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2.03N+U_U1Sonderausgabe

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90 Jahre Bund Naturschutz

Sonderausgabe der Natur+Umwelt Mai 2003

Bayerns Schรถnheit bewahren


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Liebe Mitglieder, Autobahnen, noch mehr gefährliche Atomkraftwerke, eine Atommüllfabrik in Wackerdorf und eine Vielzahl weiterer Müllverbrennungsanlagen. Nur durch eine große Gemeinschaftsleistung konnten wir die Nationalparke Bayerischer Wald und Berchtesgaden durchsetzen, haben wir bundesweit die meisten Solaranlagen auf den Dächern, eines der besten Naturschutz- und Abfallgesetze und eine immer noch frei fließende Donau mit herrlichen Auwäldern zwischen Straubing und Vilshofen. Und auch wenn wir manche Rückschläge verkraften müssen, haben wir keinerlei Anlass zur Resignation. Immer wichtiger wird neben diesem Einsatz vor Ort die Vernetzung mit anderen Umweltverbänden, wie Euronatur auf europäischer Ebene. So wird aktuell in Brüssel um einen besseren Milchpreis für Grünlandbauern gestritten, und bei den Verhandlungen über eine neue Welthandelsordnung steht die Erhaltung auch unserer kommunalen Trinkwasserversorgungen in Bayern auf dem Spiel. Liebe Mitglieder und Freunde des BN, mit Ihrer Mitgliedschaft und Ihren Spenden sichern Sie unser wichtigstes Kapital: die Unabhängigkeit des Bundes Naturschutz von staatlichen Geldern oder Wirtschaftssponsoring und seine gesellschaftliche Rolle als fachkompetenter Vordenker und Wegbereiter für zukunftsfähige Lösungen. Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung aktiv vor Ort oder als Mitglied und stiller Förderer im Hintergrund. Gemeinsam können wir uns freuen über einen zugleich mutigen und kritischen, herzlichen und kreativen, ebenso modernen wie traditionsbewussten Verband. Mit Ihrer Hilfe können wir uns auch in Zukunft für den Schutz der Lebensgrundlagen und für die Bewahrung von Bayerns Schönheit einsetzen.

90 Jahre Bund Naturschutz – Anwalt für Natur und Heimat

am 23. Juni 1913 ist der Bund Naturschutz in Bayern gegründet worden. Die Motive von damals sind auch heute noch entscheidend für unsere vielen engagierten Mitglieder: Sie bewahren Natur und Schönheit in ihrer Heimat und übernehmen ebenso Verantwortung für einen schonenden Umgang mit der Schöpfung in einer global vernetzten Welt. Der vor 90 Jahren aktuelle Plan, in die berühmte Falkensteiner Wand am Königssee zum Gedenken an bayerische Heere riesige assyrische Löwen einzumeißeln, scheiterte, weil sich eine Gruppe um den Forstprofessor Freiherr von Tubeuf, den ersten Vorsitzenden des BN, schützend vor dieses einzigartige Naturmonument im heutigen Nationalpark Berchtesgaden stellte. Viel Überzeugungsarbeit war noch nötig, bis das Gebiet vor 25 Jahren endgültig unter Schutz gestellt wurde. Wir können Ihnen in dieser »Natur+Umwelt« nur eine kleine Auswahl der vom Bund Naturschutz in neun Jahrzehnten geretteten Landschaften und Kostbarkeiten in allen bayerischen Regionen – vom Donaudurchbruch an der Weltenburger Enge bis zu den Eichenwäldern im Spessart – vorstellen. Oft verbergen sich hoch spannende Geschichten hinter unverbauten Landschaften, blühenden Orchideenwiesen oder mäandrierenden Bächen, die vor der Begradigung bewahrt werden konnten. Wie ein roter Faden zieht sich durch unsere Verbandsgeschichte ein ganzheitliches Naturschutzverständnis, auf das wir gemeinsam stolz sein können: So hat unser Engagement für alle Tiere und Pflanzen, für Boden- und Grundwasserschutz und gesunde Lebensmittel aus bäuerlicher, ökologischer Landwirtschaft eine lange Tradition. Konzepte für Energiespartechnik, Bürgersolarkraftwerke und Biogasanlagen sind ein ebenso wichtiger Beitrag für Frieden mit der Natur und eine gerechtere Weltordnung wie die von BN-Orts- und Kreisgruppen gemeinsam mit Kirchengemeinden initiierten Friedensgebete und Demonstrationen gegen den Krieg im Irak, der auch um Öl geführt wurde. Die Vielfalt der Persönlichkeiten, die ehrenamtlich im Bund Naturschutz tätig sind, spiegelt sich in der Fülle ihrer Aktivitäten wieder: Die einen »lieben es klassisch« und setzen sich für bedrohte Tierarten ein, vom Baumeister Biber bis zu den Libellen, unseren »fliegenden Edelsteinen«. Andere finden Erfüllung in der Leitung einer unserer 300 BN-Kindergruppen, wo Naturerfahrung mit allen Sinnen sehr oft in Begeisterung umschlägt. Wieder andere sehen ihre Aufgabe in politischer Lobbyarbeit für ein besseres Verkehrskonzept. Nur drei Beispiele von vielen, mit denen der Bund Naturschutz Zeichen für die heute oft angesprochene aktive Bürgergesellschaft setzt. Ohne den Mut und Ideenreichtum der Mitglieder im Bund Naturschutz gäbe es in Bayern noch mehr

Es grüßen Sie herzlich Prof. Dr. Hubert Weiger, Vorsitzender Doris Tropper, Stellvertretende Vorsitzende Sebastian Schönauer, Stellvertretender Vorsitzender

Foto: BN

VORWORT

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Dr. Werner Schnappauf

Setzen Sie sich auch weiter so motiviert und engagiert für den Naturschutz ein.

Alles Gute, Bund Naturschutz! Liebe Mitglieder des Bundes Naturschutz in Bayern, liebe Naturfreunde, 90 Jahre freiwilliger, ehrenamtlicher und erfolgreicher Einsatz zum Wohl von Mensch und Natur sind ein beachtliches Jubiläum und auch Grund zum Feiern. Ein solches jahrzehntelanges Engagement verdient aufrichtigen Dank und höchste Anerkennung. Ich gratuliere Ihnen daher – auch im Auftrag von Ministerpräsident Dr. Stoiber – ganz herzlich zu Ihrem »Geburtstag«. Der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen ist ein gesamtgesellschaftliches Anliegen. Gefordert sind Bürger und Staat. Öffentliche Verantwortung und bürgerschaftliches Engagement sind gleichermaßen gefragt. Ihr Verband hat sich dieser Mitverantwortung gestellt, als dies noch keine Selbstverständlichkeit war. Schon bei Ihrer Gründung im Jahre 1913 haben Sie zum einen durch den Zusammenschluss verschiedener privater Naturschutzeinrichtungen die Effizienz der Interessenvertretung stärken wollen, zum anderen die Sicherung der Natur, den Schutz vor schädigenden Eingriffen und die Aufklärungsarbeit über die Bedeutung des Naturschutzes in den Mittelpunkt Ihrer Tätigkeit gestellt. Staatliche Anerkennung erfuhren Sie schon damals durch das Protektorat seiner Königlichen Hoheit Kronprinz Ruprecht von Bayern, so wie Sie auch später zu den beiden ersten staatlicherseits anerkannten Naturschutzverbänden in Bayern gehörten. All Ihre jahrzehntelang erbrachten Leistungen, Verdienste und Aktivitäten aufzuzählen und zu würdigen, würde den Rahmen eines Grußwortes bei weitem sprengen. Schließlich reicht die Palette von der Sicherung wertvoller Biotopflächen durch Erwerb, über die Betreuung, Pflege und Gestaltung kaum zählbarer ökologisch wertvoller Flächen, bis zur Erstellung fachlicher Konzepte und Programme, sowie schließlich zu einer umfangreichen Bildungsarbeit im Natur-

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schutz. Dabei haben Sie sich immer als engagierter, auch kritischer Anwalt der Natur erwiesen, der mit seiner Sachkompetenz ein wichtiger Partner der Naturschutzverwaltung war und ist, ob durch fachliche Zuarbeit, durch Übernahme von Trägerschaften oder durch Mitwirkung in vielen Gremien als Vertreter der Naturschutzinteressen. Heute stehen wir vor neuen Herausforderungen. Bayern orientiert sich am Leitbild nachhaltiger Entwicklung. Unser Ziel ist ökologischer Wohlstand für Generationen. Der Bund Naturschutz wirkt dabei mit. Ob im Rahmen des Umweltforums, bei Agenda-Prozessen auf den verschiedenen Ebenen oder beim Aufbau eines landesweiten Biotopverbunds – der Bund Naturschutz ist wertvoller und geschätzter Kooperationspartner im Naturschutz. Deshalb bestärke ich Sie: Setzen Sie sich auch weiter so motiviert und engagiert für den Naturschutz ein. Möge der Einsatz für Bayerns herrliche Natur Ihnen auch viel Freude und persönliche Zufriedenheit bringen. Mit der herzlichen Gratulation zur 90-Jahrfeier verbinde ich die besten Wünsche für eine weitere gedeihliche Entwicklung des Bundes Naturschutz in Bayern. Dr. Werner Schnappauf, Bayerischer Staatsminister für Landesentwicklung und Umweltfragen

Illustration: Horst Haitzinger

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Happy Birthday Lieber Bund Naturschutz in Bayern, zu Deinem 90-sten Geburtstag und für Deine Zukunft alles Gute und weiterhin viel Erfolg wünscht Dir in herzlicher Verbundenheit und Dankbarkeit Dein Horst Haitzinger, Karikaturist

Natur+Umwelt 2-2003 Glückwünsche 4, 5, 21, 29 Portrait 26 Kommentar 28 Die Junge Seite 30 Bildung 40 Augenblicke aus 90 Jahren Genießen Sie vier bayerische Blicke, auf Landschaften mit BNGeschichte: das Murnauer Moos, die frei fließende Donau, der Nürnberger Reichswald, das Hafenlohrtal. Ab Seite 6 90 und aktiv: die BN Aktionen Schwarzbuch Bayern – Rotes Tuch 14 Neue Mitglieder 22 90 Jahre, 90 Hektar 23

90 Jahre im Rückblick Die Gründung des BN 16 Helmut Steininger im Ruhestand 17 Fanal Wackersdorf 18 Bayern verplant – bewahrt 19 15 Jahre Kindergruppen 20 Nationalpark Bayerischer Wald 24 Das Grüne Band 25 Fünf Jahre BN Service GmbH 27

Regional Oberpfalz 32 Niederbayern 33 Oberbayern 34 Oberfranken 36 Unterfranken 37 Mittelfranken 38 Schwaben 39


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Respekt!

Gebete nicht umsonst

Zum neunzigsten Geburtstag sage ich Respekt und ziehe meinen Hut. Hochachtungsvollst, mit großer Zuneigung. Gerhard Polt, Kabarettist

Während ich diesen Glückwunsch zum 90-jährigen Jubiläum des Bundes Naturschutz in Bayern schreibe, erfüllen mich Freude und Dankbarkeit! Hat doch das gute Zusammenwirken des BN mit den Bemühungen der Vielen um den Erhalt der frei fließenden Donau zwischen Straubing und Vilshofen nach menschlichem Ermessen Erfolg gehabt. Die monatlichen Gebete und die alljährlichen Donausegnungen waren nicht umsonst. Möge der beharrliche Einsatz des BN zur Bewahrung der Schöpfung auch in allen anderen Bereichen gesegnet sein. Durch die Verleihung des Haas-LechnerNaturschutzpreises im Jahre 1998 weiß ich mich dem BN bleibend verbunden. Emmanuel Jungclaussen OSB, Altabt von Niederalteich

Im Volk verwurzelt Der Bund Naturschutz hat sich in den 90 Jahren seines Bestehens zu einer wichtigen gesellschaftspolitischen Institution entwickelt. Dies gilt nicht nur für sein fachliches Know-how, sondern auch für seine enorme Mitgliederstärke. Letztere zeigt auch, wie fest der Umwelt- und Naturschutz im bayerischen Volk verwurzelt ist. Ohne den BN sähe dieses Land heute vermutlich anders aus. Auch die Städte haben ein starkes Eigeninteresse, die Umwelt sowie Natur und Landschaft zu schützen, nachhaltig zu nutzen und für die kommenden Generationen zu bewahren. In diesem Sinne habe ich ein »Bündnis für das Flächensparen« angeregt. Ich bin sicher, dass der BN diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe ebenfalls nachdrücklich unterstützt. Josef Deimer, Vorsitzender des Bayerischen Städtetags

Lebensraum für Tiere Mir als Botschafterin des Tierschutzbundes ist natürlich auch sehr viel an unserer Natur gelegen. Sie ist ein wichtiger Lebensraum für die Tiere und sollte von uns Menschen respektvoll behandelt werden. Ich wünsche dem Bund Naturschutz alles Gute und viel Erfolg bei seinem Bemühen, die Natur zu schützen. Anni Friesinger, EisschnelllaufOlympiasiegerin

Unermüdliches Engagement Genau wie der Bund Naturschutz hat sich meine Firma den Schutz der Umwelt und die Bewahrung der Schöpfung als Ziel gesetzt. Ich wünsche Ihnen zu Ihrem 90-jährigen Jubiläum alles Gute und hoffe, dass Sie Ihr unermüdliches Engagement im Sinne des Naturschutzes weiterhin fortsetzen. Prof. Dr. Claus Hipp, Unternehmer, Präsident der IHK München und Oberbayern

Wir werden berichten Ob zum Thema Naturpark Bayerischer Wald, Donauausbau oder Auswilderung von Biber und Wildkatze – seit Jahrzehnten informiert der Bayerische Rundfunk sein Publikum über Umweltthemen. Der Bund Naturschutz ist dabei einer unserer wichtigsten Gesprächspartner. Mit seinem unermüdlichen Engagement für unsere Lebensgrundlagen hat der BN in den vergangenen 90 Jahren entscheidend dazu beigetragen, Bayern als das zu bewahren, was es für uns im wahrsten Sinne des Wortes ist – Heimat.

Alles Gute, Bund Naturschutz! Für die künftigen Herausforderungen wünsche ich dem BN weiterhin Mut, Optimismus und eine gute Hand bei allem, was es anzupacken gilt. Wir werden darüber berichten. Dr. Thomas Gruber, Intendant des Bayerischen Rundfunks

Gern für Euch auf der Bühne Servus! Wir suchen uns immer sehr genau aus, für welchen Veranstalter wir Musik spielen. Der Bund Naturschutz ist eine Institution, für die wir immer wieder gerne und mit Begeisterung auftreten. Wenn wir derartig sinnvolle ehrenamtliche Tätigkeiten mit unterstützen und dazu beitragen können, dass die in Bayern nicht immer entsprechende Akzeptanz dafür steigt, haben wir unsere Möglichkeiten, etwas Sinnvolles mitzugestalten, ansatzweise wahrgenommen. In diesem Sinne gratulieren wir und wünschen uns

Josef Deimer

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einen starken BN, für den wir immer wieder gerne auf die Bühne gehen. Biermösl Blosn, Musiker

Tatkräftiger Mitstreiter Naturschutz ist leider immer noch das Bohren dicker Bretter. Man kann eben nicht erwarten, dass der morgens gepflanzte Baum schon mittags Schatten wirft. Ich bin froh, mit dem Bund Naturschutz einen erfahrenen und tatkräftigen Mitstreiter für den Schutz der biologischen Vielfalt zu haben. Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Präsident des Bundesamtes für Naturschutz

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Der Bund Naturschutz hat sich in den 90 Jahren zu einer wichtigen gesellschaftspolitischen Institution entwickelt.

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Augen-Blicke aus 90 Jahren

Foto: Willner

Bayern ist schön. Mancherorts dank dem Bund Naturschutz in Bayern. Denn viele seiner herrlichsten Orte hätte das Land an Raffgier und Fortschrittsglaube verloren, wären nicht Menschen aus dem Bund Naturschutz für sie aufgestanden und eingestanden. Genießen Sie mit uns vier bayerische Blicke, auf großartige Landschaften mit BN-Geschichte. (göß)

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Bayern wie gemalt

Das Murnauer Moos

Der Wahl-Murnauer Wassily Kandinsky liebte diese Farben. Föhnvertieftes Bergblau über Warmtönen von Torfmoos, Röhricht und Streuwiesen. Das Murnauer Moos – Wiege des Expressionismus? Mit 4200 Hektar ist das Murnauer Moos der bedeutendste Moorkomplex Deutschlands: Ein dichtes Biotopgeflecht aus Seggenrieden, kalkreichen Sümpfen und Altwassern, aus Feucht- und Streuwiesen, aber auch vereinzelten Kalktrockenrasen. Die Krönung bilden jedoch – auf einem Zehntel der Fläche – intakte Hochmoore mit Mächtigkeiten bis zu 25 Meter. Eine Besonderheit sind die »Köchel«, harte Sandsteinrücken, die als Waldinseln aus dem Moor ragen. Guter Baustoff, fand in den 20er Jahren ein Gutsbesitzer und machte sich daran, am »Langen Köchel« den grünen Sandstein industriell abzubauen. Bauern und Bürger wurden hellhörig, der Kampf ums Moos begann. Von Anfang an dabei waren Persönlichkeiten aus dem Bund Naturschutz. Schon 1927 gelang es, in der Kernzone einen »Schutzbereich« zu schaffen. Doch das Moos geriet bald weiter unter Druck. Dass es trotzdem noch größtenteils existiert, ist unter anderem Verdienst der Murnauer Botanikerin und Umweltpädagogin Ingeborg Haeckel (1903 – 1994), die mit und im Bund Naturschutz jahrzehntelang für das Moos stritt. Die Hartsteinwerke sind mittlerweile ebenso Geschichte wie die verhinderte Müllverbrennungsanlage bei Eschenlohe oder die vereitelte Flurbereinigung und Entwässerung in den 60er und 70er Jahren. Ein Kerngebiet von 2355 Hektar steht seit 1980 unter Naturschutz; aber auch die naturräumlich verbundenen Gebiete sind seit 1993 in groß angelegte Pflege- und Entwicklungskonzepte oder FFH- und Vogelschutzgebiete einbezogen. So werden auch in Zukunft Wachtelkönig und Karlszepter, Weißrückenspecht und Glanzorchis zum Landschaftsbild vor Murnau gehören. Was wiederum die Maler freut.


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Foto: Willner

Die frei flieĂ&#x;ende Donau

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Unbändiges Bayern Manchmal geben 0,96 Prozent den Ausschlag. Wie bei der Donau. Der letzte frei fließende Abschnitt innerhalb Deutschlands nimmt zwar nur 70 von insgesamt 7300 Kilometern deutscher Wasserstraßen ein, doch die haben es in sich: Letzter Engpass für den Schiffsverkehr, wettern die einen, letzte großräumige und naturnahe Auenlandschaft Mitteleuropas, schwärmen die anderen. Konflikt war also programmiert, als die bayerische Staatsregierung 1991 ihre großtechnischen Ausbaupläne für das Prozent-Stück zwischen Straubing und Vilshofen publik machte. Keine sieben Wochen dauerte es, bis sich aus Kreisen des Bundes Naturschutz heraus die erste Bürgerinitiative formiert hatte. Weitere Bündnisse wurden geschmiedet, um den Widerstand möglichst stark in der Bevölkerung zu verankern. Ob Fischer, Bauern, Wanders- oder Kirchenleute – der BN brachte sie zusammen. Bald hatte die Donau Tausende von Fürsprechern entlang der Ufer, aber auch im ganzen Land. Selten hat ein Naturschutzverband ein farbigeres Protestbukett gebunden. Die Aktionen reichten von Kanu-Demos und JugendCamps über Dokumentarfilme, Benefiz- und Open-Air-Festivals bis hin zu Grundstückskäufen, Alternativgutachten und wissenschaftlichen Kongressen. Es stellte sich heraus: Umweltfreundlicher Güterverkehr per Schiff und lebendige Flüsse sind kein Widerspruch. Die Bayerische Staatsregierung und die Binnenschifffahrt beharren zwar noch auf Staustufen, doch der maßgeblichere Projektträger ist der Bund. Im Juni 2002 hat sich der Bundestag mit rotgrüner Mehrheit festgelegt: Als die volkswirtschaftlich und ökologisch sinnvollere Lösung soll nun die sanfte, flussbauliche Ausbauvariante verfolgt werden. Die Aussichten für die Donau sind derzeit gut, wenn auch eine Frage weniger Prozente.


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Bayern unter Bann

Foto: Konopka

Wer Nürnberg auf der Autobahn passiert, mag sich wundern. Immer neue Ausfahrten tauchen auf: Nürnberg hier, Nürnberg dort – offenbar eine riesige Stadt. Riesig ist aber vor allem der Waldgürtel, der sie umschließt. Hier draußen hatten die Autobahnpioniere leichteres Spiel. Übernutzt als wohlfeile Rundum-Ressource war der Reichswald schon früher fast zugrunde gegangen. Seinen ausgelaugten Sandböden konnte die aufkeimende Forstwirtschaft immerhin noch Kiefernwälder abringen. Das Ergebnis waren 25 000 Hektar Monotonie. Doch für Nürnberg war und blieb der Reichswald Grüne Lunge und Erholungsgebiet. So empörten sich viele Bürger, als der Siedlungsdruck in den 60er und 70er Jahren den »Steckerleswald« erneut im Bestand bedrohte. Täglich wurde ein Hektar abgeholzt – innerhalb eines Menschenlebens wäre nichts mehr übrig geblieben. Unterstützt von mehreren Bürgerinitiativen veröffentlichte der Bund Naturschutz 1972 sein Reichswaldprogramm. Darin forderte er strengsten Schutz und naturnahe Waldwirtschaft. Nach sieben Jahren mit zahlreichen Aktionen und jährlichen Reichswaldfesten war das erste Ziel erreicht: Der Reichswald wurde »Bannwald«. Die Rodung war fortan verboten und nahm tatsächlich um 98 Prozent ab. Für den BN heißt es seither: Genau hinsehen, welche Projekte eine Ausnahme vom Bannwaldschutz rechtfertigen. Ob Rangierbahnhof, Mülldeponie oder Autobahnkreuz, Flughafenanbindung, Panzerübungsplatz oder Sandgrube – die Liste der vom BN verhinderten Bannbrüche ist lang. Erfolg hatte auch das Werben für naturnahe Waldwirtschaft. Die Forstverwaltungen haben dank engagierter Forstleute im Reichswald den Kahlschlag abgeschafft und Laubhölzer gesät. Mittlerweile hat sich bei Jungbäumen der Laubholzanteil verfünffacht. Auch seltene Pflanzen und Tiere sind wieder häufiger: Neben Auerhuhn, Haselhuhn und Sperlingskauz ist sogar der Schwarzspecht zu beobachten.

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Der N端rnberger Reichswald [2-03] Natur + Umwelt BN-Magazin

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Das Hafenlohrtal 12

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Bayern ohne Stau und Sperre Wassernot in Bayern? Kein Szenario aus dem Öko-Thriller sondern Realität in einigen Gebieten Unterfrankens. Die Wasserwerke hatten es hier noch nie leicht, denn die dürftigen Niederschläge versickern rasch in porösen Böden und Gesteinen. Ein echter Notstand zeichnete sich jedoch ab, als im Grundwasser zunehmend Dünger und Pestizide auftauchten. Seither haben Wasserwirtschaftler die Hafenlohr als potenziellen Stausee im Visier. Das abgelegene Spessart-Flüsschen schlängelt sich 25 Kilometer durch ein kleingliedriges Landschaftsrelief Richtung Main. Nahezu ungestört konnten sich hier vielfältige Lebensgemeinschaften entwickeln: Buchen-Eichen-Wälder an den Hängen, Feuchtwiesen und Bruchwälder in den Talauen. Ein Refugium für über 70 Tierund Pflanzenarten, die in Bayern gefährdet oder vom Aussterben bedroht sind. Beispielsweise brütet an steileren Ufern der Eisvogel. Erste Pläne, das Idyll zu fluten, legten die Wasserbehörden 1977 auf den Tisch, 1982 folgte ein Raumordnungsverfahren. Doch die Planer stießen vor Ort auf hartnäckigen Widerstand. So schmiedete der Bund Naturschutz 1978 die »Aktionsgemeinschaft Hafenlohrtal«. Ein Bündnis kritischer Bürger, Kommunalpolitiker, Fachleute und Umweltverbände, die unter dem Vorsitz Sebastian Schönauers gegen den Stausee kämpften und dabei zu Pionieren einer ökologischen Wasserhaushaltspolitik wurden. Mit Erfolg: Der Oberlauf der Hafenlohr steht heute unter Naturschutz, eine FFH-Gebietsmeldung liegt in Brüssel, und die Talsperre selbst wurde nicht gebaut. Vom Tisch ist sie zwar nicht, steckt aber tief in der Schublade. Die offizielle Linie der Wasserbehörden folgt heute weitgehend den Forderungen des BN. So war der wichtigste Erfolg im Hafenlohrtal die Signalwirkung: Selbst die europäische Wasserpolitik setzt heute nicht mehr auf Beton und Fernleitungen, sondern auf Grundwasserschutz, Ökolandbau und dezentrale kommunale Wasserversorgung.

Foto: Grabe

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BN-Aktion: Bayerns Schönheit bewahren

Schwarzbuch Bayern – Rotes Tuch

Foto: Stadtbauamt Kulmbach

Ins Schwarze getroffen hat der Bund Naturschutz, wie manche »betroffene« Reaktion zeigt, mit seinem »Schwarzbuch Gewerbegebiete Bayern«. Das neu erschienene Werk dokumentiert auf beeindruckende Weise den Landschaftsfraß durch das AusweisungsWettrennen der letzten Jahre.

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as erstmals vorgelegte »Schwarzbuch Gewerbegebiete Bayern« mit bislang unveröffentlichten Luftbildern aus allen Regierungsbezirken analysiert schonungslos auf hundert Seiten den Gesichtsverlust bayerischer Heimatlandschaften. 21 Negativ-Beispiele aus allen bayerischen Regierungsbezirken, von der Marktgemeinde Mömbris in Unterfranken bis zur Stadt Rosenheim in Oberbayern, belegen die vielfach gesetzeswidrige Ausweisung von Gewerbegebieten im Außenbereich der Siedlungen, in Talräumen und Überschwemmungsgebieten, in gerodeten Wäldern oder auch auf wertvollen landwirtschaftlichen Flächen. »Wir werden zu Unrecht an den Pranger gestellt«, verteidigen sich bereits einige betroffene Bürgermeister. »Die kommunale Konkurrenz, der Druck von Investoren und Einzelhandelsketten sowie die maroden Kommunalfinanzen lassen uns oft keine andere Wahl«. Richtig ist, dass der beispiellose Ausweisungs-Boom in den letzten Jahren vielfach nur mit hohen Subventio-

Jetzt bestellen Das »Schwarzbuch Gewerbegebiete Bayern« erhalten Sie zum Preis von 15 Euro bei der BN Service GmbH, Spitalstr. 21, 91207 Lauf, Tel. 0 91 23-9 99 57-0, Fax -99, info@service.bund-naturschutz.de, www.service.bund-naturschutz.de. Weitere Informationen zur Aktion »Bayerns Schönheit bewahren« finden Sie im Internet unter www.bund-naturschutz.de

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Kulmbach macht’s vor Die Stadt verzichtete auf ein neues Gewerbegebiet auf der »grünen Wiese« und sanierte stattdessen die alte Spinnerei. Statt Industriebrache in der Innenstadt und zerstörter Landschaft im Umfeld hat Kulmbach heute ein saniertes Gebäude mit Einkaufszentrum in zentraler Lage.

nen aus der bayerischen Wirtschaftsförderung für die teuere Infrastruktur »auf der grünen Wiese« möglich war. Ohne Rücksicht auf gewachsene Siedlungsstrukturen entstanden Gewerbegebiete – mit austauschbaren Schuhschachteln bebaut, garniert mit riesigen Parkflächen, in der Regel ohne Bahnanschluss.

Neue Wege statt neuer Straßen »Ab 2010 sollen in Bayern keine neuen Flächen mehr bebaut beziehungsweise in dem Maß des Neubaus an anderer Stelle versiegelte Flächen renaturiert werden«, erklärt Landesvorsitzender Hubert Weiger ein Hauptziel der BN-Aktion »Bayerns Schönheit bewahren«. »Dies erfordert einen klaren Vorrang für Flächenrecycling, Nachverdichtungen und Umnutzungen, Maßnahmen gegen die kommunale Konkurrenz bei Gewerbegebietsausweisungen und ein Ende des Straßenneubaus.« Das Schwarzbuch spiele dabei eine wichtige Rolle, so Weiger: »Mit ihm wollen wir Öffentlichkeit und Entscheidungsträger sensibilisieren und Lösungen für einen verantwortlicheren Umgang mit den begrenzten Gütern Landschaft und Boden aufzeigen.« Die wichtigsten Instrumente einer umweltverträglicheren Siedlungsentwicklung sind für den Bund Naturschutz


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왘 die Verpflichtung zur Ausarbeitung von Flächenkatastern für Recyclingpotentiale – vor der Aufstellung von Bauleitplänen in allen Städten und Gemeinden, 왘 die Genehmigung von Flächennutzungsplänen durch die Bezirksregierungen, von Bebauungsplänen durch die Landratsämter unter fachlicher Aufsicht der Regierung, 왘 die Beendigung der Subventionierung von Gewerbegebietsausweisungen und Flächen verschwendenden Bauten, 왘 die Neuregelung der Gewerbesteuer mit kommunalem Interessensausgleich, 왘 eine bayerische Bundesratsinitiative für die Einführung einer Versiegelungsabgabe, 왘 die Entwicklung neuer Nutzungskonzepte für leer stehende Bausubstanz in städtischen und ländlichen Regionen.

Becksteins Worte ohne Wirkung Überraschende Übereinstimmung in der Frage des Flächensparens sieht die stellvertretende BN-Landesvorsitzende Doris Tropper, die sich auch als BN-Kreisvorsitzende in Erlangen seit Jahren für die Stärkung der Innenstädte und gegen den Flächenverbrauch engagiert, zwischen dem Bund Naturschutz und dem bayerischen Innenminister Günther Beckstein. Der Minister hatte schon im Oktober vergangenen Jahres in einem »Brandbrief« an alle Bürgermeister Bayerns appelliert, »in Ausübung ihrer Planungshoheit einem sparsamen Umgang mit der vorhandenen Fläche das notwendige Gewicht beizumessen«. Beckstein weiter: »Mit diesem Appell greife ich allerdings auch eine ohnehin bestehende rechtliche Verpflichtung auf«. Doris Tropper vermisst allerdings die Wirkung dieses Schreibens: »Viele Bürgermeister haben den Brief anscheinend als Geheimsache im Schrank verschwinden lassen, statt die Konsequenzen für die weitere Siedlungsentwicklung öffentlich zu diskutieren«.

Vernunft in der Spinnerei Dass es auch anders geht, zeigt der Bund Naturschutz im »Schwarzbuch« unter anderem an einem PositivBeispiel aus dem oberfränkischen Kulmbach. Dort

Neue Gewerbegebiete schaffen Arbeitsplätze. Falsch! In Bayern besteht schon jetzt ein massives Überangebot an Gewerbeflächen von circa 20 Prozent. Mehr Ausweisungen bedeuten nur noch mehr Leerstände. Bayern hatte noch nie so viel Gewerbeflächen wie heute bei gleichzeitig hoher Arbeitslosenquote. Allein in der Datenbank der IHK hat sich das Gewerbeflächenpotenzial in Bayern von 2001 auf 2002 um 5,2 Prozent auf 13 622 Hektar erhöht, davon besteht für über 9000 Hektar Baurecht. Die Menschen haben doch immer schon so viel Fläche zum Leben verbraucht. Falsch! In nur 18 Jahren wurde die Siedlungsfläche in Bayern um 51 Prozent ausgeweitet. In nur anderthalb Generationen wurde fast genauso viel Land verbraucht wie in der ganzen menschlichen Siedlungsgeschichte zuvor. Der zunehmende Flächenverbrauch liegt nur an der steigenden Einwohnerzahl. Falsch! Seit Ende der 1960er Jahre hat sich der Flächenverbrauch von der Einwohnerentwicklung abgekoppelt, er steigt weit überproportional im Vergleich zur Einwohnerzahl. Ist doch egal, ob Fläche in der Stadt oder auf der »grünen Wiese« verbaut wird. Falsch! Nach einer Studie des Umweltbundesamtes entspricht ein Hektar innerörtliches Baulandpotenzial mindestens drei Hektar Neubaufläche am Stadtrand, weil hier zusätzliche Verkehrsflächen und Versorgungseinrichtungen geschaffen werden müssen.

wurde Mitte der 1990er Jahre ein 44 000 Quadratmeter großes Gewerbegebiet in einer herrlichen Landschaft geplant. Auf Kosten von Äckern und Wiesen sollten im Gewerbegebiet »Autobahn« Einzelhandels-Großprojekte angesiedelt werden. Doch nach Protesten des Bundes Naturschutz ließen die Kulmbacher diese Planung fallen und ersetzten sie durch die Umgestaltung der alten Kulmbacher Spinnerei, einer Industriebrache zwischen Bahnhof und Innenstadt. In das sanierte Hauptgebäude ist inzwischen das Einkaufszentrum »fritz« eingezogen, weitere sollen folgen. »Wir wollen, dass diese Positiv-Beispiele in Bayern Schule machen und die politischen Rahmenbedingungen für einen verantwortlichen Umgang mit unserem knappsten Gut geschaffen werden«, wünscht sich Hubert Weiger. Dass dies möglich ist, beweist auch die SpessartGemeinde Rothenbuch. Maßgeblich dank dem Einsatz des stellvertretenden BN-Landesvorsitzenden Sebastian Schönauer, seit 25 Jahren Rothenbuchs zweiter Bürgermeister, hat sich die Gemeinde in einem bayernweit einmaligen Beschluss verpflichtet, keine neuen Bauund Gewerbegebiete auszuweisen. Stattdessen nutzen die Rothenbucher vorhandene Flächen mit der Schließung von Baulücken und dem Verdichten der bestehenden Siedlungsfläche.

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Foto: BN

Foto: Hugel

Richtig oder falsch? Behauptungen zum Flächenfraß.

Der Autor Richard Mergner, 42, ist Landesbeauftragter des Bundes Naturschutz.


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1913: Die Gründung des BN

Königlich-bayerischer Amtsnaturschutz

Foto: Ammon, Montage: Schlagintweit

Das Bier mag noch dunkel gewesen sein, die Menschen typisch und die Burschen schneidig – in Ordnung war in der guten alten Zeit schon vieles nicht mehr. Die Kehrseiten des Fortschritts wurden um 1900 sogar in Bayern immer deutlicher – die Zeit war reif für eine starke Naturschutz-Organisation.

Monumentale Verschandelung Der erste große Erfolg des BN: Ein »assyrischer Löwe« in der Falkensteiner Wand am Königssee, 1916 zum militärischen Gedenken geplant, wurde nie Realität. Das gerettete Naturmonument wurde zur Keimzelle für den Nationalpark Berchtesgaden, gegründet 1978, ein weiterer großer BN-Erfolg.

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ein Herrgotts- oder Malerwinkel schien sicher vor Steinbrüchen, Dämmen oder Deichen, vor Telegraphenleitungen, Eisenbahnen und Hotels. Erste Motorboote knatterten schon über den Königssee. An den ästhetischen Zumutungen der Neuzeit störte sich das Bildungsbürgertum schon geraume Zeit. Der Berliner Musikprofessor Ernst Rudorff hatte 1889 gewettert: »Die Menschheit ist auf dem besten Wege … dem irdischen Dasein jeden edleren Reiz zu rauben.« Inzwischen war der Heimatschutzgedanke zu einer breiten Bewegung herangewachsen. In München erfasste sie eine umtriebige Szene von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Künstlern. Prominente Architekten und Maler bemühten sich etwa, die Isarauen südlich der Stadt durch Grundstückskäufe vor den Ingenieuren der Elektrizitätswerke zu retten. Ähnlich gingen im Norden der Stadt Mitglieder der Bayerischen Botanischen Gesellschaft vor. Sie wollten die Garchinger Heide vor den Bauern bewahren, die dank neumodischer Dünger immer weiter vorrückten. Doch wie der Schriftsteller Hermann Löns formulierte, arbeitete die Naturzerstörung »en gros, der Naturschutz en detail«. Gemeinsam wendeten sich die letztlich machtlosen Vereinigungen mit einer Eingabe an die Regierung:

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Naturschutz gehöre in die Hände des Staates. Der volksnahe Prinzregent Luitpold, selber ein Naturliebhaber, zeigte Verständnis. Tatsächlich richtete das Innenministerium 1905 einen »Landesausschuss für Naturpflege« ein. Besetzt wurde er mit hochrangigen Wissenschaftlern, Beamten, Künstlern und Ingenieuren. Davon erhoffte man sich Ideenaustausch und effiziente Beratung.

Prinz und Prominenz Allein, die Isar wurde weiter reguliert und fiel teilweise trocken. Die berühmten Stromschnellen von Laufenburg wurden für ein Kraftwerk gesprengt. Und auf dem Wendelstein ächzte bald eine Zahnradbahn. Offenbar fehlte dem Gremium der nötige Rückhalt und die Autorität. Darum regte der königliche Regierungsrat Reubold die Gründung eines privaten Dachverbands an. Er solle die Arbeit des Ausschusses auf eine breitere Grundlage stellen – gemeint waren vermutlich Finanzen und Renommee. Als Schirmherr firmierte denn auch Luitpolds Nachfolger, der neue Regent Kronprinz Rupprecht. Am 26. Juni 1913 wurde der »Bund Naturschutz in Bayern« (BN) gegründet. Dazu trafen sich im Innenministerium Vertreter des Landesausschusses für Naturpflege, der Bayerischen Botanischen und der Bayerischen Ornithologischen Gesellschaft sowie des Vereins für Naturkunde. Laut Protokoll versprachen sie sich davon, »wirkungsvoller gegen Industrie, Wirtschaft und Behörden auftreten zu können«. Nach außen repräsentierten den Verein ausschließlich finanziell gut gestellte und angesehene Persönlichkeiten. Anfangs war der BN also ein etwas merkwürdiges Gebilde: ein privat finanzierter Honoratioren-Verein zur Unterstützung eines Ausschusses zur Beratung der Regierung … Die Konstruktion brachte zwar Reibungsverluste durch Konkurrenz und Doppelarbeit, doch langfristig profitierte der BN. Er konnte die flächendeckende Organisation des Ausschusses nach und nach für seine eigene Vereinstätigkeit nutzen. Erste Erfolge stellten sich ein. Beispielsweise gelang es dem Vorsitzenden Professor Karl Freiherr von Tubeuf, eine monumentale Naturverschandelung am Königssee zu vereiteln. In eine Felswand sollte 1916 zur Kriegserinnerung ein riesiger assyrischer Löwe gemeißelt werden. Einflussreiche Berliner Sommerfrischler hatten sich das ausgedacht und schon Spenden gesammelt. Doch Tubeuf verurteilte in einem bewegt-patriotischen Zeitungsartikel die Idee, »das ernsteste, heiligste Naturland« zu verkünsteln; ihm schauderte bei der Vorstellung, noch in der fernsten Einsamkeit aus »glücklichem Selbstvergessen« gerissen und zu schmerzlichen Erinnerungen gezwungen zu werden. Der Löwe blieb Phantasie. Realität wurde 1921 ein Naturschutzgebiet und 1978 sogar der Nationalpark Berchtesgaden – ganz nach Tubeufs Intention, die Natur »vor dem Menschen für den Menschen« zu schützen. Ein Motto, das heute so aktuell erscheint wie in der guten alten Zeit. Tino Schlagintweit


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Helmut Steininger im Ruhestand

Fotos: BN-Archiv

Abschied vom Selbstverständlichen Nach genau 34 Jahren als Landesgeschäftsführer des Bundes Naturschutz hat Helmut Steininger sein Amt an Peter Rottner übergeben. Mit ungeheurer Tatkraft hat »VollblutNaturschützer« Steininger diese erfolgreiche Periode der BN-Geschichte so entscheidend geprägt, dass ein Bund Naturschutz ohne ihn vielen kaum vorstellbar scheint.

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igentlich war Helmut Steininger immer schon da, beim Bund Naturschutz. Als der heutige Landesvorsitzende Hubert Weiger sich 1971 als Zivildienstleistender bewarb, war es Landesgeschäftsführer Helmut Steininger, der ihn zum Vorstellungsgespräch einlud. Selbst als Hubert Weinzierl, BN-Vorsitzender von 1969 bis 2002, sich zu Beginn seiner langen Amtszeit daran machte, den Verband zur schlagkräftigen, bayernweit präsenten Umweltorganisation zu entwickeln, konnte er von Beginn an auf seinen »Motor« Helmut Steininger bauen. So ist es kein Wunder, dass die Begriffe Landesgeschäftsführer und Helmut Steininger im Bund Naturschutz zum Synonym geworden sind. So mancher BNAktive wird sich mühsam daran gewöhnen müssen, dass der akribische Organisator großer Veranstaltungen, der stimmgewaltige Redner der jährlichen Delegiertenversammlung und die letzte Zuflucht in heiklen finanziellen, personellen und organisatorischen Fragen nun nicht mehr Helmut Steininger heißt. »Nur« gut ein Drittel seines 90-jährigen Bestehens wurden die Geschäfte des Bundes Naturschutz von Helmut Steininger geführt. Doch es ist nicht übertrieben zu sagen, dass der Verband wohl 90 Prozent seiner Größe und Kraft in diesen 34 Jahren gewonnen hat. Die Mitgliederzahlen sprechen für sich: 12 500 damals, fast 170 000 heute. Als Meisterleistung Steiningers wird der Aufbau einer bayernweiten Organisationsstruktur in die Geschichtsbücher des BN eingehen. Als der stu-

Generationswechsel

Foto: Kuffer

Seit 1. April dieses Jahres ist Peter Rottner, 47, als Nachfolger von Helmut Steininger Landesgeschäftsführer des Bundes Natur-

dierte Sozialpädagoge und damalige Berufsberater 1969 zum Bund Naturschutz wechselte, war der Begriff Kreisgruppe im Verband noch fast ein Fremdwort. Nur in wenigen Landkreisen hatten sich die aktiven Umweltschützer in regionalen Gruppen organisiert, München war das eindeutige Verbandszentrum.

Naturschutz in Wort und Tat Helmut Steininger startet 1971 für den BN die Wiedereinbürgerung des Bibers in Bayern. Zusammen mit Hubert Weinzierl leitet Steininger 1983 die BNDelegiertenversammlung.

Grüne Karte Der aus dem Rottal stammende Bauernsohn Steininger erkannte die fehlende Flächen-Struktur als entscheidendes Manko auf dem Weg zur schlagkräftigen Lobby für die Natur. Mit ungeheurer Tatkraft und Zähigkeit machte er sich deshalb daran, in den Landkreisen eigenständige Gruppen zu gründen, eine nach der anderen. Bis er es zusammen mit Hubert Weinzierl, Hubert Weiger und engagierten Naturschützern aus allen Teilen des Landes bis 1976 geschafft hatte, den letzten weißen Fleck auf der Landkarte BN-grün einzufärben. Und damit nicht genug: Am 10. Juli 1976 gründete sich unter maßgeblicher Beteiligung des BN der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, BUND; Versammlungsleiter: Helmut Steininger. Wer schon (fast) immer da war, der ist kaum wegzudenken. Gut also, dass Helmut Steininger dem Bund Naturschutz erhalten bleiben könnte. Auf der Delegiertenversammlung im Mai wird er sich als Schatzmeister des Landesverbands zur Wahl stellen. Manfred Gößwald, Leitender Redakteur

schutz. Der Jurist kennt den Verband bestens. Seit 1976 war er ehrenamtlich in der Orts- und Kreisgruppenarbeit tatkräftig engagiert. Fast zehn Jahre gehörte er dem BN-Beirat an, und er leitet den Arbeitskreis Rechtsfragen des BUND. Seit fast zwei Jahrzehnten hat er den BN als Rechtsanwalt in vielen wichtigen Verfahren vor Gericht vertreten und wichtige Erfolge für die Natur erstritten. Beispiele sind die Rettung des

»Naßangers« im Maintal und zuletzt der Baustopp der Autobahn durch den Gottesgarten bei Kloster Banz. Nun sieht er sich im neuen Aufgabenbereich der Basis des Verbands verpflichtet: »Ein guter Service für unsere Mitglieder und Aktiven, die fundierte Beratung und Information über alle Verbands- und Umweltfragen gehören ebenso zu meinen Zielen wie die solide wirtschaftliche Entwicklung des BN.«

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Fanal Wackersdorf

Foto: BN-Archiv

Anti Atom – pro Solar

Heiße Phase BN-Vorsitzender Hubert Weinzierl und Landrat Hans Schuierer bei einer Kundgebung 1985. Allein die WAAEinwendungen aus den Reihen des Bundes Naturschutz füllten 18 Aktenordner.

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irtschaftsminister Jaumann wusste es schon 1979: »Falls Bayern ein Zwischenlager akzeptiert, dann in Wackersdorf.« Selbst Umweltminister Dicks Schlagzeile »Wiederaufarbeitung im Raum Schwandorf abwegig« zu Silvester 1980 half nichts. Ministerpräsident Franz Josef Strauß hatte alle Weichen längst gestellt. Die deutschen Stromkonzerne schickten die eigens gegründete Gesellschaft zur Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen (DWK) vor. Der Bund Naturschutz, Bürgerinitiativen und Landrat Hans Schuierer klärten die Bevölkerung in vielen Veranstaltungen auf und hatten die wissenschaftlichen Fakten und die Zustimmung der Bevölkerung auf ihrer Seite. Unzählige BN-Vorträge – allein im Juli 1985 in dreißig Orten der Sicherzeitszone – klärten die Öffentlichkeit auf. 881 000 Einsprüche aus dem In- und Ausland führten 1988 zum Erörterungstermin in Neunburg vorm Wald. Er dauerte über einen Monat und wurde zum wissenschaftlichen Desaster für die DWK.

Aus für WAA: Einstieg in Atomausstieg Am 12. April 1989 ließ der VEBA-Vorsitzende von Bennigsen-Foerder das Projekt WAA Wackersdorf aus Wirtschaftlichkeitsgründen fallen. Einige Milliarden DM aber waren bereits im gerodeten Wald verbaut, darunter ein Zwischenlager für 1500 Tonnen Atommüll. Der Einsatz von CS-Gas und die Überlastung der Polizeiangehörigen hatten vier Menschenleben gekostet. Seit 1989 ging in Deutschland kein neues Atomkraftwerk in Betrieb. Um die vorhandenen weiter zu betreiben, haben Bundesregierung und Stromwirtschaft be-

881 000 Einwendungen waren am Ende stärker als wehrhafte Bauzäune. 1989 wurde der Bau der Atommüll-Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf nach neun Jahren Widerstand gestoppt. Der Bund Naturschutz hatte schon 1979 sein Nein gegen die Atomenergie ausgesprochen und die Alternativen benannt.

schlossen, große Standortzwischenlager zu errichten. Der Kampf gegen den Atommüll hat sich von Wackersdorf nach Grafenrheinfeld, Gundremmingen und Niederaichbach verlagert. Im Frühjahr 1979 untermauerte der Bund Naturschutz sein Nein zur Atomkraft und nannte zwei energiepolitische Auswege: die Energieeinsparung und die Solarenergie. Zur gleichen Zeit zeigten alle handelsüblichen Prognosen zum Energieverbrauch steil nach oben – ein schwerer Stand für die Position des BN. Der tatsächliche Energiebedarf blieb weit unter den Prognosen. Doch die Energiepolitik wurde unnötig lange in falsche Richtungen gelenkt.

Nur erneuerbare Energien machen Sinn Eine Wende hin zu erneuerbaren Energien war erst in den 1990er Jahren in Sicht. Das Einspeisegesetz von 1990 brachte die Windkraft an den Markt heran. Der Solarstrom fasste in einigen fortschrittlichen Städten durch die so genannte kostendeckende Vergütung Fuß. Den Durchbruch für den Solarstrom brachte 2000 das Erneuerbare Energien Gesetz. In Niederbayern machten BN-Kreisgruppen frühzeitig darauf aufmerksam und verhalfen der Photovoltaik zu einem bundesweit einmaligen Boom. Allein im Landkreis Landshut wurden bis Ende 2001 über fünf Megawatt Photovoltaikanlagen installiert. Eine Öffentlichkeitskampagne des Forums Ökologie Rosenheim mit den BN-Kreisgruppen Berchtesgadener Land, Rosenheim und Traunstein vom Watzmann zum Wendelstein brachte ebenfalls über fünf Megawatt auf die Dächer und wurde mit dem Agenda-Preis ausgezeichnet. Ludwig Trautmann-Popp, BN-Energiereferent

Foto: Rubeck

Bürger meisterlich Mit seiner Aufklärungsarbeit hat der BN dazu beigetragen, dass die weitaus meisten deutschen Solaranlagen heute in Bayern stehen. Die BN-Aktion Bürgersolardächer bietet auch Bürgern, die kein eigenes Dach besitzen, die Möglichkeit, an der Entwicklung des Solarstroms aktiv teilzunehmen. Im Jahr 2002 konnten damit in BN-Kreis- und Ortsgruppen über 70 Bürgersolardächer mit zusammen mehr als zwei Megawatt Spitzenleistung in Betrieb genommen werden.

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Bayern verplant – bewahrt Auch so könnte die bayerische Landkarte heute ausschauen. Wenn nicht der Bund Naturschutz mit seinen Mitgliedern und Aktiven und gemeinsam mit PartnerVerbänden und Bürgerinitiativen viele Jahrzehnte lang gekämpft hätte: für die Natur, für die Landschaften, für die Umwelt – und gegen die Verschwendung von Steuergeldern. Beispiele aus fünf Jahrzehnten.

Trinkwassertalsperre im Kremnitztal geplant in den 1970ern Hof

Freizeitsee Lamitztal geplant 1991 – 1994

Trinkwassertalsperre im Hafenlohrtal geplant seit 1978

Schweinfurt

Müllverbrennungsanlage Hof geplant 1982 –1994 Hochwasserspeicher Gumpen geplant 1973 – 1978

Hochwasserspeicher Püttlachtal geplant 1957 – 1988 Bamberg

Autobahn Westumfahrung Würzburg geplant seit den 1970ern

Bayreuth

Hochwasserspeicher Rotmaintal geplant 1973 – 1976

AKW Viereth geplant 1973–1998

Würzburg

Kohlekraftwerk Franken III geplant 1980–1995

Müllverschwelungsanlage Fürth geplant 1983–1998

Erlangen

Rangierbahnhof im Nürnberger Reichswald geplant 1972 – 1977

Müllverbrennungsanlage Erlangen geplant Anfang der 1990er

Fürth

Nürnberg

Autobahn Westumfahrung Nürnberg geplant in den 1970ern Ansbach

Schnellstraße B2 A-neu geplant in den 1980ern

WAA Wackersdorf geplant 1979–1989

Zweite Start- und Landebahn Flughafen Nürnberg geplant seit den 1970ern Regensburg

Staustufen in der Donau zwischen Straubing und Vilshofen geplant seit 1966

Magnetschwebebahn Donauried geplant in den 1970ern

Staustufen in der Weltenburger Enge geplant 1950 – 1952

AKW Pleinting bei Vilshofen geplant 1974–1976 Passau

AKW Pfaffenhofen geplant 1978 – 2001

Landshut

Müllverbrennungsanlage Plattling geplant 1985 – 1990 Augsburg

Autobahn »B 15 neu« geplant seit den 1970ern

Müllverbrennungsanlage Lauingen/Donau geplant 1979 – 1988

München

Autobahnring München-Süd geplant seit 1972 Staustufen in der Litzauer Lechschleife geplant 1955 – 1960 Müllverbrennungsanlage Murnau geplant 1972 – 1985

Autobahn Kempten-Lindau geplant seit 1973

Queralpenautobahn geplant in den 1970ern

Staustufen in der Salzach geplant in den 1970ern

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15 Jahre Kindergruppen in der JBN

Von Dreckspatzen und Würmratzen

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ie heißen Dreckspatzen, Moosfrösche und Würmratzen und sind in ganz Bayern zuhause. Sie halten sich vorwiegend an der frischen Luft auf, suchen jedoch bei feuchtem Wetter auch einmal einen Unterschlupf auf. Ihre Umwelt und die Natur nehmen sie genau unter die Lupe und leben nach dem Motto »dreckig aber glücklich«. Sie treten immer in Rudeln auf und werden meist von erfahrenen Muttertieren geleitet. Nach Schätzungen von Fachleuten leben heute, 15 Jahre nachdem sie erstmals gesichtet wurden, etwa 200 aktive Rudel in Bayern. So oder ähnlich wären die Kindergruppen der Jugendorganisation Bund Naturschutz (JBN) wohl in einem zoologischen Nachschlagewerk beschrieben. Bei den »Muttertieren« handelt es sich um ehrenamtliche Leiterinnen und Leiter; von ihrem unermüdlichen Engagement lebt die Kindergruppenarbeit vor Ort. Die Gruppen treffen sich wöchentlich bis monatlich zu interessanten Tätigkeiten wie Rindenbootbau, Brotbacken oder Kläranlagenbesuch. Diese über ganz Bayern verstreuten Aktivitätszentren bilden die Gemeinschaft der JBN. Mancherorts gelingt auch eine äußerst fruchtbare Symbiose zwischen einer JBN-Gruppe und einer Kreis- oder Ortsgruppe des Bundes Naturschutz (siehe z. B. »Tierhotel Trafoturm« auf Seite 32). Ein Grundstück für Außenaktivitäten, ein Raum für schlechtes Wetter, ein paar Euro und ein begeistertes Team lassen eine Oase des Natur- und Umweltschutzes und eine wirkliche Gemeinschaft aufblühen.

Angebote 2003 für Gruppen und Leiter 30. 5. bis 1. 6. Expeditionen ins Tierreich (Naturkundliches Seminar) 27. bis 29. 6. Naturerlebnisferien (Seminar zum Thema: Wie organisiere ich eine kleine Freizeit) 27. 7. bis 1. 8. Großes Kindersommerlager »Wilder Wald«

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24. bis 25. 10. Landesversammlung und Tagung »Aus der Praxis für die Praxis« 25. bis 26. 10. Arbeitskreis Kinder 28. bis 30. 11. Erlebnis Kindergruppe (Basiskurs für Leiter) Fragen und Anmeldung: Bernd Scheuerlein, JBN, Trivastr. 13, 80637 München, Tel. 0 89 - 15 98 9636, Fax -33, scheuerlein@jbn.de, Internet www.jbn.de.

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Fotos: JBN

200 Kindergruppen des Bundes Naturschutz sind in Bayern aktiv. Die Jugendorganisation des BN unterstützt sie mit Rat und Tat, mit Info und Euro. Von Bernd Scheuerlein, pädagogischer Mitarbeiter der JBN. Spaßige Drecksarbeit Batzig zur Sache ging’s im Kindersommerlager 2002 »Abenteuer Grüne Hölle – Eine Reise in den Kindernationalpark Donauauen«. Dort lernten die Kinder nicht nur, dass sich aus Donaulehm prima Krokodile bauen lassen. Gemeinsam mit ihren Betreuern unterstützten sie auch den Einsatz des BN für den frei fließenden Strom.

Der zweite wichtige Ansprechpartner für die Kindergruppen ist die JBN-Landesstelle in München. Jeweils ein Bildungsreferent für Kinder, Müpfe (12- bis 15-Jährige) und Jugendliche betreut die entsprechende Altersgruppe und deren Leiter. Sie unterstützen die ehrenamtlichen Landesjugendleiter. Gemeinsam bietet dieses Team eine Reihe von Serviceleistungen für Kindergruppen sowie deren Leiterinnen und Leiter. Jede Gruppe, die sich neu gründet, erhält ein Infopaket mit wertvollen Tipps zur Gruppenarbeit und zum Verband. Auf Seminaren können sich Gruppenleiter weiterqualifizieren. Als jährliche Finanzspritze zahlt die Landesstelle pro Gruppe 120 Euro.

Frechdachse im wilden Wald Im Herbst treffen sich alle Kindergruppenleiter der JBN zur Landesversammlung. Die Leiter stellen ihre Projekte vor, Fachreferenten sprechen über spannende Themen. Jeder kann neue Anregungen für die Aktivitäten seiner Gruppe mitnehmen, Gleichgesinnte kennen lernen sowie eigene Ideen einbringen. Wer sich noch weiter engagieren möchte, kann im Arbeitskreis »Kinder« Projekte planen und umsetzen, natürlich nette Leute treffen und viel Spaß haben. Ein ganz besonderes Erlebnis für eine Kindergruppe ist das alljährliche Kindersommerlager. Ein spannendes, abwechslungsreiches Programm sorgt dafür, dass alle Teilnehmer unvergessliche Erlebnisse und viele tolle Ideen mit nach Hause nehmen. Dieses Jahr geht es in den Nationalpark Bayerischer Wald. Unter dem Motto »Wilder Wald« dreht sich alles um Wildnis, um Katastrophen, die keine sind, und um die Menschen im Bayerischen Wald. Alle JBN-Kindergruppen sind herzlich eingeladen. (göß)


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Botschaft für die Herzen 90 Jahre Rackern für Natur und Umwelt haben das Land geprägt. Der Bund Naturschutz hat aber nicht nur das ökologische Kapital Bayerns tatkräftig und für alle sichtbar gemehrt. Er hat seine Botschaft »pro Umwelt« auch in die Herzen und Köpfe der Menschen getragen. Umweltschutz ist schließlich Einstellungssache. Wer auf den richtigen Kurs wechselt, für den sind Kröten, Spinnen und Fledermäuse keine Feinde, sondern Freunde. Mit dieser klaren Philosophie des »Anwaltes der Umwelt« hat sich der BN in einem sehr bewegten Jahrhundert behauptet und unterschiedlichen Weltbildern nachhaltig und zielstrebig Paroli geboten. Ich gratuliere dem BN ganz herzlich zu seinem runden Geburtstag und wünsche ihm, dass er seine Botschaft durchsetzungsstark und dauerhaft in die Zukunft tragen kann – so wie eben Unkraut wächst, blüht und gedeiht! Hartmut Stumpf, UNKRAUT- Moderator

Auf die nächsten 90! Mit dem BN bin ich journalistisch groß geworden, und ich muss sagen, die 90 merkt man ihm nicht an. Im Gegenteil: Er hält all diejenigen (Beobachter oder Aktiven) auf Trab, die angesichts der weit verbreiteten Ignoranz gegenüber dem Umweltschutz zu resignieren drohen. Auf die nächsten 90! Herbert Fuehr, Nürnberger Nachrichten

Starke Menschen Dem Bund Naturschutz habe ich viel zu verdanken, denn zum ökologischen Bewusstsein kam ich durch den gemeinsamen Kampf gegen den RMDKanal. Seitdem ist der BN für meine Familie und mich zur gesellschaftspolitischen Heimat geworden und beeinflusst zwangsläufig unser täg-

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liches Handeln: die Liebe zur Natur, das Engagement für ökologisch erzeugte gesunde Lebensmittel, konkret die Umstellung des Betriebes zur Öko-Brauerei aus Überzeugung. Das wünsche ich dem BN: starke Menschen, die den Rest der Welt mit ihrer positiven Haltung anstecken! Martha Krieger, Öko-Unternehmerin, Riedenburger Brauhaus

Kompetenz und Liebe So vitale 90-Jährige wie der Bund Naturschutz geben uns allen Zuversicht und Motivation für engagierte Naturschutzarbeit. Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum und einen dicken Dank an alle, die sich immer wieder mit Kompetenz und Liebe für die wertvolle Natur und Landschaft unseres schönen Bayern einsetzen. Wie wäre doch Bayern grau und öd, laut und dreckig, wenn wir nicht diesen lebendigen BN hätten! Die Verhinderung der Wiederaufarbeitung in Wackersdorf, der Erhalt der frei fließenden Donau, die Einbürgerung von Biber und Luchs, der Nationalpark im Bayerischen Wald, der Erhalt des Hafenlohrtals … Die Liste der Erfolge ist lang und lässt sich mit vielen regionalen Erfolgen fortsetzen. Der BN scheut sich nicht, auch brisante politische Entwicklungen anzusprechen, um so Naturzerstörung und Ressourcenverbrauch zu stoppen. An Aufgaben und Herausforderungen mangelt es auch in Zukunft nicht, denken wir nur an die Umsetzung von Natura 2000 und die Wasserrahmenrichtlinie, an Klima-, Hochwasser- und Bodenschutz. Ich freue mich auf weitere gute Zusammenarbeit und wünsche viele künftige runde, vitale Geburtstage. Ruth Paulig, BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN, MdL

Hoffnung auf Hoffnung Wir leben in bedrohlichen Zeiten. Was heute gilt, ist morgen verworfen. Und im Irak-Krieg wurden endgültig die Hoffnungen auf Vernunft und Humanität in unserer Zeit von beiden Kombattanten in die erste

Alles Gute, Bund Naturschutz! Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgeschossen, zurückgebombt. Die Erkenntnisse von Konrad Lorenz, das Verhalten des Menschen hätte sich nicht kongruent zur rasanten Entwicklung seines Gehirns verändert, findet gegenwärtig erschütternde Bestätigung. Der Faustkeil aus Neandertal ist die Präzisionsbombe des Herrn Bush … Ob derzeit auch nur einer unserer verantwortlichen Politiker die Marginalie eines 90. Geburtstages des Bundes Naturschutz ernsthaft wahrnimmt? Und doch wird dieses Datum einmal mehr Gewicht haben als viele prominente politische Gedenktage. Unsere Kindeskinder, sofern sie sich überhaupt noch als Teil der Schöpfung begreifen können, werden wissen, wem sie lebenswertes Leben zu danken haben: Der BN ist einer der Väter der globalen Umweltbewegung, auf deren Fahne steht »Kämpft, damit wir Hoffnung auf Hoffnung haben!« Ich gratuliere von ganzem Herzen. Baron Enoch zu Guttenberg, Dirigent

Blick für Zukunftsthemen Herzlichen Glückwunsch zum 90. Geburtstag! Bitte behalten Sie auch künftig Ihren klaren Blick für wichtige Zukunftsthemen, wie etwa das Flächensparen. Denn: Wie gedankenlos gehen wir doch mit dem Raum um, der uns in Deutschland zur Verfügung steht. Indem wir Naturräume immer mehr durch Bauten zersiedeln und durch Straßen zerschneiden, stören wir die für uns Menschen so wichtigen Naherholungsgebiete und zerstören Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Deshalb: Nur eine durchdachte Flächennutzung sichert langfristig den Schutz der Natur. Raumordnung und Landesplanung stellen dafür die Weichen. Prof. Dr. Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes

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Baron Enoch zu Guttenberg

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Unsere Kindeskinder werden wissen, wem sie lebenswertes Leben zu danken haben.

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Ihr Geschenk für den Bund Naturschutz

Zum Geburtstag – ein neues Mitglied Lebenslustige Menschen, Freunde des Lebens, Bund Naturschützer. Nur dank seiner Mitglieder hat der Bund Naturschutz seit 90 Jahren die Kraft, Bayerns Schönheiten zu bewahren. Machen Sie dem BN jetzt das schönste Geburtstagsgeschenk: Finden Sie neue Lebensfreunde, werben Sie ein Neu-Mitglied. Als Dankeschön erhalten Sie eine Jubiläumsprämie Ihrer Wahl.

Die Welt im Taschenformat So klein, so weit, so gut: Mit dem BN-Taschenfernglas erleben Sie die schönsten Augenblicke in der Natur hautnah. Die achtfache Vergrößerung eröffnet Ihnen ein ruhiges Bild auf die Schönheiten von Tieren und Landschaften.

Der StubenBiber für Zuhaus Ganz »echt« ist er zwar nicht und auch kein Tiger – im Unterschied zu seinen Anverwandten in freier Wildbahn aber jederzeit bereit zum Knuddeln: Der BN-Stubenbiber. 20 cm groß mit wunderbar weichem Biberfell aus Plüsch.

Den Vögelein im Walde lauschen … zuerst daheim im Sessel und dann draußen in der Natur: Mit den beiden Vogelstimmen-CDs erkennen Sie die Stimmen unserer gefiederten Freunde schnell und sicher wieder. Für Vogelliebhaber ein Muss, und auch zum Entspannen ideal.

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Willkommen auf der Seite des Lebens!

Werben und gewinnen

Sie haben einen Freund oder Bekannten davon überzeugt, ein Freund des Lebens zu werden und dem Bund Naturschutz beizutreten? – Einfach gemeinsam die beigeheftete Beitrittskarte ausfüllen und absenden. Vielen Dank!

Achtung! Geht die beigeheftete Beitrittserklärung bis 31. Juli 2003 bei uns ein, nehmen Sie als erfolgreicher Werber an der Verlosung einer traumhaften BN-Reise teil! Das Ziel der Reise bestimmen Sie. Einfach in den BN-Reisekatalog schauen und auswählen. Für zwei Personen und im Wert von 1600 Euro – zum Beispiel nach Ligurien, in die Hohe Tatra … Der BN-Reisekatalog ist erhältlich bei der BN Service GmbH, Spitalstr. 21, 91207 Lauf, Tel. 0 91 23-9 99 57-0, Fax -99, info@service.bund-naturschutz.de, www.service.bund-naturschutz.de.

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Foto: BN Service GmbH

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tille Bergwälder, friedliche Seen, zauberhafte Moore und Fluss-Auen voll pulsierenden Lebens – noch gibt es sie: Stücke intakter Heimatnatur. Doch die kleinen und großen Naturwunder, die den Charakter der bayerischen Landschaften ausmachen, schwinden immer mehr. Wir meinen, unsere Heimat muss ihr natürliches Gesicht behalten dürfen. Damit auch unsere Kinder und Enkel sich an der Vielfalt des Lebens, an naturnahen Wäldern, bunten Wiesen und in der Luft blitzenden Libellen freuen können. Oft besteht die einzige Möglichkeit, unsere letzten Naturschönheiten zu beschützen, darin, gefährdete

Donau-Ried – Bayerns Vielfalt beschützen Die Feuchtgebiete Mertinger Höll und Ruten im Donau-Ried beherbergen eine enorme Vielfalt seltener Tiere und Pflanzen. Der vom Aussterben bedrohte Große Brachvogel findet hier eine letzte Zuflucht. Doch Austrocknung und belastetes Wasser bedrohen das Idyll. Um das Überleben von Brachvogel, Kiebitz und Weißstorch noch zu sichern, müssen wir dringend die Wiesen und Moore erhalten und miteinander vernetzen. 40 Hektar angekaufter Schutzflächen sind dafür notwendig. Dafür muss der BN 61 200 Euro als Eigenmittel aufbringen. Das schaffen wir nur mit Ihrer Hilfe!

Große Jubiläumsaktion

Foto: Silvestris

Foto: Stadelmann

90 Jahre – 90 Hektar

Foto: BN/Leidorf

90 Jahre Bund Naturschutz. Mit Ihrer Hilfe wollen wir in diesem Jubiläumsjahr 90 Hektar wertvollste Biotope durch Ankauf dauerhaft schützen und damit vielen bedrohten Arten helfen. Ein Geschenk für Bayerns Natur.

Biotope käuflich zu erwerben. Für den Naturschutz angekaufte Flächen kann niemand mehr zerstören. Mit einem durch Ankauf gesicherten Biotop bewahren wir zugleich ein Stück unverwechselbare Landschaft sowie Tiere und Pflanzen verschiedenster bedrohter Arten. Angekaufte Schutzflächen sind der sicherste Weg, Heimatnatur zu erhalten, umfassend und dauerhaft. Für diese drei Ankaufs-Projekte benötigen wir Ihre Hilfe:

Steinachtal – das Naturparadies bewahren Das Steinachtal und die Linder Ebene erstrecken sich über die bayerischen Landkreise Coburg, Kronach und Lichtenfels sowie den thüringischen Landkreis Sonneberg. Bunte Brachflächen, naturnahe Fließgewässer wie die Föritz und von Seerosen bedeckte Waldteiche bilden ein stilles Naturparadies. Über 40 stark gefährdete oder vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten leben hier: von der Bachmuschel über das Braunkehlchen bis zur Grünen Keiljungfer. Jetzt haben wir die Chance, 50 Hektar dieser unersetzbaren Biotopflächen zu sichern und damit Tiere und Pflanzen dauerhaft zu schützen. Die Landwirte und Grundbesitzer sind verkaufsbereit – um diese Chance zu nutzen, benötigen wir jetzt dringend Ihre Unterstützung!

Teichlberg – Rückzugsraum für Storch und Luchs Am Südabfall des Teichlbergs im Landkreis Tirschenreuth liegt ein Mosaik aus naturnahen Laubwäldern, aus Basaltblockschutt, Quellgebieten, Waldwiesen, Gebüschen und Tümpeln. Dort findet man seltenste Arten wie Schwarzstorch, Uhu, Waldschnepfe, Hohltaube, Sperlingskauz, Rauhfußkauz, Kreuzotter und Moorfrosch. Das naturnahe Gebiet gibt sogar dem Luchs eine lange verlorene Heimat zurück. Um dieses einmalige Gebiet für die Zukunft zu sichern, müssen wir jetzt zehn Hektar Schlüsselflächen ankaufen. Bitte unterstützen Sie uns dabei, die notwendigen 80 000 Euro aufzubringen! Bitte helfen Sie uns, die Naturschönheiten Bayerns mit ihrer einzigartigen Vielfalt seltener Tiere und Pflanzen zu beschützen! Herzlichen Dank. (Einen Überweisungsschein für Ihre Spende finden Sie anbei eingeheftet.) Ihr Prof. Dr. Hubert Weiger, BN-Vorsitzender

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Nationalpark Bayerischer Wald: Eine Vision wurde Wirklichkeit

Das Grüne Herz Europas

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achdem 1872 bereits der Yellowstone-Nationalpark in den USA gegründet war, begann im Jahr 1911 eine Diskussion über die Schaffung eines Nationalparks im Böhmerwald. Aber erst 1965 kam es zu einem legendären »Gipfeltreffen« tschechischer, österreichischer und deutscher Naturschützer auf dem Dreisessel, und die Diskussion begann erneut im Frühjahr 1966. Es war in Ostafrika, wo ich mit Professor Bernhard Grzimek über eine Passage seines Buches »Wildes Tier, Weißer Mann« diskutierte, in der er die Möglichkeit der Schaffung eines Nationalparks in Mitteleuropa bezweifelte. Wenige Zeit danach, im Frühjahr 1966, durchstreiften wir intensiv den Inneren Bayerischen Wald; der Nationalpark-Fachmann revidierte daraufhin seine Befürchtung. Erfolgreicher Weg Kurz danach trugen wir diese Idee dem Bayerischen Der Nationalpark Ministerpräsidenten Alfons Goppel vor. Damit wurde Bayerischer Wald, eine lebhafte politische Diskussion eröffnet, die hier ein Fußweg schließlich nach vier Jahren, 1970, zur Gründung des zum Rachel, steht ersten Nationalparks im Bayerischen Wald führte. 1991 heute für internawurde diese Idee noch gekrönt durch die Schaffung tionales Renommee im Naturdes tschechischen Nationalparks im Böhmerwald. schutz ebenso wie Schließlich gelang es im Jahre 1997, den Nationalpark für große Beliebtim Bayerischen Wald auf die beinahe doppelte Fläche heit bei Erholungsvon nunmehr 23 000 Hektar zu erweitern.

Foto: Willner

suchenden und nicht zuletzt für den wirtschaftlichen Erfolg einer ganzen Region.

Der weite Blick Ehrlich gesagt, keiner unter uns, die wir Ende der 1960er Jahre die jahrelang währende Leidensgeschichte auf dem Weg zu diesem Nationalpark miterlebten, hatte damals geglaubt, dass aus dem ungeliebten Kind der Bayerischen Staatsforstverwaltung einmal das viel gerühmte Aushängeschild der Staatsregierung werden sollte. Wer erinnert sich noch an diese hitzigen Debatten, als wir um den Schutz der Altbestände vor dem gierigen Zugriff der Motorsägen rangen? Entscheidend für den Durchbruch der Nationalparkidee war, das ist unbestritten, der Weitblick des 1970 neu ins Amt gekommenen Landwirtschaftsministers Dr. Hans Eisenmann, der über seinen Waldnationalpark bis zum

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Foto: BN-Archiv

Die Geschichte des Nationalparks im Bayerischen Wald ist noch etwas älter als der Bund Naturschutz. Und doch ist sie vor allem eine Erfolgsgeschichte des BN. Von Hubert Weinzierl, BN-Ehrenvorsitzender und ein »Vater des Nationalparks« Gipfeltreffen Hubert Weinzierl (links) und Professor Wolfgang Haber (Mitte) erläutern 1969 vom Lusengipfel aus Politikern das Gebiet des geplanten Nationalparks.

Tode die schützende Hand gehalten und sogar so unpopuläre Naturschutzmaßnahmen verfügt hat wie das Liegenlassen großflächiger Windwürfe, damit sich die Natur zurückentwickeln konnte. Dass diese Entscheidung richtig war, ist heute unstrittig. Bundespräsident Roman Herzog hat dies am 7. Oktober 1995 knapp und präzise ausgedrückt, als er sagte: »Wir müssen wieder lernen, dass man die Natur nicht nur nutzen, nicht nur ausnutzen kann, sondern dass man die Natur auch einfach liegen lassen kann, entgegen allen vermeintlichen Erkenntnissen der deutschen Forstwirtschaft.« Zugegeben, als studierter Forstmann habe ich Verständnis für die Identitätskrise manches Forstkollegen, wenn er erkennen muss, dass der Wald auch ohne uns, und oftmals sogar viel besser und natürlicher wächst.

Altes Europa Der große Wald im Herzen Europas, der herzynische Wald der Römer, ist ein in sich geschlossener, großer, naturnaher Lebensraum. Der demokratische Aufbruch in Osteuropa, die Beseitigung des Grenzzauns zwischen Bayern, der Tschechischen Republik und Österreich haben den Naturraum am ehemals Eisernen Vorhang wieder zur Einheit werden lassen. Jetzt ist die Zeit gekommen, die Vision des grenzüberschreitenden Nationalparks, wie wir sie bereits zur Zeit des Prager Frühlings entwickelt hatten, als Natur schützende und Völker verbindende Idee zu verwirklichen. Denn es steht nicht weniger auf dem Spiel als die letzte Chance, das größte zusammenhängende Waldgebiet in Mitteleuropa und damit ein Stück abendländischer Kultur der Nachwelt zu erhalten. Die nächsten Generationen werden uns nicht danach fragen, wie viele Autobahnen, Schifffahrtskanäle oder Kernkraftwerke wir zurückgelassen haben, sondern wo der Wald geblieben ist. Hier schlägt das Grüne Herz Mitteleuropas, hier entspringen Quellen der abendländischen Kultur, die auch eine Waldkultur ist.


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durch das Raster des behördlichen Naturschutzes fallen oder die Zeit drängt, gehen der BN und sein Bundesverband BUND auf eigene Faust vor. Mit Spendengeldern haben sie bereits über 130 Hektar erworben, die fürs Grüne Band unverzichtbar sind.

Große Vision Frischen Wind brachte das neu gefasste Bundesnaturschutzgesetz, das überregionalen Biotopverbund fordert. So konnte der BN im Auftrag des Bundesamts für Naturschutz die erste vollständige Biotopkartierung des Grünen Bandes vornehmen. Demnach sind auch heute noch 85 Prozent unbeeinträchtigt. Und fast die Hälfte der Fläche beherbergt Biotoptypen, die laut

Foto: Schmidl

nitiiert hatte das erste deutsch-deutsche Naturschützertreffen nach der Wende Prof. Hubert Weiger vom Bund Naturschutz (BN). Und auch die Grundidee zum Grünen Band stammte aus den Reihen des Verbands. Schon seit Jahren war der Ornithologe Dr. Kai Frobel Vogel-Seltenheiten hinter den Grenzanlagen auf der Spur, wenn auch nur mit dem Fernglas. Er blickte in eine ökologische Schatzkammer. Feuchtwiesen, Magerrasen, Moore, Wälder, Uferzonen lagen gleich einer Perlenkette aufgereiht an einem Brachestreifen quer durchs Land. Eine historische Chance! An sich war es gewagt, die Grenze, auf welche Weise auch immer, schützen zu wollen. Trotzdem stieß das Grüne Band in Politik und Öffentlichkeit auf offene

Das Grüne Band Foto: Leidorf

Grenzfall im Naturschutz Wendezeit im Dezember ’89. Politisches Tauwetter hat den »Eisteich« erfasst. In der Hofer Gaststätte feilen 400 Naturschützer aus Ost und West an einer Vision: Aus der mörderischen innerdeutschen Grenze soll ein lebendiges Symbol der Einheit werden – und zugleich der größte Biotopverbund Deutschlands. Ohren. Doch der schlüsselfertige Naturkorridor litt unter den Erfordernissen und Wirren der Wendezeit. Bald war er vielfach von Landstraßen, Autobahnen zerschnitten, legal oder illegal beackert oder sogar von Gewerbegebieten angenagt. Ohne Lobby, so zeigte sich, hatte das Grüne Band keine Chance. Deshalb machte es der BN zu einem seiner wichtigsten Projekte.

Spenden retten Leben Doch Naturschutz auf 1400 Kilometer Strecke ist ein Präzedenz- und Grenzfall: Mangelnde gesetzliche Grundlagen, eine Vielzahl von Zuständigkeiten, Akteuren und Hemmnissen bremsten die Ausweisung von Schutzgebieten. Da waren Traktoren und Bagger oft schneller als die Kartierer. Um die Aktivitäten besser abstimmen zu können, gründete der Verband eigens ein Projektbüro. Unter Leitung von Dr. Liana Geidezis und Dr. Kai Frobel koordiniert und plant es bundesweit Pressearbeit, Ausstellungen, Kunstaktionen, Grundstückskäufe und nicht zuletzt die Zusammenarbeit mit Partnern. Mit Erfolg: Das Grüne Band ist als Schutzziel etabliert, ein Drittel steht rechtmäßig unter Schutz. Wo wertvolle Flächen

Roter Liste als gefährdet gelten. 32 Abschnitte gelten nun als bundes- oder landesweit bedeutsame Schwerpunkt- und Entwicklungsgebiete – zusammen über drei Viertel der Fläche. Aber für einen überregionalen Biotopverbund sind im Prinzip alle Flächen relevant, auch die scheinbar wertlosen. Es lohnt sich, die Lücken zu schließen. Ein Quantensprung für alle Schutzbemühungen wäre, wenn sich die Bundesregierung an den Koalitionsvertrag erinnerte. Dort versprach sie, ökologisch besonders wertvolle Bundesliegenschaften wie im Grünen Band zu »sichern«. Sie müsste dazu lediglich die bundeseigenen Flächen den Ländern oder Naturschutzverbänden kostenlos und zweckgebunden übertragen. Knapp zwei Drittel des Grünen Bandes wären auf einen Streich gerettet. Die jüngsten Visionen des BN gehen über die Resolution aus dem »Eisteich« weit hinaus. Seit im vergangenen Sommer Michail Gorbatschow die Schirmherrschaft für das Grüne Band übernommen hat, wird es zusehends international. Der Eiserne Vorhang als Vorlage? Es gibt viel zu tun zwischen Eismeer und Adria. Tino Schlagintweit

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Spuren im Band Ohne Schutz wäre das Grüne Band, Deutschlands größter Biotopverbund an der ehemaligen Grenze, bald Vergangenheit. Noch 85 Prozent sind heute intakt, aber erst ein Drittel steht unter rechtlichem Schutz. Im Juni 2002 machte Hubert Weiger, hier mit Michail Gorbatschow, BUND-Vorsitzender Angelika Zahrndt und Bundesumweltminister Jürgen Trittin, erstmals die Idee »Grünes Band Europa« publik.


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Un-konventionelle Landwirte

Theresia und Stephan Kreppold

Vom Märchen, dass Bauer zu sein keine Kunst ist

Foto: Markl-Meider

Naturschutz lebt von Menschen – und von Märchen. Zumindest auf dem Bio-Bauernhof von Theresia und Stephan Kreppold, wo das Bodenleben ebenso gepflegt wird wie das kulturelle. Deshalb gedeihen hier nicht nur die Pflanzen, auch die Menschen blühen auf. Ein Portrait von Christoph MarklMeider

Neues vom Leben auf dem Land Auf ihrem Biolandhof fördern Theresia und Stephan Kreppold auch den Umgang mit neuen Energien und neuer Kunst.

Kontakt Theresia und Stephan Kreppold, Wilpersberg 1, 86551 Aichach, Tel. 0 82 58 - 2 11, Fax 0 82 58 -10 61

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rgendwann während unseres Spaziergangs über diesen paradiesischen Einödhof führt mich Stephan Kreppold an eine Stelle mit weitem Blick ins Umland. Hier eröffnet sich der ganze Reiz der sanftbuckeligen Landschaft zwischen Dachau und Aichach, die Schwaben und Oberbayern miteinander verbindet. Doch der Bio-Bauer macht mich auf etwas anderes aufmerksam. »Schade nur«, sagt er, »dass wir auf unserer Öko-Insel von 10 000 armen Schweinen umzingelt sind.« Dabei deutet er auf drei, vier ringsum gelegene, blendend weiß getünchte Hallen – Großmastbetriebe, in denen jeweils 1000 bis 2000 Tiere ihr tristes Leben fristen. Was muss das für ein Gefühl in einem Menschen auslösen, den ich nur wenige Momente zuvor erlebte, wie er am Laufstall dem massigen Stier namens Franziskus aus seiner Herde von knapp 100 Angus-Rindern fast zärtlich über Stirn und Nase strich? Bei einem Bauern, der in einem Nutztier mehr sieht als nur Schlachtvieh. Der weiß, dass der würdelose Umgang mit den Tieren auch die Würde seines Berufsstands in Frage stellt. Und der das in sich spürt, was auch seine Frau Theresia später in wenigen Worten zum Ausdruck bringt: »Überall bei unserer Arbeit treffen wir auf Beseeltes: in den Tieren, in den Pflanzen und im Boden.«

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Für Theresia und Stephan Kreppold, 53 und 57, gibt es keine erstrebenswerte Alternative dazu, Bäuerin und Bauer zu sein. Und dennoch stehen sie seit über 20 Jahren in offenem Widerspruch zu dem, was sich konventionelle Landwirtschaft nennt. Ihr Bioland-Hof, ein 100-Hektar-Ackerbaubetrieb mit extensiver Rinderhaltung, einem großen Gemüsegarten und einem florierenden Hofladen, ist zu einem überzeugenden Gegenmodell des allgemeinen »Wachsens oder Weichens« geworden. Die Entwicklung des traditionsreichen Familienbetriebes lässt sich als eine Erfolgsgeschichte des ökologischen Landbaus beschreiben, der heute in Bayern etwa 4000 Betriebe auf einer Fläche von 100 000 Hektar umfasst. Natürliche Vielfalt, fruchtbarer Boden und gesunde Ernährung waren die Schlüsselbegriffe der Öko-Pioniere, die inmitten einer immer lebensfeindlicheren Umwelt ein Stück heile Welt schaffen wollten – so auch das Ehepaar Kreppold. Weitere Motive kamen hinzu, wie etwa der Mut zum regionalen Wirtschaften, das politische Engagement im Bund Naturschutz oder die Lust, eine angepasste Technik für den Bio-Landbau zu entwickeln.

Die weibliche Wende Doch all das genügte nicht, um daraus auf Dauer Kraft für die Zukunft zu schöpfen – vor allem genügte es Theresia nicht. Sie, die Bäuerin gelernt und Sozialpädagogik studiert hatte, begann irgendwann, das Leben auf dem Lande mit »typisch weiblichen« Komponenten zu bereichern: Feste im Jahreskreis, meditative Tänze und das Erzählen volkstümlicher Märchen waren äußere Zeichen ihrer Sehnsucht nach einer umfassenderen Persönlichkeit. Davon ließ sich auch ihr Mann anstecken, dessen große bildhauerische Figuren seitdem die Gäste am Hof empfangen. Der Öko-Landbau, so lehrt das Beispiel, bringt nicht nur die Natur auf den Bauernhof zurück, sondern auch etwas des ganzheitlichen Lebens von einst. Aber es ist ein anderes Selbstbewusstsein, das daraus erwachsen ist, und eine neue Kultur, die jetzt gepflegt wird – und auch gefeiert. »Uns geht es so gut«, strahlt Stephan, »dass wir das mit anderen teilen möchten.« Deshalb lädt er mich auf das nächste Hoffest ein, wo alles zusammenkommt: die Politik und das Essen, die Musik und das Handwerk, die Kunst und die Kuh, der Bauer und der Pfarrer, die Landfrau und die Verbraucherin, die Tiere und die Kinder, das Kabarett und die Märchen. Dann erzählt Theresia vielleicht auch vom »Kürbiskind« – und gibt so etwas von dem Geheimnis preis, warum die Saat unter ihren Händen so prächtig aufgeht oder warum der von Stephan kultivierte Acker mehr gibt als genug. »Es lebten einmal ein Mann und eine Frau«, beginnt das Märchen. »Eines Tages säte die Frau einen Kürbiskern aus. Bald war daraus eine hübsche, kräftige Pflanze gewachsen, und ein kleiner Kürbis hing daran. Sie tauften ihn ihr ›Kürbiskind‹ und fühlten sich glücklich und reich …«


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Fünf Jahre BN Service GmbH

Öko-Visionen wirtschaftlich umsetzen Vor fünf Jahren hat der Bund Naturschutz eine GmbH gegründet. In kurzer Zeit ist sie zum stattlichen Öko-Dienstleister gewachsen, mit hohen Ansprüchen an die eigene Arbeit. Benedikt Bisping über die ökologischen Visionen der BN Service GmbH

inen Schlafwagen von Nürnberg nach Moskau? – Keine Chance, dafür haben wir keine Rangierer mehr am Bahnhof …« Es ist schwer geworden, in Deutschland Visionen zu verwirklichen. Alle reden davon, aber wenn es konkret wird, gilt das »Geht nicht – gibt’s nicht« schnell nicht mehr. Vor fünf Jahren ist die Bund Naturschutz Service GmbH angetreten, den wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb des BN zu übernehmen, dabei den ökologischen Positionen des Verbandes gerecht zu werden und umfangreiche Service-Leistungen vor allem für die BNMitglieder anzubieten. In einer langen Reihe von Aufgaben – Anzeigen-Akquise, Druck- und Verlagsabwicklung, Versand von Publikationen und Werbemitteln, Umweltmessen, Kulturveranstaltungen, Umweltberatung und mehr – stand von Anfang an die Organisation ökologischer Reisen mit an vorderster Stelle. Und bald war ein Traum geboren: Wenn der BN gerne Gruppenreisen in Nationalparke organisieren, dabei etwas Ausgefallenes bieten, auf Flüge aber bewusst verzichten wollte: Was lag da näher als eine Erlebnisreise mit der Transsibirischen Eisenbahn zum Baikalsee im fernen Asien?

Fotos: BN Service GmbH

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Zugegeben, ökologisches Wirtschaften ist und bleibt stets eine Gratwanderung. Sobald Waren produziert werden, Menschen oder Güter sich von A nach B bewegen, ist dies mit Energieaufwand verbunden. Aber je nach Art des Transports gibt es erhebliche Unterschiede, die die BN Service GmbH transparent macht. Mit einer neuen Verbandsposition »Ökologisches Beschaffungswesen« versucht sie Antworten zu geben, mit ihren Produkten und Dienstleistungen bietet sie Alternativen. Denn wie könnte der Bund Naturschutz glaubwürdig gegen neue Flughafen-Startbahnen sprechen, wenn er gleichzeitig Flugreisen anbieten würde? Wie könnte er mehr regionale Produkte einfordern, wenn seine GmbH im Nationalpark-Laden Bayerischer Wald Plastikspielzeug aus Fernost verkaufen würde?

Reise-Träume Ökologische Verantwortung und erfolgreiches Wirtschaften: Die erfolgreichen BNReisen, hier Teilnehmer am Baikalsee, zeigen, dass sich beides verbinden lässt.

Plüschbiber, garantiert heimisch Rote Listen, grüne Jobs Trotz mancher Mühen und Skepsis: Der Traum wurde Wirklichkeit, im Februar dieses Jahres bereits zum siebten Mal. Für die BN GmbH bedeutet das mehr als sieben mal 15 300 Bahn-Kilometer. Denn im Zuge der Reisen ließ sich vieles realisieren, was den Naturschützern am Herzen liegt. So konnte in Kooperation mit einer sibirischen Umweltorganisation, der »Ökologischen Welle Baikal«, erstmals eine Rote Liste bedrohter Pflanzen der Baikalregion erstellt werden. Eine Frau aus Irkutsk hat über die BN-Reisen einen Arbeitsplatz für ökologische Exkursionsprogramme erhalten. Und über sein Reiseangebot gewann der Bund Naturschutz nicht zuletzt auch zahlreiche neue Mitglieder, die durch ihren Beitritt in den Genuss der Mitgliederrabatte von bis zu 100 Euro kommen. Visionen wirtschaftlich umsetzen – das steigende Interesse an den BN-Reisen zeigt, dass dies möglich ist.

Den eigenen Ansprüchen auch durch zugleich wirtschaftliches und ökologisches Handeln gerecht zu werden, ist nicht immer leicht. Aber immerhin: Im Frühjahr präsentiert die BN GmbH den ersten Plüsch-Biber, der nicht aus Fernost stammt. Über eine Million Euro konnte das Team der BN Service GmbH 2002 durch ökologisches Wirtschaften umsetzen und dabei auch einen kleinen Gewinn erzielen. Die anspruchsvolle Aufgabe kann sogar Spaß bringen – viel Herzblut und gute Nerven vorausgesetzt, und Visionen. Der Wunsch, dass der Schlafwagen für ökologische Russlandreisen doch noch direkt ab Nürnberg startet und es somit auch wieder einen freien Rangierer im Bahnhof gibt, ist vorerst ein Traum geblieben. Aber vielleicht kommt ja auch in diesen Stillstand noch Bewegung. Gewinnen würden alle: Die Reisenden, die deutsche Arbeitslosenstatistik und das Image der Bahnen. Ökologischer Service ist keine Utopie. (göß)

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Der Autor Benedikt Bisping, 35, ist seit fünf Jahren GmbHGeschäftsführer. Kontakt: BN Service GmbH, Spitalstr. 21, 91207 Lauf, Tel. 0 91 23-9 99 57-0, Fax -99, www. service.bundnaturschutz.de


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K O M M E N TA R

Dicke Bretter gebohrt Foto: SZ

Christian Schneider ist Redakteur der »Süddeutschen Zeitung«. Natur- und Umweltthemen bilden einen Schwerpunkt seiner journalistischen Tätigkeit. Für »Natur+Umwelt« wirft er einen kritischen Blick auf 90 Jahre Bund Naturschutz.

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er in Archive steigt und in alten Unterlagen blättert, kann dort zuweilen auf überraschende Aussagen stoßen. Zum Beispiel diese: »Viele Verantwortliche halten die Natur noch immer für einen miserablen Verhau, so dass wir uns als Gegenbewegung, als Opposition zur Begradigung, Bereinigung und Entwässerung verstehen müssen. Viele Techniker sehen in der Erschließung noch immer die Ordnung und nicht den Kahlschlag, weil ihre Seelen so monoton geworden sind wie die Kartoffelschläge und so einfältig wie die neuen Autostraßen.« Das liest sich wie der Kommentar zur jüngsten Regierungserklärung von Umweltminister Werner Schnappauf. Tatsächlich aber stammt der Text aus dem Gründungsprogramm des Bundes Naturschutz (BN), wie es Carl Freiherr von Tubeuf 1913 verkündet hat. In den vergangenen 90 Jahren scheint sich in Sachen Umwelt- und Naturschutz also nicht viel bewegt zu haben. Was damals schon beklagt wurde, liegt heute immer noch im Argen. Der Schutz der Natur und der Umwelt – so lernen wir also – ist ähnlich wie das Bohren dicker Bretter. Das ist die nüchterne Bilanz zum 90jährigen Geburtstag des BN. Da haben wir nun einen Jubilar, der wacker gekämpft, aber auf den ersten Blick nicht viel bewegt hat. Schon vor Jahrzehnten wurde in Bayern – hoch offiziell – eine Trendumkehr beim Landverbrauch gefordert. Fakt ist, dass Bayern im Jahre 2003 auf diesem Gebiet trauriger Spitzenreiter unter den alten Bundesländern ist. Täglich werden im Freistaat rund 28 Hektar Land überbaut und versiegelt. Von Trendumkehr keine Spur. Und weiter: Die Roten Listen bedrohter Arten werden immer länger, nicht kürzer. Mehr als die Hälfte der Waldfläche Bayerns ist geschädigt. Hinzu kommen Klimaveränderungen und steigende Hochwassergefahr als Folge massenhaften Verkehrs, der immer noch weiter expandiert. Nur zögerlich wird Flüssen und Bächen wieder mehr Raum gegeben. Waren 90 Jahre Bund Naturschutz in Bayern also für die Katz? Ganz bestimmt nicht. Natürlich hat es Misserfolge gegeben. Aber Naturschützer, so hat der ehemalige BN-Chef Hubert Weinzierl einmal gesagt, sind »Triebtäter«. Weil das so ist, haben sie sich in all den 90 Jahren nicht entmutigen lassen. Sie haben hartnäckig immer wieder Sand ins Getriebe der Verwaltung geworfen und damit schlimme Planungen verhindert. Ohne den BN und ohne den langen Atem der Umweltbewegung gäbe es heute vermutlich weder den Alpen-Nationalpark Königssee, mit dem vor rund 100 Jahren eigentlich alles angefangen hat, noch den

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Nationalpark Bayerischer Wald. Auch der weltberühmte – und mit einem Europa-Diplom geadelte – Donaudurchbruch an der Weltenburger Enge wäre ohne die vehementen Proteste des BN in den fünfziger Jahren einem Wasserwerk zum Opfer gefallen. Schließlich wäre der Freistaat kaum das erste Bundesland gewesen, das 1970 ein Umweltministerium eingerichtet hat, wenn nicht der Bund Naturschutz immer wieder nachgebohrt hätte. Dass die Donau zwischen Straubing und Vilshofen noch immer ein frei fließender Fluss ist, kann sich der BN ebenfalls auf seine Fahnen schreiben, auch wenn ein letzter Rest an Angst geblieben ist. Heute klingt es nur noch wie ein schlechter Traum, dass der BN noch in den sechziger Jahren zu seinen Sitzungen im bayerischen Innenministerium zusammenkam. 20 Jahre später kaufte er Sperrgrundstücke, um besonders gefährdete Landschaftsteile dem Zugriff der Planer und Straßenbauer zu entziehen. Und dann profilierte sich der einst ziemlich brave Honoratioren-Verein als Gegner von Atomstrom und atomarer Wiederaufarbeitungsanlage. Das alles ist am Bund Naturschutz, der heute aus guten Gründen darauf beharrt, überparteilich zu sein, nicht spurlos vorüber gegangen. Da hat es heiße Diskussionen im Vorstand gegeben, und so mancher BNVeteran hat verärgert sein Mitgliedsbuch zurückgegeben, weil die Loyalität zur CSU größer war als die zur Natur. Und es hat auch so manche verbandsinterne Kritik gegeben, weil der Kurs nicht immer geradlinig war. Positionen zu überdenken und sie, wenn nötig, auch zu korrigieren, ist nicht das Schlechteste. Jedenfalls hat sich der BN engagiert in die öffentliche Diskussion eingebracht. Das Entstehen eines Umweltbewusstseins ist vermutlich der größte gesellschaftspolitische Erfolg des BN. Mit der Weisheit und der Erfahrung eines 90-Jährigen kann der Bund Naturschutz heute festhalten, es gibt das »Sowohl« und das »Als auch«. Viel wurde erreicht, vieles aber ist auch noch unerledigt. Es geht nicht nur um die kleine überschaubare Welt vor der Haustür, es geht auch um das Handeln des Einzelnen in einer globalen, schwer überschaubar gewordenen Welt. Da kommt es nicht nur auf einen langen Atem an, sondern auch, Verbündete zu finden. Dies wird es sein, was die Naturschützer jetzt noch lernen und intensivieren müssen: Das Gespräch mit anderen gesellschaftlichen Gruppen, mit der Wirtschaft, mit den Gewerkschaften, mit den Bauern. Nur wer Mehrheiten schafft, wird etwas bewegen können.


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Frieden mit der Natur Selten ist die Menschheit so nachdrücklich und dramatisch wie in diesen Tagen darauf hingewiesen worden, dass Frieden eine zentrale Lebensqualität und wesentliche Voraussetzung für die Moral einer Gesellschaft und die Würde jedes Einzelnen ist. Jede Naturschutzbewegung ist auch Friedensbewegung, weil Frieden mit der Natur Grundlage und Ziel einer verantwortlichen, humanen Gesellschaft ist. Wir brauchen die Vielfalt der Arten und Lebensräume in einer naturnahen, nicht überforderten Landschaft aus vielen Gründen. Wir brauchen die Natur für eine erlebenswerte Zukunft in einer Gesellschaft, die bereit ist, mit dem Nachbarn und mit der Kreatur zu teilen. Der Bund Naturschutz hat sich bei allem umwelt- und naturschutzfachlichem Engagement seit 90 Jahren für dieses gesellschaftspolitische Ziel eingesetzt, denn jedes gerettete Biotop ist auch ein Schritt hin zu mehr Menschlichkeit auf dieser Erde. Ich verbinde meinen Glückwunsch mit Dank und Respekt vor dem bisher Geleisteten. Ludwig Sothmann, Vorsitzender des Landesbundes für Vogelschutz

Lasst uns streiten! Auch die Natur braucht eine Lobby, denn gerade in Großstädten ist Flächenfraß eines der Hauptprobleme. Der BN ist dabei traditionell eine Bürste, die auch mal gegen den Strich bürstet – gelegentlich auch gegen meinen, und das ist wichtig. Mit Beharrlichkeit und Nachhaltigkeit konnte schon manches im »Großen« also in der Stadt- und Landesplanung auf’s richtige Maß reduziert werden und vieles im Kleinen, zum Beispiel Gewässerrenaturierungen, verändert werden. Im 90. Jahr ist der BN damit ebenso kritischer wie unverzichtbarer Partner der Politik geworden. Und für Nürn-

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berg gilt weiterhin: Wenn wir uns völlig einig sind, hat einer von beiden was falsch gemacht, drum lasst uns weiter fröhlich und solidarisch streiten. Dr. Ulrich Maly, SPD, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg

Lebensschutz auch für den Menschen Ich gratuliere sehr herzlich zu 90 Jahren engagierter und erfolgreicher Naturschutzarbeit. Naturschutz wird immer mehr zum Lebensschutz für alle Geschöpfe, auch für den Menschen. In der Spanne meines Lebens haben wir die Erdbevölkerung von zwei auf sechs Milliarden Menschen verdreifacht. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Wir haben enorm viel für die Zivilisation, für unser Wohlbefinden getan, aber wir müssen uns davor hüten, der Natur Konkurrenz zu machen. Allein die Zunahme von immer verheerenderen Naturkatastrophen ist ein Zeichen dafür. Ich erinnere nur an die sintflutartigen Hochwasser im vergangenen Jahr in Ostdeutschland. Wir haben Flüsse in schnell fließende Wasserstraßen verwandelt. Die begleitenden, artenreichen Auenwälder wurden trockengelegt, und nun fehlt das Geld, diese Eingriffe in die Natur ausreichend zu reparieren. Die Schönheit der intakten Natur ist unser aller Erbe und ich wünsche dem Bund Naturschutz in Bayern weiterhin viel Erfolg bei seiner wichtigen Mission, diese Schönheit zu bewahren. Herzlichst Ihr Prof. Heinz Sielmann, Tierfilmer und Gründer der Heinz Sielmann Stiftung

Mut, Ausdauer und Gottes Segen Die Bibel bezeichnet im Schöpfungsbericht die Erde als einen Garten, der den Menschen zum Hüten und Bebauen anvertraut ist. Mit großer Eindringlichkeit macht das Bild des Gartens gerade modernen Menschen im Zeitalter der industriellen Nutzung der Erde klar, wie zerbrechlich und fragil die Gleichgewichte in der Natur gelagert sind,

Alles Gute, Bund Naturschutz! und wie sehr Gottes Schöpfung vorsorgenden und nachhaltigen Umgang braucht. Nicht zuletzt im Blick auf künftige Generationen erklärt sich das gesteigerte Maß unserer Verantwortung im Umgang mit der Schöpfung. »Wir haben diese unsere Erde von unseren Kindern nur geliehen«, lautet die logische Prämisse. Dem Bund Naturschutz zu seinem 90. Geburtstag und allen Menschen, die sich im Sinne eines nachhaltigen und ökologischen Umgangs mit der Natur um die Bewahrung der Schöpfung und die Sicherung der Lebensmöglichkeiten gegenwärtiger und zukünftiger Generationen bemühen, wünsche ich von Herzen Mut, Ausdauer und Gottes Segen. Dr. Dr. Anton Losinger, Weihbischof, Augsburg

Pflege der Heimat Heimatpflege – auf den Punkt gebracht – umfasst sowohl die Erhaltung der natürlichen als auch der geschichtlich gewordenen Eigenart unseres Landes. Baukultur und Landschaft, Brauchtum und Natur, der Mensch und seine Umwelt – Faktoren, die sich gegenseitig ergänzen. So auch die beiden Institutionen des Naturschutzes und der Heimatpflege, die sich seit 90 Jahren im Sinne gemeinsamer Aufgaben und Ziele eng verbunden wissen in der Forderung eines verantwortlichen Umgangs mit dem, was unser Land kennzeichnet und dem Menschen seine Umwelt zur Heimat werden lässt. Ohne die öffentliche Wirksamkeit des Bundes Naturschutz wäre Bayern um Vieles, was zur Lebensqualität beiträgt, ärmer. Hans Roth, Geschäftsführer und Vorstandsmitglied des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege, Gründungsverein des BN

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Prof. Heinz Sielmann

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ein Name ist – nein, das tut hier und jetzt wirklich nichts zur Sache. Er stellt sich ja auch nicht lässig als James Bond vor, hat kein Martiniglas in der Hand und keine leicht bekleidete Dame im Arm. Er macht ebenfalls nicht mit allerlei Peinlichkeiten als hektischer Johnny English auf sich aufmerksam. Der mysteriöse »Mister X« – so nennen ihn voller Respekt Mitarbeiter und Gegner – hat nun wirklich keine Zeit für solche Spielereien. Er ist wieder einmal unterwegs in geheimer Mission. Und steht jetzt trotz jahrelanger Erfahrung vor einem gewaltigen Problem. Jemand hat ihn verraten, die Deckung ist aufgeflogen, und eine ganze Horde von scharf kombinierenden Detektiven jagt ihn durch die Stadt. Kann er entkommen?

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gerade aufhält. Sie haben nämlich die deutsche Polizei in Form von Oberwachtmeister Schmorell um Unterstützung gebeten, der sie aus der Zentrale mit Nachrichten versorgt. Diese Zusammenarbeit zahlt sich aus, ihre Ermittlungen führen sie aber trotzdem – auch hier in Nürnberg – selbst. Zwar sind Eva-Maria, Isabella, Eva, Hannah und Bella auf den ersten Blick nicht als Scotland-Yard-Mitarbeiter zu erkennen; Passanten tippen eher auf eine ganz normale Gruppe von Jugendlichen. Doch das Fünfer-Team ermittelt professionell und versucht, sich in den Agenten hineinzuversetzen: In welche Linie wird er wohl als nächstes umsteigen? Wo wird er sich ausruhen? Oder hält er die Detektive zum Narren und ist längst wieder am anderen Ende der Stadt? Schnelligkeit ist

FA N G D E N A G E N T E N !

Fotos: Bendl

Detektive fahnden mit S-Bahn, Bus und Tram nach dem ominösen Mister X: Die Jugendorganisation des BN entdeckt spielerisch den umweltfreundlichen Nahverkehr einer Stadt. Von Helge Bendl

Auffällig unauffällig steht der Spion mit schwarzem Mantel, schwarzem Hut und Sonnenbrille an der U-Bahn-Station im Zentrum Nürnbergs und studiert den Fahrplan. Versteckt sein Gesicht hinter den großen Lettern einer Boulevardzeitung. Hastet die Rolltreppe hinauf. Reiht sich ein in die Schlange am Fahrkartenautomaten. Macht auf dem Weg zur Bushaltestelle kurz Station im Irish Pub – hier werden ihn die Verfolger von Scotland Yard wohl nicht vermuten. Nimmt kurz entschlossen die Tram zum Marientor, um in den Menschenmassen unterzutauchen, die rund um den Hauptbahnhof unterwegs sind. Doch es gibt kein Entkommen: Die Beamten sind ihm dicht auf den Fersen. Denn immer wieder bekommen die Detektive per Telefon einen Tipp, wo sich der Gesuchte

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Trumpf. Die Jugendlichen erwischen am Rennweg gerade noch die U-Bahn, gondeln mit einem Bus am Rathaus vorbei – und verpassen den Gesuchten am Nordostbahnhof nur knapp. Weiter geht die Suche – vielleicht hat ja ein anderes Ermittler-Team mehr Glück. 1983 wählte eine Jury »Scotland Yard« zum »Spiel des Jahres« – die Jugendorganisation Bund Naturschutz (JBN) hat die Suche nach dem ominösen Agenten Mister X nun schon zum zweiten Mal in die Wirklichkeit des Nürnberger Verkehrsverbunds übertragen. Nach der Premiere in Franken ziehen in diesem Jahr andere Gruppen in Städten wie Ulm, Würzburg, München und Passau nach. »Mister X kann nur mit S-Bahnen, Bussen und der Tram flüchten, und auch seine Verfolger dürfen nur öffentliche


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Verkehrsmittel benutzen«, erklärt Silas Schmorell von der JBN Erlangen. Als »Oberwachtmeister« ist der 20-jährige Student einer der Organisatoren des Nürnberger Spiels und betreut die Telefonzentrale, die den Detektiven Tipps bei der Jagd nach dem Spion gibt – der muss nämlich trotz Protesten immer wieder seinen aktuellen Standort mitteilen. Bei der Jagd nach Mister X muss es also nicht immer London sein wie beim Brettspiel. Auch in Franken oder anderen Städten Bayerns kann der Geheimdienstler schnell untertauchen. Allein die Nürnberger S-Bahn befördert im Jahr 100 Millionen Passagiere, in der ganzen Region sind 168 Millionen Fahrgäste unterwegs. Und weil der Verkehrsverbund mit fast 11 400 Quadratkilometern Ausdehnung hinter Berlin und Rhein-

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gut man sich in einer Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen kann«, sagt der JBNAktivist Schmorell. Vielleicht, so sein Hintergedanke, könnte man mit solchen Angeboten auch neue Mitstreiter für die Jugendgruppe gewinnen. Zur Mister-X-Jagd in Nürnberg kamen dieses Mal zwar nicht so viele Teilnehmer wie erwartet – bei der Premiere im vergangenen Jahr machten dagegen stolze 70 Teilnehmer in verschiedenen Teams Jagd auf den ominösen Agenten. Der kam durch die Übermacht seiner Verfolger ganz schön ins Schwitzen und wählte die Taktik, mit der S-Bahn große Strecken zurückzulegen, um seine Verfolger abzuhängen. Die hatten den Fahrplan quasi schon im Blut: Ein Teil der Detektive hatte sich ein ganzes Wochenende lang bei einem Seminar

Pfingstlager: Planet der Affen Müpfe und Jugendliche von 12 bis 27 Jahren 쏋 6. bis 9. Juni 2003, Forchheim Schleuseninsel Büg Bin ich eine Ich-AG? Oder wie hoch steht uns schon das Wasser? Geht es uns um Lebensstile? Oder brauch ich eine Typberatung? Wohin führt uns der schnelle Weg? Antworten bekommt ihr beim »Planet der Affen«, dem großen JBN-Pfingstlager zum Thema »Entschleunigung«. Bitte »langsam« anmelden, also ganz schnell, Preis 75 Euro

Regional und regenerativ durch Bayern Jugendliche ab 16 Jahren 쏋 2. bis 9.August 2003, quer durch Bayern Auf unserer energiepolitischen Radtour sehen wir uns in den herrlichen Landschaften Bayerns Beispiele für eine fortschrittliche Energieerzeugung und -nutzung an. Die Tour richtet sich an Jugendliche und jung gebliebene Erwachsene, die Urlaub und Energiepolitik verbinden wollen. Anmelden bis 12. 7. 03, Preis 75 Euro

Donau-Schlauchbootfahrt Müpfe von 12 bis 15 Jahren 쏋 18. bis 20. Juli 2003, Abfahrt Deggendorf Die bei der JBN schon zur Tradition gewordene Donau-Schlauchbootfahrt darf heuer, im UN-»Jahr des Wassers«, natürlich nicht fehlen. Drei Tage lang werden wir mit viel Musik, Müpfen und Mut die Donau hinunterfahren und die erfolgreiche Verhinderung des Donauausbaus feiern. Also, Naturgenuss auf dem Fluss ist angesagt. Anmelden bis 27. 6. 03, Preis 50 Euro

Naturerlebnisferien

Main an dritter Stelle in Deutschland steht, hat der geheimnisvolle Agent auch viel Platz zum Untertauchen. Doch die Spielleiter machen dem Flüchtigen einen Strich durch die Rechnung: Zu weit vom Stadtzentrum darf er sich nicht entfernen, damit die Jäger ihre Chance bekommen. Die müssen ihn möglichst schnell finden, nach drei Stunden ist das Spiel nämlich vorbei und der Agent darf sich rühmen, die Ermittler ausgetrickst zu haben. »Natürlich soll diese Aktion wie bei einem Geländespiel den Jagdinstinkt wecken und Spaß machen. Aber wir wollen auch zeigen, wie Informationen zu den geplanten Mister-X-Spielen in München (31. Mai) und Passau (14. Juni) bei der JBN, Adresse siehe Info-Ecke

mit den Vor- und Nachteilen des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) beschäftigt. Innerhalb von drei Stunden wurde der Geheimdienstler damals gleich drei Mal geschnappt; trotz allerlei Versteckspielen hinter den Sitzen der Straßenbahn und kleinen Verfolgungsjagden durch die U-Bahn-Stationen schlug der Arm des Gesetzes am Ende also doch zu. Die Haft im JBN-Hauptquartier in einem Turm der alten Stadtmauer scheint jedoch – 2002 wie 2003 – erträglich gewesen zu sein: Gummibärchen und andere Süßigkeiten sind aus den Polizei-Protokollen als Siegerlohn beziehungsweise Gefangenenverpflegung überliefert. Eine Urkunde für hervorragende Leistungen bei der Suche nach dem gefährlichen Agenten gibt es selbstverständlich auch.

Multiplikatoren der Jugendarbeit 쏋 27. bis 29. Juni 2003, RottenbachPfaffenwinkel an der Ammer Wer erinnert sich nicht gern an die erste Nacht unter freiem Himmel? Lager, Freizeiten und Fahrten gehören zu den erlebnisreichen Abenteuern einer Kindergruppe. Das Seminar soll Kindergruppenleiter und Interessierte für Naturerlebnisferien begeistern und methodisch befähigen, eigene Zeltlager mit Kindern durchzuführen. Anmelden bis 6. 6. 03, Preis 35 Euro

Infos und Anmeldung JBN, Trivastraße 13, 80637 München, Tel. 0 89-15 98 96-30, Fax 089-15 98 96-33, info@jbn.de, Internet www.jbn.de

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Kreisgruppe Regensburg

Tierhotel Trafoturm Unkonventionelle Aktionen einzelner Kreis- oder Ortsgruppen entpuppen sich oft als Erfolgsprojekte des Bundes Naturschutz von landesweiter Bedeutung. Bestes Beispiel dafür ist das »Tierhotel«, das drei Regensburger Kindergruppen in Alteglofsheim eingerichtet haben.

Heimat Tongrube: Der Flächenankauf ist für den BN oft die einzige Möglichkeit, gefährdete Biotope zu retten. Positiver Nebeneffekt: Dringend notwendige Renaturierungs- bzw. Optimierungsmaß-

Foto: BN-Archiv

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nter Leitung von Tina Dorner verwandelten die Kindergruppen »Eulen«, Turmfalken« und »Wildkatzen« den Trafoturm am Alteglofsheimer Dorfweiher in ein regelrechtes Hotel für bedrohte Tierarten. Mit großer Begeisterung und manch blauem Daumen zimmerten und befestigten die Kinder Nisthilfen und Nistkästen für Nutzinsekten, Turmfalken, Singvögel und Fledermäuse. Der wuchtige Schleiereulenkasten, der im Turm

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keinen Platz mehr fand, bekam in einer benachbarten Scheune ein Ausweichquartier. Mit wie viel Fachwissen die jungen Artenschützer ans Werk gingen, beweist ihre Bewerbung für den Umweltpreis des Landkreises Regensburg. Darin schreiben sie: »Die Schleiereule sucht in unserer Gegend dringend Brutplätze. Die meisten Ställe und Scheunen sind

nahmen können problemlos realisiert werden. Die Kreisgruppe Tirschenreuth hat deshalb bislang sechs Biotope mit insgesamt 21 Hektar erworben, zuletzt einen Biotopkomplex am Südabfall des Teichlberges bei Fuchsmühl. Akut gefährdet war das zehn Hektar große Areal durch Verfüllung und Fichtenaufforstung. Der BN will es nun gezielt optimieren. Davon profitieren so seltene Arten wie Schwarzstorch, Uhu, Hohltaube, Raufußkauz, Kreuzotter und sogar der Luchs. Die stattlichen 80 000 Euro Grunderwerbskosten wird der Bayerische Naturschutzfonds dankenswerterweise mit 85 Prozent bezuschussen.

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aber so neu, dass sie keine Einfluglöcher mehr haben. Deshalb wird ein Schleiereulenkasten, der fast so groß ist wie eine Hundehütte, von innen an die Scheunenwand geschraubt und ein Einflugloch in die Wand gesägt. So kann die Eule in den Nistkasten, aber nicht in die Scheune selbst, wo vielleicht giftiges Zeug oder Dünger rumsteht, was ihr gefährlich werden könnte.« Kundige Erläuterungen finden sich auch zu den anderen Tierarten und zur Bedeutung des umgestalteten Dorfweihers als Lebensraum. Kein Wunder, dass die Bewerbung erfolgreich war: Stolz nahmen die Nachwuchs-Naturschützer neben der Preisurkunde auch 300 Euro »Belohnung« und das ausdrückliche Lob von Landrat Mirbeth entgegen. Auch »Natur+Umwelt« freut sich über so viel Engagement und hofft, dass die vorbildliche Aktion landesweit viele Nachahmer findet. Verdient hätte sie es allemal. Helmut Schultheiß (asw)

Foto: Werle

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Brutplatz gesucht … und gefunden: Turmfalken bekamen Nistkästen im Alteglofsheimer »Tierhotel«, Schleiereulen nebenan in einer Scheune.

Sei kein Frosch: Amphibienschutz mit Frosch Felix und der Wasserkreislauf standen auf dem Programm des »Agenda-Parcours 2003« im Oberpfälzer Freilandmuseum Neusath-Perschen, der im März anlässlich des Weltwassertages und des Internationalen Jahres des Süßwassers stattfand. Zusammen mit dem »Forum für Umwelt, Kultur und Soziales« (FUKS) betreute die Kreisgruppe Schwandorf dort zwei von 14 Stationen des

Mehr zum Wasser-Parcours Informationen über die Gemeinschaftsaktion des BN Schwandorf und des »FUKS« gibt es im Internet unter: www.umwelt-fuks.de/ aktuell.html Wasser-Parcours. 65 Schulklassen mit über 1800 Kindern aus der ganzen Oberpfalz nutzten begeistert das interessante Angebot, das ohne erhobenen Zeigefinger für die Bedeutung und Gefährdung des nassen Elements sensibilisierte.


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Kreisgruppe Landshut Foto: Werle

Was lange währt … wird endlich gut: Wie aus einem militärischen Übungsgelände das erste Naturschutzgebiet Landshuts mit 278 Hektar Lebensraum für bedrohte Arten wurde, ist eine Erfolgsstory des Bundes Naturschutz.

Foto: König

30 Jahre: Dieses Jubiläum feierte die BN-Kreisgruppe FreyungGrafenau mit 160 Gästen im März. Anlass für die Gründung der Kreisgruppe war der Schutz der Ilz, bis heute eine der Kernaufgaben. Im Rahmen der Feier ehrte Landesgeschäftsführer Helmut Steininger langjährig aktive Mitglieder mit der goldenen beziehungsweise silbernen Ehrennadel (siehe Foto v. l.:

zenarten entstanden. Als mit Auflösung der Bundeswehrgarnison dort dann ein Baugebiet ins Gespräch kam, beantragte die Kreisgruppe die Ausweisung als Naturschutzgebiet. Die folgenden Verhandlungen mündeten schließlich in einen Konsens: 278,5 Hektar des ehemaligen Standortübungsplatzes wurden unter Schutz gestellt, 20 Hektar stehen im Isartal für die Siedlungsentwicklung zur Verfügung. Für den Artenschutz hat das Naturschutzgebiet überregionale Bedeutung. Nachgewiesen sind bislang 65 Vogelarten, darunter Wespenbussard, Steinschmätzer und

Karel Kleyn, Helmut Steininger, Karl Edenhofner, Kreisvorsitzende Heike Dülfer, Walter Peschl und BN-Ehrenvorsitzender Hubert Weinzierl). Auch die Kreisgruppe Passau feiert heuer ihr 30-jähriges Bestehen – mit einer Geburtstagsreise an die Goitzsche bei Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Dort erobert sich die Natur die durch Tagebau entstandene »Mondlandschaft« zurück, zu besichtigen vom 29. Mai bis 1. Juni unter fachkundiger Führung. Anmeldung und Auskünfte: BN-Kreisgruppe Passau, Tel. 08 519 66 93 66, Fax 08 51-9 66 93 62, info@bn-passau.de.

Heidelerche, zwölf Amphibienarten, darunter Wechselkröte und Kammmolch, 50 Tagfalter- und Widderchenarten, 30 Heuschrecken- und 25 Libellenarten sowie sensationelle 85 Wildbienenarten und 426 Blütenpflanzenarten. Zum Festakt im Januar 2002 anlässlich der Unterschutzstellung initiierte der BN auch das Natur-Kunst-Projekt »Terra incognita« mit 25 Künstlern, war doch das ehemals gesperrte Militärgelände den meisten Bürgern ein »unbekanntes Land«. Kurt Schmid (asw)

Flechten: Nach einem Jahr Vorarbeit der BN-Ortsgruppe begannen Anfang April die Flechtenkartierungsarbeiten auf einem 36 Quadratkilometer großen Areal der Gemeinde Ortenburg. Das Projekt soll Aufschluss über Erkrankungen der Flechten geben, die sehr empfindlich gegenüber Luftverunreinigungen sind. Es wurde von Prof. Dr. Roman Türk, Flechtenexperte und Pflanzenphysiologe von der Uni Salzburg, angeregt. Ergebnisse sind bis Ende Juni zu erwarten. Naturführer: Die neue BN-Broschüre »Naturerlebnis Bayerischer Wald mit Bus und Bahn« stellt 20 Wanderungen und Radtouren vor.

Standort Natur Wo früher die Bundeswehr übte, tummeln sich heute Warzenbeißer und Wechselkröte, fliegt die Hufeisen-Azurjungfer und blüht der Gelbe Fingerhut.

Jede Strecke ist mit Wegbeschreibung, Kartenausschnitt und Fahrplanangaben versehen. Dem Donautal zwischen Hofkirchen und Schlögener Schlinge ist dagegen das im Morsak Verlag, Grafenau, erschienene Buch »Naturerlebnis Donautal« gewidmet. Die Broschüre ist kostenlos erhältlich voraussichtlich ab 15. Juni bei der BN-Service GmbH, Tel. 0 91 23 - 99 95 70, info@service. bund-naturschutz.de.

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nde Oktober 2001 trat die Verordnung für das Naturschutzgebiet (NSG) »Ehemaliger Standortübungsplatz Landshut mit Isarleiten« in Kraft. Das Areal ist das größte Naturschutzgebiet einer kreisfreien Stadt in Bayern. Zu verdanken ist dieser Erfolg dem Einsatz der Kreisgruppe Landshut des Bundes Naturschutz (BN) unter ihrem Vorsitzenden Paul Riederer (siehe N+U 1/02). Bis 1994 war das 300 Hektar große Gelände ein militärischer Übungsplatz, auf dem bereits damals Lebensräume für viele schutzbedürftige Tier- und Pflan-

Foto: Tourismusverband

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Foto: Prechtl

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Kreisgruppen Berchtesgadener Land, Traunstein, Altötting

Jahrhundertchance für die Salzach

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Wilde Feier: Seit Juli 2002 bietet die BN-Kreisgruppe Rosenheim Kindergeburtstage in der freien »Wildnis« an. Kinder ab fünf Jahren können so die Natur vor ihrer Haustüre kennen lernen und entdecken, was unter und über der Erde so alles krabbelt und kriecht und welche Wunderwelt sich im Bachwas-

ser verbirgt. Für die Geburtstagsfeier im Grünen sind den Wünschen der Kinder und Eltern (fast) keine Grenzen gesetzt: Spiele und Abenteuer, Waldrallye, Gewässerbestimmung oder Nachtwanderung – die Natur bietet nahezu unerschöpfliche Möglichkeiten. Spielerisch und mit allen Sinnen erforschen das Geburtstagskind und seine Freunde die Natur und ihre Geheimnisse. Betreut wird das außergewöhnliche Angebot von Veronika Maurer, die auf Wunsch auch AusFoto: Maurer

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as nach langjährigen Untersuchungen begonnene Verfahren soll klären, welche von drei möglichen Sanierungsvarianten realisiert wird. Diese Vorentscheidung stellt die Weichen für die Zukunft der Salzach. Alle Varianten orientieren sich am ökologischen Leitbild des frei

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fließenden Flusses, was der Bund Naturschutz begrüßt. Doch die vorgelegten Sanierungskonzepte sind noch immer zu sehr technikfixiert und für eine natürliche Flussdynamik nicht ausreichend. Dies zeigt sich an der Frage, wie der weiteren Eintiefung der Salzach und der damit verbundenen Schädigung ihrer Aue entgegengewirkt werden kann – Ziel des grenzübergreifenden Großprojekts. Zur Ein-

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tiefung kommt es, wenn wie bei der Salzach der Flussoberlauf und viele Nebenflüsse wie die Saalach verbaut sind. Dann wird die Fließgeschwindigkeit insgesamt höher, die Kiesschicht des Flussbetts jedoch immer geringer, weil zu wenig Geschiebe nachkommt. Gegen diese Symptome gehen Wasserbauingenieure gerne mit weiterer Verbauung und Staustufen vor, was die Problematik nur weiter

flüge zum Imker, Jäger oder Schäfer organisiert. Nähere Auskünfte (Kosten, Teilnehmerzahl) sowie individuelle Terminabsprache gibt es bei der BN-Kreisgruppe Rosenheim, Veronika Maurer, Tel. 0 80 31-1 28 82. Biotopmüll: Die BN-Ortsgruppe Neuburg nahm sich dieses Problems an und untersuchte 50 städtische Biotope, die im Arten- und Biotopschutzprogramm (ABSP) erfasst sind (siehe N+U 4/02). Nach Abschluss der Überprüfung im Frühjahr 2002 stellte man Erschreckendes fest: Etwa 80 Prozent der Biotope waren durch Bauschutt, Hausmüll und vor allem Garten-

Foto: Werle

Frei fließt sie noch, die Salzach zwischen Freilassing und Burghausen, doch von natürlicher Flussdynamik kann nicht die Rede sein. Seit den siebziger Jahren setzen sich deshalb Naturschützer für die Renaturierung dieses Flussabschnitts ein. Greifbarer Erfolg: Im November 2002 wurde das Raumordnungsverfahren »Sanierung Untere Salzach« eingeleitet.

abfälle verunstaltet, wertvolle Trockenrasen vernichtet, Auwaldränder geschädigt und Amphibienbiotope (siehe Foto) verfüllt. Insgesamt lagern etliche tausend Kubikmeter Müll in den ABSPBiotopen und beeinträchtigen deren Funktion. Eine entsprechende Übersicht legte die Ortsgruppe dem Neubur-


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Bürger nach Ansicht des BN ohnehin nicht alle Schuld: Während noch vor fünf Jahren Gartenabfälle kostenlos bei den Wertstoffhöfen im Landkreis abgegeben werden konnten, gibt es seit Einführung der Biokompostieranlage nur noch eine einzige Sammelstelle, und die Abgabe dort ist gebührenpflichtig. Nun will die Stadt ihr Entsor-

Foto: Kreisgruppe Landsberg

ger Stadtrat und dem Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen vor. Die dort angesiedelte Untere Naturschutzbehörde überprüfte und bestätigte die gemeldete Liste. Inzwischen hat auch die Stadt positiv reagiert und per Stadtratsbeschluss allein für dieses Jahr 40 000 Euro für die Biotopsanierung bereitgestellt. Für die Säuberung aller betroffenen Gebiete muss eine Gesamtsumme von 130 000 Euro aufgewendet werden – Anlass genug für die von der Stadt ebenfalls beschlossene Öffentlichkeitsarbeit, die das ökologische Bewusstsein der Bevölkerung schärfen soll. Zumindest was das Abladen von Gartenabfällen angeht, trifft die

naturnahe Salzach bis Burghausen stark. Schon 1987 hatten sich Verbände und Initiativen zur grenzüberschreitenden »Aktionsgemeinschaft Lebensraum Salzach« zusammengeschlossen. Einer der Initiatoren war Erich Prechtl, seit 1986 Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Berchtesgadener Land und bis heute einer von drei Sprechern der Aktionsgemeinschaft. Ein Jahr nach ihrer Gründung legte diese mit der Broschüre »Die Zukunft der Salzach« ihre Forderungen für eine umfassende Sanierung des Flusses vor. Sie entsprechen weitest gehend den Ergebnissen der »Wasserwirtschaftlichen Rahmenuntersuchung Salzach« (WRS) aus den 1990er Jahren, der wesentlichen Grundlage für das derzeitige Verfahren. Die Aufweitungsvariante wird darin als die dem ökologischen Leitbild nächstliegende Alternative bewertet. Das Raumordnungsverfahren bietet eine greifbare Chance für eine naturnahe Sanierung der Salzach. Nach Ansicht des BN wäre hierfür, angesichts der europäi-

schen Naturschutzrichtlinien und der EU-Wasserrahmenrichtlinie, des finanziellen Aufwands und der langfristigen Auswirkungen, eine optimierte Aufweitungsvariante die beste Lösung. Zwar ist auch den BN-Aktiven klar, dass die Salzach nicht wieder wie vor der Verbauung 1817 fließen kann, doch ein wenig mehr Courage hätten sie sich von den Planern schon gewünscht: »Wir hätten mehr Mut zu einem naturnahen Fluss und mehr Gelassenheit hinsichtlich der natürlichen dynamischen Prozesse erwartet«, so das Fazit von Erich Prechtl. Kurt Schmid, Andrea Siebert

Foto: Willner

flussabwärts verlagert. Davon, solchermaßen den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, hat man sich bei der Salzach immerhin verabschiedet; Staustufenlösungen werden nicht weiter verfolgt. Dennoch reichen die Konzepte nach Ansicht des BN nicht aus, um das Entwicklungspotenzial des naturschutzfachlich europaweit bedeutsamen Ökosystems der Fluss-Aue dauerhaft zu sichern. Durch die fortgesetzte Eintiefung wurde die Aue von der für sie existenziellen Gewässerdynamik abgekoppelt und hat bereits gravierende Schäden erlitten. Notwendig sind daher Nachbesserungen. Von Naturschützern favorisiert wird die Realisierung der »Aufweitungsvariante« als bestehender Optimierungsmöglichkeit. Insbesondere die Kreisgruppe Berchtesgaden macht sich seit langem zusammen mit anderen Naturschutzverbänden, dem Österreichischen Naturschutzbund und der »Aktionsgemeinschaft Lebensraum Salzach« für eine frei fließende,

gungsangebot für Grünabfälle verbessern. Doppeljubiläum: Im Februar 2003 feierte die Kreisgruppe Landsberg am Lech ihr 30-jähriges Bestehen im 90. Jahr des Bundes Naturschutz. Ausgezeichnet wurden bei diesem Doppeljubiläum 51 Mitglieder mit der silbernen und drei

Mitglieder mit der goldenen Ehrennadel, feierlich überreicht vom BN-Landesvorsitzenden Hubert Weiger (siehe Foto). Mit ihrem ehrenamtlichen Einsatz unterstützten die Geehrten den Erhalt von wertvollen Flächen wie Egelsee, Ampermoos, Thanner Filz und Hurlacher Heide, wie Kreisvorsitzender Gerhard Breutel in seinem Rückblick anerkennend resümierte. Außerdem zeigten sie politisches Engagement gegenüber dem Pharmakonzern Eli Lilly, aber auch bei Themen wie dem Frauenwald, der Raistinger Schleife und beim noch laufenden Verfahren gegen die Braunkohlestaubverbrennung.

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Foto: Willner

Die Salzach und ihre Anwohner Ziel einer Renaturierung der Unteren Salzach muss die gefährdete Flussaue sein, die Lebensraum für seltene und bedrohte Arten wie Eisvogel und Kammmolch und Geophyten wie das dort in Massen auftretende Schneeglöckchen ist. Weitere Informationen zur Salzach-Sanierung: Kurt Schmid, BN-Fachabteilung München, Tel. 089-54 82 98 63 Fax 089-54 82 98 18, E-Mail fa@bund-naturschutz.de


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Kreisgruppe Wunsiedel Foto: Werle

Schatzkästlein Egertal

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des Arten- und Biotopschutzprogrammes. Wunsiedels BNGeschäftsführer Karl Paulus sieht das neue Grundstück als »Kristallisationspunkt des Naturschutzes« in dem landesweit bedeutenden Talraum an. Bereits im März konnte die Kreisgruppe weitere 2,4 Hektar Auewiesen am Zusammenfluss von Eger und Röslau kaufen. Das Gebiet, unmittelbar im bayerisch-böhmischen Grenzstreifen gelegen, wird ebenfalls zu einem Kerngebiet des Biotop- und Artenschutzes entwickelt. Für beide »Perlen« brachte der Bund Naturschutz aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen sowie einer beachtlichen Förderung durch den

geht die Aktion jetzt in die nächste Runde: Durch die Unterstützung des bayerischen Umweltministeriums können weitere 15 Kindergärten betreut werden. So bekommen nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern auch Kinder mehr SpielRaum. Verkehrsverbund: Wer in Oberfranken mit Bus und Bahn reist, braucht Geduld. Die 52 Kilometer zwischen Wartenfels (Landkreis Kulmbach) und Kirchenbirkig (Landkreis Bayreuth) beispielsweise sind günstigenfalls in fünf Stunden zu schaffen, was mit zehn Stundenkilometern etwa Postkutschentempo entspricht. Höchste

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Kostbarkeiten der Natur In den BN-Grundstücken der Egerauen bei Marktleuthen und am Zusammenfluss zwischen Eger und Röslau findet der Fischotter Zuflucht. Auch Gebänderte Prachtlibelle und Gelbe Teichrose können sich hier heimisch fühlen.

bayerischen Naturschutzfonds 109 000 Euro auf. Mit den neuen Flächen konnte die Kreisgruppe die seit ihrem Bestehen durch Kauf geretteten Lebensräume auf 33 Hektar steigern – ein schönes Geburtstagsgeschenk für die Natur. Tom Konopka (asw)

Zeit also für einen Oberfränkischen Verkehrsverbund (OVV), den der BN mit Unterstützung von 30 Gemeinden fordert. Eine überdimensionale Litfaßsäule warb dafür bereits in Bayreuth und Naila (siehe Foto: li. Landesbeauftragter Richard Mergner, re. Hofs BN-Geschäftsführer Wolfgang Degelmann). Gebremst wird der Elan von den geringen Nahverkehrszuschüssen des Freistaats für Oberfranken.

Standort: Mit dem Ende der Landesgartenschau 2002 ist die fahrbare Umweltstation der Kreisgruppe Kronach umgezogen. Neuer Standort ist der Kaulanger, wo der farbenfrohe Bauwagen auf einer Streuobstwiese an der Rodach innenstadtnah zu erreichen ist. Die günstige Lage wollen die Kronacher Aktiven für Aktionen rund um das tausendjährige Stadtjubiläum 2003 nutzen. Foto: Kreisgruppe Kronach

Spielräume: Vom Schmetterlingsgarten bis zum »Mitmachkoffer Wald« reicht die Umweltbildungspalette des BN in Forchheim. Anlässlich des 30-jährigen Kreisgruppenjubiläums würdigte Vorsitzender Heinrich Kattenbeck besonders die von Diplombiologin Claudia Munker-Hahn betreute Kindergarten-Aktion: Eine eigens konzipierte Arbeitsmappe soll Erzieherinnen, Eltern, Kinder und den Träger ermuntern, die Außenanlagen der Einrichtung naturnah zu gestalten. Nachdem 2002 bereits 18 Kindergärten mitmachten,

Foto: Werle

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Foto: BN-Archiv

iber, Fischotter, Bekassine und Schwarzstorch sind auf dem knapp drei Hektar großen Teichgrundstück in der Egeraue bei Marktleuthen herzlich willkommen, und auch Eisvogel, Himmelsleiter und Prachtlibellen sollen hier auf Dauer eine Heimstatt haben. Der Ankauf ist der erste Schritt im Landkreis Wunsiedel auf dem Weg zum Schutz des Egertales im Rahmen

Foto: Böhlein

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Foto: Willner

Ein vom Bund Naturschutz erworbenes Teichgrundstück bei Marktleuthen ist die jüngste Perle in der Kette wertvoller Flächen, die sich durch das Egertal ziehen. Gemeinsam mit weiteren Grundstücken des BN und des Freistaates Bayern soll die Neuerwerbung ein Eldorado für die bedrohten Tierarten des Tales werden.


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Kreisgruppe Rhön-Grabfeld

Garten für Arten Über zehn Jahre ist es her, seit im Landkreis Rhön-Grabfeld der Bund Naturschutz und die örtliche »Main-Post« gemeinsam den Wettbewerb »Naturnaher Garten« ins Leben riefen. Seitdem hat sich vieles getan, nicht zuletzt zum Wohle der Tier- und Pflanzenwelt.

Fotos: Werle

ranziska Burmester, seinerzeit Ortsgruppenvorsitzende des Bundes Naturschutz (BN), verfolgte als Initiatorin der landkreisweiten Aktion vielfältige Ziele: informieren und motivieren, die Augen öffnen und Erfahrungen austauschen, vor allem aber für den naturnahen Garten begeistern und so kleine Naturparadiese schaffen. In einer Artikelreihe informierte die Bad Neustädter Main-Post-Redaktion über die Merkmale des naturnahen Gartens und stellte die 20 Gärtnerinnen und Gärtner vor, die einer ebenso sachkundigen wie kritischen Jury mutig das Tor zu ihrem grünen Reich auftaten. Von der unerwartet positiven Resonanz zeugten eine Fülle von Leserbriefen, Anrufe bei Jurymitgliedern und »Wallfahrten« neugierig gewordener Rasenmäher-Freaks.

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Feuchtbiotope an und pflanzen regionale Obstbaumsorten (siehe Foto). Die kontinuierliche Arbeit trägt Früchte: Privatpersonen und Gemeinden stellen Grundstücke

zur Verfügung, der amtliche Naturschutz hilft bei der Finanzierung, und die Obstbaumschnittkurse werden bei einer örtlichen Gärtnerei durchgeführt. Aufwändig: Den bayernweit bedrohten Edelkrebs will die BNKreisgruppe Bad Kissingen unter ihrem Vorsitzenden Ulf Zeidler wieder in den Bächen der Rhön ansiedeln. Zur notwendigen Nachzucht pachteten die Naturschützer einen Waldsee, eines der letzten Edelkrebs-Refugien, an und entschlammten ihn. Zuvor hatte man die dort lebenden Krustentiere abgefangen. Zusammen mit 400 zusätzlichen Exemplaren bilden

Foto: Willner

Foto: Kreisgruppe Kitzingen

Vorbildlich: Agieren statt debattieren hat sich die BN-Ortsgruppe Wiesentheid/Geiselwind seit 17 Jahren auf die Fahnen geschrieben. Regelmäßig säubern die Naturschützer die Fluren, legen

inzwischen Ringelnatter und Eidechse, schwirren Erdhummeln und Rosenkäfer, überwuchert der Efeu alte Baumstümpfe und sind standortfremde Nadelbäume ganz verschwunden. Zu kleinen Paradiesen sind die Gärten geworden – für seltene Arten wie für das Herz ihrer Besitzer. Helmut Schultheiß (asw)

sie den Grundstock für die Krebsnachzucht. Das beispielhafte Projekt wird vom Landschaftspflegeverband, der Sparkassenumweltstiftung und dem Jägerverein Bad Kissingen gefördert. Kreativ: Ab 23. September dreht sich bei der BN-Kreisgruppe Würzburg zwölf Monate lang alles um die Verbindung von Natur und

Foto: Kreisgruppe Würzburg

Seitdem hat sich vieles getan: Ein Stammtisch wurde gegründet, der naturnahe Garten war über Jahre als Vortragsthema bei vielen Vereinen aktuell, und die Zahl der naturnah gestalteten Gärten ist im Landkreis kräftig gewachsen. Zu diesem Erfolg hat ganz wesentlich Gertrud Illig

aus Mittelstreu beigetragen: mit unermüdlicher Beratung, fachkundigen Tipps, besonders aber mit ihrer Pflanzentauschbörse zweimal pro Jahr. Getauscht werden dort nicht nur Raritäten der heimischen Pflanzenwelt, sondern mindestens ebenso eifrig Erfahrungen und Erfolgsrezepte. Und die Wettbewerbsgärten der Startphase? Dort tummeln sich

Paradiesisch Im naturnahen Garten fühlen sich Rosenkäfer ebenso heimisch wie die selten gewordene Zauneidechse.

Kunst. Kooperationspartner des Naturkunstprojekts sind Stadt und Landkreis Würzburg, Künstlerverbände und Bildungseinrichtungen. Zwei Veranstaltungskalender (Herbst/Winter 2003/04 und Frühjahr/Sommer 2004) erläutern das Gesamtprogramm. Wer mit Ideen oder einem eigenen Projekt beitragen will, wendet sich an Klaus Isberner von der Kreisgruppe Würzburg, Luitpoldstr. 7a, 97082 Würzburg, Tel. 09 31-4 39 72, bn-wuerzburg@t-online.de.

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Kreisgruppen Fürth-Land und Fürth-Stadt

Lokale Lebensqualität Arno Pfeifenbergers Buch über den Natur- und Umweltschutz in Fürth behandelt ein unbeachtetes Kapitel Lokalgeschichte. Der bisherige Vorsitzende der Kreisgruppe Fürth-Land – seit März geführt von Wolfgang Siebert – sieht sein Werk als Beitrag zum 90-jährigen Bestehen des Bundes Naturschutz. Mit dem Autor sprach Tom Konopka.

Eindrucksvoll Die Puschendorfer Eiche (Foto: 1906) gilt als einer der ältesten Bäume im Landkreis Fürth.

scheinlich, um die Anlage auszulasten. Die resultierende höhere Schadstoffbelastung ist unkontrollierbar, wenn der AEV seine Anteile verkauft. Bereits 2001 hatte AEVChef und Oberbürgermeister Ralf Felber damit geliebäugelt (siehe N+U 3/01). Die Geschichte der seit 1998 abwechselnd in Bau und Baustopp befindlichen Anlage füllt

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habersdorf, beides auch politische Skandale, sind dem Einsatz des BN mit zu verdanken. Wo musste der BN Niederlagen hinnehmen? Pfeifenberger: Eine Niederlage findet quasi permanent statt, allein der fortgesetzte Flächenverbrauch und Strukturen, die nur auf Autoverkehr setzen. Diese Entwicklung von der Schönheit hin zur Unwirtlichkeit wollte ich durch die Gegenüberstellung von Fotos dokumentieren. (asw)

zahllose Aktenordner voll juristischer Auseinandersetzungen, die inzwischen beim Verwaltungsgerichtshof (VGH) angelangt sind. Obwohl dieser noch nicht über die jüngste BN-Klage entschieden hat, wird seit September 2002 wieder mal weitergebaut. Foto: BN

Kein Ende: Seit 15 Jahren tobt die Auseinandersetzung um die Ansbacher Thermoselect-Anlage. Nun will der Abfallentsorgungsverband (AEV) seinen 49-Prozentanteil dem Energiekonzern EnBW verkaufen, der bereits die Anteilsmehrheit an der Betreiberfirma hält. Die Privatisierung würde jegliche demokratische Kontrolle verhindern: Bei einem Müllaufkommen, das bereits heute 50 Prozent unter der kalkulierten Menge liegt, müssen nicht nur die Müllgebühren drastisch steigen. Auch die Verbrennung von Fremdund Giftmüll ist wahrFoto: Hüttinger

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100 Jahre Naturschutz Arno Pfeifenbergers Buch hat 128 Seiten, ist im Städtebilder-Verlag erschienen und kostet 18 Euro. Nach Deckung der Kosten fließt der Erlös in Natur- und Artenschutzprojekte des BN Fürth. Bezug über die BN-Geschäftsstellen Fürth-Stadt und Fürth-Land, den Buchhandel oder direkt beim Verlag, Schwabacher Str. 17, 90762 Fürth

und Naturschutz: Wie hat sich der Fürther Naturschutz in 100 Jahren verändert ? Pfeifenberger: Am Anfang standen Naturdenkmäler wie alte Bäume und Aussichtspunkte im Blick der Naturschützer. Ästhetik und Ökologie waren eng verknüpft, staatlicher und ehrenamtlicher Naturschutz kaum getrennt. Der Umweltschutz kam erst relativ spät. Welche Rolle spielte der BN dabei? Pfeifenberger: Bis Anfang der 1970er Jahre organisierte der BN in Fürth überwiegend Wanderungen und Vorträge. Seither ist er aber zur herausragenden umweltpolitischen Kraft geworden. Konnten Lebensräume gerettet werden? Pfeifenberger: Manch schlimmer Straßenbauplan, zum Beispiel in den Fürther Talauen, aber auch im Umland, wurde durch den Widerstand engagierter Bürger und des BN verhindert, einiges an Lebensqualität bewahrt. Das unrühmliche Ende der Schwelbrennanlage Fürth und der Reststoffdeponie bei Groß-

Schafe als Gärtner: Zur Plage entwickelten sich Lupinen in einem von der BN-Ortsgruppe Herzogenaurach seit 20 Jahren betreuten Biotop bei Niederndorf. Selbst intensivste mechanische Bekämp-

Nachruf Ihren langjährigen Mitstreiter Werner Gräbner verlor die Kreisgruppe Nürnberg-Stadt im Dezember 2002. Seit 1979 im Vorstand, engagierte er sich für den Artenschutz und gegen Waldsterben und Atomenergie und wurde 1997 mit der Goldenen Vereinsnadel geehrt. Das Knoblauchsland war ihm ebenso ein Herzensanliegen wie das Naturschutzgebiet Ziegellach. Als Mitglied des Naturschutzbeirates setzte er sich für die ökologische Stadtentwicklung ein. Wir verlieren in Werner Gräbner auch einen für seine Geradlinigkeit und Hilfsbereitschaft geschätzten Freund, den wir sehr vermissen werden. Tom Konopka

fungsversuche scheiterten. Nun soll sich, nach dem Vorbild des Rhönschafprojekts, ein Schäfer aus Vach mit seinen Tieren des Problems annehmen.

Foto: Kreisgruppe Nürnberg-Stadt

Foto: Privat

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Kreisgruppen im Donau-Ried

Beeindruckende Biodiversität

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Im Verbund: Eines der Umsetzungsprojekte im Rahmen des Gesamtökologischen Gutachtens Donauried ist der Streuwiesenverbund zwischen Donauwörth und Höchstädt (siehe N+U 4/01). Die früher zur Gewinnung von Stalleinstreu genutzten Nasswiesen sind Lebensraum für Arten wie Wollgras und Braunkehlchen (Foto). Das Projekt soll die verbliebenen Streuwiesenoasen zum Verbund erweitern

und so durch genetischen Austausch die Artenbestände überlebensfähig halten. Informationen: BN-Kreisgruppen Dillingen, Tel. 0 90 71-15 89, und Donau-Ries, Tel. 09 06 - 2 36 38, sowie Dipl.-Biol. Martin Königsdorfer, Tel. 0 90 90 -9 22 98 73 Parkplatz Biotop: Der jüngste Konflikt zwischen Golf und Naturschutz im Landkreis Lindau spielte sich am Golfplatz Lindau-Schönbühl ab. Ausgerechnet die benachbarten Fenkwiesen mit Biotop und beträchtlicher Amphibienpopulation hatten sich die Golfer als Parkplatz ausgeguckt. 200 Stellplätze hätten es der inoffiziellen

Kleinod Leipheimer Moos Hier kommt noch die stark bedrohte Uferschnepfe vor. Typisch für Streuwiesen im Ried sind zum Beispiel Sibirische Schwertlilie und Wollgras.

Hintergrund Das 400 Seiten starke DonauriedGutachten ist auch auf CD und auf der Website des Bayerischen Umweltministeriums nachzulesen (www.bayern.de/LFU/natur/ landschaftsentwicklung/donauried/). Weitere Informationen zum BN-Engagement im Donauried: Christine Margraf, Fachabteilung München, Tel. 0 8954 82 98-63, Fax -18

Planung zufolge werden sollen. Bereits 1987 hatte die Regierung von Schwaben dies abgelehnt, was die Golfer dazu veranlasste, von »sklavischem Festhalten an alten Beschlüssen« zu sprechen. Die BN-Kreisgruppe informierte umgehend Stadt, Landratsamt und Bezirksregierung und alarmierte die Öffentlichkeit. Auf einer Bür-

gerversammlung Ende 2002 beantragte Kreisvorsitzender Erich Jörg erfolgreich, die Stadt solle die bedrohten Fenkwiesen von jeglicher Parkplatzplanung ausnehmen und damit den alten Regierungsbeschluss stützen. Der Vorstoß zeigte Wirkung: Die Golfer zogen ihre Pläne zurück und seit Ende Februar bekräftigt ein einstimmiges Stadtratsvotum den Beschluss der Bürgerversammlung. Das Biotop wird nicht angetastet, ein Fleckchen Landschaft ist dem Flächenfraß entrissen.

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NATU R NOTIZEN AUS SC HWABEN

ntersucht wurde für das »Gesamtökologische Gutachten Donauried« (GÖG) der 75 Kilometer lange Donautalabschnitt von NeuUlm bis Donauwörth. Auf 42 000 Hektar Gesamtfläche finden sich acht Naturschutz- und 19 Landschaftsschutzgebiete; die DonauAuen bis Lauingen sind als Feuchtgebiet internationaler Bedeutung (RAMSAR-Gebiet) eingestuft. Eine entscheidende Rolle spielt das Ried auch für die Donau als europäische Biotopverbundachse, denn es ist noch reich an intakten Lebensräumen: 왘 Auwälder mit Altwässern, Quellen und den Brennen, in denen Trockenpflanzen und Tagfalter heimisch sind, 왘 Niedermoore wie das Leipheimer und das Gundelfinger Moos und die

GÖG-Maßnahmenkatalog an. Dass es mit seiner Realisierung ein wenig hapert, kann man wohl der Bayerischen Staatsregierung, nicht aber den Naturschützern vorwerfen: Der Bund Naturschutz und die Arbeitsgemeinschaft Schwäbisches Donauried bemühen sich seit zwei Jahren intensiv um konkrete Umsetzungsprojekte. Andrea Siebert

Fotos: Willner

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Mertinger Höll, Heimat für Feuchte liebende Stromtalpflanzen, Vögel, Amphibien und Libellen, 왘 extensiv genutzte Grünlandgebiete, wichtig für Brachvogel, Bekassine, Kiebitz und Weißstorch, 왘 wertvolle Einzelstrukturen wie Streuwiesen (siehe Naturnotizen) und Gräben wie der Klosterbach mit dem deutschlandweit größten Bestand der bedrohten Bachmuschel. Die beeindruckende Biodiversität ist jedoch in Gefahr durch die seit 200 Jahren betriebene Verbauung der Donau, durch Kiesabbau und Intensivlandwirtschaft. Altwässer verlanden, Grundwasserabsenkung bedroht die Niedermoore und sinkende Extensivnutzung gefährdet die Wiesenbrüter. Hier setzt der

Foto: Kreisgruppe Lindau

Foto: Werle

Seit Juli 1999 liegt das 1,25 Millionen Euro teure Großgutachten für das Donauried vor. Heute gibt es fünf offizielle Umsetzungsprojekte, an denen der Bund Naturschutz aktiv beteiligt ist. Wiesenbrüter, Weißstorch und weitere Arten haben so eine Überlebenschance.


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25 Jahre BN-Bildungswerk

Eine Bildungsreise in die Zukunft Warum war Casanova so erfolgreich bei den Frauen? Weil er sich um sie bemüht hat, auf sie eingegangen ist. Zugegeben, der Sprung von einem Frauenhelden zur ökologischen Bildungsarbeit ist gewagt, doch das Geheimnis des Erfolgs ist das gleiche: das Bemühen um den Menschen, der persönliche Dialog. Von Beate Seitz-Weinzierl, Leiterin des BN-Bildungswerks.

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eute steht die Natur des Menschen – mit seinen Bedürfnissen, Sehnsüchten, Ängsten und Hoffnungen – im Mittelpunkt erfolgreicher Umweltbildung. Denn nur wenn wir die Herzen der Menschen erreichen, haben unsere ökologischen Botschaften die Chance, gelebt zu werden. Also auf den Bauch zielen, um den Kopf zu erreichen? Der Mensch ist keine »klappernde Denk- und Rechenmaschine – ohne Leiden und Begehren«, wie es Friedrich Nietzsche einmal formuliert hat. Er funktioniert nicht wie ein Automat, in den man oben die Infos zur nachhaltigen Entwicklung hineinwirft und unten die zukunftsfähigen Verhaltensweisen herauskommen. Unser Verhalten wird vielmehr von unterschwelligen Gefühlen und Motiven gesteuert. 90 Prozent der Prozesse in unserem Hirn laufen unbewusst ab, das haben Hirnforscher längst erkannt. Die Kunst einer erfolgreichen Bildung ist es, gerade diese prägenden Ebenen im Menschen anzusprechen.

Pädagogik der Sinne Der klassische Akademiestil steht aus dieser Sicht auf dem Prüfstand. Während noch vor zwei Jahrzehnten die Wissensvermittlung im Mittelpunkt stand, ist im Zeitalter des Internets das Informationsbedürfnis in der Bildungsarbeit in den Hintergrund getreten. Gefragt sind neue Wege der Kommunikation über Bilder, Literatur, Bewegung, Spiel, Musik – eine Pädagogik der Sinne. Gerade die vernachlässigten Sinne wie Riechen, Schmecken und Tasten lassen die Vielfalt, den Duft und die Schönheit der Naturwelten in ihrer Fülle erblühen. Sie kommen der ungestillten Sehnsucht des Menschen nach Natur in einer entfremdeten Welt entgegen. Denn auch Bildungswillige wollen nicht immer belehrt, sondern verzaubert werden. Lebendigkeit mit allen Sinnen spüren – das ist der Genusswert neuen Lernens. In den siebziger und achtziger Jahren galt es, die Grenzen der Ressourcen und des Wachstums zu erken-

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nen. Jetzt ist die Zeit reif, das gesammelte Umweltwissen in politisches Handeln zu übersetzen. Der Nachhaltigkeits-Weltgipfel von Johannesburg hat einen unübersehbaren Bildungsauftrag erteilt, der uns verpflichtet, die im 20. Jahrhundert gesammelte Erkenntnis jetzt am Beginn des 21. Jahrhunderts umzusetzen. Das Bildungskapitel der Agenda 21 (Aktionsprogramm der Umweltkonferenz von Rio 1992) gibt uns dazu gute Tipps: Empfohlen wird beispielsweise, eine »kooperative Beziehung zu den Medien, populären Theatergruppen sowie der Unterhaltungs- und Werbebranche« zu pflegen, um von deren Erfahrungen mit der Beeinflussung von öffentlichen Verhaltens-

Foto: Seitz-Weinzierl

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Die Erzählerin Dorothea Streller

Märchenhafter Naturschutz Vom Typus Träumer ist sie nicht, Dorothea Streller aus Murnau, ehemalige Dozentin des GoetheInstituts in London, Dublin, Athen und Murnau. Seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert, erzählt sie heute Märchen.

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er promovierten Philologin und Volkskundlerin schreibt man zunächst eher nüchternen Realitätssinn, Disziplin und andere preußische Tugenden zu. Immer wieder löst sie Erstaunen aus, wenn sie sich als Märchenerzählerin bekennt. Vor allem sieht sich Dorothea Streller in der Tradition der Volksmärchen und beschränkt sich bewusst auf europäische Märchen. Volksmärchen mag sie deshalb, weil sie der Erfahrung entspringen und Lebensweisheiten in


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und Verbrauchsmustern zu lernen. Wenn Bildung für nachhaltige Entwicklung ihre Bezeichnung verdienen soll, ist sie herausgefordert, geistige Biotope als Foren für die Suche nach Werten und Sinn zu pflegen. Nach dem Wegfall von sinn- und orientierungsstiftenden Strukturen ist eine Leere entstanden, die ehemals sinngebende Institutionen und Traditionen nicht mehr auszufüllen vermögen. Gerade aber bei der Frage nach einem zukunftsfähigen Lebensstil gilt es zu erkennen, dass hinter einem übersteigerten Konsum auf dem Erlebnismarkt ungestillter Lebenshunger und eine verdeckte Suche nach Sinn stecken.

Alternative Lebensentwürfe Dies ist die Herausforderung der viel gescholtenen Spaßgesellschaft an uns. Und die Stunde der ökologischen Ethik. Alternative Lebensentwürfe sind gefragt, die den Charme der Einfachheit und das Glück des immateriellen Reichtums an Zeit, Stille und Weite vermitteln. Die Spaßgesellschaft verdrängt Werte. Eine Wertegesellschaft kann aber durchaus Spaß vertragen. Wissen allein genügt nicht mehr. Leidenschaftliche

mündlicher Überlieferung weitergeben. Mit ihrem Können begeistert Dorothea Streller seit über einem Jahrzehnt die Besucher des BN-Bildungswerks. Es ist ihr anzumerken, wie Märchen gerade die andere Seite in ihr wachrufen – die Welt der Träume, der Weisheit und der Lebenskunst. Märchen erschließen vergessene Seelenlandschaften, die in unserer durchrationalisierten Welt längst ausgedörrt sind. Sie lassen archaische Wesenverwandtschaften von Mensch, Tier, Pflanze und Kosmos erahnen, das Wilde in uns entdecken. Die tiefe Verbindung des Menschen zur Naturwelt und die paradoxe Logik des Unbewussten – im Märchen werden sie angesprochen. Da löst gerade der »Dummling« unter den drei Brüdern am ehesten die ihm gestellten schier unlösbaren Aufgaben, weil er auf die Hilfe der Tiere zurückgreifen kann, denen er einst selbst freundlich geholfen hat.

Und was hat das alles mit Naturschutz zu tun? Märchen sind zeitlose Geschichten, die uns in aktuellen Situationen viel zu sagen haben. Märchenhelden sind die, die der Versuchung des Wohllebens und des Reich-

Foto: Greifenhagen

Überlebenspolitik und Lust auf Zukunft sollten zu unseren neuen Bildungsinhalten werden. Neue Themen, kreative Formen und ein fröhlicher Zugang sind die Voraussetzungen für diesen neuen, vor uns liegenden Bildungsabschnitt. Dazu brauchen wir starke Orte für menschliche Begegnungen, inspirierende Denkwerkstätten mit der Offenheit für die Pluralität der Kulturen und die Bereitschaft zur Achtung des Fremden. Und erst Der Baum auf dem Feld wenn ein nachhaltiger Lebensstil zu Auf dem Felde eines Bauern wuchs ein Kult(ur) wird, sind wir am Ziel unBaum, der keinerlei Frucht hervorbrachserer Bildungsreise in die Zukunft te; nur, dass er den Grillen und den Sperangelangt. lingen zur Herberge diente. Der Bauer wollte den Baum fällen, eben weil er nichts trug. Er nahm also eine Axt und versetzte dem Baum einen Hieb. Da baten ihn die Grillen und die Sperlinge, er möchte doch ihre Herberge nicht zerstören, damit sie bleiben und singen und auch ihn, den Bauern, erfreuen könnten. Der Bauer tat, als ob er taub wäre und versetzte dem Baum einen zweiten Hieb, und einen dritten. Da öffnete sich eine Höhlung, und heraus flog ein Bienenschwarm, und auch Honig quoll heraus. Er probierte ihn, und dann warf er die Axt weit weg und fing sogleich an, den Baum als heilig zu verehren und zu pflegen. Äsop (6. Jahrhundert v. Chr.)

tums widerstehen und auf Umwegen zu ihrem Lebensglück gelangen. Märchen machen deutlich, dass Wachstum Zeit braucht. Oft muss etwas dreimal probiert werden, bis sich eine Lösung auftut – ein Affront gegen die pausenlose Beschleunigungsgesellschaft. Und nur wenn die Balance zwischen materiellen und immateriellen Werten gefunden wird, stellt sich nachhaltiges Lebensglück ein. Auch dass Menschen egoistisch handeln und wenig Rücksicht auf die »nichtsnutzige« Natur nehmen, ist im Märchen nichts Neues. Von Äsop ist aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. das Märchen »Der Baum auf dem Feld« überliefert. Dorothea Streller lächelt viel sagend und betont, dass die Märchen etwas ganz Realistisches an sich haben. Deshalb gefällt ihr auch der Satz von Goethe so gut: »Ein Märchen hat seine Wahrheit und muss sie haben, sonst wäre es kein Märchen.« Beate Seitz-Weinzierl (hl)

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Naturschutz- und Jugendzentrum Wartaweil

Umweltbildung im Herzen der Natur Das Naturschutz- und Jugendzentrum Wartaweil des Bundes Naturschutz ist nicht nur Bayerns älteste Umweltbildungs-Einrichtung. Es besticht auch durch seine Lage inmitten eines naturnahen Waldes direkt am Ammersee-Ufer. Wasser und Wald sind hier deshalb die großen Themen – vor allem für Kinder und Jugendliche.

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ereits im Jahre 1947 bot Berta Habersack, die Witwe des königlich bayerischen Generals der Artillerie Ferdinand Habersack, dem Bund Naturschutz in Bayern ihr an den Ufern des Ammersees gelegenes Anwesen für Lehr- und Forschungszwecke an. Seit dieser Zeit diente Wartaweil als Tagungsort für Persönlichkeiten des Naturschutzes aus dem In- und Ausland ebenso wie als Bildungsstätte für Studenten und Lehrer. Aus Freude an dem baum- und vogelreichen Grundstück, das auch botanische Seltenheiten birgt, schenkte Berta Habersack Haus und Grundstück 1957 dem Bund Naturschutz zur Verwendung für Lehr- und Naturschutzzwecke. Ab Juli 2003 präsentiert sich das ehemalige Wohnhaus nach einem großen Umbau als modernes Bildungszentrum mit Wohn-, Aufenthalts-, Seminar- und Arbeitsräumen.

Bildung für Bayerns Jugend

Einladend Die »Villa Habersack« strahlt Ruhe und Gemütlichkeit aus. Das waldund wasserreiche Gelände direkt am Ammersee beschert eindrucksvolle Erlebnisse in der Natur.

Das Naturschutz- und Jugendzentrum Wartaweil ist damit unter dem Dach des BN-Bildungswerks Wiesenfelden die zweite Bildungsstätte des Bundes Naturschutz, die ein Programm mit Tagungen, Seminaren und Workshops für ganz Bayern anbietet. Als BN-Zentrum für Kinder und Jugendliche wendet es sich vor allem an Schulklassen. Da das Naturschutzzentrum zugleich als regionale Ökostation des BN dient, stehen speziell Seminare zum Arten- und Biotopschutz in Südbayern auf dem Plan. Insbesondere das Wasser in Flüssen, Seen und Feuchtgebieten sowie der Wald und die Alpen kommen groß heraus. Die Voraussetzungen hierfür sind ideal: Wartaweil liegt inmitten einer Vielzahl von reizvollen Biotopen. Was lockt die Kleinen und das Kind im Manne am meisten im Wald? – Auf einen Baum zu klettern. Genau das machen die Besucher des Naturschutzzentrums auch, wenn es ums Thema Wald geht. Beim Baumklettern verbessern die Schüler ihre Kondition und Koordination, sie steigern ihr Konzentrationsvermö-

gen, erleben verantwortungsvolle Zusammenarbeit und können Rücksichtnahme, Eigeninitiative und Selbstbewusstsein entwickeln. Den Pädagogen des Jugendzentrums Wartaweil geht es also keineswegs nur um die Vermittlung von naturkundlichem Wissen. Der Mensch steht immer gleichermaßen im Mittelpunkt – und die Erkenntnis, dass Spaß beim Lernen den größten Erfolg bringt. Ziel des Projektes »WasserWeltWartaweil« ist es, die ökologischen Zusammenhänge des Lebensraumes Wasser möglichst anschaulich und dem Alter der Kinder angepasst zu vermitteln. Kinder ab der vierten Klasse fischen nach Kleinstlebewesen in einem Bach und im See. Anschließend bestimmen die Schüler diese Tiere durch den Einsatz von Binokularen oder mit der Becherlupe. Schüler höherer Klassen können zusätzlich physikalische, biologische und chemische Güteindikatoren bestimmen. Mit dem Boot entnehmen die jungen Wissenschaftler dazu Wasserproben aus verschiedenen Tiefen des Ammersees, um sie direkt vor Ort im mobilen Wasserlabor zu analysieren. Mit einer Multiparametersonde und einem PC können zusätzlich Schichttiefendiagramme zu Temperatur und Leitfähigkeit des Wassers erstellt werden.

Ein gastfreundliches Haus Feuer machen, Stockbrot backen, sich bewirten lassen, übernachten – alles ist möglich im Naturschutz- und Jugendzentrum Wartaweil, an Gastlichkeit soll es nicht mangeln. Deshalb stellt das Zentrum seine Räume und das Gelände sowohl BN-Mitgliedern als auch Schulklassen und anderen Gruppen auch für selbst organisierte Veranstaltungen zur Verfügung. Keine Frage: Wer einen oder mehrere Tage auf dem wald- und wasserreichen Gelände der Ökostation Wartaweil verbracht hat, der war im Herzen der Natur. Und nimmt die Natur im Herzen mit nach Hause. Axel Schreiner, Holger Lieber Fotos: Schreiner


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90 Jahre BUND Naturschutz