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Gordon Kies

IRRLEBEN Engelsdorfer Verlag Leipzig 2013







I hurt myself today to see if I still feel I focus on the pain the only thing that‘s real ‌ what have I become? my sweetest friend everyone I know goes away in the end Trent Reznor 





phone is ringing, oh my god Sie lassen von ihm ab. Neben seinem Kopf läuft das Seifenwasser in den Abfluss. Er spürt nichts, außer den kalten Fliesen auf seiner Haut. Sie lachen, auch der Wärter ist unter ihnen. Und immer wieder der Gedanke: Es gibt Falltüren, die in noch tiefere und dunklere Löcher führen. Pablos Blick verharrte für einen flüchtigen Moment auf der feuchten Wucherung an der Zimmerdecke. Schwarzer Schimmel breitete sich aus. Sanft wie Schneeflocken rieselte abblätternde Farbe zu Boden. Carla war schon vor langer Zeit der Meinung gewesen, er habe den Tiefpunkt erreicht. Nur den Zeigefinger krümmen. Kinderleicht. Mit leisem Knistern glitt die Plattennadel über die Rillen. Pablo vernahm die Worte des Sängers: This is the end. My only friend, the end. Of our elaborate plans, the end. Of everything that stands, the end. No safety or surprise, the end. I‘ll never look into your eyes...again. Er hatte viel Zeit darauf verwendet, sich für die optimale Stelle zu entscheiden. Mit dem Rücken zur Wand, durch den Mund direkt in den Kopf. Kurz überdachte er seine Worte, die er mit zittriger Hand auf ein Stück Papier geschrieben hatte. Es lag nun vor ihm auf dem Tisch und würde wohl erst gefunden werden, wenn sich sein Verwesungsprozess schon im fortgeschrittenen Stadium befände. Die Flamme der Kerze flackerte unruhig und tropfte beinahe im Sekundentakt ihr heißes Wachs auf das zerkratzte Holz. 


Einfach den Zeigefinger krümmen. Das Telefon... An der Hand, die den Revolver umklammerte, traten die Knöchel weiß hervor. … klingelte. Einfach den Zeigefinger... Das Telefon klingelte. Pablo schaute irritiert. Der Anrufbeantworter sprang an. Pablo Smith hier. Leider ist niemand zu Hause. Nach dem Piep können Sie eine Nachricht hinterlassen. Ich rufe dann zurück. Seine Stimme klang unnatürlich. Er hatte sie selten gehört in letzter Zeit. 23 Uhr. Im Black Eyes. Tragen Sie keine Sonnenbrille, aber tragen Sie eine rote Rose am Körper. Setzen Sie sich an die Bar und bestellen Sie ein Rolling Rock. Seien Sie pünktlich. Das Geld bekommen Sie wie vereinbart. Stille. Er zog den kalten Lauf der Waffe aus seinem Mund. Dabei schnitt das Metall in seinen Gaumen und er schmeckte Blut. Vor ihm tanzte Staub im hereinfallenden Licht der Straßenlaterne. Er legte den Revolver neben sich auf das Sofa. Sein Vater wäre stolz auf ihn. Er hatte sich immer gewünscht, dass er mehr Begeisterung für 


das Ding aufbrächte. Unzählige Stunden hatte Pablo hinter seinem Elternhaus verbracht, aber die Dosen wollten einfach nicht vom Zaun fallen. Gesenkter Kopf und ein langsames Kopfschütteln, so stand ihm sein Vater gegenüber. Eine häufige Pose, die er nicht zuletzt auch gegenüber Pablos Mutter einnahm, die ihrem spanischen Temperament des Öfteren in fremden Betten freien Lauf ließ. Die Jahre an ihrer Seite hatten aus seinem Vater einen fragilen und oftmals hilflos wirkenden Menschen gemacht. Zustände, die Pablo selbst nur allzu gut kannte. Pablo starrte quer durch den Raum auf das kleine, rot blinkende Zeichen aus einer Welt, die er längst abgeschrieben hatte. Er atmete aus. Pablos zittrige Finger griffen nach den Zigaretten. Er liebte den Geruch von Streichhölzern. Er hielt den Rauch lange in der Lunge und schloss die Augen. Es klingelte erneut. Pablo zuckte zusammen. Langsam erhob er sich und starrte dabei ungläubig auf das Telefon. Es war lange her, dass es so oft geklingelt hatte. Die Glut der Zigarette glimmte auf. Jedes weitere Klingeln zog ihn mehr und mehr an. Wer konnte das sein? Ihm fiel niemand ein, der in Frage kommen würde. Seine Hand verharrte über dem Hörer. Er spürte ein kurzes Gefühl der Neugier, ein leichtes Drängen, ganz so, als hinge er wie eine defekte Marionette doch noch mit einem Faden am Leben. Erneut seine unnatürliche Stimme und der Piepton. Und vergessen Sie Ihren Reisepass nicht. Pablo fühlte wieder den weichen Cordstoff des Sofas unter sich. Asche fiel auf seine Jeans. Er brauchte jetzt einen Kaffee.




Er drückte die Zigarette in den Aschenbecher, den er seit seinem einsamen Junggesellenabschied besaß. Er hatte an jenem Abend viel geraucht und noch mehr getrunken. Der Barkeeper hatte ihn voller Mitleid durch den Abend begleitet und nichts gesagt, als Pablo den Aschenbecher auf den blankpolierten Tresen auskippte, an sein Herz drückte und einfach mit nach Hause nahm. Pablo erhob sich aus der Umklammerung des Sofas und betrat die Küche. Wenn auf eine Sache verlass war, dann darauf, dass die Kaffeekanne nie leer war, selbst im Angesicht des Todes. Er griff nach der Tasse – er besaß nur eine, denn er hasste es, sich entscheiden zu müssen – und goss sich etwas von dem Kaffee ein. Zurück auf dem Sofa genoss er die Kombination aus Schwefelgeruch und dem Duft heißen, schwarzen Kaffees, der stark genug war, um sich selbst zu verteidigen. Kaffee und Tabak. Die wenigen Freuden seines Lebens. Wie beiläufig schaute er auf den Revolver und dann zum Anrufbeantworter. Das Geld bekommen sie wie vereinbart. Vergessen sie ihren Reisepass nicht. Wo war sein Reisepass? Er war erst einmal verreist. Mit seinen Eltern nach Frankreich. Das Hotel war eine Baustelle. Im Meer dümpelten benutzte Tampons und Kondome. Er hatte sich eine Fischvergiftung zugezogen. Seit über zwanzig Jahren aß er keinen Fisch mehr. Im Kindergarten hatte er Fischstäbchen an die Wand geworfen und damit den Unmut der Erzieherin auf sich gezogen. Die anderen Kinder hatten ihn hinter vorgehaltenen Händen ausgelacht, so wie sie es immer schon taten. Seine Hand legte sich auf den Revolver. Pablo war verwirrt. Der Junge drückt den Nagel langsam in das Auge der in seiner Hand zuckenden Kröte. Pablo steht etwas abseits, kann sich dessen, was er sieht, aber nicht entziehen. 10


Was machst du da? Spielen. Tut dem Frosch das nicht weh? Was für eine blöde Frage, aber du weißt doch, Kinder können grausam sein, und du solltest erst mal sehen, was passiert, wenn man eine Kröte mit einem Flammenwerfer röstet. Du hast einen Flammenwerfer? Nein, aber ein Feuerzeug und eine Spraydose. Versteh ich nicht. Ich zeig es dir irgendwann. Wie heißt du? Pablo. Ich bin Tom. Ich glaube, wir sind Nachbarn. Langsam kam Pablo wieder zu sich. Manchmal dauerte es ein paar Sekunden, selten länger als ein paar Minuten. Meistens ereilte es ihn in Stresssituationen. Carla hatte ihn dafür gehasst, besonders in Gegenwart ihrer Yuppiefreunde war es ihr enorm peinlich. Seine Augenlider senkten sich, sein Mund öffnete sich und er erstarrte zur Salzsäule. Es gab dagegen kein Mittel. Er und seine Flashbacks hatten sich arrangiert. In der Schule hatten sich seine Mitschüler über ihn lustig gemacht. Freak! In der Öffentlichkeit wurde er angestarrt. Irrer! Bei einem Vorstellungsgespräch verwiesen sie ihn des Raumes. Kranker! Seit Pablo sein empörter Fahrprüfer unter Einfluss penetrant kreischender Autohupen als Drogensüchtigen betitelt und vor der grünen Ampel, an der er parkte, aus dem Wagen geschmissen hatte, fuhr er kein Auto mehr. Bis heute erschien es Pablo wie ein Wun11


der, dass er nicht vor dem Altar erstarrte, sondern erst später in der Hochzeitsnacht. Carla... bei dem Gedanken an sie schloss sich seine Hand langsam wieder um die Waffe seines Vaters. Einfach... den Finger... krümmen. Pablo seufzte leise. Er brachte es einfach nicht fertig. Nicht einmal das. Er dachte an seinen kopfschüttelnden Vater und nahm erneut einen Schluck Kaffee. Der Rand des Bechers war blutverschmiert. Seine Zungenspitze strich über den Gaumen. Er ging ins Badezimmer und betrachtete sich im Spiegel. Seien Sie pünktlich! Die Worte des unbekannten Anrufers ließen ihn nicht los. Wie zur Bestätigung nickte er seinem Spiegelbild leicht zu, löschte das Licht und schloss hinter sich die Wohnungstür. Er hatte einen Entschluss gefasst, der Tod würde sich noch ein wenig gedulden müssen.

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Gordon Kies___Irrleben