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„Stazol schafft es, den Leser in eine unbekannte Welt zu entführen. Dazu trägt auch sein Schreibstil bei. Der gleicht einer charmanten, mit Witz versehenen Plauderei und stellt ein Gedankenexperiment des Autors dar.“ (apollo-Radio)

„Irgendwo zwischen Dekadenz und Alltag“

(litheart.de)

„Affairencharakter“ Die Fortsetzung von „Ich bin gerne Deutscher. Eine Liebeserklärung“ Erscheint: Oktober 2012 im Plöttner Verlag Umschlagabbildung: Nils Muhl


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ch bin auf dem Weg nach Luzern, allein. Der schweizerische Textilverband hat mich zu einer Modenschau eingeladen, zur „Gwand“, so heißt das, wenn man in der schweizerischen Einöde am Vierwaldstätter See, einem konservativ-katholischen Pflaster ein paar hunderttausend Franken in die kristallklare Bergluft verpulvert, in dem man zahllose Models in einem Sonderzug aus Paris herbeischafft und sie an einem Abend vor dreitausend Gästen laufen lässt, um ein wenig Mode zu zeigen. Ich sitze allein im Flieger und habe einen Smoking an und einen Nerz, weil ich erst den späten Flug geschafft habe und mich nicht mehr umziehen kann für den Empfang am Abend. Denn am Abend vorher habe ich in einem Hamburger Club mit nacktem Oberkörper getanzt, wieder einmal, natürlich als einziger. Ich soll ein Mädchen so sehr in die Wade gebissen haben, dass sie einen Bluterguss bekam, ich war wohl exzentrisch, egal. Ich trinke Champagner schon im Flieger und noch einen Weißwein im Zug von Zürich nach Luzern und springe ins Taxi und lasse mein Gepäck ins Hotel bringen und werfe mich an die Garderobe der Messehalle und werde von gnädiger, flinker Hand an meinen Platz in erster Reihe begleitet und sehe schöne Menschen in schönen Kleidern, hunderte und fühle mich wunderbar. Nach der Schau parliere ich mit der Pressechefin, „so schön, dass Sie es noch geschafft haben“ und ich denke, ja, aber wo ist der Champagner, und dann fahren wir, ein paar Jungs von der GQ,

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die Baronin der „FAZ am Sonntag“ und ich ins Casino und essen dort, und Raf Simons, der Designer, der den Preis gewonnen hat (irgendjemand gewinnt immer einen Preis), sitzt neben mir und ich parliere auf Französisch auch mit ihm. Da denke ich noch, ich bin im Paradies. Aber es ist schon die Hölle. Ich weiß es nur noch nicht. Irgendwann gehe ich dann hinunter ins Foyer, wo die Models tanzen, und ich tanze mit, und als sie mich fragen, ob ich noch mitkommen will woanders hin, zu einer Privatparty, sage ich natürlich zu. Ich fühle mich lebendig und glücklich, keine zwei Tage zuvor wollte ich mich noch umbringen – auch das schreibt sich übrigens leicht: sich umbringen. Aber man will es wirklich, man blickt auf die weißen Dachbalken in der Wohnung und schnürt einen weißen Ledergürtel darum und legt ihn sich um den Hals und ruckelt mit dem Stuhl, auf dem man steht, und irgendein Engel flüstert einem ins Ohr „das willst Du doch gar nicht“. Und dann tut man es nicht. Vorerst. Denn vielleicht kommt das Glück, dieses rauschende Glück mit Adlerschwingen wieder herbeigerauscht, und tatsächlich hier in der Schweiz, am Vierwaldstätter See ist es plötzlich wieder da: Ich tanze mit wunderschönen Mädchen und noch schöneren Jungs, ich knutsche herum und alle mögen mich (das denkt man immer) und ich denke nicht an die Pillen, die mir mein Psychiater schon längst verschrieben hat und die ich immer bei mir haben soll, und irgendwann graut der Morgen


über dem See, über dem funkelnden Neuschnee, und eine Abordnung wunderschöner Menschen bringt mich ins Hotel, direkt am Wasser, den Schweizerhof. Es ist ein Haus in reinem Belle Epoque, in Pastellfarben, Stuck und Antiquitäten gehalten, auf der Internetseite heißt es: „Es wurde 1845 erbaut und gehört zu den wenigen Hotels der Schweiz, die kunsthistorisch von nationaler Bedeutung sind. Die ursprüngliche Architektur blieb bis heute bewahrt. Die Innenräume kennen nichts Vergleichbares. Im Hotel Schweizerhof Luzern waren Kaiser und Kaiserinnen, Königinnen und Könige zu Gast, Schriftsteller und Musiker. Tolstoi schrieb hier eine Erzählung, Wagner vollendete «Tristan und Isolde» und traf sich mit Ludwig II.“ Und ich habe dort eine Suite. Das ist wichtig, weil es zum Glücksrausch gehört. Zum Glücksrausch, der bald in der Hölle endet. Die Kulisse stimmt, die Darsteller sind versammelt, das Drama, meine Herrschaften, kann seinen Lauf nehmen.

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an ist sehr höflich in Luzern. Auch um drei Uhr morgens, gerade um drei Uhr morgens, und wenn der Gast aus Deutschland zum vierten Mal an der Rezeption anklingeln lässt, weil er Matrix Revolutions auf dem Pay TV gucken will, aber die Nummernkombination irgendwie nicht checkt, kommt der Portier nach oben und macht das klar. Ich kann nicht schlafen. Um sechs Uhr bitte ich die Telefonzentrale, mir die Nummer der Neuen Züricher Zeitung raus zu suchen. Ich rufe dort an und verkünde einer völlig überforderten Telefonistin, ich hätte eine Nachricht für die Seite eins: „Der Prinz von Preußen, zur Zeit in Luzern, äußert seine tiefe Besorgnis über die Situation im Kosovo“. Das habe ich bei der deutschen Presseagentur in London gelernt, da kommen immer die Briefe des Außenministeriums, in der die Regierung ihrer Majestät „its deep concern“ ausdrückt. Der Prinz von Preußen, das bin ich.

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s erscheint mir nur schlüssig. Meine Mutter kommt aus Ostpreußen, ich bin aufgewachsen wie Prinzchen (das sagt Charles Aznavour immer zur Mutter von Oskar Mazerath in der SchlöndorffVerfilmung der „Blechtrommel“), ich liege nicht weit von Tolstois Bett und ich fühle mich prächtig. Um sieben bitte ich an der Rezeption um ein paar lange, schwarze Baumwollstrümpfe und wundere mich nicht, warum man mir sie nicht bringt. Um acht frage ich, ob die Baronin von der „FAZ am Sonntag“ schon


frühstückt, aber die ist zum Glück schon abgereist. Um neun bemerke ich, dass etwas nicht stimmt.

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ch erfrage an der Rezeption – es ist jetzt zehn, und die Sonne strahlt über dem See – die Nummer einer Ärztin. Ich rufe an, ich erkläre meine Lage, die nette Schweizerin (Gott lobe das Schweizer Gesundheitssystem!) klingt besorgt und sagt „Nehmen Sie ihre Pillen, gehen Sie spazieren und geben Sie um Gottes Willen kein Geld aus!“ Pillen? Was für Pillen? Meine letzten habe ich gestern Abend eingenommen, ich wollte ja auch nur einen Tag von Hamburg weg sein, außerdem geht es mir so gut, wie schon lange nicht.

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ch kleide mich an und gehe ins Frühstückszimmer, und siehe! Da sitzen, dank der schweizerischen Großzügigkeit des Textilverbandes, die ganzen Models und sind bester Stimmung und ich werde mit großem Hallo begrüßt und ob ich nicht noch mitkommen wolle in diese Boutique und natürlich will ich und ich buche mein Business Class Ticket um und irgendwann ist es Abend und ich habe mir einen Anzug von Gucci für tausend Franken gekauft und alle sind abgereist, bis auf die Veranstalterin, die sich rührend um mich kümmert, auch wenn sie schon sagt, dass ich ein wenig zu viel spreche. Mein Telefon klingelt. Ein Fotograf aus Genf ist dran und sagt, er hätte da ein super heißes Interview mit einem Neffen

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von Saddam und ob ich nicht mal beim Stern anrufen wolle. Ich rufe meinen Freund Hans-Herrman Klare an, den Auslandschef, es ist schon Abend, und ich avisiere eine Titelgeschichte: „Und wenn ihr die nicht wollt, dann eben die Vanity Fair in New York…“ Und Hans-Herrman fragt sich, so sagt er später, schon jetzt, ob ich nicht einen manischen Schub hätte. Aber noch klinge ich gut, nur etwas schnell eben, und außerdem muss er ein Heft machen, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Mittlerweile ist der letzte Flieger weg. Ich denke „tant pis!“ und beschließe, noch zu bleiben. Im Schweizerhof ist man hoch erfreut, natürlich sei meine Suite bereit, aber der Textilverband habe nur eine Nacht bezahlt, und ob man meine Kreditkarte, und ja, man kann.

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eider sind jetzt alle weg. Es ist spät. Ich habe den Smoking angezogen, um mit dem Stuck unten zu harmonieren. Ich sitze an der Hotelbar und Richard ruft an. Auftritt Richard! Der zweite Akt beginnt.

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b ich noch weiß, wer er sei, fragt er, und ich hätte ihm am Vorabend meine Nummer gegeben, und ob er vorbeikommen könne, und ich sage ja, und eine halbe Stunde später steht er in der Halle, die bald meine Hölle werden wird. Und sieht aus wie ein junger Gott. Was niemanden wundert, weil er „Mr. Schweiz Cola Light 2003“ war. Und er ist wirklich ziemlich nett. Und dieser Akzent! Und wir reden


und reden, halt, eher rede ich, aber er hört zu und guckt lieb und irgendwann muss er gehen und ich bringe ihn zur Tür. Ich küsse ihn auf beide Wangen, so à la français, und an der Rezeption wird gelächelt. Und ich komme zurück und der Barpianist spielt die Kinderszenen von Robert Schumann, die habe ich mir gewünscht. Was soll ich eigentlich in Hamburg? Oder in Berlin? Mein Freund verlässt mich grade, wir streiten ohnehin nur noch, und ein wenig wird mein Geld schon noch reichen. Außerdem ist da ja auch noch das Interview mit dem Neffen von Saddam. Ich gehe an den Empfang und buche das Zimmer für die ganze Woche, die Nacht zu 350 Franken. Dann gehe ich zu Bett. Ich habe Richard. Ich bin glücklich.

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m nächsten Tag wache ich auf und gehe erst mal spazieren. Wer beschreibt die Ufer des Vierwaldstätter Sees? Die Schwäne darauf, umrahmt von den Berggipfeln, die glasklare Luft, den reinen Schnee? Ich, wer sonst. Habe ich die Bentleys erwähnt? Die Ferraris, die Aston Martins, die Rolls Royces? Doch dazu später mehr. Ah, das Palace Hotel! Ich gehe hinein, werfe meinen Pelz irgendwohin und lasse mir Suiten zeigen. Eine mit Schreibtisch am See bitte. Man bedauert, die habe eine saudische Prinzessin belegt, ob man mir ein anderes Angebot machen könne, ich hinterlasse meine Nummer, die des Prinzen von Preußen. Und wer wollte einem so höflichen jungen Mann, der so solvent aussieht, in seinem Nerz

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schon widersprechen? Ich kaufe mir eine Piccolo Champagner. Ah, das Leben! Ich rufe Richard an und er kommt an den See und wir gehen spazieren, Arm in Arm und wir reden und reden, nein, ich rede und rede, und ich erzähle ihm von meinem Freund und meiner Krankheit. Ob ich nicht meine Pillen bräuchte, fragt er. Was für Pillen? Ich bin doch glücklich! Ich schlürfe die Luft und ich gucke zum Kongresszentrum von Jean Nouvel und habe eine Idee. Warum nicht eine Geschichte schreiben für die Reise beim Stern, schließlich muss ja jemand das Hotel zahlen. Richard bringt mich dahin zurück und es wartet ein Fax, das Interview mit dem Neffen von Saddam. Das faxe ich umgehend an den Stern und als der ablehnt, faxe ich es einfach an meinen Freund Dominick Dunne bei der Vanity Fair. Eigentlich läuft doch alles. Ich nehme ein spätes Frühstück und gehe zurück an den See, diesmal rechts herum, in die Stadt, die wirklich wunderschön ist. Ich mache mir Notizen. Irgendwann stehe ich vor dem Bahnhof und sehe das Schild der Notaufnahme. Kann ja nicht schaden. Ich erzähle dem diensthabenden Arzt von meiner Krankheit und dass ich nach Luzern ziehen wolle und er fragt „aber ist denn das realistisch?“ Klar ist es das. Aber meine Pillen bräuchte ich schon noch. Er gibt mir ein Rezept mit. Es wird später Nachmittag. Da habe ich eine Idee, eine brillante, wie ich finde. Was tut ein junger Mann von einigem Vermögen in der Schweiz? Er eröffnet ein Konto.


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ei der UBS will man eine Mindesteinlage von 20000 Franken. Die habe ich irgendwie gerade nicht dabei. Doch die Luzerner Kantonalsbank ist die Rettung: Natürlich, ein Konto, ein kleines, geheimes. Ja, und ich hätte da noch einen Schweizer Staatsbürger, dem ich Kontovollmacht geben möchte, einen gewissen Richard, und man ist sehr zuvorkommend, natürlich, gar kein Problem, hier seien die Unterlagen, nur noch unterschreiben müsste der Herr. Wann man denn mit ersten Einlagen rechnen könne? Bald, sage ich, bald. Und als ich Richard die Formulare vorlege am Abend in der Bar, der Pianist spielt die Kinderszenen, sagt er „Bischt du verrückt?“ und unterschreibt. Wie recht er hat mit diesem einen kurzen Satz, ich bin noch weit entfernt, das zu erkennen. Wir verabschieden uns. Ich gehe essen, 150 Schweizer Franken, unten im Hotel, Austern und irgendwas, ein Bischof setzt sich an den Nebentisch, den ich ehrerbietig grüße, ein Prinz von Preußen weiß schließlich, was sich gehört. Dass ich eine Goldkette schon vor Tagen aus ähnlichen Gründen einem Model geschenkt habe, einfach, weil der Junge lächelte, ich bemerke es erst jetzt. Ach so, und die silberne Taschenuhr von Bucherer habe ich ja auch noch gekauft… Egal, Hauptsache, das Gefühl hält an. Ich gehe irgendwann zu Bett. Die Pillen sehen irgendwie komisch aus. Oben sind es zwei grüne, dann kommen zwei größere gelbe, dann eine riesige rote. Warum soll ich die nehmen? Schlafen kann ich, wenn ich tot bin. Bühne frei für den dritten Akt!

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m nächsten Morgen terrorisiere ich das Reiseressort des Stern mit der Nachricht, ich werde ein Stück über Luzern schreiben, doch das nur nebenbei. Ich habe Größeres vor. Warum nicht eine Modegeschichte fotografieren, so à la „young swiss stylish men“, wenn der Stern sie nicht will, für die QUEST vielleicht, ich bin ja gar kein schlechter Fotograf, und mit Richard fange ich an, wann hat man schließlich schon mal den „Mr. Schweiz“ zur Verfügung? Ich brauche einen Bentley: Und wie bekommt man einen Bentley? Man ruft in Berlin an, lässt sich die adelige Pressechefin geben, erzählt ihr ein wenig, redet sie mit „Durchlaucht“ an, und zwei Stunden später geht es nur noch um die Frage, ob man das neue Coupé haben will, in Racing Green (natürlich nicht) oder die Limousine in Schwarz (natürlich), und um zwei steht ein Bentley Arnage vor der Tür samt Fahrer. Zum Glück hat Richard Zeit und coole Klamotten, ich habe mir eine Kamera geliehen, und ab dafür! Was braucht man für gute Fotos, habe ich Patrick Demarchelier mal gefragt. „Schöne Menschen, viel Luxus und gutes Material“ – nichts einfacher als das! Als wir fertig sind und der Bentley die Hotelauffahrt wieder verlässt, sieht mich das Hotelpersonal ganz anders an. Kaum zu glauben, der ohnehin kaum zu verbessernde Service wird noch besser. Ob Hoheit noch irgendwelche Wünsche hätten. Hoheit! Als Richard wieder zu seinem Job muss, schwebe ich im siebten Himmel. Dass es die siebte Vorhölle werden wird, ahnen nur die Götter.


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ch rufe meine Eltern an und sage, ich habe geheiratet. Meine Mutter fällt aus allen Wolken. Ich sage, wenn man mit einem Menschen zusammen ein Konto eröffnet, sei das schon so gut wie. Mein Vater wird die Geschichte irgendwann später erzählen und dabei die Hand vor seiner Stirn hin und her wedeln, so wie man es tut, wenn man einen Dachschaden beschreibt. Leider kann ich ihn durchs Handy nicht sehen. Wahrscheinlich sind meine Eltern da schon verzweifelt, schließlich ist es mein dritter Anruf aus der Schweiz, an einem Tag. Ich telefoniere ja auch mit New York, mit Gott und der Welt. Niemand hält mich auf, niemand sagt, das kannst du dir nicht leisten. Am Ende werde ich für 3000 Euro telefoniert haben – die zahle ich heute noch ab. Doch das ist jetzt nicht wichtig. Ich muss ja noch die Radierung von Picasso in der kleinen Galerie am Seeufer optionieren, das freundliche Angebot des Palace Hotel über 6000 Franken für eine Woche lehne ich dann doch ab. Am Abend hat Richard nur wenig Zeit, er muss zum Volleyball. Macht nichts, dann gehe ich halt aus. Zum Glück spiele ich nur ungern Roulette, und das Publikum im Casino ist mir zu alt. Dass das Publikum der einzigen Disco am Platze hauptsächlich aus gewaltbereiten Exilrussen besteht, merke ich erst, als man mich aus der mit roter Kordel abgeteilten VIP-Lounge förmlich hinaus prügelt. Und das einen Prinzen von Preußen! Als ich am nächsten Morgen anfange, amerikanische Kleinkinder zu fotografie-

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ren – es gibt einen Frühstücksempfang der „Society of Americans in Switzerland“ oder so ähnlich, ist mein einziges Pech, dass die Vorsitzende den echten Prinzen aus Berlin kennt. „Oh, he is mad“, sage ich. „No, he isn‘t“, sagt sie. Langsam merke ich, dass die Leute unfreundlicher werden. Es ist immer dasselbe: Erstaunen, Entzücken, Entsetzen. Die feine Linie zwischen Exzentrik und offener Manie wird zum Grand Canyon. Macht auch nichts, geh ich halt zum Juwelier nebenan und lasse mir Ringe vorführen. Ob ich am Abend zu einer kleinen Soirée kommen wolle. Natürlich will ich. Und Richard nehme ich mit. Und fotografiere ein wenig. Ganz spät am Abend, da ist Richard schon weg, gibt mir einer der Soirée-Kellner drei ungeöffnete Austern in die Hand, die seien noch übrig. Ich gehe mit den nassen Austern in der Hand durch die Belle-Epoque-Hotelhalle ins Restaurant und bitte den Saalchef, sie mir doch bitte an der Bar auf Eis zu servieren. „Selbstverständlich, euer Hoheit“, sagt der und es geschieht. Es ist die Apotheose.

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ch ja, die Modegeschichte, „Young stylisch Swiss“ oder so ähnlich. Das Interview mit Husseins Neffen hat Dominick Dunne inzwischen per Fax abgelehnt. Und American Express hat eine meiner drei Kreditkarten eingezogen. Mir egal. Dass Dada, eine Hamburger Freundin, meine dringende Bitte, sie möge doch den nächsten Flieger nehmen, mit „Harald, bist Du Herr Deiner Sinne?“ beant-


wortet hat, fällt da nicht weiter ins Gewicht. Meine Hotelrechnung addiert sich da schon auf über 2000 Franken. Was soll‘s? Man lebt nur einmal. Also: Models müssen her. Als ich den Art Director vom Stern telefonisch überreden will, mir ein paar zu schicken, legt der freundlich auf. Da kommt mir die Idee. Ich stürze mich ins Nachtleben und scoute selbst.

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m zwei Uhr morgens werde ich in einer Disco fündig. Zwei Uhr! Das wird später noch wichtig. Die beiden sagen zu, sie würden am nächsten Nachmittag ins Hotelfoyer kommen. Sehr gut. Und natürlich sehr hübsch. Ich fotografiere sie überall und komme dann auf die Idee, ein paar stills auf meiner Suite zu machen, mit allen beiden. Das wird später noch wichtig. Dass ich wahrscheinlich gar keinen Film drin habe vor lauter Manie, wird auch noch sehr wichtig. Dass einer der Jungen, das von mir vorbereitete Model Release (eine Erlaubnis, die Bilder zu veröffentlichen) nicht unterzeichnen kann, weil er noch keine sechzehn ist, wird zum springenden Punkt, the salient point. Ich erstarre. Ich bitte ihn, seine Eltern zu kontaktieren. Zwei Stunden später sitzen sie unten im Foyer. Ich soll ja sehr nett gewesen sein, wird es später heißen. Ich bin auch nett. So nett, dass ich der Mutter, nachdem alles geklärt ist und sie die Erlaubnis für eine Verwendung der Fotos erteilt hat, die Nummer einer Stern-Redakteurin gebe, damit sie sich über meinen untadeligen Leu-

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mund überzeugen kann. Untadelig! Das ist wichtig. Und die Tatsache, dass ich meine Pillen inzwischen beim Concierge hinterlegt habe und im Stundentakt nach ihnen verlange. Was ein Junge unter sechzehn morgens um zwei in einer Disco zu suchen hat, frage ich nicht. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Der vierte Akt naht, es ist der letzte.

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m nächsten Tag fahre ich mit einem der weißen Schiffe über den Vierwaldstätter See, als meine Mailbox sich meldet. Die Reisechefin vom Stern schreit darauf herum. Ich begreife gar nichts und rufe eine Kulturredakteurin an. Es stellt sich heraus, dass die Mutter des Jungen sich erkundigt hat, aber niemand so recht Bescheid weiß. Das einzige, was beim Stern ankommen wird, ist das Wort „minderjährig“. Was man mir in Hamburg daraufhin unterstellt, ist eigentlich justitiabel. Sogar mein sehr konservativer Vater wird später sagen, er wisse nicht, was die überhaupt wollen, an jeder Bahnhofsbuchhandlung seien die abgebildeten Models in den Hochglanzmagazinen keine vierzehn. Und dass der Chefredakteur vom Stern auch noch bei der Financial Times anruft und die mir daraufhin die Zusammenarbeit verweigert, sei nur am Rande vermerkt. Es ist mir inzwischen auch egal. Ich bin mit meinem Gewissen im Reinen. Ich schon. Zwar reise ich etwas überstürzt ab, bin aber von meiner Unschuld überzeugt. Außerdem wirken inzwischen endlich meine Pillen.


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pilog: „Es gibt in Deutschland aufgrund der nationalsozialistischen Euthanasievergangenheit“, so mein koryphäenhafter Psychiater, Dr. Ziegeler, „große Berührungsängste mit dem Thema psychischer Krankheiten“. Dass „in jedem Bus mit hundert Fahrgästen mindestens ein psychisch Kranker“ sitzt, sagt mein Therapeut. Der mich nach Hause geschickt hat, mit den Worten, er bewundere mich. Weil ich die Krankheit besiegt habe. Voller Energie, das sei eine große Leistung. Und dass ich wieder schreibe.

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ie Krankheit hat fast mein Leben zerstört. Sie hat mich sieben Jahre gekostet. Ich bin ruiniert. Ich habe Angst, Leuten zu begegnen, die mich womöglich manisch erlebt haben. Die depressiven, höllenhaften Phasen bekommt ja niemand mit, wenn man im Bett liegt, allein, und nur noch an Selbstmord denkt. Ich erzähle offen von meiner Krankheit. Ich wünsche sie meinen schlimmsten Feinden nicht. Ich kitte meine Karriere zusammen, was in diesen Zeiten nicht einfach ist. Aber: Ich habe überlebt.

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Foto: Andreas Schlieter

Harald Nicolas Stazol, geboren 1970, ist freier Autor und Journalist. Nach dem Studium der Psychologie an der Universität Hamburg folgte 1996 die Ausbildung an der „Henri-Nannen-Schule“. Er spezialisierte sich auf die Themenbereiche Kultur, Mode und Lifestyle sowie auf Gerichts- und Reisereportagen, es folgten die Stationen stern, Financial Times, merian sowie Veröffentlichungen in so ziemlich jeder Lifestyle-Publikation der Republik. Er lebt und schreibt in Hamburg.


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