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Nr. 8 | August 2013 | 48. Jahrg.

Das Ideenmagazin für den Buchhandel

„Im Praktischen ist doch kein Mensch tolerant!“

Konzepte: Wie sich eine Buchhandlung neu erfindet Seite 26 Interview: Till Tolkemitt über seine E-Book-Strategie Seite 24 Historische Romane: Die wichtigen Titel in diesem Herbst Seite 34

Special E-Content, Fachzeitschriften, Loseblatt: Der Medien-Mix macht’s 68 Seite

Special Touristik: Mit Apps Bücher verkaufen

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Fremdsprachige Literatur: Eldorado für Hispanophile in Berlin Seite 44

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Postvertriebsstück DPAG Entgelt bezahlt ZKZ G1912 BuchMarkt Verlag K. Werner GmbH · Sperberweg 4 A · 40668 Meerbusch

www.buchmarkt.de

Heft 8 | 2013

ISSN 0524-8426

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Johann Wolfgang von Goethe


Das aktuelle Interview

Kaufst Du E-Books oder Bücher? Till Tolkemitt hier im Gespräch mit einem deutlichen Bekenntnis zu der Stärke des inhabergeführten Buchhandels. Und zur Idee „E-Book inside“

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uchMarkt: Herr Tolkemitt, bis 2009 waren Sie Geschäftsführer von Zweitausendeins und dort auch für den Buchverlag verantwortlich, seitdem betreiben Sie von Berlin aus mit Gerd Haffmans den Haffmans & Tolkemitt Verlag und seit 2011 auch noch mit der Verlegerin Johanna von Rauch den Verlag Rogner & Bernhard. Alle Bücher beider Verlage werden nun nicht mehr über Zweitausendeins sondern nur noch im „normalen“ Sortimentsbuchhandel vertrieben. Till Tolkemitt: Ja, unsere Zweitausendeins-Jahre sind vorbei. Das war mal ein sensationeller Vertriebsweg, aber es hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Jetzt machen wir normalen Vertrieb, mit einer Programmvorschau für den Buchhandel, „Key-Accounting“, unsere Vertreter reisen halbjährlich, wir haben Stände auf den Buchmessen ... Lohnt sich dieser Aufwand denn für einen kleineren Verlag? Wir wissen alle, dass das Verlegen ein riskantes Geschäft ist. Wir bemühen uns sehr um ein verkaufbares, wenn auch ungewöhnlicheres Programm, und gerade zuletzt haben wir tolle Erfahrungen mit dem Buchhandel gemacht ... ... mit dem Überraschungserfolg, der Bergsteigersatire „Die Besteigung des Rum Doodle“, die jetzt schon auf der Spiegel-Liste auf Platz 23 rangiert. Und das, obwohl sie erst vor acht Wochen bei Rogner & Bernhard erschienen ist. Es ist ein Buch aus den 1950er Jahren, das in internationalen Alpinistenkreisen

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einige Berühmtheit hat, aber noch nicht auf deutsch erschienen war. Ein absolut witziges und charmantes Buch, Monty Python meets 3 Männer im Boot. Dessen Erfolg führen Sie auf den Einsatz des Buchhandels zurück. Ja, die Vertreter waren sofort begeistert, und das schwappte auf die Buchhändler über, gerade den kleinen und mittleren gefielen die Leseexemplare und sie griffen beherzt zu. Von den großen Ketten wurde das Buch zunächst gar nicht wahrgenommen. Und nur durch die Arbeit der Vertreter und des unabhängigen Buchhandels und ihrer Begeisterung schaffte es das Buch rasch in die Top 50 der SpiegelBestsellerliste, woraufhin auch die Ketten bestellt haben und wir nun gerade die vierte Auflage drucken. Heute (15.7.) ist das Buch auf Platz 23 in Deutschland – und nur auf Platz 2.700 bei Amazon! Alles nur wegen des stationären, unabhängigen Buchhändlers. Das ist ein toller Erfolg, und zeigt, wie gut der inhabergeführte Handel immer noch funktioniert! Vertreter bringen es also doch noch? Oder liebäugeln Sie auch schon mit Call-Centern oder Telefonmarketing? So einen Versuch haben wir gerade unternommen. Nachdem einer unserer Vertreter in den Ruhestand gegangen war, haben wir damit begonnen, das freigewordene Gebiet intern zu betreuen, am Telefon, per E-Mail, auch mit dem ein oder anderen Besuch. Aber Vertrieb ist ja eine Sache, wo man Zahlen messen kann. Und die sagen ziemlich eindeutig: Vertreter! Es macht übrigens auch viel Spaß, mit denen zusammenzuarbeiten – zumindest mit unseren – und wir bekommen immer viele wichtige Ratschläge von ihnen.

BuchMarkt August 2013

Zur Person Dr. Till Tolkemitt, 43, studierte Philosophie und Volkswirtschaftslehre und promovierte mit einer rechtspolitischen Arbeit über die deutsche Glücksspielindustrie. Nach Stationen in der Internet-, Beratungs- und Verlagsbranche kam er 2004 zum Versandhändler Zweitausendeins und wurde dort Nachfolger des Gründers Lutz Kroth. 2009 machte er sich als Verleger mit Haffmans & Tolkemitt selbständig. 2011 übernahm er zusätzlich den Berliner Verlag Rogner & Bernhard, dessen Geschicke weiterhin von der Verlegerin Johanna von Rauch gelenkt werden.


Für alle, die es wissen wollen.

Stammte von denen auch der Rat, in jedes Buch einen individuellen Code für den kostenlosen Download des entsprechenden E-Books zu drucken? Nein, die Idee kommt von unserem Verlagsleiter Jakob Karsten, der aus der Musikindustrie kommt, wo es diese Lösung bei Schallplatten schon lange gibt. Aber dass wir gerade die Auslieferung gewechselt haben und zu Prolit gegangen sind, das ging auf die Vertreter zurück. Und Prolit ist ein Segen! Die

Bis(s) zur Beförderung?

Bei den ersten beiden kann ich mir vorstellen, dass es die Idee der Autoren war. Ich glaube, die Kollegen verfolgen etwas die Kopf in den Sand-Taktik. Angst etwas zu verschenken, was man auch verkaufen kann, das höre ich oft. Dabei verschenken wir nichts, wir verkaufen ein besseres Produkt als früher. Früher ohne E-Book, heute mit. Der Preis aber mehr oder minder gleich. Der Kunde kauft den Inhalt eh nur einmal und uns

Wir verschenken nichts, wir verkaufen ein besseres Produkt als früher. Früher ohne E-Book, heute mit

Wissen Sie, warum Ihre großartige Idee „E-Book inside“ nicht massenweise nachgeahmt wird? Kein Buchhändler versteht, warum er gezwungen wird mit Lesern, die im Urlaub gern auch auf dem Reader lesen wollen, statt 100 Prozent Umsatz nur ca. 80 Prozent Umsatz zu machen? Was soll ich sagen, es gibt eigentlich nur positive Erfahrungen. Die Buchhändler lieben „HardcoverPlus“, so nennen wir das, weil sie nun auch E-Books verkaufen können. Und vor allem, weil der Leser mit diesem Bundle-Modell nicht von uns, von der Verlagsbranche, in eine Systemfrage gedrängt wird: Kaufst Du E-Books oder Bücher? Zweimal kaufen tut ja keiner. Die Leser lieben das natürlich auch, denn die meisten Vielleser haben einen Reader für unterwegs, aber auch ein gut gefülltes Bücherregal zuhause. Und inzwischen ist es doch so, dass die Autoren das von uns geradezu verlangen. Aber es gibt nur wenige Verlage, die Ihnen folgen. Na ja, einige schon: Rowohlt Berlin bei Sascha Lobos letztem Buch, Campus bei Julian Assanges „Cypherpunks“; auch Ullmann mit den „1000 Orten, die man gesehen haben muss“ ist ein HardcoverPlus. Aber es stimmt, viel passiert nicht.

kostet die Zugabe des E-Books ein paar Cents. Dass wir dadurch auch E-Mailadressen unserer Kunden bekommen und so einen Verteiler aufbauen, finde ich strategisch und für die Zukunft gesehen übrigens besonders interessant. Glauben Sie, dass die Branche in der E-Book-Frage nochmal umschwenkt? Ach, unsere Branche, das ist doch so: Als wir HardcoverPlus einführten, bekamen wir säckeweise Post von begeisterten Buchhändlern. Der Spiegel berichtete darüber, es gab einen Artikel in der FAZ. Und im Blatt unseres Branchenverbands, dem Börsenblatt? Eine Kurzmitteilung folgenden Inhalts (ich zitiere das aus dem Gedächtnis): „Der Verlag Haffmans & Tolkemitt verschenkt ab sofort E-Books. In jedem Buch ist seit Neuem ein Code enthalten, mit dem das EBook runtergeladen werden kann.“ Mehr nicht. Das fand ich schon erstaunlich. Aber eins bleibt doch, die Angst, dass die Codes geklaut werden, in der Buchhandlung einfach abfotografiert und dann illegal runtergeladen, oder? Passiert aber nicht. So einfach ist das. Es ist nicht ein einziges Mal passiert, dass sich bei uns ein Buchkäufer gemeldet hat und gesagt hat: Mein Code funktioniert nicht, weil er schon mal benutzt wurde. Obwohl wir auf www.hardcover-plus.de extra darauf hinweisen, sich bei uns in solchen Fällen zu melden.

Im Kopf sind Sie der Killertyp, den Finger am Abzug, aber vor dem Schreibtisch des Chefs oder im Konflikt mit den Kollegen geht Ihnen jedes Mal die Munition aus? Beim nächsten Mal wird alles anders! Denn es darf ruhig etwas mehr »aggro« sein, sagt der renommierte Aggressionsexperte und Managementtrainer Jens Weidner und räumt endlich mit dem Mythos auf, dass Aggression in der Arbeitswelt nichts zu suchen hat.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

BuchMarkt August 2013

2013. 270 Seiten. € 19,99

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Buchhändler, klein und groß, und wir, lieben die! Deutlich bessere Verkaufszahlen seitdem.

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