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Die Kraft der Aufklärung Herr Bairlein, etlichen Zielarten des deutschen Vogel­ schutzes geht es blendend. Seeadler und Wanderfalke, Uhu oder Kranich sind heute viel häufiger als vor 20, 30 Jahren. Wird Deutschland zum Vogelparadies? Für charismatische Arten, deren Rückgang wir früh er­ kannt haben, hat sich die Situation definitiv gewaltig verbessert, dazu können wir uns nur beglückwün­ schen. Doch durch den Fokus auf diese auffälligen Vögel haben wir lange nicht wirklich wahrgenommen, dass viele einst verbreitete Arten auf dem Rückzug sind.

Neben den Fernziehern scheint eine weitere ­Artengruppe stark gefährdet … Richtig, die Vögel der Normallandschaft. Wir haben un­ sere Landschaft in großem Stil umgebaut, mit dramati­ schen Folgen. So gibt es im Herbst einfach keine Rude­ ralpflanzen mehr. Wie sollen Stieglitz oder Gold­ammer heute ein Fettpols­ter für den Winter anlegen? Gerade für viele Jungvögel stellt der Herbst ein Nadelöhr dar. Natürlich müssen wir die Brutzeit im Blick be­halten. Doch auch der Nachwuchs muss ja überleben. Um diese Nicht-Brutzeit-Lebensräume haben wir uns bis­ her nicht nennenswert gekümmert.

Die Forstwirtschaft baut ihre Holzäcker in Misch­ wälder um, der Anteil des Ökolandbaus wächst, neue Nationalparks entstehen, Flussauen werden renaturiert. Warum macht sich all das nicht positiver bemerkbar? Weil viele Faktoren, die speziell unsere Zugvögel bedrohen, au­ ßerhalb der Brutgebiete liegen. Und die haben wir bisher fast völlig vernachlässigt. Bislang ist ja kaum bekannt, was Arten wie Turteltaube, Kuckuck, Rauchschwalbe oder Waldlaubsänger europa­weit in die Knie zwingt. Auffäl­ lig dabei ist: Vö­gel, die ins tropische Afrika ziehen, sind insgesamt stärker bedroht als die, die innerhalb Euro­ pas bleiben. Gerade in den Durchzugsgebieten und im Winterquartier verlieren wir immer mehr Lebensräu­ me. Unser nationaler Artenschutz bleibt erfolglos, wenn die Schlüsselfaktoren für den Rückgang im Ausland lie­ gen. Warum werden viele Durchzügler im Wattenmeer seltener, obwohl wir im Weltnaturerbe beste Bedingun­ gen bieten? Da müssen wir über den Tellerrand gucken und unserer Verantwortung in Zeiten der Globalisie­ rung auch im Ausland gerecht werden.

Als Gegenmittel empfehlen selbst manch prominente Vogelkundler, Vögel übers ganze Jahr zu füttern. Das ist natürlich keine Lösung. Damit erreichen wir keine der Arten, denen es heute schlecht geht. Man kann doch nicht mit einer Futterhausmentalität hof­ fen, der Rauchschwalbe zu helfen. Nein, gegen die fort­ schreitende Verarmung unserer Kulturlandschaft hilft nur eine andere, ökologischere Agrarpolitik.

Foto: Rolf Nagel

Interview

Der Experte Franz Bairlein bei der Untersuchung von Steinschmätzern in Alaska.

Professor Franz Bairlein zählt zu den führenden Ornithologen ­unserer Zeit. Der Direktor der ­Vogelwarte Helgoland in Wil­ helmshaven gibt seit 1998 das »Journal of Ornithology« heraus und war 2010 – 2014 Präsident der »International Ornithologists’ Union«. Vorrangig erforscht er den Vogelzug. Daneben stellt er sein Fachwissen gerne und regel­ mäßig in den Dienst des globalen Vogelschutzes. Severin Zillich sprach mit dem langjährigen BUND-Mitglied über die Lage der Vögel in Deutschland.

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Natur + Umwelt BN-Magazin [1-15]

Welche Entwicklungen machen Ihnen außerdem Sorge? Wir haben einen enormen Nutzungsdruck auf die Flä­ che, nicht zuletzt durch die Energiewende. Ob der Anbau von Biomasse oder die Windkraft – wir müssen sehr aufpassen, dass unser Klimaschutz nicht auf Kos­ ten des Naturschutzes geht. Um beides zu ergänzen, müssen wir gemeinsam Kompromisse finden. Natür­ lich wünsche auch ich mir mehr Erneuerbare Energi­ en. Aber wir sollten die Kehrseite im Auge behalten. Ist der weitere Ausbau der Wind­kraft vereinbar mit unse­rer Verantwortung für bedrohte Arten wie den Rotmilan? Als Institut sind wir intensiv in diese Diskussion einge­ bunden. Bei der Windkraft müssen wir zwei Dinge trennen: Einerseits gibt es verständliche Emotionen, wenn an einem Windrad Vögel zu Tode kommen. Mit wenigen Ausnahmen – siehe Rotmilan – wirkt sich die normale Kollision wohl nicht entscheidend auf Popu­

Natur+Umwelt 1-2015  

Vögel schützen: Was den Vögeln hierzulande zu schaffen macht und was wir für sie tun können.

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