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B端ndner

Wald

Jahrgang 68 | Dezember 2015

Einsatzorganisation bei Unwetterereignissen

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Weiterbildungskurs «Wassergefahren und Prävention» Die Teilnehmenden lernen den Umgang mit Naturgefahrenkarten und dem Gefahrenzonenplan sowie weitere Grundlagen kennen. Darauf aufbauend werden Einwirkung und notwendige Dimensionierungen an konkreten Gebäudestandorten vorgestellt. So wird es möglich, bereits in der Planungsphase geeignete und wirtschaftliche Gebäudeschutzmassnahmen vor Wassergefahren einzubeziehen, aber auch bestehende ungenügende Situationen zu verbessern. Im Rahmen von Übungen und Beispielen werden konkrete Gebäudeschutzmassnahmen ausgearbeitet und aufgezeigt. Eigene Standorte können in diesem Zusammenhang untersucht werden. Referenten und Referentinnen – Dr. Christian Wilhelm, Leiter Fachbereich Schutz vor Naturgefahren, Amt für Wald und Naturgefahren – Reto Stockmann, dipl. Phys. ETH, Experte Elementarschadenprävention, Gebäudeversicherung Graubünden – Andreas Flütsch, dipl. Ing. ETH/SIA, Geschäftsführer Ingenieurbüro Flütsch AG Freitag, 19. Februar 2016, 8.30–16.00 Uhr HTW Chur, Pulvermühlestrasse 57, 7004 Chur Kosten Der Weiterbildungskurs kostet CHF 390.– inkl. Mittagessen Anmeldung Bitte melden Sie sich online an: www.htwchur.ch/wassergefahren

FHO Fachhochschule Ostschweiz

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Inhalt

Titel Editorial.................................................. 4

Viel Elektronik für eine zuverlässige

Das Verhalten der Bevölkerung

Überwachung........................................... 39

im Katastrophenfall..................................... 5

33. Skipostenlauf

Polizeiliche Kommunikation

für das Bündner Forstpersonal................... 46

im Ereignisfall............................................ 11

«Die Gerinnepflege hat sich gelohnt»........ 47

Feuerwehr Graubünden

Geschiebebewirtschaftung

bei Unwettereinsätzen............................... 17

mit dem Klimawandel................................ 49

LNB: Unterzeichnung

Marcello Negrini: da SIV a VIP................... 59

erster Pflichtenhefte.................................. 21

Thomas, herzlichen Dank

BüWa-Interview mit Ralph Rechsteiner...... 23

und alles Gute im Ruhestand !.................... 60

Organisation im Ernstfall für die neue

16 Förster und eine Försterin

Gemeinde Scuol........................................ 29

wurden gefeiert........................................ 61

Erlebnisbericht Scuol –

Vorschau «Bündner Wald»

Nothilfeeinsatz Zivilschutz GR.................... 33

Februar 2016............................................ 63

Praxishilfe – Frühwarnsysteme für gravitative Naturgefahren.......................... 35

Titelbild: Die Armee als wichtige Partnerin bei der Ereignisbewältigung in der Val Parghera. (Bild: Archiv Somedia) Bild Inhaltsverzeichnis: Hans Gasser, Eveline Widmer-Schlumpf und Samuel Schmid lassen sich nach den Unwettern 2002 in Schlans vor Ort vom Gemeindepräsidenten Reto Pfister informieren. (Bild: Archiv Somedia) Bündner Wald 6/2015 3

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Editorial

Ich kann mich an ein Experiment in der Pri­ marschule im Fach Geografie erinnern. Da­ bei wurde eine konstruierte Sandlandschaft mit Bergen und Tälern behutsam mit Wasser besprüht. Anfangs war das Experiment lang­ weilig, weil das versprühte Wasser bei der Sommerhitze gleich wieder verdunstete oder einfach den austrocknenden Sand wieder benetzte – nichts geschah. Dann wurde die eine Seite der Landschaft intensiver mit Was­ ser besprüht, während die andere Seite der Sonne ausgeliefert blieb. Allmählich tat sich was. Während sich auf der einen Seite lang­ sam das Wasser in den Tälern mit Schwemm­ masse sammelte, zerbröselten die trockenen Bergspitzen auf der anderen Seite. Beidseits veränderte sich die Landschaft. Vielleicht habe ich dieses Experiment erst mit dem Zi­ tat des Berner Revierförsters Christian Hab­ egger richtig verstanden: «Das Ziel der Erde ist eine Ebene.» Dies mag eine banale Zusammenfassung sein, trotzdem ist es eine nüchterne und we­ sentliche Erkenntnis für Vorgänge, die rund um uns herum geschehen. Naturprozesse zu verstehen und erleben hilft, sie einerseits zu akzeptieren und andererseits aber Kompe­ tenzen im Umgang mit Naturgefahren zu erlangen. Gerne delegieren wir heute unsere Sicherheit an Dritte, oder wir schützen uns gegen mögliche Gefahren durch Helme oder Airbags. Werner Munter lieferte folgendes Beispiel zum Umgang mit Risiko: «Auch wenn die Bedienung der LVS immer einfa­ cher wird, beobachte ich an Lawinenkursen, dass man sich statt mit der Lawinenpräven­ tion die meiste Zeit mit der LVS-Schulung beschäftigt. Wir gehen doch nicht in die Ber­ ge, um gerettet zu werden?! Letzthin hörte ich von einer Bergführerausbildung in Öster­ reich: Der Klassenlehrer liess die Aspiranten die Sicherheit des unter ihnen liegenden Hangs beurteilen. Alle waren der Meinung,

dass der Hang sicher sei. Anschliessend sam­ melte der Lehrer die LVS ein – keiner getrau­ te sich in den Hang ...» Ein offensichtliches Beispiel für mangelnde Risikokompetenz. Unsere Gesellschaft hat eine ambivalente Haltung zu Risiko. Einerseits wird absolute Sicherheit und damit das Ausschalten von Risiko gefordert, andererseits erlangt das Ri­ sikoverhalten mediale Aufmerksamkeit und führt häufig zu gesellschaftlichem Ansehen. Gleichzeitig gilt Risikobereitschaft als Grund­ bedingung für Lernprozesse und wesentliche Veränderungen. Entwicklung findet dort statt, wo sicherer Boden verlassen und Neu­ es gewagt wird. Dadurch entsteht ein Span­ nungsverhältnis zwischen Forderung nach Risikovermeidung, Verherrlichung von Ri­ sikobereitschaft und der Notwendigkeit, ­Risiko auf sich zu nehmen. Besonders risikokompetente und besonnene Leute sollten meiner Meinung nach in ihrem Fachgebiet in Krisensituationen Verantwor­ tung übernehmen, beispielsweise im Füh­ rungsstab, bei der Einsatzleitung, bei der Kri­ senkommunikation oder beim dringenden Einleiten von Notmass­nahmen. Dabei bleibt jedoch die Krisenkompetenz der gesamten Gesellschaft im Ereignisfall ein entscheiden­ der Faktor für die Bewältigung. «In der Krise beweist sich der Charakter», sagte der kürzlich verstorbene deutsche Altkanzler Helmut Schmidt, der seine Kri­ sen- und Risikokompetenz 1962 in Hamburg während der Sturmflut unter Beweis stellen musste.

Sandro Krättli, Redaktor Bündner Wald Bahnhofplatz 3B, CH-7302 Landquart sandro.kraettli@awn.gr.ch

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Das Verhalten der Bevölkerung im Katastrophenfall Menschliches Verhalten zu verstehen, ist für den Bevölkerungsschutz zentral. Damit sowohl in der Vorsorge als auch im Katas­ trophenfall zielführend und schnell reagiert werden kann, muss klar sein, wie sich Men­ schen in bestimmten Situationen verhalten. Medien prägen oft Bilder von Massen­ paniken und Plünderungen. Doch stimmen diese? Welche Erklärungsmuster sind be­ kannt? Und wie kann die Hilfe zur Selbst­ hilfe gefördert werden? Basierend auf einer Studie stellt die Stiftung Risiko-Dialog wichtige Erkenntnisse vor. Die Schweiz hat verhältnismässig wenig Erfahrung mit grösseren Katastrophen. ­ ­Wenig Erfahrung allerdings auch mit deren Bewältigung. Das Wissen um ein mögliches Verhalten der Bevölkerung und dessen Einflussfaktoren sind zentral, um ausreichend auf künftige Ereignisse vorbereitet zu sein und um zielführende Übungsszenarien zu entwickeln. Die Stiftung Risiko-Dialog hat deshalb im Auftrag des Bundesamts für Bevölkerungsschutz eine umfassende Literaturstudie sowie einen Workshop mit Praktikern und Wissenschaftlern zum Thema «Verhalten der Bevölkerung in Katastrophen und Notlagen» durchgeführt. Ein Paradigmenwechsel – verstärkte Einbindung der Bevölkerung Während traditionelle Schutzansätze die Bevölkerung oft als passive Empfängerin ­ von Informationen verstehen, beschreiben neuere Ansätze verstärkt die Relevanz des individuellen Bewältigungsverhaltens – oder einfacher ausgedrückt der «Hilfe zur Selbsthilfe». Das Bewältigungsverhalten hängt vom Wissen und der Fähigkeit ab, sich und anderen während Katastrophen helfen zu können. Dabei spielt, neben den individuellen Massnahmen wie dem Anlegen von Vorräten oder dem Aneignen von Wissen, ins-

Katastrophensituationen wie nach den gewaltigen Unwettern im November 2002 in Schlans fordern die Bevölkerung. (Bild: Archiv Somedia)

besondere das soziale Umfeld eine wichtige Rolle. Gerade in unsicheren Situationen schauen wir gerne, wie sich das Umfeld – insbesondere Personen mit einer Vorbildfunktion – verhält. Mitglieder aus dem ­Kollegenkreis, aus der Familie oder gar öffentliche Meinungsträger können in Katastrophensituationen eine Art Modellrolle einnehmen und adäquates Verhalten vor­zeigen. Das menschliche Verhalten ist äusserst komplex und hängt von vielen verschiedenen Rahmenbedingungen ab. Damit ist es im Einzelfall nur sehr schwer vorhersag- und steuerbar. Unser Verhalten – insbesondere im Katastrophenfall – ist eng mit unserer ­Risikowahrnehmung, unserem Wissen und unserem Vertrauen in relevante Institutionen verknüpft. Diese drei Faktoren wiederum werden einerseits durch kommunikative Massnahmen und andererseits stark durch eine Vielzahl individueller und gesellschaftBündner Wald 6/2015 5

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licher sowie ereignisspezifischer Bedingun­ gen beeinflusst. So bestimmen beispiels­ weise frühere Lebenserfahrungen, kulturelle Faktoren wie auch genetische Faktoren wie das Geschlecht unser Verhalten zu wesent­ lichen Teilen. Etwas veranschaulicht ausge­ drückt, können sich beispielsweise das Ver­ halten und auch die Informations- und Hilfebedürfnisse eines sozial eingebunde­ nen Familienvaters stark von denjenigen ei­ nes jungen Immigranten mit wenig Landesund Sprachkenntnissen unterscheiden. Neuere Forschungsansätze verweisen des­ halb vermehrt auf die Wichtigkeit des indi­ viduellen bzw. gesellschaftlichen Bewälti­ gungsverhaltens. Man geht verstärkt davon aus, dass die Bevölkerung – mit entspre­ chender Unterstützung – auch Kompeten­ zen besitzt, sich selbst zu schützen und baut gezielt auf diesen Annahmen auf. Das be­ deutet nicht, dass sich die öffentliche Hand aus der Verantwortung ziehen soll. Viel­ mehr ist sie gefordert, proaktiv zu informie­ ren sowie ausgewählte Personen gezielt einzubinden, damit diese ihr Umfeld ent­ sprechend motivieren. Damit wird die Re­ silienz einer Gesellschaft gestärkt. Die Widerstandsfähigkeit gegenüber Katastro­ ­ phen wird grösser und die Fähigkeit sich zu erholen, ausgeprägter. Verzerrte Vorstellungen Medien vermitteln oft das Bild, dass Katas­ trophen mit sozialem Zusammenbruch, Chaos, Plünderung, Panik und Gewalt ein­ hergehen. Sind das aber tatsächlich Zustän­ de, mit denen wir bei Katastrophen aus­ schliesslich rechnen müssen? Nein, lehrt uns die Empirie. Katastrophenforscher sind sich einig, dass hier Mythen und Stereotypen entstanden sind, die immer wieder gesell­ schaftlich und me­dial reproduziert werden. Massenpaniken, Gewalt und Plünderungen

sind weitaus seltener als gemeinhin ange­ nommen. So konnte beispielsweise aufge­ zeigt werden, dass es in bisherigen Untersu­ chungen zu Stromausfällen keinen einzigen dokumentierten Fall kollektiver Panikreakti­ onen gibt. Menschen, die sich nicht in einer akut lebensbedrohlichen Situation befinden, zeigen sich in Katastrophensitua­tionen über­ wiegend ruhig, rational und vor allem sehr hilfsbereit. In Bezug auf Plünderungen zeigt uns die Empirie, dass es dringend notwendig ist, zwischen Plünderungen im Sinne von Überlebensinstinkt bei Nahrungsmangel und Plünderungen im Sinne von Ausnut­ zung der Situation, ohne dringende Not­ wendigkeit, zu unterscheiden. Letzteres ist extrem selten. Die Befriedigung der Grund­ bedürfnisse der Betroffenen und die Auf­ rechterhaltung einer klaren Kommunikation stellen dabei wichtige Voraussetzungen dar. Verzerrte Verhaltensannahmen können zu folgenreichen Fehlschlüssen verleiten und sowohl das Verhalten der Öffentlichkeit als auch die Effizienz des Bevölkerungsschut­ zes negativ beeinflussen. So kann beispiels­ weise die Annahme einer plündernden, pa­ nischen und egoistischen Bevölkerung dazu führen, dass sich Personen im Katastro­ phenfall eher isolieren und so auf wertvolle Hilfestellungen aus dem sozialen Umfeld verzichten. Oder es kann dazu führen, dass sich Einsatzkräfte stark darauf konzentrie­ ren, sich auf potenzielle Massenpaniken und Gewalt­delikte vorzubereiten, wodurch beispielsweise unscheinbare und hilfsbe­ dürftige Personengruppen weniger Unter­ stützung erfahren können. Es ist folglich von zentraler Bedeutung, die Erwartungs­ haltungen hinsichtlich eines möglichen Be­ völkerungsverhaltens weiterzuentwickeln und basierend auf realistischen Situations­ einschätzungen entsprechend zu planen und zu handeln.

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Heterogene Bevölkerung, heterogenes Verhalten Nicht alle Menschen verhalten sich bei einer Katastrophe gleich ruhig, rational und altruistisch. Je nach Situation – sprich Region, Tageszeit, Katastrophenart und -ausmass – und Person gibt es unterschiedliche Faktoren, welche den Verlauf einer Katastrophe und das Verhalten der Bevölkerung mitbestimmen. Innerhalb der Bevölkerung können sehr unterschiedliche Verhaltensmuster gleichzeitig ablaufen, die mehr oder weniger zu erwarten und angemessenen sind. So können gewisse Menschen ruhig und hilfsbereit reagieren, während sich andere Personen gleichzeitig egoistisch oder in Einzelfällen gar gewalttätig verhalten. Basierend auf neuen Erkenntnissen können wir generell davon ausgehen, dass sich ein Grossteil der Bevölkerung im Ereignisfall ­adäquat verhält oder zumindest zu adäquatem Verhalten fähig ist. Voraussetzung ist, dass es gelingt, Wissen zu individuellen Handlungsmöglichkeiten aufzubauen (siehe Abbildung 1, Gruppe A). Das adäquate Be-

wältigungsverhalten zeichnet sich durch eine differenzierte Informationsverarbeitung, einen kontrollierten Umgang mit der Stresssituation und das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen aus. Damit führt ein adäquates Bewältigungsverhalten zu pro­ aktivem Handeln im Sinne der eigenen ­Sicherheit und derjenigen des Umfelds. Ein weiterer bedeutender Teil der Bevölkerung wird sich unauffällig verhalten (Gruppe B). Das heisst, dass sich Personen aus dieser Gruppe weder störend noch unterstützend verhalten. Dass sich kleinere Gruppen etablieren, die sich inadäquat verhalten und über einen längeren Zeitraum hinweg die Sicherheit beeinträchtigen und Unruhen stiften könnten, lässt sich – je nach Katastrophe – nicht ausschliessen (Gruppe C). Auch mit diesen gilt es umzugehen. Weiter ist zu erwähnen, dass kurz- und mittelfristige Verhaltensänderungen im Vordergrund der Literatur­ studie stehen. Wenn man die Entwicklung von Katastrophen über einen längeren Zeitraum analysiert, lassen sich oftmals

Abb. 1: Verhalten im Zeitverlauf. (Bild: Bundesamt für Bevölkerungsschutz, 2014. Das Verhalten der Bevölkerung in Katastrophen und Notlagen)

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weitreichende gesellschaftliche oder politi­ sche Veränderungsprozesse erkennen. Sol­ che makrosoziologischen Entwicklungen sollten bei künftigen Planungen ebenfalls berücksichtigt werden. Was beeinflusst unser Verhalten im Katastrophenfall? Die Abbildung 2 bietet einen groben Über­ blick über die wesentlichen Faktoren, die das Verhalten im Katastrophenfall be­einflussen. Die «Voraussetzungen» umfassen die gesell­ schaftlichen und ereignisspezifischen Fakto­ ren. Sie stellen unveränderbare Rahmen­ bedingungen dar. Auch wenn sie im Ereignis nicht veränderbar sind, ist es wichtig, diese beispielsweise in der Kommunikation zu be­ rücksichtigen, um die unterschiedlichen Be­ dürfnisse anzusprechen. So zeigen Studien beispielsweise auf, dass ältere Menschen – dadurch, dass sie im Allgemeinen einen um­ fangreicheren Erfahrungs­ horizont als Jün­

gere besitzen – Bedrohungen präziser einschätzen können. Ein anderes Beispiel betrifft den Wohnort. Die Empirie zeigt auf, dass sich Menschen in ländlichen Gegenden oftmals besser selbst zu helfen wissen, wäh­ rend bei den städtischen Bewohnern eine höhere Erwartungshaltung an den Staat vor­ herrscht. Im Hinblick auf die Vorsorge ist ins­ besondere die Berücksichtigung schwächerer Zielgruppen zentral. Sie sind aufgrund physi­ scher oder psychischer Einschränkungen stärker auf Unterstützung angewiesen als andere. Dazu zählen betagte Menschen, Kinder, Menschen mit Behinderungen, Men­ schen, die von medizinischen Geräten oder Fremdunterstützung abhängig sind. Perso­ nen mit geringen finanziellen Ressourcen oder sozial stark isolierte Personen zählen ebenfalls zu den schwächeren Zielgruppen. Der «Aktionsrahmen» in der Abbildung 2 beschreibt, dass sich gewisse Faktoren mit­ tels kommunikativer Massnahmen ver­

Abb. 2: Schematische Übersicht zu den relevanten Einflussfaktoren. (Bild: Bundesamt für Bevölkerungsschutz, 2014. Das Verhalten der Bevölkerung in Katastrophen und Notlagen) 8

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ändern lassen und damit ein adäquates Bewältigungsverhalten unterstützen kön­ nen. Grob werden zwei kommunikative Handlungsbereiche unterschieden – Kommunikation in der Vorsorge und Ereigniskommunikation. So können beispielsweise innovative Ansätze zur Risikobewusstseinssteigerung unter Einbezug neuer Medien angedacht werden oder ein praktischer Leitfaden für Übungsszenarien kann entwickelt werden. In einer stark vernetzten Welt, in der wir heute leben, ist es nur naheliegend, die positiven Aspekte dieser Vernetzung auch im Rahmen des Bevölkerungsschutzes zu nutzen. Damit werden die unterschiedlichsten Kompetenzen innerhalb der Bevölkerung stärker angesprochen. Online-Plattformen erlauben unheimlich schnell, Wissen, Ressourcen und weitere Hilfestellungen im Katastrophenfall zu vermitteln. Aber auch Vernetzungen fernab vom Internet, wie zum Beispiel Nachbarschaftsbeziehungen oder Familienbeziehungen, können im Ereignisfall sehr entscheidend sein. Die Bevölkerung auf das Potenzial solcher Vernetzungen hinzuweisen, stellt eine weitere Aufgabe des heutigen Bevölkerungsschutzes dar. Damit wird im Katastrophenfall das individuelle Bewältigungsverhalten gestärkt.

Krisensituationen erfordern auch eine angemessene Betreuung von betroffenen Personen. (Bild: Archiv Somedia)

Anwendung in der Praxis Was bedeuten diese Erkenntnisse in der Praxis? Zielgruppenspezifische Kommunikation stellt einen zentralen Erfolgsfaktor dar, um die unterschiedlichen Bedürfnisse einer heterogenen Gesellschaft zu adressieren. Ein hochgebildeter Migrant, aber ohne lokale Sprachkenntnisse, braucht andere Informationen als die junge Mutter mit Kleinkindern zu Hause. Der Bevölkerungsschutz in der Schweiz unternimmt in jüngster Vergangenheit vermehrt Schritte in diese Richtung. Bei-

Stiftung Risiko-Dialog Die Stiftung Risiko-Dialog entwickelt seit ihrer Gründung im Jahre 1989 Lösungen, um technologische Neuerungen, Veränderungen in der Umwelt und gesellschaftlichen Wandel zu verstehen und gemeinsam zu gestalten. Ihr Ziel ist es, in Zusammenarbeit mit Öffentlichkeit, Wirtschaft, Politik, Behörden sowie weiteren Akteuren die individuelle und gesellschaftliche Risikokompetenz zu erhöhen. Die Stiftung konzipiert und moderiert Dialogverfahren wie etwa Bürgerpartizipation. Sie berät Organisationen im Umgang mit Risiken sowie Krisen und entwickelt Kommunikationsstrategien, forscht zu gesellschaftlich relevanten Risikothemen und schult Institutionen zur Steigerung ihrer Sicherheitskultur. Weitere Infos finden Sie unter: www.risiko-dialog.ch

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spielsweise werden über die Web­site und das App «Alertswiss» – ein Ge­meinschaftsprojekt von Bund und Kantonen – Informationen ­attraktiv vermittelt und auch neue Technologien genutzt, die vor allem junge Personen ansprechen. Eine weitere Herausforderung in der Praxis des Bevölkerungsschutzes stellen spezielle «Communitys» dar. Bestimmte Gemeinschaften sind zwar intern sehr stark vernetzt und durch ein starkes «Wir-Gefühl» verbunden, haben aber manchmal wenig Bezug zu öffentlichen Informationen. Dies können beispielsweise religions- oder auch kulturell bedingte beziehungsweise sprachlich bedingte Subgemeinschaften sein. Akzeptierte Vorbilder – sei es der Hausmeister

des Quartiers oder eine aktive Nutzerin sozialer Medien für ausländische Mitbürger – innerhalb solcher «Communitys» sind daher in die Kommunikation einzubinden. Damit können Informationen für die jeweilige Gruppe verfügbar gemacht werden. Erste entsprechende Versuche im Ausland sprechen für eine Weiterentwicklung dieses Ansatzes. Im Sinne der Gesamtlage ist es weiter wichtig, schwächere Personengruppen zu iden­ tifizieren und deren Verhalten zu beobachten. Daraus können deren spezifische Bedürfnisse abgeleitet, aber auch eine Art Früherkennung aufgebaut werden, um künftiges Verhalten auch anderer Gruppen vorausschauend zu erkennen. Schliesslich gilt es, den oben beschriebenen Paradigmenwechsel erfolgreich anzugehen und sich aktiv mit medial überzeichneten Bildern von Massenpanik und Plünderung auseinanderzusetzen. Eine Bevölkerung, die an die eigenen Kompetenzen zur Bewältigung glaubt, kombiniert mit den Kompetenzen des Verbundsystems Bevölkerungsschutz, ist die beste Vorbereitung für Katastrophen – auch wenn sie hoffentlich nicht eintreten.

Matthias Holenstein Geschäftsführer Stiftung Risiko-Dialog Technoparkstr. 2 , CH-8406 Winterthur

Anna-Lena Köng Projektmitarbeiterin Stiftung Risiko-Dialog Technoparkstr. 2 , CH-8406 Winterthur

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Polizeiliche Kommunikation im Ereignisfall Wir kennen es alle: Ein Einsatzfahrzeug der Polizei, der Sanität oder der Feuerwehr braust mit Blaulicht und Sirene vorbei und sofort fragen wir uns, was wohl geschehen sein mag. Die Arbeit der Blaulichtorga­ nisationen interessiert. Der polizeilichen Kommunikation sind allerdings Grenzen gesetzt. Nicht alles, was interessiert, darf auch kommuniziert werden. Der Mediendienst ist ein Teil der Unter­ nehmenskommunikation der Kantonspolizei Graubünden. Drei vollamtliche und fünf nebenamtliche Mediensprecherinnen und ­ Mediensprecher sorgen rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, dafür, dass Journalistinnen und Journalisten Informationen über Ver­ kehrsunfälle, Brände, Kriminalfälle und an­ dere Polizeieinsätze erhalten. Seit zwei ­Jahren wird zudem via Social Media kom­ muniziert. Pro Jahr kommen rund 700 Me­ dienmitteilungen zusammen. Das ist eine stattliche Anzahl und trotzdem wird die ­Öffentlichkeit noch lange nicht über jedes Ereignis informiert. Es gibt klare Kriterien, wann eine Meldung geschrieben wird und wann nicht. Einerseits muss ein beträcht­ liches öffentliches Interesse bestehen und andererseits muss der Persönlichkeitsschutz der Betroffenen gewahrt bleiben. Die recht­ lichen Grundlagen sind in Artikel 74 «Orien­ tierung der Öffentlichkeit» der Schweizeri­ schen Strafprozessordnung geregelt. Das One-Voice-Prinzip Eine gezielte, einheitliche Kommunikation ist im Ereignisfall ein zentraler Erfolgsfaktor. Um glaubwürdig und transparent kom­ munizieren zu können, muss das OneVoice-Prinzip berücksichtigt werden. Damit in einer Krisensituation aufgrund von un­ terschiedlichem Wissensstand nicht unter­ schiedliche Informationen an die Medien und somit an die Öffentlichkeit gelangen,

soll möglichst nur eine Sprecherin oder ein Sprecher nach aussen kommunizieren. Auch bei der polizeilichen Kommunikation im ­Ereignisfall gilt dieses Prinzip. Bei der Kan­ tonspolizei kommuniziert in einem solchen Fall in der Regel der Mediensprecher, allen­ falls noch der Pikettoffizier oder – bei einem Ereignis von sehr grosser Tragweite – der Kommandant als letzte Eskalationsstufe. Da die Kantonspolizei laut Artikel 2 des Polizei­ gesetzes des Kantons Graubünden die Ein­ satzleitung sicherstellen muss, wenn ein Unfall oder Notereignis den Einsatz von Polizei, Feuerwehr und weiteren Organi­ ­ sationen erfordert, hat sie auch die entspre­ chende Kommunikationshoheit. Das heisst, dass andere Einsatzorganisationen nur in Absprache mit der Kantonspolizei und nur im delegierten Rahmen Auskunft erteilen dürfen. Dies ist nicht als Schikane oder als fehlendes Vertrauen zu werten. Es geht viel­ mehr darum, die rechtlichen Schranken ein­ zuhalten und einem allfälligen Strafverfah­ ren nicht vorzugreifen, indem (bewusst oder unbewusst) Vorverurteilungen oder Schuldzuweisungen gemacht werden. Wei­ ter braucht es durchaus auch Übung, vor der Kamera oder dem Mikrofon profes­ sionell und auf den Punkt gebracht Aus­ kunft zu erteilen. Wer darin nicht geübt ist, wird unter Anspannung und Zeitdruck viel­ leicht nicht optimal kommunizieren und ­seine Aussagen später bereuen. Jeder kann Reporter sein Die Schweizer Medienlandschaft hat sich in den letzten Jahren gewaltig verändert. Das Internet und die sozialen Medien haben die Berichterstattung schneller und leider auch oberflächlicher gemacht. Was zählt, sind Klicks und Kommentare. Onlineportale, die schnell und möglichst mit Bild, Ton und ­einem Liveticker über ein Ereignis berichten, Bündner Wald 6/2015 11

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sind beliebt und werden regelmässig be­ sucht. Und genau das wollen diejenigen, die online Werbung schalten. Die (Kommuni­ kations-) Arbeit der Polizei wird ausserdem immer mehr durch Leserreporter erschwert. Heute besitzt jede und jeder ein Mobiltele­ fon mit Kamera und für «gute» Fotos zahlen die Redaktionen mehrere Hundert ­Franken. So drückt mancher lieber auf den Auslöser, statt die Notrufnummer 117 zu wählen. Ent­ sprechend kommt es auch immer wieder vor, dass Redaktionen beim ­ Mediendienst der Kantonspolizei anrufen und nach In­ formationen zu einem Ereignis fragen, noch bevor die Einsatzleitzentrale den Medien­ dienst intern informieren konnte. Zwei Beispiele aus der Praxis Anhand von zwei Fallbeispielen soll gezeigt werden, wie die Kantonspolizei Graubün­ den im Ereignisfall kommuniziert. 1.  Falschfahrer auf der Nationalstrasse A13 bei Zizers Am Donnerstag, 24. April 2014, gingen kurz vor 16 Uhr bei der Einsatzleitzentrale der Kantonspolizei Graubünden mehrere An­rufe wegen eines Falschfahrers auf der A13 zwi­ schen Zizers und Chur ein. Sofort rückten mehrere Patrouillen aus. Wenig später ging die Meldung ein, dass es zu einer Kollision gekommen sei. Ein Grossaufgebot an Ret­ Grosses Aufgebot an Rettungskräften beim Falschfahrerunfall auf der A13. Zum Schutz der Opfer wurden Sichtschutzwände aufgestellt. (Bilder: Kapo GR)

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tungskräften wurde zum Unfallort geschickt, unter anderem standen fünf Polizeipatrouil­ len, vier Ambulanzfahrzeuge und ein Heliko­ pter der Rega im Einsatz. Bereits neun Minu­ ten nach der ersten Falsch­fahrerinformation und somit kurz nach der Kollision wurde der Mediendienst intern über den Verkehrsunfall informiert. Ein solches Ereignis wird in kür­ zester Zeit publik (unter anderem eben auch wegen der erwähnten Leserreporter). Aus diesem Grund kann der Mediendienst die Redak­tionen mit einer SMS, einer sogenann­ ten Aktivinfo, kurz und knapp über ein Ereig­ nis informieren. In diesem Fall lautete die Aktiv­info wie folgt: « Zizers : Schwerer Ver­ kehrsunfall auf A13, mehrere Verletzte, A13 Richtung Norden gesperrt. Achtung: Zufahrt derzeit NICHT möglich ! » Mit dem Hinweis am Schluss sollte verhindert werden, dass sich die Journalisten über die A13 zur Unfall­ stelle aufmachen und dann im Stau stehen, der sich in einem solchen Fall unweigerlich bildet. Erste Info auf Webseite nach 40 Minuten Sofort gingen erste telefonische Anfragen von Medienschaffenden ein. Ein Medien­ sprecher rückte zum Unfallort aus, ein zwei­ ter bildete im Büro das Backoffice, betreute das Medientelefon und bereitete eine Me­ dienmitteilung vor. Kurz nach der Aktivinfo wurde auch eine entsprechende Meldung auf Twitter veröffentlicht und rund 40 Mi­ nuten nach dem Unfall waren erste Infor­ mationen auf der Webseite der Kantons­ polizei abrufbar. Zahlreiche Radiostationen forderten via Telefon Statements zum Un­ fall, sogenannte O-Töne, ein. Fotografen und TV-Teams machten sich trotz des Hin­ weises in der SMS auf zur Unfallstelle, um eigene Bilder einzufangen. Genau aus die­ sem Grund ist es wichtig, dass ein Medien­ sprecher vor Ort geht und die Journalisten

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betreut. Um die Opfer zu schützen, müssen ausserdem so schnell wie möglich Zelte oder Sichtschutzwände aufgestellt werden, was in diesem Fall auch gemacht worden war. Zweieinhalb Stunden nach dem Unfall, um 18.30 Uhr, konnte die abschliessende Medienmitteilung verschickt werden. Die Unfallstelle war zwar noch nicht geräumt und der Stau auf der A13 und auf dem Ge­ biet der Stadt Chur hatte sich zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht aufgelöst, aber die Fakten, die zum Unfall kommuniziert werden konnten, waren bereits klar. Die Medienmitteilung steht nach wie vor auf der Webseite der Kantonspolizei Graubün­ den zur Verfügung. Die letzte telefonische Anfrage einer Radiostation ging um

22.15 Uhr ein. (Link zur Meldung: bit.ly/ falschfahrer) 2. Bahnunglück bei Tiefencastel Am Mittwoch, 13. August 2014, ereignete sich um die Mittagszeit ein schweres Bahn­ unglück bei Tiefencastel. Mehrere Bahn­ wagen einer Zugskomposition der Rhäti­ schen Bahn (RhB) waren entgleist. Der Zugang zur Unfallstelle war stark erschwert, weil sich das Unglück an einem sehr abgele­ genen Ort der Bahnstrecke ereignet hatte. Die erste Meldung ging um 12.34  Uhr bei der Einsatzleitzentrale der Kantonspolizei Graubünden ein. Sofort wurden alle ver­ fügbaren Patrouillen per Funk zum Un­ glücks­ort geschickt. Bereits sechs Minuten

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später wurde der Mediendienst informiert, welcher um 13 Uhr eine Aktivinfo an die Medien verschickte. Auch in diesem Fall ­ ging wieder ein Mediensprecher vor Ort – oder besser gesagt zur Einsatzleitung Front nach Tiefencastel, denn die Unglücksstelle selber war nur über einen Fussmarsch der Bahnschiene entlang zu erreichen. Und dies ermöglichte man den Journalisten nicht, um den Rettungseinsatz nicht zu gefährden. Das Backoffice wurde diesmal mit zwei ­Personen aufgebaut. Leserreporter und Liveticker Bei diesem Unglück zeigte sich das Phänomen Leserreporter von einer ganz neuen Seite. Die rund 140 Passagiere, die grösstenteils unverletzt waren, wurden zum Bahnhof Tiefencastel gebracht und konnten von dort ihre Fotos an die Redaktionen ­schicken und den anwesenden Medien Red und Antwort stehen. Die Rettungskräfte vor Ort befanden sich hingegen in einem für die Mobiltelefonie schlecht erschlossenen Gebiet und konnten weder die Einsatzleitung noch den Mediendienst mit aktuellen Bildern beliefern. Auf sämtlichen Online­ portalen wurden Liveticker geschaltet. Jede Aussage eines Leserreporters wollten die Journalisten von der Polizei-Medienstelle offiziell bestätigt haben. Entsprechend klinBei Tiefencastel sind mehrere Wagen einer RhBKomposition entgleist. Der Rettungseinsatz gestaltete sich im schlecht erschlossenen Gebiet sehr schwierig.

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gelten die Telefone ununterbrochen. Da­ neben mussten Informationen beschafft und mit der Einsatzleitung und der RhB abgesprochen, Sprachregelungen erstellt, ­ Medienkonferenzen organisiert und Me­ dienmitteilungen geschrieben werden. Das Bahnunglück löste ein riesiges Medienecho aus. Die Hauptausgabe der Tagesschau des Schweizer Fernsehens berichtete minutenlang, schaltete live zu einem Korrespondenten vor Ort und holte von einem Geologieexperten eine Einschätzung der Lage ein. Und dies, wohlverstanden, nur gerade rund sechs Stunden nach dem Ereignis! Entsprechend umfassend fiel dann am Abend auch die abschliessende Medienmitteilung der Polizei aus. Sie kann ebenfalls auf der KapoWebseite nachgelesen werden (Link zur Meldung: bit.ly/bahnunfall). Damit war die Medienarbeit für die Kantonspolizei und insbesondere für die RhB aber noch lange nicht abgeschlossen. Es gab auch an den folgenden Tagen immer wieder Nachfragen. Die RhB organisierte an der Unfallstelle eine Medienkonferenz zu den Aufräum­ arbeiten und neun Tage nach dem Unglück erlag einer der elf verletzten Passagiere im Spital seinen schweren Verletzungen, sodass erneut eine Medienmitteilung mit Bezug zum Ereignis publiziert werden musste. Fazit Krisenkommunikation Damit ein Unternehmen oder eine Organisation eine Krise oder ein spezielles Ereignis erfolgreich bewältigen kann, braucht es entsprechende Vorbereitung. Nicht nur im Bereich der Krisenkommunikation, sondern auch im Krisenmanagement. Es empfiehlt sich, präventiv einen Krisenstab zu bilden, Checklisten, Formulare und Plakate zu erstellen und anhand von verschiedenen S­ zenarien die Zusammenarbeit zu üben. Tritt ein Ereignis unverhofft und unvorbereitet ein, drohen

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irreparable Schäden und Reputationsverlust. «intern vor extern» gilt auch – oder vor allem Die Medien recherchieren auf mehreren Ka- – in der K ­ rise. nälen, daher sind Absprachen und klare Sprachregelungen wichtig. Auch müssen ge- * Thomas Hobi war sechs Jahre lang Chef nügend Mitarbeitende zur Verfügung stehen, Kommunikation der Kantonspolizei Graution kümmern bünden. Ende November hat er das die sich um die Kommunika­ können. Zwar tritt nur eine Stimme nach aus- ­Unternehmen verlassen und sich als Komsen auf, aber im Hintergrund braucht diese munikationsberater, insbesondere für KriPerson ausreichend Unterstützung. Leserre- senkommunikation, selbstständig gemacht. porter und Online­ medien haben die Geschwindigkeit vervielfacht. Kaum ist ein Ereignis eingetreten, kommen die ersten Thomas Hobi Anfragen. Zeit für Organisation und Planung bleibt kaum. Trotzdem dürfen nicht nur die Driftwood GmbH Medien mit Informa­tionen bedient werden, Via Ardisla 13, CH-7013 Domat/Ems auch die anderen Zielgruppen sind zu bewww.driftwood.one Inserat Florinett AG 2014 (10.01.2014) thomas@driftwood.one rücksichtigen. Der Kommunika­tionsgrundsatz ANZEIGE

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Feuerwehr Graubünden bei Unwettereinsätzen Was bringt uns die Zukunft im Bereich der Unwettereinsätze? Treffen die Prognosen, welche eine starke Zunahme voraussagen, zu und wenn ja, wie bereitet sich die Feuer­ wehr auf solche Szenarien vor? Im folgen­ den Artikel möchte ich die Aktivitäten der Feuerwehr GR zu diesem Thema vorstellen. Mit der Gründung der Gebäudeversicherung GR vor über 100 Jahren wurden die Gemeinden verpflichtet, sogenannte Schadenwehren (Intervention), Löschwasserversorgungen und den baulichen Brandschutz (Prävention) aufzubauen und zu betreiben. Dies war die Geburtsstunde unseres bewährten Dreiecks. Ebenfalls über viele Jahre wurden die Feuerwehreinsätze von der Feuerbekämpfung geprägt. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Einsatzvielfalt immer umfang­reicher. Die zunehmende Mobilität, unser Freizeitverhalten, die Zunahme der Siedlungsgebiete usw. trugen zu dieser Entwicklung bei. Das Aufgabengebiet der Feuerwehr hat sich enorm vergrössert. Die Feuerwehrorganisationen GR leisten jährlich zwischen 800 und 1000 Einsätze. Aus den Gemeinde-Feuerwehren sind längst regionale Organisationen geworden, die jeweils neben den Grundaufgaben zum Teil für spezielle kantonale Aufgaben ein­ gesetzt werden. Die Feuerwehr verstand es immer wieder, dieser Entwicklung mit massiven organi­ satorischen, materiellen und ausbildungsmässigen Massnahmen erfolgreich zu entgegnen. Massnahmen, wie die Bündelung der Kräfte (Zusammenlegung von Organisationen) mit gleichzeitigem Aufbau von kantonalen Stützpunkten für Strassen-/Tunnelrettung, Öl-/Chemiewehr, Waldbrand, Elementar­ ereignisse, Autodrehleiter und neu für die Bahnrettung, trugen zu dieser erfolgreichen

Diese Kombination hat sich in insgesamt 19 Kantonen der Schweiz über viele Jahrzehnte sehr bewährt (Dreieck). (Bild: GVG)

Entwicklung bei (Entlastung der Gemeinden). Die Anzahl der Organisationen wurde in den vergangenen Jahren von 232 auf 59 und der Personalbestand von 12 000 auf 4000 reduziert. Diese massive Änderung war notwendig, um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden. Die Stützpunkte wurden in enger Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden und der GVG aufgebaut. Beim Einsatzthema «Elementarereignisse» musste man in den vergangenen JahrzehnSusch beim Unwetter 2005. (Bild: Feuerwehr Zernez)

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Einsätze der Feuerwehr nach Kategorien. (Bild: GVG)

Stützpunkte, Stand: 9. Oktober 2015. (Bild: GVG)

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ten immer wieder feststellen, dass zur Bekäm­ pfung von Elementarereignissen oft die geeigneten Mittel, aber auch das not­ wen­dige Wissen fehlt (was kann wo passie­ ren?). So einfach es klingen mag, aber oft konnte man sich nicht vorstellen, wo was über­flutet werden kann und wo mit ein­fa­ chen Mitteln zur Schadenminimierung bei­ ge­tragen werden kann. Dieser Umstand hat die GVG bereits vor etwa 15 Jahren bewogen, ein Elemen­ tarschadenstützpunktkonzept aufzubauen. Mit dem Aufbau dieser Stützpunkte ver­ folgte die GVG die Zielsetzung, den Feuer­ wehren einfache, aber effiziente Mittel zur Ver­fügung zu stellen. Die zehn Stützpunkte sind mit Sandsack­ab­ füllmaschinen, Schlammpumpen und ­Beaver (Ableitmaterial) bestückt. Wir verfügen so­

mit über sehr geeignete Mittel zum Schutz von Gebäuden, Infrastrukturen usw. Die GVG beschafft praktisch jedes Jahr weitere Mittel für die Elementarschaden­ ­ stützpunkte. Mit diesen Mitteln können Schutzmassnahmen bei Ereignissen, wie Starkgewitter oder auch Übertretungen von Fliessgewässern in geringem Masse, erfolg­ reich aufgestellt werden. Bei Ereignissen wie in Klosters 2005 ist in «Ereignisrandzonen» ein gewisser Schutz von Bauten durchaus ebenfalls möglich und sinnvoll. Damit die Feuerwehr überhaupt über das notwendige Wissen über «wo kann was eintreten» ver­ fügt, sind vorsorgliche Massnahmen, wie die Erstellung von Interventionskarten Was­ ser, Risikoanalysen wie GRIP und die gute Zusammenarbeit mit den LNB, dem Forst­ dienst und den Bauämtern notwendig.

Mit diesem vorsorglichen Wissen ist ein erfolgreiches Handeln der Feuerwehr möglich. Mit dem rechtzeitigen Einsetzen der rich­tigen Mittel können enorme Schäden verhindert oder mindestens minimiert werden. (Bild: GVG) Bündner Wald 6/2015 19

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Bereits bei der gemeinsamen Erarbeitung der Interventionskarten zwischen den Gemeinde­ verantwortlichen, dem Forstdienst, der Feuerwehr und dem jeweiligen Ingenieurbüro findet ein wichtiger Wissensausgleich statt. Dies unter dem Motto «Vom Wissen zum Handeln». Was erwartet die Feuerwehr von der «­Elementarereigniszukunft»? – Wir gehen von einer erheblichen Zu­ nahme von starken Gewittern aus, die kurzfristig zu grossen Wassermengen und damit den raschen Schutz von exponierten Gebäuden und anderen Infrastrukturanlagen notwendig machen.

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– Inwieweit eine Zunahme von grossen Ereignissen wie 2002 oder 2005 teilweise eintreten wird, können wir nicht abschätzen. Fazit – Ausbildung Wir bilden unsere Kaderleute weiterhin so aus, dass sie in der Lage sind, Ereignisse zu führen oder einen wesentlichen Beitrag in der Führung, wie Gemeindeführungsstab, zu leisten. – Vorsorgliche Einsatzplanung (VEP) Die VEP muss sich auf verschiedenen E­ benen abspielen. Einerseits kann das notwendige Wissen mit der Erstellung von Interventionskarten Wasser angeeignet werden und andererseits muss die Zusammenarbeit mit den LNB, dem Forstdienst und den Bauämtern verstärkt werden. Richtiges Handeln der Feuerwehr basiert auf vorhandenem Wissen. – GVG Die GVG baut die bereits bestehenden ­Stützpunkte basierend auf den Erkenntnissen der Gemeinde-Risikoanalysen weiter aus. Schlussbemerkung Die Feuerwehr GR hat sich auch im Elementarbereich sehr positiv entwickelt. Es wird auch zukünftig ein ständiger Anpassungsprozess notwendig sein. Wir werden diese Herausforderungen zusammen mit unseren Partnern gerne in Angriff nehmen.

Hansueli Roth Feuerwehrinspektor GVG Ottostr. 22, 7001 Chur hansueli.roth@gvg.gr.ch

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LNB: Unterzeichnung erster Pflichtenhefte

Symbolische Übergabe von Mütze und Warnweste. (Bild: AWN)

Am 24. August 2015 haben die Regierungs­ räte Dr.  Mario Cavigelli (Vorsteher BVFD) und Dr. Christian Rathgeb (Vorsteher DJSG) die ersten lokalen Naturgefahrenberater zur Unterzeichnung ihrer Pflichtenhefte be­ glückwünscht. Der Anlass wurde im erwei­ terten Geschiebesammler der Val Parghera zwischen Chur und Domat/Ems durch­ geführt – einem spektakulären Rahmen für diesen wichtigen Schritt. Zwei Jahre früher, im Oktober 2013, konnten dieselben Regierungsräte in Trimmis das Ausbildungskonzept «LNB» den Medien vorstellen. Der damalige Pilotkurs hat sich bewährt, mehr als 40 lokale Naturgefahrenberater (LNB) wurden bisher ausgebildet. In 12 Gemeinden haben die jeweiligen LNB zusammen mit ihren Gemeindeführungs­stäben (GFS) nun auch ein Pflichtenheft e­ rarbeitet

Abb. 1: Zusammenarbeit zwischen Kanton und Gemeinden. Der Kanton stellt Grundlagen bereit, bildet LNB und Mitglieder der Führungsstäbe aus und unterstützt die Gemeinde bei der Erstellung von Notfallplanungen. Im Ereignisfall liegen Verantwortung und Führung bei den lokalen Behörden in den Gemeinden. (Grafik: AWN) Bündner Wald 6/2015 21

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Lokales Naturgefahrenmanagement Die schweizweiten Auswertungen der

Das Modul 2 richtet sich an Vertreter des

grossen Unwetter von 2005 und 2007

Gemeindeführungstabs (GFS) und an

haben gezeigt, dass auf Stufe Bund und

den oder die LNB. In einem vom AMZ or-

Kanton wohl sehr viel Wissen ­vorhanden

ganisierten halbtägigen Kurs wird Basis­

war, an der Front – also in den Gemein-

wissen zur Stabsarbeit aufgefrischt und

den – dieses Knowhow aber vielerorts

sichergestellt, dass die oder der neu aus-

fehlte. Das AWN setzte sich deshalb zum

gebildete LNB im GFS integriert ist. Das

Ziel – zusammen mit dem Amt für Militär

Modul 2 gilt als abgeschlossen, sobald

und Zivilschutz (AMZ) – die Gemeinden

das Pflichtenheft LNB unterzeichnet vor-

in diesem Bereich stärker zu unterstützen

liegt. Die Kurskosten werden vom AMZ

und auszubilden. Das Ausbildungskon-

getragen.

zept wird mit lokalem Naturgefahrenmanagement umschrieben und beinhaltet

Im Modul 3 schliesslich werden in den

drei Stufen oder Module (siehe Abb. 1).

Gemeinden

Notfallplanungen

erstellt.

Diese Planungen sollen im Ereignisfall Im Modul 1 wird eine von der Gemeinde

helfen, rechtzeitig und am richtigen Ort

bezeichnete Person als lokale Naturgefah-

zu intervenieren, abzusperren oder gar

renberaterin oder lokaler Naturgefahren-

zu evakuieren. Die Initiative zur Erstel-

berater (LNB) ausgebildet. Der Kurs dau-

lung solcher Notfallplanungen muss von

ert insgesamt vier Tage und wird einmal

der jeweiligen Gemeinde ausgehen, da

jährlich vom AWN in Zusammenarbeit mit

hier viele lokale Akteure miteinbezogen

dem AMZ angeboten. Im Kurs wird Basis-

werden müssen (LNB, Förster, Feuer-

wissen zu den verschiedenen Naturgefah-

wehr, Technische Dienste etc.). Die Kos-

renprozessen, zu den verfügbaren Gefah-

ten für die Erstellung der Notfallplanun-

rengrundlagen und Hilfsmitteln sowie zu

gen werden von Bund und Kanton

Stabsarbeit vermittelt. Die Kurskosten

subventioniert, für die Gemeinden fallen

werden vom AWN übernommen.

Restkosten an.

und unterzeichnet. Damit ist s­ichergestellt, dass der LNB im Führungsstab integriert ist und seine Rechte und Pflichten kennt. Die beiden Regierungsräte dankten in ihren Ansprachen den LNB und den anwesenden Mitgliedern der Führungsstäbe für ihren Einsatz und betonten, wie wichtig die ­Prävention im Sinne des Integralen Risikomanagements ist. Symbolisch überreichten sie den LNB einen «LNB-Hut» sowie eine

Warnweste, damit der LNB in seinem Einsatz kenntlich und sichtbar ist.

Andreas Huwiler Geologe Bereich NaturgefahrenAmt für Wald und Naturgefahren Loëstr. 14, CH-7000 Chur andreas.huwiler@awn.gr.ch

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Interview mit Ralph Rechsteiner Lawinen, Steinschläge und Murgänge: Die Rhätische Bahn ist eine Gebirgsbahn und entsprechend bestehen höhere Risiken be­ züglich Naturgefahren als bei einer Bahn im Mittelland. Wie die RhB die Sicherheit vor Naturgefahren auf ihrem Schienennetz gewährleistet, hat Ralph Rechsteiner – Lei­ ter Projektabwicklung und Verantwort­ licher Naturgefahren und Schutzbauten bei der RhB – dem «Bündner Wald» erklärt.

Ralph Rechsteiner steht seit bald zehn Jahren im Dienste der RhB. (Bild: zVg)

BüWa: Können Sie sich den BüWa-Leserin­ nen und -Lesern kurz vorstellen und Ihre Aufgaben in Bezug auf die Sicherheit von Naturgefahren schildern? Kulturinge­ Ralph Rechsteiner: Als dipl.  nieur ETH mit einem nachträglich absolvier­ ten Wirtschaftsstudium (MBA) kam ich vor bald zehn Jahren im 2006 zur RhB – als Leiter Bahndienst Süd. Vor fast zwei Jahren konnte ich dann innerhalb des RhB-­Geschäftsbereichs Infrastruktur als Leiter zur Projektabwicklung wechseln. Mein Verantwortungsbereich bei

den Naturgefahren liegt in der Risikobeur­ teilung sowie in der Umsetzung von Mass­ nahmen zur Schliessung von Schutzlücken. Der operative Unterhalt der Schutzbauten und die Streckenoffenhaltung obliegen hin­ gegen den Bahndienstregionen. Vorsorgliche Streckenschliessungen aufgrund von Natur­ gefahren werden – allenfalls nach Rückspra­ che – ebenfalls durch die dezentral organi­ sierten Bahndienstregionen entschieden. Der RhB ist es wichtig, dass Entscheide dort ge­ troffen werden, wo das Wissen vorhanden ist. Bei den Naturgefahren sind lokale Kennt­ nisse von Wetter und Gefahrensituationen zentral. Die RhB feierte kürzlich ihren 125. Ge­ burtstag – in den 125 Jahren ihres Beste­ hens war die RhB auch mehrmals betroffen von Naturereignissen. Wie gut ist denn nun eigentlich der Schutz der RhB? Als Gebirgsbahn ist die Rhätische Bahn Naturgefahren viel stärker ausgesetzt als ­ eine Bahn im Flachland. Zudem befinden % des Streckennetzes über sich etwa 30  1500 m ü. M. Der Ausbaustandard bei den Verbauungen – und somit der Schutz der RhB – ist aufgrund der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Naturereignissen bereits heute sehr hoch. Werden alle beste­ henden Verbauungen wie Mauern, Schutz­ netze, Lawinenrechen usw. aneinander­ gereiht, kommt man auf rund 58 Kilometer Schutzwerke, welche grösstenteils weit oberhalb der Gleise stehen und gar nicht sichtbar sind. Zusätzlich sind nochmals 42 000 m2 Verbauungen vorhanden, welche sich nicht in Länge ausdrücken lassen (flä­ chige Lawinenanrissverbauungen usw.). Zusätzlich zu den Schutzbauten wird die Strecke laufend überwacht (Streckenläufer, Inspektion von Felsflächen etc.) und sämtli­ che Bauwerke (z. B. Bachdurchlässe) sowie Bündner Wald 6/2015 23

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Daniel Bürgi, 079 236 73 75 www.stuetzpunkt-heinzenberg.ch der Schutzwald werden unterhalten. Durch all diese Massnahmen kann die RhB einen grossen Schutz von Kunden und Mitarbei­ tern gewährleisten. So bilden die Naturgefahren die eigentliche Schnittstelle zum Wald und damit auch zum zuständigen Amt? Abgesehen davon, dass auch die RhB Wald­ eigentümerin ist, kann man das so sagen. Für den Unterhalt der Strecke steht der Bahndienst jeweils direkt mit dem Regional­ forstingenieur sowie mit dem zuständigen Revierförster in Kontakt. Aber auch sonst wurde die Zusammenarbeit mit dem Amt für Wald und Naturgefahren (AWN) im letz­ ten Jahrzehnt zunehmend intensiviert.

Seit 2007 beteiligt sich die RhB zusammen mit dem AWN und dem Tiefbauamt am kan­ tonalen Ereigniskataster. Ende 2011 wurde zudem unser Schutzbautenkataster fertiggestellt. Mithilfe des AWN wurden in knapp zweijähriger Arbeit alle Schutzbauten im Eigentum der RhB erfasst und im GIS hinterlegt. Die Zusammenarbeit mit dem AWN ist also eine Erfolgsstory? Absolut, das kann man so sagen. Die drei Pfeiler des Naturgefahrenmanagements der RhB (Ereigniskataster, Schutzbautenkataster und Risikohinweiskarte) wurden alle in en­ ger Zusammenarbeit mit dem AWN entwi­ ckelt. Die Risikohinweiskarte ist das jüngste dieser Elemente. Die RhB ist bestrebt, die bekannten Schutzlücken gegenüber Natur­ gefahren auf ihrem Schienennetz zu schlies­ sen, wo dies machbar und sinnvoll ist. Bis anhin hat die RhB vor allem dort in Schutz­ massnahmen investiert, wo grössere oder häufige Ereignisse stattgefunden haben – oder wo Ereignisse mit Schadenfolge zu verzeichnen waren. Sie hat somit immer re­ aktiv gehandelt. Durch die Erfahrung mit Naturgefahren ist auch das Wissen bei un­ seren Mitarbeitenden in der Fläche sehr gross. Die wichtigsten Gefahrengebiete sind somit bereits bekannt. Um dieses bestehen­ de Wissen aber sauber zu dokumentieren und gleichzeitig bisher unbekannte mög­ liche Gefahrengebiete zu identifizieren, wurde die Risikohinweiskarte erstellt. Mit der Erarbeitung einer Risikohinweiskarte hat die RhB eine Pionierrolle übernommen ... Genau. – Als wir mit den Arbeiten starteten, waren noch keine Erfahrungen von anderen kantonalen oder nationalen Verkehrs­ trägern vorhanden. Das Instrument musste

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Schritt für Schritt von Grund auf entwickelt werden. Die Risikohinweiskarte wird uns helfen, dass wir in Zukunft die finanziellen Mittel noch gezielter einsetzen und das Nutzen-Kosten-Verhältnis optimieren können. Naturereignisse auf die Bahn werden sich dadurch nicht komplett vermeiden lassen. Sie sollten aber in der Anzahl und Intensität weiter reduziert werden können. Mitte August 2014 ereignete sich ein tra­ gisches Unglück und ein Zug der RhB ent­ gleiste bei Tiefencastel aufgrund eines Erd­ rutschs. Haben Naturgefahrenprozesse auf dem RhB-Streckennetz in den letzten Jah­ ren zugenommen? Schon die Geschichte der RhB zeigt, dass Naturgefahren nicht in jedem Fall vorhersehbar sind und somit auch nicht abschliessend kontrolliert werden können. Statistisch können wir keine Zunahme der Anzahl Naturereignisse feststellen. Gefühlsmässig sind vermehrt gravitative Ereignisse zu verzeichnen, zurückzuführen auf eine erhöhte Anzahl Gefrier- bzw. Tauprozesse.

Es ist aber gut möglich, dass dieses Gefühl durch ein heute verstärktes Sicherheits­ bewusstsein verfälscht wird. Zudem hat sich die Medienaufmerksamkeit deutlich erhöht, was ebenfalls dazu führt, dass die aktuellen Ereignisse präsenter sind. Sie haben die Medien angesprochen – hat sich das Verhalten der Medien verändert, auch gegenüber der RhB? Ganz klar, die Aufmerksamkeit wurde deutlich erhöht und vor allem die Onlinemedien haben an Präsenz gewonnen. Heute sind oftmals sowohl Bilder als auch Kommentare von sogenannten Lesereportern bereits online, bevor wir intern überhaupt Details des Ereignisses kennen. Der Kommunikationszeitraum wird bedeutend enger. Durch die Schnelligkeit der Information und den Druck der Medien aktuell und interessant zu bleiben, häufen sich leider auch Falschmeldungen, welche sich rasend verbreiten, weil sich die Onlinemedien gegenseitig kopieren. Bei einem Grossereignis ist es heute unmöglich, in der ersten Phase proaktiv zu

Medien sind durch Lesereporter oft zeitnah mit Katastrophen auf ihren Onlineportalen präsent, was die Kommunikation ungemein erschwert – hier das Beispiel Tiefencastel 2014. (Bild: Archiv Somedia)

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kommunizieren. Man läuft einem Rück­ stand hinterher und muss versuchen, die bekannten Fakten offen, aber mit den ver­ schiedenen Beteiligten abgestimmt, darzu­ stellen. Wegen der Entwicklung der Online­ medien mussten sich auch die traditionellen, grossen Medien anpassen. Diese konzent­ rieren sich weniger auf das Ereignis selber (weil dies in Onlinemedien bereits abgehan­ delt wurde), sondern recherchieren gleich tiefer nach Hintergründen und der Schuld­ frage. Damit und wegen des kleinen Zeit­ fensters sind die Anforderungen an unsere Kommunikation gegen aussen deutlich ge­ stiegen. Hier beweist sich die Risikohinweis­ karte nicht nur als internes Arbeitsinstru­ ment, sondern auch als bedeutendes

Kommunikationsinstrument. Sie erlaubt es aufzuzeigen, dass die Risikosituation auf dem Netz untersucht und bekannt ist und die RhB das Naturgefahrenmanagement trotz Einzelereignis im Griff hat. Schlussend­ lich steht bei der medialen Aufarbeitung das hohe und damit spektakuläre Schaden­ potenzial bei einem Zugunglück immer auch einem gewissen Verständnis für die Situation in einer Alpenregion gegenüber. Stellt der alpine Raum die RhB also nicht vor zu grosse Herausforderungen? Die Vergangenheit hat gezeigt, dass trotz aller Vorkehrungen Unfälle durch Lawinen, Sturzereignisse, Erdrutsche, Überschwem­ mungen oder Unterspülungen möglich sind

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Steinschläge im Bereich des Kreisviadukts von Brusio führten auch 2013 zu Unterbrüchen im Bahnbetrieb. (Bild: Ruedi Münger, aufgenommen am 13. Januar 2013)

und diese nie restlos vermieden werden können. Aber zum Sicherheitsdispositiv der RhB gehören neben den Schutzbauten eine Vielzahl von weiteren Massnahmen, die sich bewährt haben. Die RhB wird auch in Zu­ kunft viel Augenmerk auf die Naturgefahren richten. Die Sicherheit der Reisenden und der eigenen Mitarbeitenden ist ein wichtiges Anliegen mit höchster Priorität. Was war für Sie persönlich das eindrücklichste Ereignis während Ihrer bisherigen Zeit bei der RhB? Sehr eindrücklich war für mich die Bewäl­ tigung des Felssturzes in Brusio im Jahr 2008 – es ist gewaltig, wie in kürzester Zeit ein wirklich grosses Projekt aus dem Boden gestampft werden konnte. Alle Beteiligten leisteten grossen Einsatz, obwohl sich der Vorfall kurz vor der sonst für Projekte eher

unpassenden Weihnachtszeit ereignete. Es war enorm für mich zu sehen, wie alle am gleichen Strick gezogen haben, um Lösun­ gen zu suchen und wie diese auch innert kürzester Zeit gemeinsam gefunden werden konnten. Trotz Zeitdruck wurden verschie­ dene Varianten auf Herz und Nieren ge­ prüft; es wurde kein Schnellschuss produ­ ziert. Das Projekt konnte dank intensiver, aber äusserst unbürokratischer und sehr guter Zusammenarbeit innert kurzer Zeit entsprechend umgesetzt werden. Darauf können alle Beteiligten wirklich stolz sein! Nina Gansner SELVA Bahnhofplatz 1, CH-7302 Landquart info@selva-gr.ch

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Organisation im Ernstfall für die neue Gemeinde Scuol

Situation im Weiler Pradella nach dem Ereignis vom 22. Juli 2015. (Bilder: AWN)

Vier aussergewöhnliche Gewitterzellen über dem Gemeindegebiet von Scuol ha­ ben innerhalb dreier Tage verheerende Auswirkungen gehabt. Insgesamt 18 Rüfen und ein Schaden von mehr als einer Mil­ lion Franken – so lautet die erste Bilanz der Unwetterschäden vom 22. bis 24. Juli. Der «Bündner Wald» konnte zu diesem Ereignis Jon Carl Stecher, Leiter technische Betriebe und Einsatzleiter ad interim, sowie Mario Riatsch, Revierförster und Mitglied des Gemeindeführungsstabes, befragen. Das Ereignis liegt nun einige Wochen zu­ rück und die unmittelbaren Aufräumarbei­ ten wurden eben erst abgeschlossen. Was ist genau vom 22. Juli bis 24. Juli 2015 ge­ schehen, wie kam es zu diesen hohen Sachschäden? Extrem starke Gewitter; 22. Juli 2015 orografisch rechte Inn-Seite zwischen Val Plavna und Val d’Uina mit einer Niederschlagsmenge von über 100 mm pro m2, gemäss An­ gaben MeteoSchweiz. 23. Juli 2015 ­extrem starke Gewitter orografisch linke Inn-Seite – Gebiet Val Clozza bis Val Sinestra. 24. Juli 2015 nachmittags grosse Gewitter im Gebiet Piz Lischana–Piz San Jon. Zu diesen starken Schäden führte die extrem hohe Niederschlagsmenge in so kurzer Zeit auch in Form von Hagel. Wie würdet ihr das Ereignis heute beurtei­ len? Hatte die Gemeinde Scuol eher Glück,

dass nicht mehr geschehen ist, oder muss man gar sagen, dass unglückliche Umstän­ de und Verkettungen dazu geführt haben, das Ausmass der Schäden merklich zu er­ höhen? Erstens hatte die Gemeinde Scuol grosses Glück, dass keine Personenschäden zu beklagen waren. Durch das rasche Handeln konnte auch Schlimmeres verhindert werden. Zweitens war es eine unglückliche Verkettung, dass gleichzeitig in allen Seiten­ tälern und Nebenbächen Rüfen mit grossen Geschiebemassen niedergingen. Man kann davon ausgehen, dass dieses Ereignis als Jahrhundertereignis eingestuft werden kann. Wie habt ihr ganz persönlich vom Ereignis erfahren und was waren eure ersten Ein­ drücke und allenfalls direkten Handlun­ gen? Alle leitenden Mitarbeiter (Bauamt/Forst) waren bereits im Anfangsstadium des ­Gewitters unterwegs und konnten unmittelbar nach den Niedergängen die möglichen Sofortmassnahmen einleiten (etwa 20.30 Uhr). Die ersten Eindrücke waren – soweit erkennbar wegen der Dunkelheit – niederschmetternd. Das ganze Schadenmass des Ereignisses des 22. Juli konnte erst am Morgen des 23. Juli erkannt werden. Hatte die neue Grossgemeinde Scuol be­ reits einen Gemeindeführungsstab vor dem Ereignis? Bündner Wald 6/2015 29

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Nein. Der Gemeindevorstand hatte Anfang Juli 2015 das Konzept für den neu zu bildenden Gemeindeführungsstab genehmigt. Dieses sieht einen Gemeindeführungsstab, eine Lawinenkommission und zwei LNB vor. Welche Akteure wurden für die Ereignis­ bewältigung aufgeboten? Alle leitenden Mitarbeiter (Bau- und Forstamt); Feuerwehr für Evakuation und Strassensperrungen in Pradella; Amt für Wald und Naturgefahren AWN, Region 5; private Unternehmungen mit grossen Räumungsmaschinen; Energia Engiadina zur Wiederherstellung der Stromversorgung nach S-charl; EKW betreffend Wasserfassung ­ Mingèr und Hochspannungsmast Sot ­Ruinas (Versorgung Scuol); Heli Bernina für Rekos und Luftbrücke nach S-charl; ZSO – Militär/ AMZ; Tiefbauamt, Abteilung Wasserbau. Wie hat die Organisation funktioniert? Gab es eine klare Rollenteilung zwischen den Akteuren und hat diese auch funktioniert? Den schwierigen Umständen entsprechend hat die Organisation gut funktioniert. Für jedes einzelne Ereignis wurde eine leitende Person des Bau- und Forstamts eingesetzt. Hattet ihr Schwierigkeiten bei der Kommu­ nikation zwischen der Vielzahl an Akteuren und wie konntet ihr diese schliesslich be­ wältigen?

Wir hatten keine grossen Schwierigkeiten mit der Kommunikation. Während der ersten vier Tage trafen sich die leitenden Personen alle vier Stunden zu einer Lage­ beurteilung und Koordination der weiteren Massnahmen und Einsätze. Für die interne Kommunikation wurden die neuen Polycom-Funkgeräte eingesetzt. Was waren eure konkreten Aufgaben bei der Bewältigung des Ereignisses? – Jon Carl Stecher: gesamte Einsatzleitung. – Mario Riatsch: Schadenabschnittsleitung Sinestra–Uina, Vallorcha sowie Organisa­ tion und Koordination der Luftbrücke während acht Tagen nach S-charl. Wie konnten die bestehenden Gefahren­ grundlagen und die Interventionskarte wäh­ rend der Ereignisbewältigung angewandt werden? Die Aufgabe und Beratung der Einsatzleitung wurde umgehend dem AWN (Spe­zialist Naturgefahren Martin Keiser und den zuständigen Regionalforstingenieuren) übergeben. Wie habt ihr die Zusammenarbeit zwischen der Gemeinde und dem AWN wahrgenom­ men? Welches sind – auch künftig – eure Erwartungen an den jeweiligen Partner? Unterstützung bei der Beurteilung des Gefahrenpotenzials bei Reko-Flügen und Bera-

Luftaufnahme der Clozza, mit den Murgangab­lagerungen vom 23. Juli 2015 im mittleren Dorfteil.

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tung der Einsatzleitung. Kontakt zu Meteo­ Schweiz und Beratung der Einsatzleitung. Beratung und Unterstützung des Bauamts für die Ereignisanalyse und Dokumentation (StorMe). Die Zusammenarbeit wurde als beruhigend und kompetent wahrgenom­ men. Unsere künftigen Erwartungen sind mindestens im gleichen Ausmass wie bei diesem Ereignis. Falls in Zukunft andere Er­ kenntnisse auftreten sollten, wäre eine en­ gere Zusammenarbeit erwünscht. Wie hat die Bevölkerung reagiert und ge­ handelt? Gab es brenzlige Situationen? Die Bevölkerung hat dem GFS vertraut. Es gab keine brenzligen Situationen. Auf die meisten Fragen konnten verbindliche und beruhigende Informationen weitergegeben werden.

Massnahmen im Team besprochen und An­ weisungen entsprechend weitergegeben und ausgeführt. Durch die Gemeindefusion konnten auch viele Ressourcen genutzt werden. Könnt ihr bereits ein erstes Fazit ziehen? Im Grossen und Ganzen hat sich die Orga­ nisation bewährt. Als Fazit dieses Ereignis­ ses konnten gute Kenntnisse in Bezug auf die Erarbeitung künftiger Schadensszena­ rien für den neuen GFS gewonnen werden.

Die AWN-Region 5 zieht ein positives erstes Fazit: Das frühzeitige Aufbieten des AWN durch den lokalen Forstdienst

Das Ereignis fiel mitten in den Sommer, die Berichterstattung in den Medien war ent­ sprechend intensiv – wie habt ihr dies er­ lebt? Habt ihr eine Fachperson für die Me­ dienarbeit beigezogen? Sehr intensiv und aufwendig, vor allem vom 23. bis 26. Juli. Diese Aufgabe wurde vom Einsatzleiter und vom Gemeindepräsiden­ ten wahrgenommen. Am 27. Juli wurde eine offizielle Pressekonferenz abgehalten. Für ein Ereignis dieses Ausmasses sollte künftig eine Fachperson für die Medienarbeit bei­ gezogen werden.

ist Grundlage für eine effiziente und zielführende Gefahrenbeurteilung, Ereignisdokumentation sowie Aufbereitung der meteorologischen Situation in Kontakt mit MeteoSchweiz. Das AWN übernimmt so eine fachliche Unterstützung des Gemeindeführungs­ stabs. Bereits während und besonders nach dem Ereignis bietet das AWN zudem Unterstützung für forstliche Instandstellungsarbeiten an. Ebenso besteht die Möglichkeit, bei Grossereig­ nissen einen Mitarbeiter des AWN als Koordinator seitens des Kantons

Gab es auch Abläufe, die nicht funktionier­ ten und vielleicht wegen der erst neu for­ mierten Grossfusion gar noch nicht funk­ tionieren konnten? Oder war die neue Organisation gar eine Chance für die gute Bewältigung? Es war eine Chance, da alle Einsatzleiter motiviert waren und die Gesamteinsatzlei­ tung gut unterstützt haben. Es wurden alle

Graubünden einzusetzen.

Sandro Krättli, Redaktor Bündner Wald Bahnhofplatz 3B, CH-7302 Landquart sandro.kraettli@awn.gr.ch Bündner Wald 6/2015 31

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Vorträge «Wassergefahren aus verschiedenen Perspektiven» Referenten und Referentinnen – Hansueli Roth, Kantonaler Feuerwehrinspektor, Gebäudeversicherung Graubünden – Markus Clavadetscher, Bereichsleiter Betrieb Kraftwerke Hinterrhein AG – Katrin Blumberg, Leiterin Swiss River Adventures GmbH Donnerstag, 18. Februar 2016, 18.30 Uhr, anschliessend Apéro HTW Chur, Pulvermühlestrasse 57, 7004 Chur Anmeldung Die Veranstaltung ist kostenlos, eine Anmeldung ist erwünscht: www.htwchur.ch/wassergefahren

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Erlebnisbericht Scuol Nothilfeeinsatz Zivilschutz GR

Zivilschutzeinsatz im Val Lischana. (Bilder: A. John)

In der Zeit vom 22. bis 24. Juli 2015 ent­ leerten sich regionale Gewitterzellen über dem Kanton Graubünden. Wirklich grosse Schäden entstanden auf dem Gemeinde­ gebiet Scuol. Die Aufräumarbeiten wurden mit schweren, zivilen Mitteln durch Mitarbeiter der Gemeinde Scuol sofort nach der Akutphase koordiniert in die Wege geleitet. Wichtig zu erwähnen ist, dass der Gemeindeführungsstab dank seiner beispielhaften Führung während des ganzen Ereignisses dafür gesorgt hat, dass es zu keinen Personenschäden kam. Bereits ein paar Stunden bevor das Gesuch des Gemeindepräsidenten zur Hilfeleistung durch die Armee am Freitag, 24. Juli 2015, ca. 17.30 Uhr, an den Kanton gestellt wurde, hatte Bruno Casutt, Amtsleiter-Stellvertreter, telefonischen Kontakt mit dem Kommando der Territorial-Region 3, wo man bereits die Situation für den Kanton Graubünden und natürlich auch im Rahmen der Möglichkeiten im Speziellen für Scuol be­ urteilt hat. Am Sonntagabend, 26. Juli, informierte mich Bruno Casutt über den bevorstehenden Nothilfeeinsatz mit der Zivilschutz-Einsatzkompanie Graubünden im Raum Scuol.

Der effektive Antrag auf ein Nothilfebegehren des Zivilschutzes ist beim Amt für Militär und Zivilschutz am Montagmorgen um 10 Uhr eingegangen. Zusammen mit Bruno Casutt fuhr ich nach Scuol, um die Situation vor Ort zu begutachten. Um 13 Uhr trafen wir uns mit den zuständigen Förstern, um die verschiedenen Schadensplätze zu besichtigen. Anschliessend besprachen wir die dringlichsten Arbeiten. Anlässlich einer Sitzung mit dem Bauamt Scuol um 17 Uhr wurde in Zusammen­arbeit mit den Förstern der verschiedenen Fraktionen eine Dringlichkeitsliste bezüglich der anfallenden Arbeiten festgelegt. Es war eindrücklich, mit welcher Kraft die Natur uns einmal mehr aufgezeigt hat, dass wir solchen Gewalten hilflos ausgesetzt sind. Die Besprechung und der Umfang der ­Arbeiten ergaben, dass 20 Angehörige des Zivilschutzes (AdZS) für die auszuführenden Arbeiten benötigt werden. Das Erstellen von Notbrücken setzte voraus, dass möglichst viele AdZS aus den Berufsgruppen Maschinisten, Schreiner, Zimmermänner und Forstwarte aufzubieten waren. Das Aufgebot erfolgte am Dienstagmorgen, 28. Juli 2015, 9 Uhr, via Feuerwehr-Alarmierungssystem (FAS). Es wurden AdZS der EinBündner Wald 6/2015 33

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Notbrücke erstellt durch den Zivilschutz im Val Lischana.

satzkompanie Graubünden und der Kompa­ nie Surselva sowie ein Materialwart der Kompanie Inn aufgeboten. Am Mittwoch­ morgen, bis zum Einrücken der Mannschaft, waren zwei Instruktoren des Amts für Militär und Zivilschutz (AMZ) damit beschäftigt, die benötigten Gerätschaften, Werkzeuge so­ wie die Fahrzeuge für den Einsatz vorzube­ reiten. Das Kader rückte um 10.30 Uhr ein. Anlässlich des Eintrittsrapports wurde das Kader über die Sachlage orientiert und es er­ folgte die Befehlsausgabe. Die Mannschaft rückte zwei Stunden später ein. Nach dem Einrücken und einer kleinen Information zur Sachlage haben sich das Vordetachement und eine Stunde später das Haupt­ detachement nach Scuol verschoben. Somit konnten bereits um 16 Uhr die ersten Arbei­ ten auf den Schadensplätzen Val  Zuort, Val Lischana und im Weiler Pradella aufge­ nommen werden. Das Detachement der AdZS wurde in der Zivil­ schutzanlage Scuol untergebracht. Frühstück und Nachtessen konnten im Res­ taurant Altana eingenommen werden. Die Verpflegung während der Arbeiten (Zwi­ schenverpflegung und Mittagessen) wurde

durch die Logistik der Einsatzkompanie auf die Schadensplätze geliefert. Der Einsatz konnte zur vollsten Zufriedenheit der Gemeinde Scuol ausgeführt werden. Von Mittwoch bis Freitag hat unser Deta­ chement 5 Holzbrücken erstellt, wovon die längste eine Spannweite von ca. 20 Metern hatte. Die benötigten Holzstämme wurden durch den Zivilschutz und die Forstgruppe der Gemeinde Scuol jeweils vor Ort gefällt. Das restlich benötigte Holz konnte in der Sägerei der Fraktion Tarasp zulasten der Gemeinde bezogen werden. Die unkompli­ zierte, professionelle Zusammenarbeit mit der Gemeinde Scuol und den verantwortli­ chen Ansprechpersonen war für uns extrem hilfreich, sodass wir uns zu 100 % auf die Arbeiten vor Ort konzentrieren konnten. Die Gemeindearbeiter stellten den Support sicher, was uns ermöglichte, mit drei auto­ nomen Pioniergruppen selbstständig auf den Schadensplätzen (Val Zuort, Val Lischa­ na und Weiler Pradella) zu arbeiten. Für das Nothilfedetachement, bestehend aus Angehörigen des Zivilschutzes der Ein­ satzkompanie Graubünden und der Zivil­ schutzkompanie Surselva, war der Einsatz ein voller Erfolg. Einerseits war der Ernstfall­ einsatz für die Angehörigen des Zivilschut­ zes eine wertvolle Erfahrung und Weiter­ bildung an der Front. Andererseits konnten wir mit diesem Einsatz der Bevölkerung die schnelle, unkomplizierte und fachkom­ petente Hilfeleistung des Zivilschutzes Graubünden unter Beweis stellen.

Adrian John ZS Kdt, Einsatzkompanie GR Amt für Militär und Zivilschutz Schlossweg 4, CH-7023 Haldenstein adrian.john@amz.gr.ch

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Praxishilfe – Frühwarnsysteme für gravitative Naturgefahren In den vergangenen Jahren hat die Bedeutung von Frühwarnsystemen im Umgang mit Naturgefahren zugenommen. Unter Frühwarnsystemen lassen sich alle Einrichtungen zusammenfassen, die zeitnahe und aussagekräftige Informationen erstellen und verbreiten, damit einzelne Personen oder Gemeinschaften sich auf eine Gefährdung vorbereiten und Massnahmen zur Schadenreduzierung einleiten können (UNISDR, 2007). Frühwarnsysteme werden im Kreislauf des integralen Risikomanagements dem Bereich der Vorsorge zugeordnet und stellen eine zentrale Grundlage für das Ergreifen von organisatorischen Massnahmen dar, wie zum Beispiel die Sperrung von Verkehrswegen oder die Evakuierung von Gebäuden. In den vergangenen Jahren wurde eine Vielzahl neuer technischer Möglichkeiten entwickelt. Den für die Sicherheit von Gemeinden oder Verkehrswegen verantwortlichen Personen wird damit die Beurteilung nicht einfacher gemacht, ob ein Frühwarnsystem für eine bestimmte Situation überhaupt die notwendige Wirksamkeit erzielt und ob sich der Einsatz auch finanziell lohnt. In Zusammenarbeit und mit finanzieller Unterstützung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz BABS wurde im Rahmen des Projekts «ReWarn – Verlässlichkeit Warn- und Alarm­ systeme» eine Praxishilfe erarbeitet, um Fachspezialisten für Naturgefahren, Ingenieurbüros oder zuständige Personen in Privatunternehmen bei der Implementierung und dem Betrieb von Frühwarnsystemen zu unterstützen. Diese Praxishilfe wird im Folgenden im Überblick dargestellt. Aufbau der Praxishilfe Die Praxishilfe gliedert sich in drei Teile ­(Sättele und Bründl, 2015). Im Teil A werden das notwendige Grundverständnis

über gravitative Naturgefahrenprozesse und die Möglichkeiten für die Früherkennung von gefährlichen, gravitativen Naturgefahrenprozessen vermittelt. Dazu wird eine Aufteilung in verschiedene Systemtypen vorgeschlagen, um den Aufbau von Frühwarnsystemen systematischer beschreiben zu können. Im Teil B werden konkrete Entscheidungshilfen in Form von Diagrammen und Checklisten zur Verfügung gestellt. Diese sollen bei der Entscheidung helfen, welcher Typ Frühwarnsystem für eine bestimmte Anwendung zweckmässig ist. Im Teil C werden verschiedene sich im Einsatz befindliche Frühwarnsysteme dargestellt. Einteilung von Frühwarnsystemen Naturgefahrenprozesse laufen unterschiedlich und in verschiedenen Phasen ab. Bei sich langsam aufbauenden Prozessen wie Felsoder Bergstürze lassen sich über Jahre und Jahrzehnte zum Beispiel Kluftöffnungen beobachten, deren Bewegungsraten sich vor einem bevorstehenden Ereignis meist expo­ nentiell beschleunigen; diese Bewegungsrate kann als Grundlage für eine Warnung herangezogen werden. Bei sich schnell aufbauenden oder spontan entwickelnden Prozessen wie Murgängen haben Prozessparameter, wie die Fliesshöhe und /oder die Erschütterung des Untergrunds, einen hohen Informationsgehalt und können für eine Alarmierung verwendet werden. Von den Eigenschaften eines Naturgefahrenprozesses und seiner Eintrittsart ist es abhängig, wie weit im Voraus ein Ereignis zuver­lässig prognostiziert werden kann. In Abhängigkeit der überwachten Parameter und der Länge der Interventionszeit können damit folgende Systemtypen unterschieden werden: Bündner Wald 6/2015 35

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4. Vorhersagesysteme: Diese meist nicht

­ebietsspezifischen Systeme, wie zum g Beispiel die Nationale Lawinenwarnung ­ des SLF, die Hochwasservorhersage des BAFU oder die Unwetterwarnungen der MeteoSchweiz, werden in der Praxishilfe nicht behandelt, gehören aber zu den Frühwarnsystemen.

Einheiten eines Frühwarnsystems. (Bild: Sättele und Bründl, 2015)

1. Alarmsysteme: Zum Zeitpunkt der De­

tektion sind die Daten relativ eindeutig und die Interventionszeit ist kurz. Auf Ba­ sis von definierten Schwellenwerten kann eine Alarmierung ausgelöst werden, die zum Beispiel automatisch zur Schliessung einer Strasse führt. Alarmsysteme wer­ den meist für sich schnell aufbauende, spontan ablaufende Prozesse wie Lawi­ nen oder Murgänge eingesetzt. 2. Warnsysteme: Die Datenlage ist zum Zeitpunkt der Detektion weniger eindeu­ tig, die Interventionszeit dafür aber län­ ger. Das System übermittelt anhand vorde­ finierter Schwellenwerte eine automa­tisierte Warnung an Experten zur Beurteilung. Die Experten lösen dann eine Warnung aus. Warnsysteme werden zur Früherkennung bei sich langsam auf­ bauenden Naturgefahrensystemen wie Fels- oder Bergstürzen eingesetzt. 3. Kombisysteme: Diese Systeme erfüllen sowohl die Funktion eines Alarm- wie auch eines Warnsystems, indem sie bei erhöhtem Gefahrenpotenzial Warnun­ gen an Experten herausgeben und/oder im Ereignisfall automatisierte Interven­ tionsmassnahmen einleiten.

Einheiten eines Frühwarnsystems Frühwarnsysteme sind komplexe Systeme, die verschiedenen technischen und mensch­ lichen Einflüssen sowie Umwelteinwirkun­ gen ausgesetzt sind. Obwohl in der Praxis ganz verschiedene Systeme in unterschied­ lichen Konfigurationen installiert sind, lassen sich immer die Einheiten Monitoring, Inter­ pretation und Ausgabe unterscheiden, wel­ che eine Stromversorgung benötigen und durch ein Kontrollsystem überwacht wer­ den. Das einem Frühwarnsystem zugrunde liegende Betriebssystem definiert Zuständig­ keiten, den Betrieb, den Unterhalt und die Wartung für den normalen Betrieb und zu­ sätzlich Zuständigkeiten und Abläufe im ­Ereignisfall (Abb.  1). In der Einheit Monitoring werden die Daten im gefährdeten Gebiet erhoben und an die Einheit Interpretation übermittelt; dort wer­ den sie ausgewertet, zu einem Datenserver übertragen und gespeichert und verwaltet. In dieser Einheit werden die Daten auch hinsichtlich der Überschreitung eines defi­ nierten Schwellenwerts, welche bei Alarm­ systemen zur automatischen Auslösung einer Massnahme (z.  ­ B.  Sperrung) führen kann, interpretiert. In der Einheit Aus­gabe werden die Informationen an die Endnutzer verteilt oder ein akustisches oder optisches Signal wird automatisch generiert. Die Stromversorgung erfolgt entweder auto­ nom (z. B. mit Solarzellen) oder über Netz­ strom. Eine Kontrolleinrichtung sorgt für ei­

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nen reibungs­ losen Betrieb, indem sie die Funktion des gesamten Systems (z. B. Batteriespannung) laufend überprüft. Zuverlässigkeit eines Frühwarnsystems Die Zuverlässigkeit eines Frühwarnsystems entscheidet darüber, wie stark die Wahrscheinlichkeit, dass Personen und Objekte einem gefährlichen Prozess ausgesetzt sind, reduziert wird. Damit bestimmt die Zuverlässigkeit auch die Wirksamkeit eines Frühwarnsystems. Die Zuverlässigkeit hängt von den einzelnen Komponenten und ihrem Zusammenspiel ab und wird durch das schwächste Glied in der Kette (z. B. ein einzelner Sensor) bestimmt. Wie zuverlässig ein Frühwarnsystem letztlich ausgelegt werden kann, ist eine Optimierungs- und damit auch eine Kostenfrage. In der Praxis müssen daher Kosten und Nutzen gegeneinander auf­gewogen und die verbleibenden Restrisiken klar kommuniziert werden. Die Zuverlässigkeit lässt sich aus folgenden Blickwinkeln beurteilen: – Datenerfassung hinsichtlich Daten­ qualität – Dateninterpretation hinsichtlich Schwellenwert und Mensch – Ausgabe hinsichtlich Befolgung der Information – Komponenten und Systemaufbau hinsichtlich Versagenswahrscheinlichkeit Entscheidung Einsatz Frühwarnsystem und Systembeispiele Frühwarnsysteme stellen im Vergleich zu permanenten technischen Massnahmen eine vergleichsweise günstige Variante dar. Ob ein Frühwarnsystem in einem bestimmten Fall jedoch eine zweckmässige Massnahme darstellt, muss fallspezifisch entschieden

werden. In der Praxishilfe wird mithilfe eines Entscheidungsdiagramms eine grobe Hilfestellung gegeben, welchem Systemtyp (Alarm-, Warn- oder Kombisystem) angesichts der Ausgangslage der Vorzug zu geben ist (Abb. 2, auf der nächsten Seite). Mit einer Risikobeurteilung wird zunächst eingeschätzt, ob ein vorhandenes Risiko ­akzeptabel ist. Ist das Risiko nicht akzeptabel, dann wird in einer Massnahmenanalyse schrittweise beurteilt, ob ein Alarm-, Warnoder Kombisystem oder aber eine alter­ native Massnahme gewählt werden soll. Ist der Entscheid für die Realisierung eines bestimmten Frühwarnsystems gefallen, dann wird unter Berücksichtigung der gebiets­ spezifischen Anforderungen in der Regel meist bei einem oder mehreren Anbietern eine Offerte eingeholt. Für die zuständigen Personen und Organisationen ist die Bewertung dieser komplexen technischen Systeme keine einfache Aufgabe. In der Praxishilfe sind in zwei Checklisten Kriterien zusammengestellt, anhand derer sich die Zuverlässigkeit eines Systems und die Zuverlässigkeit eines Systemanbieters bzw. -betreibers qualitativ bewerten lassen. Die Checklisten geben damit auch Hinweise auf wichtige Punkte, die bei der Beurteilung der Offerte eines ­Systemanbieters zu beachten sind. Im letzten Teil der Praxishilfe ist für die ­Prozesse Flutwelle, Murgang, ­Schneelawine, Stein- und Blockschlag, Felssturz und Rutschung je ein Frühwarnsystem sowie deren Einbindung in die jeweilige Organisation dargestellt. Damit gibt dieser Teil Hinweise auf den Betrieb in der Praxis. Fazit Frühwarnsysteme haben in den letzten Jahren beim Schutz vor Naturgefahren eine zunehmend grössere Bedeutung erlangt und man darf davon ausgehen, dass dieser Bündner Wald 6/2015 37

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Entscheidungsdiagramm für die Wahl eines Systemtyps. (Bild: Sättele und Bründl, 2015)

Trend mit dem technischen Fortschritt weiter anhält. Frühwarnsysteme haben gegenüber permanenten, technischen Massnahmen meist tiefere Anschaffungskosten. Für eine gesamtheitliche Beurteilung müssen aber neben noch anfallenden Unterhaltsund Betriebskosten auch die Konsequenzen beim Einsatz beachtet werden. Wird zum Beispiel als Folge einer automatisierten Alarmierung oder einer Warnung ein Verkehrsweg gesperrt, so kann dies für den ­Betreiber und für betroffene Unternehmen (z. B. wegen Lieferverpflichtungen) mitunter bedeutende Kosten zur Folge haben. Auch mit der betroffenen Bevölkerung muss frühzeitig ein intensiver Dialog geführt werden, denn die Akzeptanz eines Unterbruchs einer Verkehrslinie und die Akzeptanz der ver­ bleibenden Restrisiken ist eine unabding­ bare Voraussetzung für ein funktionierendes Frühwarnsystem. Mit der Praxishilfe wurde eine Grundlage geschaffen, die den erfolgreichen Einsatz von Frühwarnsystemen unterstützen kann.

Dank Wir danken dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz für die Zusammenarbeit und die finanzielle Unterstützung. Literatur Sättele M., Bründl M. (2015). Praxishilfe für den Einsatz von Frühwarnsystemen für ­gravitative Naturgefahren. WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF, Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS, Bern. UNISDR (2007). Terminology. The United Nations Office for Disaster Risk Reduction. Geneva. http://www.unisdr.org/we/inform/ terminology. (Letzter Zugriff: 19. Juni  2014).

Michael Bründl WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF Flüelastr. 11, CH-7260 Davos Dorf bruendl@slf.ch, www.slf.ch

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Viel Elektronik für eine zuverlässige Überwachung

Antennen, Solarpanels und Radare: Am Piz Chapi-

Gut überwacht: Bei der Alarmanlage in der

sun im Engadin werden diverse Systeme getestet,

Val Bondasca blicken zwei Kameras Tag und Nacht

damit Lawinen auch in der Nacht und bei schlech-

auf das Gerinne. Ein Infrarotstrahler (oben) stellt

tem Wetter erkannt werden können.

sicher, dass man auch bei Nacht den Durchblick

(Bild: Geopraevent AG)

hat. (Bild: Geopraevent AG)

Manchmal muss es schnell gehen: Elektronische Überwachungssysteme können in heiklen Momenten Naturereignisse erkennen, Strassen sperren, Alarme auslösen. Im Kanton Graubünden stehen an mehreren Orten elektronische Warn- und Alarmsysteme zum Schutz vor Naturgefahren. Radare, Kameras und Computer messen und analysieren die Umgebung rund um die Uhr. Doch wo viel Technik zum Einsatz kommt, steckt auch viel menschliche Arbeit da­ hinter. Das Telefon piepst in der Tasche von ­Marcello Negrini, Förster in der Val Bregaglia und lokaler Verantwortlicher für die Murgangüberwachungsanlage der Gemeinde Bondo. «WARNUNG – PEGELSTAND BONDASCA.» Es ist kurz vor 6 Uhr morgens, der Flusspegel ist innerhalb von weniger als 30 Minuten um fast einen Meter angestiegen und hat die Vorwarnschwelle überschritten. Die Warnmeldung wurde von einer elektronischen Überwachungsanlage automatisch ausgelöst und mittels priorisierter SMS-Mitteilung an

­ arcello Negrini, die Vertreter der SicherM heitskommission der Gemeinde Bregaglia und Verantwortliche des Tiefbauamts, des lokalen Elektrizitätswerks der EWZ, des Amts für Wald und Naturgefahren und der Betreiberin der Anlage, der Geo­praevent AG in Zürich, gesandt. Das Herzstück der Anlage befindet sich rund 1 km oberhalb von Bondo, kurz bevor sich die Bondasca in eine tiefe Schlucht stürzt. Nach dem Bergsturz am Pizo Cengalo donnerten hier im August 2012 ­ rund 100 000 Kubikmeter Geröll in einem Murgang talwärts. Als eine von mehreren Schutzmassnahmen wurde die Überwachungsanlage installiert. Hier liefern Kameras Tag und Nacht Bilder vom Fluss und ein Pegelradar misst die Fliesshöhe. Von diesem wurde auch das SMS ausgelöst, das

gpr.vn/vb QR-Code scannen und weitere Bilder und Videos aus der Val Bondasca anschauen. Bündner Wald 6/2015 39

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Negrini am frühen Morgen geweckt hat. Das Radar hängt hoch über dem Bach und misst den Wasserpegel. Überschreitet die­ ser einen vordefinierten Wert, wird die Warnung ausgelöst. Steigt der Pegel weiter an, wird eine zweite Warnstufe erreicht. Neben dem Radar hängen über der Bon­ dasca drei Reissleinen, an deren Ende Stei­ ne befestigt sind. Im Falle eines Murgangs würden diese Steine von den Geröllmassen mitgerissen. Dann schalten im Haupttal mehrere Ampeln an Kantons- und Gemein­ destrasse automatisch auf Rot. Sofort, und ohne dass menschliche Entscheidungen nö­ tig sind. Aufheben lässt sich ein derartiger Alarm dann allerdings nicht automatisch: Die Sicherheitskommission und das Amt für Wald und Naturgefahren entscheiden über das weitere Vorgehen. An diesem Morgen kommt aber weder eine zweite Pegelwarnung noch ein Murgang, das Wasser sinkt nach kurzer Zeit wieder deutlich unter die Warnschwelle und der Verkehr rollt ungestört weiter.

paraturarbeiten sind nötig – doch ist das Gebiet bereits wieder sicher begehbar? Rasch wird auch hier ein Überwachungsund Alarmsystem eingesetzt, um abschät­ zen zu können, ob noch weitere Felsstürze zu erwarten sind. In diesem Fall muss eine ganze Felswand überwacht werden, ohne genaues Vorwissen darüber, woher weitere Stürze zu erwarten wären. Es kommt wiede­

Interferometrisches Georadar Das interferometrische Georadar sendet elektromagnetische Wellen mit einer Wellenlänge von 2 cm aus und empfängt die vom Ziel reflektierten Wellen wieder. Für die Deformationsmessung ist die Wellenlänge entscheidend: Die Distanz zum Ziel besteht aus einem ganzzahligen Vielfachen der Wellenlänge sowie einem «Restwert», der kleiner ist als die Wellen­ länge. Dieser Rest entspricht der Phase des Sig­ nals. Unter der Annahme, dass sich die

Nadelöhr: Verkehrsachsen Um den Verkehr geht es in den meisten ­Fällen, wenn Überwachungssysteme nötig werden: Ähnliche Anlagen schützen die Au­ tobahnbaustelle im Einflussbereich der Ma­ schänser Rüfi bei Trimmis sowie die Kan­ tonsstrassen beim Höfjibach in Davos und bei Guarda im Unterengadin. Doch nicht immer verläuft es so glimpflich wie an die­ sem Morgen im Bergell, und es kann auch nicht jeder Bahn- und Strassenkilometer überwacht werden. Am 16. Oktober 2013 ereignet sich in der Nähe von Lüen auf der Bahnlinie Chur–­ Arosa der Rhätischen Bahn (RhB) ein Fels­ sturz. Das herunterstürzende Geröll beschä­ digt sowohl die Fahrleitung als auch die Gleise. Umfangreiche Räumungs- und Re­

Position des Radars nicht verändert hat, kann von einer Veränderung dieses Rest­ werts – der sogenannten Phasenverschie­ bung – auf Deformationen des Objekts von wenigen Milli­ metern geschlossen werden. Es wird dabei die Komponente der Bewegung in Blickrichtung des Ra­ dars gemessen. Radarwellen lassen sich nur schlecht bün­ deln, die Reflektionen kommen daher immer von grösseren Flächen. Die Grösse eines «Radarpixels» ist ab­ hängig von den Eigenschaften des Ra­ dars, der Distanz zum Objekt und von dessen Geometrie. Sie beträgt je nach Distanz zwischen einem und mehreren Quadratmetern.

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rum Radartechnologie zum Einsatz – aller­ dings kann sie mehr als das Pegelradar aus dem Bergell. Das interferometrische Geo­ radar (S. 38) kann auf lange Distanzen und in grossen Gebieten kleinste Bewegungen messen. Es eignet sich daher besonders, um Veränderungen im Fels zu detektieren. Das Radar misst permanent die Distanz zur Fels­ wand, indem es Strahlung aussendet und die Reflektionen davon wieder empfängt. Wenn sich der Fels bewegt, misst das Radar eine Veränderung im empfangenen Signal. Speziell an dieser Technologie ist, dass De­ formationen von 1 bis 2 Millimetern selbst in einigen Kilometern Distanz festgestellt werden können. Weniger als zwei Tage nach dem Felssturz steht das Georadar auf den Schienen der RhB und überwacht die Felswand oberhalb des Trassees. Mit einem terrestrischen ­Laserscanner wird ein lokales Höhenmodell aufgenommen, auf dieses werden die Ra­ dardaten projiziert. Damit wird schnell klar, welche Gebiete noch in Bewegung und wel­ che stabil sind. Die Zeit drängt, denn die Bahnlinie soll vor Weihnachten wieder be­ fahrbar sein. Experten haben ständig Zugriff auf die Radardaten und können die Situa­ tion stets überprüfen. Im Notfall werden vor Ort Alarmsirenen aktiviert. Dank der auto­ matischen Überwachung können Sicher­ heitssprengung, Räum- und Reparatur­ arbeiten effizient und sicher durchgeführt werden und die Strecke kann planmässig vor den Festtagen wieder geöffnet werden. Schlamm in Sicht Das Georadar ist aber nicht nur für Messun­ gen im Fels bestens geeignet, es kann auch schnellere Bewegungen detektieren, zum Beispiel wenn in der Val Parghera bei Do­ mat/Ems Tausende Kubikmeter Dreck und Geröll talwärts fliessen.

Das Georadar blickt auf die Rutschung in der verschneiten Val Parghera. Hier wurden Bewegungsraten von bis zu 10 cm pro Stunde gemessen. (Bild: Geopraevent AG)

Luftaufnahme der Notbrücke, des bestehenden und erweiterten Geschiebefängers sowie der provisorischen Auffangräume vom 26. August 2015. Dank mehrerer Kameras haben die Verantwortlichen stets die Übersicht über das Geschehen. (Quelle: AWN) Bündner Wald 6/2015 41

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Mittlerweile ist in der Val Parghera so etwas wie Normalität eingekehrt – es ist normal geworden, dass die schwarzen Schlammmassen langsam zu Tale fliessen und dort die riesigen Geschiebefänger füllen, die aufwendig ausgebaggert werden müssen. Ganz anders im April 2013: Starkniederschläge und Schneeschmelze aktivierten eine Rutschung, die Schlammmassen überströmten die Kantonsstrasse – eiligst wurde eine Notbrücke gebaut. Gleichzeitig wurden erste Kameras und Pegelradare installiert, um das Gebiet zu überwachen, eine Wetterstation liefert zudem stets lokale Temperatur- und Niederschlagsdaten. Doch auch hier steht die Frage im Raum: Wie gross ist das Ausmass der Rutschung und wie viel mobiles Material liegt noch bereit? Für diese Herausforderung wurde wiederum das Georadar vor Ort montiert. Damit können die Bewegungsgeschwindigkeiten in den verschiedenen Bereichen des Rutschgebiets gemessen werden und es kann bestimmt werden, welche Teile noch stabil sind. Das Radar blieb während dreier Wochen vor Ort. Die Resultate sind erstaunlich: Am Kegelhals des Rutschgebiets bewegt sich die Masse aus Schlamm und Geröll mit bis zu 10 cm pro Stunde talwärts. Die gute Nachricht ist, dass die felsigen Gebiete im oberen Teil der Rutschung stabil zu sein scheinen. Die im Einzugsgebiet verbleibende Rutschmasse wird vom Amt für Wald und Naturgefahren gegenwärtig auf noch 500 000 m3 geschätzt. Um die riesigen Mengen an Geschiebe in den Griff zu bekommen, wurde der beste-

gpr.vn/vp QR-Code scannen und weitere Bilder und Videos aus der Val Parghera anschauen.

hende Geschiebesammler nach den ersten Ereignissen grosszügig erweitert. Das sich ansammelnde Material muss jedoch konstant ausgebaggert, deponiert oder verflüssigt werden. Um diese Herausforderung ­effizient meistern zu können, geben heute neun Webcams rund um die Uhr Einblick ins Geschehen und fünf Pegelradare über­ wachen die Fliesshöhe an verschiedenen Stellen im Gerinne. Die Daten sind für die Verantwortlichen auf einem Datenportal jederzeit in Echtzeit einsehbar, vom Computer, Tablet oder vom Handy aus. Achtung, Lawine! Die Datenplattform auf dem Computer oder dem Handy ist auch für Peder Caviezel, Leiter Betrieb über die Kantonsstrassen im Unterengadin und Verantwortlicher für deren Lawinensicherheit, ein wichtiges Instrument. Eine neuralgische Stelle in seinem Gebiet liegt zwischen Giarsun und Lavin, unterhalb des Piz Chapisun (2931 m ü. M.). Hier werden seit einigen Jahren modernste Methoden getestet, um Lawinen auch bei Nacht und Nebel zu detektieren. Das Problem ist ein altes: Wenn es stark schneit, neblig oder dunkel ist, können die Aus­wirkungen von Sicherheitssprengungen nur schlecht überprüft werden. Gerade diese Überprüfung ist für Caviezel aber zentral. Wenn es darum geht, Verkehrswege nach einer Sprengung wieder freizugeben, muss Gewissheit bestehen, dass Letztere erfolgreich war. An der Krete des Piz Chapisun stehen acht Sprengmasten für den Einsatz bereit. In den felsigen Partien unterhalb der Spreng­ masten sind Erschütterungssensoren angebracht. Diese sogenannten Geofone wandeln Schwingungen im Boden in elektrische Spannungssignale um und machen diese so messbar. Weiter unten, auf der Schulter oberhalb des Lawinenzugs, steht ein mit

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Wo Personen nicht in die Nähe der Sprengmasten gelangen sollten, kann mit Kamera, Wärmebildkamera und Radar bei allen Wetterbedingungen festgestellt werden, ob sich jemand im Gefahrenbereich befindet. (Bild: Geopraevent AG)

S­olarpanels, Antennen und Messgeräten vollbepackter Mast. Viel Elektronik für ein Ziel: Lawinen bei jedem Wetter und ohne Sicht zuverlässig zu detektieren. Nach einer Sprengung registrieren als Erstes die Geofone in den oberen Lagen, ob eine Lawine ausgelöst wurde. Doch nur zu wissen, dass sich eine Lawine gelöst hat, ­ reicht nicht. Entscheidend ist deren Grösse oder Auslaufdistanz – und hier kommen die

Messgeräte am Mast ins Spiel. Wiederum werden Radargeräte eingesetzt, in diesem Fall sind es sogenannte Doppler-Radare (S. 45, oben). Sie funktionieren ähnlich wie Radarfallen im Strassenverkehr und können detektieren, wenn sich eine Lawine im Graben bewegt – und sie können messen, wie weit sie sich bewegt hat. Diese Messstation ist hilfreich, um im Tal entscheiden zu können, ob die Sprengung erfolgreich war und

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gpr.vn/pr

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Bilder und Videos zur Lawinen-

Bilder und Videos zur Personen-

detektion anschauen.

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ob die Strasse für den Verkehr wieder geöffnet werden kann.

Radarinterferometrie: Über die Veränderung der Phase kann der Deformationsbetrag von wenigen Millimetern bestimmt werden. (Bild: Geopraevent AG)

Achtung, Sprengung! Sprengmasten stehen aber nicht immer in unzugänglichem Gelände wie auf dem Piz Chapisun, sondern können sich auch in der Nähe von beliebten Skitourenrouten befinden. In solchen Fällen muss verhindert werden, dass sich Personen zum Zeitpunkt der Sprengung in der Nähe des Masts aufhalten. Auch hier sind die Sichtverhältnisse relevant: Webcams funktionieren nur bei Tageslicht und gutem Wetter, und auch mit Wärmebildkameras lässt sich bei starkem Regen oder Schneefall nichts erkennen. Die Radartechnologie kann auch auf Personen angewendet werden, zurzeit werden in der Nähe von Bever solche Systeme getestet. Sobald eine Person an einem Sprengmast vorbeigeht, werden deren Bewegungen mit dem Radar aufgezeichnet – jedoch nur, wenn eine Sprengung ansteht. Die Stromversorgung ist bei alpinen Anlagen häufig Elektronische Überwachungsanlagen werden in zwei Kategorien eingeteilt: Warnanlagen sind dazu da, Experten über veränderte Bedingungen zu informieren. Sie messen beispielsweise Niederschlags-

Doppler-Radar: Die empfangene Frequenz f ver-

mengen oder die Öffnung einer Felskluft

ändert sich in Abhängigkeit der Bewegungsrich-

– Vorboten eines möglichen Ereignisses.

tung und -geschwindigkeit des Ziels. Diese Techno-

Experten interpretieren die Messdaten

logie kann auch auf alle Massenbewegungen

und veranlassen Massnahmen.

(Lawinen, Steinschlag, Murgang) sowie Personen angewendet werden. (Bild: Geopraevent AG)

Alarmanlagen messen das Ereignis selbst und lösen automatisch einen Alarm aus.

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Beispielsweise wird eine Lawine oberhalb einer Strasse detek-tiert und die Strasse

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mittels Ampeln innerhalb von Sekunden

Bilder und Videos zur Radar-

gesperrt.

interferometrie anschauen. 44

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Doppler-Radare Doppler-Radare senden elektromagnetische Wellen aus und empfangen das Signal wieder, welches von Objekten zurückgeworfen wird. Wenn das Signal von einem Objekt in Ruhe reflektiert wird, ändert sich dessen Frequenz nicht. Bewegt sich das Objekt auf das Radar zu oder davon weg, dann hat das empfangene Signal eine höhere respektive tiefere Frequenz. Aus der empfangenen Frequenz lässt sich die Geschwindigkeit des bewegten Objekts ableiten. Der gleiche Effekt kann beobachtet werden, wenn ein Auto mit Sirene vorbeifährt und diese tiefer klingt, sobald sich das Auto vom Beobachter entfernt.

ein Knackpunkt, deshalb können Verantwortliche die Anlage bei Bedarf mit einem SMS einschalten. Dann haben sie auf dem Datenportal sofort Zugriff auf eine Karte, wo bewegte Personen oder Tiere in Echtzeit angezeigt werden und bei guten Sichtverhältnissen auch Livebilder abgerufen werden können. So kann kontrolliert werden, ob sich niemand im Gefahrenbereich befindet. Keine Wundermittel Elektronische Warn- und Alarmanlagen (S. 44, unten) sind aber kein Allheilmittel. Die Anlagen versorgen die zuständigen Behörden mit wichtigen Informationen und Werkzeugen zur Überwachung von Gefahrengebieten. In manchen Fällen können sie Entscheidungen übernehmen und unverzüglich Alarme auslösen, ohne dass menschliche Intervention nötig ist. Dadurch reagieren sie schnell und unvoreingenommen nach strikt vorgegebenen Kriterien. Sie brauchen jedoch auch Kontrolle und Wartung – nur so kann ein einwandfreier Betrieb gewährleistet werden. Wenn Daten per Handynetz übertragen werden, ist man von dessen Funktionalität abhängig. Den Sensoren sind physikalische Grenzen gesetzt, die es zu kennen und zu verstehen gilt. Im Büro

bei Geopraevent im Zürcher Technopark laufen alle Fäden zusammen: Täglich werden die Verbindungen zu den Anlagen getestet und Statusdaten wie Batteriespannung, Gerätetemperatur oder Radarkennwerte überprüft. Das sind wichtige Informationen zur Vorbeugung und Lösung von Problemen. Nur wenn alle Komponenten einer Anlage – elektronisch und menschlich – einwandfrei funktionieren, ist die elektronische Überwachung zielführend.

Mylène Jacquemart GEOPRAEVENT AG Technoparkstr. 1, CH-8005 Zürich http://www.geopraevent.ch mylene.jacquemart@geopraevent.ch

Lorenz Meier GEOPRAEVENT AG Technoparkstr. 1, CH-8005 Zürich http://www.geopraevent.ch mylene.jacquemart@geopraevent.ch

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33. Skipostenlauf für das Bündner Forstpersonal Datum und Ort: Samstag, 27. Februar 2016, Grüsch-Danusa Veranstaltung: Riesenslalom und Postenarbeit Zeit: – 8.15 bis 9.45 Uhr: Startnummern ausgabe, Talstation Grüsch – 9.30 bis 10.15 Uhr: Besichtigung RS – 10.30 Uhr: Start Riesenslalom – ca. 15 Uhr: Rangverkündigung Zugelassene Sportgeräte: Alle Arten von Snowsportgeräten – alles, was einem Ski ähnlich sieht. Wettkampfbedingungen: Teilnahmeberechtigt sind alle im Bündner Forstdienst oder bei Forstunternehmen tätigen Personen und deren Frauen, Männer, Freunde und Freundinnen sowie Kinder.

Startgeld: Damen und Herren Fr. 15.–, Lehrlinge Fr. 7.–, Kinder gratis. Bezahlung des Startgelds sowie spezielle Tageskarten bei der Startnummernausgabe, Nachanmeldung an der Tageskasse mit Fr.  5.– Zuschlag. Preis für spezielle Tageskarte: Erwachsene Fr.  36.–, Jugendliche (13 bis 17 Jahre) und Lehrlinge Fr.  26.– (Lehrlingstarif nur bei vorgängiger Anmeldung), Kinder (6 bis 12 Jahre) Fr. 18.–. Auf www.gruesch-danusa.ch wird am Vorabend ab 17 Uhr informiert, ob der Anlass durchgeführt wird oder nicht.

Kategorie: Damen, Herren, Lehrlinge, Kinder

Anmeldung: Mit Anmeldetalon bis 19. Februar 2016 an: Revierforstamt Grüsch Überlandquartstrasse 7 7214 Grüsch 079 286 65 06 beat.buerzle@gruesch.ch

Anmeldetalon «32. Skipostenlauf für das Bündner Forstpersonal» Name: Vorname: Ort: Jahrgang: Kategorie: Sportgerät: Ort/Datum: Unterschrift: mit Tageskarte

ohne Tageskarte

Bis 19.  Februar 2016 an:

Revierforstamt Grüsch, Überlandquartstrasse 7, 7214 Grüsch Mobile: 079 286 65 06, Mail: beat.buerzle@ gruesch.ch

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«Die Gerinnepflege hat sich gelohnt» Totes Holz erfüllt im Wald wichtige öko­ logische Funktionen und kann auch einen Beitrag zum Schutz gegenüber Lawinen und Steinschlag leisten. Bei Unwetter­ ereignissen zeigen sich aber oft auch die nachteiligen Auswirkungen von Totholz und ungepflegten Waldpartien, indem da­ durch Schwemmholzprobleme entstehen können. Das Unwetterereignis vom Juli 2015 in Scuol hat gezeigt, wie dank guter Präventionsarbeit der Schaden in Grenzen gehalten werden kann. Holz gelangt durch natürliches Absterben entweder direkt in ein Gerinne oder wird durch Rutschungen und andere Hangpro­ zesse dorthin transportiert. Bei Hochwasser­ ereignissen erfolgt der grösste Teil des Schwemmholzeintrags aus dem unmittelba­ ren Uferbereich. Holz im Bachbett oder im Uferbereich von Wildbächen trägt deshalb besonders stark zu Verklausungen bei Brü­ cken und Durchlässen sowie zu weiteren Problemen im Zusammenhang mit der Unwetterbewältigung bei. Das Entfernen ­ und allenfalls Zersägen von Holzstücken im Bachbett und im Uferbereich gelten deshalb als effektivste Massnahmen zur Entschär­ fung von Problemen durch Schwemmholz. Holz kann aber auch durch Rutschungen oder durch andere Prozesse wie Schneeglei­ ten und Lawinen aus den steilen Einhängen in den Uferbereich transportiert und von dort als Schwemmholz weitergeführt wer­ den. Insbesondere liegendes oder stehen­ des Totholz, Hänger sowie schwere, ab­ rutschgefährdete oder windwurfgefährdete Bäume in Bacheinhängen können deshalb bei Unwetterereignissen relativ leicht die Schwemmholzmenge vergrössern. Nach aussergewöhnlich starken Regenfällen am 23. Juli 2015 haben Rüfen und erheb­ licher Feststofftransport im Clozza-Bach (oberhalb Scuol) die Unterengadiner Ein­

satzkräfte vor grosse Herausforderungen gestellt (Abb. 1). Schon bald wurde aber auch deutlich, dass dank vorbeugenden Massnahmen entlang der betroffenen Wild­ bäche und Gerinneeinhänge noch grössere Schäden vermieden werden konnten. In den vergangenen Jahren wurden nämlich die ge­ fährdeten Bacheinhänge vom lokalen Forst­ dienst mit Unterstützung des AWN gepflegt und viel Holz entweder ganz aus den Gerin­ nen entfernt oder ­ zumindest verkleinert (Abb. 2). Noch im Jahr 2014 wurden mehre­ re Hundert Kubikmeter Holz aus dem Tobel der Clozza heraus­geholt. Tatsächlich war die Schwemm­ holzmenge gemessen am Aus­ mass des Natur­ge­fahrenereignisses re­lativ gering, was erheblich zu einer weit­gehend glimpflichen Schadensbewältigung ­beitrug.

Gewaltige Schwemmholzmassen, nach dem Hochwasser 2005, türmen sich im Dorfteil Doggiloch in Klosters. (Bild: Archiv Somedia) Bündner Wald 6/2015 47

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vollen Optimierungsaufgabe. Massnahmen zur Verringerung des Schwemmholzpo­ tenzials sind vor allem dort sinnvoll, wo er­ hebliches Gefahren- und Schadenpotenzial vorhanden ist, und verlangen vielfach nach einer engen Zusammenarbeit zwischen Wasserbau, Forst, Gemeinden und Wald­ eigentümer.

Bereiche in der Val Clozza, wo in den vorange­ gangenen Jahren «Tobelschläge» ausgeführt wurden. (Bild: Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden, Zuoz)

Dank Erfahrungen aus vergangenen Un­ wetterereignissen und verschiedenen For­ schungsarbeiten sind die Zusammenhänge zwischen Waldzustand, Gerinneunterhalt und Schwemmholz heute besser bekannt als bis noch vor wenigen Jahren. Trotzdem ist es schwierig, allgemein gültige Folgerun­ gen für die Bewirtschaftung von Bach­ einhängen zu ziehen. Gerade die grosse ökologische Bedeutung von Totholz und die kaum kostendeckend auszuführenden Holzschläge machen die Pflege der ufer­ nahen Bestockung oft zu einer anspruchs­

Weiterführende Literatur: Rickli, Ch. 2015. Schwemmholz in Wild­ bächen. «Zürcher Wald» 4 / 2015 Covi, S. 2008. Nachhaltiger Schutz entlang von Fliessgewässern. Schweiz. Z. Forstwes. 159/ 7 : 198 –204. Peter Bebi WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF Flüelastr. 11, CH-7260 Davos Dorf bebi@slf.ch, www.slf.ch

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Geschiebebewirtschaftung mit dem Klimawandel In der Schweiz sind die Jahresdurch­ schnitts­ temperaturen in den letzten 150 Jahren deutlich angestiegen. Je nach Kli­ maszenario ist bis 2060 mit einem weite­ ren Temperaturanstieg von bis zu 4 °C zu rechnen. Gleichzeitig wird eine tenden­ zielle Zunahme von Starkniederschlägen erwartet. Diese Veränderungen haben für die Schweiz unter anderem aufgrund der grossflächigen glazialen und periglazialen Gebiete spezi­ fische Konsequenzen. So resultiert beispielsweise aus Gletscher­ ­ rückzug, Auftauprozessen in Permafrost­ gebieten sowie vermehrten Unwetterer­ eignissen eine erhöhte Mobilisierung von Geschiebemassen, welche zu vielfältigen Auswirkungen in den Talböden führt. Im Rahmen des hier vorgestellten Pro­ jektes werden praxistaugliche Lösungs­ konzepte zur Geschiebebewirtschaftung im Rahmen eines sich ändernden Klimas präsentiert. In drei Fallstudiengebieten wurde in einem ersten Schritt das zu erwartende Ge­­schie­ beaufkommen unter Einfluss der Klima­ erwärmung quantifiziert. In einem zweiten Schritt wurden die relevanten Akteure identifiziert und in den Lösungs­ ­ findungs­ prozess mit­einbezogen. Darauf aufbauend wurden inte­grale Lösungskonzepte in den verschiedenen Kate­gorien «Organisation», «Vermeiden», «Verwerten» und «Entsor­ gen» erarbeitet. Verschiedene Bestandteile einer möglichen neuen Strategie zur Geschiebebewirtschaf­ tung liegen in den Bereichen prospektive Gefahrenanalyse, Raumplanung, Mass­ nahmen- und Interventionskonzepte sowie Kommunikation. Diese sollen Bund, Kan­ tonen und Gemeinden auf der Ebene der strategischen Planung sowie bei der ope­ rativen Umsetzung von entsprechenden Massnahmen unterstützen.

1. Einleitung In der Schweiz sind die Jahresdurchschnitts­ temperaturen in den letzten 150 Jahren um rund 1,8 °C angestiegen; je nach Emissions­ szenario ist bis 2060 mit einem weiteren An­ stieg um bis zu 4 °C zu rechnen*. Gleichzei­ tig wird eine tendenzielle Zunahme von Starkniederschlägen erwartet**. Die Schweiz ist aufgrund der ausgeprägten ­ Topografie sowie der grossflächigen gla­zialen und peri­ glazialen Gebiete besonders sensibel gegen­ über solchen Veränderungen. Gletscherrück­ zug, Auftauprozesse in Permafrostgebieten sowie vermehrte Unwetterereignisse können zu Felsstürzen und Aktivierung von Rut­ schungen bzw. generell zu einer erhöhten Mobilisierung von Geschiebemassen führen, woraus in den Talböden vielfältige Auswir­ kungen resultieren. Die vorliegende Studie hatte das Ziel, praxis­ taugliche Lösungskonzepte zur Geschiebe­ bewirtschaftung im Rahmen eines sich ­ändernden Klimas bis ins Jahr 2060 aufzuzei­ gen, die gesamtschweizerisch und lithologie­ übergreifend anwendbar sind. Die Lösungs­ konzepte wurden in drei Fallstudiengebieten erarbeitet. Die vorliegende Studie ist Bestandteil des Pilotprogrammes «Anpassung an den ­Klimawandel» unter der Leitung des Bun­ desamtes für Umwelt (BAFU). Es soll die Kantone, Regionen und Gemeinden beim Umgang mit den neuen Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel unterstützen.

2. Methodik 2.1 Ablauf der Arbeiten In einem ersten Schritt wurde basierend auf bestehenden Unterlagen (Gefahrenkarten, Ereigniskataster, Verbauungsprojekte, re­ gionale Klimastudien, usw.) eine prospek­ tive Geschiebeabschätzung für die drei Fall­ Bündner Wald 6/2015 49

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studiengebiete unter Berücksichtigung des Klimawandels durchgeführt. Die Resultate dienten als Grundlage für die Planung von Lösungskonzepten zur Geschiebebewirtschaftung der Zukunft. In einem zweiten Schritt wurde für die Fallstudiengebiete eine Kontext- und Akteursanalyse durchgeführt. Ziel war die Identi­fizierung der relevanten Akteure und deren Miteinbezug ins Projekt. In einem dritten Schritt wurden die Lösungskonzepte erarbeitet und in Massnahmenblättern dokumentiert. In einem vierten Schritt wurden Elemente einer möglichen neuen Strategie zur Geschiebebewirtschaftung konkretisiert. Nachfolgend werden die methodischen Grundlagen der ersten drei Schritte näher erläutert. 2.2 Prospektive Geschiebeabschätzung Im Rahmen der prospektiven Geschiebe­ abschätzung wird auf Stufe Gefahrenhinweiskarte dargelegt, wie sich der Geschiebehaushalt in den Fallstudiengebieten bis 2060 entwickeln kann. Die Geschiebeverfügbarkeit steht am Ende einer komplexen Prozesskette. So wird beispielsweise berücksichtigt, dass in den ­ ­Gletscherrückzugsgebieten oder in Gebieten mit auftauendem Permafrost neue Schuttdepots für Erosionsprozesse zugänglich werden und Murgang- und Geschiebeprozesse zusätzlich speisen. Auch wird betrachtet, ob grosse Massenbewegungen (Fels-/Bergsturz, spontane Rutschungen) in den Gletscherrückzugsgebieten infolge Hangentlastung oder Reaktivierungen von Rutschungen möglich sind und neue, heute noch nicht bekannte, geschieberelevante Prozessketten auslösen können. Das Vorgehen ist in Abbildung 1 skizziert und stützt sich auf die Methodik der GHKperiGlazial-Studie ab***, welche anhand von Klimaszenarien die Entwicklung

von Einzugsgebieten im Berner Oberland bis ins Jahr 2060 abschätzt. Durch eine systematische Analyse der Einzugsgebiete ­ wurde das Zusammenspiel der Veränderung der Gletscherausdehnung und des Permafrosts mit den Sturz- und Rutschprozessen, der Murgangauslösung, den Gletscher­ gefahren (Stürze und Seen) sowie mög­ lichen Folgeprozessen (z. B. Flutwelle) untersucht und modelliert. Die resultierenden Gefahrenhinweiskarten zeigen auf, welche Räume zukünftig durch die verschiedenen Gefahrenprozesse tangiert werden können. Für die vorliegende Studie wurden in einem ersten Schritt die Klimaszenarien für die ­regionalen Untersuchungsgebiete aufbereitet sowie die zu erwartenden Gletscherund Permafrostflächen sowie die Topo­grafie in den eisfrei werdenden Gebieten hergeleitet. Auf dieser Basis wurde das Geschiebepotenzial im Jahr 2060 abgeschätzt, wobei die Geschiebelieferungen aus primären Gefahrenprozessen (grosse Rutsch- und Sturzprozesse, Murgänge, Geschiebetransport) berücksichtigt werden. Sekundäre Folgeprozesse (z. B. Flutwellen infolge eines Eissturzes in stehende Gewässer) wurden in der vorliegenden Studie nicht untersucht. Schliesslich wurden für die Gefahrenpro­ zesse Murgang und Geschiebetrieb der ­maximal zu erwartende Geschiebetransport in den Talböden berechnet. 2.3 Kontext- und Akteursanalyse Im Rahmen der Studie wurden je Fallstu­ diengebiet eine Kontext- und Akteurs­ analyse durchgeführt. Eine Kontextanalyse dient dazu, die kritischen Rahmenbedingungen, in welchen die Akteure agieren, zu beschreiben und die Akteure zu identifi­ zieren. Das Ziel der Akteursanalyse ist es, alle potenziellen Akteure frühzeitig in einer angemessenen Form in das Projekt einzu­

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Abb. 1: Verschiedene primäre und sekundäre Naturgefahrenprozesse, welche durch den Klimawandel im alpinen Raum verstärkt werden können. Die Figur zeigt die generelle Verknüpfung der einzelnen Prozesse (GLOF = Glacier Lake Outburst Flood/Gletscherseeausbruch) ***. (Bild: GEOTEST AG)

beziehen. Dadurch sollen potenzielle Kon­ flikte verhindert werden. Zur Durchführung der Kontextanalyse wur­ den anhand der vorhandenen schriftlichen Grundlagen die ersten Informationen zum historischen, rechtlichen und politischen/­ sozialen Kontext zusammengetragen. Der historische Kontext beleuchtet insbeson­dere jene Ereignisse in den Fallstudiengebieten, welche die Akteure dazu bewegten, Lö­ sungsmassnahmen zur Geschiebebewirt­ schaftung zu erarbeiten. Der rechtliche Kon­ text beschreibt die spezifischen gesetz­lichen Grundlagen, welche im jeweiligen Fallstu­ diengebiet bei der Lösungsfindung berück­

sichtigt werden müssen. Der poli­ ti­ sche/­ soziale Kontext zeigt die Verantwortlichkeiten bezüglich der Geschiebebewirtschaftung sowie die Kommunikation und den bis­ herigen Miteinbezug der Akteure auf. Gleichzeitig konnten durch diese Arbeit die ersten Akteure, die Mitglieder der Begleit­ gruppe, identifiziert werden. Die Begleit­ gruppe, bestehend aus verwaltungs­internen Akteuren der drei Fallstudiengebiete, unter­ stützte die gesamte Projektarbeit und dien­ te der Projektleitung als Ansprechpartner. Im Rahmen der Akteursanalyse wurden schliesslich alle relevanten Akteure identi­ fiziert und deren Einbezug ins Projekt in Ab­ Bündner Wald 6/2015 51

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sprache mit der Begleitgruppe definiert. Je nach Akteursgruppe erfolgte der Einbezug anlässlich eines Interviews, eines Workshops oder mittels Zeitungsartikel. 2.4 Lösungskonzepte Aufbau und Inhalt der Lösungskonzepte für die Geschiebebewirtschaftung unter Berücksichtigung des Klimawandels wurden in drei Stufen entwickelt. Zunächst wurde eine erste Auswahl an ­Lösungsansätzen im Projektteam erarbeitet und beurteilt, wobei auf das Wissen der Experten/-innen ­ aus unterschiedlichen Fachbereichen (Deponieplanung, Wasserbau, Geotechnik, etc.) der beauftragten Unternehmen zurückgegriffen werden konnte. Zudem wurde eine Literaturrecherche durchgeführt, wobei der Fokus insbeson­ dere auf aktuelle Forschungs- sowie Praxis­ projekte gelegt wurde. Zu ausgewählten Lösungskonzepten fand zudem ein Wissenstransfer durch ExpertInnen-Gespräche mit Forschungsinstituten und weiteren Planungsbüros statt. In einem zweiten Schritt wurden die Lösungskonzepte anlässlich eines Workshops mit der Begleitgruppe sowie ausgewählten Akteuren aus den Fallstudiengebieten weiterentwickelt und beurteilt. In einem letzten Schritt wurden mit betroffenen Akteuren resp. Experten/innen pro Fallstudienregion relevante Fragen zu ausgewählten Lösungskonzepten vertieft diskutiert und in die Beurteilung aufgenommen (ExpertInnen-Gespräche). 3. Fallstudiengebiete Die Arbeiten konzentrierten sich auf die drei Fallstudiengebiete Schwarze Lütschine/Oberer Grindelwaldgletscher im Kanton Bern, die Val Parghera im Kanton Graubünden ­sowie den Alpbach im Kanton Uri.

3.1 Schwarze Lütschine/ Oberer Grindelwaldgletscher Im Jahr 2011 erfolgte im Einzugsgebiet der Schwarzen Lütschine ein Systemwechsel in der Geschiebelieferung, d. h. vom Geschiebetrieb durch Hochwasser (ausgelöst durch Niederschlag und/oder Schneeschmelze) zur brüche Flutwellenaktivität durch Wasseraus­ im Oberen Grindelwaldgletscher. Innerhalb eines Jahres wurden dadurch über 100 000 m3 Geschiebe in den Talboden verfrachtet (siehe Abbildung 2), was rund der dreifachen Menge eines 300-jährlichen Hochwasserereignisses gemäss Gefahrenkarte entspricht. Die aktuelle Geschiebebewirtschaftungsstrategie verfolgt einen Interventionsansatz mit einem Alarm- und Frühwarnsystem für den Oberen Grindelwaldgletscher sowie der Möglichkeit einer temporärer Kiesentnahme und einer Deponie. Die Entsorgung des ­Geschiebes und nach Möglichkeiten dessen Verwertung stehen im Zentrum. Zudem wurden verschiedene Massnahmen um­gesetzt, um den Hochwasserschutz zu verbessern. 3.2 Val Parghera, Domat/Ems Im Einzugsgebiet der Val Parghera besteht eine aktive Rutschung, an deren übersteilter Front bei starken Niederschlagsereignissen und Schneeschmelze Geschiebepakete mobilisiert werden und abgleiten. Das Geschiebe wird in Form von feinkörnigen Murgängen ins Tal transportiert. Dank rechtzeitiger Warnung und Intervention konnten die Schäden bisher begrenzt werden. In der Folge wurden Schutzbauten (Geschieberückhalt, Schutzdämme) sowie eine Deponie zur Entsorgung des Geschiebes geplant (siehe Abbildung 3). 3.3 Alpbach, Erstfeld Bereits heute besteht im Einzugsgebiet des Alpbaches ein erhebliches Geschiebepoten-

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zial, welches unter anderem von verschiede­ nen murfähigen Runsen herrührt. Aufgrund der vorhandenen Flachstellen im Gerinne wird ein Grossteil des Geschiebes im oberen Einzugsgebiet (Alpwirtschaften) abgelagert, was aufgrund der Abgelegenheit eine Herausforderung für die Geschiebebewirt­ ­ schaftung darstellt (siehe Abbildung 4). Auf dem Kegel im Talboden besteht aufgrund der limitierten Geschiebetransportkapazität bereits heute ein Schutzdefizit. Zur Vermeidung von Schäden im Siedlungs­ gebiet stehen zurzeit Geschiebesammler zur Diskussion, wobei je nach Projektvariante ein Konfliktpotenzial mit allfälligen Kraft­ werkprojekten besteht. 4. Resultate 4.1 Erkenntnisse zu Geschiebefrachten Die prospektiven Geschiebeabschätzungen zeigten auf, dass sich das potenziell mobili­ sierbare Geschiebe in allen drei untersuch­ ten Gebieten in Zukunft mit grosser Wahr­ scheinlichkeit erhöhen und sich somit die Geschiebeproblematik tendenziell verschär­ fen wird. In Grindelwald ist davon auszugehen, dass sich die Gletscher im Einzugsgebiet der Schwarzen Lütschine stark zurückziehen und grosse Schuttdepots freigelegt werden. Die durch den Gletscherrückzug auftretenden Hangentlastungen sowie das Auftauen des Permafrostes können zu vermehrter Felssturzaktivität führen. Das Geschiebe­ ­ potenzial wird also in Zukunft markant zunehmen und kann durch Hochwasser­ ­ ­ ereignisse und ins­besondere durch die wei­ terhin zu erwartenden Flutwellen ins Tal transportiert werden. Die Geschiebemobili­ sierung kann bis zu rund 1 Mio. m3 betragen. Im Einzugsgebiet der Val Parghera ist davon auszugehen, dass ein Grossteil der aktiven Rutschung von rund 400 000 m3 in den

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Abb. 2: Geschiebeentnahmen an der Schwarzen Lütschine im Bereich Mättenbergbrücke in Grindelwald nach den Flutwellen im Jahr 2011. (Foto: Nils Hählen)

nächsten Jahren als Murgang in den Tal­ boden verfrachtet wird. Die Analysen ­zeigen, dass die Disposition für die Aktivie­ rung zusätzlicher Rutschkörper von rund 650 000 m3 im Einzugsgebiet der Val Par­ ghera besteht. Das Geschiebepotenzial im Einzugsgebiet des Alpbaches kann sich bis ins Jahr 2060 infolge Gletscherrückzug sowie durch die zunehmenden Starkniederschläge verbun­ den mit einer Zunahme von Murgang­ ereignissen auf rund 160 000 m3 verdop­ peln. Das zusätzliche Geschiebe lagert sich Abb. 3: Deponie Plarenga bei Domat/Ems GR zur Entsorgung des Geschiebes aus der Val Parghera. (Bild: Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden)

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Abb. 4: Geschiebeablagerungen durch den Alpbach im Gebiet Bodenberg nach dem Unwetter im Jahr 2010. (Foto: Baudirektion Kanton Uri)

einerseits auf den Flachstrecken oberhalb des Siedlungsgebietes bzw. in landwirt­ schaftlich genutzten Gebieten ab, führt ­andererseits aber auch im Siedlungsgebiet zu einer Akzentuierung der Geschiebepro­ blematik. Die bisherigen, im Wesentlichen retrospek­ tiven Methoden zur Festlegung der Ge­ schiebefrachten in Fliessgewässern reichen deshalb aus Sicht der Autoren/-innen nicht mehr aus, um die Gefahren- und Wirkungs­ bereiche der Geschiebeverlagerungspro­ zesse auch unter dem Aspekt eines sich ver­ ändernden Klimas abschätzen zu können. 4.2 Erkenntnisse zu Kontext und Akteuren Die Kontextanalyse in den drei verschiede­ nen Fallstudiengebieten macht deutlich, wie stark die lokalen naturräumlichen, aber auch die historischen, rechtlichen und politischen/ sozialen Rahmenbedingungen die Möglich­ keiten zur Planung und Implementierung von konkreten Lösungsansätzen zur Ge­ schiebebewirtschaftung beeinflussen. Den­ noch können bei den betrachteten Fallstu­ diengebieten gewisse Parallelen identifiziert werden: Es zeigt sich, dass insbesondere im Zusammenhang mit geplanten Deponien ein Konfliktpotenzial mit Landbesitzern und

-bewirtschaftern besteht, wobei dieses im Zusammenhang mit nicht lokal verankerten Akteuren grösser scheint als mit Ortsansäs­ sigen. Ein möglicher Grund dafür könnte ein grösseres Problemverständnis der lokalen Akteure sein, beispielsweise durch das Er­ fahren früherer Unwetterereignisse oder durch die aktive Sensibilisierung hinsichtlich der Geschiebeproblematik durch die Ge­ meinde. Weiter ergibt die Kontextanalyse, dass die bestehenden Massnahmen jeweils reaktiv, im Anschluss an ein Unwetterereignis, um­ gesetzt wurden. Zudem wird für die Dimensionierung der Schutzmassnahmen ­ stets die aktuelle Geschiebesituation beige­ zogen, ohne Berücksichtigung möglicher zu­ künftiger Entwicklungen unter dem Aspekt des Klimawandels. Für eine langfristig nach­ haltige Lösung empfiehlt sich jedoch ein prospektiver Ansatz mit flexiblen Massnah­ menkombinationen, um den Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Klimawandel so gut wie möglich begegnen zu können. Die Kontextanalyse dient zudem der Identi­ fizierung von involvierten Akteuren: Durch die Analyse bisheriger Naturereignisse, die Identifizierung der vorherrschenden regio­ nalwirtschaftlichen Sektoren (z.  B.  Touris­ mus, Industrie, Landwirtschaft), das Aufzei­ gen rechtlicher Rahmenbedingungen sowie durch das Skizzieren der kantonalen und kommunalen Organisation ergibt sich ein Gesamtbild der involvierten Akteure. Die Zusammensetzung dieser Akteure zeigt sich in allen drei Fallstudiengebieten ähnlich und beinhaltete Akteure von Bund und kantona­ len Ämtern, aus der Projektleitung und den betroffenen Gemeinden sowie Eigentümer/ innen von betroffenem Land, Gebäuden oder Infrastruktur. Weiter zeigt sich, dass es zwei unterschiedliche Kategorien von Ak­ teuren gibt: die von den Ereignissen direkt

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oder indirekt negativ Betroffenen und die für das Monitoring, die Massnahmenpla­ nung und die Intervention Verantwort­lichen. Die Analyse ergibt, dass die Landwirtschaft über alle drei Fallstudiengebiete besonders häufig von Ereignissen betroffen ist und zwar direkt, beispielsweise durch Über­ sarung von Landwirtschaftsland, wie auch indirekt durch die Umsetzung von Mass­ nahmen, beispielsweise Geschiebedepo­ nien. Eine weitere Gemeinsamkeit zeigt sich in der zentralen Rolle der Gemeindeprä­ sidenten/-innen in der Kommunikation. Die transparente und fachlich kompetente ­Information sowie der persönliche Kontakt mit den betroffenen Akteuren erweisen sich als wichtige Voraussetzung zum Schaffen von Vertrauen zwischen den Akteuren. Die Bedeutung von Schlüsselakteuren zeigt sich insbesondere im Fallstudiengebiet Val Parghera. Durch die aktiven Bemühungen eines betroffenen Landwirtes konnte das gegenseitige Vertrauen zwischen den ­Landwirten und der für die Massnahmen­ umsetzung verantwortlichen Behörde ge­ stärkt werden. Ebenso wichtig ist, dass der Bodenschutzbeauftragte das Vertrauen der Landbesitzer und Bewirtschafter besitzt. Die frühzeitige Identifikation und der aktive Einbezug solcher Schlüsselakteure zur Prä­ vention von Konflikten sind grundsätzlich hilfreich. 4.3 Erkenntnisse zu Lösungsansätzen Im Rahmen der vorliegenden Studie wurden 14 Lösungsansätze erarbeitet und in Mass­ nahmenblättern dokumentiert (siehe Abbil­ dung 5). Darin enthalten sind unter an­derem die Wirkung und die Anwendungsbereiche des jeweiligen Lösungsansatzes, dessen Vorund Nachteile sowie die Flexibilität hinsicht­ lich den Auswirkungen des Klimawandels. Die Ansätze sind grundsätzlich in die Ka­

tegorien «Vermeiden», «Verwerten», «Ent­ sorgen» und «Organisation» eingeteilt. Die in den Massnahmenblättern beschriebenen Lösungsansätze dienen den Behörden als Hilfestellung zur Erarbeitung einer Strategie zur Geschiebebewirtschaftung unter Be­ rücksichtigung der erwarteten Klimaände­ rung. Zudem können die Massnahmen­ blätter von den Behörden als auch von spezialisierten Planungsbüros als Hilfsmittel für die Projektkommunikation mit Gemein­ devertretern und der Bevölkerung verwen­ det werden. Folgende Erkenntnisse bestehen in Bezug auf die Lösungsansätze: – Die Lösungsansätze (Vor- und Nachteile) können je nach Einzugsgebiet bzw. Kon­ text und Akteuren unterschiedlich be­ urteilt werden. Dasselbe gilt auch für die Akzeptanz in der Bevölkerung. – Ein Grossteil der Lösungsansätze zur ­Geschiebebewirtschaftung weist präven­ tiven Charakter auf. Kenntnisse über ­Einzugsgebiete, welche hinsichtlich Ge­ schiebelieferung sensitiv auf den Klima­ wandel reagieren, sind daher entschei­ dend, um die vorhandenen Ressourcen effizient für organisatorische, raumpla­ nerische oder bauliche Massnahmen ein­ zusetzen. – Um den bestehenden Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Klimawandel zu begegnen, empfiehlt es sich, flexible wie auch robuste Lösungsansätze zu wählen, die man mit geringen Zusatz­ investitionen an ein sich veränderndes Klima anpassen kann. – Die Lösungsansätze sind oft nur in Kom­ bination und nicht als Einzellösung ein­ setzbar. So ist beispielsweise bei einem Geschiebesammler eine Massnahmen­ kombination zwingend (z.  B.  Deponie­ rung, Verwertung oder Gewässerzugabe Bündner Wald 6/2015 55

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des Geschiebes). Grundsätzlich sind aber bei Grossereignissen bzw. bei Einzugs­ gebieten, in welchen die Geschiebelie­ ferung infolge Klimawandel erheblich zunimmt, Massnahmenkombinationen notwendig, da mit Einzelmassnahmen die grossen Geschiebemengen häufig nicht bewältigt werden können. Die beschriebenen Lösungsansätze werden bewusst allgemein gehalten, BÜNDNERWALD 70X100 um deren Übertragbarkeit auf andere DEZEMBER 2015 Gebiete zu er­ möglichen. Dies vor dem Hintergrund, dass das Pilotprogramm «Anpassung an den Klimawandel» das Übertragen der Erfah­ ­ rungen in andere Gebiete der Schweiz zum Ziel hat. ANZEIGE

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5. Auf dem Weg zu einer Strategie Geschiebebewirtschaftung Für eine Strategie zur Geschiebebewirt­ schaftung unter Berücksichtigung der er­ warteten Klimaänderung sind nachfolgende Massnahmen und Handlungsfelder zentral. Sie können Bund, Kantonen und Gemein­ den auf der Ebene der strategischen Pla­ nung, aber auch bei der operativen Um­ setzung von entsprechenden Massnahmen hilfreich sein.

– Prospektive Gefahrenanalyse: Eine Ab­ schätzung der Naturgefahrenprozess­ räume sowie deren Prozessintensitäten (u. a. die Geschiebefrachten) unter Be­ rücksichtigung des Klimawandels stellt für die Behörden eine ergänzende Pla­ nungsgrundlage zu den bereits beste­ henden Gefahrenkarten dar. Sie kann bei der Planung von grossen Investitionen, der Projektierung und Priorisierung von Schutzmassnahmen wie auch beim Mo­ nitoring bzw. der Früherkennung von kritischen Gefahrenquellen dienen. – Raumplanungskonzept: Die prospektive Gefahren- bzw. Geschiebebeurteilung soll raumplanerisch berücksichtigt werden, beispielsweise in kantonalen oder regio­ nalen Richt- und Nutzungsplanungen. So sollen beispielsweise die Deponiereserven unter Berücksichtigung der zukünftig zu erwartenden Geschiebemengen langfris­ tig sichergestellt w ­ erden, die Gefahrenflä­ chen im Sinne eines Hinweisprozesses in die Planung von grossen Bau- und Infra­ strukturprojekten einfliessen sowie der Raumbedarf der Fliessgewässer zur ablagerung bzw. schadlosen Geschiebe­ -umlagerung gewährleistet werden. – Massnahmen- und Interventionskonzept: Für Einzugsgebiete, in welchen die klimabedingten Risiken gemäss prospek­

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tiver Gefahrenanalyse mit hoher Wahr­ scheinlichkeit zunehmen, sollen vorsorg­ lich Massnahmenkonzepte erarbeitet werden, um im Ereignisfall vorbereitet zu sein. Dazu gehören die Überwachung von Gefahrenquellen, die vorkehrende Erarbeitung von Massnahmenkombina­ tionen inklusive Interventionsplan, die Klärung der rechtlichen Rahmenbedin­ gungen sowie die Identifikation und Ein­ bezug der Schlüsselakteure. – Kommunikation: Ein Kommunikations­ konzept soll die Bevölkerung und insbe­ sondere die betroffenen Akteure über die Thematik der Geschiebebewirtschaftung unter Berücksichtigung der erwarteten Klimaänderung informieren und sensibili­ sieren. Darin können u. a. die Zielgruppe, Ansprechpersonen, Kommuni­kationsform und -inhalt sowie die Periodizität festge­ legt werden. 6. Ausblick 6.1 Entwicklung und Etablierung eines prospektiven Gefahrenmanagements Ein Teilziel der Studie war die Geschiebe­ abschätzung unter Berücksichtigung des Kli­ mawandels in den drei Fallstudienge­bieten. Dabei hat sich gezeigt, dass sich das Ge­ schiebepotenzial in allen Gebieten erheblich vergrössert und zu entsprechenden Auswir­ kungen in Siedlungs- und Bewirtschaftungs­ gebieten führt. Es scheint daher nahelie­ gend, dass künftig die Ausscheidung von Naturgefahrenbereichen, aber auch die Di­ mensionierung von Schutzbauwerken den veränderten Rahmenbedingungen infolge Klimawandel Rechnung tragen sollte. Um die möglichen Auswirkungen durch den Kli­ mawandel ­mitberücksichtigen zu können, ist die ­ Entwicklung und Etablierung eines prospektiven Gefahrenmanagements (Ge­ ­ fahrenabklärungen, Systemanalysen, Über­

Abb. 5: Übersicht der Massnahmenblätter zu den Kategorien «Vermeiden», «Verwerten», «Ent­ sorgen» und «Organi­sation». (Bild: GEOTEST AG)

wachungen, Massnahmenkonzepte, etc.) notwendig. Die p ­ rospektive Gefahrenabklä­ rung soll dabei als Ergänzung zu den beste­ henden Gefahrenkarten und Gefahrenhin­ weiskarten dienen. Mit einer Abschätzung der künftig zu erwartenden Geschiebefrach­ ten können auch die notwendigen Gebiete für die Geschiebe­bewirtschaftung (Deponi­ en, Geschiebezugabestellen, Kieswerke, etc.) in regionalen oder kantonalen Planun­ gen festgelegt werden. 6.2 Verfolgen von unkonventionellen Lösungsansätzen Neben den in der Studie präsentierten Ge­ schiebebewirtschaftungsansätzen wird den zuständigen Stellen von Bund und Kanton empfohlen, auch unkonventionelle Lösungs­ ansätze zu verfolgen und gegebenenfalls die Rahmenbedingung für die Anwendung der­ selben zu schaffen. Zu solchen Lösungsan­ sätzen können beispielsweise eine Geschie­ be-Verwertungspflicht in Kombination mit einem finanziellen Unterstützungssystem, die fortlaufende Schüttung von Geschiebe in stehende Gewässer oder Terrainanpassun­ gen in der Grössenordnung von mehreren Zehntausend Kubikmetern gehören. Danke für die Mitarbeit Wir danken der Begleitgruppe, bestehend aus Behördenvertretungen aus den Kanto­ Bündner Wald 6/2015 57

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nen Bern, Graubünden und Uri, sowie Mit­ gliedern von Verbänden für die tatkräftige Mitarbeit: Hansruedi Aebli, Paul Baumann, Lucius Dürr, Georges Eich, Lukas Eggimann, Oliver Hitz, Andreas Huwiler, Laura Rindlis­ bacher, Reto Sauter, Stefan Schweizer, ­Oliver Steiner, Christian Wüthrich, Martin Wüthrich. Das Projekt wurde zudem im Rahmen des Pilotprogrammes zur Anpas­ sung an den Klimawandel durch das Bun­ desamt für Umwelt BAFU gefördert. Literatur * Perroud M. und Bader S. (2013): Klima­ änderung in der Schweiz. Indikatoren zu Ursachen, Auswirkungen, Massnahmen. Umwelt-Zustand Nr. 1308. Bundesamt für Umwelt, Bern, und Bundesamt für Meteo­ rologie und Klimatologie, Zürich, 86 S. ** Ban, N., J. Schmidli und C. Schär (2014): Evaluation of the convection-resolving re­ gional climate modelling approach in de­ cade-long simulations, Journal of Geophysi­ cal Research Atmospheres, Vol. 119. *** ARGE GEOTEST/geo7 (2015): GHKpe­ riGlazial, Berner Oberland – Phase II, Zolli­ kofen/Bern.

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Adrian Schertenleib Bundesamt für Umwelt, Abteilung Gefahrenprävention CH-3003 Bern adrian.schertenleib@bafu.admin.ch

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Marcello Negrini: da SIF a VIP La carriera di Marcello Negrini è iniziata alla tenera età di 6 anni, quando con suo babbo Attilio, boscaiolo, ha assistito nel 1956 alla prima dimostrazione di una motosega in valle. L’interesse per il legno lo ha portato a svolgere prima l’apprendi­ stato quale falegname, poi l’apprendistato di selvicoltore ed infine la scuola per fore­ stali a Maienfeld. Mercoledì, 1° maggio 1974: il giovane Mar­ cello iniziò la sua attività lavorativa presso il Comune di Stampa quale sottoispettore fo­ restale (SIF). A quei tempi, l’azienda fore­ stale del comune non aveva altri impiegati assunti in pianta stabile, ma ricorreva ad operai giornalieri che offrivano i propri ser­ vizi a seconda della loro disponibilità e com­ petenza. La compera di una motosega, ne­ cessaria al forestale per svolgere piccoli lavori, diventò una questione politica, e fu approvata solo dopo lunghe discussioni. In un verbale del Consiglio comunale di Stam­ pa del 15 luglio 1974, si legge che la scelta della motosega fu affidata al forestale, ma che la decisione definitiva era di competen­ za dell’assemblea comunale in quanto l’acquisto oltrepassava i CHF 1000.–! Marcello Negrini ha lavorato alle dipenden­ ze del Comune di Stampa e dal 1° gennaio 2010 per il Comune di Bregaglia, per un ­totale di ben 41 anni e 5 mesi. Ha sempre svolto i suoi compiti con grande dedizione, impegno e passione. Degno di nota è il fatto che in tutti questi lunghi anni non è mai mancato un solo giorno dal lavoro per ma­ lattia o infortunio! Appassionato della mon­ tagna, eccezionale conoscitore ed esperto del territorio, Marcello è una persona alla quale ci si rivolge volentieri, sicuri di riceve­ re una risposta a qualsiasi domanda. Mercoledì, 30 settembre 2015, ultimo gior­ no di lavoro: i colleghi di lavoro, il municipio del Comune di Bregaglia e l’ingegnere fo­

restale regionale salutano calorosamente Marcello Negrini con regali, discorsi di rin­ graziamento ed un’ottima merenda. Con il suo tipico umorismo, Marcello ci rac­ conta che ora farà parte dei VIP (vecchi in pensione)... Caro Marcello: adesso inizia un nuovo pe­ riodo, avrai tanto tempo libero da dedicare alla tua famiglia ed ai tuoi innumerevoli in­ teressi. La pensione non è un traguardo, ma la linea magica di un orizzonte dove poter rallentare per raccogliere i sogni di una vita. Per il Comune di Bregaglia, Anna Giacometti e Angela Maurizio

Marcello Negrini va in pensione il 30 settembre 2015. (Foto: Comune di Bregaglia) Bündner Wald 6/2015 59

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Thomas, herzlichen Dank und alles Gute im Ruhestand! Per Ende Jahr 2015 geht der langjährige Flimser Revierförster Thomas Färber in seinen wohlverdienten Ruhestand. Nach 34 Jahren gibt er die Verantwortung für das Forstamt Flims in jüngere Hände. In der Tourismusgemeinde Flims hatte er es mit der ganzen forstlichen Palette zu tun: Naturgefahren, Schutzbauten, Schutzwald, Erholungswald, Waldökologie und Waldaufsicht. Er leitete das Forstamt mit viel Einsatz und Geschick. Leider blieb er von Waldschäden nicht verschont. Dank seines Organisationstalents konnten die Zwangsnutzen jeweils umgehend aufgerüstet und Folgeschäden weitestgehend vermieden werden. Waldbaulich führte Thomas eine feine Klinge. Er unterstütze die kleinräumiANZEIGE

gen Strukturen im Wald, liess Spechtbäume stehen und ist für viele sehr schöne Waldbilder im Flimser Wald mitverantwortlich. An unzähligen Exkursionen, Waldtagen und Schullager zog er mit seinem reichhaltigen Wissen über die Natur und seinen Geschichten Schüler, Eltern, Lehrerschaft, Gäste, Touristen und Berufskollegen immer wieder in seinen Bann. Wir alle danken Thomas ganz herzlich für seinen grossen Einsatz für den Flimser Wald, sein Engagement für die Öffentlichkeit und die tolle Zusammenarbeit während vieler Jahre. Wir wünschen Thomi und seiner Ehefrau Anni von Herzen alles Gute, vor a­ llem aber gute Gesundheit und viel Freude im dritten Lebensabschnitt. Matthias Kalberer, Regionalforstingenieur

Handholzerkurs in Trin GR 03.-09. und 10.-16. April 2016 www.bergwaldprojekt.org

Thomi Färber als vorbildlichen Praktiker für die Anliegen der Biodiversität. (Bild: Jürg Hassler)

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16 Förster und 1 Försterin wurden gefeiert

Die Abschlussklasse 2015 des Bildungszentrums Wald in Maienfeld. (Bild: ibw)

Am 25. September 2015 durften 17 Kandida­ ten im Bildungszentrum Wald in Maienfeld ihr Diplom als Förster/in HF entgegen­ nehmen. Stiftungsratspräsident Regierungs­ rat Mario Cavigelli gratulierte den Absol­ venten für den geleisteten Einsatz und wünschte ihnen alles Gute für die Zukunft. Nach einer praxisorientierten, zweijährigen Ausbildung und nach bestandener Diplom­ prüfung war es so weit: 17 Försterdiplome konnten überreicht werden. Es handelt sich um die dritte Klasse, welche die Ausbildung unter dem Dach der ibW höhere Fachschule Südostschweiz absolviert hat. Die überwie­ gende Mehrheit der Frischdiplomierten hat bereits eine Anstellung gefunden. Dieses Jahr konnte auch eine Frau als diplomierte Försterin HF ausgezeichnet werden. Am 11. Januar 2016 werden voraussichtlich 25 neue Kandidaten zum Lehrgang 2016 / 2017 antreten. Maienfeld, 25. September 2015 Beat Philipp, Fachvorsteher Wald, beat.philipp@ibw.ch, 079 385 60 27

Die frischdiplomierten Förster und Försterinnen: Name

Vorname

Heimatort

Arnold

Urs

Bürglen UR

Baur

Manuel

Sarmenstorf AG

Carozzi

Sandro

Brusio GR

Forrer

Tobias

Grabs SG

Fuchs

Urs

Appenzell AI

Gisler

Roman

Spiringen UR

Graber

Robert

Sigriswil BE

Gujan

Christian

Fideris GR

Haab

Stefan

Hirzel ZH

Lindner

Simon

Winterthur ZH

Martino

Lorenzo

Savognin GR

Nigg

Severin

Gersau SZ

Riatsch

Corsin

Ramosch GR

Ryffel

Riccardo

Trimmis GR

Solèr

Manuel

Lumbrein GR

Stolz

Corina

Bütschwil SG

Weibel

Jules

Kriens LU Bündner Wald 6/2015 61

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Vorschau «Bündner Wald» Februar 2016 Waldprodukte im Labeldschungel Nur schon diese Seite, auf welcher diese Zeilen stehen, ist mit drei Labels ausgestattet. Was für andere Branchen in der Urproduk­ tion längst zum standardisierten Alltag gehört, ist für die einzelnen holzverarbeitenden Betriebe oft noch eher ein Muss als ein Mittel zur gezielten Produktevermarktung. Labels sind nicht mehr wegzudenken und auch für Waldprodukte ein Stempel für gesellschaftliche Bedürfnisse. Doch nicht nur was der Kunde fordert wird «verlabelt», auch die ureigenen Interessen der Produzenten lassen sich durch Labels pushen – beispielsweise, dass ein Stück Holz das Land bis zum End­produkt nicht mehr verlässt.

Juni 2016: Wege zu einer ökologischen Jagd Redaktion: Sandro Krättli

Redaktion: Sandro Krättli Vorschau auf die nächsten Nummern: April 2016: Versammlungsnummer Val Müstair Redaktion: Jörg Clavadetscher Herausgegeben von Graubünden Wald, Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden und der SELVA. Verlag: © Somedia Production AG, CH-7007 Chur Sekretariat: SELVA, Urs Rutishauser, ­Bahnhofplatz 1, CH-7302 Landquart, Telefon + 41 (0) 81 300 22 44, buendnerwald @  selva-gr.ch Redaktoren: Jörg Clava­detscher, forestal-muestair @ bluewin.ch. Sandro Krättli, sandro.kraettli @ awn.gr.ch. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge in nicht verlangter Form ohne Rückfrage zu ändern. ­Herstellung: Somedia Production, CH-7007 Chur. Erscheint sechsmal jährlich. Auflage: 1700 Exemplare Inserate: Somedia Promotion, Telefon + 41 (0) 81 650 00 70, thusis@somedia.ch Abonnements­ preise: CHF 60.– (inkl. MwSt. für Mitglieder Verein Graubünden Wald) Abonnemente/Adressände­ rungen: Telefon + 41 (0) 81 255 54 54, abo @ somedia.ch, www.buendnerwald.ch Für Inseratetexte übernimmt die Redaktion keine Verantwortung, auch muss die Meinung der Beiträge nicht mit der Ansicht der Redaktoren übereinstimmen. Autoren, die zu obenstehenden Themen publizieren möchten, sind herzlich eingeladen, ihre Vorschläge der Redaktion einzureichen.

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