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schauen mir daraus entgegen. Und während ich noch tief einatme, hat Lukas bereits beherzt zugegriffen. Der Schüler ist dieses Jahr schon zum zweiten Mal dabei und hat keinerlei Berührungsängste. Beate hat uns bei der Einweisung genau erklärt, wie wir Männ­ chen und Weibchen der Erdkröten unterscheiden ­können und welche Arten es sonst noch in den Ei­ mern zu finden gibt: Grasfrösche, mit viel Glück auch einen Springfrosch, Berg- oder Teichmolch. Lukas ­arbeitet sich zügig durch den Eimer, während ich die Strich­liste führe: eine Erdkröte männlich, zwei Erd­ kröten weiblich … Das Dokumentieren der wandernden Tiere verlang­ samt die Rettungsaktion etwas, aber keiner der Helfer möchte darauf verzichten. Gerade diejenigen, die schon seit Jahren dabei sind, kennen »ihren« Über­ gang inzwischen gut und fachsimpeln darüber, ob heuer wohl mehr oder weniger Tiere als im Vorjahr ­ankommen, ob eine Tendenz festzustellen sei oder vielleicht eine Veränderung in der Arten- und Ge­ schlechterzusammensetzung. »Bei fast allen bricht nach einiger Zeit so eine Art Forscherdrang durch«, sagt Lukas. »Alle wollen wissen, wie sich die Bestände über die Jahre hinweg entwickeln.« Und auch, wenn es gute und schlechte Jahre gibt, manchmal sogar er­ nüchternde Einbrüche – eins hat sich laut Beate Rut­ kowski gezeigt: Überall dort, wo nichts getan wird,

Auf der Seite »BN aktiv« berichten wir über unsere Aktiven und ihre vielseitigen Naturschutzaktionen in ganz Bayern. nehmen die Bestände ab. »Wo Helfer unterwegs sind oder es Leiteinrichtungen gibt, bleiben sie dagegen mit einiger Wahrscheinlichkeit stabil«, sagt sie. Ein gutes Gefühl für all jene, die sich Jahr für Jahr um sechs Uhr morgens den Schlaf aus den Augen reiben.

Liegenbleiben ist keine Option

­ iegenbleiben in solchen Nächten keine Option ist. L Wenn die Helfer nicht rechtzeitig auftauchen, müssen die Lurche stundenlang in den Eimern ausharren und werden zur leichten Beute für Krähen und Füchse. Früher gab es bei Bergen sogar einen Übergang mit etwa 10 000 Tieren jährlich. »Dort gibt es mittler­ weile zum Glück Amphibientunnel«, erzählt Beate Rutkowski. Ein Fortschritt, der andernorts trotz ­intensiver Bemühungen der Kreisgruppe noch auf sich warten lässt. Das zähe Ringen mit Behörden und Politikern um dringend nötige Leiteinrichtungen ­beschäftigt Rutkowski und ihre Mitstreiter das ganze Jahr hindurch. Am Weitsee, mit 50 000 Tieren größte Amphibien­übergang in Bayern, kämpfen sie nun schon seit mehr als zehn Jahren um eine vernünftige straßenbauliche Lösung. Wir sind inzwischen am vierten Eimer angelangt und zählen bereits über 60 Striche auf unserem Block. Von Tier zu Tier steigt meine Laune. Und auch Her­ mann Eschenbeck, zweiter Vorsitzender der KG Traun­ stein, ist hochzufrieden: »Es ist halt wirklich aktiver Artenschutz, was wir hier machen. Man weiß definitiv: Die Kröte, die ich eben über die Straße getragen habe, ist für dieses Jahr relativ sicher an den Laichgewässern angekommen. Jedes Tier, das man in der Hand hatte, ist fürs Erste gerettet!« Ein gutes Gefühl, das die Helfer jedes Jahr wiederkommen lässt, meint Beate Rut­ kowski. Wie zum Beispiel Dr. Wolfgang Kneitz. Der 67-Jährige war der Erste, der sich beim BN Traunstein aktiv für den Amphibienschutz einsetzte. Seit über 30 Jahren kümmert er sich nun schon um die Über­ gänge in seiner Heimatgemeinde Vachendorf. Inzwischen hat sich das Wetter gedreht. Ein plötzli­ cher Kälteeinbruch lässt die Helfer frösteln und jagt fiese Schneeschauer über die noch dunkle Landschaft. Beim letzten Kontrollgang graben wir nur noch ver­ einzelt Tiere unter der dünnen Schneeschicht hervor. Zeit, für heute die Zelte abzubrechen. Morgen heißt es dann erneut raus aus den Federn und eben mal die Welt retten – oder fürs erste ein paar Hundert Kröten. Aber irgendwo muss man ja anfangen …

Sobald der Boden auftaut und die Temperaturen über den Gefrierpunkt steigen, machen sich die Amphibien in den Winterquartieren auf und streben auf ihre Ge­ burtsgewässer zu. Gerade bei den Erdkröten findet das mit einer verblüffenden Gleichzeitigkeit statt, sodass die Tiere in ganzen Pulks an den Zäunen eintreffen. Dort laufen sie entlang und fallen über kurz oder lang in die vergrabenen Eimer, in denen sie ausharren müssen, bis ein freiwilliger Helfer sie aus der miss­ lichen Lage befreit. In Nächten wie diesen, nicht zu kalt und schön feucht, können beispielsweise am Übergang Frei­ weidach bei Staudach durchaus zwei- bis dreihundert Tiere ankommen. Über die Wanderzeit hinweg laufen hier an die 1500 Lurche auf. Damit ist unser Einsatz­ gebiet momentan der wichtigste von der Kreisgruppe betreute Übergang. Allen, die sich Jahr für Jahr in Traunstein für die Aktion melden – das Alter variiert zwischen 16 und 81 Jahren – ist klar, dass einfach

Der BN kann immer neue Helfer brauchen! Wenn Sie ­ungeschützte Amphibienübergänge entdecken oder selbst während der Krötenwanderung helfen ­möchten, melden Sie sich gerne bei Ulrike Geise, Tel. 0 93 86- 9 01 61, u.geise@geiseund-partner.de.

Fotos: Hermann Eschenbeck

Lukas im Schnee Temperaturen um den Gefrierpunkt und Schneefall: Als Amphibien­ retter muss man schon mal hart im Nehmen sein.

[1-15] Natur + Umwelt BN-Magazin 

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Natur+Umwelt 1-2015  

Vögel schützen: Was den Vögeln hierzulande zu schaffen macht und was wir für sie tun können.

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