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Nr. 03 Frühling/Sommer 2009 3,80 €

SOUL FUNK JAZZ

CANNONBALL ADDERLEY Der Soul-Preacher –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– AYO. Musik ist Medizin – Ein Interview ROY AYERS The Godfather of Acid Jazz LEROY HUTSON Ich lebe immer noch für die Musik


Nr. 03 Frühling/Sommer 2009

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INHALT ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

IMPRESSUM ––––––––––––––––––––––––––––––– uptown strut soul, funk, jazz www.uptownstrut.de www.myspace.com/uptownstrut Herausgeber: Thomas Berghaus

· 26· FABIAN STÜRTZ Portrait eines Fotografen

Verlag, Anzeigen, Redaktion: uptown strut c/o Büro.9 Verlag GbR Genter Str. 26 50672 Köln Tel. (02 21) 71 09 69 0 Fax. (02 21) 71 09 69 9 post@buero9.de Chefredakteur: Thomas Berghaus

·36·

Artdirection: Stefan Riese

WELCOME TO THE VOODOO

Redaktions-Assistenz: Anja Borschberg

Ein Interview mit Oliver Korthals

Lektorat: Lektorat Lehmann

(Mojo Club)

Autoren dieser Ausgabe: Thomas Berghaus, Stefan Riese, Anja Borschberg, Gino Faglioni, Eric Kursiefen, Volker Fritze, DJ Pari, Peter Hagen, Philip Frowein, Jörg Kühnel, Hans-Jürgen Schaal

· 44· STOCKHOMS SKIVA Auf Plattenkauf in Stockholm

Fotografen dieser Ausgabe: Gai Terrell, Gabriela Koppel, Ben Wolf, Rinze van Brug, David Reed, Fabian Stürtz, Philip Glaser, Stefan Riese, Philip Frowein, Bernhard Marks Illustratoren dieser Ausgabe: Gino Faglioni, Stefan Riese Auflage: 10.000 Exemplare

· 4 · CANNONBALL ADDERLEY: Der Soul-Preacher · 8 · LEFTIES SOUL CONNECTION: Cissy Strut Amsterdam · 11 · THE SWEET VANDALS / JAZZANOVA / ZUCO 103 · 14 · Frisch auf unserem PLATTENTELLER · 20 · DVD: FROM MAMBO TO HIP HOP / MOVIN’ ON UP · 48 · AYO.: Musik ist Medizin – Ein Interview

Druck: autoprint GmbH Venloerstraße 2 50672 Köln Vertrieb Zeitschriftenhandel: ONPRESS Media Berlin Tel. (0 30) 33 30 90 50 Fax. (0 30) 33 30 90 54 info@onpress.de

· 52 · ROY AYERS: The Godfather of Acid Jazz · 56 · LEROY HUTSON: Ich lebe immer noch für die Musik · 60 · Dynamic Eric: 45’s REVIEW · 62 · Zu guter LETZT...

Vertrieb Tonträgerhandel: Groove Attack Tel. (02 21) 990 75 0 s Fax. (02 21) 990 75 990 info@grooveattack.com

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Foto: David Warner Ellis Photography/ Redferns/musicpictures.com

Miles Davis hatte es ja gleich gesagt: Geh nicht zu den Geldgierigen, geh zu den Ehrlichen! Solange du kein Star bist, hast du in großen Firmen nichts zu melden!

ch empfahl ihm Alfred Lion“, erzählte Miles später, „aber er hörte nicht „ auf mich. Er unterschrieb bei MercuryEmarcy, die ihm ständig Vorschriften machten.“ Jedenfalls taten sie nichts, um Cannonballs Tourband zu fördern: Am Ende musste er sie auflösen und sich als Sideman verdingen, um seine Schulden abzuzahlen. Miles war jedoch nicht nachtragend, im Gegenteil: Er hatte nur darauf gewartet, Cannonball zu engagieren. Das war Ende 1957: „Er war nicht nur ein unglaublicher Altsaxofonist, sondern dazu auch ein echt netter Kerl. Die Musiker in der Band mochten Cannonball vom ersten Moment an, denn er war ein umgänglicher, fröhlicher Typ, der immer lachte, richtig nett, ein Gentleman und so klug, wie man nur sein kann.“

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Klug und noch klüger geworden. Ein halbes Jahr später traf sich Cannonball mit Orrin Keepnews, dem Produzenten des Labels Riverside, um einen neuen Vertrag als Bandleader zu unterschreiben. Keepnews staunte: „Cannonball wurde von seinem persönlichen Manager begleitet. Ich glaube nicht, dass ich jemals zuvor mit einem Musiker zu tun hatte, der einen ganz echten Profi-Manager hatte. Julian war ja nur ein Sideman damals und der Vertrag umfasste die denkbar kleinsten Vorschüsse und wir benutzten sogar die Standard-Vertragsvordrucke der Gewerkschaft.“ Das Entscheidende stand dann auch gar nicht im Vertrag: Keepnews verpflichtete sich mündlich, Cannonballs neue Band aufzunehmen, sobald der Bandleader das Gefühl hätte, die Zeit sei reif – „wann und wo immer das

1971: Cannonball beim Montreux Jazz Festival

sein mochte“. Die Band gab es da noch gar nicht und Keepnews hatte bis dahin auch nie außerhalb von New York eine Platte produziert. Aber er stand zu seinem Wort. Nach zwei, drei Studioplatten für Riverside (mit wechselnden Partnern) hatte Cannonball ein gutes Jahr später seine Band stehen. „Wir konnten es kaum erwarten, sie aufzunehmen“, berichtete Keepnews. Das erste ausgedehnte Engagement bekam das neue Quintett in San Francisco, in einem kleinen Club namens The Jazz Workshop, im North Beach District. Die Band hatte gerade erst ein Dutzend Stücke im Programm, aber ihr vierwöchiges Gastspiel wurde ein unerhörter Erfolg: Regelmäßig sammelten sich Menschentrauben vor dem überfüllten Club und behinderten den Autover-

kehr. Am Schluss des letzten Abends Ende Oktober 1959 gab es eine viertelstündige Ovation: „Das Publikum stand und jubelte und pfiff und klatschte.“ Der erfahrene Jazzkritiker Ralph J. Gleason schrieb, er hätte in San Francisco nie zuvor eine ähnliche Begeisterung erlebt. Natürlich hatte Cannonball auch seinem Produzenten Bescheid gesagt – und der tat, was er versprochen hatte, reiste mit seinem Equipment aus New York an und schnitt mehrere Abende mit. Die Platte „The Cannonball Adderley Quintet In San Francisco“ wurde ein „Smash Hit“. Ihr Erfolgsrezept hieß: Hardbop mit Soul. ES BEGANN MIT „THIS HERE“ ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1959 war das Jahr, als der Soul Jazz triumphierte. Die Jazz Messengers waren ge-

rade wieder auferstanden, geführt von Benny Golson, und hatten mit „Moanin’“ von Bobby Timmons einen gospelgetönten Funk-Track. Das Horace Silver Quintet sorgte mit souligen Hardbop-Nummern wie „Come On Home“ und „Sister Sadie“ für Gute-Laune-Groove. Und nun also Cannonball: Nicht zufällig hieß sein Pianist Bobby Timmons – er war frisch von den Messengers abgeworben – und der Schlagzeuger war kein anderer als Louis Hayes – er hatte drei Jahre lang bei Horace Silver getrommelt und im August noch mit ihm „Sister Sadie“ eingespielt. Die anderen in der Band waren alte Vertraute: Sam Jones, der Bassist, hatte schon in Florida mit den Adderleys gejammt, und Cannonballs Bruder Nat, einer der wenigen modernen Kornettisten, ein Trompeter mit koboldhaft beweglicher Technik, war natürlich auch

wieder dabei. Die Brüder schienen unzertrennlich. In der Tat gab es einen Vertrag, wonach sie sich alle Einnahmen 50:50 zu teilen hatten. Übrigens auch die Tantiemen aus Nats großartigen Kompositionen. Den Vertrag hütete die Mama in Florida. Aber vor allem war da natürlich Cannonball selbst, unübersehbar in Statur und Präsenz. Nur wenige Jahre zuvor wurde er noch gefeiert als „der neue Charlie Parker“, der unübertroffene BopVirtuose am Altsax, ein Bündel an Energie und Expressivität. Gleichzeitig besaß er immer schon diesen speziellen „Southern Touch“, diese bodenständige Rhythm-andBluesiness in allem, was er spielte. „Er spielte den Blues einfach wahnsinnig, er ging ab wie eine Rakete“, sagte Miles. „Cannonball war der am meisten unterschätzte Musiker des Jahrhunderts. Ein

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Gigant“, sagte Joe Zawinul. Technik, Emp- schenliebe. „Wenn man ihn auf der Bühne Cannonballs Capitol-Jahren: Kein Stück findung, Humor: Cannonballs Soli besa- sah und hörte“, sagt Orrin Keepnews, ist ohne gesprochene Worte! ßen alles. Die Südstaaten-Schnulze „Stars „war man automatisch überzeugt davon, Wenn er nicht sprach, sprach seine Fell On Alabama“ war übrigens seine dass es echt und ehrlich gemeint war. Musik für ihn. Die „sprechenden“ SouljazzLieblingsballade: Bei ihm klang sie immer Man war sofort und dauerhaft verzau- Riffs inspirierten in den Sechzigern etliche wie gerade erst erfunden, kräftig, erdig bert.“ Ein moderner Duke Ellington. „Wir Vokalisten dazu, Cannonballs Musik nachund soulful. Auch Anfang 1959 in Chicago machen nur, wozu wir Lust haben, und träglich in Worte zu übersetzen. „This hatte er sie im Programm – bei jenem wir versuchen das Publikum zu fesseln.“ Here“, „Dat Dere“, „Work Song“, „SermoStudiodate mit John Coltrane, von dem Das war Cannonballs Credo. nette“, „Things Are Getting Better“, „Walk Zawinul später sagte, Cannonball habe Mit oder ohne Instrument: Der gelern- Tall“, „Jeannine“ und andere Songs aus Trane „in Grund und Boden“ gespielt. te Musikpädagoge wurde zum Soul-Pre- Cannonballs Repertoire existieren auch in Der Renner auf „In San Francisco“ war diger, zum Vertrauensmann seiner Ge- diversen Vokalversionen. „Mercy Mercy natürlich „This Here“, der zweite große meinde. Weitere Live-Alben folgten – auf- Mercy“ wurde sogar mindestens vier Mal Streich aus der Feder des damals betextet. Oscar Brown Jr. erzähl23-jährigen Pianisten Bobby te mir: „Ich ging kurz nach meiTimmons. Sein gospelgetöntes ner Armeezeit in einen Club und „Moanin’ “, das er für die Jazz fragte Cannonball Adderley, ob Messengers geschrieben hatte, sie nicht etwas hätten, das ich war damals so erfolgreich, dass betexten könnte. Daraufhin „Cannonball“ ? man das Messengers-Album späspielten sie ‚Work Song‘. Das ter entsprechend umbenannte. Stück gab es da noch nicht auf igentlich hieß er Julian Edwin Adderley. Dass „This Here“ schlug in die gleiche Platte. Als die Platte dann erer in seiner Jugend wegen seines großen ApKerbe: ein schneller Jazzwalschien – sie hieß ‚Them Dirty petits „Cannonball“ oder „Cannibal“ gerufen wurzer über Blues-Harmonien mit Blues‘ –, hatte ich bereits mit den de, wusste nur noch sein Bruder Nat. Als Julian einem Klavier-Vamp betontem Lyrics für ‚Work Song‘ angefanbei seinem ersten Besuch in New York öffentlich zweitem Beat und einem Stopgen. Das nächste Stück auf dem auftrat, ohne dafür bezahlt zu werden, fürchtete Break (Takt 27 des Themas). Das Album war ‚Dat Dere‘, ein weiteNat, Julian könnte damit gegen GewerkschaftsBläser-Riff setzt hart und staccares ‚Jeannine‘. Ich kannte Bobby vorschriften verstoßen. Deshalb nannte er den to ein und verwandelt sich im Timmons und Duke Pearson, Namen „Julian Adderley“ lieber nicht und sagte, Mittelteil in ein fast romantidie Komponisten, damals noch dieser Musiker heiße „Cannonball, einfach nur sches Soul-Motiv. Der Kritiker nicht. Als ich Timmons dann Cannonball“. Und so nannten sie ihn dann alle. Ed Sherman nannte die Aufnahtraf, sang ich ihm meinen Text me „12 Minuten und 26 Sekunzu ‚Dat Dere‘ vor. Tatsächlich hatden musikalischer Explosivität“. te er einen Sohn im gleichen Und Bandleader Cannonball künAlter wie meiner, so dass wir uns digte das damals brandneue sofort verstanden.“ Stück so an: „Es ist gleichzeitig ein Shout genommen in New York, New Orleans, So bluesig und soulful Cannonball daund ein Chant. Kommt drauf an, was Sie Europa und Japan. Ansagen, Anspra- mals auch spielte: Beileibe nicht alle über die Wurzeln der Kirchenmusik wis- chen und Zwischentexte (nicht nur von Stücke des neuen Quintetts waren wirksen. Ich meine: der Soul-Kirchenmusik. Cannonball) gehörten meistens dazu. lich Soul Jazz. Das meiste, was er bei Ich meine nicht Bach-Choräle, das ist et- Selbst sein größter Hit – „Mercy Mercy Riverside aufnahm, bewegte sich noch in was anderes.“ Die Band sprach das Stück Mercy“ – ist nur als Konzertmitschnitt zu den Stilformen der Fünfzigerjahre, in „Dish-ere“ aus und betonte damit noch den haben, mit johlendem Publikum. Begeis- Bop, Blues und Ballade. Doch bei Bezug zum tiefen Süden. Jon Hendricks tert erzählte Cannonball damals seinem Riverside blieb er nicht lange – übrigens schrieb es später „Dis Hyunh“. ehemaligen Produzenten Keepnews: „End- gegen seinen Willen. 1961 verlängerte er lich habe ich Capitol dazu überredet, mich seinen Vertrag sogar, obwohl ihm längst SOUL IS THE PREACHER in der richtigen Weise aufzunehmen – so weit bessere Angebote vorlagen: „Er sag––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– wie wir beide das zu tun pflegten.“ Not- te, er fühle sich bei Riverside wohl und Das Album „In San Francisco“ befestig- falls arrangierte man sogar eine kleine daheim unter Freunden“, erinnerte sich te nicht nur die Soul-Jazz-Mode, sondern Live-Gemeinde im Studio, um die ideale Keepnews. Auch als das Label 1963/64 auch einen anderen Trend: die Live-Auf- Atmosphäre für Cannonballs Ansprachen bankrott ging, tat Cannonball alles, um es nahme. Echt, direkt, vital: Im Angesicht zu schaffen. „Er war einer der wenigen zu retten, aber am Ende half der beste des Publikums klang diese Musik einfach Menschen, die ständig so viel reden konn- Wille nichts: Das Label existierte nicht am besten. Um die Atmosphäre richtig ten wie ich“, sagte Keepnews und schlug mehr. Erst da unterschrieb er bei Capitol. einzufangen, startete das Album mit einer Cannonball scherzhaft für einen Sena- Zum Ausgleich ausstehender Zahlungen kleinen Ansage von Cannonball. Denn An- torenposten vor. Senator wurde er nicht, gingen sieben Riverside-Aufnahmen in sprachen ans Publikum waren sein Mar- aber Talentscout, Produzent, Botschafter seinen Besitz über und wurden auf kenzeichen und transportierten dieselben des Jazz an Universitäten und in Fern- Capitol wieder- oder erstveröffentlicht – Tugenden wie sein Saxofonspiel: eine sehanstalten. 1994 erschien eine Compi- darunter auch „Them Dirty Blues“. Das urbane Bodenständigkeit, eine humorvol- lation namens „Deep Groove“, zusammen- Titelstück des Albums ist ein langsamer le Intelligenz, eine Autorität voller Men- gestellt von Dean Rudland, das Beste aus Blues im Stil von „Parker’s Mood“.

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MERCY, MERCY, MERCY ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Die souligen, groovigen Stücke waren weiterhin die erfolgreichsten. „Work Song“ wurde sogar von Sammy Davis Jr. und Billy Eckstine gecovert. Stilistisch unterschieden sich diese Stücke aber noch kaum von denen, die Horace Silver und andere machten. Die Form war Blues oder vom Blues abgeleitet: Es gab riffartige Hardbop-Themen, oft in Call-and-ResponseForm und meist auf die Töne einer Bluesoder Gospel-Skala begrenzt, dazu einoder zweitaktige Klavier-Vamps und eine geringfügige Formalisierung des Rhythmus, eine leichte Abweichung vom gleichmäßigen Swing – manchmal nur durch einen Rimshot auf der drei oder vier. Erst mit dem Wechsel zu Capitol wurde der Soul in Cannonballs Jazz zur Hauptsache. Dabei kam mehreres zusammen: die kommerziellen Interessen des Labels, der wachsende Einfluss des schwarzen Publikums („Black“ wurde beautiful) und schließlich – das E-Piano. Stichwort: „Mercy Mercy Mercy“. Der Anfang passierte ganz spontan – im Capitol-Studio in Los Angeles. Eine Aufnahme war angesetzt, eine künstliche Live-Situation vor einem kleinen Publikum, das überwiegend aus Mitarbeitern der Plattenfirma bestand. „Mercy Mercy Mercy“ hieß eines der Stücke, die gespielt werden sollten: eine neue Komposition des Pianisten Joe Zawinul, des einzigen Weißen in Cannonballs damaliger Band. „Wenn die hier ein Wurlitzer-Piano haben, dann spiele ich ‚Mercy Mercy Mercy‘ auf dem Wurlitzer“, entfuhr es Zawinul, als er und die anderen Musiker schon das Studio betraten. Das Wurlitzer war eines der allerersten elektrischen Klaviere, sein Sound faszinierte nicht nur Zawinul: „Man hört ja auf der Platte, wie die Leute auf das Stück reagieren“, erzählte der Pianist. „Wir haben schon gewusst, das wird was. Dass es ein so großer Hit werden könnte, haben wir nicht geahnt.“ „Mercy Mercy Mercy“ stieg bis auf Platz elf in den Billboard-Single-Charts, holte einen Grammy und wurde auch von Popbands erfolgreich gecovert. Bald spielte Cannonballs Band im Vorprogramm großer Rockkonzerte. Eigentlich war es ja nur eine kleine Begleitmelodie, die Zawinul einmal für einen Song für Esther Marrow geschrieben hatte. Bei einem Soundcheck mit Cannonball spielte er das Motiv an und fand damit bei seinen Kollegen sofort offene Ohren. Also hat er es ausgearbeitet

in der uns bekannten Form, acht plus acht plus vier Takte in geraden (nicht swingenden) Achtelnoten. Eine Melodie, die immer wieder in sich selbst mündet und in der die Bläser nur im Thema mitspielen. Desto engagierter sagte Cannonball, der Prediger, das Stück an: „Manchmal wissen wir nicht weiter, wenn uns ein Unglück trifft. Ich habe da einen kleinen Ratschlag für uns alle, er kommt von meinem Pianisten Joe Zawinul, der dieses Stück schrieb. Es klingt so wie das, was wir alle in so einer Situation sagen sollten: Gnade, Gnade, Gnade!“ Auch der Stücktitel war spontan entstanden: John Thomas, der schwarze Hochspringer (Weltrekord 1960), geriet bei einem Konzert an der Ostküste über dieses Stück ganz aus dem Häuschen und rief laut aus dem Publikum: „Mercy, mercy, mercy!“ Das war nur kurze Zeit vor der Aufnahmesession. IN DIE SIEBZIGER ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Von da an gehörte das E-Piano einfach dazu: dieser elektrische, funky Sound zwischen Klavier, Hammondorgel, EGitarre und Vibrafon, mit dem kleine Bluesläufe noch schmutziger klingen und Basstöne so richtig schnarrig brummen. Im folgenden Jahr lieferte die Band mit einem Cover der Staples Singers („Why Am I Treated So Bad?“) einen Nachfolger für „Mercy Mercy Mercy“: gleicher Sound, gleiches Tempo, gleiches Feeling. Weil das Wurlitzer zu zerbrechlich war, um damit zu reisen, wurde Zawinul einer der ersten Käufer, als das Fender Rhodes auf den Markt kam. Und das war dann allgegenwärtig – zum Beispiel auf der Platte „Country Preacher“ (1969), die wie kein anderes Cannonball-Album die „Soul Power“ jener Zeit eingefangen hat. Einen Teil der Ansagen hier macht Reverend Jesse Jackson, damals der Leiter der Chicagoer Abteilung von „Operation Breadbasket“, einer schwarzen Hilfsorganisation. In deren Räumen wurde das Album vor Publikum mitgeschnitten – ein Konzert, getragen vom Aufbruchspathos der 60er-Jahre, von schwarzer Religiosität, Bürgerrechtsbewegung und Kampfeswillen. Das war der Ort, wo Cannonballs Soul Jazz hingehörte: wurzelnd im Alten, selbstbewusst im Jetzt, zukunftsweisend voller Optimismus. Walk tall – geh aufrecht! In Stücken wie „Country Preacher“, „Hummin’“ und „Walk Tall“ hat sich Cannonballs Weg zum Soul Jazz vollen-

det: Der Rhythmus rockt, das Tamburin knallt, das E-Piano rumort, die messerscharfen Bläsersätze von Cannonball und Nat spielen in harten, geraden Achteln. Den dynamischen Wechsel zwischen laut und leise, hart und weich findet man fast in jedem Stück. Mit Zawinuls Nachfolgern – George Duke oder Hal Galper – hat sich das E-Piano dann noch mehr nach vorne gedrängt. In Stücken wie „Inside Straight“ oder „Snakin’ The Grass“ (beide 1973) stampfen und dampfen die Keyboard-Akkorde. Cannonballs Band war „one of the happiest, hippest, most burning and most swinging groups in the world today“. Zuletzt sog diese Musik alles auf, was an zeitgeistigen Moden herumflatterte: Afro-Percussion und BrazilRhythmen, psychedelische Rock-Sounds und Synthesizer-Flächen. Cannonballs letztes Album „Phenix“ (1975) hätte eine Neugeburt einleiten sollen: Cannonball, der Fusion-Star. Es blieb bei der Absicht. Der Körper machte nicht mehr mit. Mehr als alles andere in seiner Musik veränderte sich über die Jahre Cannonballs Saxofonspiel. Um 1960 war er noch ein waschechter Bebopper, der nach Charlie Parker klang, nach schnellen Harmoniewechseln verlangte und in souligen Grooves eher zur Redundanz neigte. Selbst in Miles Davis’ modalen Stücken schien er immer von Tonart zu Tonart modulieren zu wollen. Zehn Jahre später war er zum Shouter geworden, spielte diese kurzen, rauen Phrasen, besaß diesen vom Free Jazz gefärbten Cry, schmetterte kreischende Kürzel und ließ die Pausen wirken. Mancher Einstieg ins Solo geriet zur abenteuerlichen Achterbahnfahrt und wurde nur durch seine unübertroffene Spieltechnik vor dem Absturz gerettet. Um die letzten Reste an Bebop-Kunst abzustreifen, griff Cannonball um 1968 auch zum Sopransaxofon. Er spielte es nicht wie John Coltrane und nicht wie Sidney Bechet, sondern weich, direkt und mit Mut zur Sanftheit. Der Soul-Prediger suchte nach seiner Falsettstimme für Balladen. ||

Über den Autor: Hans-Jürgen Schaal lebt und arbeitet in der Nähe Münchens. Als Autor schreibt er unter anderem für den RolllingStone, die Jazzthing, Blue Rhythm und Jazzthetik. Zudem ist er seit 1992 für das Münchener Label Enja Records tätig. Neuerdings betreut er auch einen Jazz-Blog und berät eine Konzertreihe. –> www.hjs-jazz.de

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Könnt ihr Euch erklären, woher das aktuell ansteigende Interesse an authentischer Funk- & Soul-Musik kommt? Einige Leute wollen scheinbar das schmierige und belanglose Popzeug nicht mehr und schauen deshalb mehr zurück. Viel Hip-Hop-Fans diggen auch das alte Zeug (was sie von Samples kennen). Amy & Duffy verzaubern die Leute mit der Musik, die sie inspiriert hatte, und wecken wohl das Interesse. Man kann Ähnliches meiner Meinung nach auch im Rockbereich beobachten. Dort geht es wieder zu roherem und weniger überproduzierten Sound zurück. Auch im aktuellen R’n’B-Zirkus gibt es schöne Beispiele dafür, dass sich Produzenten vor den alten, rohen Funk-Produktionen verneigen und inspirieren lassen. Der Beyonce-Song „Suga Mama“ ist fast komplett von einer alten Funk-45 („Searchin’ for Soul“ von Jake Wade & The Soul Searchers) übernommen. Ja, oder als man für „Crazy in love“ die Chi-Lites mit „Are you my woman“ als Inspiration genommen hat. Man könnte die Liste inzwischen beliebig weiterführen. Da ist ein kleiner, aber feiner Trend zu verspüren, der auch den Funkbands zugute kommt. Wie fühlt man sich als ein sehr wichtiger und aktiver Teil einer neuen Funk-Welle? Hier in den Niederlanden gibt es unglücklicherweise nur ein paar Leute, die wirklich involviert sind. In anderen Ländern geht da schon etwas mehr – es gibt aber nicht immer mehr Bands. Ich wünsche mir allgemein, dass es in Zukunft überall auf der Welt mehr Leute gibt, die rohen Funk & Soul spielen. Aber natürlich ist es sehr schön, dass wir die Aufmerksamkeit vieler Fans solcher Grooves auf der ganzen Welt wecken.

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CISSY STRUT AMSTERDAM ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Text & Interview: Peter Hagen

Wie wichtig empfindet Ihr die Tatsache, dass Künstlerinnen wie Amy Winehouse und Sharon Jones als eine Art VorzeigeActs der ganzen Szene bzw. dem Genre mehr Aufmerksamkeit ermöglicht haben? Natürlich hat das sehr geholfen. Ich denke, auch wenn The Dap-Kings mit Amy gespielt haben, dass sie und Mark Ronson immer noch etwas mainstreamiger sind als Sharon Jones. Für mich ist Sharon immer noch etwas authentischer und auch etwas mehr underground – auch wenn sie seit kurzem etwas mehr in der internationalen (Mainstream)-Presse Beachtung findet. Sie und ihre Kapelle hat es definitiv verdient. Ich denke, dass durch sie nach und nach viele neue Hörer für Funk & Soul begeistert werden können.

früher lieben, ist ja nicht allein, dass das Analoge einen ganz eigenen Sound hat. Oft war es einfach so, dass die Künstler unfreiwillig so klangen, weil sie schlicht zu wenig Geld für eine saubere und hochwertigere Produktion hatten. Ich selbst habe von Carol Jones die „Don’t destroy me“-45 in zweifacher Ausführung, jedoch in völlig unterschiedlicher Klangqualität. Im ersten Mix des wahren Killer-Tracks sind die Drums heftig und roh. Im zweiten Mix wollte man wohl mehr „mainstream“ sein und baute Streicher ein. Heute suchen die meisten Sammler explizit nach dem ersten Mix. Du kennst Dich gut aus mit den alten Scheiben. Mit wem würdest Du gerne mal zusammenarbeiten, wenn du einen Wunsch frei hättest? Harte Frage. Es wäre sehr cool, mit Betty Harris einen KillerFunk-Track zu machen. So würde schon ein Traum für uns in Erfüllung gehen. Zurzeit gibt es eine Menge heißer Bands, die den Funk sehr roh und authentisch spielen. Ich erinnere mich sehr gut an Zeiten, nicht lange her, dass gab es weltweit nur eine Hand voll Bands, die solchen Sound spielten und veröffentlichten. Was denkst du darüber? The New Mastersounds und The Dap-Kings haben ihre Ideologie auf andere übertragen können… Ich finde das großartig. Umso mehr, umso besser. Ich denke dass man hier die Sugarman Three, Mighty Imperials, Poets of Rhythm und die Soul Investigators nicht vergessen darf zu nennen. Sie sind alle Pioniere und sind immer noch sehr wichtig. The Meters scheinen eine Eurer größten Inspirationen zu sein. War es schon immer Euer Primärziel, den originalen Groove zurückzubringen? Wie würdest du Euren Sound beschreiben bzw. selbst einordnen? The Meters war definitiv ein sehr großer Einfluss. Unseren eigenen Sound wollten wir jedoch schon finden. Anfangs spielten wir schon etwas orientierter an den alten Originals, dann bauten wir darauf auf und fanden unseren eigenen Stil. Wir sind also in dem Sinne keine richtige Retro-Kombo, die in alten Anzügen auf der Bühne steht – was ja viele machen, um optisch an die 60s zu kuppeln. Wir hören ja nicht nur alten Soul und Funk, sondern auch liebend gerne Hip Hop und Breakbeats. Die Einflüsse gehen über Small Faces, Spencer Davis Group bis zu allen möglichen 60s-Garage-Bands. Das fließt alles zusammen zum Lefties-Sound. Ein Journalist betitelte es mal Garage Funk. Ich fand die Beschreibung ganz gut.

Foto: Melting Pot Music

ft sind es die kleinen Dinge, die große Auswirkungen haben. Im Fall der Renaissance des authentischen 60s-Funks, schlug die holländische Kapelle namens Lefties Soul Connection mit ein paar 7inches seit 2002 wie ein Bombe auf die Tanzflächen weltweiter Funk-Euphorie. Mit ihrem simplen, oft minimalistisch und explosiv gespielten Groove sehen sie sich jedoch nur bedingt als Weiterführung der legendären Funkmeister The Meters – stellen zum einen ganz bewusst die Ästhetik der damaligen Kult-Entwürfe in die Mitte ihres Schaffens, zum anderen leugnen sie nicht ihre Verwurzlung im klassischen Hip Hop, als der noch auf den Breaks basierte und eine frische, funky Prise intus hatte. Nicht jeder, aktuell weltweit aus dem Boden sprießenden Funk-Combo gelingt dieser Switch, junges Publikum für die alte Musik zu begeistern und die alten Nerds davon zu überzeugen, dass es auch knackigen und dynamischen Funk nach 1967 gibt. Die radikalsten Puristen wurden durch die Holländer schon bekehrt. Auf dem Kölner Melting Pot Music-Imprint von Oliver von Felbert haben sie eine Plattform gefunden, die ihnen garantiert, dass ihre Musik so veröffentlicht wird, wie sie sie auch eingespielt haben. Roh, traditionell, aber auch wild und verrückt mit einem Blick auf neuen, spannenden Interpretationsspielraum. Ihr Cover von „Organ Donor“, jenes kultigen DJ ShadowMeisterstückes, welches eines der markantesten Samples (Giorgio Moroder’s „Tears“) verarbeitet hatte, ging um die Welt. Es war definitiv Zeit, genauer hinzuschauen, wer die Herren aus Amsterdam eigentlich sind. Bandleader Alviz beantwortet unsere Fragen.

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Das war ja nicht immer so. In den 80er Jahren war der rohe Funk tot und von zeitgenössischen Strömungen wie New Wave, Pop, Punk und Hip Hop verdrängt. Weltweit trugen jedoch einige Aktivisten und Liebhaber die Fackel der originalen Rare Grooves weiter. Die neue Begeisterung für die authentische 60sMucke erfährt jetzt wieder ein Comeback – oder ist nur irgendein weiterer Retro-Trend? Ich denke, die Zeit wird es uns zeigen. Ich denke aber, dass dieser Hype auch nicht mehr größer wird. Der Otto-Normalverbraucher neigt ja eher dazu, die leicht konsumierbare „easy“Musik auf CD zu kaufen. Du meinst die sterilen Popkonserven, von denen sich viele sehr ähnlich anhören. Genau. Das Rohe, was wir mit den Lefties an der Musik von

Diesen Mix zwischen hartem, Funk, Hip Hop und Breakbeats verkörpert Eure Coverversion bzw. Interpretation von „Organ Donor“. Wie entstand dieses bombastische Cover? Ich mochte den DJ Shadow-Track schon immer und schlug ihn der Band vor. Wir experimentierten ein bisschen damit herum. So machten wir eben keine exakte Kopie davon, sondern ein Cover mit unserem Soundstempel. Wir haben uns auf den Schwerpunkt Groove bei diesem Sound eingeschossen. Wie eigentlich immer bei unseren Stücken. Diese Mixtur aus Rock, Funk, Jazz und einigem mehr, mit den Komponenten Hammondorgel, Bass und Drums, gibt Euer Konzept „Weniger ist oft mehr“ aus. Ist der wahrhaftige Funk im Prinzip die Botschaft von Minimalismus? „Rhythmus und nichts als der Rhythmus“ sollte die Groove-Gemeinde beten!?

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Unser Motto ist das definitive. Ich würde es jedoch nicht als Minimalismus darstellen. Wir halten es zwar oft simpel, jedoch ist der Sound sehr voluminös und reichhaltig. Wir sagen immer, wenn dein Kopf wippt, deine Hüfte wackelt und du nur noch die Drums und den Bass fühlst, dann ist es guter Funk. Die Gitarre und die Orgel sind nur die Würze. Die amerikanische Kapelle BREAKESTRA zeigen offen ihre Liebe zu Hip Hop. Du hast es schon angesprochen, dass es bei Euch soundtechnisch wie musiksozialisiert Verbindungen zum Hip Hop gibt. Wir nennen unsere Musik „Ready to Sample“-Musik. Wir mögen die Seite der Beats von Hip Hop sehr. Wir fixieren uns ja genauso auf den Beat. Da steckt schon eine Verbundenheit dahinter, jedoch weit entfernt von dem, was Hip Hop heute ist. Es wird einiges von Euch in den nächsten Monaten zu hören sein. Könntet Ihr ein bisschen darüber schon verraten? Eine Bootleg mit den Jay-Z-Vocals soll bald die Runde machen! Ja, aber das ist nicht unser Projekt. Wir hörten, dass ein Amsterdamer Produzent namens Umatic unsere Instrumentals mit den Vocals von „American Gangster“ gekreuzt hat. MashupStyle, wie er ja zurzeit von vielen DJs gespielt wird. In der Tat wird es 2009 eine EP mit sechs Stücken geben. Wir fanden die Idee gut und es hört sich nicht schlecht an. Wir haben keine Probleme damit, dass er unsere Musik als Grundlage benutzt hat. Was Jay dazu sagen würde?! Unser Single „Code 99“ (auf MPM Records) ist auch draußen. Kannst Du etwas über Eure „Struttin’ “-Parties erzählen? Ich habe 2001 angefangen, mit befreundeten DJs wie Taco Fett und Bart Fader die Veranstaltungsreihe bzw. Clubnight in Amerstam zu starten. Wir spielen ausschließlich Funk & Soul, hauptsächlich von Vinyl-Singles. Wir laden regelmäßig weltbekannte Deep-Funk-DJs wie Keb Darge, Ian Wright oder Egon ein. Dort entstand auch die Idee, solche Grooves live zu spielen, und wir fanden uns zusammen. Unseren Labelchef Olski trafen wir auch bei der Nacht und so entstand der Kontakt zum Köl-ner MPM-Label. Unsere Clubnight läuft nach wie vor jeden zweiten Samstag im Bitterzoet in Amsterdam. Checkt dazu www.struttin.nl. Wenn wir schon zurück zu Euren Anfängen gehen: Was änderte sich seit Eurer ersten Single „Doin’ the thing“? Musikalisch haben wir uns weiterentwickelt und unser Branding ausgebaut. Wir haben mit „Organ Donor“ einen mehr auf Hip-Hop-Prinzipien basierenden Track gemacht. Daneben haben wir einige New-Orleans-Funk-Bretter gemacht, z. B. „The Chank“. Mit „Buckaloose“ spielen wir sogar etwas mehr Richtung Afrobeat. Wir haben zwei Alben gemacht, tourten viel und spielten in den verschiedensten Ländern in Europa. Da hat sich also einiges getan und wir freuen uns natürlich darüber. Da ihr viel getourt seid, kannst Du mir bestimmt sagen, wo in Europa die Funkfans sind, die am heftigsten rocken! Ich habe gehört, die Fanatiker sollen in Japan sitzen – doch bis dort haben wir es bisher nicht geschafft. Aber im Ernst: Es gibt so viele tolle Plätze und begeistertes Publikum. Zum Beispiel spielten wir im Herbst 2008 im Manderin Kasino in Hamburg auf dem Reeperbahn-Festival. Die Leute waren wirklich der Wahnsinn. Auch in Köln, Berlin oder Wiesbaden war es

super zu spielen. Deutschland mag den Funk. (lacht) Das Großgenre Rare Groove ist die letzte Bastion für das Überleben des Vinyls. Speziell die 7inch-Kultur wird hier zelebriert. Würdest Du zustimmen? Lass das die Reggae-Freaks nicht hören! (lacht). Die würden Dir nicht zustimmen. So dramatisch empfinde ich die Situation nicht. Man vergisst bei dem Thema oft die Billionen an Vinyls, die immer noch im Umlauf sind und auf Flohmärkten und in Secondhand-Läden zu finden sind. Das kleine Vinyl-Revival im Rockbereich gibt es ja auch noch. Ich selbst sammle Vinyl, vor allem 45s aus den Bereichen Jazz und (Northern)-Soul. Ich leg auch mit Vinyl und nur Vinyl auf. Mein Kumpel Taco Fett hat auch einen sehr gut selektierten Plattenladen in Amsterdam namens Maxwell. Das sollte hier noch erwähnt werden für alle, die Jazz, Funk oder Soul suchen. James Brown, Curtis Mayfield, Issac Hayes – viele sehr einflussreiche Helden sind gegangen. Das Erbe ihrer Musik lebt durch moderne Variationen weiter. Ist das ein Teil Eures Antriebes, diese Musik zu machen? Treibt Euch dieser Gedanke an? Ich befürchte, wir sehen es nicht als „Weitertragen“ oder „am Leben halten“ eines Erbes. Natürlich haben diese großartige Künstler uns inspiriert, aber wir wollen unser eigenes Ding machen. Sie sind ein Teil von uns durch ihr Werk, aber wir sind eben die Lefties.

THE SWEET VANDALS

Die neue Generation von Funkbands wie The Sweet Vandals, The Haggis Horns, Diplomats of Solid Sound, Baby Charles oder The Bamboos überzeugen die letzten Monate mit sehr guten Veröffentlichungen. Ist die Szene eigentlich wirklich untereinander vernetzt? Nicht wirklich. Jeder macht sein Ding und man schätzt sich. All die neuen und auch alten Bands sind auf der ganzen Welt verteilt. DJs wie Andy Smith, Keb Darge, Florian Keller, Soul Rabbi, Mad Mats, Will Holland oder Gilles Peterson unterstützen die neuen Funkentwürfe. Würdest Du den Northern-Soul-Puristen auch empfehlen, ihre Einstellung noch mal zu überdenken und den neuen Funkbands auch mal eine Chance zu geben? Das muss jeder für sich entscheiden. Ich denke, jeder sollte das spielen, was er gerne spielen mag bzw. gut findet. Zum Schluss: Stell mal bitte eine These auf, warum Funk die beste Musik ist? Ich weiß nicht … Es kommt einfach darauf an, was diese Musik für dich bedeutet. Wenn ein Song diesen gewissen „Soul“ hat und er dich berührt, dann ist das einfach gut so. Und wenn du auf Funk stehst, ein Beat heftig reinknallt und du dazu knicken oder tanzen kannst, dann ist alles gut. ||

Über den Autor:

saas Peter Hagen lebt in Freiburg und arbeitet als freier Autor für unterschiedliche Medien. Als verantwortlicher Redakteur leitet er die Internetplattform: www.1beat.de

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Text: Thomas Berghaus || Foto: Gabriela Koppel

ald drei Jahre ist es nun her, das die Band „The Sweet Vandals“ aus Madrid uns ihr Debut-Album präsentierte. Viel ist passiert, vor allem spielte die Formation um Mayka Edjole unzählige Shows, verteilt auf dem ganzen Globus. Das ungeheure Live-Pensum der Band, führte unter Anderem auch dazu, dass sich das Debut-Album öfter am Verkaufsstand der Live Shows verkaufte, als es über den Tresen im Plattenladen ging. Eigentlich ein Zufall führte dazu das die Spanische Funk-Combo Nr. 1 in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit trat. Eine Werbeagentur aus Paris entdeckte die Vandals-Ballade „Beautiful“ für die TV-Europa-Kampagne des neuen Fiat Bravo. Die Internetgemeinde interessierte sich jedoch geschlossen mehr für den Soundtrack des Clips als für das beworbene Fahrzeug – und so schoss „Beautiful“ in all jenen Ländern, wo der Spot anlief, schnell in die Download Charts. Carlo Coupé, der noch beim ersten Vandals-Album als Produzent und Organist fungierte, verließ die Band und widmete sich als Producer beispielsweise dem Glen-Anthony-Henry-Al-

B

bum: „Relax & Love“. Die Vandals Front-Frau Mayka Edjole trat jüngst als Lead-Sängerin auf dem Fab Guiro Album von Ben Addison in Erscheinung, wo sie Beatles-Klassiker einsang (siehe „neu auf unserem Plattenteller“). Am 27.03.2009 erschien nun der zweite Longplayer der Sweet Vandals: „Lovelite“. Auf ihrem neuen Album kehren die Spanier keineswegs von dem ab, was sie auf ihrem ersten Longplayer bereits ablieferten: Funk und Soul der alten Schule. Die Band hat ihren Sound nicht verändert, sondern konsequent weiterentwickelt. „Lovelite“ klingt noch musikalischer und die Songs wirken zu Ende gedacht. Die Presse spricht geschlossen von der „realness“ der Vandals. In Zeiten von TV-gemachten Plastik-Sternchen fällt es offensichtlich wieder umso mehr auf, wenn eine Band einfach nur „normal-real“ daherkommt. Im Gegensatz zu Sharon Jones und ihren Dap-Kings spielen die Vandals auch live eher einen etwas europäischen Funk, da sie ganz anders als die New Yorker auch auf ausgefeilte SoulRevue-Einlagen verzichten und ihr Set eher ohne viel Pomp darbieten.

Record: LOVELITE Label: UNIQUE RECORDS Anspieltipp: THANK YOU FOR YOU + LET’S HAVE SOME FUN

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uptown strut

uptown strut

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JA ZZ AN OVA

V O N D E R F R E IH E IT DES HÖRENS ––––––––––––––––––––– ––––––––– Text: Stefan Riese Foto: Ben Wolf

ZUCO 103 ––––––––––––––––––––– azzanova, das vielbeschäftigte Berliner DJ-Kollektiv, das uns seit zwölf Jahren mit immer wieder überraschend frischen NuJazz-Remix-Alben unterhält, haben ihr erst zweites (!) Studioalbum veröffentlicht. Die neue Platte „Of All The Things“ erscheint auf dem Jazzanovaeigenen Label Sonar Kollektiv und wurde an Verve (Universal) lizenziert. Das Album wurde dieses Mal hauptsächlich live eingespielt. Jonglierte Jazzanova bisher überaus gekonnt mit Samples – wie auch auf ihrem ersten Album „In Between“ –, so entdecken sie jetzt immer mehr die Möglichkeiten, die sich zusätzlich anbieten, wenn man die eigenen Live-Aufnahmen zur Verfügung hat. Im Gegensatz zu früheren Alben entstanden die Songs dabei hauptsächlich auf analoger Basis. „...den Sound, den wir suchen, finden wir vor allem mit analogen Geräten“, sagt Axel Reinemer. Axel Reinemer, bei Jazzanova für das Aufnehmen und Mischen verantwortlich, betont, dass ihre Herangehensweise heute eine andere sei. „Früher haben wir viele Samples genutzt, um unsere eigenen Soundwelten zu kreieren. Dieselbe Richtung verfolgen wir noch immer. Das hatte auch mit Samples schon viel Soul. Aber heute schaffen wir uns unsere Soundwelten durch eigene, neue Aufnahmen mit Instrumentalisten. Wir können mit diesen Live-Aufnahmen unsere Songs besser und flexibler umsetzen. Wir haben mehr Spielräume, weil Samples eine festgelegte harmonische Umgebung haben“. Samples gibt’s natürlich weiterhin – man produziert sie nur in Zukunft gleich selber. „Von ,Let Me Show Ya‘ haben wir die Soundwelt zerpflückt (und uns selbst gesampled), um dann ,So Far From Home‘ mit Phonte daraus zu machen. Speziell das Ende haben wir beim Komponieren, Arrangieren und bei den Recordings schon so angelegt, dass wir es hinterher samplen können. Als Sample konnten wir es dann unseren Bedürfnissen genau anpassen, weil wir ja auf alle Teile separat zugreifen können“ – so Jazzanova-DJ Jürgen von Knoblauch.

J

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Was dabei herausgekommen ist, ist eine Platte, die die unvergleichliche Handschrift der Berliner trägt. Immer wieder bewundernswert ist das genreübergreifende Fusionieren diverser Musikstile – ob Latin, Soul, Folk, Jazz, Hip Hop, Pop, Trip Hop – ich kenne nur wenige Meister dieses Fachs. Ein Grund ihrer vielschichtigen Soundmixturen sind sicherlich die verschiedenen musikalischen Vorlieben des Kollektivs. Von Knoblauch, der sich gern von Latin und Brazil inspirieren lässt, auf die Frage, wer denn für den speziellen Jazzanova-Sound zuständig ist: „Alex ist der poppigere Gitarren-angehauchte, Roskow arbeitet eher fusig. Aber wir alle haben die jazzigen und souligen Sachen als Roots, suchen trotzdem auch in der Rock-Section nach Stücken, überall. Wir fahnden immer nach dem Stück, das einen ganz bestimmten Vibe hat.“ Umso lobenswerter, dass die Suche nach dem Vibe auch beim Schreiben und Arrangieren eigener Songs stets im Vordergrund steht. Nachdem nun das letzte Album mit eigenen Kompositionen schon wieder sechs Jahre zurückliegt, beweisen Jazzanova mit „Of All The Things“ – treffender könnte das Album nicht betitelt werden – einmal mehr, mit welch sicherem Gespür sie immer neue Klangwelten entdecken und für ihren Sound zu nutzen wissen. „Open minded“ war schon seit jeher das Kredo des Sextetts, wobei die Abwechslung das eigentlich Entscheidende ist – und zugleich die größte Herausforderung. Neben Soul-Legende Leon Ware (komponierte und produzierte u. a. Marvin Gayes Album „I Want You“) konnte man diesmal u. a. Hip-Hopper Phonte von Little Brother und Paul Randolph aus Detroit für das Projekt gewinnen. Obwohl die Platte – und vor allem die Single ,Let Me Show Ya‘ – weiterhin wunderbar in die Clubs passt, war das nächste Ziel irgendwann klar: mit Live-Band auf die Bühne und eine Tour durch Deutschlands Konzerthallen. Auf das Lineup der Gastmusiker bei dieser Tour darf man gespannt sein. Auf alles andere natürlich auch, denn wie immer gilt bei Jazzanova die „Freiheit des Hörens“ (Stefan Leisering). ||

g Text: Anja Borschber g Bru van ze Rin Foto:

ilian Vieira kommt 1989 von Teresópolis, Brasilien, nach Holland. Ihr Vater ist Direktor einer Sambaschule ihrer Heimatstadt im Bundesstaat Rio de Janeiro. Am Rotterdamer Konservatorium beginnt die Brasilianerin ein klassisches Gesangsstudium und singt bereits jetzt nebenbei für lokale Bands und Projekte. 1998 lernt sie den aus München stammenden Keyboarder Stefan Schmidt und den niederländischen Schlagzeuger Stefan „Stuv“ Kruger kennen, die gerade am SfeQ-Album „United Volume 2“ arbeiten. Die drei verstehen sich auf Anhieb – auch und ganz besonders auf musikalischer Ebene. Ihr erstes gemeinsames Projekt taufen sie „Rec.a“, doch bereits ein Jahr später veröffentlichen sie ihre erste Platte unter dem Namen „Zuco 103“. Seit eben diesem 1999 erschienenen Debütalbum namens „Outro Lado“ hat sich vieles getan. So gelten Zuco 103 heute als die Begründer einer derweil sehr populär gewordenen Musikrichtung, dem Brazilectro, bekannt von unzähligen Compilations à la Café del Mar. Ihr Sound kombiniert brasilianische Rhythmen und elektronische Klänge und liegt wohl irgendwo zwischen Samba, Jazz, Electrobeat, Pop und Minimalismus. Allerdings setzt sich Zuco 103 eindeutig ab vom allzu glatten Brazilectro-Einheitsbrei. Auf dem zweiten Album der Band „The Other Side Of Outro Lado“ aus dem Jahre 2001 gaben bereits Remix-Größen wie Bossacucanova, Funky Lowlives und London Elektricity ihr Stell-dich-ein und mischten ausgewählte Stücke des Debütwerks clubtauglich ab. Und auch auf dem 2005er-Album „Whaa!“ sind

L

Klänge prominenter Gastmusiker zu hören: Dub-Legende Lee „Scratch“ Perry, der Mestizo-Künstler Dani Macao aus Barcelona und auch Bossa-Pionier Roberto Menescal waren bei der Entstehung der fünften Platte mit an Bord. In den letzten Jahren tourten Lilian, Stefan und Stefan dann mit einigen Gastmusikern und ab und an einem unterstützenden DJ unermüdlich durch ganz Europa und Amerika – und das trotz Lilians Flugangst. Sie bestritten unzählige Konzerte und machten sich 2007 zur Promotiontour auf nach Brasilien. Bei einem Benefizprojekt machte Zuco 103 zusammen mit der Wohltätigkeitsorganisation Ibiss Demo-Aufnahmen mit jungen Bands aus den brasilianischen Favelas. Nicht nur die Jugendlichen aus den Armenvierteln waren begeistert, auch für das Trio war das Projekt eine unvergessliche und besondere Erfahrung, die die folgenden Aufnahmen in den Toca do Bandido Studios von Rio de Janeiro stark prägen sollte. Ihr neues Studioalbum „After the Carnaval“ ist nun bereits das sechste Werk. Inspiriert durch die vorausgegangene Reise und unterstützt von Gitarrist Sergio Cavazzioli und Perkussionist Marcos Suzano entstanden die Stücke für das neue Album fast wie von selbst. Und statt Computerbeats und Samples, die auf den bisherigen Alben dominierten, steht die aktuelle Platte ganz im Zeichen einer stetigen Weiterentwicklung und besticht nun vorwiegend mit handgemachten Sounds. Natürlich steht auch diesmal die sanfte Stimme von Vieira wie eine unverzichtbare Konstante im Mittelpunkt ihrer Musik. ||

Record: OF ALL THE THINGS

Record: AFTER THE CARNAVAL

Label: VERVE

Label: WORLD CONNECTION

Anspieltipp: LET ME SHOW YA + I CAN SEE

Anspieltipp: NUNCA MAIS uptown strut

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Frisch auf unserem

„Kind of Blue“ nimmt allerdings immer noch

rem Album „Freedom no go die“ aus dem letzten

Brown Klassikern einen gehörigen Afrobeat-

eine Sonderstellung ein. Nicht nur, weil es heu-

Jahr etwas mehr wahrgenommen. Was immer

Anstrich. Sicherlich gibt es unzählige Homma-

te immer noch regelmäßig in den Charts auf-

noch zu wenig erscheint, hört man den Groove

gen an den „Godfather of Soul“, dieses Album

taucht. Es ist einfach ein Album, das noch heu-

dieser Band. Gerade in Großbritannien gibt es

vereint aber die unglaubliche Kraft des „Mr. Dynamite“ mit der Musik des „Afrikanischen

te fast jeden ganz gleich welchen Alters überall

zurzeit scheinbar monatlich eine Band, die dem

PLATTENTELLER

auf der Welt verzaubert. Was mich betrifft, so

Rest zu zeigen scheint, wo der Soundhammer

James Browns“: Fela Kuti. Das passt und macht

bin ich jedesmal ein wenig dankbar, dass ich zu

hängt. Die Zeiten für Fans des authentischen

Sinn. Der Longplayer startet mit „Soul Power“.

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

den Glücklichen gehöre, die diese Platte besitzen

60s-Sound stehen 2008 besser denn je. Die

Darüber hinaus finden sich auf dem Album JB-

– obwohl sie ja fast jeder im Schrank stehen hat.

Antibalas aus New York haben ja schon sehr

Hits wie „Please, Please, Please“, „Think“ oder

Immerhin kann man jetzt noch einen drauf-

progressive Afrobeat-Entwürfe in den letzten

„The Popcorn“. Die internationale DJ-Szene zeigt

Jahren vorgelegt.

sich begeistert: Acid Jazz-Veteranen wie Snow-

Foto: Oliver Barmbold

legen: Die eingangs erwähnte 50th Anniversary Edition, die Columbia feierlich ausgestattet hat,

Die Kanadier zeigen auf „Manifesto“, dass sie

enthält u. a. neben der Reissue aus dem Jahr ‘97

die polyrhythmischen Klangwelten zwischen

und die Texte zeigen, wer ich bin und wie ich

made in heaven“, meinte Jimmy Cobb einmal. Er

eine blaue Vinylpressung des Albums neben ei-

Jazz, Funk, Soul und eben Afrobeat sehr gut be-

fühle“ so Downes. Ehrlichkeit zu sich selber und

selbst war der Drummer im Sextett und hätte

ner Dokumentation auf DVD. Des Weiteren gibt

herrschen und studiert haben. So haben sie be-

dem Publikum zahlt sich halt immer aus – so

sich damals nie erträumen lassen, welchen

es erstmals veröffentlichte Studiosequenzen der

reits mit den Dap-Kings, Soul-Ikone Etta James

weiß „All in a Day“ mich absolut zu überzeugen

Stellenwert dieses Album in der Jazzgeschichte

Sessions und weitere Aufnahmen der Kind-of-

oder Femi Kuti, dem Sohn des Erfinders des

und ich bin gespannt auf mehr.

(oder sollte man besser sagen: in der Musik-

Blue-Besetzung.

Afrobeats, bereits die Bühne geteilt. Auf diesem

Thomas Berghaus

geschichte) einmal einnehmen sollte. Das Ku-

Und hier noch ein Lesetipp: Wem diese Plat-

etwas klein geratenen Album zeigen sie, dass sie

riose war ja, dass das Album mal eben in neun

tenbesprechung nicht ausführlich genug war

die ganze Bandbreite beherrschen – scheinbar je-

Stunden aufgenommen wurde – und noch er-

oder wer mehr über die „Kind-of-Blue-Sessions“

doch vor allem eine tiefe Liebe zu der Musik he-

staunlicher, dass Miles zu den Aufnahmen nur

erfahren möchte, der kann dies mit Ashley

gen, die Ende der 60s aus Nigeria in die Welt

mit wenigen musikalischen Skizzen ankam: ein

Kahns extrem ausführlicher Plattenrezension

schwappte. „Paraside“ dokumentiert das ein-

paar Skalen, die lediglich als Fundament dien-

(es ist eigentlich ein Buch) nachholen:

drucksvoll und strotzt vor Energie. Selbst die

   1/2

ten für die improvisatorischen Höhenflüge aller

Ashley Kahn „Kind of Blue – die Entstehung

beteiligten Musiker. Davis, der die Spontanität

eines Meisterwerks“, Rogner und Bernhard,

durch ihre Intensität zu überzeugen. Und wie es

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

erhalten wollte, gab teilweise während der Auf-

Hamburg 2002.

sich für Movement-Music gehört, hat auch

nahmen noch seine Anweisungen, tauchte hin-

STEE DOWNES Record: ALL IN A DAY Label: SONAR KOLLEKTIV ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– „All in a Day“ nennt sich das Debut-Album des



Iren Stee Downes. Stee Downes ist Multiinstru-

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

mentalist, so beherrscht er neben dem Gitarrenund Bassspiel auch das Musizieren mit Keyboards. 2002 zog es Downes nach Amsterdam, wo er verstärkt anfing, an seiner Karriere als Sänger und Songwriter zu arbeiten. Auftritte im Vorprogramm von Amp Fiddler oder Money

MILES DAVIS Record: KIND OF BLUE 50TH ANNIVERSARY EDITION Label: LEGACY / COLUMBIA –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

sich Stee Downes gemeinsam mit dem befreun-

Am 2. März genau vor 50 Jahren fand die ers-

Thomas Berghaus

ruhigen Töne („Grasshopper & Toad“) wissen

„Manifesto“ durchaus den Anspruch, sozialbzw. gesellschaftskritische Botschaften zu kik-

   1/2

spielst als nächster“. Davis meinte dazu einmal,

ken („State Terrorism“). Dieses Album zeigt, wie

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

dass der eigentliche Trick darin liegt, dass du

man leidenschaftliche Musik von der Bühne auf

herausragende Musiker brauchst (das hatte er

Plastik transportieren kann. Hier paart sich

von Charlie Parker gelernt). Du stellst sie ins

Weltmusik mit sattem Funk und einigem mehr

Rampenlicht, gibst ihnen nur ein paar wenige

– denn an musikalischem Reichtum fehlt es hier

Anweisungen und sie werden über sich hinaus-

nicht.

TRIO VALORE Record: RETURN OF THE IRON MONKEY Label: RECORD KICKS –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

wachsen.

Peter Hagen

Die Kind-of-Blue-Besetzung – John Coltrane,

Die Strategie, mit einer Coverversion auf

Julian „Cannonball“ Adderley, Paul Chambers,

sich aufmerksam zu machen, ist so alt wie das

Jimmy Cobb, Wynton Kelly und Bill Evans – sie

Musikbusiness selbst. Oft gab es da völlig unin-

alle wussten nicht, was bei diesen Sessions her-

spirierte Nachahmungsversuche, die man so-

auskommen würde (sie kannten ja noch nicht

fort in die Tonne kloppen konnte. Das ist zugegebenermaßen sehr oft passiert – gerade im

ist: Sie waren alle Meister ihrer Klasse. Jedes-



Mainstream war das ja schon immer eine Mode.

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Von diesen Untiefen des schlechten Geschmacks

deten Produzenten ISHFAQ in dessen Studio in

te von zwei Sessions des legendären Miles Davis

mal, wenn ich die Platte auflege, wundere ich

Kroatien zurück, wo die beiden gemeinsam

Sextetts statt. Das Album bekam später den Titel

mich über diese unheimliche Gelassenheit, die

Downes Debut „All in a Day“ erarbeiteten.

„Kind of Blue“ – es wurde das meistverkaufte

„Kind of Blue“ ausstrahlt. Cobb erinnert sich

Album der Jazzgeschichte. Manch einer wird

noch heute gut an die Atmosphäre bei den Auf-

Downes ist sicherlich nicht der Einzige, der

„Funk for the 21st century!“

ter dem Rücken seiner Mitstreiter auf sagte: „Du

mal die spärlichen Notationen von Miles). Fakt

Mark folgten im Jahre 2006. Im April 2008 zog

Stefan Riese

boy oder Eddie Piller kommen ins Schwärmen:

Künstler wie Stevie Wonder, Donny Hathaway

sich jetzt an dieser Stelle schon fragen, ob eine

nahmen: „ ... als wir dann loslegten, klang es

oder James Brown zu seinen Einflüssen zählt –

weitere Lobhudelei des Albums notwendig ist

sehr schön und flüssig. Überhaupt nicht ange-

entscheidend ist halt immer, wie sich diese

– und ich gebe zu: Über dieses Album ist schon

strengt – es gab keine Anspannung –, einfach

Einflüsse bemerkbar machen und ob es einem

alles berichtet worden.

locker. Die Band klang immer gut!“

ist der flotte Band-Dreier weit entfernt. Ihre ver-

THE SOULJAZZ ORCHESTRA

jazzte Version des Amy-Winehouse-Megasellers

Record: MANIFESTO!

„Rehab“ hat auf 7inch-Format weite Kreise gezo-

Label: DO RIGHT! MUSIC

gen. Diese drei englischen Jazzmen lieben es

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Afrobeat an allen Ecken. Herrlich zu sehen,

Künstler gelingt, einen eigenen Ausdruck zu

Zwei Gründe bewegten mich zu dieser Re-

Was „Kind of Blue“ außerdem auszeichnete,

dass das Erbe von Fela Kuti so viele Musikanten

finden. Bei Stee Downes ist dies zweifellos der

zension: 1) der 50. Geburtstag, zu dem nun die-

war der vollkommen neue „modale“ Ansatz des

begeistern kann wie lange nicht mehr. Ob es

Fall. Auch beim Produzieren gehen Downes und

se wunderbare Deluxe-Edition zusammengestellt

Sextetts. Während einem zuvor beim Bebop die

sich um eine weitere halbgare Ausgeburt han-

ISHFAQ behutsam vor: klassische Instrumente

wurde, und 2) einige Leute, die dieses Album im-

Harmoniewechsel um die Ohren geflogen sind,

delt, die auf den Zug des Retro-Wahnsinns auf-

wie Gitarren oder ein Fender Rhodes treffen auf

mer noch nicht kennen (ja, es gibt sie ...).

konzentrierte Miles sich nun nur noch auf weni-

springen musste, kann man sogleich verneinen,

zeitgemäße Beats. Jazz- und Latin-Rhythmik be-

Glorifizierungen von Alben wie „Kind of Blue“

ge Skalen. Herbie Hancock bringt die Essenz des

wenn es um das Souljazz Orchestra geht. Die

leben das Album und geben dem Material für ei-

sind nicht so ganz meine Sache, was zum Teil

Albums auf den Punkt: „(Miles) wanted to cap-

Multikulti-Kapelle aus Ottawa / Kanada besteht

hörbar, coolen Uptempo-Jazz mit einer Affinität    1/2 –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

KOKOLO Record: HEAVY HUSTLING Label: RECORD KICKS –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

zu funkigen Grooves mit leicht latinesken Anfällen zu basteln. Die Tanzfläche ist das Ziel und damit auch der Auftrag ihrer Platte „Return of the iron monkey“. Dancefloor-Jazz- Grooves findet man auf ihrem Albumdebüt en masse. Insider zögern nicht, sich mit hormongeschwängerten Äußerungen zurückzuhalten, wenn es um die Sounds geht, die vor allem durch ihren Drive und abgefahrenen Hammond-Wahnsinn

ne zeitgenössische Soul-Produktion ungewöhn-

auch daran liegen mag, dass man den Eindruck,

ture the spirit of discovery in the music“. Be-

zwar seit inzwischen sieben Jahren und hat ei-

„Heavy Hustling“ ist das vierte Studioalbum

überzeugen. Steve White, Damon Michella und

lich viel Drive. „All in a Day“ sei ein ehrliches

den ein solches Album hinterlässt, kaum mit

schäftigt man sich mit Davis’ Discography, so

nen vorzüglichen Ruf als Live-Combo, jedoch

des New Yorker Kokolo Afrobeat Orchestra. Auf

Seamus Beaghen zeigen, dass sie nicht nur an

Spiegelbild seiner selbst: „Das Feeling der Songs

Wörtern ausdrücken kann. „It must have been

trifft das sicherlich auf alle seine Alben zu.

hat eine breitere Öffentlichkeit sie erst seit ih-

„Heavy Hustling“ verpassen Kokolo alten James

Jazz als Tanzmusik glauben, sondern dass sie

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uptown strut

uptown strut

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es vorzüglich umsetzen können. Mit „Pintura

„Contemporary Funk“ passt, obwohl es sich um

zeichnete David Godin die Musik, die in den frü-

aus clubtauglich und stilistisch um Vielfalt be-

vorragende Version von „A Hard Days Night“

Negras“, einer ihrer inzwischen schon berüch-

zeitgenössische Künstler handelt, perfekt in

hen Siebziger Jahren in nordenglischen Soul-

müht ist, kann sie trotz mancher origineller An-

von Tony Osborne and his Orchestra hinweisen.

tigten und live erprobten Interpretation des

den Katalog des Labels. Songs wie „Go-Go-

clubs gespielt wurde und sich so ganz von der

sätze nicht immer voll und ganz überzeugen.

Beatles als Mambo gab es also bereits 1967.

Rolling-Stones-Klassikers „Paint it black“, ha-

Train“, gesungen von „Big Joe Luis“ und einge-

anderer Soulclubs unterschied. Weniger von

ben sie auf dem Album auch einen heißen An-

spielt von den Finnischen Soul Investigators,

Philly, Funk und Disco, dafür aber von obsku-

wärter auf den Genre-Smash des Jahres. Wer

könnten wirklich genauso auch 1968 aufge-

ren Minilabels der Sechziger Jahre und ihrem

Texte – ein Reinhören entfällt völlig, man ist di-

sagt denn bitte, dass es an wirklich cooler

nommen worden sein. „Fallin’ In Debt“ von

Motown-ähnlichen Sound geprägt war dieser

rekt mitten drin. Mayka Edjoles Stimme und der

Mucke fehlt?! Trio Valore ... great stuff! Peter Hagen

   1/2 –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

V. A. Record: CONTEMPORARY FUNK Label: TRAMP RECORDS –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Stefan Riese

Und dennoch macht „Fab Guiro!“ richtig Spaß! Natürlich kennt jeder die Melodien und

„DeRobert & the Half-Truths“, das im Dezember

Sound, zu dem sich junge Menschen die Seele

Einsatz von peppigen Bläser-Sätzen geben den

2008 als 7inch bei G.E.D. Soul erschien, wäre bei

aus dem Leib tanzten. Eben jener Sound wird auf

Stücken eine angenehm soulige Note, wer hät-

mir auch als typische Tramp Re-Issue durchge-

diesem Album wieder belebt und tatsächlich in

te das gedacht: die Begründer der englischen

gangen. Und genau das ist es auch, was insge-

standesgemäßer Qualität. Die Band groovt und

Pop-Invasion können auch richtig nach Soul

samt über diesem Sampler schwebt:

die Gesangsleistung, für Soulbands regelmäßig

klingen, und das mit einem Hauch von Jazz.

Der Sound ist noch rauer als der vieler ande-

die Achillesferse, lässt nichts zu wünschen übrig.

Alexander Maczewski und Kai Vester haben



re Funk-Bands unserer Tage. Alles klingt wie

Besonders beeindruckend ist aber das Song-

mich bereits mit ihrem Mambo-Club-Album

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

gerade erst aus irgendeiner längst vergessenen,

writing, denn es gibt keine Coverversion auf

überzeugt, auch auf „Fab Guiro!“ hört man, dass

40 Jahre alten Kiste neu entdeckt. Was an dem

dem Album. Gerade die Northern Soul-Puristen

die beiden den Mambo nicht nachspielen, son-

Album jedoch völlig fehlleitet, ist der Titel. Denn

sollten sich die CD wenigstens für die Autofahrt

dern wirklich verinnerlicht haben. Viele Acid-

„Contemporary Funk“ klingt alles andere als

zum nächsten Niter zulegen, anstatt zu versu-

Jazz-Fans wird es zudem freuen, dass das

„heutig“. Sollte es also wirklich eine Funk-Szene

chen nur Singles zu kaufen, die sie schon 1000



geben, so freut es mich, dass deren Anhänger

mal gehört haben, jedes Wochenende wieder hö-

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

langsam anfangen, auch die zu würdigen, die je-

ren und die ihnen auf ebay doch wieder nur je-

ne Musik am Leben erhalten. Und genau da-

mand für den doppelten Peis des Wertes weg-

zu tragen alle Musiker auf dieser Compilation

schnappt.

BEN FROM CORDUROY

Album bisweilen sogar an Corduroy erinnert. Zumindest immer dann, wenn Ben Addison (des-

Volker Fritze

gern zusammen. Denn das, was DJs „Deep-Funk“

Record: STEAM Label: SOCIAL BEATS / UNIQUE RECORDS –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

sen Bruder Scott als Gitarrist auch mit von der Partie ist) selber Gesangsparts übernimmt.

Record: FAB GUIRO!

mehr bei, als Kep Darge mit all seinen DJ-Jün-

LAURA VANE & THE VIPERTONES

Thomas Berghaus

Label: UNIQUE RECORDS

„Steam“ ist eine Vorab-Auskopplung aus dem kommenden Album der Niederländisch / Englischen Formation „Laura Vane & the Viper-

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

tones“. Das Projekt wurde von dem Produzen-

nennen, ist Musik, die in erster Linie live ge-

ten-Duo Ton van der Kolk und Phil Martin ge-

spielt werden muss und die auf eine Bühne ge-

2006 feierte man bei Unique Records den hun-

hört. Das Auflegen von Platten ist immer nur

dertsten Release mit dem Album „Unique 1hun-

‘Diesler’ Radford ins Leben gerufen. Diesler

Reproduktion und damit automatisch nur zwei-

dered“. Hier spielte die Düsseldorfer Mambo-

kennen wir bereits vom englischen Label Tru

te Wahl. Wir sollten uns alle wieder ein wenig

Combo „Lex Easy & the Mambo Club“ in einem

Thoughts, van der Kolk und Phil Martin sind

darauf besinnen, dass der eigentliche Künstler

Best-off Stücke aus dem Unique Katalog in

die Köpfe vom Afro-Beat Projekt AIFF und spie-

meinsam mit dem DJ und Producer Jonathan

Man muss nur einmal aufmerksam durch

vor allem der Musiker ist und nicht der „Digger“,

Mambo-versionen. Dieses Album muss wohl

len zudem in Bands wie den Soul Snatchers oder

dieses Heft blättern und stellt fest: Funk aller-

der ihn ausgräbt. „Contemporary Funk“ beweist

auch beim Musikriesen SONY auf Gefallen ge-

den Jazzinvaders auf ihrem Label „social beats“.

orts. Immer häufiger ist die Rede von einer

eindrucksvoll , dass es diese Musiker auch heu-

stoßen sein, denn SONY beauftragte kurzer-

Diesler fertigte bereits Remixe für die Nie-

Szene, einer Bewegung, dem großen Revival des

te noch gibt.

hand Unique, respektive Unique-Künstler mit

derländer, beispielsweise für AIFF, auf de-

der Mambosierung alter Beatles-Hits. Dabei her-

nen auch bereits Laura Vane zu hören war

rauen, originalen Funks der späten 60er- und

Thomas Berghaus

frühen 70er-Jahre. Irgendwie hat man schon zu

aus kam das Album „Fab Guiro!“, das im No-

viele Trends erlebt. Bedenkt man wie „out“ bei-

vember 2008 auf Unique erschien. Zur Reali-



men. Laura Vane stammt aus Brighton und war

sation dieser Auftragsarbeit fand sich ein wah-

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u.a. auch schon auf dem grandiosen Album

spielsweise der Acid Jazz der 90er heute er-

  1/2

scheint, so möchte man all diesen Bands und DJs

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

nur wünschen, dass sie und ihr Sound nicht

V. A.

ganz schnell wieder in Vergessenheit geraten.

Record: NAT KING COLE / RE:GENERATIONS

Was man jedoch als einen sichern Indikator für

Label: CAPITOL

eine ernst zu nehmende Szene sehen kann, ist, dass es neben den Vorzeige-Acts, die es geschafft

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haben, auch eine breite Basis, einen Bodensatz

res Unique-all-star-Team zusammen. Produziert wurde das Album von Ben Addison, der als „Ben from Corduroy“ dem Projekt auch zu einem Künstlernamen verhalf. Gesungen wurden die meisten Stücke von der Sweet Vandals Front-

(„Akwaaba“). Und die Chemie schien zu stim-

DOJO CUTS Record: THE 1,2,3S Label: RECORD KICKS

Section mitbrachte. Für den nötigen Mambo-

Die Dojo Cuts sind eine (zumindest für mich)

Flair sorgen Alexander Maczewski (Vibraphone)

neue Funk-Band aus Sydney/Australien. Schaut

erst mit Leben füllen. Und genau diesen Mu-

King Cole mittels alter Filmaufnahmen zusam-

und der Percussionist Kay Vester – beide vom

man auf Bands wie die „Bamboos“ oder „Cook-

sikern hat sich nun der fast-Münchner Tobias

men mit seiner Tochter Natalie auf die Bühne

Mambo Club. Aufgenommen und gemixt wurde

ing on 3 Burners“ scheint die dortige Funk-

Kirmayer auf seinem Label Tramp angenommen.

brachte und sie zusammen mit „Unforgettable“

die Platte schließlich von Matz Flores (Compost

Szene zu florieren. Die Dojo Cuts mit Roxy Ray

einen seiner größten Hits performten, war

Black Label).

an den Vocals reihen sich hier nahtlos ein.

unter den Labelmachern wahrgenommen, der es sich nun zur Aufgabe gemacht hat, uns auf seiner Compilation „Contentoorary Funk“ zu beweisen, dass heute Funk nicht nur von den DapKings, den Bamboos oder den New Mastersounds gespielt wird, sondern eben auch von

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THE KITCHENETTES Record: SPEAK UP (WHEN YOU SAY LOVE) Label: COMPASEDISQUES –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

vielen, vielen anderen. Alleine dafür zeugen wir

NEUERSCHEINUNGEN

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man sichtlich gerührt. Vater und Tochter dank

Was kann man erwarten von einem Beatles-

„The 1,2,3s“ ist eine Vorab-Single aus dem

Cover-Album? Sicher, Beatles-Cover gab es in

Album, das noch im April diesen Jahres auf

spielen wir regelmäßig in

Dank. Heute sind solche Hommagen unter Ver-

den vergangenen 40 Jahren mehr als genug.

Record Kicks erscheinen wird. Auf der B-Seite

unserer monatlichen Radiosendung,

wendung alter, originaler Tonspuren das Natür-

Von der Beatles Cover Band mit original Pilz-

hören wir eine Cover-Version des Mary Queenie

der uptown strut revue.

lichste der Welt. Zum 90. Geburtstag des Sän-

Köpfen auf dem Stadtfest in Moers bis hin zu ei-

Lyons-Hits „See and don’t see“ – über das Stück

gers bringt Capitol nun eine liebevoll gemeinte

gentlich jedem Hochzeits-Alleinunterhalter ge-

hatten wir in der letzten Ausgabe bereits an zwei

Jeden ersten Sonntag im Monat

Hommage auf den Markt, die mit Beiträgen von

hört mindestens ein Cover der Fab Four ins

Stellen berichtet. Das Cover erreicht natürlich

um 18.00 Uhr auf www.soulsender.de

„True Northern Soul!“ ist auf der Innenhülle

u. a. The Roots, Nas, Amp Fiddler oder auch TV

Repertoir. Auch die Idee, das Material in La-

nicht annähernd das Original, die A-Seite kann

Respekt. Tramp ist zunächst gerade für seine

der CD vermerkt und damit ist das musikalische

On The Radio jede Menge „hippes“ Potential auf-

tin/Mambo-Form darzubieten ist nicht wirklich

jedoch überzeugen.

Re-Issues von altem Material bekannt und

Programm vorgegeben. Als Northern Soul be-

weisen kann. Obwohl die Platte teilweise durch-

neu. An dieser Stelle möchte ich z. B. auf die her-

uptown strut

Thomas Berghaus

modernster Technik vereint – dem Himmel sei

Tobias und Tramp Records schon mal höchsten

16

jekt. Wir warten gespannt auf das Album.

Frau Mayka Edjole, die auch gleich ihre Horn-

Als man 1991 den längst verstorbenen Nat

   1/2

dies sind die Zutaten für ein spannendes Pro-

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von Musikern gibt, die eine Bewegung eigentlich

Wir haben Tobias schon immer als Idealisten

„Second to None“ von Hardkandy zu hören. All

–––––––––––––––––––––––––– Thomas Berghaus

uptown strut

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Was gönnt sich eine Plattenfirma zu einem großen, runden Geburtstag?

Text: Anja Borschberg Illustration: Stefan Riese

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uptown strut

Na klar: Ein „ Best Of “-Album! Auch Mr Bongo bringt darum zum 20-jährigen Bestehen seine persönliche Hitsammlung raus. Mit allem drauf, was das Londoner Label auszeichnet: Highlights der Vergangenheit, aktuelle Projekte und Wegweisendes für die Zukunft. Damit zeigt die britische Plattenfirma alle Facetten ihrer Label-Geschichte: von Brazilian bis Latin, von Hip Hop bis Funk und von House über Afrobeat, Jazz und Reggae bis hin zu Drum’n’Bass – ein Album, das wie sein Musiklabel vor Vielfältigkeit nur so strotzt. Dabei hatte alles so bescheiden angefangen – in einem kleinen Laden namens Daddy Kool’s Reggae Shop in einem Keller auf der Londoner Berwick Street: Zu Beginn importierte man ausschließlich Latinmusic aus Lateinamerika, Cuba und den USA, aber schon Anfang der 90er Jahre erweiterte Mr Bongo sein Sortiment um die Hip-Hop-Sparte. Man verkaufte Platten unabhängiger kleiner US-Labels, deren Sound man heutzutage wohl als Oldund Mid-School Hip Hop bezeichnen würde – dazu gehörten beispielsweise auch Dr. Octagon und Mos Def. Das Label förderte einheimische HipHop-Künstler, und alles, was in der Szene Rang und Namen hatte, machte von nun an einen Tour-Stopp bei Mr Bongo. Zweimal musste der Plattenladen noch umziehen, bevor er schließlich seinen endgültigen Standort in der Poland Street in London fand. 1995 eröffnete das Label eine Zweigstelle in Tokyo und brachte Aufnahmen von Kaori’s „Good Life“, „Samurai“ von Jazztronik und „Love Love Mode“ von Dimitri from Tokyo heraus. Ungefähr zur selben Zeit veröffentlichte Mr Bongo einige Brasilianische Klassiker von Joyce, Marcos Valle und Os Ipanemas, gefolgt von Stücken der schwedischen Sängerin Doris, Labi Siffre und Songs von Charlie Palmieri aus den Montuno Sessions.

Das 2001er Album „Alive“ von Terry Callier, deren Aufnahmen im Jazz Café das Label drei Jahre Blut und Schweiß gekostet hat, brachte schließlich den Durchbruch für Mr Bongo. Im Brightoner Tonstudio folgte nun eine Aufnahme der anderen: von Pedro Martins und seiner Band Bazeado, Bukky Leo, Mr Hermano über Terry Callier bis hin zu Mitchell & Dewbury. Im neuen Jahrtausend erweiterte die Plattenfirma ihre musikalischen Grenzen um den Afrikanischen Kontinent. Es entstanden Veröffentlichungen von den Nigerianischen Afrobeat-Musikern Bukky Leo, Lekan Babalola und – nicht zu vergessen – Fela Kutis Sohn Seun, dessen Background-Sänger des Albums einst Mitglieder der väterlichen Band „Egypt 80“ waren. Man setzte die Reise über Ghana und Südafrika bis in den Senegal fort und arbeitete zusammen mit der britischen Hilfsorganisation Bottletop an musikalischen Projekten. Raus kamen dabei unter anderem ein Album von The Mothers und französischsprachiger Hip Hop von Awadi, Frontmann der senegalesischen Band Positive Black Soul. Mit dem Brasilianischen Hip Hopper Marcelo D2 und seiner Band tourte Mr Bongo weltweit: Angefangen bei den MTV Awards in Portugal 2005 bis hin zu einem Auftritt in Los Angeles 2007, bei dem auch Sergio Mendes sein Stelldichein gab. Im selben Jahr brachte das Label eine CD-Box seiner Brazilian-Beats-Reihe heraus, auf deren Pilot aus dem Jahr 1999 auch ein Kenny-Dope-Remix des Stückes „Masters At Work And Lilliana“ zu hören ist – ein Song, der sich zwischenzeitlich zu einer wahren Club-Hymne gemausert hat. Neben dem üblichen Musik-Business ist Mr Bongo seit einigen Jahren nun auch zunehmend in der Werbebranche tätig: Man besorgt und produziert Musik für Werbespots und Brands wie Adidas und Nike und arbeitete bereits für Fosters, Nissan X-Trail. Für den absolut gelungenen Guinness-Schneckenrennen-Werbespot remasterte Mr Bongo Beny More’s Song „Barbarabatiri“. Inzwischen hat das Label sogar eigene, kleine Studios neben den Büros in London und Los Angeles eingerichtet – extra für die Produktion von Werbe-, Film- und Fernsehmusik. Das aktuellste Kapitel der Mr BongoArbeit ist jedoch das Projekt „Mr Bongo Films“, das aus der Affinität zum interna-

tionalen Sparten- und Programmkino jenseits der Tore Hollywoods entstanden ist. 21 von Mr Bongo als Klassiker gekürte Filme sind bereits wieder neu veröffentlicht. Darunter z. B. „I Am Cuba“ von Mikhail Kalatozov aus dem Jahre 1964 oder Wojciech Jerzy Has’ Film „The Saragossa Manuscript“ aus dem selbigen Jahr. Getreu dem Firmengedanken des Labels, versucht auch Mr Bongo Films viel zu unbekannte Raritäten wieder aufleben zu lassen, und zeigt dabei stets gutes Gespür. Um das Hochglanzbild der Firmenhistorie schlussendlich noch zu komplettieren, darf eines wohl nicht unerwähnt bleiben: Das soziale Engagement. Denn neben all dem kommerziellen Erfolg hat Mr Bongo auch noch Muße für caritative Projekte. 1994 gründete David Buttle, Gründer des Labels, die Street Angels UK – Ableger der Hilfsorganisation Street Angels, die 1988 in Kanada ihre Arbeit aufnahm und deren Hauptziel es ist, Kinder aus Salvador in Bahia, Brasilien vor einem Leben auf der Straße zu schützen. Mr Bongos Street Angels sammelt in England Gelder mit Hilfe von musikalischen Projekten und unterstützt mit den Einnahmen beispielsweise den Bau von Schulen und Krankenhäusern in den Favelas. Was bleibt uns da noch zu sagen? Mir fällt nur eines ein: Herzlichen Glückwunsch und ein Hoch auf viele neue Projekte in den nächsten 20 Jahren. Wir sind gespannt! ||

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V.A. Record: MR. BONGO – THE BEST OF Label: MR. BONGO RECORDINGS ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

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––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Eine Dokumentation über die New Yorker South Bronx: Musikgeschichte vom Mambo der späten 40er Jahre bis zur Geburt des Hip Hops in den 70ern.

FROM MAMBO TO HIP HOP ––––––––––––––––––––––––––––––––––– Text: Anja Borschberg Illustration: Stefan Riese

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„In den Schulen waren die Esstische unsere Percussion-Instrumente. Wir spielten Clave mit unseren Löffeln.“ sagt Schlagzeuger Manny Quendo, der in den 40ern Student an der P. S. 52- Schule in New York war. Der Fernsehfilm „From Mambo to Hip Hop“ stellt die lateinamerikanisch geprägten Viertel und Gemeinden der südlichen Bronx vor, deren Bewohner es mit ganz spartanischen Mitteln schafften, die Popkultur weltweit zu prägen und nachhaltig zu verändern. Er beleuchtet dabei zwei lateinamerikanische Generationen, die praktisch in denselben Straßen aufwuchsen und beide Rhythmus und Musik als ihre Form der friedlichen Rebellion nutzten: Für die Eltern-Generation war das der pulsierende Rhythmus aus Cuba – der Clave –, für die Generation ihrer Kinder war es der Rhythmus des Raps. In der Nachkriegszeit lag in der Gegend zwischen der Bronx und Longwood/ Hunts Point Musik in der Luft: Hier lebten damals hunderte lateinamerikanische Musiker, zu denen u. a. auch Tito Puente, Tito Rodriguez, die Palmieri-Brüder und Johnny Pacheco gehörten. Die meisten von ihnen wuchsen schon in dieser Gegend auf oder waren aus East Harlem oder gar direkt aus Puerto Rico und Cuba zugezogen. Sie alle machten Musik und übten daheim oder im Hof, auf den Dächern und Straßen des Viertels, in Gemeindezentren und Tanzlokalen. Sie benutzten afro-kubanische Rhythmen und Stile wie Son, Charanga, Cha-Cha-Cha und Mambo und arrangierten sie neu. So entstand ein einzigartiger New Yorker Latino-Sound, der bald darauf den Namen Samba trug und ungefähr drei Jahrzehnte später Grundlage für den vibrierenden Rhythmus des Hip Hops sein sollte. Dutzende von Festsälen, Clubs und Theatern wurden damals in der Bronx eröffnet, so auch beispielsweise der bekannte Hunts Point Palace, das Tropicana, die P. S. 52-Schule, die Musiker ausbildete und wöchentlich Tanzveranstaltungen schmiss und nicht zuletzt die beiden legendären Plattenläden Casalegre und Casa Amadeo. Der Zusammenbruch dieser Musikszene kam in den Siebzigern und damit

praktisch gleichzeitig mit den überhand nehmenden Bränden in einigen Vierteln der Bronx. Viele Clubs der alten Schule mussten dicht machen. Doch zu dieser Zeit blühte eine neue Musikrichtung auf: Es war die Geburtsstunde des Hip Hops, als Anfang der 70er Jahre eine neue, junge Generation aus Schwarzen und Latinos Parties und Jam-Sessions in Schulen, Kellern oder auf Spielplätzen feierten – wie vor ihnen einst die Salsa-Musiker. Sie schlossen ihre Plattenspieler, Verstärker und Lautsprecher an die Stromleitungen der Straßenlaternen an und trafen sich dann gemeinsam zum Rappen und Platten auflegen. Eigentlich ist der Film also auch eine Geschichte über den unbändigen Einfallsreichtum der Bronx-Bewohner. Denn die jungen Musiker aus meist armen Verhältnissen kamen mit dem aus, was sie zwischen ihre Finger bekamen: Beim Salsa improvisierten sie mit Auto-Radkappen und Schutzblechen oder sie spielten auf Kanistern und Zäunen; die nachfolgende Hip-Hop-Generation bediente sich ganz einfach am Strom der Straßenbeleuchtung und experimentierte mit den alten Funk- und Salsa-Platten der Eltern und schuf damit ihren eigenen, neuen Sound. Oft wird Hip Hop ausschließlich als Mischung afrikanischer und amerikanischer Kultur gesehen. Aber dabei wird der immense Einfluss der puertoricanischen und anderer lateinamerikanischer Jugend übersehen, die ebenfalls maßgeblich an der Entstehung und kontinuierlichen Weiterentwicklung des Hip Hops in all seinen Facetten beteiligt waren. Ganz nebenbei: Kool DJ Herc – ein Jamaikaner – und Grandmaster Flash – barbadischer Abstammung – stehen auf gleicher Augenhöhe mit NuYoricanischen Künstlern, wie Rock Steady Crew’s Crazy Legs, Ken Swift, Mr. Wiggles and Fable, Charlie Chase von den Cold Crush Brothers, Devastating Tito und Master O.C. von den Fearless Four und den Grafitti-Ikonen Lee Quinones und T-Kid. New Edge Regisseur Luis Chalusian (El Extreme) – selbst Teil der lateinamerikanischen Szene in New York – schaffte es, bei Fernsehauftritten und auch bei einer Podiumsdiskussion im Juni 2008 in der South Bronx auf den Film aufmerksam zu machen, an dem er nun schon so lange und hart arbeitete: Bereits 2002 kam Sleeping Dog Films auf New Edge zu und fragte, ob man die Geschichte und einen dazugehörigen Interview-Teil

für eine Dokumentation namens „From Mambo to Hip Hop“ produzieren wolle. Man wollte. Und so wurde der Film in einer äußerst turbulenten Zeit fertig gestellt. Denn parallel zu den Dreharbeiten der Dokumentation arbeitete New Edge an der Theaterproduktion Spic Chic, ebenfalls von Luis Chalusian. Mit diesem Stück tourte man eine lange Zeit auch in Übersee – Japan, Frankreich, Brasilien, Südafrika und schließlich Deutschland standen auf dem Programm. Im Juni 2004 wurde das Stück am Bonner Opernhaus im Rahmen der Biennale für zeitgenössisches Theater – damals mit Fokus auf die Theatermetropole New York – aufgeführt. „From Mambo to Hip Hop“ ist ein wahrlich gelungenes Werk, das mehr erzählt als nur die Geschichte von Mambo und Hip Hop. Er handelt von der Kraft der Kreativität und davon, wie sie die Gemeinden der südlichen Bronx zusammengeschweißt hat; davon, wie Menschen ihre auch noch so eingeschränkten materiellen Ressourcen dafür nutzten, kulturelle und zivile Erneuerung voranzutreiben, und dies bis heute tun; davon, wie die Bronx-Bewohner sich selbst und ihre Gemeinschaft gerettet und ganz nebenbei viel zur Popkultur weltweit beigetragen haben. Der Film handelt von den Konflikten und Zusammenhängen zwischen Generationen, von der Kraft der Musik und wie sie den Puertoricanern geholfen hat, New Yorker oder besser gesagt NuYoricer zu werden und sich in ihrer neuen Heimat zuhause zu fühlen. ||

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– DVD: FROM MAMBO TO HIP HOP A South Bronx Tale

Label: CITY LORE –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Über die Autorin: Anja Borschberg ist Mitarbeiterin der uptownstrut-Redaktion (borschberg@buero9.de).

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The music and message of Curtis Mayfield and The Impressions –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Text: Volker Fritze Foto: David Reed/Redferns/musicpictures.com

„Ich bin froh, dass an meiner Selbstdarstellung die Weißen kapieren können, dass wir als Entertainer nicht nur Tanzfiguren draufhaben und irgendwas von ,Wackel‘ mit deinem Wackelmann und mach dein Ding’ rumbrüllen. Wir sind auch Menschen, die nachdenken, wir wollen Fortschritt und wir haben Kultur und Identität. Warum sollte ich das nicht in meiner Musik verkaufen?“

ieses der vorliegenden DVD entnommene Zitat von Curtis Mayfield zeigt, welch hohen Anspruch er an sein musikalisches Werk hatte. Und wer wollte bestreiten, dass er diesem Anspruch gerecht wurde? Es wird wohl kaum einen Soulfan geben, der Curtis nicht als zumindest einen seiner Lieblingsmusiker nennen wird. Er war ein sehr guter Gitarrist, aber es ist vor allem seine Stimme, die so fasziniert. Diese hochmelodiöse, sanfte Falsett-Stimme transportierte Worte, von denen gesagt wird, dass in ihnen die spirituelle Kraft eines Dr. Martin Luther King zu finden ist.

D 22

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Eben diese Verbindung von Musik und Botschaft versucht die DVD in etwas mehr als zwei Stunden darzustellen und zu erklären. Für die Erläuterung der Musik werden Johnny Pate (Produzent und Arrangeur der Impressions) und die Impressions-Mitglieder Fred Cash und Sam Gooden interviewt. Die Bedeutung dieser Musik für die schwarze Gemeinschaft erklären Carlos Santana, Chuck D. (Public Enemy) und Ambassador Andrew Young. Dazu kommen noch die Interviews von Curtis selbst aus den Jahren 1972, 1987 and 1988, sowie die Aussagen seiner Ehefrau Altheida Mayfield.

So beginnt der Film im Jahre 1958 mit der Gründung der Impressions und der Aufnahme ihrer Debutsingle „For your precious love“. Heute gilt diese als eine der ersten Soulsingles überhaupt. Im folgenden Jahr verließ Jerry Butler die Gruppe zugunsten einer Solokarriere. Die Impressions nahmen noch drei weitere Singles auf, diese blieben jedoch ohne kommerziellen Erfolg. Nachdem Curtis von einer Tour als Begleitmusiker von Jerry Butler zurückkehrte, entschlossen sich die Impressions zur Aufnahme von „Gypsy woman“. Dies sollte ihr bis dahin größter Hit werden.

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„Von meiner Musik hoffe ich, dass von dem einen oder andern Stück eine Textzeile oder eine Melodie auch in 500 Jahren noch die Signatur von Curtis Mayfield tragen wird.“

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Danach engagierte Curtis den JazzBassisten Johnny Pate, um die Arrangements zu seinen Stücken zu schreiben. Das erste Produkt dieser Zusammenarbeit war „It’s all right“ und damit war endgültig der Sound geboren, der als „Chicago Soul“ bekannt werden sollte. In den folgenden Jahren begannen die Impressions zunehmend politische Lieder aufzunehmen und diese auch als Single zu veröffentlichen: „Meeting over Yonder“, „Choice of colours“, „This is my country“, Keep on pushing“ und natürlich „People get ready“. Es gehört zu den beeindruckenden Momenten des Films, wenn der Mitstreiter und enge Vertraute Dr. Martin Luther Kings Ambasador Andrew Young erklärt, welche Bedeutung diese Stücke für die Bürgerrechtsbewegung hatten. Wie sein Vorbild Sam Cooke war Curtis auch ein guter Geschäftsmann. So hatte er sich nicht nur bereits zu Beginn seiner Karriere die Rechte an seinen Songs gesichert, sondern auch die letzten drei Alben der Impressions mit ihm als Lead-Sänger erschienen bereits auf seinem Curtom- Label. Ein negativer Effekt der Gründung von Curtom aber war die Entfremdung der Gruppe untereinander. Diese führte im Jahre 1970 schließlich dazu, dass Curtis die Band verließ. Trotzdem blieb er auch in Zukunft der Produzent der Impressions. Die erste Single seiner Solokarriere „Don’t worry, if there’s hell below, we’re all gonna go“ war wegweisend für sein weiteres Wirken. Zum einen stellte sie eine endgültige Abkehr vom Sixties Soul mit seiner zeitlichen Begrenzung von drei Minuten dar, dazu wurde der Sound sehr funky. Aber auch die Texte wurden jetzt 24

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noch deutlicher. Blieben zuvor bestimmte Botschaften noch in Anspielungen und Gleichnissen versteckt, wurden die Aussagen jetzt unmissverständlich. Der Soundtrack zum Blaxploitation-Film „Superfly“ sollte in kommerzieller und künstlerischer Sicht den Höhepunkt seiner Solokarriere darstellen. Den Film selbst konnte Curtis übrigens nicht leiden, da er der Meinung war, dass der Film eine Verherrlichung des Drogenlifestyles war. Leider wird die Zeit nach „Superfly“ im Film etwas stiefmütterlich dargestellt, was sicherlich damit zusammenhängt, dass Curtis sich in den folgenden Jahren vor allem um seine Familie kümmerte. Was die Impressions angeht, erfährt man nur, dass Curtis von Leroy Hutson ersetzt wurde. So bleibt man ein wenig mit dem Gefühl zurück, nicht die ganze Geschichte erfahren zu haben. Denn sowohl Curtis als auch die Impressions nahmen noch eine ganze Reihe an Platten auf. Diese waren kommerziell sicherlich nicht so erfolgreich wie ihre Vorgänger, aber es gibt keinen Grund dafür, sie mit Nichtbeachtung zu strafen. So macht der Film einen zeitlichen Sprung bis zu dem tragischen Unfall im Jahre 1990, als Curtis bei einem Konzert von einer Lichttraverse getroffen wurde und er vom Hals ab gelähmt blieb. Die schlimmste Folge für ihn war, dass er nun nicht mehr Gitarre spielen konnte. Sein letztes Album erschien sechs Jahre später. Obwohl es für drei Grammys nominiert wurde, zählt es trotzdem zu den Höhepunkten der Popmusik der neunziger Jahre. Dann aber erkrankte Curtis schwer an Diabetes und nachdem er auf Grund der Krankheit 1998 ein Bein verloren hatte, verstarb er am 26.12.1999.

Welch großartige Musik Curtis geschaffen hat, zeigen die 19 Performances der Impressions und Curtis. Dazu kommen noch die Aufnahmen für das deutsche Fernsehen aus dem Bonusteil der DVD, der fünf live gespielte Lieder und außerdem noch Interviewausschnitte enthält. Welchen Einfluss die Musik von Curtis auf die Bürgerrechtsbewegung und die Gesellschaft in den Sechzigern und frühen Siebzigern hatte, wird über den ganzen Film deutlich. Aber man erhält auch einen Einblick in die Gesellschaftsstruktur jener Jahre, was diese DVD zu mehr als einem reinen Musikfilm macht. Hier sind vor allem die Interviews mit Ambassador Andrew Young hervorzuheben. Curtis selbst sagt im Film: „Von meiner Musik hoffe ich, dass von dem einen oder andern Stück eine Textzeile oder eine Melodie auch in 500 Jahren noch die Signatur von Curtis Mayfield tragen wird.“ Möge dieser Film, der sicherlich alles andere als eine kritische Biografie ist, etwas hierzu beitragen und mag man sich auch in 500 Jahren an Zeilen wie diese erinnern: Smarte „uptown strut“-Merchandise-Artikel gibt es jetzt unter

I’ve got to keep on pushing I can’t stop now Move up a little higher Someway or somehow ‘cause I’ve got my strength and it don’t make sense not to keep on pushing

––––––––––––––––––– www.soul-shirt.com –––––––––––––––––––

||

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– DVD: MOVIN’ ON UP Curtis Mayfield and The Impressions

Label: UNIVERSAL/MUSIC/DVD –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Über den Autor: Volker Fritze: Lebt als freier Journalist in Bonn und legt als DJ Capone in verschiedenen Clubs auf. —> http://www.myspace.com/_djcapone

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Portrait:

FABIAN STÜRTZ (Köln) ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Der junge Fotograf Fabian Stürtz wurde 1984 in Köln geboren und arbeitet seit 2006 freischaffend. Neben der PortraitFotografie beschäftigt sich Fabian unter anderem auch mit Street-Fotografie im urbanen Umfeld. Seit einigen Jahren fotografiert der Kölner nun auch für Auftraggeber aus dem Musikbusiness – so etwa für den Konzertveranstalter „The Shack“ oder die Labelagentur „Brave George Music“. In den letzten Jahren hatte Fabian das Who-is-who der internationalen Soul- und Funk-Szene vor der Linse, Anlass genug für uns, auf den folgenden Seiten eine Bilderstrecke seiner Arbeiten zu präsentieren. Mehr von Fabian Stürtz unter www.fabian-stuertz.de

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The Dynamites feat. Charles Walker –––––––––––––––––––––––––––––––

–– 2008.04 – Sein Auftreten, der weiße Anzug und das schlichte Bu ̈ hnenbild waren genau nach meinem Geschmack, das Konzert auch ... –––––––––––––––––––––––––––––––––

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–– Jamie

Lidell – SOMA Festival –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

–– 2008.07 – Ich mag Motive, die etwas abseits liegen ... –––––––––––––––––––––––––––––

––

The Poets Of Rhythm –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

–– 2007.10 – Mein erstes Konzert als Fotograf. Im Studio 672 bei sehr wenig Licht, aber schon da wurde mir bewusst, dass die Stimmung und die vielen lebendigen Momente Motive en masse bieten. –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

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Osaka Monaurail ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

–– 2007.12 – Die gesamte Band im gleichen Outfit und „Shaft“ als Zugabe ... ––––––––––

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–– NYC – Wall Street –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

–– NYC – 5th Avenue ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

–– 2008.10 – Wie eine Insel der Ruhe im Circus der Wall Street. ––––––––––––––––––––––

–– 2008.10 – In direkter Sichtweite des Glanzes der 5th Avenue. ––––––––––––––––––––––

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–– Mario Al Dente’s „Best Dip of All Times“ –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Homer Steinweiss: „The band arrives at sound-check in the Alter Wartesaal (Cologne) around 4pm. A beautiful spread of meats, bread, salads and cheese awaits us. But the shining star is this delicious dip, given to us by tonight’s chef and dj, Mario. Mario calls it the “best dip of all times” and he happily shares the recipe.

––

„Best Dip of All Times“

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Sun dried tomates — about 50 grams

Walnuts — about 50 grams

Cottage Cheese — 1 package, about 125 grams

Feta Cheese — 1 package, about 125 grams

Garlic — 2 or 3 cloves (maybe more)

Cream — about 100 ml or 1 small package

Just mix all the stuff together till its creamy (maybe a blender would help). I haven’t tested the recipe, so the portions may be a little off. I dipped bread in this stuff, but I am sure it would be good with anything. I know it sounds a little weird, ––

Sharon Jones and The Dap-Kings –––––––––––––––––––––––––––––––––––––

but it is really good (This dip constituted the majority of my food intake today). Mario also made some Olive tapenade, that went great with this dip. He used 150

–– Homer Steinweiss im Alten Wartesaal. Der Drummer der Dap-Kings stärkt sich

grams of olives, a big spoonful of capers, a couple cloves of garlic, 100g of dried toma-

nach dem Soundcheck mit dem „Best Dip All Times“ von Mario Al Dente, wie er später

toes, 3 sardelles (which are like sardines, but are somehow different), some chili

in seinem Foodblog schrieb. Einen Abzug bekam er nach New York geschickt. ––> http://www.homersteinweiss.com/blog/?p=28 ––––––––––––––––––––––––––––––––––––

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powder, olive oil and some salt and pepper. He chopped everything fine (it wasn’t crea–––––––>

my; it was chunky).“ ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

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Wann hast Du Dich das erste Mal mit Soul, Funk und Jazz beschäftigt? Das war zu Beginn der Achtziger Jahre, als die ganze „Neo-Jazz“-Szene aufkam. Sade, Matt Bianco, Working Week waren für mich die Anfänge. Als ich ‘83 in London Urlaub machte, hab’ ich im Radio auf einem Jazzsender Sachen gehört, wo ich dachte: Wow, das isses! Dann bin ich auf einer Party im Electric Ballroom gewesen und ich meine, dass dort auch Gilles Peterson aufgelegt hat. Unten im großen Raum gab es Hip Hop und R’n’B, und oben lief in einem ziemlich kleinen Raum extrem schneller FusionJazz. Es waren dort höchsten 20 bis 30 Leute, die sich aber dermaßen akrobatische Tanzduelle geliefert haben – das war schon abgefahren. Da stand ich dann und habe Bauklötze gestaunt. Im Grunde genommen war das der Anfang von allem. Zu der Zeit hab ich auch schon viel Hip Hop gehört: Afrika Bambaataa, Run DMC – das hat ja alles Anfang der Achtziger angefangen. Da gab’s schon vielfältigste Strömungen, die mich beeinflusst haben.

Original Jazz Rocker: Oliver Korthals im Kölner Stadtgarten

WELCOME TO THE VOODOO Ein Interview mit Oliver Korthals (Mojo Club) –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Interview: Stefan Riese Fotos: Stefan Riese, Philip Glaser

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Wie seid Ihr damals, Anno 1989, auf die Idee mit dem Club gekommen? Ja, das ist ja immer die alte Geschichte. Inzwischen weiß man ja selber nicht mehr genau, was davon stimmt, oder was man sich mittlerweile dazugedichtet hat. [lacht] Ich hab Leif Nüske, mit dem ich den Mojo Club veranstalte, Mitte / Ende ’88 getroffen. Leif kommt eigentlich aus der ModSzene, kannte z. B. auch Henry Storch (Unique Records). Er hatte damals ein Plattenlabel (Fab Records) und machte schon seit 1983 zusammen mit Olaf Ott den Soul Allnighter in Hamburg. Die haben damals dort schon relativ viel jazzige Instrumentals gespielt – Ramsey Lewis ist da z. B. ein gutes Thema –, was man sowohl gut im Soul auflegen kann als auch im Jazz. Wir haben uns dann dort irgendwann kennen gelernt und festgestellt, dass wir ein Faible für Jazz im weitesten Sinne haben, aber das nirgendwo stattfindet. Jazz hatte zu der Zeit – zumindest unter jungen Leuten – das Image von alten Männern, die in irgendwelchen verrauchten Kellern vor ihrem großen Bierglas sitzen und einer Oldtime-Band auf der Bühne zuhören. Oder noch schlimmer: Studenten mit selbstgestrickten Pullis, auch in irgendeinem Club, wo dann auf der Bühne ganz abenteuerlicher Free-Jazz gespielt wird, aber eigentlich der Bezug

nicht wirklich da ist, es sei denn, man steigt dann ganz in die Thematik ein. Mit anderen Worten: Jazz galt für viele als schwer zugänglich, theorielastig oder einfach nur altbacken. Jazz unter dem Gesichtspunkt „Tanzmusik“ gab es eigentlich nicht. Deutschland war da immer mehr bekannt für Jazzrock, was uns dann aber irgendwie zu verkopft gewesen ist – zumindest eine gewisse Epoche des deutschen Jazzrock. Bei uns ging es dann eigentlich darum, den Soul im Jazz zu finden. Das war ja auch die Zeit, wo in England gerade die Acid-Jazz-Geschichte losgegangen war. Da gab es wiederum Verbindungen, weil Eddie Piller, der das Acid-Jazz-Label mit Gilles Petersen gegründet hat, mit Leif bekannt war, weil der wiederum früher ein ModLabel gehabt hatte. Leif hat damals dann auch die ersten Acid-Jazz-Platten in Deutschland rausgebracht. Ich hatte damals zu der Zeit relativ viel Hip Hop aufgelegt und stellte dann fest, dass da wiederum auch diese ganze Funk-Geschichte mit reinspielte – zu der Zeit war z. B. James Brown eine große SampleQuelle gewesen. Irgendwann wuchs dann da so eine Art Gesamtkonzept zusammen. Wie seid Ihr denn auf den Namen „Mojo“ gekommen? Naja, wir haben was gesucht, was man nicht unbedingt ins Deutsche übersetzen kann. Das ist ja auch immer ein bisschen schwierig. Wenn es dann mal jemanden nicht gefällt, wird es ja immer gleich veralbert, dadurch dass man es ins Deutsche überträgt und es dann irgendwie gleich komisch klingt. Insofern war „Mojo“ dann der perfekte Begriff, weil das letztendlich sowas wie „Zauber“ und „Charme“ bedeutet – das gibt es im Voodoo, wo man sowohl guten als auch bösen Zauber auf Leute ausüben kann. Von daher also ein recht schillernder Begriff, der aber auch im Blues und Jazz verwurzelt ist. Außerdem war uns wichtig, dass wir nicht sagen: „Mojo Club – wir legen Jazzplatten auf.“ Dann hätten alle gedacht „Naja, was soll da denn schon passieren?“ Und dann war für uns natürlich klar: „Jazz zum Tanzen“ = „Dancefloor Jazz“. Das war dann einfach das, was es auf den Punkt gebracht hat. Das Echo in der Presse ist ja damals enorm gewesen. Die Presse ist damals gleich beim ersten Mal schon extrem darauf angesprun-

gen. Wir haben natürlich auch ordentlich die Werbetrommel gerührt und waren dann fast in jeder Zeitung, haben Interviews gegeben, bevor die erste Nacht überhaupt gelaufen ist – das war irgendwie schon lustig. Ein Fernsehinterview bei Tele5 gab es dann ja auch noch. Das war schon ziemlich abgefahren und würde glaube ich heute so nicht mehr funktionieren. Damals war ja die ganze ClubGeschichte ziemlich neu. Davor gab es nur mehr oder minder „Discotheken“ – aber das jemand eine Örtlichkeit besucht, wo normalerweise keine Tanzveranstaltungen stattfinden, war ja noch relativ neues Terrain. Meines Wissens fing das ja eigentlich erst Mitte der Achtziger in Deutschland an und insofern waren wir da noch in einer relativen Hochphase mit dabei. Erzähl mal von den ersten Mojo-Nächten. Wie haben die Leute auf den neuen Club reagiert? Den ersten Abend hatten wir in der „Bad-Galerie“. Das waren die ehemaligen Dusch- und Umkleideräume eines Hallenbades in Hamburg-Eppendorf und das war natürlich schon ein ziemlich schräges Ambiente dafür. Andererseits hatte das natürlich auch seine Nachteile, weil in einem gekachelten Raum zwangsweise die Akustik nicht die beste ist. Ich glaube aber, das war da weniger ausschlaggebend. Für die Leute war das Ganze erstmal interessant im Sinne von „Was machen die da eigentlich, da gehen wir mal hin“. Der normale Clubgänger konnte sich jetzt auch nicht wirklich viel darunter vorstellen und so hatten wir gleich am ersten Abend schon 900 Leute. Wir waren natürlich völlig überrascht. Zum einen haben einem die Leute die Bude eingerannt, zum anderen hatte wir dadurch natürlich extreme logistische Probleme. Wir hatten, glaube ich, einen an der Tür stehen – der wusste gar nicht, wie ihm geschah und wie er alle in Schach halten sollte. Trotzdem hat das dem Ganzen keinen Abbruch getan. Danach gingen die Zahlen aber irgendwann züruck auf 300 Besucher, auch weil wir den Club monatlich veranstalteten. Mit den 300 waren wir aber sehr glücklich. Ihr seid dann 1991 mit dem Club an die Reeperbahn gegangen. Wir haben nach einem dreiviertel Jahr die „Bad-Galerie“ verlassen, hatten dann einen kurzen Zwischenstopp im damali-

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gen „Kir“ – wo Leif und Olaf auch immer den Soul Allnighter veranstalteten – aber das war nicht so richtig gut – und dann hatte sich ergeben, dass wir in die „Prinzenbar“ kommen. Die war auch auf St. Pauli – quasi die Rückseite vom „Dock’s“. Die Prinzenbar war ein etwas kleinerer Laden, der aufgemacht war wie eine Art Jugendstilsaal und eine kleine Bühne hatte. Dort haben wir dann ein knappes Jahr monatlich unseren Abend veranstaltet, wobei wir dann dazu übergegangen sind, auch mal ein ganzes Wochenende aufzulegen. Freitags, Samstags und dann noch Sonntags so eine Art „Tanztee“, der mehr zum Ausklingen des Wochenendes gedacht war. Es kam dort nicht darauf an, dass ein „Burner“ nach dem anderen aufgelegt wird, und man konnte einfach auch einmal ellenlange Nummern spielen. Das war mehr so für Freunde und Leute, die noch Bock hatten mitzukommen. Wir waren nicht mehr als 100 Leute und es gab Kaffee und Kuchen – ziemlich skurril, aber nett. Den Laden an der Reeperbahn haben wir dann eigentlich auch mehr durch Zufall gefunden – so ein bisschen wie die Jungfrau zum Kinde kommt. Wir wollten damals aus der Prinzenbar raus. Zu der Zeit hatten wir einen Saxophonisten, der ab und zu beim Plattenauflegen mitgejammt hat. Der wiederum spielte in einer Musical-Band und diese hatte den Laden an der Reeperbahn aufgetan, um dort zu proben, konnten das allerdings nicht finanzieren. Die haben uns quasi mit reingenommen und wir haben dann letztendlich den ganzen Laden finanziert. Nach den Shows der Band haben wir in einer knappen Stunde den Laden zum Mojo Club umgebaut. Hat die Band dann beim Mojo Club noch mitgejammt? Ja, wir hatten Leute dabei, die zu den Platten gespielt haben oder eben auch als komplette Band zwischdrin mal gejammt haben. Die haben immer so kleine Sets – drei, vier Nummern – gespielt, und das kam auch immer super bei den Leuten an, weil sie gemerkt haben, dass es die Musik auch in „echt“ gibt. Die meisten Leute hatten wie gesagt im weitesten Sinne nichts mit Jazz zu tun und live kommt sowas natürlich immer besser rüber, als dann „nur“ von Platte. Mit dem Schlagzeuger der Band, Sönke Düwer, bin ich heute ja immer noch unterwegs.

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Gab es damals in Deutschland noch andere, vergleichbare Clubs? Ward Ihr mit dem Mojo Club mit die ersten der aufkeimenden Clubkultur? In der Beziehung gab es da kaum was. „Unique“ in Düsseldorf war natürlich einer der Läden, „Into Somethin’ “ kam glaube ich nach uns, das „Soul Kitchen“ gab es in Hamburg noch, das eigentlich eine alte, kleine Kneipe gewesen war. Man hat dort aber sehr stark auf SeventiesRetro gesetzt – es war wie eine Art Zeitreise, wenn man den Laden betrat; sehr eingeschränkt, aber eben auch authentisch – allerdings kaum geeignet zum Tanzen. Bei uns war es ja so, dass in allen Clubs bis hin zu unserem eigenen wir immer eine relativ große Tanzfläche besaßen, wo man sich bewegen konnte – was natürlich super gewesen ist. Es gibt jetzt mittlerweile schon die 13. Ausgabe der Mojo-Compilations. Geht Dir nicht langsam das „gute“ Material aus? Wo suchst und findest Du heute noch die Schätze des Dancefloor Jazz für neue Mojo-Sampler? Es ist natürlich im Laufe der Jahre immer schwierig gewesen. Ich bin dann manchmal schon neidisch auf andere, die, was das Kompilieren solcher Sampler angeht, in England und Amerika natürlich einen ganz anderen Zugriff haben – irgendwelche Kleinstlabel ausgraben, da vielleicht einen ganzen Katalog kaufen, und davon etwas herausbringen. Wobei ich immer denke, dass letztendlich über die Qualität von Musik nicht unbedingt die Seltenheit einer Platte entscheidet – genauso wie eine Platte, die 10 Euro kostet, nicht schlechter sein muss, als eine, die 1000 Euro kostet, nur weil sie in geringer Stückzahl gepresst worden ist. Gerade bei einer Compilation kommt es ja auch eher darauf an, wie etwas zusammengestellt wurde, d. h. die Abfolge und Mischung ist ja auch irgendwo wichtig. Ich habe natürlich immer versucht, in gewisser Weise den Club zur jeweiligen Zeit abzubilden, wobei wir bei den ersten zehn Samplern auch immer nur auf altes Material – also vor 1980 – zurückgegriffen haben. Hinzu kommt, dass die Produktionzeit doch immer relativ lang gedauert hat, so dass aktuelle Stücke beim Erscheinen der Compilation möglicherweise schon durch sind, weil sie dann lange im Radio liefen und sie mittlerweile jeder kennt. Das war eigentlich immer ein Kriterium für mich, so dass ich die Finger davon gelassen hab. Bei den letzten Folgen habe

ich das allerdings aufgeweicht, weil zu dem Zeitpunkt viele Neuproduktionen auf den Markt gekommen sind, die auf eine gewisse Weise das alte Gefühl, den alten Klang hatten, wo handgemachte Musik wieder im Vordergrund stand, und die sich insofern dort relativ gut eingefügt haben ohne jetzt herauszustechen. Man hat da jetzt auch einen Bezug zur Jetztzeit und es ist nicht mehr ein reines Konservieren von alten Dingen – d. h., Musiker, die heute leben, spinnen den Faden weiter. Um jetzt nochmal auf das Schatzsuchen zurückzukommen – da war ich irgendwo natürlich auch an das Plattenlabel, sprich für die ersten zwölf Folgen an Universal Records, gebunden, so dass ich möglichst immer etwas aus deren Katalog benutzen musste. Es wurde daher meist wenig hinzulizenziert. Außerdem ist es auch schon bei relativ bekannten Künstlern zum Teil sehr schwer, an die Rechte zu kommen, weil im Laufe der Jahre immer wieder komplette Pakete, sprich eine komplette Schallplattenfirma oder ein Verlag, und damit die Rechte eines Künstlers, immer komplett verkauft worden sind, so dass sich das gar nicht so leicht nachprüfen lässt. Zum Teil haben die Recherche und die Lizenzanfragen ewig lang gedauert, so dass wir Produktionszeiten von fast über einem Jahr gehabt haben, was hauptsächlich darauf zurückzuführen ist, dass allein das Klären der Rechte so lang gedauert hat. Die letzte Compilation haben wir ja bei Edel herausgebracht. Dort war das alles ein bisschen einfacher, weil Edel keinen eigenen Jazzkatalog hat und ich da wesentlich freier gewesen bin. Ich bin dann allerdings auch relativ schnell an Grenzen gestoßen. Wenn man da keine spezialisierte Agentur im Rücken hat, die sich nur damit beschäftigt, Rechteinhaber ausfindig zu machen, ist das auch nicht so ganz einfach. Wir haben dann noch jemanden hinzugezogen, der in relativ kuzer Zeit viele Sachen hat ausfindig machen können, und da war ich mit dem Ergebnis doch sehr zufrieden. Nur zum Vergleich: Bei Universal hab ich teilweise bis zu 200 Titel angefragt, von denen ich dann letztendlich 40 freibekommen habe. Bei den 40 Titeln war dann möglicherweise die Mischung aus Jazz/Soul/Funk und Latin nicht ausgewogen, so dass ich dann z. B. hauptsächlich nur Jazz-Titel zur Verfügung hatte. Das Zusammenstellen war mitunter also ein ziemlicher Akt. Bei Edel war es jetzt insofern einfacher, weil man bei der Songauswahl gezielter losgehen

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Mojo Club Dancer: Perry Louis zierte viele Cover der Compilations. Zuhause in London leitet er außerdem die „JazzCotech Dancers “ und veranstaltet die „Messin’ around“-Reihe im „The 100 Club“

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konnte und die Trefferquote wesentlich höher war. Man musste weniger anfragen, was das Ganze wesentlich leichter machte und die Produktionszeit erheblich verkürzt hat. Wie würdest Du den typischen Mojo Club-Gänger beschreiben? Gibt es da eine Szene oder sprecht Ihr eher ein breites Publikum an? Ich glaube, den typischen Mojo-Clubgänger hat es nie gegeben. Es gab mal eine Zeit, Anfang der Neunziger, da wurden wir von der Presse immer sehr schnell in

Element ist einfach die Musik und der Spaß daran. Das ist das entscheidende Kriterium. In Hamburg haben wir damals Wert darauf gelegt, dass man schon ein gewisses Alter hatte – also mindestens 21 –, weil sonst die Atmosphäre irgendwie ruppiger gewesen wäre. Da hast du dann die Grüppchen, wo die Jungs sich vor den Mädels produzieren müssen und wo das dann irgendwie ganz schnell etwas komisch werden kann. Letztendlich war unser Laden immer bekannt dafür, dass die Athmosphäre entspannt gewe-

chend voll, ich hatte einen Trompeter dabei, der gespielt hatte, es war glaube ich 1 oder 2 Uhr – also Peak-Time – und auf einmal geht die Musik aus. Das komplette DJ-Pult ohne Strom. Die Lautsprecheranlage und das Licht funktionierte noch. Da stand ich dann erstmal, die Techniker zuckten nur mit den Schultern, und ich meinte nur zu Lukas, dem Trompeter: „Ey, mach was ... Du musst jetzt spielen!“ Von den Leuten kamen schon die ersten anfeuernden Rufe und er ging auf sein Podest und fing an zu spielen. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Fehler gefunden

t „Jazz hatte zu der Zei gen Leuten – – zumindest unter jun Männern, das Image von alten verrauchten die in irgendwelchen ßen Bierglas Kellern vor ihrem gro time-Band sitzen und einer Old n.“ auf der Bühne zuhöre

„Auf einmal geht das Putzlicht an – die Musik läuft noch weiter, die Leute tanzen – und es kommen zwei Putzfrauen in den Laden. Die eine mit einem Schrubber bewaffnet, die andere mit einem 10l-Wassereimer. Plötzlich schüttet die eine mit vollem Schwung den Eimer über die Tanzfläche und die andere fängt an zu wischen. Und da war klar: Jetzt ist hier Feierabend.“ Die Mojo Club-Gründer: Leif Nüske und Oliver Korthals

so eine Schublade gesteckt – ein bisschen Lifestyle halt. Wir hatten ja zu der Zeit auch zwei Klamottenläden und daraus wurde dann natürlich sehr schnell so ein Bild vom typischen Mojo-Clubgänger – oder zu der Zeit ja noch Acidjazzer – kreiert. Da gab es das Kinn- bzw. Ziegenbärtchen, irgendwelche Capies, die man angeblich hatte aufhaben müssen – da ist dann ganz schnell ein Bild entstanden, was aber nie stimmte. Solche Leute gab es natürlich immer. Das war ja auch ganz hip und nett, aber das verbindende Element war eigentlich, dass die Leute Lust auf die Musik haben, dass sie Lust haben zu tanzen und was anderes hören, als sie täglich im Radio zu hören bekommen. Von daher war die Bandbreite des Alters auch immer sehr groß – eigentlich so von Anfang 20 bis Mitte/Ende 40. Nach oben hin dünnt sich das natürlich immer ein wenig aus, da der typische 40-Jährige nicht unbedingt jedes Wochenende ausgeht. Trotzdem sind immer noch genug Leute dieser Altersgruppe da – und das macht es dann auch aus. Es ist eben keine homogene Gruppe, wo man, wenn man nicht zu dieser Gruppe gehört, sich dann nicht wohlfühlt, sondern das verbindende 40

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sen ist und es so gut wie nie Stress gegeben hat. Gab es Mojo Club-Nächte, die Dir bis heute in besonderer Erinnerung geblieben sind? Eine Sache, die ich wohl nie vergessen werde: Es war einer der ersten Abende, wo wir im Stadtgarten waren. Es war so zwischen 2.30 – 3.00 Uhr, die Party war gerade richtig am Gange und brechend voll. Auf einmal geht das Putzlicht an – die Musik läuft noch weiter, die Leute tanzen – und es kommen zwei Putzfrauen in den Laden. Die eine mit einem Schrubber bewaffnet, die andere mit einem 10lWassereimer. Plötzlich schüttet die eine mit vollem Schwung den Eimer über die Tanzfläche und die andere fängt an zu wischen. Und da war klar: jetzt ist hier Feierabend. Da war die Sperrstunde in Köln noch etwas früher. In Hamburg war ja erst um 6.00 Uhr Schluss – wir konnten aber auch länger machen. Im Laufe der Jahre haben wir die Sperrstunde im Stadtgarten dann aber ausgebaut auf 5.00 Uhr. Im Stadtgarten hatten wir auch mal einen Abend, der Laden war wirklich bre-

war – die Leute stiegen aber komplett auf das ein, was er machte. Es ging immer so hin und her. Die Leute fingen an zu klatschen und er spielte wieder was, setzte dann wieder aus und in dem Moment kamen die Leute wieder zurück. Schließlich fanden wir heraus, dass das DJ-Pult in der Wand hinter dem Pult verkabelt war. Dort standen auch Leute und jemand hatte wohl aus Versehen mit dem Fuß das Kabel erwischt und den Stecker rausgezogen. Also Stecker wieder rein und ich glaube, ich habe danach ein Drum’n’BassStück aufgelegt … und dann – die Leute sind komplett ausgeflippt. Das war unglaublich – das Überbrücken mit dem Trompeter und die Leute sind einfach total drauf eingestiegen. Das fand ich einfach super! Wenn die Leute einfach zu Plan B übergehen und so ein Trompeter den auch noch vollends erfüllen kann. Das ist bestimmt schon zehn Jahre her, aber diese Sache habe ich immer noch sehr gut in Erinnerung. Wie oft hast Du denn Livemusiker dabei? Wir haben da eigentlich schon Anfang der 90er mit angefangen bis hin zur kom-

pletten Band, die auf der Bühne stand, und es ist noch relativ regelmäßig so, dass ich jemanden dabei habe. Musiker sind nach wie vor wichtig. Es ist natürlich nicht leicht, jemanden zu finden, der dann einfach gut passt, wo die Chemie auch stimmt, und der auch auf die Musik eingeht. Ich hatte auch schon einmal Leute dabei, die – sobald die Platte losging – anfingen zu spielen, obwohl noch gar nicht klar war, was auf der Platte passiert. Es lief z. B. nur der Rythmus und dann setzte die Melodie ein, wo sein Spiel gar nicht zu passte. Ich hab natürlich im Laufe der Zeit Musiker gefunden, von denen ich weiß, dass sie auch hinhören können. Ich hatte hier in Köln mal ein schönes Erlebnis, als ich einen Saxophonisten mit dabei hatte. Wir saßen beide nebeneinander während die Platte lief, und er wollte gerade ansetzen zu spielen, als in diesem Moment das Saxophonsolo auf der Platte losging. Da war mir klar, dass er ganz genau weiß, was in diesem Stück passiert und wäre genau zum richtigen Moment eingestiegen. Das war großartig – ein wirklich erhellender Moment. [lacht]

Ihr hattet auch manchmal Tänzer für den Abend engagiert, die dann auf der Bühne performten. Das Konzept „Mojo Club“ war ja für uns nie auf Musik beschränkt. Wir hatten ja die Klamottenläden, ich hatte schon Mitte der Neunziger eine eigene Radiosendung, wir haben Poetry-Sessions veranstaltet, Action-Paintings gehabt, wo auf der Bühne auf einer Riesenleinwand wild rumgemalt wurde. Das machen wir mittlerweile seltener. Damals hatten wir viel Kontakt zu solchen Leuten, man kannte sich persönlich und das ergab sich dann so. Tänzer waren dann auch so eine Sache. In Deutschland gabe es ja nie diese Jazzdance-Szene, wie sie sich in England entwickelt hat, was aber auch daran liegt, dass es hier nicht eine so ausgeprägte Northernsoul-Szene gab. Und die ist ja auch extrem durch extrovertierte, akrobatische Tanzstile geprägt. Insofern hatten wir nur Tänzer aus England dabei, u. a. auch Perry Louis, der ja seit der dritten Mojo-Platte auch immer unser Cover ziert. Für den aktuellen Sampler haben wir allerdings einen anderen Tänzer aus der gleichen Truppe ausgewählt – die Fotos waren einfach besser.

Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen Hamburg (Mojo Club) und Köln (Stadtgarten) ? Und wenn ja – liegt es möglicherweise an der Location oder an der unterschiedlichen Mentalität der Leute? Ich denke, an der Location liegts nicht – ich glaube, die Leute ticken einfach ein bisschen anders. Es war z. B. früher so, dass wir samstags in Hamburg aufgelegt haben und freitags dann noch in Köln waren. Da hab ich es dann am nächsten Abend in Hamburg extrem gemerkt, dass ich mit denselben Platten dort nicht dasselbe Set auflegen kann, weil Köln immer viel schneller ging. In Köln konnte man das Publikum immer richtig herausfordern, immer noch einen Gang höher schalten. Hamburg funktioniert da eher ein bisschen langsamer. Auch da hat ein Set funktioniert, wenn es schneller war, aber das konnte man nur zu einem gewissen Grad treiben, dann war auch irgendwo Schluss. In Köln konnte man immer noch das Quentchen mehr rausholen – das fand ich immer schon ganz spannend. Es kann natürlich auch ein Unterschied sein, ob man irgendwo einmal die Woche auflegt oder einmal im Monat. Wenn Du

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jede Woche Vollgas gibst, funktioniert das glaube ich auch nicht so. Da ist das Tempo dann irgendwie langsamer. Warum wurde der Club an der Reeperbahn, der ja mittlerweile eine Hamburger Institution war, 2003 geschlossen? Die Sache war ja die: Wir sind 1991 an der Reeperbahn eingezogen und schon damals war eigentlich klar, dass das Gebäude abgerissen werden würde. Zu dem Zeitpunkt hieß es nach eineinhalb Jahren – die Geschichte hat sich allerdings hingezogen. Immer wieder kam die Ankündigung, dass jetzt bald etwas passieren würde. Zwischendurch wurde das Gebäude mehrmals verkauft. 2000 hatten wir dann endgültig den Eindruck, dass der Club bald der Abrissbirne zum Opfer fallen würde. Wir haben daraufhin allerdings eine große Pressewelle losgetreten, weil der Club mittlerweile europaweit bekannt war und fast über zehn Jahre auch das Bild Hamburgs geprägt hat. Wir dachten, dass die Stadt jetzt auch mal ein bisschen Flagge zeigen müsste. Obwohl es da durchaus positive Resonanzen gab, war für uns irgendwann klar, dass der Club an der Reeperbahn wohl keine Zukunft haben würde. Da haben wir irgendwann beschlossen, den Deckel selber drauf zu machen. Im April 2003 lief schließlich die letzte Platte. Kurz zuvor war allerdings klar, dass das Gebäude nun doch nicht abgerissen werden würde. Da wir aber schon überall die große Abschiedsparty angekündigt hatten, war für uns eigentlich klar, dass wir nur an Glaubwürdigkeit verloren hätten, wenn wir den Club jetzt doch nicht geschlossen hätten. Wir haben den Laden natürlich trotzdem behalten – nicht zuletzt wegen der guten Lage – und haben ihn untervermietet. Das funktionierte aber nicht so richtig und wir sind dann wieder selbst mit eingestiegen. Allerdings wollten wir nicht den Mojo Club, den wir ja gerade erst geschlossen hatten, wieder auferstehen lassen. Das wäre einfach falsch gewesen. Also haben wir es dann Mandarin Kasino genannt – nach dem benachbarten China-Restaurant, das wir 1999 als Bar übernommen hatten. Wir haben dann wieder angefangen Programm zu machen, wobei wir schon unseren Wurzeln treu geblieben sind, allerdings den Mojo Club als solchen erstmal nicht veranstaltet haben. Als sich die Abrisspläne immer noch weiter hingezogen haben und wir da schon fast wieder zwei Jahre am werkeln waren, haben wir einmal im Monat den Mojo Club wieder ins 42

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Programm genommen. Wie es jetzt weitergeht, ist immer noch nicht klar. Das Gebäude ist einmal mehr verkauft worden und 2009 stehen die Chancen zum wiederholten Male sehr gut, dass der Abrissbagger anrollen wird. Apropos Mojo und Voodoo-Zauber? Hast Du ein bestimmtes Ritual vor jedem Clubabend? Ja – Koksen, Schnaps und Frauen. Nein, natürlich nicht. Ich muss auch nicht fünf Minuten vor dem Auflegen

A Love Supreme: Die Mojo Cola ist da und bahnt sich ihren Weg durch die Clublandschaft. Die Rezeptur stammt von Premium-Cola, die eisern die alte Afri-Cola Rezeptur in Ehren halten (Afri-Cola wird heute nicht mehr nach der

begeistern und sie mit einem glücklichen Gesicht nach Hause gehen zu sehen. Es gibt sicherlich schonmal Tage, da hängt Dir der ganze Mojo-Sound zu den Ohren raus. Was hörst Du privat so für Platten, die vielleicht so gar nichts mit Dancefloor Jazz zu tun haben? Das Schöne ist ja, dass der Sound mir eigentlich nicht zu den Ohren raushängt. Das liegt aber wahrscheinlich auch daran, dass mein Geschmack extrem breitgefächert ist. Genau wie bei den Compilations ist es eher so, dass sich meine Schwerpunkte verschieben. Es gibt Phasen, wo ich dann z. B. auf die ganzen FunkNummern keine Lust mehr habe und wieder Latin-Jazz höre oder Blues interessant wird. Vor zwei Jahren hatte ich aber auch eine Phase, wo ich extrem viel Techno gehört habe. Ich höre aber z.B. auch Klassik privat. Das ist sicherlich situations- und stimmungsabhängig. Ich glaube aber, das ist ganz normal, wenn man sich weitergehend mit Musik beschäftigt, und man – zumindest ab einem gewissen Alter und vielleicht auch ab einer gewissen Übersättigung – mal etwas neues sucht und sich in andere Bereiche reintraut. Ich habe jetzt gerade ein neues Remix-Album bekommen von Carl Craig und Moritz von Oswald, die beide wohl in die Kategorie „Techno-Ikonen“ passen, und die Ravels „Bolero“ und Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ geremixed haben. Da ist ein ziemlich spannendes Werk entstanden, das ich jetzt innerhalb einer Woche schon 5–6mal durchgehört habe, was ich normalerweise so auch nicht mache. Aber ich höre mir auch Rockplatten an, wenn sie gut sind. Gestern war ich z. B. beim OasisKonzert hier in Köln.

Original-Rezeptur von damals hergestellt).

meditieren. Es ist interessanterweise so, dass ich fast immer noch, egal wo ich auflege, so eine Art Lampenfieber habe. Man fragt sich, wie der Abend so werden wird, wie viele und was für Leute kommen und wie auf die Musik eingegangen wird. Ich glaube aber, das ist garnicht so verkehrt, weil man sonst irgendwo abstumpft. Ich bin z. B. auch kein DJ, der seinen Plattenkoffer sortiert hat. Bei mir entsteht jeden Abend ein vollkommen neues Programm, weil sich das auch immer extrem im Zusammenspiel zwischen dem Publikum und mir entwickelt. Das Ziel ist für mich immer noch, jeden Abend die Leute neu zu

Hast Du eigentlich neben dem Mojo Club noch andere Veranstaltungen, wo Du auflegst? Nee, das hat sich mit der Gründung des Mojo Clubs erübrigt. Ich habe natürlich eine Zeit lang damit geliebäugelt, auch einmal Techno aufzulegen, aber da war ich dann technisch auch nicht gut genug und ich glaube, das ist auch irgendwann eine Frage von Verwurzelung in der Szene und von einer gewissen Glaubwürdigkeit. Trotzdem ist es aber immer wieder spannend, wenn man sich solche Sachen dann anguckt. Ich find es z. B. schon per Definition nicht gut, wenn man sagt: „Die Musik ist schlecht, weil, das ist nicht meine...“. Es gibt immer gute und schlechte Musiker und Bands – in jedem Musikgenre. ||

— new & extremely funky —

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JAZZTHING 04/05 2008 „ … Mit Liebe gemacht, schön gestaltet und bebildert, kenntnisreich und unterhaltsam geschrieben: eine Bereicherung des Zeitschriftenmarktes, der man ein langes Leben wünscht.“

Right about now: Das

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Das Abonnement läuft über 2 Heftausgaben und kostet 7,50 EUR. Es verlängert sich automatisch um 2 weitere Ausgaben, wenn keine schriftliche Kündigung 30 Tage vor Ablauf erfolgt.


FADE RECORDS reunde elektronischer Musik sollten sich auf den Weg zu Fade Records machen. Neben Platten gibt es eine kleine Auswahl an CDs, T-Shirts und DJ-Zubehör. Auch wenn die Auswahl mehr oder weniger beschaulich ist, ist Fade Records einen Besuch allemal wert, zumal der stilvoll eingerichtete Laden in einem der besten Viertel der Stadt liegt voller Cafés, Bars und zahlreichen Klamottenläden. –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Anschrift: Skånegatan 78 Södermalm –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Genres: House • Techno • D’n’B • Minimal / Electro –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Wegbeschreibung: Grüne Linie bis Medborgarplatsen. Götgatan nach links laufen. Vierte Straße links in die Skånegatan laufen.

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A U F PL AT TE N K A U F IN ST O CK H O LM ––––––––––––––––– –––––––––––––––––––––––––––––––– Text & Fotos: Philip Frowein

MICKES SERIER

CD & VINYL

nter oben stehendem Namen versammeln sich streng genommen zwei Läden, was bei der Menge an Sound, die man hier findet, nicht verwundert. Wenn die letzten Läden abends ihre Pforten schließen und die Nacht über Stockholm hereinbricht, kann man sich sicher sein, dass hier auf Södermalm noch der ein oder andere Schatz vergraben liegt. Der Hauptladen, der sieben Tage die Woche bis spät abends geöffnet ist, sieht aus, als hätte jemand einen LKW voller Platten auf einmal darin abgeworfen. Irgendwo zwischendrin tummelt sich der namensgebende Mike rum und macht das Bild von einem der chaotischsten Orte Stockholms perfekt. Jegliche Bewegungsfreiheit wird mit stapelweise Platten bekämpft und unter den Bergen von Musik versteckt sich sicher eine der Platten, die man schon immer gesucht hat. Das Ganze zu mehr als fairen Preisen. Für Jazz- Platten gibt es einen Extraraum und während man den alten Plattenspieler im Zeitschriftenregal belagert, kann man ein wenig in den alten Magazinen rumstöbern. Zwar alle auf schwedisch – aber hey. –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Anschrift: Långholmsgatan 20 Södermalm –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Genres: Classical • Easy / Exotica • Jazz / World / Ethno / Folk • Metal / Hard Rock • Psychedelic / Progressive • Punk / HC / Garage / Indie • Rock / Pop / Mainstream • Soul / Funk / R&B –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Wegbeschreibung: Rote Linie bis Hornstull. Rechts raus und die Långholmsgatan 20 hoch. Nach 100 Metern auf der linken Seite.

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Bei Mickes Serier Cd & Vinyl

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MOSEBACKE enn man sich die steile Hökens Gata bis zu Hausnr. 11 hinaufgequält hat und endlich vor den Pforten Mosebackes steht, würde man nicht vermuten, dass sich hinter dem Eingang die vielleicht größte Ansammlung von Platten in ganz Stockholm, ja vielleicht in ganz Schweden verbirgt. Einmal drin gewesen, wird man jeden Tag aufs Neue magisch von der riesigen Auswahl Mosebackes angezogen und schafft es in der Regel erst zum Ladenschluss, gezwungenermaßen sich wieder davon zu befreien. Es gibt wohl kaum ein Musikgenre, dass sich hier nicht finden lässt, und die Menge an zu ergatternden Soul- und Funkplatten ist sagenhaft. Auch wenn hier ausschließlich SecondHand-Platten angeboten werden, findet man hier dennoch genauso aktuellere Veröffentlichungen. Dadurch, dass auf gefühlte 500 000 Platten genau ein Plattenspieler zum Anhören kommt, entwickeln sich beim Warten auf eben jenen zwangsläufig verpeilte Gespräche mit anderen Sammlern oder Angestellten, die so einige interessante Anekdoten, die sich in den Tiefen Mosebackes zutrugen, zu berichten wissen. Bei ziemlich günstigen Preisen wird man hier zu einer Schnitzeljagd keinesgleichen verführt. –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Anschrift: Hökens Gata 11 Södermalm –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Genres: Alles –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Wegbeschreibung: Mit grüner oder roter Linie bis Slussen. Oberen Ausgang auf die Götgatan nehmen. Links raus und sich die erste links hoch in die steile Hökens Gata schinden.

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NOSTALGIPALATSET ostalgipalatset führt über alte Radios, Miniaturautos, Plattenspieler, Spielsachen, Zeitschriften und so weiter so ziemlich alles, was irgendwie alt ist oder zumindest so aussieht. Den mit Abstand größten Teil des ach so nostalgischen Sortiments bilden jedoch Platten. Unter der riesigen Auswahl finden sich so einige Raritäten, die man an anderen Plätzen wahrscheinlich nicht finden wird. Leider scheinen die Jungs, die zumindest ihre Plattensammlung in bester Ordnung halten, den tatsächlichen Wert ihrer Schätze bestens zu kennen. So zählt Nostalgipalatset nicht unbedingt zu den billigsten Plattenläden in Stockholm, ist einen Besuch aber allemal Wert. Vor allem, wenn man auf kleine Spielzeugautos steht. –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Anschrift: St. Eriksgatan 101 Vasastan –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Genres: Jazz / World / Ethno / Folk • Oldies • Psychedelic / Progressive • Soul / Funk / R&B –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Wegbeschreibung: Grüne Linie bis St. Eriksplan und die St. Eriksgatan drei Blocks nach oben laufen.

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RUNT RUNT iemlich genau in der Mitte zwischen St. Eriksplan und Odenplan befindet sich der kleine, aber bemerkenswerte Laden namens Runt Runt. Einen jeden, der den Weg hierher auf sich nimmt, erwartet eine nette Auswahl von Soul- und Jazz-Köstlichkeiten, für die man leider auch gutes Geld liegen lassen darf. Da der Spaziergang die Odengatan entlang Richtung St. Eriksplan auch so zu empfehlen ist, kann man dem kleinen Laden eher nebenher einen kurzen Besuch abstatten und mit etwas Glück die ein oder andere Seltenheit abgreifen. –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Anschrift: Odengatan 90 Vasastan –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Genres: Easy / Exotica • Jazz / World / Ethno / Folk • Psychedelic / Progressive • Rock / Pop / Mainstream • Soul / Funk / R&B –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Wegbeschreibung: Grüne Linie bis Haltestelle Odenplan. In die Odengatan Richtung St. Eriksplan laufen.

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SNICKARS RECORDS ären Plattenläden Surfspots, dieser hier wäre Pipeline Hawaii. Snickars Records ist legendär in Stockholm und schon Spielplatz für namhafte Produzenten aus aller Welt gewesen, die sich bereits in ihrem alten Laden im Zentrum austobten, welcher aufgrund der erdrückenden Menge an Platten verlassen werden musste. Neu eröffnet in Hornstull bietet Snickars Records zwei Stockwerke voll von Soul, Funk, Hip Hop, House, Techno und alle möglichen anderen Sparten, um die Grenzen seines Dispos auszuloten. Angeboten werden sowohl neue wie SecondHand-Platten. Durch den ehemaligen Scratchaholics-DJ und Vinyljunkie Mika Snickars hinterm Tresen könnte man sich das Durch-die Fächer-wühlen sparen, da die eigene kleine Auswahl durch einen Stapel seiner Empfehlungen, die meistens auch genau dem Geschmack entsprechen, ergänzt wird. Nahezu unmöglich, hier rauszulaufen, ohne eine Platte, die man zwar nicht kannte, aber schon immer suchte, frisch sein Eigen nennen zu dürfen. –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Anschrift: Heleneborgsgatan 5A Södermalm www.snickarsrecords.com –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Genres: Hip Hop / Rap Soul / Funk / R&B Techno / Electronica House / Club / Disco –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Wegbeschreibung: Mit der roten Linie bis Haltestelle Hornstull und dann durchfragen.

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LIVE –––––––––––––––––––––––––––––––– Text: Thomas Berghaus Fotos: Fabian Stürtz

un habe ich in den vergangenen drei Wochen gleich drei Konzerte besucht. Zunächst den Soul-Giganten Charles Walker und die japanische FunkBand Osaka Monaurail und nun die Krönung: am 24. November 2008 Ayo. live im Kölner Gloria. Dabei hat Ayo. für mich dem Begriff „Soul Revue“ eine völlig neue Bedeutung gegeben. Eine bis ins Detail perfektionierte „Soul Revue“ konnten wir in den vergangenen Jahren beispielsweise von „Sharon Jones und den Dap Kings“ makellos vorgetragen sehen – so machen das halt die Amerikaner: einstudiertes, perfektes Entertainment – vom Anfang bis zum Ende durchinszeniert. In den vergangenen Jahren sind es aber vor allem Afro-Europäer wie Ayo. die uns zeigen, wie Soul eben auch sein kann: ehrlich, direkt und voller wahrhaftiger Emotionen. Ich möchte bei Ayo. nicht von einer „Show“ sprechen, sondern einer „Soul Revue“ im schönsten Sinne, bei der die Künstlerin fast schon spirituell unsere Seelen tanzen ließ. Es dauert keine zwanzig Minuten, da überrascht uns Ayo. das erste Mal: mitten im dritten oder vierten Song hält sie inne, die Band schaltet abrupt fünf Gänge runter, hält aber den wahnsinnig tighten Groove. Ayo. wendet sich an uns und sagt, dass sie schon mal gerne die Set-Liste spontan variiert, es gehe ihr darum, sich bei einem Konzert gut zu fühlen, und dazu gehöre ein gewisser Freiraum. Dann startet sie mit etwas, was an dem Abend noch öfter kommen wird: Ayo. improvisiert, sie beginnt mit spontanen Assoziations-Spielen. Mehrmals während des Konzertes weißt sie darauf hin, dass all dies ja eigentlich nichts mit ihrem Album zu tun habe, und sie fragt sich, ob sie sich dafür entschuldigen soll, aber man verfällt ihr nur umso mehr. In allem, was Ayo. auf der Bühne tut, geht es sicherlich zu allerletzt um das Promoten ihres neuen Albums. In ihren Gesangsimprovisationen verkündet sie uns ihre wahrlich frohe Botschaft: „Musik ist dazu da, um sie zu teilen“; „Nicht nur meine Musik, ob die Musik von Fela Kuti oder Stevie Wonder – all das gehört uns allen“; „Es geht nicht darum, dass ihr hier mich feiert, und ich bin nicht gekommen, um Euch zu feiern – wir sind hier, um zusammen zu feiern“ und verdammt noch mal, das

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kauft man ihr sofort ab. Währenddessen hält die Band immer noch tight den Groove. Reggae-Riffs, Funk-Riffs und afrikanische Roots-Musik fliegen uns, gekonnt ineinander gestrickt, um die Ohren. Nun findet Ayo. zurück zu ihrem eigentlichen Programm und serviert uns ein buntes Potpourri ihrer Hits vom Debut- und dem neuen Album. Dabei variiert sie auch hier, es reicht ihr nicht, das Set runterzuspielen, sie will und muss spüren, was sie da tut, Tour-Routine wäre ihr Ende, und ich glaube zu begreifen, worum es ihr geht: Ayo. singt und redet viel während ihrem Auftritt, dabei gibt es keine Message, sie teilt hingegen mit uns ihren wertvollsten Schatz: diese junge Frau trägt so viel Liebe und Leidenschaft in sich, dass sie damit locker nicht nur das Kölner Gloria, sondern jede Arena emotional zum Kochen bringen könnte. Als Ayo. ihr Konzert beendet und die Bühne verlässt, überrascht sie mich ein weiteres Mal. Natürlich rechnet man zwei Zugaben mit ein, aber Ayo. fängt nun ihr Konzert eigentlich erst an. Nach einer Ballade am Klavier (das sie neben der Gitarre übrigens auch sehr überzeugend beherrscht), hält sie nichts mehr auf der Bühne, sie geht ins Publikum und performt weiter ihre Improvisationen. sie will bei den Menschen sein, geht bis in die letzten Winkel der Halle. Nun singt sie aus dem Publikum davon, dass sie sich nun gut fühle und das es ihr schwer fallen wird, diesen Abend jemals zu beenden. Als sie nach einem nimmer endenwollendem Fest der Gefühle wieder die Bühne erreicht, improvisiert sie weiter: „Seht Ihr, das passiert, wenn sich Seelen verbinden und wenn Menschen sich verbinden, ich hatte das nicht geplant.“ Auch das kaufe ich ihr ab. Magie schwebt über dem Saal. Vielleicht lag es wirklich daran, dass Ayo. in Köln an den Ort ihrer Geburt zurückkehrte, einen Ort, wo sie auch viel Elend, Leid und Anfeindungen in ihrer Kindheit ertragen musste. In einer Stadt, in der sie heute jedoch genauso geliebt wird, wie in ganz Europa. Vielleicht lag es daran – in jedem Fall gab sie uns das Gefühl, einen ganz besondern Abend zu erleben. ||



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oul ist für mich alles,

was echt ist. Alles, was aus der Seele kommt und was man mit anderen

Menschen teilen kann.

–––––––––––––––––––––––––––––––– Interview: Jörg Kühnel

Kurz vor ihrem Auftritt im Kölner Gloria traf sich Jörg Kühnel mit Ayo. zum Interview.

Wie bist Du zur Musik gekommen und wodurch wurdest Du beeinflusst? Standen bei Euch viele Instrumente rum? Instrumente gab es bei uns leider nicht zuhause, denn keiner war Musiker. Mein Vater arbeitete in den Siebzigern aber als DJ und als ich in den Achtzigern zur Welt kam, hatten wir eine riesige Vinyl-Sammlung. Mein Vater hat daraus natürlich auch immer zuhause Musik gespielt. – Ja, ich würde sagen, das war mein erster Kontakt zur guten Musik. Und was war das für „gute Musik“, die in der Vinyl-Sammlung des Herrn Papa zu finden war? Von Fela Kuti, King Sunny Adé und Bob Marley über Toots and the Maytals. Dann aber auch Pink Floyd und U2, Joan Armatrading, Cat Stevens, Stevie Wonder natürlich, Marvin Gaye, Donnie Hathaway, Millie Jackson, Minnie Riperton... alles Mögliche. Also eine ganz bunte Mischung aus Funk, Afrobeat, Soul und Reggae. Gibt es da einzelne, zentrale Lieblingsplatten, die Dich geprägt haben? Ja. Eine Platte fällt mir dabei sofort ein: Die hieß Soul Children. Ein Lied darauf hieß „I’ll Be The Other Woman“ und das war unglaublich. Ich finde bis heute noch, das es ein absolut zeitloses Lied ist. Es klingt einfach so toll. Der Sound – einfach alles an diesem Lied ist wunderschön! Dann natürlich Bob Marley – ganz egal, welche Platte! [grinst] Die kann man sich alle immer wieder anhören. Auch Jimmy Cliff hat mich sehr geprägt, weil mein Vater damals sehr viel Jimmy Cliff gehört hat. Vor allem die Platte „Hard Road To Travel“ und natürlich „The Harder They Come“. Aber auch Stevie Wonder – „Songs In The Key Of Life“, Donnie Hathaway – „Live“, „The Wall“ – Pink Floyd – ich erinnere mich noch an so vieles. Die meisten Stücke höre ich bis heute gerne. Dann denke ich „Wow, das hat doch mein Vater früher gespielt“. Und das berührt und beeindruckt mich immer noch sehr. 50

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Aus dem, was Du in Deiner Kindheit an musikalischen Einflüssen mitbekommen hast, hast Du Dir ein Soundscape zurecht gezimmert, das ich schlecht mit einem Genre beschreiben kann. Ich würde es einfach eine moderne Herangehensweise an Soulmusik nennen. Würdest Du das unterschreiben? Man könnte es so nennen. Man könnte aber auch ganz einfach sagen: „Singer-Songwriter-Musik, die in alle Richtungen geht“. Ok. [Ayo lacht] ...Also noch mehr Widespread, als ich das gerade beschrieben habe. Mir ist aufgefallen, dass Deine Songs stark narrativ und damit auch sehr auf den textlichen Inhalt fokussiert sind. Dabei geht es öfter kritisch, melancholisch und traurig zu und widerspricht damit dem typischen Pop-Klischee „alles happy“... [Ayo äußert sich zustimmend] Das ist eher untypisch für die heutige Zeit. Mich erinnert das an die Dramen der großen Soulsongs der Sechziger- und Siebzigerjahre – da gab es oft solche dramatischen Elemente. Was bewegt Dich dazu, mit Kritik und Melancholie an Musik heranzugehen und Dich in ihr auszudrükken? Ich muss es tun, denn für mich ist es wie eine Therapie. Ich habe das Bedürfnis, die Wahrheit zu erzählen, weil ich zu lange schweigen musste. Ich durfte früher z. B. nicht sagen, was zuhause los war. Man hat sich für viele Dinge geschämt. Irgendwann habe ich dann begriffen, dass man diese Sachen rauslassen muss, weil es dich sonst von innen zerfrisst... Meine größte Inspiration ist also mein Leben, mit all dem, was mir widerfahren ist. Darüber singe ich. – Ich glaube früher, in den Sechzigern und Siebzigern, war es viel selbstverständlicher, dass Menschen ihre Gefühle miteinander teilen. Da war der Mann noch keine Memme, nur weil er ein Liebeslied gesungen hat. Wenn man sich heutzutage die R’n’B- und Hip-Hop-Typen anhört, stellt man fest, dass die Frauen hier nur runtergebuttert werden. Da würde keiner sagen „Du hast mir das Herz gebrochen“. Die machen alle auf tough. Aber damals war das anders. Ich glaube, das fehlt heute ein bisschen. Man ist häufig nicht ehrlich mit sich selbst und spielt zu oft etwas, das man nicht ist.

Ist also das Melancholische eine Seite Deines Lebens und ist Musik für Dich einfach ein Weg, Deine Emotionen auszudrükken und zu verarbeiten? Genau. – Und ich möchte anderen Menschen ermöglichen, sich in meinen Liedern und Texten wiederzufinden. Denn es gibt so viele Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, sich auszudrücken; die in ihrem Leben sehr gelitten haben, aber niemals mit jemandem darüber reden würden. – Ich glaube, Musik ist generell eine Medizin. Wenn wir uns eine Platte kaufen, dann ist das so, als würden wir uns Medizin besorgen: Du bist in einer bestimmten Stimmung, gehst in einen Laden, und egal was du kaufst, du wirst es gezielt kaufen – weil du das Gefühl, das du gerade in dir trägst, entweder vertiefen oder loswerden möchtest. Oder du willst mit der Musik einfach eine bestimmte Emotion in Dir hervorrufen. Ganz gezielt.

verstehe, ist für Dich „Soul“ aber etwas viel Größeres als nur ein Genre. Wie würdest Du für Dich „Soul“ definieren? „Soul“ ist für mich alles, was echt ist. Alles, was aus der Seele kommt und was man mit anderen Menschen teilen kann. Ich glaube, unsere Seelen sind immer auf der Suche. Sie versuchen ständig, mit anderen Seelen Verbindung aufzunehmen. Das passiert z. B., wenn Menschen gemeinsam Musik hören und plötzlich alle das Gleiche empfinden. Dafür sind unsere Seelen verantwortlich. Wenn alle berührt werden – vielleicht nicht genau auf dieselbe Art und Weise, aber im Kern geht es uns allen dann um das Gleiche: Es geht ins Herz. Mir passiert das z. B., wenn ich „Stairway To Heaven“ von Led Zeppelin höre. Das ist für mich Soul – weil es mich berührt. [Im Hintergrund ertönt eine leise Kinderstimme: „...ha du gut gesingn?“ Ayos kleiner Sohn kommt herein und darf natürlich auf Ayos Schoß.]

Du widersprichst also dem gängigen Klischee, dass Musik nur reines Entertainment ist? Ja. Komplett! Ich glaube, großartige Musik sagt immer etwas aus und hat dadurch etwas zeitloses. Bob Marley z. B. hat wirklich etwas ausgesagt. Und genauso tat das Billy Holiday schon – jeder auf seine Weise. Ich höre auch gerne Hip Hop, ab und an. Wenn ich mal in einen Klub gehe – was nicht allzu häufig passiert, weil ich nicht so viel Zeit habe –, freue ich mich schon, wenn Dancehall oder Hip Hop gespielt wird. Da geht es mir nur um die Rhythmik, die Lyrics sind mir dann egal. [grinst] Aber wenn z. B. Mos Def läuft, ist es noch besser, denn der ist ein guter Rapper und die Lyrics sind wirklich toll: Er hat etwas zu sagen. Busta Rhymes dagegen hat nichts zu sagen und erzählt eigentlich nur Mist. Aber er ist trotzdem gut, oder? [grinst]

Eine letzte Frage habe ich noch: Deine Biografie ist international. Was hat Dich das Reisen und häufige Umziehen gelehrt? In musikalischer, aber auch vielleicht in persönlicher Hinsicht? Es hat mich offener gemacht. Man lernt, dass es am Ende des Tages eigentlich ganz egal ist, wo man sich befindet. Dann sind diese Städte einfach unwichtig. Wichtig ist nur, wie du dich fühlst. Und das ist alles in deinem Herzen. Ich hab gelernt, dass es kein Zuhause gibt – jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne, dass man in irgendeiner Stadt ein Appartement hat und das sein Zuhause ist. Daran glaube ich nicht. Dein Zuhause findest du nur bei dir und vielleicht bei den Menschen, die du liebst.

Ja! Er ist technisch gut und hat immer wahnsinnige Rhythmen – es reißt einen immer sofort mit. Aber es geht nicht um die Intents. Ganz genau!

Dann bedanke ich mich für das schöne Interview und freue mich nun auf ein sehr schönes Konzert! Da bin ich mir absolut sicher. Danke schön. Vielen Dank. Alles Gute.

Das Wort „Soul“ beschreibt im musikalischen Sinne ein Genre: Sechzigerjahre Soul und R’n’B. Wenn ich Dich richtig



Der Begriff Heimat ist Deiner Meinung nach also viel stärker mit Menschen verbunden als mit konkreten Orten? Ja, genau.

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EVERYBODY LOVES THE SUNSHINE Roy Ayers –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 52

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Text & Illustration: Gino Faglioni

Experimentier- und Spielfreude sind das Markenzeichen des Godfather of Acid Jazz, dessen Karriere nun bald 50 Jahre andauert. In dieser Zeitspanne hat er zahllose Genres erforscht und vermischt, blieb aber nie lange einer bestimmten Richtung treu und beeinflusste dabei mehrere Generationen von Musikern und Produzenten. Dabei hatte er nie Berührungsängste und gehört zu den wenigen „alten“ Musikern aus dem Jazz/Funk/Soul-Bereich, die nicht nur das Sampeln ihrer Musik begrüßten, sondern auch immer für Kollaborationen mit ihren musikalischen Erben zu haben sind, darunter moderne Größen wie Guru und Erykah Badu.

eine ersten Vibraphon-Schlägel soll Roy Ayers im zarten Alter von fünf Jahren von niemand geringerem als dem genialen Jazz-Vibraphonisten Lionel Hampton bekommen haben, als ihn seine Eltern zu einem Konzert des Virtuosen mitnahmen. Doch auch falls diese Geschichte nicht stimmen sollte, wurden dem kleinen Roy die richtigen Vibes praktisch in die Wiege gelegt: Sein Vater war Posaunist, die Mutter Pianistin und Klavierlehrerin, und während bei den meisten von uns das Kinderxylophon irgendwann in einer Ecke des Kinderzimmers verstaubt, blieb Roy Ayers den Klöppeln treu. In besagter Wiege landete Ayers am 10. September 1940 in South Central Los Angeles – damals noch eines der besseren Viertel, das den Mittelpunkt für die Black-Music-Szene L.A.s bildete. Sein Schulweg war gesäumt von Clubs und Bars und auch seine High School hatte schon einige bedeutende Jazzer hervorgebracht. Seine Mutter gab ihm von kleinauf Pianounterricht und bereits im Alter von fünf Jahren soll Roy Ayers Songs geschrieben haben – „rudimentären Boogie Woogie“. Kurz darauf fand die schicksalhafte Begegnung mit Lionel Hampton statt, doch es sollte zwölf Jahre dauern, bis Ayers begann, selbst Vibraphon zu spielen, was laut seiner eigenen Aussage immer sein Lieblingsinstrument gewesen war. Anfang der Sechziger spielte Ayers mit einigen lokalen Größen der Jazz-Szene von Los Angeles, darunter Chico Hamilton und Jack Wilson. Letzterer engagierte ihn 1962 als Studio-

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musiker auf dem Album „Brazilian Mancini“. Die Erfahrungen, die er als Sessionmusiker sammelte, ermutigten ihn, selbst Bandleader zu werden, und 1963 bekam er die Möglichkeit, mit dem Projekt „West Coast Vibes“ für United Artists aufzunehmen. In dieser Zeit avancierte er zu einem der gefragtesten Vibe-Player in der Musikszene der Westküste. 1966 wurde Ayers Mitglied in der Band von Flötist Herbie Mann, mit dem er die folgenden vier Jahre tourte und aufnahm. Mann war nach einem Gig in L.A.s Lighthouse Club, bei dem Ayers mitjammte, so begeistert von dem jungen Vibraphonisten, dass er ihn vom Fleck weg für seine Band engagierte. Der Nachwelt blieben von dieser Zusammenarbeit vor allem die LPs „Memphis Underground“ und „Whisky A Go-Go“, die zu Manns stärkste Arbeiten zählen. Auf „Memphis Underground“ mischte Mann Jazz und R&B-Einflüsse – unter anderem spielten die Houseband von Stax und die Muscle Shoals Rhythm Section als Sessionmusiker auf der Platte – was Herbie Mann von Seiten der Jazzpuristen einige Kritik einbrachte, ihm aber gleichzeitig eine Fanbasis im Mainstream etablierte und eine der Lieblingsplatten des Skandaljournalisten Hunter S. Thompson war. Mann produzierte auch die ersten drei Soloalben von Roy Ayers, „Virgo Vibes“ (1967), „Daddy Bug & Friends“ (1967) und „Stoned Soul Picnic“ (1968). Nachdem er 1970 Herbie Manns Band verlassen hatte, gründete er in New York Ubiquity. Zum beweglichen Line-Up der Gruppe gehörten u. a. Sängerin Dee Dee Bridgewater und Drummer Billy Cobham, auf Virgo Vibes ist sogar Herbie Han-

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RAMP – COME INTO VIRGO VIBES (1967)

COFFY OST (1973)

MYSTIC VOYAGE (1974)

MY KNOWLEDGE (1974)

VIRGIN UBIQUITY (2003)

MAHOGANY VIBE (2004)

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cock zu hören – unter dem Pseudonym Ronnie Clark. Ayers hat- Ubiquity mit wechselnder Besetzung innerhalb von zwölf Jahte schon damals keine Berührungsängste mit anderen Musik- ren 20 Alben für Polydor auf und schuf sich ein breites Pubrichtungen, und inspiriert von Miles Davis Fusion-Experimen- likum für ihre Jazz-Funk-Disco Melange. Den großen kommerten und Donald Byrds funky Jazz vereinte er mit Ubiquity im- ziellen Durchbruch brachte das 1976er Album „Everybody Loves mer wieder Jazz, Funk, Rock, Soul, Salsa und eigentlich alles, the Sunshine“, dessen Titeltrack ein früher Discohit wurde, und was ihm gerade gefiel, zu einer eigenen Mischung und erreichte obwohl das Stück nie als Single erschien, ist es wohl Ayers bekanntestes, wie auch sein meistgesampletes u. a. von Brand damit Jazz- und Pophörer gleichermaßen. „Ich bin sehr offen, was MuNubian (Wake Up), Mary J. Blige sik angeht, ich liebe die Musik, (My Life – eines von Ayers perdie ich persönlich höre – Pop, sönlichen Favorites), Naughty Jazz, Blues und Soul, aber ich by Nature (Sunshine) und Combin nicht darauf beschränkt. mon (Book of Life) und auch im Meine Musik ist eine KombiElektronikbereich wie im Acid nation aus verschmolzenen Jazz wird es immer wieder gerStilen. Ich möchte die gesamte ne zitiert bzw. gecovert (z. B. Bandbreite abdecken.“ (Liner von Incognito, die das betrefNotes zu „Evolution: The Polyfende Album nach einer Zeile „Ich liebe die Musik, die ich persönlich dor Anthology“) aus dem Stück „Bees+Things+ Auch mit seinem HandFlowers“ benannten). höre, aber ich bin nicht darauf werkszeug war Roy Ayers exEtwa zur selben Zeit hob beschränkt. Meine Musik ist eine perimentierfreudig, als einer Ayers das Projekt RAMP aus der ersten Vibraphonspieler verder Taufe, das er als Produzent Kombination aus verschmolzenen wendete er Wah Wahs, Verzerund Songwriter betreute und Stilen. Ich möchte die gesamte rer und ähnliche Effekte. Oft deren einziges Album „Come insolierte er virtuos, auf vielen to my Knowledge“ sich bis heuBandbreite abdecken.“ Stücken ließ er die Vibes aber te größter Beliebtheit bei Freunauch im Hintergrund vor sich den des Rare Grooves erfreut. hin schwurbeln, zusammen mit Auf dem Album stechen vor alKeyboards, Gitarren und Blälem die Version von „Everybody sern, und ließ dem pumpenden Loves the Sunshine“ hervor, Beat den Vorrang. Die ersten drei Alben waren aber noch sowie „Daylight“, das 1989 von A Tribe Called Quest für „Bonita eindeutig dem Jazz zuzuordnen und mit seinen späteren, poppi- Applebaum“ gesampelt wurde. Aufgrund von Unstimmigkeiten geren Platten fiel Ayers bei vielen Puristen in Ungnade. mit der Plattenfirma wurde die Platte trotz einiger Tourerfolge Nach drei weiteren regulären Ubiquity-Alben nahm Roy in Detroit und New York kaum promotet und deswegen verAyers 1973 den Soundtrack zu „Coffy“ auf, eine seiner besten schwand RAMP schnell wieder in der Versenkung. Inzwischen Scheiben. Auf dem Klassiker des Blaxploitation-Soundtracks ge- hat sich die Band allerdings neu formiert und tourt fleißig auf ben sich treibender Funk, psychedelische Slow Jams zwischen der ganzen Welt. Cocktailbar und Saunaclub, souliger Jazz und auch einige sehr „Sunshine“ vegraulte die Jazzfans, die ihm die „Anbiederung“ verspulte Passagen die Klinke in die Hand. Es folgte das Album an den Mainstream nie wirklich verziehen. Das spornte Ayers „Mystic Voyage“, das die R&B-Top 20 knackte. Insgesamt nahm aber nur an und er legte mit den Pop-Funk-LPs „Vibrations“ 54

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(Januar 1977) und „Lifeline“ (Juni 1977) nach. „Running Away“ war seine erste Top-20-Single und ist bis heute auf etlichen 70er Jahre-Funkparties und -Soundtracks zu finden (unter anderem in den Videospielen „Grand Theft Auto: San Andreas“ und „Driver: Parallel Lines“). Nach „Lifeline“ löste Ayers Ubiquity auf und begab sich erneut auf Solopfade. „Freaky Deaky“ war sein nächster Dancefloorhit, der so erfolgreich war, dass sogar ein Tanzschritt nach dem Track benannt wurde. Ayers Output war ungebrochen und trotz der SelloutAnschuldigungen aus dem Jazzlager blieben seine Platten qualitativ hochwertige Perlen im Disco-Einheitsbrei. Die nächste Stufe für Ayers stellte 1979 die Zusammenarbeit mit dem Afrobeat-Pionier Fela Kuti – dem „James Brown Afrikas“ dar, die ihn nicht nur musikalisch eine neue Richtung einschlagen ließ, sondern seine Musik auch politischer machte und ihn ein wenig mit der entfremdeten Jazz-Community versöhnte. Ayers: „Die Chemie stimmte sofort. (…) Wir sind sehr gute Freunde geworden. Ich tourte mit ihm sieben Wochen lang durch Nigeria. Es war eine tolle Zeit. Ich erfuhr mehr über (…) meine afrikanischen Wurzeln und über die Traditionen der Urvölker. Ich wollte mehr über das Leben im Busch erfahren. Fela sagte ,Den Busch kann man nicht erklären, man kann ihn nur erleben!‘ (…) Er war ein toller Mann, sehr politisch engagiert und sehr spirituell. Er liebte Afrika und war ein begnadeter Künstler, (…) und Musiker“ (ARTE, „Tracks“-Sendung vom 26.08.2003). Neben der Tour nahm er mit Fela das „Music of Many Colors“ auf, das gekonnt Afrobeat mit dem Ayers-Sound verband. 1981 folgte inspiriert von seiner Reise das Album „Africa Is the Center of the World“. Während sich Ayers kontinuierlich musikalisch entwickelte, wurde es kommerziell gesehen eher still um ihn, er tourte zwar weiterhin durch Europa und Japan, aber erst Ende der achtziger Jahre wurde er durch die Beliebtheit seiner Samples in der Hip-Hop-Szene und die aufkeimende Acid-Jazz-Bewegung wieder ins Rampenlicht gerückt. Gerade auf den Sound Letzterer hatte er großen Einfluss und fast jede Acid-Jazz-Band hat schon einmal mindestens eines seiner Stücke gecovert oder bearbeitet.

Als Guru von Gang Starr 1993 zum ersten Mal Größen aus allen Zeitaltern der Black Music zu seinen Jazzmatazz-Sessions einlud, durfte Ayers nicht fehlen. Anders als viele seiner Kollegen, die sich bestohlen fühlten, ist Ayers stolz, dass seine Musik einer jüngeren Generation zugänglich gemacht wird: „Ich fühle mich geehrt, dass sie meine Musik auswählten … ich bin wieder allgegenwärtig („ubiquitous“ – in Anspielung auf den Namen seiner Band)“. Der Entertainment Weekly listete er sogar seine persönliche Top-5 der Stücke auf, bei denen seine Stücke gesampelt wurden: 1. Mary J. Blige: „My Life“ (sampelt „Everbody Loves the Sunshine“), 2. Tony Yayo „Fake Love“ (dito), 3. A Tribe Called Quest: „Bonita Applebaum“ („Daylight“), 4. Junior Mafia: „Get Money“ (sampelt das von Ayers produzierte „You Can’t Turn Me Away“ von Sylvia Striplin) und 5. Erykah Badu: „Amerykahn Promise“ („American Promise“ von RAMP). Badu coverte auch Ayers „Searchin“ auf ihrem hervorragenden Live-Album „Baduizm LIVE“, Ayers bedankte sich, indem er das Lied auf seinem 2004 erschienenen Album „Mahogany Vibe“ noch einmal mit der NuSoul Königin aufnahm. Auch sonst enthält die LP Kollaborationen mit alten (Betty Wright) wie neuen Größen der Black Music und bringt den Roy-Ayers-Sound ins 21. Jahrhundert. Roy Ayers tourt unermüdlich und bringt Platten heraus, als Kollaborateur, Produzent und Musiker. Außerdem erschienen vor einiger Zeit zwei Volumes mit unveröffentlichten Ubiquity Tracks „Virgin Ubiquity vols. 1 & 2“ und Remix-Alben. Außerdem moderiert Roy Ayers bei dem Videospiel „Grand Theft Auto IV“ – nachdem er bei fast allen Spielen der Reihe auf dem Soundtrack vertreten war – die Radiostation „Fusion.fm“. Vielleicht erreicht der Pate des Acid Jazz auf diesem Weg erneut eine ganz neue Hörerschicht, es wäre ja nicht das erste Mal. ||

Über den Autor: Gino Faglioni lebt und arbeitet in München als Grafikdesigner und Illustrator. Das von ihm verfasste und illustrierte Buch „What the Funk“ ist im Büro9Verlag erschienen.

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In nur zehn Jahren ––––

veröffentlichte er sieben Solo-Alben auf Curtis Mayfield’s Curtom Records, fungierte als LeadSänger der legendären Impressions, produzierte Soft-Soul Acts wie The Natural Four und The Voices of East Harlem und schrieb gemeinsam mit Donny Hathaway den Soul-Hit „The Ghetto“. Chart-Erfolge wollten ihm trotzdem nicht so recht gelingen, und heute gilt Hutson als einer der am meisten unterschätzten Soul-Künstler überhaupt. In den Achtzigern wurde es still um ihn, aber im Aufwind der Acid-Jazz-Bewegung avancierte Hutson zur Soul-Ikone, besonders in der britischen Szene. Anders als andere Oldschool Artists blieb der scheue Künstler, der jetzt in Miami lebt, jedoch bis heute lieber im Hintergrund. Viele Promoter versuchten vergeblich, ihn zu Konzerten nach Europa zu holen, und Interviews gibt Hutson eigentlich nicht. Doch im Dezember gelang es dem Deutschen DJ Pari, der Marva Whitney, Bobby Byrd und Lyn Collins zurück ins Rampenlicht holte, Hutson zu einem Auftritt in seiner wöchentlichen Radioshow „Midnight Soulstice“ in seiner Wahlheimat Richmond, Virginia, zu bewegen. Hutson und DJ Pari sind seit fünf Jahren befreundet, und da der Sänger jetzt mit gleich zwei neuen Alben und einer Autobiographie ein Comeback versucht, war die Zeit offenbar reif.

LEROY HUTSON ist ein Enigma ––––––––––––––––––––––––––––––––––––– Interview: DJ Pari

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Du kommst aus New Jersey und hast Deine Karriere Mitte der sechziger Jahre als Mitglied der Nu-Tones begonnen. Aber Deine drei Singles auf Kapp Records als Teil des Duos Sugar and Spice mit Deborah Rollins gehören zu Deinen ersten Aufnahmen. Was ist die Geschichte von Sugar and Spice? Deborah Rollins war eine Klassenkameradin von mir in der High School in Newark, New Jersey. Ich bin dort aufgewachsen, und Deborah ging auf meine Schule. Nach unserem Schulabschluss trafen wir uns später auf der Howard University [in Washington D. C., der Autor] wieder. Dort begannen wir gemeinsam bei verschiedenen Talentwettbewerben der Universität aufzutreten, und wir sind dem Produzenten Guy Draper aufgefallen. Mr. Draper war damals ein aufsteigender Künstlermanager, er managte die Unifics. Vielleicht kennst du ja deren Hit „Court of Love“. Er schlug vor, uns zu managen, und wir unterschrieben einen Vertrag mit ihm. Er brachte uns bei einigen Talentshows unter, zum Beispiel im Uptown Theater in Philadelphia, und wir traten regelmäßig im Apollo Theater auf. Eine Zeit lang lief das richtig gut. Wir

nahmen auch an einigen Wettbewerben auf dem Campus teil. So wurden wir zu Sugar and Spice, Guy Draper hat uns den Namen gegeben. Deborah und ich haben einige Jahre zusammen gesungen, das hat viel Spaß gemacht. Auf dem Campus hast Du 1969 Donny Hathaway kennen gelernt, und man erzählt sich, dass Ihr Euch eine Studentenbude geteilt habt. Später habt Ihr beide gemeinsam für eine der großartigsten Kompositionen des Soul kollaboriert – „The Ghetto“. Donny hat die Nummer für sein Debut-Album aufgenommen, und Du hast sie später für Dein eigenes Album „The Man“ neu arrangiert. Wie ist dieser Song enstanden? Ich traf Donny schon 1967, kurz nachdem ich von Biologie zu Musik gewechselt bin. Als ich mit dem Studium begonnen hatte, war ich mir nicht so klar, was ich eigentlich studieren wollte. Ich hab deshalb erst mal eineinhalb Jahre in Biologiekursen verbracht. Eines Tages ging ich über den Campus und kam am Gebäude für Bildende Künste vorbei, und hörte dort Musik. Ich ging runter in die Proberäume und beschloss auf der Stelle,

dass ich mein Hauptfach wechseln würde. Das habe ich dann auch gemacht. Ich ging zum Dekan, und er begleitete mich zum Verwaltungsgebäude und besorgte mir umgehend ein Stipendium für herausragende Talente. Das ist wirklich so geschehen, und von jenem Tag an war ich ein Musikstudent. Donny war schon damals eine Campus-Legende. Wenn er unten in seinem Proberaum übte, dann gingen alle hin und hörten ihm beim Spielen und Singen zu. Als ich ihn kennen lernte, faszinierte er mich sofort. Sein Talent war einfach einzigartig. Mit der Zeit wurden wir Freunde und schließlich wurde er mein Mitbewohner. Wir hatten eine kleine Wohnung in Washington, in der zweiten Etage eines Hauses an der Ecke 15. Straße und T-Straße. Wir wohnten dort zwei Jahre, gemeinsam mit meinem Kumpel Ed Kennedy, der später mein Trauzeuge wurde. Und nun zu „The Ghetto“. Das war und ist immer noch das größte magische Erlebnis meiner Musikerkarriere, und ich hatte viele magische Momente. Es war an einem Dienstagabend. Ich saß am Wurlitzer-Piano, dass wir in unserer Wohnung hatten, und Donny kam von einer Probesession nach

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nd nun zu „The Ghetto“. Das war und ist immer noch das größte magische Erlebnis meiner Musikerkarriere, und ich hatte viele magische Momente. Es war an einem Dienstagabend. Ich saß am Wurlitzer-Piano, dass wir in unserer Wohnung hatten, und Donny kam von einer Probesession nach Hause.

ir hatten nur drei Tage Zeit zum Proben. Ich musste das gesamte Repertoire lernen. Aber was es leichter machte, war das ich perfekt in die Uniform von Curtis hinein passte. Wir hatten die gleiche Größe. Man hat mir später, nach dem Konzert, sogar gesagt, dass es nur schwer zu sehen war, dass nicht Mayfield auf der Bühne stand.

Hause. Er kam ins Wohnzimmer, als ich gerade ein bestimmtes Riff spielte. Und er sagte „Now that’s the Ghetto!“ Und dann sagte er „Nein, Hoss“ – er nannte mich Hoss – „Das muss so klingen.“ Er spielte dann etwas später den treibenden BassLauf unseres Hitsongs „The Ghetto“. So wurde dieser Song geboren. Wir verbrachten eine Stunde, vielleicht anderthalb, damit, den Song zusammenzubasteln und auf unseren Tape-Recorder aufzunehmen. Der Song hat sein eigenes Leben entwickelt. Das war pure Magie. Und als wir fertig waren, als wir einen echten Song hatten, haben wir das Tape gespielt und uns auf dem Fensterrahmen gekniet. Wir beobachteten den Verkehr, der unten an uns vorbei zog, und es kam uns so vor, als wäre die Bewegung der Autos orchestriert, weil sie sich zu dem Rhythmus des Songs bewegten. Wenn die Verkehrsampel von Rot nach Grün wechselte, und der Verkehr sich wieder in Bewegung setzte, dann geschah das rhythmisch. Es war echt magisch. Wir wussten beide, dass wir etwas ganz besonderes kreiert hatten. Du hast den Song kürzlich noch einmal aufgenommen? Ja, für mein neues Album „Soothe you – Groove you“. Als Du mit Donny Hathaway zusammengearbeitet hast, ist Curtis Mayfield auf Dich aufmerksam geworden. Curtis hat Dich zunächst für die Mayfield Singers rekrutiert, und 1971 hast Du ihn als Lead-Sänger bei den Impressions ersetzt. Wie ist es dazu gekommen? Als bekannt wurde, dass Curtis die Impressions verlassen wollte und einen Ersatz suchte, kam Donny auf mich zu. Aber lass mich mal weiter zurückgehen. Donny ging in seinem letzten Jahr von der Uni ab, um als musikalischer Leiter für Curtis’ Band zu arbeiten. Außer58

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dem stieg er beim Produzententeam vom Curtom Records mit ein. Und wie gesagt, als Curtis seinen Nachfolger für die Impressions suchte, sprach Donny mit Curtis und schlug mich vor. Marvin Hyman, der Partner von Curtis, meldete sich bei mir in Washington, D.C. Ich wurde nach Chicago eingeflogen, und ich hatte gerade mal drei Tage Zeit, um mit den anderen beiden Mitgliedern der Impressions zu proben, Fred Cash und Sam Gooden. Unser erster Gig war im Central Park in New York City, vor Tausenden von Zuschauern. Und der Rest ist, wie man sagt, Geschichte. Und? Warst du nervös? Absolut, das kannst du dir sicher vorstellen. Es war einige Zeit her, dass ich dort aufgetreten war. Und wie ich schon sagte, wir hatten nur drei Tage Zeit zum Proben. Ich musste das gesamte Repertoire lernen. Aber was es leichter machte, war, dass ich perfekt in die Uniform von Curtis hineinpasste. Wir hatten die gleiche Größe. Man hat mir später, nach dem Konzert, sogar gesagt, dass es nur schwer zu sehen war, dass nicht Mayfield auf der Bühne stand. Das war schon ein Kompliment. [kichert] Du warst allerdings nicht lange bei den Impressions und hast nur ein Album – „Times have changed“ – mit ihnen aufgenommen. Danach hast Du Dich auf Deine eigene Karriere konzentriert und Curtis hat Dich bei Curtom unter Vertrag genommen. Dort hast Du in nur wenigen Jahren sieben großartige Alben aufgenommen. Du hast die meisten Songs selbst geschrieben und arrangiert, hast viele der Instrumente gespielt. Trotz allem hast du niemals große Charterfolge gehabt. Was ist falsch gelaufen? Um ehrlich zu sein, als ich da mittendrin war, war mir nicht so richtig bewusst, was um mich herum passierte.

Aber mir ist aufgefallen, dass die Plattenfirma zum Zeitpunkt meiner Veröffentlichungen immer irgendwelchen Wandel durchlief. Meistens stimmte das Timing einfach nicht, und ich konnte das nicht verstehen. Erst war da Buddah Records, und Warner Brothers kümmerte sich um den Vertrieb. Dann kam RSO. Es kam mir einfach vor, als ob das Timing nie so recht stimmte. Aber im Laufe der Zeit habe ich gelernt, die Sache anders zu sehen, was die inneren Strukturen der Plattenfirma angeht. Und anstelle die Schuld jetzt auf jemand anderen zu schieben, sage ich nur, dass man darüber in meinem neuen Buch wird lesen können, das ich gerade schreibe. Es heißt „The Impressions of a Soul Survivor“. Das Buch ist bald erhältlich. [lacht] Dein wohl bekanntester Song hat drei Generationen von Soul-Fans inspiriert – „Lucky Fellow“, 1975 auf deinem dritten Album „Hutson“ erschienen. Wie ist dieser Song enstanden? „Lucky Fellow“ wurde von zwei jungen Männern in Chicago geschrieben. Es war nicht meine eigene Komposition, sondern ein Remake von einem Song, den ich sehr mochte. Der Song war ein echter Glücksgriff, ich hätte das nie erwartet. Er hat Jahrzehnte überlebt, wie so viele meiner Songs, und das beeindruckt mich zutiefst. Aber wie gesagt, es war nicht mein eigener Song. Du hast zahlreiche andere Künstler produziert und für sie geschrieben, wie zum Beispiel The Natural Four, The Voices of East Harlem, Linda Clifford, Arnold Blair. Hattest Du einen Produzenten-Vertrag bei Curtom? Ja, ich hatte damals tatsächlich einen Produzenten-Vertrag bei Curtom. Er war großartig. Der Job hat mir viel bedeutet, weil ich mein Können richtig entfalten konnte. Und ich habe viele wunderbare

Künstler getroffen. Curtom hatte damals eine Reihe großartiger Künstler unter Vertrag. Es hat mich geehrt, dass ich zu jener Zeit dabei sein durfte. Nach Deinem Album „Paradise“, das 1982 erschien, wurde es ruhig um Dich. Womit hast Du die achtziger Jahre verbracht? Nach meiner Zeit mit den Impressions und während meiner Solo-Karriere war ich fünf oder mehr Jahre auf Tour, manchmal bis zu neun Monate im Jahr. Das hat dann irgendwann ziemlich geschlaucht. Ich beschloss, mehr Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Ich hatte einfach nicht genug Zeit mit ihnen. Ich wollte eine größere Rolle in ihrer Erziehung spielen. Alle meine Kinder sind sehr talentiert – ich habe zwei Töchter und einen Sohn, der viel Talent hat. Er heisst J. R. Hutson. Hat er nicht ein paar Songs für das neue Album von Jill Scott geschrieben? Ja, er hat einige großartige Sachen am Start. Mann, er ist so talentiert. Er hat vier Songs auf Jills neuem Album – und er hat die neue Single von Musiq Soulchild geschrieben, von der im Moment alle sprechen. Der Song heißt „So beautiful“. Ich habe viel Zeit investiert, um ihn auf das Musikgeschäft vorzubereiten, und ich habe ihn sieben oder acht Jahre gemanagt. Das hat sich wohl bezahlt gemacht. Genau. Ich habe das Musikgeschäft nie verlassen, ich habe mich nur um andere Aspekte gekümmert, wie Management, Produktion und Verlag. Wir hatten Produktionsverträge mit allen großen Labels. Wir haben damals fast alle großen Künstler produziert, wie zum Beispiel Boys II Men. Wie gesagt, ich war niemals raus aus dem Geschäft, ich habe nur andere Schwerpunkte gesetzt.

Dank der Acid Jazz Ära und des weltweiten Soul-Revivals ist anzunehmen, dass Du heute vielleicht sogar mehr Fans hast als damals. Wie denkst Du darüber? Wow. Mann, ich bin einfach nur ein Typ, der das alles in seinen wildesten Erwartungen nicht erträumt hat. Ich bin so dankbar für dieses lange Leben im Musikgeschäft, das mir gegeben wurde. Er ehrt mich so sehr, ich kann es nicht in Worte fassen. Wie ich schon sagte, meine Songs haben Jahrzehnte überlebt. Ich danke Gott jeden Tag für alles, was er mir gegeben hat. Drei wundervolle und talentierte Kinder, eine Ehefrau, die mich immer noch liebt, trotz allem, was sie über mich weiß [lacht]. Alte Freunde und neue Freunde. Die junge Frau, die meine MySpace-Seite gemacht hat, ist ein Fan von mir. Sie heißt Beth Mendoza. Mein Sohn rief mich eines Tages an und sagte „Dad, wusstest du, dass du eine MySpaceSeite hast?“ Ich hatte keine Ahnung, und als ich mir die Website ansah, konnte ich nicht glauben, wie viel Arbeit da drin steckte. Das ist jetzt zwei Jahre her und es ist wunderbar. Ich bin dankbar für die Liebe und Aufmerksamkeit, die mir ständig zuteil wird. Ich bin gesegnet. Im vergangenen Jahr hast Du Dein neues Album veröffentlicht, „Soothe you – Groove you“, und Du hast es so gut wie im Alleingang aufgenommen. Du hast mir früher mal erzählt, wie glücklich Du über die neue Aufnahmetechnik bist, die es Dir ermöglicht, ohne ein ganzes Orchester aufzunehmen. Ich würde nicht „im Alleingang“ sagen. Hier in Miami habe immer noch sehr talentierte Musiker um mich. Aber der Unterschied ist, dass die Technik sich bis zu einem Punkt entwickelt hat … ich nenne das „eine Band in einer Box“. Die moderne Technik hat es ermöglicht, reale Musiker zu sampeln, wie etwa die Tschechische Philharmonie oder die besten

Schlagzeuger der Welt. So kannst du diese Musiker in deinem Computer haben. Das finde ich echt unglaublich. Den größten Teil meines neuen Albums habe ich so aufgenommen, und habe die Sounds der besten Schlagzeuger, der besten Bassisten, der besten Orchester, der besten Hornisten. Und das Tolle ist, wenn du das neue Album hörst, kannst du nur schwer erkennen, dass nicht alles live aufgenommen wurde. Die Technik erlaubt es heute, so zu arbeiten. Wo kann man Dein neues Album kaufen? Von meiner neuen Website, und die ging am 20. Januar, dem Tag von Obamas Amtseinführung, an den Start. Das ist Absicht. (–> http://www.leehutson.com oder www.leroyhutsonmusic.com) Du hast ein neues Album, eine neue Website, ein Buch, und ein weiteres Album erscheint im Mai 2009. Was können wir von Leroy Hutson noch in der Zukunft erwarten? Wow, wenn Gott mir erlaubt, dass mir all das gelingt, dann bin ich schon glücklich (lacht). Mann, ich habe viel Energie, ich fühle mich großartig, ich lebe immer noch für die Musik. Ich erwarte noch immer einiges, und das Beste kommt erst noch. || Leroy Hutson auf MySpace: www.myspace.com/leroyhutsontheman

Über den Autor: DJ Pari lebt in Richmond, Virginia. Die Website seiner Soulpower-Organisation ist www.soulpower.info. DJ Pari moderiert gemeinsam mit Mr. Felty die Radiosendung Midnight Soulstice (–>www.myspace.com/midnightsoulstice). Hier findet Ihr auch den Download des Interviews.

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Dynamic Eric:

45’s REVIEW ––––––––––––––––––––––––––––

Singles zu Film- und Fernsehthemen gibt es wie Sand am Meer

Über den Autor: „Dynamic Eric“ Kursiefen: Schallplattensammler und DJ aus Köln. Er legt seit über 13 Jahren regelmäßig im Päff in Köln auf, ist Mitinitiator der Partyreihen „Chills and Fever“ sowie „Ready! Steady! Go!“ und moderiert mit Thomas Berghaus die Uptown Strut Revue auf soulsender.de.

– in dieser Ausgabe sollen vier Perlen davon herausgesiebt werden

Artist: JOHN BARRY (Petulia) Record: „PETULIA / HIGHWAY 101“ Label: WARNER BROS.SEVEN ARTS RECORDS · 7230 Promo Release: 1968

Artist: JOHN BARRY (The Ipcress File) Record: „A MAN ALONE (Latin Version) / A MAN ALONE (Jazz Version)“ Label: DECCA · 31815 Promo Release: 1965

Artist: SAMMY DAVIS JR. (Theme from Hawaii 5-0) Record: „YOU CAN COUNT ON ME (Theme from Hawaii 5-0) / SNAP YOUR FINGERS“ Label: 20TH CENTURY · 6162 101 Release: 1976

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Bei der B-Seite dieser 45 handelt es sich natürlich nicht um Truckstop-Musik. Vielmehr verläuft der gleichnamige Highway über die Golden Gate Bridge und durch San Francisco, das Schauplatz des Filmes ist. Hierzu hat der Großmeister der Filmmusik ein unvergessliches Instrumental komponiert. Besonders Xylophon und Bläsersatz machen es zu einer unverkennbaren Hymne, die manchem wieder öffentlich-rechtliche TV-Ansager/-innen und die folgende Erkennungsmelodie des Spätfilms in der ARD in Erinnerung rufen werden. Eine DVD-Fassung des Filmes mit deutscher Synchronisation oder Untertiteln scheint es leider noch nicht zu geben. Hier bleibt nur die englische Originalfassung oder der Gang ins Programmkino übrig. „Highway 101“ findet man natürlich auf dem originalen Soundtrack sowie auf der bereits in der letzten Ausgabe erwähnten Compilation „Creative Musicians“ von Florian Keller, die 2002 auf dem Münchener Label Perfect.Toy Records erschienen ist.

Ein weiteres Goldstück aus der Feder des Großmeisters, der hier den Soundtrack liefert für den, frei vom Filmplakat übersetzt, Goldfinger für Intellektuelle. Dieser erste und beste Film aus der dreiteiligen Harry-Palmer-Reihe mit dem bis dahin noch weithin unbekannten Michael Caine in der Hauptrolle des wirklich englischen Haferkamp-HornbrillenBond ist neben seinen exzellenten Schnitten auch wegen seiner musikalischen Atmosphäre ein Meisterwerk. Wer es für die Tanzschule gebrauchen kann, findet auf beiden Seiten dieser Promo, deren Labeletiketten jedoch vertauscht sind, die entsprechende Anweisungen „Fox Trot“ (Jazz Version) und „Cha Cha“ (Latin Version); Letztere ist auf jeden Fall auch ohne diese Information sehr tanzbar. Die dort enthaltene Percussion schreit eigentlich danach, gesampled zu werden. Im Gegensatz zur Jazz Version findet sich diese neben zwei weiteren anderen auch auf dem Soundtrack wieder, der inzwischen mehrfach wiederveröffentlicht worden ist.

Jawohl, können wir! Diese Nummer war und ist ein Garant für volle Tanzflächen. Als Instrumental bereits unheimlich druckvoll, explodiert dieser Song förmlich mit der großen Stimme dieses kleinen Mannes aus New York, die sich noch mit weiteren Krimithemen (Baretta, Kojak, Shaft, Salt And Pepper) verbindet. Lange Zeit war dieser Song überwiegend auf einem der vielen Sammy-Davis-Langspielern (u. a. The Song And Dance Man) zu finden. Ansonsten kursierte noch ein 7“-Reissue auf Boot Records (BOOT 003). Das hier vorgestellte Original auf dem holländischen Ableger von 20th Century Records ist aber inzwischen auch wieder ganz gut und zu erschwinglichen Preisen zu haben. Eine vernünftige Bildhülle ist meistens auch dabei. Wer es abwechslungsreich mag, kann außerdem noch auf die insgesamt sehr empfehlenswerten Vinyl-Compilations „You Can Count On Me“ (Brown Sugar Records, 2003) und „Recovered Vol. 1“ (Sony Music Entertainment Austria, 2004) zurückgreifen. Neben der klassischen Instrumentalversion der Ventures (besonders empfehlenswert ist die Live-Aufnahme in der Trini Lopez Television Show von 1969) existieren noch unzählige weitere Cover, aus denen man vor allem den Hawaiikranz-Swinger von Robert Delgado & Orchestra hervorheben kann.

Artist: MICHEL LEGRAND / NOEL HARRISON (The Thomas Crown Affair) Record: „THE WINDMILLS OF YOUR MINDS / LEITCH ON THE BEACH“ Label: REPRISE · RS.20758 Release: 1968

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Mein absoluter Partyabschlussklassiker! Zigfach gecovered, ist es diese eine von Noel Harrison (erinnert ein wenig an Reinhard Mey auf Beruhigungsmittel) unvergleichlich gesungene und Oscar-prämierte Version des Hauptthemas dieses ebenfalls großartigen Films (Hauptdarsteller: Steve McQueen und Faye Dunaway). Das Remake des Films von 1999 sowie Musik dazu von Sting kann man sich eigentlich gleich ersparen. Interessant ist die etwas flottere Interpretation des Songs der Uptown Soul-Lady Barbara Lewis von 1969. Der schön gestaltete originale Soundtrack auf United Artists Records, der vom Meister des Easy Listening Michel Legrand komponiert wurde, lässt sich durchgängig sehr gut anhören. Neben einigen schönen Jazz-Nummern ist ein weiterer Kaufgrund vor allem das schnelle und funky Instrumental „The Boston Wrangler“.

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Letzen Montag,

Zu guter

gegen Abend, erreichte mich die E-Mail eines Lesers.

LETZT...

In der stand: „Wenn die uptown strut eh kostenlos in

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Plattenläden ausliegt, warum gibt es dann keinen Download

Text: Thomas Berghaus

als PDF?“ Nachdem ich das gelesen hatte, dachte ich nur:

Foto: Bernhard Marks

„Oh Mann, da hat es jemand wirklich überhaupt nicht kapiert…“

ie Diskussion, ob Druckerschwärze und Naturpapier dem faden Lese-Erlebnis einer PDF-Datei auf dem Bildschirm vorzuziehen ist, gleicht eigentlich der Diskussion um MP3 versus Vinyl und wurde hier bereits ausgiebig geführt. Eigentlich geht es jedoch um etwas völlig anderes: Seit Jahren strauchelt nun die Plattenindustrie – u. a. auch aufgrund der mitunter manchmal zweifelhaften Errungenschaften des Internets und dem immer noch zunehmenden Hin- und Herkopieren medialer Daten. Auch mir fällt es schwer, mit einer Einheitsbrei-Maschinerie wie der Musikindustrie Mitleid zu empfinden. Nur leiden unter der Tatsache, dass wir alle Schreibtisch-/Sessel-Furzer geworden sind, auch ganz andere: Besonders Dein Lieblingsplattenladen um die Ecke: Plattenläden sterben langsam, aber stetig. Mein persönlicher Vinyl-Lieferant der Wahl mit Kölns bestem Sortiment, Groove Attack, musste jüngst seine Ladenfläche halbieren, in einen dunklen Keller ziehen und das schicke Ladengeschäft einem schnöden Stylie-Mode-Shop opfern. Das Schlimmste ist: Ich selbst bin daran nicht ganz unschuldig. Denn ich ertappte mich in den vergangenen Jahren immer häufiger dabei, wie ich beim Medien-McDonalds Amazon meine frische Ware bestellte. Und was für ein Sündiger ich bin, wird erst deutlich, wenn ich Euch gestehe, dass ich ca. vier Fußminuten vom Groove Attack Store entfernt wohne. Das stelle man sich mal vor: Ich bin derartig faul geworden, dass ich auf den Plausch im Laden verzichte und mich damit auch nicht mehr darauf einlasse, einfach mal in Neuerscheinungen reinzuhören, die mir vom Dealer meines Vertrauens empfohlen werden. Ich verzichte auf die zufällige Begeg-

D

nung mit Angehörigen derselben musikalischen Glaubensrichtung… etc. Stattdessen furze ich weiter in den Sessel und bestelle bei einem anonymen Weltkonzern, der mir die 12-inch aus seinem Großlager irgendwo in der Republik via Paketdienst zur Haustür bringt. Auf verstopfte Straßen, Innenstädte und Klimawandel will ich hier erst gar nicht eingehen. In allen Bereichen ist außerdem Konzentration angesagt: Bücher kauft man heute bei Thalia, CDs bei Saturn, die Wurst kauft man nicht beim Metzger, sondern im Supermarkt der Handelskette. Die Autowerkstatt ist heute (ganz US-like) Pit-Stop. Und Dein Bäcker steht wie eh und je morgens um vier Uhr auf – backt seine Brötchen heute jedoch nicht mehr als selbständiger Meister, sondern im Auftrag des Herrn Kamps Junior, der eigentlich bereits genug mit dem öffentlichen Ehelichen einer Moderatorin aus dem Doofen-Fernsehen verdient haben sollte. Das so schöne gesellschaftliche Leitmotiv „Du bist Deines eigenen Glückes Schmied“, dem auch heute noch die mittlerweile völlig naive „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Romantik beischwingt, ist längst überholt. Heute hast Du kaum eine Chance, Dich mit einem Plattenladen selbständig zu machen. Dafür hast Du die (theoretische) Möglichkeit, als Workaholic der glückliche Geschäftsführer einer Konzern-Filiale zu werden: Kein Groove Attack, kein kleiner Plattenladen um die Ecke – dafür gehören Dir 40 Prozent der Media Markt Franchise GmbH, die Dir jedoch leider über den zentralen Einkauf auch Dein Repertoire diktiert. Und wenn dann Deine „Ballermann Hits 2009“-CD und Deine Top-30-CDs oft genug über den Ladentisch gewandert sind, freut sich neben Dir mit Sicherheit auch der Vorstandsvorsitzende der Metro Group, dass

er mal wieder das 1.000-fache Jahresgehalt von Dir einstreichen darf, um auf die kommenden Generationen seines Geschlechts moderne Adelshäuser zu begründen. Aber was hilft das Jammern. Ich bin selber schuld. Ich habe gesündigt und jahrelang Platten übers Internet bestellt – ich gelobe hier und jetzt Besserung. Dabei sollte gerade ich es besser wissen: Als Verlag sind wir nämlich auch AmazonLieferant und kennen die glitzernde Internet-Komfort-Welt auch aus einer ganz andern Perspektive: Zahlungsziele von acht Wochen und die in Deutschland größte Handelsspanne im Büchermarkt – von hinten sehen Internetkonzerne ganz anders aus! Deine Buchhandlung von nebenan, die im besten Falle direkt bei uns bestellt, erhält einen Rabatt von 40 Prozent – dafür gibt’s bei ihr Beratung, Kaffee und sogar die theoretische Chance, zufällig die Frau/den Mann Deines Lebens kennen zu lernen. Amazon kauft ausschließlich für 55 Prozent Rabatt ein und verdient am Buch also mehr als Verlag, Autor und Illustrator zusammen. Nein, ich möchte nicht den Internethandel abschaffen, ich habe mir nur selber vorgenommen, zukünftig wieder stärker darauf zu achten, wo ich meine Platten kaufe. Und jedem unserer Leser aus einer ländlichen Region sei gesagt: Es gibt immer Alternativen. Und es muss nicht immer der US-Konzern sein. Meinen kleinen Lieblingsladen zum Beispiel, Groove Attack, gibt’s seit einiger Zeit auch mit Onlineshop im Web. Und wenn wir alle nicht bald unser Einkaufsverhalten ändern, gibt’s demnächst keine Plattenläden mehr, keine Indielabels und niemand veröffentlicht gute Musik, über die es sich überhaupt noch lohnen würde zu schreiben... ||

– DIE NÄCHSTE AUSGAB E ERSCHEI NT AM 01.10.200 9 –

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