Page 15

2.03N+U_3-42_sonder

07.03.2008

18:45 Uhr

Seite 15

왘 die Verpflichtung zur Ausarbeitung von Flächenkatastern für Recyclingpotentiale – vor der Aufstellung von Bauleitplänen in allen Städten und Gemeinden, 왘 die Genehmigung von Flächennutzungsplänen durch die Bezirksregierungen, von Bebauungsplänen durch die Landratsämter unter fachlicher Aufsicht der Regierung, 왘 die Beendigung der Subventionierung von Gewerbegebietsausweisungen und Flächen verschwendenden Bauten, 왘 die Neuregelung der Gewerbesteuer mit kommunalem Interessensausgleich, 왘 eine bayerische Bundesratsinitiative für die Einführung einer Versiegelungsabgabe, 왘 die Entwicklung neuer Nutzungskonzepte für leer stehende Bausubstanz in städtischen und ländlichen Regionen.

Becksteins Worte ohne Wirkung Überraschende Übereinstimmung in der Frage des Flächensparens sieht die stellvertretende BN-Landesvorsitzende Doris Tropper, die sich auch als BN-Kreisvorsitzende in Erlangen seit Jahren für die Stärkung der Innenstädte und gegen den Flächenverbrauch engagiert, zwischen dem Bund Naturschutz und dem bayerischen Innenminister Günther Beckstein. Der Minister hatte schon im Oktober vergangenen Jahres in einem »Brandbrief« an alle Bürgermeister Bayerns appelliert, »in Ausübung ihrer Planungshoheit einem sparsamen Umgang mit der vorhandenen Fläche das notwendige Gewicht beizumessen«. Beckstein weiter: »Mit diesem Appell greife ich allerdings auch eine ohnehin bestehende rechtliche Verpflichtung auf«. Doris Tropper vermisst allerdings die Wirkung dieses Schreibens: »Viele Bürgermeister haben den Brief anscheinend als Geheimsache im Schrank verschwinden lassen, statt die Konsequenzen für die weitere Siedlungsentwicklung öffentlich zu diskutieren«.

Vernunft in der Spinnerei Dass es auch anders geht, zeigt der Bund Naturschutz im »Schwarzbuch« unter anderem an einem PositivBeispiel aus dem oberfränkischen Kulmbach. Dort

Neue Gewerbegebiete schaffen Arbeitsplätze. Falsch! In Bayern besteht schon jetzt ein massives Überangebot an Gewerbeflächen von circa 20 Prozent. Mehr Ausweisungen bedeuten nur noch mehr Leerstände. Bayern hatte noch nie so viel Gewerbeflächen wie heute bei gleichzeitig hoher Arbeitslosenquote. Allein in der Datenbank der IHK hat sich das Gewerbeflächenpotenzial in Bayern von 2001 auf 2002 um 5,2 Prozent auf 13 622 Hektar erhöht, davon besteht für über 9000 Hektar Baurecht. Die Menschen haben doch immer schon so viel Fläche zum Leben verbraucht. Falsch! In nur 18 Jahren wurde die Siedlungsfläche in Bayern um 51 Prozent ausgeweitet. In nur anderthalb Generationen wurde fast genauso viel Land verbraucht wie in der ganzen menschlichen Siedlungsgeschichte zuvor. Der zunehmende Flächenverbrauch liegt nur an der steigenden Einwohnerzahl. Falsch! Seit Ende der 1960er Jahre hat sich der Flächenverbrauch von der Einwohnerentwicklung abgekoppelt, er steigt weit überproportional im Vergleich zur Einwohnerzahl. Ist doch egal, ob Fläche in der Stadt oder auf der »grünen Wiese« verbaut wird. Falsch! Nach einer Studie des Umweltbundesamtes entspricht ein Hektar innerörtliches Baulandpotenzial mindestens drei Hektar Neubaufläche am Stadtrand, weil hier zusätzliche Verkehrsflächen und Versorgungseinrichtungen geschaffen werden müssen.

wurde Mitte der 1990er Jahre ein 44 000 Quadratmeter großes Gewerbegebiet in einer herrlichen Landschaft geplant. Auf Kosten von Äckern und Wiesen sollten im Gewerbegebiet »Autobahn« Einzelhandels-Großprojekte angesiedelt werden. Doch nach Protesten des Bundes Naturschutz ließen die Kulmbacher diese Planung fallen und ersetzten sie durch die Umgestaltung der alten Kulmbacher Spinnerei, einer Industriebrache zwischen Bahnhof und Innenstadt. In das sanierte Hauptgebäude ist inzwischen das Einkaufszentrum »fritz« eingezogen, weitere sollen folgen. »Wir wollen, dass diese Positiv-Beispiele in Bayern Schule machen und die politischen Rahmenbedingungen für einen verantwortlichen Umgang mit unserem knappsten Gut geschaffen werden«, wünscht sich Hubert Weiger. Dass dies möglich ist, beweist auch die SpessartGemeinde Rothenbuch. Maßgeblich dank dem Einsatz des stellvertretenden BN-Landesvorsitzenden Sebastian Schönauer, seit 25 Jahren Rothenbuchs zweiter Bürgermeister, hat sich die Gemeinde in einem bayernweit einmaligen Beschluss verpflichtet, keine neuen Bauund Gewerbegebiete auszuweisen. Stattdessen nutzen die Rothenbucher vorhandene Flächen mit der Schließung von Baulücken und dem Verdichten der bestehenden Siedlungsfläche.

[2-03] Natur + Umwelt BN-Magazin

15

Foto: BN

Foto: Hugel

Richtig oder falsch? Behauptungen zum Flächenfraß.

Der Autor Richard Mergner, 42, ist Landesbeauftragter des Bundes Naturschutz.

90 Jahre BUND Naturschutz  
90 Jahre BUND Naturschutz  

Sonderausgabe der Natur+Umwelt Mai 2003