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u Friends of the Earth Japan hat der BN schon vor der Reaktorkatastrophe Kontakte. Hubert Weiger war bereits vor dem Atom-Unfall in Fukushima zu Vor­ tragsreisen in Japan und warb für Energiewende und Atomausstieg. 2012, im Jahr nach dem Atomunfall, haben wir beide bereits die Region besucht. Diesmal waren wir gespannt darauf, uns selbst ein Bild von der Situation vor Ort zu ­machen. Wie geht es den Men­ schen in der Region? ­Darüber hinaus wollten wir politi­ sche Gespräche führen, für die Energiewende werben und der Anti-Atom-Bewegung in Japan durch Öffent­ lichkeitsarbeit mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Be­ gleitet haben uns auf ­unserer Reise Akiko Yoshida, eine sehr engagierte, unermüdliche Aktivistin der Partner­ organisation des BUND, Friends of the Earth Japan, und der Japanologe Dr. Hiroomi Fukuzawa aus Berlin. Gleich am ersten Abend treffen wir in einem Bau­ ernhofladen mit Café eine Widerstandsgruppe. Diese Menschen kämpfen dafür, dass sie neutral über die ­Gefahrensituation informiert werden und klagen auf bessere Entschädigung. Die Bauernfamilie ist selbst betroffen: Ein Großteil ihrer Felder wurde radioaktiv verseucht und viele Kunden blieben weg. Jetzt nutzt sie die Felder, die weniger belastet sind, weiter und gibt auf jedem einzelnen Produkt, das verkauft wird, den Strahlenwert an – ein Versuch, sich irgendwie die wirt­ schaftliche Existenz zu bewahren. Schon dieser erste Abend ist für uns erschütternd: Es wird klar, dass der Staat die Menschen mit ihren Nöten völlig allein lässt. Hochrangige Politiker verharmlosen die Gefahren. Umso mehr Respekt empfinden wir für die Menschen, die hier bleiben und zu helfen versuchen. Wie nach Tschernobyl sind es auch diesmal oft die Frauen und Mütter, die sich der Anti-Atomkraft-Arbeit verschrie­ ben haben. Unsere nächste Station ist die Großstadt Fukushima (zu deutsch »Glücksinsel«), rund 50 Kilometer von der Küste entfernt. Die Fahrt dorthin ist gespenstisch: Wir reisen durch eine wunderschöne Landschaft mit herbstlichen Wäldern, kleinen Reisfeldern und Apfel­ plantagen – gleichzeitig haben wir im Hinterkopf den Gedanken, dass diese Region schwer verstrahlt wurde und 150 000 Menschen ihre Heimat verlassen mussten. Wir besuchen eine neue Deponie, in der strahlende Überreste von »Dekontaminierungsarbeiten« gelagert werden: eine Fläche, so groß wie 15 Fußballfelder, mit riesigen Plastiksäcken voller Erde, Laub und Zweigen. Unsere Reaktion ist fassungsloses Entsetzen. Es ist ein ebenso hilfloser wie unwirksamer Versuch, mit der Strahlung fertigzuwerden. Die Säcke werden nur ein paar Jahre dichthalten. Bei der Weiterfahrt sehen wir von einem Hügel aus in wenigen Kilometern Entfernung die vier zerstörten Atomreaktoren. Noch immer versuchen hier Arbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen, Schlimme­ res zu verhindern. Derzeit ist Japan ein atomstrom­ freies Land. Alle 54 Reaktoren sind abgeschaltet. In ­Fukushima selbst empfangen uns Vertreter der Präfek­ tur. Wir bitten sie, die Information und den Schutz der Bevölkerung voranzutreiben.

Vor Ort in Fukushima

»Gegenseitig Mut machen«

Im Oktober vergangenen Jahres reisten der BN-Vorsitzende Hubert Weiger und der Landesbeauftragte Richard Mergner nach Japan in die Region Fukushima. Sie sprachen mit japanischen Umweltschüt­ zern und machten sich selbst ein Bild von der Lage in der Region. Ihr Eindruck: Auch eine Hochtechnologie-Nation wie Japan ist hilf­ los im Umgang mit den Folgen einer Katastrophe dieses Ausmaßes.

Fotos: privat

Z

In Tokyo erwarten wir mit Spannung das Gespräch mit Naoto Kan, der zur Zeit des Tsunamis Premier­ minister Japans war. Die Begegnung und Diskussion mit diesem Mann, der durch die Reaktorkatastrophe zum Atomkraftgegner wurde, ist bewegend. Er sichert uns zu, auf Einladung des BUND nach Deutschland zu kommen und über seine Erfahrungen mit dieser unbe­ herrschbaren Technologie zu berichten. Am Ende unserer Reise haben wir trotz all der depri­ mierenden Eindrücke ein Gefühl der Bereicherung, weil wir erfahren haben, dass Menschen auch in einer so schlimmen Situation nicht den Mut verlieren. Wir sind überzeugt: Es ist wichtig, sich international zu ver­ netzen und sich gegenseitig Mut zu machen, um den weltweiten Ausstieg aus der Atomenergie voranzutrei­ ben. Hubert Weiger, Richard Mergner

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Bewegende Reise BN-Vorsitzender Hubert Weiger und BN-Landesbeauftragter Richard Mergner trafen sich in Japan mit Umweltschützern (Bild oben) und ­Politikern, um den Ausstieg aus der Atomkraft voranzutreiben. Links ein Blick auf die zerstörten Reaktoren.

Natur+Umwelt 1-2015  

Vögel schützen: Was den Vögeln hierzulande zu schaffen macht und was wir für sie tun können.

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