Page 28

2.03N+U_3-42_sonder

07.03.2008

18:45 Uhr

Seite 28

K O M M E N TA R

Dicke Bretter gebohrt Foto: SZ

Christian Schneider ist Redakteur der »Süddeutschen Zeitung«. Natur- und Umweltthemen bilden einen Schwerpunkt seiner journalistischen Tätigkeit. Für »Natur+Umwelt« wirft er einen kritischen Blick auf 90 Jahre Bund Naturschutz.

W

er in Archive steigt und in alten Unterlagen blättert, kann dort zuweilen auf überraschende Aussagen stoßen. Zum Beispiel diese: »Viele Verantwortliche halten die Natur noch immer für einen miserablen Verhau, so dass wir uns als Gegenbewegung, als Opposition zur Begradigung, Bereinigung und Entwässerung verstehen müssen. Viele Techniker sehen in der Erschließung noch immer die Ordnung und nicht den Kahlschlag, weil ihre Seelen so monoton geworden sind wie die Kartoffelschläge und so einfältig wie die neuen Autostraßen.« Das liest sich wie der Kommentar zur jüngsten Regierungserklärung von Umweltminister Werner Schnappauf. Tatsächlich aber stammt der Text aus dem Gründungsprogramm des Bundes Naturschutz (BN), wie es Carl Freiherr von Tubeuf 1913 verkündet hat. In den vergangenen 90 Jahren scheint sich in Sachen Umwelt- und Naturschutz also nicht viel bewegt zu haben. Was damals schon beklagt wurde, liegt heute immer noch im Argen. Der Schutz der Natur und der Umwelt – so lernen wir also – ist ähnlich wie das Bohren dicker Bretter. Das ist die nüchterne Bilanz zum 90jährigen Geburtstag des BN. Da haben wir nun einen Jubilar, der wacker gekämpft, aber auf den ersten Blick nicht viel bewegt hat. Schon vor Jahrzehnten wurde in Bayern – hoch offiziell – eine Trendumkehr beim Landverbrauch gefordert. Fakt ist, dass Bayern im Jahre 2003 auf diesem Gebiet trauriger Spitzenreiter unter den alten Bundesländern ist. Täglich werden im Freistaat rund 28 Hektar Land überbaut und versiegelt. Von Trendumkehr keine Spur. Und weiter: Die Roten Listen bedrohter Arten werden immer länger, nicht kürzer. Mehr als die Hälfte der Waldfläche Bayerns ist geschädigt. Hinzu kommen Klimaveränderungen und steigende Hochwassergefahr als Folge massenhaften Verkehrs, der immer noch weiter expandiert. Nur zögerlich wird Flüssen und Bächen wieder mehr Raum gegeben. Waren 90 Jahre Bund Naturschutz in Bayern also für die Katz? Ganz bestimmt nicht. Natürlich hat es Misserfolge gegeben. Aber Naturschützer, so hat der ehemalige BN-Chef Hubert Weinzierl einmal gesagt, sind »Triebtäter«. Weil das so ist, haben sie sich in all den 90 Jahren nicht entmutigen lassen. Sie haben hartnäckig immer wieder Sand ins Getriebe der Verwaltung geworfen und damit schlimme Planungen verhindert. Ohne den BN und ohne den langen Atem der Umweltbewegung gäbe es heute vermutlich weder den Alpen-Nationalpark Königssee, mit dem vor rund 100 Jahren eigentlich alles angefangen hat, noch den

28

Natur + Umwelt BN-Magazin [2-03]

Nationalpark Bayerischer Wald. Auch der weltberühmte – und mit einem Europa-Diplom geadelte – Donaudurchbruch an der Weltenburger Enge wäre ohne die vehementen Proteste des BN in den fünfziger Jahren einem Wasserwerk zum Opfer gefallen. Schließlich wäre der Freistaat kaum das erste Bundesland gewesen, das 1970 ein Umweltministerium eingerichtet hat, wenn nicht der Bund Naturschutz immer wieder nachgebohrt hätte. Dass die Donau zwischen Straubing und Vilshofen noch immer ein frei fließender Fluss ist, kann sich der BN ebenfalls auf seine Fahnen schreiben, auch wenn ein letzter Rest an Angst geblieben ist. Heute klingt es nur noch wie ein schlechter Traum, dass der BN noch in den sechziger Jahren zu seinen Sitzungen im bayerischen Innenministerium zusammenkam. 20 Jahre später kaufte er Sperrgrundstücke, um besonders gefährdete Landschaftsteile dem Zugriff der Planer und Straßenbauer zu entziehen. Und dann profilierte sich der einst ziemlich brave Honoratioren-Verein als Gegner von Atomstrom und atomarer Wiederaufarbeitungsanlage. Das alles ist am Bund Naturschutz, der heute aus guten Gründen darauf beharrt, überparteilich zu sein, nicht spurlos vorüber gegangen. Da hat es heiße Diskussionen im Vorstand gegeben, und so mancher BNVeteran hat verärgert sein Mitgliedsbuch zurückgegeben, weil die Loyalität zur CSU größer war als die zur Natur. Und es hat auch so manche verbandsinterne Kritik gegeben, weil der Kurs nicht immer geradlinig war. Positionen zu überdenken und sie, wenn nötig, auch zu korrigieren, ist nicht das Schlechteste. Jedenfalls hat sich der BN engagiert in die öffentliche Diskussion eingebracht. Das Entstehen eines Umweltbewusstseins ist vermutlich der größte gesellschaftspolitische Erfolg des BN. Mit der Weisheit und der Erfahrung eines 90-Jährigen kann der Bund Naturschutz heute festhalten, es gibt das »Sowohl« und das »Als auch«. Viel wurde erreicht, vieles aber ist auch noch unerledigt. Es geht nicht nur um die kleine überschaubare Welt vor der Haustür, es geht auch um das Handeln des Einzelnen in einer globalen, schwer überschaubar gewordenen Welt. Da kommt es nicht nur auf einen langen Atem an, sondern auch, Verbündete zu finden. Dies wird es sein, was die Naturschützer jetzt noch lernen und intensivieren müssen: Das Gespräch mit anderen gesellschaftlichen Gruppen, mit der Wirtschaft, mit den Gewerkschaften, mit den Bauern. Nur wer Mehrheiten schafft, wird etwas bewegen können.

90 Jahre BUND Naturschutz  

Sonderausgabe der Natur+Umwelt Mai 2003