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buch.macher enterhak en enterhaken Kr imis aus dem Norden Krimis

Ein anonymer Brief zwingt Carsten, den Alltag zu verlassen und nach vielen Jahren auf den Darß zurückzukehren. Obwohl er dort die schönste Zeit seines Lebens verbrachte, hat er die Ostseehalbinsel seit jenem Sommer stets gemieden. Die Ausstellung in der Prerower Seemannskirche mit den Zeichnungen eines bekannten Malers ist nur der Anfang einer Kette merkwürdiger Ereignisse. Carsten muss begreifen, dass niemand der Vergangenheit ausweichen kann... Der vorliegende Kriminalroman verbindet eine spannende Geschichte mit den Reizen der wunderschönen Landschaft zwischen Ostsee und Bodden. Schwarze Windflüchter ist Lesestoff für Einheimische, Gäste und Urlauber und alle, die den Darß, Zingst und das Fischland lieben. Uwe Rieger verlebte große Teile seiner Kindheit in Prerow. Heute wohnt er in Mesekenhagen bei Greifswald. Uwe Rieger veröffentlichte bisher in Zeitschriften, Magazinen und Anthologien. 1


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Bisher in dieser Reihe: Willy-Charlotte Schwandt Nicht das Herz Der Insel-Rügen-Krimi Uli Meyke Sturmfeld oder Wolf im Schafspelz Erzählung Anthologie Tödlicher Tauchgang Kriminalerzählungen Hans-Jürgen Schumacher Die weiße Frau von Hiddensee Mystery-Krimi um einen alten Fluch 2


Uwe Rieger

Schwarze Windflüchter Der Krimi vom Darß

Fotografik vom Autor

buch.macher 3


Erweiterte und völlig überarbeitete Nachauflage.

Danke an Angelika, die mir die Zeit zum Schreiben ließ, und an Sophia für die Letztkorrektur. Und vielen Dank natürlich an Frau Lau für Unterstützung, Geduld und Verständnis.

ISBN 978-3-935039-14-7

Titelillustration: Uwe Rieger Druck: Pressel-Druck, Remshalden www.buchmacher-autorenverlag.de 4


Es ist auch überflüssig, immer mit dem Verstande alles ergründen zu wollen; es gibt Dinge, die nur dem Gefühl vorbehalten sind. Theodor Schultze-Jasmer Meine Jugend ähnelt eher einer vernebelten Landschaft, in der gelegentlich Erinnerungen wie vereinzelte Bäume auftauchen... diese Art von Bäumen, die aussehen, als wollten sie einen packen und fressen. Stephen King

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Sie trat zwei Schritte zurück und ließ den Blick ungläubig durch das Halbrund wandern. Ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an das matte Licht, das durch ein Seitenfenster in den Raum unter der Orgel einfiel. Es mussten um die dreißig Grafiken sein, vielleicht auch einige weniger. Sie vermochte sie nicht zu zählen, der Schreck war ihr viel zu sehr in die Glieder gegangen. „Das kann nicht sein“, sagte sie leise und schüttelte den Kopf. Ihre Vorahnung hatte sie also nicht getäuscht. Es war dieser Bericht über die Ausstellungseröffnung. Sie hatte die Zeitung beiseite gelegt und sich mit dem Frühstück beeilt. Dann war sie mit dem Fahrrad zur Kirche gefahren. Irgendwie wünschte sie, dass es anders wäre, aber es gab keinen Zweifel. Sie stand lange, betrachtete die Bilder und überlegte. Sie musste etwas tun. Wieder zu Hause zog sie die Schreibmaschine hinter dem Schrank hervor. Sie konnte sich nicht erin7


nern, wann sie diese zum letzten Mal benutzt hatte. Seitdem fast alle ein Telefon besaßen, sprach sie lieber mit den Leuten. Das Schreiben fiel ihr schwer. Als sie wieder einen neuen Bogen einspannte, um den Brief zum vierten Mal von vorn zu beginnen, entschied sie, ab jetzt nicht mehr auf Fehler zu achten. Egal, welchen Eindruck der Brief machte- auf den Inhalt kam es an. Die Unterschrift ließ sie weg und auch der Umschlag erhielt keinen Absender. Als sie das Blatt zusammenfaltete überlegte sie einen Moment lang, ob es nicht ratsam gewesen wäre, dabei Handschuhe zu tragen. „Nun wollen wir mal nicht übertreiben“, sagte sie schließlich und drückte die Briefmarke fest an.

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1 Es war wie früher- hinter Pruchten schaltete die Landschaft auf Breitwand um. Der Horizont zog sich auseinander und der Himmel wurde weiter. Flaches Land und das Panorama war wunderschön: linkerhand die alte Eisenbahnbrücke, dahinter der Bodstedter Bodden, rechts die wogenden Vorlandwiesen und der Barther Strom, vorn schnurgerade die Straße nach Bresewitz. Carsten nahm den Fuß vom Gas und drehte die Scheibe herunter. Der Wind zwängte sich durch den Spalt und brachte klare, nach Schilf riechende Luft mit in das Auto. Früher hatte es hier auch nach Landwirtschaft gerochen. Aber das war lange vorbei. Damals hatten die Wurzeln der Straßenbäume, die sich zu seiner Rechten wie an einer Schnur aneinander reihten, den Asphalt immer wieder hochgedrückt. Carsten glaubte sich an das trunkene Schaukeln des Überlandbusses zu erinnern, seinerzeit ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie sich endlich der Meiningen-Brücke näherten. Die Wurzeln der Alleebäume schafften es heute sicher nicht mehr, einen Bus zum Schaukeln zu bringen. Der fette schwarze Bitumenbelag war zu schwer. Die Baumreihe hatte sich über die Jahre erheblich gelichtet. Die Zeit hatte große Lücken in die 10


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Allee gerissen, die dem steten Westwind ohnehin keinen ernstzunehmenden Widerstand entgegensetzen konnte. Die Bäume mussten dem Druck nachgegeben und sich mit ihren Kronen um des eigenen Überlebens willen anpassen. Nicht alle hatten dies überstanden. Carsten sah in den Rückspiegel. Hinter ihm drängelte einer. Es war ein weißer Wagen, so ein Mittelding aus Kombi und Transporter. Carsten ließ sich von der Ungeduld des anderen nicht beeindrucken und schaute zur alten Eisenbahnbrücke hinüber. Früher war dort eine lange Reihe stillgelegter Reichsbahnwagen abgestellt. Auf diese Weise war das tote Gleis, das ein paar hundert Meter weiter an der Meiningen-Brücke endete, wenigstens sinnvoll genutzt worden. Das Auto hinter ihm fuhr immer dichter auf. „Nun überhol doch schon“, murmelte Carsten. Dort vorn, am Ende der Gerade lag Bresewitz, der letzte Ort auf dem Festland. Am Ortseingang war bereits die scharfe Linkskurve zu erkennen, hinter der sich die Meiningen-Brücke befand. Das Auto schob und drängelte weiter. Carsten sah auf seinen Tacho. Er fuhr nicht ganz 80. Sicher, etwas schneller könnte er schon sein, aber wegen des Dränglers wollte er es nicht. Jetzt blinkte Wagen links und scherte endlich aus. Carsten sah nach vorn. Das Überholen erschien ihm an dieser Stelle recht gewagt, immerhin war der 12


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Ortseingang von Bresewitz bereits zu erkennen und von vorn kam auch etwas. Carsten gab trotzig Gas. Der andere Wagen setzte sein Manöver unbeeindruckt fort. Als beide Autos auf gleicher Höhe waren, sah Carsten zum Fahrer hinüber. Der saß nach vorn gebeugt, hielt das Lenkrad mit beiden Händen und schimpfte wie ein Rohrspatz. Der Beifahrer starrte auf die Straße. „Das wird knapp, nicht wahr?“, setzte Carsten sein Selbstgespräch fort. Er konnte jetzt deutlich erkennen, dass von vorn etwas kam. Der Fahrer im Auto neben ihm machte allerdings keine Anstalten, das Tempo zu verringern. „Das wird knapp!“, wiederholte Carsten, trat noch einmal richtig durch und nahm dann aber doch den Fuß vom Gaspedal. Der andere konnte sich gerade noch rechtzeitig vor ihm einordnen. Vom Entgegenkommenden gab es aufgeregte Zeichen mit der Lichthupe. Der Fahrer im Auto vor ihm gestikulierte. Sie hatten bereits Bresewitz erreicht und mussten bremsen, um die Linkskurve überhaupt zu schaffen. Nur wenige Meter dahinter war bereits das Ende einer Schlange aus wartenden Fahrzeugen zu erkennen. Brückenöffnungszeit. Jetzt anhalten? Carsten zog ein mulmiges Gefühl durch den Magen. Er ärgerte sich über sein blödsinniges Verhalten. Warum hatte er so überreagiert? 14


Was war mit ihm los? Carsten ließ seinen Wagen langsam heranrollen, stellte den Motor ab und klappte die Sonnenblende herunter. Aus den Augenwinkeln beobachtete er das Auto vor ihm. Der andere Fahrer musterte ihn durch den Rückspiegel. Ihre Blicke trafen sich. Kurz darauf stieg der Mann aus. Carsten begann sich für sein idiotisches Verhalten zu hassen. Der Typ macht Probleme, hämmerte es in seinem Kopf. Der andere Mann war Carsten äußerlich ähnlich: Anfang Vierzig, etwas dünnes, dunkelblondes Haar und ganz offenbar hatte auch er ein paar Kilos zu viel drauf. Der Mann trug eine dunkle Stoffhose und ein Oberhemd mit Schlips, er schien dienstlich unterwegs zu sein. Jetzt öffnete sich die Beifahrertür. Der Mitfahrer war kräftiger. Er trug seine Haare länger und hatte sie hinter die Ohren geschoben. Sein Schlips stammte aus einem der Geschäfte eines bekannten Kaffeerösters. Carsten wusste es genau, denn er besaß selbst so ein Exemplar. Seine Frau hatte es ihm im letzten Jahr zu Weihnachten geschenkt. Der Fahrer ging um das Auto herum. Carsten überlegte, ob er sein Auto von innen verriegeln sollte. Der andere Mann musterte ihn kurz durch die Windschutzscheibe, dann wandte er sich wieder 15


seinem eigenem Auto zu und öffnete den Kofferraum. Er kramte ein wenig darin herum und zündete sich schließlich eine Zigarette an. Beide Männer rauchten, sie lehnten sich an das Auto, sahen auf das Wasser hinaus und unterhielten sich. Hin und wieder schaute einer von beiden herüber. Carsten atmete auf. Verlegen drehte er am Radio herum. Glück gehabt, die Typen schienen nicht auf Streit aus zu sein. Etwas weiter vorn konnte Carsten die Ampel an der Auffahrt zur Meiningen-Brücke sehen. Erinnerungen an seine Kindheit kehrten zurück. Wie oft hatte er ungeduldig in einem Überlandbus gesessen, der an dieser Stelle halten musste? Damals gab es diese zweite Brücke noch nicht, der Verkehr lief einspurig und oft genug mussten erst die Fahrzeuge aus der Gegenrichtung abgewartet werden. Später wurde eine Ampel aufgestellt und es brauchte ausschließlich Geduld, um auf den Darß zu gelangen. Carsten wusste noch zu gut, wie sie hier im Dunkeln gestanden hatten und das Licht der Ampel den Innenraum des Busses dunkelrot einfärbte. Sehnsüchtig hatte er das Grün herbeigewünscht, damit endlich der Weg zum für ihn schönsten Ort auf dieser Welt frei wurde... Diesseits der Brücke tauchten die ersten Segel auf. Das war ein gutes Zeichen, jetzt würde es bald vorwärts gehen. Er beobachtete die weißen Leinen16


dreiecke, wie sie langsam und geräuschlos durch den Schilfgürtel zogen und sich ihren Weg in den Barther Bodden suchten. Carsten entdeckte das Handy auf dem Beifahrersitz. Es gehörte seiner Frau. Sie hatte es ihm mitgegeben, damit er sie zu Hause anrufen konnte. Und sie wartete bestimmt schon auf den Anruf. Draußen ließen die ganz Ungeduldigen bereits die Motore an. Auch die Männer aus dem Wagen vor ihm waren bereits eingestiegen. Carsten drehte das kleine Telefon unschlüssig in der Hand. Plötzlich ertönte lautes Hupen. Carsten wurde aus seinen Gedanken gerissen. Er hatte Anschluss verpasst. Der Wagen vor ihm war bereits in Richtung Brücke unterwegs. Er warf das Handy auf den Beifahrersitz, startete, löste die Handbremse und bemühte sich, die Lücke nicht noch größer werden zu lassen. Diejenigen Autos, die in Richtung Darß fuhren, konnten die alte Meiningen-Brücke benutzen. Für die Gegenrichtung gab es eine Art Behelfsbrücke, die aber über die Jahre zu einer festen Einrichtung geworden war. Als Kind hatte er immer auf das Schlagen der schweren Holzbohlen unter den Rädern des Linienbusses geachtet. Heute war die Brücke selbstverständlich asphaltiert, die Stöße zwischen den Abschnitten gaben der Überfahrt ihren eigenen 17


Rhythmus. Viel früher war die Meiningen-Brücke eine kombinierte Eisenbahn- und Autobrücke gewesen. Die Schienen hatten in ihrer Mitte gelegen. Sie führten damals bis nach Prerow. Hinter der Brücke machte die Straße einen Rechtsknick. Geradeaus, auf dem alten Bahndamm, war jetzt ein Radweg. Die Boddenluft war feucht, aber noch ohne den typischen Salzgeschmack der Ostsee. Carsten atmete tief durch. Wie lange war er nicht mehr hier gewesen? Waren es wirklich mehr als zehn Jahre? Unglaublich, dass er bald ein Viertel seines Lebens keinen Fuß mehr auf das Land gesetzt hatte, das ihm früher so viel bedeutete. Er sah aus dem Fenster. Rechterhand zweigte die Straße in Richtung Zingst ab. Früher ging der gesamte Verkehr durch den Ort. Damals gab es mindestens drei Haltestellen, der Bus wurde zwar schön leer, aber die Leute brauchten zum Aussteigen so unsäglich lange. Er hätte auch jetzt - nach mehr als dreißig Jahren- fast jedes Haus entlang der Zingster Ortsdurchfahrt beschreiben können. Heute aber konnte er Zingst rechts liegen lassen und auf der Hauptstraße bleiben, die am Rande eines großen, dichten Waldstücks verlief. „Im Freesenbruch war nach dem Krieg der Werwolf drin“, hatte ihm sein Großvater einmal mit 18


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geheimnisvollem Unterton erklärt. Ob es wirklich stimmte, wusste er bis heute nicht. Aber welcher Enkel kam schon auf die Idee, die Worte seines Großvaters anzuzweifeln? Das Auto vorn wurde langsamer. Carsten versuchte den Grund herauszufinden, aber als er leicht ausschwenkte, zog auch der Wagen vor ihm nach links hinüber. Als er wieder auf seine Seite der Fahrbahn hinüberfuhr, tat es ihm der andere nach, verringerte aber dabei weiter die Geschwindigkeit. Carsten war irritiert und sah in den Rückspiegel. Auf einen Schlag kehrte der dumpfe Schmerz in der Magengegend wieder zurück. Hinter ihm war niemand! Das bedeutete, dass er mit den beiden Typen ganz allein war! Vergeblich versuchte er, das Gesicht des anderen Fahrers zu erkennen. Das Auto vor ihm war wie eine dunkle, unüberwindbare Wand. Und es wurde immer langsamer. Carsten überlegte, ob er besser in der Einfahrt zu einem der nächsten Waldwege rechterhand halten sollte. Der Wagen vor ihm fuhr Schrittgeschwindigkeit, nur noch wenige Meter und es würde zum Stehen kommen. Carsten fluchte. Er spürte, wie sich seine Hände um das Lenkrad krampften. Gegen die beiden Männer hätte er überhaupt keine Chance. Er musste etwas tun. Anhalten ging nicht, also 20


trat er aufs Gaspedal. Doch das Überholmanöver misslang. Als er versuchte, seinen Wagen unvermittelt nach links herüberzuziehen und mit großer Geschwindigkeit an dem anderen vorbeizufahren, beschleunigte der fremde Wagen ebenfalls und blockierte gleichzeitig die linke Fahrspur. Carsten gab weiter Gas, beide Autos trennte vielleicht noch ein halber Meter. Jetzt fuhren sie schon weit über der Mittellinie. Irgendwo ertönte ein langgezogenes Hupen und urplötzlich schwenkte das Auto vor ihm wieder nach rechts. Carsten hatte freie Sicht und sah sich plötzlich einem entgegenkommenden LKW gegenüber. Dieser hupte ohne Unterbrechung. Nach einer endlosen Schrecksekunde riss Carsten das Lenkrad herum und brachte den Wagen von der Gegenfahrbahn. Der LKW donnerte an ihm vorbei. „Verdammte Idioten!“, schrie er. Das Auto vor ihm machte jetzt richtig Tempo. Hinter der Kurve kam ein Abzweig, hier war noch einmal die Möglichkeit, in Richtung Zingst abzubiegen und sozusagen von „oben“ in das Dorf zu gelangen. Das Auto blinkte rechts und verschwand.

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