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Stiftungen denken und agieren teilweise zu selbstreferenziell. Das Personal der deutschen Stiftungen ist recht homogen und von einer akademischen Mittelschicht geprägt. Unter diesen Bedingungen wundert es nicht, wenn Angehörige gesellschaft­licher Minderheiten wenig mit dem Stiftungswesen anfangen können. Wichtige Impulse werden so gar nicht erst ins Stiftungswesen getragen. Viele Stiftungen könnten noch offener werden und ihren Blick für die Situation bislang fremd erscheinender Milieus s­ chärfen. Eine der zentralen Herausforderungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt besteht darin, diejenigen einzubinden, die bislang exkludiert sind. Wenn sich Wege gegen Resignation und gegen politische Apathie finden, wenn es gelingt, die Teilnahmslosen, Desinteressierten zu gewinnen, dann ist viel gewonnen. Auch was die Unterstützung für das demokratische System betrifft. Zu berücksichtigen ist allerdings: Hauptarena der demokratischen Auseinandersetzung, der Diskussion unterschiedlicher Interessen, der Entscheidung über politische Wege, sind die altbekannten demokratischen Institutionen: Parteien, Parlamente, Regierungen. Stiftungen können bei der Aggregation von Interessen unterstützen und Debatten um sachorientierte Beiträge und ungewöhnliche Blicke bereichern. Sie können diese Institutionen unter keinen Umständen ersetzen. Dazu sind sie weder in der Lage noch legitimiert.

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Wenn Stiftungen als Teil der Zivilgesell­ schaft die Demokratie stärken wollen, können sie das vor allem, weil sie Vertrauen genießen. Um das nicht zu verspielen, ist ein hohes Maß an Transparenz geboten, ebenso wie die Vermeidung von Selbstgefälligkeit, Eitelkeit und Arroganz.

StiftungsReport 2012/13

Gewiss, dies sind nur einige Punkte – sowohl des Lobes als auch der Kritik. Doch sie zu berücksichtigen, kann helfen, das gesellschaftliche Fundament zu stärken. Wie eingangs festgestellt wurde, gibt es Ungerechtigkeiten, die die Gesellschaft(en) – heute und in der Zukunft – zu zersetzen drohen. Ebenso wie im ökologischen Bereich existiert im sozialen Bereich erheb­ licher Handlungsbedarf. Dabei berührt der Nachhaltigkeitsdiskurs immer wieder auch Systemfragen, also Probleme, die nicht durch Entscheidungen innerhalb eines Politikfeldes zu lösen sind, sondern grundlegendere, auch radikale Ansätze erfordern. Bei der Frage der nuklearen Energieversorgung sind die Widersprüche nicht zu übersehen – was bringt es Deutschland, Atomkraftwerke abzuschalten, wenn in Europa und anderen Erdteilen neue entstehen? Bei den demografischen Fragen gibt es unzählige Einflussfaktoren. Wie das Bildungssystem gestaltet ist, ob das dreigliedrige Schulsystem zukunftsweisend ist, ob Ganztagsschulen eine Garantie für eine gerechtere Verteilung von Teilhabechancen sind – all diese Fragen sind hoch umstritten. Dadurch besteht die Gefahr, dass sich wenig bis nichts bewegt. Dass Deutschland für seine Reformstaus bekannt ist, verstärkt diesen Eindruck. Umso wichtiger ist es, dass sich Akteure finden, die handeln, statt nur zu reden, die für das einstehen, was sie für richtig halten, die neue Wege beschreiten und die gesamte Gesellschaft ein Stück voran­bringen. Diese Rolle nehmen Stiftungen ein – und unterstützen so die Nachhaltigkeit der ­Gesellschaft.

StiftungsReport 2012/13  

Auftrag Nachhaltigkeit: Wie Stiftungen den sozialen Zusammenhalt stärken

StiftungsReport 2012/13  

Auftrag Nachhaltigkeit: Wie Stiftungen den sozialen Zusammenhalt stärken

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