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Natur+Umwelt www.bund-naturschutz.de Heft 2-2017  99. Jahr  2. Quartal

Wildnis wagen Warum

unser Land wieder wilder werden muss


M ITGL IE DE R WE RBE N MITG LIED ER

WER BIN ICH? DIE MEISTEN KINDER KÖNNEN DAS BEANTWORTEN...

JANDA+ROSCHER, Die WerbeBotschafter

Fotos: BN-Archiv, fotolia (Franco Deriu)

Die heimische Tierwelt kennen viele aber kaum. Das ist dramatisch. Denn das Bewusstsein für Umwelt und Natur wächst in der Kindheit. Deshalb setzt sich der BN dafür ein, Kindern und Jugendlichen die Natur näher zu bringen. Viele Kinder kennen Natur nur aus den Medien. Sie können kein einziges heimisches Wildtier benennen. Nicht selten waren selbst Sechsjährige noch nie im Wald. Deshalb ist Umweltbildung für den BN so wichtig. Fast 30.000 Kinder und Jugendliche erleben bei Ausflügen in die Natur, in Naturakademien und im „Grünen Klassenzimmer“ jedes Jahr, warum Natur schützenswert ist. Und wir möchten noch mehr tun. Deshalb brauchen wir Unterstützung. Je mehr Mitglieder im BN sind, desto mehr können wir bewegen.

Darum: Werben Sie Mitglieder für die gute Sache. Für jedes neue Mitglied sammeln Sie einen BN-Freundschaftspunkt, den Sie in attraktive Prämien eintauschen können. Nähere Infos bekommen Sie bei Ihrer Kreisgruppe oder im Internet. www.bund-naturschutz.de/ spenden-helfen/mitglieder-werben Vielen Dank für Ihr Engagement!

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Natur + Umwelt 2-2017

Inhalt BUND Naturschutz Bayern 4/5 Intern

6 Leserbriefe

7 Porträt

8 Gut leben  40 Jahre Blauer Engel

9 Reise

10 – 21 Titelthema

22 Pflanzenporträt  Sumpfgladiole

23 Fotoseite

24 Intern

23 Raus in die Natur  Auf dem Weg zurück zum Moor

26/27 Naturschutz  Der Waldrapp

28 Natur in der Stadt Bäume schützen in München

29 Aktuell Frankenschnellweg

30/31 BN vor Ort aktiv Ornitho­ logische Tage für Kinder 32/33 Junge Seite  Einsatz fürs ­Riedberger Horn 34/35 Ökospot

Wildnis wagen Inhalt BUND

B1 Editorial und Inhalt

B2/B3 Magazin  Kurznachrichten

36 – 43 Toller Erfolg an der Donau  und mehr Regionales

B4 Kommentar  Bundestagswahl

44 Bildung

B5 Aktion

45 Service

B6 Natura 2000 Regentalaue

Einst erschien Wildnis den Menschen übermächtig, heute ist sie in Europa auf winzige Restflächen zurückgedrängt. Zwar gewinnt der Wildnisgedanke wieder an Popularität, doch es hapert noch an seiner praktischen Umsetzung. Seiten 10 – 21

B8 – B15 Zur Zeit  200 Jahre ­Fahrrad, Grünes Band und mehr Aktuelles B16/B17 Aktiv B18/B19 Internationales

Liebe Leser

B20 Persönlich  Wiltraud Ackermann

Jedesmal, wenn ich das Material für die neue N+U ­zusammenstelle, staune ich wieder darüber, was es alles gibt in unserem Verband. In diesem Heft finden sich zum Beispiel ein Projekt, das Schülerinnen und Schüler für die Imkerei begeistert, junge Menschen, die auf einen Berggipfel steigen, um für den Erhalt un­ berührter Natur zu demonstrieren oder Vogelfreunde, die ihren Schützlingen im Ultraleichtflugzeug die Flugroute über die Alpen zeigen. Und dann ist da noch der Herr, der seit sage und schreibe 70 Jahren BN-­ Mitglied ist. Vor so viel Ideenreichtum, Engagement und Ausdauer kann man nur den Hut ziehen. Chapeau! Ihre Luise Frank, Redakteurin Natur+Umwelt

Der mit der Punkfrisur

Der Waldrapp mit seinem auffälligen Federkleid ist in ­Burghausen wieder heimisch geworden. BN-Aktive hatten dabei ihre Hand im Spiel und haben den Zugvögeln sogar die Flugroute über die Alpen beigebracht. Seite 26/27

Schutz statt Schaukel

Die JBN engagiert sich derzeit gegen eine Skischaukel am Riedberger Horn im Allgäu. Auf dem Gipfel des wunder­ schönen Berges forderten die jungen Aktiven: Hände weg von diesem Naturschatz! Seite 32/33

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Bayerischer Naturschutzpreis 2017 verliehen

BUND Naturschutz ehrt Klaus Töpfer

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Liebe Mitglieder

er BN-Vorsitzende Hubert ­Weiger legte in seiner Laudatio ein Geständnis ab: »Auf die erste Diskussion mit dir habe ich mich seinerzeit vorbereitet wie auf das Staatsexamen«, erinnerte er sich schmunzelnd. Töpfer, von 1987 bis 1994 Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit in der Regierung Kohl, sei stets ein hochkompetenter Ansprechpartner

Sauberes Wasser, saubere Luft

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u nachtschlafender Zeit aufste­ hen und in Dunkelheit und Kälte draußen sein – für Tausende Men­ schen ist das der alljährliche Start in den Frühling. Rund 6000 ehren­ amtliche BN-Aktive bringen im März und April Amphibien über die Straßen, um ihnen den Weg zu ihren Laichplätzen zu ermöglichen. Es ist die größte Artenschutzaktion Deutschlands, die Jahr für Jahr zwi­ schen 500 000 und 700 000 Amphi­ bien das Leben rettet. Das macht auf nur zehn Jahre hochgerechnet zwischen fünf und sieben Millionen Tiere. Man kann sich leicht ausma­ len, dass viele Amphibienpopulatio­ nen ohne diese lebensrettende Un­

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Fotos: Toni Mader

Für seine großen Verdienste um eine Weltpolitik der nachhaltigen Entwicklung verlieh der BUND Naturschutz Klaus Töpfer im März in München den Bayerischen Naturschutzpreis – die höchste Auszeichnung des Verbandes. Klaus Töpfer ist der Öffentlichkeit vor allem bekannt als früherer Bundesumweltminister und Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. für die Naturschützer gewesen. »In dieser Zeit sind Maßstäbe gesetzt worden, zum Beispiel in der Gesetz­ gebung, für die wir als BN beson­ ders dankbar sind«, so Weiger. »Wir verleihen diese Auszeichnung mit Respekt vor der Leistung, sich ­einzusetzen für eine Politik der Nachhaltigkeit.« Die stellvertretende BN-Vorsit­ zende Doris Tropper verwies auf die

Bei der Ehrung Klaus Töpfer (li.) erhielt aus den Händen der BN-Vorstände den Bayerischen ­Naturschutzpreis 2017 (vo. li.): stellvertrende Vorsitzende Doris Tropper, stellvertretender Vorsitzender Sebastian Schönauer, Vorsitzender Hubert Weiger.

terstützung nicht mehr existieren würden. Für diesen selbstlosen ­Einsatz gebührt den vielen uner­ müdlichen Helferinnen und Helfern großer Dank! Sehr unerfreulich ist hingegen, wie sich in den vergagenen Mona­ ten die Diskussion über einen drit­ ten Nationalpark in Bayern entwi­ ckelt hat. Den Steigerwald will die Bayerische Staatsregierung aus rein politischen Gründen aus der Stand­ ortsuche ausschließen, was der BN vehement ablehnt. Nun wird im Spessart jede sachliche Debatte von Nationalparkgegnern zunichte ge­ macht. Es ist schon erschreckend, mit welcher Einschüchterungstaktik und Aggression bis hin zur offenen Gewaltandrohung da vorgegangen wird. Die Freunde eines National­ parks werden sich davon aber nicht

ins Bockshorn jagen lassen, denn mehrere repräsentative Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Bevöl­ kerung sowohl im Steigerwald als auch im Spessart einem National­ park offen gegenübersteht. In anderen Bereichen ist der BUND Naturschutz schon dabei, ­erfolgreiche Allianzen zu bilden, zum Beispiel beim Gewässerschutz. Handeln tut hier dringend Not, denn unser Wasser ist durch Über­ düngung und Pestizidrückstände einer immer industrieller arbeiten­ den Landwirtschaft belastet. Ge­ meinsam mit dem Landesfischerei­ verband Bayern, dem Landesbund für Vogelschutz, dem WWF und der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Flussallianzen hat der BN dazu ein Positionspapier vorgelegt, in dem die Verbände fordern, bei Gewäs­

zahlreichen Auszeichnungen, die Töpfer bereits verliehen wurden. »Es wäre eine eigene Rede, sie alle aufzuzählen.«


Gute Gespräche Der Empfang bot Raum für Fach­ simpeleien unter Naturschützern.

Die Verdienste Töpfers, betonte Hubert Weiger, hätten bis in die heutige Zeit positive Auswirkungen. Zum Beispiel habe er Natura 2000 auf den Weg gebracht, eine europäi­ sche Naturschutzrichtlinie. Selbst die Naturschützer, so Weiger, hätten eine Weile gebraucht, bis sie die Be­ deutung dessen erfasst hätten, was da auf europäischer Ebene passiert sei. Nach der deutschen Wieder­ vereinigung habe der CDU-Minister sich für den Erhalt des Grünen ­Bandes an der ehemaligen inner­ deutschen Grenze eingesetzt. Auch Töpfers Engagement für ein Ende der Atomkraft rief Weiger in Erinne­ rung. Er habe auch maßgeblich dafür gesorgt, dass die ostdeutschen Atomkraftwerke nach 1990 stillge­ legt wurden.

Während seiner Tätigkeit bei den Vereinten Nationen habe Töpfer auch auf internationaler Ebene das Thema Umwelt in den Fokus ge­ rückt. Er war von 1998 bis 2006 Exe­ kutivdirektor des UN-Umweltpro­ gramms UNEP. Die Herausforderungen des An­ thropozäns, also des ersten vom Menschen bestimmten Erdzeital­ ters, stellte Klaus Töpfer in den Mit­ telpunkt seiner Ansprache. Der Mensch sei mittlerweile in der Lage, Vorgänge in der Natur zu decodie­ ren und zu verändern. Heute sei die Menschheit beschäftigt, Folgen sol­ cher Änderungen, die damals nicht absehbar waren, zu reparieren. Sehr still wurde es im Saal, als Töpfer aus einem Interview zitierte, das er nach dem ersten Umweltgip­ fel von Rio 1992 gegeben hatte: »In einer Generation«, so hatte er damals gesagt, »werden wir im Norden eine

Krise des traditionellen Wohlstands­ begriffs erleben. Es droht entweder eine Re-Ideologisierung mit reli­ giösen Ideen oder wir steuern auf einen Verteilungskampf zu und die Armen werden sich bei uns holen, was sie zu Hause nicht bekommen.« Die derzeitigen Umbrüche nann­ te Töpfer »eine Krise der Aufklä­ rung«. Doch gerade deshalb sollte man nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft blicken: In einer Zeit, in der Politik immer machtloser werde, sei es wichtig, zu fragen, wie man Menschen mehr gesellschaftliche Teilhabe ermög­ lichen könne. »Wie können wir die Menschen beteiligen, um wieder Handlungsoptionen zu haben?« »Es ist eine spannende Zeit, in der Sie diesen Preis an mich verlei­ hen«, so Töpfers Resümee. »Eine Zeit, in der wir hellwach bleiben müssen.« (lf )

serverunreinigungen endlich das Verursacherprinzip anzuwenden. Wir brauchen eine gewässerverträg­ liche Landwirtschaft mit fairen Prei­ sen, die Bäuerinnen und Bauern ein Auskommen sichert. Zudem wür­ den diese Maßnahmen den Kom­ munen Millionen von Euro bei der Trinkwasseraufbereitung sparen. Der BN ist aber nicht nur ein Streiter für sauberes Wasser, son­ dern auch für saubere Luft, denn gemeinsam mit dem BUND setzt er sich dafür ein, dass endlich keine Autos mehr verkauft werden dürfen, die im Fahrbetrieb die Abgasgrenz­ werte nicht einhalten. Unfassbar, dass der Gesetzgeber seit dem Die­ selskandal immer noch nichts Ent­ sprechendes unternommen hat! Vielleicht waren Sie in den ver­ gangenen Wochen einmal unter

blühenden Bäumen unterwegs? Dann ist Ihnen sicher aufgefallen, dass nicht mehr so viele Bienen wie früher darin summen. Die Ursache dafür ist vor allem die industrielle Landwirtschaft mit ihrem massiven Einsatz von Pesiziden und ihren ­riesigen Monokulturen, in denen auch noch der kleinste Blühstreifen am Ackerrand »totgespritzt« wird. Der BN macht sich stark gegen die Profitgier von Konzernen wie Mon­ santo und Co. In Kürze ehrt der BUND Naturschutz im Rahmen sei­ ner Wiesenmeisterschaft Bauern­ familien, die auf blühende Wiesen statt auf das »Wachse-oderweiche«-Dogma setzen – zur Freude der Menschen und der Bienen. Im Wahljahr 2017 bringt der BUND Naturschutz sich weiterhin ein für Demokratie und echte Bür­

gerbeteiligung, gegen Rassismus und Ausgrenzung. Dafür sind die Kreis- und Ortsgruppen in einem basisdemokratischen Verband wie dem BN ein perfektes Lernfeld. Wir dürfen nicht zulassen, dass ­nationalistische Tendenzen unsere Demokratie in Gefahr bringen.

Große Erfahrung, scharfer Blick Klaus Töpfer beeindruckte die Gäste der Preisverleihung mit einer Ansprache, die enormen Weitblick bewies.

Ihr Prof. Dr. Hubert Weiger, Vorsitzender des BN Ihre Doris Tropper, stv. Vorsitzende des BN Ihr Sebastian Schönauer, stv. Vorsitzender des BN

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Flächenfraß Zu »Bayern oder Amerika?« in N+U 1/2017 Leider wird in dem Beitrag nur auf den Ist-Zustand der befürchteten weiteren Zerstörung der Landschaft und das Ausbluten der Dörfer hin­ gewiesen; und außerdem, dass der »Heimatminister« auf die entspre­ chende Kritik bisher nicht einmal reagiert hat. Was können der BN und die übrigen Naturschutz­ verbände tun, um die weitere ­Zerstörung der Naturlandschaft zu ­verhindern? Alois Bernkopf, Mitterfels

Schreiben Sie uns!

Wir freuen uns auf Ihre Meinung: BN-Magazin »Natur+Umwelt«, Dr.-JohannMaier-Str. 4, 93049 Regensburg, oder an nu@bundnaturschutz.de Leserbriefe können gekürzt werden. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Geigelstein Zu »Gerettete Landschaften« in N+U 1/2017 Im Text zum großformatigen Foto des Geigelstein ist davon die Rede, dass die Kreisgruppe Traunstein den Geigelstein »gerettet« hätte. Das ist nicht richtig beziehungsweise nur die halbe Wahrheit. Das Geigel­ steinmassiv teilen sich auf bayeri­ scher Seite die Landkreise Traun­ stein und Rosenheim, somit sind in diesem Gebiet bereits beide Kreis­ gruppen aktiv gewesen. Die eigent­ liche Ehre für die Unterschutz­ stellung des Geigelstein gebührt hier aber der 1975 gegründeten ­Bürgerinitiative »Rettet den Geigel­ stein«. Über viele Jahre hat diese

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Trauer um Karl Friedrich Sinner

Der BUND Naturschutz ist tief betroffen vom plötzlichen Tod von Karl Friedrich Sinner. Mit ihm verliert der Naturschutz einen hoch kompetenten und engagierten Streiter für mehr Naturschutz im Bereich der Waldwirtschaft sowie der BN einen treuen und jahrzehntelangen Weg­ gefährten. Durch sein Engagement als Leiter des Forstamts Nürnberg hat Karl Friedrich Sinner entscheidenden Anteil am Umbau des Nürn­ berger Reichswaldes zu einem naturnahen Wald. Karl Friedrich Sinner hat als Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald maßgeblich dazu beige­ tragen, dass es nach jahrelangem Streit und heftiger Diskussion über das Erweiterungsgebiet des Nationalparks gelungen ist, vor Ort wieder eine hohe Akzeptanz für den Naturschutz herzustellen. Wenn heute der ­Nationalpark Bayerischer Wald als der vorbildhafte Nationalpark Deutschlands schlechthin mit höchstem internationalem Ansehen gilt, dann hat Karl Friedrich Sinner daran entscheidenden Anteil. Der BUND Naturschutz wird seine fachliche Kompetenz, seine Unter­ stützung in den Diskussionen über einen weiteren Nationalpark in Bayern und um die Zukunft des Waldnaturschutzes sehr vermissen.

BI mit nicht nachlassendem Enga­ gement für den Schutz des Geigel­ stein vor Erschließungsmaßnamen aller Art gekämpft. Das Verdienst der BI sollte nicht durch unrichtige Artikel geschmälert werden! Ernst Böckler, Rosenheim Die Kreisgruppe Traunstein des BUND Naturschutz nimmt laut ­Bericht in Anspruch, den Bau einer Skischaukel und einer Sommer­ rodelbahn verhindert zu haben. Das ist nur die halbe Wahrheit. Eine sol­ che Behauptung birgt die Gefahr, dass die nicht genannten Mitkämp­ fer sich zurückgesetzt fühlen und künftig nicht mehr kooperieren wol­ len, wenn die Naturschützer zusam­ menstehen müssen. »Gemeinsam sind wir stark« sollte doch die ge­ meinsame Leitlinie sein! Das waren

beim Geigelstein: Bürgerinitiative »Rettet den Geigelstein«, BUND ­Naturschutz, Landesbund für Vogel­ schutz, Verein zum Schutz der Berg­ welt, Deutscher Alpenverein. Wir, die Bürgerinitiative, haben nach immer neuen Erschließungsideen und nach vielen Diskussionen mit Fachleuten die Unterschutzstellung des Geigelsteingebiets als Natur­ schutzgebiets gefordert. Der BN hat uns da mit seiner Erfahrung unter­ stützt. Die treibende Kraft waren viele unserer Mitglieder, denen der Geigelstein ans Herz gewachsen ist. Sie waren und sind zurecht stolz auf das erreichte Ziel. Bürgerinitiative »Rettet den Geigelstein«, Karl Lindner, erster Vorsitzender, Lothar Obermaier, zweiter ­Vorsitzender, Prien am Chiemsee

Foto: Klaus Leidorf

Energiewende Zum Titelthema »Energie retten« in N+U 1/2017 Meine Frau und ich sind nicht gegen die Energiewende. Doch bei Windkraftanlagen sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass diese nicht landschaftsbeherrschend ­werden. Diese Dinger sind ja nicht wenig hoch! Ausbau der Windkraft ja, aber bitte mit Augen­ maß! Wo bleibt eigentlich die Sonnenenergie? Es gibt doch noch viele günstige, ungenutzte Dächer, die man damit ausstatten könnte. Dies wäre ökolo­ gisch besser vertretbar, müsste allerdings auch ­wieder mehr vom Staat ­gefördert werden. Franz Mück und Anette Ihrig


Dagmar Escher

»Jetzt musst du aufstehen!« Seit zwölf Jahren kämpft eine engagierte Frau im Landkreis Coburg gegen einen neuen Flugplatz.

agmar Escher steht auf einem Feldweg nahe Mee­ der, ihrem Wohnort. Vor ihr spannen sich Äcker und Wiesen über einen Hügelrücken. Die Streuobst­ bäume sind noch kahl. Aber in der Märzsonne sum­ men Hunderte von Bienen in dem nahen Hain aus Kie­ fern und Buchen, Vögel singen und piepsen. Man spürt: Der Frühlingsbeginn steht kurz bevor. Doch ob man den Frühling in Zukunft hier noch genießen kann? ­Wenige Jahre noch, so fürchtet Dagmar Escher, dann könnte das Vogelzwitschern im Lärm untergehen. Erd­ bewegungsmaschinen würden den Hügel abtragen. Äcker und Wiesen würden einer knapp 1500 Meter lan­ gen asphaltierten Landebahn weichen. Der Hain würde abgeholzt, der Vogelgesang verstummt, die Bienen ­umgezogen sein. Flugmotoren würden dröhnen. Der Landwirt auf dem angrenzenden Hof würde nicht mehr auf sein Land schauen – er wäre dann enteignet – son­ dern auf die Privatflugzeuge, mit denen lokale Wirt­ schaftsbosse bequem in der Nähe ihrer Unternehmen landen. »Wie kann man die besten Ackerböden der Region zubetonieren, nur weil die Wirtschaft es will?«, ruft ­Dagmar Escher. Wenn man hört, wie die 61-Jährige »die Wirtschaft« sagt, spürt man, wie sie rebelliert gegen eine Politik, bei der Artenschutz, Bürgerwille, kleinbäu­ erliche Landwirtschaft, Nachhaltigkeit, ja irgendwie alles auf dem Altar »der Wirtschaft« geopfert wird. »Und die schreit nach einem neuen Flugplatz, droht an­ sonsten mit Abwanderung«, berichtet Dagmar Escher. »Erpressung nennt man das!« Ihre Stimme wird dunkel vor verhaltenem Zorn. In Baurecht und Flugsicherheit eingearbeitet Seit zwölf Jahren ist sie Sprecherin des »Bündnisses für die Region – gegen den Verkehrslandeplatz« und der Bürgerinitiative Schutzgemeinschaft Weißer Berg, die sich im Bündnis mit dem BN, dem LBV, Bündnis 90/ Die Grünen und der ÖDP gegen dieses Bauvorhaben einsetzen. Sie ist strategischer Kopf und wandelndes Infozentrum zugleich, hat sich in Baurecht und die ­Materie der Flugsicherheit eingearbeitet. Auch Deutsche Flugsicherung und Luftamt halten das Gelände für ungeeignet, weil der Höhenzug Callen­ berger in der Flugschneise liegt. Zudem ziehen hier

Foto: privat

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große Zugvögelschwärme durch, und ganz in der Nähe liegt die Vogelfreistätte Glender Wiesen. Coburg hat zudem bereits einen richtlinienkonformen Flugplatz, der sich mit wenigen Mitteln aufrüsten ließe. »Persona non grata« im Landratsamt Dass sie, die Sozialarbeiterin, Hausfrau und Mutter dreier Söhne einmal öffentlich so für Umweltschutz einstehen würde, »das hätte ich nie gedacht«, sagt Escher. Freilich, die Natur habe sie immer geliebt. »In­ dianerspiele draußen, Plantschen am Bach, Verstecken im Wald – das war meine Kindheit«, erinnert sie sich. Und 1972, da war sie 16 Jahre alt, brachte der Club of Rome »Die Grenzen des Wachstums« heraus. »Ich war geschockt, dachte, nun würden die Politiker das Ruder herumreißen.« Von da an verfolgte sie die Umweltpoli­ tik, war aber selbst nicht aktiv. »Doch als es 2005 hieß, nur 250 Meter vom Ortsrand entfernt kommt ein neuer Landeplatz, wusste ich: Dagmar, jetzt musst du aufste­ hen!« Größter Erfolg des Bündnisses war 2015 ein Bür­ gerentscheid. Fast 66 Prozent der Abstimmenden spra­ chen sich gegen den Flugplatz aus. Seit 2008 sitzt Escher auch als Parteilose für die Grü­ nen im Coburger Kreisrat und für die SPD im Gemein­ derat von Meeder. Bei Coburgs Landrat wie auch Bür­ germeister ist Escher hingegen längst eine »persona non grata«. Woher nimmt sie ihre Kraft? In der Bevölke­ rung spüre sie viel Wohlwollen, antwortet sie. Oft dank­ ten ihr Menschen auf der Straße, jüngst habe ein älterer Herr vor ihr seinen Hut gezogen. Die lebhafte Frau wird kurz still und sagt dann: »Ich weiß, dass ich mich für das Richtige einsetze – daraus ziehe ich Kraft.« Margarete Moulin

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Engagiert für die Schöpfung Dagmar Escher hält gemeinsam mit Mitstreitern eine Passions­ andacht zur Erhaltung der Schöpfung.


Blauer Engel

Die bessere Wahl Seit fast 40 Jahren gilt der Blaue Engel als glaubwürdige Orientierungshilfe für den Kauf umwelt- und gesundheitsverträglicher Alltagsprodukte. Mit Recht? Und kann er fortentwickelt werden?

papier, ein Waschmittel oder ein Spielzeug umwelt­ schonender und gesundheitsverträglicher als die Alter­ nativen ohne Umweltzeichen?

Illustration: Valentin Hoff

Mehr Dienstleistungen auszeichnen? Trotzdem streitet der BUND in der »Jury Umweltzei­ chen« und bei Anhörungsterminen gerne für noch strengere Prüfkriterien. Nicht immer ist es möglich, sich gegen Wirtschaftsinteressen durchzusetzen, aber es wurden schon wichtige Erfolge errungen: So müssen schnurlose DECT-Telefone nicht nur energieeffizient, sondern auch strahlungsarm sein, um den Blauen Engel tragen zu dürfen. Sie erzeugen in der Basisstation keinen Elektrosmog und sind im Betrieb wesentlich strahlungsärmer als andere Modelle. Seit einiger Zeit wird der Blaue Engel auch für Dienstleistungen vergeben. Mit Blick auf seine Glaub­ würdigkeit ist dies problematisch. Denn für Dienst­ leistungen lassen sich keine exakten Grenzwerte als »hartes« Kriterium festsetzen. Der Blaue Engel sollte daher weiterhin hauptsächlich als Produktsiegel die­ nen, ausgezeichnete Dienstleistungen sollten die Aus­ nahme bleiben.

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ie Zahl der Öko-Label nimmt immer weiter zu. Oft ist kaum mehr zu erkennen, wer und was hinter einem bestimmten Zeichen steht. Für den BUND ist bei der Vergabe von Gütezeichen entscheidend, wie trans­ parent, unabhängig und aussagekräftig sie sind. Kri­ tisch zu sehen sind firmeneigene Kreationen wie das »Green Product«-Zeichen des TÜV Rheinland oder das »Cradle-to-Cradle«-Siegel des EPEA-Instituts. Hier ge­ Die Autorin stalten Unternehmen die Prüfkriterien in Eigenregie Marion Hasper ist die BUND-Expertin und legen der Allgemeinheit nicht alle Details offen. Das Umweltzeichen Blauer Engel hingegen erfüllt für Umweltnormen die Bedingungen überwiegend: Die Unabhängigkeit in der Bundes­ geschäftsstelle. stellt das Bundesumweltministerium als Zeichengeber sicher. Die Prüfkriterien entwirft das Umweltbundes­ amt – und bindet dabei Expertinnen und Experten ein, die Änderungen formulieren können. Schließlich ent­ scheidet eine unabhängige Jury, auf welcher Grundlage die Engel in allen Produktkategorien vergeben werden. Diese wird online veröffentlicht, so dass wir alle im De­ tail nachvollziehen können: Warum ist ein Recycling­

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Wie weiterentwickeln? Als Lücke in der Produktpalette des Blauen Engels sieht der BUND die umweltfreundlichen Alternativen zu Feuerlöschern mit per- und polyfluorierten Chemika­ lien. Um diese zu schließen, tauscht sich der Verband derzeit mit dem Umweltbundesamt aus. Grundsätzlich ist zu befürworten, dass mehr soziale Aspekte integriert werden, obwohl es auch hier nicht leicht fällt, Kriterien zu fixieren und zu überprüfen. Wichtig für die Weiter­ entwicklung des Umweltzeichens wäre es, den Markt zu überwachen, also stichprobenartig zu untersuchen, ob die im Umlauf befindlichen Produkte wirklich den Standards des Blauen Engels genügen. Allzu gern verweisen die Händler auf mangelnde Nachfrage, wenn sie aufgefordert werden, umweltge­ rechte und giftfreie Produkte in ihre Regale zu stellen und dort längere Zeit anzubieten. Damit sich das Sorti­ ment wandeln kann: Kaufen und konsumieren Sie noch häufiger Produkte, die (glaubwürdig ausgezeich­ net) unsere Umwelt schützen. Wir gestalten die Zu­ kunft auch mit dem Einkaufskorb, Tag für Tag. Marion Hasper


Postkartenmotiv Die asturische Küste lockt mit traum­ haften Ausblicken.

Wanderreise auf der Iberischen Halbinsel Foto: Eva Pick

Wild, schön – Asturien!

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s ist ein frischer Morgen, wir sitzen auf dem Hang auf Steinen und suchen mit den Augen die Flanke auf der anderen Seite des Tals ab. Bewegt sich da ­drüben etwas? Nichts zu sehen. Sollen wir zu einem bes­seren Beobachtungsposten gehen? Doch jetzt ruft Chema, unser Wanderführer: »Da! Da drüben ist einer!« Hände greifen nach den Ferngläsern, das Teleskop wird umlagert. Tatsächlich, rund 400 Meter Luftlinie von uns entfernt bewegt sich ein Braunbär trittsicher über das unwegsame Gelände. Er nascht an den Früchten eines Faulbaumes. Wir sind begeistert – und bewegt. Im Biosphärenreservat Parque de Muniellos leben rund 200 Bären. Im Herbst, wenn die Tiere die Berg­ hänge nach Beeren absuchen, kann man sie gut beob­ achten. Drei Tage verbringen wir in der Waldwelt des Parks: bemooste Traubeneichen, die Bärte aus Flech­ ten tragen, hoher Farn, tausend Grüntöne, mit einem Hauch Septembergold. »Wie in einem tropischen ­Nebelwald«, findet Eva Pick, unsere deutsche Reise­ leiterin.

Wanderung durch zerklüftete Schlucht Vor dem Park liegt der Ort Moal, in dem mehr Kühe und Schafe als Menschen leben. Um die Bienenkörbe ste­ hen runde, hohe Steinmauern: der traditionelle Schutz vor Bären. Wir schlafen in zwei Landhäusern, wo uns die Gastgeberinnen mit selbstgemachter Kiwi-Marme­ lade, frischem Brot aus Weizen, Mais und Roggenmehl sowie Fabada asturiana, einem herzhaften Bohnenein­ topf, versorgen. Begonnen hat unsere Reise im berühmten Kalk­ steingebirge Picos de Europa. Hier ragen die Gipfel bis zu 2648 Metern über dem Meeresspiegel empor. Die Wanderung durch die zerklüftete Caresschlucht bietet atemberaubende Panoramen. Entspannender sind un­

Der grüne Norden Spaniens bietet gewaltige Gebirgsketten, alte Eichenwälder, Bärenbeobachtungen im Nationalpark und vieles mehr.

sere Picknicks mit Chorizo, Jamón und Cabrales, dem berühmten Blauschimmelkäse, der hier in Höhlen reift und im Mund eine Geschmacks­explosion verursacht. Steinzeitliche Höhlenmalereien Der dritte Teil der Reise gehört dem Meer. An der Costa Verde schmettert der Atlantik seine Wellen gegen die Steilküste, die mit ihren grünen Wiesen und Weiden an Irland erinnert. Küstenwanderungen führen uns zu den sogenannten Bufones, trichterförmige Erdspalten, durch die das Meerwasser bei stürmischer See fontä­ nenartig in die Höhe schießt. Versteinerte Fußabdrücke von Sauropoden haben dem Küstenstreifen den Beinamen »Costa de los Dino­ saurios« gegeben. Unsere Touren starten wir hier von Ribadesella aus, einem Bade- und Kurort mit einer ­Hafenpromenade im Stil der Belle Époque. Am Abend kehren wir in eine der Sidrerías ein, wo die Kellner den asturischen Cidre über Kopf in hohem Bogen in unsere Gläser einschenken. Und in der Höhle Tito Bustillo ent­ falten sich vor uns im Schein der Taschenlampe seltene Höhlenmalereien aus der Jungsteinzeit wie Urpferde, Stiere und Menschengestalten. Asturien zu bereisen, das bedeutet vielfältige Land­ schaften sowie ursprüngliche Natur erleben und »run­ terkommen«. Denn, so sagt Reiseleiterin Eva Pick: »Die Berge verlangsamen das Tempo, mit dem man sich hier bewegt, und damit das Lebensgefühl.« Lucia Vogel

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Reisetermin 20. – 30. September 2017 Infos zu Reisepreis und Anmeldung bei BUND-Reisen, ReiseCenter am Stresemannplatz Stresemannplatz 10 90489 Nürnberg Tel. 09 11- 5 88 88-20 Fax 09 11- 5 88 88 22 www.bund-reisen.de


Foto: Martin Stock

Wildnis wagen 10 

Natur + Umwelt BN-Magazin [2-17]

Einst erschien Wildnis den Menschen ­bedrohlich, nicht selten übermächtig. Es galt, sich ihrer zu erwehren, ihr ein Stück Land abzutrotzen. In der Romantik wandelte sich das Bild: Zumindest in Künstlerkreisen wurde die Wildnis zu einem Ort der Sehnsucht, verklärt als paradiesische Natur, unverdorben von der Zivilisation. Doch die meisten Menschen ließ das unbeeindruckt. Selbst, als von Wildnis kaum mehr eine Spur zu finden


Natur Natur sein lassen

Vom Wert der Wildnis Was bedeutet eigentlich Wildnis? Und wozu soll dieser Musterfall von Planlosigkeit gut sein – in einem so planmäßig organisierten Land wie dem unseren?

I

m Alltag steht der Begriff Wildnis oft für die Natur schlechthin: »Entdecken Sie die Wildnis vor Ihrer Haustür.« Oder er wird zum Synonym für alles Unge­ ordnete, Verwilderte – wenn Gartenbücher etwa dem Ideal der »gebändigten Wildnis« das Wort reden. Wir ahnen es: Das eine wie das andere hat mit Wild­ nis im engeren Sinn sehr wenig zu tun. In einem so dicht besiedelten und stark industrialisierten Land wie Deutschland gibt es wohl keinen Quadratmeter mehr, den nicht zahllose Menschen schon betreten hätten. Selbst wenn es ihn noch gibt, in einer unzugängli­ chen Schlucht in den Alpen vielleicht: Unbeeinflusst vom Menschen ist auch dieser Fleck nicht mehr. Über die Luft und das Wasser erreichen ihn unnatürlich viele Nährstoffe aus der Landwirtschaft oder Schadstoffe aus dem Verkehr; dazu Sporen und Samen von Arten, die der Mensch nach Europa eingeschleppt hat. Auch ur­ sprünglich nicht heimische Tiere wie der Waschbär haben womöglich schon ihre Spuren hinterlassen, von der Erwärmung des Klimas ganz zu schweigen.

war, riefen ihre letzten blassen Abbilder häufig Un­behagen, wenn nicht Ablehnung hervor. Erst mit den Nationalparks – in Deutschland ab 1970 – verbreitete sich die ­Einsicht, dass große Gebiete, in denen die Natur frei walten kann, einfach unersetzlich sind. Seitdem hat der Wildnis­gedanke an P ­ o­pularität gewonnen. E ­ chte Wildnisgebiete aber gibt es bisher noch zu wenige. Der BUND tut viel dafür, dass sich das ändert.

Neues Leitbild Völlig unberührt ist die Natur demnach nirgendwo mehr, nicht einmal an den Polkappen. Deshalb hat sich heute ein anderes Leitbild von Wildnis durchgesetzt: »Wildnis beginnt dort, wo wir Menschen uns zurück­ nehmen« – so Beate Jessel vom Bundesamt für Natur­ schutz. Wildnis entsteht also, wo wir der Dynamik der Natur wieder freien Lauf lassen. Neben unserer Bereit­ schaft, in diesen Prozess nicht einzugreifen, braucht es nur noch: ausreichend Raum. Und Zeit, viel Zeit. Raum und Zeit, das sind knappe Ressourcen hierzu­ lande. Warum sollten wir sie bereitstellen, der Wildnis zuliebe? Mit seinen Bündnispartnern in der Initiative »Wildnis in Deutschland« nennt der BUND dafür sie­ ben Gründe. Sieben gute Gründe ◼ Wildnis sichert die biologische Vielfalt: Neben po­ pulären Arten wie der Wildkatze sind auch zahl­ reiche eher unscheinbare Organismen wie Pilze, Moose und Insekten auf Wildnisgebiete angewie­ sen, um bei uns zu überleben. ◼ Wildnis macht schlau: Wie passt sich die Natur der Klimakrise an? Welche Strategien verfolgen Tiere und Pflanzen in einer natürlichen Umwelt? Wildnis ist ein Eldorado für die Wissenschaft – ihre Erfor­ schung kann überlebenswichtige Kenntnisse liefern, für Land- und Forstwirtschaft oder den Klimaschutz.

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Wilde Schönheit Salzwiese und Watt bei Sankt Peter-Ording im Nationalpark Wattenmeer.


Foto: K. Wagner/ NP Berchtesgaden

hängig davon haben alle Organismen einen Eigen­ wert, egal, wie nützlich sie für uns sind.

Der Autor Severin Zillich ist Biologe und ­Redakteur des BUNDmagazins.

◼ Wildnis stabilisiert auch direkt das Klima: Naturwäl­

der, Moore und Auen gleichen die extremen Wetter­ folgen der Klimakrise aus und speichern dauerhaft Kohlendioxid. Und sie bieten Lebewesen die Gele­ genheit, sich an neue Klimaverhältnisse anzupassen. ◼ Wildnis schützt vor Hochwasser: Überschwemmun­ gen können in Siedlungen zu schweren Schäden führen. Wilde Flussauen, Moore und Wälder spei­ chern viel Wasser – zugunsten der Flussanrainer. ◼ Wildnis belebt: Wildnisgebiete sind ein Gegenpol zur übernutzten Kulturlandschaft. Körper und Seele kommen hier zur Ruhe. Weltweit sind Wildnisgebiete begehrte Reiseziele und stärken ländliche Regionen. ◼ Wildnis ist unsere Aufgabe: Wir fordern den Schutz von Regenwäldern, von Savannen oder Korallenrif­ fen. Doch wertvolles Naturerbe gibt es auch in Deutschland. Wir sind dafür verantwortlich, es zu bewahren. ◼ Und Wildnis rechnet sich: Ob Trinkwasser, Sauer­ stoff oder Pflanzenbestäubung – wir sind vielfältig auf die Leistungen der Natur angewiesen. Wildnis­ gebiete bergen ein unersetzliches Vermögen. Unab­

Sowohl als auch Fraglos benötigen auch die Reste der einst so artenrei­ chen Kulturlandschaft unseren Schutz. Zum Glück werden sie gehegt und gepflegt, damit ihre Vielfalt er­ halten bleibt, auch von Tausenden Ehrenamtlichen im BUND. Wildnisgebiete sind kein Allheilmittel für den Naturschutz: Entscheidend ist das »Sowohl als auch«. Ebenso fraglos haben wir der Wildnis in Deutsch­ land viel zu lange viel zu wenig Raum gelassen. Es lohnt sich, ihr einen Teil des einstigen Herrschaftsgebiets zu­ rückzugeben. Denn Wildnis lehrt uns, wie es die Natur ganz von alleine richtet. Severin Zillich

Foto: Hans-Jörg Wilke

Wilde Berge Blick auf die Mühlsturzhörner im Nationalpark Berchtesgaden.

Mut zur Wildnis Wer heute für mehr Wildnis wirbt – rennt der nicht offe­ ne Türen ein? Immer mehr Deutsche bekennen sich zur dynamischen und unkontrollierten Entfaltung der Natur in Wildnisgebieten. Laut einer Studie des Um­ weltministeriums schätzen fast zwei Drittel der Deut­ schen die Natur umso mehr, je wilder sie ist. Noch brei­ tere Zustimmung dürften Freiräume für die Wildnis unter den Mitgliedern der Umweltverbände finden. Doch gerade für Naturschützerinnen und Natur­ schützer ist es oft eine echte Herausforderung, die Natur schlicht gewähren zu lassen. Wildnis ist ja ein Gegenentwurf zum klassischen Naturschutz. Denn der zielt oft vor allem darauf ab, den Istzustand zu wahren – auch wenn er naturfern ist. Dieser etwas statische Bestandsschutz zugunsten bestimmter Arten ist etwas gänzlich anderes als der ­dynamische Prozessschutz mit ungewissem Ausgang in den Wildniszonen. Nicht von ungefähr sprach schon 1998 der damalige BUND-Vorsitzende Hubert Weinzierl vom »Mut zur Wildnis, zur Selbstbeherrschung, zum Schauen statt zum Tun«.

Wildes Wasser Oderaue bei Schwedt im Nationalpark Unteres Odertal.

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Noch vor wenigen Jahrzehnten waren weiße Flecken auf dem Globus oft unberührtes Terrain. Heute gibt es Wildnis fast nur noch in Schutzgebieten. Wie steht es um die Wildnis weltweit? Eine neue Studie zeigt, dass allein seit 1993 weltweit über ein Zehntel der verbliebenen Wildnis zerstört wurde. In Mitteleuropa war der Verlust geringer – weil wir hier schon vorher kaum mehr Wildnis hatten. Tat­ sächlich dienen die Schutzgebiete heute als allerletzte Bastionen der Wildnis, und der Druck auf sie wächst.

Interview

Ein großer Schatz Manuel Schweiger koordiniert die Initiative »Wildnis in Deutschland«, der auch der BUND angehört. Der Wildnisreferent der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) wirbt über nationale Grenzen hinweg dafür, Wildnis zu schützen und zuzu­ lassen. Natur+Umwelt sprach mit ihm.

Was sind die Hauptursachen für diesen Verlust? Vor allem die Tatsache, dass die industrielle Landwirt­ schaft immer mehr Fläche beansprucht, um Palmöl oder Fleisch für unsere Wohlstandsgesellschaften zu erzeugen. Ungemein schädlich ist der Abbau von Roh­ stoffen wie Öl und Gold. Und der starke Holzeinschlag, der gerade auch in Europa die letzten alten Wälder be­ droht. Fatal sind zudem viele Infrastrukturprojekte im Süden – Staudämme, Straßen, Häfen –, an deren Bau und Finanzierung die Industrieländer oftmals beteiligt sind. Wie ist es heute um Europas Wildnis bestellt? Die Frage ist immer: Wo können wir noch von Wildnis sprechen? Klar ist, dass viele wirtschaftlich schwache Länder außerhalb Europas sehr viel mehr tun für ihre Wildnis, zum Beispiel Tansania oder Peru. In Europa finden wir selbst in dünn besiedelten Regionen wie dem Norden Skandinaviens kaum mehr Primärwälder. Und Deutschland zählt mit 0,6 Prozent Wildnis auch im kontinentalen Vergleich zu den Schlusslichtern. Umso wichtiger sind die Karpaten mit ihren letzten echten Urwäldern in Mitteleuropa. Diese Wildnis liegt fast vor unserer Haustür, ein großer Schatz! Und stark bedroht durch den Holzeinschlag … Was bedeutet »Wildnis« in Europa? Die »Wild Europe Initiative« hat eine Definition erar­ beitet, die die Europäische Kommission bereits mehr­ fach übernommen hat. Wildnisgebiete sollten danach mindestens 3000 Hektar, möglichst sogar 10 000 Hektar umfassen, ungenutzt und weitgehend unzerschnitten sein. Nur dann können sich darin alle natürlichen Pro­ zesse vollziehen. Für solche Gebiete gibt es in Deutschland nur sehr wenig Potenzial. Um unser nationales Ziel – zwei Pro­ zent Wildnis – zu erreichen, haben wir für den Anfang 1000 Hektar als Mindestgröße für Wildnisgebiete ver­ einbart. Immerhin sind wir mit diesem Ziel ein Vorrei­ ter. Unsere Nachbarländer verfolgen mit Interesse, wie wir hier politisch vorankommen. Unsere Initiative ver­ deutlicht, wie viele Vorteile mit dem Schutz der Wildnis verbunden sind. Wie können wir Wildnis bewahren? Leider existieren zu viele Schutzgebiete nur auf dem Papier. Entscheidend ist, dass ihr Schutz auch wirksam ist. So wurden in Rumänien in den letzten 20 Jahren ­geschätzte 400 000 Hektar Wald vernichtet, darunter

echte Urwälder. Schuld daran tragen wie so oft Korrup­ tion und mangelnde Kontrolle. Auch in den National­ parks der Ukraine wird bereits illegal Holz geschlagen. Die ZGF unterstützt die Parks dabei, ihre wertvollen Wälder zu sichern. Die deutschen Nationalparks sind da besser dran. Allerdings sollten einige ihre Schutzziele stärker daran ausrichten, Wildnis auch wirklich zuzulassen. Was können wir alle für mehr Wildnis tun? Ansetzen sollten wir bei dem viel zu großen ökolo­ gischen Fußabdruck in unseren Breiten. Also weniger und bedachter konsumieren: weniger Fleisch und Palmöl, und Holz nur aus Ländern, wo seine Herkunft genau kontrolliert wird. Auch können wir natürlich in Wildnisregionen reisen, Einnahmen aus dem Touris­ mus bilden dort eine wichtige Perspektive. Schließlich sind Wildnisgebiete weltweit auf die Akzeptanz der Menschen vor Ort angewiesen. Welche Wildnis liegt Ihnen besonders am Herzen? Die vor unserer Haustür. Immer wieder überrascht mich, wie viel Wildnis es auch in Deutschland noch gibt, wenn wir sie zulassen. Zum Glück gewinnen wir in unseren Wäldern – ganz anders als in den Tropen – schon nach zwei-, dreihundert Jahren wieder urwald­ ähnliche Strukturen. Reizvoll finde ich auch, mit wel­ cher Kraft die Natur ehemalige Truppenübungsplätze zurückerobert. Das birgt viel Überraschendes! → wildnisindeutschland.de

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Manuel Schweiger macht sich stark für Wildnisgebiete in aller Welt.


Foto: Rüdiger Biehl

Wilder Wald Blühender Bärlauch im Nationalpark Hainich.

Wildnispolitik in Deutschland

Einfach mal loslassen Deutschland – ein armes Entwicklungsland. Arm an wilder Natur, rückständig beim Thema Wildnis. Bei einem raschen Blick auf die Deutschlandkarte sind die kleinen wilden Überbleibsel kaum sichtbar. Doch das soll sich ändern.

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inst prägten weite Wälder, Moore und Auen unser Land. Sie wurden im Laufe der letzten Jahrhunderte gerodet, trockengelegt, urbar gemacht. Eine Kultur­ landschaft entstand, mit neuen Lebensräumen: Tro­ cken­­ rasen und Streuobstwiesen, Heiden und Hute­ wäldern. Ihre Existenz verdankt sich der Tatsache, dass der Mensch sie nutzt. Auch diese Lebensräume sind heute bedroht, weil die Land- und Forstwirtschaft immer in­ tensiver wurde und der Bau von Siedlungen und Stra­ ßen immer mehr Fläche beansprucht. Wildnis hat in einer solchen Industrielandschaft kaum noch Platz. Fünf Prozent Wildnis Das muss sich endlich ändern. Nach Meinung des BUND sollen mittelfristig wieder fünf Prozent der ­deutschen Landfläche Wildnis sein. Hier soll die Natur »Prozessschutz« genießen, sich also ungestört ent­ wickeln dürfen, frei von menschlichen Eingriffen. Le­ bensräume sollen sich in ihrer natürlichen Dynamik frei entfalten können, ohne dass der Mensch planend

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und lenkend eingreift. Hier soll Raum sein für evolutio­ näre Prozesse, ein Reich für das Spiel der Natur, für »Zwecklosigkeit«, für Ungeplantes und Unvorhergese­ henes. Hier ist Loslassen gefragt, hier gelten »Mut zum Nichtstun« und »Zuschauen statt Gestalten« – auch und gerade für enga­ gierte Naturschützerinnen und ­Naturschützer! Wo steht das Wildnis-Entwicklungsland Deutsch­ land heute? Auf internationalen Konferenzen fordern wir gern den Schutz der Regenwälder im Amazonas, im Kongo, in Papua-Neuguinea. Doch gerade mal 0,6 Pro­ zent der Landfläche sind bei uns Wildnis! Dabei hat sich die Bundesregierung vor bald zehn Jahren in ihrer Nationalen Biodiversitätsstrategie das Ziel gesetzt, bis 2020 auf wenigstens zwei Prozent der Fläche Deutsch­ lands Wildnisgebiete auszuweisen. Seit Jahresanfang ist nun endlich geklärt, welche Flächen auf dieses Ziel angerechnet werden können. Definition und Kriterien sind mit den Bundesländern abgestimmt. Der BUND hat diesen Prozess zusammen mit anderen Verbänden intensiv begleitet.


Foto: H. Heidecke

Wo die Wildnis zurückkehrt Blühender Ginster in der BUNDWildnis­fläche Goitzsche bei Bitterfeld – Blick auf den Holz­ weißig-Ost-See.

Zugeständnisse bei der Größe »Wildnisgebiete im Sinne der Biodiversitätsstrategie sind ausreichend große, (weitgehend) unzerschnitte­ ne, nutzungsfreie Gebiete, die dazu dienen, einen vom Menschen unbeeinflussten Ablauf natürlicher Prozes­ se dauerhaft zu gewährleisten.« Diese Definition des Bundesamtes für Naturschutz gilt nun als anerkannt. Wildnisgebiete sollen vorzugsweise mindestens 1000 Hektar umfassen, in flussbegleitenden Auwäldern, Mooren und an Küsten mindestens 500 Hektar. Kern­ zonen von Nationalparks gelten unabhängig ihrer Größe und anderer Kriterien als Wildnisgebiete. Ausnahmsweise können Wälder, ehemalige Militär­ gebiete oder Bergbaufolgelandschaften auch dann als Wildnisgebiete eingestuft werden, wenn sie unter 1000 (aber mindestens 500) Hektar groß sind. Deutschland bleibt damit klar hinter der Mindestgröße von 3000 Hektar zurück, die für europäische Wildnisgebiete gilt – ein Zugeständnis an unsere hohe Bevölkerungsdichte und stark zersiedelte Landschaft. Dauerhafter Prozessschutz Als Wildnisgebiete kommen vorrangig Flächen infrage, die der öffentlichen Hand oder Stiftungen oder zum Nationalen Naturerbe gehören. Ein wichtiges Kriteri­ um ist, dass sie dauerhaft rechtlich gesichert sind, mit dem Schutzzweck »Wildnis« oder »Prozessschutz«. Auch sollen die Gebiete möglichst kompakt geschnit­ ten und spätestens nach zehn Jahren frei von künst­ lichen Strukturen wie Straßen, Leitungen oder Windrä­ dern sein. Sie sollen keine Siedlungen enthalten, und selbst einzelne Gaststätten oder Hotels werden ausge­ grenzt. Zu Beginn können Wildnisgebiete noch eine

»Entwicklungszone« enthalten. Hier dürfen Maßnah­ men vollzogen werden, die zu mehr Naturnähe führen – zum Beispiel alte Entwässerungsgräben geschlossen oder Fichtenschonungen gerodet werden. Spätestens nach zehn Jahren aber sollen »ausschließlich natürli­ che Prozesse wirken«. Das bedeutet: Auch wenn sich etwa der Borkenkäfer in Massen vermehrt oder bislang nicht heimische Pflanzen und Tiere ausbreiten, wird in das Wildnisgebiet nicht mehr eingegriffen. Loslassen Prozessschutz bedeutet also: Es ist offen, was sich – im Lauf der Jahrhunderte – im Wildnisgebiet entwickeln wird. Geschützt wird nur der Prozess des Nicht-Eingrei­ fens, des Loslassens. Mancher Förster wird erst einmal schlucken, wenn die herkömmliche Jagd beendet wird und der Wald sich verändert. Und wenn in einer Berg­ baufolgelandschaft oder auf einem Truppenübungs­ platz die natürliche Sukzession einsetzt, müssen auch Naturschützer mit Verlusten leben. Denn viele seltene Tagfalter, Heuschrecken oder Vögel, die sich heute noch auf den offenen Flächen tummeln, werden mit der Wiederbewaldung verschwinden. Doch mit der neuen Wildnis ist auch viel gewonnen: In Deutschland wird es künftig mehr urwüchsige Wäl­ der, unverbaute Küsten, dynamische Flussauen und unberührte Bergtäler geben. Wir werden viel zu lernen und viel zu entdecken haben. Auf zwei Prozent unseres Landes, und eines Tages hoffentlich auf fünf. Nicola Uhde

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Die Autorin Nicola Uhde ist die Wildnis­expertin des BUND.


Wilde Rückkehrer

Unsere neuen Big 5?

WOLF Einst war der Wolf in ganz Europa heimisch. Dann rot­ tete ihn der Mensch fast völlig aus, in Deutschland vor etwa 150 Jahren. Heute feiert er ein Comeback. Europa­ weit schätzt man den Bestand wieder auf etwa 20 000 Tiere. Die ersten deutschen Wölfe in Freiheit ka­men im Jahr 2000 in Sachsen zur Welt. Derzeit leben bei uns 46 Rudel, 15 Paare und vier territoriale Einzelwölfe – vor allem im Osten und Norden. Die größte Ge­fahr für den Wolf geht heute vom Straßenverkehr aus. Im Schnitt beansprucht ein Rudel etwa 250 Quadrat­ kilometer. Es besteht aus dem Elternpaar, den Ende April geborenen vier bis sechs Welpen und den Jungen der letzten ein, zwei Jahre. Gejagt werden überwiegend Reh (52,8 Prozent), Rothirsch (21,3 Prozent) und Wild­ schwein (18,3 Prozent). Zündstoff im Zusammenleben von Wolf und Mensch bilden hauptsächlich die Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere, meist dort, wo Schafe und Ziegen ohne Elek­ trozaun und Schutzhund gehalten oder nachts nicht in den Stall gebracht werden. Die Erfahrung zeigt aber, dass die Schäden an Nutz- und Haustieren präventiv gut zu begrenzen sind. Menschen greift der Wolf nur extrem selten an, bei Tollwut oder Anfütterung.

Die Autoren Dennis Klein ist BUND-Wildtier­ experte, Heinz Klöser ist stellvertretender Sprecher des BUNDArbeitskreises ­Naturschutz.

LUCHS Auch der Luchs war einst europaweit verbreitet. Nach intensiver Bejagung im 18. und 19. Jahrhundert überleb­ ten von Europas größter Wildkatze nur kleine Popula­ tionen in Skandinavien und im Baltikum, in den Kar­ paten und auf dem Balkan. Seit den 1970ern versucht man den Luchs in Mitteleuropa wieder anzusiedeln. In Deutschland leben wieder je etwa 30 Luchse im baye­ risch-tschechischen Grenzgebiet und im Harz und den angrenzenden Mittelgebirgen. Im Pfälzerwald wurden kürzlich die ersten fünf von 20 Luchsen ausgewildert. Einzeltiere wurden in Nordrhein-Westfalen, in Hessen, Baden-Württemberg und Sachsen nachgewiesen.

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Foto: blickwinkel/R. Linke

Die meisten Deutschen freuen sich über die Rückkehr charismatischer Tiere wie Wolf, Luchs und Elch. Doch gibt es auch entschiedene Gegner. Der BUND glaubt an ein gutes Miteinander und plädiert für mehr Sachlichkeit. Nicht jede der hier porträtierten Arten ist auf Wildnisgebiete angewiesen – doch alle profitieren sie davon.

Der Luchs bevorzugt große, struktur- und felsreiche Wälder, die genug Rückzug bieten. Er kommt aber auch mit unserer Kulturlandschaft zurecht. Seine Reviere sind etwa 100 Quadratkilometer groß. Hauptbeute ist das Reh. Da er pro 100 Hektar nur etwa 1,5 Rehe im Jahr jagt, bleibt sein Einfluss auf deren Bestand be­scheiden. Konflikte zwischen Luchs und Weidetieren gibt es we­ niger, für Menschen ist er ungefährlich. Einige krimi­ nelle »Luchshasser« verhindern jedoch mit illegalen Abschüssen und Giftködern bislang, dass sich der Luchs wieder ausbreitet. Der BUND fordert eine spezi­ elle Polizei-Einheit für Umweltdelikte, um der Täter endlich habhaft zu werden. BRAUNBÄR Unser größtes heimisches Raubtier besiedelte einst den ganzen Kontinent. In Europa lebt der Braunbär heute noch in Ostskandinavien (2500 Tiere) und Nord­ russland (11 000), in den Karpaten (8000) und im Dina­ rischen Gebirge (2500). Restbestände gibt es zudem in den Alpen (30) und Pyrenäen (15), im kanta­brischen Gebirge (200), Appenin (50) und Ostbalkan (700). Die plump wirkenden, aber ausgesprochen agilen Tiere sind Allesfresser. Sie ernähren sich von Fleisch, Fisch, Aas, Insekten, Beeren, Früchten, Wurzeln und Samen. Ihre besondere Vorliebe gilt dem Honig. Heute wird der Braunbär wieder an­gesiedelt, so in den Zentralpyrenäen und Norditalien. In Österreich hat sich ein kleiner Bestand gebildet, mit Tieren aus Slowenien und Norditalien. Von dort könnte auch der deutsche Alpenraum wieder besiedelt werden. 171 Jahre, nachdem hier der letzte wilde Bär erlegt wurde, tauchte »Bruno« 2006 im deutsch-österreichischen Grenzgebiet auf. Wochen wanderte er umher, kam in die Nähe von Siedlungen und riss Nutztiere. Nach er­ folglosen Fangversuchen ließ ihn die bayerische Lan­ desregierung abschießen.


Foto: blickwinkel /R. Linke

Foto: blickwinkel /D. u. M. Sheldon Foto: blickwinkel/M. Delpho

ELCH Immerhin 550 Kilo Ge­wicht erreichen Elchbullen. Die stattlichen Hirsche haben einen massigen Rumpf und lange Beine. Mit ihren großen, spreizbaren Hufen sind sie an ein Leben auf sumpfigem Untergrund angepasst. Elche bilden als Einzelgänger nur zur Paarungszeit kleine Rudel. Die scheuen Tiere wandern gerne und weit. Bevorzugt fressen sie Laub von Weichhölzern und Wasserpflanzen, im Winter auch Triebe von Sträuchern und Nadelbäumen. Ausgewachsene Tiere haben kaum natürliche Feinde.

Foto: blickwinkel/S. Meyers

WISENT Die Verbreitung dieses Wildrindes reichte ursprünglich von der Atlantikküste bis zum Baikalsee und vom nörd­ lichen Mittelmeerraum bis Finnland. Wisente leben in standorttreuen Herden, geführt von einer Leitkuh. Die großen Pflanzenfresser – Bullen wiegen bis zu 850 Kilo­ gramm – durchstreifen lichte Misch-, Au- und Bruch­ wälder. Bei Störungen ziehen sie sich zurück. In Freiheit wurde das Wisent ausgerottet – so 1755 in Ostpreußen und zuletzt 1927 im Kaukasus. Alle heuti­ gen Tiere (etwa 5000) gehen auf nur sieben Zootiere zurück. 2013 wurden einige Tiere im Rothaargebirge freigelassen, inzwischen leben dort 19 Tiere. Gegen diese erste wildlebende Herde Westeuropas haben Waldbesitzer geklagt – ein endgültiges Urteil steht noch aus.

Elche besiedeln die Taigazone, in Europa reichte ihre Verbreitung bis in die Niederlande und den Kauka­ sus. In Mecklenburg und Brandenburg erloschen die letzten Bestände erst im Zweiten Weltkrieg. Aus Polen wandern jedoch immer wieder Tiere ein. Ihr Verbleib ist häufig ungeklärt, offenbar gibt es illegale Abschüsse. Bei Lieberose in Ostbrandenburg haben sich aber wohl einige Elche angesiedelt – es gab bereits Nachwuchs.

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Foto: BN-Archiv

Langer Atem Eine von vielen Aktionen des BN für einen Nationalpark im Steigerwald, hier bei der Delegiertenversammlung 2008 in Bamberg.

Vielfältig aktiv

Wildnis wagen Seit seiner Gründung plädiert der BUND dafür, Natur häufiger Natur sein zu lassen, auch ­groß­flächig. Bei unserem Einsatz für eine freie, weitgehend ungestörte Naturentwicklung gehen ­Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit, politisches Lobbying und praktischer Naturschutz Hand in Hand.

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ehr Wildnis in Deutschland! Verfolgt hat der BUND dieses Ziel zuallererst, indem er National­ parks forderte und förderte. Als der erste 1970 im Baye­ rischen Wald aus der Taufe gehoben wurde, standen zwei Gründerväter des BUND Pate, Bernhard Grzimek und Hubert Weinzierl. Seither ha­ ben BUND-Aktive viele Nationalparks in der Gründungsphase eng beglei­ tet: Als Naturkundige warben sie für den Wert der Wild­ nis, leisteten jahrelang Überzeugungsarbeit und steu­ erten ihre Ortskenntnis bei – zuletzt bei den National­ parks Schwarzwald und Hunsrück-Hochwald. Und mit der Ausweisung eines Nationalparks ist es nicht getan: Der BUND wacht mit darüber, dass sich die Natur darin wirklich frei entfalten kann, so unbeein­ flusst vom Menschen wie möglich. Wo es fachlich ge­ boten ist, setzt sich der BUND zudem für weitere Natio­ nalparks ein. Vor allem im fränkischen Steigerwald, dessen Buchenwälder wir großflächig schützen wollen.

Der Natur helfen Arbeitseinsatz in der Diepholzer Moorniederung.

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Gerade ihn hat Bayerns Regierung bei ihrer Suche nach einem dritten Nationalpark ausgeschlossen – obwohl zwei Drittel der Menschen in der Region für ihn sind. Der BN hat sich daher an einer Petition beteiligt. In vielen Nationalparks unterstützen BUND-Aktive auch die Öffentlichkeitsarbeit. Mit Exkursionen und Vorträgen bringen sie BesucherInnen die Bedeutung von Schutzzonen nahe, die der Mensch der Natur über­ lässt. Fest verankert ist diese Umweltbildung an der Nordsee: Auf Baltrum, Dornumersiel, Dorum-Neufeld, Juist und Norderney betreut der BUND Niedersachsen Nationalparkhäuser. Auch das Besucherzentrum Torf­ haus im Nationalpark Harz wird vom BUND betrieben. Der Wildnisaspekt spielt jeweils eine zentrale Rolle. Auenwildnis an der Elbe Für mehr wilde Natur kämpft der BUND auch entlang der Flüsse und Auen – ob an der Donau, an Rhein und Ruhr, an Oder und Alster. Und natürlich an der Elbe: Unser Projekt »Lebendige Auen für die Elbe« zielt dar­ auf, die rund 400 Hektar große Halbinsel »Hohe Garbe« in der Altmark wieder an die natürliche Dynamik des Flusses anzuschließen. Ihr wertvoller Auwald wird damit zu neuem Leben erweckt, zum Wohle von Ei­ chen und Ulmen, Schwarzstorch und Seeadler, Fisch­ otter und Biber. Weitere Auenreste der Region wollen wir mit diesem Wald vernetzen. Nur wenige Kilometer flussabwärts gelang es dem BUND bei Lenzen bereits, einen Deich weit vom Fluss abzurücken – hier gewann die Elbe 420 Hektar ihrer Aue zurück. Geduld ist gefragt, wenn vom Menschen geprägte Landschaften zu wilder Ursprünglichkeit zurückfinden sollen. Jahrzehnte und Jahrhunderte kann dieser Pro­


Foto: Dietmar Gross

Wandern, schauen, staunen Reisen mit dem BUND – 400-jährige Ulme im Buchen­ urwald ­Semenic, Rumänien

zess dauern. In der Diepholzer Moorniederung arbeitet der BUND seit 1983 daran, frühere Hochmoore wieder­ zuvernässen. Trotz aller Erfolge bleibt es eine Zukunfts­ aufgabe, die Moore sich selbst zu überlassen – Grund­ eigentum und Wasserrecht verhindern vielerorts, den Wasserstand auf ein natürliches Niveau anzuheben. Dynamische Entwicklung Wildnis aus zweiter Hand entsteht derzeit in der Goitzsche bei Bitterfeld. Vor 17 Jahren erwarb der ­ BUND in einem vom Bergbau verwüsteten Gelände 1300 Hektar Grund. Hier hat sich eine abwechslungs­ reiche Land­schaft entwickelt: lichte Wälder, Gebüsche, Trockenrasen und Seen. Seit einem Hochwasser der Mulde 2002 verändert sich die Natur noch dynami­ scher. Der Wasserstand stieg, Pionierwälder und Gebü­ sche dringen vor. Da die Flächen – sie gehören heute der BUNDstiftung – kaum zerschnitten sind, konnten sich Biber, Fischotter und Kraniche ansiedeln. Um große, ungestörte Schutzgebiete zu schaffen, be­ müht sich der BUND gezielt um charismatische Leitar­ ten wie Biber und Wildkatze. Den Biber, weil er mit sei­ nen Dämmen Wasser stauen kann und so eine vielfälti­ ge, vom Menschen ungelenkte Naturentwicklung an­ stößt. Die Wildkatze, weil sie auf große, unzerschnitte­ ne, urwüchsige Wälder angewiesen ist. Und die soll es auch jenseits großer Schutzgebiete geben: So setzt sich der BUND aktuell dafür ein, den Possenwald bei Sondershausen in Thüringen auf 2500 Hektar zum Wildnisgebiet zu erklären. Nur wenig ent­ fernt liegt die »Hohe Schrecke«. Der BUND befreit hier im Rahmen eines Projekts fast 2000 Hektar alten Laub­ wald von der Holznutzung. In Rheinland-Pfalz gelang

uns eine Übereinkunft mit dem Land: Fast 1000 Hektar Auwald am Rhein werden künftig der Wildnisentwick­ lung überlassen. Wildnistouren für Jung und Alt »Wildnis« im weiteren Sinne versprechen Bildungsan­ gebote, die der BUND an Kinder und Jugendliche rich­ tet. Die »Kinderwildnis« des BUND Bremen ist ein ­Naturerlebnisraum für Stadtkinder, ein Gegenentwurf zum normierten Spielplatz. Mit Wildniscamps lockt die BUNDjugend Brandenburg, mit Wildniswandern die BUNDjugend Sachsen, mit Wildnistagen für Kinder die BUNDstiftung in der Goitzsche. Hessens BUNDjugend bietet »Querfeldein«-Touren an, zu Fuß und im Kanu. Schließlich wollen auch die BUND-Reisen Faszina­ tion wecken für wilde, vom Menschen kaum beeinfluss­ te Landschaften. Wer einmal die Buchenurwälder in den rumänischen Karpaten erleben konnte oder die Mischwälder der »Picos de Europa« in Asturien, wird einen anderen, kritischeren Blick auf die hiesigen Fors­ te werfen. Wer einmal am Ufer der noch ganz ursprüng­ lichen Vjosa in Albanien stand, wird sich künftig noch schlechter damit abfinden, dass so viele heimische Flüsse und Bäche in ein Korsett aus Beton und Steinen gepresst wurden. Und wer einmal die Mala Fatra in der Slowakei durchwandert hat und auf die Spuren von Wolf, Luchs oder Braunbär gestoßen ist, bekommt – nur einige Zugstunden entfernt – einen bleibenden Eindruck davon, wie reich an Tieren und Pflanzen ein Mittelgebirge sein kann. Natürlich bieten die BUNDReisen auch viele Touren in Deutschlands »wilde« Natur an. Mehr dazu unter → www.bund-reisen.de Severin Zillich

Der Natur auf der Spur Wildniswandern der BUNDjugend Sachsen

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Riesenerfolg für Bayerns Natur und den BUND Naturschutz:

Auf der Suche nach dem dritten Nationalpark Seit dem vergangenen Jahr ist Bayern offiziell auf der Suche nach einem dritten Nationalpark. Der soll praktisch überall sein dürfen, nur nicht im Steigerwald. Der BUND Naturschutz setzt sich dafür ein, dass die Debatte um das lang ersehnte neue Wildnisgebiet im Freistaat ein gutes Ende findet.

Foto: Thomas Stephan

Nationalparkwürdig Die alten Buchen im Steigerwald sind ein wunder­ bares Naturerbe Bayerns, das unbedingt in einem ­Nationalpark erhalten werden sollte.

Foto: Toni Mader

Foto: Julia Puder

O

hne den BUND Naturschutz gäbe es in Bayern weder den Nationalpark Bayerischer Wald noch den Alpennationalpark Berchtesgaden. Für diese ers­ ten Nationalparks in Deutschland, die 1970 und 1978 beschlossen wurden, war der BN unter seinem damali­ gen Vorsitzenden Hubert Weinzierl entscheidender Geburtshelfer: Der Verband unterstützte konzeptio­ nell, finanziell und mit intensiver Öffentlichkeitsarbeit die Bayerische Staatsregierung bei der Planung und Durchsetzung dieser ersten Wildnisgebiete – auch gegen den massiven Widerstand von Teilen der Forstund Holzwirtschaft. Der bayerische Landtag beschloss die jeweiligen Nationalparkverordnungen einstimmig. Das Motto »Natur Natur sein lassen« wurde damit für die Naturschutzbewegung in Deutschland ein Leit­ satz. Für den BN galt dieses Motto von Anfang an, denn bereits der Gründungsvorsitzende Carl Freiherr von Die Autoren Tubeuf setzte sich in der Region Berchtes­gaden für ein Hubert Weiger Schutzgebiet für Alpenpflanzen ein und stand damit an ist der Vorsitzende, der Wiege des heutigen Alpennationalparks Berchtes­ Richard Mergner gaden. der LandesbeaufSeit den 70er-Jahren haben andere deutsche Bun­ tragte des BUND desstaaten viele weitere Nationalparks ausgewiesen, Naturschutz.

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auch um den internationalen Verpflichtungen zum Schutz des weltweiten Naturerbes zu genügen. Nur in Bayern bildete sich gegen die Nichtnutzung von Teilen der Wirtschaftswälder eine Widerstandsallianz aus Holzindustrie, Landwirtschafts- und Forstministerium, Bayerischem Bauernverband und Waldbesitzerver­ band. In Verbindung mit Machtfragen zwischen Abge­ ordneten der CSU und der Freien Wähler entstand so eine Ablehnungsfront. Erst die Entscheidung des baye­ rischen Kabinetts unter Ministerpräsident Horst See­ hofer für einen weiteren Nationalpark im Sommer 2016 änderte über Nacht die Situation. Klar ist: Ohne die zehnjährige Vorarbeit des BN und des Freundeskreises für einen Nationalpark im nördli­ chen Steigerwald wäre es nicht zu dieser Entscheidung gekommen. Der BUND Naturschutz kritisiert allerdings massiv den rein politisch motivierten Ausschluss der schützenswerten Buchenwaldgebiete im nördlichen Steigerwald in dem Kabinettsbeschluss. Der BN fordert nach wie vor, unterstützt von vielen Bürgern, Kom­ munalpolitikern und Handwerksbetrieben, eine faire Chance für den Steigerwald. Bayern hat jedoch neben dem Steigerwald das landschaftliche Potenzial für


­ eitere Nationalparks: im Spessart, in der Rhön, den w Donau- und Isarauen, dem Ammergebirge und mit sehr langfristiger Perspektive auf den Truppenübungs­ plätzen Hohenfels und Grafenwöhr. Diese Großschutz­ gebiete können dann durch viele mittlere und kleine Naturwaldgebiete vernetzt werden und in eine natur­ nahe Waldwirtschaft auf den übrigen Waldflächen ein­ gebettet werden. Nationalparkgegner schüren Ängste Umweltministerin Ulrike Scharf setzt den Kabinetts­ beschluss bereits engagiert um: Sie hat mit Politik und Öffentlichkeit im Spessart, der Rhön und in der Au­ waldregion um Neuburg und Kelheim an der Donau die Chancen eines Nationalparks für Naturschutz und regionale Entwicklung und Wirtschaftsförderung dis­ kutiert. Innerhalb der CSU-Landtagsfraktion wird der Beschluss massiv torpediert. Schon Gerhard Eck, In­ nenstaatssekretär und CSU-Bezirksvorsitzender von Unterfranken, hat als Vorsitzender einer Bürgerinitia­ tive mit grotesken Falschbehauptungen gegen einen Nationalpark im Steigerwald Stimmung gemacht. Lei­ der arbeitet Peter Winter, CSU-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Haushaltsauschusses, im Spes­ sart mit ähnlichen Falschinformationen, unterstützt vom Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, und auch vom neuen Bezirksvorsitzenden des Bayerischen Bauernverbandes, Thomas Köhler. Alle Akteure gegen einen Nationalpark im Spessart schüren Ängste vor Arbeitsplatzverlust und Brennholz­ knappheit. Der BUND Naturschutz kritisiert dieses Vor­ gehen massiv. Wer den Spessartwald wirklich liebt, hat es nicht nötig, beim Empfang der Umweltministerin mit schwarzen Hemden, Raubvogelkrallen und Motor­ sägen Angst und Schrecken zu verbreiten. Inzwischen

hat auch das Umweltministerium dokumentiert, wie falsch diese Argumente gegen einen geplanten Natio­ nalpark sind, nachzulesen auf → www.np3.bayern.de. Junge Menschen sehen Nationalpark als Chance Der BN-Landesvorstand und die Aktiven in den Kreis­ gruppen Main-Spessart, Aschaffenburg und Milten­ berg haben dagegen – im Bündnis mit weiteren Um­ weltorganisationen – erfolgreich informiert. Nach einer repräsentativen Emnid-Umfrage gibt es eine breite Zu­ stimmung von 64 Prozent für einen Nationalpark in der unterfränkischen Region von Aschaffenburg bis Würz­ burg selbst in den direkt betroffenen Landkreisen. Auch im Steigerwald haben hunderte von Veranstaltungen und Waldführungen des Freundeskreises Wirkung ge­ zeigt: Nach einer Emnid-Umfrage in der Steigerwald­ region sind es fast dreimal so viele Menschen, die den Nationalpark begrüßen, wie Menschen, die ihm noch kritisch gegenüberstehen. Die Zustimmung in den Ge­ meinden rund um den diskutierten ­Nationalpark ist enorm gestiegen. Wie im Spessart sehen auch hier ge­ rade junge Erwachsene unter 30 Jahren die Chancen eines Nationalparks für wirtschaftliche Impulse. Die Umweltministerin spricht von Nationalparks als »Vita­ minspritze«, die pro Jahr zwischen 10 und 20 Millionen Euro bringt und bis zu 100 Arbeitsplätze in der Region schaffen kann. Die Position des BUND Naturschutz ist glasklar: Bayern gewinnt mit einem neuen und insbesondere einem ersten Nationalpark in Franken. Für weitere ­Nationalparks hat unser Land nicht nur das Potenzial, sondern auch die Verpflichtung. Denn wir wollen kom­ menden Generationen die Schönheit des Naturerle­ bens in majestätischen Wäldern bieten. Hubert Weiger, Richard Mergner

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Sumpfgladiole

päischen Union gelistet, ebenso in der Roten Liste Bayerns und Deutsch­ lands. Dort steht sie als stark gefähr­ det (Kategorie 2), in der Baden-Würt­ tembergs als vom Aussterben bedroht (Kategorie 1). Die früher in einigen an­ deren Bundesländern vorkommenden Be­ stände sind verschollen.

Um die Jahresmitte lässt die Sumpfgladiole (Gladiolus palustris) ihre stattlichen, purpurroten Blüten leuchten. Früher war diese Pflanze gut an die Kulturlandschaft angepasst. Heute ist sie durch die Zerstörung ihrer Lebens­ räume sehr selten geworden.

Streuwiesen immer seltener Die Pflanze besiedelt Kalkflachmoore, Streu­ wiesen und Magerrasen – Lebensräume, auf deren große ökologische Bedeutung der BUND Naturschutz seit Langem hinweist und die von Veränderungen betroffen waren und teilweise noch sind, insbesondere Zerstörung durch Überbauung und Aufforstung, Nährstoff­ einträge, Absinken des Grundwasserspiegels oder Staunässe. Streuwiesen – als Futterwiesen ungeeignete, nur einmal jährlich zur Einstreugewinnung ge­ mähte Feuchtwiesen – werden in der modernen Landwirtschaft kaum mehr benötigt. Die nähr­ stoffarmen Standorte bieten aber Lebensraum nicht nur für die Sumpfgladiole, sondern auch für Pflanzengesellschaften, zu denen neben der Sumpfgladiole etwa auch Mehlprimel, Sibirische Schwertlilie, Trollblume, Enzian- und Orchideen­ arten gehören, und für Tiere wie Kiebitz, Bekassi­ ne, Brachvogel, Sumpfschrecke oder verschiedene Schmetterlinge. Streuwiesen sind gesetzlich ge­ schützte Biotope, in denen beeinträchtigende oder zer­ störende Maßnahmen verboten sind. Aber nur eine angepasste extensive Nutzung – verbunden mit er­ heblichem Mehraufwand – sichert dauerhaft die Erhaltung. Der BUND Naturschutz hat großen Anteil an der Bewahrung vieler Streuwiesen und ihres Artenreichtums: Kreis- und Orts­ gruppen arbeiten mit Landwirten und staatlichen Stellen zusammen oder erhal­ ten die Flächen durch Ankauf. Kräftiges An­ packen ist bei der ehrenamtlicher Biotop­ pflege gefragt.

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Viele Bestände in Deutschland verschollen Die in Mittel- und Südosteuropa selten bis zerstreut verbreitete Sumpfgladiole ist in Deutschland durch die Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt, nach Bundesnaturschutz-Gesetz streng geschützt. Die Art ist in der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Euro­

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Foto: privat

en schwertförmigen Laub­ blättern verdankt die bis zu 60 Zentimeter hohe Sumpfgla­ diole ihren G ­ attungsnamen: gla­ diolus bedeutet »kleines Schwert«. Im Mittelalter hat man häufig auch die Schwertlilien (Iris), insbesondere die Deutsche Schwertlilie (Iris germanica), als Gladiole bezeichnet. Beide Gattungen – Schwertlilie und Gladiole – gehören zur Familie der Schwertliliengewächse (Iridaceae). Sumpfsiegwurz, ein weiterer Name für die Sumpf­ gladiole, weist in den Bereich des Zauberglaubens. Ihre von einer netzartigen Hülle umgebene unterirdische Knolle wurde mit einem Kettenhemd verglichen. Gemäß der Signaturenlehre gab es den Volksglauben, wer sie bei sich trüge, wäre vor Hieb, Stich und Schuss sowie allen bösen Einflüssen geschützt. Kleinen Kin­ dern hat man die Siegwurzknollen als Amulett umge­ hängt. Die faserigen Hüllen sollen die Landsknechte unter dem Wams getragen haben.

Die Autorin Dr. Gertrud Scherf hat mehrere ­P flanzenbücher verfasst.

Zeichnung: Claus Caspari; aus »Der BLV Pflanzenführer für unterwegs«, BLV Buchverlag

Porträt


Gerettete Foto: F. Niemeyer

Landschaften Seit fast 35 Jahren entwickelt und erhält der BUND über 10 000 Hektar in der Diepholzer Moorniederung Niedersachsen. In den Hochmooren, Heiden und Feuchtwiesen brüten mehr als 30 gefährdete Vogel­arten – darunter Bekassine und Großer Brachvogel, Kiebitz und Uferschnepfe, Raubwürger und Ziegenmelker. Die Moorniederung zählt auch zu den wichtigsten Rastplätzen des Kranichs in Deutschland.


Foto: Kreisgruppe Lindau

Hubert Weiger wurde 70

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erzlichen Glückwunsch! Am 21. April feierte der Vorsitzende des BUND Naturschutz, Hubert Weiger, seinen 70. Geburtstag. Seit 2002 ist er BN-Landesvorsitzender, seit 2007 auch Vorsitzender des BUND, den er 1975 mit begründete.

BN-Mitglied seit 70 Jahren

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er BN freut sich sehr, Martin Asam (im Bild sitzend) zu 70 Jah­ ren Mitgliedschaft gratulieren zu können! Bereits 1947 trat der damals 18-Jährige dem Verband bei, zu einer Zeit, als Deutschland zu weiten Tei­ len in Trümmern lag und die meis­ ten noch nicht an gefährdete Biotope und aussterbende Arten dachten. Schon früh hat der ehemalige Rektor

der Lindenberger Antonio-HuberSchule seine Liebe zur Allgäuer Natur entdeckt und ist sich sicher: Diese gilt es zu erhalten. So freut sich der heute 88-Jährige, dass in seiner ­Heimat viele naturzerstörende Pro­ jekte verhindert werden konnten. Erich Jörg, Vorsitzender der Kreis­ gruppe Lindau (rechts), dankte Mar­ tin Asam für seine Treue zum BN.

Einsatz für den Imkernachwuchs

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Foto: Landwirtschaftsministerium

elgard Gillitzer (links) von der BN-Kreisgruppe Passau wurde gemeinsam mit zwei Kollegen vom Maristen­ gymnasium Fürstenzell von Landwirtschaftsminister ­Helmut Brunner (rechts) für ihr großes Engagement in der Imker-Nachwuchsarbeit geehrt. Sie waren beim Wettbe­ werb »Imkernachwuchs betreuen und motivieren« als einer von sechs Ehrenpreisträgern ausgewählt worden. So bieten sie seit über zehn Jahren an ihrer Schule das Wahlfach Im­ kerei an, dabei geht es ihnen nicht um maximalen Honig­ ertrag, sondern darum, den Bienen ein bestmögliches Um­ feld zu bieten. Derzeit betreuen die Schüler und Lehrer zehn bis 15 Bienenvölker und haben großen Spaß mit den fleißigen Insekten. Gleichzeitig wirken sie so dem Rückgang der organisierten Imkergemeinde entgegen.

Hubert Weiger ist eine der bekann­ testen Stimmen für die Natur in Deutschland, nicht zuletzt aufgrund seiner jahrzehntelangen Erfahrung. Im Rahmen des Bayerischen Natur­ schutztages vor der diesjährigen Delegiertenversammlung fand ein Empfang zu Hubert Weigers Ge­ burtstag statt, an dem mehrere Landtagsabgeordnete und die baye­ rische Umweltministerin Ulrike Scharf teilnahmen. Wir berichten ausführlich im nächsten Heft.

Natur für kleine und große Entdecker

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Foto: JBN

aupen sind vollständig verpuppt. Jetzt hängen sie mit dem Kopf nach unten am Papierstreifen. Ich könnte mich nicht so einfach mit den Schuhen festkleben. Mir würde der Kopf platzen«, erklärt der elfjährige Paul. So wie Paul haben auch die 25 Kinder aus der JBN-Gruppe in Marxheim über ihre Erfahrungen berichtet. Jedes Kind beteiligt sich je nach Neigung an der Gestaltung – während ein Kind gern zeichnet, beschreibt ein anderes die Anatomie und Lebensweise von Ameisen. Das Naturtagebuch ist der Einstieg für die Artenkenner von morgen. Dort werden alte Kartoffel­sorten gepflanzt, Barometer gebaut, eine Linde im Jahresverlauf foto­grafiert oder über Lebensmittelverschwendung diskutiert. Seit 2009 gibt es in Bayern den Wettbewerb und seitdem haben über 700 Kinder teilgenommen und es sind knapp 250 Tagebücher entstanden. Beim Naturtagebuchwettbewerb mit­ machen können Kinder bis 14 Jahre. Infos unter www.jbn.de, Kontakt: Regina Kaufmann, Tel.: 089-15 98 96-42, kaufmann@jbn.de

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Gerettete Landschaften entdecken

Auf dem Weg zurück zum Moor

Foto: Rudolf Nützel

Seit sechs Jahren packen die Mitarbeiter eines Münchner ­Büroartikelhändlers kräftig mit an, wenn im Deininger Moos wieder einmal Fichten, Faul­ bäume und Birken entfernt werden müssen. Denn noch hat sich das einst t­ rockengelegte Moor nicht w ­ ieder so voll gesogen, dass kein Baum mehr wachsen mag.

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asse Fuße kann man sich schon holen, wenn man sich ein kleines Stück hineinwagt ins Moor, um zum Beispiel das Loch anzuschauen, das eine entwur­ zelte Fichte im weichen Boden hinterlassen hat. Ein dunkler Wasserspiegel zeigt, wie hoch das Grundwas­ ser angestiegen ist, seit vor sieben Jahren die Entwässe­ rungsgräben angestaut wurden. Von den Rändern her wachsen Torfmoose in diese sogenannte »Schlenke« hinein. Diese Moose sind der nachwachsende Rohstoff zum Entstehen der Moore. Sie siedeln sich an jeder nassen Stelle an, nehmen Kohlenstoff aus der Luft auf und bin­ den ihn, auch wenn sie abgestorben und zu Torf gewor­ den sind – jedenfalls, solange das Moor nicht trocken­ gelegt wird. Die lebenden Teile des Mooses saugen Wasser auf bis zum Achtzigfachen ihres eigenen Volu­ mens. Weil sie es nur langsam wieder abgeben, verhin­ dern sie, dass das Wasser eines heftigen Regengusses ungehindert ins Tal schießt. Auch das Deininger Moor hilft so mit, Hochwasser im Isartal abzumildern. Es bietet unterschiedliche Lebensräume: nährstoff­ arme und saure Hochmoorbereiche mit nur wenigen spezialisierten Pflanzenarten wie Sonnentau, mineral­ stoffreiche Flachmoore mit großer Artenvielfalt, Pfei­ fengraswiesen, die wie früher selten gemäht werden,

Ausgangspunkt: Kreuzpullach (oder Deisenhofen / S 7) Länge / Gehzeit: ca. 13,5 Kilometer / 3,5 Stunden (ab Deisenhofen circa 20 Kilometer) Höhenunterschied: ca. 100 Meter Wegcharakter: Waldwege Einkehr: Waldhaus Deininger Weiher

und Übergangsmoore. Auf den Bulten – das sind die »trockenen« Buckel – entdecken wir zwischen Gräsern und Heidekraut die seltene Rosmarinheide. Das Vor­ kommen eines kleinen Bestands von Blaubeerblättri­ ger Weide hat sogar Fachleute in Erstaunen versetzt. Mit einem Wildzaun muss dieses Relikt aus der Eiszeit vor dem Verbiss durch Rehe geschützt werden. Auch die Strauchbirke konnte hier überdauern, zusammen mit dem äußerst seltenen Hochmoor-Perlmuttfalter. Aber auch andere seltene Schmetterlinge, Libellen, Vögel und die Kreuzotter kann man mit etwas Glück beobachten. Insgesamt wurden 16 Pflanzenarten und 53 Tierarten der Roten Liste gezählt. Hilfe für das Moor kam gerade noch rechtzeitig Diese vielen Arten fanden hier erst wieder ihren Platz, als mit großem Aufwand die ursprünglichen, seit der letzten Eiszeit entstandenen Bodenverhältnisse wieder hergestellt waren – gerade noch rechtzeitig, bevor sie auch aus ihren letzten Nischen verschwunden sind. Denn nur was wenigstens in ein paar Exemplaren über­ lebt hatte, konnte sich wieder vermehren auf dieser neu geschaffenen Lebensinsel in der sehr intensiv genutz­ ten Landschaft rundherum. Ein großer Rundweg berührt auch das Deininger Moor. Er ist gut beschrieben im Wanderführer der BNOrtsgruppe Oberhaching, den man von deren Web­­site herunterladen kann (www.oberhaching.bund-natur­ schutz.de, Tour 9). Man kann aber auch einen Teil davon als Streckenweg gehen, zum Beispiel durch das Gleißental aufwärts, das als Trockental beginnt und umso mehr Wasser führt, je näher man dem Deininger Weiher kommt. Winfried Berner, Ulrike Rohm-Berner

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Auf gutem Weg Mit menschlicher Unterstützung kann das einst ­trockengelegte Deininger Moor wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehren.

Die Autoren Winfried Berner, Mitglied des Landesvorstandes, hat mit seiner Frau ­Ulrike Rohm-Berner den Wanderführer »Gerettete Landschaften« ­verfasst. 14,90 Euro, im Buchhandel oder bei der BN Service GmbH, Tel. 0 91 23- 9 99 57 20


Foto: P. Przesang, Waldrappteam

Abheben für den Artenschutz Weil die in Burghausen wieder angesiedelten Waldrappe die Flugroute in den Süden nicht kannten, wiesen ihnen »Fluglehrer« im Ultraleichtflugzeug den Weg über die Alpen.

Foto: J. Fritz, Waldrappteam

Sympathischer Strubbelkopf Ein bisschen ulkig sieht er schon aus, der Waldrapp mit seiner punkigen Frisur. Dank seines des auffälligen Federkleids ist der Ibisvogel heute ein Sympathieträger und eine Touristenattraktion.

Der mit der Strubbelfrisur Burghausen ist gleich zweimal Weltmeister: Es hat die längste Burg der Welt und das erste Artenschutzprojekt zur Wiederansiedlung von Zugvögeln. Beim zweiten Rekord hat der BN seine Hand im Spiel.

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azu ist wieder einmal Erster. Am 22. März, neun Tage nach der ­Abreise aus Italien, erreicht er sein Sommer- und Brutquartier in Burg­ hausen. Gleich zu Beginn hatten er und sein Kumpel Francesco einen echten »Run« – 560 Kilometer in zwei Tagen! Doch dann: Winter­ einbruch in Österreich, Zwangs­ pause. Francesco verlor dabei ­irgendwie das Ziel aus den Augen. Er trödelt wohl immer noch in ­Kärnten herum. Nicht so Jazu. Seit

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er gelernt hat, wo es lang geht, ge­ hört er immer zu den Ersten, die in Bayern ankommen.

Gemeinsam ist weniger einsam Jazu ist ein Waldrapp (Geronticus eremita). Ein bis eineinhalb Kilo wird der Ibisvogel schwer, seine ­Flügelspannweite erreicht bis zu 125 Zentimeter und er frisst am liebsten Regenwürmer und Insek­ tenlarven. Hier an der Burg­ hausener Burg trifft Jazu auf fünf

seiner Artgenossen. Sie sind aber nicht etwa schneller geflogen als er. Wissenschaftler haben sie bequem mit dem Auto zum Brutquartier ge­ bracht. Dort sollen sie für die richti­ ge Stimmung sorgen, denn Wald­ rappe brüten nicht gerne alleine. Dass Burghausen frei fliegende und sogar ziehende Waldrappe hat, verdankt es auch der BN-Kreis- und Ortsgruppe. Letztere hatte 2002 die Idee, den nahezu ausgestorbenen Vogel zur Landesgartenschau 2004 zu präsentieren. Auch, weil er nur dort leben kann, wo es genügend Regenwürmer, Insektenlarven und Kleintiere gibt, die er mit seinem langen Schnabel aus dem Boden stochern kann. Er ist damit eine Zei­ gerart für gesunde und artenreiche Böden. Die BN-Aktiven gewannen

Waldrapp (Geronticus eremita) Klasse: Vögel (Aves) Ordnung: Ruderfüßer (Pelecaniformes) Unterfamilie: Ibisse (Threskiornithinae) Status: akut vom Aussterben ­bedroht Schutz: weltweit streng geschützt nach Bundesnaturschutzgesetz und Washingtoner Artenschutz­ abkommen


Flugstunden für Zugvögel »Ja g’hört denn der überhaupt da her?« mag sich mancher beim An­ blick des Tieres mit der lustigen ­Strubbelfrisur auf dem Kopf fragen. Ja, g’hört er! Der Waldrapp ist ein echter Europäer und Bayer. Gesi­ cherte historische Nachweise gibt es für die Schweiz, für Österreich und Süddeutschland (Überlingen, Pas­ sau, Kelheim). Bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ver­ schwand er aber aus Europa. Jagd und Nesträuberei machten ihm einen frühen Garaus. Nun ist es eine Sache, eine Popu­ lation aufzubauen. Eine ganz ande­ re aber, Vögeln beizubringen, wo geeignete Winterquartiere liegen. Denn während den Waldrappen das Reisefieber in den Genen steckt, müssen sie die Flugroute in ihrem ersten Lebensjahr von zugerfahre­ nen Altvögeln erlernen. Die gibt es aber nicht mehr. Bleibt also nur eine Möglichkeit: Der Mensch muss ein­ springen. Wissenschaftler aus dem Waldrappteam zogen also Vögel mit der Hand auf, sodass diese ihnen bald überallhin folgten, sogar in die Luft. 2007 flog dann erstmals eine Gruppe Waldrappe, geleitet von Zieheltern in einem Leichtflugzeug, über die Alpen. Das spektakuläre Experiment gelang. Inzwischen kehren auch schon einige Vögel selbstständig nach Burghausen zu­

Touristische Größe Dr. Ernst-Josef Spindler ist Vorsitzender der BN-Ortsgruppe Burghausen. Gemeinsam mit Dr. Holger Lundt und Gunter Strebel hat er die Rückkehr des Waldrapps nach Bayern initiiert und bekommt inzwischen viel Unterstützung durch andere Waldrappfans.

Foto: BN

den Biologen und Waldrapp-Exper­ ten Johannes Fritz für ihr Vorhaben. Nach der Ausstellung ließ sich die Stadt von einem Wiederansied­ lungsprojekt überzeugen. Johannes Fritz übernahm mit seinem Wald­ rappteam die wissenschaftliche ­Leitung und holte 2014 die EU mit einem fünfjährigen Life-Projekt ins Boot; Sponsoren sind unter ande­ rem die Stadt Burghausen und der BN, zudem helfen viele Ehrenamt­ lich Aktive mit. Ziel des Vorhabens ist, den Waldrapp als Wild- und Zug­vogel in Bayern wieder heimisch zu machen. Laut Waldrappteam ist das der weltweit erste fundierte Ver­ such, eine Zugvogelart wieder an­ zusiedeln. Weltweit gibt es nur noch etwa 400 wildlebende Waldrappe in Marokko, sie ziehen aber bis auf ein einziges Tier nicht mehr.

Waldrappfans Die beiden BN-Mitglieder Waltraud Derkmann und Ernst-Josef Spindler bei ihren gefiederten Freunden.

Sie veranstalten täglich eine Lockfütterung, zu der auch Interessierte kommen können. Ist das Interesse an den Wald­ rappen denn immer noch groß? Ja, erstaunlich groß. Manche Besucher ­bleiben eine Woche, um zu fotografieren. Der Waldrapp ist für die Stadt Burghausen wirklich eine touristische Größe. Was begeistert Sie persönlich am ­Waldrapp-Projekt? Das ist das Zusammenspiel von Artenschutz und Technik. Da ist dieser sympathische Vogel mit dem punkigen Aussehen – und der Mensch hilft ihm mit Leichtflugzeugen über die Alpen. Mit den Trackern wird hoffentlich künftig Wilderern das Leben schwer ge­ macht. Und das Projekt fasziniert nicht nur mich. Heute wird das Wiederansiedlungs­ projekt von vielen Ehrenamtlichen unter der Leitung von Oliver Habel, den FÖJlern des Umweltamtes Burghausen und vom Bauhof unterstützt. Wie viele Waldrappe brüten mittlerweile in Burghausen? Letztes Jahr waren es fünf Paare. Es werden aber auch Waldrappe zum Brüten hierher­

rück. Der wohl schönste Erfolg bis­ her war aber, als der von Menschen aufgezogene Altvogel Goja den bei Vogeleltern aufgewachsenen Jazu ins Winterquartier leitete. Ebenje­ nen Jazu, der dieses Jahr als Erster in Bayern ankam. Jazu war also der erste Waldrapp seit Jahrhunderten, der die Flugroute über die Alpen wieder von einem Artgenossen er­ lernte. Leider endete Gojas Geschichte traurig. Er wurde von italienischen Wilderern erschossen. Ein Schick­ sal, das viele Zugvögel ereilt. Hoff­

gebracht, die selbst nicht ziehen. Deren Junge fliegen dann mit den anderen Wald­ rappen über die Alpen. So verstärkt man die ­Population. Was ist denn das Ziel? Das Waldrappteam geht davon aus, dass mit 50 Waldrappen bis 2019 eine stabile ­Popu­lation erreicht ist. Das ist aber noch ein weiter Weg bis dahin … Nicht so sehr. Um die 70 Waldrappe leben ja bereits an den drei verschiedenen Projekt­ standorten in Burghausen, Kuchl und im Winterquartier in der Toskana. Da sind halt viele noch nicht geschlechtsreife Tiere dabei. Aber leider verlieren wir auch immer wieder Tiere durch die Wilderei in Italien und die mangelhafte ­Sicherung der Strommasten ­ in Österreich. Das Waldrappteam wird dem­ nächst mit den Stromproduzenten ver­ handeln, damit die Masten entsprechend ­gesichert werden. Text und Interview: Heidi Tiefenthaler

nung gibt eine neue Technologie: Die Waldrappe tragen 20 Gramm leichte Solarsender, die stündlich ihre Position übertragen. Sie liefern damit nicht nur wissenschaftliche Daten, sie helfen auch, Vogeljäger zu erwischen. Zum Beispiel jenen, der Goja auf dem Gewissen hat. Ihm wurde mittlerweile der Jagdschein entzogen; eine Zivilklage mit defti­ gen Schadenersatzansprüchen steht ihm noch bevor. → altoetting.bund-naturschutz.de → www.waldrapp.eu

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Foto: Fotolia/Satori

Natur in der Stadt

BN ist aktiv gegen Münchens Baumschwund

Bäume schützen trotz Bauboom Bäume in der Stadt sind den Bürgerinnen und Bürgern Münchens ein wichtiges Anliegen. Baumpflegearbeiten und Fällungen werden zunehmend kritisch ­beobachtet. Die Kreisgruppe München engagiert sich ganz besonders für den Baumschutz – in einer boomenden Großstadt kein einfaches Unterfangen. nen Garten sowie Baumpflegemaßnahmen und Fällun­ gen entlang Münchens Straßen und in Grünanlagen. Neben der Information für Münchens Bürgerschaft ist ein wichtiger Aspekt beim Baumschutz die Vernet­ zung des BN mit allen Akteuren auf diesem Gebiet, zum Beispiel mit dem Baureferat Gartenbau, das für die Pflege von Münchens Straßen- und Parkbäumen zuständig ist, mit der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) der Landeshauptstadt sowie mit der Stadtpo­ litik.

Foto: Sergej Novikov/Fotolia

Ziel: sensiblerer Umgang mit Bäumen Die Vernetzung zeigt erste Erfolge: Im Rahmen der ­Zusammenarbeit mit dem Baureferat Gartenbau und der UNB konnten bereits Baumschutzaktionen in zwei Biberrevieren im Münchner Westen verwirklicht wer­ den. Zunehmend wird der BN auch bei sogenannten Gehölzpflegemaßnahmen des Gartenbaureferats ein­ gebunden. Ziel ist ein sensiblerer und schonenderer Umgang mit Münchens Bäumen. Zum einen, um einen langfristigen Erhalt des Baumbestandes zu erreichen, zum anderen, um auch die Artenvielfalt der Organis­ men, die an Bäume gebunden sind, zu sichern. Politisch hat die Kreisgruppe München die Zusam­ menarbeit mit den Bezirksausschüssen als bürger­ schaftliche Vertretung der einzelnen Stadtbezirke durch eine Reihe von Workshops intensiviert. Erstes Ergebnis dieser Arbeit ist ein Paket von Anträgen zu ­Erhalt und Förderung des Münchner Baumbestands. Ziel der enthaltenen Forderungen ist mehr Baum­ schutz und ein Masterplan für Münchens Bäume (siehe auch Seite 38). Angela Burkhardt-Keller

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er zunehmenden Verlust von Bäumen wird nicht nur subjektiv empfunden, er ist durch Zahlen der Stadt München klar belegt: München verliert jedes Jahr rund 2500 Bäume, die nicht mehr ersetzt oder nachge­ pflanzt werden – und das vor allem auf privatem Grund. Meistens müssen die Bäume für die Schaffung von dringend benötigtem Wohnraum durch innerstädti­ sche Nachverdichtung weichen, aber auch für neue Wohnquartiere am Stadtrand. München wächst, und das zu Lasten der Natur. Bei der BN-Kreisgruppe München steigt deshalb seit Jahren die Zahl von Anfragen zu Bäumen und Baum­ fällungen. Darauf hat die Kreisgruppe im Jahr 2013 mit der Schaffung einer Projektstelle »Baumschutz« re­ agiert, die zur Hälfte vom BN und zur Hälfte von der Stadt finanziert wird. Im Rahmen der Umweltberatung wurde das »Baum­ schutztelefon« eingerichtet, wo Münchner Bürgerinnen und Bürger bei Fragen rund um das Thema Baum­ schutz beraten werden. Die häufigsten Fragen betref­ fen die Zulässigkeit von Fällungen für Bauvorhaben, die Frage nach Genehmigung von Fällungen im eige­

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Foto: Kreisgruppe München

Grün gehört dazu Möglichst viele Bäume in München erhalten, ob auf privatem oder wie hier auf öffentlichem Grund, dafür engagiert sich die Kreisgruppe München.

Die Autorin Angela Burkhardt-­ Keller berät am Baumschutztelefon der BNKreisgruppe München. Hier legt sie selbst mit Hand an, um Bäume vor Biberverbiss zu schützen.


BN kämpft für zukunftsfähige Verkehrspolitik

Droht die Lkw-Schwemme?

Foto: Tom Konopka

Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes verhandelt der BUND ­Naturschutz derzeit mit der Stadt ­Nürnberg und dem Freistaat Bayern um das weitere Vorgehen in Sachen Frankenschnellweg.

n diesen Verhandlungen geht es um die Frage, ob der Prozess vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof (VGH) gegen den Durchbau des Frankenschnellwegs in Nürnberg mit einem Vergleich beendet werden kann. Das Gerichtsverfahren war ausgesetzt, weil der VGH den Europäischen Gerichtshof (EuGH) angerufen hatte zur Klärung der Frage, ob für diese Straße eine Umwelt­ verträglichkeitsprüfung (UVP) durchgeführt werden muss. Mittlerweile liegt die Entscheidung des EuGH vor. Das Urteil sieht vor, dass für diese vierspurige Stra­ ße eine UVP naheliegend sei, die tatsächlichen Voraus­ setzungen hierfür müsse aber der VGH selbst prüfen. Für den BN war dies ein wichtiger Zwischenerfolg. Die Entscheidung des EuGH bedeutet nämlich, dass auch das Bayerische Straßen- und Wegegesetz geändert und für mehr bayerische Straßenplanungen zukünftig eine UVP vorgesehen werden muss. Das erste Klageziel, eine UVP durchzusetzen, ist also erreicht. Zunahme des Verkehrs zu befürchten Leider konnte der BN aber kein Umdenken bei der Stadt Nürnberg bewirken: Sie will trotz gravierender Nachteile, langer Bauzeit, drohender Verstopfung der Altstadt und hoher Kosten ihre Planung nicht aufgeben und arbeitet an einer Erstellung der UVP, die im ­Sommer dieses Jahres fertig sein soll. Danach sind die Aussichten, den Prozess zu gewinnen, eher ungünstig, weil der VGH dem BN zu erkennen gegeben hat, dass die Klage gegen des Ausbau des Frankenschnellwegs wahrscheinlich abgewiesen wird, sobald eine UVP ­vorliegt. Jetzt gilt es also, den Schaden zu begrenzen: Über den wie von der Stadt geplant ausgebauten Franken­

schnellweg würde vor allem nachts viel Lkw-Transit­ verkehr durch die Stadt rollen. Unter den drohenden Überschreitungen der Stickoxidwerte würden vor allem die Anwohner leiden. Dieses Szenario droht, weil der Frankenschnellweg dann für viele Nord-Südverkehrs­ beziehungen eine Abkürzung darstellen würde und insgesamt eine Verkehrszunahme zu befürchten wäre. Forderung: mehr Geld für ÖPNV Die Tempolimits auf dem Frankenschnellweg zur Ver­ hinderung von Abkürzungsfahrten müssen im Luft­ reinhalteplan der Stadt verankert werden, weil ansons­ ten einzelne Autofahrer die Tempolimits gerichtlich zu Fall bringen könnten. Ebenso soll erreicht werden, dass die Stadt mehr Geld in den Öffentlichen Nahverkehr und in die Förderung des Radverkehrs investiert. Ein zentrales Verhandlungsziel ist für den BN, dass der Freistaat Bayern und die Stadt Nürnberg sich auch tat­ sächlich an den Vergleich halten. Das macht die Ver­ handlungen schwierig, denn hier steckt der Teufel im Detail. Dem BN wurde vorgeworfen, er würde durch die Verzögerung das Projekt verteuern, aber eine Ver­ zögerung durch die Verhandlung ist derzeit nicht ge­ geben. Umplanen muss die Stadt Nürnberg ohnehin, denn nicht abbaubare Installationen der Deutschen Bahn machen eine Tieferlegung des Tunnels erfor­ derlich. Sollte ein Vergleich zustande kommen, haben die Nürnberger BN-Mitglieder das letzte Wort: Sie würden dann schriftlich befragt, ob sie dem Vergleich zustim­ men. Peter Rottner

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Foto: Toni Mader

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Noch mehr Verkehr und Abgase? BN-Aktive protestieren gegen den Ausbau des Frankenschnellwegs in Nürnberg.

Der Autor Peter Rottner ist Verwaltungsjurist und der Landesgeschäftsführer des BUND Naturschutz.


Fotos: Bastian Wegner

Ehrenamt im BUND Naturschutz

Naturtalente entdecken Seit 2012 lädt der BUND Naturschutz Kinder und Jugendliche ein, an einem der wichtigsten Vogelrastplätze Bayerns die Vielfalt unserer Vogelwelt kennenzulernen. Heidi Tiefenthaler war dieses Jahr bei den Ornithologischen Tagen am Ammersee dabei.

A Im Fokus Mit dem Spektiv einen Vogel »einzufangen« ist schwieriger als es aussieht.

Große und kleine Experten Bei den Ornithologischen Tagen können die Kinder nach Herzenslust fragen.

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ls ich am späten Aschermittwoch-Abend im gefühlten Nirgendwo aus dem Taxi steige, erscheint Vogelbeobachtung als recht fragwürdige Freizeitbeschäftigung. Faschings­ ferien, mitten im Winter. Trotzdem werde ich zusammen mit Steffi Tafertshofer, die ­gerade Freiwilliges Ökologisches Jahr macht, und Manuel Oliveira, ehemaliger Praktikant beim BN Starnberg, in den kommenden zwei Tagen 16 Jungs und Mädchen zwischen neun und 14 Jahren genau dabei ehrenamtlich ­betreuen. Die Kids kommen zu den Ornitho­ logischen Tagen ins BN-Naturschutz- und ­Jugendzentrum Wartaweil am Ammersee. ­Einige, weil sie schon echte Cracks in Sachen Vogelkunde sind und von Spezialisten noch etwas lernen wollen, andere, um erst einmal reinzuschnuppern in die Welt der Ornitho­ logie. Der Hintergrund: Deutschland fehlt der Nachwuchs ­bei den Artenkennern. Die meis­ ten Spezialisten sind heute älter als 60 Jahre. Egal, ob es sich nun um Experten für Käfer, Bienen, Moose oder eben Vögel handelt, junge Artenkenner – die ja auch den Nach­ wuchs für den staatlichen und verbandlichen Naturschutz bilden – kommen kaum nach. Warum, darüber lässt sich trefflich spekulie­


Im Ampermoos Wer entdeckt die Kornweihen zuerst?

Beste Aussichten … hatten die Kinder vom neuen Beobachtungsturm bei Kottgeisering.

ren. Ein verändertes Freizeitverhalten, weniger Natur­ erlebnis und veränderte Lehr- sowie Studienpläne spielen dabei aber sicher eine Rolle. Der BN hat dieses Problem als erste Institution erkannt und bietet des­ halb Veranstaltungen an, die vor allem Kinder und ­Jugendliche für unsere Tier- und Pflanzenarten begeis­ tern sollen. Echte Profis Von der traumhaften Lage der BN-Ökostation habe ich bei meiner Ankunft außer einem entfernten »Meeres­ rauschen« nichts mitbekommen. Heute Morgen bleibt mir schon kurz der Mund offen stehen: Eine alte Villa mit 39 000 Quadratmeter Grund direkt am Ufer des Ammersees. Anreise ist laut Programm um neun Uhr. Um halb neun ist der Gang gesteckt voll mit Eltern und Kindern. Bei der anschließenden Vorstellungsrunde sollen die Kids ihre ornithologischen Kenntnisse auf einer Skala von eins bis zehn einordnen. Das beste Mädchen gibt sich gerade mal sieben Punkte, gleich mehrere Jungs schätzen sich selbst als Achter oder Neuner ein. Axel Schreiner, Leiter der BN-Ökostation grinst. Jungs seien meist unbelastet von allzu großer Bescheidenheit, meint er. Bei der Einführung in die Spektive – sehr gute Fernrohre, die auf drei Beinen stehen und gerne von Vogelbeobachtern benutzt werden – zeigt sich schnell, dass einige Teilnehmer tatsächlich schon echte Profis sind. Andere – zu denen auch ich gehöre – haben schon Mühe, den anvisierten Holzschuppen in den Fokus zu bekommen. 1000 Fragen Szenenwechsel: Ausflug ins nahe gelegene Ramsar-­ Vogelschutzgebiet an der Südspitze des Ammersees. Der Wind bläst bitterkalt und es regnet. Natürlich haben die Mädchen trotzdem nur Leggings an, die auch »üüüberhaupt nicht zu kalt« sind. Beim kleinen

Auf der Seite »BN aktiv« berichten wir über unsere Aktiven und ihre vielseitigen Naturschutzaktionen in ganz Bayern. Kai frage ich schon gar nicht mehr nach. Seit gestern trägt er unverdrossen seinen dünnen Trainingsanzug, bei 20 Grad im Haus genauso wie bei gefühlten fünf am See. Seine Schwester Lea hat mir schon dreimal versichert, dass sie eine warme Jacke für ihn im Ruck­ sack habe, er aber niemals, wirklich niemals krank werde. Blaue Lippen hin oder her. Heute sind Franz Wimmer und Christian Nieder­ bichler dabei, die Gebietsbetreuer des Ramsargebie­ tes, beide ausgesprochene Vogelexperten. Pech, dass

es nicht viel zu sehen gibt am Wasser. Die Wintergäste sind bereits abgereist und die Sommergäste lassen noch auf sich warten. Kein Wunder bei dem Wetter. Trotzdem haben die Kinder 1000 Fragen an die beiden Gebietsbetreuer, die tatsächlich ihr Geld mit Einsatz und Begeisterung für die Natur verdienen. Für die Kids ein schönes Beispiel, dass neben IT und Betriebswirt­ schaft auch andere Berufsbilder existieren. Perfekter Nachmittag Und dann ist es wie immer bei meinen BN-Reporta­ gen: Der Regen verzieht sich, es klart auf und die Sonne kommt heraus. Bestes Wetter, um Kornweihen im Ampermoos zu beobachten. Endlich kommen die Jungs und Mädchen so richtig auf ihre Kosten: Quasi zeitgleich mit Franz und Christian entdecken Moritz, Andreas und Elisabeth die Kornweihen, die hoch über dem Ampermoos hereinsegeln. Mit virtuosen Flug­ manövern tauchen sie, ähnlich wie Rohrweihen, immer wieder in das wogende Schilfmeer ab, die Männchen hell blaugrau mit weißer Unterseite, die Weibchen unauffälliger in Braunbeige. Einige Wochen noch werden sie gegen Abend das große Schilfgebiet aufsuchen, um dort gemeinsam am Boden zu über­ nachten. Spätestens Anfang Mai ­ziehen sie gen Nor­ den, wo sie den Sommer verbringen. Ein Fasan fliegt auf, kurz darauf ist ein Storch zu sehen. Hier auf dem Holzturm packt es sie alle, das Beobachtungsfieber. Es ist ein bisschen wie jagen, wenn man versucht, die blitzschnellen Greifvögel mit dem Blick durchs Spektiv einzufangen. »Yes, ich hab ihn!«, ist der Kampfruf. Die Sonne sinkt jetzt tiefer, das Schilf färbt sich orange und die Alpen zeichnen sich immer deutlicher am Horizont ab. Zeit für die Kornweihen, sich ihren gemeinsamen Schlafplatz zu suchen. Wir ziehen ­langsam Richtung Parkplatz ab, durchgefroren, aber zufrieden. Das war ein perfekter Nachmittag für ­Ornithologen – und solche, die es werden wollen. Heidi Tiefenthaler

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Fotos: M. Angstwurm

Hände weg vom Riedberger Horn! Bergwald aufforsten, Hochmoore pflegen, Mahnfeuer entzünden: Die Jugendorganisation des BUND Naturschutz (JBN) engagiert sich schon lange für den Schutz der Alpen – und derzeit gegen einen neuen Skilift im Allgäu.

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leich geht es los. Gleich werden hier Transparente zu sehen sein, werden Menschen im Eisbärenkostüm auftreten oder zum Fotoshooting auf einer Schaukel Platz nehmen. Doch erst einmal wird still gestaunt. Weil Atemluft kostbar ist auf 1787 Metern Höhe, wenn man schwer bepackt bis hoch auf den Gipfel gestapft und deswegen ziemlich außer Puste ist. Still ist es auch, weil das Panorama einem wirklich den Atem raubt: Als »schönsten Skiberg Deutschlands« hat Bergsteiger Luis Trenker das Riedberger Horn im Oberallgäu einst ­gepriesen. Unterm blauen Himmel zeigen sich die schneebedeckten Alpen heute in all ihrer Pracht. Nicht verschaukeln lassen Noch. Die 20 Umweltaktiven der JBN sind nämlich nicht hier hochgestiegen, um die Aussicht zu genießen. Sondern um zu demonstrieren – unter den wachsamen Augen von vier ­Polizisten. »Das Riedberger Horn ist noch fast unverbaut und ein echter Naturschatz. Doch jetzt will man zwei Skigebiete mit einem Lift verbinden, genau hier«, empört sich Lara Busse. Die 19-Jährige macht bei der

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JBN in München ihr Freiwilliges ­Ökologisches Jahr und hat die Aktion mit vorbereitet. Weil das Liftprojekt als »Skischaukel« bekannt wurde, war der passende Schlachtruf rasch gefunden: »Wir lassen uns nicht ­verschaukeln!« Das geht vor allem an die Adresse von Bayerns Heimatminister Markus Söder. Er ist ein erklärter Befürworter des Projekts. Ihm und den lokalen ­Behörden, die das Projekt genehmigen müssen, will die JBN in den nächsten Monaten Dampf machen. Sie setzt dabei auch auf die Fotokünste ihrer Mitglieder: »Macht selbst Fotos, auf einer Schaukel im Garten oder auf dem Spielplatz um die Ecke«, lautet ihr Aufruf. »Und dann postet sie mit dem Hashtag #WirLassenUnsNichtVerschaukeln.« Das passt ins Bild. Die JBN war nicht nur an großen Kampagnen zum Klimaschutz beteiligt und protestierte gegen umstrittene Handelsab­ kommen wie CETA und TTIP. Auch bei Themen vor der Haustür wird sie aktiv – wie gegen eine dritte Startbahn am Flughafen München – mit Erfolg: Die Bürger entschieden gegen den Plan. Seit vielen Jahren setzt

sich die JBN zudem für die nachhal­ tige Entwicklung der Alpen ein. Gerackert und geschwitzt  »Bei uns engagiert sich eine ganze Reihe von Leuten vor allem für den Schutz der Bergwelt«, erzählt Josef Strohhofer vom Arbeitskreis Alpen. Damit alle wissen, was die Alpen so besonders macht, geht es häufig gemeinsam in die Berge – etwa zum Botanisieren, um mehr über die vom Massentou-


Feuer und Flamme  Ein gutes Training. Für spektakuläre Aktionen muss man zuweilen auf Komfort verzichten. So entzündeten die Jugend­ lichen im vergangenen Sommer ein kilometerweit sichtbares Mahnfeuer auf dem Hochgern: Stundenlang schleppten sie dafür Brennholz nach oben. Immer am zweiten August­ wochenende setzt die Aktion »Feuer in den Alpen« ein loderndes Zeichen. Dass die JBN ihren Spaß dabei hatte, zeigen Fotos von der Hüttenolympiade, mit den Disziplinen Bierglas­ halten und Fingerhakeln, Handy- und Kuhfladenweitwurf. Julian Seizinger ist in den Bergen aufgewachsen. Ende Juli wird der 27-Jährige eine Gruppe JBNler quer durch den Karwendel führen. Wer mit will, muss trittsicher und schwindelfrei sein, und außerdem gut zu Fuß: Fünf bis sechs Stunden wird mit dem Rucksack marschiert, sieben

Tage lang: ein echtes Abenteuer, weit weg vom Rest der Welt. Schutz statt Schaukel  »Immer mehr Leute zieht es in die Alpen: Sie suchen Ruhe, Erholung vom Alltag, eine Auszeit vom Leben in der Stadt«, sagt der Kemptener. Luxus und Natur­ zerstörung müssen nicht sein, es geht auch anders. So reisen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer natürlich mit Bahn und Bus an. Abends auf den Hütten gibt es vegetarische Bergsteigerkost, und da­zu Nahrung für den Kopf: Neues zu politischen Themen in den Alpen. Dann werden sie auch wieder über die Skischaukel am Riedberger Horn diskutieren. Kürzlich hat die Landesregierung endgültig Farbe bekannt – und das geplante Liftareal aus der strengsten alpinen Schutzzone herausgelöst. Nun überlegt die JBN, wie sie die ­Skischaukel noch verhindern kann. Eine Verwässerung des Alpenschutzes hätte weitreichende Kon­ sequenzen über das Allgäu hinaus. »Wenn man bei uns in streng geschützte Zonen bauen darf, wollen das andere Gemeinden sicher auch«, so Julian Seizinger. Das fordert seinen Widerstand heraus: »Es ist eben nicht jedes Mittel recht, um mehr Touristen anzulocken.« Helge Bendl

Foto: Ulrich Wevers

rismus bedrohte Flora zu erfahren. Oder um Bäume zu pflanzen, die den Bergwald stabilisieren. Jedes Jahr trifft man sich außerdem zur Aktion »Much & More«: »Da bauen wir Dämme und reißen Büsche aus, um das Felmer Moor im Oberallgäu zu renaturieren.« Erst wird gerackert und geschwitzt, abends dann in einer Forsthütte gekocht und im Matratzenlager übernachtet.

Suchst du Abwechslung in den Ferien? Mit dem Kanu durch Polen, auf Wolfsspurensuche in der Lausitz oder Wildnis (er-)leben in Ungarn – die Landesverbände der BUNDjugend haben spannende Angebote für jede Altersgruppe! In thematischen Camps lernst du neue Leute kennen und erwirbst zudem spielerisch neues Wissen. Sei

es beim Bauernhof-Umwelt-Camp, dem Eine-Erde-Camp in Hessen oder dem Skill-Sharing-Camp »Machen statt motzen!«. Termine und Hintergrundinformationen gibt es unter ▶ bundjugend.de/ferienzeit

camp for [future]

www.jbn

Das Klimacamp im Rheinland ist seit Jahren ein Treffpunkt für Klimaaktive und Kohlegegnerinnen und -gegner. Dieses Jahr veranstaltet die BUNDjugend hier gemeinsam mit anderen (Jugend-) Verbänden ein neues Camp: das camp for [future]. Junge Menschen können sich hier treffen, austauschen, gemeinsam weiterbilden und aktiv werden. Wir zelten zehn Tage lang in direkter Nähe zu Europas größter CO2-Schleuder, dem rheinischen Braunkohlerevier. Sei dabei und setze ein starkes Signal für den Klimaschutz und eine Welt mit Zukunft! Infos und Anmeldung unter ▶ bundjugend-nrw.de/campforfuture

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DIE INFOSP ALTE DER BUNDJUGEND

Freizeiten und Camps


Regierung ändert Landesentwicklung für Skischaukel am Riedberger Horn

Foto: Eberhard Pfeuffer

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nde März hat das bayerische Kabinett beschlossen, das Landesentwicklungsprogramm (LEP) und somit auch den Alpenplan zu ändern. Damit hat die Regierung zum einen den Weg für die heftig kritisierte Skischaukel am Riedberger Horn frei gemacht – ein Präzedenzfall mit un­ absehbaren Folgen für den gesamten bayerischen Alpen­ raum. Zum anderen begünstigt die Entscheidung die wei­ tere Zersiedelung der Landschaft in ganz Bayern und heizt den Wettbewerb um Gewerbeflächen an. Dass sich zuvor im öffentlichen Anhörungsverfahren ein Großteil der ab­ gegebenen Stellungnahmen ablehnend geäußert hatte, ficht die Regierung nicht an. Nur wenige Tage später be­ schloss sie die Änderung trotzdem und leitete sie an den Landtag weiter. Der BN-Vorsitzende Hubert Weiger kriti­ siert die Entscheidung massiv: »Das ist ein politischer Skandal und bedeutet einen Paradigmenwechsel im seit 40 Jahren bewährten Alpenschutz in Bayern. Die geplante Skischaukel am Riedberger Horn verstößt massiv gegen in­ ternationales Recht. Wir werden weiter für den Schutz des Riedberger Horns und gegen die drohende Amerikanisie­ rung der Landschaft in Bayern kämpfen.«

Zwei Wolfspaare in Bayern

I Bayerischer Heimattag in Dillingen

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Foto: Ralph Frank

er jährlich stattfindende Bayerische Hei­ mattag – eine gemeinsame Veranstaltung des Verbands bayerischer Geschichtsvereine, des Landesvereins für Heimatpflege und des BUND Naturschutz – trägt dieses Jahr den Titel »Stadt – Land – Fluss«. Die drei Verbände be­ leuchten das wechselseitige Beziehungsge­ flecht dieser drei Raumkategorien bei Fachvor­ trägen und Exkursionen aus verschiedenen Perspektiven. Tagungsort ist dieses Mal Dillin­ gen an der Donau, das durch die Lage inmitten eines ländlich geprägten Raumes und am Ufer eines Stromes von europäischer Bedeutung ideal zum Thema passt. Der Heimattag findet am 30. Juni und 1. Juli statt und steht allen Inte­ ressierten offen. Mehr Infos auf → www.bundnaturschutz.de/termine

n den ersten Monaten des Jahres haben sich in Bayern gleich zwei Wolfspärchen gefunden, eines im Nationalpark Bayerischer Wald, das andere auf dem oberpfälzischen Truppenübungsplatz Grafen­ wöhr. Das bestätigte das Landesamt für Umwelt im März. Das bedeu­ tet auch, dass es bald Nachwuchs geben könnte, eventuell schon im Mai – sofern den Tieren nichts passiert. Nach über 130 Jahren scheint der Wolf damit endgültig nach Bayern zurückzukehren. Jetzt kommt es ganz auf den Menschen an. Grund zu Sorge oder gar für Angst vor dem Tier gibt es nicht. Wölfe sind sehr scheue und zurückhaltende Tiere. Selbst bei einer sehr unwahrscheinlichen Begegnung mit einem Wolf hat man nichts zu befürchten, wenn man sich ruhig ver­ hält und Abstand wahrt. Mehr zum Wolf und dem Zusammenleben von Mensch und Wolf → www.bund-naturschutz.de/wolf

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Einsatz gegen CETA und für gerechten Welthandel geht weiter

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Teile von CETA ab Juni oder Juli vorläufig in Kraft tre­ ten, die in der alleinigen Verantwortung der EU liegen. Die umstrittenen Schiedsgerichte gehören nicht dazu, weshalb sie vorerst nicht kommen. Zudem ist CETA nicht endgültig ratifiziert, solange nicht weitere 14 eu­ ropäische Regional- und 28 nationale Parlamente dem Freihandelsabkommen noch zustimmen. Der Protest gegen CETA geht deshalb unvermindert weiter. So ar­ beitet der BUND Naturschutz gemeinsam mit seinem Bundesverband BUND derzeit daran, dass der Bundes­ rat dem Abkommen nicht zustimmt. Da Verhandlun­ gen wie bei TTIP und CETA mühevoll und zeitaufrei­ bend sind, wendet sich die EU-Kommission stattdes­ sen zunehmend den Einzelstaaten zu, etwa einem Ab­ kommen zwischen der EU und Japan (Jefta). Zusam­ men mit unseren Partnern von Friends of the Earth Japan werden wir die weiteren Schritte kritisch beglei­ ten und uns auch hier für einen gerechten Welthandel einsetzen.

Foto: BUND

as Bayerische Verfassungsgericht hat das Volksbe­ gehren gegen CETA im Februar aus formalen Grün­ den für unzulässig erklärt. Ebenfalls im Februar hat das europäische Parlament den Weg für die vorläufige An­ wendung von CETA frei gemacht. Somit können die

Mama Bavaria, die Umweltministerin und der BUND Naturschutz

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er am Nockherberg bejubelt oder – am schlimmsten – gar nicht wahrgenommen wird, kann zumindest erah­ nen, wie es ihm im Rest des Jahres ergehen könnte«, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Was das für Umweltministerin Ul­ rike Scharf verheißen mag? Die habe bereits genug Proble­ me, meinte Mama Bavaria beim diesjährigen Politiker-Der­ blecken, und nannte Scharfs Einsatz gegen die dritte Start­ bahn, für einen dritten Nationalpark und gegen den Skige­ bietszusammenschluss am Riedberger Horn – alles Anliegen, bei denen Scharf in der CSU bislang kaum Unterstützung ­erhielt. Doch Mama Bavaria fand tröstende Worte: »Ulrike, mach Dir nichts draus. Wenn man vom BUND Naturschutz mehr gelobt wird wie von der eigenen Partei, dann hat man entweder alles falsch gemacht oder alles richtig!« Eh klar: Wenn der BUND Naturschutz eine bayerische Umweltminis­ terin ausnahmsweise mal lobt, dann hat sie es natürlich rich­ tig gemacht. Außerdem freuen wir uns über die Aufmerk­ samkeit: Denn wen Mama Bavaria beim Derblecken auf dem Nockherberg erwähnt, der hat es angeblich in den bayeri­ schen Olymp geschafft. Na dann: So darf es für den BN im Rest des Jahres durchaus weitergehen.

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Endlich: Rettung der frei fließenden Donau festgeschrieben

werden. Naturnahe »künstliche In­ seln« aus Kies oder Grobkies könn­ ten so an die Stelle von Bauwerken aus Wasserbaugranit treten.

Jetzt haben wir’s schwarz auf weiß

Für Naturschützer ist der neue Bundesverkehrswegeplan eine riesige Enttäuschung, mit einer einzigen Ausnahme: In dem Plan ist erstmals – nach mehr als 20 Jahren Auseinandersetzung – der sanfte Ausbau der Donau zwischen Straubing und Vilshofen enthalten.

Foto: Wolfgang Willner

Das bleibt so! Der sanfte Ausbau der niederbayerischen Donau wie hier bei Mühlham ist jetzt im Bundesverkehrswegeplan festgeschrieben und damit gesetzlich festgelegt.

Foto: Heini Inkoferer

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chon 2013 hatte das bayerische Kabinett entschieden, beim ­Ausbau des letzten frei fließenden Abschnitts der Donau in Niederbay­ ern auf Staustufen und Kanal zu verzichten. Mit dem neuen Bundes­ verkehrswegeplan ist dies jetzt auch im »Fahrplan« des Bundeverkehrs­ ministeriums zum Ausbau der ­Verkehrswege bestätigt. Ein toller Erfolg! Damit ist die Basis für die be­ sondere Vielfalt an Lebensräumen sowie Tier- und Pflanzenarten an der frei fließenden Donau gesichert. Mit über 50 Fischarten sind die 70 Kilometer Donau zwischen Strau­ bing und Vilshofen der fischarten­ reichste Flussabschnitt Deutsch­ lands. Jetzt stehen die Chancen gut, dass das auch so bleibt.

Der Autor Georg Kestel ist der Vorsitzende der BN-Kreisgruppe Fluss mit Dynamik Deggendorf. Zusammen mit vielen Verbündeten

bemüht sich der BUND Naturschutz nun in den laufenden Planfeststel­ lungsverfahren darum, dass der ge­ plante Ausbau so naturverträglich wie möglich gestaltet wird, nach der sogenannten Variante A+. Einiges konnten die Naturschützer schon konkret erreichen: Die von Bund

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und Bayern mit der Planung beauf­ tragte Rhein-Main-Donau GmbH (RMD) plant heute deutlich anders als noch vor wenigen Jahren. So sind an neu oder zum Umbau ge­ planten Regulierungsbauwerken im Fluss lokale Absenkungen und Ker­ ben vorgesehen. Damit sollen die Strömungsverhältnisse abseits der Fahrrinne zugunsten der Ökologie verbessert werden. Außerdem konnte ein ­großer Teil der Tiefstel­ len im Fluss (»Kolke«) von Auffül­ lungen frei gehalten werden. Gera­ de diese Vielfalt der Tief- und Flach­ stellen ist von zentraler Bedeutung für die Fischfauna des Flusses. Differenzen gibt es trotzdem noch: Diese drehen sich um die Frage, wie weit eine »Dynamisie­ rung« von Fluss und Ufer gehen kann. Zielvorstellung des BN ist es, möglichst viel an natürlicher Umge­ staltung im Fluss und an den Ufern durch das strömende Wasser zuzu­ lassen. In diesem Sinne sollen sehr viel mehr Uferversteinungen als bis­ her geplant zurückgebaut werden. Auch die Rückbaubereiche könnten mit naturnäher ausgestalteten Re­ gulierungsbauwerken kombiniert

Modellcharakter Das allerdings trifft auf die Befürch­ tung von RMD und Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, dass noch mehr »Dynamisierung« über das bereits erreichte Maß hinaus noch mehr an Baggerungen in der Fahr­ rinne zur Folge haben könnte. Im­ merhin aber gibt es eine Zusiche­ rung des Bundesverkehrsministeri­ ums, dass auch nach den aktuellen Planfeststellungen weitere ökologi­ sche Optimierungen möglich sein werden. Dabei sollen dann auch die Erfahrungen aus der Umsetzung der jetzigen Planung genutzt werden. So könnte das zunächst heiß ­umkämpfte Gebiet auf längere Sicht einen modellhaften Charakter an­ nehmen: für das Leben an und mit einem großen Fluss wie der Donau, in einem Auengebiet zwischen ­Naturschutz, Hochwasserschutz, ­Erholung und Tourismus, angepass­ ter Schifffahrt und angepasster land- und forstwirtschaftlicher Nut­ zung. Dies entspräche genau der Idee eines »Welterbes der Kultur und Natur an der niederbayerischen Donau« – die Verleihung eines Welt­ erbe-Prädikates durch die UNESCO wäre der letzte, logische Schritt in einer wechselvollen, aber letztend­ lich doch ziemlich erfolgreichen Geschichte. Georg Kestel (lf ) Die Donau kennenlernen

Der BUND Naturschutz lädt alle Interessierten ein, die frei fließende Donau kennenzulernen: Zusammen mit der Spielvereinigung Niederalteich veranstaltet der BN am 25. Mai 2017 (Christi Himmelfahrt) in Niederalteich das »Fest an der Donau«. Am 30. Juli 2017 findet wieder die Donauschifffahrt von Deggendorf nach Vilshofen und zurück statt. Mit an Bord: BN-Vorsitzender Hubert Weiger und der ­Niederbayerische MusikantenStammtisch. Weitere Informationen und ­Kartenvorverkauf unter → deggendorf.bund-naturschutz.de


Kreisgruppe Hof

Umweltpreis der Kreisgruppe Hof Das oberfränkische Döhlau hat im Dezember 2016 den Hofer Umweltpreis bekommen. Die kleine Gemeinde hat beschlossen, bei allen Veranstaltungen nur noch Fleisch aus artgerechter ­Haltung anzubieten. Ich hoffe, dass wir mit diesem Preis ein Zeichen für die ganze Region setzen.« Fleisch aus artgerechter Tier­ haltung sollte in Zeiten oftmals in­ dustrieller Intensivtierhaltung eine Selbstverständlichkeit für alle poli­

Foto: Kreisgruppe Lichtenfels

gilt, zu erhalten. Pri­ vate Spender und der Bayerische Natur­ schutzfonds halfen bei der Finanzierung. Entlang der zahlrei­ chen Feuchtbiotope fühlen sich seltene Arten wie der Mäde­ süß-Perlmuttfalter, der Feld- und der Schlagschwirl sowie etliche Libellenarten und auch der Biber wohl.

Gesichert: Die BN-Kreisgruppe Lichtenfels und die Ortsgruppe Ebensfeld haben ein etwa fünf Hektar großes Areal im Schney­ bachtal (s. Bild) bei Coburg ­gekauft, um den repräsentativen ­Lebensraumkomplex, der als ­Habitatverbund für den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling

Breite Unterstützung: Der BUND

Naturschutz bleibt aktiv im Kampf gegen ein Industriegebiet im Hauptsmoorwald im Osten der Stadt Bamberg. Beginnend mit der

Verdiente ­Auszeichnung Wolfgang Degelmann (vorne li.) und U ­ lrich Scharfenberg (vorne re.) vom BN überreichen den Hofer Umweltpreis an Bürgermeister Thomas Knauer (Mitte). Mit im Bild: (hinten vo. li.) CSU-Fraktionsvorsitzender ­Ulrich Katzer, zweiter Bürgermeister Rainer Pöllath, SPDFraktionsvorsitzender Ernst Hoyer, ­Elisabeth Scharfenberg und Siegfried Hirschmann vom BN.

tisch Verantwortlichen und Multi­ plikatoren in unserem Land sein. Die Gemeinde Döhlau hat hier eine Vorreiterrolle übernommen. Dafür gebührt ihr großer Respekt und Dank. Wolfgang Degelmann (ht)

Aktion »mai baam« (siehe N+U 3-16) hat der BN zusammen mit weiteren Unterstützern vergange­ nes Jahr fast 2000 Unterschriften gegen die Bebauung gesammelt und nun an Oberbürgermeister Starke übergeben. Für das Gewer­ begebiet sollen mehr als 85 Hektar Wald gerodet werden. Noch eine Umfahrung? Im Februar

2017 haben etwa 1000 Bürger unter dem Motto »Schützt das Ebers­ bachtal« anlässlich des Anhö­ rungsverfahrens Einwendungen gegen die geplante Westumfah­ rung von Neunkirchen am Brand erhoben. Der BN, die Bürgerinitia­ tive (BI) für ein modernes, um­

welt- und verkehrsbewusstes ­Neunkirchen am Brand (MUNk e.V.) und die BI Umweltverträg­ liche Mobilität im Schwabachtal hatten davor etliche Veranstal­ tungen mit vielen Unterstützern durchgeführt, darunter der Land­ tagsabgeordnete Markus Ganserer von Bündnis 90/Die Grünen und der oberfränkische Bezirkspräsi­ dent des Bauernverbandes, Her­ mann Greif. Alle sind sich einig, dass statt einer Umfahrung mit riesigem Flächenfraß die StadtUmlandbahn nach Erlangen die bessere Alternative ist. Anfang März hat das Bündnis eine um­ fangreiche Stellungnahme zu dem Vorhaben abgegeben.

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NATURNOTIZEN AUS OBERFRANKEN

m Juni vergangenen Jahres hat die BN-Kreisgruppe Hof alle Städte und Gemeinden im Landkreis auf­ gefordert, bei kommunalen Aktivi­ täten mit Verpflegung, wie etwa Volksfesten, Empfängen oder Weih­ nachtsmärkten, aber auch in den kommunalen Kantinen, Kindergär­ ten, Grundschulen, Krankenhäu­ sern und Theatern nur noch Fleisch und Wurstwaren aus artgerechter Tierhaltung zu verwenden. Zwei ­lokale Projekte – das Frankenwald Weiderind und das sogenannte Strohschwein (siehe N+U 2-15) – die unter anderem auf Initiative des Hofer BN entstanden sind, waren die Vorlage für diesen Vorstoß. Von 27 angeschriebenen Städten und Gemeinden bedankten sich zehn für die I­ nitiative der Naturschützer, hielten eine Umsetzung allerdings nicht für möglich oder notwendig. 17 Städte und Gemeinden antworte­ ten auch auf Nachfrage nicht. Ganz anders die Gemeinde ­Döhlau: Sie setze das Ansinnen des BN Hof nach einem einstimmigen Gemeinderatsbeschluss sofort in die Tat um. Bürgermeister Thomas Knauer bei der Preisverleihung: »Wir freuen uns über diesen Preis. Auch die Erzieherinnen des ge­ meindlichen Kindergartens achten bei der Verpflegung des Nachwuch­ ses darauf, dass die Fleischprodukte aus artgerechter Haltung kommen.

Foto: Lothar Faltenbacher

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Kreisgruppe München

Masterplan für Münchens Bäume

Foto: Kreisgruppe München

Insel der Ruhe Diese kleine Parkanlage am Maxi­ miliansplatz ist ein Ort der Ruhe und des Rückzugs, umtost vom Verkehr auf dem Münchner Altstadtring. Die Kreisgruppe setzt sich für den Erhalt solcher grüner ­Inseln ein.

Der BUND Naturschutz beobachtet in München in den vergangenen Jahren einen massiven Schwund bei den gerade für eine Großstadt wichtigen Bäumen. Zusammen mit den Bezirksausschüssen hat die Kreisgruppe einen Maßnahmenkatalog erarbeitet, um den Baumbestand in der Landeshauptstadt zu schützen, zu erhalten und zu vergrößern.

NATURNOTIZEN AUS OBERBAYERN

rundlage für die Forderung nach einem besseren Baum­ schutz sind offizielle Zahlen der städtischen Verwaltung und die ­Erfahrungen der Baumschutzbeauf­ tragten vor Ort. Derzeit liegt das

A 94 vertreibt Schwarzstörche:

Baumkletterer entfernten Anfang März das Nest einer Schwarz­ storchfamilie an der Trasse der Autobahn A 94 bei Lengdorf. Drei neue Nester wurden für sie an ­anderen Standorten errichtet; es bleibt jedoch abzuwarten, ob die Störche ihr neues Zuhause an­ nehmen. Die geschützte Art – in Bayern gibt es nur mehr um die 150 Brutpaare – hatte in den jahre­ langen Prozessen um den Neubau der A 94 eine wesentliche Rolle ­gespielt. Der vom BN favorisierte Ausbau der Bundesstraße B 12 wurde damals unter anderem mit Verweis auf das dortige Brutgebiet des Schwarzstorches abgelehnt.

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partei- und fraktionsübergreifend erarbeitete Paket mit 21 Anträgen in den Bezirksausschüssen zur ­Abstimmung vor und wurde teils, so­ in Harlaching, bereits unverändert angenommen.

Um die Vögel nicht zu stören, sei der A 94 durch das Isental der ­Vorzug zu geben. Die an der Auto­ bahntrasse heimischen Schwarz­ störche interessierten den Baye­ rischen Verwaltungsgerichtshof damals nicht. Dass sie nun doch umge­siedelt werden mussten, ist wie die Kostenexplosion, abrut­ schende Hänge und verschlammte Bäche eine weitere Realität des Autobahnbaus, die dem BN im Nach­hinein Recht gibt. Grüne Oasen: Wie schön wäre es, wenn jeder Garten ein kleines ­Naturschutzgebiet wäre – zur Freude der Gartenbesitzer, als ­Naturerlebnisraum für Kinder und

Natur + Umwelt BN-Magazin [2-17]

Foto: UIP

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»Wir brauchen einen Richtungs­ wechsel beim Baumschutz«, so ­Angela Burkhardt-Keller, Baum-­ Expertin der BN-Kreisgruppe Mün­ chen, und Bernhard Dufter, stellver­ tretender Vorsitzender des Bezirks­ ausschusses Schwabing-Freimann. Deshalb fordern die Bezirksaus­ schüsse und der BUND Naturschutz einen Masterplan für Münchens Bäume, als Grundlage für ein mo­ dernes Baummanagement und um den Baumbestand zu erhalten und zu erweitern. Da Bäume Teil der kommunalen Daseinsvorsorge sind, sehen Bezirkspolitiker und BN hier die Stadt in der Verantwortung. Zu den zentralen Anliegen des Antragspakets zählen unter an­ derem die Einrichtung eines Baum­ katasters und der Vorrang für den Baumerhalt vor einer Neupflan­ zung. Ausgleichszahlungen für ge­ fällte Bäume sollen nicht mehr pau­ schal erhoben, sondern an den Baumwert angepasst und die Kom­ munikation zwischen Stadtverwal­ tung und Baumschutzbeauftragten verbessert werden. Allen Akteuren ist klar, dass ein solcher Masterplan ein ambitioniertes Vorhaben ist. Die gemeinsame Arbeit hat jedoch ge­ zeigt, dass über Bezirks- und Partei­ grenzen hinweg konstruktive ge­ meinsame Lösungen möglich sind. Christine Margraf (as)

als Oase für unsere heimische Tier- und Pflanzenwelt. Anregun­ gen dazu gibt im Landkreis Weil­ heim-Schongau die Broschüre »Lust auf Natur in unseren Gär­ ten«, die Mitte März in Peißenberg vorgestellt wurde. Es handelt sich

dabei um die überarbeitete Neu­ auflage des vergriffenen Garten­ ratgebers, den die Stadt Penzberg 2007 gemeinsam mit mehreren Vereinen erstellt hatte. Die neue Broschüre ist das Er­ gebnis der ­Zusammenarbeit einer Projektgruppe der Katholischen Stiftungsfachhochschule Bene­ diktbeuern, des Kreisverbandes für Garten­kultur und Landespflege Weilheim-Schongau, der Um­welt­ ini­tiative Pfaffenwinkel (UIP) sowie der BN-Kreisgruppe und der Ortsgruppe Penzberg. Sie ist seit April 2017 bei den genannten Ver­ einen erhältlich.


Gerettet! Dass hier keine Gewerbehallen in den Himmel wachsen dürfen, ist dem BN Aschaffenburg zu verdanken.

Kreisgruppe Aschaffenburg

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er Einsatz des BUND Natur­ schutz für den Obernauer Main­ bogen war erfolgreich. Anfang 2017 hat die Stadt Aschaffenburg das dort geplante Gewerbegebiet aus ihrem aktuellen Flächennutzungsplan 2030 gestrichen. Dem engagierten Einsatz der Kreisgruppe Aschaffenburg ist es ganz wesentlich zu verdanken, dass ein reich strukturierter Kulturland­ schaftskomplex aus Streuobstwie­ sen, fruchtbaren Äckern, Brach­ flächen, Bienenweiden und Klein­ gärten erhalten bleibt und nicht dem besonders am Untermain gras­ sierenden Flächenfraß zum Opfer fällt. Der BN musste dafür vor Ort

Foto: Kreisgruppe Würzburg

Sauber! Hand in Hand für eine saubere Umwelt: Unter diesem Motto hat die Kreisgruppe Würz­ burg im Dezember 2016 mit dem Friedrich-König-Gymnasium ein beispielhaftes Projekt gestartet (s. Bild). Deutsche Jugendliche vermittelten Gleichaltrigen mit Flucht­erfahrung oder Migrations­ hintergrund, wie man Müll richtig trennt und Müll vermeidet. Bei der

und aus Akten, bei Stadtratssitzun­ gen und auf Bürgerversammlungen ­Informationen zusammentragen, hat sich in zwei Briefen direkt an Oberbürgermeister Klaus Herzog gewandt, mit einem großen Protest­ plakat die Öffentlichkeit alarmiert, zudem mehrere hundert Unter­ schriften gesammelt und diese unter Einschaltung der Presse den drei Bürgermeistern und den Stadt­ räten übergeben. Schließlich pro­ testierten auf einer Bürgerversamm­ lung neben dem BN auch zahlreiche weitere Teilnehmer gegen den dro­ henden Verlust wertvoller Böden und eines unersetzlichen Naherho­ lungsgebietes im Nahbereich der

anschließenden Müllsammel­ aktion in Würzburg knüpften die Jungen und Mädchen auch per­ sönliche Kontakte und lernten mehr über andere Kulturen. Erfolg: Den schon in mehreren

Landkreisen gestarteten Einbau von Funkwasseruhren konnte die Kreisgruppe Rhön-Grabfeld gleich für mehrere Gemeinden stoppen. Als höchst problema­ tisch be­ trachtet der BN vor allem die für elektro­ sensible

Die BN-Kreisgruppe Aschaffenburg hat sich mächtig ins Zeug gelegt, um das geplante Gewerbe­ gebiet am Obernauer Mainbogen zu verhindern. Mit Erfolg: Die Aktiven haben ein für Mensch und Tier unersetzbares Stück Kulturlandschaft vor der Überbauung bewahrt. angrenzenden Mainaue. Für den BN ist es sehr erfreulich, dass er einmal mehr zur Erhaltung des Lebens­ raumes seltener Arten wie Steinkauz und Weinhähnchen und auch zum Klimaschutz vor Ort beitragen konnte. Der vom Mainufer bis nach Schweinheim reichende Grünzug sorgt ja in diesem windarmen ­Gebiet gerade in den immer heißer werdenden Sommermonaten höchst wirksam für Frischluft und Kühlung in der ohnehin dicht ­bebauten Stadt Aschaffenburg. Kreisgruppe Aschaffenburg (ht)

Menschen belastenden Funkwel­ len, aber auch die drohenden Ein­ griffe in die informelle Selbstbe­ stimmung. Ganz wichtig: Wer dem Einbau einer solchen Funkwasser­ uhr nicht ausdrücklich zuge­ stimmt hat, kann verlangen, dass diese wieder entfernt wird! Pflanzenvielfalt: Schon zum drit­ ten Mal hat die Kreisgruppe MainSpessart in Laudenbach eine große Saatgutmesse organisiert. Die mehr als 1400 Besucher konn­ ten sich Anfang März bei 15 Aus­ stellern über seltene Pflanzen­ sorten informieren und mit ver­ mehrungsfähigem Saatgut be­ währter Regionalsorten einde­

cken. Als echte Raritäten gab es Dinkel-Whisky und handbemalte Samentütchen. Grünes Herz: Beim Gesprächster­ min mit Umweltministerin Ulrike Scharf am 10. Februar in Milten­ berg setzten die Nationalparkbe­ fürworter ein klares Zeichen für einen Nationalpark im Spessart. Unter lautstarkem Protest der ­Nationalparkgegner überreichte Sebastian Schönauer vom BN der Ministerin ein grünes Herz. Laut einer repräsentativen Umfrage be­ fürworten in der Spessartregion fast zwei Drittel der Bevölkerung den Nationalpark.

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NATURNOTIZEN AUS UNTERFRANKEN

Foto: Dagmar Förster

Obernauer Mainbogen gerettet


Kreisgruppe Regensburg

Ein Vogelparadies, das keines mehr sein soll? Alles begann 1817 mit dem Bau der Zuckerfabrik Regensburg. Das erdige Rüben-Reinigungswasser wurde zum Absetzen in 20 Schlämmteiche geleitet. 2008 schloss die Zuckerfabrik. Jetzt kommen an den Teichen Blaukehlchen, Teichrohrsänger und rund 100 andere zum Teil sehr seltene Vogelarten vor. Trotzdem soll dort gebaut werden.

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NATURNOTIZEN AUS DER OBERPFALZ

as Schlämmteich-Areal (rund 30 Hektar) ist rechtlich gesehen ein Industrie- und Sondergebiet im Außenbereich. Somit ist seine Be­ bauung nur möglich, wenn keine ­öffentlichen Belange wie der Natur­ schutz dagegensprechen. Trotzdem entstanden dort bereits zwei riesige Gewerbehallen auf rund einem

Erfolg: Gegen eine Wasserkraft­ nutzung um jeden Preis setzen sich BUND Naturschutz und ­Fischer gemeinsam am Eixen­ dorfer Stausee im Landkreis Schwandorf ein. Mit der Klage gegen die Genehmigung eines Kraftwerks an der Vorsperre wol­ len sie dessen Auswirkungen auf den artenreichen Fischbestand und die vorkommenden Muschel­ arten deutlich verringern. In ­wichtigen Punkten hat das Ver­ waltungsgericht Regensburg den Verbänden nun Recht gegeben. Nun muss der Betreiber eine Fischaufstiegshilfe einbauen und braucht nach Überprüfung der Auswirkungen auf die Tierwelt

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Drittel des Areals. Als 2015 bekannt wurde, dass der Stadtrat große Teile des restlichen Feuchtgebiets einer Gewerbenutzung zuführen will, ­obwohl dort Rote-Liste-Arten doku­ mentiert sind, führte ein Bündnis aus BN, LBV und Donau-Naab-­ Regen-Allianz ein Krisengespräch mit Oberbürgermeister Joachim

nach fünf Jahren eine neue ­Genehmigung. Baumschwund: Mit Sorge beob­

achtet die BN-Kreisgruppe Neu­ markt, dass immer mehr Bäume verschwinden, die das Ortsbild in den Städten und Dörfern des Landkreises geprägt haben. »Große Bäume gehören zur Hei­ mat und ihr Verschwinden hinter­ lässt oft schmerzliche Lücken«, so Alfons Greiner vom BN in Neu­ markt. Außerdem böten Bäume Schutz vor sommerlicher Hitze und vielen Vögeln Nahrung und Lebensraum. Und so lautet der Appell an alle Bürger: »Überneh­ men Sie eine Baumpatenschaft in

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Wolbergs (SPD). Nach dessen ­Zu­sage, keine dritte Halle im Außen­bereich zu genehmigen und einen ergebnisoffenen Runden Tisch einzurichten, nahm das Bündnis die Klageandrohung für ie zweite Halle schweren Herzens zurück. Nun ist Joachim Wolbergs im Zuge der Regensburger Parteispen­ denaffäre seit Januar vom Dienst suspendiert. Viele Beobachter staunten deshalb nicht schlecht, als ein Immobilienentwickler bekannt gab, der Bau einer dritten Halle sei bereits geplant. Nach einer De­ monstration Ende Februar mit rund 200 Teilnehmern fordert der BUND Naturschutz nun die Sicherung des Areals als geschützter Land­ schaftsbestandteil. Dafür hat die Kreisgruppe kurzfristig schon 1000 Unterschriften gesammelt. ­Außerdem steht eine mögliche Klage gegen jegliche weitere Bebau­ ung des Feuchtgebiets im Raum. Raimund Schoberer (ht)

Ihrer Nähe, pflanzen Sie selbst einen Laubbaum oder unterstüt­ zen Sie Ihre Nachbarn beim Erhalt eines Baumes.« Glückwunsch: Ein beeindrucken­

des Jubiläum konnte Klaus Pöhler (siehe Bild), Vorsitzender der BNKreisgruppe Schwandorf, feiern: Im Jahr 2016 füllte er dieses Ehren­ amt seit 25 Jahren aus. Bei einem Empfang mit Vertretern aus Politik und Vereinen gratulierte auch der BN-Vorsitzende Hubert Weiger. Bereits vor seiner Vorstandstätig­ keit im BN hatte sich Klaus Pöhler in der Bürgerinitiative gegen die geplante Wiederaufbereitungsan­ lage in Wackersdorf engagiert. Als

Vorsitzender setzte er sich unter anderem aktiv für eine dezentrale und regenerative Energieerzeu­ gung im Landkreis und für die ­Unterschutzstellung von Ausee und Lindensee im Oberpfälzer Seenland ein.

Foto: Gertraud Schichtl

Foto: BN

Demo Regensburger Umweltschützer protestieren gegen die geplante Zerstörung eines Feuchtgebiets.


zent des Wassers in der unteren Iller zwischen Memmingen und Ulm werden in diverse Kanäle aus­ geleitet und energetisch genutzt. Jetzt will ein Münchner Investor auch noch im Mutterbett des ­Flusses Iller acht neue Wasser­ kraftwerke bauen. Dieses Vorha­ ben würde die seit Jahren laufende Illersanierung massiv beeinträch­ tigen, die unter anderem eine ­Aufweitung des Ufers, die Anbin­ dung des ­Auwalds und eine besse­ re Geschiebedurchgängigkeit im Flussbett zum Ziel hat. Dies ist wichtig, um wieder einen guten ökologischen Zustand des Flusses herzustellen und die Naturschutz-

Für einen lebenswerten Landkreis Wie lässt sich der Landkreis zukunftsfähig gestalten? Mit dieser Frage beschäftigten sich 135 Teilnehmer bei schönstem Frühlings­ wetter auf dem Zukunftsforum der Kreisgruppe Aichach-Friedberg des BUND Naturschutz am ersten Aprilwochenende auf Schloss Blumenthal.

schließlich muss der Landkreis mit allen Gemeinden zur Gemeinwohl­ ökonomieregion werden. Die Ergebnisse des Forums ­können auch im Internet unter → http://zukunft.bn-aic.de/ abge­rufen werden. Thomas Frey (as)

und FFH-Gebiete entlang der Iller dauerhaft zu erhalten. Während die bayerischen Landkreise NeuUlm und Unterallgäu die Wasser­ kraftanträge äußerst kritisch sehen, hat auf württembergischer Flur das Landratsamt Alb-Donau bereits einen Kraftwerksstandort genehmigt. Nun klagt der BN ­Bayern mit Unterstützung des BUND Baden-Württemberg gegen das Land ­Baden-Württemberg, damit die Iller als lebendiger Fluss erhalten bleibt. Wer B sagt, muss auch C sagen!

Ende dieses Jahres soll Block B des Atomkraftwerks Gundremmingen stillgelegt werden. Beim Erörte­

Ein Z für die Zukunft Zum Abschluss der Zukunftswerkstatt in Blumenthal b ­ ildeten die Teilnehmer eine Menschenkette und formten ein »Z« für Zukunft. An den vier Toren im Hintergrund sind die Plakate mit den ­Ergebnissen der acht Arbeitsgruppen angeschlagen.

rungstermin zum Abbau Ende März in Gundremmin­ gen machte der BN mit einer Protestaktion (siehe Foto) deutlich, dass der Abriss von Block B bei laufendem Betrieb des benachbarten Blocks C unverant­ wortlich wäre. Der baugleiche Kraftwerksblock soll nach dem Atomausstiegsgesetz noch bis Ende 2021 laufen. Der BN forderte den Bund und das Land Bayern auf, auch diesen Block noch 2017 abzuschalten, denn das AKW

Gundremmingen ist als letzter ­Siedewasserreaktor Deutschlands besonders gefährlich und nicht ausreichend gegen Terrorangriffe geschützt. Zudem behindert ­weiter erzeugter Atomstrom die Energiewende und erhöht die Menge an radioaktivem Abfall im Zwischenlager vor Ort.

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NATURNOTIZEN AUS SCHWABEN

Klage für die Iller: Bereits 90 Pro­

BN-Kreisgruppe Aichach-Friedberg

Foto: Thomas Frey

ie Zukunft ist immer dort, wo das Gewagte über dem Ge­ wohnten steht«, war das Motto des »Forum Z«, das die BN-Kreisgruppe zusammen mit der Gemeinschaft Schloss Blumenthal veranstaltet hatte. In Workshops zu den Themen Landwirtschaft, Energie, Mobilität, Umweltbewusstsein, Bildung, Wirt­ schaft und Demokratie diskutierten die Teilnehmer, wie eine lebenswer­ te Zukunft im Landkreis aussehen könnte. Aus den Ergebnissen der Workshops erarbeiteten sie eine Er­ klärung, die sie zum Abschluss des Wochenendes an Landrat Dr. Klaus Metzger übergaben. Zentrale Thesen sind unter ande­ rem: Der Flächenverbrauch muss begrenzt und der Landkreis zur ­Modellregion für Ökolandwirtschaft weiterentwickelt werden. Für mehr Biodiversität soll der Landkreis die Naturschutzflächen verdreifachen und ganz auf Pestizide verzichten. Der Landkreis soll bis 2050 bei Strom, Wärme und Verkehr voll­ ständig auf erneuerbare Energien umstellen. Der Kreistag soll einen Grundsatzbeschluss fassen, auf Straßenneubau zu verzichten und stattdessen eine ÖPNV-Offensive für den Landkreis zu starten. Das Be­ wusstsein für nachhaltige Entwick­ lung muss durch Bildung auf allen Ebenen verstärkt werden. Ratsbe­ schlüsse sollen auf ihre Nachhaltig­ keit geprüft werden, weiter soll es Nachhaltigkeitswettbewerbe und eine Klimaschutzallianz geben. Und

Foto: BN

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Kreisgruppe Fürth-Stadt

Etappensieg beim Streit um S-Bahn-Trasse

Foto: Tom Konopka

Zweigleisig Hier entstehen zwei weitere Gleise an der Bahnstrecke Nürnberg – Bamberg.

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NATURNOTIZEN AUS MITTELFRANKEN

intergrund: Die Deutsche Bahn plant eine S-Bahn-Strecke Nürnberg–Bamberg. Während aber auf der 63 Kilometer langen Trasse die Gleise überall an der bestehen­ den Bahnlinie angebaut werden, soll die S-Bahn im Knoblauchsland bei Fürth einen »Verschwenk« über Äcker und Wiesen machen. Der zu­

Keine Landesgartenschau: Die ge­ plante Landesgartenschau 2024 ­ in Erlangen könnte durch einen Bürgerentscheid gestoppt werden. Die Stadtspitze hatte zwar eine umfassende Bürgerbeteiligung vorgesehen, aber ein positives ­Ergebnis erwartet. Die BN-Kreis­ gruppe war bereit, sich an den ­Planungen zu beteiligen, obwohl die Schau auf einem Gelände statt­ finden soll, das ökologisch wert­ voll ist und gesetzlich geschützte Flächen umfasst. Ein artenschutz­ fachliches Gutachten wird derzeit erstellt. Die Kreisgruppe steht trotz massiver Bedenken zu ihrer mög­lichen Beteiligung, wenn sich dadurch Schlimmeres verhindern

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sätzliche Flächenverbrauch läge bei 17 Hektar Land, gigantische Über­ führungsbauwerke zur Einschlei­ fung der Trasse wären ebenfalls nötig. Die Planung stammt noch aus den 1990er-Jahren. Damals war ein riesiger »Gewerbepark Knoblauchs­ land« geplant, der aber verhindert werden konnte. Die Bahn hält aber

lässt. Sie hält aber ein Scheitern der Landesgartenschau nicht für einen Verlust. Nistplätze für Gebäudebrüter: Sa­ nierungen von Altbauten führen zum Verlust vieler Brutnischen. Um diesen Trend zu stoppen, fährt die BN-Ortsgruppe Feucht eine Doppelstrategie: Einerseits soll durch Beratung und Unterstüt­ zung der Hausbesitzer jeder beste­ hende Brutplatz erhalten werden. Anwohner erhalten kostenfreie Mehlschwalben-Kunstnester mit Kotbrettern und werden bei der Montage unterstützt. Andererseits konnten durch die gute Zusam­ menarbeit mit der katholischen

Natur + Umwelt BN-Magazin [2-17]

an der einmal ins Auge gefassten Trasse fest. Die Stadt Fürth, der BUND Naturschutz und viele weite­ re Einwender protestierten bereits 2006 im Planungsverfahren dage­ gen und forderten, den Ausbau an der bestehenden Trasse vorzuneh­ men. Die Bahn AG blieb jedoch stur und behauptete, der Verschwenk sei wirtschaftlicher und umweltfreund­ licher. Im Februar 2017 erreichte ­ die ebenfalls gegen das Projekt kla­ gende Stadt Fürth einen schönen ­Zwischenerfolg vor dem Bundes­ verwaltungsgericht: Die DB muss die Unterlagen offenlegen, die zur Bewertung des Verschwenks im ­Vergleich zum Ausbau der Be­ stands­trasse herangezogen wurden. Das will die Bahn unbedingt verhin­ dern und verweist auf Betriebsge­ heimnisse. Offenbar gibt es etwas zu verheimlichen … Der BN fordert nun, dass die Bahn endlich umplant und die S-Bahn auf einer flächen­ sparenden Trasse baut. Die Klage gegen das Baurecht müsste sonst im Oktober 2017 gerichtlich entschie­ den werden. Tom Konopka (ht)

und evangelischen Gemeinde in den Kirchtürmen Nistkästen für Mauersegler, Turmfalken und Wanderfalken (siehe Bild) neu ­installiert werden. Die BN-Orts­ gruppe hofft auf viele erfolgreiche

­ ruten in den nächsten Jahren. B Die Marktgemeinde Feucht und die Untere ­Naturschutzbehörde unterstützten die Aktivitäten ­finanziell und ­logistisch.

Foto: Ralph Frank

Der BUND Naturschutz setzt sich für den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs ein und kämpft gegen den Flächenfraß in Stadt und Land. In Fürth kam es zur kuriosen Situation, dass der Verband gegen ein S-Bahn-Projekt Klage erhob.


Kreisgruppe Freyung-Grafenau

Widerstand gegen Logistikzentrum

Foto: Peter Mayer

Die Marktgemeinde Röhrnbach will bei der kleinen Ortschaft Praßreut ein neues Sondergebiet ausweisen. Auf vier Hektar landwirtschaftlich genutzten ­Wiesen soll ein Logistikzentrum für die »Veredelung« von Autos entstehen. Die Kreisgruppe des BUND Naturschutz unterstützt den Widerstand der ­be­troffenen Dorfbewohner dagegen.

ei dem Sondergebiet handelt es sich nach Ansicht des BUND Naturschutz de facto um ein neues Industriegebiet. Auf dem Areal sind 870 Pkw-Stellplätze geplant, mit durchgängiger Nachtbeleuchtung, sowie Werk­stätten, Waschanlagen und Büro­gebäude. Bei einem Pressegespräch im ­Februar brachten die Kreisgruppe Freyung-Grafenau und der BN-­ Landesbeauftragte ­Richard Mergner ihre Kritikpunkte vor: Rund 80 Pro­ zent der Fläche würden vollständig versiegelt. Das neue Gebiet wäre fast so groß wie das direkt angren­ zende Dorf. Nachdem die Gemein­ de bereits sechs Gewerbegebiete

Gemeinsam für den Luchs: Bereits

Foto: Karl Haberzettl

Ende Dezember 2016 trafen sich in Prag Jaromir Blaha (links), Vorsit­ zender des tschechischen Natur­ schutzverbands Hnuti Duha, und Karl Haberzettl (rechts), Vorsitzen­ der der BN-Kreisgruppe Passau, sowie im Luchsschutz engagierte Jugendliche aus Tschechien. Bei

hat, kann von einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung keine Rede sein. Weiter würden wertvolle Le­ bensräume am Freibach geschädigt. Die Anwohner hätten unter einer erheblichen Zunahme des Verkehrs auf den engen Zufahrtsstraßen zu leiden. Kritik entzündet sich auch am Standort selbst, einer exponierten Hanglage an einem landschafts­ prägenden Höhenrücken – für den BN eine Verschandelung des Land­ schaftsbildes, die mit den Vorgaben des Naturparks Bayerischer Wald nicht zu vereinbaren ist. »Wenn das Vorhaben realisiert wird, befürchten wir eine negative Präzedenzwirkung

dem Gespräch ging es um die ­Abstimmung eines grenzüber­ schreitenden Schutzprojekts. Zu den geplanten Aktivitäten zählen ein gemeinsames Monitoring der bedrohten Raubkatzen und ­Infomaterialien zum Schutz der Luchspopulation im tschechischbayerisch-österreichischen Grenz­ gebiet. Auch Schu­ lungen für Freiwillige aus Tsche­ chien und Bayern zur gemeinsa­ men Über­ wachung

für den Naturpark und den Land­ schaftsschutz insgesamt im Bayeri­ schen Wald«, erklärte Peter Mayer, Vorsitzender der BN-Kreisgruppe FreyungGrafenau. Der BUND Naturschutz forderte deshalb im März die zuständigen Behörden und P ­ olitiker schriftlich auf, das Logistik­zentrum in Praßreut zu verhindern und alternative Standorte in bestehenden Gewerbe­ gebieten der Region zu prüfen. Bis Redaktionsschluss lag noch keine Antwort vor. Kurt Schmid (as)

der Luchsbestände sowie die ­Vorbereitung eines Bildungspro­ gramms zum Luchsschutz für Schulen sind angedacht. Ehrung für Haindling: Auf der ­Jahreshauptversammlung der ­BN-Kreisgruppe Straubing-Bogen am 16. März ehrten Kreisvorsitzen­ der Andreas Molz und Wilfried Berner vom BN-Landesvorstand lang­jährige Mitglieder, darunter auch Hans-Jürgen Buchner, be­ kannt unter seinem Künstler­ namen »Haindling«, Straubings dritten Bürgermeister Hans Loh­ meier sowie den ehemaligen Kreisvor­sitzenden Franz Wiegand.

Bald zerschnittene Landschaft? Blick von der B 12 auf die Ortschaft Praßreut; ein vier Hektar großes ­Sondergebiet soll innerhalb der ­markierten Linien entstehen. Dem stehen die Schutzvorgaben für den Naturpark Baye­ rischer Wald ent­ gegen.

Frösche, Molche und Kröten: Auch dieses Jahr organisierte die BNOrtsgruppe Vilsbiburg wieder zahlreiche Aktivitäten zum Am­ phibienschutz, darunter im März eine Führung am Schutzzaun in Dornau für Kinder und Eltern. Die Teilnehmer erfuhren Wissenswer­ tes über die Tiere und durften sie dann einsammeln und zum Laich­ gewässer tragen. Auch die BN-­ Kindergruppe aus Geisenhausen war am Schutzzaun und trug nach einer regenreichen Nacht 600 Lur­ che über die Straße. Aktive der Ortsgruppe zeigten und erklärten weiter in mehreren Schulen Erd­ kröten, Teich- und Bergmolche.

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NATURNOTIZEN AUS NIEDERBAYERN

B


Ab in die Wildnis

Tatort Garten

W

Wolfsspuren

»Wolfsspuren – vom Umgang mit einem Heimkehrer« ist der Titel eines Bildungsprojektes in Bamberg. Es hinterfragt Vorurteile und vermittelt Wissen über die Lebensweise des ­Wolfes. In Workshops, Unterrichtsmodulen und Ferien­ programmen können Schüler sich spielerisch mit dem Wolf auseinandersetzen. Im Mittel-

Foto: Malene Thyssen, Wikicommons

wolf & wald

ildnis im Garten? Das klingt für viele nach Un­ vereinbarkeit. In der neuen Ausstellung »Tatort Garten« hat die Kreisgruppe Landshut des BUND Na­ turschutz dokumentiert, wie Wildnis, Farbenpracht und Gartenleben sich ergänzen und wie Gartenlust entsteht. Als Kontrast dazu: Fotos von Steingabionen und grauer Pflasterödnis. Er hoffe, dass zumindest in den Ritzen einmal ein Löwenzahnsamen aufgehen könne, so Dieter Wieland bei der Eröffnung der Aus­ stellung im Landshuter Rathaus. Zusammen mit dem in Landshut aufgewachsenen, bekannten Buchautor Dieter Wieland und der BNkreisvorsitzenden Kathy Mühlebach-Sturm plädierte auch der Landshuter Bürgermeister Erwin Schneck für naturnahe Gärten als Lebensräume. Für Ausstellungs­ besucher bieten die beeindruckend schönen ebenso wie die erschreckend kahlen Gartenbilder den Rah­ men, innerhalb dessen die eigene Entscheidung sich bewegt: Lassen wir unsere Gärten wieder zu Orten pa­ radiesischer Vielfalt werden? »Tatort Garten« besteht aus 27 Bildern mit Texten, zwei Bildwänden und vier großen Textilbildern und kann bei der BN-Kreisgruppe Landshut ausgeliehen werden. ▶ Kontakt: BUND Naturschutz Kreisgruppe Landshut, Tel. 08 71- 2 37 48, Fax 0871-27 42 07, bnkgla@landshut.org

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punkt stehen neben der Lebensweise des Wolfes auch seine Rolle in Mythologie und Geschichte sowie das Bild des Wolfes in den Medien. ▶ Kontakt: BUND Naturschutz, Kreisgruppe Bamberg, Tel. 09 51-5 19 06 11, Fax 09 515 19 06 10, bamberg@bundnaturschutz.de www.bamberg. bund-naturschutz.de

Biodiversität im Wald

Kirchen als Waldbesitzer fühlen sich dem Schutz der Schöpfung oft in besonderer Weise verpflichtet. 2016 erhielt die Kirchenstiftung St. Maternus in Güntersleben für die vor-

Natur + Umwelt BN-Magazin [2-17]

raußen sein, mit einer einfachen Ausrüstung zu­ rechtkommen, Feuermachen und den Schlafplatz nicht buchen, sondern suchen – das alles kann »wild sein« heute bedeuten. Kinder und Jugendliche, die ihre Stärken und Grenzen ausloten wollen, sind herzlich willkommen beim Jugend-Wildniscamp. Unter der An­ leitung zweier erfahrener Wildnisscouts übernachten die Teilnehmer in einer Jurte, kochen am Lagerfeuer und entdecken gemeinsam das wilde Allgäu. Für Jugendliche und junge Erwachsene steht eine Durchquerung des Allgäus in fünf Tagen auf dem Pro­ gramm. Außer dem Start in Kempten und der Verpfle­ gung für den ersten Tag ist nur die Marschrichtung ­Bodensee vorgegeben. Um alles andere kümmert sich die Gruppe selbst. Wer Natur- und Selbsterfahrung unter einen Hut bringen will, ist bei diesen Tagen im wilden Allgäu genau richtig. Anmeldung erforderlich. ▶ Kontakt: Bund Naturschutz Naturerlebniszentrum Allgäu (NEZ, Tel. 0 83 23-99 88 -7 60, info@NEZ-Allgaeu.de, www.NEZ-Allgaeu.de

bildliche Naturschutzarbeit in ihrem Kirchenwald den Bayerischen Biodiversitätspreis. Bei einer »Querwald-ein«-Exkur­ sion wird Karl-Georg Schönmüller, Leiter des Forstreviers Güntersleben und Waldbeauftragte der Kirchenstiftung, die Besonderheiten dieses fränkischen Laubwaldes zeigen. ▶ Sa. 1. Juli 2017, Güntersleben; Anmeldung bis 29. Juni erforderlich, Ökohaus Würzburg, Tel. 09 31 -4 39 72, info@bn-­ wuerzburg.de

Grund zum Feiern

Seit zehn Jahren ist das Jugend- und Naturschutzzent-

Foto: Andreas Güthler

Foto: Heini Inkoferer

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rum Wartaweil eine staatlich anerkannte Umweltstation. Das Sommerfest in Wartaweil ist für alle Freunde des Bildungszentrums die Gelegenheit, gemeinsam auf das Erreichte anzustoßen und einen Blick in die Zukunft zu wagen. Vormittags wird Professor Leinfelder von der Freien Universität Berlin bei den Wartaweiler Gesprächen über »Das Zeitalter des Anthropozän und die Notwendigkeit der großen Transformation« referieren. ▶ Kontakt: NJZ Wartaweil am Ammersee, Samstag, 22. Juli 2017, Tel. 0 81 52 - 96 77-08, wartaweil@bund-naturschutz.de


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BN-Studienreisen, Tel. 09 115 88 88 20, www.bund-reisen.de

Mitgliederservice (allgemeine Fragen zur Mitgliedschaft, Adressänderung) Tel. 09 41-2 97 20-65 mitglied@bund-naturschutz.de

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Redaktion Natur+Umwelt Luise Frank Tel. 09 41-2 97 20-22 natur+umwelt@bund-naturschutz.de Beratung zu Spenden, Anlassspenden und Vermächtnissen Claudia Ciecior-­Bordonaro Tel. 09 41-2 97 20-34 claudia.ciecior@bund-naturschutz.de Haus- und Straßensammlung Ehrenamtlich aktiv werden Christine Stefan-­Iberl Tel. 09 41-2 97 20-11 christine.stefan@bund-naturschutz.de BN-Bildungswerk Ulli Sacher-Ley Tel. 09 41-2 97 20-42 ulrike.sacher-ley@bund-naturschutz.de

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Wandern im Maira-Tal Es gibt kaum Landschaften in Europa, die so entvölkert sind wie das »fast vergessene« Valle Maira. Die Wanderer erwartet eine atemberaubende Natur- und Kulturlandschaft mit Almen, Seen, schroffen Bergen und bewaldeten Hügeln. Sie begegnen den freundlichen Menschen der Region und besichtigen geschichtsträchtige Ortschaften. Das Standortquartier ist eine kleine, indi­ viduelle Herberge. • Italien, 17. – 25. Juni 2017 Wolfswoche im Wendland Auf den Spuren der Wölfe erfahren die Reisenden Wissenswertes über dieses spannende und aktuelle Thema. Mit einem ausgebil­ deten Wolfsberater unternehmen sie Wolfsmonitoring-Wande­ rungen und erfahren viel Interessantes aus erster Hand – inten­ siver geht es kaum. Unterbringung im Bio-Hotel. • Deutschland, 18. – 25. Juni 2017 Familienreise Naturerlebnis Langeoog Eine Familien-Erlebnisreise ins UNESCO Weltnaturerbe »Nie­ dersächsisches Wattenmeer«. Endlose Sandstrände, weite Dü­ nentäler, rauschende Wellen und 1500 Sonnenstunden im Jahr – das ist Langeoog. Unterbringung in einem Ferienzentrum mit sehr guter regional-saisonaler Küche. • Deutschland, 6. – 13. August 2017 Das Grüne Band in Bayern und Tschechien Ende 2015 wurde die kleine Gemeinde Haidmühle als erste ­»Modellgemeinde am Grünen Band Europa« ausgezeichnet. Sie liegt im Landkreis Freyung-Grafenau, in direkter Nachbarschaft zu den beiden Nationalparks Bayerischer Wald und Sumava (Tschechien). Mit fachkundiger Begleitung gehen die Teilnehmer auf eine spannende Entdeckungsreise durch den Bayerischen Wald und Südböhmen. • Deutschland /Tschechien, 10. – 16. September 2017 Herbstleuchten in Frankreichs Südwesten Das von den Flussläufen der Vézère und der Dordogne einge­ rahmte Perigord Noir wird von den Einheimischen auch »Le Tri­ angle Noir«, das goldene Dreieck, genannt. Hier wandern die Rei­ senden durch sanfte, bewaldete Hügellandschaften, malerische Dörfer und an den steilen Felswänden der Flussufer entlang. • Frankreich, 1. – 10. Oktober 2017

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Natur+Umwelt 2-2017  

Wildnis wagen: Warum unser Land wieder wilder werden muss.