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CALIFORNIA DREAMS

EIN GRUSS AUS SAN FRANCISCO

Autor: Lawrence Rinder, Direktor des Berkeley Art Museum & Pacific Film Archive

Ich kehre aus Europa nach San Francisco zurück und empfinde die köstliche Fremdheit, mein Zuhause als etwas Neues zu erleben. Schon während des Sinkflugs über die schneebedeckte Sierra Nevada und das grün-goldene Küstengebirge erscheinen Landschaft und Licht ganz anders: Die Erde ist auf andere Weise aufgebrochen (insbesondere der San-Andreas-Graben ragt wie eine kühne Signatur heraus) – faltiger, abwechslungsreicher, rauer – während das Licht eine unverwechselbare Strahlkraft besitzt – durchtränkt, so scheint es, von einer mystischen Energie, die sich aus dem weiten Pazifik erhebt und sanft über die zerklüftete Küste hinaus ergießt, soweit das Auge reicht.

Auf dem Heimweg vom Flughafen machen mich die verwahrlosten Waggons und Bahnhöfe betroffen. Überall Obdachlose, die in Zeltstädten entlang der Gleise und Straßen leben und im Zug schlafen. Wie befremdlich es ist, dass es sich eine so fabelhaft reiche Region nicht leisten kann – oder es sich nicht leisten möchte –, ihre Menschen in Würde unterzubringen.

Richard Diebenkorn (1922 – 1993), Uferdamm, 1957

Leben in einer Blase

Nach Verlassen des Zuges in Berkeley finde ich mich auf vertrauten Straßen wieder, wenngleich die Empfindung einer Neuentdeckung anhält. Ich kann die Neuheit der Dinge spüren, die Art und Weise, wie die Gebäude und Menschen nur leicht auf dem Boden ruhen, so als fehlten Geschichte, Absicht oder duende – Leidenschaft und Inspiration. Hier scheint es leiser zu sein, und die Formen wirken wie in ihren Molekülen aufgebläht, während sich die Geräusche in diesen größeren Maßstäben des Raumes verlieren. Es ist ein Gefühl des Friedens, aber auch der Leere.

»Wir leben in einer Blase«, ist eine von den Menschen in der Bay Area häufig gebrauchte Wendung, um den wunderbaren, aber oft beunruhigenden Ausnahmezustand unserer kulturellen Erfahrung auszudrücken. Obwohl diese Phrase in erster Linie das Ausmaß andeuten soll, in dem sich die Wirtschaft und Politik der Bay Area vom Rest der Nation und tatsächlich von den Gemeinwesen nur jenseits der Hügel unterscheiden, spielt sie auch auf unser ungewöhnlich gemäßigtes Klima an, die exquisite natürliche Schönheit unserer Hügel, der Bucht und des Meeres und die Lebensqualität – manche sagen das »Europäischsein« – unserer Städte und Gemeinden. Diese Redewendung enthält jedoch zugleich die Andeutung der Vergänglichkeit und des unvermeidlichen Berstens. Der kraftvolle Geist der Bay Area ist ständig vom Verschwinden bedroht. Ob als Folge von Naturgewalten (ein katastrophales Erdbeben, steigende Meeresspiegel, Waldbrände) oder sozialen Umwälzungen (wie die technische Revolution und die damit einhergehende wirtschaftliche Ungleichheit), es ist wahrscheinlich, dass die Vitalität und der Charme, wie wir sie heute genießen, von kurzer Dauer sein werden.

Ein Videoporträt der Golden Gate Bridge und der riesigen Containerschiffe, die unter ihr auf dem Weg nach und von San Francisco passieren.
Doug Hall (geb. 1944), Chrysopylae, 2012

Eine magische Umarmung

Die Bay Area bietet eine magische Umarmung an, die Generationen von Außenseitern und Ausgestoßenen das Gefühl gegeben hat, zu Hause zu sein: Kreativität, Leidenschaft und Unbekümmertheit blühten hier auf. Unsere Revolutionen im Denken, der Imagination und der Technologie haben die Welt verändert. Dennoch war vor kaum mehr als zweihundert Jahren dieses Land die Heimat eines ganz anderen Wunders: Die Coast Miwok und Ohlone lebten friedlich und in Harmonie mit der Natur und genossen den Reichtum und die Schönheit dieses Ortes auf eine Weise, die heute unvorstellbar ist. Ich hoffe, dass die Menschen, die nach uns kommen, Wege finden, um Stärke und Inspiration aus der verbliebenen Schönheit zu schöpfen.