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07.03.2008

18:45 Uhr

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1913: Die Gründung des BN

Königlich-bayerischer Amtsnaturschutz

Foto: Ammon, Montage: Schlagintweit

Das Bier mag noch dunkel gewesen sein, die Menschen typisch und die Burschen schneidig – in Ordnung war in der guten alten Zeit schon vieles nicht mehr. Die Kehrseiten des Fortschritts wurden um 1900 sogar in Bayern immer deutlicher – die Zeit war reif für eine starke Naturschutz-Organisation.

Monumentale Verschandelung Der erste große Erfolg des BN: Ein »assyrischer Löwe« in der Falkensteiner Wand am Königssee, 1916 zum militärischen Gedenken geplant, wurde nie Realität. Das gerettete Naturmonument wurde zur Keimzelle für den Nationalpark Berchtesgaden, gegründet 1978, ein weiterer großer BN-Erfolg.

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ein Herrgotts- oder Malerwinkel schien sicher vor Steinbrüchen, Dämmen oder Deichen, vor Telegraphenleitungen, Eisenbahnen und Hotels. Erste Motorboote knatterten schon über den Königssee. An den ästhetischen Zumutungen der Neuzeit störte sich das Bildungsbürgertum schon geraume Zeit. Der Berliner Musikprofessor Ernst Rudorff hatte 1889 gewettert: »Die Menschheit ist auf dem besten Wege … dem irdischen Dasein jeden edleren Reiz zu rauben.« Inzwischen war der Heimatschutzgedanke zu einer breiten Bewegung herangewachsen. In München erfasste sie eine umtriebige Szene von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Künstlern. Prominente Architekten und Maler bemühten sich etwa, die Isarauen südlich der Stadt durch Grundstückskäufe vor den Ingenieuren der Elektrizitätswerke zu retten. Ähnlich gingen im Norden der Stadt Mitglieder der Bayerischen Botanischen Gesellschaft vor. Sie wollten die Garchinger Heide vor den Bauern bewahren, die dank neumodischer Dünger immer weiter vorrückten. Doch wie der Schriftsteller Hermann Löns formulierte, arbeitete die Naturzerstörung »en gros, der Naturschutz en detail«. Gemeinsam wendeten sich die letztlich machtlosen Vereinigungen mit einer Eingabe an die Regierung:

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Natur + Umwelt BN-Magazin [2-03]

Naturschutz gehöre in die Hände des Staates. Der volksnahe Prinzregent Luitpold, selber ein Naturliebhaber, zeigte Verständnis. Tatsächlich richtete das Innenministerium 1905 einen »Landesausschuss für Naturpflege« ein. Besetzt wurde er mit hochrangigen Wissenschaftlern, Beamten, Künstlern und Ingenieuren. Davon erhoffte man sich Ideenaustausch und effiziente Beratung.

Prinz und Prominenz Allein, die Isar wurde weiter reguliert und fiel teilweise trocken. Die berühmten Stromschnellen von Laufenburg wurden für ein Kraftwerk gesprengt. Und auf dem Wendelstein ächzte bald eine Zahnradbahn. Offenbar fehlte dem Gremium der nötige Rückhalt und die Autorität. Darum regte der königliche Regierungsrat Reubold die Gründung eines privaten Dachverbands an. Er solle die Arbeit des Ausschusses auf eine breitere Grundlage stellen – gemeint waren vermutlich Finanzen und Renommee. Als Schirmherr firmierte denn auch Luitpolds Nachfolger, der neue Regent Kronprinz Rupprecht. Am 26. Juni 1913 wurde der »Bund Naturschutz in Bayern« (BN) gegründet. Dazu trafen sich im Innenministerium Vertreter des Landesausschusses für Naturpflege, der Bayerischen Botanischen und der Bayerischen Ornithologischen Gesellschaft sowie des Vereins für Naturkunde. Laut Protokoll versprachen sie sich davon, »wirkungsvoller gegen Industrie, Wirtschaft und Behörden auftreten zu können«. Nach außen repräsentierten den Verein ausschließlich finanziell gut gestellte und angesehene Persönlichkeiten. Anfangs war der BN also ein etwas merkwürdiges Gebilde: ein privat finanzierter Honoratioren-Verein zur Unterstützung eines Ausschusses zur Beratung der Regierung … Die Konstruktion brachte zwar Reibungsverluste durch Konkurrenz und Doppelarbeit, doch langfristig profitierte der BN. Er konnte die flächendeckende Organisation des Ausschusses nach und nach für seine eigene Vereinstätigkeit nutzen. Erste Erfolge stellten sich ein. Beispielsweise gelang es dem Vorsitzenden Professor Karl Freiherr von Tubeuf, eine monumentale Naturverschandelung am Königssee zu vereiteln. In eine Felswand sollte 1916 zur Kriegserinnerung ein riesiger assyrischer Löwe gemeißelt werden. Einflussreiche Berliner Sommerfrischler hatten sich das ausgedacht und schon Spenden gesammelt. Doch Tubeuf verurteilte in einem bewegt-patriotischen Zeitungsartikel die Idee, »das ernsteste, heiligste Naturland« zu verkünsteln; ihm schauderte bei der Vorstellung, noch in der fernsten Einsamkeit aus »glücklichem Selbstvergessen« gerissen und zu schmerzlichen Erinnerungen gezwungen zu werden. Der Löwe blieb Phantasie. Realität wurde 1921 ein Naturschutzgebiet und 1978 sogar der Nationalpark Berchtesgaden – ganz nach Tubeufs Intention, die Natur »vor dem Menschen für den Menschen« zu schützen. Ein Motto, das heute so aktuell erscheint wie in der guten alten Zeit. Tino Schlagintweit

90 Jahre BUND Naturschutz  
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Sonderausgabe der Natur+Umwelt Mai 2003