. Mit regionalen Zutaten zaubern sie abwechslungsreiche Gerich­ te, die auch gleich als Kost­ proben verteilt werden. 100 Prozent bio – fast immer aus der Region – ist dabei selbst­ verständlich. Tipps und An­ regungen für zu Hause gibt es selbstverständlich auch. Experimentierfreudige Hobbygärtner, die lila Kar­ toffeln im eigenen Garten anbauen wollen oder Saat­ gut in Bioqualität suchen, werden ebenfalls auf ihre Kosten kommen. Die Kreis­ gruppe Würzburg informiert an den Messeständen zu­ sammen mit Regionalvermarktern über die ganze Viel­ falt der regionalen Bioproduktion. Und Fridolin, der kleine Feldhamster? Der ist die Hauptfigur der Feld­ hamsterausstellung und freut sich über Besucher, die sich für ihn, den Bioanbau und gesundes Essen aus Franken begeistern lassen möchten. ▶ Messegelände Würzburg, 30. September – 8. Oktober 2017; Kontakt: BUND Naturschutz Ökohaus Würzburg, Tel. 09 31-4 39 72, info@bn-wuerzburg.de

Foto: Fotolia/JürgenL

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Von wilden Bienen

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ildbienen haben ebenso wie Hummeln und ­Hornissen wichtige Funktionen im Haushalt der Natur. Die Kreisgruppe Fürstenfeldbruck widmete an­ lässlich ihres 40-jährigen Bestehens den Bestäubern ihre Aufmerksamkeit. Es gab eine Wildbienenausstel­ lung, Führungen für Schulen und Kindergärten, eine Wildbienenschulung für Lehrer und Umweltpädago­ gen zusammen mit dem BN-Bildungswerk sowie einen Wildbienenfachtag. Die Ausstellung widmet sich der Lebensweise der Wildbienen und zeigt auch Schutz­ möglichkeiten wie Nisthilfen für den Garten. Anke Simon, Brigitte Thema und Holde Tietze-Härtl haben eine Vielzahl von Schulklassen durch die Aus­ stellung geführt, mit dem erfreulichen Ergebnis, dass die Schülerinnen der 7. Klasse der Mittelschule Eichen­ au eine große Nisthilfe für Wildbienen gebaut haben. Die an die Schule angrenzende Wiese soll in Zukunft ausgemagert werden, so dass die Schüler in Zukunft die Wildbienen beim ihrem Brutgeschäft beobachten kön­ nen. In der Reihe »Entdecke dein Naturtalent« erkun­ deten 20 begeisterte Teilnehmer in Feld und Flur die Welt der Wildbienen. Die Ausstellung ist inzwischen weitergewandert und heuer noch im Haus im Moos und in der Jugend­ bildungsstätte Babenhausen zu sehen. ▶ Kontakt: Kreisgruppe Fürstenfeldbruck, Tel. 0 81 41-69 67, fuerstenfeldbruck@bund-naturschutz.de

se zu diskutieren und nützliche Tipps und Praxisbeispiele kennenzulernen. Die traditionelle Biberfachtagung findet am 16. November im Haus im Moos statt. Die bayerischen Libellenkundler treffen sich am 25. November in Augsburg. ▶ Kontakt: BN-Artenschutzreferat Nürnberg, Dr. Kai Frobel; Tel. 09 11-8 18 78-19, kai.frobel@ bund-naturschutz.de

Artgerechte Schweinehaltung

Wir alle kennen die Bilder von Schweinen auf Spaltenböden, ebenso wie die Preise für Bil-

ligfleisch im Supermarkt. Dass es auch anders geht, zeigen ­erfolgreiche Projekte wie das »Strohschwein«. Die Haltung auf Stroh unterstützt das ­natürliche Wühlverhalten der Schweine und beugt Aggres­ sivität und Gelenkverletzungen vor. Interessierte können sich beim Tagesseminar über den Weg zu einer artgerechten Tierhaltung und fairen Erzeugerpreisen informieren. ▶ Dasing (Landkreis AichachFriedberg), 15. November 2017; Kontakt: BN-Landwirtschfts­ referat, Marion Ruppaner, Tel. 09 11-8 18 78-20, marion.ruppaner@bund-naturschutz.de


BN-Studienreisen, Tel. 09 115 88 88 20, www.bund-reisen.de

Mitgliederservice (allgemeine Fragen zur Mitgliedschaft, Adressänderung) Tel. 09 41-2 97 20-65 mitglied@bund-naturschutz.de

Das Grüne Band Bayern-Tschechien Haidmühle ist die erste »Modellgemein­ de am Grünen Band Europa« und liegt in direkter Nachbar­ schaft zu den beiden Nationalparks Baye­ rischer Wald und ­Sumava (CZ). Im ­»Kulturlandschaftsmuseum Grenzerfahrung« (KuLaMu) wird das einzigartige Natur- und Kulturerbe erlebbar. • Deutschland/Tschechien, 10. – 16. September 2017

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Redaktion Natur+Umwelt Luise Frank Tel. 09 41-2 97 20-22 natur+umwelt@bund-naturschutz.de Beratung zu Spenden, Anlassspenden und Vermächtnissen Claudia Ciecior-­Bordonaro Tel. 09 41-2 97 20-34 claudia.ciecior@bund-naturschutz.de Haus- und Straßensammlung Ehrenamtlich aktiv werden Christine Stefan-­Iberl Tel. 09 41-2 97 20-11 christine.stefan@bund-naturschutz.de BN-Bildungswerk Ulli Sacher-Ley Tel. 09 41-2 97 20-42 ulrike.sacher-ley@bund-naturschutz.de

IMPRESSUM

BN-Stiftung Christian Hierneis Tel. 09 41-2 97 20-35 christian.hierneis@bund-naturschutz.de

Herausgeber: BUND Naturschutz in Bayern e. V. (BN), vertreten durch Peter Rottner, Landes­ geschäfts­führer, Dr.-Johann-Maier-Str. 4, 93049 Regensburg, www.bund-naturschutz.de Leitende Redakteurin (verantw.): Luise Frank (lf), Tel. 09 41-2 97 20-22, Fax -31, natur+umwelt@ bund-naturschutz.de Redaktion: Holger Lieber (hl), Heidi Tiefenthaler (ht), Andrea Siebert (as) Mitglieder-Service: Tel. 09 41-2 97 20-65 Gestaltung: Gorbach GmbH, Utting a. Ammersee (Layout: Waltraud Hofbauer) Titelgrafik: Erik Tuckow Titelgestaltung: Gorbach GmbH Redaktion BUND-Magazin: Severin Zillich (verantw.), Am Köllnischen Park 1, 10179 Berlin, Tel. 0 30-27 58 64-57, Fax -40 Druck und Versand: Brühlsche Universitäts­ druckerei Gießen

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Zum Vogelzug auf die Insel Pellworm Die Naturlandschaft Wattenmeer ist weltweit außergewöhnlich und einzigartig. Außergewöhnlich in ihrer Dynamik und Ur­ sprünglichkeit, einzigartig in ihrem Reichtum an Lebensräumen, Tieren und Pflanzen. Im September ist Vogelzugzeit. Die Reisen­ den werden diese Gelegenheit nutzen und unter fachkundiger Reiseleitung See- und Wattenmeervögel beobachten. • Deutschland, 16. – 23. September 2017 Natur und Kultur in der Maremma Ein heute noch ein abge­ schiedener Teil der Süd­ toskana – das ist die »Ma­ remma«. Die Teilnehmer wandern durch den wil­ den »Regionalpark Ma­ remma« und unterneh­ men einen Ausflug auf die Insel Giglio. Auf den Spuren der alten Etrusker erkunden sie das Landesinnere und baden in den Schwefelwasserfällen von Saturnia. • Italien, 5. – 14. Oktober 2017 Foto: Daniela Lüst

Spendenbescheinigungen Tel. 09 41-2 97 20-66 spenderservice@bund-naturschutz.de

Foto: KuLaMu

Ihre Ansprechpartner beim BN

Sternwandern am Gardasee Eine herrliche Wanderreise mit Standort Riva del Garda am ­nördlichen Gardasee. Von hier aus erkunden die Teilnehmer ­auf einfachen Wegen tageweise die Umgebung, zum Beispiel den ­benachbarten Lago die Ledro oder das Tennotal mit dem türkis­ blauen Tennosee. Hier kann man das Flair von Riva, Malcesine und Limone im Herbst genießen. • Italien, 20. – 26. Oktober 2017 Nordseeluft tanken, Natur erkunden Diese Reise in den Nationalpark Wattenmeer zählt zu den Klassi­ kern des BUND-Reiseprogramms. Die Teilnehmer erwartet Ur­ laub und aktives Engagement. Unter anderem werden sie Strand­ hafer pflanzen und so einen Beitrag zum Schutz der Insel leisten. Wanderungen und Vogelbeobachtung runden das Programm ab. • Deutschland, 22. – 28. Oktober 2017

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STIFTUNG

Bayerns Schönheit bewahren Spenden mit Langzeitwirkung – Helfen Sie uns, die Natur zu schützen. Als Stifter!

JANDA+ROSCHER, Die WerbeBotschafter

Foto: Willner

Ihnen liegt die Natur am Herzen? Sie möchten dauerhaft Ihr Engagement für die Umwelt weiterführen? Treten Sie ein für Mensch und Natur: Mit einer Zustiftung an die Bund Naturschutz Stiftung sichern Sie langfristig unseren Einsatz für eine lebenswerte Heimat.

Sie interessieren sich für eine Beteiligung bei der Bund Naturschutz Stiftung? Gerne schicken wir Ihnen detailliertes Infomaterial und bieten Ihnen ein persönliches und unverbindliches Beratungsgespräch an. Ich bin gerne für Sie da. Christian Hierneis Geschäftsführer Tel. 0941/297 20-35 Fax 0941/297 20-32 christian.hierneis@ bund-naturschutz-stiftung.de

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Natur+Umwelt 3-2017  

Bundestagswahl 2017: Wo bleibt die Natur? Am 24. September sind wir alle dazu aufgerufen, einen neuen Bundestag zu wählen. In der ablaufend...